Der Pastor schritt rasch auf seinen Schreibtisch zu, sah sich hier mit ängstlich forschenden Blicken überall um, und wandte sich dann in stummer sprachloser Verzweiflung gegen die Thüre, wo eben die zankende Stimme seiner Frau laut und das bestürzte dummverdutzte rothbreite Antlitz der Magd sichtbar wurde.

»Wo hat Sie die Papiere hingethan, die auf meinem Schreibtische lagen, Christel? – rede Sie, Sie unglückseliges Geschöpf!«

Die Magd sah, nicht wissend ob sie oder Jemand anderes mit dem »Christel« gemeint sei, ängstlich von Einem zum Anderen, erwiederte aber gar Nichts –

»Rieke heißt sie,« fiel die Frau Pastorin, gegen ihren Eheherrn gewandt, ein, »wo hast Du die Papiere hingethan, Rieke, und wer hat Dir überhaupt gesagt, daß Du hier im Zimmer scheuern solltest?«

»Härr Jeses,« klagte das Mädchen, »das muß mer nur wissen, aber de Schtube sach so erschrecklich aus, un der Schnupptaback drinne, un die Flecken un die Papierschnitzeln –«

»Wo sind die Papierschnitzeln, Grethe« – rief jetzt der Pastor, immer mehr sich ereifernd und vergebens bemüht, den Namen des heute erst angezogenen Mädchens zu behalten, »wer hat Ihr gesagt, daß Sie Ihre Fäuste an meine Papiere legen soll.«

»Nu, wo sollen se sin,« brummte die Magd, »ufgereimt han ich se, das versteht sich doch? – Die sin Se los – de großen Stücken han ich in den Korb da gästeckt, wu schonst mehr Papier dringe stock, und die kleenen Schnitzelchen liegen im Ofen – ich han's Feier mit angemacht, daß es schnell dreige wären sülle.«

Der Pastor fuhr erschreckt nach dem Ofen, aber das Gräßliche war wirklich schon geschehen, es glimmte dort von dünnen Holzscheiten genährt ein kleines gemüthliches Feuer, und die leichte graue Papierasche, die ihm entgegenflog, bestätigte jedes Wort, was das Mädchen gesprochen.

»Die großen Stücken in den Papierkorb, und die Schnitzelchen in den Ofen,« stöhnte der Pastor und faltete die Hände, »meine kostbaren Citate und Bibelstellen, nach großen und kleinen Papierschnitzeln sortirt – Herr vergieb mir meine Sünde, aber bei dieser Gelegenheit möchte ein frommer Christ doch wahrhaftig aus der Haut fahren – Miene, Miene, Sie hat mir hier einen Streich gespielt, den ich Ihr im Leben nicht vergesse – und meine Predigt – entsetzliche Person, meine Predigt; wenn Sie die auch verbrannt hat, muß Sie mir wahrhaftig morgen, am Tage des Herrn, wieder aus dem Hause.«

Der Pastor konnte schwer überredet werden, sein Suchen vor der Hand aufzugeben, und erst zum Essen hinunter zu kommen, das verlassen und einsam auf dem Tische stand. Glücklicher Weise fand er wenigstens den größten Theil des Vermißten wieder, und die weitere Nachforschung bis nach dem Abendessen verschiebend, hing er Hut und Mantel, da in seiner eigenen Stube kein Zoll breit Raum mehr war, auch nur einen Handschuh abzulegen, draußen vor der Thür auf einen Stuhl von wo sie Sophie, als die Eltern vor ihr her die Treppe hinunter gingen, rasch wegnahm, in ihre Stube legte, die Thüre wieder verschloß, und dann, um keinen weitern Verdacht zu erregen, mit zu Tische ging.

Das Abendgespräch bildete natürlich zuerst das eben angerichtete Scheuerunglück und dann der Entflohene, von dem der Pastor gehört, wie auch, daß er seine eigene Tochter angefallen habe. Diese Anklage des »Unglücklichen« wies aber Sophie bestimmt ab; der Mann sei, wie sie sagte, gerade auf sie zu aus dem Walde getreten, und habe sie wahrscheinlich um etwas bitten wollen, als Anna Schütte, einen wilden Angstschrei ausstoßend, davon gelaufen sei; der dazu kommende Jäger aber wäre jedenfalls viel zu voreilig gewesen, gleich auf einen Menschen zu schießen, von dem er noch nicht einmal wissen konnte, ob er schuldig oder unschuldig sei.

Dagegen eiferte der Pastor, nannte den Entsprungenen einen »Wühler« und »sehr gefährlichen Menschen«, der sich aber auch sonst noch habe viel Schlechtes zu Schulden kommen lassen und schloß mit dem herzlichen Wunsche, daß er seinem Schicksale nicht entgehen und wieder eingefangen werden möge, ehe er etwa gar mehr Unheil anrichte, und andere Menschen in's Verderben führe.

Sophie war von den Erlebnissen des Tages aufgeregt und erschöpft – klagte über heftige Kopfschmerzen und Herzklopfen, und bat die Mutter, Friederiken noch einmal nach dem Doctor hinein schicken zu dürfen, daß er ihr ein Fläschchen von den Tropfen schicke, die ihr früher so gut gethan.

»Ich möchte dem Mädchen aber wohl den Namen aufschreiben,« sagte sie, als sie aufstand, es zu bestellen – »wer weiß, was sie mir sonst ausrichtet.«

»Gewiß, gewiß,« rief der Vater schnell, und zündete sich das Licht wieder an, um die unselige Verwirrung seiner Papiere, so weit das überhaupt noch möglich war, zu heben – »und schreib's ihr ausführlich auf, der ist Alles zuzutrauen; unsere Anna Marie, die heute abzog, hatte das Pulver auch nicht erfunden, aber so dumm, wie diese Hanne, war sie denn doch wahrhaftig nicht – daß sie mir nur nicht wieder über meine Schwelle kommt, so viel sag' ich Euch.«

Und damit verließ er das Gemach und stieg langsam in sein Studierzimmer hinauf.

Eine Viertelstunde später ging das Mädchen in das Dorf zum Doctor, der eben aus der Schenke heim gekommen war. Von diesem erhielt sie ein kleines Fläschchen, das sie auch glücklich zerbrach, ehe sie hundert Schritte weit gegangen war. Unverdrossen kehrte sie aber wieder um, ließ sich dasselbe noch einmal geben, und brachte es diesmal auch wirklich bis vor die Pfarre, wo es jedoch das Schicksal des ersten theilte. Noch einmal umkehren ging nicht an – der Wächter im Dorfe tutete eben zehn, und mit thränenden Augen und Todesangst ging sie zum »Frölen« hinein und klagte ihr Unglück.

Es schadete Nichts, die Kopfschmerzen hatten nachgelassen, aber warum ging das »Frölen« nur nicht zu Bette – da wurde bei Rieken der Kopfschmerz immer gleich wieder gut. – Sophie wollte noch ein Bischen auf dem Sopha sitzen bleiben, die Pferdehaarkissen kühlten ihre Schläfe und thaten ihr wohl. –

»Nu Härr Jeses, do nähm ich mer doch was mit ze Bette,« meinte die Magd.

»Es ist schon gut, Rieke, geh' nur, ich komme auch gleich nach,« sagte des Pastors zitterndes Töchterlein, und barg die fieberglühende Stirn an dem kühlen Polster.

Halb elf Uhr war's und in der Pfarre wachten noch drei Menschen. Der Eine saß zwischen wüsten Bücher- und Papierhaufen, die zu ordnen er an diesem Abende in Verzweiflung aufgegeben, und studierte, von der Außenwelt ganz abgeschlossen, an seiner morgenden, wenigstens stückweis geretteten Predigt. Der Andere stand, die heiße Stirn an die Fensterscheibe gepreßt, oben in der Jungfrau lauschigem Gemach, und zählte in peinlicher Ungeduld die Viertelstunden, wie sie der düstere, links über den Kirchhof hervorragende Thurm langsam und schläfrig zu ihm herüber wimmerte – schaute zu den Wolken auf, die rasch und geisterhaft an den funkelnden Sternbildern vorüber glitten, und horchte mit klopfendem Herzen dem leisesten Geräusch, das aus Garten oder Hofraum zu ihm herauf tönte.

Der Dritte aber, die scheue, angstdurchschauerte bebende Jungfrau, stand, die Hände krampfhaft auf den furchtsam wogenden Busen gefaltet, im kalten Zuge der Hausflur, und harrte in athemloser Erwartung des verlangten Zeichens.

Endlich – endlich wurden draußen leise, vorsichtige Schritte hörbar – dreimal klopfte es an – tick, tick, tick – tick, tick, tick – tick, tick, tick, und leise aber ohne Zögern erwiederte sie die Parole.

Kein Wort wurde gesprochen, rasch nur glitt sie die Treppe hinauf und kehrte nach wenigen Secunden mit einer in einen Mantel gehüllten, den Hut tief in die Augen gedrückten Gestalt wieder zurück.

»Hier, nehmen Sie, und Gott sei mit Ihnen,« flüsterte sie leise, und drückte dem Flüchtenden die kleine Börse, all' ihr Erspartes, in die Hand.

»Sophie,« sagte Wahlert, und eine eigene Rührung überkam sein sonst sanften Regungen nicht leicht zugängliches Herz – »ich weiß nicht – darf ich –«

»Nehmen Sie, die Augenblicke sind kostbar – es ist nur ein Darlehn, das sie mir in glücklicher Zeit zurückerstatten können.«

»Du mitleidsvoller Engel, aber nicht kränken will ich Dich jetzt durch kalte Weigerung – Dank – Dank, tausend Dank und – Lebewohl –«

Leise umfaßte sein Arm die zitternde willenlose Gestalt – er zog sie an sich und ein langer, glühender Kuß brannte auf den bleichen, kalten, unentweihten Lippen der Jungfrau.

