Kap Horn in Sicht hatten wir nach kurz vorausgegangener Windstille eine heftige Boe aus Nordwest und dann plötzlich Ostwind, so daß wir, was selten der Fall, mit ganzen Leesegeln rasch vorüber segelten. Es ist übrigens kein seltener Fall, daß man näher vorüber fahrend dennoch das Kap nicht zu sehen bekömmt, da häufig dichte Nebel dort alles verdecken; viele Schiffe gehen auch weiter südlich, so daß man sich immer glücklich preisen kann, bei der Umschiffung den berüchtigten Felsen selbst gesehen zu haben.

Den meisten Passagieren stieg der Muth als wir so rasch dahin flogen und der größte Theil der Beschwerden war vergessen, trotz des Hagels, der dicht auf unsere Köpfe fiel, und des Eises am Tauwerk, welches trotzdem, daß das Thermometer + 2° R. zeigte, erst gegen Mittag verschwand.

Des folgenden Tages, am 1. August, stieg gegen Abend das Barometer plötzlich sehr rasch, und es stellte sich alsbald ein so heftiger Nordostwind ein, daß wir die schlimmste Nacht der ganzen Reise hatten, und selbst der alte Steuermann versicherte »nicht oft« so schlimmes Wetter erlebt zu haben.

Auch die bestmöglichst verstauten Effekten der Passagiere flogen in allen Ecken umher; Fässer und Kisten, unsere Privatvorräthe, Mützen, Pfeifen und Schuhe, kurz, all unser ärmliches Geräthe wurde bunt durch einander gewürfelt, und Manches zerstört und verdorben. Bei dieser Gelegenheit ging auch der Rest der für unsern Gebrauch bestimmten Trinkgläser in Stücke, und die einzige Wasserkanne entleerte im Sterben ihren Inhalt in die Koje eines Freundes, der sich übel geberdete, und anfänglich die plötzliche Nässe den durch einen Leck eindringenden Meeresfluthen zuschrieb.

Es hat sich nicht selten getroffen, daß in jenen Breiten auf ein Steigen des Barometers etwas weniger übles Wetter folgte, und mein pariser Aneroid, vermöge welchem ich leichter, als es auf des Kapitains Quecksilber-Barometer geschehen konnte, ein leichtes Steigen oder Fallen anzugeben im Stande war, hatte sich Ruf erworben am Bord, aber in jener Nacht erlitt sein prophetischer Ruf einen bedeutenden Stoß.

Bis zum 5. August blieb der Himmel stets so bedeckt, daß weder Länge noch Breite genommen werden konnte, und zugleich fiel unaufhörlich ein kalter Regen, häufig mit Hagel wechselnd. Wir sahen, muthmaßlich unter dem 50.° südl. Breite die ersten Wallfische an der Westküste, und häufige Züge von Butzköpfen, aber sonst mit Ausnahme weniger Vögel, Albatrosse und der kapischen Taube, kein lebendes Wesen, eben so keine Spur von Leuchten der See. Delphine indessen und eine ziemliche Anzahl Vögel verschiedener Art zeigten sich wieder am 6. und die folgenden Tage. Endlich am 10. August sahen wir zum erstenmale die Küste von Chile, welche ich mit speziellem Interesse betrachtete, da ich beabsichtigte, dort längere Zeit zu verweilen.

Die erwähnten schwarzen doleritischen und basaltischen Formen fehlten hier, und es schien, von der Ferne gesehen, die Küste aus einer Reihe flacher und sanft abgerundeter Hügel zu bestehen, hinter welcher aber direct sich eine Kette schroffer mit Schnee bedeckter Berge erhob, in welcher Piks und groteske Formen nicht fehlten.

Wir sollten in einigen Tagen, so hieß es, in Valparaiso, wörtlich: im Thal des Paradieses sein, und konnten uns nicht recht erklären, wie die Palmen und Orangenhaine dieses glücklichen Landstriches so dicht bei wilden eisigen Bergen liegen sollten.

Man vergaß das wieder, als wir, abhaltend von der Küste, sie bald wieder aus dem Auge verloren; aber ich, der ich später in Chile blieb, trug den Glauben, als seien die Gipfel dicht an der Küste liegender Berge mit Schnee bedeckt wohl zehn Tage mit mir umher, und habe gezeichnete Skizzen auch in diesem Sinne, wie ich es sah, behandelt.

Erst später habe ich erfahren, daß jene schneeigen Gipfel, welche wir schon von Bord aus gesehen, die Andeskette waren, die Cordillera alta, das vielbesprochene, aller Welt bekannte Gebirge. Eine eigenthümliche optische Täuschung, welche fast allenthalben in Chile auftritt, ließ die 40 bis 50 Stunden weit von jenem niedern Küsten-Gebirge entfernte Kette der hohen Cordillera uns als dicht hinter demselben aufsteigend erscheinen. Es fehlte das, was die Maler Lichtperspective nennen, und ich hatte später von der Cordillera aus, gegen See blickend, eine ähnliche Erscheinung.

Noch an demselben Tage beschied mich der Kapitain in seine Kajüte und eröffnete mir, daß wir demnächst in Valparaiso einlaufen würden, zugleich stellte er mir die Schiffsbücher zur Disposition, so daß ich zu meinen Thermometer- und Barometer-Beobachtungen die tägliche Länge und Breite beizufügen im Stande war.

Es ist Gebrauch auf den meisten Schiffen, auf welchen sich viele Passagiere befinden, sorgfältig die Länge und Breite geheim zu halten. Ja selbst die Matrosen wissen kaum wo sie sich befinden, und vermögen nur muthmaßlich zu schätzen. Es hat dies seinen guten Grund. Abgesehen davon, daß der Kapitain sich kaum retten könnte vor der Unzahl müßiger Fragen taktloser Reisenden, warum man z. B. westwärts und nicht mehr nach Osten steure, und umgekehrt, warum es heute so langsam gehe, und bis zu welcher Zeit man diesen oder jenen Ort erreichen werde, würde auch der Mißmuth der Passagiere besonders bei Reisen, wie die um Kap Horn, bedeutend gesteigert werden, wenn man sich plötzlich um einige Grade zurückgeworfen oder verschlagen sieht, oder wenn der Kapitain zu laviren gezwungen ist. Bei bedrohlicher Stimmung der Mannschaft aber, und offener Meuterei, hat der Kapitain immer die Mittel in der Hand irgendwo einzulaufen oder wenigstens in die Nähe eines Hafens zu gelangen, wo Hülfe und Schutz erwartet werden mag. Mir speciell hatte der Kapitain die freundliche Erlaubniß schon in der ersten Zeit der Reise gegeben, täglich nach dem Journale die Länge und Breite verzeichnen zu dürfen. Aber ich lehnte dankend ab, da ich einerseits, als Mitwisser des alle interessirenden Geheimnisses, ebenfalls bestürmende Fragen befürchtete, auf der andern Seite aber Sorge trug, für den Verräther desselben gehalten zu werden, wenn etwa der Wahrheit nahe kommende Vermuthungen laut geworden wären. So zog ich vor, erst jetzt das Fehlende nachzutragen in den freigelassenen Spalten meiner Tabellen.

Wir sahen am 11. des Nachmittags zum zweitenmale die Küste von Chile und liefen am 12. August des Morgens in den Hafen von Valparaiso ein.

