VII.
Eine gefährdete »Situation«.

Sechs Wochen verflossen unter diesen Verhältnissen, und niemand wird es wundern, daß sich der Findling an dieses angenehme Leben gewöhnte. Wer das Elend erdulden gelernt hat, wird noch leichter das Wohlleben ertragen. Dagegen blieb es fraglich, ob Miß Anna Walston's warme Empfindung für den Knaben sich mit der Zeit nicht abkühlen würde. Gefühle unterliegen ja ebenso dem Gesetze der Trägheit wie greifbare Körper: erhält man die Triebkraft nicht länger, so kommen sie zum Stillstand. Sie war jener Zeit nur einer »Rührung« verfallen, wie sie durch manche Scene auf der Bühne die Zuschauer gefangen nehmen. Und dennoch durfte man nicht glauben, daß das Kind für sie nur den Werth eines Zeitvertreibs, eines Spielzeugs oder einer Reclame hatte, denn sie war von Natur wirklich gutherzig angelegt. Wenn sie auch weiter für den Kleinen sorgte, so wurden ihre Liebkosungen doch kürzer, ihre Aufmerksamkeiten seltner. Dazu kommt die starke Inanspruchnahme einer Schauspielerin, die ihre Rollen zu lernen, viele Proben zu besuchen hat, und der die Vorstellungen kaum einen Abend frei lassen. Das strengt ja schließlich an. In den ersten Tagen hatte sie sich den Cherub früh an ihr Bett bringen lassen, wo sie mit ihm wie ein »Mütterchen« spielte.

Das störte aber ihren gewöhnlich lang ausgedehnten Morgenschlummer und so verlangte sie sehr bald das Kind erst beim Frühstück. Wie freute der Kleine sich, auf einem eigens für ihn beschafften hohen Stuhle zu sitzen, und wie schmauste er mit vortrefflichem Appetit!

»Na, mein Junge, so ist's hübsch, nicht wahr? fragte sie.

– Ach ja, Miß Anna, erwiderte er eines Tages, so gut wie das, was wir im Hospiz bekamen, wenn wir krank waren.«

Der Findling hatte eine feinere Lebensart eben noch nicht gelernt – weder Thornpipe noch O'Bodkins hätte ihm diese ja lehren können – er war sonst zurückhaltender Natur, sanften und liebevollen Charakters und, wie wir wissen, so ganz anders als die verwahrlosen Zöglinge der Ragged-School. Wie seinem Alter, war er aber auch nach geistiger Seite weit voraus, und Miß Anna Walston konnte das nicht entgehen. Von seiner Vergangenheit wußte sie freilich nur das, was er ihr darüber seit seiner Befreiung aus den Händen des Marionettenschaustellers erzählen konnte. Jedenfalls war er also ein Findelkind. Seine »angeborne Vornehmheit«, wie sie es nannte, bestärkte in der Künstlerin jedoch den Glauben, daß er der Sohn einer großen Dame sein müsse, wie das in Dramen ja so gewöhnlich ist, ein Sohn, von dem jene sich ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen habe lossagen müssen. Daraufhin dichtete sie sich über ihren Schützling einen ganzen Roman zusammen, der übrigens nicht einmal mehr den Reiz der Neuheit hatte. So ersann sie gewisse »Situationen«, die in dramatischer Bearbeitung einen starken Thräneneffect erzielen würden. Sie wollte in diesem Stücke spielen, sie versprach sich davon einen ungewöhnlichen Erfolg... sie würde sich darin hinreißend... himmlisch zeigen u. s. w. Und als sie in Gedanken so weit gelangt war, da ergriff sie ihren Engel, umarmte ihn stürmisch, ganz wie auf der Bühne, und glaubte schon den jubelnden Beifall der Zuschauer zu hören.

Eines Tages sagte da der Findling, dem die Sache unheimlich zu werden anfing:

»Miß Anna?...

– Was willst Du, mein Herzchen?

– Ich möchte Sie etwas fragen.

– So frage nur, mein Schatz.

– Sie werden mir darum nicht böse?

– Ich... Dir böse werden?

– Jeder hat doch wohl eine Mutter?

– Natürlich, mein Engel, hat jedes Kind eine Mutter.

– Warum kenne ich denn dann meine Mutter nicht?

– Warum?... Ja, weil... antwortete Miß Anna Walston verlegen, weil... das... seine Gründe hat. Später einmal... ja, das glaub' ich bestimmt... wirst Du sie schon zu sehen bekommen....

– Ich habe Sie doch sagen hören, daß es eine schöne Dame sei, nicht wahr?

– Ja, ganz gewiß!... Eine schöne Dame!

– Und warum denn gerade eine schöne Dame?

– Nun weil... nun ja, Deine Gestalt... Dein Gesichtchen... Ist er doch drollig, der liebe Kleine, mit seinen Fragen!... Uebrigens... die Situation... ja, die Situation in dem Drama erfordert, daß sie schön sei... vornehm... doch, das verstehst Du nicht....

– Nein, das versteh' ich auch nicht! versicherte der kleine Knabe traurig. Mir kommt es manchmal vor, als wäre meine Mama schon todt....

– Todt?... O nein!... Mach' Dir nicht solche Gedanken!... Wenn sie todt wäre, dann gäb's ja kein Stück mehr....

– Was für ein Stück?...«

Miß Anna Walston umarmte den Kleinen, und das war am Ende die beste Antwort, die sie ihm augenblicklich geben konnte.

»Wenn sie aber nicht todt ist, fuhr der kleine Bursche mit der seinem Alter eignen Zähigkeit fort, wenn sie eine schöne Dame ist, warum hat sie mich denn verlassen?...

– Sie wird dazu gezwungen gewesen sein, mein Babery... gewiß ganz wider Willen... doch... bei der Lösung des Knotens...

– Miß Anna?...

– Was willst Du noch?

– Meine Mama...

– Nun, weiter!

– Das sind Sie doch nicht?...

– Wie... ich... Deine Mama?

– Weil Sie mich »mein Kind« nennen.

– Das sagt man so, mein Cherub, so nennt man Kinder Deines Alters immer.... Das arme Würmchen, so etwas glauben zu können!... Nein, ich bin Deine Mama nicht!... Wärst Du mein eignes Söhnchen, ich hätte Dich nicht verlassen, Dich nicht dem Elend preisgegeben!... O, gewiß nicht!«

Mit einer neuen Umarmung beendete Miß Anna Walston das Gespräch, nach dem der Findling recht betrübt davonschlich.

Armes Kind! Ob reicher oder armer Herkunft, höchst wahrscheinlich sollte es seine Angehörigen niemals kennen lernen, wie so viele aufgelesene Findlinge.

Als Miß Anna Walston ihn mit sich nahm, hatte sie freilich nicht daran gedacht, welche Pflichten ihr das für die Zukunft auferlegen würde. Ja sie hatte sich nicht einmal vorgestellt, daß dieses Baby wachsen könnte, daß sie für seinen Unterricht, für seine Erziehung zu sorgen haben werde. Es ist ja recht gut und schön, ein kleines Wesen zu liebkosen, besser aber doch noch, auch seinem Geiste die nöthige Nahrung zu gewähren. Ein Kind zu adoptieren, schließt auch die Verpflichtung ein, es zum Menschen zu machen. Diese Pflicht hatte die Schauspielerin gar nicht bedacht. Freilich zählte der Findling jetzt kaum fünfeinhalb Jahre, in diesem Alter beginnt aber das Erwachen der geistigen Fähigkeiten. Was sollte nun aus ihm werden? Er konnte ihr doch nicht bei ihren Gastspielreisen von Theater zu Theater, von Stadt zu Stadt folgen, vorzüglich wenn sie ins Ausland ging... So würde sie sich also genöthigt sehen, ihn einer Pension anzuvertrauen... natürlich nur einer ganz guten. Auf jeden Fall würde sie ihn niemals verlassen.

Eines Tages bemerkte sie gegen Elisa:

»Er entwickelt sich alle Tage besser. Hast Du das nicht beobachtet? Welch' empfindsame Natur! O seine Liebe wird mir lohnen, was ich für ihn that!... Und dann... wie frühreif! Alles will er wissen. Ich finde sogar, er ist überlegter, als er es bei seiner Jugend sein sollte... und er hat sich für meinen Sohn halten können! Der arme Kleine! Ich dürfte doch seiner Mutter schwerlich ähnlich sein!... Das war gewiß eine sinnende, ernste Frau. Sprich doch, Elisa, wir werden ja einmal daran denken müssen....

– Woran denn?

– Was aus ihm werden soll.

– Aus ihm werden?... Jetzt schon?...

– Nein, jetzt noch nicht, meine Liebe; jetzt mag er noch wie eine Blume freudig aufwachsen... Nein, später... später, wenn er sieben bis acht Jahre zählt. Ist das nicht das Alter, mit dem die Kinder gewöhnlich in eine Pension kommen?«

Elisa wollte ihr schon entgegenhalten, daß der Junge doch an die Lebensweise in einer Pension schon gewöhnt sein müsse – sie hatte ja Recht, freilich nur in Bezug auf die Lebensweise in der Lumpenschule – und ihrer Meinung nach wäre es am besten, wenn er baldigst wieder einer, natürlich besseren Anstalt übergeben würde. Miß Anna Walston ließ sie darüber gar nicht zu Worte kommen.

»Sag' einmal Elisa...?

