Der freundliche Leser, welcher in Geduld mich bis hieher begleitet hat, hat ohne Zweifel eine beträchtliche Dosis Langweile ausgestanden. So mag man mir denn nicht widerstreiten, daß ich recht treffend geschildert, und es dahin zu bringen gewußt, die Gefühle des Autors überzutragen auf den Leser. Denn trotz des Zaubers der Tropennächte, der Poesie des südlichen Himmels und des Reizes der »dunkelblauen« Wogen, ist ein achtwöchentlicher Aufenthalt in der Atmosphäre von Salzfleisch und Zwieback immerhin höchst langweilig.
Leider vermag ich nicht glänzende Genugtuung zu geben, und jetzt durch Schilderung des Aufenthaltes in Rio de Janeiro den Leser in die Heiterkeit meiner Stimmung zu versetzen.
Wir fuhren am 22. Juni gegen Mittag in den Hafen von Rio ein. Vielfach ist seine Einfahrt und die wirklich prachtvolle Lage des Hafens beschrieben worden. Ich will deshalb so rasch als möglich über die dennoch unvermeidliche Schilderung jener ersten Eindrücke hinweggehen.
Die Einfahrt in den Hafen ist etwa 3000 Schritte breit und ist links gebildet durch den sogenannten Zuckerhut, einen steilen, etwa 1300 Fuß hohen Felsen, rechts durch das Fort Santa Cruz. Von dieser Einfahrt bis zur Stadt sind aber wenigstens noch ein und eine halbe englische Meile zu durchschiffen bis man das Land erreicht. Weiter aber noch in der Breite dehnt sich der Hafen aus, um ihn liegt die Stadt, im Hintergrunde das Orgel- und Sterngebirge.
Abgesehen von verschiedenen Forts, welche neben dem genannten, sowohl die Einfahrt als auch in Nähe der Stadt diese letztere selbst decken, sind im Hafen selbst zwei Inseln mit Forts, von welchen namentlich das auf der Ilha das Cobras, die Schlangeninsel, die Stadt gut zu schützen vermag.
Ich muß offen gestehen, daß sowohl zur Zeit wo ich in den Hafen einfuhr, als auch gegenwärtig, die strategische Wichtigkeit dieser sämmtlichen Fortificationen mir nicht besonders am Herzen lag, aber ihre wirklich malerische Vertheilung an und im Hafen selbst, hat mich entzückt und gewährt in der That einen reizenden Anblick.
Allenthalben hebt das glänzende Grün jener tropischen Vegetation die Weiße der Mauern, und unfern der Kanonen steigen schlanke Palmen empor, oder das riesige Blatt der Banane beschattet dieselben.
Es läßt sich kaum die Belebtheit des Hafens schildern. Hunderte von Booten von allen Größen durchkreuzen nach jeder Richtung hin denselben. Die meisten sind mit Negern bemannt, halbnackten, kräftigen Gestalten. So ist das in der Sonne blitzende Grün des Wassers mit der buntesten Staffage decorirt. Obgleich ich dort noch nicht die Bekanntschaft des edlen Onkel Tom gemacht, stiegen doch allerlei philantropische Gefühle in mir auf, als ich die ersten dieser Boote erblickte.
Eins derselben näherte sich unserem langsam vorwärts treibenden Schiffe, und obgleich am Steuer ein Weißer, mit einem etwas verfänglich aussehenden Bambusstabe stand, schien dennoch im schwarzen Volke der Geist ungestörter Heiterkeit zu herrschen. Schnell vorübergleitend an unserm Borde streckten uns sämmtliche Neger die Zunge entgegen, und solches war der erste Gruß, den wir von unsern schwarzen Brüdern und überhaupt von menschlichen Wesen im neuen Lande erhielten.
Bald folgte ein zweiter. Unweit eines jener Forts angelangt, rief man uns von demselben aus in englischer Sprache zu: Anker geworfen! Mag es nun sein, daß von uns der Befehl nicht gehörig verstanden oder nicht rasch genug befolgt wurde, gleich darauf donnerte ein Kanonenschuß über uns hinweg und unmittelbar nach demselben der zweite Ruf: »Anker geworfen, oder ich schieße scharf!«
Etwas verwirrte hastige Thätigkeit an der Ankerspille und obligate, vielleicht auch hier und da etwas ängstliche Verwunderung der auf Deck befindlichen Passagiere war die Folge der freundlichen Mahnung. Der Grund derselben aber, daß kein fremdes Schiff jene Linie überschreiten durfte, ohne vorher von Douane und Sanitätscommission besucht worden zu sein.
Als der Anker geworfen, kamen bald Boote in unsere Nähe, welche uns in Augenschein nahmen, theils Leute, welche Geschäfte zu machen suchten, theils müßige Gaffer. Die Neger schnitten uns wieder Fratzen und riefen uns, wie ihre Geberden zeigten, Schimpfworte zu, von welchen uns indessen blos das Wort »Californi« verbindlich, wenn gleich nicht erklärlich war. Wir erfuhren erst später dessen Bedeutung und Ursprung.
Douane und Sanitätscommission kamen kurz nach einander an Bord. Es wurde geprüft, gezahlt, was allenthalben auf der Welt die Hauptsache zu sein scheint, und hierauf die Erlaubniß gegeben an's Land zu kommen.
Jetzt legten fast zu gleicher Zeit zwei Boote bei uns an, und es kamen die Agenten zweier Kaufleute an Bord in der Absicht, Kapitain und Passagieren ihre Dienste anzubieten. Die Sache hatte auf den ersten Blick etwas seelenverkäuferisches an sich und erinnerte an die lieben Landsleute, welche in Nordamerika landende unerfahrene Reisende um den Rest ihrer Habe bringen. Aber es zeigte sich das Gegentheil. Diese Leute suchten nur jene Vorräthe und Bedürfnisse an uns zu verkaufen, von welchen sie wissen, daß sie Reisenden nöthig, und dafür helfen sie uns über eine Menge Schwierigkeiten hinweg, die sich dem Ankömmlinge im fremden Lande entgegenstellen. Ich schloß mich mit einem großen Theil der Passagiere dem Agenten eines Schweden, Holm, an, von welchem wir später alle unsere Bedürfnisse kauften und gut bedient worden sind. Nur wenige Gegenstände, welche überhaupt in Rio zu haben sind, fehlten im Verkaufsgewölbe dieses Mannes, und verlangte, nicht vorhandene wurden sogleich aus andern Läden herbeigeschafft. Holm besorgte alle Briefe der Passagiere, ließ dieselben in Häuser führen, welche sie nicht zu finden wußten, und wohin man etwa Empfehlungen hatte, und wurde nicht müde eine Unzahl müssiger und unnützer Fragen zu beantworten, welche unaufhörlich an ihn gethan wurden.
Vorläufig fuhr ich mit seinem Boote vom Bord aus an's Land. Hier erst im raschen Durchgleiten des Hafens konnte ich seine ganze Schönheit bewundern und fand die ganze Bestätigung dessen, was ich schon in Europa gehört, daß nämlich der Hafen von Rio zu den schönsten Punkten der Erde gehört.
Rio de Janeiro ist vielfach beschrieben worden, und die naturhistorischen Schätze Brasiliens wurden ausgebeutet und geschildert mit Gelehrsamkeit und Phantasie von Reisenden, welche das Glück hatten, Jahre lang jenes Land durchziehen zu können. Wir hielten uns etwa nur vierzehn Tage in Rio auf und selbst während dieser Zeit konnten wir nur kleine Ausflüge in die Umgegend machen, da der Kapitain die Dauer des Aufenthaltes niemand mittheilte, und uns anbefahl, jeden Tag der Abreise gewärtig zu sein.
Naturhistorische Forschungen waren mithin kaum anzustellen, wenigstens wäre wohl nur meist schon Bekanntes zu erzielen gewesen. So war ich darauf hingewiesen, dort nur das Leben und Treiben zu beobachten und – selbst zu leben, weshalb nur kurze Schilderungen zu erwarten aus jener glänzenden Tropenstadt.
Ein Theil der Passagiere, zu denen auch ich gehörte, wurden von Holm in einen ziemlich guten Gasthof, Nationalhotel von August Sprengel, gewiesen, und ich brachte den ersten Abend und den größten Theil des folgenden Tags damit zu, in der Stadt umher zu streifen, um einen Totaleindruck zu erwerben. Ich kann ihn nicht wiedergeben, denn viele Bogen würden nur ein unvollständiges Bild hervorrufen. – Mit Ausnahme einzelner größerer, und meist öffentlicher Bauten sind die meisten Häuser zweistöckig und haben die Bauart des südlichen Europa, unbedingt aber modificirt durch den Einfluß der Tropen. Daß die farbige Bevölkerung für ein ungewöhntes Auge anfänglich wohl den meisten Reiz hat, läßt sich denken. Kann ich aber hier Neues berichten? Wohl schwerlich, denn je nach der Auffassungsgabe einzelner Individuen sind alle diese Dinge uns schon unzählige Male erzählt worden.
Als recht charakterisirend und bezeichnend aber für den reichlichsten üppigsten Ueberfluß, welchen jener glückliche Himmelsstrich erzeugt, muß ich des Victualien-Marktes erwähnen. Ich habe selten vorher ein reizenderes, lieblicheres und zugleich belehrenderes lebendes Bild gesehen. In einer großen, im Viereck gebauten Halle liegen alle jene Früchte aufgehäuft in massenhafter Menge und um einige Pfennige zu kaufen, welche bei uns theils mit so viel Thalern bezahlt werden müßten, theils gar nicht zu haben, ja kaum dem Namen nach bekannt sind.
