Aber jetzt half es nichts mehr; er war schon zu weit gegangen, um noch zurück zu können. Auf der einen Seite drängte ihn der alte Baumann selber, die Sache zum Abschluß zu bringen, auf der andern war er jetzt der Gefahr ausgesetzt, daß dieses entsetzliche Fräulein von Wendelsheim sogar eine ähnliche Klage gegen ihn richtete, wie die Frau Müller gegen den Major. Bis zu diesem Augenblick hatte er Alles allein auf eigene Faust und im Stillen betrieben, nun ging das nicht länger; er mußte selber die Anzeige beim Gericht machen. Ueberdies war auch der Termin der Erbschafts-Auszahlung so nahe herangerückt, daß er sich hätte die größte Verantwortung zuziehen können, wenn er eine derartige ihm gemachte Anzeige über denselben hinaus verheimlichte. Er durfte eben nicht länger zögern und das Ganze auf die eigenen Schultern nehmen, und mit dem Entschluß wurde er auch wieder ruhiger und selbstzufriedener. Sein Pferd fühlte die Peitsche, und der leichte Wagen rollte rasch der Stadt entgegen.
In den letzten Tagen hatte ein so wunderliches Verhältniß im Baumann'schen Hause geherrscht, daß selbst der Gesell und die Lehrlinge darauf aufmerksam geworden waren und den Kopf darüber schüttelten. Sonst war nichts als Friede und Freundlichkeit in der Familie, und wenn der alte Schlossermeister mit seinem jüngsten Kind, seinem kleinen Liebling, manchmal nach Feierabend spielte, lachte er oft so herzlich über dessen kindischen Frohsinn, daß die Leute auf der Straße stehen blieben und unwillkürlich mitlachen mußten, wenn sie auch keine Ahnung hatten, was da drinnen so Lustiges vorging. Jetzt war das anders, viel anders geworden. Der alte Baumann stand den ganzen Tag bis Abends spät am Amboß und hämmerte auf das Eisen ein oder feilte an seiner Arbeit; wenn er sich aber noch vor wenigen Tagen ein lustig Lied dazu gepfiffen oder gesungen, so verrichtete er jetzt sein Tagewerk stumm und mit düster zusammengezogenen Brauen, und kein Wort wurde in der Werkstätte gesprochen, das sich nicht auf die Arbeit bezog und nothwendig gesprochen werden mußte.
Und welche Veränderung konnte erst mit der Meisterin vorgegangen sein? Sie war nicht krank, denn sie schaffte den ganzen Tag in der Küche und verrichtete alle ihre Besorgungen pünktlich, wie zuvor; aber sie kam gar nicht mehr vorn in die Stube, außer wenn sie Morgens rein machte und Mittags zum Essen, und selbst dann hatte sie einen andern Platz am Tische, als früher, nicht mehr neben dem Meister, sondern zwischen ihrer kleinen Else und dem Gesellen; und keine Frage that der Meister an sie, keine Silbe wurde überhaupt bei Tische gesprochen.
Den Leuten war das natürlich unheimlich, aber keiner von ihnen, selbst Karl nicht, der Sohn vom Hause, wagte nach der Ursache zu fragen. Meister und Meisterin mußten sich mitsammen gezankt haben, wenn das auch eigentlich nie vorfiel und Keiner von Allen etwas gehört haben wollte; das aber blieb die einzige Erklärung, die sie darüber wußten, und war das der Fall, dann versöhnten sie sich auch wieder und das alte Verhältniß wurde hergestellt – daß es nur so viele Tage dauerte!
Das Essen war vorüber; der Meister stand wieder draußen bei seiner Arbeit und die Frau wusch das Geschirr auf, als ein Polizeidiener in die Werkstätte kam und nach der Frau Baumann fragte.
»Was soll sie?« sagte der Schlossermeister, der todtenbleich geworden war, indem er den Hammer auf dem Amboß ruhen ließ.
»Ich habe hier eine Vorladung für sie auf heute Nachmittag vier Uhr.«
»Schön; legen Sie das Papier nur dahin, es soll ausgerichtet werden.«
»Nein; ich muß es ihr selber geben.«
»Dann gehen Sie in die Küche,« sagte der alte Mann düster, drehte sich ab und schob das Eisen in den Feuerherd, dessen Gluth, durch den Blasebalg angefacht, emporloderte.
Die Leute in der Werkstätte sahen ihm verwundert nach. Sie begriffen nicht, was die Meisterin mit der Polizei zu thun haben könnte. Der Meister wußte es, aber er sagte kein Wort; er sah nicht auf, als der Polizeibeamte seine Pflicht erfüllt hatte und die Werkstätte wieder verließ; er ging nicht zu seiner Frau, um mit der zu sprechen. Er hätte sich nicht weniger darum bekümmern können, und wenn die Bestellung im Nachbarhause abgegeben wäre.