– Was denn, Miß Anna?

– Glaubst Du, daß unser Cherub Lust zum Theater haben könnte?

– Er?...

– Ja. Betrachte ihn nur genau. Er hat ein hübsches Gesicht, prächtige Augen und tadellose Haltung. Das erkennt man schon, und ich bin überzeugt, daß er einen entzückenden Liebhaber abgeben würde....

– Halt... halt... halt, Miß Anna! Sie lassen Ihren Gedanken die Zügel schießen!

– Ei, ich werde ihm Komödie spielen lehren. Der Schüler der Miß Anna Walston!... Ahnst Du den Effect?

– In fünfzehn Jahren....

– Zugegeben, Elisa, in fünfzehn Jahren, doch ich sage Dir, in fünfzehn Jahren wird er der reizendste junge Mann sein. Alle Frauen werden...

– Vor Eifersucht umkommen, fiel Elisa ein. Das kenne ich schon. Doch, Miß Anna, wollen Sie meine aufrichtige Meinung hören?

– Nun, und die wäre?...

– Aus diesem Kinde wird im Leben kein Schauspieler werden.

– Ja, warum denn nicht?

– Weil der Junge zu ernsthaft ist.

– Das ist wohl wahr, gab Miß Anna Walston zu, doch... wir werden ja sehen....

– Und Zeit genug haben wir dazu, Miß Anna!«

Gewiß war's dazu Zeit genug, und wenn der Findling dann, trotz der Vermuthung Elisas, Neigung für das Theater zeigte, war ja alles gut.

Inzwischen kam der Miß Anna Walston ein herrlicher Gedanke, wie solche ihr ganz ausschließlich eigen zu sein schienen: sie wollte das Kind baldigst auf der Bühne von Limerick einmal auftreten lassen.

Wenn der und jener das auch als eine wahnsinnige Idee verurtheilen mochte, so zeigte sich doch, daß dieses »einzige Auftreten«, wie die Placate ankündigten, von ganz bedeutender Wirkung zu sein versprach.

Miß Anna Walston studierte jetzt aufs neue ein »Rührstück mit Knalleffecten« ein, wie solche im englischen Repertoire gar nicht selten sind. Dieses Drama, richtiger Melodrama, mit dem Titel »Die Reue einer Mutter«, hatte bereits einer ganzen Generation Thränen genug entlockt, um die Flüsse des Vereinigten Königreichs damit speisen zu können.

In diesem Stücke des Dramaturgen Furpill kam, wie allemal, eine Kinderrolle vor – ein Kind, das die Mutter nicht hatte behalten können, das sie ein Jahr nach seiner Geburt verlassen mußte, während sie es später elend wiederfand und man es ihr aufs neue rauben wollte u. s. w.

Selbstverständlich war das eine stumme Rolle. Der kleine Figurant, der sie spielte, hatte nur alles mit sich geschehen, sich umarmen, küssen, an einen Mutterbusen drücken und sich hierhin und dorthin zerren zu lassen, ohne je ein Wort zu sprechen.

Unser Held schien zu einer solchen Rolle ja wie geschaffen. Er hatte das richtige Alter und die passende Größe, dazu ein bleiches Gesichtchen mit Augen, die gar oft geweint hatten. Welcher Effect, wenn man ihn auf der Bühne sähe und hier gerade mit seiner Adoptivmutter! Mit welcher Begeisterung, welchem Feuer würde diese die fünfte Scene des dritten Actes spielen, die große Scene, in der sie das Kind vertheidigt, das man ihr wieder entreißen will! Hier kamen ja die thatsächlichen Verhältnisse den erdichteten zu Hilfe. Dabei entrang sich der Künstlerin unzweifelhaft ein aufrichtiger Schmerzensschrei und vergoß sie gewiß wirkliche Thränen... kurz, es winkte ihr ein Triumph ohne Gleichen.

Die Vorbereitungen nahmen ihren Anfang und der kleine Knabe mußte den letzten Proben beiwohnen.

Das erste Mal erstaunte er ungemein über alles, was er da sah und hörte. Miß Anna Walston nannte ihn wohl, gemäß dem Texte der Rolle, »mein Kind«, es schien ihm aber, als ob sie ihn nicht so innig wie sonst umschlänge und keine Thränen vergösse, wenn sie ihn an ihr Herz zog. Wozu auch weinen bei Theaterproben? Wozu die Augen abnutzen? Dazu war's bei der Aufführung Zeit genug.

Auf den kleinen Knaben machte übrigens alles einen tiefen Eindruck... die sperrigen Gestelle der Coulissen; die etwas feuchtmodrige Luft, der große, leere Zuschauerraum, in den nur kleine Fenster über der höchsten Gallerie wenig Licht eindringen ließen, das Ganze sah so traurig aus, wie ein Haus mit einem Todten darin. Immerhin that Sib – so hieß der Kleine in dem Stücke – was man von ihm verlangte, und Miß Anna Walston prophezeite ihm schon den schönsten Erfolg... und sich natürlich mit.

Vielleicht wurde diese Zuversicht nicht allgemein getheilt. Der Künstlerin fehlte es ja, vor allem unter den Colleginnen, nicht an Neidern. Sie hatte diese verletzt durch ihre eigenwillige Persönlichkeit, ihre Launen, gewiß ohne Absicht und ohne daß sie es merkte, und wer hätte ihr das auch mittheilen sollen? Jetzt erklärte sie nun, eine Folge der Erregbarkeit ihres Temperaments, gar noch, der Kleine, der jetzt kaum so hoch wie ein Ritterstiefel war, werde noch einen Kean, einen Macready und andre Größen der heimischen Bühne ausstechen. Das ging doch über alles Maß hinaus.

Endlich kam der Tag der ersten Aufführung.

Es war am 19. October, an einem Donnerstage. Miß Anna Walston befand sich natürlich in hochgradiger Aufregung. Einmal ergriff sie Sib, umarmte ihn und schüttelte ihn mit nervöser Gewalt, dann wieder reizte sie seine Gegenwart und sie schob ihn weg, während dieser nichts von allem begriff.

Am Abende der ersten Aufführung strömten die Leute in hellen Haufen nach dem Theater in Limerick. Der Theaterzettel hatte eine ganz außergewöhnliche Zugkraft geübt.

Gastvorstellung
der Miß Anna Walston,
Die Reue einer Mutter.

Schauspiel von dem
berühmten Furpil.

Personen:

Die Herzogin von Kendalle... Miß Anna Walston.
Sib, dargestellt von deren Pflegesohne, der »Findling« genannt, z. Z. 5 Jahre 9 Monate alt... u. s. w.

Wie stolz wäre der kleine Bursche gewesen, wenn er vor diesem Anschlage gestanden hätte. Er konnte ja lesen, und hier stand sein Name schwarz auf weiß in großen Buchstaben.

Dieser Stolz wäre freilich bald gedemüthigt worden. In der Garderobe der Miß Anna Walston erwartete ihn ein wirklicher Kummer.

Bis zum heutigen Abend hatte er keine »Costümprobe« gehabt, weil man das für unnöthig erachtete. Er war also stets mit seinen besten Kleidern nach dem Theater gegangen. Jetzt brachte aber Elisa, während sich Miß Anna als Herzogin von Kendalle schmückte, für ihn eine ganz zerfetzte Tracht herbei, die sie ihm anzulegen begann, scheinbar schmutzige, zerrissene Lumpen, die freilich auf der Innenseite völlig sauber waren. In dem rührseligen Stücke ist Sib in der That ein verlassenes Kind, das seine Mutter in den dürftigsten Verhältnissen wiederfindet, seine Mutter eine Herzogin, eine Schönheit in Sammet, Seide und duftigen Spitzen.

Als er den Anzug sah, glaubte der kleine Knabe zuerst, er solle nach der Lumpenschule zurückgeschickt werden.

»Miß Anna... Miß Anna! rief er schluchzend.

– Was willst Du? fragte die Künstlerin.

– Schicken Sie mich nicht wieder zurück, bitte, bitte!

– Dich zurückschicken?... Warum denn?

– Hier die alten, schlechten Kleider...

– Nein... was er sich gleich einbildet!

– Ach was, halte still, kleiner Querkopf! fiel Elisa ein, die ihn mit fester Hand anfaßte.

– Ach, die Engelsliebe!« sagte Miß Anna tiefgerührt.

Und mit feiner Pinselspitze malte sie sich leicht geschwungne Augenbrauen.

»Das süße Herz... wenn das jemand von den Zuschauern wüßte!«

Sie legte etwas Roth auf die Wangen.

»Die Leute sollen's aber erfahren, Elisa. Morgen schon steht es in den Blättern, daß er hat glauben können...«

Sie warf sich eine kostbare weiße Hülle um die Schultern.

»O über den seltsamen Babish!... Jene schlechten Kleider... ach, es ist zum Lachen...

– Zum Lachen, Miß Anna?...

– Ja, weinen darf man ja nicht.«

Sie hätte wohl Thränen vergossen, fürchtete aber ihre künstlische Färbung zu beschädigen.

Elisa bemerkte jedoch kopfschüttelnd:

»Sie sehen, Miß Anna, daß wir aus dem nie einen Komödianten machen werden!«

Der Findling ließ sich indeß, eingeschüchtert und recht schweren Herzens, die Lumpen für die Rolle Sibs anlegen.

