»Herr Commissar,« sagte Witte, der in der Diele, aber von Kohlenstaub fast verdeckt, ein kleines Stück blanken Eisens bemerkt hatte. Es war kaum sichtbar; nur dadurch, daß das Licht der Laterne einmal darauf fiel, blitzte es ein wenig, und Witte's Auge haftete daran. Was der Schuhmacher sagte, hörte er gar nicht. – »Bitte, kommen Sie einmal hieher.«

»Jawohl, Herr Staatsanwalt; was wünschen Sie?«

»Sie haben mehr Praxis in derlei Dingen – was ist das da auf dem Boden?«

»Das hier?« sagte der Commissar, indem er sich dazu niederbog. »Hm, das sieht beinahe aus wie der Riegel an einer Thür, und ich weiß eigentlich nicht, was das hier auf dem Boden bezweckt.«

»Haben Sie kein Instrument bei sich, um es einmal zu versuchen?«

»Vielleicht finden wir etwas in der Werkstätte. Heh, Heßberger, was ist das hier für ein Eisen?«

»Kann ich nicht sagen, Herr Geheimer Commissar,« erwiederte der Schuster; aber dem Staatsanwalte entging nicht die Verlegenheit des Mannes. – »Hat vielleicht früher hier einmal ein Schrank gestanden. So lange ich hier wohne, habe ich die Kammer immer nur zu Kohlen benutzt. Wahrscheinlich sind die Dielen damit zusammengefügt. Das Haus ist sehr schlecht gebaut, es trocknet Alles zusammen, wenn es nicht genagelt und geschraubt wird.«

»Geben Sie mir einmal irgend ein Instrument her,« sagte der Staatsanwalt, der indeß den Kohlenstaub mit den Händen von der Stelle weggewischt hatte – »und wenn es ein krummgebogener Nagel ist. Ich gehe nicht fort, bis ich den Platz hier untersucht habe.«

»Wenn Sie erlauben,« sagte der Schuhmacher, »werde ich Ihnen gleich etwas holen; ich habe da unten noch etwas Werkzeug stehen.« Und ohne eine Antwort abzuwarten, sprang er nach der Treppe.

»Halt,« sagte der dort stationirte Polizeidiener, »kein Mensch durch!«

»Aber ich will gerade für den Herrn Geheimen Staatsanwalt....«

»Laßt ihn nicht durch!« rief Witte. »Er soll herkommen – wir kriegen das Ding schon auf – nur irgend etwas her, um damit zu heben!«

Der eine Polizeidiener hatte sich die Stelle jetzt ebenfalls angesehen und brachte rasch einen der Haken herbei, mit denen die Leisten aus den Stiefeln gezogen werden. »Können Sie das vielleicht gebrauchen, Herr Staatsanwalt?«

»Wie dazu gemacht!« rief Witte vergnügt, indem er den Haken in die Oeffnung brachte und daran hob. Er brauchte aber gar nicht etwa stark zu ziehen, denn das von den Kohlen befreite Brett gab außerordentlich leicht nach und zeigte jetzt an seinem unteren Ende sogar ein Charnier, mit dessen Hülfe sich eine ordentliche Klappe bildete. Wie er aber den Deckel hob, entstand draußen an der Treppe ein Lärm – der Schuster hatte mit Gewalt hinunterbrechen wollen, und der Polizeidiener wäre beinahe von ihm die Treppe hinabgeworfen worden. Auf seinen Hülferuf sprang aber einer der Kameraden hinzu, und wenige Minuten später hatten sie den wüthend um sich schlagenden Schuhmacher überwältigt und fest gepackt, und der Commissar, der nun allerdings vermuthen mußte, daß der Bursche ein böses Gewissen habe, befahl, ihm die Hände auf dem Rücken zusammen zu schnüren.

»Hallo, Commissar,« rief Witte jubelnd aus, »kommen Sie einmal hieher und sehen Sie, was wir da haben! Hol's der Teufel, das ist ein ganzes Nest von Sachen, und Sie werden ein paar Stunden Arbeit bekommen, um die alle zu protokolliren!«

Die Frau Heßberger hatte in ihrer Stube auf dem Lehnstuhl gesessen und wollte jetzt aufstehen – aber sie konnte nicht; wie in einander gebrochen sank sie zurück und war so weiß geworden wie ihre Gardinen.

Witte indessen, den Kohlenstaub und die Arbeit nicht achtend, sprang fast jubelnd in die kleine Höhlung hinein, und die Gegenstände von dort herauf gegen das Licht werfend, rief er: »Da, sehen Sie – Heiland der Welt, was sich der Schuft hier für eine ordentliche Schatzkammer von Waaren angelegt hat – silberne Löffel in Masse – bei Gott, da ist der Deckel zu meiner Zuckerdose und hier die Schalen – Seidenzeug, Meerschaumköpfe, alte, kostbare Goldsachen – sehen Sie nur den Reichthum!«

»Herr Staatsanwalt,« schrie da der Commissar erschreckt, »dabei sind Sachen, die dem alten Salomon gehört haben!«

Der Staatsanwalt richtete sich empor; er war in dem Moment der Aufregung todtenbleich geworden.

»Dem alten Salomon! – Also wirklich?«

»Ich habe sie selber in seinem Laden gesehen.«

»Verwahren Sie den Menschen gut!« rief Witte, aus dem Loch herausspringend. »Lassen Sie ihn um Gottes willen nicht fort!«

»Der ist gut genug verwahrt,« sagte der Commissar, »und keine Gefahr, daß er uns entspringt.«

»Und die Frau?«

»Auf die werden wir noch besonders Acht geben. Haben Sie keine Angst; das Pärchen ist sicher.«

»Schön,« sagte Witte; »dann haben Sie die Güte und schicken die beiden Leute vor allen Dingen in Gewahrsam, damit sie Ihnen hier nicht mehr im Wege sind, und packen dann den Waarenvorrath zusammen und lassen ihn auf das Criminalamt schaffen, damit er dort geordnet und registrirt wird. Haben Sie Leute genug?«

»Ich denke, wir werden mit der Gesellschaft fertig werden,« sagte der Commissar. »Herr Staatsanwalt, ich glaube, wir haben heute Abend einen guten Fang gemacht.«

»Ich denke es auch, Herr Commissar; aber kommt da nicht Jemand?«

Es fiel, allem Anscheine nach, irgend wer die etwas dunkle Treppe herauf, denn es polterte furchtbar, und man hörte ein paar halbverbissene Flüche; dann wurden wieder Schritte hörbar, und zuletzt zeigte sich in dem Lichte der von dem einen Polizeidiener emporgehaltenen Laterne eine menschliche Gestalt.

»Halt! Werda?« rief sie der Mann militärisch an.

»Gut Freund – ich bin's,« antwortete eine fremde Stimme. »Ist Herr Staatsanwalt Witte hier?«

»Hier bin ich. Wer ist da?«

»Mein lieber Staatsanwalt,« sagte Rath Frühbach – denn als solcher stellte sich der späte Besuch heraus –, indem er die letzten Stufen emporklomm, »nehmen Sie mir das nicht übel: ich habe Ihnen die Betreibung der Angelegenheit überlassen, aber doch nicht zu dem Zweck, um mich in Teufels Küche zu bringen. Ich protestire gegen jedes weitere Verfahren, in so fern es die brave Heßberger'sche Familie betrifft, und überlasse Ihnen alle und jede Verantwortung für das Geschehene.«

»Aber, bester Herr Rath!« lachte Witte.

»Bitte,« sagte Rath Frühbach, »das ist kein Spaß: ich lag schon im Bett und im ersten Schweiß, als meine Frau nach Hause kam und mir mittheilte, daß Sie hier im Heßberger'schen Familienkreise auf meine Veranlassung mit Polizei wirthschafteten und Haussuchung hielten. Ich sage Ihnen, wie ich war, fuhr ich aus dem Bette und in meine Kleider, und ich kann den Tod davon haben, denn nichts auf der Welt ist schlimmer als eine unterbrochene Transspiration....«

»Und Sie protestiren wirklich, Herr Rath?«

»Allerdings, soweit es den Ihnen gegebenen Auftrag betrifft. Ich ziehe meine Klage vollständig zurück.«

»Dann bedauere ich, daß Sie zu spät kommen,« lachte Witte, »denn wir haben das ganze Nest schon ausgehoben und einen wahren Schatz von gestohlenen Sachen gefunden.«

»Von gestohlenen Sachen?« rief Frühbach erstaunt.

»Ueberzeugen Sie sich selber – genug Silber, um eine fürstliche Tafel auszustatten.«

»Nun, sehen Sie wohl, daß ich recht hatte?« bemerkte Rath Frühbach, indem er auf die oberste Stufe trat und das Terrain mit seinen Blicken überflog (der gebundene Heßberger stand dicht neben ihm). »Habe ich es Ihnen nicht immer gesagt, daß der Heßberger ein ganz durchtriebener Bursche ist? Aber Sie wollten es mir nie glauben! Und was wird jetzt?«

»Jetzt schaffen wir die Gefangenen auf die Polizei,« sagte der Commissar, »und morgen früh ersuche ich Sie, mit Ihrer Frau Gemahlin auf das Amt zu kommen, um die aufgefundenen Gegenstände in Augenschein zu nehmen und zu erklären, ob etwas darunter Ihr Eigenthum ist. Auf Ihre Veranlassung wurde die Haussuchung vorgenommen, und es versteht sich von selbst, daß Sie zuerst über die Gegenstände, die wir Ihnen vorlegen müssen, vernommen werden.«

»Und haben Sie das Hosenzeug gefunden?«

»Das allerdings noch nicht, aber es kann noch Manches in dem unteren und sehr geschickt angebrachten Versteck liegen. Also versäumen Sie Ihre Zeit nicht – morgen etwa zwischen zehn und elf Uhr, wenn ich bitten darf.«

3.
Das Verhör.

Das Versteck der gestohlenen Sachen war wirklich außerordentlich schlau angelegt und die Klappe so genau gearbeitet, daß sie, noch dazu mit dem Kohlenstaub überzogen, nur bei einer vollkommen gründlichen Untersuchung entdeckt werden konnte. Selbst das Blitzen des Eisens im Lichte schien Heßberger vorgesehen und abgewendet zu haben, denn dasselbe war mit schwarzer Farbe überstrichen, diese aber durch den mehrfachen Gebrauch des zum Heben benutzten Hakens an einigen Stellen abgescheuert worden, was denn einzig und allein zur Entdeckung führte.

