Wirst mer's net so ibel nehme,
Wenn i net zerückkomm heut',
Denn i bin in schenster Arbeit
Und da han i, Schatz, kei Zeit.

»Ha ha ha! Se. Excellenz der Herr Gensdarme haben sich umsonst bemüht; kleine Bewegung schadet dem Pferdchen gar Nichts – wird doch blos gefüttert, um einen Faullenzer zu tragen, daß er keine Hühneraugen kriegt.«

»Ihr werdet uns den Gensdarmen auf den Hals ziehen,« sagte der Schulmeister und schaute sich etwas ängstlich nach dem Reiter um, der auch wirklich jetzt, während er zugleich frische Patronen in seine Pistolen hinunterschob, auf die kleine Gruppe zu trabte.

»Hallo da!« rief er, sobald er sich den Dreien gegenüber sah, und sein in Schweiß gebadetes keuchendes Thier einzügelte, »wer von Euch hat dem entwischten Schuft da etwas zugerufen? – nun? – könnt Ihr die Zähne nicht auseinander bringen? oder soll ich Euch erst gesprächig machen?«

»Ich war's!« sagte das Mädchen, und schaute dabei dem zornigen Soldaten fest und unerschrocken in das finster auf sie niederblickende Auge.

»Und was hast Du mit einem entflohenen Sträfling zu verkehren, Mamsell?« fuhr sie der ingrimmig an – »willst Du gestehen, Du – Ding Du? oder –«

»Bitt' um Verzeihung, Euer Gestrengen,« schnitt hier der alte Musikant rasch, aber mit einem eigenthümlichen Gemisch von Trotz, Unverschämtheit und Scheu der Tochter die Antwort ab – »Sie wissen wohl, die Weiber sind neugierig und wollen immer gern mehr wissen, als sie vertragen und behalten können, und da frug mein dummes Ding von Mädchen da den jungen Menschen, der in solcher Eile war, was er denn so liefe, und weshalb die anderen Herren hinter ihm drein rennten.«

»Du Lügenhund verdammter! hab' ich Dich schon gefragt?« schnauzte der Gensdarme den Alten an – »wer bist Du überhaupt, und wo kommst Du her? wo ist Dein Paß?«

»Hm« brummte der Musikant und fuhr sich langsam mit der rechten Hand in die Brusttasche, »Lügenhund werd' ich eigentlich gewöhnlich nicht gerufen – aber was thuts – hier Herr Lieutenant – bitt' um Verzeihung, wenn die Anrede nicht klappt – am Verdienst wird's nicht fehlen – hier ist der Paß – wird wohl Alles in Richtigkeit sein.«

Der Gensdarme riß das zerknitterte, beschmutzte und vielmal zusammengefaltete Papier, das ihm der Alte reichte, an sich, öffnete und durchflog es mürrisch, denn nicht freundlicher schien ihm das gerade zu stimmen, daß er keinen Halt an dem Musikanten fand, um seinem Zorne Luft zu machen.

»Jacob Meier,« las er halb laut, und verglich dabei mit rasch und mißtrauisch hinüberschweifenden Blicken die Figur mit dem in dem Paß befindlichen Signalement – »Alter 53 Jahr – Haare grau gesprenkelt – Nase kurz – Backenknochen vorstehend – Pockennarben – mit Tochter – Marie Meier – Haare schwarz – Augen dunkel – Zähne vollständig – Gesichtsfarbe gesund – nun, das ist die doch nicht?« und er deutete dabei auf das Mädchen, in deren Wangen bei den rohen Worten ein leichter Hauch stieg und auf wenige Secunden zwei rothe eckige Flecken zurückließ, dann aber eben so rasch wieder verschwand, wie er gekommen.

»Das Kind sieht jetzt krank und angegriffen aus,« sagte hier der Schulmeister, dem es doch weh that, daß die armen und überdies schon so unglücklichen Leute so barsch und rauh angefahren wurden – »es wird ihr nicht wohl sein.«

»Wer ist Er, und was hat er hier d'rein zu reden?« fuhr der gewaltige Mann des Gesetzes grob genug den erschreckt Zusammenfahrenden an.

»Ich bin der Schulmeister aus Horneck,« sagte dieser fast unwillkürlich, aber selbst der schüchterne Greis fühlte sich entrüstet über das Entehrende solcher Behandlung, und mit etwas schärferer Betonung setzte er gleich darauf hinzu: »auch steh' ich hier auf meinem eigenen Grund und Boden und habe keinen Menschen beleidigt, daß ich verdiente, so angefahren zu werden.«

»Dann kümmern Sie sich auch um ihre Schule und stecken Sie die Nase lieber in ihre Bücher und nicht in anderer Leute Geschäfte,« entgegnete ihm, wohl nicht mehr so herrisch, aber doch noch immer ärgerlich und trotzig genug der Gensdarme, und wandte sich wieder von ihm ab. Den Paß dann dem alten Musikanten vor die Füße werfend, und, die Dreie weiter keines Blickes oder Wortes würdigend, sprengte er rasch seitwärts den Hügel hinab und der Stelle zu, wo jetzt seine den Berg heraufklimmenden und nicht berittenen Begleiter sichtbar wurden.

»Ist das ein rauher grober Mensch,« sagte Kleinholz und sah kopfschüttelnd dem Davongallopirenden nach, »und doch eigentlich weiter Nichts als ein berittener Polizeidiener, und das muß man sich gefallen lassen.«

»Wird schon zahm werden, Alterchen,« lachte der Musikant, »wird schon zahm werden, und lange kann's nicht mehr dauern; in Wien und Berlin sind sie mit Kolben gelaufen, und wenn wir hier ihnen noch nicht den Daumen auf's Auge gesetzt, so – aber komm Marie, 'swird spät und ich muß noch gehörig herumlaufen, daß ich auch morgen die Erlaubniß auftreibe – guten Tag Schulmeister, guten Tag, schönen Dank für den Imbiß und bessere Zeiten für den Morgen – Morgen? 'sist ein komischer Trost;

Und wenn wir am Morgen zusammenkommen,
Und denken zurück an das Heute,
Dann finden wir, daß wir zum Nutzen und Frommen
Der alten und jüngeren Leute
Gehofft und geharret, gewünscht und geträumt
Von nächst zu erhaschendem Glücke;
Und was ist uns worden – wir waren geleimt –
Der Bettler behielt seine Krücke.
Der Morgen bleibt morgen, wir aber wir harren
Und hoffen und träumen – wie Allerweltsnarren.«

Und mit dem Liede noch auf den Lippen wandte er sich, von seiner Tochter gefolgt, dem Dorfe zu, und verschwand bald darauf hinter den Hecken und Obstgärten, die dasselbe rings umschlossen.

Drittes Kapitel.
Der Diaconus und der Hülfslehrer.

Es war gegen Mittag desselben Sonnabends, mit dem ich diese Erzählung begonnen, als Pastor Scheidler in seiner Studierstube saß und sich gar eifrig für die morgende Predigt vorbereitete. Um ihn her lagen eine Masse Bücher, Hefte und Zettel, und er selber stand oft auf, ging mit auf den Rücken gefalteten Händen eine Zeit lang rasch im Zimmer auf und ab und memorirte laut und heftig.

Es mußte aber heute etwas ganz Wichtiges sein, was ihm bei seinem Studium so schwere Sorge machte, denn sonst wurden ihm die Predigten gar nicht so sauer, und ein paar Candidaten hatten in der benachbarten Stadt schon ausgesprengt, er wisse genau, wo er in alten staubigen Büchern nagelneue Sermone auffinden und benutzen könne. War das wirklich einmal der Fall, so durfte es sicherlich auf diese keine Anwendung finden, denn die ganze Nacht hatte er geschrieben, wieder ausgestrichen, wieder geschrieben, und endlich schon mit Tagesdämmerung den zu Papiere gebrachten Entwurf auswendig gelernt.

In derselben Etage, aber dicht an der Treppe und nach der Kirchmauer zugewandt, die nur wenig Licht und Wärme in das kleine Gemach ließ, hatte der Diaconus Brauer sein Arbeitszimmerchen, und hier saß er heute mit dem Hülfslehrer Hennig traulich auf dem Sopha, und Beide studierten die eben durch die Botenfrau aus der Stadt gebrachte Zeitung, in der sie des Neuen wohl viel, des Erquicklichen aber gar wenig fanden.

»Ich wollte, ich wäre jetzt Soldat,« seufzte Hennig endlich, und warf das Blatt unmuthig vor sich nieder auf den Tisch, »in der Welt giebt's nichts als Krieg und Aufruhr, und wir sollen hier indessen den Jungen noch die alte Geduld und Christenliebe einbläuen, während ihre Brüder und Vettern draußen, und ohne beides, in's Feld laufen. Es giebt doch in solcher Zeit nichts Elenderes, als einen Schulmeister.«

»Einen Diaconus vielleicht ausgenommen,« sagte Brauer trocken, und blies eine dichte Wolke blauen Tabacksdampfes in Ringeln gegen den Wachsstock hin, der vor ihm auf dem Tische stand.

