Soldaten, welche des Nachts auf den Wällen einer Festung Schildwacht standen, wurden »mondblind.« Dies ist so viel ich weiß der wissenschaftliche Ausdruck für das Leiden, Mondblindheit, Nyctalopia und die vorzüglichste Erscheinung mit welcher es, nach der Aussage eines deutschen Arztes in Valparaiso, auftritt, ist eine mehr oder weniger verbreitete Geschwulst in der Augengegend, und die Eigenthümlichkeit, daß des Nachts vollständige Blindheit eintritt, sei nun Mondlicht oder Feuerbeleuchtung. Jener mir befreundete Arzt hatte als Oberarzt eine Abtheilung chilenischer Truppen über die Cordilleren begleitet und es fanden dort natürlich längere Zeit hindurch nächtliche Bivouaks im Mondscheine statt. Die Hälfte jener Soldaten wurden mit Mondblindheit befallen, und es dauerte einige Monate bis die Erkrankten vollständig geheilt waren.

Ich weiß nicht, ob der keusche unschuldige Mond wirklich die Schuld an dem Uebel trägt, ob es nicht vielleicht die rasche Abkühlung nach einem anstrengenden und erhitzenden Tagmarsche hervorgebracht hat, oder ob nicht andere klimatische, vielleicht nicht beachtete Einflüsse dasselbe hervorgerufen haben. So viel steht indessen fest, daß man dem Liegen im Mondschein alle Schuld aufbürdet, und daß eine leichte Verhüllung des Gesichtes dagegen schützen soll.

Es verdient noch bemerkt zu werden, daß unter den Seeleuten der Glaube herrscht, daß Fleisch geschlachteter Thiere, besonders aber das von Fischen, dem Scheine des Vollmondes ausgesetzt, leichter in Fäulniß übergehe als anderes, ja daß solches Fleisch beim Genusse selbst schädliche Eigenschaften habe. Es liegt eine eigene Mystik in diesem Glauben, der zusammenzuhängen scheint mit mancherlei Erfahrungen über die Einflüsse des Mondes, welche man von andern Seiten her gewonnen haben will. Indessen bedecken die Seeleute sorgfältig frisches Fleisch, was des Nachts über auf Deck bleiben soll und ich muß gestehen, daß ich eines Nachts sehr überrascht war, ein vollständig angekleidetes Schwein an der Schanzverkleidung stehen zu sehen, welches mit einem leichten Anstriche von Melancholie den Hauptmast zu betrachten schien. Die Sache klärte sich einfach dadurch auf, daß man das bei Tage geschlachtete Thier auf Deck gehängt, aber des Mondscheins halber mit alten Kleidern behangen und mit einem Hute bedeckt hatte. – Dem sei aber nun wie ihm wolle, sei die Sache ganz eine Fabel, oder sei sie halbe oder ganze Wahrheit, – so viel steht fest, daß ich nicht die geringste Anwandlung irgend eines Unwohlseins erfuhr, obgleich ich, während wir die Wendekreise durchschifften mit wenig Ausnahmen fast immer unter freiem Himmel und den Mondesstrahlen ausgesetzt schlief. Nicht selten brachten auch noch einige andere Passagiere die Nacht auf Deck zu, aber auch bei diesen zeigte sich Nichts dem Uebel ähnliches.

Aber ich habe an jene Nächte eine freudige dankbare Erinnerung bewahrt, die mich nicht verlassen hat in manchem Sturme der See und des Landes.

Wie oft habe ich dort jener lieben Herzen in der Heimath gedacht, von welchen ich sicher wußte, daß sie für mich schlugen, und deren Zahl ich nicht nennen will, weil Beispiel, Namen und Zahlen gehässig sind. Doch die feierliche Ruhe jener Nächte beschwichtigte den Kummer und die Sehnsucht. Die See, scharf abgegränzt bei Tage und scheinbar nur in mäßigen Dimensionen dem Auge erreichbar, erhält dort das Gepräge von Unermeßlichkeit durch jene fabelhaften Wolkengebilde, die vom Monde beleuchtet, die Gränze zwischen Himmel und Wasser verhüllen. Aber diese irdische Unendlichkeit, sie verschwindet, wenn sich der Blick zu den Gestirnen wendet, und weicht dem Gedanken an eine Ewigkeit, an eine Schöpfung ohne Anfang, ohne Ende, eine unumstößliche Wahrheit, eine unbegreifliche, und deshalb fast eine grauenhafte.

Oft habe ich in solchen Nächten jener ersten Blicke gedacht, wo ich als Knabe den Sternenhimmel betrachtet und wo ich nicht mehr recht die Erzählung meiner Wärterin glaubte, daß die Sternlein lauter Löchlein seien, durch welche der liebe Gott erlaube einen Theil seiner Herrlichkeit im Himmel zu erblicken, wohl auch herabblicke auf artige Kinder und sich freue über sie.

Später erfährt man freilich, daß der liebe Gott eine Constitution bekommen hat, daß alles nach Gesetz und Maaß gehen muß, und jene Bücher-Lehren oder wenigstens der Glaube daran nicht mehr zulässig und statthaft sei.

Ich mag den Freunden nicht bergen, daß ich dort zuweilen ein rechtes großes Kind gewesen und wohl bisweilen gewünscht, zu glauben wie ein kleines.

Während aber so in der Stille jener Nächte der Blick bald über das Wasser schweift und den Streiflichtern des Mondes folgt oder in den fernen Wolken mannichfache Gebilde zu erkennen glaubt, bald in der Tiefe des Himmels sich verliert und sich Spekulationen so verschiedener Art hingiebt, beginnen wir allmählig auf das Murmeln der neben uns vorüberziehenden Wellen unwillkürlich zu lauschen. Sie flüstern uns bisweilen seltsame Dinge zu diese Wellen, Dinge, die man nicht wieder erzählen kann und will, aber sie flüstern uns in den Schlummer.

Es ist Zeit, daß ich wieder einmal eines Datums erwähne, irgend etwas Wichtiges erzähle, was vorgefallen am Bord, ein Ereigniß melde. So will ich denn mittheilen, daß am 25. Mai (unter 22° 22' westlicher Länge und 4° 58' nördl. Breite) während einer Windstille ein Hai gefangen wurde. Dieses kann aber der vollkommensten Wahrheit gemäß an Bord, und besonders an Bord eines Passagier-Schiffes ein Ereigniß genannt werden. Ich hatte die Nacht auf Deck geschlafen, war aber gegen Morgen vom Regen vertrieben in meine Koje gegangen, als plötzlich gegen 5 Uhr ein furchtbarer Lärm auf Deck entstand. Der Ruf: ein Hai! der Alles übertönte, ließ auch mich so schnell als möglich auf Deck eilen, woselbst man eben beschäftigt war, jene »Hyäne des Meeres« an Bord zu ziehen. Man hatte schon seit einigen Tagen eine Angel ausgeworfen, welche unweit des Steuers befestigt, nachschleifte, aber obgleich schon mehrere jener Gäste den Köder, ein Stück Speck, umspielt, hatte doch erst am erwähnten Morgen einer derselben ernstlich angebissen. Das gefangene Thier war 7 Fuß lang und von beträchtlicher Stärke. Es ist übrigens keine ganz gefahrlose Sache, jene Ungethüme, welche natürlich an der Angel sich rasend geberden, an Bord zu bringen, und man muß sich wohl hüten in den Bereich des Rachens oder des Schweifes zu kommen. In letzterem entwickeln sie eine furchtbare Stärke und man versichert, daß unvorsichtig sich Nahenden öfters Arme und Beine zerschlagen worden seien. Der starke, 9 Zoll bis 1 Fuß große Angelhaken hängt an einer etliche Fuß langen Kette und diese an einem Taue. Sobald nun der Fisch auf Deck gezogen ist, wird durch einige Männer das Tau rasch um einen irgendwo befindlichen festen Gegenstand, etwa einen Kabelnagel geschlungen, so daß die Angel mit dem Kopfe des Thieres fixirt ist. Einer der Matrosen nähert sich dann behende dem wüthend um sich schlagenden Hai, und schlägt ihm mittelst eines breiten Beiles rasch den Schweif ab. Gewöhnlich wird hierauf auch der Kopf mit der Axt abgeschlagen, würde man aber dies zuerst thun, so würde der nicht mehr festgehaltene Körper arge Verwüstungen auf dem Decke anzurichten im Stande sein, da er, auch kopflos, noch lange Kraft und Bewegung besitzt.

Vom Körper des Hai nimmt man gewöhnlich die beiden Kiefer und das Rückgrat, welches die Matrosen trocknen und als »Rarität« zu Hause verkaufen. Alles übrige wird in See geworfen. Ich erinnerte mich in Chamisso's Reise um die Welt gelesen zu haben, daß der Hai von den russischen Seeleuten ohne Anstand gegessen wird. Auf mein Zureden gingen einige Passagiere mit mir zum Kapitain um ihn um den Hai zu bitten, d. h. um die Erlaubniß, daß der Koch ihn für uns bereiten dürfe. Wir erhielten zur Antwort, das sei gewiß unser Ernst nicht und überhaupt auf keinem Schiffe gebräuchlich. Ein Thier, was unsere Kameraden frißt, essen wir nicht, sagte mit einer gewissen Würde der Obersteuermann.

Vergebens wendete ich ernsthaft ein, es gebe keine bessere Revanche, als Jemanden, der die Gewohnheit habe, unsere Freunde zu speisen, wieder zu essen. Mit genauer Noth erhielt ich soviel, daß gestattet wurde, den mit einem Stücke des Halses abgehauenen Kopf vom Koche sieden zu lassen. Sollte uns die eklige Speise munden, so sei uns das übrige vergönnt. Die Speise mundete uns aber ganz ausgezeichnet und nur wer längere Zeit fast einzig auf Salzfleisch angewiesen war, weiß den Genuß frischen Fleisches gehörig zu schätzen. Als wir aber uns auf Deck nach dem Uebrigen des Fisches umsahen, war Alles längst von den Matrosen über Bord gebündelt worden.