Leise entzog sie sich endlich seiner Umarmung.

»Fort – fort –« flüsterte sie – »an jeden Augenblicke kann sich das Verderben hängen.«

Rasch, doch geräuschlos schob sie den schweren Riegel zurück – auch das Schloß wich, und ächzend öffnete sich die Thür – aber der Pastor oben vernahm nicht den Laut, der zu jeder Zeit seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte, tiefbrütend saß er über der schwülstigen Rede, die morgen in vernichtender Kraft von der Kanzel hernieder donnern sollte, und durch den Garten draußen, an der Hecke hin, den schmalen Pfad hinunter auf dem breiten Weg, der in's Dorf führte, und in dieses hinein, bis zu dem kleinen niedrigen, von breitästigen Kastanien beschatteten Häuschen des Doctors schritten rasch und wortlos zwei Männer und verschwanden bald in die, sich augenblicklich wieder hinter ihnen schließende Thür.

In ihrem Kämmerchen aber, das holde thränenfeuchte Angesicht fest, fest in die Kissen hineingeschmiegt, und die Brust nur von dem einen Gedanken, dem einen Bewußtsein tiefen unsäglichen Schmerzes erfüllt, lag die Jungfrau und weinte – weinte, als ob ihr von diesem Augenblicke an alle und jede Freude auf der weiten schönen Gotteswelt abgestorben und gebrochen wäre.

Achtes Kapitel.
Jägers Fritz und Schulmeisters Lieschen.

Es war ein freundlicher sonntägiger Frühlingsmorgen, der zweite April im Jahre unseres Herrn 1848, der Himmel spannte sich blau und sonnig über die schöne, blüthengeschmückte Erde, der Wald lag schlummernd unter der leichten, maigrünen Laubdecke, die Lerchen stiegen fröhlich wirbelnd empor aus der schon wogenden Wintersaat, und der Storch stand langbeinig und ernst oben auf dem Kirchendach, ließ sich nicht stören durch den munteren Krähenschwarm, der oben um den Thurmgiebel krächzte, und schaute gar bedächtig in das Dorf hinunter, als ob er selber neugierig wäre zu sehen, wer heute bei dem herrlichen, köstlichen Wetter wohl in die kalte, feuchte, dumpfige Kirche käme, um zu seinem Gott zu beten, und es nicht vorzöge, draußen im Freien, in jeder Blüthenknospe, in jedem zwitschernden, jubelnden Sänger des Waldes und Feldes seinen Schöpfer und Erhalter, seinen liebenden, sorgenden, waltenden Vater zu verehren.

Unten an den Glockensträngen hing eine Schaar jubelnder, ausgelassener Schulkinder, und riß an den hanfenen Seilen, während droben der Klöppel summend und dröhnend gegen seine metallene Hülle schlug, und manche geschäftige Mädchenhand eilte das Mieder rascher zu schnüren, und die bandgeschmückte Haube zu ordnen, manchen breitgeschweiften Hut in die struppige Stirn seines Eigenthümers drückte und ihm das schwarzhäutige Gebetbuch unter den Arm schob.

Und drüben, am dunkelgrünen Rande des Nadelholzes stand ein schlankes, scheues Reh, und lauschte vorsichtig nach den wohl oft gehörten, aber doch unbegriffenen Tönen hinüber; auch der Storch drehte manchmal den Kopf dem summenden Laute zu, als wenn er sehen wollte, ob es der Klöppel oben oder die wilde Jugend unten am ersten überdrüssig würde, und die Lerche jubelte harmonisch in den Klang hinein und hob sich, wie von den schwellenden Tönen getragen, höher und höher; die aber zitterten durch die blaue, weißhauchige Luft, über die thauschweren Blüthen und Halme hin, nach dem Wald hinüber, und dem hehrrauch gefülltem Thal; und in die fernen Schlüchte und Gründe, in die Zweige und Büsche hinein, schmiegte sich der Schall, und der Luftzug trug ihn fort, weiter, immer weiter hin in dem Aethermeer, bis er in blauer Ferne über die Halden, über die Hänge hin verschwamm, und Maiblumen und Veilchen nur noch wie ahnungsvoll und grüßend hinüber nickten, und die perlenschweren Kelche wiegten und schaukelten.

Fromme, oder wenigstens pünktliche Kirchengänger zogen die engen Pfade entlang dem Gotteshause zu, rothe gesundwangige Mädchengesichter, die Augen züchtig auf die blankgewichsten Schuhspitzen niedergesenkt, und gebeugte Greise, die schon die Zeit berechneten, wo sie in ihrem schmalen, letzten Haus den Pfad hinauf getragen würden, den sie jetzt noch alterschwach, aber nicht lebensmüde, – denn der junge Lenz pflanzte auch neue Hoffnung in ihre alten Herzen – hinauf wandelten.

Warm und wohlthuend schien die schon hoch über dem fernen Wald stehende Sonne in des Schulmeisters kleines, aber freundliches Gärtchen, das von seines Töchterleins fleißiger Hand gepflegt, der lieben Blumen und Blüthen gar viele und herrliche trieb; Frühtulpen und Narcissen, Veilchen und Aurikeln, Maiglöckchen und Leberblümchen wetteiferten im Farbenschmelz und süßem Duft, und Schulmeisters Töchterchen selber war nicht die unbedeutendste Blume in ihrem lieben, freundlichen Garten.

Niemand wußte das übrigens besser, als Fritz Holke, des Jägers ältester Sohn und Gehülfe, der erst kürzlich seinen Militairdienst beendet hatte, und nun hoffen durfte, in späterer Zeit entweder in seines Vaters Stelle bestätigt zu werden, oder doch irgend einen anderen Posten, der seinen Mann ernährte, zu erhalten. Um aber auf alle Fälle gesichert zu sein, glaubte er nichts Eiligeres zu thun zu haben, als sich nach einer künftigen Hausfrau schon bei Zeiten umzusehen, und seinem Geschmack machte es allerdings Ehre, daß er dazu Schulmeisters Lieschen gewählt. – Ein herzigeres Kind, eine bessere Tochter, ein rechtschaffeneres Mädchen gab es nicht im weiten schönen Land, und was ihr Aussehen betraf, so konnte sie mit den gesundheitfrischen Wangen und den schelmischen Grübchen drinn, den treublauen Augen und der schlanken fast zarten Gestalt, auch den Vergleich mit Mancher aushalten, die sich sonst vielleicht weit schöner und besser dünkte, als eben »Schulmeisters Lieschen.«

Bei Schulmeisters war schon Alles seit Tagesanbruch munter und geschäftig gewesen, und so früh es auch noch an der Zeit sein mochte, liefen doch die Kinder schon gewaschen und angezogen im Hause herum, in der frisch gescheuerten Schulstube, denn diese diente der ganzen Familie zum Aufenthalt, kräuselte sich der klare schneeige Sand, und auf dem Tisch lag ein schloßenweißes Tuch mit dem schwarzen Brod, der kernigen Butter und dem blinkenden Messer darauf, weil der Vater gern, ehe er in die Kirche ging, einen Imbiß nahm. Niemand Anderes als Lieschen hatte das Alles besorgt, jetzt aber schlüpfte das maifrische Kind selber zur Thür hinaus, durch den Garten, und stand bald, von einem Fliederbusch gedeckt in dem kleinen Pförtchen, das auf den in den Wald vorbeilaufenden Pfad hinausführte. Einen grünen Rock hatte sie am Fenster draußen vorbei gehen sehen, und aus dem Fliederbusch streckte sich ihr jetzt mit herzlichem Gruß eine Hand entgegen, und eine freundliche Stimme sagte:

»Guten Morgen, Lieschen, das ist brav von Dir, daß Du zum Morgengruß heraus kömmst, wir sehen uns doch so selten, und es ist Einem den ganzen Tag wohl, wenn man gleich in aller Frühe in ein so liebes Gesichtchen geschaut hat.«

»Guten Morgen, Fritz,« lächelte seine Braut, »aber Du böser Mensch, willst am heil'gen Sonntag, und mit der Flinte in den Wald? Ist das auch recht? – na, wenn Dich der Herr Pastor sähe, der würde ein schönes Gesicht schneiden.«

»Er hat mich gesehen,« lachte der junge Jäger, »ich war erst beim Gerichtsschreiber, wegen des Burschen, den wir gestern verfolgt haben, und mußte nun den Kirchweg herauf. Gewöhnlich ist der Pastor nicht am Fenster, heute aber stand es auf, und er daneben, mit einem Papier in der Hand; er sah auch gerade nach mir herüber. Ei, was schiert das mich – sein Geschäft ist in der Kirche, meines im Walde, und wenn wir Beide dem obliegen, kann sich keiner über den anderen beklagen.«

»Am Sonntage ist aber Deines auch in der Kirche,« sagte Lieschen; »wenn nun Alle so denken wollten, da käme ja weiter kein Mensch zur Predigt, als der Pastor und Schulmeister selber; das wär' eine schöne Kirche.«

Der Jäger lachte bei dem Gedanken, daß der Pastor einmal keinen weiteren Zuhörer hätte, als den Schulmeister, sagte aber, schmeichelnd die Hand streichelnd, die er noch immer in der seinen hielt:

»Laß gut sein, Lieschen, Du hast vielleicht Recht –«

»Nein, nicht vielleicht, ich –«

»Du hast gewiß recht, aber sieh, heute geht's nicht anders; der Strauchdieb, der wehrlose Frauen im Walde anfällt, muß jedenfalls wieder zurückgewechselt sein, und da will ich nur einmal abspüren, wo er hinein ist, denn in dem feuchten Graben kann man jede Fährte genau bestimmen. Geschweißt hat er auch, vielleicht machen wir ihn noch aus, ehe er weiteres Unheil anrichtet.«

»Du lieber Gott, sprichst Du doch da von einem Christenmenschen, als ob es nur ein unvernünftiges wildes Thier wäre.«

»Ei was, ein Schuft, der Frauen anfällt –«

»Aber er hat sie ja gar nicht angefallen – Herr Hennig –«

»Er hat sie nicht angefallen? – ist denn mein Vater nicht gerade dazu gekommen, wie er des Pastors Tochter gefaßt hatte und plündern wollte?«

»Aber laß mich doch nur erst ausreden, Fritz –« rief Lieschen eifrig – »Herr Hennig ist ja auch dabei gewesen, und mit Sophiechen Scheidler nachher nach Hause gegangen, und die muß es denn doch wohl am Besten wissen, ob sie angefallen ist oder nicht.«

»Man sollte es denken,« meinte der Jäger.