Verwöhnt von der üppigen Pracht Brasiliens, wollten uns die kahlen, verbrannten Hügel, die vor uns lagen, keinen besonders glänzenden Eindruck hervorbringen, doch tröstete man sich für die Folge mit Ausflügen »in's Innere«, für die nächste Gegenwart aber mit der Hoffnung, bald wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, und, vor Allem, Landkost zu verspeisen.

Ehe ich aber für immer die Reform verlasse, will ich, wie es oben geschehen, Auszüge mittheilen aus meinen Notizen über die Temperatur, um einen Ueberblick zu geben über diese Verhältnisse bei Kap Horn.

Datum
1849
 
Temperatur
der Luft
des Mittags
12 Uhr
 
Temperatur
des Wassers
des Morgens
9 Uhr
Länge
westliche
Breite
südliche
Juli 6. + 10.3 + 13.8 50° 18' 39° 22'
" 11. + 6.6 + 8.5 50° 20' 44° 15'
" 16. + 6.3 + 6.7 50° 54' 44° 50'
" 17. + 5.3 + 8.2 51° 34' 43° 32'
" 18. + 6.3 + 6.5 52° 28'
" 19. + 9.5 + 11.5 44° 24'
" 20. + 5.2 + 5.5 55° 9' 46° 8'
" 21. + 3.8 + 3.5 56° 0' 46° 50'
" 22. + 3.9 + 3.8 56° 0' 47° 46'
" 23. + 4.5 + 3.9
" 24. + 5.0 + 5.4
" 25. + 5.0 + 4.3 62° 36' 49° 49'
" 26. + 4.2 + 4.0 63° 30'
" 27. + 3.5 + 4.0 63° 47' 52° 38'
" 28. + 2.1 + 4.0 54° 52'
" 29. + 0.5 + 3.5
" 30. + 2.0 + 3.5 64° 37' 56° 6'
" 31. + 2.5 + 4.0 56° 18'
Kap Horn in Sicht
Aug 1. + 3.8 + 4.8
" 2. + 5.0 + 5.0
" 3. + 2.5 + 5.0
" 4. + 5.5 + 5.5
" 5. + 5.3 + 5.5
" 6. + 5.3 + 5.9 77° 18' 47° 23'
" 7. + 6.3 + 7.0 77° 21' 44° 50'
" 8. + 8.0 + 8.2 76° 30' 41° 26'
" 9. + 8.2 + 9.0 75° 32' 38° 54'
" 10. + 9.2 + 10.0 73° 59' 35° 46'
" 11. + 10.5 + 10.5

Es fällt bei Durchsicht dieser kleinen Tabelle und bei etwaiger Vergleichung derselben mit der vorher gegebenen, die Tropen betreffend, sogleich in die Augen daß, während dort die Temperatur des Wassers stets eine etwas niedere war als jene der Luft hier in höheren Breitegraden, etwa von 40° südl. Breite an bis am Kap Horn und wieder auf dieselbe Höhe, das Wasser durchschnittlich, ja fast immer, eine höhere Temperatur als die Luft zeigte.

V.
Valparaiso (Chile).

Natürlich ist vor Allem die Frage: wie wird das Wort ausgesprochen? Man schreibt Valparaiso, aber spricht man auch Valparaiso? oder spricht man Valparaïso? oder vielleicht gar Valpareso? Die großartige Wichtigkeit dieser Frage hat mir erst eingeleuchtet, als ich, nach Deutschland zurückgekehrt, von fast allen meinen Freunden mit solchen Fragen bestürmt worden bin. Leider habe ich an Ort und Stelle mein deutsches Blut so weit verleugnet, keine Nachforschungen anzustellen, welches die richtige, von dortigen Gelehrten anerkannte Aussprache ist. Ich kann also nicht verbürgen, ob Valparaiso oder Valpareso recht oder fehlerhaft, aber ich kann sagen, daß die Chilenen beide Aussprachen gebrauchen, bald so, bald so sprechen, und daß mir an Ort und Stelle die ganze Sache höchst gleichgültig gewesen ist. Woher die Stadt den Namen bekommen, werde ich später berichten.

Nachdem, leider indessen höchst mangelhaft, dieser unzweifelhaft interessanteste Punkt abgehandelt, muß ich mit wenig Worten vorausschicken, wie und in welcher Form ich berichten werde, was ich in Chile gesehen. Ich werde einige der größten Städte, welche ich besuchte, beschreiben und das Leben und Treiben daselbst, die Sitten und Gebräuche schildern, so viel mir davon bekannt geworden. Dann werde ich deren Umgebung gedenken, weiterer Excursionen, und der Reisen durch das Land. Indem mir so Gelegenheit werden wird, der Thier- und Pflanzenwelt zu erwähnen, der Berge und Thäler, der Flüsse und Seen, so wie klimatischer Verhältnisse, mag es vielleicht gelingen eine Skizze zu geben von Chile, ohne durch tägliche Berichte den Leser zu ermüden.

In den ersten Tagen aber mag es mir vergönnt sein, mehr von mir selbst zu sprechen als es später geschehen soll.

Kaum an's Land gestiegen, wo sich die Passagiere nach allen Richtungen zerstreuten, eilte ich zu dem Kaufmanne, auf welchen ich Wechsel zu beziehen hatte, um solche zu präsentiren, wie man es, wenn ich nicht irre, nennt, und zugleich zu bitten, den Betrag noch zu verwahren, da ich in fremdem Lande mich nicht mit unnöthigem Gelde beschweren wollte. Alle Geldgeschäfte haben von jeher für mich etwas so unendlich Widerwärtiges gehabt, daß ich sie so rasch als möglich beendete, und eben dessen froh, das Store verlassen wollte, als ich mit Gerstäcker bekannt gemacht wurde, der bereits seit drei Wochen in Valparaiso, sich ebenfalls im Store eingefunden hatte, um Landsleute zu begrüßen und Neues aus Europa zu hören.

Gerstäcker war der erste Landsmann, ja der erste Mensch, der in der neuen Welt mir mit der liebenswürdigsten Freundlichkeit und Offenheit entgegengekommen ist, und mir sogleich am ersten Tage unserer Bekanntschaft die wesentlichsten Dienste erzeigte, indem er mit Aufopferung seiner eigenen Zeit mir eine Wohnung suchen half.

Ich hatte an einen deutschen Kaufmann, dessen Namen ich vergessen habe, einen Empfehlungsbrief von Haus mitgebracht, und wurde empfangen, wie ich bereits in Brasilien frostige Vorläufer erhalten. Ich erhielt den Rath, so bald als möglich in's Innere zu reisen, da in Valparaiso nichts für einen Naturforscher zu machen, und wurde zugleich wiederholt gefragt, was denn eigentlich mein Geschäft sei, auf das Naturforschen allein reise man ja doch nicht. Natürlich ließ ich mich nicht in weitläufige Erklärungen ein, wie ich denn doch nur allein in »diesem Artikel mache,« sondern bat, wie ich ausdrücklich sagte, als erste und letzte Freundlichkeit, mir auf eine halbe Stunde einen jungen Mann mitzugeben, welcher mir, der noch keines Wortes der spanischen Sprache mächtig, eine Privatwohnung möge suchen helfen, aber ich wurde abgewiesen; man sei zu sehr beschäftigt und Aehnliches, kaum aber Spuren entschuldigender Formen.