Da warf Karl plötzlich seine Feile hin, rief: »Der Fritz!« und sprang der Thür zu, durch deren kleines, angelaufenes Glasfenster er den Bruder erkannt hatte. Und die kleine Else hatte im Zimmer den Ruf gehört und kam herausgesprungen, und wie er die Thür öffnete, klammerte sie sich an ihn, ließ sich von ihm emporheben und herzte und küßte ihn.
Und das war jetzt ein Fragen und Jauchzen zwischen den jungen Leuten, daß der Fritz wieder frei war und kein Verdacht der nichtswürdigen That mehr auf ihm lastete; und die Kleine hatte nur immer ihre Aermchen um seinen Nacken geschlagen und weinte und lachte: die bösen Männer dürften ihren Fritz nun nicht wieder in's Gefängniß stecken, und er solle bei ihr bleiben und nie wieder von ihr fortgehen.
Auch der Vater hatte seine Arbeit bei Seite gelassen und ihm die Hand entgegengestreckt, die er derb schüttelte und drückte.
»Aber wo ist die Mutter?« rief Fritz. »Weshalb kommt sie nicht? Geh' hin, Elschen, und ruf' sie; sag' ihr, der Fritz sei wiedergekommen.«
»Bleib', Else,« sagte der Vater; »sie ist in der Küche – geh' dann zu ihr.«
Fritz sah den Vater verwundert an und dann den Bruder. Karl machte ihm aber hinter dessen Rücken ein Zeichen, das er zwar nicht verstand, aber doch daraus ersah, es müsse etwas vorgefallen sein, und er thäte besser, für den Augenblick nicht weiter nachzuforschen. Wie er aber nur in der Werkstätte dem Vater und den Uebrigen flüchtig erzählt hatte, wie es da oben gewesen und er heute Morgen freigelassen sei, ja, eigentlich schon vor drei Stunden hätte hier sein müssen und nur durch ein Versehen des albernen Schließers noch zurückgehalten wäre, da griff er sein Schwesterchen wieder auf und sprang hinüber in die Küche zur Mutter, um diese zu begrüßen.
Es dauerte lange, bis er wieder zurückkam, und jetzt ohne die kleine Else, und als er in die Werkstatt kam, ging er auf den Vater zu und sagte: »Vater, was ist denn eigentlich hier im Hause vorgegangen? Ihr seht mir Alle so sonderbar aus, so fremd. Mir ist, als ob ich jahrelang entfernt gewesen wäre und nicht nur kaum eine Woche oder etwas mehr. Was habt Ihr nur? Wie ich in die Küche kam, fiel mir die Mutter um den Hals und weinte, als ob ihr das Herz brechen müßte, wollte sich auch gar nicht mehr beruhigen, und jetzt hat sie die kleine Else auf dem Schoß und küßt das Kind in Einem fort und drückt es an sich.«
»Komm einmal mit herein, Fritz,« sagte der Vater ernst; »ich habe ein Wort mit Dir zu reden.«
»Mit mir, Vater? Ist etwas vorgefallen?«
»Ja, und etwas, das Dir nicht länger ein Geheimniß bleiben darf, eigentlich hätte nie ein Geheimniß bleiben sollen.«
»Aber willst Du nicht erst einmal zur Mutter gehen?«
»Nachher, mein Junge; zuerst komm einmal mit mir in's Zimmer hinüber, denn mir – hat's beinahe das Herz abgedrückt die letzten Tage, und es ist Zeit, daß ich's los werde – ich halt's nicht mehr länger aus.«
»Ich begreife Dich nicht, Vater.«
»Du wirst's bald begreifen lernen,« nickte der Alte still vor sich hin; »komm nur mit, daß wir die Sache abmachen, denn ich muß wieder an die Arbeit. Und Du, Karl, geh' einmal zur alten Bertram hinüber und frage sie, ob sie Zeit hätte, ein paar Tage hier zu uns herüber zu kommen und uns in der Wirthschaft zu helfen.«
»Ist die Mutter krank geworden, Vater?« rief Karl rasch.
»Nein,« sagte der Schlossermeister; »aber laß es auch lieber sein, ich will nachher selber zu ihr gehen – komm, Fritz!« Und ihm voranschreitend, ging er in die Stube hinein, setzte sich dort in den alten Lehnstuhl und winkte dem Sohn, auf einem andern Sessel Platz zu nehmen.
Karl schüttelte mit dem Kopf; er konnte sich gar nicht denken, was »der Alte« heute hatte und wie tief und langsam er da drinnen sprach, und dann sein Bruder – wie heftig. Die Worte freilich ließen sich hier draußen nicht verstehen; aber etwas Besonderes mußte es sein. Und weshalb erfuhr er nichts davon? Gehörte er nicht zur Familie?