»Nun die also – Herr Hennig hat uns die ganze Geschichte gestern Abend bei Tische erzählt – behauptet steif und fest, er hätte sie nicht angefallen, sondern sei nur aus dem Walde auf sie zugetreten, um sie wahrscheinlich nach irgend einem Weg zu fragen, vielleicht auch um etwas anzusprechen, und da habe die Mamsell aus der Stadt gleich Zeter geschrien, Dein Vater aber, der gerade dazu gekommen, Feuer gegeben, als der Fremde, wohl über das Schreien erschreckt, eben in den Wald zurück fliehen wollte.«

»Hm, das klingt freilich anders, als der Vater mir erzählt hat, der meinte –«

»Dein Vater ist aber weit davon entfernt, und Sophiechen dicht dabei gewesen,« vertheidigte das Mädchen ihren Schützling, »die muß es also auch besser gesehen haben, und sie soll recht traurig gewesen sein, daß der arme Mensch so ohne alles Verschulden, vielleicht ihretwegen verwundet ist. Herrn Hennig war's eben so – der hat selber den ganzen Abend kein Wort weiter gesprochen, und wir mußten ihm das, was wir überhaupt von ihm heraus haben wollten, Sylbe bei Sylbe vom Herzen ziehen. – Ich weiß aber wohl warum, so dumm ist unser eines auch nicht.«

»Nun warum denn?« frug der Jäger erstaunt, »der Schulmeister hat doch mit der ganzen Geschichte weiter Nichts zu thun gehabt, als daß er dem Fräulein beigesprungen ist.«

»Ach bist Du blind,« seufzte mit komischem Mitleiden des Schulmeisters Töchterlein, »Hennig ist bis über die Ohren in Pastors Sophie verliebt, und geht nun so traurig herum, weil er die doch im ganzen Leben nicht bekommen kann.«

»Nicht bekommen kann? nun das sehe ich denn doch nicht ein,« sagte der Jäger, »wenn sie ihm wieder gut ist, was sollte sie da Beide hindern, sich zu heirathen?«

»Ein Schulmeister eine Pastorstochter?« entgegnete ihm kopfschüttelnd sein Bräutchen, »das mag wo anders Sitte sein, aber hier zu Lande im Leben nicht. Ach du lieber Gott, unser Herr Pastor seine Tochter einem Schulmeister zur Frau geben – na, ich möchte dabei sein, wenn er um sie anhielte.«

Der Jäger runzelte die Stirn und sagte finster:

»Ich möchte nur wissen, was ein Pastor denn so weit Besseres wäre, wie ein Schulmeister, – wenn Dein Vater uns Jungen nicht ordentlich erzogen und belehrt hätte, da sähe es jetzt wild im Dorfe aus, und der Herr Pastor könnte sich von der Kanzel herunter heiser schreien, es kehrte sich kein Mensch an ihn und seine Predigt. Ich will Dir auch etwas sagen, Lieschen, früher, wie wir uns noch nicht kannten, und wie mir der Schulmeister weiter Nichts war, als ›der Lehrer‹, um den sich die Jungen in späterer Zeit leider immer wenig genug kümmern, da war mir's auch einerlei, was so vom, und wie über den Schulmeister im Dorfe gesprochen wurde; aber schon, wie ich anfing Dir gut zu sein, ehe Du mich nur selber so recht freundlich angesehen hattest, ärgerte es mich, wenn es hier und da bei Gelegenheiten hieß – ›es ist nur der Schulmeister‹, oder ›wenn's der Herr Pastor will, der Schulmeister muß schon –‹, der ›Herr Schulmeister‹ fiel keinem Menschen ein zu sagen. Wie ich erst einmal auf der Spur war, kam ich auch bald weiter – ich dachte d'ran, wie wir Jungen es in der Schule gemacht, und was für Schläge ich einmal zu Hause von meinem Vater bekommen, als ich gegen den Schulmeister mit dem Pastor gedroht; jetzt erst sah ich, wie demüthig der Schulmeister den Herrn Pastor immer grüßte, und wie freundlich herablassend dieser dankte. Ei zum Donnerwetter, was ist denn der Pastor eigentlich besseres als der Schulmeister – daß er den Leuten etwa Sachen vorpredigt, von denen er eben auch nicht mehr weiß, wie wir anderen Menschen?« –

»Fritz – Fritz,« bat hier ernst das Mädchen, – »greif mir meinen Glauben nicht an, über die Menschen magst Du sagen, was Du willst, aber nicht über den.«

»Du hast recht, mein Herz,« sagte der junge Mann leicht besänftigt, »mir that es nur weh, daß auch Ihr selber, Du sowohl, wie Dein alter Vater, den Pastor ebenfalls für etwas Besonderes haltet, und Euch ordentlich vor ihm fürchtet. Doch das muß anders werden; in der Stadt drinn, wo ich vorgestern war, sprachen sie ganz offen davon, daß die Schule von der Kirche getrennt werden, und die Geistlichkeit mit dem Lehramt gleichgestellt werden sollte, nachher hört die Unterthänigkeit von selber auf. Es ist auch gerade so mit der edlen Jägerei – edel, lieber Gott, der Revierjäger wird gewöhnlich von dem gnädigen Herrn wie der Bediente behandelt, und Jäger sind wir fast gar nicht mehr, höchstens noch Forstläufer, die nach den Holzschlägern und Holzdieben sehen, und das Pflanzen der jungen Sprößlinge, wie die Auctionen der geschlagenen Klaftern und Haufen besorgen müssen – mir graust's vor dem Dienste.«

»Aber lieber Fritz,« sagte das Mädchen traurig, »jeder Stand hat doch seine –«

»Lieschen – Lieschen!« rief's in dem Augenblick aus dem Haus – »wo steckt denn das Blitzmädel wieder – Lieschen!«

»Ich muß in die Kirche,« sagte Lieschen rasch – »behüt' Dich Gott, Fritz, und – nicht wahr, wenn Du den armen Menschen im Walde triffst, so thust Du ihm nichts? Er ist gewiß unschuldig und vielleicht gar schwer verwundet.«

»Nummer 6.« lachte Fritz, »und auf 80 oder 90 Schritte, er wird's kaum gespürt haben, – adieu Lieschen, leb recht wohl, heut' Abend, wenn ich darf, komm ich ein halb Stündchen herüber, am Sonntag leidt's schon.«

Ein herzlicher Händedruck, ein flüchtiger halbgestohlener Kuß, und der junge Jägersmann schritt, zur unbändigen Freude seines Hundes, dem die Zeit hier am Gartenzaune schon entsetzlich lang geworden war, rüstig den Pfad entlang dem Holze zu; Lieschen aber schlüpfte rasch in's Haus, und ging bald darauf, züchtig und ehrsam über den kleinen Plan hinüber und in die große Kirchthür hinein, die ihrer Stube gerade gegenüber lag.

Der Vater war mit dem Hülfslehrer schon vorausgegangen, und die feierlichen Klänge der Orgel grüßten sie, als sie in das kleine, mit bunten Bildern, Ernte- und Todtenkränzen und grobgeschnitzten Statuen von Märtyrern und frommen freigebigen Rittern geschmückte Heiligthum trat.


Von dem Hügel aus, auf dem die Schenke stand, konnte man das ganze Rauschenthal nach Westen zu übersehen, und ein lieblicher Anblick war es, den die weite, fruchtbare, nur hie und da mit dunklen Waldschatten durchzogene, und im fernsten Hintergrund von blauen Bergwänden begrenzte Ebene dem Auge bot. Tief unten schäumte der Strom, aber nur da, wo er sich, etwas weiter südlich, in leisem Bogen nach der Försterwohnung hinüberzog, ließ sich ein kleiner Theil seines in der warmen Frühsonne blinkenden Wassers erkennen, sonst deckte theils der baumbepflanzte Hügel, theils die unten angebauten Häuser seine Fläche. Aber drüben, am anderen Ufer, wechselte dafür der Farbenschmuck der frisch keimenden Felder um so freundlicher und belebter; breite Rapsflächen stachen mit ihrem saftigen Grün wohlthuend gegen das düstere Braun der Sturzäcker ab, junger Kieferschlag umdämmerte weite langgedehnte Wiesengründe und mehr nach Norden hinauf, gerade zwischen dem schwarzen Nadelholz des diesseitigen, und dem noch unbelaubten Eichenhügel des jenseitigen Ufers hin, blitzte ein klarer, weidenumschlossener Wasserspiegel, der große herrschaftliche Fischteich des dicht benachbarten Gutes, wie eine glänzende Perle aus ihrer matt smaragdenen Fassung, leuchtend hervor.

Oben um die Schenke herum war Alles still und wie ausgestorben; des Pastors schwerstes Interdikt lag auf dem, der während der Kirche es gewagt hätte die Schenke zu betreten und es schien ordentlich als ob sich der Wirth selber scheute in seine eigene Stube hinein zu gehn, denn er trieb sich faul und schläfrig unter der Linde auf dem freien Platz vor seinem Haus herum, und schaute nur manchmal ungeduldig nach dem über die Pfarrwohnung vorragenden Kirchthurm hinüber, ob die Zeit denn noch nicht bald heranrücke, wo seine Gäste, aus der Kirche zurückgekehrt, ihre nicht mehr als billige Station in der Schenke machten.

