Himmel! wo ist meine Geliebte?
Himmel! wo ist mein Stern?
Ach er entschwand meinem Blicke,
Doch nimmer aus meinem Herzen.

Oder:

Grausame Du hast mich geblendet!
Für immer der Augen beraubt,
Denn Dunkel ist wo Du fehlest,
Wo Du bist, zu glänzendes Licht.

Dieß sind wörtliche und absichtlich nicht in Reim gezwängte Uebersetzungen. Meist habe ich ältere Frauen die Zambacueca mit Gesang begleiten hören, und bitter-süße Erinnerungen mögen manche Strophen begleitet haben. Fast immer sind die Tänzer gewandt und es ist ein Genuß dem Tanze zuzusehen, doch habe ich ihn auch von Eingebornen so plump und täppisch ausgeführt gesehen, daß mir graute, während Europäer, die Pas einflechten wollten, in affenartige Sprünge verfielen.

Die wilde tolle Lustigkeit auf solchen Plätzen, durch Tanz und Wein auf's höchste angeregt, macht sich bei der Heimkehr durch das verwegenste Reiten Luft. Es ist in Valparaiso verboten im Galopp durch die Straßen zu reiten oder zu fahren, und nur die berittenen Polizeidiener und die Aerzte dürfen dieß thun. Streng wird hierin die Ordnung gehandhabt und häufig sah ich Uebertreter von den Vigilanten eingeholt und zur Strafe (ein Peso!) gebracht. In jenen Tagen aber ras't alles in wüthender Carrière durch die Stadt. Männer und Frauen, oft 6- oder 7jährige Kinder hinter sich, und in Haufen zu zwanzig bis dreißig Personen, sprengen so durch die Straßen, da von dem Feste heimkehrend, alles durch die Stadt passiren muß.

Häufig umschlingen Liebende, wer weiß vielleicht auch Eheleute, sich mit den Armen während des rasendsten Laufes der Pferde, und es werden Kunststücke ausgeführt, welche jedem Kunstreiter zur Ehre gereichen würden. Es ist ein beliebtes Spiel der Chilenen, sich reitend dicht an einander zu drängen und zu versuchen, ob einer den andern vom Pferde zu bringen vermag. Die Thiere, meist hieran gewöhnt, unterstützen ihren Reiter, indem sie sich, im Sinne seiner Bewegung, gegen das andere Pferd neigen, so daß beide Reiter einen spitzen Winkel bilden. An einer stark abschüssigen Stelle des vom Feste abführenden Weges, habe ich dort gesehen, wie galoppirend zwei Männer dieses Spiel übten, und der eine bereits hart bedrängt, fast zu unterliegen schien, als ein schönes junges Weib, seine Freundin oder Frau, ihm zu Hilfe eilte, mit einem gewaltigen Satze ihres Pferdes an seine Seite kam, und stets nebenher sprengend durch ihr Gewicht den Freund in's Gleichgewicht brachte, so daß bald der Gegner abstehen mußte.

So macht sich Lust und Jubel im übermüthigsten Reiten Luft, aber die Gewandtheit der Reitenden und die Güte und Sicherheit der Pferde macht die Sache weniger gefährlich, als sie dem unkundigen Zuschauer erscheint. –

Was die Gesammt-Lebensweise betrifft, so spreche ich absichtlich erst hievon, nachdem ich solche einzelne Bilder gegeben. Mir schien, als haben die in Valparaiso wohnenden Fremden einen Theil der Sitten des Landes angenommen. Man steht ziemlich spät auf, hingegen wird mehr als die halbe Nacht wachend zugebracht. Man macht Besuche des Nachts um zehn, um eilf Uhr. Da der Gang des ganzen öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens hienach eingerichtet ist, muß sich jeder nach demselben richten, selbst wenn es ihm anfänglich unbequem fallen sollte. Des Morgens um 9 Uhr wird ein Frühstück nach englischer Weise genommen, Thee, Kaffee, Eier, Schinken, Fische u. s. w. Des Abends um 5 oder 6 Uhr die Mittagsmahlzeit. In den Häusern der Fremden ist natürlich mehr oder weniger die Kochkunst ihres Landes repräsentirt, der Norddeutsche genießt mit Anstand seine süße Fruchtsuppe, von welcher sich der Süddeutsche und Franzose schaudernd abwendet. Wie in den meisten wärmern Ländern spielt der Pfeffer[11] in der chilenischen Küche eine bedeutende Rolle und ist beliebt bei arm und reich. Man gewöhnt sich rasch an denselben, obgleich im Anfange die den Speisen zugesetzte Menge dieses Gewürzes fast bedrohlich erscheint.

Die vorzüglichste Nahrung des Volkes, das heißt wie es scheint die beliebteste, sind die Erbsen, Garbanzos genannt. Sie werden mit wenig Fett in größerer Menge geschmort, anfänglich warm, und dann später meist kalt, hie und da aber auch einige Mal wieder aufgewärmt gegessen.

Man hat mancherlei Ideen von der besonderen Nahrhaftigkeit dieser Erbsen gehabt und ich bin mehrfach nach meiner Zurückkunft aufgefordert worden, Aufschlüsse über dieselben zu geben. Sie unterscheiden sich indessen in Nichts von den unsrigen. Ich habe solche Erbsen nicht selten an Ort und Stelle selbst gegessen und habe auch eine Quantität derselben mit nach Europa gebracht und sie untersucht. Aber in wärmern Ländern ist die Masse der Fleischnahrung nicht nöthig, welche in kälteren Gegenden unter höheren Breitegraden zum Bedürfniß wird. Liebig's hierüber aufgestellte Sätze sind allgemein bekannt, ich brauche sie nicht zu wiederholen. Sie haben sich auch hier bestätigt, wie vieles, was dieser Gelehrte ausgesprochen, und was man angegriffen hat.

Ein Engländer, Besitzer eines Landguts unweit Valparaiso, erklärte seinen chilenischen Arbeitern, sie vermöchten unmöglich bei jener schlechten Kost die gewünschten Dienste zu leisten, und ließ ihnen kräftige Fleischnahrung reichen, aber sämmtliche Chilenen erklärten nach einigen Tagen, daß die Fleischkost ihnen nicht behage, und daß, sollten sie arbeiten, ihnen wieder die Erbsen gereicht werden müßten.

Instinktartig greift hier der Mensch nach dem Tauglichsten. Die Macht der Gewohnheit läßt freilich den Fremden in jedem Lande längere oder kürzere Zeit seine alte Lebensweise beibehalten, nicht selten wohl zu seinem Nachtheile; übergesiedelt aber, befolgt die zweite Generation die Gesetze der Natur.

Es ist indessen in Chile Fleischnahrung nicht ausgeschlossen, man führt auf Reisen den Charque, das getrocknete Ochsenfleisch mit sich, und auch der Ausländer gewöhnt sich leicht an dasselbe, obgleich dessen Genuß anfänglich einigermaßen an Talglichter erinnert.

Das frische Rindfleisch ist sehr schmackhaft, und es hat die Eigenthümlichkeit sogleich von frisch getödteten Thieren genossen werden zu können. Ich habe Ochsen mit dem Lasso fangen, tödten und zerstücken sehen. Aber während die noch von thierischer Wärme rauchenden Stücke an den Wänden der Hütten hingen, siedete schon eine andere Portion desselben Fleisches im Topfe und wurde nach kaum anderthalb Stunden von uns als vollkommen wohlschmeckend befunden. Trefflich ist die Hühnersuppe, die Casuela, welche ungewöhnlich rasch bereitet, dem im Lande Reisenden häufig eine sehr willkommene Speise abgibt.

Unweit der See wird fast alles gegessen, was man fangen kann, oder was durch die Fluth an's Land geworfen wird. Krabben, Seespinnen, Krebse aller Art, Echiniten und fast alles was das Aussehen einer Muschel hat. Vielerlei hievon wird in der Stadt zum Verkaufe ausgeboten, und ich habe dort einen neuen Schmarozerkrebs aufgefunden und mit nach Deutschland gebracht, welcher fast in jedem Exemplare der Seeigel getroffen wird, die dort verkauft und sammt jenem Eindringling gespeist werden.

Arme Leute, welche nicht weit entfernt vom Ufer des Meeres wohnen, gehen zur Zeit der Ebbe dorthin, lesen die von der See ausgeworfenen Thiere auf und essen sie roh oder auch gekocht, wenn eben ihre Bequemlichkeit erlaubte, einen Topf und Feuerung mitzunehmen. Da ich bisweilen in Gesellschaft solcher Leute die Küste besuchte und Mahlzeit mit ihnen hielt, wohl auch ein paar Vögel, die ich geschossen, zum Besten gab, so habe ich ohne Zweifel mehrere zoologische Seltenheiten verzehrt, ohne sie im Drange der Zeit gehörig zu würdigen.