Ich habe den Kopf jenes Haies skeletisirt und mit zurück nach Europa gebracht. Er befindet sich gegenwärtig im Besitze eines geehrten Freundes, welchem ich durch diese Zeilen freundlichsten Gruß zu bringen mir erlaube, wenn anders sein streng wissenschaftlicher Sinn es über sich gewinnen kann, diese nicht sehr wissenschaftlichen Fragmente zu durchblättern.

Schon am 21. Mai, unter 8° Breite, beobachtete ich das erste Zodiakallicht. Merkwürdig ist, daß diese Erscheinung, welche auffallend genug ist, um von jedem Unbefangenen bemerkt zu werden, erst spät, Mitte des 17. Jahrhunderts beobachtet worden ist. Auch unsere Schiffsmannschaft beachtete das Zodiakallicht nur wenig, oder ignorirte dasselbe; aus welchem Grunde kann ich mir indeß nicht erklären. Diese Leute besitzen ein scharfes Auge, dem der geringste Punkt auf der Fläche der See nicht entgeht, und von welchem eine kleine von uns kaum beachtete Wolke entdeckt und mit Interesse behandelt wird: und sie sollten jenes Phänomen nicht bemerken, welches so augenfällig ist?

Indem ich aber hier der chronologischen Ordnung vorgreife und des in Chile beobachteten Zodiakallichtes erwähne, muß ich bemerken, daß ich bei den chilenischen Dienern, welche mich auf die Cordillera begleiteten, dieselbe Unempfindlichkeit gefunden habe. Dort, und besonders auf der Cordillera, tritt die Erscheinung glänzender auf, als ich sie irgendwo gesehen habe, klar, leuchtend, so daß nur die Sterne erster Größe durch sie hindurch zu bemerken sind. Als ich aber jene Chilenen fragte, was denn jener Lichtschimmer eigentlich sei, was sie davon hielten, bekam ich zur Antwort: el es nada, und die deutschen Seeleute sagten mir, »das ist Nichts, das ist ein Schein, sonst Nichts.«

Die Chilenen aber besitzen im Uebrigen einen lebhaften Sinn für die Schönheiten der Natur, welchem sicher eine poetische Anschauung nicht fehlt. Das Resultat dieser Untersuchungen ist aber, daß gewisse Leute auf das Zodiakallicht nicht reagiren.

Das Zodiakallicht ist eine leuchtende Pyramide, welche etwa eine Stunde nach Untergang der Sonne bei eingebrochener Dunkelheit an der Stelle, wo die Sonne verschwunden, sichtbar wird. Die Basis, scheinbar etwa 30 Grade betragend, wird von den beiden andern Seiten an Länge übertroffen. Indessen muß ich das soeben Ausgesprochene dahin abändern, daß nicht direkt an der Stelle, wo die Sonne verschwunden, sondern einige Grade nach Norden hin die Erscheinung sichtbar wird. Sie folgt also dem Stande der unter den Horizont gesunkenen Sonne, sie scheint von der letztern bedingt zu werden. Das Zodiakallicht hat den Ausdruck einer kosmischen Erscheinung, es hat deren geheimnißvolle Ruhe.

Oft und lange des Nachts im Freien, habe ich in Süddeutschland nie ein Zodiakallicht beobachten können, und alle Wahrnehmungen, welche man hier und da auf dasselbe bezogen, erwiesen sich als einer andern Ursache angehörig; es dürfte mithin als eine, für unsere Breitegrade höchst seltene Erscheinung betrachtet werden.

Ich habe wohl später Gelegenheit auf diesen Gegenstand zurückzukommen.

Am 26. Mai wurden wir ein Segel gewahr, welches bald als ein Bremer erkannt wurde. Man signalisirte, der Landsmann näherte sich uns und da eben ruhige See war, wurde Back gelegt und der Kapitain des befreundeten Schiffes kam zu Boot an unser Bord. Er hatte die Westküste Amerikas besucht, war in Kalifornien gewesen und wußte viel zu berichten von dort und den Fahrnissen bei Cap Horn. Alles Dinge, die wir bald bestehen sollten. Er hatte Passagiere nach Kalifornien gebracht, welche sich fast sämmtlich bei Kap Horn die Finger erfroren hatten. Angenehme Zukunft das, welche uns in Aussicht gestellt wurde, und nicht ermangelte manche trübe Miene zu bewirken! Bei Kap Horn hatte er einen Matrosen verloren. Der Unglückliche war in die See gestürzt und konnte nicht mehr aufgefischt werden, ob er gleich, ein guter Schwimmer, dem Schiffe eine Stunde lang folgte. Es ist schon schwierig einen in See Gefallenen wieder zu bekommen, selbst wenn die See nicht eben sehr hoch geht; bei den stets stürmischen Wogen unweit Kap Horn und in jener Gegend überhaupt, erscheint es geradezu als Unmöglichkeit. Während der Anwesenheit jenes Kapitains an Bord wurden Briefe geschrieben in die Heimath und demselben mitgegeben. Ich schrieb nicht, indem ich von Rio Janeiro als eine größere, bereits begonnene Epistel zu senden beabsichtigte. Nachdem wir dem Kapitain einige Victualien gegeben, welche wir bald in Rio zu erneuern hoffen durften, kehrte er auf sein Schiff zurück, und kam bald außer Sicht.

Ich kann nicht umhin bei dieser Gelegenheit auf eine eigenthümliche psychologische Erscheinung aufmerksam zu machen, welche sich bei vielen der Reisegefährten, bei allen, welche ich befragte und auch bei mir selbst zeigte.

Es war dies ein unangenehmes Gefühl, welches mehr oder weniger bei Allen auftrat, die theure Erinnerungen an die Heimath bewahrten und welches sich unklar auf die Heimath und jene Lieben bezog. Es war nicht das peinliche Gefühl der Unentschlossenheit, ob man etwa umkehren und mit jenem Schiffe wieder nach Hause wolle, was endlich hätte geschehen können. Es war nicht einfache Erinnerung an das Vaterland, welche wohl der Bremer Flagge nicht bedurfte, um erweckt, aufrecht gehalten zu werden. Es war ein unklares Gefühl, welches eben deshalb schwer zu beschreiben, kaum zu analysiren ist.

Die Trauer um einen geliebten Todten wird milder, ruhiger, wenn er der Erde übergeben ist, und das zwar in der Stunde, wo solches geschehen; ein bekanntes Gefühl, ein deshalb aber dennoch sicher nicht hinlänglich erklärtes. Es ist nicht gleich mit dem erwähnten, aber hat Aehnlichkeit mit demselben.

Mag man aber nicht glauben, daß solche wehmüthige Regungen lange gedauert, denn bald hatte das leichtsinnige Völkchen der Reform vergessen, was es bewegt hatte und trotz der Einförmigkeit, welche an Bord herrschte, suchte man sich zu erheitern, wo es halbweg anging. Hier unter den Tropen war es möglich auf Deck zu sein, und so wurden denn häufig die Matrazzen hinaufgeschafft und man ruhte eine Stunde lang auf der rechten Seite liegend aus von den Beschwerden, welche man eine Stunde vorher erduldet hatte. Dort war man auf der linken gelegen. Die Passagiere des Zwischendeckes hatten in diesem Betrachte gemüthlichere Winkel zur Disposition als wir. Das große Boot, mitten auf Deck, in dem ihnen zuständigen Bereiche aufgehängt, erlaubte mancherlei Lager und Plätzchen sich einzurichten, welche vielfach benützt wurden. So hatte der oben erwähnte Franzose sich ein artiges Zelt improvisirt, in welchem er, gehüllt in den Burnus eines von ihm getödteten Beduinen, selbst beduinenähnlich, die Abende und Nächte zubrachte. Hier und da wurde Schafskopf gespielt, oder das edle Sechs und sechszig. Auch ich habe dieses Spiel erlernt und lange Zeit des Abends sowohl auf der Reform, als wie auch später auf dem Dockenhuden gespielt, und das genau eben so schlecht wie ich mein ganzes Leben lang alle andern Kartenspiele gespielt habe.

Auch dem, der am Lande sich wenig aus den Freuden der Tafel macht, wird auf See die Essenszeit bedeutungsvoll. Wer gesund, das heißt nicht seekrank ist, pflegt an Bord meist Hunger zu haben. Aber sehr oft pflegt dieser Hunger ihm auch nach Tische ein unwillkommener Begleiter zu bleiben, wenn er sich der Seemannskost nicht bald befreundet. Ich spreche hier von der Reform und von den meisten Passagier-Schiffen. Auf dem Dockenhuden, mit welchem ich die Rückreise machte, war zwar auch Seemannskost, aber gut, und das Möglichste gethan für die Umstände. Auf Kriegsschiffen ist die Tafel des Kapitains meist eine ausgewählte zu nennen.

Wir auf der Reform bekamen des Morgens etwa um 7 Uhr Kaffee, ohne Milch; dies war natürlich, denn für die 70 Passagiere hätte man einer halben Schweizerei an Bord bedurft; aber auch ohne Brod, ohne Butter und was das Uebelste war, ohne Saft und Kraft, eine wahre Parodie auf den ächten, edlen, braunen Trank der Levante. Hinfällig und dünn, so schwach, daß der Unglückliche eben noch im Stande war, den unförmlichen Blechtopf zu verlassen, in welchem er uns vorgesetzt wurde. Da die meisten der jungen Leute in der Kajüte gewohnt waren ein etwas consistentes Frühstück zu sich zu nehmen, waren sie natürlich nicht sehr erbaut von jener dünnlichen Flüssigkeit. Ich habe oben gesagt, daß die Essenszeit bedeutungsvoll sei auf dem Meere, jene Kaffeestunde aber war leider ziemlich bedeutungslos.