Seine Frau und Mutter, und Magd und Knecht, alle waren sie fort, Gottes Wort zu hören und nur das eine gewährte ihm jetzt eine wirklich vollkommene Beruhigung, daß er heute einmal ganz hinlängliche Entschuldigung hatte nicht auf seinem Stuhl gerade vor der Kanzel (er war übrigens fest entschlossen den Platz von Ostern an aufzugeben und einen bescheidneren mehr seitwärts zu nehmen) zu sitzen und sich zwei volle Stunden lang die größt möglichste Mühe zu geben munter zu bleiben.

Im Garten aber, der westlich vom Hause und durch breitbuschige Hecken links von dem Dorfe und rechts von einem vorbeiführenden Wege abgeschnitten lag, saß auf einem kleinen sonnigen Rasenfleck, das Antlitz dem vor ihr ausgebreiteten lieblichen Thal zugewandt, die Schulter gegen einen stämmigen Aepfelbaum gelehnt, die Hände im Schooß gefaltet, den Kopf gesenkt, wie im Anschaun des Waldgrundes vertieft, doch aber auch wieder mit einem Blick, der nur an leerer Luft zu haften schien, Maria, die Tochter des alten Musikanten.

Lange hatte sie schweigend so dagelehnt, und wohl recht trübe traurige Gedanken mochten es sein, die dem armen kranken Kinde durch Herz und Seele zogen. Endlich strich sie sich mit der Hand, als ob sie dem Schmerze wehren wolle, über die Augen, seufzte tief auf und pflückte, wie um sich zu zerstreuen, ein paar neben ihr wachsende Veilchen ab. Doch auch das war nicht im Stande ihre Aufmerksamkeit zu fesseln; die Blüthen entfielen unbeachtet ihrer Hand, der Blick haftete wieder fest und seelenlos am fernen Horizont und die Lippen öffneten sich endlich zu einem leisen schwermüthigen Lied, das sie mit wunderbar klangvoller aber nur halblauter Stimme sang und die beiden zarten Hände dabei fest und krampfhaft auf dem Herzen faltete:

»So will ich denn nun von hinnen gehn,
Und will Dich auf immer verlassen;
Gebrochen hast Du mir Deinen Schwur
Ich sollte Dich eigentlich hassen.
Doch kann ich es nicht; Erinnerung bleibt
Von früheren lieberen Tagen,
Es war ja doch meine schönste Zeit
Als ich dich im Herzen getragen.
Ich sage als – ach Du lieber Gott
Ich thue das ja noch immer,
Und wenn ich Dir auch entsagen muß –
Vergessen kann ich Dich nimmer.«

»Na, laß du nur den Pastor über dich kommen« rief da plötzlich eine rauhe mürrische Stimme hinter ihr – »der würde Dir's Handwerk legen, während der Kirche zu singen.«

»Singt er nicht auch in seiner Kirche?« frug die Tochter, ohne ihre Stellung zu verändern oder auch nur den Kopf empor zu heben, »warum ich nicht in der meinen

»Nein« lachte der alte Mann und schaute mit einem halb verächtlichen, halb spöttischen Blick nach der Kirche hinüber – »Da thust Du denen unrecht, wenn Du sagst sie sängen; ich bin einen Augenblick drin gewesen, konnte aber das Gebrüll keine zehn Minuten aushalten. Herr, Du mein Gott und davon sind die Menschen erbaut, das soll sie erheben. Der Schulmeister spielte wunderschön die Orgel, das muß man ihm lassen, aber von der Gemeinde schrie einer da und einer dort hinaus, und wenn er gar einmal wie es ihm gerade in Fingern und Gefühl lag, einen halben Takt länger Pause hielt, dann hätt'st Du das Nebenbei schrein der Lümmel, das Kopfschütteln vom Pastor auf der Kanzel und das Kichern und Lachen von den Jungen auf dem Chor hören und sehn sollen. – Es war mir ordentlich wohl, wie ich wieder vor der Thür draußen stand.«

»Und was hast Du ausgerichtet?« frug ihn die Tochter.

»Ausgerichtet? – ei, eine ganze Menge – aber wie gewöhnlich nicht viel Gutes – wär's mit dem Morgenconcert heute etwas geworden, so hätten wir gleich wieder auf eine Zeitlang zu leben; Du glaubst gar nicht wie sich die Leute im Dorfe, besonders im Stadtviertel freuten, als ich es ihnen sagte, und wie sie mir versprachen zu kommen. – Daß es der Pastor verbieten würde, daran dachte ich ja doch mit keiner Sylbe, aber mein Seel, muß mich das Unglück auch gerade in dem Augenblick zum Apotheker 'nein führen, wie der Pastor drinne sitzt und eine Tasse Kaffee trinkt, und kaum hört der von meiner Einladung, als er sich in die Brust wirft und mir gerade zu erklärt aus einem Morgenconcert in seinem Dorfe könne Sonntags unter keiner Bedingung etwas werden, das lenkte die Kirchgänger nur von ihrer Andacht ab, oder verhinderte sie wohl gar im Gotteshause zu erscheinen. Ich protestirte; sagte ihm daß ich schon meine ganzen Einladungen gemacht hätte – ja Du lieber Himmel, was kehrte sich der Herr Pastor daran, ob ein so armer Lump von Musikant noch einmal bis zehn Uhr Nachts, und mit leerem Magen im Dorf herum laufen und das selbst wieder abbestellen und zerstören muß, was ihm morgen doch wenigstens ein paar Groschen zu Brod gebracht hätte. Herr Du mein Gott, s'ist doch gerade zum aus der Haut fahren, wenn sich jetzt auch noch die Pastoren den Musikanten quer vor's Handwerk legen. – Aber zum Henker – was ärgere ich mich denn auch eigentlich über den Quark – giebt's denn auf der Welt etwa ein vortrefflicheres Leben als das unsere?

»Wo er naht, da tanzt man eben,
Durch das ganze Land,
Ist es nicht ein herrlich Leben
So ein Musikant?«
»Darum, sei's auch noch so schlimm hier,
Bleibt's der schönste Stand,
Und wenn's angeht, Mädchen, nimm Dir
Nur 'nen Musikant! – Juchhe!«

»Und die andern Spielleute?« frug die Tochter leise.

»Die lachten als ich es ihnen sagte, und meinten, das hätten sie vorher gewußt, da müßten sie ihr Prachtexemplar von einem Pastor nicht kennen. Die haben aber gut lachen, die sitzen warm und sicher, und denen ists einerlei, ob sie heute ein paar Groschen verdienen oder nicht – bei mir wird's aber zur Lebens- oder vielmehr zur Morgensfrage.«

Die Beiden schwiegen und starrten, Jedes in seine Gedanken vertieft, in das schöne sonnige Thal hinaus, und das eigene Herz mußte Ihnen, im Gegensatz zu all der Herrlichkeit, die sie umgab, wohl noch viel trüber und trauriger erscheinen. Endlich flüsterte Marie, als ob sie sich fürchte, die Frage laut zu thun –

»Und wie wird es hier mit uns? – in der Schenke können wir doch nicht bleiben, Du weißt was uns der Wirth gesagt hat?«

»Das hab' ich abgemacht.«

»Abgemacht?«

»Nun, nicht etwa mit baarem Gelde,« lachte der Musikant, »aber der Wirth will uns Nichts abnehmen, wenn wir heute Nachmittag, nach der Kirche heißt das, und sobald die Gäste heraufkommen, ein Stündchen musiciren. Ich spiele und Du singst – aber Marie – Du hast die Nacht wieder recht gehustet, wirst Du auch bei Stimme sein? – es schadet Dir doch nicht?«

Das Mädchen lächelte wehmüthig und sagte leise, während es sich vom Vater abwandte:

»Was soll mir's schaden – doch Vater –« fuhr sie, nach leichtem Zögern und mit leiserer Stimme fort – »weißt Du wem das Gut hier gehört?«

Der Alte nickte nur einfach mit dem Kopf, und brummte endlich ein mürrisches:

»Ja – was solls?«

»So laß uns lieber fort von hier ziehn« – bat die Tochter – »ich möchte nicht hier bleiben, wenn wir hoffen dürften, wo anders unser Brod zu finden.«

»Wir dürfen aber nicht hoffen, wo anders unser Brod zu finden, Mamsell!« rief der Vater heftig und sah sie mit finsteren Blicken an. »Zum Donnerwetter über das ewige Nasenrümpfen – überall stehts der Dame nicht an – einmal ist ihr die Gesellschaft zu schlecht, einmal der Ort selber nicht recht und bald dieß bald das nicht; zum Teufel, ich habe das Herumziehn jetzt satt – hier ist mir Hoffnung geboten, wenigstens den Sommer hindurch aushalten zu können, und hier blieb ich, wenn selbst zehn und zwanzig solche alte Halunken wie der Oberpostdirektor hier lebten; der wird uns schon aus dem Wege gehn, und wir brauchen ihn ebenfalls nicht aufzusuchen.«

»Aber Vater!«

»HeiligesHimmelDonnerwetter jetzt halt das Maul!« zankte der rohe Alte und streckte drohend den Arm gegen das Mädchen aus – »komm' mir noch einmal mit solch albernen Vorschlägen und sieh was ich thue. – Unsinn verdammter« brummte er dann, und wie sich selbst zu beschwichtigen, hinter drein – »jetzt wieder fort von hier zu gehen, wo's grade anfängt gut zu werden – na weiter fehlte mir gar Nichts. Die Aussichten sind jetzt gerade vortrefflich. Erstlich hab' ich für uns, unten im Dorfe d'rin, ein kleines Kämmerchen gemiethet, wovon wir den Zins wenigstens nicht gleich zu zahlen brauchen, und dann ist heute Abend hier oben Tanz, wobei ich, durch des alten Schulmeisters Verwendung, ebenfalls mit angenommen bin; ein paar Groschen wirft's da doch immer ab, theuer scheint's hier im Orte auch nicht zu sein, und da werden wir also wohl auch nicht gleich verhungern.«

»Vater« sagte das Mädchen, das in tiefen Gedanken verloren eine lange Weile schweigend vor sich nieder starrte, »Vater, hast Du Nichts wieder von – von dem Manne gehört, den sie gestern in den Wald hinein verfolgten?«

»Ich! – nein – doch ja, beim Schulmeister sprachen sie noch gestern Abend davon; der soll des Pastors Tochter und noch so eine andere Mamsell angefallen, und der gerade dazu gekommene Jäger auf ihn geschossen haben; nachher meinten sie, wär' er hier dem Dorfe zu geflüchtet, sie sind aber von seiner Spur abgekommen. Soviel weiß ich, erwischt ist er noch nicht – aber weshalb fragst Du?«

»O um Nichts – ich dachte nur gerade an ihn – komm Vater, wir wollen hier fortgehn, die Kirche ist aus, und die Leute kommen den Berg herauf.«

Sie stand auf und schritt langsam, unter den Obstbäumen hin, den Garten hinab, als ihr der Vater noch nachrief.