Da kam Miß Anna Walston auf den Gedanken, ihm eine glänzende Guinee zu schenken, das sollte ihn beim ersten Auftreten ermuntern. Schnell getröstet, nahm der Kleine das Goldstück hastig an und steckte es, nach gehöriger Besichtigung, tief in seine Tasche.

Nachher streichelte ihm die Künstlerin noch einmal die Wangen und begab sich nach der Bühne hinunter, indem sie Elisa beauftragte, ihn in der Garderobe zu behalten, da er erst im dritten Acte aufzutreten hatte.

Heute Abend füllten die feine Welt und die bessern Kreise überhaupt das Theater vom Orchester bis zum Schnürboden, obgleich dieses Stück keine Novität war. Schon seit zwölf bis dreizehn Jahren hatten es alle Bühnen des Vereinigten Königreichs aufgeführt, was effectreichen Stücken selbst untergeordneten Wertes ja nicht selten widerfuhr.

Der erste Act verlief nach Vorschrift. Miß Anna Walston erntete rauschenden Beifall, den sie durch die Leidenschaft ihres Spiels und den Glanz ihres Talents von den hingerissenen Zuschauern gewiß verdiente.

Nach dem ersten Acte begab sich die Herzogin von Kendalle nach ihrer Garderobe zurück und legte hier, zum größten Erstaunen Sibs, ihre Seiden- und Sammetkleidung ab, um diese mit der Tracht einer einfachen Magd zu vertauschen – wie es die, übrigens recht altersgraue Entwickelung des Dramas verlangte.

Der Findling starrte die Dame in Sammet an, die zu einer Frau in grober Wolle wurde. Ihn beunruhigte das mehr und mehr, denn es schien ihm, als wenn eine Fee jene phantastische Veränderung vor seinen Augen durchführte.

Dann tönte die Stimme des Inspicienten bis zur Garderobe herauf, eine Stentorstimme, die ihn erzittern machte, und die »Magd« gab ihm ein Zeichen mit der Hand und sagte:

»Nun, aufgepaßt, Findling, jetzt kommst Du bald dran.«

Damit stieg auch sie nach der Bühne herunter.

Zweiter Act: Die Magd erntet den gleichen Beifall, wie die Herzogin im ersten, und der Vorhang muß unter dreifachem Applaus ebenso viele Male wieder aufgezogen werden.

Den »guten Freundinnen« und deren getreuen Schildknappen fehlte es demnach an Gelegenheit, sich an Miß Walston zu reiben.

In ihrer Garderobe warf sich diese etwas ermüdet auf ein Sopha, obgleich sie ihren höchsten dramatischen Triumph erst im folgenden Acte ausspielen wollte.

Noch einmal wechselte sie das Costüm; jetzt verwandelt sie sich aus der Magd zur Dame, zu einer etwas weniger jugendlich erscheinenden Dame in Trauer, denn zwischen dem zweiten und dritten Aufzuge liegen fünf Jahre.

Regungslos in seiner Ecke macht der kleine Knabe große Augen, ohne ein Wort zu äußern. Die etwas angegriffene Miß Anna Walston beachtet ihn zunächst nicht weiter.

Nach Beendigung ihrer Toilette beginnt sie:

»Nun, Kleiner, nun kommst Du auf die Bühne.

– Ich, Miß Anna?...

– Weißt Du denn noch, daß Dein Name da »Sib« ist?

– Sib?... Ja wohl.

– Elisa, schärfe ihm ja noch einmal ein, daß er Sib heißt, bis zum Augenblicke, wo Du ihn dem Regisseur neben der Thür zuführst.

– Gewiß, Miß Anna.

– Und daß er nur das Stichwort nicht verfehlt! Du weißt übrigens, wendete die Künstlerin sich, mit den Finger drohend, an den Knaben, Du weißt, daß Dir sonst Deine Guinee wieder genommen wird. Also Achtung vor der Geldbuße....

– Und vor dem Gefängniß!« setzte Elisa dazu, ihn mit strengem Blicke musternd.

Genannter Sib sah nach, ob die Guinee, die er sich schon nicht wieder abnehmen lassen würde, noch in seiner Tasche war.

Jetzt kam der große Moment. Elisa faßte ihn an der Hand und ging mit ihm nach der Bühne hinunter.

Sib war anfänglich ganz verwirrt durch die vielen Flaschenzüge und Seile, wie über die von allen Seiten strahlenden Gasflammen und das Durcheinander von Figuranten und Schauspielern, die ihn lächelnd betrachteten.

Der arme Kleine schämte sich wirklich in seiner zerfetzten Hülle.

Endlich ertönte das Zeichen zum Anfang.

Sib zitterte, als hätten die Glockenschläge seinen Rücken getroffen.

Der Vorhang rauschte empor.

Die Herzogin von Kendalle war allein auf der Bühne und sprach in der eine ärmliche Hütte darstellenden Decoration einen Monolog. Bei einem gewissen Stichworte sollte sich die Thür im Hintergrunde öffnen, ein Kind eintreten, auf sie zugehen und bittend die Hand ausstrecken; in diesem Kinde sollte sie das ihrige erkennen.

Hier sei erwähnt, daß der Findling schon bei den Proben immer sehr betrübt darüber war, daß er um ein Almosen betteln sollte, wogegen sich sein natürlicher Stolz ja bereits in der Lumpenschule auflehnte. Miß Anna Walston hatte ihm zwar wiederholt erklärt, daß es sich hier nicht um ein wirkliches Betteln handelte, das beruhigte ihn jedoch noch nicht. In seiner Naivität nahm er die Sachen für Ernst und glaubte schließlich wirklich, daß er der unglückliche kleine Sib sei.

In Erwartung seines Auftretens und während ihn der Regisseur an der Hand hielt, lugte er durch die nur angelehnte Thür. Mit größter Verblüffung durchflogen seine Augen den gefüllten Zuschauerraum, der wie in einem Lichtmeer gebadet erschien, theils von den Girandolen der einzelnen Ränge und theils von dem großen, einem feurigen Ballon ähnlichen Kronleuchter. Das war ein so ganz andres Bild, als er es bei seinen wenigen Theaterbesuchen von der Loge aus gesehen hatte.

Da raunte der Regisseur ihm zu:

»Achtung, Sib!

– Ja, ja, Herr....

– Du weißt... Du gehst grade auf Deine Mama zu. Hüte Dich, nicht etwa zu fallen.

– Ich werde mich vorsehen.

– Und strecke hübsch die Hand aus...

– Ja; nicht wahr, so hier?«

Er zeigte dabei eine fest geschlossene Hand.

»Nein, Dummkopf!... Du machst ja eine Faust und mußt doch die Hand offen hinhalten, wenn Du um eine Gabe bittest....

– Ach ja, Herr....

– Und vor allem, sprich kein Wort... keine Silbe!

– Nein, Herr....«

Die Thür der Hütte öffnete sich und der Regisseur schob den Findling genau beim Stichworte hinein.

Der kleine Knabe hatte sein Debüt in der theatralischen Laufbahn. O, wie klopfte ihm das Herz!

Vom Zuschauerraume her tönte ein Gemurmel, ein Ausdruck teilnehmenden Mitleids, während Sib, mit gesenkten Augen und ungewissen Schritten herankommend, gegen die trauernde Dame die Hand ausstreckte. Die Zuschauer glaubten herauszufinden, daß er solche Lumpen gewöhnt gewesen war.

Man bereitete ihm einen »Empfang«, was den Kleinen noch mehr verwirrte.

Plötzlich erhebt sich die Herzogin, sie starrt ihn an, sinkt zurück und öffnet die Arme.

Ein markdurchdringender Schrei nach allen Regeln der Kunst.

»Er ist's!... Er ist's!... Ich erkenne ihn wieder!... Das ist Sib, mein... mein Kind!«

Darauf zieht sie ihn an sich, drückt ihn ans Herz, bedeckt ihn mit Küssen... er läßt sie gewähren. Sie weint – diesmal leibhaftige Thränen – und schluchzt:

»Mein Kind... mein Kind ist es, dieser kleine Unglückliche, der mich um ein Almosen anfleht!«

Das ergreift den armen Sib.

»Ihr Kind, Miß Anna? fragte er trotz der Mahnung, kein Wort zu sprechen.

– Schweig doch!« zischelt ihm die Künstlerin heimlich zu.

Dann fährt sie fort:

»Um mich zu strafen, hatte der Himmel mir ihn genommen, heute giebt er ihn mir wieder!«

Unter diesen von Seufzern unterbrochenen Worten verzehrt sie Sib fast mit ihren Küssen, überschüttet sie ihn fast mit ihren Thränen. Niemals, nein, niemals war der kleine Knabe so stürmisch geherzt und gepreßt worden, nie hatte er sich so mütterlich geliebt gefühlt.

Die Herzogin erhebt sich, als höre sie Geräusch von draußen.

»Sib, ruft sie, Du wirst nicht von mir gehen!

– Gewiß nicht, Miß Anna!

– So schweig doch nur!« ruft sie auf die Gefahr hin, von den Zuschauern gehört zu werden.

Die Thür der Hütte wird hastig aufgestoßen. Zwei Männer erscheinen auf der Schwelle.

Der erste ist der Gemahl der Trauernden, der andre ein Gerichtsdiener, der jenen zur Unterstützung begleitet.

»Ergreifen Sie dieses Kind... es gehört mir!