Ich für meine Person habe indessen das erwähnte Getränke verschluckt, ohne zu murren, einestheils, weil ich wußte, daß Murren nicht half, und ferner, weil ich seit langer Zeit gewohnt war, des Morgens nichts zu genießen als schwarzen Kaffee, ohne alle Zuthat, wenn gleich etwas besser als der reformische. Zur Entschuldigung des See-Kaffees aber, der überhaupt auf den meisten Schiffen nicht von besonderer Stärke ist, muß bemerkt werden, daß man, was an Qualität abgeht, durch die Quantität zu ersetzen sucht. Es ist mit dem Thee der des Abends gereicht wird, derselbe Fall, und eine alte Gewohnheit auf Schiffen. Leider ist das Wasser meist verdorben und übelriechend, so daß der Seemann nur selten solches für sich unvermischt genießt, aber die für den Organismus nöthige Menge Wasser im verdünnten Kaffee und Thee einnimmt. Der schlechte Geschmack des Wassers wird durch jene Beimengungen einigermaßen verdeckt.

Dem Mittagsmahle will ich eine verhältnißmäßig kürzere Zeit widmen, als dem Morgenbrode, und in der That ist die Speisekarte auch rasch entworfen. Abwechselnd Linsen- oder Erbsensuppe, einmal in der Woche Fruchtsuppe, nicht süß nicht sauer, eine schauderhafte Erfindung, bestehend aus Wasser, mit welchem man einige getrocknete Kirschen oder Preiselbeeren abgebrüht hatte. Es hatte sich an Bord ein unbestimmtes Gerücht verbreitet, als seien hier und da einige Rosinen in jenem Wasser gefunden worden, aber dieses Gerücht wurde durch wirkliche Augenzeugen nie zur Thatsache erhoben. Der Suppe folgte entweder Salzfleisch und Kartoffel, an einem Tage der Woche gesalzener Speck mit Sauerkohl. Dies letztere Gericht war das genießbarste.

Des Nachmittags wurde Kaffee gereicht, analog dem Morgentranke. Des Abends: Thee, oder ein Schnittchen Käse, oder endlich eine »Lapscaos« genannte Speise, – ich weiß nicht wie das Wort geschrieben wird. – Es ist der Abhub des Mittagstisches, der, gemengt und unter einander gequetscht, des Abends aufgetragen wird. Gesalzene Butter und wirklich guter Senf waren indessen reichlich vorhanden.

Der wahrhaft lucullischen Tafel, welche uns des Sonntags servirt wurde, muß ich indessen noch erwähnen. Hühnersuppe: so lange nämlich die Hühner reichten, für die 18 Passagiere der Kajüte zwei Hühner. Ergo jedes Huhn in neun Theile getheilt. Obgleich diese Thiere entweder durch Heimweh oder andere Verhältnisse, vielleicht auch durch die Schiffskost selbst ziemlich heruntergekommen und schlank geworden waren, behagte doch das Stückchen frisches Fleisch, welches auch mit unbewaffnetem Auge deutlich wahrnehmbar und für jeden von uns der entsprechende Antheil war, ganz ausnehmend. Dann Salzfleisch, jene sauere Unvermeidlichkeit, endlich aber Pudding, und letzterer derb zwar aber doch schmackhaft und reichlich. Ich vergaß zu bemerken, daß wir des Sonnabends gekochten Reis bekamen, ebenfalls ziemlich genießbar.

Zum Genuß des Salzfleisches muß man übrigens, wie ich glaube, nothwendig von früher Jugend an gewöhnt worden sein; mir widerstand dasselbe instinktartig in den ersten Tagen, und ich glaube nicht, daß ich während der ganzen Ueberfahrt mehr als etwa 5 Pfunde jener unangenehmen Speise genossen habe.

So gut wie möglich suchte man nun sich bei Tische zu belustigen, und es fehlte nicht an scherzhaften, hie und da wohl auch ärgerlichen Auftritten. Man suchte zu vergessen, daß nach vierwöchentlicher Fahrt für sämmtliche Passagiere nur noch einige Gläser vorhanden waren, denn daran war man theils selbst, theils war die See schuld. Man suchte zu übersehen, daß im Schiffs-Lexikon das Wort Serviette ausgestrichen schien, daß Messer und Gabeln in ihren Heften bedrohlich wankten, und blos hier und da kamen Ausbrüche des Tadels zum Vorschein, welche, als sie häufiger wurden, eine unangenehme Stimmung zwischen dem Kapitain und den Passagieren zuwege brachten. Des Abends bildeten sich je nach Geschmack und Neigung verschiedene Gruppen, theils wenn es nicht regnete, einem Erzähler zuhörend, theils in der Kajüte trinkend, rauchend, spielend. Die meisten von uns hatten sich von Bremen aus mit einem Vorrathe von geistigen Getränken versehen, und wo es fehlte wurde wohl nicht selten getauscht oder freundlich nachgeholfen. So vergingen die Abende heiter. Was mich anbelangt, so hatte ich des Tages über hinlängliche Beschäftigung. Ich nahm täglich einmal zu einer bestimmten Zeit die Temperatur der See, viermal jene der Luft und stellte des Tages über von früh 7 bis Abend 10 stündliche Barometer-Beobachtungen an. Das Zeichnen gefangener Seethiere, die nöthigen Notizen in das, wenn gleich nur skizzenhaft geführte Tagebuch, füllte ebenfalls viele Zeit aus.

Was meine Abende betraf, so ging ich wohl häufig auf Deck um mich umzusehen nach irgend etwas Absonderlichem oder Neuem, obgleich ich augenblicklich gerufen wurde, sobald sich irgend eine Erscheinung zeigte in Luft oder Wasser; aber da ich schon gestanden, daß ich dazwischen dem Laster des Spiels mich ergeben, und dem Sechs und sechszig gefröhnt, so will ich noch beifügen, daß ich allabendlich eine Flasche Ale getrunken, und nicht selten dabei an die Fleischtöpfe Aegyptens gedacht habe, das ist an ächtes, aufrichtiges bayerisches braunes Bier.

Solches war der Tageslauf auf der Reform unter dem lieblichen Klima der Tropen, mit ähnlichem Typus, doch hier und da mit unangenehmen Modificationen, auch unter anderen Breitegraden.

Am 1. Juni (24° 5' Länge, 0° 38' nördl. Breite) sahen wir einen Zug von etwa 80 bis 90 Schwertwalen, von den Seeleuten Butzköpfe genannt (Delphinus gladiator). Die Thiere zogen nicht weit von unserem Schiffe vorüber und schwammen ganz nach Art der Wallfische, indem sie nämlich von oben nach unten, im Vorwärtsschwimmen tauchen, mit dem Kopfe wieder hervorkommen und wieder tauchen, so daß sie eigentlich eine Reihe bogenförmiger Bewegungen machen. Diese Art sich von Ort und Stelle zu bewegen, verleiht dem ganzen Zuge den Anschein lebhafter Beweglichkeit.

Der Kopf dieser Thiere, welche gewiß 25 Fuß lang waren, ist stumpf-mopsartig, daher wohl der Name Butzkopf. Sie haben eine starke spitzige Rückenflosse und sind gefürchtet, indem sie, wie die Seeleute sagen, Boote anfallen und überhaupt grimmig und blutgierig sind. Sie verfolgen in Haufen die Wallfische, welche sie bisweilen tödten sollen. Auch Landenden sind sie gefährlich.

Es ist die Größe dieser Thiere an verschiedenen Stellen sehr abweichend angegeben, auch die Breitegrade, in welchen sie getroffen werden. Ohne Zweifel sind hier verschiedene Arten beschrieben worden. Ich habe später in Valparaiso einen Unterkiefer der Art, welcher wir begegneten, erworben; er hat auf jeder Seite elf kegelförmige, spitze, schwach einwärts gebogene Zähne, welche eng gedrängt an dem vordern Theile des Kiefers stehen. –

Wir passirten am 2. Juni, eigentlich in der Nacht vom 2. auf den 3. die Linie unter 26° 30' Länge. Es fanden keine jener Festlichkeiten statt, welche bei diesen Gelegenheiten aufgeführt zu werden pflegen, weil der Kapitain unangenehme Reibungen zwischen den Passagieren und der Mannschaft fürchtete, und dies vielleicht nicht mit Unrecht. Es läßt sich wohl denken, daß die Scherze, welche bei der tropischen Taufe vom Stapel laufen, nichst eben der zartesten Natur sind.

Gewöhnlich erscheint Neptun an Bord, mit seinem Obersteuermann und nicht selten mit seinem Hunde. Neptun trägt einen alten Frack oder irgend ein anderes altes verwittertes Kleidungsstück, unvermeidlich aber eine mächtige Perrücke von Werg oder Ziegenfell, wenn solches irgendwo aufzutreiben. Der Obersteuermann Neptuns führt Parodien der auf Schiffen nöthigen Meß-Instrumente in colossalen Dimensionen mit sich. Der Hund Neptuns endlich, ein in Fell genähter oder mit Werg decorirter Kajütenjunge bemüht sich nach Kräften possierlich zu sein und den Angenehmen nach seiner Art zu spielen. Auf Schiffen, in welchen sich keine Passagiere befinden, kömmt Neptun zum Kapitain, der an diesem Tage einen Theil seiner Würde ablegt, und auf den Scherz eingeht und sagt: er habe nicht umhin gekonnt, dem Herrn Kapitain seine Aufwartung zu machen. Letzterer erklärt, wie ihm solches sehr angenehm sei und fragt, ob Neptun und sein Gefolge etwa ein Glas Wein zu sich nehmen wolle. Neptun meint, dies sei nicht so übel. Man bringt nun vier Gläser und ein paar Flaschen Wein. Einer der Scherze ist nun, daß Neptun bittet, das vierte Glas wegzunehmen, da sein Hund nicht aus einem Glase, sondern blos von einem Teller zu saufen gewohnt sei. Es wird ein solcher gebracht und der Junge muß nun, so gut es geht, mit der Zunge nach Hundeart den Wein aus einem flachen Teller trinken oder eigentlich schlürfen. Nach einer Reihe ähnlicher Scherze beschließt des Abends ein Tanz der Matrosen, wobei einige Spaßvögel in improvisirter weiblicher Tracht erscheinen, und ein kleines, vom Kapitain gegebenes Zechgelage die Festlichkeit.