Diese meine Gastfreunde führen im Uebrigen ein sehr freies, sehr faules und, wenn man will, ein sehr glückliches Leben, und unterscheiden sich wesentlich von dem Chilenen der Stadt, welcher Handel treibt und ein Gewerbe ausübt, oder vom eigentlichen Landmanne.

Eine kleine, fast nothdürftig zusammengebaute Hütte, die allernothwendigsten Kleidungsstücke und analoger Hausrath ist ihr Besitz! Um zur Ergänzung des mit der Zeit Fehlenden einige Realen zu gewinnen, bringen sie einmal einige Fische oder Krebse zur Stadt, oder arbeiten auch, etwa im Hafen Last tragend, einen Tag. So wird das Nöthigste erworben, Tabak und Erbsen gekauft, und im Schatten der Hütte liegend geraucht, geschmaußt oder geschlafen, bis entweder die See neue Speise an's Land bringt, oder nach einiger Zeit der Erwerb im Hafen wieder hervorgesucht wird.

Die für die Fremden bestimmten Gasthöfe sind in Valparaiso gut, wenn gleich nach unseren Begriffen eben nicht sehr billig. Es ist dort ein amerikanisches Hotel und ein französisches, deren Namen ich vergessen habe, und außerdem mehre andere Gasthäuser, fast alle aber von Ausländern gehalten. Man zahlt für den Mittagstisch einen Peso, eine Flasche Wein, Bordeaux (weißer Wein mit Ausnahme von Champagner wird kaum getroffen), Bier[12] ebenso einen Peso, chilenisches Bier 2 bis 3 Realen. Champagner 2 Peso. Eine Portion Kaffee 2 Realen, derselbe mit Brod 3 Realen, Beefsteaks 2, 3, mit Ei auch 4 Realen. Für die ganze Verpflegung mit Einschluß der Wohnung, aber ohne geistiges Getränke, nur 2 Peso des Tages. Man ist hierbei gut gehalten und für den, welcher des Abends nach der um 5 Uhr gehaltenen Mahlzeit noch etwas zu genießen wünscht, stehen im Gastzimmer die Reste des Bratens oder ähnliche Speisen zu beliebiger Disposition. Trinkgelder werden nicht gegeben, und auch nicht auf Rechnung gesetzt. Außer diesen Gasthöfen existiren noch eine ziemliche Menge kleiner Schenken verschiedenen Ranges, in welchen man speisen kann und Fremde, welche sich nur kurze Zeit dort aufhalten, oder nicht Zutritt in Familien haben, bringen manchen Abend in einer der beiden Conditoreien zu, wo zugleich Kaffee, Bier, Wein und alle verschiedenen andern Getränke geschenkt werden.

Das Volk in ganz Chile ist mäßig in Speise und Trank, und geistige Getränke werden nicht, wie fast allgemein bei uns, täglich genossen, sondern blos bei besonderen Gelegenheiten und selbst dann nicht mit jener Virtuosität wie in gewissen andern Ländern. Es ist vorzugsweise der einjährige rothe Wein, welcher vom Volke getrunken wird und den man Choqali nennt. Er wird am häufigsten in Conception gebaut, indessen auch weiter gegen Süden zu. Man keltert, läßt über den Hülsen gähren und füllt ihn dann in große, oft mannshohe Töpfe oder in Schläuche. Die Chincha, ein gegohrner Apfelwein wird, wie mir scheint, mehr im Süden, in der Provinz Valdivia bereitet und auch genossen, doch wurde mir auch in Valparaiso ein gutes derartiges Getränke vorgesetzt.

Der Markt ist, namentlich was Gemüse und Früchte betrifft, sowohl in Valparaiso und Santjago, als auch in Valdivia und näher dem Süden zu, gut bestellt. Man findet dort alle Gemüse, welche im südlichen Deutschland gezogen werden, und alle gut. Derselbe Fall ist es mit Früchten, bei welchen ich aber die Pfirsiche ausnehme, denn diese wohlschmeckendste der Früchte, welche die Ananas und Orange an Aroma übertrifft, ist dort schlecht, und wird von der in deutschen Gärten gezogenen weit übertroffen. Dafür treten die Erdbeeren, Frutillos, in einer so enormen Größe auf, daß ich die ersten, welche ich sah, für eine fremde, unbekannte Frucht hielt. Die Sandilla, die Wassermelone, ist eine häufige beliebte Speise der ärmeren Chilenen, man erhält vier Stücke derselben von einem Schuh Länge für einen Medio und ihr Genuß ist unschädlich, wird er nicht übertrieben; man hält ihn für ein gutes Mittel gegen Syphilis, und vielleicht nicht ganz mit Unrecht. Es ist die Bemerkung vielleicht nicht uninteressant, daß diese Melonen sich auf der See sehr lange Zeit halten. Ich habe deren am Bord verwahrt von Chile bis nach Peru und von da, um Kap Horn bis fast an den Aequator, mithin fast fünf Monate lang. Alle haben sich nicht gehalten, und auch diese hatten natürlich nicht mehr das frühere Aroma, allein es war doch immer eine frische, dem Seefahrer willkommene Frucht.

Außerdem besitzt man Granaten, Citronen, Mandeln, Kastanien, Oliven, Orangen, die Cheremoya und andere Früchte, aber an Wildpret, mit Ausnahme der Wildenten, ist der Markt schlecht bestellt, und an vierfüßigem Wilde ist vollkommener Mangel, wenigstens in Valparaiso. Der Waizen ist die Körnerfrucht, welche am häufigsten gebaut und selbst nicht unbedeutend ausgeführt wird, dann Mais und Gerste. Hafer und Roggen wurde blos in Valdivia bis jetzt vorzugsweise von Deutschen gebaut.

Da ich später auf die Verhältnisse der Agrikultur zurückkomme, will ich jetzt nicht weiter von derselben sprechen, aber noch kurz des Maaßes erwähnen, nach welchem diese Früchte, bedarf man größere Mengen, verkauft werden. Man kauft dann nach der Fanega, so daß man von Allem was gewogen wird zu sagen pflegt, die Fanega kostet drei, sechs, zehn Peso, oder eben einen bestimmten Preis; aber man würde sich sehr irren, wenn man glauben würde, nach gleichem Gewichte gekauft zu haben. Die Fanega fast jeder Frucht hat verschiedenes Gewicht. Ich lasse hier des Beispiels halber einige Proben folgen:

Aji, Knoblauch, wiegt die Fanega 35 span. Pfd.
Alpiste, Kanariensaamen " 175 " "
Anis " 112 " "
Azafran, Safran " 15 " "
Cal de concha, gebrannter Kalk aus Muscheln " 175 " "
Cal de piedra, gebr. Kalk aus Steinen " 175 " "
Cebada, Gerste " 155 " "
Cocos, Kokosnüsse " 140 " "
Camino, Kümmel " 72 " "
Frangollo, gekochtes Getreide " 160 " "
Garbanzos, Erbsen " 200 " "
Guindas secas, getrocknete Kirschen " 150 " "
Harina, Mehl " 200 " "
     "     "     andere Sorten " 160 " "
     "     "     andere Sorten " 150 " "
Higos, Feigen " 170 " "
Lentejas, Linsen " 200 " "
Mais, Mais " 160 " "
Nueces, Nüsse " 96 " "
Hrigo, Waizen " 160 " "
     "     "     andere Sorten " 155 " "

Wie namentlich in den höheren Ständen europäische Sitte durchweg in Chile tiefere Wurzel schlägt, so ist dies auch mit der Kleidung der Fall. Man trägt sich, in den Städten wenigstens, allgemein nach europäischer Mode und sucht ängstlich das Neueste zu erhalten.

Meist werden bereits fertige Kleidungsstücke von Europa aus importirt, welche indessen wo möglich alle aus Paris sein müssen. Wie manches ehrliche deutsche Beinkleid als pariser Fabrikat mit unterläuft, will ich nicht entscheiden. Ich war in diesem Bezuge übel daran. Gut ausgerüstet mit Reise-, Reit- und Jagdkostüm, war ich nur spärlich versehen mit dem, was die Mode erheischte, und indem dort, wenigstens sicher nicht minder als anderwärts, Kleider Leute machen, war ich gezwungen, zu theuren Preisen mir jene Dinge zu kaufen. Liebig sagt: Der jährliche Verbrauch der Seife sei der Maßstab für den Kulturzustand eines Volks. Ich möchte aussprechen, daß die Grenzsteine dieser Kultur durch den schwarzen Hut repräsentirt sind. Wo der ist, folgt der Frack bald nach, und das Bischen andere Bildung kommt dann schon später.