Ich ließ den Menschen in seinem Musterlager sitzen und erzählte gleich darauf Gerstäcker die Geschichte, der ob er gleich, wie ich später erfuhr, dringende Arbeiten für Europa hatte, dennoch jenen Tag noch mehrere Stunden mit mir umherlief, mit seinem wie er sagte sechswöchentlichen Spanisch wacker dolmetschte, und mir wirklich eine für Valparaiso ganz erträgliche Wohnung verschaffte.

Ich habe manche heitere Stunde mit Gerstäcker in und um Valparaiso verlebt, wir versprachen uns, auf weiterer Reise nicht die Hälse zu brechen, gesund nach Hause zurückzukehren und uns in Europa wieder zu treffen. Wir haben uns getreulich Wort gehalten und ein freundliches Wiedersehen in Nürnberg gefeiert. Wer aber wissen will, wie Gerstäcker nach Chile gekommen und Weiteres, mag seine Reisebeschreibung kaufen, die ohne Zweifel bereits erschienen ist, während ich Gegenwärtiges schreibe.

Bald hatte ich das nordamerikanische Hotel, in welchem ich zuerst eingekehrt, verlassen, und war in meiner neuen Wohnung eingerichtet. Vier kahle Wände, ein mit gebrannten Steinen gepflasterter Boden, eine aus Holzstückchen zusammengesetzte Decke und freies Wasser, was man sonst in den meisten Häusern kaufen muß, war die Herrlichkeit, welche monatlich eine halbe Unze[6] kostete, d. h. etwa ein und zwanzig Gulden. Ich miethete einen alten Tisch für einen Peso per Monat, warf meine Matrazze auf den Boden und indem ich meine drei Koffer als Sopha und Stuhl benutzte, war meine erste Einrichtung beendet. Ich hatte meine Hausfrau nur einmal gesehen, den Hausherrn in den ersten 8 Tagen gar nicht, ich hatte Haus- und Zimmerschlüssel, obgleich ersterer kaum nöthig, da das Haus bis nach Mitternacht stets offen. So war ich wieder, nach langer Zeit einmal Herr in meinen vier Pfählen und lief in's Freie, mir die Stadt zu besehen. Valparaiso mag eine schöne Stadt genannt werden, wenn vielleicht nicht ganz im alteuropäischen Sinne, wo manchfache Prachtgebäude gefordert werden. Aber der unverkennbare Ausdruck des raschen und rüstigen Vorwärtsschreitens, des fortwährenden Wachsens wirkt wohlthätig und erfreulich auf den Fremden, der sich zum erstenmale die Stadt besieht. Wohl eine Stunde und weiter, zieht sich dieselbe dicht am Ufer des Hafens hinweg, schmal, an vielen Stellen öfters nur einige Straßen breit, an einer Stelle nur zusammenhängend durch wenige Häuser, an andern Orten aber sich wieder weit ausbreitend, wie es eben die Berge erlauben, an welchen die Stadt liegt, und welche an manchen Stellen fast an die See vorgeschoben sind. Der ausgebreitetste Theil der Stadt ist der, wo früher das Dorf Almendral lag. Jetzt ist dort die Calle des Almendral, eine breite, jeder Hauptstadt würdige Straße, und von dem Kothe, von welchem frühere Reisende mißfällig berichten, ist dort nichts mehr zu sehen. Auf den Hügeln nächst der Mitte der Stadt und unweit des Hafens, liegen zierliche Häuser in südeuropäischem Geschmacke meist mit kleinen Gärten versehen, umrankt und beschattet von Schlingpflanzen und mit kostbarer Aussicht auf Hafen, See und Stadt. Meist werden diese lieblichen kleinen Villen von den reicheren Kaufleuten und häufig von Deutschen bewohnt, und sind gastfrei dem geöffnet, der einmal Zutritt gefunden. Ich werde seiner Zeit Freundliches hievon zu berichten haben, denn ich bin artig aufgenommen worden von allen Deutschen, die ich kennen lernte; zuvorkommend aber und herzlich von mehreren Männern, denen ich stets ein dankbares Andenken bewahren werde.

In den Thälern zwischen jenen Hügeln und den nicht selten steil abfallenden Schluchten, werden wohl auch noch hie und da hübsche Häuser getroffen, doch wohnen dort meist ärmere Leute, und oft weit sich an jenen Abhängen verzweigend, enden Häuser und Hütten, immer mehr sich vereinzelnd endlich die Stadt.

Recht deutlich können diese Ausläufe der eigentlichen Stadt ohnweit der Almendral bemerkt werden, und ich möchte solches als charakteristisch bezeichnen für die meisten größeren Städte Südamerikas. Die ansehnlicheren Gebäude werden in solchen Theilen der Stadt allmälig seltener und wechseln mit kleineren bescheidenen Wohnungen, welche endlich in Hütten übergehen. Gleichzeitig verschwinden die Trottoirs, bald auch das Pflaster, man findet sich nicht selten im tiefsten Kothe, ohne recht zu wissen, wie man dorthin gekommen.

Die Hütten aber, anfänglich dicht an einander gebaut, stehen bald vereinzelter und könnten endlich isolirte Gehöfte genannt werden, wären sie bedeutender. In Rio de Janeiro sind es freundliche Landhäuser, welche, so allmälig von der Stadt sich entfernend, den Thälern einen malerischen Reiz verleihen, hier aber in Valparaiso sind jene Vorposten der Stadt von den Lazaroni Chiles bewohnt. Die europäische Tracht, die im civilisirten Theile der Stadt allgemein ist, macht hier dem halb indianischen Kostüme Platz und tief braun gefärbte Frauen mit wildem verworrenen Rabenhaar und glühenden Augen sitzen an der Erde, kaum halb bekleidet, und umzingelt von ihren nackten unbändigen Sprößlingen.

Das ist wohl noch Ursitte des Landes. In der Stadt selbst möchte ich die Bauart als eine dreifache bezeichnen. Es sind die meisten Häuser zweistöckig erbaut, und man hat, Rücksicht nehmend auf die häufigen Erdbeben, alle Mühe darauf verwendet, sie gleichsam elastisch zu construiren. So bildet korbartiges Flechtwerk die Mauer, ausgefüllt mit Lehm und Sand, und ein leichtes Dach deckt das Ganze. Beim Einlegen alter Häuser habe ich diese Bauart beobachtet, welche jetzt aber, wie es scheint, mehr und mehr verschwindet und sich auf die Wohnungen ärmerer Leute beschränkt.

Die bessere Methode, welche Eingang gefunden hat, ist die Construction hölzerner Häuser, nur leicht mit Fachwerk bekleidet, und gefügt nach Art der Schiffszimmerung, leichten Stößen widerstehend, und selbst stärkeren Erschütterungen ausweichend, nachgebend, ohne bedeutend zu leiden.

Endlich findet man aber auch große, selbst massiv von Stein erbaute Häuser in Valparaiso, dreistöckig und würdig der größten Stadt des alten Europa. Aber die meisten sind neu erbaut und es steht zu befürchten, daß das nächste größere Erdbeben arge Verwüstungen anrichten wird in jenen Prachtbauten, während die Häuser der älteren Bauart sicher eher widerstehen dürften.