Die Mutter wußte, was die beiden Männer mitsammen sprachen. Draußen in der Küche saß sie niedergekauert an der Thür, die in die Stube führte und deren Schwelle sie nicht mehr zu überschreiten wagte, das Gesicht in den Händen geborgen, und zwischen den dünnen Fingern quollen die heißen, brennenden Thränen vor. So saß sie, bis die Zeit kam, in der sie auf das Amt gefordert war; sie wußte, daß sie von dort nicht wiederkehren würde. Sie war aufgestanden und hatte ein kleines Bündel Wäsche zusammengeschnürt, das Nothwendigste nur, das sie brauchte, und das unter dem Arm, trat sie endlich in die Werkstätte – sie vermied die Stube –, um ihren schweren Weg anzutreten. Aber Fritz hatte sie durch das kleine Fenster in der Wohnstube gesehen, und mit wenigen Sätzen war er draußen bei ihr.
»Mutter!« rief er und schlang seine Arme um ihren Nacken.
»Und Du nennst mich Mutter?« sagte die Frau erstaunt und sah ihn mit den großen, thränengefüllten Augen an.
»Meine liebe, liebe Mutter!« Und fest und herzlich drückte er sie an sich; sie aber, während sie ihr Haupt einen Moment an seine Schulter lehnte, sagte leise:
»Ich danke Dir, Fritz, ich danke Dir aus tiefstem Herzen; jetzt werd' ich hingehen und für Dich sprechen – verlaß Dich darauf, Dir soll Dein Recht werden!«
»Und Du, Mutter...?«
»Sorge Dich nicht um mich, ich habe es nicht verdient. Leb' wohl!« Und ihn noch einmal auf die Stirn küssend, machte sie sich von ihm los. Fast unwillkürlich wandte sie sich dabei dem Mann zu, um auch Abschied von ihm zu nehmen; aber der Schlossermeister hatte die Arme auf die Brust gekreuzt und schaute finster zur Seite – es war keine Spur von Versöhnung in seinen harten Zügen zu erkennen.
»Leb' wohl, Gottfried,« sagte sie leise und streckte ihm die Hand entgegen.
»Leb' wohl!« sagte Baumann, ohne sie anzusehen, drehte sich ab und schritt wieder in die Stube zurück.
Seine Frau wagte nicht ihm dahin zu folgen. Karl war vorgesprungen und wollte jetzt wissen, was sie habe, weshalb sie Abschied nähme. Sie küßte ihm das rußige, ehrliche Gesicht, hob noch einmal die kleine Else auf, die sich an sie hing und nicht von ihr lassen wollte, riß sich los und eilte mit raschen Schritten auf die Straße hinaus und dem Polizeigebäude zu, in dessen düsterem Thore sie verschwand. – –
Der Staatsanwalt Witte befand sich an dem Tag in einer sehr unbehaglichen Stimmung, denn er hatte etwas unternommen, von dem er noch nicht recht klar sah, wie er es ausführen sollte. Wenn er sich auch bewußt war, nur seine Pflicht dabei zu thun, und ihn gesetzlich – der Fall mochte entschieden werden, wie er wollte – nicht die geringste Verantwortlichkeit treffen konnte, so täuschte er sich auch nicht einen Moment über das Aufsehen, das derselbe, besonders in den höheren Schichten der Gesellschaft, erwecken würde, und er wußte dabei recht gut, daß Alles für ihn nur von dem Erfolg dabei abhänge, denn nach dem Erfolg allein urtheilt die Welt. Fiel er mit seiner Klage durch, so konnte er sich erstlich darauf verlassen, daß Fräulein von Wendelsheim Himmel und Erde in Bewegung setzen würde, um sich an denen zu rächen, die es gewagt hatten, ihr entgegenzutreten. Aber das nicht allein: es mußte ihm auch wesentlich in seinem Rufe als Staatsanwalt schaden, zu einer dann als Schwindelei hingestellten Geschichte die Hand geboten zu haben, und dagegen half ihm nicht einmal der gute Name, den er bis jetzt als redlicher Mann in der Stadt hatte. Er kannte die Welt dafür viel zu genau.
Aber es ließ sich nicht mehr ändern; der Stein rollte, und durch seinen heutigen Besuch bei Fräulein von Wendelsheim hatte er überdies dem Faß den Boden ausgestoßen. Jetzt kämpfte er so gut für sich selber, als für die Rechte des wirklichen und leiblichen Wendelsheim'schen Erben, und wußte überdies die gute Sache auf seiner Seite – freilich noch immer nicht genug gegen zwei böse Weiber, so lange diese einig waren. Wenn man sie nur hätte entzweien können – aber wie?
Einer seiner Schreiber steckte den Kopf in die Thür und meldete einen Besuch.
»Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich für Niemanden heute zu sprechen bin?« fragte Witte scharf.
»Es ist der junge Baumann; er behauptet, er müßte Sie sprechen, und zwar in einer wichtigen Angelegenheit.«
»Der junge Baumann, hm – lassen Sie ihn hereinkommen. Der kann mir nachdenken helfen,« brummte er halblaut vor sich hin.
