Wir sind im Vorhergehenden vorzüglich den Abhandlungen Orson Pratts gefolgt, der als Hauptdogmatiker der Secte gilt und in der That nicht ohne eine gewisse Begabung ist, auch ziemlich gute Kenntnisse in verschiedenen Zweigen des Wissens zu besitzen scheint. Das schließt indeß nicht aus, daß hin und wieder andere Mormonen abweichenden Meinungen huldigen. So heißt es denn z. B. in der letzten Predigt Smiths, daß der Mensch nicht geschaffen, sondern erzeugt sei, daß jeder Einzelne als Geist oder Gott im Himmel die Wahl habe, auf die Erde herabzusteigen und durch Annahme eines Leibes sich größere Herrlichkeit zu erwerben, als die himmlische. Wenn der Geist Besitz von seinem Leibestempel nimmt, so entsteht ein Mensch oder eine lebendige Seele. Diese ist eine Dualität, zusammengesetzt aus gröberer Materie oder Leiblichkeit, und feinerer oder Geist. Letzterer durchdringt und belebt die erstere. Er ist sterblichen Augen nur durch ein Wunder sichtbar, der Schwerkraft nicht unterworfen, und dennoch Materie. Er geht durch den Körper wie das elektrische Fluidum durch die Erde. Er ist trotz seiner feineren Natur doch substantieller und dauerhafter als der Leib, ja er ist unsterblich wie Gott selbst. Der Tod »scheidet ihn vom Körper nur zu einem nützlichen Zwecke; dann aber wacht der Geist über jedes Theilchen seines geliebten einstigen Wohnsitzes, bis das Werde der Auferstehung ertönt, den Geist wieder mit dem Leibe bekleidet und den Menschen auf diese Weise zum Gotte erhebt.« Diese Götter, in welche die auferstandenen Frommen verwandelt werden, haben die Macht, für sich einen neuen Planeten zu schaffen und denselben zu bevölkern. Dies wird als »die Gewalt endloser Lebensspendung« bezeichnet. Die Ungehorsamen und Ungläubigen dagegen werden im Himmel »nur einer geringen Herrlichkeit theilhaft werden,« sie werden den himmlischen Königinnen die Schleppe tragen, Holzhacker, Schuhputzer, Küchenjungen u. s. w. sein; denn die zukünftige Welt ist nur die verklärte Wiederholung der jetzigen.
Ferner heißt es im Widerspruche mit dem Obigen, Adam sei nach einer Voraussehung Gottes oder nach einer nothwendigen Bestimmung der Heilsökonomie gefallen und habe den Apfel mit vollem Bewußtsein der daraus sich ergebenden Folgen gegessen. Es soll dies geschehen sein, auf daß künftighin sterbliche Leiber von Weibern geboren würden, um Wohnungen für die Geister zu sein. Entspricht ein solcher vom Himmel gestiegener Geist seiner Bestimmung nicht, kommt er den von ihm gehegten Erwartungen nicht nach, besteht er die Prüfungszeit nicht, verscherzt er, wie der Kunstausdruck lautet, sein Erbe durch üble Aufführung, so wird ihm nach seinem Ableben ein geringerer Leibestempel und eine niedrigere Daseinsstufe angewiesen. Ist er auch auf dieser nicht gehorsam, so verbannt ihn Gott auf eine noch niedrigere, und so fort, bis er sich fügt und zur Unterwerfung unter das Gebot des Herrn zurückkehrt, worauf ihm gestattet wird, Grad für Grad wieder emporzuwachsen in die Herrlichkeit der Kinder Gottes.
Ein Beispiel dazu bildet die Geschichte, die einst mit einem ihrer größten Heiligen sich ereignete. Er war in Zweifel verfallen und dachte bereits an den Austritt aus der Kirche. Da erschien eines Tages ein Bote aus der Höhe vor ihm und warnte ihn vor der Gefahr, die ihm drohte. Es stehe ihm nämlich, sagte der Engel, nichts Geringeres bevor, als ein baldiger Tod und nach diesem die Verbannung seines Geistes in einen Negerkörper. Nur durch sofortige Umkehr auf den rechten Weg könne er sich davor schützen. Der fromme Mann erschrak und ging in sich; denn ein Schwarzer kann nach ihrer Lehre, wie erwähnt, nicht zum Priester geweiht werden, muß allerwärts, auch jenseits eine dienende Stellung einnehmen und hat im Himmel nur auf einen geringen Theil von Seligkeit und Herrlichkeit Anspruch. Er stellt die tiefste Stufe der Menschheit dar. Bedeutend höher steht die kupferfarbene Race. Die Rothhäute sind nur auf Zeit zu der unschönen Farbe verdammt, und der Tag wird kommen, wo sie, in ihre Rechte wieder eingesetzt, würdig sein werden ihrer Abkunft vom Samen Abrahams. Sind diese Stufen der Erniedrigung nicht hinreichend, den rebellischen Geist zur Umkehr zu veranlassen, so wird er in ein Thier verwiesen, und so mag es nicht ungehörig sein, wenn ein tückisches Pferd, ein bissiger Hund oder eine zornige Otter Einem zu Leibe geht, sich zu erinnern, ob in der Bestie nicht vielleicht ein ungehorsamer Geist seine Straf- und Prüfungszeit verbüßt.