Bei allen älteren Häusern findet man den Boden mit gebrannten Steinen gepflastert und dann wohl mit einem Teppiche oder einer Strohmatte belegt. In neueren und namentlich größeren Bauten trifft man hölzerne Dielen. In ganz Südamerika aber findet sich keine Zimmerdecke mit Mörtel beworfen, sondern sie bestehen aus leichtem Fachwerke mit dünnen Brettern von etwa 2 bis 3 Fuß Länge und 2 bis 5 Zoll Breite, welche mittelst Nägeln an die Balken der Decke befestigt sind. Es würde ein Mörtelbewurf an der Decke in Valparaiso z. B. keine vier Wochen halten, ohne, allmälig erschüttert und gelöst durch leichte Erdstöße, endlich durch einen etwas intensiveren auf die Geräthschaften des Zimmers oder wohl auch auf die Köpfe der Bewohner geworfen zu werden.

Die öffentlichen Bauten, meist von der Regierung in früherer Zeit gebaut, sind fast durchgängig bescheiden, wenn auch ihrem Zwecke entsprechend.

Von den Kirchen, die eigentlich den Baustyl repräsentiren sollten, vermag ich leider wenig Tröstliches zu berichten. Reminiscenzen an altspanische, mitunter fast maurische Zeit, aber jämmerlich, ja barock verflochten mit Zopf und Perücke, und mit einer hie und da so sonderbaren Ornamentik versehen, daß ich keinen Vergleich mit unserem Lande dafür zu finden weiß, das ist der Eindruck, welchen ich von den Kirchen in Valparaiso bewahrt habe. Ein einfaches, blos aus dem Erdgeschosse bestehendes Gebäude ist das Hospital, welches vielleicht recht die ältere Bauart vertritt, wie sie noch zu Zeiten der spanischen Herrschaft geübt wurde. Es ist ziemlich weitläufig und besteht aus mehreren Vierecken, deren innere Höfe den Genesenden zum Spazierengehen dienen. Luftige Arkaden im Innern fehlen natürlich nicht und das Ganze scheint seinem Zwecke zu entsprechen. Die Krankensäle sind luftig, frei und reinlich gehalten. Da in jenem glücklichen Lande fast stets Thüren und Fenster geöffnet erhalten werden können, so ist das erstere nicht mit besonderen Schwierigkeiten verknüpft. Es befinden sich 180 Betten für männliche Kranke und 154 für weibliche dort, welche natürlich getrennt sind. Eine medicinische und chirurgische Abtheilung besteht indessen nicht, und die Kranken liegen unter einander, so viel ich weiß, in der Ordnung, wie sie eben in die Anstalt kommen. Ein Oberarzt leitet das Ganze und ihm sind zwei Assistenten beigegeben, von welchen jeder 20 Peso den Monat Besoldung bezieht. Im Hospitale befindet sich ein Sectionszimmer und eine Apotheke mit Laboratorium. Beide gut und zweckmäßig eingerichtet. Ich habe bei dieser Gelegenheit den Preis eines Blutegels erfahren, der 6 Realen ist. Zu meiner Schande aber muß ich gestehen, daß ich nicht weiß, ob man im Lande selbst diese Thiere fängt, oder ob sie alle aus Europa dorthin gebracht werden. Daß dies mit größeren Sendungen der Fall ist, habe ich erst später erfahren.

Es mag im Allgemeinen bemerkt werden, daß die häufigsten Krankheitsformen Icterus, Syphilis in ihren verschiedenen Formen, und eben so Phthisis und Tuberculose sind.

Die wenigen Notizen über den Krankheits-Genius von Chile, welche ich gesammelt habe, muß ich indessen für einen andern Ort versparen, da ich eigentlich hier nur von den Gebäuden der Stadt zu sprechen beabsichtigte.

Ein anderes Hospital, erbaut auf einem der Hügel, welche die Stadt umgeben, ist für kranke Seeleute bestimmt, doch werden, wie mir schien, auch vermögende Kranke aus anderen Ständen angenommen, welche ihre Verpflegung bezahlen. Es ist dort eine wirklich lurxuriöse Einrichtung und das Haus liegt versteckt in einem wohl gepflegten Garten mit kostbarer Aussicht auf Hafen und See.

Ich sollte jetzt noch vom Theatergebäude berichten und etwa von dem Justizpalaste oder wie man eben die Anstalt benennt, in welcher die öffentliche Rechtspflege ausgeübt wird. Abermals aber muß ich ein, wenn nicht reuevolles doch offenes Bekenntniß ablegen, wie oben in Betreff der Blutegel. Ich habe mich um das Wesen der Justiz, um die öffentlichen Sitzungen und um die wirklichen theatralischen Vorstellungen im Opernhause so wenig gekümmert, als ich es auch stets in Deutschland gethan habe und so vermag ich, da das Innere mich wenig interessirt hat, auch nur anzugeben, daß das Aeußere der Gebäude einfach und zweckmäßig erscheint und nicht störend einwirkt auf den guten Geschmack.

Vom Hauptsitze des Gouvernements, von Santjago aus, werde ich später über Regierung und staatliche Einrichtungen zu sprechen haben, da ich dort zuverlässige Nachrichten erhalten. –

Um aber die flüchtige Skizze der Stadt und ihres Weichbildes zu beenden, sei es mir erlaubt der nächsten Umgebung von Valparaiso zu gedenken, so weit ein guter Fußgänger dieselbe zu durchstreifen vermag.

Ich habe schon der Hügel gedacht, zwischen und theils auf welchen sich die Stadt längs der Meeresbucht hinzieht. Diese Hügel gewähren an und für sich ein kahles und trostloses Ansehen. Sie bestehen aus Granit, aber die Oberfläche desselben ist verwittert und so hat sich ein eintöniges Braun erzeugt, bedeckt mit spärlichem und wenig zierlichem Pflanzenwuchse, und das nur an einigen Stellen.

Der vier bis fünf Fuß hohe Cactus Chilenis, der sich am meisten auszeichnet und an den steilsten und abschüssigsten Gehägen vortrefflich gedeiht, giebt derselben allerdings ein »südliches« Ansehen, aber die verwünschte Stachelbewaffnung desselben macht oft das Erklimmen jener Gehäge höchst beschwerlich. Neben ihm trifft sich am häufigsten eine Nesselart (Losa acerifolia), Ortiga in der Landessprache, und diese macht, wo sie zahlreicher vorkömmt, jedes Durchdringen unmöglich. Sie erreicht ebenfalls eine Höhe von drei bis vier Fuß und blüht gelb im August und September, aber die geringste Berührung ihrer Blätter bringt heftigen brennenden Schmerz hervor, und die abgebrochenen feinen Stacheln erzeugen auf der Haut Pusteln, welche hart werden und vierzehn Tage bis drei Wochen lang schmerzen.

Weiter entfernt von der Stadt und außerhalb des Bereiches der dichteren Ansiedelung trifft sich in den Schluchten, welche jene Hügel trennen, oft eine prachtvolle Vegetation. Die Sohle jener schmalen Thäler ist fast immer bewässert und nährt so den Pflanzenwuchs, der weiter gegen oben durch Wassermangel und glühende Sonne auf ein Minimum reducirt ist. Schlinggewächse und zierliche Farren, die Quile, ein Rohr von oft beträchtlicher Höhe, vereinzelte Palmen und hundert andere Pflanzen von den verschiedensten Blattformen, bilden dort einen oft phantastischen Baumschlag, und wahrscheinlich war es eines jener Thäler, welches die Spanier bei ihrer Landung an jener Küste zuerst betraten und Val paradiso, Paradiesthal nannten, da ihnen der Gegensatz mit der übrigen großenteils sterilen Küste aufgefallen war.