Fritz trat ein; er sah erschöpft und bleich aus. »Herr Staatsanwalt,« sagte er, »nach meinem letzten Hiersein hatte ich geglaubt, Ihre Schwelle nicht wieder betreten zu dürfen; aber die Verhältnisse zwingen mich dazu.«
»Lieber junger Freund,« sagte Witte, »Sie sind mir stets angenehm gewesen und werden es bleiben, wie sich auch immer die späteren Verhältnisse gestalten; Frauen haben allerdings ihren eigenen Kopf, aber – reden wir nicht davon. Was führt Sie zu mir?«
»Mein Vater hat mir Alles gesagt....«
»Ich dachte es mir, und es ist vielleicht besser so, einmal mußten Sie es doch erfahren.«
»Aber die Mutter ist auf's Amt gefordert und nicht wieder zurückgekehrt; sie werden doch um Gottes willen die arme Frau nicht gefangen halten?«
»Mein lieber Herr Baumann – erlauben Sie, daß ich Sie jetzt noch bei Ihrem alten Namen nenne –, das läßt sich nicht ändern,« sagte Witte achselzuckend; »die Gerechtigkeit muß ihren Lauf und in dem Laufe ihre Form haben. Aber seien Sie versichert, daß sie sich nicht in unfreundlichen Händen befindet. Ich war selber oben, als sie ankam und verhört wurde; sie legte ein offenes, reumüthiges Geständniß ihres ganzen Vergehens ab, aber so ohne jede Beschönigung für sich selbst, so nur von dem Einen Gedanken durchdrungen, Alles wieder gut zu machen, daß sie sich den Polizei-Director selber schon ganz gewonnen hat. Ich habe auch mit diesem gesprochen; jede Erleichterung, die ihr die Hausordnung des Gefängnisses verstattet, wird ihr werden. Aber in Freiheit kann sie nicht wieder gesetzt werden, bis Alles auf die eine oder andere Art erledigt ist.«
»Meine arme Mutter....!«
»Sie nennen sie Ihre Mutter?«
»Und ist sie es mir nicht gewesen die vielen, vielen Jahre lang? Hat sie nicht mit treuer Liebe für mich gesorgt und nie, nie, so lange ich denken kann, ein rauhes oder hartes Wort für mich gehabt?«
»Ich hoffe, es wird noch Alles gut gehen,« sagte Witte.
»Und glauben Sie wirklich, daß sie wahr gesprochen?« fuhr Fritz bewegt fort, »daß nicht irgend eine fixe Idee sie erfaßt hat, in der sie jetzt Sachen behauptet, die gar nicht existiren?«
»Ich glaube jedes Wort, das sie gesprochen hat,« sagte Witte ruhig und bestimmt.
»Aber das Alles klingt so fabelhaft, so wild, so unmöglich; ich bin gar nicht im Stande, mich hineinzudenken.«
»Das wäre gerade kein Wunder,« nickte Witte, »denn ähnliche Dinge kommen sonst auch eigentlich nur in Feenmärchen vor, wo arme Hirten plötzlich Prinzen werden und dann die übliche Königstochter heirathen. Uebrigens gebe ich Ihnen mein Wort, junger Freund, daß kein Mensch in der Welt so tolle, wahnsinnige Dinge erfinden kann, als wirklich existiren und zu Tage kommen. Besonders jeder Rechtsanwalt wird Ihnen das bestätigen, denn was der Welt sonst häufig verborgen bleibt, müssen sie mit allen Verwickelungen und Einzelheiten stets erfahren.«
»Und wenn es wirklich so wäre, wer, glauben Sie, daß die größte Schuld an jener Täuschung trägt? Doch nicht die Mutter?«
»Nein, sicher nicht; jedenfalls jenes bösartige Weibsstück, die Schustersfrau, und Ihre Fräulein Tante.«
»Meine Tante?« sagte Fritz, tief aufseufzend. »Die Natur scheint wirklich nicht glücklich mit der Wahl meiner Tanten zu sein, denn wenn ich mir zwischen beiden, der bisherigen und der zukünftigen, eine auszusuchen hätte, ich wüßte nicht, welche ich nehmen sollte.«
»Ich würde für Beide danken,« sagte Witte trocken; »aber Eine ist Ihnen sicher. Doch wir vergeuden unsere Zeit. Was führt Sie zu mir?«
»Weiter nichts, als die Bestätigung aus Ihrem Mund zu hören, daß nicht vielleicht nur ein irrer Wahn, eine Einbildung meine Mutter zu dem Geständniß getrieben hat, und wenn das nicht der Fall wäre, mit Ihnen zu berathen, wie wir ihr helfen, wie sie retten können.«
»Da ist vor der Hand gar nichts zu thun,« sagte der Staatsanwalt, »als dem Gesetz eben seinen Lauf zu lassen; von ihrer Untersuchungshaft kann sie kein Mensch, und wenn es der Justizminister wäre, befreien.«
»Doch was soll jetzt geschehen?«
»Ja, das ist eben die Frage,« nickte Witte still vor sich hin, »und ich gäbe selber viel Geld darum, wenn ich sie richtig beantworten könnte. Geschehen kann sehr viel; aber daß das Richtige zuerst geschieht, das ist der Hauptpunkt, und der Teufel weiß, was das Richtige ist – ich nicht?«