Hennig sah ihn verwundert an, schüttelte aber dann mit einem halb gezwungenen Lächeln den Kopf und sagte leise:

»Ihr Geistlichen solltet gerade am wenigsten klagen! Ihr spielt hier, und besonders auf dem Lande, immer die erste Rolle, habt Euer gutes Auskommen und geltet bei den Bauern als was ganz Besonderes. Dazu haltet ihr Sonntags einfach Euere Predigt und geht dann die übrige Zeit blos mit feierlichem Ernst in den Zügen im Dorfe herum – es ist 'was Erhebliches, so ein Geistlicher zu sein.«

»Und gerade bei Ihrem Scherz haben sie den wunden Fleck getroffen,« sagte der Diaconus und strich sich mit der Hand ein paar Mal über die Stirn, als ob er Bahn machen wollte den freien Gedanken, die jetzt von Unmuth und Trübsinn umnachtet und verdüstert wurden, »Ihr haltet Sonntags die Predigt und geht dann die übrige Zeit blos mit feierlichem Ernst in den Zügen im Dorfe herum. Ja, ja, in dem feierlichen Ernst liegt Alles, was ich nur gegen Ihr Lob und Preisen erwidern könnte.«

»In dem feierlichen Ernst?« sagte der Hülfslehrer erstaunt, »nun ich dächte doch, das wäre die geringste Unbequemlichkeit, die eine Stellung mit sich bringen könnte.«

»Sehen Sie, Hennig,« fuhr Brauer, ohne des Freundes Einwurf zu beachten, fort und legte ihm die linke Hand leise auf den Arm, »der ›feierliche Ernst‹, von dem Sie sprachen, und den das Landvolk auch im Allgemeinen von einem Geistlichen erwartet, ja fordert, das ist die Heuchelei des Standes, die mir in der letzten Zeit und seit ich darüber zum klaren Bewußtsein gekommen, am Leben nagt und meinen Frohsinn zerstört, die Heuchelei sich zu geben, wie man nicht ist. Und nicht blos im Dorfe und außer der Kirche, das ließe sich ertragen – wenn es mir auch früher ein bischen schwer angekommen ist, nur weil ich ein Geistlicher war, Tanz und Jugendlust entsagen zu müssen, jetzt denk' ich überdies nicht mehr daran – nein, auf der Kanzel oben, da wo ich manchmal so recht aus dem Herzen heraus den Leuten sagen möchte, wie ich mir den lieben Gott denke, wie ich das Leben und Wesen der Religion empfinde, begreife, fühle, da, da müßt' ich mit dem ›feierlichen Ernst‹ zu Dogmen schwören, die ich im Herzen für Unsinn halten muß, von ewigen Strafen sprechen, wo mir die Brust von ewiger Liebe voll ist, muß Jesus Christus zu einem Gott erniedrigen, während er als Mensch so hoch, so unerreichbar stände. Und der Firlefanz dann, der unseren Stand umgiebt, der Priesterrock, die Krause, der bunte Fastnachtstant auf dem Altar, o Hennig, ich schwör' es Ihnen zu, ich komm' mir immer, wenn ich von dem verzerrten Bild des Gekreuzigten, und von all' den Quälereien der Märtyrer und Heiligen, mit ihren Sinnbildern, den Ochsen und Eseln, umgeben stehe, wie ein Indischer Bramine, Buddhapriester, oder sonst ein fremdländisches Ungethüm vor, und muß mich manchmal ordentlich umsehen, ob es denn auch wirklich wahr ist, daß ich als Christ in der ›allein selig machenden Religion‹ einen solchen Rang bekleide, wie der Bramine und Feuerpriester, wie der Bonze und Fetischmacher, und daß nur der einzige Unterschied in dem Fleckchen Erde liegt, auf das uns das Schicksal gerade zufällig hingeschleudert hat.«

»Nun bitt' ich Sie um Gottes Willen,« rief Hennig verwundert, »was fällt Ihnen denn auf einmal ein? Sie wollen doch nicht etwa unsere christliche Religion mit dem wilden Heidenthum der Brama- und Buddha-Anbeter, oder wie die langarmigen Götzen alle heißen, vergleichen? na, wenn das der Pastor hörte, das Bischen Strafpredigt!«

»Ich weiß es« sagte der Diaconus mürrisch, »und das gerade macht mich so erbittert, daß ich hier etwas gegen meine Ueberzeugung für das vorzüglichste ausgeben soll, was, wenn wir das Nämliche nur mit anderem Namen belegen, und in ein anderes Land versetzen, von uns verlacht und verachtet wird. Unsere Religion ist schön und herrlich, Christi Lehre in ihrer Einfachheit und Größe unübertroffen in der Geschichte, aber weshalb dürfen wir sie dem Volk nun nicht so rein und herrlich geben, wie wir sie von ihm empfangen? warum muß sie erst noch, mit alle dem, was spätere Schreiber und Pfaffen dazugethan, unkenntlich und ungenießbar gemacht werden? Die Schriftgelehrten sagen: was thut das, der Kern ist die Hauptsache, der ist gut und vortrefflich, an den wollen wir uns halten, und das was Schaale ist, weiß man zu sondern; ja, aber der gemeine Mann nimmt die Schaale für den Kern; ihm ist der Firlefanz so lange vorgehalten, bis er ihn für die Hauptsache, und das Andere Alles für Nebensache hält. Ein Löffel Cichorie kann, meinem Geschmack nach, den besten Kaffee ungenießbar machen, und hat man nun gar einen ganzen Topf voll Cichorie, und nur ein paar ächte Bohnen darin, so gehört ein Kenner dazu, das herauszufinden. Der Bauer sieht auch die Kirche in der That mehr als etwas Aeußeres an, und wie sollte er anders, da er von Jugend auf darauf hingewiesen wurde. Er geht nicht hinein, weil ihn Herz und Seele hineinzieht, weil er eben nicht draußen bleiben kann, wie es mich in die Natur, unter Gottes freien, herrlichen Tempel zieht, sondern, weil er sich vor dem Pastor fürchtet, und seinen Namen nicht gern, käme er nach längerer Zeit einmal wieder, von der Kanzel herunter hören möchte. Auch die Gewohnheit trägt viel dazu bei; er sitzt gern am Sonntag Morgen, wo er zu Hause doch nichts anderes anfangen könnte, auf seinem Platz im ›Gotteshaus,‹ aber nicht aufmerksam und gespannt den Worten lauschend – dem Sinn der Predigt folgend, sondern mehr in einer Art Halbschlaf, mit nur theilweis hinlänglich wachem Bewußtsein, um einzelne Worte und Sätze zu verstehen. Nur dann, wenn der Pastor von der Kanzel herab über irgend einen Mißbrauch, oder noch lieber über eine bestimmte, ja am liebsten namhaft gemachte Person, die er nur nicht selbst sein darf, loszieht, nimmt er die schlaffen Sinne zusammen, und schon der Beifall, den er solcher Predigt spendet, wenn er zu Hause kommt, beweist, in welchem Geist er das Ganze aufgefaßt. ›Der hat's en aber heute mal gesagt‹ spricht er, und freut sich dabei über seinen Pastor, wie er so tüchtige ›Haare auf den Zähnen‹ hätte.«

»Aber weshalb sind Sie dann, und wenn Sie so denken, überhaupt Geistlicher geworden?« frug ihn Hennig erstaunt.

»Weshalb?« sagte Brauer, »dieselbe Frage könnte ich Ihnen zurückgeben, denn glauben Sie das Alles selber, was Sie Ihrem Amtseid nach gezwungen sind, den Kindern im Religionsunterricht zu lehren? – nein, aber Sie wissen auch, wie wir im Anfang und von Jugend auf erzogen werden, und wie sich unser Leben fast stets so, daß unser freier Wille nur dem Namen nach dabei in's Spiel kommt, gestaltet und heranbildet. Schon mit der Taufe, unserer ersten Aufnahme in den Bund der Christen, fangen wir an; das schreiende Kind wird mit lauwarmem Wasser begossen, und seine Pathen bestätigen in seinem Namen, wohl häufig selbst ungläubig, den ›festen Glauben‹ des neuen Erdenbürgers. Das aber geht noch an; es ist eine symbolische Handlung, und manche Leute hängen am Formellen; aber nun ist der Junge vierzehn Jahr alt, also in den besten Flegeljahren, hat von einem selbstständigen Gedanken noch keine Idee, plappert nach, was ihm vorgebetet wird, und legt nun auf einmal, mit dem ersten Eid, den er leistet, und wie oft ein Meineid, sein Glaubensbekenntniß ab. Welche Erinnerung bleibt ihm in späteren Jahren von dieser so feierlich gehaltenen Handlung? – daß er sich da zum ersten Mal höchst unbehaglich in einem langschössigen schwarzen Frack gefühlt, und ungeheure Angst gehabt habe, die Oblate bliebe ihm auf der Zunge sitzen – weiter Nichts. Entschließt sich nun der Knabe, nach allen diesen Vorbereitungen dazu, Theologie zu studieren, so begreift er gewöhnlich erst dann so recht aus innerster Tiefe heraus, welchen Stand er gewählt – wenn es zu spät ist. Schritt nach Schritt wird er seinem neuen Berufe näher gezogen, das zweite Examen befestigt ihn endlich unwiderruflich darin, und wenn er sich auch mit Sophismen beschwichtigen und einschläfern will, der Geist in ihm wacht doch und ist lebendig, und raunt ihm Tag und Nacht in's Ohr: einen Priester der Wahrheit willst Du Dich nennen, und zweifelst selber an den Worten, die dir die todte Schrift auf die Lippen legt. –

Aber fort mit den Gedanken, sie quälen uns umsonst, und die Sache bleibt doch wie vorher, die Ketten, die unser Leben fest und unerbittlich umschlossen halten.«

»Sie mögen bei Manchen recht haben« sagte Hennig, und schien ebenfalls plötzlich weit ernster geworden zu sein, – »das hat dann freilich Jeder mit seinem Gewissen auszumachen, was aber das äußere Leben betrifft, so sind die Geistlichen doch unbedingt vor uns Lehrern auf das ungerechteste bevorzugt. Sie bilden auf dem Lande die alleinige Aristokratie, und werden von den Bauern geachtet und geehrt; wie aber steht dies dagegen mit dem Schulmeister? – so ein armes Thier von Dorfschul–«

Ein lautes Pochen am Hausthor unterbrach ihn hier, und der Diaconus, der eben aufgestanden, und ein paar Mal im Zimmer auf und abgegangen war, öffnete seine Thür, ging die Treppe hinab, und schob den Riegel zurück, der den Eingang verschlossen hielt.

»Is der Herr Paster uaben?« frug ihn hier eine vierschrötige Bauerngestalt, die einen derben, etwa elfjährigen Jungen an der Hand, gerade vor dem Eingange stand. Der Mann sah böse und gereizt aus, die Pelzmütze stak ihm seitwärts auf dem struppigen blonden Haar, und mit der linken, breiten, sehnigen Faust hielt er fest des Jungen rechten Arm gepackt, der seinerseits ebenfalls dickverweinten Angesichts und Trotz und Angst in den schmutzig geschwollenen Zügen, mit dem anderen freien Ellbogen die Spuren der letzten Thränen zu verwischen suchte.