Erklimmt man die Spitze jener größern Hügel[7], so nimmt allmählig die Landschaft einen andern Charakter an. Es beginnt der Pflanzenwuchs auch gegen die Höhen hin mehrfachere Ausbreitung zu gewinnen und anfänglich kleine, bald aber ausgedehntere Gehölze oder Buschwerke bedecken die Höhen. Die Mimosa cavenia, mit ihrem gleichsam besenförmigen Wuchse und der strahligen Ausbreitung ihrer zahlreichen Aeste, über und über mit Stacheln bedeckt, und dabei mit dem zierlichsten feinen Laube, bildet einen angenehmen Contrast mit den dunklen dickbuschigen Massen des Laurus caustica und zwischen ihnen erhebt sich die Puretia corocata, deren 6 Fuß hoher und mit tausenden von Blüthen bedeckter Blumenstengel würzige Düfte aushaucht, während eine Unzahl drei bis vier Fuß langer Blätter mit spitzen, hakenförmig gebogenen Stacheln den Fuß jener Blumenkrone bewahren[8]. Dort bieten sich reizende Fernsichten dem Auge gegen das Innere des Landes zu, über waldige Schluchten und fruchtbare Ebenen, und wendet man den Blick – auf das unermeßliche Meer, wie sich denn dort wirklich Land und See gegenseitig zur hebenden Folie werden.

Gegen Norden zu und dort, wo die oben beschriebenen »Ausläufe« der Stadt unweit der Almendral sich allmählig verlieren, beginnen pittoreske Felsenparthieen die Ufer der See zu bilden. Fischerhütten und einzelne kleine Landhäuser liegen malerisch zerstreut zwischen jenen steilen Felsenabhängen. Bisweilen ist der Weg an und um dieselben so schmal, daß man kletternd und halb über dem Wasser hängend, sich um irgend eine Ecke winden muß.

In den ersten 10 bis 12 Tagen meines Aufenthaltes hatte ich bereits einige der nöthigsten Worte und Fragen gelernt, um mich im Spanischen verständlich machen zu können. So war ich in jenen Klippen streifend auf ein kleines fast von der See bespültes Plateau gekommen, wo einige Chilenen sich mit Einsammeln von Muscheln beschäftigten, und frug, da mit Ausnahme der Seite an welcher ich gekommen, allenthalben steile Wände waren, wo der »Weg« sei. Die Leute zeigten alle mit der größten Bereitwilligkeit auf eine senkrecht stehende Felsenwand, und blos ihre freundlichen und unbefangenen Mienen bewiesen mir, daß sie mich nicht zum Besten hatten, indem sie mir eine scheinbar unübersteigliche Mauer als »Weg« bezeichneten.

Näher getreten aber und bei genauerer Beobachtung fand ich bald einzelne Vorsprünge und Einbiegungen, so wie Spuren von Fußtritten und indem ich jenesmal zuerst wie auf einer Leiter aufwärts kletterte, überstieg ich auf späteren Excursionen häufig jene Stelle ohne mehr der Hände zum Klimmen zu bedürfen.

Von jenen Felsengruppen aus giebt es einzelne wundervolle Blicke auf die Stadt und den Hafen, welcher mit seinen Schiffen und der Unzahl von Barken, die ihn beleben, den Vordergrund bildet. Ich habe dort, fast allzu schwärmerisch, manche halbe Stunde verträumt, statt pflichtschuldigst Exemplare zu formen von den Graniten, und diverses Gewürme in den Klüften und Spalten des von der See bespülten Gesteins zu fangen.

Folgt man in dieser Richtung hin noch weiter der Küste, so wird das Ufer wieder flacher und blos einzelne Felsgebilde stehen aus dem sandigen mit Muschelfragmenten bedeckten Boden hervor.

Blos ungewöhnlich hohe Springfluthen dringen weiter vor und man kann zu Pferde bequem allenthalben weiter kommen, wenn man die oben auf den Bergen hinziehende Straße, die in's Innere führt, verläßt.

Jene bewaldeten Schluchten, von welchen ich oben gesprochen, münden dort häufig gegen die See hin aus, und es bilden sich nicht selten einzelne Parthieen so zierlichen Baumschlages, eingeschlossen in Felsgruppen, daß man unwillkürlich an künstliche Gartenanlagen denkt.

Mit Ausnahme von Seethieren, die häufig erworben werden können am Fuße jener vorher geschilderten, dicht an See abfallenden Felsen, hat man bisher nur eine geringe Fauna getroffen, und nur hie und da schwimmt dort eine Möve oder es sitzt auf einem Felsenvorsprunge ein gravitätischer Seerabe. Aber hier belebt sich die Gegend. Gegen das Meer hin sitzen oft hunderte der verschiedensten Seevögel auf dem sandigen Ufer, ausgeworfene Muscheln und anderes Gethier suchend und verspeisend.

Am grünen Saume der Berge aber und in den Schluchten schwärmt der Trochilus gigas und sepharoides um Blüthen und Blumen und es werden diese beiden einzigen Colibri des Flachlandes von Chile dort nicht selten getroffen in Gesellschaft größerer, wenn gleich nicht so bunt befiederter Genossen ihres Geschlechts.

Besteigt man die Hügel, zwischen welchen sich jene Schluchten hinziehen, so findet man die Höhe meist bewaldet, doch fehlen auch angebaute Felder nicht, indem sich in günstiger Lage einzelne Ansiedler niedergelassen haben.

Aber es ist Zeit, daß wir zur Stadt zurückkehren und versuchen, deren Leben und Treiben näher kennen zu lernen.

Ich hatte meine Zeit etwa in der Art eingetheilt, daß ich des einen Tages die Umgegend durchstreifte, Mineralien, Gebirgsarten und Pflanzen sammelte und geognostische Durchschnitte zeichnete, oder mit der Flinte auf dem Rücken in den Schluchten kletternd, Vögel schoß, wohl auch am Ufer der See Conchylien und andere Seethiere fing. Des folgenden Tages wurde das Erworbene geordnet. Die erlegten Vögel abgebalgt, die Pflanzen eingelegt und Notizen in's Tagebuch eingezeichnet. Was ich von Thieren lebend erhalten konnte, suchte ich zu beobachten, so lange als möglich, und man mag sich wohl denken, daß es bunt genug in meiner Stube ausgesehen und ich genug Arbeit hatte.

Bald hatte sich ein kleiner Kreis von jungen Deutschen um mich gebildet, welche, meist Kaufleute, dort eine Stelle zu finden hofften, aber vorläufig noch ohne Beschäftigung waren. Sie haben mir getreulich beigestanden und mich vielfach unterstützt in allen meinen Geschäften, indem sie mich theils auf die Jagd begleiteten und thätigen Antheil nahmen an derselben, theils freundlich genug waren, die mineralogischen Hämmer, den Barometer und die Botanisirkapsel zu tragen, wohl auch bei größeren Excursionen den Mundvorrath zu schleppen. Da auch bei der sichtenden Arbeit des folgenden Tages ich häufig mich solcher Beihülfe zu erfreuen hatte, so vermochte ich in kurzer Zeit mannichfache Schätze zu sammeln und wurde bald als der »deutsche Naturforscher« in Valparaiso bekannt, dem noch überdies manche freundliche Gabe geboten wurde von selbst gesammelten Naturalien und allerlei Eigenthümlichem, welches man eben durch Zufall erworben.