»Lauf aber nicht weit – der Wirth hat uns auch heute Mittag einen Teller warme Suppe versprochen – das geht mit ein.«

Sie nickte nur schweigend, daß sie es gehört, und verschwand dann durch die kleine Pforte, die hinaus auf den Hügel führte, der Musikant aber, in den Gedanken an die Suppe vertieft, und nur einen sehnsüchtigen Blick nach der Thurmuhr werfend, wie lange Zeit er bis zum Empfang derselben noch etwa zu warten habe, schritt langsam am Wirthshaus vorbei in's Dorf hinein, und summte dabei leise vor sich hin:

»Es strebt die Seele himmelwärts,
Hinauf, hinauf, zu höh'rer Sphäre,
O Gott, wie wollt' ich dichten, Herz –
Wenn ich nicht manchmal hungrig wäre!«

Neuntes Kapitel.
Die Schule.

Der Nachmittagsgottesdienst war vorüber, Schulmeister Kleinholz hatte an Pastors Statt Betstunde gehalten, die dafür bestimmte Abtheilung der Schuljugend die Kirche ausgelauten, und aus dem »Stadtviertel« sowohl, wie aus dem Orte selbst belebten, des reizenden Tages sich freuend, Spaziergänger die Wege und Hänge, die nach dem Rauschenbett hinabliefen und die reizende Aussicht über das frühlingslichte Thal gewährten. Nur in der Schule saßen die Bewohner derselben noch in ihrer Sonntagsruhe um den weißgescheuerten Tisch herum, auf dem die braunglänzende Kanne mit den blaugeblümten Tassen und den blankgeputzten zinnernen Löffeln prangte, und den nicht asiatischen, sondern mehr vaterländischen Duft von gebrannten Möhren (die nichtsdestoweniger den fremdländischen Namen Kaffee trugen) zur Decke emporqualmte, daß er in den freundlichen Sonnenstrahlen, die schräg durch das geöffnete Fenster hereinfielen, allerlei wunderlich phantastisch wechselnde Figuren und Gestalten bildete.

Wenn aber selbst Bediente und Lakaien, ja sogar das Gesinde der Ritter- und Bauergüter ihre eigene Stube haben, wo sie nach des Tages Last und Arbeit zusammenkommen können und dem lästigen Gewirr enthoben sind, so war der Schulmeister, den die Gemeinde von Horneck direct, das ganze Land aber indirect einen Theil seiner heranwachsenden Bevölkerung mit dem Theuersten, was er besitzt, mit Geist und Herz, vertraut und übergeben hatte, kein solcher Raum angewiesen, in dem er wenigstens menschlich existiren konnte.

Der Schulmeister von Horneck war mit seiner ganzen Häuslichkeit einzig und allein auf die allgemeine Schulstube beschränkt.

Außer dieser besaß er, zu seiner eigenen Verfügung gestellt, nur ein kleines, kaum an Raum hinlängliches Käfterchen, wo er mit den Seinen, mit all seinen Kindern schlafen konnte – ein anderer, ebenfalls unter das Dach gedrückter und noch viel kleinerer Raum konnte dem Hülfslehrer angewiesen werden, und die dunstige Schulstube, die überdies so feucht lag, daß alle zwei Jahre neue Dielen gelegt werden mußten, [1] war Wohn-, Studier- und Kinderstube des armen Schulmeisterleins. Der Pastor hatte hinlängliche Räumlichkeit, ja, ihm ist sogar im Gesetz ein Platz zur Studierstube ausdrücklich bestimmt; daß aber der Lehrer, der sich doch auf seine Stunden ebenfalls, und eigentlich mehr noch vorbereiten muß als der Pastor auf die allwöchentliche – Gott weiß am Besten wie oft schale und wässerige – Predigt – daß dieser, sage ich auch, ein Zimmer haben sollte, in dem er ungestört von Kinderlärm existiren, wo er die kurze Zeit wenigstens, während er keinen Unterricht giebt, eine reine, gesunde Luft athmen müsse, um nicht erst körperlich und dadurch endlich auch geistig zu Grunde zu gehen, das scheint den Herren bis jetzt keineswegs eine dringende Nothwendigkeit gewesen zu sein. Ich weiß allerdings recht gut, daß es in den meisten Schulwohnungen wirklich der Fall ist, aber nicht geringere Schmach trifft deshalb, wenn das auch nur an einem einzigen Orte geduldet werden konnte, die, deren Aufsicht dort die Bildung der Jugend anvertraut worden.

Wenn auch Hennig besonders darauf sah, daß die Stube fortwährend gelüftet wurde, und Lieschen das Ganze so reinlich hielt, wie es nur möglicher Weise gehalten werden konnte, der eigenthümliche Dunst, der zuerst von den feuchten Dielen ausging, und dann überhaupt auch einer Schulstube immer eigen ist, konnte durch alle Vorkehrungen und Anstrengungen nicht abgehalten, oder wenn er sich gebildet hatte – entfernt werden – die Brust vermochte in der schweren Atmosphäre nicht frei zu athmen, und nur die Gewohnheit war im Stande, eine Existenz an solchem Orte einigermaßen erträglich zu machen.

Die Ecke hinter dem Ofen diente der ganzen Familie, wie auch dem Hülfslehrer, der in seinem Schlafkäfterchen keinen Raum hatte, einen Arbeitstisch aufzustellen, zum gewöhnlichen Aufenthalte, und nur wenn Hennig etwas recht Nothwendiges zu arbeiten hatte, was eben unten nicht möglich war, dann ging er hinüber zum Diaconus, der ihm das erlaubt hatte, und benutzte dessen freundlich sonniges Stübchen.

Daß aber die arme Schulmeisters Familie unter solchen Verhältnissen von einer bequemen und nur einigermaßen freundlichen Wohnlichkeit absehen mußte, versteht sich von selbst. Die sämmtlichen Möbeln, die sie hier möglicher Weise aufstellen konnten, bestanden in einer großen Kommode, die zugleich zum Bücherschrank und zur Speisekammer diente, in drei Holzstühlen, einem festen Tisch von Eichenholz und einem in der Ecke befestigten abgerundeten Bret, auf dem eine grüne Glasflasche mit hineingestecktem halb niedergebrannten Talglicht und ein irdener Wasserkrug standen. In diesem engen Raume, der von der allgemeinen Schulstube gerade auf dieselbe Art geschieden war, wie man wüste Territorien und Länder von einander scheidet – durch eine gedachte Linie – lebte Vater Kleinholz mit sieben lebendigen, regen, muntern und durch Lieschen's aufopfernden und nimmer rastenden Fleiß auch reinlich gehaltenen Kindern. Seine zweite Frau, die Mutter seiner Kinder, hatte er vor wenigen Sommern zu Grabe getragen.

Vater Kleinholz lebte dort, sagte ich, d. h. er existirte – aber wie? – Auf welche Art wurde ein Leben erhalten, das von einer ganzen Gemeinde bestimmt war, die Jugend zu braven, wackeren und tüchtigen Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden?

Ursprünglich war der ganze Gehalt, den der Mann für seine Leistungen als Schulmeister, Organist, Kirchner oder Küstner und Glöckner bezog, Einhundert und funfzig Thaler gewesen – und es ist das nicht etwa eine der schlechtesten Stellen unseres Vaterlandes, denn sie gehen bis zu hundert und zwanzig Thaler jährlich, ja wohl noch tiefer hinunter. Papa Kleinholz gehörte aber zu den wenigen Menschen, die außer dem Nothwendigsten, keine Bedürfnisse kennen. Mit wenig Kenntnissen allerdings ausgestattet, machte er aber auch dafür wenig Ansprüche, schien zufrieden, wenn er so viel hatte, wie der geringste Tagelöhner zum Leben brauchte (und auf mehr konnte er mit seiner großen Kinderzahl auch kaum rechnen) und that seine Pflicht, so viel das in seinen Kräften stand und mit so freudigem Eifer wie nur irgend ein anderer Schulmeister im weiten Lande. Die Kinderzahl im Dorfe nahm aber in demselben Verhältnisse fast zu, als seine Kräfte abnahmen, es wurde deshalb nöthig, ihm wenigstens einen Hülfslehrer zu geben, und zu der Zeit und gleich nach seiner Frau Tod war Hennig hierher berufen worden.

Die Stelle selbst trug jedoch nur 150 Thaler, die Regierung legt in solchem Falle Nichts hinzu, die Gemeinde kann es nicht, und das, was der ganzen Gemeinde als unmöglich zugestanden wirdmuß der arme Schullehrer mit seiner großen Familie und seinen 150 Thalern allein bestreiten. Papa Kleinholz hatte an den Hülfslehrer Hennig 40 Thaler abzugeben und ihn in Kost und Logis zu nehmen.