In Mitte mächtiger Hügel von Ananassen, Orangen von allen Arten und von unglaublicher Größe, von eßbaren süßen Citronen, Bananen, Cocosfrüchten, Feigen, Yams, süßen Zwiebeln, Artischoken und einer Unzahl anderer Dinge mit barbarischen Namen aber höchst kultivirtem Geschmacke, sitzen frische, reizende Negerinnen, lustig und guter Dinge ihre Waare anpreisend, singend und trällernd, wohl auch kokettirend, und um sie und zwischen den Früchten glänzen die glühenden Blüthen des Landes zum Verkauf oder zur Zierde dorthin gestellt. Andere jener schwarzen, plaudernden Dirnen sind fast gänzlich versteckt hinter Bergen von riesenhaften Gemüsen. Dort habe ich mich kaum getraut, den biedern deutschen Kohlkopf als Landsmann zu begrüßen, so mächtig war sein Haupt, so tropisch seine Haltung.
Fabelhaftes Seegethier, lebend und todt, wird in andern Regionen zu Kauf und Schau geboten. Fische in allen denkbaren Formen und Farben, Krebse, Hummer, Krabben, Austern und Muscheln aller Art, und dort könnte der Zoologe reiche und ganz gewiß noch unbekannte Schätze erwerben, welche vielleicht hundert Jahre lang verkauft und gespeist worden sind, ohne die Ehre gehabt zu haben, wissenschaftlich beachtet zu werden.
So habe ich selbst später in Valparaiso, dessen Fauna gegen jene von Rio eine ärmliche zu nennen, einen neuen Schmarozerkrebs gefunden, der ohne Zweifel, so lange jene Stadt besteht, in einem Seeigel zu Markte gebracht und täglich dort gegessen wird.
Das bunteste und lebendigste Gemälde aber bietet auf jenem Markte in Rio der Geflügel-Verkauf, oder besser der Wildpretmarkt, der einen weitern Theil der Halle einnimmt. Wildhühner und Enten, alle Variationen des Haushuhns, Perlhühner und Truthähne, wechseln mit lebenden glänzenden Aras und bunten Papageien. Dazwischen sind in Käfigen jene großen schwarzen Schweine ohne Rückenborsten zu sehen, deren Fleisch ganz dem Schwarzwild ähnlich, oder ein Stachelschwein, oder ein kleines unzenartiges Thier, was sich anständig und zahm geberdet, dann Affen von allen Arten und anderes fremdländisches Gethier.
Fremde von allen europäischen Nationen, die sich jenes Treiben besichtigen, Schwarze aus allen Stämmen Afrikas, verkaufend und einkaufend, arbeitend und müßig einherschlendernd, beleben das Ganze und vermehren dessen Reiz. Die ersten Tage in Rio benützte ich um einige Empfehlungsbriefe abzugeben, die ich dahin hatte. Die Mehrzahl derselben habe ich später bei Kap Horn in die See geworfen, und sie sind ohne Zweifel von den Albatrossen verschluckt worden, die dem Schiffe folgten. Binden nicht spezielle Bande den Schreiber und Empfänger solcher Briefe, oder walten nicht besondere günstige Verhältnisse ob, so bringen sie meistens wenig Nutzen.
Halb Nabob halb Englishman steht der Empfänger des Briefes vor euch, die Daumen in den Armlöchern der Weste, mit den Augen halb den Schützling musternd, halb zur Thüre hin bekomplimentirend, und aus allen diesen Halbheiten wird euch bald ganz klar, daß ihr am besten sogleich wieder geht. Ich habe es redlich gethan, freundlich, lachend, und mit höflich ausgesprochenem Troste, daß ich nicht wieder kommen werde. Zu Schutz und Entschuldigung aller jener Empfänger braucht aber kaum bemerkt zu werden, daß, wenn jeder derselben nur einen halben Tag einer solchen Empfehlung opfern wollte, der Leichtsinn, mit welchem sie häufig gegeben werden, ihm wohl wenig freie Zeit übrig lassen würde.
Als ich am ersten Tage des Abends in das Gasthaus zurückkehrte, fand ich einen ziemlichen Theil der Schiffsgenossen krank und in jämmerlichem Zustande. Der unmäßige Genuß von Früchten trug ohne Zweifel die Schuld. Ich empfahl Mäßigkeit für die Folge und ließ heißen starken Thee ohne irgend eine andere Zuthat nehmen. Durchfall und Erbrechen hoben sich überraschend schnell und die gefürchteten Fieber blieben aus. Ich für meine Person habe während meines dortigen Aufenthaltes ganz nach Belieben meine Lieblingsfrucht, die Orange, und eben so Ananas gegessen, dazwischen selbst mit Einschluß des Wassers, jedes Getränke genommen, ohne je irgend ein Uebelbefinden zu spüren. Auch die gefürchteten Muskitos ließen sich erträglich an, und ich habe in Franken in manchen Jahren während einer Nacht mehr von den dort sogenannten Schnaken (Culex pipiens) ausgestanden als während meines ganzen Aufenthalts in Brasilien von den Muskitos. Im Innern des Landes und in der Nähe von Sümpfen leugne ich natürlich nicht das Beschwerliche dieser Gäste. Diejenige Art derselben, welche uns heimsuchte, war klein, etwa zwei Linien lang und mit gefiederten Fühlfäden. Sie summt und pfeift nach Art unserer deutschen Schnaken und ihr Stich hinterläßt einen kleinen Hugel, der mehrere Tage bleibt und in der Mitte einen schwarzen Punkt hat. Wir hatten auf dem Schiffe, nachdem wir Rio verlassen hatten, einige Tage lang fast mehr von ihnen zu leiden, als am Lande selbst.
Einen der lohnendsten Ausflüge in der Umgegend von Rio de Janeiro machte ich nach einigen Tagen meines dortigen Aufenthaltes nach dem Corcovado, dem höchsten Berge in der Nähe der Stadt. Man geht eine große Strecke längs einer Wasserleitung, welche allenthalben berühmt ist und sicher diesen Ruf verdient. Ueber zwei Stunden weit wird vom Corcovado aus das Wasser einer Quelle des Rio Catetes in die Stadt geführt. Der Bau besteht aus achtzig Doppelbogen, und ist an manchen Stellen über hundert und sechzig Fuß hoch. Das Wasser läuft in demselben gedeckt und verschlossen, aber an vielen Stellen kann der Vorübergehende seinen Durst löschen, indem Oeffnungen mit eisernen Gittern das Schöpfen erlauben.
Die nächste Umgebung der Stadt, der Weg nach dem Berge selbst, der durch den bereits unweit der Stadt liegenden Urwald führt, die kostbaren Fernsichten, welche sich allenthalben, wo der Wald eine Lücke bildet, eröffnen, so wie die phantastischen Formen jener Vegetation, bieten einen unbeschreiblichen Zauber dar. Man wandert zwischen prachtvollen Stämmen riesiger Geoffracen, Rhexien, Cisalpinen und anderer gigantischer Bäume, die durch fast armsdicke Schlinggewächse decorirt und verbunden sind, und zwischen ihnen hindurch leuchten in brennenden Farben Bignonien, Lantanen, Pasifloren und hunderte jener Blumen, die bei uns mit Mühe gezogen werden.
Der Vordergrund jener herrlichen landschaftlichen Gemälde, die häufig durch Lichtungen des Waldes erblickt werden, wird bald durch vereinzelte Negerhütten in Mitte mit Früchten überschütteter Orangenbäume, bald durch pittoreske Felsparthieen, bald wieder durch gefallene und mit Parasiten bedeckte Stämme gebildet. Wohl blickt man auch, frei ab von der Höhe, über eine waldige Thalschlucht hinaus in die glänzende Ferne, auf den Hafen und einen Theil der Stadt und des Orgel- und Sterngebirges.
In geognostischer Beziehung habe ich dort manches Interessante gefunden, konnte aber leider nur wenige bezeichnende Stufen schlagen, da ich den Fehler beging, neue, noch ungeprobte Eisen mit mir zu nehmen, welche sämmtlich nach den ersten Schlägen zersprangen.
Schwarzer Glimmer scheint bedeutend vorzuherrschen in dem dortigen Granite, aber Form und Gepräge dieser Gesteine wechseln bedeutend. Schönen edlen Granat habe ich unter anderen Mineralien in einem frisch geöffneten Bruche dicht an der Straße gefunden. Die interessanteste Erscheinung aber, welche man dort aller Orten beobachten kann, ist die Verwitterung des Granits und die Zersetzung dieses Gesteins in einer Intensität, von welcher man sich bei uns kaum einen Begriff zu machen im Stande ist. An manchen Stellen finden sich Thonlager von 40 und mehreren Fußen Mächtigkeit, welche theils wohl von verwittertem ausgewaschenem Gesteine herrühren, theils aber auch blos umgewandelter Granit sind, welcher dort anstand und sich gänzlich gesetzt hat, bis auf unveränderte Quergänge und hier und da noch sichtbar auftretende Glimmerparthieen. Bisweilen aber glaubt man noch unverändertes, vielleicht nur höchstens an der Oberfläche verwittertes granitisches Gestein vor sich zu haben, so deutlich ist die Form der Bestandtheile derselben noch erhalten; aber man kann mit leichter Mühe einen Stock seiner ganzen Länge nach bis an die Faust in den scheinbaren Felsen stoßen, und ich habe mit einer sieben Fuß langen, am Wege liegenden Stange denselben Versuch mit gleichem Erfolge gemacht.
Ich habe dort mitten im unzersetzten frischen Granite flache, kaum einen Zoll mächtige plattenförmige Gebilde anstehen gefunden, welche ich auf einen Fuß Tiefe in das granitische Gestein verfolgen konnte. Diese Platten sehen so außerordentlich täuschend gewissen Formen des oberen Keupersandsteins ähnlich, daß ich an Ort und Stelle fast an die geognostische Unmöglichkeit geglaubt hätte, Nester von Keupersandstein mitten im Granite zu finden. Mitgebrachte Handstücke, welche ich noch heute besitze, belegen die Richtigkeit des Ausgesprochenen und sind von Sachverständigen stets als Keupersandstein angesprochen worden, obgleich sie blos zersetzter Granit sind.