Mit dem Satan und seinen Engeln konnte ein solcher Reinigungsproceß nicht vorgenommen werden, da sie »nicht in der Leiblichkeit sündigten.« Der einstige Sohn des Morgens ist nach den Mormonen überhaupt nicht so schlimm, als er gemeiniglich angesehen wird. Er besitzt noch gar manche seiner früheren nobeln Eigenschaften und ist noch immer Miltons: »Archangel ruined and a perfect gentleman.« Die Anekdoten indeß, die unter den Heiligen über diesen »vollendeten Gentleman« umlaufen, wollen nicht recht zu unseren Begriffen von einer würdigen und anständigen Haltung passen, ja er beträgt sich bisweilen recht ungezogen und rüpelhaft.
Sidney Rigdon, der würdige Mitstifter der Secte, wußte davon ein nichts weniger als erbauliches Lied zu singen. Er lag eines Abends im Bette und schlief, als ihn plötzlich eine so gewaltige Hand beim Genick packte und schüttelte, daß er sofort inne wurde, wie er es mit keiner irdischen Gewalt zu thun habe. Es war kein Geringerer, als Seine höllische Majestät. Aber nicht zufrieden damit, den unseligen Rigdon so unsanft geweckt zu haben, machte er sich nun daran, seinem Opfer die Bettdecke wegzuziehen und es auf das Abscheulichste durchzuprügeln. Dann ergriff er Ehren Rigdon bei den Füßen, schleppte ihn aus der Kammer und, unbekümmert darum, daß das graue Haupt aufs Jämmerlichste auf jede Stufe aufschlug, die Treppe hinab vor das Haus, wo er ihn in den Rinnstein warf und sodann »wie ein Dampf« verschwand. In dieser Weise mishandelte er Rigdon zwei Nächte hindurch. Böse Zungen zwar wollten behaupten, es könnte eine menschliche Hand im Spiele gewesen sein, etwa ein Schabernack liebender Mormonenjüngling. Aber diese Vermuthung wurde mit spöttischem Lächeln als ungereimt abgewiesen. Hatte man sich doch nach dem ersten Male genau nach der Farbe der Haare, den Gesichtszügen und anderen Erkennungszeichen, an denen Smith seine Jünger den bösen Feind zu entdecken gelehrt, erkundigt, und stimmte doch Rigdons Beschreibung bis in die geringsten Einzelheiten.
Der Körper der Auferstandenen wird vollkommen derselbe sein, den sie im Leben hatten. Nur das Blut wird fehlen, wie es im Körper des auferstandenen Christus fehlte, welcher das Vorbild aller Menschen ist. Aber ganz so wie der Mensch gehen auch die Thiere und Pflanzen einer Auferstehung und Erhebung in die himmlische Herrlichkeit entgegen. »Wenn die Welt erlöst wird, so ist die Pflanzen- und Thierschöpfung in diesen Vorgang eingeschlossen; denn auch sie hatten ja eine geistige Existenz vor der leiblichen auf Erden. Wenn die Pflanze in den himmlischen Boden gesenkt wird, so zieht sie ihre Nahrung aus demselben, und das Fluidum, das sie auf diese Art einsaugt, circulirt durch die Poren und Zellen des Pflanzenleibes, bewahrt denselben vor Verwitterung und Fäulniß und erzeugt einen geistigen Samen, welcher gepflanzt zu einem geistigen Halme, Strauche oder Baume erwächst, der sich darin von der väterlichen Pflanze unterscheidet, daß er keinen Leib hat. Diese geistigen Pflanzen oder diese Pflanzengeister werden aus dem Himmel auf die Erde geschickt, wo sie Leiblichkeit gewinnen und gleich den Thieren zu Nahrung für einen Theil der animalischen Schöpfung werden. So sind denn« – schließt Orson Pratt diese treffliche Beweisführung – »die Geister sowohl der Pflanzen als der Thiere Sprößlinge männlicher und weiblicher Aeltern, welche von den Todten auferweckt und mit der Welt, auf der sie wohnten, aus einem gefallnen Zustande erlöst worden sind.«
Hiermit möge unsere Blumenlese aus der Metaphysik der Mormonen beschlossen sein. Ein Urtheil darüber ist unnöthig, und wir können uns sofort zu begreiflicheren und näherliegenden Dingen wenden.