Auch von den Passagieren der Reform erhielt ich Besuche, so lange noch das Schiff im Hafen lag, und Beweise von freundlicher Gesinnung gegen mich. Ich hatte in Bremen einen größeren Vorrath von Rauchtabak gekauft, konnte aber der Douane halber denselben nicht gänzlich an's Land schaffen, obgleich ich einen Theil desselben, so wie Cigarren, wohl theils durch Nachsicht der Mauth-Bediensteten eingeschmuggelt hatte.

Arbeitend in meinem Zimmer wurde ich kurz vor der Abreise der Reform überrascht durch den Besuch von zwölf der Passagiere, welche, meine Klause fast gänzlich ausfüllend, von mir knurrend und brummend empfangen wurden, mit ärgerlichen Redensarten von Störungen in der Arbeit, welche selbst in Südamerika eben so fortdauerten wie in Deutschland, und anderen halb scherzhaften halb verdießlichen Worten. Aber ich wurde überrascht und beschämt, als jeder der Besuchenden mir ein Pfund jenes zurückgelassenen Tabaks überreichte. Sie hatten, wohl wissend, wie ungern ich denselben vermißte, ihn einzeln an's Land geschmuggelt und so den letzten Beweis ihrer Freundschaft gegeben.

Lange verbrannt sind jene Blätter, aber noch heute freue ich mich aufrichtig jenes mir bewiesenen Wohlwollens.

Einige Tage darauf segelte die Reform aus dem Hafen ihrem eigentlichen Bestimmungsorte St. Francisko zu, und ich sah mit theilnehmendem Herzen die Männer einem ungewissen Schicksale entgegen gehen, die mir freundlich gesinnt waren und mit welchen ich manche Fährlichkeit bestanden, manches Ungemach ertragen.

Ich habe durch Gerstäcker, der mit ihnen nach Kalifornien reiste, über Einzelne erst in der Neuzeit Nachricht erhalten, das Schicksal der Meisten aber ist mir unbekannt geblieben. Gleich mir blieben in Valparaiso zurück ein junger Kaufmann, Münchmeier, und ein Musiker aus Bremen mit seiner Familie. Ich blieb während meines Aufenthaltes in Chile mit dem Ersteren im freundlichsten Verhältnisse und wir wechseln noch heute Briefe. –

Wie ich dann nach der Abreise der Reform mit den in Valparaiso lebenden Europäern und Deutschen zuerst in nähere Beziehung getreten, will ich ihrer auch zuerst erwähnen, da ich von den Bewohnern der Stadt und von Chile's Bevölkerung im Allgemeinen spreche.

Namentlich für Valparaiso erscheint dies nicht unbillig, da, wenn auch nicht der größere, doch jedenfalls ein bedeutender Theil der Einwohner dort aus Fremden, d. h. aus Europäern besteht.

Ich glaube man kann sagen, daß die Hälfte der dortigen Kaufleute Deutsche sind, während der Rest aus Engländern und Franzosen besteht. Der Deutsche genießt in ganz Südamerika, besonders aber in Chile, die allgemeinste Achtung und dieser Ruf ist wohl begründet und erworben durch Fleiß, Thätigkeit und ein reelles Benehmen, so wie er durch eine gewisse Gentilität erhalten wird. Die dortigen Deutschen unterstützen Aermere und nicht ganz unwürdige Landsleute und suchen allenthalben das Ansehen der Nation aufrecht zu erhalten. Wie sehr die chilenische Regierung die Deutschen bevorzugt, geht schon allein daraus hervor, daß sie keine anderen als deutsche Einwanderer haben will, und solchen die günstigsten Bedingungen stellt.

Eine Partei in Deutschland, die der Mißvergnügten und Superklugen, erschöpft sich in unaufhörlichen Lamentationen über die wenige Achtung, welche der Deutsche im Ausland besitze. Der Grund solcher Wehklagen braucht kaum entwickelt zu werden, es soll vor allem das Mißvergnügen gesteigert werden. Was indessen Nordamerika betrifft, haben diese Leute leider Recht. Aber ich glaube, sie selbst sind so gut wie ich im Innern überzeugt, daß weder unsere Regierungen, noch der Mangel einer Flotte schuld an dieser Mißachtung ist, sondern das arbeitsscheue Gesindel selbst, oder jene Menschen, welche die abenteuerlichsten Ideen dort zu realisiren suchen, und welche zusammen die überwiegende Masse der Einwandernden bilden.

Man würde sich einer groben Unwahrheit schuldig machen, wollte man Aehnliches von Südamerika behaupten, sowohl hinsichtlich des Charakters der Einwanderer, als auch der Achtung, in welcher sie stehen.

Es versteht sich von selbst, daß in Chile ansässige Deutsche nicht jedem Landsmann sogleich den Zutritt in ihre Familie gestatten, ohne denselben vorher genauer zu kennen. Ich war aber dennoch bald herzlich aufgenommen und wurde wie ein alter langjähriger Freund behandelt. So namentlich in Valparaiso von Alto Uhde, in dessen Hause ich fröhliche Stunden verbrachte, und dessen Benehmen gegen mich während meines ganzen Aufenthaltes eine Reihe von Freundschaftsbezeigungen gewesen ist, von J. Freundt, dessen Empfehlungsbrief nach Santjago mir mehr geholfen als sämmtliche von Europa mitgebrachten Briefe, und von andern dortigen Deutschen. Auch mit einem deutschen Arzte, Dr. Ried, bin ich bekannt geworden und in freundschaftliche Berührung gekommen. Neben der herzlichsten Aufnahme in seinem Hause verdanke ich ihm manche schätzbare Notiz über Chile und die interessantesten Mittheilungen aus seinem vielbewegten Leben.

Die Engländer sind nach den Deutschen die beliebtesten; dann kommen die Franzosen. Ich bin in Chile mit den stolzen Söhnen Albions wenig in Berührung gekommen, da ich mich nicht berufen fühlte, alle die Ceremonien zu überstehen, welche verlangt werden, um Zutritt zu erhalten; aber mit den leichtsinnigen Franzosen habe ich mich gut vertragen, und sie dort so liebenswürdig gefunden, wie allenthalben auf der Erde.

Die Eingeborenen von Chile, d. h. die Abkömmlinge der Spanier mögen keck als ein gutes, ja liebenswürdiges Volk bezeichnet werden. Es fehlen nicht die Sünden und Mängel des südlichen Blutes, aber sie werden aufgewogen durch die Tugenden, die es bedingt.

Beide fehlen nicht bei den höheren Ständen, aber, theils abgeschliffen, theils verdeckt durch die Kultur, treten sie hier weniger hervor als beim Volke. Ich habe manchfach den Vorwurf aussprechen hören, als seien die Chilenen eigennützig, aber ich glaube, daß sie dieser Vorwurf nicht mehr und weniger trifft als jeden andern Menschen, wenigstens habe ich nie Gelegenheit gehabt, das Gegentheil zu erfahren. Aber ich habe sie bescheiden gefunden, und, so viel Untugenden stets verknüpft sind mit habsüchtiger unverschämter Zudringlichkeit, so kann auf der andern Seite der bescheidene Mann schon von vorne herein mit günstigem Auge betrachtet werden. Durch kleine, scheinbar unbedeutende Züge aber gibt sich oft Solches zu erkennen.