Auf Passagierschiffen übt sich der Witz an den Reisenden. Man soll getauft, vorher aber mit Theer eingeseift und rasirt werden. Dieß soll auf dem Rahmen eines auf Deck trichterförmig aufgespannten Segels geschehen, welches durch eingegossenes Seewasser wasserdicht gemacht und dann mit Wasser angefüllt worden ist. Natürlich wird der mit Theer Bestrichene alsbald kopfüber in das Segel geworfen. Man kauft sich durch eine Kleinigkeit los, und es scheint überhaupt, als ob zu jener Rasirgeschichte blos Subjecte ausgewählt würden, welche ohnedieß sich nur zweifelhafter Achtung an Bord erfreuten. Doch kömmt man nicht leicht ungewässert durch, und fast jeder bekommt, wenn auch scheinbar aus Versehen, plötzlich einen Eimer übergegossen. Daß unter der Linie dieß wenig schadet leuchtet ein.

Wie schon erwähnt, hatten wir nichts dergleichen an Bord, doch gaben die meisten der Kajüten-Passagiere eine Kleinigkeit oder Wein, was gut auf- und angenommen wurde.

Am 4. Juni (26° 50' Länge, 2° 41' südl. Breite) sahen wir auf unserer Backbord-Seite ein großes Schiff, einen Dreimaster, welcher etwa zwei englische Meilen von uns entfernt, gleichen Cours mit uns segelte.

Das Schiff schien übel zugerichtet. Es hatte den Fockmast verloren und schien auch sonst Havarie erlitten zu haben. Es wurde bald von uns überholt und kam außer Sicht. Es mußte jenes Schiff ohne Zweifel von einer plötzlichen Boe überrascht worden sein, wie denn überhaupt unter dem Aequator nicht selten auf geringe Entfernung das Wetter sehr wechselnd auftritt. Wir auf der Reform hatten wohl auch in jenen Tagen bisweilen schlimmes Wetter gehabt, welches man, auf der Seereise über den Kanal von Deutschland nach England land als »fürchterlichen Sturm« bezeichnen würde, aber so arg war es uns doch nicht geworden, daß Havarie in Aussicht gestanden wäre.

Ich finde unter dem 5. Juni in meinem Tagebuche einer Erscheinung erwähnt, welche ich schon einige Tage vorher beobachtet hatte, welche ich aber am erwähnten Tage ausführlicher beschrieben habe und hier mittheilen will, da ich nirgends eine Anleitung über dieselbe gefunden. Bei klarem Himmel, wenn der Mond nahezu voll ist, wie bei Vollmond, und bei ziemlich ruhiger See, findet sich der Widerschein des Mondes auf dem Wasser besonders klar und leuchtend ausgesprochen. Die solchergestalt beleuchtete Fläche des Meeres bildet, wie natürlich, eine Pyramide, deren Basis vom Horizonte begränzt ist, während die Spitze derselben auf den Punkt zugewendet ist (hier die Stelle an Bord), den der Beschauer einnimmt. Betrachtet man bei dieser Lage der Dinge den Mond und die ihn umgebende Stelle des Himmels allein, ohne besondere Rücksicht auf dessen Reflex auf der See zu nehmen, so zeigt sich nichts was auffallend wäre. Blickt man aber aufmerksam auf den Widerschein im Wasser und zugleich auf den Mond und die Stelle des Himmels, welche zwischen letzterem und der See ist, so bemerkt man schon nach kurzer Zeit, etwa 20 bis 30 Sekunden eine zweite Pyramide, welche aber dunkel ist, deren Basis mit jener der leuchtenden zusammentrifft, und deren Spitze den Mond nahe bei zu Berühren scheint. Bemüht man sich, beide Pyramiden, die helle und die dunkle, gleichzeitig längere Zeit zu fixiren, so nimmt das Phänomen bis auf einen gewissen Punkt hin an Intensität zu. Es ist klar, daß die Erscheinung eine subjective ist und in die Reihe der complementären gehört, denn verdeckt man die leuchtende Stelle der See mit irgend einem Gegenstande, einem Buche z. B. oder einem kleinen Brettchen, so daß blos die obere, dunklere Pyramide gesehen werden kann, verschwindet diese schon nach einigen Augenblicken.

Die Erscheinung wurde von Allen auf dem Schiffe gesehen, nachdem ich darauf aufmerksam gemacht hatte. Ich glaube, daß sie auf größeren Landseen und bei heiterem Himmel ebenfalls stattfindet, aber ich habe nie Gelegenheit gehabt, sie dort zu beobachten, und wie schon oben gesagt, ihrer auch nirgends erwähnt gefunden. Ich habe deshalb mitgetheilt, was ich gesehen habe, auf die Gefahr hin, vielleicht etwas bereits Bekanntes zu erzählen.

Am 8. Juni (29° 25' Länge, 10° 50' südl. Breite) sahen wir 3 Seeschlangen. Ueber diese Thiere, namentlich über jene Arten, welche die hohe See bewohnen, ist sicher noch wenig bekannt. Man weiß, daß die meisten Wasserschlangen giftig sind, und feststehende Giftzähne haben. Aber gewiß findet sich auf hoher See wenig Gelegenheit und vielleicht noch weniger Lust diese Thiere einzufangen. Die, welche uns zu Gesicht kamen, konnten eigentlich nur einige Augenblicke beobachtet werden, da das Schiff einen ziemlich raschen Gang hatte. Sie mochten 5 Fuß Länge haben, waren ziemlich dick, hatten einen flachen zusammengedrückten Kopf und breiten, fischartigen Schwanz. Sie schwammen mit schlangenförmiger Bewegung, doch nicht sehr rasch vorwärts und hielten sich dicht neben einander. Ihre Farbe schien glänzend blaugrün, da sie aber einige Fuß tief unter Wasser schwammen, so mag dieß wohl eine Täuschung und ihre Färbung grau oder weißlich gewesen sein, denn bei klarem Himmel und Sonnenschein erscheinen bei einiger Tiefe auf See alle helle Gegenstände mit grüner oder blauer Farbe.

Kurz nach den Schlangen, nachdem sich der Wind etwas gelegt und das Schiff einen langsamern Gang angenommen hatte, kam ein großer Fisch an die Seite des Schiffes, auf welchen sogleich Jagd gemacht wurde. Es war Coryphaena hippurus welche Species von den Seeleuten allgemein Delphin genannt wird. Warum, wissen die Götter. Der Delphin, hieß es, liebe ausnehmend silberne Geräthschaften, und man hängte deshalb sogleich einen Zinn- oder Blechlöffel an einer Schnur über Bord, damit er herbeigelockt werden sollte und, mit demselben spielend, dann harpunirt werden könnte. Der angebliche Delphin näherte sich auch wirklich dem Löffel, indessen blos in bescheidener Entfernung, ohne Zweifel entrüstet, daß man ihn mit Zinn anstatt mit Silber ködern wollte. Er folgte noch einige Zeit dem langsam weiter segelnden Schiffe und empfahl sich dann. Wie kurz vorher die Schlangen, hatte auch dieser Fisch eine prachtvolle grünlich blaue Farbe, aber auch unser Pseudo Silberlöffel glänzte in ähnlicher Pracht. Indessen zeigt das Thier auch außerhalb des Wassers eine wunderschöne Färbung. Ich hatte später Gelegenheit mehrere derselben genau betrachten zu können und erfuhr auch dort, es war nämlich auf der Rückreise von Peru nach Europa, vom Kapitain des Dockenhuden, warum eigentlich jener Löffel als Lockvogel in die See gehängt wurde. Diese Thiere stellen nämlich den fliegenden Fischen begierig nach, und sollen sich durch den Glanz des Metalles verführen lassen, dasselbe für einen solchen Fisch zu halten. Mit Ausnahme des Glanzes hat freilich ein fliegender Fisch wenig Aehnlichkeit mit einem Zinnlöffel, aber abgesehen von der Erfahrung, ist die Sache vollkommen glaubwürdig, wenn man sich an die englischen Angelkästen und die in denselben befindlichen Köder erinnert. Die meisten der letzteren, welche für den Forellenfang bestimmt sind, sind zwar sehr zierlich und solid verfertigt, aber es gibt kein Insekt auf der Erde, welches ihnen ähnlich sieht. Es sind Phantasie-Fliegen. Dennoch aber gehen die Forellen begierig nach diesen falschen Ködern und werden viel leichter durch sie gefangen, als durch wirkliche Insekten, die man als Lockspeise verwendet.

Vielleicht gehen die Forellen und andere Fische auf den Totaleffect, auf den »Eindruck«, den das Ganze hervorbringt, ähnlich wie es Kunstliebhaber und andere Leute bisweilen zu machen pflegen.

Unser anfänglich besprochener Fisch, Coryphaena hippurus, der Stutzkopf oder Delphin der deutschen Seeleute, ist an 4 Fuß lang, hat einen kurzen, von der Stirne rasch abfallenden Kopf und verhältnißmäßig kleinen Mund. Die Rückenflosse ist sehr hoch und läuft vom Kopfe bis zum Schwanze über den ganzen Leib. Die Brustflossen sind klein, die Bauchflosse fängt in der Mitte des Leibes an. Die Kiefer sind mit einer großen Menge kleiner, aber sehr spitzer, feststehender und nach innen zu hakenförmig gebogener Zähne besetzt. Die größten, welche außen stehen, sind kaum eine Linie lang. Ich habe im Ober- und Unterkiefer des Fisches 120 der größeren Zähne gezählt, kleinere sind gewiß in doppelter Menge vorhanden. Die Färbung des Thiers ist prächtig. Oben bläulich, dann an den Seiten grün, unten orange. Größere und kleinere, gelbe und blaue Flecken laufen längs den Seiten hin. Die Rückenflosse ist blau und die Strahlen sind gelb. Alle diese Farben haben Goldglanz und wechseln während des Todeskampfes. Es gewährte, obgleich mich die Thiere dauerten, dennoch einen prachtvollen Anblick, die auf Deck in der Sonne liegenden Thiere rasch im Wechselspiele alle Farbentöne von Grün, Blau und Gelb annehmen zu sehen. Man könnte die Erscheinung noch am passendsten mit dem Anlaufen gewisser Metalle im Feuer vergleichen, wo die Oxydschicht ebenfalls rasch wechselnd mannichfache Farbennüancen durchläuft. Diese Fische gewähren eine herrliche und auf See stets willkommene Speise, namentlich wenn man Monate lang blos auf Salzfleisch angewiesen war.