»Sie glauben nicht, daß meiner Mutter Zeugniß allein genügt?«
»Gott bewahre – kein Gedanke daran! Die Erbschafts-Commission würde sich nie davon bestimmen lassen, denn eine solche Behauptung könnte am Ende jede Mutter aufstellen, um ihrem Kind eine Erbschaft von nahezu einer halben Million zuzuwenden.«
»Und der arme Bruno von Wendelsheim...«
»Der arme Bruno von Wendelsheim?« meinte Witte. »Sagen Sie lieber: die armen Leute, die dem armen Bruno von Wendelsheim auf seine Erbschaft hin die vielen Tausende geborgt haben!«
»Er wird sie bezahlen.«
»Er denkt gar nicht daran, denn seinen »guten Willen« kann er nicht wechseln lassen. Ich bin fest überzeugt, daß er über dreißigtausend Thaler Schulden hat – wenn das reicht.«
»Das wäre allerdings viel, aber er wird sie doch bezahlen,« sagte Baumann bestimmt – »er oder ich, wer nun die Erbschaft antritt.«
»Wollten Sie das wirklich?«
»Würden Sie nicht das Nämliche an meiner Stelle thun? Denn war er mehr schuldig an dem Tausch, als ich selber? Aber welchen nächsten Schritt beabsichtigen Sie – darf ich ihn wissen?«
Der Staatsanwalt war aufgestanden und ein paarmal in seiner kleinen Stube auf und ab gegangen.
»Ich war heute in Wendelsheim,« sagte er, »und kam gerade zur rechten Zeit, um einem heftigen Auftritt Ihrer Fräulein Tante mit dem jungen Mädchen da draußen – wie heißt sie doch gleich?«
»Mit Kathinka?«
»Ja, mit Kathinka beizuwohnen. Dann hatte ich eine Unterredung mit der Dame selbst; ich wollte sie zu einem Geständniß bringen, aber es mißlang gründlich.«
»Die Baronin von Wendelsheim hat also nie um den Tausch gewußt?«
»Es scheint nicht so; aller Vermuthung nach hat Fräulein von Wendelsheim die Kleinigkeit, jedenfalls unter Mitwissen Ihres Vaters, besorgt.«
»Sie leugnete?«
»Sie ließ sich nicht einmal herbei, zu leugnen, denn damit hätte sie sich auf der Defensive halten müssen, sondern sie ging augenblicklich, wie ein tapferer Feldherr, zur Offensive über, und ich gebe Ihnen mein Wort, sie leistete darin Außerordentliches. Von der Dame ist auch nie ein Geständniß zu gewärtigen; eher verräth der Stuhl da, wo der Baum gestanden hat, aus dem er einst geschnitten wurde.«
»Und wäre es denn nicht möglich, die ganze Sache zurückzuziehen? O, Gott ist mein Zeuge, ich verlange den Reichthum nicht, und ehe so großes Elend über so viele Menschen kommt....«
»Das ist zu spät, mein junger Freund,« sagte Witte, »und zwar nicht allein der Gerichte, sondern vorzüglich Ihres eigenen Vaters – des Schlossermeisters, wollte ich sagen – wegen; denn dessen Schädel ist härter als das Eisen, das er schmiedet. Aber es ginge auch überhaupt nicht, die Sache ist schon zu weit gediehen; wir könnten nicht mehr zurück, selbst wenn wir wollten. Aber wir wollen auch nicht,« setzte er hartnäckig hinzu, »und es ist eine Art von Zweikampf daraus geworden, den ich schon ehrenhalber mit Ihrer Fräulein Tante auszufechten habe.«
»Und meine arme Mutter?«
»Sorgen Sie sich nicht um sie. Ihre Pflegemutter hat allerdings gefehlt und wird dafür gestraft werden müssen; aber stellt sich die Untersuchung so heraus, wie ich vermuthe, so wird die Strafe nicht überhart ausfallen. Nicht so günstig möchte freilich das Urtheil für den Baron lauten, der mit voller, ruhiger Ueberlegung dabei gehandelt haben muß und nur von der noch schlaueren Schustersfrau überlistet wurde.«
»So wäre Benno mein Bruder gewesen!« seufzte Fritz. »Und o, wie lieb hab' ich den Knaben gehabt, ohne es zu wissen, wie manche lange Stunde an seinem Bett gesessen und ihm in die guten, klugen Augen gesehen! Jenes arme Mädchen aber, das jetzt von dem gnädigen Fräulein so hart behandelt wird, war seine treue Pflegerin, und Benno hing mit solcher Liebe an ihr!«
Witte stand am Fenster und trommelte an den Scheiben. »Es ist eine ganz verfluchte Geschichte,« sagte er endlich, »und es wird uns nichts übrig bleiben, als den Stier bei den Hörnern zu fassen, wie man so zu sagen pflegt, und der Stier ist dieses Mal kein Anderer, als die gnädige Tante.«
»Ich habe kein Mitleiden mit ihr,« sagte Fritz.