Die Gnadengaben, in deren Besitz die Latterday-Saints zu sein sich rühmen, und deren Vorhandensein sie als eine Art Zeugniß Gottes für die Wahrheit ihrer Lehre und die Echtheit ihrer Kirche ansehen, bestehen, wie bereits bemerkt, in der Gabe der Weissagung (die indes auf den Seher und Offenbarer beschränkt ist), in Heilungen durch Handauflegung, Austreibungen von bösen Geistern aus Besessenen, von denen namentlich in Wales ganze Rudel – beinahe so viele wie in Weinsberg – spukten, im Reden in Zungen und in der Deutung dieser modernen Glossolalie. Diese Erscheinung, welche sich über alle Heiligen erstreckt, während die übrigen sich auf die Priester beschränken, und welche auch bei anderen Secten Amerikas bisweilen vorkommt, ist, wenn man die Erzählung vom Pfingstwunder in der Apostelgeschichte wörtlich nimmt, nicht dieselbe, welche die Jünger befähigte, der vor ihrem Hause versammelten vielzüngigen Menge in verschiedenen Sprachen den Wahn zu benehmen, sie seien voll süßen Weines. Es ist vielmehr im besten Falle eine Art Stammeln, Lallen oder Gurgeln ohne Sinn und Verstand, hervorgegangen aus krankhafter Gemüthsaufregung, zuweilen ähnlich dem Phantasiren von Fieberkranken, mitunter eine Folge unzusammenhängender englischer oder indianischer Worte, häufiger aber ein bloßes Ausstoßen willkürlich zusammengeworfener Vocale und Consonanten. Der in Zungen Redende selbst weiß nicht, was für Ideen er damit ausgesprochen hat. Aber Andere wissen es um so genauer, und oft erfährt die erstaunte Zuhörerschaft durch diese Dolmetscher die wundersamsten Dinge. Wie man aber zu zweifeln Grund hat, daß die Theologen der Secte in ihren Schriften und Predigten immer ehrliche Phantasten gewesen sind und nicht auch manchmal, ja häufiger absichtlich und zweckbewußt den Unsinn zusammengehäuft haben, den wir bei ihnen finden, so wird auch mit dem Reden in Zungen mancherlei Täuschung getrieben werden. Smith liebte es, seine Predigten damit zu schmücken, und das Folgende klingt fast wie eine Anweisung zum Betrügen. »Wenn Jemand sich zum Sprechen in der Gemeinde gedrungen fühlt« – sagt der Prophet – »aber keine Worte findet, die Gedanken seines Herzens auszudrücken, so muß er sich getrost auf seine Füße erheben, sich im Glauben an Christum anlehnen, seine Lippen öffnen und in irgend einer beliebigen Tonart und Weise einen Gesang hören lassen. Der Geist des Herrn wird es dann zur Rede machen und einen Dolmetscher dazu schaffen.«
Diese Verheißung erfüllte sich bei der folgenden Anekdote, wenn auch der Dolmetscher, den der Herr schaffte, nicht ganz genau das Rechte getroffen haben dürfte. In einer ihrer Versammlungen sprang ein vom heiligen Geiste ergriffnes Weiblein auf, sprach in Zungen und schrie: »Melai, Melei, Meli!« Dies wurde von einem jungen Manne, der in sich die Gabe des Dolmetschers empfand, sofort mit: »My leg, my tigh, my knee« (Mein Bein, mein Schenkel, mein Knie) übersetzt. Man forderte ihn vor den hohen Rath und klagte ihn der Sünde wider den heiligen Geist an. Er blieb aber hartnäckig bei seiner Behauptung, daß seine Deutung die richtige sei, und so mußte man ihn ohne Strafe lassen. Man ermahnte ihn indeß, auf der Hut zu sein, daß der Satan ihn nicht in seinen Schlingen fange.
Von den Gnadenmitteln oder Sacramenten kennen die Mormonen nur Taufe und Abendmahl. Die erstere muß durch Untertauchung des Täuflings vollzogen und durch Handauflegung vollendet werden, sonst ist sie eine leere Ceremonie. Sie hat ferner zu dem Zwecke der Vergebung der Sünden stattzufinden, ein Zweck, der bei der Handlung zu nennen ist. Sodann hat nur die aus der Hand von Mormonenpriestern der Ordnung Melchisedek empfangene Taufe die Wirkung eines Sacraments. Die Kindertaufe wird verworfen. Man nimmt an, daß der Mensch im achten Lebensjahre zurechnungsfähig werde. Dann müssen die Eltern das Kind taufen lassen.
Ein seltsames Seitenstück zu den Seelenmessen der katholischen Kirche ist das mormonische Institut der »Taufe für die Verstorbenen.« Die Berechtigung zu dieser Ceremonie entnehmen sie aus einer Bibelstelle, wo der Apostel nach der Auffassung der Mormonen die Frage aufwirft: »Was anders sollen die thun, welche für die Todten getauft sind, wofern die Todten nicht auferstehen? Warum dann sind sie für die Todten getauft?« Joseph Smith behauptet darauf hin: »Jedermann, der einen Freund in der ewigen Welt hat, kann ihn erlösen, es wäre denn, daß er die eine Sünde begangen hätte, die nicht vergeben wird. So könnt Ihr sehen, wiefern Ihr Erlöser sein könnt: denn der Apostel sagt: Sie ohne uns vermögen nicht zur Vollkommenheit zu gelangen.«
Das Nähere der Sache aber ist Folgendes: Die Mormonen glauben, daß Niemand ohne in gebührender Weise getauft zu sein, in's Himmelreich eingehen könne. Nun kann aber ein Heiliger den Wunsch hegen, auch diejenigen seiner Freunde und Verwandten einst bei sich zu sehen, welche entweder durch Ungunst der Umstände oder weil sie das Sacrament misachteten, ohne echte und wahre Taufe aus der Welt gegangen sind. Dies wird dadurch erreicht, daß sie sich stellvertretend für jene taufen lassen. Die Jenseitigen befinden sich in einem Prüfungszustande, ähnlich dem Fegefeuer der Katholiken. Sie haben bereut und Buße gethan und sehnen sich nach dem unerläßlichen Ritus der Untertauchung in Wasser zur Vergebung der Sünden. Daher erwächst die Pflicht ihrer Verwandten auf Erden, sich dieser Ceremonie für sie zu unterziehen. Sie befriedigen damit den Wunsch der Abgeschiedenen und erwerben sich zugleich das Verdienst, Mehrer des Reichs Gottes zu sein. So geschieht es, daß Einzelne wohl ein Dutzend Mal getauft sind, einmal für den Vater, dann für die Mutter, dann für die Großältern, dann für die unbekannten Vorfahren bis hinauf zu dem Urahn, von dem man annimmt, daß er noch in heiliger priesterlicher Zeit gelebt habe. Andere wieder werden dabei von dem Hinblicke auf die Macht geleitet, welche sie sich dadurch erwerben, und so lassen sie sich auch für Todte taufen, welche nicht zu ihrem Geschlechte gehört haben. Es heißt nämlich, daß alle die, welche von dem Stellvertretend-Getauften auf diese Weise erlöst worden sind, künftig bei der Auferstehung zu dem Haushalte und Gefolge desselben gehören werden. Derselbe, der auch als »Pathe« (sponsor) bezeichnet wird, wird zuerst aus seinem Grabe steigen und dann thun wie Christus vor der Gruft des Lazarus that, d. h. er wird jene aus dem Todesschlafe rufen. Dann aber wird er als der Vornehmste unter ihnen über sie als Patriarch herrschen, und sein Rang unter den Göttern und königlichen Heiligen wird sich nach der Zahl derer richten, welche er erlöst hat.