Von dieser Zeit an begann eine schwere sorgenvolle Zeit für den armen alten Mann, und sie wäre wohl noch viel schwerer und sorgenvoller geworden, hätte er an Hennig nicht einen so wackeren und gutmüthigen Gehülfen gefunden, der wirklich Alles that, was in seinen Kräften stand (wenn das auch noch so wenig sein mochte) ihm seine trübe Lage zu erleichtern. Der Druck des ihm vorgesetzten Geistlichen lag damals auch sehr gewichtig auf dem armen, so schon genug geplagten Greis, das aber empfand er weit weniger als vielleicht mancher Andere an seiner Stelle. Aufgewachsen im alten Zwang und an die fast knechtische Ehrfurcht gegen den geistlichen Vorgesetzten gewöhnt, fühlte er nicht das oft Demüthigende und Unwürdige einer solchen Behandlung und freute sich nur, wenn ihm einmal ein wohlgefälliges Lächeln, ein Wort der Zufriedenheit – und wie selten wurde das dem armen alten Manne – für unausgesetztes Mühen und Leiden lohnte.

Nur das eine machte ihm manchmal Sorge und trübte den sonst so klaren Blick, wenn er in die Zukunft hinüberschauen wollte – der Gedanke an seinen Tod, und was dann aus den Seinen werden sollte, oder – das noch fast Schlimmere – wenn er die Zeit überleben würde, in der er wirken und schaffen konnte, und nun – emeritirt, das heißt mit einem Drittel seines jetzigen Gehaltes, also mit funfzig Thalern jährlich – in Ruhestand versetzt worden wäre – Funfzig Thaler und sieben Kinder – selbst der alte geduldige Mann schüttelte bei dem Gedanken den Kopf und es kam ihm dann manchmal vor, als ob sein Stand doch ein recht schwerer und keineswegs hinlänglich und ausreichend belohnender sei. Doch vertraute er auch in der Hinsicht wieder vollkommen auf eben seinen Vorgesetzten, denn Pastor Scheidler hatte ihn mehr als einmal und zwar unaufgefordert versichert, er würde später, wenn er, der Schulmeister, einmal nicht mehr so recht ordentlich fort könnte, Alles thun, was in seinen Kräften stehe, ihn zu unterstützen – und was stand nicht Alles in den Kräften eines so einflußreichen Mannes – oho, für Papa Kleinholz war hinreichend gesorgt, der brauchte sich keinen unnöthigen und unzeitigen Kummer zu machen.

Diese stille, anspruchslose hoffende Zufriedenheit sprach sich denn auch nicht allein in seinem Wesen und Charakter, sondern auch in seiner ganzen sonstigen Umgebung vollkommen und deutlich aus. Selbst das kleine Winkelchen, was ihm in der dunstigen Schulstube zum eigenen Aufenthaltsort gelassen worden, war mit den wenigen Mitteln, die ihm zu Gebote standen, ausgestattet, ja ausgeschmückt. Auf der breitbauchigen Kommode – wahrscheinlich einem alten Erbstück vergangener Zeiten – stand in der Mitte ein großer Pokal aus gegossenem Glas, ein Hochzeitsgeschenk seiner Gemeinde; daneben lehnten in zwei langen Biergläsern (von denen das eine aber gesprungen und mit Bindfaden wieder gebunden war) zwei lange braunfedrige Schilfblüthenbüschel und über dem Ganzen hing ein breiter Kranz von gelben und rothen Strohblumen, mit einem großen weißen K in seiner Mitte.

Ein kleiner Spiegel in roth lackirtem Rahmen, der die ihm anvertrauten Gesichter auf das Scheußlichste entstellt zurückgab, vollendete den ganzen Zierrath des sonst in jeder Beziehung ungemüthlichen Raumes, und selbst der morsche, mit zerrissenem Lederwerk überzogene alterschwache Sorgenstuhl des Papa Kleinholz vermochte nur wenig dazu beizutragen, diesem Orte auch das Aussehn zu geben, als ob er wirklich dazu bestimmt sei, einem Manne zur bleibenden Stätte zu dienen, von dem man als Lehrer jedenfalls Bildung erwarten und verlangen konnte.

Papa Kleinholz saß in diesem Sorgenstuhle – neben ihm auf dem schmalen Tische dampfte seine zweite Tasse Kaffee, in den er heute, als an einem Sonntage, von dem wirthschaftlichen Lieschen auch Sahne bekommen hatte (welcher Luxusartikel sich übrigens keineswegs auf den übrigen Theil der Familie mit ausdehnte) und sein Blick hing sinnend und ernst an dem verblichenen, wohl schon Jahre alten Kranz, der sicherlich irgend einen der wenigen und bescheidenen Freudentage in sein Gedächtniß zurückrief, die eine frühere Zeit für ihn gehabt, denn jetzt, armer alter Mann, wo Du eigentlich den Lohn Deines jahrelangen Mühen und Fleißes erndten solltest, jetzt lag das Leben trüb und traurig vor Dir und seine Rosen blühten nur in der Vergangenheit.

Der Hülfslehrer Hennig stand mit Lieschen an dem einen Fenster, das auf den schmalen betretenen Pfad nach der Pfarrwohnung hinaussah, und das stets muntere lebensfrohe Mädchen – lebensfroh in ihrer freudigen Hoffnung und Zuversicht auf eine bessere Zukunft – war emsig bemüht, dem, besonders seit einigen Tagen auffällig ernsten und fast schwermüthigen jungen Mann etwas aufzuheitern und womöglich auch die Ursache seines Trübsinns nicht erst zu erfahren – nein, die wußte sie, wie wir früher gesehen haben, schon lange – nur von seinen eigenen Lippen und mit seinen eigenen Worten zu hören.

Hennig blieb aber still und schweigsam, antwortete ihr auf ihre Fragen nur einsylbig und schien überhaupt viel lieber seinem eigenen Nachdenken überlassen zu bleiben, als diesem, und damit auch vielleicht den zugleich heraufbeschworenen Bildern und Phantasien entzogen zu werden. Er hielt ein Zeitungsblatt, das er vorher gar aufmerksam wohl drei bis vier Mal durchgelesen, in der Hand.

Die Kinder spielten draußen auf dem sonnigen Plane, bauten (denn Herr Hennig hatte ihnen das in den letzten Stunden ausführlich erklärt und beschrieben, wie es jetzt in den großen Hauptstädten Deutschlands hergegangen sei) aus Trögen, Bänken, Sägeböcken und Bretstücken Barrikaden und Festungen und stürmten diese, wenn kaum errichtet, nach Herzenslust.

Da klopfte es an die Thür der Schulstube, und auf das rasche »Herein« öffnete sie Pastors Köchin, die gerade aus der Küche vom Aufwasch zu kommen und in größter Eile zu sein schien, nur eben weit genug, um in ihrer derben, aber nichtsdestoweniger freundlichen Art hereinrufen zu können:

»Gott griß Uech mitenanger – der Schulmeester sulle doch mit 'em Herrn Hennig uffn Ogenblick nach'm Herrn Pastor 'riber kommen, er hätte emm was ze sagen.«

Und ohne weitere Antwort abzuwarten, und überzeugt, daß sich die Erfüllung der Aufforderung ganz von selbst verstände, drückte Rieke die Thür wieder in's Schloß, und lief spornstreichs zu Hause zurück, um dort mit ihrer Arbeit bei Zeiten fertig zu werden, und heute Abend den angekündigten Tanz ja nicht zu versäumen.

»Zum Herrn Pastor?« sagte Kleinholz und setzte verwundert die Kanne nieder, die er eben gehoben hatte, seine dritte und letzte Tasse einzuschenken – »ich denke, der ist in die Stadt gefahren, wozu hätte ich denn sonst heute Nachmittag in der Kirche lesen müssen?«

»Der Herr Pastor wird wohl den Nachmittag ein Bischen geschlafen haben,« sagte da Lieschen – »Carl warf sich die Nacht so im Bette herum, und wie ich aufstand, sah ich drüben in der Pfarre noch Licht – der Strahl fällt hinüber auf das gegenüber liegende Scheunendach und man konnte es von oben aus deutlich erkennen – wahrscheinlich ist er spät aufgeblieben, um seine Predigt zu studieren.«

»Was werden wir denn da nur sollen?« sagte Papa Kleinholz, und stand etwas ängstlich von seinem Stuhle auf, »ich weiß doch nicht, daß etwas vorgefallen wäre.«

»Aber, lieber Vater, so trink doch nur erst deinen Kaffee,« bat Lieschen, »er wird Dir ja ganz kalt bis Du wieder herüber kommst, und gewärmt schmeckt er doch auch nicht.«

»Nein, der Herr Pastor wartet,« sagte der alte Mann, und schaute sich nach seinem Hute um; »er ist so, wenn auch ohne meine Schuld, böse auf mich.«

»Trinken Sie nur erst Ihren Kaffee, Herr Kleinholz,« bat ihn jetzt aber auch Hennig, »ich gehe keinen Schritt eher aus der Stube – der Pastor mag warten.«

»Ja aber Kinder,« bat der Greis – »ich weiß doch nicht –«

»Ungehorsam wird nicht geduldet,« lachte Lieschen, faßte den Vater an den Schultern und zog den nur noch schwach Widerstrebenden langsam in seinen Stuhl zurück.