Ich war alsbald in Valparaiso gezwungen, mir einen solchen Repräsentanten für eine halbe Unze Gold zu kaufen, und zu analogen Preisen ähnliche Dinge, die ich in Europa, theuer gerechnet, für den vierten Theil des Preises bekommen haben würde.

Es versteht sich von selbst, daß die Damen noch erpichter auf die neuesten europäischen Moden versessen sind als die Männer, indessen finden sich doch in Valparaiso, wie in ganz Chile, noch zwei Luxus-Gegenstände, welche, wenn auch nicht chilenisch, doch wenigstens nicht aus Europa gebracht werden.

Es ist das schwere und reich mit Handstickerei versehene große Umschlagtuch aus China für die Damen, der Strohhut aus Panama für die Männer.

Ich habe den chinesischen Shawl in Santjago häufiger getroffen als in Valparaiso, woselbst er durch die sogenannte französische Mode auch schon theilweise verdrängt erscheint. Der Panama-Hut aber ist mit Ausnahme der Wintermonate noch allgemeiner im Gebrauch und für die feineren Sorten wird ein Preis bezahlt, der uns in Deutschland fabelhaft erscheint. Es kostet die geringste Sorte etwa vier Thaler, ein halbweg anständiger Hut aber zwölf, zwanzig, dreißig und vierzig Thaler und es giebt welche, die mit zwölf Unzen, also fast mit 500 Gulden bezahlt werden. Diese sind freilich selten, allein jene für zwanzig bis dreißig Thaler sind häufig im Gebrauche. Der Hut ist ganz ähnlich unseren Strohhüten, niedrig und mit breiter, doch nicht allzugroßer Krempe, das Gewebe natürlich dem Preise nach stets feiner und bei den besseren Sorten feiner Leinwand ähnlich. Da sie ohne allen Schaden gewaschen werden können, und die Form derselben durch die Mode nie verändert wird, kann derselbe Hut viele Jahre getragen werden und es wird hiedurch der hohe Preis etwas modificirt.

Mit Vergnügen berichte ich, daß eine unserer Modethorheiten, Handschuhe im Sommer zu tragen, in Chile kaum bis jetzt Eingang gefunden hat.

Eine beim Volke noch ganz allgemeine Tracht ist der Poncho, eine eigends hiezu gewebte Decke, mit einer Oeffnung in der Mitte, durch welche der Kopf gesteckt wird, während die beiden Seiten des Poncho über Brust und Rücken fallen und zugleich die Arme theilweise bedecken. Die reichen Hacienda- (Landgut) Besitzer und alle Städter, welche Reisen oder Partien im Lande machen, tragen dieses Kleidungsstück, welches von einigen Peso an ebenfalls bis auf mehrere Unzen je nach Feinheit des Gewebes im Preise steht.

Ich glaube, daß der Poncho von den Indianern auf die spanische Bevölkerung der Westküste übergegangen ist, denn bei den jetzt in Chile lebenden freien Indianern, den Araukanern, ist er ganz allgemein in Gebrauch und eben so wird er auf mehreren der Südseeinseln[13] getragen. Daß spanische Maulthiertreiber in Spanien selbst ebenfalls wollene Decken auf ähnliche Weise tragen, beweist wenig, auch unsere Fuhrleute bedienen sich bisweilen einer solchen Tracht.

Der größte Luxus wird in Chile mit dem Reitzeuge getrieben, und obgleich in Städten der englische Sattel ebenfalls, doch meist aber nur bei den Fremden in Gebrauch ist, bedient man sich bei größeren Touren doch fast allgemein des chilenischen Sattels, welcher, ist man gezwungen, im Freien oder in irgend einer Hütte zu übernachten, zugleich als Bett dient. Es besteht derselbe aus fünf oder sechs übereinander auf das Pferd gelegten Schaffellen, welche festgegürtet werden. Hierauf folgt ein hölzernes Gerüste als eigentlicher Sattel, und dem ungarischen Bocke ähnlich, dann kömmt manchmal die gleiche Anzahl der unten liegenden Decken, und über das ganze thurmartige Gebäude liegt zuletzt der sogenannte Pellon, ein gefärbtes feineres Schaffell. Man sitzt nicht so warm als man glauben sollte auf allen diesen Fellen, aber jedenfalls unendlich fest und bequem, und es haben alle Nationen, welche vorzüglich gut reiten, z. B. die Ungarn, Türken, ähnliche Sättel, statt auf einem kaum gekrümmten und spiegelglatten Stück Leder zu sitzen, welches den englischen Sattel vorstellt.

Die Sporen der Chilenen sind mächtig groß, die Räder derselben haben zwei bis drei Zoll im Durchmesser und ich habe in Santjago ein Paar gekauft und mitgebracht, bei welchen die Räder sieben Zoll im Durchmesser haben und welche sechs bayerische Pfunde wiegen.

Entsprechend sind die Steigbügel, meist schwer aus Holz geschnitzt, während das Riemen- und Zaumzeug aus geflochtenem Leder, beim Zaume von der Dicke eines Fingers besteht. Bei den reichen Chilenen finden sich alle diese Gegenstände entweder, so wie die Sporen, ganz von Silber oder so schwer beschlagen und überkleidet, daß ein vollständiges Reitzeug auf tausend Peso wohl auch höher zu stehen kömmt. Die Alforia, die Reisetasche, hängt bei längeren Reisen fast immer am Sattel, unentbehrlich aber ist der Lasso, den man bekanntlich in ganz Südamerika trefflich zu handhaben weiß.

Man weiß anfänglich nicht, soll man die Kunstfertigkeit des chilenischen Reiters, oder die Ausdauer des Pferdes mehr bewundern, indessen gehören beide zusammen um so vollkommen zu sein, wie sie wirklich sind. Ich habe in der ersten Zeit meines Dortseins öfter geglaubt zufällig einem Kunstreiter vom Fach zu begegnen, welcher Privat-Uebungen anstellte. So ging ich noch während der ersten Tage meines Aufenthaltes in Valparaiso auf einem schmalen, sehr abschüssigen Pfade, der rechts von einer scharfen Felswand, links von einem mehrere hundert Fuß tiefen Abgrunde begrenzt und kaum mehr als drei Fuß breit war. Indem ich nun über mir, an der Felswand, den Granit mit einer jener Quarzadern durchzogen sah, für welche ich mich sehr interessirte, suchte ich eine passende Stelle, um aufwärts zu klettern und den Quarzgang in der Nähe betrachten zu können. Da höre ich, eben halb hängend, halb stehend auf einem kleinen Vorsprunge, plötzlich Hufschlag und sehe zugleich einen Chilenen im wüthenden Galopp den schmalen Weg dergestalt abwärts jagen, daß ich der festen Ueberzeugung war, das Pferd sei im wildesten Durchgehen begriffen, und jeden Augenblick einen furchtbaren Sturz in die Tiefe erwartete. Da hält, keine zehn Schritte von mir, der Reiter plötzlich sein Pferd an, und das mit einem so gewaltigen Rucke, daß es sich vollständig auf die Hinterbacken setzt, und schneller als ich das Folgende niederschreiben kann, hat er sich eine Papier-Cigarre gewickelt, angebrannt, sprengt sein Pferd vom Platze aus wieder zum Galopp an und ist eher um eine schroffe Biegung des Weges verschwunden als ich mich besinnen kann. Warum ist jener Mensch so unsinnig geritten? Einfach zum Vergnügen! Und ich selbst bin vier Wochen später, soll ich es gestehen, nicht ganz zum Vergnügen, doch aber, nun – eben um nicht zurückzubleiben, eben so toll einen ähnlichen Weg hinab gejagt, indem ich einem deutschen Landsmann folgte.

Man gewöhnt sich rasch an dieses Reiten, da man bald die Vortrefflichkeit der Pferde erkennt, welche selten straucheln, aber fast nie stürzen, und welche man zudem durch das scharfe Gebiß gut in der Hand hat und fast buchstäblich niederreißen kann.

Eine beliebte Uebung des chilenischen Landvolks ist folgende: Von einem frisch geschlachteten Stiere wird die Haut mit der feuchten und schlüpfrigen inneren Seite aufwärts auf dem Boden mit Pflöcken befestigt. Man stellt sich zwei bis dreihundert Schritte davon auf, sprengt im Carriere an und arretirt auf der spiegelglatten Haut.

Aber die Pferde, gewöhnt von Jugend auf an solche Uebung, sind willig und gutartig und haben dabei eine Sicherheit des Ganges und eine Ausdauer, welche unglaublich erscheint.