– Nein, das ist Dein Sohn nicht! antwortet die Herzogin, die Sib ein Stück hinwegzieht.

– Sie sind nicht mein Papa!« erklärt der kleine Junge laut.

Die Fingerspitzen der Miß Anna Walston haben sich so tief in seinen Arm eingebohrt, daß ihm ein Schrei entfährt. Dieser Schrei paßt ja zur Situation und compromittiert sie nicht. Jetzt ist es eine Mutter, die ihn an sich preßt... keiner soll ihr das Kind entreißen können. Eine Löwin vertheidigt ihr Junges....

Der kleine sich sträubende Löwe, der den Vorgang für Ernst nimmt, wird zu widerstehen wissen. Der Herzog hat sich seiner bemächtigt; er entschlüpft ihm und eilt auf die Herzogin zu.

»Ach, Miß Anna, ruft er weinend, warum haben Sie mir gesagt, daß sie nicht meine Mama sind?

– Wirst Du schweigen, Unglücksvogel!... Wirst Du endlich schweigen! murmelt sie, während Herzog und Gerichtsdiener bei diesen unerwarteten Zwischenreden ganz aus der Rolle fallen.

– Ja, ja... antwortet Sib, Sie sind doch meine Mama... ich hatte es Ihnen ja gesagt, Miß Anna... meine richtige Mama.«

Die Zuschauer begreifen allmählich, daß das nicht zum Stücke gehört; sie kichern und lächeln, einige klatschen scherzweise Beifall. Eigentlich hätten sie weinen sollen, denn es war rührend zu sehen, wie das Kind in der Herzogin von Kendalle seine leibliche Mutter zu erkennen wähnte.

Die »Situation« blieb aber – so oder so – compromittiert. Man fing an zu lachen, wo hätte man weinen sollen, und um den großen Auftritt war es geschehen.

Miß Anna Walston erfaßte die ganze Lächerlichkeit der Lage. Ihre vortrefflichen Collegen raunten ihr ironische Bemerkungen zu.

Außer sich vor Erregung ergriff sie eine blinde Wuth. Den kleinen Dummkopf, der die Ursache all dieses Unheils war, hätte sie vernichten mögen!... Da schwanden ihr die Kräfte, sie fiel auf die Bühne nieder und der Vorhang senkte sich unter homerischem Gelächter der Zuschauer.

Noch in derselben Nacht verließ Miß Anna Walston, die man nach dem Royal-George-Hôtel geschafft hatte, die Stadt in Begleitung der Elisa Corbett. Sie verzichtete auf die für die folgende Woche angekündigten Vorstellungen und entrichtete deshalb die übliche Conventionalstrafe. Auf dem Theater in Limerick wollte sie nie wieder auftreten.

Um den kleinen Knaben hatte sie sich gar nicht weiter gekümmert. Sie entledigte sich seiner wie eines Dinges, das ihr nicht mehr gefiel und dessen Anblick ihr verhaßt war. Bei dem Frostschauer der Eigenliebe erstarrt jede andre Neigung.


Der Findling, der sich allein sah, nichts begriff, aber doch ahnte, daß er ein großes Unglück angerichtet haben müsse, hatte sich unbemerkt geflüchtet. Aufs Gradewohl durchirrte er die ganze Nacht die Straßen von Limerick und verkroch sich endlich in eine Art großen Garten mit da und dort verstreuten Häuschen und steinernen, von Kreuzen überragten Tafeln. In der Mitte erhob sich ein gewaltiges Bauwerk, das an der vom Mondschein nicht getroffenen Seite sehr düster aussah.

Dieser Garten war der Friedhof von Limerick – eine jener englischen Todtenstätten mit Buschwerk, blühenden Pflanzen, besandeten Wegen, mit Rasenflächen und kleinen Springbrunnen, wodurch das Ganze zum vielbesuchten Spaziergang wird. Die Tafelsteine waren Gräber, die kleinen Häuser Grüfte, das große Bauwerk die Kathedrale der heiligen Maria.

Hier hatte das Kind Zuflucht gefunden und verbrachte es die Nacht auf einer Steinplatte im Schatten der Kirche, beim geringsten Geräusche zitternd vor Furcht... daß der böse Mann, der Herzog von Kendalle, es suchen könnte. Und nun war auch Miß Anna nicht zu seiner Vertheidigung da! Man werde ihn, so meinte er, weit wegführen in ein unbekanntes Land, wo er seine Mama nicht wiedersähe... und große Thränen perlten ihm aus den Augen.

Mit Tagesanbruch hörte der Findling eine Stimme, die ihn anrief.

Unfern von ihm standen ein Mann und eine Frau, ein Farmer und dessen Gattin. Beim Vorübergehen hatten sie den Kleinen bemerkt. Beide begaben sich nach dem Bureau des öffentlichen Fuhrwesens, von wo aus ein Wagen nach dem Süden der Grafschaft abgehen sollte.

»Was machst Du da, Kleiner?« fragte der Mann.

Der Knabe schluchzte, daß er kein Wort hervorbringen konnte.

»Nun, was hast Du denn da vor?« erklang jetzt die sanftere Stimme der Frau.

Der Findling schwieg noch immer.

»Wer ist Dein Vater? fuhr sie fort.

– Ich habe keinen Vater, antwortete er endlich.

– Aber Deine Mutter?...

– Ich habe keine mehr!«

Dabei streckte er die Arme gegen die Farmersfrau aus.

»Es ist ein verlassnes Kind,« sagte der Mann.

Hätte der Findling noch seine schöne Kleidung getragen, so würde der Farmer ihn für ein verirrtes Kind und sich für verpflichtet gehalten haben, es den Seinigen wieder zuzuführen. In den Lumpen Sibs aber konnte es nur einer jener kleiner Unglücklichen sein, die niemand angehörten.

»So komme mit!« schloß der Farmer.

Dabei hob er ihn schon auf, legte ihn seiner Frau in die Arme und sagte mit freundlicher Stimme:

»So ein Bübchen mehr im Hause, das merken wir auch nicht. Nicht wahr, Martine?

– Nein Martin!«

Und mit einem herzhaften Kusse löschte die gute Frau die Thränen des kleinen Knaben.

VIII.
Die Farm von Kerwan.

Daß dem kleinen Burschen in der Provinz Ulster kein Glücksstern geschienen hatte, war leicht genug zu erkennen, obgleich niemand wußte, wie er seine erste Kindheit in irgend einem Dorfe der Grafschaft zugebracht haben mochte.

Die Provinz Connaught war ihm auch nicht gnädig gewesen, weder als er über die Landstraßen der Grafschaft Mayo unter der Fuchtel des Puppenschaustellers hinwanderte, noch die Grafschaft Galway während der zwei Jahre in der Ragged-School.

Nun hätte man wenigstens hoffen können, daß sein Elend in der Provinz Munster, Dank der Laune einer Schauspielerin, ein Ende genommen hätte. Nein... er war wieder verlassen worden, und jetzt sollte ihn der Zufall tief nach Kerry hinein, an das Südwestende Irlands verschlagen. Diesmal nahmen sich sehr wackre Leute seiner an... möchte er bei ihnen bleiben können!

Im Nordosten der Grafschaft Kerry und nahe dem Flusse Cashen liegt die Farm von Kerwan. In der Entfernung von einem Dutzend (englische) Meilen liegt Tralee, der Hauptort, von wo, alter Ueberlieferung nach, im sechsten Jahrhundert Saint-Brandon abgesegelt sein soll, um Amerika lange vor Columbus zu entdecken. Hier laufen die verschiedenen Schienenwege des mittleren Irland zusammen.

Das sehr unebene Gebiet enthält die höchsten Berge der Insel, wie die Clanaraderry- und die Stacksberge. Zahlreiche Wasserläufe verbinden sich mit dem Cashen und bedingen, im Verein mit vielen Sumpfstrecken, auch eine große Unebenheit der Landstraßen. Dreißig Meilen gegen Westen trifft man auf die tiefeingeschnittene Küste, wo sich die Flußmündung des Shannon und die lange Bai von Kerry ausbreiten, deren vielgestaltige Felswände von der Kohlensäure des Meerwassers benagt werden.

Jeder erinnert sich der Worte O'Connell's: »Irland den Irländern!« Im folgenden wird sich zeigen, wie weit das wahr geworden ist.

Man zählt hier dreihunderttausend Farmen, die fremden Besitzern gehören. Unter dieser Zahl umfassen fünfzigtausend mehr als vierundzwanzig Acres (etwa zehn Hektar) und achttausend haben nur acht bis zwölf Acres. Die übrigen sind alle kleiner. Daraus darf man aber nicht auf eine weitgehende Zerstückelung des Eigenthums schließen. Im Gegentheil. Drei dortige Großbesitze übersteigen hunderttausend Acres, z. B. der von Richard Borridge, der hundertsechzigtausend Acres mißt.

Doch was sind diese Complexe gegen die der Landlords von Schottland, eines Grafen von Breadalbane, der vierhundertfünfunddreißigtausend Acres sein eigen nennt, eines J. Matheson, der vierhundertsechstausend, eines Herzogs von Sutherland, der gar zwölfhunderttausend Acres – das Areal eines ganzen Herzogthums – besitzt!

Seit der Eroberung durch die Anglo-Normannen im Jahre 1100 ist die »Schwesterinsel« streng feudal regiert worden und ist ihr Boden Feudaleigenthum geblieben.