Heßberger, der zuerst einen verzweifelten Versuch gemacht hatte, zu entkommen, saß jetzt wie völlig in einander gebrochen am Boden; er hatte nicht mehr Kraft genug in den Knieen, um aufrecht zu stehen. Seine Frau dagegen behauptete nach wie vor ihre starre Ruhe und Unschuld. Finster blickte sie auf die vor ihr ausgebreiteten Waaren und Kostbarkeiten, die nach und nach aus dem Gefach herausgearbeitet wurden und von denen einzelne Stücke schon sehr lange dort unten gelegen haben mußten, denn sie waren wie mit einer Staubkruste überzogen; aber sie leugnete, auch nur das Geringste davon zu wissen. Sie sei, wie sie behauptete, eine ehrliche Frau, die sich mit ihrer »Kunst«, mit ihrer Arbeit nähre, aber noch nie daran gedacht habe, zu einem unehrlichen Erwerb zu greifen. Sei das wirklich von ihrem Mann geschehen, so wisse sie nichts davon, oder sie hätte es nie geduldet; er müsse es heimlich gethan haben, wie er die Gegenstände ja auch, ihr selbst verborgen, heimlich versteckt und weggebracht habe.

Dem Polizei-Commissar lag übrigens gar nichts daran, hier ein langes Verhör anzustellen, und wie sie das Fach ordentlich ausgeräumt und Alles, selbst das Letzte, heraufbefördert hatten, ertheilte er Befehl, das gestohlene Gut fortzuschaffen und die beiden Eheleute ebenfalls in sicheres Gewahrsam zu bringen. Er schärfte aber den Polizeidienern ganz besonders ein, sie getrennt zu halten und unter keiner Bedingung zu gestatten, daß sie auch nur Ein Wort mit einander wechselten.

Unten im Hause war es indessen auch unruhig geworden, denn es konnte den tiefer wohnenden Miethsleuten kein Geheimniß bleiben, daß in der oberen Etage etwas Außerordentliches vorgehe. Schon der Kampf des Schuhmachers an der Treppe, als er seinen Durchgang erzwingen wollte, hatte sie alarmirt und auf den Vorsaal gelockt; allerdings staunten sie auch nicht wenig, als sie den kleinen, »frommen« Schuhmacher in solcher Begleitung die Treppe hinabsteigen sahen. Heßberger selber beeilte sich aber, ihnen aus dem Weg zu kommen, und wenige Stunden später lag das Quartier da oben, da man die beiden Lehrjungen ebenfalls für die Nacht wo anders unterbrachte und die Thüren versiegelte, öde, dunkel und verlassen.

Witte indessen, mit dem gehabten Erfolge, der allerdings über Erwarten reich und wichtig ausgefallen war, sehr zufrieden, schritt seiner eigenen Wohnung zu. Dabei überkam ihn aber doch ein etwas unbehagliches Gefühl, denn es war ihm entsetzlich fatal, seine eigene Frau in der Gesellschaft überrascht zu haben. Und was die Frau Staatsanwalt nun wohl dazu sagen würde? – Sie sagte aber heute Abend gar nichts, denn sie ließ sich vor ihrem Mann nicht mehr blicken, und er selber unterstützte sie darin. Morgen, bei kaltem Blute, besprach sich die Sache weit besser, oder sie wurde auch vielleicht total ignorirt; er wenigstens war fest entschlossen, nicht wieder davon anzufangen.

Uebrigens sah er sich auch an dem Tag so beschäftigt – oder machte sich vielleicht absichtlich so viel zu thun –, daß er selbst zum Mittagessen nicht nach Hause kam und absagen ließ, und während seiner Geschäftsstunden störte ihn die Frau schon überdies nicht oder suchte ihn auf.

Am Morgen, zur bestimmten Zeit, kam aber der alte Baumann zu ihm, und mit diesem hatte er eine lange und ernste Unterredung. Baumann nämlich wollte gleich hinauf auf's Gericht und selber Anzeige von dem Betrug seiner Frau machen. Den Vorfall bei Heßbergers wußte er auch schon, und er erklärte bestimmt, mit der ganzen Familie fortan zu brechen. Witte hatte die größte Mühe, ihm das auszureden, und es gelang ihm wirklich nur dadurch, daß er den Schlossermeister darauf aufmerksam machte, die Verhaftung seiner Frau würde durch den Stadtklatsch nicht etwa mit einer andern Angelegenheit, sondern augenblicklich mit dem Diebstahl in Verbindung gebracht werden, und das mußten sie jetzt zu vermeiden suchen.

»Also wollen Sie mich zu dem Hehler einer solchen Sünde machen?«

»Nein, lieber Baumann,« erwiederte Witte, »ich weiß, daß Sie ein rechtlicher Mann sind, und Sie trauen mir hoffentlich das Nämliche zu. Ich würde Ihnen also zu nichts rathen, was nicht Sie, was nicht ich vor meinem Gewissen verantworten könnte; Sie sind von jeder Verantwortung frei. Ihre Frau sowohl als Sie jetzt haben mir, dem Staatsanwalt, die Erklärung abgegeben und mich aufgefordert, die Rechte des wirklichen Erben vor Gericht zu vertreten; überlassen Sie mir also auch, den Zeitpunkt zu wählen, den ich dazu für den richtigen halte. Außerdem haben wir jetzt die beiden Leute, deren Zeugniß allein den Ausschlag geben kann, ganz unerwarteter Weise hinter Schloß und Riegel bekommen, und die Sache ist uns dadurch um ein Wesentliches erleichtert worden. Aber beantworten Sie mir eine Frage: hat Ihr Fritz je mit seinem vermeintlichen Onkel, dem Schuhmacher Heßberger, einen näheren Verkehr gehalten?«

»Nie,« sagte der alte Mann; »sie konnten sich gegenseitig nicht leiden, und ich glaube sogar nicht, daß sie seit Jahren ein Wort mit einander gesprochen haben.«

»Das dachte ich mir. Aber wissen Sie, daß unter den gestern bei Heßberger gefundenen Sachen werthvolle Gegenstände aus Salomon's Laden sind?«

»Großer Gott, sollte denn der schuftige Schuhmacher auch das auf dem Gewissen haben?«

»Aller Wahrscheinlichkeit nach; aber das wollen wir bald herausbekommen, denn Salomon, obgleich er den Namen des Diebes nicht weiß, kennt ihn von Angesicht gut genug, und wenn er....«

»Aber der alte Salomon ist ja todt!«

»Denkt gar nicht daran,« lachte Witte – »wieder frisch und gesund, nur noch ein bischen schwach auf den Füßen. Wir glaubten durch das Gerücht seines Todes den Mörder sicher zu machen; aber Heßberger, wenn er es wirklich gewesen, war uns zu schlau, und hätte ihn nicht der wunderlichste Zufall dem Gerichte in die Hände gespielt, so würde kein Mensch geahnt haben, daß er mit dem Verbrechen in Verbindung stände.«

»Aber werden sie jetzt nicht erst recht glauben, daß der Fritz mit seinem Onkel unter Einer Decke gesteckt habe, und müssen wir deshalb nicht gerade beweisen, daß er gar nicht sein Onkel ist?«

»Das Erste habe ich auch gefürchtet, das Zweite wäre aber kein Beweis für ihn, denn er konnte bis jetzt nichts davon wissen. Nein, überlassen Sie mir getrost die Sache, Baumann, und Sie können sich versichert halten, daß Sie nicht allein kein Vorwurf trifft und treffen kann, sondern daß ich auch so rasch als irgend möglich damit vorschreite.«

Baumann war aufgestanden; aber er zögerte, er hatte allem Anschein nach noch etwas auf dem Herzen.

»Drückt Sie noch etwas, Baumann?«

»Ja, Herr Staatsanwalt; eine Bitte...«

»Und was ist es?«

»Ich wollte Sie ersuchen,« sagte der Mann, »die – Scheidungsklage mit meiner Frau einzuleiten. Ich glaube, daß Sie das zu besorgen haben.«

»Baumann!«

»Wir haben sechsundzwanzig Jahre glücklich mit einander gelebt,« fuhr der Schlossermeister fort, »so glücklich,« setzte er leise hinzu, »daß ich bis jetzt glaubte, nur der Tod könne und werde uns auseinander nehmen. Das ist vorbei. Nach dem, was sie mir angethan, daß sie mein, daß sie ihr eigenes Kind verkaufte, kann ich nicht länger mit ihr leben – es muß sein!«

»Ueberlegen Sie sich die Sache noch, Baumann,« sagte Witte herzlich; »das hat Zeit – übereilen Sie nichts. Sie sind jetzt im ersten Schmerz und Zorn.«

»Es ist nichts mehr zu überlegen, Herr Staatsanwalt,« beharrte der alte Mann; »was ich gesagt habe, hab' ich gesagt, und dabei bleibt es. Kein Mensch in der Welt wird mich davon abbringen können, wenn ich mit mir selber erst einmal im Reinen bin, daß es geschehen muß!«

»Aber Ihre Frau ist sonst so brav und gut – Sie haben nie eine Klage wider sie gehabt!«