Man reitet zwanzig bis fünf und zwanzig Stunden des Tags ohne das Pferd nur ein einziges Mal zu füttern, höchstens reitet man es bis an den Bauch in einen Bach, läßt es nach Belieben trinken und reitet im Galopp weiter, denn alle diese Reisen werden galoppirend gemacht, das Traben kennt man nicht. Aber hat man solche starke Touren gemacht, so läßt man das Pferd wenigstens einige Wochen lang ausruhen, und geht es an, auch länger. Ueberhaupt bleibt ein Pferd nicht länger im Dienste als etwa vier Wochen. Man schickt es dann auf's Land, wo es eben so lange Zeit frei umherläuft, auf den Felsen umherklettert, und überhaupt ganz nach Willkühr lebt. Es giebt Landleute, welche größere und unbebaut liegende Landstrecken zu diesem Zwecke benützen. Man schickt seine Thiere einem solchen, und die bereits ausgeruhten werden mit dem Lasso gefangen und wieder zur Stadt zurückgebracht.

Selbst in den Städten besitzt fast jedermann einige Pferde, auf dem Lande aber, wo der Unterhalt derselben fast gar Nichts kostet, ist kaum irgend Jemand, der nur eine Hufe Landes besitzt, ohne fünf, zehn oder mehrere Pferde, welche alle frei umherlaufen, grasen und sich, bis man ihrer bedarf und sie mit dem Lasso fängt, vollständig selbst überlassen sind. Auch die Ställe in den Städten sind von den unsrigen sehr verschieden. Es sind Schuppen, in welchen die Thiere frei umherlaufen und sich des Winters gegen etwaigen Regen, oder im Sommer gegen allzustarke Sonne, unter einem im Ecke des Schuppens angebrachten Dache schützen.

Es erhellt aber, daß auf solche Weise das Pferd nie den freien Gebrauch seiner Glieder verliert und nachdem es wochenweise auf Felsen umhergeklettert ist, um sich seine Nahrung zu suchen, später ebenfalls nicht ängstlich ist oder strauchelt, wenn es seinen Reiter über schmale Felsenpfade oder an Abgründen vorüber tragen soll.

Die Pferde werden mit Gerste gefüttert, da man den Hafer nicht kennt, Grünfutter ist indessen die vorzüglichste Nahrung derselben.

Der Preis eines Pferdes ist sehr verschieden; um zwei bis drei Unzen erhält man ein ganz taugliches Pferd, bisweilen aber werden wohl auch vier bis fünfhundert Peso für eins gezahlt. Ich muß als eine Eigenthümlichkeit erwähnen, daß man in Chile die Gewohnheit mancher Pferde, im Paßgange oder Schritt die Vorderfüße über einander zu werfen, für eine ganz besondere Schönheit hält, während bei uns dies für einen sogenannten Schönheitsfehler angesehen wird. Indessen weiß ich weder den deutschen noch den spanischen Kunstausdruck für diese Tugend oder Untugend der Pferde, obgleich ein solcher existirt. Man sucht sorgfältig Stuten und Hengste, welche diese Eigenschaft haben, zusammen zu bringen, und gut ausgefallene Fohlen, welchen man möglichst noch durch Dressur nachhilft, werden dann zu den oben angegebenen hohen Preisen verkauft.

Maulthiere und Esel werden von den Chilenen weniger zum Reiten als zum Waaren-Transport und Lasttragen verwendet, doch sieht man ärmere Leute auf Eseln reiten. Unbedingt aber zieht man in Chile die Pferde den Maulthieren für gefährliche Gebirgsreisen vor. Letztere sind, wie Alles was zum weitverzweigten Geschlechte der Esel gehört, störrisch und eigensinnig, ja selbst boshaft, und es gilt in Chile als Regel, stürzt man mit einem Maulthiere, sich sogleich, selbst bei gefährlichem Terrain, so weit als möglich vom Thiere hinweg zu wälzen, da es augenblicklich nach dem Kopfe des Liegenden schlägt.

Ich habe den Pferden und dem Reiten eine, vielleicht anscheinend ungebührlich lange Stelle gewidmet, aber da der Chilene als Kind von drei Jahren auf's Pferd kömmt, und die siebzigjährige Matrone noch Tagreisen auf demselben macht, so mag dem treuen Genossen jener Menschen diese Schilderung seiner Vorzüge wohl gegönnt sein[14].

Ich komme jetzt auf einen eigenthümlichen fast schwierig zu behandelnden Gegenstand, welcher nichts desto weniger mit einigen Worten erwähnt werden muß. Ich meine das, was man die Sittlichkeit eines Volkes im engeren Sinne des Wortes nennt.

Allenthalben ist man geneigt südlichen Völkern einen größeren Hang zur Sinnlichkeit beizumessen, als solchen, welche in kälteren Landstrichen wohnen. Man spricht von heißem Blute, von unbezähmbaren Leidenschaften, von dem Feuer, welches sich in jenen glühenden Blicken verrathe u. dgl. mehr. Ich möchte dem nicht unbedingt beipflichten, nach Allem was ich erfahren habe in kalten und heißen Ländern, und vielleicht gerade in dem Punkte, im Punkte der sinnlichen Liebe. Es will mir scheinen als sei der Saame der alten Erbsünde nahebei gleich stark vertheilt in den Herzen aller Menschen, unter Blonde, Braune und Schwarze, und es neige sich der Sohn des kalten Nordens so stark zu verbotener Liebe, als das Kind der tropischen Sonne.

Aber ein bischen mehr Verstellung versteht der erstere zu üben, mancher zügellose Wunsch wird dort mit dem Schleier der Sittsamkeit bedeckt, und die scharfe Zunge einer Heuchlerin tadelt an der Nachbarin das Vergehen, dessen sie selbst schuldig.

Näher dem Aequator ist man nicht so ängstlich bemüht seine Leidenschaft zu verbergen, man sündigt weniger geheim, und begeht deshalb in Wirklichkeit weniger Sünde, weil man minder lügt, minder heuchelt.

Eigentlich mag Valparaiso im Betreff der Sittlichkeit, behalten wir den Ausdruck bei, keine sichere Norm abgeben, denn es ist eine Hafenstadt und in dieser begegnet man auch in tugendreichen Landen, mehr als in andern Städten, gefallenen Töchtern und verlorenen Söhnen.

Aber eben wegen der Freiheit, mit welcher man in Chile gewisse Dinge behandelt, tritt kein so strenger Gegensatz zwischen andern Städten des Innern auf, und dort, so wie hier, öffnen des Abends jene Damen, von welchen ich oben erzählte, daß sie den Maskenball besuchten, ihre Thüren und lassen ein Paar Blumen, ein Paar Bilder an den Wänden, ein Licht und eine freundliche Miene sehen. Fremde und Einheimische treten ein, man spricht, scherzt, die Guitarre erklingt (bisweilen indessen verzweifelt verstimmt) und man trinkt wohl auch ein Glas aus der Nachbarschaft geholten Weines. Endlich werden die Thüren wieder geschlossen, und die Besuchenden sind gegangen. Ich kann keine Rechenschaft ablegen davon, ob nicht etwa einer derselben geblieben ist, aber ich kann bezeugen, daß der Vorübergehende nicht in diese Zimmer gelockt oder gerufen wird, ohne Zweifel bloß deßhalb, weil man weiß, daß ohnedieß eintritt, wer Belieben dazu trägt. Das ist schon ein großer Unterschied zwischen Valparaiso und andern Hafenstädten in Europa. Bisweilen sieht man vor solchen geschlossenen Thüren einen Mann oder ein altes Weib kauern und friedlich wartend eine Cigarre rauchen.

Ein Freund, der sich nähere Kenntniß erworben, hat mir versichert, dieß sei nach der Aussage der Mädchen un amigo oder mi matre, welche vorläufig außen verweilend, den Schlaf der Freundin oder Tochter bewachen, und später wieder eintreten. Ländlich, sittlich!

Mancherlei noch wußte mein Freund zu berichten, aber streng und nördlich gesinnt, habe ich Alles wieder vergessen, bis auf die burleske Schilderung, die er mir entworfen von der künstlerischen Ausschmückung jener Zimmer. Es bestünden die Bilder an den Wänden dort meist aus deutschen Lithographien, und friedlich habe er dort neben einander hängen gesehen europäische und deutsche Fürsten, Marien und Heilige, Robert Blum und Hecker. Sieht man da nicht, sagte mein Freund, wie Liebe, Unschuld und ein kindliches Gemüth alle Gegensätze zu einen wissen?

Im Kreise der höheren Stände und der Leute, welche Geld besitzen, hat man sich ohnedem ganz nach europäischem Typus eingerichtet, wie solches, mit Ausnahme der Glacé-Handschuhe, auch mit den Kleidern geschehen ist; es ist also wohl auch derselbe Fall mit der Tugend und Moralität eingetreten, gegen außen wenigstens.

Aber manche rosenfarbene Sünde, die geheim betrieben wurde, mag auch durch geheime Buße und Reue gesühnt worden sein, denn noch sind die Frauen fromm und gläubig in Chile.