»Ja, es ist nur das Schlimme, daß sie das auch gar nicht verlangt. Sie zeigt die Zähne, und wenn wir die Sache, wie sie jetzt steht, vor die Geschworenen bringen, deren Sitzungen in nächster Zeit beginnen, so ist es undenkbar, daß sie sich hindurchfinden.«
»Aber wäre es nicht möglich, weitere Zeugen aufzutreiben?«
»Nein; das Frauenzimmer, das damals der Frau Heßberger hülfreiche Hand geleistet hat und dessen Aussage jetzt allerdings von der größten Wichtigkeit wäre, ist, wie ich von Ihrer Mutter, der Frau Baumann, gehört habe, leider in der Zeit gestorben. Lieber Gott, es sind vierundzwanzig Jahre her, und die erst später hinzugerufene Amme des jungen Barons – die Geschichte kenn' ich genau – weiß von nichts und kann von nichts wissen, denn als sie eintraf, war die ganze Sache abgemacht.«
»Kennt der Lieutenant von Wendelsheim schon die Gefahr, die seinen Ansprüchen droht – seine wirklichen Eltern?«
»Nein – wird ihm auch eine angenehme Ueberraschung sein; aber wie bis jetzt Alles liegt, schwebt er noch nicht einmal in übergroßer Gefahr, sie zu verlieren, denn ich fürchte fast, wir fallen durch.«
»Und dann wird die Mutter wieder freigegeben?«
»Ich glaube nicht, daß dann eine Veranlassung sein kann, sie länger festzuhalten; denn daß eine Täuschung beabsichtigt wurde, sind wir im Stande zu beweisen, und wenn die übrigen Theilnehmer derselben frei ausgehen, kann die Frau Baumann allein nicht dafür gestraft werden.«
»So mag es denn gehen, wie Gott will,« sagte Fritz Baumann; »läge es in meiner Hand, durch Verzichtleisten auf die Erbschaft die Mutter zu befreien, mit Freude thät' ich es den Augenblick und gäbe Ihnen dazu jede Vollmacht; ist es aber nicht möglich, dann freilich muß ich dem Schicksal seinen Lauf lassen, und hoffe nur, mit Allem nichts zu thun zu haben, bis es vorüber ist.«
»Auch selbst das kann ich Ihnen nicht versprechen,« sagte Witte; »der einzige, wenn auch schwache Beweis, den wir vielleicht haben, liegt in der Familienähnlichkeit der verschiedenen betheiligten Personen, und vor den Geschworenen kann der allerdings wichtig werden. Dann müssen Sie aber sowohl als Lieutenant von Wendelsheim vor den Schranken erscheinen.«
Fritz Baumann seufzte tief auf. »Ich kann's nicht ändern!« und dem Staatsanwalt die Hand reichend, verließ er langsam das Zimmer.
Wie er die Thür hinter sich zudrückte, kam die Frau Staatsanwalt in einem schwerseidenen Kleide über den Vorsaal gerauscht, gerade auf die Thür des Arbeitszimmers zu.
»Ist mein Mann zu Hause?« wollte sie den Fremden fragen, als sie ihn plötzlich erkannte und, bei den ersten Worten kurz abbrechend, ihn mit einem so hochmüthigen, verächtlichen Blick über die eine Schulter ansah, daß Fritz kaum ein Lächeln unterdrücken konnte. Es hat immer etwas Komisches, wenn eine Dame künstlich vornehm aussehen will, denn die wirklich vornehme Dame ist in ihren ganzen Bewegungen stets einfach und natürlich und denkt gar nicht daran, den Kopf so weit zurückzuwerfen.
Frau Staatsanwalt Witte rauschte aber stolz, wie ein Schwan auf stiller Fluth, und majestätisch an dem jungen Mann vorüber und tauchte in das Büreauzimmer ein, wo die sitzenden Schreiber von ihren Stühlen emporfuhren und die stehenden sich bückten.
»Mein Mann in seinem Zimmer?« fragte sie.
Der Eine deutete mit seiner Feder in achtungsvoll bejahender Antwort nach der nächsten Thür, und die Dame, Sand, Papierschnitzeln, gebrauchte Stahlfedern und was sonst noch auf der Erde lag, hinter sich drein kehrend, verschwand in ihres Gatten Zimmer.
»Was wollte der Mensch wieder bei Dir?« war hier die erste Frage, die sie that.