Oft bin ich, allein in den Bergen umherschweifend, Jägern begegnet, welche mich um Pulver oder Schrote ansprachen. Aber nie hat einer derselben, war mein Vorrath nur noch klein, die Gabe angenommen. Da ich neben dem größeren, in der Tasche befindlichen Pulverhorne ein kleines führte, und meist aus diesem das Gewünschte geben wollte, habe ich oft und mit Vergnügen dies beobachtet. Derselbe Fall war mit Tabak zu den dort vorzugsweise im Gebrauche stehenden kleinen Papier-Cigarren.

Ich bin einmal in jenen oben geschilderten Felsen an der See unweit Valparaiso umhergeklettert, und traf auf mehrere Fischer, welche zwar mit Tabak versehen waren, aber kein Papier zur Fertigung der Cigarren hatten. Sie sprachen mich an, und ich wollte ihnen ein weißes Blatt aus meiner Schreibtafel geben. Da drängte sich der ganze Haufe mit fast mich anfangs überraschender Heftigkeit um mich, um das zu verhindern: es sei schade um das schöne Buch, sie würden eher den Tabak in die See werfen. Und das waren sonnenverbrannte, wilde, halb nackte Menschen, die diesen Takt entwickelten, den ihnen kein Hofmeister und keine Gouvernante andressirt hatte. Dort sprang ich zurück, riß rasch eine Handvoll weißer Blätter aus dem Buche und warf sie in die Luft. Nun freilich wurden sie aufgehascht und selbst die in See gefallenen geholt. So war ich denn nach mancher Verständigen Urtheil ein eben so großer Narr als jene, die eine gebotene Gabe aus Bescheidenheit ausschlugen, während ich sie ihnen aufdrang.

Es liegt im chilenischen Volke ein Zug von poetischer Auffassung wirklicher Naturschönheiten, der schon an und für sich auf ein feines Gefühl hinweist. Als ich mich später einige Wochen auf der Cordillera aufhielt und zwei chilenische Knechte mit dorthin genommen hatte, wurde mir manche Gelegenheit, dies zu beobachten. Beide waren so wenig als ich jemals in der Cordillera, und ich staunte, welchen Eindruck eine glänzende Fernsicht auf sie hervorbrachte, oder eine wilde und großartig durch einander geworfene Felsenmasse, die uns plötzlich vor Augen kam. Sie sprangen in solchen Fällen jauchzend in die Höhe, oder tummelten verwegen ihre Pferde auf den Klippen, indem sie riefen: Nicht wahr, unsere Cordillera ist schön! Oder haben andere Länder auch eine solche Cordillera!

Ich bin vor Jahren einmal in Begleitung eines deutschen Knechtes fußreisend in eine der schönsten Felsenpartien der fränkischen Schweiz getreten. Nun, Claus, rief ich, was sagst Du dazu? »Ich bin froh, daß alle diese Steine nicht zu Hausse bei uns sind, da könnte der Teufel Frucht bauen.« war Clausen's prosaische Antwort.

Ein Nordamerikaner hätte ohne Zweifel überlegt, ob jene Steine etwa zu einer großartigen Kalkbrennerei tauglich, und ein Schweizer hätte das Heimweh bekommen – nach einer rentablen Gebirgs-Herberge der Heimat. Ländlich, sittlich!

Doch noch einen chilenischen Zug. In einem jener wilden grotesken Thäler der Cordillera, die plötzlich durch einen schwarzen, in die Wolken reichenden Kegelberg mauerartig geschlossen erscheinen, hielt ich einst mit Carlos, dem jüngeren der Knechte, an. Eingedenk der deutschen Volksromantik der Teufelsmauern, Teufelsbrücken u. s. w., rief ich aus. »Das ist das Haus des Teufels!« Aber Carlos erwiederte. »Nein, Herr! Das ist das Haus Gottes«!

Liegt hierin nicht eine tiefere, eine kindlichere und feinere Poesie als in zehn Druckbogen rosenfarbener Verse?

Trotzdem giebt Euch der chilenische Wechsler in den Städten fast immer einen oder den andern nicht gültigen Realen, und der Handwerksmann, der Euch den Fremden ansieht, verlangt unmäßige Preise, tout comme chez nous; aber dafür beginnt dort in den Städten die Industrie zu blühen, Bildung und Intelligenz entwickeln sich kräftig, und jene Prellereien werden als »Geschäft« behandelt.

Es mag durch Lebensweise und Gebräuche, so wie durch das Aeußere übrigens vielleicht am besten der Charakter des Menschen entwickelt werden.

Die Chilenen beiderlei Geschlechts sind eher unter als über der Mittelgröße, mit auffallend kleiner Hand und zierlichem Fuße. Die Augen kohlenähnlich, die Haare von so glänzender Schwärze, daß sich kaum in Deutschland ein gleiches finden wird. Anlage zur Dickleibigkeit fehlt nicht gänzlich, schien mir indessen bei Frauen seltener als bei uns. Auch Kahlköpfigkeit habe ich selten getroffen. Das Ergrauen der Haare aber kommt häufiger vor und scheint wohl wie allenthalben individuell zu sein. Rasch erblühend und reifend, altert das Weib auch verhältnißmäßig schneller; eine gewisse Regelmäßigkeit der Züge aber, bei vielen Individuen, bewahrt auch dann noch die Spur jugendlicher Schönheit. Vielleicht ist dies bei der rein erhaltenen spanischen Race mehr der Fall als bei Familien, welche früher mit dem indianischen Blute sich vermischt haben. Doch ist dies blos Vermuthung und etwas Gewisses läßt sich jetzt kaum mehr hierüber entwickeln. Die Bewegungen der Frauen sind graciös und zierlich. Gleich in den ersten Tagen unserer Ankunft wurden unsere Passagiere der Reform und ich in das Haus eines Kaufmanns geladen und gebeten, auch für die Folge an den wöchentlich einmal stattfindenden Abendunterhaltungen Theil zu nehmen. Kaum noch eines Worts Spanisch mächtig, war ich dort in bedeutender Bedrängniß, aber ich war erstaunt über sie Artigkeit, mit der man mir zu Hülfe zu kommen sich bemühte, und zugleich über die Schnelligkeit, mit welcher man eine fremde Sprache auf solche Weise erlernt. Dort habe ich die Lieblichkeit bewundert, mit welcher die Frauen alle europäischen Tänze ausführten, und vorzüglich die Leichtigkeit, mit welcher sie sich im deutschen Walzer bewegten. Im Schweiße meines Angesichts habe ich manche halbe Nacht dort auf den Fußspitzen zugebracht, rastlos tanzend mit allen Damen, und – kreuzlahm des andern Morgens.

Ein solcher Salon ist meist mit einigen Nipptischen geziert, welche Seltenheiten enthalten und Luxusgegenstände aus Europa, aber selten fehlen auch die reichen silbernen Geräthe, die noch von dem Silberüberflusse früherer Zeit ein Zeugniß geben. Ist der Hausherr zufällig Minenbesitzer, sind meist auch pracht- und werthvolle Stufen aus den Bergwerken zur Schau gestellt, nach welchen ich oft begehrliche Blicke geworfen.