Aber es ist Zeit wieder einmal von mir selbst zu sprechen. Ich hatte fast acht Wochen in Valparaiso und der Umgebung zugebracht. Da meine Excursionen mich oft weit ab von der Stadt führten, hatte ich häufig Gelegenheit, oder war viel gezwungen, auf dem Lande in einem einsamen Gehöfte oder einer Hütte zu übernachten, das Leben der Landbewohner kennen zu lernen und praktisch so viel Spanisch zu erwerben, daß ich nothdürftig ein Gespräch führen konnte. Allenthalben wurde ich gastlich aufgenommen, und obgleich von Chilenen selbst vor Räubern gewarnt, ist mir doch nie das Geringste begegnet. Indessen wurde einmal während meines Aufenthalts in Valparaiso eine Räuberbande, oder wenigstens in die Gattung einschlagendes Gesindel eingebracht. Von einem Morde aber oder von einem räuberischen Anfalle verlautete während der ganzen Dauer meines Aufenthaltes Nichts. Fürchten aber mag man sich wohl vor Aehnlichem. Wenn ich des Abends oder während der Nacht allein auf einsamen Straßen ritt und mir ein oder mehrere Reiter entgegen kamen, bin ich denselben nicht ausgewichen, sondern ritt stets auf derselben Seite der Straße, welche sie behaupteten; meist wich dann der Entgegenkommende schon in der Entfernung aus. Lenkte ich aber mein Pferd nochmals auf die Seite der fremden Reiter, so bogen jene häufig von der Straße ab, gaben auch wohl querfeldein Fersengeld. Freilich war ich stets bewaffnet und mag einem »Ladron« nicht unähnlich gesehen haben in meinem Reise- und Jagdcostüme.

Wenn man aber fragt, warum ich eigentlich jenen Reitern entgegen geritten, so muß ich antworten, daß dieses ziemlich aus demselben Grunde geschehen, aus welchem sie auswichen. Da ich denn doch nicht wußte, wem ich das Vergnügen haben sollte zu begegnen, so zog ich vor, das Prävenire zu spielen.

Vierzehn Tage wohnte ich während jener Zeit auf den Windmühlen etwa 2 Stunden von Valparaiso. Ein deutscher Aufseher, Namens Schmids, der dort wohnte, trat mir freundlich eine Stube ab, stellte mir seine Pferde zur Disposition, und half mir gefällig in meinen Arbeiten. Ich habe in seiner Begleitung größere Touren in das Land gemacht, und noch später überbrachte er mir für mich gesammelte Naturalien nach Valparaiso. Mit wahrhaft aufrichtiger Freude gedenke ich stets der deutschen Landsleute aus allen Ständen, welche mir im fernen Lande so freundlich entgegen gekommen sind, und ich schalte bei dieser Gelegenheit ein, daß während meines zweiten Aufenthaltes in Valparaiso, vier Monate später, mir mehrere deutsche Handwerker, welche dort als Gesellen arbeiteten, Käfer und Conchylien überbrachten, da sie durch das Gerücht erfahren hatten, daß ich Naturforscher sei und solche Dinge sammle.

Die Abende auf jener Mühle wurden gewöhnlich bei einem Italiener zugebracht, welcher eine Frau aus Buenos-Ayres geheirathet hatte und dort an der Straße nach Santjago einen kleinen Kaufladen und eine Schenke unterhielt. Sein Lager war ziemlich gut mit verschiedenem Getränke versehen, aber wie überhaupt in jenen Ländern gebräuchlich, waren alle Flaschen und Vorräthe auf Gestellen längs den Wänden aufgestellt, und durch kürzlich vorgenommene Baureparaturen in einige Unordnung gekommen. Selten war das Richtige zu finden, und so kam es, daß statt chilenischem Biere Portwein, statt Teneriffa Ale, und statt Madeira Bordeaux gereicht wurde. Nach einigem Suchen überreichte der Wirth irgend eine Flasche mit der stehenden Redensart. »Ich weiß nicht, was es ist, aber es wird wohl auch gut sein,« und auch die Preise wurden willkürlich gemacht.

Diese Art, Wirthschaft zu betreiben, ergötzte mich höchlich. Die durch Zufall erworbene Flasche wurde meist mit den Wirthsleuten getheilt, während ich an ihrem Abendessen Theil nahm und Paraguai-Thee mit ihnen trank. Obgleich bei Tage schon stärkere Hitze eingetreten, waren doch die Abende und Nächte ziemlich kühl, da der Berg, auf dem die Mühlen erbaut, der höchste der nächsten Umgebung und dem Winde stark ausgesetzt war, und es fehlte bei diesen abendlichen Unterhaltungen nie der Brasero. Ich habe dort gemüthlich am Kohlenfeuer sitzend manche schätzenswerthe Aufschlüsse über Chile und die benachbarten Länder erhalten, welche theils der Deutsche, theils der Italiener durchzogen hatte, und welche ich großen Theils, einmal aufmerksam gemacht, bestätigt fand.

Ich muß bei dieser Gelegenheit einer eigenthümlichen Notiz erwähnen, welche mir dort mitgetheilt wurde, und welche zwar allerdings theilweise gewiß eine Fabel, eben so gewiß aber auch nicht ganz aus der Luft gegriffen ist. In den La Plata-Staaten – erzählte der Müller – also auf der »andern Seite« wie man in Chile zu sagen pflegt, existirt ein sonderbares und gefährliches Thier. Es ist eine Schlange von etwa fünfzehn Fuß Länge, aber von der Dicke eines sehr starken Mannes, wohl auch stärker. Dieses Thier hat eine nur langsame Bewegung, aber eine furchtbare Kraft im Athem. Selbst größere Säugethiere, zum Beispiel Füchse, werden, sind sie einmal auf zehn oder zwölf Schritte im Bereich der Schlange, von ihr angezogen und verspeist. Die Thiere, welche, einzig durch das mächtige Einziehen der Luft, dem Unthier immer näher gebracht werden, stemmen sich mit aller Kraft dagegen, und schreien häufig aus Angst, aber alles ist vergebens. Die Schlange zieht auf gleiche Weise kleine Kinder an sich und ist sehr gefürchtet, da sie sich nicht selten in der Nähe von Dörfern und Städten blicken läßt. So bei Mendoza, San Juan, La Bioja. Da sie keine raschen Bewegungen hat, können kräftige Männer ihrer Herr werden, und man erschlägt sie mit Aexten. Ihre Haut giebt dann Riemen und Lederzeug und wird in Streifen geschnitten und zu Reitpeitschen verwendet. So weit der Müller. Daß die Geschichte mit dem Anziehen durch den Athem eine Fabel ist, begreift jedermann. Aber daß dort ein Thier von ähnlicher Form und Größe existirt, was von unsern Naturforschern bis jetzt noch nicht gekannt ist, unterliegt fast auch keinem Zweifel. Ich habe später mit einem deutschen Arzte in Santjago, welcher sich vielfach mit der Fauna jener Gegenden beschäftigte, über die Sache gesprochen, und er sagte mir, daß jene allgemein verbreitete Sage in Betreff der Größe der Schlange ihre Richtigkeit habe und es sei ihm durch die glaubwürdigsten Zeugen bestätigt, daß kleinere Säugethiere, Vögel und Amphibien sich wirklich der Schlange nähern und von ihr verspeist werden. Aber die Haut der Schlange sei stets klebrig, so daß eine Menge von Insekten, ja selbst kleine Vögel auf derselben klebten und diese sowohl als die größeren, später zum Opfer fallenden Thiere, sähen die Schlange selbst für einen liegenden Baumstamm an, dem sie wirklich ähnlich sehe. Auf diese Weise würden letztere eine Beute des Unthiers, indem sie sich der kleinen fest klebenden Thiere bemächtigen wollten. – Relata refero!

Aber selten ist eine so allgemein im Volke verbreitete Sage wie die eben erzählte ganz ohne Grund; und ich halte es für Pflicht des Forschers ihrer zu erwähnen um spätere wissenschaftliche Reisende aufmerksam zu machen.

Bei meinem Aufenthalte auf den Mühlen traf ich einige Mal Leute, welche aus den Vorbergen der Cordillera herabkommend, verschiedene Volksheilmittel und ähnliche Gegenstände zum Verkaufe brachten. Ich bin durch einen eigenthümlichen Zufall, den ich nicht näher erwähnen kann, um jene Medikamente gekommen, aber ich glaube, daß sie wenigen Werth für die Wissenschaft gehabt hätten, indem die Wurzeln und Kräuter, aus welchen sie bestanden, meist zu unscheinbarem Pulver zerrieben waren, während ihre Bezeichnung der beim Volke gebräuchliche Name der Pflanze ist, der sich noch häufig nur auf kleinere Distrikte beschränkt.