»Nie,« sagte der Mann feierlich, »nie ist selbst nur ein böses Wort zwischen uns gefallen, und Gott mag ihr, das bitte ich recht von Herzen, den Fehltritt vergeben – ich kann es nicht! Grund genug ist doch zu einer Scheidungsklage?«

Witte sah, daß er mit dem alten, störrischen Manne jetzt doch nichts ausrichten konnte. »Ich glaube, ja,« sagte er endlich nach einigem Zögern, »und wenn Sie es nicht anders wollen, so läßt es sich wohl durchsetzen.«

»Und wann darf ich wieder vorfragen?«

»Ich komme selber zu Ihnen, Baumann. Ich will jetzt auf das Criminalamt, um bei der Untersuchung der gestohlenen Gegenstände gegenwärtig zu sein. Heute nimmt uns das vollständig in Anspruch, und wir müssen vor allen Dingen sehen, daß wir den armen Teufel, den Fritz, aus seiner unbequemen Lage befreien.«

»Der arme Junge,« sagte Baumann seufzend, »wie ist dem seine ganze Jugend gestohlen worden!«

»Darüber möchten Sie ihn doch erst einmal selber fragen,« meinte der Staatsanwalt, »und ich zweifle sehr, ob er – nach Allem, was ich wenigstens über das Leben auf Schloß Wendelsheim gehört habe – mit dem Lieutenant tauschen würde.«

Der alte Baumann seufzte tief auf. Er war bis dahin schlicht und ehrlich, immer geradeaus durch das Leben gegangen und hatte in der That gar keinen andern Weg für möglich gehalten. Jetzt fand er sich plötzlich in lauter krummen und fremdartigen Gängen – mit eigentlich zwei Söhnen und keinem –, verwickelt und verworren, in Lug und Trug hineingebracht, und sah dabei keinen Ausweg, wieder heraus und auf freien Boden zu kommen. Aber er mußte eben stillhalten, es ließ sich mit seinen arbeitsharten Fäusten, mit seinem schlichten Menschenverstand nichts in der Sache thun; das erforderte feine Hände und einen spitzen Kopf, und schon von dem Bewußtsein niedergedrückt, reichte er dem Staatsanwalt nur noch die Hand und kehrte nach Hause zurück.

Witte eilte auf das Criminalamt, und dort erwartete ihn allerdings heute eine so interessante als lohnende Beschäftigung, nämlich die Besichtigung der gestohlenen Waaren, zu der man aber auch den alten Salomon brauchte. Jetzt lag auch nichts mehr daran, das Gerücht seines Todes im Publikum verbreitet zu halten, da man den wirklichen Dieb schon in Händen zu haben glaubte, und als auch der Polizeiarzt versicherte, Salomon könne ohne die geringste Gefahr für sich selber auf's Amt kommen, und sich sogar erbot ihn abzuholen, so wurde eine Droschke beordert, und der mitfahrende Doctor dirigirte sie der Judengasse zu.

Salomon hätte übrigens kaum mehr der Droschke bedurft, so rasch hatte er sich, wie nur die erste Betäubung von ihm gewichen, wieder erholt. Die beiden Wunden verlangten allerdings noch Pflege, aber es stellte sich auch bald heraus, daß die Schläge, obgleich mit voller Kraft und jedenfalls in der Absicht, zu tödten, geführt, doch beide mehr seitwärts abgeglitten waren und den Schädel nicht zersprengt hatten, und danach konnte die Heilung bald erfolgen.

Dem Alten ließ es auch selber keine Ruhe, und schon am zweiten Tage drängte er, in seinem Laden nachzusehen, wie weit er an seinem Eigenthum geschädigt worden. Aber Rebekka erlaubte es nicht. Er sollte sich noch nicht aufregen, wenn er den Verlust vielleicht größer fand, als er erwartet hatte. Am dritten Abend aber mußte sie ihm willfahren, und nach Dunkelwerden, damit ihn nicht etwa Jemand aus den Hinterfenstern der Nachbarhäuser bemerke, stieg er in Begleitung der Tochter hinunter und nahm eine genaue Revision vor.

Der erlittene Diebstahl stellte sich aber demnach gar nicht so beträchtlich heraus, denn mit Ausnahme eines Pakets von Kassenscheinen, das mehrere Hundert Thaler betrug, fehlten ihm nur noch einige, allerdings ziemlich werthvolle Silbersachen und eine goldene, mit Diamanten besetzte Schnupftabaksdose. Der Dieb war, wie man ja wußte, mitten in seiner Arbeit gestört worden, und hatte so eilig fliehen müssen, um selbst den Sack mit Silberthalern, der sich noch an der Thür gefunden, im Stich zu lassen.

Am vierten Morgen nach der That saß der alte Mann oben beim Frühstück, als er draußen laute Stimmen hörte. In der Nachbarschaft herrschte nämlich nicht geringe Aufregung unter seinen Glaubensgenossen, daß die Beerdigung des lange Todtgeglaubten noch nicht stattfand und auch keiner der sonst üblichen Gebräuche befolgt wurde. Die abenteuerlichsten Gerüchte durchliefen dabei das Viertel, und eins der am stärksten verbreiteten war, der Salomon wäre vor seinem Tode heimlich mit der ganzen Familie zum Christenthum übergetreten und deshalb eben so heimlich in der letzten Nacht auf einem christlichen Gottesacker beerdigt worden.

Indessen war aber auch ein naher Verwandter von ihm, der in Berlin wohnte und von dem Raubmord dort in den Zeitungen gelesen hatte, eingetroffen und an dem nämlichen Morgen, trotzdem er seinen Namen angab, nicht eingelassen worden. Die alte Magd hatte ihn abgewiesen, weil sie natürlich nicht wagte, einem von der Polizei gegebenen Befehl zuwider zu handeln. Der alte Salomon wurde aber böse, als er es erfuhr.

Gott der Gerechte, der Simon Levy abgewiesen von seiner Thür, seiner einzigen Schwester einziges Kind, der die lange Reise gemacht hatte nur seinetwegen!

Aber der Herr Actuar hatte so streng befohlen.

»Der Herr Actuar soll befehlen, wo er will,« sagte der alte Mann, »aber nicht im eigenen Hause vom Salomon und in seiner Familie, so lange der Salomon lebt und gesund ist; und wenn er todt wäre, hätte er erst recht nichts zu befehlen, denn dann ist die Frau vom Salomon da, wo das Alles besorgt, was zu befehlen ist.«

Der Simon Levy hatte sich aber ohnedies nicht so rasch abweisen lassen, denn noch war er kaum zweihundert Schritt vom Hause entfernt und immer mit sich selber im Zorn sprechend und vor sich hin gesticulirend fortgegangen, als er auch plötzlich, auf dem Absatz herumfahrend, Kehrt machte und jetzt fest entschlossen schien, das Haus von seiner Mutter Bruder nicht eher zu verlassen, bis er wenigstens seine Tante gesehen und gesprochen und von ihr die Bestätigung dessen gehört hatte, was die Leute in der Judengasse erzählten. Nachher wollte er den Staub von seinen Füßen schütteln und nach Berlin zurückfahren auf der Eisenbahn.

Wie er zum zweiten Mal in den Hof kam, begegnete er wieder der alten Magd, die gerade ausgeschickt worden, um ihn aufzusuchen. Sie hatte aber strengen Befehl bekommen, dem Simon Levy nicht zu sagen, daß der Salomon noch lebe und gesund sei, sondern sie sollte ihn nur zu der Frau bestellen und ihn dann in das Zimmer führen, wo Salomon noch immer bei seinem Frühstück saß. Die Alte kam auch der Ordre genau nach.

»Herr Levy,« sagte sie, »ist mir lieb, daß ich Sie treffe; sparen Sie mir doch einen langen Weg für meine kurzen Beine.«

»Ist die Madame Salomon zu Hause?«

»Ist sie,« nickte die alte Magd, »und sitzt oben in der Stube und wartet auf den Herrn Levy, und die Fräulein Rebekka auch.«

»Und wozu hast Du mir vorgeschmust, ich dürfe nicht hinauf?« sagte der kleine Mann ärgerlich. »Bin ich ein Landstreicher, daß ich werde fortgewiesen von der Thür von meine nächsten Verwandten?«

»Als Sie wollen näher treten, wird Ihnen die Madame Salomon erklären; in der großen Betrübniß darf man's verzeihen, und man soll keinen Zorn bringen in ein Haus der Trauer.«

»Soll ich leben und gesund bleiben,« sagte Levy, »ob's nicht eine schreckliche Geschichte ist! Aber, Rachel,« setzte er leise und scheu hinzu, »bist Du auch geworden eine christliche Dienstmagd?«

Die Alte schmunzelte still vor sich hin, denn sie wußte gut genug, was sich die Leute in der Nachbarschaft erzählten; aber sie beantwortete die Frage nicht, sondern seufzte nur tief auf und eilte dann rasch die Treppe hinan, um den Besuch zu melden. Der Simon Levy folgte ihr langsamer. Er war auf die Tante böse gewesen; jetzt beschlich ihn ein Gefühl der Trauer und Bekümmerniß, und mit gebücktem Haupt klopfte er an und öffnete auf den feierlich gegebenen Anruf langsam die Thür.

»Gott der Gerechte, Simon, was schneidst Du für ein Gesicht!« sagte schmunzelnd der alte Salomon, der, mit einem Glase alten Portweins in der Hand, noch am Tisch bei seinem Frühstück saß. »Als Du kommst zu sein bei der Leichenfeierlichkeit, wirst Du erst essen einen Bissen Brot und trinken ein Glas Wein.«

»Will ich nicht gesund auf meine Füße stehen!« rief Levy, fast sprachlos vor Staunen und Ueberraschung; »ist das Sitte bei die Christen, daß der, wo begraben werden soll, erst mit frühstückt?«

Der alte Salomon lachte, daß ihm die Thränen an den Backen herunterliefen, und jetzt kamen auch seine Frau und Rebekka hinzu, und im Anfang konnte wirklich Niemand sein eigenes Wort verstehen, so rief Alles durch einander und wollte fragen oder erzählen, bis denn der Neffe endlich erfuhr, wie Alles gegangen und weshalb der alte Salomon beinahe vier Tage lang den Todten gespielt hatte.