Der Herzog von Rockingham war jener Zeit einer der großen Landlords der Grafschaft Kerry. Sein Besitzthum von hundertfünfzigtausend Acres enthielt Getreideland, Wiesen, Wald und Teiche mit fünfzehnhundert darüber verstreuten Farmen. Er war ein Fremder, einer derer, die die Irländer mit Recht des Absentismus wegen anklagen. Die Folge dieses Fernbleibens aber ist, daß das durch irischen Fleiß erworbene Geld zum Nachtheil Irlands nach auswärts geht.

Das »Grüne Erin« bildet bekanntlich keinen Bestandtheil Großbritanniens, das nur aus England und Schottland besteht. Der Herzog von Rockingham war ein englischer Lord. Wie so viele andre, die neun Zehntel der Insel besitzen, hatte er es noch nicht für der Mühe werth gehalten, sein Landeigenthum zu besuchen, und so kannten ihn auch seine Pächter nicht. Für eine gewisse jährliche Summe überließ er die Ausbeutung seines Grundbesitzes einigen Generalpächtern oder »Middlemen«, die diesen in kleinen Parcellen an die eigentlichen Landbauern weiter verpachteten. So gehörte die Farm von Kerwan mit vielen andern eigentlich einem gewissen John Eldon, einem Agenten des Herzogs von Rockingham.

Diese Farm von mittlerem Umfang enthält nur hundert Acres und dazu besteht sie aus minderwerthigem, vom Oberlauf des Cashen benetztem Culturlande, dem der Bauer nur mit emsiger Arbeit so viel entlocken kann, wie er zur Zahlung des Pachtzinses braucht, vorzüglich, wenn dieser sehr hoch, mit einem Pfund Sterling jährlich für den Acre, angesetzt ist.

Das war der Fall bei der Farm von Kerwan, die der Landmann Mac Carthy bearbeitete.

Es giebt wohl auch gute Grundherren in Irland; die Pächter haben es aber nur mit den Middlemen, meist harten, unerbittlichen Leuten, zu thun. Die Aristokratie, die sich in England und Schottland so liberal zeigt, tritt in Irland dagegen sehr herrisch auf. Statt die Hand zu reichen, zerrt sie an den Zügeln. Eine Katastrophe liegt immer in der Luft. Wer den Haß säet, wird die Empörung ernten.

Martin Mac Carthy, einer der besten Farmer der ganzen Domäne, stand in dem kräftigen Mannesalter von zweiundfünfzig Jahren. Fleißig, gewandt, im Landbau wohlerfahren und unterstützt durch seine streng erzogenen Kinder hatte er trotz aller Steuern und Abgaben, die das Budget eines irischen Bauern belasten, doch noch eine kleine Summe zurücklegen können.

Seine Frau hieß Martine, wie er Martin. Dieses überaus thätige Weib besaß alle Eigenschaften einer guten Haushälterin. Sie arbeitete mit ihren fünfzig Jahren noch, als ob sie deren erst zwanzig zählte. Im Winter aber, wenn die Feldarbeit ruhte, sah man sie beim schnurrenden Spinnrade vor dem Kamin sitzen, wenn keine häusliche Arbeit sie in Anspruch nahm.

Die in guter Luft lebende, durch Thätigkeit im Freien abgehärtete Familie Mac Carthy erfreute sich vortrefflicher Gesundheit und ruinierte sich weder durch Arzneien noch durch Aerzte. Sie gehörte zu der kräftigen Rasse irischer Landleute, die sich ebenso leicht in den Prairien des amerikanischen Far-West acclimatisiert, wie in den Gebieten Australiens oder Neuseelands.

Als Haupt der Familie galt, von allen geliebt und geehrt, die Mutter Martins, eine Greisin von fünfundsiebzig Jahren, deren Mann früher die Farm innehatte. »Großmutter« – anders nannte man sie nicht – hatte keine andere Beschäftigung, als mit ihrer Schwiegertochter zu spinnen, da sie, so weit dies an ihr lag, ihren Kindern möglichst wenig zur Last fallen wollte.

Der älteste der Söhne, der siebenundzwanzigjährige, aber besser als sein Vater unterrichtete Murdock, nahm lebhaftesten Antheil an den Fragen, die ganz Irland unablässig bewegten, und alle fürchteten sehr, daß er sich einmal in eine schlimme Geschichte einlassen könne. Er gehörte zu den eifrigsten Anhängern des home rule, d. h. der Erkämpfung der Autonomie des Landes, ohne freilich zu bedenken, daß das home rule weit mehr auf politische, als auf sociale Reformen abzielt. Gerade der letzteren bedarf aber Irland, da es noch unter der schweren Last der Feudalherrschaft seufzt.

Murdock, ein kräftiger junger Mann von schweigsamem Charakter, hatte unlängst die Tochter eines benachbarten Farmers geheiratet. Die von der Familie Mac Carthy geliebte, vortreffliche junge Frau besaß jene regelmäßige, stolze und ruhige Schönheit und die vornehme Haltung, die man bei Irländerinnen der unteren Classen so häufig findet. Ihr Gesicht wurde von großen blauen Augen belebt und lockig quoll das reiche blonde Haar unter den Kopfbändern hervor. Kitty liebte ihren Gatten herzlich, und Murdock, der sonst niemals lächelte, vergaß sich hierin zuweilen doch, wenn er sie ansah, denn auch er bewahrte ihr die innigste Zuneigung. Sie benützte ihren Einfluß auch, ihn zu mäßigen und zurückzuhalten, wenn ein Sendbote der Nationalisten Propaganda im Lande zu machen und die Leute zu überzeugen suchte, daß von einer Versöhnung zwischen Landlords und Pächtern nie die Rede sein könne.

Selbstverständlich waren die Mac Carthy's gute Katholiken, es kann also nicht auffallen, daß sie die Protestanten als ihre Feinde betrachteten.[2]

Murdock besuchte eifrig alle solche Versammlungen und Kittys Herz klopfte immer recht ängstlich, wenn sie ihn so nach Tralee oder einem andern Orte in der Nachbarschaft gehen sah. Bei diesen Gelegenheiten sprach er auch öffentlich mit der den Irländern angebornen Beredtsamkeit und Kitty mußte ihn bei der Heimkehr immer erst zu beruhigen suchen, wenn sie die Erregung noch in seinen Zügen las und er unter einem gemurmelten Aufrufe zur agrarischen Erhebung wohl gar noch mit dem Fuße stampfte.

»Mein guter Murdock, sagte sie dann bittend, wir müssen Geduld haben... uns vorläufig ins Unabänderliche fügen...

– Geduld! unterbrach er sie grollend, wenn Jahre dahingehen und nichts sich bessert! Ergebung, wenn man thätige Leute wie unsre Großmutter nach langem Leben voller Arbeit noch immer im Elend schmachten sieht! Geduldig sein und sich fügen, arme Kitty, bedeutet, alles ruhig hinnehmen, das Gefühl eignen Rechtes verlieren, sich unters Joch ducken und das... das thu' ich niemals... niemals!«

Martin Mac Carthy hatte noch zwei andre Söhne, Pat oder Patrick, und Sim oder Simeon, im Alter von fünfundzwanzig und von neunzehn Jahren.

Pat segelte meist als Matrose auf einem Handelsschiffe des angesehenen Hauses Marcuart in Liverpool. Sim hatte, wie Murdock, die Farm niemals verlassen, und ihr Vater fand an beiden wichtige Helfer für die Feldarbeit und die Pflege der Thiere. Sim gehorchte ohne Widerspruch seinem älteren Bruder, dessen Ueberlegenheit er neidlos anerkannte. Er bezeugte ihm so viel Achtung, als ob jener das Haupt der Familie wäre. Als letzter Sohn, als »Nesthäkchen« mit besondrer Liebe aufgezogen, neigte er zu der harmlosen Lustigkeit, die allgemein im Charakter des Irländers liegt. Er liebte es, zu scherzen, zu lachen und verbreitete Sonnenschein in dem sonst etwas düstern Hause. Sehr muthwilliger Natur, unterschied er sich auffallend von dem gesetzten, ernsthaften Wesen seines Bruders Murdock.

Das war also die fleißige Familie, in deren Mitte der Findling durch Zufall gekommen war. Seinem lebhaften Geiste konnte der Unterschied zwischen dem erbärmlichen Leben in der Lumpenschule und dem gesunden Aufenthalt in einer irländischen Farm nicht unbemerkt bleiben. Wohl hatte unser Held mehrere Wochen behaglichen Wohlbefindens bei der launenhaften Miß Anna Walston verlebt, dort aber nicht die wahre herzliche Zuneigung gefunden, die das Leben am Theater überhaupt mehr oder weniger am Aufkeimen zu hindern pflegt.

Die gesammten Baulichkeiten des Mac Carthyschen Pachtgutes beschränkten sich nur auf das unbedingt notwendige. Viele Güter in den reichen Grafschaften des Vereinigten Königreichs sind in ganz andrer und luxuriöserer Weise ausgestattet. Uebrigens verleiht ja der Farmer erst der Farm den Werth, und deren Umfang ist nicht von so entscheidender Bedeutung, wenn sie nur einsichtig bewirthschaftet wird. Martin Mac Carthy gehörte also nicht zu der begünstigteren Classe der »Yeomen«, die kleine Bodeneigenthümer sind, sondern nur zu den zahlreichen Pächtern des Herzogs von Rockingham, so zu sagen: zu den Hunderten von landwirthschaftlichen Maschinen, die auf dem ausgedehnten Grundbesitz der reichen Landlords in Thätigkeit sind.