»Der Herr Pastor studiert« sagte der Diaconus ruhig, »Ihr wißt wohl, es ist heute Sonnabend, und da läßt er sich nicht gern stören.«

»Ich muß ihn aber emol sprächen« beharrte der Unabweisbare – »'sis von wägen mein Jungen do, den hat mir der Schulmaistr verschlahn.«

»Der Schulmeister?«

»Jo, der Ole – blitzeblau is der Junge auf'm ›Setz Dich druff,‹ un der Rücken hat Striemen, wie meine Finger dick; soll mich der Böse bei Nacht besuche, wenn ich mer mein Jungen verschlahn lasse, wenn er keene Schuld nich hat.«

»Keine Schuld? aber woher wißt Ihr das schon? wird der Schulmeister ein Kind unverdient strafen? Vater Kleinholz ist doch sonst nicht so hart und grausam.«

»Ah was, grausam hin un her!« knurrte der gekränkte Vater, »mein Junge hot mer de ganze Geschichte verzählt, und gor nix hot er gethan, sein Hingermann is es gewäsen, der hot die ganze Suppe verdient, denn des is dem Klausmichel sein Crischan, das Raupenluder, un den hab' ich schon lange uff'm Striche.«

»Aber lieber Freund –«

»Ah, papperlapapp, mit dem Pastor will ich räden, wu is er, der hot noch Zeit gening zum Studieren!« und ohne eine weitere Antwort oder Erlaubniß abzuwarten, schleppte er seinen Jungen, der sich übrigens bei der ganzen Sache nicht wohl zu befinden schien, die Treppe hinauf, bis vor des Pastors Zimmer, klopfte hier rasch an, und trat, ohne selbst das gewöhnliche »Herein« abzuwarten, zu ihm ein.

Der Diaconus ging in seine eigene kleine Stube zurück, wo der Hülfslehrer noch sinnend auf dem Sopha saß, und die beiden hörten jetzt, wie der Bauer mit lauter ärgerlicher Stimme wahrscheinlich das ihm, in seinem Sohne widerfahrene Unrecht dem Pastor klagte.

»Hat denn Kleinholz Meinhardts Gottlieb so geschlagen?« frug der Diaconus den Hülfslehrer endlich, als auch jetzt des Jungen winselnde Stimme, sicherlich erst auf gestrenge Aufforderung, laut wurde, »er soll dicke Striemen haben.«

»Der Meinhardt ist ein böser, durchtriebener Bube« sagte mürrisch der Hülfslehrer, »hätte ich hier zu befehlen, die Range bekäme täglich dreimal Schläge, und das derbe, sonst wird aus dem nichts. Der alte Kleinholz hat aber die Kräfte kaum mehr, Striemen zu schlagen. Wenn er den Bengel übrigens doch gezüchtigt, so muß das schon gestern Nachmittag geschehen sein, denn heute Morgen ist er auf sein Feld hinaus, und ich begreife dann nicht, weshalb der Mann nicht gleich auf frischer That herüber kam.«

Des Pastors Thür ging drüben auf, und Sr. Ehrwürden rief heraus:

»Herr Diaconus – Herr Diaconus!«

»Herr Pastor?« sagte der Gerufene, und trat in die Thür.

»Bitte, bestellen Sie doch einmal, daß der Schulmeister herübergerufen werde – er soll aber den Augenblick kommen! Hören Sie?«

Der Diaconus, gerade nicht in der Laune sehr bereitwillig zu sein, brummte eine Art Antwort, schickte unten aus dem Haus das Mädchen nach der Schule hinüber, und kehrte in sein Zimmer zurück, der Hülfslehrer hatte dieses aber indessen verlassen, und war in das Dorf hinunter gegangen.

Etwa zehn Minuten mochten so verflossen sein, als der langsame Schritt des alten Keilholz auf der Treppe gehört wurde, und dieser gleich darauf leise und ehrfurchtsvoll an die Thüre des Herrn Pastors anklopfte. Drinnen die Leute waren aber im eifrigen Gespräch, und hörten nicht, wie der ängstliche Finger des Greises die Thüre berührte, dem geistlichen Herrn mochte aber indessen die Zeit zu lange dauern, der Bauer mit seinem Salbader hatte ihn so zu höchst unwillkommener Stunde in seinem Studium gestört, und rasch und ungeduldig, riß er die Thüre plötzlich auf, so daß er im nächsten Augenblick vor der eben zum Klopfen wieder niedergebeugten und jetzt ängstlich zurückfahrenden Gestalt des greisen Schullehrers stand.

»Halloh Herr, horchen Sie?« frug er scharf und überrascht.

»Bitte – bitte tau – tausendmal um Verzeihung,« stotterte, blutroth vor Schaam über die ungerechte Beschuldigung, der also Angeredete – »ich hatte schon zweimal angeklopft, aber der Herr Pastor –«

»Schon gut, Schulmeister,« fiel ihm der Seelsorger mit Autorität in's Wort, »kommt einmal auf ein paar Minuten herein – bringt nur Euren Hut mit – Schulmeister –« und er zog dabei die Thür hinter dem, durch die ernste Anrede etwas erschreckten kleinen Mann zu. – »Schulmeister, Meinhardt hier beklagt sich, daß Ihr seinen Jungen so unbarmherzig geschlagen haben sollt.«

»Die Striamen werd mer der Junge vier Wochen mit 'rim tragen,« fiel ihm der Bauer heftig in die Rede –

»Herr Pastor« sagte aber Kleinholz, der jetzt wohl merkte, um was es sich handele, »der Gottlieb hat eine kleine Strafe verdient gehabt, und meine Hand ist nicht mehr so schwer, daß sie einem Kinde Schaden zufügen könnte; von Striemen kann da wohl keine Rede sein.«

»Keine Rede sein?« rief der Bauer, »Gottlieb, gleich noch emol mit der Jacke ringer – keene Striemen nich – so? – ei da –«

Der erzürnte Vater legte schon selbst mit Hand an, die geläugnete Thatsache durch das corpus delicti, den geprügelten Körpertheil, zu Tage zu fördern, der Pastor unterbrach ihn aber darin, faßte ihn am Arme, und bat ihn, die Sache ruhen zu lassen, und jetzt still nach Hause zu gehen, er wolle schon mit dem Schulmeister sprechen, »es solle nicht wieder geschehen!«

Der Bauer wollte noch Einiges bemerken, kam aber nicht mehr zu Wort, und verließ bald darauf, den verdrossenen Jungen, wie bei der Ankunft, hinter sich herschleppend, das Zimmer. Draußen aber blieb er stehen, und die Unterredung im Innern wurde, wenigstens von der einen Seite, so laut geführt, daß er deutlich jedes Wort verstehen konnte.

»Schulmeister, Ihr dürft mir die Kinder nicht so mishandeln!« sagte die gereizte Stimme des geistlichen Herrn, »es sind schon mehrfach Klagen eingelaufen, und ich habe denn doch wahrhaftig keine Zeit, mich mit solchen Sachen fortwährend aufzuhalten; die halbe Nacht sitz' ich und arbeite, und muß mich jetzt wegen Euch und Eures unverzeihlichen Betragens wegen, mitten aus meinen Studien herausreißen.«

Es entstand hier eine kleine Pause, und wahrscheinlich erwiederte der Schulmeister etwas, denn der Pastor fiel gleich darauf, und mit fast noch größerer Hitze wieder ein:

»Schulmeister, macht mit Leugnen Euer Vergehen nicht noch schlimmer; ich habe den Rücken des Jungen selbst gesehen, und von drei leichten Streichen kriegt so ein derber Bengel nicht fünf oder sechs Schwielen über die Schultern – schon gut, schon gut, ich habe mehr zu thun, als mich mit Euch hier herum zu streiten – ich bin fest überzeugt, es geschieht mir nicht wieder, oder – ich müßte mich genöthigt sehen, ernstere Maaßregeln zu ergreifen – guten Morgen, Schulmeister, guten Morgen, die Sache ist für heute abgemacht.«

Das Geräusch drinn in der Stube ließ darauf schließen, daß die Unterredung beendet sei, und der Bauer, der doch nicht gern beim Horchen ertappt werden wollte, zog sich rasch nach der Treppe zurück, war aber nicht im Stande sie zu erreichen, ehe Kleinholz heraustrat. Dieser begriff leicht, daß der Mann alles in des Pastors Zimmer Verhandelte, gehört haben mußte, und ein tiefes Roth färbte für einen Augenblick seine Wangen, aber er sagte Nichts, und wollte grüßend an dem Bauer vorüber gehen, Meinhardt gab ihm fast unwillkührlich Raum, als er aber dicht bei ihm war, und er das bleiche abgemagerte Gesicht, und die Schaamröthe auf den fahlen Zügen sah, da fing er selbst an, sich bis in die Seele hinein zu schämen.

Er nahm den Schulmeister, trotz dem daß sich dieser leise dem Griffe zu entziehen suchte, fest bei der Hand, führte ihn die Treppe hinunter, und blieb dort einen Augenblick, wie um einen Anfang verlegen stehen. Endlich, da er das, was ihm eigentlich auf dem Herzen lag, gar nicht recht ausdrücken und zu Tage bringen konnte, ja vielleicht auch fühlte, daß mit Worten, die ihm selten zu Gebote standen, unverhältnißmäßig schwieriger sein würde, als durch die That selber, drehte er sich urplötzlich, und um diesem, ihm fatal werdenden Zustand ein Ende zu machen, nach seinem Jungen um, gab dem auf's Aeußerste Erstaunten links und rechts ein paar tüchtige Ohrfeigen, daß der sich schreiend und zurückprallend mit beiden Händen den mißhandelten Schädel hielt, und rief, indem er noch zum dritten Mal ausholte, was Gottlieb aber gar nicht abzuwarten gedachte, hinter dem jetzt sporenstreichs dem Thor zuspringenden Jungen her:

»Da, Du Kriate Du, Du bist auch su en nixnutziger Bengel, där seinen Lehrer de Galle in eine furt im Ufruhr hält – kumm mer wieder mit Striamen uf'm Hintern haim, un ich mach' der de Quärstriche driber, daß der der ›Setz Dich druff‹ wie'n Damenbrät aussähn sull.«

Jetzt, wo seiner Ansicht nach der Schulmeister eine glänzende Genugthuung erhalten hatte, wandte er sich noch einmal zu diesem, drückte ihm die Hand und sagte lächelnd:

»Där märkt sich's, Schulmeister – Dunnerwätter! was mer seine Noth mit den Kingern hat.«

Und damit schlug er sich den Hut fest in die Stirn, und verließ mit vieler Selbstzufriedenheit rasch, – wenn auch nicht so rasch wie sein ihm vorangegangener Sohn – die Pfarre.