Noch während sie aber mit einander plauderten und der Simon Levy eine ganze Menge Portwein trank, nur um den Schreck hinunter zu spülen, den er, wie er sagte, von der »Erscheinung« seines alten Onkels gehabt, fuhr der Wagen des Arztes vor; und der Doctor, der gleich selber heraufkam und in großer Eile zu sein schien, sich aber augenblicklich mit an den Tisch setzte und alten Portwein trank, berichtete indessen von dem Fange, den die Polizei gestern Abend gemacht, und wie man die Gewißheit habe, daß der Schuhmacher Heßberger, wenn nicht der Hauptthäter, doch jedenfalls ein Genosse jenes Menschen sei, der an dem Abend den Mordanfall auf Salomon gemacht. Jetzt sei es deshalb auch nicht mehr nöthig, der Nachbarschaft die Wahrheit vorzuenthalten, und Salomon möge deshalb mit ihm in die Droschke steigen und auf die Polizei fahren, um die aufgebrachten Sachen selber zu besichtigen. Nachher solle ihm der Gefangene vorgeführt werden, damit er bestimmen möge, ob er in ihm den Räuber wiedererkenne.

Salomon war mit Allem einverstanden und mußte sich nur vorher ankleiden, und jetzt ließ sich auch Simon Levy nicht mehr halten, um zuerst die Neuigkeit von Salomon's Auferstehung in die Nachbarschaft zu tragen.

Und das gab einen Lärm im Viertel! Aus allen Häusern kamen sie herausgestürzt, um die Wundermähr zu besprechen; die schmutzigsten Spelunken spieen ihre Bewohner aus, und Toiletten kamen zum Vorschein, wie sie bisher nur von »Nacht und Grauen« bedeckt gewesen, und auch nur wirklich durch ein solches Ereigniß in das Sonnenlicht getrieben werden konnten. Vor Salomon's Hofthor sammelte sich aber der Schwarm von Israel's Nachkommenschaft: Männer, Weiber und Kinder, Alles bunt durch einander; denn dort mußte er in den Wagen steigen und also auch herauskommen. Salomon war auch wirklich unter seinen Glaubensgenossen, besonders bei den ärmeren Klassen, allgemein beliebt, und kein Haus gab es da, wo er nicht, sowie Frau und Tochter, schon Wohlthaten und Trost gespendet und manche Thräne getrocknet hatten. Die Freude, den guten alten Mann nicht todt, sondern lebend und gesund zu wissen, war deshalb allgemein.

Endlich nahte der entscheidende Moment; das Hofthor wurde geöffnet, und Salomon, in seinem gewöhnlichen braunen Rock, das Käppchen auf, wie er immer ging, trat heraus. In demselben Augenblick aber entstand auch ein Lärm, ein Geheul und Geschrei, Jubeln und Hurrahrufen, daß aus den benachbarten Straßen die Menschen herbeigestürzt kamen, weil sie glaubten, im Judenviertel sei eine Revolution ausgebrochen. Die Jungen warfen dazu ihre schmierigen Mützen in die Höhe, die Frauen schwenkten in Ermangelung von Taschentüchern ihre Halstücher, die Kinder schrieen, die Hunde bellten, und es war in der That eine nicht zu beschreibende Scene. Salomon wurde auch wirklich ganz gerührt davon; die Thränen standen dem alten Mann in den Augen, und er winkte nur immer, während sich der Arzt die Ohren zuhielt, nach rechts und links mit der Hand hinüber, und eilte dabei, was er konnte, in den Wagen, nur um fortzukommen. Aber das half ihm nicht einmal, denn der jugendliche Schwarm folgte ihm, so weit seine Grenze reichte, mit Jubeln und Hurrahschreien, und zog sich nur erst zurück, als die Droschke in eine der Hauptstraßen der Stadt einbog, wohin sich die kleine Bande nicht getraute.

Auf der Polizei erwartete ihn schon der Polizei-Director, der sich selber von dem Thatbestand überzeugen wollte, da der Fall wirklich Aufsehen im Lande gemacht hatte. War doch seit langer Zeit kein so frecher Raubanfall in ganz Alburg vorgekommen und gerade dieser Ort von schlechtem Gesindel bis jetzt verhältnißmäßig sehr wenig heimgesucht worden! Die Sachen hatte man auch alle oben im Criminalamt auf einer langen Tafel ordentlich ausgelegt, und es fiel dem alten Mann nicht schwer, das darunter zu bezeichnen, was ihm gehört hatte und ihm an jenem Abend geraubt worden, denn seit der Zeit war ja sein Laden fest verschlossen gewesen. Auch die Summe der Banknoten gab er an, die ihm gestohlen worden, und man hatte allerdings in einer silbernen Zuckerdose eine Partie Banknoten, einen Theil derselben aber auch an Heßberger's Körper gefunden, bei dem sich, als er visitirt wurde, ergab, daß er einen breiten Gurt von wasserdichtem Zeug um den Leib trug.

Die Hauptsache blieb noch übrig, und zwar eine Confrontation mit dem Verbrecher, der jetzt herbeordert wurde, während Salomon so lange in ein Nebenzimmer treten mußte. Das erste Verhör sollte in Gegenwart des gestohlenen Gutes stattfinden, und man wollte versuchen, ob man vielleicht ein offenes Geständniß von dem Verbrecher erhalten könne.

Darin hatte man sich aber in Heßberger geirrt; denn mit einer ganzen Nacht Zeit, um über Alles gehörig nachzudenken, schien er zu dem Entschluß gekommen zu sein, Alles zu leugnen; es war das letzte verzweifelte Mittel, um einen Urtheilsspruch von sich abzuwenden – er wußte wenigstens kein anderes.

Actuar Bessel führte heute das Protokoll, während einer der Justizräthe das Verhör leiten sollte. Der Polizei-Director war nur als stummer Zeuge im Zimmer geblieben.

Heßberger wurde vorgeführt; er sah ziemlich blaß aus, und die Hausjacke, die er angehabt, als man ihn gefangen fortführte, war ihm bei dem gestrigen Kampf an der Treppe zerrissen, so daß das eine Schulterblatt herunterhing. Schmutzig und scheu, aber doch mit einer Art von kriechender Höflichkeit trat er in den Saal, und die kleinen grauen Augen flogen blitzschnell durch den inneren Raum und streiften nur flüchtig über die ausgestellten Gegenstände, die er jedenfalls genau genug kannte, aber doch nicht zu beachten schien.

Die gewöhnlichen Fragen wurden ihm jetzt vorgelegt: nach Namen und Alter, wie lange er schon in Alburg wohne, lauter Dinge, welche die Polizei genau so gut wußte, wie er selber – und ob er schon jemals vor Gericht gestanden. Das Letztere verneinte er auf das entschiedenste, und wollte noch eben hinzusetzen, daß er ein ganz unbescholtener Bürger wäre, als ihm der Untersuchungsrichter das Wort abschnitt und ihn fragte, wie er zu den Sachen gekommen wäre, die dort auf dem Tische ausgebreitet lägen.

»Herr Geheimer Justizrath,« sagte der Mann, indem er jetzt zu dem Tisch trat und die Gegenstände dem Anschein nach aufmerksam betrachtete, »es thut mir leid, darüber keine Wissenschaft zu besitzen; ich habe das Logis jetzt lange Jahre, aber nie geglaubt, daß in meinem Kohlenkeller ein solcher Schatz begraben läge, oder ich würde gewiß nicht versäumt haben, dem Herrn Geheimen Polizei-Director davon die gebührende Anzeige zu machen.«

»Ihr leugnet also, daß Ihr etwas von dem Erwerb dieser sämmtlichen Gegenstände wißt und die Eigenthümer, denen sie früher gehört haben, kennt?«

»Aber, mein bester Herr Geheimer Justizrath...«

»Ja oder Nein?«

»Bitte mich zu paddoniren, ich habe die Frage nicht verstanden,« sagte der Mann ruhig.

Der Justizrath biß sich auf die Lippe. »Ich frage Euch, ob Ihr wißt, woher die Sachen stammen, oder ob Ihr es nicht wißt.«

Staatsanwalt Witte trat in diesem Augenblick in's Zimmer und ging auf den Justizrath zu, dem er etwas in's Ohr flüsterte.