»Wenn ich nur wüßte, was er von uns will,« sagte der alte Mann, nachdem er den heißen Trank mit größtem Eifer eine Weile geblasen hatte, bis ihm selbst die Pfeife darüber ausgegangen war – »Sonntag Nachmittag – das ist doch etwas ganz Außergewöhnliches – und wir alle Beide.«

»Machen Sie sich keine Sorge, guter Herr Kleinholz,« lächelte Hennig, als er das ängstliche Gesicht selbst des armen Lieschen bemerkte, das durch des Vaters Angst angesteckt schon nichts Geringeres befürchtete, als eine strenge Strafpredigt, weil ihr Fritz heute auf die Jagd gegangen. Daß ihr Vater und der Hülfslehrer deshalb gar nicht verantwortlich sein könnten, fiel dem armen Kinde nicht einmal ein, es war das Einzige auf der weiten Gotteswelt, was ihr Gewissen drückte, und all' ihre Angst und Sorge um den armen Jungen, ihren Fritz, der ja doch wohl nur geglaubt hatte, seine Schuldigkeit zu thun, lag in dem ängstlich scheuen Blick, den sie auf den Hülfslehrer wandte, als ob sie von dem ihrem Vater an Kenntnissen weit überlegenen jungen Manne, der überdieß in der Residenz erzogen und ein »Städter« war, Trost und Hülfe erwarte.

Doch auch dieser stand jetzt, den Ellbogen gegen die Wand, und die Stirn in seine Hand gestützt, am Fenster, und schaute in trübem Sinnen über das kleine Gärtchen hinaus nach dem fernen Schwarzholz hinüber; ja selbst die Kinder hatten aufgehört zu spielen, als sie Pastors Köchin in die Schulstube gehen sahen, und eine so gedrückte, ängstliche Stimmung herrschte plötzlich in dem noch vor wenig Augenblicken so freundlich stillen Raum, daß sich auch Lieschen nicht mehr widersetzte, als der Vater noch im Aufstehen seine Tasse leerte, die Kanne zurückschob und nach seinem Hute griff.

»Kommen Sie, Hennig, wir wollen doch sehen, was der Herr Pastor von uns will!«

»Ich kann mir's etwa denken,« erwiederte Hennig, während er seinem Beispiel folgte, und langsam zur Thüre schritt.

»Denken?« frug Lieschen schnell, wurde aber plötzlich feuerroth und schwieg, Hennig, der ihr Erröthen jedoch nicht bemerkte, sagte halb lachend:

»Eine Ermahnung wird's sein, uns, als würdige Diener der Kirche, von der politischen Bewegung der Gegenwart fern zu halten – nicht daran zu denken, uns von unserer Mutter – der Kirche nämlich – los zu sagen, wie das gottlose Menschen in der Welt draußen gethan, und, wie bisher, liebe folgsame, geduldige Schaafe zu sein – unter unserem Hirten, dem Herrn – das wird's sein, was er uns zu sagen wünscht.«

»Ja aber solche Sachen wollen wir gar nicht«, lächelte Papa Kleinholz schon bei dem Gedanken an einen derartigen Frevel – »Du lieber Gott, wir sind hier zufrieden, wenn uns die Menschen nur in Ruhe lassen, wir selber wollen gern nicht mit Ihnen anbinden, nicht wahr, Hennig?«

»Was hülfe es uns auch, – was hülf' es dem Einzelnen?« sagte Hennig mit tiefem schmerzlichen Seufzer, »die Stimme eines armen Dorfschulmeisters würde verhallen, wie eine Stimme in der Wüste, und – wer weiß, ob unser Loos nicht nachher noch am Ende gar ein schlimmeres, gedrückteres würde, – aber kommen Sie, kommen Sie, – wir werden ja hören.«

Die Männer schritten rasch der Pfarrerwohnung zu, Lieschen aber trat an's Fenster, von wo sie den Weg dorthin überschauen konnte, und so lange sie im Stande war, ihnen mit den Augen zu folgen, geschah das, als sie aber um die Kirche herumgebogen waren, schlich sie wieder zurück zu ihrem Nähplätzchen, wo der Holunder schon seine frischen Blätter gegen die Scheiben drückte, stützte da das kleine Köpfchen in die Hand, und sann und sann, und ward endlich sogar unwillig über sich selbst, daß sie gar nicht heraus bekommen konnte, weshalb sie eigentlich heute nur so traurig und betrübt wäre.


In des Pfarrers Studierstübchen, wo indessen die Papiere und Bücher wieder mit manchem schweren Seufzer, und mancher leise, ganz leise geflüsterten, aber deshalb nicht weniger herzlich gemeinten Verwünschung, geordnet waren, saß in der einen Ecke des Sophas der Herr Pastor Scheidler, in der anderen, aber wie aus ehrerbietiger Scheu auf der kleinsten, unbedeutendsten Ecke, die sein Gewicht kaum noch zu tragen im Stande war, Papa Kleinholz, der Schulmeister. Vor dem Tisch dagegen, auf hingerücktem Stuhl, Hennig, und am Fenster lehnte, ein Buch durchblätternd, ohne dem Inhalt jedoch viel Aufmerksamkeit zu schenken, der Diaconus.

»Lieber Schulmeister,« sagte endlich der Pastor, nachdem die ersten höflichen Begrüßungen und Gesundheitsfragen vorüber waren, und er den Männern jedem eine Cigarre angeboten hatte, die sich der Diaconus gleich am Feuerzeug anbrannte, während sie die beiden Schullehrer unangezündet in der Hand behielten – »ich hab Sie blos rufen lassen, um einmal ein paar Worte mit Ihnen und Herrn Hennig über die Tagesfragen, die uns denn doch immer dringender an's Herz gelegt werden, zu sprechen. Sie haben sicherlich schon über das neue Verhältniß nachgedacht, lieber Kleinholz, das mein' ich, was da entstehen wird, wenn man Kirche und Schule von einandergerissen hat, wie es die Neuerer so gerne heut' zu Tage wollen, und wie selbst in letzterer Zeit in Ihrem eigenen Stande – ich will nur Kell in Leipzig nennen – Stimmen laut geworden sind, die ihrer Collegen Herzen für diese angebliche Freiheit zu entflammen suchen – Sie haben sicherlich, sag' ich, schon darüber nachgedacht?«

»Ich? – Bitt' um Verzeihung, noch im Leben nicht,« rief Vater Kleinholz so rasch, und in so augenscheinlicher Verlegenheit, daß sich der Diaconus, ein Lächeln auf den Lippen, ab und dem Fenster zuwandte, und Hennig blutroth – aus Scham für seinen alten Freund – wurde.

»Das wäre in der That viel,« lächelte freundlich, die Hände dabei gefaltet, und die beiden Daumen fest gegeneinander gestemmt, der Pastor – »sehr viel, und ein seltenes Beispiel für unsere aufgeregte Zeit; – aber Sie doch wohl dagegen desto mehr, Herr Hennig,« und sein forschender Blick haftete, unter den kurzen borstigen Brauen vor, scharf und beobachtend auf dem Hülfslehrer.

»Allerdings Herr Pastor, kann ich nicht läugnen, daß mich die Sache, besonders in den letzten Tagen viel beschäftigt hat«, sagte Hennig, und rückte dabei auf dem Stuhl immer noch etwas verlegen hin und her.

»Sind Sie von selbst darauf gefallen?« frug der Pastor hingeworfen –

»Ja und – nein« erwiederte Hennig – »ja, denn schon seit längerer Zeit, seit einem Jahr wohl – eigentlich seit ich hier bin, hat mich der Gedanke an eine mögliche Selbstständigkeit der Lehrer erfüllt; ich dachte mir immer ein Lehrer sei doch eben – neben dem Geistlichen – das Höchste auf der weiten Gotteswelt, denn durch ihn, durch sein Herz, durch seinen Geist sollte die heranwachsende Generation, von der der Staat, die Welt einst Segen oder Fluch zu erndten habe, gebildet werden; in seiner Hand liegt, ich möchte sagen, fast das Schicksal der jungen Erdenbürger, die er zu edlen Menschen heranziehen, oder – vernachlässigen und dadurch verderben kann.«

»Ja ja, sehen Sie, mein junger Freund,« fiel ihm hier der Pastor, wohlgefällig dabei mit dem Kopfe nickend, in's Wort, »sehen Sie, da kommen wir gerade auf das Kapitel, auf das ich Sie eigentlich haben wollte, das, wie Sie das ganz richtig, ganz vortrefflich schildern, würde der eintretende Zustand der Schule, das Verhältniß des Lehrers zu seinen Kindern sein, wenn die Schule getrennt von der Kirche da stände, oder – mit anderen Worten, der Oberaufsicht der Geistlichkeit, die eben dieses Wirken überwacht, entzogen wäre, in den Händen jedes einzelnen Lehrers würde dann, ich möchte sagen, das Schicksal einer ganzen Gemeinde liegen, und Väter und Mütter dürften keine Nacht ruhig schlafen, aus Furcht, der Lehrer, der jetzt keinem Menschen weiter Rechenschaft schulde, verderbe in der Schule ihr einziges Kind, und schicke es nachher, verwahrlost an Leib und Seele ihnen wieder zu Hause.«

Der Diaconus trommelte an der Fensterscheibe und sah hinaus.