Das Hauptgebäude, das aus Mauerwerk mit Strohdach bestand, enthielt nur ein Erdgeschoß, worin die Großmutter, Martin und Martine Mac Carthy und Murdock mit seiner Frau je ein Zimmerchen bewohnten. Dazu kam ein größerer Raum mit weitem Kamin, der die Insassen des Hauses bei den Mahlzeiten vereinigte. Darüber lag, zwischen Kornböden, eine von zwei Fensterchen erhellte Mansarde, wo Sim und auch Pat, wenn dieser einmal da war, Unterkunft fanden.

An der einen Seite der Rückwand des Wohnhauses folgten die Tenne, die Scheuern und Schuppen zur Unterbringung der Acker- und Wirthschaftsgeräthe; an der andern der Kuh- und der Schafstall, die Milchkammer, der Schweinestall und der Geflügelhof.

Infolge nicht rechtzeitig vorgenommener Verbesserungen zeigte freilich alles ein recht klägliches Aussehen. Da und dort verdeckten einzelne Bretter verschiedener Herkunft, Thürflügel, überflüssige Fensterläden, Planken von alten Schiffen, von deren Abbruch herrührende kleine Balken oder Zinkblechstücke die Lücken und Löcher der Mauern, und auf dem Strohdache lagen schwere Feldsteine, um dieses gegen den Anprall der Stürme zu sichern.

Zwischen den drei Gebäudecomplexen dehnte sich der Hof mit zweiflügligem Thorweg aus. Eine lebende, reich mit leuchtenden Fuchsien geschmückte Hecke bildete dessen Abschluß. Im Innern des Hofes grünte ein Rasenplatz mit üppigen Gräsern, auf dem sich die Hühner tummelten, und in dessen Mitte glänzte eine kleine Wasserfläche, deren Rand Azaleen, goldgelbe Margueriten und halb verwilderte Asphodelen zierten.

Auf den Strohdächern grünte und blühte es übrigens rings um die Feldsteine nicht weniger als auf dem Rasen und der Hecke, vorzüglich gediehen hier unzählige Fuchsien mit ihren vom Winde immer bewegten Glöckchen. Selbst die zersprungenen Mauern des Wohnhauses entbehrten des Pflanzenschmuckes nicht, denn diese verhüllte ein so starkstämmiges Epheugerank, daß letzteres das Dach desselben allein getragen hätte.

Zwischen dem eigentlichen Ackerland und dem Pachthofe lag noch ein Küchengarten, worin Martin den Hausbedarf an Gemüsen anbaute, vorzüglich Kohl, Rüben und Kartoffeln, und das Gartenland umsäumte wieder ein Kranz von Bäumen und Buschwerk aller Art.

Hier wucherten kräftige Stechpalmen mit ihren stachligen, leuchtend grünen Blättern, die seltsam geformten Muscheln ähneln; dort erhoben sich wild wachsende Taxusbäume, denen keine unnütze Scheere die Gestalt von Weinflaschen oder Lampenträgern gegeben hatte. In Flintenschußweite zur Linken stand ein Wald von Eschen, und die Esche bildet einen der schönsten Bäume dieser Gegenden. Weiterhin mischen sich tiefgrüne Buchen ein, stellenweise unterbrochen von der Purpurfarbe hoher Büsche, der Ebereschen, die von ferne Weinstöcken gleichen, an deren Reben korallene Trauben hingen. Kaum drei Meilen von hier erhebt sich schon der Erdboden unter den letzten Ausläufern der Clanaraderrykette, mit harzreichem Fichtenbestand, deren Zapfen an den Gaisblattranken zu hängen scheinen, die sich überall durch das Geäst der Bäume schlingen.

Der Betrieb der Farm von Kerwan erfordert ziemlich verschiedene Culturen, giebt im ganzen aber nur einen mittelmäßigen Ertrag. Die Weizenfrucht, die in der Hauptsache zu Grütze vermahlen wird, zeichnet sich weder durch Länge der Halme, noch durch Ergiebigkeit der Aehren aus. Der Hafer ist mager und schwächlich, was hier um so schlimmer erscheint, als das Hafermehl fortwährend verwendet wird. Besser gedeihen noch Gerste und Roggen, welch letzterer den größten Theil des Brodes liefert. Bei der Rauhigkeit des Klimas können aber auch diese Feldfrüchte vor October oder November selten geerntet werden.

Unter den im Großen angebauten Gemüsen, wie den Rüben und dem starkhäuptigen Kohl, nehmen die Kartoffeln den ersten Rang ein, die, vorzüglich in den minder begünstigten Theilen Irlands, die eigentliche Volksnahrung ausmachen. Man fragt sich wirklich, wovon die Landleute wohl gelebt haben mögen, ehe Parmentier die werthvolle Knollenfrucht auf der Insel einführte. Vielleicht hat die Kartoffel freilich die Bauern etwas sorgloser gemacht, da diese auf die Ausbeute an solchen rechnen, wodurch sie vor Hungersnoth geschützt bleiben, so lange nicht gar zu ungünstige Verhältnisse eintreten.

Wenn die Erde die Thiere ernährt, so tragen diese auch wieder zur Ernährung der Erde bei. Ohne sie ist kein Anbau möglich. Die einen dienen zur Arbeit mit Pflug und Egge, die andern liefern Eier, Fleisch und Milch, alle aber die nöthige Düngung für den Acker. Zur Farm von Kerwan gehörten auch sechs Pferde, und doch reichten sie, als Zwei- oder Dreigespann verwendet, kaum aus, die Pflugschaar durch den steinigen Boden zu ziehen. Standen sie auch nicht verzeichnet im »Stud-book«, der Adelsrolle der Pferdefamilien, so leisteten sie doch die besten Dienste und begnügten sich mit trocknem Heidekraut, wenn's einmal an besserem Futter mangelte. Ein Esel leistete ihnen Gesellschaft, und diesem konnte es nimmer an Disteln fehlen, deren es hier in solchen Mengen giebt, daß alle dahin zielenden Verordnungen die Vertilgung dieser wuchernden Pflanze nicht erzwingen werden.

Unter dem Stallvieh gab es ein halbes Dutzend schöne, rothhaarige Milchkühe und gegen hundert schwarzköpfige Schafe mit sehr weißer Wolle, deren Unterhaltung im Winter, wo fußtiefer Schnee die Fluren bedeckt, mit vielen Schwierigkeiten verknüpft ist. Weniger gilt das von den zwanzig Ziegen, die der Farmer besaß und denen man es mehr selbst überlassen konnte, sich Nahrung zu suchen. Gab es kein Gras, so fanden sie noch immer Blätter, die auch der strengsten Kälte widerstanden.

Ein Dutzend Schweine barg ein besondrer Stall an der rechten Hofseite; diese wurden für den eignen Bedarf gemästet. Der Farmer betrieb nämlich die Aufzucht solcher nicht, obgleich von Limerick sehr viele Schinken versendet werden, die denen von York an Güte gleichkommen und auch unter dieser Marke im Handel sind.

Hühner, Gänse und Enten gab es so viel, daß noch Eier nach dem Markte von Tralee geliefert werden konnten, Truthühner und Haustauben aber nicht, und diese findet man in den Bauernhöfen Irlands überhaupt nur selten.

Auch eines Hundes müssen wir gedenken, eines schottischen Terriers, der zur Bewachung der Schafheerde diente. Einen Jagdhund gab es hier nicht, trotz des Wildreichthums der Gegend. Die Jagd ist ja nur ein Vergnügen der Landlords. Der sehr hohe Preis für den Jagdschein, der der britischen Staatscasse zufällt, und die Taxe für Berechtigung zum Halten eines Jagdhundes, verbieten sie dem kleinen Manne schon allein.

Das war das Pachtgut von Kerwan, das ziemlich isoliert innerhalb einer Schleife des Cashenflusses und fünf Meilen von der Parochie Silton entfernt lag. In der Grafschaft gab es gewiß noch schlechteren Boden, leichtes, kieselreiches Land, das keine Düngung festhält und wo der Pachtschilling nicht einmal eine Krone (noch nicht fünf Mark) für den Acre beträgt; der Grund und Boden Martin Mac Carthy's war aber auch höchstens von mittlerer Güte.

Jenseits des angebauten Gebietes dehnten sich unfruchtbare, sumpfige Ebenen aus, da und dort bedeckt mit Stechginster oder mit wilden Rosen, zwischen denen wucherndes Haidekraut blühte. Ueber den Fluren flatterten in dichten Schwärmen Krähen umher, die nach den eingesäeten Körnern suchten, oder Völker von großschnäbligen Sperlingen, die die neugebildeten Getreidekörner, zum argen Schaden für die Pächter auspicken.

Noch weiter hinaus stiegen stille Wälder von Birken und Lärchenbäumen auf, die in den steilen Abhängen der Berge wurzelten und die von den Winterstürmen, welche durch das schmale Thal des Cashen jagen, oft mit unheimlicher Gewalt geschüttelt und zerzaust werden.