»Welcher Mensch, mein Kind?«
»Der Herr Baumann, wenn Dir das besser klingt.«
»Ah, der junge Baumann; er hatte Einiges mit mir zu besprechen.«
»Und wagt der noch, nach dem, was vorgefallen, unser Haus zu betreten?«
»Liebes Kind,« sagte der Staatsanwalt, der seit der letzten Ueberraschung bei Heßbergers angefangen hatte sich zu emancipiren, und dem das hochmüthige Wesen der Gattin, dem eigenen schlichten Charakter gegenüber, höchst fatal war – »wenn Du bei seiner Tante einen Besuch machst, wird er mir den doch erwiedern dürfen!«
»Witte,« rief die Frau mehr empört als erschreckt, »Du weißt, daß ich dazu nur durch die Räthin Frühbach verleitet wurde; es ist niedrig und unwürdig von Dir, mir das vorzuwerfen!«
»Was wünschest Du, mein Schatz? Ich bin gerade im Begriff, auszugehen.«
»Ich wollte Dich in etwas um Rath fragen,« sagte die Frau, rasch abbrechend, denn ihre Gedanken liefen allerdings in dem Augenblick auch auf Anderes hinaus. »Der junge Baron von Weldern – Du kennst ja den alten Baron von Weldern mit dem reizenden Rittergut am Vorberge – hat uns heute Morgen seinen Besuch gemacht, und ich wollte Dich fragen, ob Du es nicht vielleicht für passend hieltest, wenn wir ihn für morgen Abend zu einer Tasse Thee bäten! ich hatte mir gedacht....«
»Ich will Dir etwas sagen, mein liebes Kind,« unterbrach sie der Staatsanwalt, »und ich bitte, Dich für die Zukunft danach zu richten: ich verbiete Dir also hiermit auf das strengste, von heute ab weder zu Thee, noch Kaffee, Mittag- oder Abendessen je wieder einen Adeligen, einen Baron oder Grafen, oder welchen Titel die Herren sonst führen mögen, einzuladen!«
»Aber, Witte!« rief die Frau und schlug vor Erstaunen die Hände zusammen.
»Du hast mich doch verstanden?«
»Du bist wohl wahnsinnig geworden?« rief seine zärtliche Gattin.
»Ich war noch nie so voll bei Verstande, als in diesem Augenblick,« entgegnete der Staatsanwalt und griff nach seinem Hut, denn er wünschte diese Scene doch so viel als möglich abzukürzen.
»Aber unsere Stellung im Leben....«
»Ist eine höchst ehrenvolle,« erwiederte Witte, »so lange wir uns auf dem Boden derselben bewegen, und – es werden uns nachher solche Demüthigungen erspart werden, wie wir sie jetzt erfahren müssen.«
»Welche Demüthigung?« fragte die Frau erstaunt.
»Das ist eine kleine Ueberraschung, liebes Herz,« sagte Witte, »die Dir noch vorbehalten bleibt; Du magst Dich aber immer darauf gefaßt machen. Du nimmst es mir nicht übel, daß ich Dich verlasse, ich habe dringende Geschäfte.«
»Aber ich werde doch als Frau vom Hause einladen dürfen, wen es mir beliebt?« rief die Frau, empört über diese rücksichtslose und ganz ungewohnte Behandlung.
»Doch nicht, mein Schatz,« sagte Witte, der heute gerade in der Stimmung war, seinen einmal geäußerten Willen durchzusetzen, »oder Du könntest in die unangenehme Lage kommen, daß weder ich noch Ottilie bei Deiner Festlichkeit erschienen; und ich weiß, daß Du zu verständig bist, Dir eine solche Blamage öffentlich aufzuladen!« Und damit griff er seinen Stock aus der Ecke auf und schritt mit den Worten: »Ich gehe auf die Polizei!« durch seine Schreibstube hin und die Treppe hinunter, seine auf's äußerste empörte Frau heute sich selber überlassend.
Unten in der Straße sah er nach der Uhr – es war noch zu früh; er hatte noch über eine halbe Stunde Zeit, ehe er den Polizei-Director sprechen konnte, denn die auf heute anberaumte Sitzung war, wie er recht gut wußte, noch nicht aus. Aber er zog es doch vor, seine Zeit lieber auf der Straße abzuwarten, als nach der letzten Erklärung die Scene mit seiner Frau zu verlängern. Er konnte ja indessen eine kleine Promenade durch die Anlagen der Stadt machen; in jetziger Tageszeit fand er wenig oder gar keine Menschen dort, und vielleicht kam er dabei auf einen guten Gedanken, die Sache, die ihm jetzt vor allen anderen am Herzen lag, in der richtigen Weise anzugreifen und zu beenden. Aber es fiel ihm nichts ein; welche Mittel er auch ersann, überall traten ihm mit eiserner Stirn die beiden Frauen – die Heßberger und das gnädige Fräulein – entgegen, und er sah keinen Ausweg aus diesem Labyrinth.
»Ah, mein lieber Staatsanwalt!« hörte er da eine Stimme, fühlte, wie sich zu gleicher Zeit ein Arm in den seinigen schob, und als er sich etwas überrascht danach umdrehte, erkannte er das dicke, gutmüthige Gesicht des Raths Frühbach, der ihm freundlich über seine Brille zunickte.