Das heilige Abendmahl wird »zur Erinnerung an den Leib und das Blut des Sohnes« genossen, auf das die Heiligen »allezeit seiner eingedenk seien und seine Gebote halten, und damit sie stets seinen Geist bei sich haben.« So wenigstens drückt sich das Buch Mormons aus. Brot und Wein sind als Symbole zu gebrauchen wie in der reformirten Kirche. Durch eine Offenbarung jedoch wurde es verboten, sich des von den »Heiden« gebauten und gekelterten Weines zu bedienen (dies geschah aber erst in Deseret und zwar zu einer Zeit, wo Wein, wie alle anderen Luxusartikel, selbst Kaffee und Zucker, kaum zu bekommen war, und die »Offenbarung« war nur ein Hilfsmittel, gewissenhafte Leute, die es mit der Form der kirchlichen Ceremonien bis aufs Pünktchen genau zu nehmen gewohnt waren, zu beschwichtigen), und so trinken die Mormonen »bis sie sich Wein von selbstgebauten Reben verschaffen können,« Wasser statt des Saftes der Traube. Denn »es ist gleichgiltig, was ihr essen und was ihr trinken werdet, wenn ihr das Sacrament genießet; wenn ihr es nur so genießet, daß ihr die Augen blos auf meine Herrlichkeit richtet; darum so sollt ihr keinen Wein trinken, es sei denn, er wäre von euch selbst gekeltert«, sagt jene Offenbarung. Man feiert in Folge dessen die Communion in der Art, daß die Bischöfe unter den Sonntags im Bethause Versammelten mit Brot und einem Wasserkruge, woran ein Glas oder Blechbecher hängt, herumgehen und Jedem auf seinem Sitze das Sacrament anbieten. Es ist Sitte, dieses Anerbieten nicht abzulehnen, und so genießen die Mormonen das Abendmahl alle Sonntage.
Nachdem hinreichende Zeit verflossen ist, um den Tempel in Zion zu vollenden, können Taufen für die Todten nur noch hier und in Jerusalem (dem in Palästina) stattfinden. Im Hause des Herrn wird ein gewaltiges Taufbecken aufgestellt werden; »denn diese Taufe wurde vor der Erschaffung der Welt eingesetzt, und anderswo, sagt der Lord unser Gott, kann sie mir nicht wohlgefällig sein; denn in ihr sind die Schlüssel des heiligen Priesterthums verordnet, auf daß ihr empfanget Ehre und Herrlichkeit« (Book of Doctrine and Covenants). Der Tempel hat überhaupt in gewisser Beziehung sacramentale Bedeutung, ja man kann nach der gewöhnlichen Definition des Begriffs Sacrament selbst das Wohnen in Deseret als eine Art Sacrament betrachten. Die sechste allgemeine Epistel der Präsidentschaft an die Heiligen in aller Welt fordert dieselben auf das Dringendste zur Einwanderung nach ihrer wahren Heimat, zur Entrichtung des Zehnten und zum Baue des Tempels auf. Es heißt darin: »Um für einen himmlischen Himmel vorbereitet zu sein, bedürfen sie eines irdischen Himmels, und wenn Einige die Gnadenmittel sich verschaffen, ohne alle die gebührenden Zehnten entrichtet zu haben, so wird ihnen Jesus einst erklären, daß sie Diebe und Räuber sind, die einen anderen als den verordneten Weg herangestiegen sind. Die Errichtung des Tempels ist so nothwendig für das allgemeine Heil, als die Taufe für das Heil des Einzelnen nothwendig ist. Die Stimme des guten Hirten aber ruft fortwährend: Kommt heim, alle ihr Heiligen!«
Die Offenbarungen, welche der »Seher« von Gott durch seine Engel empfängt, betreffen gegenwärtig nur die allgemeinen Angelegenheiten, beziehen sich aber auf Weltliches sowohl wie auf Geistliches. Sie werden aufgezeichnet, um im rechten Augenblicke der Kirche verkündet zu werden, wenn die Brüder fähig sind, sie zu ertragen; denn »Viele würden sich verletzt fühlen und der Wahrheit den Rücken kehren, wenn sie ihnen plötzlich auf ein Mal mitgetheilt würde.« Einzelne empfangen Offenbarungen in Bezug auf ihre Privatangelegenheiten. Diese sind durch »Gebet in mächtigem Glauben« zu erlangen, jedoch nur »wenn natürlicher Scharfsinn, verstärkt durch Fleiß und Nachdenken nicht im Stande gewesen ist, die erforderliche Auskunft zu gewinnen; denn wo Gott auf natürlichem Wege wirken kann, thut er kein Wunder.«
Die Art, wie die Mormonen des Sonntags ihren Gottesdienst abhalten, unterscheidet sich nicht sehr von der Weise der übrigen Secten Amerikas. Man findet sich zu bestimmter Stunde im Bethause ein. Der vorsitzende Priester – in Deseret gewöhnlich der Seher – eröffnet die Feier mit einem Segensspruche über die Versammlung und ihr frommes Beginnen. Dann wird ein Lied aus ihrem Hymnenbuche, und zwar meist nach einer sehr lebhaften und heitern Melodie, gesungen. Dann spricht irgend ein Priester ein Gebet, worauf wieder ein Gesang folgt. Sodann predigt einer von den Priestern, der vorher damit beauftragt worden ist, und hierauf lassen gewöhnlich das eine und das andere Gemeindeglied, »vom Geiste zum Reden angeregt«, allerlei kürzere Ermahnungen und Belehrungen hören. Den Schluß bilden Vorlesungen von Verordnungen und Ankündigungen allgemein interessanter Anordnungen in Betreff der öffentlichen Bauten, der Steuerzahlungen, der Militairübungen u. a. m., welche der Schreiber des hohen Raths vorträgt, wornach die Versammlung mit einem Segensspruche entlassen wird.