Die warmen Regen, die dort zu gewissen Zeiten ziemlich häufig fallen, im Verein mit der bald wieder erscheinenden glühenden Sonne jenes Himmels, bewirken ohne Zweifel jene rasche und energische Zersetzung, welche für unsere Breitegrade ohne Beispiel ist. – Ich will nicht nochmals von der Aussicht sprechen, die von dem Gipfel des Corcovado sich darbietet und eben so wenig der baumartigen Farren weiter erwähnen, welche dort sich in aller Pracht entfalten, da gelehrte Botaniker den letzten Gegenstand wenn nicht erschöpft, doch hinlänglich berührt haben.
Dagegen will ich eines Negertanzes erwähnen, den wir, heimkehrend, zu beobachten Gelegenheit hatten. Im Hofe eines jener Landhäuser, die schon unweit der Stadt beginnen, und dann stets isolirter und vereinzelter bis in weite Entfernung von derselben angetroffen werden, hatten sich die Schwarzen beiderlei Geschlechts versammelt und führten einen ihrer National-Tänze auf. Die Wahrheit zu gestehen, war bei diesem Tanze wenig zu bemerken von kindlicher Unschuld eines Naturvolkes oder ungekünstelter Grazie. Die Tanzenden waren je nach dem Geschlechte in zwei Reihen gestellt. Einer der Männer sprang vor und näherte sich mit hüpfenden Schritten, welche allerdings einige entfernte Aehnlichkeit mit regelrechten Pas hatten, der weiblichen Reihe. Die gewählte Dame, vor welcher er stehen blieb, trat vor, und nun begann der Tänzer eine Reihenfolge von Bewegungen, welche nichts weniger als zweideutig genannt werden dürfen, sondern vielmehr höchst unzweideutig und nicht näher bezeichenbar waren. Hatten sämmtliche schwarze Herren ihre Tour beendet, begannen die Damen dieselben Manöver. Ich brauche wohl kaum zu bemerken, daß was, gelinde bezeichnet, bei den Männern als burlesk betrachtet werden konnte, von Frauen ausgeführt höchst widerlich erschien. Das Ganze löste sich in eine wilde, verworrene, jauchzende und tobende Gruppe, worauf wieder das vorher geschilderte Spiel begann.
Als begleitendes musikalisches Instrument diente ein rohes an der Sonne getrocknetes Kalbfell auf eine Tonne gelegt, nicht gespannt, und mit einem harten Holzstücke geschlagen und fast ununterbrochen von den Tanzenden mit einem eintönigen Gesange begleitet. Wir glaubten die ewig wiederholten Worte Aira, Aira, re! verstanden zu haben.
Man hat mich von glaubwürdiger Seite versichert, daß jener Tanz ein Nationaltanz der Neger sei und nicht die Parodie oder Nachäffung des Menuett, wie ich theilweise zu glauben geneigt war.
Das Interessanteste, was ich auf jener Excursion in zoologischer Hinsicht getroffen, war ein negatives Resultat. Ich habe nämlich keinen einzigen Käfer getroffen, obgleich mir die Fundorte dieser Thiere wohl bekannt sind, und ich kein ungeübtes Auge besitze. Ich glaube nicht, daß die Jahreszeit hieran die Schuld trug, denn Dipteren, Hymenopteren, Hemipteren und prachtvolle Lepidopteren waren zahlreich zu treffen. Am häufigsten unter den größeren Schmetterlingen war der schöne Bombyx Atlas, der dem chinesischen und japanischen kaum etwas an Größe nachgab. Auch Aeronauta phorbanta oder eine ihm wenigstens sehr ähnliche Species saß häufig an den glatten Stämmen jener mächtigen Bäume, mit den großen blau gefärbten Flügeln schlagend und ausschwitzende Säfte saugend. Für mich, der ehemals leidenschaftlich gesammelt hatte, war es ein eigenthümliches bittersüßes Gefühl, diese prachtvollen Thiere, die Idole meiner Knabenzeit, lebend und in solcher Menge zu sehen, ohne sie fangen zu dürfen. Aber ich hatte mir zum Grundsatz gemacht, hier in Brasilien wenigstens keine Schmetterlinge mitzunehmen, da Transport ohne Beschädigung auf der weiteren Reise kaum möglich gewesen wäre. Die leicht transportirbaren Käfer aber sollen, wie man mir sagte, in der Umgebung von einigen Stunden überhaupt sehr selten sein, da eine Menge von Speculanten ihre Neger ausschicken, um sie einzufangen und an europäische Naturalienhändler zu versenden. Auch in ornithologischer Beziehung sahen wir nur einige kleine finkenähnliche Vögel, hingegen drei Gesellschaften von Brasilianern, welche mit Vogelflinten bewaffnet jagten, indessen auch noch ohne sonderliche Beute waren.
Außer einem mächtigen Regenwurme, vielleicht eine neue Lumbricus-Art, welchen ich aber nicht mitnehmen konnte, war ebenfalls kein kriechendes Thier zu sehen.
Ich bedaure, meinen Lesern nicht von einem Kampfe mit einer Klapperschlange erzählen zu können oder vor ihren Augen eine Boa constrictor erlegen zu dürfen, aber ich vertröste sie auf Chile! Dort werde ich sie über die Gipfel eines Urwalds hinwegführen, sie werden auch ein höchst merkwürdiges Abenteuer mit einem Löwen bestehen sehen, und überhaupt die interessantesten Dinge vernehmen. Zwar nichts Neues, Alles schon dagewesen! Aber wer vermag lauter Nova zu liefern, wenn er wahr sein und nicht ungebührlich »decoriren« will!
Das lebhafte rege Leben, was in tropischen Städten erst mit dem Abende beginnt und bis in die späte Nacht fortdauert, ist so bekannt, daß eine Schilderung desselben vollständig überflüssig.
In Rio de Janeiro aber sind die Abende schon vor Sonnenuntergang prachtvoll, weil der Seewind, der dort herrscht, kostbar erfrischt. Ich brachte bisweilen, war ich gerade nicht auf einer größern Excursion, solche Abende in einer jener Restaurationen nahe am Hafen zu, welche einem Franzosen gehörte, und woselbst ich später kurz vor der Abreise auch einige Tage wohnte. In diesen Anstalten herrscht eine merkwürdige Mengung von französischer Eleganz, brasilianischem Ueberflusse und zugleich, wie soll ich mich ausdrücken, – einer gewissen Einfachheit der Sitten.
Die großen bogenförmigen Thüren sind in den zu ebener Erde und gegen die See liegenden Speisezimmern stets geöffnet, so daß die frische Luft ungehindert Zutritt hat, an den Wänden schöne Kupferstiche, die kleinen Speisetische mit Silber und Kristallglas geziert und in der Mitte des geräumigen Gemaches eine Art Buffet zierlich, ja malerisch geschmückt mit allen jenen eßbaren Produkten des Landes aus Thier- und Pflanzenreich, die bei uns mit Gold gewogen, dort um einige Kreuzer zu haben sind, eine Miniatur-Ausgabe des besprochenen Victualienmarktes. Hinter einem andern in der Tiefe des Zimmers befindlichen Buffet beaufsichtigt eine zierliche Französin die Spirituosen. Aber der Kellner geht in Hemdärmeln, in abgetretenen Pantoffeln, nicht selten ohne Strümpfe und die Bedienung ist, wenn gerade nicht langsam, doch eigenthümlich. Ich war Augenzeuge, wie ein Fremder ein Glas Cognac verlangte. Der am Buffet lehnende Garçon hatte zufällig die linke Hand in der Tasche seiner Beinkleider stecken. Es war ihm lästig, sie zu entfernen, und so ergriff er die in der Nähe stehende Cognac-Flasche mit der Rechten, beseitigte den Stöpsel mit den Zähnen, füllte ein Gläschen und verkorkte die Flasche wieder auf dieselbe Weise, ohne die Linke zu rühren. Hier wußte die Linke nicht, was die Rechte that und umgekehrt, wie es häufig in unsern Kammern der Fall ist.
In jener Restauration versammelte sich ein großer Theil der Reisenden, deren Schiffe im Hafen lagen, und das babylonische Gewirre aller Sprachen, welches meist dort herrschte, ist schwer zu beschreiben. So war ein nordamerikanisches Schiff, welches, wie wir, nach Kalifornien bestimmt war, bei Kap Horn wegen Havarie gezwungen gewesen, umzukehren, und dessen Passagiere gaben uns jeden Abend Gelegenheit, Yankee-Sitte vor Augen zu haben. Eine Cigarre oder Kautabak im Munde, und war es halbweg möglich beide Füße auf dem Tische, spuckten diese Gentlemen mit bewundernswürdiger Virtuosität weit ab von sich an Wände und Geräthschaften. Aber ich hatte auch Gelegenheit, den durchweg praktischen Sinn jener Leute zu beobachten. Sie hatten an einem Abend auf der Straße vor dem Gasthause Händel mit den Brasilianern angefangen, man hatte die Messer gezogen, und einige der Nordamerikaner waren, ich weiß nicht auf welche Art, durch tiefe Querschnitte über den Rücken verwundet worden. Es war nöthig, vor der Uebermacht auf der Straße sich durch das Haus auf die andere Seite in's Freie zurückzuziehen, und sie bewirkten diesen Rückzug, indem sie gänsemarschartig sich mit außerordentlicher Geschmeidigkeit durch alle Gäste schoben, den Einzelnen wegstoßend, größeren Gruppen ausweichend und die Verwundeten so mit sich schleppend, daß diese mit beiden Händen sich an den Schultern des Vordermanns festhielten, während ihr Hintermann sie selbst am Kragen gefaßt hielt.