Ich gedenke mit dankbarer Erinnerung des 9. Juni und der freundlichen Feier, mit welcher an Bord vom Kapitain sowohl als von den Passagieren mein Wiegenfest gefeiert worden. Längere Zeit vorher hatte ich zufällig einmal des Tags meiner Geburt erwähnt, und war nicht wenig überrascht, jene Angabe so gut im Gedächtnisse festgehalten zu sehen. Ich hatte die Nacht auf Deck zugebracht und war gegen Morgen dem Scheuern der Matrosen weichend, zur Koje gegangen. Als ich zum Kaffee in die gemeinschaftliche Kajüte kam, fiel mir allerdings auf, daß alle Genossen bereits versammelt waren, und eine gewisse geheimnißvolle Stille herrschte. Im Begriffe zu fragen, wurde ich durch die freundliche Ansprache eines der Passagiere aufgeklärt. Glückwünschend, in herzlichen und ehrenden Worten, in seinem und der Genossen Namen, wurde mir von demselben zugleich ein kleines Gedicht gebracht, und mit einem Lebehoch geschlossen auf mich und die entfernten Meinen. Dort habe ich mit scherzhaftem Spruche zu antworten gesucht, aber ich war gerührt im Herzen und habe jene Augenblicke festgehalten bis auf die heutige Stunde.

Als das Hoch der Genossen erklungen, erschien der Kapitain auf der Treppe der Kajüte, ebenfalls Spruch-sprechend, glückwünschend und ein Hoch bringend. Als ich aber mit herzlichen Worten antwortete, bat er mich auf Deck zu kommen. Dort stand mir eine neue Ueberraschung bevor. Der Kapitain hatte sämmtliche Flaggen aufhißen lassen, so daß das Schiff im festlichen Schmucke segelte, und so eine besondere Feier am Bord angedeutet war. Die Passagiere des Zwischendeckes beglückwünschten mich nicht minder freundlich, und vier der Matrosen beschlossen endlich mit seemännischem Spruch und treuherziger Rede die Reihe der mich Begrüßenden.

So wurde mein Wiegenfest auf der Reform festlich begangen, und der Tag harmlos und fröhlich beendet.

Schon im Eingange habe ich jenes Pudels gedacht, der im Zwischendecke die Ueberfahrt mitmachte. Anfänglich hatte derselbe durch allerlei Kunststücke das Seine beigetragen zur Unterhaltung müssiger Passagiere auf Deck. Wohl erfahren in der edlen Kunst des Apportirens, ja Meister in derselben, setzte er durch mächtige Sprünge die Mannschaft in Erstaunen und wußte die kleinsten Gegenstände, welche ihm vorher gezeigt und hierauf versteckt worden waren, allenthalben aufzufinden. Aber aller Orten werden Kabalen erdacht, Intriguen geschmiedet, so auch hier gegen Leo, den Pudel. Das Quarterdeck war mit einem starken Wachstuche, dicht mit Oelfarbe angestrichen, bespannt, und auf dieser zu beiden Seiten etwas abschüssigen Fläche, war es in müssigen Stunden des Abends oder Morgens höchst angenehm zu liegen und je nach Umständen, die Sonne oder die Frische der Luft zu genießen. Fiel aber Regen ein, so hatte jene Fläche eine andere Bestimmung. Es waren am äußern Rande derselben nach Art der Dachrinnen kleine Blechröhren angebracht, durch welche das abfließende Regenwasser unten aufgesammelt und zu beliebigem Zwecke verwendet werden konnte. Nur wer lange Zeit schlechtes und übelriechendes Wasser genossen hat, weiß auf See einen Regen zu schätzen, und ich habe mit Wollust jenes Wasser getrunken mit einer Temperatur von + 24° R. und mit allerlei gemengtem Nebengeschmacke.

Leo hatte sich manchmal auch auf dem Quarterdecke eingefunden und freundlich geruht unter den andern Passagieren. Aber nach einem jener wohlthätigen Regen, während welchem man das Regenwasser aufgefangen und zum Trinken benützte, hatten sich üble Gerüchte verbreitet von bedenklichen Dingen, die sich im Wasser gefunden, Dinge, die nicht vom Himmel gefallen sein konnten, wie das Manna der Wüste zur Erquickung der Kinder Israels, Dinge, die vom Organismus als untauglich für den Stoffwechsel ausgestoßen worden waren, kurz Gegenstände, welche man in guter Gesellschaft nie bei Namen nennt, die nothwendig von einem Pudel herrühren, und in zum Trinken bestimmtem Wasser unter allen Verhältnissen als höchst überflüssig bezeichnet werden müssen.

In Folge dieser Thatsachen, oder auch böswilligen Verleumdungen, wurde Leo vom Quarterdeck verbannt, und selbst das Apportiren auf Deck wurde mißliebig angesehen. Nun saß er halbe Tage trübsinnig und unbeschäftigt am Fallreff in die See starrend und wie es schien in der Hoffnung, irgend etwas aus dem Wasser holen zu dürfen, was zu Hause eine erlaubte Ergötzlichkeit, aber hier zur Unmöglichkeit geworden war. Wenigstens mußte er öfters mit Gewalt zurückgehalten werden, nicht einem zufällig über Bord geworfenen, nutzlosen Gegenstande nachzuspringen.

Müssiggang ist bekanntlich aller Laster Anfang, und so mochte es kommen, daß der Hund sich plötzlich in die See stürzte, ohne Zweifel verführt durch irgend einen sich emporschnellenden Fisch.

Es war fast Windstille, so daß die Bewegung des Schiffes kaum zu bemerken war, aber doch war in kurzer Zeit der Hund weiter als Schiffslänge von uns entfernt, denn ein Schiff auf hoher See, welches vollkommen stille und an demselben Ort zu liegen scheint, bewegt sich doch stets von der Stelle; theils wirkt selbst der leiseste Hauch des Windes auf dasselbe ein, wohl aber am meisten die Dinung und hier und da auch eine Strömung.

Man kann sich denken, daß das arme Thier allgemein bedauert wurde. Der Kapitain ließ Back legen, aber eben weil kaum eine Spur von Wind vorhanden, so folgte das Schiff nur langsam den gegebenen Befehlen, wir drehten uns so, daß wir den wacker schwimmenden Pudel bald Backbord bald Steuerbord in Sicht hatten, aber er entfernte sich immer mehr von Bord, statt näher zu kommen, das heißt, wir trieben weiter, und der Hund blieb zurück. Das kleine Boot war erst Tags vorher frisch angestrichen, und für die Ankunft in Rio Janeiro vorbereitet worden, man setzte es also nur ungern aus; doch versprach der Kapitain das Möglichste zu thun, um des Hundes wieder habhaft zu werden. Da entschloß sich einer der Passagiere des Zwischendeckes, den Hund schwimmend zu holen. Dieser Entschluß verrieth mehr Muth als Besonneneit, und wurde allgemein beanstandet. Dessen ungeachtet aber begann G. sich zu entkleiden, und schickte sich, trotz der ernstlichen Einreden des Kapitains, an, über Bord zu gehen. Ohne Zweifel hätte letzterer mit Bestimmtheit das tollkühne Unternehmen verbieten können, allein, da in der letzten Zeit zwischen ihm und verschiedenen der Passagiere bereits Mißhelligkeiten entstanden waren, wollte er wahrscheinlich kein Machtwort sprechen, und alle friedliche Zusprache nützte nicht.

Während mir der bereits zum Sprunge Bereitete noch seine Schlüssel und andere kleine Gegenstände zum Aufheben gab, sprach ihm der Schiffsarzt zu, sich wenigstens an der Bogleine befestigen zu lassen. Dieß wurde angenommen, aber fehlerhafterweise die Leine zu kurz für die Höhe des Sprungs genommen, so daß dieselbe riß, ehe noch der sich in die See Stürzende das Wasser erreicht hatte. Doch schwamm er rüstig weiter und hatte bald den Pudel erreicht, da sich beide, Hund und Mann, entgegen kamen. Recht sichtbar aber wurde erst hier das Thörichte des ganzen Unternehmens, und es nahm dieses eben so schnell eine bedenkliche Gestalt an.

Als G. den Hund erreicht hatte, kletterte der letztere, bereits ermüdet, sogleich auf den Rücken des Schwimmenden, so daß derselbe nach mehrmaligen Versuchen den Hund abzuschütteln, untertauchen und sich hierauf auf den Rücken werfen mußte, um sich des Thieres erwehren zu können. Der Hund schwamm bald allein für sich weiter, und jetzt konnte man bemerken, daß während es schon ihm nicht möglich war das Schiff einzuholen, der Mann weiter hinter ihm zurückblieb. Ein leichter Wind erhob sich jetzt zur ungünstigen Zeit das Bedrohliche des Augenblicks erhöhend, und uns allen an Bord wurde gleichzeitig die Gefahr klar, in welcher der Schwimmende schwebte.