Während die Gemeinde sich versammelt und ebenso während sie das Gotteshaus verläßt, spielt das Musikchor, welches sehr zahlreich und, wie es heißt, sehr gut eingeübt ist, allerlei lustige Weisen, Märsche und Tänze, wodurch alle düsteren Gedanken vertrieben und die Gemüther heiter gestimmt werden. Da in Deseret sehr viele Waliser sind, von denen die meisten nur unvollkommen, einige gar nicht englisch verstehen, so wird die Hauptrede gemeiniglich von einem Dolmetscher in wälscher Sprache wiederholt; auch erheitert in der Regel ein wälsches Chor die Versammlung durch den Vortrag einer ihrer wildromantischen seltsamen Melodien.
Daß es bei ihren gottesdienstlichen Zusammenkünften nicht immer vollkommen geordnet zugeht, darf uns nicht Wunder nehmen. Das Reden in Zungen läßt sich nun einmal nicht zurückdrängen, und nicht selten wird der Prediger durch ein derartiges verzücktes Geplapper unterbrochen. Aehnliches kommt jedoch auch bei anderen Secten, namentlich bei den Methodisten häufig vor. Daß die Redner meist sehr lange, nur bisweilen gut, höchst selten gewählt sprechen, muß man ihrer Bildungsstufe (die meisten waren ursprünglich Bauern oder Handwerker) zu Gute halten. Eines aber verdient mit Recht Tadel – die Mormonenprediger fluchen und verdammen von der Kanzel herab wie die Landsknechte, und selbst Brigham Young würzt seine Reden, wenn er in's Feuer geräth, mit den gewaltigsten Flüchen und Schwüren.
Die Gemeinden außerhalb Deseret halten ihren Gottesdienst, wie sich von selbst versteht in einfacherer Weise, auch kommen die kleineren von ihnen selten regelmäßig zu Gebet und Predigt zusammen. In Cincinnati, wo sich im Jahre 1851 eine Mormonengemeinde von etwa zwölf Familien befand, wurde in den Monaten October bis December nur drei Mal Gottesdienst gehalten, und die Zweiggemeinde in Dayton, aus zwei Männern und drei Frauen bestehend, war bei unserem Besuche seit einem halben Jahre nicht versammelt gewesen. Dieser unser Besuch aber wurde für den Vorsteher, den wackeren Schuster Winthrop Graves, Veranlassung, seine Heerde wieder einmal zusammenzurufen und auf die himmlische Weide zu führen.
Wir trafen uns im Hause eines der Gläubigen. Derselbe war Pächter einer Farm und wohnte am Rande des Waldes in einem großen, schwarzverräucherten Ziegelgebäude, das mit einem unordentlichen moosbewachsenen Zaune umgeben war. Die alten Eichen und Ahornbäume, welche das Haus umstanden und deren entlaubte Zweige fortwährend aufs Kläglichste im Winde ächzten, die Verfallenheit des Dachs und der Mauern, der Charakter der Leere und Kälte, den das Innere dieser einsamen Wohnung trug, machten einen trübseligen, unbehaglichen, fast unheimlichen Eindruck. Dem ärmlichen, düsteren, grämlichen Wesen des Hauses entsprach das Wesen seiner Bewohner. Der Mann war eine jener hagern, schlotterigen Gestalten, wie sie in den Hinterwäldern häufig sind. Die Frau schien am Fieber zu leiden. Die Tochter, ein Mädchen in den Jahren, wo Frauen sich in ihren Geburtstagen zu verrechnen anfangen, schaute mit ihren gelben verwelkten Wangen und ihren graugrünen Augen so theilnahmlos und so sauertöpfisch in die Welt, als habe sie Holzäpfel gefrühstückt. Die einzige freundliche Erscheinung war eine junge Witwe, die mit ihren feinen Manieren und ihrer schönen Stimme einen eigenthümlichen Gegensatz zu dem Geschilderten bildete. Wir hielten den Gottesdienst in der Küche, die, wie beim gemeinen Mann in Amerika gewöhnlich, zugleich Wohnstube war. Der Schuhmacher schlug das Buch Mormon auf, legte es auf ein Tischchen vor sich, sprach ein Gebet und hielt hierauf aus dem Stegreif eine Rede, in welcher er die Grundzüge des Glaubens der Latterday-Saints auseinandersetzte, und die so wohlgefügt und an einzelnen Stellen so schwungreich war, daß mancher unsrer Pastoren dabei hätte lernen können. Die verdrießlichen Mienen der vorhin beschriebenen Drei begannen einen anderen Ausdruck zu gewinnen. Der Mann schien seine Sorgen, die Frau ihr Fieber vergessen zu haben. Die grünen Augen der Tochter blitzten von einem seltsamen Feuer, und als nun ein Lied – zu unserm Erstaunen nach der altbekannten Melodie: »Du, Du liegst mir am Herzen« – gesungen wurde, welches den Tod des Propheten beklagte und die Leiden der Brüder in der Wüste schilderte, hatte sich der ganzen Versammlung eine Aufregung bemächtigt, mit der sie wie umgewandelt schien.