Heßberger warf ihm einen scheuen Blick zu und sagte dann entschieden: »Nein!«

»Herr Staatsanwalt,« fragte der Justizrath, »ist Ihnen nicht auch in der letzten Zeit Silberzeug weggekommen? Ich dächte, Sie hätten die Anzeige gemacht. Wollen Sie einmal gefälligst dort auf dem Tisch nachsehen, ob Sie da vielleicht einige der Ihnen gehörenden Sachen finden?«

»Sie haben da eine ganze Collection,« lachte Witte, indem er der Aufforderung Folge leistete; »aber ich fand schon gestern Abend an Ort und Stelle einige alte Bekannte unter den Silbersachen – da hier die Löffel gehören mir, ebenso dieser Deckel, und diese Zuckerzange kommt mir ebenfalls so vor, als ob ich sie früher schon in der Hand gehabt; aber zu der möchte ich nicht schwören – meine Frau wird sie jedenfalls besser kennen.«

»Und wann waren Sie noch im Besitz dieser Sachen?«

»Vor einigen Wochen.«

»Und wer glaubt Ihr wohl, Heßberger, daß Euch da die Sachen in dieser Zeit in die Kohlenkammer getragen hat, wenn Ihr selbst nichts davon wißt?«

»Thut mir leid, Herr Geheimer Justizrath, Ihnen darüber keine genügende Auskunft geben zu können,« sagte Heßberger verstockt; »vielleicht einer von meinen Lehrjungen – es ist nichtsnutzige Bande, und der eine besonders ein ganz concaver Mensch.«

»Dann leugnet Ihr auch vielleicht, daß Ihr vor drei Abenden, oder vielmehr an jenem Abend, an welchem der alte Salomon überfallen und erschlagen wurde, in der Judengasse waret?«

»So viel ich mich erinnere,« sagte Heßberger, »bin ich an jenem Abend gar nicht ausgewesen; es wäre aber möglich, daß ich eine oder die andere Besorgniß irgendwo gehabt hätte.«

»So? Ihr seid aber bestimmt dort gesehen worden, und ich kann Euch einen Zeugen stellen, der sogar mit Euch gesprochen und Euch gemahnt hat, ihm seine Stiefel bald zu schicken – den Kürschnermeister Peters.«

»Ach Gott, ja, Herr Geheimer Justizrath,« sagte Heßberger, »es könnte doch am Ende sein – wer denkt aber an solche Kleinigkeiten! In der Nähe der Judengasse ist allerdings eine Apotheke, wohin ich manchmal gehe und mir etwas gegen meine Beschwer hole. Ich habe immer solche Concessionen nach dem Unterleib.«

»Und Ihr habt des alten Salomon Haus an dem Abend nicht betreten? Besinnt Euch wohl!«

»Da brauche ich mich nicht zu besinnen,« sagte der Schuhmacher mit einem frommen Blick nach oben. »Ich sehe wohl, daß Sie mich in einem schrecklichen Verdacht haben; aber wollte Gott, der alte Salomon lebte noch, so würde er selber auftreten und bezeugen, daß er mich nie und nimmer in seinem Laden, ja nicht einmal in seinem ganzen Leben gesehen hat!«

Der Justizrath hatte dem Staatsanwalt, der wieder neben ihm stand, leise etwas gesagt, und dieser ging jetzt nach der nahen Thür, die er öffnete. Im nächsten Augenblick stand der alte Salomon selber in der Thür. Die Wirkung aber, die der Anblick des Todtgeglaubten auf den Verbrecher ausübte, war so zauberschnell als furchtbar. Ob er nun dachte, daß er eine Erscheinung vor sich sähe, oder ob ihn das Bewußtsein zu Boden warf, mit diesem Zeugen gegen sich doch rettungslos verloren zu sein, mit einem jähen Aufschrei brach er in die Kniee, die Arme gegen das Furchtbare ausstreckend, winselte er: »Gnade, Gnade!« und stürzte dann mit dem Gesicht auf den Boden nieder.

»Bei dem Gott meiner Väter,« sagte der alte Salomon feierlich, »das ist der Mann, der mich an jenem Abend überfallen und geschlagen hat; das ist der Mann, der schon vorher in meinem Laden war und mich verleiten wollte, Silberzeug von ihm zu kaufen!«

Als er schwieg, herrschte lautlose Stille in dem weiten Raum, so ergreifend, so tief erschütternd war der Moment, und Aller Augen hafteten schweigend und erwartungsvoll an dem Elenden, der gebrochen, zerknirscht am Boden lag.

Witte ging endlich zu ihm, um ihn aufzuheben; aber er rührte sich nicht. Er war keineswegs ohnmächtig geworden, denn seine ganze Stellung verrieth das; aber er scheute sich, das Auge wieder zu erheben, um nicht noch einmal den entsetzlichen Anblick zu haben.

Der Justizrath klingelte, und als einer der Sicherheitsdiener in das Zimmer trat, sagte er ruhig: »Schaffen Sie den Mann in seine Zelle; aber daß Niemand zu ihm gelassen wird, ausgenommen er verlangt den Geistlichen.«

»Heßberger,« sagte der Mann, indem er ihn an der Schulter rüttelte, »Heßberger, steht auf, Ihr sollt mitkommen; hört Ihr nicht?«

Der Schuhmacher hob sich langsam auf die Kniee, aber er nahm den Blick nicht vom Boden. Er stand auf, blieb aber wie in einander gebrochen, und als er sich der Thür zuwandte, mußte ihn der Polizeidiener unterstützen, daß er nicht wieder zusammenknickte und zu Boden fiel.

4.
Das gnädige Fräulein.

Draußen im Schlosse Wendelsheim war es ein trostloses, ödes Leben, denn mit dem Hinscheiden des jungen Barons Benno schien es fast, als ob dem alten Platz auch der letzte freundliche Lichtblick genommen sei, der ihn bis dahin doch wenigstens auf Momente erhellte. Benno mochte wohl immer krank, recht krank gewesen sein; aber sein mildes, liebreiches Wesen, das er auch dem niedrigsten Tagelöhner gegenüber bewahrte, hatte doch Allen wohlgethan, die mit ihm in Berührung kamen, und flackerte sein junges Leben zu Zeiten – wo die Krankheit auf Tage, ja auf Wochen oft gänzlich zu weichen schien – wieder einmal auf, dann belebte er durch seine kindliche Heiterkeit den ganzen Platz und glättete selbst – was sonst unmöglich schien – für kurze Zeit die Stirn der harten, stolzen und herzlosen Tante.

Jetzt war auch er dahingegangen, und hinten im Park, neben der kleinen Capelle, wo das Erbbegräbniß derer von Wendelsheim stand, beigesetzt worden. Aber mit ihm schied der letzte freundliche Stern des alten, öden Herrenhauses. Die Tante zeigte sich unnahbarer als je, und der alte Baron ging die nächsten Tage nach der Beerdigung wie in einem wilden, wüsten Traum umher. Wenn ihn der Verwalter nach irgend einem die Wirthschaft betreffenden Gegenstand fragte, winkte er ihn rasch und hastig mit der Hand fort, und stundenlang konnte er allein draußen im Park auf und ab gehen, mit den Händen in der Luft herumfechten und laut und heftig dazu mit sich selber sprechen. Aber Niemand durfte dann in seine Nähe kommen, selbst nicht Kathinka, gegen die er sich noch am freundlichsten oder wenigstens am stillsten zeigte; denn er duldete, daß sie ihm das Essen auf sein Zimmer brachte, ihm den Stuhl nachher zum Fenster rückte und den Kaffee auf den kleinen Tisch daneben stellte. Aber er sprach auch nicht mit ihr. Nur manchmal war es, als ob er sich zu ihr wenden, sie um etwas fragen wolle; aber er seufzte dann immer tief auf, schüttelte den Kopf und versank wieder in sein altes Brüten. – Die Tante durfte sein Zimmer gar nicht betreten und kam auch von selber nicht, schien aber jede Gelegenheit abzulauern, wo sie über das arme Mädchen herfallen und sie auszanken konnte, und sagte ihr dabei oft die härtesten, grausamsten Sachen.

Bruno war bis jetzt jeden Tag herausgekommen, um nach dem Vater zu sehen, dessen Zustand ihn in der That besorgt machte; aber der alte Baron verkehrte auch nicht mit ihm. Er nickte ihm wohl zu, wenn er in's Zimmer trat, und duldete es, daß der Sohn seine Hand nahm und drückte; aber dann war es auch jedesmal, als ob er danach zusammenschaudere, und das Gesicht in den Händen bergend, stöhnte er wohl: »Mein Sohn, mein Sohn!« und sank bleich und vor sich niederstarrend in den Lehnstuhl zurück.

Bruno suchte ihn zu trösten; er hatte nie geglaubt, daß der Verlust des Knaben den Vater so furchtbar ergreifen würde. So natürlich es auch dabei schien, daß er in dem andern Sohn Ersatz für den verlorenen suchen solle, so wenig wandte er sich dem zu, und wenn er ihn auch nicht von sich stieß, so duldete er doch nur gewissermaßen seine Gegenwart, und schien befriedigt, wenn er ihn wieder verließ.

Mit der Tante verkehrte Bruno gar nicht: er grüßte sie, wenn er sie im Hause traf, aber er suchte sie nie auf, und doch schien gerade sie seit Benno's Tode freundlicher gegen ihn geworden zu sein, als sie es je gewesen. Sie sorgte sogar, woran sie früher nie gedacht, Morgens, wenn er kam, für sein Frühstück und schickte die Knechte von der Arbeit fort, um nach seinem Pferd zu sehen.

Die Leute im Schlosse lachten darüber, denn die Ursache lag auf der Hand. Der alte Baron war so auffallend geistesschwach geworden, daß er der Leitung des ganzen Anwesens nicht einmal mehr vorstehen konnte, und der junge Baron bekam jetzt in wenigen Wochen die große Erbschaft ausgezahlt, wo er denn doch von selber Herr des Ganzen wurde. Ihre Macht hatte dann aufgehört, wenn sie sich nicht selber gut mit ihm stellte, und sie wunderten sich nur, daß sie nicht schon lange gegen ihn eingelenkt und ihn sich zum Freund gewonnen hatte. Sie kannten den Charakter ihres verbissenen, keiner Zuneigung fähigen Wesens noch viel zu wenig, sie wußten nicht, welche furchtbare Gewalt sie sich selbst diesem Wenigen gegenüber, zu dem sie sich zwang, anthun mußte. Bruno nahm aber selbst das Wenige dankbar an; sie hatten ihn im Schlosse wahrlich nicht verwöhnt, und durch den Tod des Bruders ohnedies weich gestimmt, sehnte sich sein Herz nach einem freundlichen Wort und Blick.

Allerdings hatte er heute noch Manches mit dem Vater besprechen und ihm zugleich mittheilen wollen, daß er den ersuchten Abschied, und zwar als Hauptmann, erhalten habe; aber es war mit dem alten Mann nicht zu sprechen, und sowie er nur davon beginnen wollte, winkte er schon mit der Hand; er wollte nicht gestört sein und malte nur in einem fort mit einem Bleistift wunderliche Zeichen auf ein Stück Papier.