Viertes Kapitel.
Parterre und erste Etage.

In Horneck, und zwar im westlichen Theile des kleinen Fleckens, gerade da, wo Försters Fähre von jenseits landete, und dicht an die malerischen Ufer der toll vorbeisprudelnden Rausche stoßend, stand eine Reihe städtisch aussehender Häuser, die auch größtentheils durch Bewohner der nicht fernen Residenz angelegt worden waren, und den des Stadtlebens Müden im Sommer zum Lieblingsaufenthalt dienten. In diesem Jahre waren sie denn auch wieder, und zwar außergewöhnlich früh, aus der Stadt hier eingetroffen, und hatten die so lang vernachlässigten Wohnungen bezogen; aber nicht das Frühjahr mochte die Ursache sein, obgleich dieses ebenfalls gar ungewöhnlich zeitig seine lieben duftenden Boten gesandt und den Wald mit Grün geschmückt, nicht die warmen Südwinde mochten die Schuld tragen, obgleich sie wie Sommerhauch durch die moosigen Schluchten und Thalgründe strichen, nicht der enteiste Strom schien die Stadtleute hervorgelockt zu haben, aus ihren engen düsteren Straßen, wenn auch er gleich so munter und lebensfroh unter den saftgrünen Weidenruthen und zwischen dem aufkeimenden Wiesensammet, ja von mancher stillen Waldblume geküßt und gegrüßt, vorüber tanzte, sondern die rauhe unruhige Zeit war es, die auf Sturmesfittigen über dem verschlafenen, schlafsüchtigen Deutschland die Lärmglocke erdröhnen machte, daß im Norden und Süden, im Osten und Westen, die Völker zu gleicher Zeit aus dem Traume auffuhren, und nun erstaunt, überrascht erkannten, wie hoch die Sonne stehe, wie lange sie im Schlummer gelegen hätten, und – wie stark, wie furchtbar stark sie selber seien.

Auch in der Residenz hatte nämlich der Schall seinen Wiederklang gefunden, und das sonst so gemüthliche, vergnügungssüchtige Völkchen derselben verließ Bälle und Theater; in unzähligen Vereinen traten donnernde Sprecher auf und hielten stundenlange unverständliche Reden, die so einer endlosen Wüste glichen, daß das Volk, wenn es nur ein einziges Mal zu einer Oase, das heißt, zu einem einigermaßen verständlichen Satz kam, rauschend applaudirte; andere sprangen dann hinter ihnen mit Feuereifer auf die Tribüne, die Schlagwörter des Tages folgten in rascher Reihenfolge, stürmischer Jubelruf begleitete fast jeden einzelnen Satz, das Wort »Freiheit« wurde zu einer Geißel gedreht, mit der man die »Reactionaire« blutig peitschte, das souveraine Volk schrie jeden mißliebigen Redner von dem Rednerstand hinunter, und heitere Katzenmusiken mit obligater Fensterscheibenbegleitung beschlossen dann gewöhnlich die freudig erregten Versammlungen. Um aber auch den ruhigeren oder vielmehr gleichgültigeren Bürgern, die trotz aller Aufmunterungen an solchen Vereinen nicht Theil nehmen wollten, oder gar, was noch weit schlimmer war, anderen, natürlich reactionair gesinnten Vereinen angehörten, eine ihnen höchst zuträgliche Bewegung zu verschaffen, oder auch zu bewirken, daß sie die so wichtigen Tagesfragen ordentlich bedächten, schlug man gewöhnlich, wenn die Männer der Freiheit um 10 Uhr zu Hause gegangen waren, Generalmarsch, und ließ dann die übrigen bis um ½1 Uhr Nachts die Vorgänge des Tages auf dem Marktplatz besprechen.

Sehr Vielen behagte eine solche abwechselnde und gewiß interessante Lebensweise, Andere aber sehnten sich auch wieder nach thatenloser Ruhe, nahmen es übel, daß sie, wenn sie sich kaum um zehn Uhr Abends niedergelegt, gleich wieder von einem Höllenlärm begrüßt wurden, von dem sie nie wußten, ob er ihnen, oder dem Nachbar galt (was sich übrigens auch gleich blieb, da immer Einer wie der Andere denselben Antheil empfing) und verließen, sobald die warme Frühlingsluft Blumen und Gräser aus der starren Erde lockte, die Stadt mit ihrem regen, ruhelosen Treiben.

Dieser Theil nun von Horneck, der sich sowohl an Eleganz der Wohnungen, als auch an Reinlichkeit vor dem übrigen Dorfe sehr vortheilhaft auszeichnete, wurde übrigens nicht von allen Bewohnern mit günstigen Augen angesehen, obgleich gerade die Besitzer desselben viel dazu beigetragen hatten, den Wohlstand des kleinen Ortes zu verbessern. Die »Stadtleute«, wie dessen Insassen in Horneck hießen, galten für entsetzlich »stolz« und die Dorfmädchen steckten immer die Köpfe zusammen und kicherten nach Herzenslust, wenn die »Stadtmamsells« in vollem Glanze durch die Kirchgasse strichen und mit den »Schleppen« den Fußweg »sauber fegten«.

Die Stadtleute kümmerten sich aber ihrerseits wenig um die »guten Bauern«, mit welchem Namen sie alle Landbewohner, trotz des gewaltigen Unterschiedes, den dieselben in solcher Benennung machen, belegten; erfreuten sich an der reizenden Umgegend, an der Lage des ganzen kleinen Ortes, an dem düstern Nadelholze und dem rauschenden Strome, an den wellenförmigen Feldern und »weichen Grasplätzen«, wie sie die Wiesen nannten, an den blökenden Heerden und dem melodischen Getön der Schafglocken, am Springen der Ziegen und dem komischen Gange und Schritten der bedeutenden Gänseheerden, kurz, von Allem was sie umgab, betrachteten sie nur die »Bauern« eben als eine nothwendige Zugabe zu diesem allen, um die landwirthschaftlichen »lebenden Bilder« in Gang zu halten, und verkehrten nicht weiter mit ihnen, als sie nothgedrungen mußten.

Unter den verschiedenen Familien, die ebenfalls und zwar schon Ende März ihre Sommerwohnungen in Horneck bezogen, befand sich auch eine alte Kommerzienräthin Schütte mit ihrer Tochter, die besonders freundlichen Umgang mit Pastors gesucht und gefunden hatte. Anna Schütte, ihre etwa vierundzwanzigjährige Tochter, war besonders die Liebenswürdigkeit selber; der Frau Pastorin hielt sie das Garn und half ihr mit nach den Kühen sehen, setzte sich zu ihr, und erzählte ihr tausend und tausend Geschichten, alle natürlich auf den Buchstaben wahr, aus dem Residenzleben (und wer hätte das nicht besser gekannt, als Anna Schütte, deren ganzes Leben in der Residenz eine ununterbrochene Kaffeevisite bildete) lobte ihre vortreffliche Butter und den delikaten Käse, versicherte selbst, in Itzingen keinen so guten Kaffee getrunken zu haben, und die Kinder – nein die Kinder, so 'was Herziges existirte auf der weiten Gotteswelt nicht mehr, mein himmlisches Louischen, meine Göttermimmi, mein Götterkind, mein Seelenplätzchen, mein Engelsgesichtchen – und wie gelehrig die »lieben herzigen Dinger« waren. Lieder lernten sie singen, merkwürdig schnell brachte sie die Melodie zum »Graf von Luxemburg« dem fünfjährigen Mädchen in drei gewöhnlichen Unterrichtsstunden bei, und zu Gesichterschneiden u. s. w. zeigten die lieben Dinger eine für ihr Alter ungewöhnliche Geschicklichkeit. Besonders in einer Sache wußte sie die »herzigen Kinder« zu wirklicher Vollkommenheit zu bringen, und diese war, daß sie den Namen irgend einer Person über die Straße hinüber, oder Etagen herauf oder hinunter, mit unverwüstlicher Geduld anriefen. Stand z. B. ihr Vater über dem Weg drüben und sprach mit Jemandem, so mußten die Kleinen rufen Va–ter, und die letzte Sylbe immer eine Quinte höher als die erste – Va–ter – Va–ter, bis der Vater, oder wer es nur war, der zu solchem Anruf als Opfer ausersehen worden, in voller Verzweiflung, denn seinem Schicksal entging er nicht, Folge leistete.

Daß das unartig oder unschicklich sei, konnte man den Kindern ebenfalls nicht gut sagen, denn Fräulein Schütte hatte es sie ja gelehrt, und die kleinen Dinger trugen ihr jedes Wort zu, was gesprochen wurde.

Fräulein Schütte hatte aber noch eine andere Eigenschaft – sie sang, und zwar fast stets – auch bei nicht außergewöhnlichen Gelegenheiten – fortissimo, als ob sie auf einer sehr großen Bühne stände und contractlich verpflichtet wäre, bis in die entferntesten Räume der Galerien verständlich hineinzuschreien. Allerdings klang ihre Stimme, bei leisem Gesange, keineswegs unangenehm, bei solchen Kraftanstrengungen wurden die Töne aber scharf und – etwas Entsetzliches bei jedem Gesange – unrein.