Im Ganzen bildet diese Grafschaft Kerry ein merkwürdiges Land, das die Aufmerksamkeit der Touristen mit seinen Amphitheatern bewaldeter Höhen, seinen überraschenden Fernsichten, die durch die hyperboräischen Nebeldünste eher verfeinert erscheinen, entschieden mehr verdiente, als bisher.

Ein hartes, schlimmes Land ist es nur für die, die es bewohnen, eine knauserische Stiefmutter für die, die es bebauen.

Doch wenn nur die Ernte an Kartoffeln, der wirklichen Brodfrucht der Insel, in Kerry und den andern Grafschaften nicht versagt. Wenn das aber auf der Million dem Knollenbau eingeräumten Acres eintrifft, dann bedeutet es den Hunger mit allen seinen Schrecken.[3]

Wenn der fromme irische Bauer sein God save the Queen gesungen hat, dann sollte er es wirklich vervollständigen durch ein:

»God save the potatoes!«

IX.
Die Farm von Kerwan. (Fortsetzung.)

Am 20. October, nachmittags gegen drei Uhr, erschollen auf der nach der Farm von Kerwan führenden Straße laute Jubelrufe.

»Da kommt der Vater!

– Da ist die Mutter!

– Nun sind sie ja beide zurück!«

Kitty und Sim waren es, die Martin und Martine Mac Carthy schon von weither begrüßten.

»Guten Tag, Kinder! sagte Martin.

– Guten Tag, meine Söhne!« rief Martine, die in das Wörtchen »meine« ihren ganzen mütterlichen Stolz legte.

Der Farmer und seine Gattin hatten Limerick heute Morgen frühzeitig verlassen. So einige dreißig (englische) Meilen bei schon recht kühlem Herbstwind zurückzulegen, hat schon etwas auf sich, zumal wenn das mittelst eines »Jaunting-car« geschieht.

Das Gefährte wird »Car« genannt, weil es ein Wagen ist, und die nähere Bezeichnung durch das Beiwort »Jaunting« erhält es, weil seine Passagiere, Rücken gegen Rücken, auf zwei in der Längenachse des Fuhrwerks angebrachten Bänken sitzen. Man braucht sich nur die Ruhebänke in städtischen Parkanlagen verdoppelt und auf ein paar Rädern befestigt vorzustellen, wozu man noch je ein Brett als Fußstütze für die zu befördernden Personen zu denken hat, die sich an die Gepäckstücke hinter ihnen anlehnen, so hat man den in Irland am meisten gebräuchlichen Wagen. Wenn er auch nicht sehr vortheilhaft erscheint, weil man davon nur nach je einer Seite Aussicht hat, und nicht sehr comfortabel, weil er ganz ohne Dach ist, so rollt er wenigstens ziemlich flott dahin und sein Kutscher entwickelt meist ebensoviel Geschicklichkeit wie Schnelligkeit.

So konnte es nicht wundernehmen, daß Martin und Martine Mac Carthy, die gegen sieben Uhr früh von Limerick abgefahren waren, gegen drei Uhr in Sicht des Pachthofs eintrafen. Sie befanden sich auf dem Jaunting-car auch nicht allein, denn dieser brachte wohl noch zehn andre Personen mit. Nachdem die Farmersleute abgestiegen waren, rollte das Gefährt in schnellem Trabe nach dem Hauptorte der Grafschaft Kerry weiter.

Eben trat Murdock aus seinem an der Hofecke gelegenen Zimmer, wo die Nebengebäude der rechten Seite an das Wohnhaus stießen.

»Ihr habt eine glückliche Fahrt gehabt, Väterchen? fragte die junge Frau, nachdem sie Martine umarmt hatte.

– Eine sehr gute Fahrt, Kitty.

– Fandet Ihr auf dem Markte in Limerick die gewünschten Kohlpflanzen? erkundigte sich Murdock.

– Ja, mein Sohn; morgen sollen sie uns zugeschickt werden.

– Und auch den Rübensamen?...

– Gewiß; sogar von bester Sorte.

– Das ist gut, Vater.

– O, wir fanden auch noch eine andre Art Samen....

– Welche denn?

– Ein... Babysamenkorn, das uns von bester Sorte erschien.«

Murdock und sein Bruder machten große Augen, als sie das Kind bemerkten, das ihre Mutter in den Armen hielt.

»Da habt Ihr ein Knäblein, sagte sie, in Erwartung, daß Kitty uns einen kleinen Kameraden dazu schenkt.

– Er ist ja ganz erfroren, der Kleine! antwortete die junge Frau.

– Ich hab' ihn aber während der Fahrt in meinen Tartan (eine Hülle von großwürfeligem Wollenstoff) eingewickelt, so gut ich konnte, versicherte die Farmersfrau.

– Schnell, schnell, drängte Martin, wir wollen ihn vor dem Kamine wieder warm machen und auch die Großmutter begrüßen, die darauf warten wird.«

Kitty nahm den kleinen Knaben aus den Händen Martines, und bald war die ganze Familie in dem großen Mittelzimmer versammelt, wo die Großmutter auf einem alten gepolsterten Armstuhle saß.

Man zeigte ihr das Kind. Sie nahm es in die Arme und setzte sich's auf die Knie.

Der Kleine ließ es sich gefallen. Seine Blicke wanderten von einem zum andern. Er verstand nicht, was mit ihm vorging. Jedenfalls glich das Heute nicht dem Gestern. War alles nur ein Traum? Er sah hübsche Gesichter, junge und alte um sich. Seit seinem Erwachen hatte er nur liebevolle Worte gehört. Die Fahrt auf dem schnell durch das Land hineilenden Wagen war ihm eine Zerstreuung gewesen. Gute Luft und der Morgenduft der Blumen und Büsche füllten seine Brust. Eine kräftige Suppe vor der Abfahrt hatte ihn gestärkt und unterwegs hatte er, immer an kleinen Kuchen aus der Tasche Martines nagend, erzählt, was er von seinem Leben wußte, von dem Aufenthalt in der abgebrannten Lumpenschule, von der Freundlichkeit Grips, dessen Name sehr oft über seine Lippen kam, ferner von Miß Anna, die ihn ihren Sohn genannt hatte und doch gar nicht seine Mutter war, weiter von einem sehr erzürnten Herrn, den sie den Herzog nannten, dessen Namen er aber vergessen hatte und der ihn mit wegnehmen wollte, endlich von seinem Verlassensein und wie er sich allein auf dem Friedhofe von Limerick befunden habe. Martin Mac Carthy und seine Frau verstanden von der ganzen Geschichte nicht viel, außer daß er weder Eltern noch Angehörige hatte, und daß er ein verlassenes kleines Geschöpf sei, das die Vorsehung ihrer treuen Sorge anvertraut hatte.

Gerührt umarmte ihn die Großmutter und dann auch die andern, deren Theilnahme für ihn erwachte.

»Ja, wie heißt er denn? fragte die Großmutter.

– Er konnte uns keinen andern Namen als »Findling« angeben, antwortete Martine.

– Na, er braucht keinen andern, meinte Martin; wir rufen ihn ebenso, wie er bis jetzt gerufen wurde.

– Wenn er aber einmal groß wird?... warf Sim ein.

– So bleibt er nach wie vor der Findling!« erklärte die Großmutter, die ihn mit einem herzhaften Kusse taufte.

Das war also der Empfang, den unser Held beim Eintreffen auf dem Pachthofe fand. Man nahm ihm die Lumpen ab, die er für die Rolle des Sib angelegt bekommen hatte. Dafür erhielt er die letzten Kleidungsstücke Sims, die dieser, als er im gleichen Alter war, getragen hatte und die zwar nicht neu, aber doch reinlich und warm waren. Seine Wollenjacke ließ man ihm, da er auf diese, obgleich sie allmählich zu eng wurde, viel zu halten schien.

Dann aß er, auf hohem Stuhle sitzend, mit der Familie und fragte sich, ob das alles nicht auch bald verschwinden würde. Doch nein, die Hafersuppe, die in reichlich vollem Teller vor ihm stand, verschwand nicht, auch nicht das Stück Speck mit Kohl, wovon er ein gutes Theil erhielt, ebensowenig der Eierkuchen, der unter allen redlich vertheilt wurde und den man hier mit einem Schluck ausgezeichneten »Potheens« begoß, welchen der Farmer aus der eignen Gerste durch Gährung herstellte.

Das war ein Schmaus, zumal da das Knäblein nur fröhliche Gesichter sah, außer vielleicht an dem ältesten Bruder, der immer ernst, ja fast etwas traurig erschien. Da wurden ihm die Augen feucht und Thränen glitten seinen Wangen hinab.

»Was fehlt Dir, Findling? fragte Kitty.

– Ei, warum denn weinen! setzte die Großmutter hinzu. Hier werden Dir alle gut sein!

– Und ich besorge Dir auch Spielzeug, versprach Sim.

– Ich weine ja nicht, antwortete er. Das sind keine Thränen!«

Wirklich war es nur das Herz, das dem armen Kleinen überlief.

»Nun, heute mag's gut sein, erklärte Martin, doch gar nicht zürnenden Tones, ich sage Dir aber, mein Junge, daß es hier verboten ist, zu weinen.

– Ich werd' es auch nicht mehr thun!« versicherte er, in die ausgestreckten Arme der Großmutter hinübergleitend.

Martin und Martine bedurften der Ruhe. Auf der Farm legte man sich im allgemeinen zeitig nieder und stand sehr früh des Morgens auf.

»Wo werden wir das Kind denn unterbringen? fragte der Farmer.