Bruno hoffte allerdings, daß sich diese geistige Schwäche, wenn nur der erste Schmerz überwunden wäre, geben würde, sah aber auch, daß er vor der Hand auf jede ernste Besprechung mit ihm verzichten müsse. Er ließ also sein Pferd satteln und wollte eben zurück nach der Stadt reiten, als Kathinka zu ihm trat und mit leiser, zitternder Stimme sagte: »Ach, Herr Baron, erlauben Sie mir eine Frage....«

»Ja, Kathinka,« sagte der Officier freundlich; »was ist es?«

»Es gehen hier so böse Gerüchte im Schloß,« fuhr das junge Mädchen schüchtern fort – »und die Tante hat es nur bestätigt –, daß nämlich der junge Herr Baumann, der immer so gut mit Ihrem seligen Bruder war und ihn so lieb hatte, einen Mord begangen habe und jetzt im Gefängniß sein Urtheil erwarte – ist das wahr? – Die Tante,« fuhr sie scheu fort, als Bruno noch schwieg und sie nur aufmerksam betrachtete, »meint sogar, er sei ein recht böser, heuchlerischer Mensch, der jetzt seine verdiente Strafe erleiden würde.«

Bruno hatte sie wirklich staunend angesehen, denn das junge, scheue, gedrückte Wesen des Mädchens hatte ihn, wenn er wirklich einmal herauskam, sie eigentlich nie beachten lassen. Sie war auch meist immer auswärts beschäftigt gewesen, und traf er sie einmal, als sein Bruder noch lebte, in dessen Krankenzimmer, so verließ sie dasselbe gewöhnlich immer, sobald er es betrat. Jetzt stand sie vor ihm, die großen, bittenden Augen in Angst und Mitleiden fragend zu ihm erhoben, die Wangen leicht erröthend, als sie dem überraschten Blick des jungen Herrn begegnete. Wie schön sie war – und welche trübe Jugend verbrachte sie hier in den öden Mauern des alten Schlosses!

»Ist das wahr, Herr Baron?« fragte das junge Mädchen noch einmal und schlug den Blick jetzt scheu zu Boden.

»Nein, Kathinka,« sagte Bruno herzlich, »das ist nicht wahr. Fritz Baumann ist allerdings durch zufällige Umstände in den Verdacht gekommen, bei jener dunkeln That betheiligt gewesen zu sein, aber der wirkliche Mörder jetzt entdeckt, und wie ich noch heute Morgen hörte, so hat er ein volles Geständniß über seine That abgelegt, nach dem Baumann entweder schon freigelassen ist oder jedenfalls in der allernächsten Zeit freigelassen wird. Er hat mit der Sache nicht allein nichts zu thun gehabt, sondern sogar, aller Wahrscheinlichkeit nach, durch sein plötzliches Erscheinen den Dieb verjagt und verhindert, den alten Mann völlig umzubringen.«

»Gott sei Dank!« flüsterte Kathinka leise. »Es würde mir recht weh gethan haben, so Böses von ihm zu glauben – auch Ihnen dank' ich für das gute Wort!«

Bruno wollte noch etwas erwiedern, aber der Tante keifende Stimme rief sie fort, und wie ein gescheuchtes Reh floh sie über den Hof hinüber nach dem Schlosse zu.

Bruno stieg seufzend in den Sattel und ritt langsam zum Thor hinaus. Wozu nur das ewige Schelten und Keifen – wozu der ewige, unausgesetzte Unfriede daheim, der Jedem das Haus zu einer Hölle machte?

Dicht vor dem Thor, und noch mit seinen trüben Gedanken beschäftigt, begegnete er dem Staatsanwalt Witte, der eben in das Schloß wollte. Der Staatsanwalt fuhr in einem Einspänner und ließ halten, so daß Bruno sah, er wünsche ihn zu sprechen. Er zügelte deshalb sein Pferd ein und ritt an das kleine Fuhrwerk heran.

»Ach, lieber Baron,« sagte Witte nach der ersten Begrüßung, und es kam Bruno fast vor, als ob der sonst so ruhige und seiner Sache stets sichere Mann in einer Art von Verlegenheit sei – »ist Ihr Herr Vater wohl zu Hause und könnte ich ihn sprechen?«

»Mein Vater ist allerdings zu Hause,« seufzte Bruno, dessen Gedanken rasch wieder abgeleitet wurden, »aber ich glaube kaum, daß Sie ihn sprechen, wenigstens keinesfalls etwas mit ihm besprechen können, wenn Sie zu dem Zweck herausgekommen sind.«

»Ist er krank?«

»Nein; er befindet sich körperlich wohl, aber geistig so niedergedrückt, daß er an nichts Antheil nimmt und besonders auf keine Frage antwortet. Ich fürchte, der Tod meines Bruders hat ihn so angegriffen, und er wird einer langen Zeit der Ruhe bedürfen, bis er sich wieder vollständig erholt. Ich würde Sie jedenfalls dringend bitten, nicht über Geschäfte mit ihm zu reden.«

»Hm, das thut mir ja herzlich leid – Gemüthsbewegung also,« sagte Witte sinnend – »aber Ihre Fräulein Tante ist zu sprechen?«

»Wenn sie erledigen kann, was Sie abzumachen haben – gewiß. Sie ist daheim; sie verläßt in der That das Schloß selten oder nie.«

»Doch nicht auch etwa von Gemüthsbewegung afficirt?« fragte Witte, denn der Charakter der Dame war in Alburg gut genug bekannt.

Bruno lächelte. »Von keiner wenigstens, die sie untauglich zu Geschäften machte. Sehen Sie, wie Sie mit ihr fertig werden – à propos! haben Sie etwas Näheres über Fritz Baumann's Freilassung gehört?«

»Ich komme gerade daher: sie ist eben erfolgt. Der alte Salomon hat selber so dringend für ihn gebeten und so entschieden verneint, daß auch nur die Möglichkeit eines Einverständnisses mit seinem Onkel sei, daß, nach Heßberger's vollem Geständniß, das Gericht ihn wohl freigeben mußte.«

»Das freut mich – dann bitte, sagen Sie es doch Kathinka, dem jungen Mädchen, das Sie im Hause finden – meines verstorbenen Bruders Krankenpflegerin. Sie kennen sie ja wohl – es wird sie freuen.«

»Allerdings; ich werde es ausrichten.« Und dem jungen Mann freundlich zunickend, gab er seinem Pferd die Peitsche und fuhr in das Schloß hinein, wo er aber eine Zeit lang warten und knallen mußte, bis Jemand kam, der ihn der Sorge für das Thier enthob.

»Zieht das Pferd einen Augenblick in den Stall, lieber Freund,« sagte er zu dem Mann, »ich habe etwas mit dem gnädigen Fräulein zu reden. Was ist denn das für ein furchtbarer Skandal da oben?«

»Was wird's sein,« sagte der Mann mürrisch, »das tägliche Elend – sie hat's wieder mit dem armen Ding, der Mamsell. Vorher war sie um den Finger zu wickeln, sie fraß ordentlich aus der Hand – jetzt, nun der Baron fort ist, scheint der Teufel wieder loszugehen!«

»Mit wem hat sie's?«

»Mit der Fräulein Kathinka, die ihr thut, was sie ihr an den Augen absehen kann – nun wird's aber bald ein Ende haben, sie hat ihr eben angekündigt, daß sie heute über acht Tage das Schloß verlassen soll – das arme junge Blut! Nun muß sie zu fremden Menschen dienen gehen, denn sie hat nichts, als was sie auf dem Leibe trägt – aber immer noch lieber bei fremden Menschen, als bei dem Drachen!«

Der Staatsanwalt hatte den geschwätzigen Mann ruhig reden lassen und nur dabei nach dem Schloß hinüber gehorcht, von dem noch immer die keifende Stimme der Alten herübertönte. »Und sollte es gar nicht möglich sein, den Drachen zahm zu machen?« sagte er nach einer Weile, indeß der Mann das Pferd noch ausschirrte. »Was meint Ihr?«

»Den?« rief der Mann und sah den Staatsanwalt verwundert an. »Und wenn der Teufel selber aus der Hölle käme und eine ganze Compagnie kleiner Teufel mitbrächte, von der müßt' er die Finger lassen und machen, daß er wieder in seinen Pfuhl käme! Die zeigt's ihm!«

»Na, versuchen kann man's ja immer,« lachte Witte, »den Hals wird sie Einem doch nicht gleich umdrehen.«

»Hören Sie,« sagte der Mann ernsthaft, »wenn Sie auf so einen Versuch aus sind, dann möchte ich das Pferd lieber gleich wieder einschirren und den Wagen umdrehen und vor's Thor fahren, damit Sie nachher gleich hineinspringen und auskneifen können. Sie ist heute gerade in der Laune.«

»Nun, es muß nicht gleich sein,« lächelte Witte; »aber wunderlichere Dinge sind schon in der Welt passirt. Gebt nur unterdessen dem Pferd ein Maul voll Heu, sonst beißt es Euch die Krippe zu Schanden; es hat sich das so angewöhnt.« Und damit legte er seine Peitsche in den Wagen und ging langsam dem Portal des Schlosses zu, wo er noch immer die zankende Stimme des gnädigen, oder vielmehr sehr ungnädigen Fräuleins hörte. Er ließ sich aber nicht dadurch abschrecken, und während ihm der Knecht ganz verwundert nachschaute – denn von ihnen kam ihr bei solcher Gelegenheit Niemand freiwillig in die Nähe –, betrat er das Schloß selber und stieg die Treppe hinauf.