In diesem Frühjahr war auch ein junger Mann aus der Residenz ganz allein hier in Horneck eingetroffen, den man früher dort noch nicht gesehen. Es war ein »Schriftsteller«, wie er sich selber nannte, und ein »sunderbares Gestell!« wie ihn die Landleute titulirten. Was er eigentlich in Horneck wolle oder treibe, wußte man nicht, seiner Aussage nach, wünschte er »eine Arbeit zu beenden«, die Bauern schüttelten aber dazu den Kopf und sagten, »wenn der eine Arbeit fertig machen wolle, so müsse er auch erst dazu anfangen, jetzt sei er aber schon vierzehn Tage im Orte, und habe nicht d'ran gegedacht, zu arbeiten, sondern nur in einem fort geschrieben.«

Dieser Literat, Strohwisch mit Namen, wohnte in demselben Hause mit der Commerzienräthin Schütte, und zwar unten Parterre. Anstatt aber mit denen, die gleich ihm hier an »ferne Küste« verschlagen worden, in recht freundschaftlichem Verhältnisse zu stehen, schien er wunderbarer Weise und ohne etwa vorhergegangenen Streit, auf sehr gespanntem Fuße mit den Damen zu leben, ja selber eine Art Ingrimm gegen sie im Herzen zu tragen. Konnte das verschmähte Liebe sein? »Pastors Sophie«, ein liebenswürdiges junges Mädchen von 19 Jahren, hatte ihn deshalb im Anfang stark im Verdacht – heißt das ihn – denn wenn auch Anna die Kinderschuhe schon lange ausgetreten haben mochte, wäre sie doch noch immer zu hübsch für den wirklich häßlichen Fremden gewesen.

Um aber auch unseren jungen Schriftsteller mit wenigen Worten bei dem Leser einzuführen, wird es vielleicht gut sein, ihn kurz und oberflächlich, das heißt sein eigenes liebenswürdiges Aeußeres, zu schildern und abzuconterfeien.

Feodor Strohwisch war ein Mann nahe an sechs Fuß hoch, mit starkem grobknochigen Gestell, sehr hervorstehenden Backenknochen und etwas stumpfer Nase, die Stirne dabei niedrig und eher eingedrückt als vorstehend, die Lippen aufgeworfen, der Teint braun, das Haar struppig braun und ganz kurz, à la malcontent, abgeschnitten, die Augen groß und stier, auch die Gehörsorgane sehr »ausgearbeitet«, einen schmalen dunklen Schnurrbart von der Mitte des Nasenknorpels hoch an der Oberlippe bis zu den Mundwinkeln niederlaufend, kurz ein Gesicht, wie es Jedermann, wenn es ihm in New-Orleans oder Rio de Janeiro begegnete, für einem Mulatten gehörig, oder doch von Negerrace abstammend, halten würde. Dennoch wäre diese merkwürdige Menschengestalt in der gewöhnlich schlichten Modetracht vielleicht unbemerkt vorübergegangen; aber nein, daran lag dem Eigenthümer des Angesichts nichts; er wollte gesehen, und mit dem Sehen auch – bewundert sein. Ein fast weißer, roth gefütterter Burnus floß, afrikanisch gearbeitet, um seine Glieder, großcarrirte Unflüsterbare deckten die langen Unflüsterbaren, an den Stiefeln klirrten ein paar mächtige Sporen, und die Hand trug malerisch eine fischbeinerne Reitgerte mit elfenbeinernem Griff, der einen Fuß und ein zartgebogenes Mädchenknie bildete, was er auf der Straße stets sinnend und schwärmerisch an die dicken Lippen drückte. Papageigrüne Glacéhandschuh vollendeten die Toilette des »Gelehrten«. Feodor Strohwisch war auch musikalisch, spielte gar nicht übel Pianoforte, und schwärmte oft bis tief in die Nacht hinein, wenn – ihn Anna Schütte nicht daran verhinderte – doch davon später.

Feodor saß unten im Parterre in seinem Zimmerchen und schrieb; er mußte augenscheinlich Gedichte machen, denn er kaute sehr viel dabei an den Federn herum, sah manchmal ganz vergnügt vor sich hin, schrieb vier Zeilen, strich drei davon wieder aus, und fing dann mit denselben Experimenten von vorne an. Das Singen aber schien ihn auch nicht zu stören, es hatte wenigstens keinen äußerlichen Einfluß auf seine Bewegungen, und seine Arbeit hatte ihren Fortgang, nur wenn ein falscher Ton kam, fuhr er wie Einer in die Höhe, der plötzlich und unerwartet mit einer Stecknadel gestochen wird, schüttelte dann mit dem Kopfe, biß wie verzweifelt in die Feder hinein, daß die hätte laut aufschreien mögen, und fuhr wieder in seiner Beschäftigung fort.

Anders war es mit dem über die Straße Rufen des Fräuleins – das brachte ihn in der That oft der Verzweiflung nahe, und wenn die hohe Quinte auf der letzten Sylbe manchmal unverdrossen zehn, zwanzig Mal hintereinander durch das Haus schallte, begann er nicht selten die wunderbarsten Experimente, um seinem inneren Grimme Luft zu machen. Wie das aber geschah, werden wir im weiteren Fortgange der Erzählung sehen.

Da glitt plötzlich eine schlanke Mädchengestalt dicht an seinem Fenster vorüber, blitzesschnell fuhr er mit dem Kopfe nach und hinaus, doch – schon zu spät, die Gestalt war in das Haus geschlüpft und Feodor Strohwisch zog sein tief gerunzeltes Haupt wieder unverrichteter Sache zurück. Wenige Minuten später aber klopfte es oben bei Schütte's an und Anna flog mit einem lautschmetternden »Sie ist's – sie ist's, die Flagge der Liebe soll wehen!« das den Dichter unten um so mehr zur Verzweiflung brachte, da er nicht einmal wußte, wer es war, der Freundin, »Pastors Sophiechen«, entgegen.

»Ei du holder süßer Engel, das ist ja prächtig, daß Du mich heute besuchst,« rief sie nach der ersten Begrüßung, »ich habe schon gar nicht gewußt, womit ich den verzweifelt langen Nachmittag heute hinbringen würde; nun bleibst Du ein bischen bei mir und da plaudern –«

»Nein, liebe Anna,« fiel ihr hier lächelnd Fräulein Scheidler in die Rede, »der Nachmittag ist so herrlich, daß wir, so gut es mir bei Euch gefällt, unmöglich hier im engen Stübchen bleiben dürfen; deshalb komm' ich, Dich zu einem kleinen Spaziergang abzuholen.«

»Aber wohin, Soph'chen,« frug Anna, und ließ schon im Geist ihre Garderobe an sich vorbei defiliren, um die »Eingeborenen« wieder mit einer neuen Toilette in staunende Bewunderung zu versetzen; »wohin, unten am Fluß hin und her? Da wohnt ja Niemand, wie drüben über der Rausche etwa Försters.«

»Du närrisches Kind,« lachte das holde Mädchen, »wenn wir blos spazieren gehen wollen, kann es uns auch einerlein sein, ob da Jemand wohnt oder nicht; doch am Flusse sind wir schon so oft gewesen, und ich dächte deshalb, wir wollten heute einmal auf der Straße nach Sockwitz zu durch den Fichtenwald gehen. Du sollst nur einmal dort die herrlichen wunderschönen Bäume sehen, es ist ein reizender Spaziergang. Nur das einzige Unangenehme hat es, daß wir, von hier aus, hin und zurück durch das ganze Dorf der Länge nach durchmüssen, sonst –«

Anna's Zweifel schwanden mit einem Male.

»Das schadet Nichts,« sagte sie rasch, »es ist jetzt trocken und am Sonnabend Nachmittag besonders werden auch nicht die vielen fatalen Düngerwagen hinaus auf's Feld gefahren; ist Dir's also recht, so brechen wir gleich auf, und an mir soll es dann auch nicht liegen, wenn wir lange aufgehalten werden; – ich will mir nur ein anderes Kleid überwerfen.« –

»Ein anderes Kleid?« frug Sophie erstaunt, »aber warum denn das, um draußen im Wald spazieren zu gehen? Liebes Kind, Du bist für das Dorf viel zu hübsch angezogen, das Kleid, versichere ich Dich, ist vollkommen gut genug!«

»Ach bewahre,« lachte Anna naiv, »sieh nur, hier unten hat es ja gar einen kleinen Riß, wo ich neulich einmal an einem von den häßlichen Dingern mit Holzzacken, die an den Häusern aufgerichtet sind, hängen geblieben bin – laß mich nur, ich bin den Augenblick fertig – Friederi–keh – Friederi–keh!« Die hohe Quinte lag wieder auf der letzten Sylbe und der Ton schallte durch das ganze Haus.

»Was soll denn das Mädchen?« frug Sophie, »ich kann Dir ja wohl helfen das Kleid anziehen, wenn es denn einmal sein muß – was hast Du denn?«

»Laß mich nur,« sagte Fräulein Schütte, »weiß der liebe Himmel, wo das Mädchen wieder steckt, immer ist sie nicht da, wenn sie gebraucht wird, und schwatzen thut das Geschöpf, ich sage Dir, Sophie, das ist zum Verzweifeln; der Mund steht ihr nicht einen Augenblick stille. Nein, was man für eine Noth mit den Dienstleuten hat.« Sie trat an's offene Fenster und sah hinaus.

»Ja,« lachte Sophie, »das läßt sich nun nicht ändern und muß ertragen werden; uns ist es kaum besser gegangen, auch wir haben erst heute unser Mädchen abziehen lassen, und wissen nun noch nicht einmal, wie die einschlägt, die heute bei uns angezogen.«

»Das bleibt sich Alles gleich,« sagte Fräulein Schütte, »einen Satan schickt man fort und einen andern kriegt man wieder. Aber ich sehe unsere Friederike auch gar nicht auf der Straße, die muß dort um die Ecke gegangen sein – Friederi–keh! – Friederi–keh

Feodor Strohwisch unten that einen herzhaften Biß in die Feder, sprang von seinem Stuhle auf und lief wie ein Besessener in dem engen Zimmer auf und ab. Wunderbare Gesticulationen machte er dabei, und Einer, der ihn nicht näher kannte, wäre, wenn er das hätte unbemerkt beobachten können, sicher auf die sonderbarsten Gedanken gekommen.