– In meiner Stube, meldete sich Sim; ich trete ihm, wie einem kleinen Bruder, die Hälfte meines Bettes ab.

– Nein, Kinder, erklärte die Großmutter. Laßt ihn bei mir schlafen, er wird mich nicht belästigen. Da kann ich ihn schlummern sehen, und das wird mir eine Freude sein.«

Ein Wunsch der Großmutter fand nie auch nur einen Schatten von Widerspruch. Neben deren Bett wurde also, wie sie es verlangt hatte, eine Lagerstatt hergerichtet und der kleine Knabe sogleich hineingelegt.

Weißes Bettzeug und eine gute Decke hatte er schon kennen gelernt in den wenigen Wochen, wo er im Royal-George-Hôtel im Zimmer der Miß Anna Walston wohnte. Die Zärtlichkeiten der Schauspielerin wogen aber die dieser achtbaren Familie nicht auf. Gewiß bemerkte er darin schon einigen Unterschied, vorzüglich als ihm die Großmutter beim Niederlegen einen herzlichen Kuß gab.

»Ach, ich danke... ich danke!« murmelte er.

Das war heute sein einziges Nachtgebet und jedenfalls kannte er auch kein andres.

Man stand jetzt im Anfang der kalten Jahreszeit. Die Ernte war eben hereingebracht. Außerhalb des Pachthofes gab es wenig oder nichts zu thun. In diesen rauhen Gegenden findet die Einsaat des Korns, der Gerste und des Hafers nicht mit beginnendem Winter statt, weil dessen Länge und Strenge sie wieder vernichten könnte. Das ist Sache der Erfahrung. Martin Mac Carthy pflegte hier den März und sogar den April abzuwarten, ehe er mit der sorgfältig gewählten Saat begann. Dabei hatte er sich bisher gut gestanden. Furchen in einem Boden zu ziehen, der bis auf mehrere Fuß Tiefe friert, das wäre eine ebenso harte wie unnütze Arbeit gewesen; da hätte er die Samenkörner auch auf einen sandigen Strand oder auf die Felsen der Küste verstreuen können.

Immerhin fehlte es im Pachthofe nicht an Arbeit. Galt es doch die Vorräthe an Gerste und Hafer auszudreschen und an Geräthen auszubessern, was schadhaft geworden war. Der Findling konnte sich schon am folgenden Tage von der hier herrschenden Geschäftigkeit überzeugen und versuchte auch vom frühen Morgen an selbst sich nützlich zu machen. So begab er sich nach den Viehställen. Jetzt nahe am Ende des sechsten Lebensjahres, mußte er doch wenigstens im Stande sein, Gänse oder Kühe, ja auch Schafe zu hüten, wenn er einen guten Hund zur Seite hatte.

Beim Frühstück und vor einer Tasse warmer Milch sitzend, bot er sich zu einer solchen Dienstleistung an.

»Schön, mein Junge, antwortete Martin, Du willst arbeiten. Recht so. Man muß sich sein Brod verdienen....

– Und ich werd' es mir verdienen, Herr Martin, versicherte er.

– Er ist ja noch gar so jung, bemerkte die Großmutter.

– Das thut nichts, Madame....

– Ei was, nenne mich Großmutter!

– Nun gut... das thut nichts, Großmutter. Ich will so gern arbeiten....

– Und wirst auch hübsch thätig sein, fiel Murdock ein, den ein so entschlossener Charakter bei einem bisher vom Unglück verfolgten Kinde in Erstaunen setzte.

– Ich danke, Herr Murdock!

– Ich werde Dir lehren, die Pferde zu besorgen, fuhr Murdock fort, und auch darauf zu reiten, wenn Du keine Angst hast....

– O, so gern! jubelte der Knabe.

– Und ich, ich lehre Dir die Kühe zu pflegen, ließ Martine sich vernehmen, und sie zu melken, wenn Du Dich nicht vor ihren Hörnern fürchtest.

– Nein, gar nicht, Frau Martine!

– Ich zeige Dir dann, fiel Sim ein, wie man auf dem Felde die Schafe hütet....

– Ich freue mich schon darauf!

– Kannst Du lesen? fragte der Farmer.

– Ein wenig, und auch ein bischen große Buchstaben schreiben.

– Und rechnen?

– Ja... ich kann bis hundert zählen, Herr Martin.

– Na, sagte Kitty lächelnd, ich werde Dir bis tausend zählen und auch kleine Buchstaben schreiben lehren.

– Ich danke, liebe Frau Kitty!«

Das Kind war thatsächlich zu allem bereit, was man ihm vorschlug. Der Kleine wollte sich offenbar dankbar beweisen für die Wohlthaten, die er bei den wackern Leuten schon genoß und noch zu genießen hoffte. Der kleine Diener der Farm zu werden, dahin strebte zunächst sein Ehrgeiz. Ein Zeugniß für den von Natur ernsten Sinn des Knaben lieferte aber die Antwort, die er dem Farmer gab, als dieser ihn lachend fragte:

»Ei, Findling, Du wirst uns ja ein schätzbarer Helfer sein!... Die Pferde, die Kühe, die Schafe... ja, wenn Du alles besorgst, bleibt ja für uns gar nichts zu thun übrig. Wie viel verlangst Du denn Lohn?

– Lohn?...

– Nun ja; Du wirst doch nicht ganz für nichts und wieder nichts arbeiten wollen?

– Nein, das nicht, Herr Martin.

– Wie? rief Martine verwundert, außer der Wohnung, Nahrung und Bekleidung verlangt er auch noch Bezahlung....

– Ja, Frau Martine!«

Alle sahen den Knaben an; es schien ihnen, als ob er etwas ganz ungeheuerliches ausgesprochen hätte.

Murdock, der ihn beobachtet hatte, bemerkte aber:

»Laßt ihn doch sich erst erklären!

– Freilich, meinte die Großmutter. Sag' uns frei heraus, was Du verdienen willst. Baares Geld?...«

Der kleine Junge schüttelte den Kopf.

»Nun... vielleicht eine Krone für den Tag? sagte Kitty.

– Ach nein, Frau Kitty.

– Oder monatlich so viel?... fuhr die Pächtersfrau fort.

– Frau Martine!...

– Also wohl jährlich? meinte Sim, laut auflachend. Eine ganze Krone Jahreslohn....

– Nun, was willst Du denn, lieber Junge? begann Murdock wieder. Ich begreife, daß Du Dir Deinen Lebensunterhalt verdienen willst, ganz wie wir. So wenig man auch empfängt, es sammelt sich endlich doch. Was willst Du also?... Einen Penny... einen Copper täglich?...

– Nein, Herr Murdock!

– So erkläre Dich doch!

– Nun, Herr Martin, Sie geben mir jeden Abend einen Kieselstein...

– Was? Einen Kiesel? rief Sim überrascht. Willst Du Schätze in Kieseln sammeln?...

– Nein... doch es wird mir Vergnügen machen, und nach Jahren einmal, wenn ich groß bin und Sie mit mir zufrieden waren...

– Richtig, Findling, fiel Martin ein, da vertauschen wir Deine Kieselsteine mit Pence oder Schillingen!«

Alle lobten den Kleinen wegen seiner guten Idee, und noch an demselben Abend gab ihm Martin einen Kiesel aus dem Bette des Cashen, der an solchen unerschöpflich war. Der Kleine aber legte ihn in einen alten Steinguttopf, den die Großmutter ihm als Sparbüchse zugewiesen hatte.

»Ein sonderbares Kind!« sagte Murdock zu seinem Vater.

Gewiß, doch dessen gute Natur hatte keinen Schaden erlitten, weder durch die herzlose Behandlung Thornpipe's, noch durch die schlechten Beispiele in der Lumpenschule. Als die Pächterfamilie ihn im Laufe einiger Wochen näher kennen lernte, traten seine natürlichen Eigenschaften nur noch mehr zutage. Ihm fehlte nicht einmal die Heiterkeit, der Grundzug des Nationalcharakters, den man in Irland auch bei den ärmsten Leuten ausgeprägt findet. Dann gehörte er auch nicht zu dem Schlage von Jungen, die den ganzen Tag lang nur herumlungern, deren Augen hierhin und dahin gehen, da sie durch jede Fliege, jeden Schmetterling abgelenkt werden. Immer sah man ihn überlegt, stets suchte er den Sachen auf den Grund zu gehen und sich durch Befragung andrer zu unterrichten. Seinen Blicken entging auch nicht das geringste. Er hob jede Stecknadel ebenso auf, wie er einen Schilling aufgehoben hätte. Seine Kleidung hielt er stets reinlich und alles in musterhafter Ordnung. Der Sinn für diese war ihm angeboren. Er antwortete höflich, wenn man ihn fragte, und ließ sich jede erhaltene Antwort erklären, wenn er sie nicht ganz verstanden hatte. Gleichzeitig machte er im Schreiben sichtliche Fortschritte. Das Rechnen schien ihm sehr leicht zu fallen und dabei gehörte er nicht zu den frühreifen Wunderkindern, die später so oft nicht halten, was sie versprachen; er brachte aber Berechnungen im Kopfe fertig, bei denen viele andre zur Feder gegriffen hätten. Zu seinem wahrhaften Erstaunen erkannte Murdock auch, daß der Kleine sich bei allen Handlungen nur von seiner hochentwickelten Vernunft leiten ließ.