Es ist eine eigenthümliche Sache darum, einen Menschen, noch dazu einen Mann, mit dem man längere Zeit freundlich verkehrt, so plötzlich in drohende Todesgefahr versetzt zu sehen, und so läßt sich leicht die Aufregung begreifen, die am Bord der Reform sich kund gab. Wir halten uns rasch eingetheilt um den Matrosen hülfreiche Hand zu leisten, wo es nöthig und möglich war, ohne mehr zu stören als zu nützen, aber bereits begannen höhere Wellen den Schwimmenden anfänglich auf kurze, bald auf immer längere Zeitdauer zu verbergen, und der mit den Wogen Kämpfende war sich sicher seiner Gefahr bewußt, ja hatte vielleicht bereits die Hoffnung aufgegeben, gerettet zu werden. Man hatte mittlerweile das Boot losgemacht, um es in See zu bringen, aber da dasselbe nur zum Trocknen auf Deck und ziemlich hoch anfgehängt war, dauerte dies längere Zeit. Endlich war es flott, mit vier der tüchtigsten Matrosen bemannt, und ruderte rasch nach der Richtung des Schwimmenden, den wir nur selten und in bedeuteter Entfernung sehen konnten. Auch das Boot verschwand jetzt in Zwischenräumen hinter den immer höher werdenden Wellen. Es vergingen Minuten des Zweifels und der Angst, bis endlich vom Mast aus der Ruf erscholl: »Sie haben ihn!« Wohl selten wurde ein lebhafteres und freudigeres Hurrah gerufen, als in jenem Augenblicke von den Reisenden auf der Reform. Nach einigen Minuten wurde das Boot sichtbar und kam rasch näher. Unser Freund saß in denselben, sehr hinfällig und bescheiden, wie es schien, aber glänzend in allen Farben, einem Chamäleon gleich. Wir konnten uns die Ursache dieser optischen Erscheinung erst erklären, als wir bemerkten, daß die frischen Oelfarben des Bootes sich abgedrückt hatten auf seinen Körper, als man ihn in dasselbe gezogen hatte.

An den Hund, den unschuldigen Anstifter alles dieses Unheils, hatte Niemand mehr gedacht, so lange man den Menschen in Gefahr wußte; als dieser aber geborgen im Boote sich dem Schiffe näherte, lugte man auch nach Leo. Er schien verschwunden, und nur einzelne der Passagiere wollten ihn bald da bald dort in weiter Entfernung gesehen haben. Das erste lebende Wesen aber, was an Bord gehißt wurde aus dem zurückgekehrten Boote, war der Pudel, der sich, dem Genius seiner Race getreu, erst hier rechtschaffen schüttelte, und dann auf unbefangene Weise im Getümmel verschwand.

Der Gerettete brach, kaum auf Deck angelangt, vollständig entkräftet in sich zusammen, und war erst nach mehreren Stunden Ruhe im Stande, seine Koje zu verlassen.

So endete das Abenteuer mit Leo dem Pudel. Mögen die freundlichen Leser entschuldigen, daß ich so lange sie aufgehalten mit demselben. –

Ich habe vorhin von Mißhelligkeiten gesprochen, welche zwischen Kapitain und Passagieren entstanden, und muß hierauf zurückkommen. Ich habe erzählt, wie man ißt und trinkt, wie man schläft und sich langweilt an Bord, ich habe die Unterbrechungen der Langweile durch Haie, fliegende Fische, Delphine und Quallen angegeben. Aber wir haben noch 8 Tage, bis wir Rio de Janeiro erreichen, und ich glaube sie zweckmäßig auszufüllen, wenn ich jenes Unfriedens, und überhaupt des Verhältnisses zwischen beiden Parteien gedenke.

Es steht irgendwo geschrieben, das Weib solle dem Manne unterthänig sein und ihm folgen in allen vernünftigen Dingen. Alle Welt weiß, daß dies geschieht, und daß das Weib wirklich bisweilen folgt, so lange es ein Ding vernünftig findet.

Hier und da aber sind die Meinungen getheilt über das, was vernünftig und unvernünftig ist, und dann entstehen Mißhelligkeiten, bisweilen sogar »Familienverhältnisse.«

Aehnliches findet an Bord statt, – auf einem Kauffahrteischiffe nämlich[2]. Ernstlich gesprochen, glaube ich, daß wirklich von beiden Seiten viel Takt dazu gehört, um ein fortwährend gutes Vernehmen aufrecht zu erhalten. Es trifft sich oft, daß der Kapitain irgend etwas an Bord zu verbieten genöthigt ist, es mag auch sein, daß bisweilen Verbote mit unterlaufen, welche eben so gut oder noch besser vielleicht, ganz unterblieben wären, aber in beiden Fällen hat er nicht die hinreichende Macht, seine Befehle zu unterstützen.

Dieß ist gleichgefährlich zu Wasser und zu Land.

Wollte der Kapitain irgend einen Passagier durch die Matrosen zwingen lassen, Folge zu leisten, so wäre auf einem Passagierschiffe, so z. B. auf der Reform mit 70 und etlichen Reisenden, ein Zusammenstehn der meisten, und mithin offenbare Meuterei sehr zu befürchten gewesen. Aber auch wenn nicht dergleichen in Aussicht steht, so hat der Kapitain doch immerhin den Ruf des Rheders zu bewahren, den Ruf der sogenannten Humanität und des freundlichen Benehmens gegen die Reisenden.

Es gehen viele Leute über die See, aber in Hamburg und Bremen gibt es auch viele Rheder.

Es bleibt mithin das Verhältniß des Kapitains stets ein sehr eigenthümliches. Dazu kommt, daß die überwiegende Anzahl der Passagiere, so wie der Kapitaine und Seeleute überhaupt, ganz gewiß die verschiedensten Lebensansichten haben.

Die meisten der ersteren haben nie die See gesehen, von den wenigsten der letzteren kennt einer das eigentliche Leben auf dem festen Lande, mit Ausnahme der amphibienartigen See- und Hafenstädte. Meist unweit der Küste geboren und selbst Kind eines Seemanns, Lootsen und dergleichen, kommt der Knabe mit 13-14 Jahren an Bord als Kajütenjunge, wird später Matrose oder Leichtmatrose, macht, wenn befähigt, einige Monate in der väterlichen Hafenstadt die Studien der Steuermannskunst, wird hierauf Unter- später Obersteuermann und im günstigen Falle Kapitain, wenn er nämlich Glück und Geschick hat und nicht etwa zufällig – verloren geht. (Landratten-Sprache: bei einem Schiffbruche ertrinkt.)

Die Seeleute, die deutschen wenigstens und eben so die von andern Nationen, die ich kennen lernte, sind fast alle wackere, muthige und brave Männer, sie sind barmherzig gegen Mensch und Thier; sie sind bescheiden und ihrem Worte treu!

In näherer Berührung mit ihnen auf der Rückreise während längerer Zeit, bin ich öfters sogar auf den Gedanken gekommen, als sei der Mensch von Natur aus doch nicht so sehr filou (es macht sich Das französisch besser), als es gewöhnlich scheinen will.

Aber dieser Seemensch hat vom Landmenschen, speciell aber von der Species Passagier, einen verzweifelt schlechten Begriff.

Seiner Ansicht nach ist der Passagier ein Gegenstand, dessen Gegenwart an Bord den Zweck hat, die nicht vorhandene Fracht des Schiffes nach X oder Y zu decken, d. h. die Kosten des Rheders für die Fahrt, um von dort andere Waare, Tabak, Ochsenhäute, Pfeffer, Farbholz oder andere Sachen einzunehmen.

Der Passagier ist in den ersten Tagen ein jämmerliches Ding, welches seekrank ist, das Deck verunreinigt und allenthalben im Wege steht. Dann wird es neugierig, räsonnirt über Salzfleisch und Wasser und läßt vor Allem unaufhörlich merken, daß seine einzige Sehnsucht nach dem Lande steht.

Ob die Klagen, welche die Passagiere der Reform führten, gegründet waren oder nicht, will ich nicht entscheiden. Einige mögen wohl gerecht, andere unbillig gewesen sein. Aber wohl war an den meisten jener Beschwerden der Kapitain unschuldig. Sie betrafen vorzüglich die Kost und das Wasser. Erstere höchst einfach, und das Wasser übelriechend. Aber Alles dieses war die Schuld des Rheders, welcher das Schiff nicht zum Besten ausgerüstet hatte.

Die ständige Antwort des Kapitains auf alle, endlich täglich, ja stündlich wiederholte Klagen war, daß er nicht mehr geben könne als er habe, und daß es auf andern Schiffen auch so sei. Aber mehr und mehr fand sich eine gegenseitig gespannte, gereizte Stimmung ein, welche einen unheimlichen Eindruck hervorbrachte, ja bedenklich wurde.

Kapitain und Passagiere grüßten sich nicht mehr bei der Begegnung auf Deck; ein, ich muß es leider sagen, öfters rücksichtsloses Benehmen fand bisweilen von beiden Seiten statt, und als wir uns der brasilianischen Küste näherten, wurde eine Schrift entworfen, welche von allen Passagieren unterzeichnet und dem Konsul in Rio de Janeiro übergeben werden sollte.

Diese Schrift enthielt alle Klagen und Beschwerden, welche man gegen den Kapitain zu führen sich berechtigt glaubte und war ein Mittelding zwischen Mißtrauensvotum und Anklage-Adresse, ein Nachklang des Jahres 1848. Ich glaube, daß alle Passagiere, außer ich und die beiden in der obern Kajüte wohnenden Reisenden, jene Schrift unterzeichnet haben.

Die Stellung, welche ich in Hinsicht auf diese Mißhelligkeiten an Bord beobachtet, war die, welche ich seit langer Zeit unter ähnlichen Verhältnissen allenthalben eingenommen habe.

Einzeln den Parteien gegenüber, gab ich jeder Unrecht, suchte aber deren Recht zu vertheidigen nach Kräften bei der andern.

Ich habe die Genossen erinnert, daß sie sich nicht in einem Hotel befänden, und daß man für 300 Thaler von Bremen bis nach Kalifornien keine lucullische Tafel verlangen könne. Ich habe ihnen gesagt, daß man wohl auf andern Schiffen zäheres Fleisch, fauleres Wasser, schmalere Bissen anträfe.

Dem Kapitain aber versicherte ich unter vier Augen, daß man doch mehr thun könne für die gegebene Summe, daß das Fleisch sehr zäh, das Wasser sehr übelriechend und die Bissen sehr schmal wären.

Da man durch die dicksten mittelalterlichen Mauern einer alten freien Reichsstadt, über ganze Straßen und Stadtviertel hin, genau hört, was gesprochen wird in den Häusern unserer Freunde und Nichtfreunde, was Wunder, wenn solches geschah auf einem Schiffe, wo einige dünne Bretter die dickste Scheidewand?

Auf der Reform aber hatte jene akustische Bauart nicht die üblen Folgen, die auf dem Lande nicht selten durch sie erzielt werden, und eine friedliche Lösung der schwebenden Fragen mag bisweilen durch sie bewirkt worden sein.