Des Beispiels halber führe ich indessen einige solche Artikel an, welche ich im Hausschatze einer Landbewohnerin fand, bei welcher ich öfter auf Excursionen einkehrte:

Voican, klein geraspelte Holzspähne, gegen Leucorrhoea;

Mansarilla de Castilio, Blattfragmente gegen Magenschmerzen;

Goma de Mimbrilla[15], Samenkörner, gegen Hämorrhagien aller Art;

Triaca [16], Wurzel gegen Magenschmerzen;

Pichoa, Blattfragmente, als Purgirmittel gebräuchlich;

Pietra de aguila, Adlerstein, wurde als reines Eisenoxydhydrat befunden, von der Besitzerin aber als eine große Seltenheit und theurer Gegenstand geschätzt. Es wird gegen Fallsucht angewendet.

Endlich Asarcon gegen Verstopfung. Dieses Mittel bestand aus reinem Mennige, welcher im Spanischen minio heißt. Woher der Name asarcon, weiß ich nicht, wenn nicht vielleicht von asarse, verbrennen. Die Frau hielt dieses Mittel, vielleicht wegen der rothen Farbe, am höchsten in ihrem ganzen Arzneischatze. Ich gab ihr einige Aloë-Pillen mit der Anweisung zwei derselben bei vorkommenden Fällen zu gebrauchen, und die Mennige zu entfernen. Als ich des andern Tages wiederkehrte, fand ich ihre Magd, ganz nach Art der deutschen Stubenmädchen, mit verbundenem Kopfe und mürrischer Miene umherschleichen, und nachdem sie sich entfernt hatte, gestand mir die Herrin mit heimlicher Freude, sie habe, um die Stärke meines Mittels zu prüfen, dem Mädchen fünf Pillen gegeben. Well! man sieht hieraus wie der Drang, wissenschaftliche Experimente anzustellen, selbst unschuldigen Naturkindern einwohnt.

VI.
Reise nach Santjago (Chile).

Wieder von den Mühlen nach Valparaiso zurückgekehrt, beschloß ich nach kurzer Zeit tiefer in's Innere von Chile zu gehen, und vorläufig mich nach Santjago zu verfügen. Ich miethete und bezahlte meine Wohnung auf zwei Monate im Voraus, um einen ruhigen Platz für meine bereits gesammelten Naturalien zu haben, nahm von meinen Freunden Abschied und wurde von Uhde, Freundt und Dr. Ried mit sehr guten Empfehlungsbriefen versehen, welche mir mehr Nutzen und bessere Aufnahme gebracht haben als alle anderen zusammen, die ich aus Europa mit mir genommen.

Ich nahm eine Berloche, einen zweirädrigen und zweisitzigen Wagen, für welchen ich nebenher gesagt 20 Peso bis nach Santjago zahlen mußte, und machte mich eines Morgens etwa gegen 9 Uhr auf den Weg. Die Art, auf welche man durch solche Berlochen fortgeschafft wird, ist folgende. Der Wagenlenker erscheint am Hause, reitend, und führt das in einer Gabel gehende Wagenpferd am Zügel. Die Effekten des Reisenden werden gepackt, d. h. nach Seemannsart festgestaut, angebunden, eingekeilt, kurz eigentlich mehr befestigt als verpackt. Dann fährt man durch die Stadt; an irgend einer Ecke gesellt sich ein zweiter Berittener zum Wagen, und schon am Ende der Stadt erscheint ein dritter mit etwa zwanzig oder dreißig ledig laufenden Pferden, und kaum vor der Stadt, wo auf dem Wege nach Santjago zu sogleich ein Berg ansteigt, beginnt die tolle Jagd, aus welcher eigentlich die ganze Fahrt besteht. Man lenkt sogleich auf den äußersten Rand der Straße, wo häufig kein Geländer gegen das Stürzen in den Abgrund schützt, und fährt bergan bergab im schnellsten Galopp, und auf der Ebene oft Carriere. An steilen Stellen helfen beide Reiter aufwärts ziehen, indem sie Haken, welche mit starken Riemen an ihrem Sattel befestigt sind, am Wagen einhängen und so zu beiden Seiten nebenher galoppiren.

Der dritte Reiter treibt, den Lasso schwingend, die frei laufenden Pferde neben her, welche bald zurückbleiben, an günstigen Stellen ein wenig grasend, dann wieder im vollsten Laufe an der Berloche vorüber rasend, voraus eilen. Hie und da wird angehalten, eines dieser Pferde mit dem Lasso heraus gefangen und statt des ermüdeten eingespannt. Ein eigentliches Wettrennen beginnt auf den weiten Ebenen, welche man an mehreren Stellen des Wegs antrifft und woselbst der von der Sonne hart gebrannte Boden das günstigste Terrain bietet. Da fast alle Reisenden, welche von Valparaiso nach Santjago gehen, zu gleicher Tagszeit abreisen, so treffen auf jenen Flächen häufig die Berlochen zusammen und nun beginnt die Wettfahrt.

Wenn man es mit einem – wie soll ich mich ausdrücken – mit einem etwas aufgeregten Menschen zu thun hat, muß man entweder die größte Ruhe beobachten, oder was auch bisweilen hilft, sich noch unsinniger geberden. Wir fuhren dort mit noch zwei anderen Wagen fast in einer Reihe. In dem einen zwei chilenische Herrn, in dem zweiten zwei Damen mit einem Negerkinde. Als das raschere Fahren begann, setzten die Damen das Kind neben sich auf den Boden der Berloche und hielten verschiedene Schachteln und Büchsen mit den Händen fest, und die Herren nahmen des stärkeren Luftzuges halber die Hüte ab, niemand aber zeigte eine besondere Aufregung oder Verwunderung, sondern jene Vorkehrungen wurden mit derselben Ruhe getroffen, mit welcher man eben bei uns, fängt es gelinde an zu regnen, den Regenschirm aufspannt, oder einen Handschuh auszieht und in die Tasche steckt. Dort rief ich meinen Chilenen zu. »mas pronto!« (rascher!) Sie sahen mich einen Augenblick verwundert an, denn solches war ihnen wohl noch selten gesagt worden, hierauf aber begann ein wirklich so verrücktes Jagen, daß wir bald unsere Rivalen hinter uns hatten.

Durch diese Narrheit hatte ich mir die dauerhafteste Achtung und Ergebenheit meiner Berlocheros erworben, welche mich von diesem Augenblicke an für einen ächten Caballero hielten.

Man kehrt auf dem Wege nach Santjago zweimal ein; einmal in Casa blanca, wo man zu Mittag speist und Siesta hält, das zweite Mal um zu übernachten, in Curicavia. Die Gasthöfe an beiden Orten sind so ziemlich in europäischem Style eingerichtet, und man befindet sich wohl dort. Von Curicavia geht man bald des Morgens ab, und kömmt bei guter Zeit in Santjago an. Die ganze Strecke, welche 40 bis 50 Stunden Weges beträgt, fährt man in nicht ganz 15 Stunden.

Dem von Valparaiso nach Santjago Reisenden ist ein Ueberblick über das Land wohl gestattet. Es mag das chilenische Land kurz so bezeichnet werden. Seiner ganzen Länge nach ist der schmale Landstrich, welcher Chile bildet, von zwei Gebirgszügen eingeschlossen und begrenzt. Gegen Westen, und die Küste des stillen Oceans bildend, ist es die sogenannte Cordillera de la Costa, die Küstenreihe, ein Gebirgszug, welcher in wechselnder Höhe 800 bis 1200 Fuß ansteigt und selten die Höhe von 3000 Fuß übersteigen wird. Bisweilen in sanfteren Krümmungen abfallend gegen die See, erhebt sich jene Bergreihe doch meist in steilen schroffen Ufern, an welchen eine donnernde Brandung sich bricht. Es ist dieselbe gegen Süden auf dem Gipfel und gegen das Land zu häufig bewaldet, aber im nördlichen Theile Chile's fast durchgängig kahl und schroff. Indessen auch dort, wo schon die glühende Sonne kaum auf den Höhen mehr eine Vegetation aufkommen läßt, sind noch jene Schluchten, die ich schon oben erwähnte, so wie bei Valparaiso, mit üppigem Grüne bekleidet, dem einzelne schlanke Palmen und mächtige Schlinggewächse ein tropisches Ansehen verleihen.

Hat man diese Küsten-Cordillera überstiegen, so breitet sich das Flachland von Chile vor unsern Blicken aus und gewährt den erfreulichen Anblick eines Landes, von welchem die Cultur Besitz genommen hat, ohne schon vollständig die Freiheit der Natur verdrängt zu haben. Kleinere und größere Besitzungen, von der Hütte des armen Landmannes, der nur wenige Hufen Landes besitzt, bis zu der wohl eingerichteten Hacienda des Reichen, welche Tausende von Thalern jährlichen reinen Ertrag abwirft, bieten sich allenthalben dem Auge dar, aber waldige Thäler, felsige Schluchten und selbst öde, nur mit der Espina[17] spärlich bedeckte Ebenen, liegen zwischen jenen Zeugen des Fleißes und beweisen, daß noch fleißige Hände dort Beschäftigung finden würden, und der Fluch der Uebervölkerung dort noch nicht eingetroffen.