In seinem Arbeitszimmer nämlich, und dicht neben dem Ofen, auf einem niederen braunlackirten Eckschranke, stand ein, wahrscheinlich der Wirthin gehörender alter hölzerner Haubenkopf, mit sehr roth gemalten Wangen und sehr dicht anliegenden Locken; einem ganz von Stecknadeln durchlöcherten Scheitel, ein paar dünnen, fest zusammengekniffenen ziegelfarbigen Lippen und sehr großen stieren blauen Augen, denen ein paar hochgestrichene rabenschwarze Brauen einen ganz eigenthümlichen Ausdruck gaben. Es sah fortwährend so aus, als ob der obere Theil des Gesichts ununterbrochen über irgend etwas auf das Aeußerste erstaunt wäre, und der untere Theil sich das unter keiner Bedingung wolle merken lassen.

Dieser Kopf nun war der Gegenstand, mit dem Feodor Strohwisch bei solchen Gelegenheiten, und zwar auf das lebhafteste verkehrte. Zuerst warf er dem Kopfe nur ein paar wüthende Blicke zu, die dieser auf das erstaunteste erwiederte, schoß dann noch einmal durch's Zimmer, und als die Friederi–keh von oben noch immer nicht kam, und der entsetzliche Ruf mit einer fabelhaften Geduld und Ausdauer hernieder schallte, da blieb er endlich vor dem Kopfe stehen, streckte ihm die eine geballte Faust entgegen und sagte mit dumpfer drohender Stimme:

»Fräulein Schütte, ich bin auch nur ein sterblicher sündhafter Mensch, und meine Geduld ist, wenn auch von Gummi elasticum, doch deshalb nichtsdestoweniger zerreißbar; ich hoffe, daß Sie jetzt –«

»Friederi–keh

Feodor sah in grimmer Wuth zu dem Kopfe auf; es war fast, als ob er eine Gewaltthat beabsichtige, so dunkel und drohend glühten seine Augen.

»Fräulein Schütte,« begann er noch einmal, »wenn Sie glauben, daß ich bei solchem Lärm, der Einem wie glühende Schwerter durch Leib und Seele dringt, humoristische Gedichte machen kann, so erlauben Sie mir nur, ihnen die Bemerkung zu Füßen zu legen, daß das eine reine Unmöglichkeit ist: ich kann viel ertragen, ich habe schon viel ertragen, Fräulein Schütte, aber ich verbitte mir von jetzt an alle dergleichen Barbarismen. Schon das Friederike, mit ihrer lauten gellenden Stimme gerufen, ist grausam, das keh aber hinten dran, mit der hohen Quinte, ist kannibalisch. Ich sage Ihnen –«

»Friederi–keh! Friederi–keh

Das war zu viel, Feodor Strohwisch schoß, wie aus einer Pistole geschossen, auf den Kopf los, ergriff ihn mit der Linken an dem langen dünnen Halse, und legte ihm die breite Rechte fest und entschlossen auf den Mund. Der Ausdruck des Gesichts, dessen untere Parthien so zugehalten wurden, daß nur der vollständig erstaunte obere Theil desselben sichtbar blieb, nahm einen wahrhaft beunruhigenden Charakter an, der Gereizte blieb aber unerbittlich und sagte nun nach wohl minutenlanger Pause, in der übrigens der Ruf nicht wiederholt wurde:

»Sehen Sie, mein Fräulein, sehen Sie? – Sie haben es nicht anders haben wollen, Sie haben mich förmlich zu Zwangsmaßregeln genöthigt; ich bitte Sie inständigst, ich bitte Sie um ihrer selbst willen, uns Beiden das nächste Mal solche unangenehme Auftritte zu ersparen.«

Und damit schob er den Kopf auf seine Stelle zurück, ging wieder an sein Schreibpult und war bald auf's Neue vollkommen in sein Sinnen und Grübeln vertieft. Aber auch Fräulein Schütte hatte die Genugthuung, daß ihre Friederikeh endlich, nach so unermüdlicher Anstrengung der Lungen, erschien, das gewünschte Kleid wurde gebracht und angezogen, saß ausgezeichnet, und Arm in Arm wandelten die beiden Freundinnen bald darauf den Berg hinauf, an der Pfarre und Schenke, die Sonnabends und Sonntags besonders stark besucht war, vorüber, folgten dabei immer nur dem ziemlich breiten und mit gelbem Kies beworfenen Fuhrweg, der bis zu den letzten Häusern des Dorfes sich erstreckte, und betraten nicht lange nachher den herrlichen grünen Wald, in welchem sich die Straße, allerdings immer schmäler werdend, hinschlängelte, bis sie zuletzt zu einem gewöhnlichen Holzfuhrweg wurde, der durch lange schmale Streifen Gras und alte, lange nicht aufgefrischte Wagenspuren verrieth, wie selten er befahren, wie wenig er überhaupt benutzt wurde, indem der Hauptweg nach Sockwitz schon früher rechts abzweigte, und in die große, im zweiten Kapitel erwähnte Chaussee auslief.

Fünftes Kapitel.
Der alte Jäger.

Indessen war Hennig, aus dessen innerstem Herzensschacht das Gespräch mit dem Diaconus wohl auch manch trüben Gedanken zu Tage gefördert haben mochte, ebenfalls aus dem Dorf heraus und durch den Wald geschlendert. Ihn trieb es, allein zu sein, denn das was ihm auf dem Herzen lag war zu schwer, zu freudlos als daß er es mit dem armen Mann, der schon für sich ein so tüchtiges Bündel zu tragen hatte, hätte theilen mögen. Es wurde Mittag, und er wußte, daß sie daheim auf ihn mit dem Essen warteten, aber er konnte sich jetzt nicht gleich wieder unter Menschen setzen, jetzt nicht gleich wieder über alltägliche Dinge plaudern oder »wichtige Schulberichte« mit anhören, wo ihm das ganze Leben so schal und nichtig vorkam, daß er sich ordentlich nach freier Luft und nach stillen grünen Waldesbäumen sehnte. Denen konnte er sein Leid klagen, ohne von ihnen verhöhnt zu werden, ja die nickten wohl auch mitleidig dazu mit dem Kopfe und schienen in ihrem stillen geheimnißvollen Rauschen mit ihm trauern, mit ihm zu dulden.

Es war etwa drei Uhr Nachmittags, als er erst wieder an die Rückkehr dachte; lange schon hatte er den Fuhrweg verlassen und die Biegung einer Waldwiese beibehalten, die sich wohl eine gute Stunde Weges lang am Bergeshang hinzog und erst oben wieder durch einen schmalen Fußpfad mit der Straße zusammen hing, die auch die beiden Mädchen eingeschlagen hatten, und die sonst nur gewöhnlich benutzt wurde, um die oben auf dem Bergeskamm gehauenen Stämme hinunter nach der Thalmühle zu schaffen.

Anstatt aber gleich den kleineren Pfad einzuschlagen, wandte er sich ein wenig links drei hohen Eichen zu, die hier stolz aufragend über die niederen düsteren Fichtenstämme emporschauten. Dort quoll aus dem weichen lauschigen Moos ein klarer Quell hervor, und rieselte mit leisem Murmeln durch die weiche, torfige Rasendecke hin in das Thal hinab, wo er sich – anstatt bedächtig, wie es der größere und verständigere Bach that, an der Abdachung hin zu gleiten und unten, in der weidenumgürteten Schlucht langsam in die Rausche hinaus zu treten – in tollem Muthwillen ordentlich die steilsten und schroffsten Felsenhänge aufzusuchen schien und in jähen kecken Sprüngen, über moosigen Stein und starre Lehmbank weg, wild und sprudelnd und weißen Schaum jubelnd um sich her sprühend, in den unten froh vorbeibrausenden Fluß sprang.

Diese Quelle suchte Hennig auf, denn ihn dürstete, als er aber den Fuß der Eichen erreichte, sah er, wie sich dort eine menschliche Gestalt bewegte; gleich darauf schlug ein Hund an und er erkannte näher tretend, den alten Jäger Holke, der hier beschäftigt war, ein anscheinend erst verendetes Reh aufzubrechen. Sobald der aber die Schritte hinter sich und das Bellen des Hundes hörte, hatte er, rasch auffahrend, nach der Flinte gegriffen, jetzt jedoch, als er sah wer es war, lehnte er diese wieder an den Baum, und fuhr, sich nur halb nach Hennig umwendend, in seiner Arbeit fort.