Ich ward betraut mit der Stelle eines Mittelsmannes zwischen Kapitain und Passagieren; habe Hader verhütet und große Errungenschaften erworben. Man traute mir, da ich jedem meine Meinung sagte, unverholen und mit so viel Derbheit, Artigkeit oder Laune, als ich eben zur Hand hatte. Es muß die Seeluft ein besseres Medium sein für unverholene Meinungen und Scherze, als die auf dem Lande, und es ist hieran vielleicht ein größerer Jodgehalt der ersteren schuld[3].

Um aber wieder auf meine Errungenschaften zu kommen, so muß ich berichten, daß ich unter Andern wöchentlich einen Pudding erwirkt, für die Zwischendeck-Passagiere, und eine Thranlampe mehr, zur abendlichen Beleuchtung. Für die Kajüten-Passagiere aber habe ich zwei Lichter erhandelt durch gute Worte beim Kapitain, ein Schälchen eingemachter Früchte zum Sonntagstisch, und Käse für einen Abend in der Woche um die Frugalität des Souper zu vermindern.

Ich habe die schwebende Zuckerfrage zu einem glücklichen Ende gebracht, und trügt mich mein treuloses Gedächtniß nicht, so wurden durch meine diplomatischen Verhandlungen selbst auf einige Zeit die Speckportionen um ein Unmerkliches größer.

Aber auch dem Kapitain leistete ich wichtige Dienste. Eröffnete ich nicht statt seiner den Passagieren, daß leider die Sauerkohlportionen kleiner werden und bald ganz aufhören würden? Beschwichtigte ich nicht jenen tobenden Sturm, als unter Absingung der Marseillaise und anderer aufrührischer Lieder, ein Stück Salzfleisch, welches zufällig grün statt roth war, über Bord geworfen wurde?

Ernsthaft aber gesprochen, so drehen sich, trägt nicht specielle üble Laune und widerwärtiges Benehmen eines Individuums die Schuld, die Uneinigkeiten an Bord zwischen Kapitain und Reisenden meist um das Essen, und es mag mir wohl bisweilen gelungen sein, ärgerliche Auftritte zu verhüten. Ganz aber war die Spannung nicht zu heben. Sie brach unangenehmer als vorher aus, als wir Brasilien wieder verlassen hatten und machte mir manche trübe Stunde. Ich weiß nicht mehr, ob jene Klagschrift in Rio de Janeiro übergeben worden ist. Unweit Valparaiso wurde aber eine zweite entworfen, unterzeichnet und dort wirklich dem Konsul eingehändigt.

Doch genug von diesen ärgerlichen Händeln. – Ich will einer lieblichen Erscheinung gedenken, welche ich unter diesen Breitegraden, 38° Länge, 22° S. B. in meinem Tagebuch verzeichnet finde. Ich glaube, daß wir dieselbe dort zufällig das erstemal beobachteten, obgleich sie bei günstigen Verhältnissen unter allen Breitegraden vorkommen muß, und später auch noch verschiedenemale gesehen wurde. Ich meine den Regenbogen, welcher bisweilen an der Leeseite des Bugspriets gesehen wird.

Die Erscheinung zeigt sich, wenn bei vollkommen klarem Himmel und nicht zu hohem Stande der Sonne ein schwacher Wind sich plötzlich erhoben hat, so daß das Schiff rasch durch eine noch nicht zu stark bewegte See geht. Die Sonne muß auf der Luverseite des segelnden Schiffes, nämlich auf der stehen, wo der Wind herkömmt. Da der Wind die am Bugspriet empor geschleuderten kleinen Wassertropfen nach der Leeseite treibt, so ist die dort entstandene regenbogenartige Erscheinung sichtbar, wenn man sich so stellt, daß man die Sonne im Rücken hat.

Aehnliche Phänomene kommen häufig bei Wasserfällen und selbst bei größeren Fontainen vor, und müssen auch an den Rädern der Dampfboote gesehen werden; der am Bugspriet der Segelschiffe sich zeigende farbige Bogen aber hat die Eigenthümlichkeit, daß er sich durch Reflex tief in den Grund der See fortzusetzen scheint, was, verbunden mit dem öfteren plötzlichen Verschwinden und dem raschen Wiedererscheinen desselben, einen wunderhübschen Anblick gewährt.

Noch muß ich des südlichen Himmels erwähnen, den wir später bei Kap Horn freilich »noch südlicher«, aber nicht in der Klarheit wie hier unter den Wendekreisen zu sehen bekommen. Jeder hatte vom südlichen Himmel gehört, gelesen, von seiner Pracht und Herrlichkeit sich je nach Begriff und Phantasie ein glänzendes Bild entworfen. So kam es, daß das edle Nil admirari auf der Reform gänzlich vernachlässigt wurde, und alle Welt schwärmte für den Glanz der südlichen Sternenwelt. Insbesondere war es das Kreuz, was zur Bewunderung hinriß. Leider aber zeigte es sich, daß die Ansichten über das Kreuz differirten, nämlich, daß sehr verschiedene Stellen am Himmel angegeben wurden, wo sich das Kreuz befinden sollte, und erst später hat der Kapitain mir das wirkliche Kreuz gezeigt. Die süße Henriette (es hatte aus mir unbekannten Gründen einer der Passagiere diesen Namen an Bord erhalten) äußerte bei dieser Gelegenheit, es gäbe nicht blos ein südliches, sondern auch ein nördliches, östliches und westliches Kreuz, und jeder sähe das seinige an einer andern Stelle des Himmels oder der Erde. –

Daß das südliche Kreuz keine so außerordentlich glanzvolle Erscheinung darbietet, wie man im Norden nicht selten glaubt, geht vielleicht aus dem Gesagten hervor, denn es mögen die Urtheile Unkundiger, die noch dazu den besten Willen hatten, Herrliches zu erblicken, und sich doch nicht einigen konnten, wohl hiefür einen Beweis liefern. Ein schönes Sternbild aber ist immerhin das Kreuz. Auffallender aber, und für mich, den Nichtastronomen, interessanter waren die zwei maghellanischen Wolken und die schwarzen Flecke, oder die Kohlensäcke der Seeleute.

Die maghellanischen Wolken, besonders die größere, haben das Licht der Milchstraße, machen aber wegen ihres Vereinzeltstehens einen eigenthümlichen Eindruck. Man glaubt ein abgerissenes Stück derselben zu sehen. Es hat die größere dieser beiden leuchtenden Flecken des Sternenhimmels eine Größe von 42 Quadratgraden, während die kleinere nur 10 Quadratgrade hat. Sie bestehen aus Nebelflecken, Sternschwärmen, Sternhaufen und vielen einzelnen zerstreuten Sternen.

Die immensen Fortschritte, welche die Naturwissenschaften, besonders die »populären«, im gebildeten Publikum gemacht haben, überheben mich der Mühe anzudeuten, was Nebelflecken, Sternschwärme etc. eigentlich sind, und ich darf sogleich zu den »schwarzen Flecken« übergehn, welche am besten geschildert sind durch ihre Benennung selbst. Es sind in der That dunkle Stellen am Himmel, gerade das Gegentheil jener leuchtenden Wolken und von den Astronomen dadurch erklärt, daß an jenen Stellen sich im Raume eine geringere Anzahl von Himmelskörpern befinden, und daß ihre Dunkelheit noch hervorgehoben wird durch die Dichtheit der sie umgebenden Sternschichten.

Auffallend und fremdartiger noch werden ohne Zweifel dem Bewohner der nördlichen Halbkugel diese schwarzen Flecken erscheinen, als die maghellanischen Wolken, da auf unserer Erdhälfte Nichts Analoges sich am Sternenhimmel dem unbewaffneten Auge darbietet, während die Milchstraße uns schon an die ihr ähnliche Erscheinung der maghellanischen Wolken gewöhnt hat.

Wenigstens war dies der Eindruck, welchen jene beiden Eigenthümlichkeiten des südlichen Himmels auf mich hervorbrachten, der Totaleindruck aber war gegen jenen unserer Halbkugel kein günstiger zu nennen. Nur glänzendere Fixsterne erster Größe vermögen einigermaßen die Sternenleerheit des südlichen Himmels, namentlich in der Nähe des Pols, zu decken.

Daß der nächtliche Himmel unter den Wendekreisen überhaupt schöner und lieblicher, als näher den Polen, bedarf keiner Erwähnung. Die Helle und Klarheit dieser Nächte bei mondfreiem Himmel kommt nicht selten einer Nacht unter unseren Breitegraden gleich, die von halbvollem Monde erhellt wird, und das tiefe prachtvolle Blau entspricht allerdings den Schilderungen, die hievon entworfen worden sind.

Wir sahen am 17. Juni zum erstenmal die Küste von Brasilien. Scheinbar steile Abhänge, hier und da von fast kegelförmigen Formen unterbrochen. Aber die Abstufung dieser Kegel verscheuchte den Gedanken an basaltische oder doleritische Gebilde, und ließen granitische Massen vermuthen. Ich habe, wo es thunlich war, Profile der Küsten gezeichnet, und was mir dort während der Arbeit bisweilen als eine nutzlose Beschäftigung erschien, giebt mir jetzt, wenn ich mein Skizzenbuch durchblättere, eine klare Erinnerung an das Gesehene, ein, wenn auch schwaches, geognostisches Bild, und ruft mir jene Stunden der Erwartung deutlicher in's Gedächtniß zurück, als die Notizen meines Tagebuchs.

Kurz nachdem wir die Küste in Sicht gehabt hatten, fiel Regen und bald darauf verhüllte ein ziemlich dichter Nebel alle Aussicht, bis endlich plötzlich des Nachmittags die Nebel fielen, und wir in prachtvoller Sonnenbeleuchtung und nicht allzugroßer Ferne die brasilianische Küste vor uns hatten.