Auf der halben Treppe kam aber Kathinka schon dem Staatsanwalt bleich und mit rothgeweinten Augen entgegen und erschrak sichtlich, als sie einen Fremden erblickte. Sie schämte sich jedenfalls, so von ihm gesehen zu werden, und stand einen Moment unschlüssig, als wenn sie nicht wisse, ob sie an ihm vorbeieilen oder die Treppe wieder hinaufflüchten solle. Witte ließ ihr aber keine Zeit, weder das eine noch das andere auszuführen.

»Mein liebes Fräulein,« sagte er, »laufen Sie nicht vor mir davon – ich bin ein alter Mann und kenne die Verhältnisse hier im Hause gut genug – wo kann ich denn wohl Fräulein von Wendelsheim antreffen, denn ich höre merkwürdiger Weise ihre Stimme nicht mehr oben?«

»Sie wird in ihrer Stube sein,« sagte Kathinka, sich scheu und hastig die Thränen abtrocknend. »Sie entschuldigen mich wohl...«

»Den Augenblick – nur noch einen Auftrag habe ich an Sie auszurichten.«

»Für mich?«

»Der junge Baron gab ihn mir draußen; er erfuhr von mir, daß der Mechanikus Baumann freigesprochen und seiner Haft entlassen ist, und bat mich, Ihnen das zu sagen.«

»Ich danke Ihnen,« flüsterte Kathinka, ließ sich aber jetzt nicht länger halten, sondern eilte, so rasch sie konnte, die Treppe hinab.

Witte sah ihr kopfschüttelnd nach; aber andere Dinge gingen ihm auch im Kopf herum, und die Treppe hinansteigend, traf er oben ein Dienstmädchen, das Fenster putzte. »Können Sie mir sagen, liebes Kind, wo ich das gnädige Fräulein von Wendelsheim treffe?« fragte er dieses.

»Jawoll,« sagte das Mädchen, »gleich da drin ist sie.«

»Schön,« erwiederte Witte, indem er seine Brieftasche vorholte und eine Karte herausnahm, die er dem Mädchen hinhielt. »Möchten Sie dann wohl so gut sein und diese Karte zu dem gnädigen Fräulein hineintragen und ihr sagen, der Herr, dessen Name darauf stehe, sei hier draußen und wünsche mit ihr zu sprechen?«

»Jawoll,« entgegnete das Mädchen wieder, aber ohne die Hand nach der Karte auszustrecken, »das möchten Sie woll, nicht wahr? Ne, einmal gemacht und nicht wieder. Wenn Sie mit ihr sprechen wollen, gehn Sie selber hinein – ich aber nich.«

Witte lachte. »Das gnädige Fräulein,« sagte er, »scheint sich hier sehr in Respect gesetzt zu haben – beißt sie?«

»Ne, aber sie kratzt,« sagte die Magd.

»In der That? Nun, dann werd' ich mein Glück auf eigene Hand versuchen!« Und damit schob er Karte und Brieftasche wieder zurück, ging dann auf die bezeichnete Thür zu und klopfte herzhaft an.

Ein scharfes, zorniges »Herein!« wurde fast augenblicklich gerufen, und der Staatsanwalt, der nur noch sah, daß das Mädchen ihr Fensterputzen unterbrochen hatte und neugierig hinübersah, um wahrscheinlich Zeuge des Empfanges zu sein, trat auf die Schwelle und sagte:

»Mein gnädiges Fräulein, ich konnte Niemanden finden, der mich anmelden wollte – Sie entschuldigen, daß ich Sie störe...«

»Was wollen Sie?« lautete die kurze, barsche Gegenfrage.

»Nur Sie sprechen – ich bin der Staatsanwalt Witte,« sagte dieser, indem er die Thür wieder hinter sich zuzog.

»Und was wollen Sie von mir

»Um Ihnen das zu sagen, bin ich ganz besonders von Alburg herausgekommen,« erwiederte der Staatsanwalt, stellte seinen Hut auf die nächste Commode und zog sich die Handschuhe aus, die er hineinwarf.

»Aber woher wissen Sie,« fragte Fräulein von Wendelsheim, empört über die Freiheit, die sich der Fremde nahm, »daß ich überhaupt jetzt Zeit und Lust habe, Sie anzuhören?«

»Mein gnädiges Fräulein,« sagte aber Witte trocken, »die Sache ist viel zu wichtig, um lange vorher mit Worten um eine Form zu streiten. Ihres eigenen Selbst wegen müssen Sie mich anhören, um sich einen Weg vor das Gericht zu ersparen.«

»Mir?« rief die Dame empört. »Habe ich etwas mit den Gerichten zu thun?«

»Bitte, nehmen Sie Platz,« erwiederte Witte, der fest entschlossen schien, sich nicht einschüchtern zu lassen, indem er sich selber einen Stuhl zum Tisch rückte. »Wir werden nicht sogleich fertig sein; ich komme in der Erbschafts-Angelegenheit – oder vielmehr in der Sache der Erbfolge.«

»Und weshalb gehen Sie da nicht zu meinem Bruder?«

»Ihr Herr Bruder ist, wie mir der junge Baron vorhin sagte, geistig so abgespannt, daß er mir augenblicklich nichts helfen kann, denn was ich jetzt mit Ihnen zu reden habe, erfordert einen klaren und ungetrübten Verstand. Wir können doch nicht behorcht werden?«

Fräulein von Wendelsheim sah ihn staunend an; der Mann trat aber so entschieden und bestimmt auf und machte so entsetzlich wenig Umstände mit ihr – er mußte einen wichtigen Grund dafür haben, oder er war einer der unverschämtesten Menschen, die ihr im ganzen Leben vorgekommen.

»Nein,« sagte sie, ihn staunend betrachtend, »rechts und links sind unbewohnte Zimmer.«

»Das Mädchen auf dem Vorsaal wird horchen.«

»Das wagt keine von meinen Dienstboten – aber ich wüßte auch nicht, welches Geheimniß wir Beide mit einander zu besprechen hätten.«

»Haben Sie gar kein Geheimniß, mein gnädiges Fräulein?« sagte der Staatsanwalt und sah sie dabei starr an. »Bitte, besinnen Sie sich.«

»Und wenn ich es hätte,« sagte finster die Dame, »wer gäbe Ihnen ein Recht, danach zu fragen?«

»Gut,« fuhr Witte ruhig fort, »dann setzen Sie einmal den Fall, daß ich Mitwisser desselben geworden wäre.«

Fräulein von Wendelsheim faßte fast krampfhaft die Lehne des Stuhls, neben dem sie stand, und Witte täuschte sich wohl nicht, wenn er zu bemerken glaubte, daß sie erbleichte, als ihr Blick dem fest auf sie gehefteten Auge des Juristen begegnete. Aber Fräulein von Wendelsheim hatte keine schwachen Nerven, und während schon im nächsten Moment ein trotziges, verächtliches Lächeln um ihre Lippen spielte, sagte sie scharf: »Sie haben eine merkwürdige Art und Weise, sich bei einer Dame einzuführen; da Sie aber einmal da sind und mein Bruder in der That nicht wohl ist, so reden Sie. Doch muß ich Sie bitten, sich kurz zu fassen, denn ich habe weder Lust noch Zeit zu einer langen Unterredung. Also was ist es?«

Witte machte eine leise Verbeugung, und während sie sich selbst auf das ihm gegenüberstehende Sopha setzte, sagte er: »Ich werde mich sehr kurz fassen. Die Sache bedarf auch keiner weiteren Vorrede. Sie wissen, daß heute über vierzehn Tage die Erbschaft für den männlichen Leibeserben der Familie Wendelsheim fällig ist und an dem Tage mit den zu dem Capital geschlagenen Zinsen, einige unbedeutende Verwaltungskosten abgerechnet, ausgezahlt werden wird.«

»Sind Sie deshalb gekommen, um mir das zu sagen?« fragte das gnädige Fräulein kalt.

»Ich sage, Sie wissen das,« fuhr Witte ruhig fort; »aber der eigenthümliche Fall besteht dabei, daß Sie nicht wissen, wer der wirkliche Erbe des Wendelsheim'schen Vermögens ist.«

»Mein Herr!« fuhr die Dame von ihrem Sitz empor.

»Bitte, behalten Sie Platz, mein gnädiges Fräulein,« sagte Witte trocken; »ich bin noch lange nicht fertig, und Sie mögen Ihr Erstaunen für einen späteren Punkt meiner Relation aufsparen.«

»Wenn ich erstaunt bin,« sagte Fräulein von Wendelsheim mit einer Stimme, die genau so klang wie der grollende Donner vor Ausbruch eines Sturmes, »so war es nur über Ihre Unverschämtheit!«

»Bitte, mein gnädiges Fräulein,« sagte Witte, »soll ich Sie vielleicht daran erinnern, daß das Kind der Baronin von Wendelsheim unmittelbar nach der Geburt mit einem andern vertauscht wurde?«

Die Dame stand dem Staatsanwalt gegenüber; ihre ganze Gestalt zitterte, ob vor Aufregung und Schreck, oder verhaltener Wuth, ließ sich freilich kaum bestimmen; aber gewaltsam faßte sie sich – sie mußte erst hören, was der Mann noch zu sagen hatte – und nur mit vor Zorn bebender Stimme zischte sie: »Das faule Märchen, das damals im Mund des Volks war, aber als erbärmliche Lüge verstummen mußte!«

»Man hatte keine Beweise,« sagte Witte, »und die Sache schlief die langen Jahre. Das Wunderbare aber dabei ist, daß selbst Sie den wahren Thatbestand nicht kannten. Ja, mein gnädiges Fräulein, wenn Sie auch noch so höhnisch lächeln, ich bestehe doch auf meiner Behauptung. Sie glaubten nämlich damals, daß die Baronin von Wendelsheim eine Tochter geboren habe, die wenige Tage oder Wochen später gestorben sei; die Thatsache aber ist, daß sie einen Sohn geboren hat, der bis zu dieser Stunde noch lebt und wohl und gesund ist, und jenes nichtswürdige Weib, die Heßberger, nur den Tausch vollbrachte und Ihnen einen andern Knaben unterschob, um sich den reichen, in Aussicht gestellten Gewinn nicht entgehen zu lassen.«