»Halloh Schulmeister« rief er dabei und stieß, um den Schlund des Rehes einzuknüpfen, den Genickfänger neben sich in eine der moosbewachsenen Eichenwurzeln – »was zum Blitz und Hagel treibt Euch denn zur Schulzeit mitten in den Wald hinein? es ist Euch doch nicht irgend ein Junge entlaufen, den Ihr wieder suchen wollt? Das ist schwere Arbeit ohne Spurschnee!«

»Guten Tag, Förster« sagte Hennig und ließ sich langsam zwischen diesem und der Quelle, aber dicht neben der letzteren nieder; er war durch das lange einsame Umherstreifen wieder ruhig, ja fast heiter geworden, und freute sich den alten Mann hier gefunden zu haben, den sie alle im Dorfe lieb hatten und der, wenn auch ein Bischen derb, ja oftmals grob in seinem Wesen, doch treu und aufrichtig war, und Niemandem etwas in den Weg legte oder zu Leide that – »man sieht es daß Ihr schon lange aus der Schule seid, Ihr müßtet sonst wissen, daß die Sonnabende frei sind, und an ihnen keine Schule gehalten wird.«

»Das ist eine neuere Mode,« brummte der Alte, »zu meiner Zeit waren nur die Nachmittage frei, in den Vormittagen quälten sich aber die Lehrer auch ein Bischen mit den Bälgern, und ließen sie nicht den ganzen lieben ausgeschlagenen Tag den Eltern über dem Hals.«

»Die paar Vormittagsstunden« erwiederte ihm lächelnd der Lehrer, »die wir am Sonnabend Morgen gewinnen, geben wir reichlich in der Woche zu, wo wir mehr Unterrichtsstunden halten, als uns das Gesetz eigentlich für den ganzen Zeitraum der Woche vorschreibt. – Doch wenn habt Ihr denn das Reh geschossen, es scheint noch ganz frisch und es hat doch, seitdem ich hier in der Nähe bin, nicht ein einziges Mal geknallt.«

»Werd' es wohl mit Baumwolle oder Hanfleinen geschossen haben,« brummte der Jäger – »das knallt nicht und macht auch keinen Rauch – ist eine kostbare Erfindung – ich wollte daß die verdammten Stubenhocker in der Stadt, die derlei Geschichten ausbrüten, sich und ihren nichtswürdigen Krimskram bis in die Mitte nächster Woche hineinsprengten, nachher würde die liebe Seele wohl einmal auf eine Weile Ruhe haben.«

»Halloh Förster, Ihr seid ja entsetzlich böse und brummig heute, was ist denn vorgefallen? – wieder einmal Streit mit dem Pastor gehabt? –«

»Der Pastor soll zu – Grase gehn, wie's mir d'ran liegt«, knurrte der Jäger, »hab' ihn Gott sei Dank seit acht Tagen gar nicht zu Gesicht gekriegt. So lange wir so weit auseinander wohnen, sind wir uns auch recht herzlich grün; hm –«

»Ihr seid merkwürdig übler Laune heute« sagte Hennig und richtete sich von der Quelle, an der er eben getrunken wieder auf – »ist denn irgend etwas geschehn, was Euch geärgert hat?«

»Aergern?« wiederholte der Jäger und drückte mit geschickter und starker Hand die feste Klinge in das Schloß des Rehes, »da soll sich auch Einer nicht dabei ärgern, wenn er in der Jahreszeit eine Rikke aufbrechen muß, die ein paar Wochen später das schönste junge Kalb in den Wald gesetzt hätte, das einmal tüchtiges Gehörn getragen. Geärgert? – Das Herz im Leibe drehte sich Einem bei solcher Arbeit um, und man möchte sich wahrhaftig lieber wünschen unter Kannibalen, als unter einer solchen verdammten Aasjägerrace zu leben, die das Kind im Mutterleibe nicht verschonen. Wer in der Jahreszeit nach einer Rikke schießen kann, der schlägt auch seinen eigenen Bruder um acht alte Groschen todt.«

»Also Ihr habt das Reh nicht geschossen?« frug Hennig, der wenig oder gar Nichts von der Jagd verstand, ruhig.

»Wer? – ich?« – schrie der alte Mann, und warf dem Lehrer einen ingrimmig wilden Blick zu, sich plötzlich aber besinnend, daß der da, der eben die Frage an ihn gerichtet, seinem eigenen Ausdruck nach »ein Stück Wild kaum von einer Windmühle zu unterscheiden vermochte,« warf er seufzend das Gescheide mit dem jungen Kalbe bei Seite, hob das jetzt fertig ausgeworfene Reh an die Quelle, wo er es mit dem klaren Wasser derselben rein auswusch, und sagte dann, nachher seine eigenen Hände und den Genickfänger ebenfalls darin abspülend.

»Man darf's Euch nicht so übel nehmen, Ihr verstehts nicht besser. Das laßt Euch aber gesagt sein, und es wäre gut Ihr prügeltet das jetzt schon Eueren Jungen ein, wenn's die Flegel auch später wieder vergessen – daß es Sünde und Mord ist überhaupt eine Rikke, besonders aber noch dazu im Frühjahr, zu schießen. Verstanden?«

»Eine Rikke ist das Weibchen vom Rehbock?« frug der Schulmeister den Jäger.

»Ja!« sagte der Forstmann, und warf einen halb spöttischen, halb mürrischen Blick nach dem Frager – »die Sie'n.«

»Aber wer hat denn die Rikke geschossen?« fuhr Jener, sich überall umschauend, fort, »sind etwa Wilddiebe hier im Holz?«

»Wilddiebe?« wiederholte der alte Jäger mit vieler Bitterkeit, »Wilddiebe? nein bei Gott, der Name ist noch viel zu ehrlich, und klingt zu rechtschaffen für solch nichtsnützige miserable Bande. Ich habe auch gewilddiebt zu meiner Zeit, und ich kenne ganz respektabele Leute, die ebenfalls Wilddiebe sind – wenn ich auch nicht etwa den Schuften das Wort reden will, die heimlicher Weise und bei Nacht und Nebel auf's Revier kommen, und Einem die paar Rehe, die noch dastehen, über den Haufen legen, daß man nicht einmal Schießgeld davon bekommt, die aber, die solch ein armes Geschöpf und zu solcher Zeit mit dünnem lumpigen Hühnerschrot waidewund schießen, oder vielmehr bloß im Wald herum liegen und nach allem plaffen, was rauch ist, und bei denen es nachher heißt, ›krieg ich's so ist's gut; und krieg ich's nicht, so hab' ich nichts verloren,‹ das ist eine gottverfluchte Mörderbande, die man bei den Beinen aufhängen sollte, daß sie nur einmal erfährt, wie es thut, wenn man rothes warmes Blut im Herzen hat.«

»Es scheint als ob das ungesetzliche Schießen jetzt überhaupt hier Ueberhand nehme« sagte Hennig; »die Leute benutzen die im Lande herrschende Aufregung und denken gerade in dieser Zeit am allerleichtesten ungestraft davon zu kommen.«

»Ungestraft? – nun ich wünsche mir nur, daß ich einen von den vermaledeiten Aasjägern einmal zum Schuß bekomme, ob der nachher davon reden wird, daß er ungestraft im Frühjahr eine Rikke angeflickt hätte, daß das arme Geschöpf helle Tage lang mit dem zerschossenen Kalb im Walde herumächzen muß.«

»Wenn die Leute aber nun das Recht dazu bekommen, Förster?« frug der Schullehrer – »wir leben jetzt in einer gewaltigen Zeit, wo der lang Unterdrückte endlich das Haupt erhebt und zu fühlen anfängt, daß er auch ein Mensch ist wie der, der ihm bis dahin die Ferse im eigenen Nacken gehalten; ja wenn sie sich das Recht wirklich nehmen, auf ihrem eigenen Lande jagen zu dürfen, was, ihnen zu verwehren auch, meiner Ansicht nach, eine reine Ungerechtigkeit ist, wie dann? wie wirds nachher mit der Jagd aussehen?«

»Unsinn!« knurrte der alte Jäger und schlug sich rasch wieder Feuer an, was er, während der Schulmeister mit dem eben Gesagten eine Masse höchst fataler Bilder vor ihm heraufbeschworen, indessen eingestellt hatte – »Unsinn – fragt doch lieber wie's im Monde aussehn wird, wenn die Erde einmal aus Versehen zusammenfällt. Ein Recht, hochbeschlagene arme Geschöpfe Gottes krank zu schießen? Ein Mord bliebe das, ob die verdammten Tintenklekser in der Stadt auch ganze Schreibstuben voll Bände und Akten darüber schmierten. – Und dann das Schießen nachher; ei wenn sie Jedem verstatteten auf seinem eigenen Grund und Boden zu schießen – hahahaha – dann möchts nachher schön im Lande aussehen. Wer sollte denn da noch riskiren auf die Landstraße, oder überhaupt in den Busch zu gehn? Wäre man wohl seines Lebens sicher, und könnte einem nicht hinter jeder Hecke so ein blinder Bauer eine Ladung Schrot in den Pelz schicken? Und was würde nachher aus dem Wild, wer sollte denn da schonen, heh, wenn man Nichts wie Grenze hat; und ein Huhn ließe sich ja fast gar nicht mehr auf eignem Lande schießen, das wäre immer und ewig über anderer Leute Feld. Auch – Unsinn, ich habe wohl davon gehört, daß sie in Berlin und Wien, oder wie die Städte heißen, Revolution gemacht und das unterste zu oberst gekehrt haben sollen, und daß jetzt besonders der Bauer und Handwerkerstand an die Reihe kommt, sein Fett oben abzuschöpfen, aber die Jagd frei, ne Schulmeister, da haben sie Euch was aufgebunden, damit wird's Nichts – hoffentlich Nichts, so lange wenigstens diese alten Knochen noch im Walde herumlaufen. Wenn die erst einmal unter der Erde liegen – nun dann meinetwegen, dann mag mein Fritz sehen wie er anders durch die Welt kömmt, mit der Jagd ist's ja auch ohnedieß schon, selbst wenn sie keine Jagdfreiheit geben, vorbei.«

Der alte Mann war ganz schwermüthig geworden, und zog, finster dabei vor sich nieder schauend, die dichten blauen Wolken aus dem kleinen unbeschlagenen Maserkopf.

»Und was wollt Ihr mit dem Reh da jetzt anfangen?« frug Hennig, als der Jäger endlich mit einem plötzlichen Ruck seinen Genickfänger in die Scheide zurückstieß, die Jagdtasche umwarf, die Mütze fester in die Stirn drückte, und nach der neben ihm lehnenden Doppelflinte griff, »werden sie's hier nicht stehlen?«

»Ich werd's ihnen vertreiben;« brummte der Alte, »nein wahrlich, anvertrauen möcht ich's der Bande keinen Augenblick, denn die Schufte wissen gar prächtig, daß ein Rehrücken gut schmeckt, und daß es sich wohl der Mühe lohnte ihn nach Hause zu tragen; aber mein Fritz ist schon nach den Holzschlägern gegangen, die unten im ›Buchentrog‹ die Stöcke ausroden, einer von denen mag das Reh in's ›Stadtviertel‹ tragen, dort wollten sie gern Wild haben, die wissen's auch nicht besser, und ich bin froh wenn ich von dem armen Ding da gar nichts weiter mehr zu sehn bekomme.«

»So geht Ihr also jetzt mit mir nach Horneck zurück?« frug Hennig. –

»Habe Nichts dawider« lautete die Antwort »mit meiner Runde bin ich durch, und – zu schießen giebts auch Nichts mehr im Wald heute, da mag ich eben so gut heimtraben.«

Und damit warf er noch einen halb mitleidigen, halb mürrischen Blick auf das zerwirkte Reh zurück, hing sich die Flinte über die Schulter, und schritt rasch, und von Hennig gefolgt, auf dem schmalen Fußwege hin, der sie der breiteren Straße zuführte. Noch waren sie nicht lange gegangen, als sie diese auch erreichten, und nun langsamer, um die milde Luft besser genießen zu können, die ihnen warm und labend aus Süden her entgegenströmte, ihren Weg dem noch etwa eine gute Stunde entfernten Horneck zu fortsetzten.