Nicht leicht habe ich den Ausdruck heiterer und harmloser Freude über eine ganze Bevölkerung ausgebreitet gesehen als in Rio de Janeiro am Vorabende des Johannis-Festes.
Sicher ist es eine der glücklichsten Segnungen der meisten warmen Länder, daß ihre Bewohner eine gewisse kindliche Gemüthlichkeit, einen eigenthümlichen gütlichen Leichtsinn bewahren, die sich bei jeder Gelegenheit äußern. Am Johannis-Feste freut sich alles, eben weil man sich freut. Auf den Straßen eine heitere, wogende, jubelnde Menge, in den Häusern geladene Gäste, freundliche Hausherren und geschäftige Diener, Scherz und Lust in jedem Winkel des Hauses, in jeder Laube des duftenden Gartens. Sobald es zu dunkeln beginnt, erheben sich tausende von farbigen Ballons in die Luft, die entweder in der Höhe verschwinden oder durch ein angebrachtes Feuerwerk in Flammen gerathen und Leuchtkugeln oder Raketen auswerfen. Aber auch auf der Erde entzünden sich allenthalben plötzlich farbige Leuchtsätze und nicht selten wird irgend eine zärtliche Gruppe unfreiwillig beleuchtet, Raketen steigen in die Höhe, Schwärmer und sogenannte Frösche blitzen und knallen aller Orten. Das eigentliche Johannisfeuer aber, von welchem sich auch in Deutschland an mehreren Orten noch Spuren erhalten haben, brennt vielfach in jeder Straße und auf größeren Plätzen in mächtigen Flammen. Alte Kisten und Tannen, unbrauchbares Hausgeräthe und hundert andere brennbare Dinge werden aufgespart auf diesen Tag, und Jedermann sucht sein Scherflein beizutragen für diese allgemeinen Freudenfeuer.
Mich hat dort verwundert, wie geduldig die Pferde über jene Feuer hinwegliefen, denn da die letzteren in ganz engen Straßen brannten, wo an kein Ausweichen zu denken war, mußten alle Wagen, welche zu hunderten die Stadt durchzogen, durch die Flammen fahren, so daß brennende Holzstücke oft zwanzig Schritte weit von den Rädern hinweggeführt wurden.
Die Heiterkeit des Abends wurde wieder durch eine Anzahl Nordamerikaner gestört, welche Unfug verübten und durch die Polizei zur Ruhe gebracht werden mußten. Wir erfuhren bei dieser Gelegenheit die Bedeutung des Wortes »Californi!« welches man uns bei der Einfahrt in den Hafen zugerufen hatte. Es hatten schon vor unserer Ankunft die Passagiere mehrer gleichzeitig im Hafen von Rio verweilender nordamerikanischer Schiffe manchfache Tollheiten und Unarten verübt, in Schenken z. B. statt die Zeche zu zahlen, Geräthe zerschlagen, Raufereien begonnen, Dirnen mißhandelt u. s. w. Da jene Schiffe nach Kalifornien bestimmt waren, so kam unter dem Volke als Schimpfwort jener Name in Umlauf, mit welchem man ohne Unterschied alle nach Kalifornien Reisenden belegte. –
Man wird von mir keine statistische Notizen über Rio verlangen, die allenthalben eben so gut oder schlecht als ich sie geben könnte, nachzuschlagen sind. Daß die 100,000 Einwohner, welche mit Einschluß der Neger die Bevölkerung ausmachen, sich durch das, einige Monate nach meiner Anwesenheit ausbrechende gelbe Fieber bedeutend vermindert haben, ist bekannt; aber solche Verluste ersetzen sich schnell in der neuen Welt, theils durch fremde Ankömmlinge, theils wie hier in Rio, durch Schwarze.
Das Militair hat keinen sehr günstigen Eindruck auf mich gemacht. Es besteht, mit Ausnahme von Fremden, welche in brasilianische Dienste getreten sind, aus Negern, und es ist in der That kein Scherz, wenn ich sage, daß der erste Anblick dieser Krieger mich an eine Affen-Komödie erinnert hat. Sich selbst überlassen, stehn die Schwarzen meist mit gebogenen Knieen, wodurch die ohnedies langen Arme noch länger erscheinen und dies, vereint mit den schwarzen, bisweilen wirklich fratzenhaften Physiognomien bringt jenen pavianartigen Typus zuwege. Doch stehen sie wacker und ernsthaft Schildwacht und wissen, ganz auf europäische Weise, Zudringliche von verbotenen Stellen zu entfernen.
Ich habe den Kaiser Dom Pedro mehrmals auf der Parade gesehen, welche er zu Pferde besuchte. Die Generäle und hohen Stabsoffiziere fahren in kleinen einspännigen, geschlossenen Wagen dorthin. Der Kaiser scheint durchgängig beliebt zu sein und zwischen den beiden dort herrschenden Parteien die Wage zu halten. So viel mir während meines kurzen Aufenthaltes von den dortigen politischen Verhältnissen klar geworden, besteht eine sogenannte altportugiesische Partei, welche die früheren Verhältnisse zurückwünscht, und auf der andern Seite die Partei der Brasilianer, welche das constitutionelle Kaiserthum erhalten wissen will, wohl auch noch weitere Fortschritte in diesem Sinne wünscht. Der Kaiser, welcher eine sehr geringe Civilliste bezieht, soll bei ernstlichen Händeln zu verschiedenen Malen mit Bestimmtheit gedroht haben, abzudanken, was stets eine rasche Vereinigung der streitenden Kräfte herbeiführte. Von beiden Seiten mag man wohl eingesehen haben, daß einestheils ein Kaiser in Brasilien wenigstens für die Gegenwart und ohne eine vollständige Anarchie herbeizuführen, nöthig, vielleicht haben auch gefürchtete Eingriffe von Außen, im Falle einer Umwälzung, das ihrige beigetragen. Wohl aber ist es auch beiden Parteien klar, daß man mit so wenigen Opfern wie gegenwärtig kaum irgendwie ein Staatsoberhaupt werde erhalten können. – Vielleicht ist hier, da ich doch einmal begonnen, von politischen Dingen zu sprechen der passendste Ort der Sklaverei zu gedenken.
Die Sklaverei ist in Brasilien zwar nicht aufgehoben, indessen insofern beschränkt, daß keine neuen von Afrika aus eingeführt werden sollen. Das heißt, es existirt ein Gesetz[4], welches dies verbietet; nichts desto weniger kommen indessen fortwährend Ladungen dieser schwarzen Waare an die Küste, werden heimlich ausgeladen, in die Pflanzungen geschafft und dann endlich nach und nach in die Städte gebracht, wenn man ihrer bedarf.
Man braucht nicht zu sagen, daß die Behandlung der Sklaven eine schlechte sei, es reicht hin, zu bedenken, daß sie eine willkürliche ist.
Wenn aber ein Individuum der Willkür eines andern, und wie hier, kaum mit dem Schatten eines Gesetzes geschützt, überlassen ist, kann man die Folge wohl errathen. Selbst bei bessern Gemüthern liegt es leider oft nahe, Aerger und üble Laune an der Umgebung auszulassen. Es ist klar, daß gemeine und boshafte Naturen jede üble Disposition den unbeschützten Schwarzen fühlen lassen. Ein verfehltes Handelsgeschäft trägt dem Sklaven Prügel ein von seinem Herrn, und die Frau, der etwa ein Liebeshandel entdeckt oder vereitelt worden, peinigt ihre Sklavin bis auf's Blut, wie die Damen überhaupt mit eigentlichem methodischen Quälen in jeder Beziehung besser umzugehen wissen, als Männer, welche einmal derb darein schlagen, physisch oder moralisch, und dann Ruhe geben, wenigstens auf einige Zeit.
Was mich am meisten empört hat, ist das Mißhandeln der Mütter in Gegenwart ihrer Kinder und umgekehrt. Ich habe zehnmal und öfter vielleicht in einem Morgen gesehen, wie die Herrin in der Küche der dort beschäftigten Sklavin im Vorübergehen einige Hiebe versetzte, je nach Bequemlichkeit auf Kopf oder Rücken, und mit dem Gegenstande, den sie eben gerade in der Hand hatte, während ihre Gehülfin das Kind der Negerin mit einem Fußtritte aus der Küche schleuderte.
Wißt ihr, Freunde der Humanität, was ich dort gethan habe? Ich habe jenem schlagenden Drachen Confect überreicht, welches ich zufällig vorher gekauft hatte, und der Schwägerin, welche dem Kinde ihre Aufmerksamkeit durch Fußstöße erzeigte, sagte ich einige Schmeicheleien, denn beide Damen waren sanfte, deutsche Landsmänninnen. Man begreift, daß verdoppelte Mißhandlungen die Folge gewesen wären, hätte ich gewagt, Gegenvorstellungen zu machen. War man Zeuge einer solchen Behandlung, und ich habe Analoges öfter gesehen, so begreift man schwer, wie der lustigste heiterste Theil der Bevölkerung doch unbedingt immer die Neger sind. Der kurz vorher durchgeprügelte Schwarze entwickelt ganz ungetrübt Fröhlichkeit, wenn die Folgen der Strafe ihn nicht allzudeutlich an dieselbe erinnern, ja er wird unverschämt, wenn er nicht stets im Zaum gehalten oder an sein »Verhältniß« erinnert wird.
Ich will jetzt erzählen, wie ich selbst Neger geprügelt habe.