So sangen die Mormonen. Und immer höher steigerte sich die Inbrunst. Die Wangen der Frauen rötheten sich, die Blicke der Männer wurden stolz und fröhlich und immer fröhlicher und stolzer, je mehr sie sich durch die weitern Verse des Liedes an die glorreiche Geschichte der Kirche erinnert fanden. Die junge Witwe sank auf die Knie und sprach ein Gebet, welches unter anderen Umständen selbst auf uns eine ergreifende Wirkung gehabt haben würde. Der Farmer folgte ihr in rauherer, aber nicht weniger aufrichtiger Weise. Wir erwarteten ein Reden in Zungen von der Tochter, aber die Witwe schnitt ihr die Gelegenheit dazu ab, indem sie, glühend von schwärmerischem Feuer, aufsprang und, dem Leiter des Meetings vorgreifend, mit wohltönender Stimme in ein Triumphlied ausbrach, in welches alle Anwesenden nach Kräften einstimmten. Sie sangen:
Den Schluß bildete der Segen, von dem Schuhmacher gesprochen. Dann aßen die Brüder und Schwestern mit einander, und wir entsinnen uns nicht, während unsers Aufenthalts in Amerika fröhlichere Gesichter beisammen gesehen und ein liebevolleres Benehmen beobachtet zu haben, als bei diesem einfachen Mahle. So verklärt und adelt das, was in den Religionen die Religion ist, selbst den sinnlosesten Wahn, und so geht neben der Truglist der Führer stets die redlichste Einfalt der Massen her.
Den Schluß dieses Abschnitts möge ein Ueberblick über die Kirchenverfassung des Mormonismus bilden. Dieselbe beruht im Wesentlichen auf einer eigenthümlichen Ansicht vom Priesterthume. Die Priesterschaft ist nach Joseph Smith und anderen Dogmatikern, wie Peter Parley Pratt, Spencer und Orson Pratt, unbedingt nothwendig zu einer Kirche, welche Anspruch darauf erhebt, die wahre zu sein. Sie ist unmittelbar von Gott eingesetzt und zerfällt, wie schon beiläufig erwähnt wurde, in zwei Ordnungen, deren erste nach dem geheimnißvollen Freunde Abraham's, dem Priesterkönige Melchisedek benannt ist, während die zweite nach dem ersten Hohenpriester Israels, Aaron, die aaronische, oder auch die levitische heißt.
Das Priesterthum der ersten Classe wurde nach dem Book of Doctrine and Covenants im Anfange der Zeiten an Adam verliehen und von diesem (man sieht, wir haben hier ein Anklingen an die katholische Lehre von der Pneuma-Mittheilung vor uns) auf Noah, Abraham, David, Salomo u. s. w. fortgepflanzt. Ihr Amt und ihre Gewalt ist mystischer Natur. Sie hat »die Schlüssel zu allen geistlichen Segnungen« in Händen und besitzt das Vorrecht, die Geheimnisse des Himmels zu empfangen, sich das Jenseits öffnen zu lassen, und sich mit Gott dem Vater und Jesus dem Mittler in Verbindung zu setzen.
Die Priesterschaft des aaronischen Ordens dagegen hat auf so hohe Dinge keinen Anspruch; sie ist nur mit Besorgung der weltlichen Angelegenheiten der Kirche betraut. Ursprünglich hieß es (wahrscheinlich um die Juden zum Eintritte in die Gemeinschaft der Latterday-Saints geneigt zu machen), die Mitglieder dieser Classe müßten vom Stamme Levi sein. Da sich jedoch keine echten Leviten finden wollten, so begnügte man sich bis auf Weiteres mit Besetzung der Stellen durch Nichtjuden. Wenn der Tempel fertig ist, werden aber zahlreiche Leviten den Mormonen beitreten, und dann werden dieselben außer den jetzt von der aaronischen Priesterschaft besorgten Geschäften wieder Auftrag erhalten, für die täglichen Sünden des Volkes Thieropfer zu bringen.