Die Wirkung, welche diese Worte auf das Fräulein von Wendelsheim machten, war merkwürdig. Ihr Gesicht nahm eine fast erdfahle Färbung an, die Augen traten ihr aus den Höhlen, ihre Lippen öffneten sich, und den magern rechten Arm, der wie in Fieberfrost hin und wieder flog, vorstreckend, stand sie so für einen Augenblick dem Staatsanwalt gegenüber. Endlich stammelte sie: »Eine Lüge – eine schändliche – teuflisch erfundene Lüge!«

»Mein gnädiges Fräulein,« sagte Witte, »ich bin nicht besonders empfindlich und verzeihe Ihnen in der jetzigen Aufregung gern ein hartes Wort, aber Sie werden auch einsehen, daß Sie dadurch Ihre Sache nur verschlechtern, nie verbessern können. Erlauben Sie mir deshalb, Ihnen einfach zu sagen, weshalb ich hergekommen bin, und seien Sie versichert, daß ich Ihnen nichts mittheile, was ich nicht durch lebende Zeugen beweisen kann. Ich verlange von Ihnen vor der Hand kein Eingeständniß des Geschehenen, und bitte Sie nur, die Thatsache im Gedächtnisse zu behalten, daß der Familie Wendelsheim ein wirklicher, leiblicher Erbe lebt und der bisherige Baron, Bruno von Wendelsheim genannt, ein untergeschobenes Kind ist. Ich kenne Sie dabei als Frau von klarem, ruhigem und sehr scharfem Verstand , und bin einzig und allein deshalb hier herausgefahren, um mit dem Baron und Ihnen – oder unter den jetzigen Umständen mit Ihnen allein – zu überlegen, wie und auf welche Art der wirkliche Erbe am besten wieder in seine Rechte einzusetzen und der vermeintliche auf irgend eine zu arrangirende Art zu entschädigen sei, ohne dabei Ihren Namen zu compromittiren. Ich muß Ihnen dabei gestehen, daß ich selber um einen Ausweg verlegen bin; aber ich möchte, wenn es irgend möglicher Weise anginge, den Eclat von Ihrem Hause abwenden. Sie sehen daraus, daß ich nicht als Feind, sondern als Freund zu Ihnen komme.«

Witte hatte sich in der Frau vollständig verrechnet. Er war ihr mit der festen Ueberzeugung gegenübergetreten, daß er sie mit den nach einander aufgehäuften Thatsachen jedenfalls zerschmettern und augenblicklich zu einem Bekenntniß ihrer Schuld bringen würde, wenn er sie eben um gar nichts fragte, sondern ihr im Gegentheil zeige, daß er schon Alles wisse. An wen anders konnte sie sich dann nachher um Hülfe anklammern, wenn er selber ihr die Hand dazu bot? Aber er hatte in seiner Berechnung einen Factor zur Geltung gebracht, der in dem Nervensystem des gnädigen Fräuleins gar nicht existirte: das Gewissen – und darum stimmte das Facit nicht.

In den Zügen des Fräuleins war schon, während er noch sprach, eine auffallende Veränderung vorgegangen; das erst vor Schreck und Ueberraschung weitgeöffnete Auge hatte sich wieder zusammengezogen, der Mund geschlossen; aber die rechte Hand blieb noch wie krampfhaft geballt, und erst als er geendet, sagte sie, aber jetzt mit ruhiger, wie spöttischer Stimme: »Und war das Alles, was mir der Herr Staatsanwalt mitzutheilen hatte?«

Witte erschrak; er glaubte schon Grund gefaßt zu haben, und fühlte jetzt, daß ihm der Boden wieder unter den Füßen wegging. »Nein, mein gnädiges Fräulein,« sagte er rasch, »denn Sie scheinen noch immer an meinen Worten zu zweifeln; aber Sie wissen vielleicht nicht, daß das Heßberger'sche Ehepaar hinter Schloß und Riegel sitzt und...«

»Wollen Sie etwa behaupten,« fuhr die Dame auf, »daß jenes Weib etwas gegen mich aussagt? Aber,« setzte sie plötzlich kalt und höhnisch hinzu, »wie ich eben so gut weiß, daß das unmöglich ist, so sehe ich auch an Ihrem Gesicht, daß es nicht geschehen ist! Sie selber spielen dabei jedoch eine klägliche Rolle, Herr Staatsanwalt, wie Sie wohl einsehen werden, und fallen mit Ihrem Versuche, einer Familie ein Geheimniß aufdrängen zu wollen, in der gar keins besteht, sehr traurig ab – ich glaube, Ihr Geschäft ist jetzt hier erledigt.«

»Und verlangen Sie nicht einmal den Namen des rechtmäßigen Erben, ihres eigenen Neffen, zu wissen?« sagte Witte, wirklich ganz durch diese starre Ruhe außer Fassung gebracht.

»Es wird sich gleich bleiben,« erwiederte Fräulein von Wendelsheim, selbst nicht einmal die Schwäche der Neugierde verrathend, »ob Sie beabsichtigten, uns einen Schuster oder Schneider unterzuschieben. Ich will nichts weiter von der Sache hören und ersuche Sie jetzt ganz ernstlich, mich zu verlassen.«

»Auch noch hinausgeworfen für meinen guten Willen – versteht sich!« lachte Witte bitter vor sich hin, indem er von seinem Stuhl aufstand und seinen Hut nahm. »Aber, mein gnädiges Fräulein, Sie haben sich jetzt auch die Folgen selber zuzuschreiben – ich hatte gehofft, die Sache...«

»Da mich Ihre Hoffnungen nicht im mindesten interessiren, Herr Staatsanwalt,« sagte die Dame, »so ersuche ich Sie, das Gespräch draußen fortzusetzen – ich habe Ihr Geschwätz jetzt satt.«

»Sehr schön, mein gnädiges Fräulein!« rief Witte, dem das denn doch zu arg wurde, indem er sich aber vorsichtiger Weise nach der Thür zurückzog, denn der in diesem weiblichen Unhold schlummernde Drache schien sich zu regen. »Von meinem Geschwätz sollen Sie nicht länger belästigt werden, aber vielleicht gefällt Ihnen dann eine Vorladung vor Gericht besser, die...«

Die Dame fuhr mit so zornsprühenden Augen auf ihn ein, daß er es für das Beste hielt, das Zimmer zu verlassen; denn er hielt sie in ihrem jetzigen Zustand, gereizt und zum Aeußersten getrieben, auch zu Allem fähig. Er mochte aber dabei die Thür wohl etwas rascher auf- und wieder zugemacht haben, als das in der gewöhnlichen gesellschaftlichen Form die Sitte erheischt, und als er draußen aufblickte, sah er durch den einen Fensterflügel durch, den sie in der Hand hielt und gerade abputzte, in das vergnügt grinsende Gesicht der Magd, die etwas Anderes gar nicht erwartet zu haben schien.

»Na, war's hübsch?« flüsterte das boshafte Geschöpf auch noch, als er, ohne sie weiter zu beachten, an ihr vorüberschreiten wollte; aber er hielt es natürlich nicht der Mühe werth, ihr eine Antwort zu geben, und eilte, so rasch er konnte, die Treppe hinunter und auf den Stall zu, wo er sich augenblicklich sein Pferd wieder einschirren ließ. Der Knecht schien sich zu gern in ein Gespräch mit ihm einlassen zu wollen, um zu erfahren, wie es oben abgelaufen. Witte fühlte sich aber nicht in der Stimmung, drückte ihm ein gutes Trinkgeld in die Hand, setzte sich auf und fuhr in einem scharfen Trab zum Thor hinaus. Er war auch dabei sehr unzufrieden mit sich selber, denn er hatte bei dem ganzen verunglückten Versuch, die Sache durch einen entscheidenden Schritt zu erledigen, nicht allein nichts erreicht, sondern vielleicht eher Schaden angerichtet, und gar nicht zu seiner besondern Erbauung fiel ihm in dem nächsten Augenblick der Major und Rath Frühbach ein, die etwa in ähnlicher Weise von Vollmers abgezogen waren. Jene handelten freilich nur auf einen Verdacht, er selber aber auf die Gewißheit der Thatsachen hin; doch was halfen ihm die, so lange es ihm an Beweisen dafür fehlte, und mit denen sah er sich vollständig auf den Sand gesetzt.

Heßberger, total gebrochen und eingeschüchtert, hatte allerdings Alles, was man von ihm wollte, gestanden, die Heßberger selber aber, bei welcher er dann, aber auch noch ganz privatim, den Versuch gemacht, um eine Zustimmung von ihr zu erhalten, kalt und höhnisch erwiedert, sie wisse von nichts, und als er ihr endlich das Zeugniß ihres Mannes vorhielt, geantwortet, dann erledige sich die Sache von selber. Möglich, daß die verstorbene Frau Baronin die Absicht gehabt habe, einen solchen Tausch zu machen, falls ihr eine Tochter geboren würde – sie könne es nicht sagen und die Frau auch nicht mehr fragen, denn sie wäre todt; dann hätte sich das aber auch natürlich durch die Geburt eines Sohnes unnöthig gezeigt und jede Mutter ihr eigenes Kind erzogen.

Dabei blieb sie, und dagegen würde selbst Heßberger's Zeugniß nichts geholfen haben. Durch diesen konnte allerdings der Versuch eines Betrugs constatirt werden, aber nie die Ausführung desselben und der wirkliche Tausch. Die Kinder waren ihm im Dunkeln überliefert worden, und er selber hätte nie im Leben beschwören können, ob er dasselbe Kind oder ein anderes dafür zurückgetragen.