Die Geschäftigkeit der Seeleute hielt der Schwärmerei der Passagiere die Wage. – Brasilien! Eine Menge fast unbewußter Begriffe verbinden sich mit diesem Namen, welcher mir wenigstens in früher Jugendzeit stets der Repräsentant aller tropischen Pracht, aller überseeischen Herrlichkeit gewesen. Kann ich aber leugnen, daß bei näherer Ansicht der Küste, bei der Hoffnung, wohl morgen schon das Land zu betreten, all das, was ich gelesen über dasselbe in den Werken gelehrter Reisenden, zurückgedrängt wurde von der Erinnerung an jene Phantasien des Knaben? Alle jene Bilder, welche seit mehr als 30 Jahren vergessen in irgend einem Gedächtnißwinkel gelegen, tauchten dort mit wunderbarer Frische wieder auf. Dort habe ich Bertuch's großes Bilderbuch wieder vor mir gesehen mit den riesigen Faltern und glänzenden bunten Vögeln, welche Zeugniß geben von der prachtvollen Fauna jenes Landes. Ich habe die ermahnende Stimme jener gütigen verehrten Frau, die Mutterstelle an mir vertreten, wieder gehört, warnend, nicht so in Affect zu gerathen und den Theetisch nicht umzuwerfen. Als aber dort die Küste plötzlich uns entgegentrat, vergoldet von der abendlichen Sonne und umdonnert von der Brandung des durchschifften Oceans, habe ich mich gefreut, daß ich alles das jetzt sehen würde, jene Falter und Vögel, die Palmen und die Neger und die mächtigen Stämme des Urwaldes mit ihren Schlinggewächsen. Ich habe mich fast verwundert, daß das jetzt doch geschehen, was ich als Knabe für so ganz unmöglich gehalten, trotzdem, daß so vieles geschehen, mir geschehen, was ich als Knabe, als Jüngling und als Mann für noch viel unmöglicher gehalten.

Ich habe vorhin von der Geschäftigkeit der Seeleute beim Anblicke der Küste gesprochen und ich komme darauf zurück. Theils rüstete man sich zur baldigen Landung und traf Vorkehrung, um die Anker werfen zu können, anderntheils aber schien es mir, als wisse man nicht ganz genau, wo man sei und sei bemüht, sich zu orientiren. Gegen Abend wurde etwas von der Küste abgehalten und es dauerte bei der in jenen Gegenden so rasch eintretenden Finsterniß nicht lange, als wir Feuer am Lande und zugleich einen Leuchtthurm mit Drehfeuer erblickten. Aber es war an diesem Drehfeuer nicht zu erkennen, ob wir Kap Frio oder Rio vor uns hatten. Ich kann mich nicht mehr der Unterschiede erinnern, durch welche beide Leuchtthürme erkannt werden. Im Allgemeinen sind die Drehfeuer so eingerichtet, daß einige Sekunden das Licht erscheint, dann eine bestimmte Anzahl von Sekunden verschwindet und hierauf wieder, und bisweilen mit verändertem Farbentone, sichtbar wird. Während wir aber nun sicher waren, eines der beiden Leuchtfeuer vor uns zu haben, traf keins der in den Handbüchern angegebenen Signale mit dem von uns an der Küste gesehenen zusammen. Ich habe mich hievon überzeugt, indem ich abwechselnd mit dem Kapitain die Zeitdauer des Lichts beobachtete. Da besonders für Schiffer, die das erstemal die Küste von Brasilien besuchen, und eben so bei nebligem Wetter die beiden Leuchtthürme, oder vielmehr die Orte, wo sie stehen, leicht zu verwechseln sind, so dächte ich, daß es ganz einfach und sicher unterscheidender wäre, dem einen der Thürme weißes, dem andern rothes Drehfeuer zu geben. Ein in gewissen Intervallen verschwindendes Feuer ist übrigens nothwendig, da in größerer Entfernung und bei Nebel das Signal leicht mit irgend einem andern, zufällig an der Küste brennenden Feuer verwechselt werden könnte, und umgekehrt.

Unser Kapitain, jung zwar, er machte die erste Reise als Kapitain, aber vorsichtig und gewissenhaft, entfernte sich wieder von der Küste, und da es bei Anbruch des folgenden Tages neblig war, kreuzten wir des Morgens, ohne uns zu nähern. Windstille folgte, und bald auf dieselbe gegen Abend eine ziemlich starke Boe. Es wurden die Segel gerefft, und alles angewendet, um uns von der Küste zu entfernen.

Jeder, der einige Zeit lang Salzfleisch gegessen, weiß, daß auf hoher See nur weniges zu befürchten, daß aber eine gewisse Gefahr immerhin an der Küste in Aussicht steht. So war auch bei den Reisenden hie und da ein Anhauch von Aengstlichkeit nicht zu verkennen, und bedenkliche Mienen zeigten sich, als die Feuer an der Küste nicht verschwinden wollten, der Wind stärker und das Schwanken des Schiffes immer heftiger wurde. Doch ging die Nacht ohne Unfall vorüber.

Wir kreuzten des andern Vormittags fortwährend an der Küste, näherten uns aber endlich derselben so weit, daß wir den Eingang zum Hafen in Sicht hatten. Bereits wurde die See belebter. Vögel, Möven in großer Anzahl schwärmten umher, Quallen von ein bis anderthalb Fuß Durchmesser und scheibenförmig gestaltet, zogen ganz langsam am Bord vorüber und Züge von Delphinen wurden nahe und ferne gesehen. Da nur ein sehr schwacher Seewind wehte, so hatten wir Gelegenheit Alles mit Muße beobachten zu können. So war nicht weit von uns ein eigenthümliches Schauspiel zu bemerken. Ein Zug Delphine schwamm in gleichem Curse mit der Reform, und eben so langsam wie sie dem Hafen zu, und wurde von den allenthalben umherschwimmenden Möven bemerkt. Alsbald versammelten sich diese Vögel über den schwimmenden Delphinen, anfänglich einzelne, bald mehrere Hunderte, und begannen ein eigenthümliches Treiben. Sie stürzten sich aus der Luft mit Blitzesschnelle auf die Delphine, verweilten dort entweder einige Sekunden, oder schwangen sich eben so schnell wieder in die Luft. Entweder nehmen diese Vögel irgend eine Art Parasiten von der Haut der schwimmenden Thiere ab oder benützten sie die Gelegenheit um kleine Fische zu fangen, welche nicht selten die Züge größerer warmblütiger Seethiere begleiten. Ich habe deutlich beobachtet, daß sich einzelne Möven an Delphine anklammerten und unter Wasser gingen, wenn diese tauchten, und erst beim Wiedererscheinen derselben sich in die Luft schwangen. Die Delphine selbst schienen sich nicht im Mindesten um die Vögel zu kümmern, sie setzten mit größter Unbefangenheit ihren Weg fort, und die letzteren gaben ihre Beschäftigung erst auf, als der Zug der Delphine sich uns auf Schiffsweite genähert hatte.

Kurz hierauf kamen wir an einige Stellen, woselbst die See ganz roth gefärbt war. Die Ursache war eine Unzahl kleiner rother Krebse, von welchen ich einige aufgefischt, sie aber leider später in Chile verloren habe.

Bereits sahen wir schon den Leuchtthurm des Hafens. Er scheint von ferne gesehen hart am Ufer zu stehen, befindet sich aber in Wirklichkeit weit ab von demselben, auf einem isolirt in See stehenden Felsen, – erinnere ich mich recht, vielleicht zwei englische Meilen vom Eingange des Hafens entfernt.

Wir ließen den Leuchtthurm Backbord liegen und hatten uns kurz vor Untergang der Sonne dem Eingange des Hafens bis auf eine kurze Strecke genähert.

In nächster Nähe hatten wir einige vereinzelt liegende ziemlich steile Felseninseln vor uns, und auf ihnen sahen wir die ersten Palmen. Weiter entfernt gegen rechts bewaldete Höhen, auf welchen die scheidende Sonne eben noch erlaubte, die wunderbaren Formen der tropischen Vegetation zu begrüßen. Noch weiter gegen das Land zu, gegen rechts, liegt am Eingange des Hafens das Fort Santa Cruz, welchem gegenüber der Zuckerhut, ein steiler, etwa 1300 Fuß hoher Felsen, den anderen Theil des Hafeneinganges bildet. Ihm schließen sich Berge und Felsen an, prangend im tiefsten prachtvollen Grün des Pflanzenwuchses.

Es wurde das Loth geworfen, um Tiefe und Beschaffenheit des Ankergrundes zu erforschen und der Kapitain bat die Passagiere um Ruhe und Stille auf einige Zeit, um ungestört jene Arbeit vornehmen zu können.

Denken läßt es sich, daß Alles auf Deck war, was sich rühren konnte an Bord; aber mit Ausnahme der beschäftigten Seeleute, welche hie und da einen Befehl empfingen und Antwort gaben, sprach dort Niemand eine Sylbe und es wurde dem Willen des Kapitains die möglichste Folge geleistet. War es die Achtung vor dem Worte desselben, war es die stille Lust am neuen nie gesehenen Anblicke, hatte sich Aller eine stille beschauliche Stimmung bemächtigt? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, daß wenig Momente im Leben (angenehmen Andenkens nämlich) mir so unvergeßlich sein werden, als jene nächtlichen Stunden.

Wir hatten die Anker geworfen und ein leichter Landwind brachte uns eine Fülle von Wohlgerüchen an Bord, während große Nachtschmetterlinge um das Kompaß-Licht flatterten und dann wieder verschwanden.

Der Mond, welcher nur kurze Zeit geleuchtet, hatte den Sternen gestattet, uns das prachtvolle Blau jenes glücklichen Himmels in seiner ganzen Herrlichkeit zu zeigen. Dabei Klänge vom Land, Musik in der Entfernung, in größerer Nähe menschliche Stimmen in fremder unverständlicher Sprache und bewegliche Feuer. Im Hintergrunde und durch das Thor des Hafens ersichtlich die Stadt, beleuchtet von Tausenden von Lichtern längs dem dunklen Saume der Küste.

Alles das ist nichts besonderes. Aber es macht einen eigenen Eindruck wenn man es erfährt nach einer fast zweimonatlichen Seereise an der Küste eines Landes wie Brasilien und mit der Hoffnung, morgen jenes Land betreten zu können!