Fast sämmtliche Passagiere der Kajüte hatten bei Kaufmann Holm sich Bedürfnisse für die weitere Reise gekauft und einer der Passagiere und ich hatten aus Gefälligkeit den Transport dieser Gegenstände auf unser Schiff übernommen. Ich muß hier ausdrücklich bemerken, daß jener Passagier, ein junger begabter Mann, für Freiheit, Menschenrechte und dergleichen großartig schwärmte und in Folge des Jahres 1848 sich 1849 etwas rasch aus Deutschland entfernt hatte.
Wir hatten etwa 20 Neger gemiethet, denselben unsere verpackten Waaren gegeben, und wollten sie so zum Hafen führen. Aber schon nach den ersten Straßen, welche wir zurückgelegt hatten, schnitten uns die Neger Fratzen, führten allerlei Kapriolen aus, und machten ersichtlich Anstalt, sich nach allen Richtungen hin zu zerstreuen. So machte mir mein junger Freund selbst den Vorschlag, um uns »Respect« zu verschaffen, einige, allenthalben zum Verkaufe ausstehende Bambusröhre zu erstehen. So rasch dies geschah, so schnell waren die Neger wieder in Reihe und Glied, singend und guter Dinge zum Hafen wandernd.
Ich bin mir dort sonderbar vorgekommen, mit meinem Bambusstocke eine Reihe Sklaven führend.
Angekommen am Kai, lohnten wir die Neger bedungenermaßen ab, aber einige derselben gaben uns durch leicht verständliche Zeichen zu erkennen, sie wünschten ein Trinkgeld. Ich gab mehreren eine Kleinigkeit, nun aber hatten sie mich vollständig zum Besten, drängten uns immer weiter an den Rand des Kai, und gerade die, welche etwas erhalten hatten, waren die tollsten und ausgelassensten.
Als mich endlich einer bei den Schultern faßte, riß meine Geduld, ich holte aus, und schlug derb auf die wolligen Krausköpfe nach allen Richtungen hin, während mein freisinniger Freund, gleiches thuend, mich getreulich unterstützte. Der Erfolg war, daß die Neger auseinanderstoben und sich mit Gelächter zerstreuten. So waren wir also, eigentlich buchstäblich um uns zu schützen, genöthigt, eine Handlung auszuüben, welche wir wohl beide vorher als eine Rohheit erklärt hatten.
Ich glaube, daß eine strenge Behandlung nöthig ist, wo einmal Sklaverei herrscht, ja daß dieselbe eines der Mittel ist, wodurch eine allgemeine Empörung verhütet wird. Exempla sunt odiosa.
Aber der Hauptgrund, weshalb wenigstens in Rio de Janeiro und Brasilien überhaupt kein eigentlicher Sklavenaufstand ausgebrochen, ist der, weil die meisten der Sklaven, wenigstens der importierten, sich unter einander tödtlich hassen. Sie gehören verschiedenen Stämmen Afrika's an, die, in der Heimat sich bekriegend, und selbst gegenseitig als Sklaven an die Weißen verkaufend, hier in Brasilien ihre Feindschaft um so eifriger fortsetzen, da sie sich wechselseitig als die Ursache ihres gegenwärtigen schlimmen Looses betrachten.
Die Sklaverei ist allerdings etwas Schändliches und das Empörende derselben ist noch augenfälliger für den, der nicht von erster Jugend an diesen Anblick gewöhnt ist, und für den – welcher keinen Vortheil davon hat.
Man hat eingewendet, daß man von den frühesten historischen Zeiten an Sklaven gehabt, und sie behandelt, wie man es gegenwärtig thut; man hat gesagt, daß im Vaterland der Neger selbst die Sklaverei zu Hause; das ist Alles richtig, ja es ist sogar wahr, daß man bei sehr vielen Negerstämmen nicht selten einen wohlgenährten Sklaven, welcher ein zartes Fleisch zu liefern verspricht, aufspeist.
Aber giebt das frommen und gläubigen Christen, oder den aufgeklärten freien Republikanern ein Recht, solche heidnische und barbarische Gebräuche beizubehalten? Oder hat es Grund, daß die Fortschritte des Menschengeschlechts vorzugsweise repräsentirt werden durch Dampfmaschinen und Schnellpressen, durch Kleider ohne Naht und Streichfeuerzeuge, durch vulkanisirten Kautschuck, Missionsgesellschaften und die Anwendung der Galvanoplastik?
Eine traurige Thatsache ist, daß unter den Tropen weiße Männer kaum oder gar nicht Feldarbeit verrichten können und daß der dort geborene Indianer nie zu gedungener Arbeit zu bringen ist, so daß afrikanische Arbeiter unvermeidlich erscheinen, wenn Weiße jene Länder überhaupt benützen und bewohnen wollen.
Die ganze Welt weiß, daß diese Wahrheit eine der wichtigsten Lebensfragen für die Einigkeit wenigstens der nordamerikanischen Freistaaten ist.
Der Preis eines Sklaven ist sehr verschieden, 200 Thaler (à 2 fl. 30 kr.) für ein männliches Individuum, was halbweg rüstig, ist wohl das Minimum, aber diese Preise steigen mit der Kunstfertigkeit des Negers bedeutend, 800, 1000 Thaler und auch höher, wie man mir sagte. Weiber sind im Verhältnisse billiger, indessen bestimmen auch hier körperliche Vorzüge und Geschick den Preis.
Wer sich kürzere Zeit in Brasilien aufhält, kann sich Sklaven miethen und hier sind die Preise ebenfalls wieder bedingt durch die Fähigkeiten derselben, durchschnittlich 20-30 Thaler per Monat. Ja man kann sich in Rio de Janeiro aller Orten Sklaven auf Tag und Stunde miethen, indem es dort eine häufige Spekulation ist, die Schwarzen beiderlei Geschlechts des Morgens hinauszuschicken, um eine gewisse Summe zu verdienen, welche des Abends abgeliefert wird. Der Mehr-Verdienst gehört den Sklaven, was beim Weniger geschieht, braucht kaum erwähnt zu werden.
Ein freundlicheres Bild als diese Sklavenzustände giebt der botanische Garten, aber in allen Notizen über Rio de Janeiro ist dessen erwähnt, so daß ich nur wenig über denselben berichten werde. Der Stifter dieses Gartens war ein Mönch, und die Grundidee, welche denselben leitete, die, alle Kulturpflanzen der Erde, einheimisch unter gleichen Breitegraden oder im wärmeren Klima überhaupt, dort zu vereinigen, die Bedingnisse ihres Gedeihens zu studiren, und sie dann in Brasilien zu verbreiten. So viel ich weiß, ist dieser Zweck nur unvollkommen erreicht worden, obgleich von Zeit zu Zeit die Regierung ihn kräftig unterstützt hat. Ich halte diesen Garten für den schönsten der Welt und habe ihn an Ort und Stelle für eine lebende Illustration zu »Tausend und eine Nacht« erklärt.
Die Anlage desselben ist einigermaßen im altfranzösischen Style gehalten, aber jene Kinder der tropischen Flora haben sich nicht binden lassen durch Schnürleib und Perücke, und so ist nur das Zierliche der Etikette geblieben, und deren Steifheit verschwunden.
Man kann sich denken, welchen Effect mächtige Baumgruppen machen, die zusammengestellt sind aus den abenteuerlichsten und prachtvollsten Blattformen der Erde.
Eine lange Allee des australischen Brodfruchtbaums fällt beim ersten Anblick in die Augen und überrascht durch die eigenthümliche Form der Stämme. Mächtige Gruppen von Bambusrohr imponiren durch ihre Höhe, während anderwärts ein Feld mit Theestauden, ferner Kaffeebäume, Baumwollenbäume, Cacaobäume und alle Gewürze Indiens vor unsern Augen blühen oder Früchte tragen. Lauben, mit phantastischen Schlinggewächsen überzogen, kleine künstliche Bassins, das mystische Dunkel mehrerer Partien des Gartens, so wie die allenthalben beschäftigten Neger vollenden das prachtvolle Bild, jener Abtheilung des Gartens gar nicht zu gedenken, in welcher man die kostbarsten Blumen blühen sieht und wo selbst europäische Zierpflanzen, möglichst kühl gehalten und durch Tücher vor der Sonne geschützt, gezogen werden.
Wenn man das über den Hafen fahrende Dampfboot benützt, hat man von der Stadt aus etwa eine Stunde bis zum botanischen Garten. Auf jenem Wege habe ich wieder auffallende Beweise von der stellenweise so starken Verwitterung des Granits gefunden und bezeichnende Handstücke erworben.
Einige Tage, ehe wir Rio verließen, liefen abermals einige Schiffe ein, welche theils bei Buenos Ayres, theils näher bei Kap Horn so bedeutend beschädigt worden waren, daß sie umwenden und im Hafen von Rio den erlittenen Schaden ausbessern mußten. Zugleich verbreitete sich das Gerücht, als sei in diesem Jahre die Schifffahrt bei Kap Horn gefährlicher als je. Das schien bedenklich.
Mehr aber noch war die fast gleichzeitig eingelaufene Nachricht vom Vaterlande aufregender Art. Die Revolution sei erneut und vollständig ausgebrochen. Ein Theil der Fürsten sei getödtet, die anderen verjagt, die Armeen zum Volke übergetreten. Blutige Rache werde genommen an Besitzenden, und Deutschland gehe einer freien, schönen Zukunft entgegen.
Vielleicht hat selten eine Nachricht bei Leuten verschiedener Parteien einen gleicheren Eindruck hervorgebracht.
Diejenigen, welche an die Schönheit jener Zukunft glaubten, bedauerten, das Vaterland verlassen zu haben im entscheidenden Augenblicke. Wir anderen, die bescheidene Zweifel hegten, waren in Sorge, der zurückgelassenen Angehörigen halber. So bedauerte jeder, nicht anwesend zu sein in der Heimat, und wir trösteten uns beinahe gegenseitig, statt uns zu befeinden.