Jede dieser beiden Classen der Mormonenpriesterschaft zerfällt nun wieder in verschiedene Grade, die ihrerseits wiederum jeder seine leitende Behörde oder seinen Vorsitzenden haben. Die Oberleitung der gesammten Kirche liegt in den Händen der Präsidentschaft. Diese besteht aus dem Seher und zwei anderen Präsidenten, von denen gegenwärtig nur der eine (Heber Kimball) in Deseret, der andere aber (Francis Richards) die große englische Zweigkirche leitend, in Liverpool sich aufhält. Dieses geistliche Triumvirat wird ein Abbild der himmlischen Dreieinigkeit genannt, bisweilen auch als Nachahmung des Regiments der christlichen Urkirche durch Petrus, Jakobus und Johannes bezeichnet. Nach ihnen nimmt das Apostelcollegium (auch schlechthin »die Zwölfe« geheißen) die vornehmste Stelle ein, welches ebenfalls dem Orden Melchisedek angehört und das Recht oder die Pflicht hat, Inspectionsreisen nach den neugegründeten Gemeinden im Auslande zu machen und über dieselben den Vorsitz zu führen. Unter ihnen stehen die Hohenpriester, die Priester, die Aeltesten, die Bischöfe, die Lehrer und die Helfer oder Diakonen, sowie die drei Siebzigercollegien, eine Erinnerung an die siebzig Sendboten, die Jesus außer seinen zwölf Jüngern zur Verbreitung der frohen Botschaft wählte. Jeder Grad bildet ein vollständiges »Quorum« oder Collegium, um die Disciplin unter seinen Mitgliedern aufrecht zu erhalten und die in seine Sphäre fallenden Geschäfte zu besorgen. Bei auseinandergehenden Meinungen appellirt man an die nächst höhere Classe, während die Gesammtheit der Kirchenglieder, in ein Generalconcilium versammelt, die letzte Instanz bilden soll.
So wenigstens liest man im Buch der Lehre und der Bündnisse. In der Wirklichkeit verhält es sich damit anders, indem der Seher und seine nächsten Vertrauten das Volk so kurzgefaßt am Gängelbande halten, daß von der Entscheidung einer streitigen Frage durch die Gemeinde ebenso wenig als von einer Wahl der einflußreichen Beamten die Rede sein kann. Aus zwölf Hohenpriestern zusammengesetzt, steht der Präsidentschaft ein hoher Rath zur Seite, in welchem jedes Mitglied das Recht hat, seine Meinung hören zu lassen. Der Seher, welcher präsidirt, nimmt davon an, was ihm gutdünkt, faßt am Schlusse jeder Sitzung das Vorgebrachte zusammen und giebt dann seine Entscheidung ohne Rücksicht auf die Ansicht der Mehrheit des Rathes. Ein derartiges Verfahren verstößt in schroffster Weise gegen alles Herkommen unter Engländern und Amerikanern. Dennoch hat es sich unter der jetzigen Präsidentschaft noch nie ereignet, daß Jemand es gewagt hätte, sein Misvergnügen laut werden zu lassen, wenn der Willensausdruck des Sehers anders ausfiel, als man gewünscht und gerathen hatte.
Dieser hohe Rath ist aber dem Präsidenten der Kirche – wir sagen, dem Präsidenten, da die beiden anderen der Energie Young's gegenüber bloße Scheinregenten sind – Auge, Ohr und Hand. Seine Mitglieder kundschaften alles, was auf dem Felde oder in der Werkstatt, im Bethause oder im Familienkreise gesprochen wird oder geschieht, mit dem Eifer und der Schlauheit von Spionen aus. So wie irgend eine neue Meinung auftaucht, so wie irgendwo ein verdächtiger Plan laut wird, bringt ihn sicher eines der Mitglieder jenes Rathes in der Versammlung vor, und es werden sofort die geeigneten Maßregeln zur Unterdrückung der misliebigen Neuerung getroffen. Der Urheber derselben wird als unruhiger Kopf vorgemerkt, und ehe er sichs versieht, verliert er den Boden unter den Füßen. Kein Wunder daher, daß viele unter den Bewohnern Deserets, welche die Canäle nicht kennen, durch welche dem Oberhaupte der Kirche Kunde von allen Vorgängen zuströmt, dem »Bruder Brigham« eine Art Allwissenheit zuschreiben und in Folge dessen mit scheuer Ehrfurcht zu ihm aufblicken.
Die Propheten der Mormonen gehen aus allen Graden der Priesterschaft hervor. Im Hauptquartier der Secte residirt ein Patriarch, der besondern Kirchengliedern den Segen »nach der Weise Jakob's und seiner zwölf Söhne und nach der Israels auf dem Krankenbette« zu ertheilen hat. Der Bischofstitel hat bei den Mormonen nicht die hohe Bedeutung wie in anderen Kirchen. Die Bischöfe gehören zu der aaronischen Priesterschaft oder den Leviten. Jeder Nachkomme Levi's, der den Latterday-Saints beitritt, hat gesetzlichen Anspruch auf dieses Amt, und zwar kann derselbe dann unabhängig, ohne beigesetzte Räthe fungiren. Findet sich kein solcher, so kann einer der Priester mit den bischöflichen Geschäften beauftragt werden. Diese bestehen vornehmlich in der Beaufsichtigung der Zehnten-Arbeit, in Einsammlung des Zehnten, mag er nun in Naturallieferungen oder in einem Geldäquivalent eingeliefert werden, in der Verwaltung der Magazine und – so war es wenigstens während der ersten Jahre der Ansiedelung in Deseret – in der Schlichtung von Rechtsstreitigkeiten untergeordneter Art.