Einzelne kleinere Gebirgszüge, aber nicht so regelmäßig fortgesetzt wie die Küstenreihe, wohl auch isolirte kegelförmige Berge, unterbrechen jene Ebene, bis endlich die hohe Reihe der Anden, la Cordillera alta, Chile vom anderen Theile Südamerikas trennt.

Im Allgemeinen ist dies der landschaftliche Charakter des Landes und namentlich im mittleren Theile. Während im Norden und Süden aber beide Hauptgebirgszüge sich gleichmäßig fortziehen wie im mittleren Theile, und auch jene Unterbrechungen der Ebene durch einzelne Bergformen stattfinden, wird das landschaftliche Bild im Norden modificirt durch den Mangel der Flora und erinnert bereits an die nachbarliche Wüste von Atacama. Im Süden hingegen zeigt eine noch weit ausgebreitete waldige Fläche und Ströme, die sie durchziehen, daß hier zwar der im Norden mangelnde, alles befeuchtende Regen nicht fehlt, wohl aber noch Bevölkerung und Arbeitskraft.

Stellen, auf welchen man Belege für das eben Ausgesprochene findet, sind die Cuesta[18] de Valparaiso, die Cuesta de Zapata und die Cuesta de Prado. Die Cuesta de Valparaiso, auf welcher die Mühlen erbaut sind, ist ein Glied der Küsten-Cordillera. Ich habe sie nach meinen barometrischen Messungen 1279 Fuß hoch gefunden; die Cuesta de Prado 2277 Fuß hoch. Der letztere Berg steigt steil an und die Straße, welche über denselben führt, läuft im Zickzack aufwärts, wenigstens 30 Windungen machend. Von dort hat man eine besonders schöne Fernsicht über das Land, während die wilden steilen Abhänge und Schluchten einen romantischen Vordergrund bilden.

Ich habe in einer größern wissenschaftlichen Abhandlung, welche in den Denkschriften der k. k. Akademie der Wissenschaften in Wien erschienen ist, die geographischen Verhältnisse von Chile so ausführlich behandelt als es mir nach den gemachten Erfahrungen möglich war, und ich muß auf jene Abhandlung denjenigen verweisen, welcher sich speciell für Geognosie interessirt. Als kurze Skizze eines geognostischen Bildes, und vorzugsweise das mittlere Chile betreffend, möchte etwa Folgendes anzuführen sein. Granitisches Gestein bildet die Hauptmasse der Küstenreihe. Meist gegen Süden, z. B. in Valdivia, als Glimmerschiefer auftretend, herrscht bei Valparaiso der eigentliche Granit vor, hie und da vertreten durch Sienit, oder übergehend in Gneis. Zahlreiche Gänge vom basaltischen, doleritischen und vorzugsweise porphyrischen Gesteine, durchdringen die granitischen Formen, an der Küste häufig als kegelförmige Erhebungen aus den Fluthen ansteigend, in den Gebirgen des Landes aber mächtig sich ausbreitend an manchen Stellen, so daß der flüchtig untersuchende Geognost an ein Ueberwiegen wohl glauben mag. Wirklich aber beginnt ein solches Vorherrschen dieser vulkanischen Gesteine weiter gegen das Innere, gegen die hohe Cordillera zu. Es treten endlich dem Forscher die Vorberge derselben entgegen, Trachyte, Dolerite, Porphyre der verschiedensten Art werden immer häufiger, sie sind kaum mehr als Gangbildung zu betrachten, sondern als selbständige Formen und bilden große mächtige Kegelberge. Dort wird das granitische Gestein in allen seinen Modificationen seltener, bis endlich in der Kette des Andes-Gebirges selbst, das wildeste bunteste Gemenge aller Felsarten der vulkanischen Reihe auftritt, bisweilen aber auch noch von vereinzelten granitischen Schichten bedeckt, die offenbar empor gehoben worden sind, nicht selten aber auch einschließend und umhüllend mächtige Massen darstellen, die mehr oder weniger verändert und umgestaltet sind.

Es giebt vielleicht wenige Landstriche der Erde, für deren Entstehung, d. h. für ihre Erhebung aus der Tiefe, aus den Fluthen des Meeres, leichter eine glaubwürdige Theorie aufgestellt werden kann, als für Chile und einen großen Theil der Westküste. Aber wir haben keinen Maßstab mehr auf unserer Erde für jene gewaltigen Reactionen, welche dort vorgegangen sein müssen, und gegen welche sich das Erdbeben von Lissabon verhält, wie ein emporgeschnelltes Sandkorn gegen das Auffliegen eines mächtigen Pulverthurmes.

Ohne Zweifel war der größere Theil von Südamerika, der jetzt die östliche Seite bildet, längst empor gestiegen, als durch einen jener gigantischen Vorgänge im Innern der Erde sich eine neue Spalte öffnete, und ohne Zweifel mächtig erschütternd das ganze schon bestehende Festland, die Kette der hohen Cordillera feurig flüssig aus jener Riesenkluft hervordrang. Gleichzeitig mag das wohl geschehen sein, wenigstens das Emporsteigen des größten Theils der Andes-Kette, wenn auch nicht gleichzeitig nach unsern Begriffen von Raum und Zeit, für welche hundert Jahre schon eine Periode.

Durch jene kolossalen glühenden Felsmassen hindurch bahnten sich wieder neue nachdringende Massen einen Weg, theils erstarrend ehe sie die Oberfläche erreicht, theils sie durchdringend und mehr oder weniger flüssig sich ergießend über dieselbe. Längs der ganzen Reihe des neu entstandenen Gebildes aber blieben Kanäle offen nach der gährenden, schmelzenden Tiefe. Fortwährende vulkanische Ausbrüche fanden statt durch dieselben, eine Reihe meteorologischer Erscheinungen hervorrufend, deren Intensität wir nur zu ahnen vermögen, nehmen wir auch die analogen Processe zu Hülfe, welche noch heute vor unsern Augen bei den Ausbrüchen unserer jetzigen Vulkane vor sich gehen.

Später wohl erst hob sich das Flachland von Chile und den andern Ländern, welche jetzt die Westküste bilden. Sind nun jene Gänge und Spalten-Ausfüllungen, welche den Granit und die Gesteine des Flachlandes durchziehen, schon entstanden als noch das Meer alle jene Formen bedeckte, oder erst später, so viel ist sicher, mächtige Erschütterungen müssen durch eine lange Reihe von Jahren das neue Land heimgesucht haben, davon geben die Erdbeben Zeugniß, welche noch heute dort häufiger als irgendwo sonst auftreten.

An manchen Stellen in Chile, unweit Valparaiso, unweit Santjago, im Norden und im Süden, trifft man neptunische Formen den granitischen aufgelagert, und diese oft Versteinerungen führend; die Schichten sind ohne Zweifel der alte Meeresgrund, in der Tiefe schon früher dem Granite aufgelagert und später dann mit demselben emporgestiegen. Aber auch mächtige Alluvialgebilde werden häufig in Chile getroffen und man begegnet auf der Reise von Valparaiso nach Santjago vielfachen Spuren, daß mächtige Wassermassen dort geströmt haben müssen, so wie die schroffen und steilen Schluchten der Küsten-Cordillera, offenbar blos mächtige Wasserrisse, ebenfalls dessen Zeugniß geben.

Alles deutet mit vollständiger Sicherheit darauf hin, daß diese mächtigen Fluthen nicht von der See aus gegen das Land hin gedrängt worden sind, sondern sich vom Lande aus gegen das Meer hin ergossen haben.

Dies wird klar, so bald man sowohl dem Laufe der Flüsse folgt, mithin jenen Rissen und Vertiefungen, die noch heute Wasser führen, als auch den Ablagerungen jener Gerölle und der Form der Schluchten.

Jene Gewässer strömten (und wahrscheinlich in einzelnen öfters wiederkehrenden Perioden) von der Andes-Kette aus hinab über das Flachland von Chile, Gesteinstrümmer und Blöcke von dort mit sich führend und allenthalben zurücklassend, bis sie, aufgehalten durch den Damm, den die Küsten-Cordillera bildete, sich dort aufstauten und endlich gewaltsam Bahn brachen durch jenes Hemmniß.

So sind jene Schluchten entstanden, in denen häufig noch jetzt ein kleines Bächlein die früheren gewaltigen Wasserstraßen repräsentirt, welche sich durch dieselben in das stille Meer ergossen haben müssen.