Es war die erste Nachricht vom badischen Aufstande, welche also vergrößert über die See gedrungen war. Erst in Chile erfuhren wir durch vor uns gekommene Dampfer den wirklichen Verlauf der Sache.
Nun aber, ehe ich Rio de Janeiro verlasse, will ich noch einige Angaben über die Temperatur des Wassers und der Luft beifügen – auf See, und über die in Rio selbst.
Ich habe von Bremen an täglich dreimal die Temperatur der Luft genommen und die des Wassers einmal, die Barometerstände wurden anfänglich nur einmal verzeichnet, später indessen, vom 31. Grade nördlicher Breite an bis zum Aequator, von da bis zu Kap Horn und wieder weiter bis Chile, stündlich von früh 9 Uhr bis des Abends 10 Uhr.
Für die vorliegenden Blätter wäre die Angabe dieser bedeuteten Reihe von Zahlen natürlich eine zu ausgedehnte, und eine langweilige Zugabe für den Leser. Ich habe daher unten gewissermaßen nur einen Auszug gegeben, indem ich von Bremen an bis zum 21. Grade nördlicher Breite die Temperatur der Luft und des Wassers blos wochenweise gebe, von dort an aber bis zum Aequator und weiter bis nach Rio de Janeiro die täglichen Stände anführe. Die Barometerstände habe ich gänzlich weggelassen, eben so die Angabe des Windes. Durch die Angabe der Länge und Breite aber kann genau die Stelle gefunden werden, wo sich das Schiff am bezeichneten Tage befunden und der ganze Kurs desselben liegt mit etwaiger Beihülfe einer Karte vor.
Es ist die Länge von Greenwich aus genommen und die Temperatur, genommen im Schatten auf Deck, nach dem Thermometer von Reaumur angegeben. Das Seewasser war mit passender Vorrichtung von der Oberfläche geschöpft.
| Datum 1849 |
Temperatur der Luft des Mittags 12 Uhr |
Temperatur des Wassers des Morgens 9 Uhr |
Länge westliche |
Breite nördliche |
| April 23. | + 7.0 | + 5.7 | Nordsee | u. Kanal |
| " 29. | + 7.0 | + 6.5 | 2° 32' | 51° 52' |
| Mai 5. | + 10.5 | + 10.0 | 9° 22' | 45° 50' |
| " 11. | + 15.3 | + 14.3 | 14° 58' | 32° 58' |
| " 16. | + 18.7 | + 18.0 | 21° 19' | 21° 10' |
| " 17. | + 18.8 | + 17.0 | 22° 30' | 18° 9' |
| " 18. | + 18.8 | + 17.5 | 22° 36' | 15° 22' |
| " 19. | + 19.3 | + 18.7 | 22° 36' | 12° 38' |
| " 20. | + 20.0 | + 19.2 | 22° 30' | 10° 35' |
| " 21. | + 21.5 | + 20.5 | 22° 21' | 8° 36' |
| " 22. | + 23.0 | + 21.0 | 22° 37' | 8° 30' |
| " 23. | + 20.0 | — | 22° 33' | 4° 50' |
| " 24. | + 22.5 | + 21.5 | 22° 19' | 4° 37' |
| " 25. | + 23.0 | + 22.2 | 21° 55' | 4° 36' |
| " 26. | + 22.3 | + 22.0 | 22° 22' | 4° 58' |
| " 27. | + 21.5 | + 22.2 | 19° 38' | 4° 52' |
| " 28. | + 21.8 | + 22.3 | 20° 23' | 4° 24' |
| " 29. | + 22.5 | + 21.5 | 20° 10' | 4° 5' |
| " 30. | + 22.5 | + 21.5 | 21° 41' | 2° 38' |
| " 31. | — | + 21.8 | 23° 28' | 1° 20' |
| Juni 1. | + 21.8 | + 21.5 | 24° 56' | 0° 38' |
| " 2. | + 21.5 | + 21.2 | 26° 16' | 0° 4' |
| Passiren d. | Aequators | südl.Breite | ||
| Datum 1849 |
Temperatur der Luft des Mittags 12 Uhr |
Temperatur des Wassers des Morgens 9 Uhr |
Länge westliche |
Breite südliche |
| Juni 3. | + 22.0 | + 21.1 | 26° 30' | 0° 35' |
| " 4. | + 22.4 | + 22.4 | 26° 50' | 2° 41' |
| " 5. | + 22.4 | + 21.9 | 27° 46' | 5° 36' |
| " 6. | + 22.1 | + 21.6 | 28° 47' | 8° 9' |
| " 7. | + 22.2 | + 21.4 | 29° 35' | 10° 50' |
| " 8. | + 21.1 | + 21.0 | 31° 14' | 12° 48' |
| " 9. | + 21.5 | + 21.0 | 32° 55' | 14° 12' |
| " 10. | + 21.4 | + 20.8 | 32° 55' | 14° 11' |
| " 11. | + 20.9 | + 20.5 | 32° 55' | 15° 4' |
| Juni 12. | — | + 20.4 | 34° 39' | 16° 13' |
| " 13. | + 20.5 | + 19.9 | 36° 22' | 17° 48' |
| " 14. | + 20.0 | + 19.0 | 37° 46' | 19° 23' |
| " 15. | + 20.5 | + 19.3 | 38° 36' | 20° 49' |
| " 16. | + 19.8 | + 18.5 | 39° 13' | 22° 50' |
| " 17. | + 19.9 | + 18.8 | 42° 30' | 23° 49' |
| " 18. | + 17.0 | + 17.1 | — | — |
| " 19. | + 15.1 | + 17.3 | 22° 57' | 21° – |
| " 20. | + 18.0 | + 17.4 | — | — |
| " 21. | + 20.3 | + 18.0 | — | — |
Bescheidene Zweifel hegend, daß jeder der freundlichen Leser diese Tabelle einer genauern Beachtung gewürdigt, ja beinahe überzeugt, daß der überwiegende Theil derselben dies nicht gethan hat, füge ich einige Mittelzahlen bei.
Vom 21° 10' bis 0° 4' nördlicher Breite war im Mittel von 17 Beobachtungen die Temperatur der Luft + 21.1 R., und in denselben Breiten und ebenfalls in 17 Beobachtungen, jene des Wassers + 20.5 R.
Von 0° 35' bis 20° 49' südlicher Breite ergiebt das Mittel von 12 Beobachtungen die Temperatur der Luft + 21.4 R., und in denselben Breiten in 13 Beobachtungen das Wasser eine Temperatur + 20.9.
Es war also, obgleich auf der nördlichen Halbkugel Sommer und auf der südlichen Winter war, die Luft und das Wasser auf der letzteren um etwas Weniges wärmer als auf der nördlichen. Man kann indessen nach dem Vorliegenden und mit Vernachlässigung dieser geringen Differenzen die Temperatur des Wassers und der Luft unter den Tropen und auf See für die nördliche und südliche Halbkugel als eine gleiche betrachten.
In Rio de Janeiro war im Mittel von 9 Beobachtungen des Morgens um 6, des Mittags und 8 des Abends die Temperatur in der Rua de Cotovello im Schatten:
Des Morgens 6: + 22.0 R., des Mittags 12: + 24.5 R., des Abends 9 + 22.8 R. Immerhin ein ganz artiges Winterwetter.
Wieder auf der Reform und geschaukelt auf den sanften Armen der alten Thetis, schien uns anfänglich Alles sich vereinigt zu haben, die Fahrt zu einer angenehmen zu machen. Segelnd bei dem Winde mit Nord-Ost, oder mit Nord vor dem Winde und bei aufgesetzten Leesegeln kamen wir so rasch vorwärts, daß wir in den ersten Tagen fast täglich drei Breitegrade durchfuhren und bald die Höhe von Buenos-Ayres erreicht hatten.
Am Bord war ein reges Leben. Die Passagiere suchten die in Rio de Janeiro gekauften Vorräthe, meist alle eßbarer Natur, unterzubringen. Ich verpackte und verstaute Naturalien, welche ich dort erworben, indianische Waffen und andere Gegenstände, und des Abends wurde dem erstandenen Lissabonwein, der an Portwein erinnert, aber süßer ist, nicht selten wacker zugesprochen. So machte es wenig Eindruck, daß, kaum aus dem Hafen von Rio ausgelaufen, uns der »Expreß« begegnete, ein Schiff unseres Rheders, welches vor uns von Bremen abgesegelt und auf der Höhe von Buenos-Ayres übel zugerichtet worden, so daß es umkehren und in Rio bessern mußte. Die Barke hatte am linken Mast Braam- und Royalstangen verloren und sah höchst jämmerlich und zerschunden aus.
Die Fauna des Meeres ist in jenen Breitegraden eine reichliche. Wir sahen häufig Quallen von allen Arten, unter welchen Scheibenquallen von mehreren Fußen Durchmesser nicht selten. Delphine begegneten uns, Züge von Butzköpfen wurden gesehen, und mannichfache Seevögel, worunter auch schon Albatrosse, begleiteten das Schiff.