»Der Beruf eines Apostels besteht außer der Stiftung und Beaufsichtigung der auswärtigen Gemeinden in der Taufe, in der Weihe anderer Priester, in der Confirmation der Getauften durch Handauflegung, in Lehre, Schriftdeutung und Ermahnung und in der Leitung gottesdienstlicher Versammlungen. Wofern kein Apostel da ist, fallen diese Befugnisse dem Hohenpriester zu. Fehlt auch dieser, so übernimmt sie ein Aeltester. Ist auch kein Aeltester vorhanden, so vertritt ihn als Führer der Gemeinde ein Priester, dem, wenn der Aelteste zugegen ist, lediglich das Taufen und Predigen sowie der Besuch bei den einzelnen Gemeindegliedern zum Behufe häuslicher Erbauung obliegt. Die Pflicht der Lehrer ist stete Wachsamkeit, damit keine Ungerechtigkeit, keine Härte, kein Lügen und Verleumden überhand nimmt und die Gemeinde sich fleißig vor Gott versammelt, sowie den gebührenden Zehnten entrichtet von allem, was sie hat. Der Lehrer darf in Abwesenheit von Mitgliedern höherer Grade auch die Leitung frommer Versammlungen übernehmen und ist in Erfüllung seiner Obliegenheiten von den Diakonen zu unterstützen; doch ist weder er noch einer der letzteren befugt zur Ausspendung der Sacramente oder zur Handauflegung.«
Ein solcher Fall tritt aber nur bei sehr schwachen Gemeinden ein, da die Häupter der Secte, der maßlosen Titelsucht der Amerikaner Rechnung tragend, mit der Verleihung von Graden und Beförderungen äußerst freigebig sind. In Cincinnati z. B. war ein hoher Priester, der, irren wir nicht, seines Zeichens Schneidergesell war. Sein College, der sich Bischof nannte, nährte sich im profanen Leben durch einen Handel mit Hausmitteln und Wunderpillen. Unter der dreißig bis vierzig Köpfe starken Gemeinde waren also, die bloßen Priester und Aeltesten ungerechnet, zwei hohe Würdenträger, und ein ähnliches Verhältniß fand in St. Louis statt, wo wir eine Gemeinde von über tausend Seelen trafen.
Ein eigenthümlicher und ziemlich bezeichnender Zug ist die Verbindung, in welche Smith seine Priesterschaft mit der Freimaurerei setzte. Er lehrte, daß die »königliche Kunst« ursprünglich ein kirchliches Institut gewesen sei, bestimmt, die tiefer liegenden Geheimnisse des Evangeliums, seine esoterische Lehre fortzupflanzen und zu deuten. Er behauptete ferner, daß dieses Institut mit der Abnahme wahrer Frömmigkeit in der christlichen Kirche ebenfalls in Verfall gerathen sei, und gab endlich vor, daß ein Engel ihm die im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangenen wahren Zeichen, Griffe und Worte der verschiedenen Grade des Bundes wieder mitgetheilt habe, und daß er deshalb, als er in die Logen von Illinois getreten, mit der rechten Art zu arbeiten vertrauter gewesen sei als die am Weitesten Vorgeschrittenen. Die Großloge des Staates freilich war darüber anderer Ansicht und untersagte ihm wegen ungebührender Anmaßung und Ignoranz das Betreten der unter ihr stehenden Bauhütten. Aber Smith erklärte dies für eine Handlung des Neides und stiftete nun selbst in Nauvoo eine Loge, die in Neujerusalem fortgesetzt wurde und einst ihre Werkstätte im Tempel selbst haben wird. Die Priester gehören verschiedenen masonischen Graden an. Den besonders Gläubigen wird raschere Beförderung zu Theil. Laue und Solche, die in Entrichtung des Zehnten lässig sind, müssen zurückstehen. Bei der Grundsteinlegung zum Tempel sowie bei seiner dereinstigen Einweihung wird die Freimaurerbrüderschaft eine hervorragende Rolle spielen.
Als Nachtrag sei noch bemerkt, daß es einst auch Priesterinnen geben wird, daß ferner dieselben zugleich in gewisse Grade der Freimaurerei eingeweiht werden sollen, und daß endlich die Berichte, als würde die gesammte Priesterschaft der Mormonen von den Laien ernährt, auf einem Misverständnisse beruhen, indem nur ein Theil der obersten Grade von dem Zehnten des Vermögens neueintretender Kirchenglieder und dem von allem Verdienst erhobenen Zehnten Antheile empfangen, dafür aber mit Geschäften aller Art überhäuft sind, von denen viele der Gemeinschaft wirklichen Nutzen schaffen. Die Zukunft der mormonischen Priesterschaft aber ist eine ungeheure. Außer den Orden Melchisedek und Aaron »giebt es (das stimmt allerdings nicht recht mit dem oben mitgetheilten Glaubensbekenntnisse) durchaus keine von Gott anerkannte Gewalt auf Erden, und Könige, Fürsten, Herrscher, Präsidenten, Gouverneure, Obrigkeiten sind, wofern sie nicht gesetzlich geweiht, und mit der Vollmacht jenes Priesterthums des Sohnes Gottes bekleidet sind, als Usurpatoren zu betrachten« – und, dürfen wir hinzusetzen, nur so lange auf Thron oder Tribune zu dulden, als sie die Uebermacht für sich haben.