Wachslichter auf großen silbernen Leuchtern brennend, erhellen das Gemach, dessen Thüren und Fenster geöffnet sind und meist den Blick in den Garten gestatten, der selbst zu jener ersten Zeit meines Dortseins, zur Winterzeit, reichlich mit Blumen geschmückt ist. Trotzdem hat die Hausfrau auf dem Sopha im Kreise der geachtetsten älteren Damen meist den Brasero, das Kohlenbecken, vor sich, an dessen Gluth sich bisweilen die Damen die Finger wärmen, obgleich im Salon dieß wohl kaum nöthig. Der Hausherr sitzt in einer Ecke sich auf einem Lehnstuhl wiegend, und auf Bänken rings an den Wänden haben die übrigen Gäste Platz genommen. Nie fehlt der Flügel, und nach kurzer Zeit der Unterhaltung musicirt oder tanzt man. In den Pausen wird chinesischer Thee gereicht, aber stets auch Paraguay-Thee nach der Sitte des Landes, dann Eis, feine Liköre und Backwerk. Die Cigarre ist dem Cavalleros unvermeidlich. Vor dem Ende einer solchen Abendunterhaltung, mehr eigentlich einer nächtlichen, denn man versammelt sich gegen 9 Uhr und geht um eins oder zwei des Nachts auseinander, werden stets alle Heimkehrenden mit Blumen beschenkt, wie denn auch schon während des Abends bisweilen die Damen irgend einem der Männer Blumen oder Zuckerwerk senden, oder selbst bringen.

Aber diese süße duftende Sitte mag den Eitlen nicht glauben lassen, daß er besonders bevorzugt sei. Sie ist blos durch Artigkeit bedingt und spricht keine specielle Auszeichnung aus. Männern, mit denen die Damen nur halbweg bekannt sind, werden Blumen in's Haus geschickt, und es wird sehr freundlich angenommen, macht man ein analoges Gegengeschenk. Ich war kaum drei Wochen in Valparaiso, so war ich stets mit so vielen Blumen versehen, daß ich füglich eine Ziege hätte ernähren können. Jenen prosaischen Gebrauch habe ich nun freilich nicht von den zarten Kindern der Flora gemacht, aber ich habe Galanterie und Oekonomie vereinend, jene Blumensträuße umgebunden, so unkenntlich gemacht und mit beschnittenen Stielen zu Gegengeschenken verwendet.

Nun ich des heiteren Lebens der höheren Stände gedacht, will ich der Freuden des Volks erwähnen. Handel und Wandel, Handwerk und Arbeit mag später seine Licht- und Schattenseiten zeigen.

Das Befreiungsfest in Chile giebt hiezu eine passende Gelegenheit. Es beginnt am 18. September und ist der Jahrestag, an welchem sich Chile für unabhängig von der spanischen Herrschaft erklärt hat.

Mit dem frühesten Morgen erweckte der Donner sämmtlicher Kanonen von allen Forts des Hafens die Bevölkerung der Stadt. Die im Hafen liegenden fremden Schiffe, zu jener Zeit sicher 70 bis 80 größere Fahrzeuge, hatten alle Flaggen aufgezogen, wobei natürlich die chilenische[9] nicht fehlte und meist an der Spitze prunkte. Eben so waren alle Häuser der Stadt mit Fahnen geschmückt, wohl auch am meisten die chilenische vorherrschend, doch flatterten die Farben aller Nationen dazwischen, denn jedes Banner darf entfaltet werden, mit Ausnahme des spanischen. Dann Glockengeläute, festlicher Gottesdienst und Parade.

Das eigentliche Fest des Volks begann aber erst jetzt und wurde mit einem Wettrennen der Boote im Hafen begonnen. Eine ziemlich weite Strecke wird mit fabelhafter Schnelle durchrudert, und die Rudernden sollen oft so angegriffen sein, daß sie ärztliche Behandlung bedürfen. Den Weltkampf dürfen auch die Matrosen fremder Schiffe mitmachen, ich glaube aber an jenem Tage bestanden die Kämpfenden bloß aus Chilenen; der erste Preis besteht aus zwei Unzen Gold.

Des Abends und die Nacht hindurch wurde beleuchtet, indessen ohne Zwang. Ich sah Laternen und farbige Gläser in welchen Lampen brannten, meist wieder die Landesfarben und hie und da ein Transparent. Sehr glanzreich war das Ganze eben nicht. Am Theater waren zwischen Transparenten zwei Inschriften angebracht:

[10] La independencia nos hara fuertes y la libertad grandes,

und

Valparais recuerda con gratituda a los Patriotos de 1810.

Später war gegen Entrée von einem Peso großer Maskenball im Theatergebäude, welcher indessen von sämmtlichen Damen besucht wurde, die der Gattung Phalaena nocturna angehörten. Ich kann nicht sagen, ob er glänzend gewesen, denn ich habe ihn nicht besucht, aber die Masken, welche ich auf der Straße gesehen habe, schienen mir in's Chilenische übersetzte Tyrolerinnen, Gärtnermädchen, Türken und Ritter unsers Faschings zu sein. Das Fest dauerte 8 Tage, und erst an diesen sprang die Eigenthümlichkeit des Volks und seiner Belustigungen in die Augen, während am ersten und Haupttage europäische Formen vorherrschten.

Auf einem der großen Plateaus, unweit des Leuchtthurms, waren Zelte und Buden aufschlagen und dort trinkt, ißt und tanzt man. Aber man sitzt nicht friedlich Stunden lang an einem und demselben Orte, mit Andacht genießend, was der liebe Gott bescheert hat, sondern man ras't und tobt von einer Bude zur andern, ein Glas hinunter stürzend, und wieder weiter eilend, und das häufig zu Pferde; Mann, Weib und Kind wie toll unter einander umher jagend, über Gräben setzend, und wo es halbweg der Raum erlaubt, nicht das Terrain, denn das ist gleichgültig, wettrennend.

Der fast einzige Tanz, den ich dort habe tanzen sehen, ist die Zambacueca, welche man den chilenischen Fandango nennen kann. Sie gehört dem Volke an, und ich habe gefunden, oder glaube gefunden zu haben, daß man in den höheren Ständen sie vor Fremden nicht gerne tanzt, da man sie nicht für europäisch mithin für »gebildet« genug hält. Ein einziges Paar führt den Tanz aus, welcher aus einer Menge zierlicher und mehr oder weniger leidenschaftlicher Bewegungen besteht. Lockend beginnt der Mann. Das Weib zieht sich fliehend zurück, der Mann folgt, scheint endlich zu verzichten und wendet sich; nun nähert sich die Spröde halb entschuldigend, halb aufmunternd, um später wieder das frühere Spiel zu beginnen. Die Bewegungen sind graciös, nicht heftig, und beide Theile haben ein Taschentuch, auf dessen zierliche Handhabung bald Lockung und Einladung, bald Schutz und Abwehr bedeutend, viel ankömmt. Selten begleitet mehr als eine Guitarre den Tanz, aber die im Kreise sitzenden Frauen begleiten ihn mit Gesang, der unerläßlich ist. Eine einfache, fast klagende Liebesweise mit unzähligen Versen, die wohl häufig aus dem Stegreife gesungen werden, z. B.