Aber auf der Höhe von Buenos-Ayres schon begannen wir einen Vorgeschmack zu bekommen von den Freuden des Kap Horn. Die See ward stürmisch und die häufigen Gewitter, welche unter jenen Breiten herrschen, trieben uns bald ost- bald westwärts. Dort kamen die ersten starken Wellen über Bord und ich erinnere mich noch des eigenthümlichen Anblicks, welcher uns in der Kajüte während des Mittagessens durch einen solchen unwillkommenen Gast zu Theil wurde. Eine ziemliche Anzahl der Passagiere des Zwischendeckes standen an der Luvseite des Schiffes, als plötzlich eine mächtige See über Bord schlug, und da gleichzeitig sich das Schiff rasch auf die Leeseite legte, wurden sie sämmtlich ziemlich unsanft, aber desto rascher von der Backbordseite auf die Steuerbordseite geschleudert, begleitet und durchnäßt von einer mächtigen Wassermasse. Da unser Skylight mit vergittertem Glase gedeckt war, blieb es unbeschädigt, aber keiner von uns in der Kajüte konnte sich anfänglich erklären, was die Menge von Armen, Beinen und Köpfen zu bedeuten hatte, welche rasch und polternd und bunt durcheinander gemengt, das Skylight passirte.
Bald übrigens erlangt man die Uebung beurtheilen zu können, ob eine See über Bord kommen wird oder nicht, und kann so der namentlich in höheren Breitegraden unangenehmen Durchnässung ausweichen, oder sich schützen.
Die meisten Gewitter, welche uns dort überraschten, kamen des Nachts und waren von einem heftigen Winde begleitet. Das Schaukeln des Schiffes, das Brüllen des Donners und der über Bord schlagenden Wellen, in Gemeinschaft mit dem Lärmen, der durch Bergen der Segel und auf Deck nicht selten herumrollenden Gegenstände verursacht wurde, machten manchem der Genossen schlaflose Nächte, zudem da die Seekrankheit wieder alle dafür Empfängliche stark befallen hatte. Ich selbst blieb davon verschont und wurde auch von dem nächtlichen Lärmen nicht sonderlich beunruhigt, indem ich mich bald an denselben gewöhnt hatte.
Es wurde jetzt von Tag zu Tag die See stürmischer, und das, was wie es scheint beinahe allen Schiffern, die Kap Horn umsegeln, geschieht, begegnete auch uns, wir verloren unsere Hühner. Es wurde nämlich der Hühnerkasten eines Morgens von einer starken Welle zerschlagen und ein Theil seiner Insassen theils über Bord gespült, theils beim Bruche des Behälters getödtet, die wenigen wieder eingefangenen aber, welche trübselig und durchnäßt im nothdürftig reparirten Kasten ihres weiteren Schicksals harrten, wurden sammt dem Kasten in folgender Nacht vollständig in die See gespült.
Wir hatten jene Hühner in Brasilien eingenommen, sie waren von einer hochbeinigen Race und schienen das Seeleben überhaupt nicht gut zu vertragen, indem sie sichtlich abmagerten und überhaupt sich jämmerlich geberdeten, während die früher von Deutschland mitgenommenen frisch und munter blieben, wurden sie gleichwohl nicht übermäßig fett befunden.
Am 16. Juli unter 50° 54' Länge und 44° 50' südl. Breite, wurde mir von den Matrosen ein Regenbogen gezeigt, welcher am Himmel stand, während an dem Orte, wo wir uns befanden, weder Regen noch Sonnenschein war. Die Seeleute nennen die Erscheinung Sturmstack, wohl vom englischen Stake herkommend, welches Stock, Pfosten bedeutet. Wie der Ausdruck bezeichnet, bezieht man sie auf nahenden Sturm, welcher aber jenesmal sich nicht einstellte. –
War schon auf der Höhe von Buenos Ayres häufig Wasser über Deck gekommen, so war jetzt buchstäblich keine trockene Stelle mehr auf demselben, indem sich das Wetter täglich verschlimmerte, und neben den fortwährend einschlagenden Wellen häufiger kalter Regen fiel. Auch die Temperatur sank bedeutend, des Mittags z. B. stand am 16. Juli das Thermometer + 6.3 R. Dazu kam, daß während in der Kajüte selten gelüftet werden konnte, es doch auch dort kaum wärmer war, weil die fortwährende Nässe, erzeugt theils durch von oben eindringendes Wasser, theils durch die Menge der durchnäßten Kleidungsstücke, Alles erkältete. Geheizt wurde jetzt so wenig als später, da kein Ofen vorhanden, und dunkle Gerüchte, die sich von einem am Bord befindlichen Ofen verbreitet hatten, welcher in jenen Breiten aufgestellt werden sollte, sich nicht bestätigten. So wurde der Aufenthalt auf der Reform, je mehr wir uns dem Süden näherten, stets unbehaglicher, und diese Unannehmlichkeiten wurden noch vermehrt durch die erneut ausbrechenden Mißhelligkeiten zwischen Kapitain und Passagieren.
Ich habe, wie ich schon früher erwähnte, dort mehrfach begütigt und mancherlei ersonnen, um die streitenden Theile auseinander zu halten, bald mit mehr, bald mit minderem Erfolge, aber ich gehe über diese Dinge hinweg, die den Leser ermüden müßten, wie sie mir zu jener Zeit zum Ekel geworden sind.
Wir beobachteten am 21. Juli unter 56° Länge und 46° 54' südl. Breite den ersten Tang und einige Tage hindurch wurden von Zeit zu Zeit Stücke desselben gesehen und aufgefischt. Ueber 49° 5' Breite hinaus konnte ich kein Exemplar dieser Pflanze mehr entdecken, obgleich ich trotz des schlechten Wetters oft Ausspähe hielt. Es war Fucus pyriferus Linné, und bald darauf wurde auch Fucus antarcticus Chamisso an Bord gebracht. Diese von uns aufgefangenen Tange, welche sonst bisweilen eine Länge von 300 Fuß erreichen, hatten indessen nur höchstens eine Länge von 10 bis 15 Fuß, und es bleibt bemerkenswerth, daß wir weiter gegen Süden zu keine mehr zu sehen bekamen. Auch als ich etwa ein Jahr später Kap Horn abermals umschiffte, traf ich nur sehr wenige und kurze Stengel dieser Pflanzen, so daß es scheint, als sei das Fortkommen derselben in diesen Breiten veränderlich, oder unbekannten Zufälligkeiten unterworfen, indem andere Reisende von 80 Fuß langen Stücken des Fucus pyriferus sprechen, welche dort aufgefischt worden, und dessen Häufigkeit in jenen Breitegraden hervorheben. Auch war an den von mir aufgefangenen Fucus-Stücken kein lebendes Wesen zu finden, was sonst selten der Fall zu sein scheint, indem fast alle anderen Beobachter große Mengen der verschiedenartigsten Thiere auf denselben gefangen haben.
In der Nacht vom 25. auf den 26. Juli hatte ich Gelegenheit eine eigenthümliche Modifikation eines Mondhofes zu beobachten. Der Mond stand bei leicht bedecktem Himmel etwa 15 Grade hoch. Genau dem Durchmesser des Mondes gleich zeigte sich in senkrechter Richtung ein leuchtender Streif ober- und unterhalb desselben, von einer Totallänge von ebenfalls etwa 15 Graden und ziemlicher Lichtstärke, welche am intensivsten in der Nähe des Mondes selbst war. Rasch vorüber ziehende Wolken oder Nebelschichten dämpften oder hoben, je nach ihrer Stärke, die Lebhaftigkeit des Lichtes, welches bisweilen ziemlich glänzend erschien. Man kann sich die Erscheinung am leichtesten versinnlichen, wenn man sich einen gewöhnlichen, aber ziemlich großen und hellen Hof um den Mond denkt, an welchem auf beiden Seiten, bis an die Ränder der Mondscheibe hin, zwei Segmente abgenommen worden sind.
Obgleich ich häufig Gelegenheit gehabt hatte, sowohl in Europa als auch auf und über der See den nächtlichen Himmel zu beobachten, habe ich doch blos einmal später in Nürnberg (März 1852) eine ähnliche Erscheinung gesehen, indessen, wenn ich mich so ausdrücken darf, blos angedeutet, nicht klar ausgesprochen, und von geringer Intensität[5].
Wir gingen am 28. Juli des Morgens zwischen Staatenland und Good Succeß, der südlichsten Spitze des Feuerlandes, hindurch und hatten Gelegenheit bald die eine bald die andere der beiden Küsten ziemlich deutlich beobachten zu können. So viel theils mit freiem Auge, theils durch einen Feldstecher von Plössel zu beobachten war, möchte ich die sichtbar gewordene Küste des Feuerlandes in der massenhaften Bildung ihrer Formen sehr ähnlich bezeichnen mit dem Typus der Westküste Amerikas überhaupt. Kleine Hügel schienen mehr oder weniger weit in See vorgeschoben und bildeten die äußerste Küste. Sie waren dunkel, fast schwarz gefärbt, theilweise in pittoresken Formen und schienen basaltischen und doleritischen Gebilden oder plutonischen Conglomeraten anzugehören, wie solche so häufig allenthalben an der Westküste in größerer oder geringerer Ausdehnung getroffen werden. Das mit Schnee bedeckte Gebirge, das gegen das Innere zu sich über jene dunklen Vorgebirge erhebt, trägt den Charakter granitischen Gesteins in weiterer Ausdehnung des Begriffes, wie denn solches eben auch an der Westküste der Fall, wo mächtige Massen von Granit, Gneiß und Glimmerschiefer das Festland bilden, bis sie durchbrochen werden von der Andeskette, jener gigantischen Musterkarte aller plutonischen und vulkanischen Gesteine der Erde.
Staatenland, uns, den Vorübersegelnden, auf der Backbordseite liegend, zeigte im Allgemeinen ähnliche Formen und jene in's Meer reichenden Felsgebilde traten bisweilen noch klarer ausgesprochen hervor. Es mag nicht bezweifelt werden, daß Staatenland verbunden gewesen mit dem Feuerlande, und entweder getrennt worden ist von demselben bei der Hebung beider über die Oberfläche des Meeres, vielleicht aber auch durch eine jener gewaltigen späteren Katastrophen, die periodisch eingetreten sein müssen noch nach der Entstehung jener Länder.