»Ich weiß doch nicht,« fuhr Hennig, durch die Sache selbst etwas wärmer werdend, fort, »ich weiß doch nicht, ob gerade die Oberaufsicht des Geistlichen das zu verhindern im Stande ist; ja, ob es in unseren jetzigen Verhältnissen nicht den Lehrer gerade eher einschläfert, und gleichgültiger gegen seine Erziehungsresultate macht, als es der Fall wäre, wenn auf ihm allein die Verantwortung läge, er allein aber auch die Ehre davon hätte. Jetzt nimmt der Geistliche die Kinder in die Schule auf, und entläßt sie wieder, die Censur kommt ebenfalls vom Geistlichen, der auch die Oberaufsicht der Klassen führt, und von dem Kinde natürlich mit weit höherer Ehrfurcht betrachtet wird, als selbst sein Lehrer, und ich muß aufrichtig gestehen, daß in meiner Brust selber oft die Frage aufgestiegen ist – müssen bei dem Kinde nicht Zweifel entstehen, wem es eigentlich seinen Unterricht zu verdanken habe, und kann es dann die herzliche Dankbarkeit gegen seinen wirklichen Lehrer bewahren, die diesen doch allein in der weiten Gotteswelt, für all' die Noth und Sorge, für all' die Entbehrungen und Aufopferung die ein armer Dorfschullehrer gezwungen ist zu tragen, entschädigen kann?«

»Hm – hm, mein guter Herr Hennig,« sagte kopfschüttelnd und mit einem eigenen Ausdruck in den Zügen, der Pastor, »Sie scheinen mir da die neuen Ideen schon ganz tüchtig eingesogen zu haben – die Saat ist bei Ihnen auf fruchtbaren Boden gefallen, darf man fragen, was den ersten Anlaß dazu gegeben hat?«

Zu jeder anderen Zeit würde Hennig, der doch noch einen tiefgewurzelten Respect vor seinem geistlichen Vorgesetzten im Herzen trug, scheu vor dem fast strengen Blicke des frommen Mannes zurückgebebt sein, und dann hätte ihm auch nicht die Todesangst entgehen können, die bei solchen frevelnden Worten in den stieren, bleichen Zügen des alten Schulmeisters lag, denn der alte Mann saß auf seiner äußersten Sophakante gerade so, als ob es rothglühendes Eisen, und nicht weichgepolsterte Pferdehaarkissen gewesen wären, die er unter sich fühlte. Hennigs Gedanken schienen aber mit seinen letzten Worten auch einen ganz anderen Flug genommen zu haben – starr und nachdenkend schaute er, weder die drohenden Anzeigen in des Pastors, noch die flehenden in seines Seniors Angesicht bemerkend, vor sich nieder, und wurde erst durch die directe Frage des ersteren wieder zu sich selbst gebracht. Rasch richtete er sich empor und sagte, an Papa Kleinholz vorbei nach dem Diaconus, der noch immer am Fenster stand und hinaussah, deutend:

»Den ersten Anlaß gaben Gespräche mit meinem Freunde –«

»Mit mir?« rief der alte Schulmeister, und sprang über das Fürchterliche solcher Beschuldigung entsetzt, von seinem Sitze auf.

»Mit Herrn Brauer,« fuhr Hennig, den Greis beschwichtigend, fort, »den zweiten, stärkeren aber erst in der That heute Morgen, und zwar durch einen Artikel der letzten Nummer der sächsischen Schulzeitung von J. Melde geschrieben, und Aufmunterung betitelt.«

»Sie haben die Zeitung bei sich?« frug der Pastor mit wieder ganz freundlichem aufmunternden Lächeln, das nur dem alten Kleinholz unheimlich vorkam, weil er allein von allen Uebrigen den vorigen Zornesblick aus den nämlichen Augen blitzend, gesehen hatte.

Hennig holte als Antwort das Papier aus der Tasche, und überreichte es dem Pastor, dieser schlug es auf; ein mit Bleistift bezeichneter Satz fiel ihm vor allen Dingen in die Augen, und er las:

»Kann Deutschland frei werden, ohne eine freie Volksschule? Kann das deutsche Volk stark und einig werden ohne eine freie Volksbildung? Können sich die freien Institutionen, welche unsere freisinnigen Fürsten gaben, dauernd erhalten, ohne eine gediegenere Volksbildung? Das sind Fragen, die insonderheit den deutschen Lehrerstand erfüllen sollen.«

»Die Volksbildung kann und darf nicht mehr einseitig und klerikal betrieben, die Lehrer können und dürfen nicht mehr wie Kinder bevormundet und bemaßregelt werden. Die Schule soll und darf nicht mehr als Magd betrachtet und behandelt werden; soll anders der große, himmelanstrebende Bau der deutschen Volksfreiheit nicht wie ein Haus auf Sand gebaut, zusammenstürzen.«

»Ja ja,« sagte er, während er die vorher aufgesetzte Brille wieder abnahm, und neben das Papier legte – »das klingt nicht übel, und ich kann mir denken, wie es durch sein bestechendes Aeußere junge Leute wie Sie sind, lieber Hennig, mit fortreißen mag. Glauben Sie denn aber wirklich, daß uns Geistlichen etwas daran gelegen wäre, die Schule mit der Kirche eng verbunden zu halten, wenn wir es nicht der guten Sache wegen thäten? Glauben Sie wirklich, daß die Schule ohne die Kirche fort bestehen kann? – Sehen Sie, lieber Hennig,« fuhr er fort, ohne dem jungen Manne Zeit zu einer Antwort zu lassen: »Das sind eben Fragen, die dem Publicum hier vorgelegt werden – ich will nicht sagen, um es irre zu machen, aber doch etwa mit demselben Erfolge; Deutschland kann allerdings nicht ohne freie Volksschule – frei werden, wenn Sie es denn einmal so nennen wollen, das deutsche Volk eben so wenig ›stark und einig‹ ohne freie Volksbildung sein, und ebenso gehört eine gediegene Volkserziehung dazu, die Völker der Gaben werth zu machen, die sie bis jetzt von ihren gnädigen Herren und Fürsten erhalten haben. Diese drei Fragen will ich Ihnen also von Herzen gern, und ganz in Ihrem, wie in des Schreibers Sinn, mit nein beantworten, nun aber beweisen Sie mir einmal, daß wir keine freie Volksschule haben; daß unsere freie Volksbildung gehemmt sei, und daß uns nicht Alles freistehe, was wir als vernünftige Menschen thun wollen und können, das Volk gediegener zu bilden? – Hab' ich z. B. Ihrem von Ihnen selbst entworfenen Schulplane je etwas in den Weg gelegt? Hab' ich mich hineingemengt, was Sie den Kindern in Geschichte und Geographie, in freien Ausarbeitungen und Verstandesübungen lehrten? – nie – nur das für den jungen Geist Gefährliche half ich aussondern, und das Erz reinigte ich mit Ihnen von den Schlacken; unsere Schule ist frei, denn daß der Geistliche als der Vorstand derselben dasteht, scheint mir, als Einwirkung auf die Sache selbst, nur von geringer Bedeutung. Uebrigens, und um Ihnen zu beweisen daß ich Verbesserungen wie sie wirklich das Wohl der Schule befördern können, keineswegs feindlich gesinnt bin, habe ich sogar selber schon darauf gedacht eine Aenderung in diesem, wie Sie sagen für den Schullehrerstand drückenden Verhältniß herbeizuführen und den sogenannten Uebelstand dadurch vollkommen abzuschaffen – doch davon später ein mehres. Für jetzt, mein guter Hennig, erlauben Sie mir, auch Ihnen ein paar Fragen vorzulegen, die nicht in dieser Aufmunterung, wie der Artikel ja wohl überschrieben ist, stehn, vorausgesetzt, daß Sie eine Trennung der Kirche von der Schule wünschen. Diese Fragen sind:

»Möchten Sie den Religionsunterricht der Kinder verlieren? und ist dieser nicht gerade das, was das kindliche Herz so innig an den Lehrer fesselt? – ist er nicht gerade die Mittheilung jenes geheimnißvollen göttlichen Waltens – der Erschluß, möchte ich sagen, eines bis dahin in des Kindes Brust noch ungeahnten Gefühls, der es mit scheuer liebender Ehrfurcht zu dem Lehrer hinzieht? Und das wollten Sie muthwillig, für das todte nichtssagende Wort ›Freiheit der Schule,‹ aufgeben? – ich glaube kaum; wenn die Lehrer untereinander die Sache nur erst einmal ordentlich überdacht haben werden – kommt jedenfalls ein anderes Resultat heraus, als das bisherige. Noch liegen wir im fröhlichen Jubelrausch der so unverhofft gewonnenen Errungenschaften – aber es ist eben auch nur ein Rausch, der bald verfliegen und die, die ihm fröhnten, nüchtern und mit Reue über ihr thörichtes unbedachtes Streben zurück lassen wird.«

»Aber das ist noch nicht Alles – ich habe das nur vorher erwähnt, was des Lehrers, des wahren guten und treuen Lehrers Seele am ersten rühren und bestechen muß – die Liebe und Anhänglichkeit seiner Schüler; nun kommt das noch, was leider mit seinem Geiste Hand in Hand gehn muß, und eine Zurücksetzung eben so wenig verträgt, wie dieser, da es sonst zu störend auf ihn zurückwirken würde – und das ist der Körper – das leibliche Wohl des Schullehrers.«

Der Diaconus trommelte schärfer auf der Scheibe und Hennig, der während der letzten Worten den Kopf gesenkt und das zurückerhaltene Zeitungsblatt fester und fester zusammengedreht hatte, sah jetzt wieder zu seinem Vorgesetzten auf, als ob er gespannt dessen weitere Auseinandersetzung erwarte.

»Daran haben Sie noch nicht gedacht, nicht wahr?« schmunzelte der Pastor, dem die Bewegung des jungen Mannes nicht entgangen war; »ja lieber Hennig, wenn sich die Schule von der Kirche absolut trennen will, und unsere hohe Staatsregierung natürlich ihre Einwilligung dazu giebt, was übrigens kaum zu erwarten steht und Gott verhüten möge, dann bleibt der Schullehrer auch natürlich nur auf seine Schuleinnahme angewiesen, und Alles was er bis jetzt an Glöckner-, Küster- und Cantor-Accidenzien eingenommen, fällt, wie sich das von selbst versteht, weg. Es wird nämlich wohl kein Schulmeister so thöricht sein, seinen vollen Gehalt für Läuten, Orgelspielen etc. etc. nach wie vor zu verlangen, da ja das Dorf dann noch besonders einen anderen Mann zu halten und zu bezahlen gezwungen wäre – und doppelt zahlen die Bauern Nichts, ich dächte das bedürfte, Ihnen Beiden gegenüber, keiner weiteren Bestätigung. Nun berechnen Sie sich selbst was Ihnen alles, wenn Sie sich wirklich in den Fall einer Trennung setzten –«