Es ist nicht schwer zu errathen, durch welche Vorgänge von der hohen Cordillera herab solche Wassermengen gekommen sind, ja selbst die Gegenwart giebt erklärende Beispiele hiezu, wenn gleich nicht in dem kolossalen Maßstabe jener vergangenen Zeit.

Nach Hebung der Andes-Kette war ohne Zweifel ein Zeitpunkt längerer Ruhe eingetreten und die mächtigen Gipfel und Höhen bedeckten sich mit Schnee und Gletschereis, wie es noch heute der Fall ist. Aber die, man kann sagen dichtgedrängte Reihe von Vulkanen, in jener Zeit wohl noch zahlreicher als jetzt, verharrte nicht immer in jener Ruhe, und massenhafte Ausbrüche erfolgten von Zeit zu Zeit. Es ist bekannt, daß selbst in unsern Tagen bei dem Ausbruche eines einzelnen Vulkanes sich elektrische Anhäufungen oberhalb desselben in der Luft ansammeln, Gewitter entstehen, Gußregen auf den Berg herabstürzen, und ist derselbe mit Schnee bedeckt, oft Ueberschwemmungen in der Nachbarschaft verursachen. Denkt man sich aber jene Masse von mächtigen Feuerbergen, welche ohne Zweifel vereint, oder doch wenigstens in größerer Menge und bedingt durch ein und dieselbe unterirdische Reaction, gleichzeitig zu arbeiten begannen, denkt man sich die Masse der Elektricität, welche sich so entlangs eine größere Strecke der Cordillera oberhalb derselben angesammelt, und Wolkenbrüche auf dieselben herab ergossen, nimmt man hiezu noch eine sehr wahrscheinliche Erwärmung der mit Schnee bedeckten Außenseite der Krater an, so ist leicht erklärt, wie plötzlich mit reißender Schnelle, theils durch die meteorischen Niederschläge, theils durch geschmolzenes Gletschereis bedingt, solche mächtige, Alles zerstörende, allenthalben sich Bahn brechende Wassermassen über das Land sich ergießen konnten. Die tiefen Thäler der Andeskette, auch heute von Flüssen durchströmt, welche einzig dem Gletschereise ihren Ursprung verdanken und deren zeitweiliges Anschwellen durch analoge Ursachen, wie die oben angeführten, bethätigen vollständig das so eben Ausgesprochene.

Dem freundlichen Leser, welcher vielleicht kein besonderer Freund geognostischer Studien, sich gelangweilt hat bei diesen Notizen, kann ich leider kaum ein kleines Reiseabenteuer bieten, was ihn entschädigen möchte.

Flüchtiger daher noch, als ich selbst im Galopp jene Strecke zurückgelegt, will ich ihn, nun er die Gegend kennt, oder wenigstens doch eine leichte Skizze derselben erhalten hat, durch dieselbe hinweg und nach Santjago führen.

Ich begrüßte auf den Mühlen Abschied nehmend den Italiener, und erhielt nach gewohnter Weise statt des verlangten Glases Portwein, Cayrock mit der Bemerkung: daß er auch sehr gut sei. Er ermahnte mich beim Scheiden, ja nicht so schnell fahren zu lassen, und man weiß bereits, wie ich durch »mas pronto« seine Lehren befolgte.

Ich bin ferner einer Masse von Ochsenkarren begegnet, welche zwischen ganz unsinnig hohen Rädern einherschleichen und sich auf die Länge einer Viertelstunde durch schauderhaftes Knarren und Pfeifen derselben ankündigen. Man hat vier, ja sechs Paar Ochsen vor dieselben gespannt und der Fuhrmann führt einen vier oder fünf Klafter langen, dünnen Stab mit eiserner Spitze, mittelst welcher er die Thiere antreibt. Fährt man mit diesem Wagen einen steilen Berg abwärts, so spannt man ein Paar der Ochsen aus und hängt sie hinter dem Wagen an, diese müssen das Fuhrwerk aufzuhalten suchen, während man die vorderen zum raschen Laufen und Anziehen antreibt. Ich habe nicht recht begriffen, warum man überhaupt nicht gleichmäßig fährt, ohne auf der einen Seite übermäßig anzureizen, so daß man auf der andern aufhalten muß. Da aber die politischen Zustände mehrerer Länder ein ähnliches Bild bieten, muß die Sache vielleicht doch einen vernünftigen Grund haben.

Im Ganzen ist der Weg nach Santjago stets belebt. Neben jenen Ochsenkarren, welche den Waaren-Transport mit dem Innern vermitteln, begegnet man unzähligen Reitern und ganzen Zügen von Maulthieren und Eseln, ebenfalls mit Waaren oder auch mit Victualien beladen.

Auch die Fauna wird reichlicher. Vögel aller Art schwärmen im Gebüsche, oder treiben sich auf dem Felde umher, so mehrfache Geierarten und zierliche wilde Tauben. Indessen zeichneten sich mit Ausnahme der bereits erwähnten Kolibri-Arten alle diese Vögel kaum durch besonders glänzende Farben aus. Der Sturnus militaris mit glänzender rother Brust macht hievon allein halbweg eine Ausnahme. Die ziemlich reichliche Ausbeute in zoologischer und botanischer Hinsicht, welche ich in Chile erwarb, habe ich in der bereits erwähnten Abhandlung in den Denkschriften der k. k. Akademie in Wien angegeben, und werde daher mit der Anführung lateinischer Namen hier nicht den Leser ermüden, wenn ich nicht etwa über die Lebensweise irgend eines Thieres oder die eigenthümlichen Eigenschaften einer Pflanze etwas Besonderes anzuführen im Stande bin.

Ich habe indessen auf dieser Fahrt immerhin etwas Interessantes in anthropologischer Beziehung getroffen, eine Greisin von unendlich hohem Alter, welche an der Cuesta de Prado in einer kleinen Lehmhütte wohnte und die Vorüberreisenden um Almosen ansprach. In einen alten schwarzen Fetzen gehüllt, von weißem Haupthaar umflattert, und mit nicht unbedeutendem gleichgefärbten Barte, machte diese lebende Mumie einen fast grauenhaften Eindruck. Sie sprach mich mit einigen Worten an, welche etwa bedeuteten: »Gebt einer alten Unglücklichen, welche selbst nicht weiß, wie alt sie ist, eine Kleinigkeit«. Ich reichte ihr etwas, worauf sie eine segnende Geberde machte, aber meine Knechte riefen Vamos! und fuhren wie verrückt von dannen. Es ist des Teufels Großmutter, sagte der eine, die jeden verflucht, der ihr nichts schenkt. Sie erzählten mir ferner, daß das Weib schon vor der ersten Revolution (1810) an jener Stelle gewohnt, und vorgebe, so alt zu sein, daß sie ihr Herkommen vergessen habe, und auch die ältesten Männer hätten sie, als sie noch Knaben gewesen, schon in diesem Zustande gekannt. Also eine Art stabile Ahasvera.

Ich habe in Santjago dasselbe über die Alte gehört, wo man hinzusetzte, sie sei die einzige öffentliche Bettlerin, welche kein Privilegium[19] habe, welche aber niemand antaste, und ernähre sich fast einzig von Brod und – Branntwein!

Auf der Höhe der Cuesta de Prado tritt dem Reisenden die Cordillera schon näher und imposant entgegen. Ich hielt dort einen Augenblick, um den Stand meines Aneroid-Barometers zu bemerken, dann wurde natürlich wieder am äußersten Rande der Straße, und was die Pferde laufen konnten, bergab gefahren, und bald war die Ebene von Santjago erreicht.

Die Cordillera, an deren Fuße die Stadt erbaut zu sein scheint, entwickelte sich hier zum ersten Male vor meinem Blicke in größerer Ausdehnung. Es reichten ihre beschneiten Gipfel, so schien es, gerade bis an die Wolkenschicht, welche oberhalb derselben schwebte, und ich staunte über die Höhe des Gebirges. Aber oben in den Wolken bemerkte ich einen schwarzen Fleck, den ich mir nicht erklären konnte.

Da vertheilte sich plötzlich jener Wolken- oder Nebelschleier, rasch und in Zeit von wenigen Minuten der Sonne weichend, und vor mir stand die Andes-Kette in doppelter Höhe. Jene Wolken hatten die obere Hälfte des Gebirges bedeckt und der schwarze Fleck von vorhin war eine steil emporstehende, nicht mit Schnee bedeckte Felsenspitze gewesen.

Dort habe ich wie ein Kind diesem wundervollen Anblick entgegen gejubelt, und noch heute – – nun noch heute sagen meine verständigen Freunde, es sei eine Kinderei, über einen unfruchtbaren Berg solchen Lärmen aufschlagen.