Wem, wohnend auf dem, wenigstens wie es scheint geognostisch ziemlich feststehenden Boden unsers guten alten Deutschlands, eine solche gewaltsame Trennung so bedeutender Massen in vorhistorischer Zeit unglaublich erscheint, den verweise ich auf die erst vor 100 Jahren (1746) vor sich gegangene Entstehung der Insel San Lorenzo bei Callao, welche früher ein Theil des Festlandes, im genannten Jahre durch ein Erdbeben losgerissen wurde und jetzt eine Viertelstunde weit in See liegt.
Wir hielten uns, verloren wir auch bald die Küste aus den Augen, doch stets nicht weit vom Lande entfernt, und die Temperatur sank in Folge dessen ziemlich bedeutend, so daß das Wasser jetzt stets um einige Grade wärmer war als die Luft; so stand des Abends am 28. Juli das Thermometer an 0° R., während das Wasser + 4° R. zeigte.
Eine kleine Tabelle über die Thermometerstände, welche ich weiter unten im Auszuge folgen lassen werde, erläutert am besten diese Verhältnisse, welche ich für jetzt in Zahlen ausgedrückt nicht weiter berühren werde.
Ich will aber hier eine kurze Schilderung unseres Lebens und Treibens während der Umschiffung des Kap Horn geben.
Jämmerlicher und trostloser kann nicht leicht etwas gedacht werden als eine solche Reise für den Passagier. Wir passirten das Kap unter 56° 18' südl. Breite, aber wie ich schon erwähnt, hatte das schlimme Wetter bereits auf der Höhe von Buenos-Ayres begonnen und so hatten wir über fünf Wochen mit Unannehmlichkeiten aller Art zu kämpfen.
Eine See, die fast unaufhörlich 20 Fuß hohe Wellen wirft, Regen, Schnee, Hagel und eisige Nebel, das waren die Erholungen auf Deck, wenn man sich retten wollte aus der Kajüte vor dem Gestöhne der Seekranken, der kalten dumpfen Luft, dem ekelnden Schmutze, der Nässe und der Finsterniß, welche dort herrschte.
Die Tageshelle begann zwischen 10 und 11 Uhr, und verschwand wieder vor 3 Uhr des Nachmittags. In der Kajüte aber war die einzige Helle die, welche durch die geöffnete Thür von oben eindringen konnte, oder die spärlichen Strahlen, welche durch die einen Zoll breiten und etwa sechs Zoll langen Prismen in die einzelnen Kojen fielen, denn das Skylight war durch einen hölzernen Kasten gedeckt worden, da die unaufhörlich über Deck einschlagenden Wellen dasselbe in kurzer Zeit zertrümmert hätten.
Trotzdem, daß die Fugen dieses Kastens mit Theer und Werg verklebt waren, drang doch hie und da, von besonders ungünstig einschlagenden Wellen, Wasser durch dasselbe in die Kajüte, und eben so kamen durch die geöffnete Thür häufig ganz artige Wassermengen in unser Gefängniß, und vermehrten die Nässe und den Schmutz.
Es war durchaus nöthig von Zeit zu Zeit auf Deck frische Luft zu schöpfen. War man aber auch durch Uebung im Stande, meistens den einschlagenden Wellen auszuweichen, so wurde man doch durch den fast unaufhörlich fallenden Regen unbedingt durchnäßt und kehrte in die Kajüte mit nassen Kleidern zurück. Da diese aber nie getrocknet werden konnten, so besaß in kurzer Zeit Niemand mehr ein halbweg trockenes Kleidungsstück.
Man kann sich eine Vorstellung machen von der Atmosphäre in dem engen uns angewiesenen Raume, in welchem 18 Menschen aßen, schliefen, theilweise Tabak rauchten, ihre nassen Kleider aufbewahrten und nebenbei zum großen Theile seekrank waren, mit allen Erscheinungen jener Krankheit, welche ich nicht näher bezeichnen will. –
Kap Horn ist als die Region des fortwährenden Regens bezeichnet, oder besser als die Region der continuirlichen meteorischen Niederschläge, und in der That wechseln dort Schnee, Regen und Hagel ohne Aufhören, und nur selten wurde auf einige Augenblicke die Sonne gesehen als eine gelbliche, schwach leuchtende Kugel, verdrießlich zwischen Wolken hervorblickend und sofort wieder von diesen verdeckt. Bisweilen fiel ein so dichter Nebel, daß auf keine 20 Schritte weit gesehen werden konnte und vom Steuer aus am Bugspriet stehende Männer vollkommen unkenntlich waren.
Schlimmes Wetter, wie es die Seeleute nennen, herrscht immer in jenen Breiten, aber es ist von der Art, daß man es getrost heftigen Sturm nennen kann. Bisweilen aber treten plötzliche Windstillen ein, die einige Stunden anhalten, so daß das Schiff dem Steuer nicht mehr folgt und buchstäblich treibt. Aber die heftige Dinung, d. h. die hohen stoßenden Wellen, welche vom kurz vorher stürmenden Winde zurückgeblieben sind, werfen das Schiff dann so nach allen Seiten hin, und ohne eine bestimmte Richtung, daß wie die Seekranken sagen, diese Bewegung unangenehmer ist, als die des höchsten Sturmes. Meist wird eine solche Windstille durch eine plötzliche heftige Boe beendet, bei welcher nicht selten die Schiffe zu Schaden kommen. Strömungen des Meeres von West nach Ost erschweren die Fahrt in jenen Regionen, wenn man beabsichtigt westwärts zu gehen, wozu noch kommt, daß am Kap Horn und in jenen Breiten überhaupt fast stets Westwinde wehen.
Unser Leben war dort ein kümmerliches und trübseliges, und blieb ich auch von der Seekrankheit verschont, so hatte ich desto mehr von der Kälte zu leiden, welche stets mein arger Feind gewesen ist. Es ist eine schlimme Aufgabe Tag und Nacht Frost und Nässe zu ertragen, mehrere Wochen hindurch, ohne sich nur ein einzigesmal halbweg erwärmen zu können. So kam, trotzdem, daß die Temperatur in der Kajüte nicht unter + 6° R. fiel, doch häufig Erfrieren der Hände und Füße vor, und ich selbst hatte viel daran zu leiden, obgleich ich früher in Deutschland zu manchen Zeiten bei hohen Kältegraden den Tag und die halbe Nacht hindurch im Freien zugebracht hatte. Das Uebel machte sich bemerkbar durch Röthung und Anschwellen der Finger und Zehen und brennenden Schmerz in denselben. Ich habe als das beste Mittel gegen dasselbe, bei andern und bei mir, Bleisalbe erprobt, welche rasch heilend wirkte, und bei mir wenigstens keine der später wiederkehrenden Folgen erfrorener Glieder bemerken ließ.
Ich bin in jener Zeit täglich, wie sonst des Morgens auf Deck gegangen und habe mich mit Seewasser gewaschen, wobei ich mich freilich sonderbar genug behelfen mußte, da des heftigen Schwankens halber kein Waschgefäß gestellt werden konnte, oder vielmehr stehen blieb. Den übrigen Theil des Tages brachte ich größtenteils in der Koje liegend zu, welche ich mir möglichst artig und behaglich mit in Brasilien gekauften Schaffellen ausgefüttert hatte. Halb schlafend, halb wachend, habe ich dort böse Träume gehabt, und wer sich je eine erlaubte anständige Erholung damit verschaffte, mich zu quälen und zu kränken, kann mit Satisfaction diese Zeilen lesen. Die stündlichen Beobachtungen des Barometers und die der Temperatur waren die einzige nützliche Beschäftigung, welche ich dort vorgenommen habe.
Noch jetzt ist die eigentliche Gefahr bei der Umschiffung des Kap Horn nicht ganz beseitigt und manche Schiffe werden dort übel zugerichtet. In früherer Zeit aber gehörte diese Fahrt zu den berüchtigten. Manche Schiffe waren gezwungen, umzuwenden, und um das Kap der guten Hoffnung segelnd, den großen Ocean und das Ziel ihrer Bestimmung zu erreichen. Anson's Reise in den Jahren 1740-1744 giebt hierüber interessante Aufschlüsse und Beispiele wie ganze Geschwader zerstreut und verschlagen wurden, und wie gegen die Jetztzeit eine unverhältnißmäßig große Menge von Schiffen vollkommen zum Dienste untauglich wurden, oder selbst verloren gingen.
Man verdankt den Verbesserungen in der Schifffahrt, vor allem wohl den Aenderungen im Bau der Schiffe selbst die gegenwärtige sehr verringerte Gefahr, denn eine bedeutende Veränderung in den klimatischen Verhältnissen, in Windrichtung und Strömung und in der Intensität beider ist nicht wohl denkbar und geht aus den Schilderungen jener Zeit und den Erscheinungen der Gegenwart auch nicht hervor. –
Wir hatten am 31. Juli des Morgens Kap Horn in Sicht. Ich zeichnete die Felsengruppe, wie ich es vorher auch bei den Küsten von Feuerland und Staatenland gethan hatte. Kap Horn ist eine wild und grotesk aus dem Meere hervorgehobene Felsenparthie und gehört, so wie Diego Ramirez und andere Felseninseln jener Region wohl unzweifelhaft den basaltischen und doleritischen Formen an, deren ich schon vorher erwähnte, als ich von der Küste des Feuerlandes und Staatenland gesprochen habe. Zwei dunkle mächtige Felsen, scheinbar dicht an einander liegend, wurden uns als das eigentliche Kap bezeichnet, dann aber breitet sich gegen Osten hin eine kleine Kette mit Schnee bedeckter kegelförmiger Berge aus, welche wohl in der Wirklichkeit höher sind, da sie aber weiter zurück liegen, niedriger erscheinen.