»Wie still das hier zwischen den Bäumen,« sagte Hennig endlich, als sie eine ganze Zeit lang schweigend neben einander hingeschritten waren; »es rührt und regt sich Nichts, und wenn nicht manchmal ein Holzhehr oder eine alte Krähe ihre rauhen Laute durch den Wald schickten, so sollte man glauben, der ganze Forst sei ausgestorben. Ich weiß, früher, als ich noch in der Stadt auf der Schule war, da glaubte ich immer, wo Wald sei, da müsse es auch Hirsche und wilde Thiere geben, und in dem kleinen Hölzchen dicht an der Stadt, durch das wir Sonntags Nachmittags immer nach Weinhausen zu spazieren gingen, sah ich mich, sobald wir in den dunkeln Schatten traten, eben so regelmäßig nach irgend einer reißenden Bestie um, und war dann sehr bestürzt, wenn ich ›nicht einmal einen Hirsch‹ zu sehen bekam.«

»Die Zeiten sind vorbei,« sagte der Jäger traurig, und mit einem tiefen Seufzer, »ja vor zwanzig und fünf und zwanzig Jahren, wo Schwarz- und Edelwild hier in jeder Schlucht seine Fährten eindrückte, wo in der Brunftzeit die alten Zwölf- und Sechzehenender wie besessen herumliefen, und ich schon in meinem sechzehnten Jahre mit eigener Hand drei Hauptschweine erschossen hatte, ja da war es noch eine Freude, ein Waidmann zu sein, damals war der Jägerstand auch noch geehrt, und mit Horn, mit Meute und Büchse zog man zur fröhlichen Lust in den Wald. Jetzt – ist der Name Jäger fast nur noch zum Hohne geworden; eine Flinte auf der Schulter und Blei darin, gerade stark genug, Sperlinge zu schießen, hat man weiter auf der Gotteswelt Nichts zu thun, als auf die Holzschläger zu passen, und den Holzdieben allenfalls aufzulauern; vor Wilddieben braucht man sich beinah nicht einmal mehr zu fürchten, denn die Zeit ist gar nicht mehr fern, wo man Hirsche auf der Messe, und Rebhühner zahm in Käfichen zeigen wird.«

Sie hatten jetzt gerade eine der Waldhöhen erreicht, von der sie die Aussicht in eine flache, mit Laubholz bewachsene Abdachung bekamen; auffallend war hier eine niedere breitastige Zwergbuche, die mit sehr starkem Stamme, die Wurzeln fast ganz entblößt von Erdreich, gerade inmitten der Senkung stand, und die knorrigen, aber dafür desto kräftigeren Zweige links und rechts so weit ausstreckte, daß sie den Abhang an beiden Seiten berührte. Hier blieb der Jäger stehen, nahm die Flinte herunter, stützte sich darauf, und schaute eine ganze lange Weile nach der »Delle« hinein, die sich, bald nachher rechts abbiegend, der Rausche zuzog, in die sie, etwas weiter unten, ebenfalls eine Quelle hineinsandte.

Hennig schaute aufmerksam nach derselben Richtung hin, weil er glaubte, der alte Mann bemerke dort irgend ein Stück Wild oder sonst etwas Auffallendes; es ließ sich aber Nichts erkennen, nur die verwachsene Buche streckte die wunderlich geformten Arme wie zornig und trotzig gegen die schlank und stolz auf sie herabschauenden Tannen und Fichten aus.

»Was giebt es denn, was habt Ihr hier: war dort etwas?« frug der Lehrer.

»Ja, – Ihr habt Recht, dort war wirklich etwas,« erwiederte ihm rasch, und sich wieder zum Gehen wendend, der Forstmann, – »aber jetzt ist's vorbei. – Drei und vierzig Jahre sind's nun her, daß ich gerade an der Buche meinen ersten Hirsch schoß – und was für einen capitalen Burschen. Der Schuß war auch die Ursache, daß ich meine Alte, die jetzt lange unter der kühlen Erde schlummert, bekam, denn der Oberförster freute sich unmenschlich über das prachtvolle Geweih, ein ungerader Zweiundzwanzig-Ender. Donnerwetter, das war ein Hirsch, und ich sehe ihn jetzt noch, wie er nach dem Schusse einem Ungewitter gleich durch die Büsche und Zweige rasselte.«

»Ihr hattet Euch an ihn hinangeschlichen,« ermunterte ihn der Lehrer, dem es mehr Freude machte, den alten Mann erzählen zu hören, als daß er sich selbst groß für die Jagd interessirt hätte.

»Hinangeschlichen?« wiederholte der Alte, in der Erinnerung an den schönen Jagdzug schwelgend, »ei ich war damals ein junger gewandter Bursch, aber das Menschenkind hätt' ich sehen mögen, das sich an den alten schlauen Gesellen hätte hinanschleichen mögen; ob der sich gewitzigt zeigte? Das erste, was man von ihm stets zu sehen bekam, war der weiße Spiegel. Nein, Schulmeisterchen, selbst der Oberförster mußte wohl schon mehr als zwanzig Mal dem Stück Wild zu Gefallen gegangen sein, ohne es auch nur ein einziges Mal ordentlich zum Schuß zu bekommen, denn grad hinaufblaffen, wenn sich was Rothes in den Büschen zeigt, wie es die sogenannten Jäger in jetziger Zeit machen, das wollte er auch nicht. Mich wurmte aber die Geschichte, ich konnte nicht schlafen mehr, denn im Wachen wie im Traume sah ich den Hirsch, der mir immer bald auf die eine, bald auf die andere Art entging. Zu der Zeit war ich auch des Revierjägers Tochter gut, der Vater wollte aber von einer Heirath Nichts hören, und meinte nur einmal, aber natürlich auch bloß im Spaß, ich sollte erst versuchen, ob ich nicht den starken Hirsch umlegen könnte, nachher wollten wir wieder davon sprechen.«

»Jetzt war's nun gar mit mir aus, sobald ich mich niederlegte, und die Augen zumachte, stand er vor mir, und äugte nach mir herüber, und dann hatt' ich nie die Büchse geladen, oder konnte die Kugel nicht in den Lauf kriegen, oder das Pflaster hing mit anderen zusammen, oder der Ladestock saß fest, kurz, es haperte beim Laden, und legte ich endlich an, und drückte ab, so konnte ich mich fest darauf verlassen, daß mir das Pulver von der Pfanne brannte, und der Hirsch stolz und ruhig davon zog. Ich härmte mich so ab, daß ich ganz mager und elend wurde; das Essen und Trinken schmeckte mir sogar nicht mehr, und ich beschloß endlich, es koste was es wolle, und sollte ich acht Tage nicht mehr zu Hause kommen, den Hirsch zu schießen.«

»So lange war ich ihm übrigens in den Fährten herumgekrochen, daß ich endlich ziemlich genau wußte, wie und zu welcher Tages- und Nachtzeit er auf den verschiedenen Stellen herüber und hinüberwechselte. So hatte ich auch erspürt, daß er unten an der Schlucht gerade etwa hundert Schritte weiter oben, als wo sich der Bach über die Steine hinweg jäh in die Rausche stürzte, jede Nacht über den Bach hinüber wechselte, und am Bergeshang langsam hinschritt. Das Holz war aber dort viel zu dicht und schattig, um mir auch nur ein erträgliches Büchsenlicht zu gönnen, trotzdem beschloß ich, wenigstens einen Versuch zu machen, und ging eines Abends, es war im August, und eine wundervolle mondhelle Nacht, hier auf der Bergkuppe hin, wo damals noch nicht einmal ein Fußpfad, vielweniger ein Fahrweg hinlief, bis ich gerade an die Schlucht kam, an der wir da oben stehen blieben. In dieser wollte ich mich hinunterpürschen, denn weiter unten, wo der Mond gerade durch das lichte Stangenholz schien, war es eher möglich, daß ich Licht genug auf's Korn bekam, um eines sichern Schusse gewiß zu sein. Langsam und geräuschlos schlich ich dann mich auf dem moosigen Boden bis gerade an jene alte Buche hin, die damals schon eben so stark und knorrig da stand, wie an dem heutigen Tag, und wollte just um sie herumbiegen, als ich – Hennig ich schwörs Euch zu, das Blut kocht mir noch heute in den Adern, wenn ich an den Augenblick zurückdenke, – langsame, schwere aber gemessene Tritte höre. Das Herz fing mir an zu schlagen, als ob's ihm zu eng in der Brust würde, und es sich aus Leibeskräften hinaus in's Freie arbeiten wollte, und ich bekam das wirkliche reguläre Hirschfieber dermaßen, daß mir alle Glieder am Leibe flogen und zitterten.

So stand ich wohl zwei volle Minuten und horchte, konnte aber gar Nichts mehr hören, denn meine eigenen Knochen schlugen so an einander, bis ich auf einmal in dem matten Mondenscheine, und kaum zwanzig Schritte von mir entfernt, die Büsche sich bewegen sah, und heraustrat – will ich mein Leben trocken Brod und Salz essen, wenn's nicht wahr ist – eben der Zwei und zwanzig-Ender, und stellte sich breit und schußgerecht, und so ruhig vor mich hin, als ob ich gar nicht in der Welt wäre, oder nur ein Blasrohr statt einer guten, scharfgeladenen Kugelbüchse in der Hand hielte.«