»Ah, mein lieber Rath!«
»Auch auf einem Spaziergang, lieber Freund? Ja, das ist auch meine einzige Arznei, schon meiner Verdauung wegen. Ich sage Ihnen, wenn ich mich Nachmittags recht in eine gesunde Transspiration gelaufen habe, befinde ich mich Abends noch einmal so wohl. Aber was ich gleich sagen wollte, wissen Sie nichts davon, was ist denn das für eine Geschichte? Als ich vorhin an der Polizei vorüber ging, sagte mir der eine Polizeidiener, dessen Frau einen kleinen Obstgarten hat und uns immer Obst und etwas Gemüse bringt – ich bin dadurch mit dem Mann bekannt geworden, und Sie wissen, die Polizei muß man sich immer zu Freunden halten –, daß sie eben die Baumann, die Schlossersfrau und die Schwester der Heßberger, eingesperrt und auf Numero Sicher gebracht hätten.«
»Der Polizeidiener hätte auch etwas Gescheidteres thun können, als aus der Schule zu schwatzen,« sagte Witte.
»Aber mir, bester Freund,« sagte Frühbach, »mir kann er es doch sagen; er weiß ja recht gut, daß ich mit keinem Menschen darüber rede. Jedenfalls steht das mit der Diebesgeschichte in Verbindung und die beiden Schwestern haben gemeinschaftlich gearbeitet. Das war doch ein Glück, Staatsanwalt, wie? daß ich damals gleich auf einer Haussuchung bestand und Ihnen die Vollmacht ausstellte? Wir wären der Bande sonst im Leben nicht auf die Spur gekommen.«
»Allerdings nicht, lieber Rath, allerdings nicht,« sagte Witte, der sich indessen nur auf einen Ausweg besann, um von seinem lästigen Begleiter loszukommen, denn er schwatzte nicht allein jede Unterhaltung, sondern auch die Gedanken selber todt.
»Da fällt mir dabei eine ganz ähnliche Geschichte aus Schwerin ein,« fuhr der Rath fort, der jetzt mit geblähten Segeln in seinem Elemente schwamm und noch einmal so breit und aufgedunsen zu werden schien. »Da hatten wir auch ein Dienstmädchen, eine ganz brave, ordentliche Person, wie wir glaubten, und deren Schwester kam manchmal auf Besuch zu ihr; aber es fehlte uns immer etwas, bald ein Löffel, bald eine Serviette, bald auch einmal etwas schmutzige Wäsche – meine Seele dachte aber nicht an das Mädchen oder ihre Schwester, denn es waren gar so ordentliche Personen. Mein Frauchen aber, das darin außerordentlich scharf ist – ich sage Ihnen, Staatsanwalt, die Frau würde zu einem Untersuchungsrichter passen, so genau kommt sie der Sache immer auf den Grund, und die Heßbergers hat sie schon lange in Verdacht gehabt – was wollte ich denn gleich sagen – ja, meine Frau sagte eines Tages zu mir: Du, Männi, sagt sie, der Pauline trau' ich nicht, mit der ist's nicht richtig! Nun denke ich schon 'was Anderes und sage: Ih bewahre, liebes Kind, die Pauline muß ja schon wenigstens sechsundvierzig Jahr alt sein! Aber meine Frau sagt: Ih, Gott bewahre, das mein' ich gar nicht, ich meine wegen der silbernen Löffel! Ja so! sag' ich, und nun fällt mir auch so Manches ein, das mir verdächtig vorkommen konnte. Zuerst wollte die Pauline eine kleine Erbschaft gemacht haben, und ich traute der Sache nicht, aber wir konnten ihr auch nicht beweisen, daß es nicht wahr wäre.«
»Hm,« sagte Witte und sah den Rath an.
»Und dann,« fuhr dieser fort, »steckte sie immer mit ihrer Schwester so durch. Nun hatte die Pauline eine böse Eigenschaft, das wußte ich: sie horchte. Wenn ich mich manchmal mit meiner Frau vertraulich unterhielt und von Dem und Jenem sprach, dann hatte sie immer das Ohr am Schlüsselloch. Damit dachte ich sie denn auch zu fangen, daß sie sich einmal selber verrathen sollte; und wie ihre Schwester wiederkam, rief ich sie herein, ich hätte ihr 'was zu sagen, und fragte sie dann nach einer Pauline Weber, die gar nicht existirte, und sagte ihr, daß uns die Pauline früher so bestohlen hätte, und fing nun an, etwas lauter auf die Pauline zu schimpfen, was das für ein schlechtes Frauenzimmer wäre und uns silberne Löffel und Servietten und Wäsche und was sonst noch weggenommen hätte. Auf einmal geht die Thür auf, und die Pauline stürzt herein, und ich denke, sie soll mich und meine Frau in Stücke reißen, so wüthend war sie. Wir konnten sie auch wirklich kaum beruhigen, daß wir gar nicht sie, sondern eine ganz andere Pauline gemeint hätten, denn sie drohte in Einem fort mit der Polizei. Aber es war auch ein Glück, daß ich nichts weiter gesagt hatte, denn wie sich später herausstellte, war sie's auch gar nicht gewesen, sondern eine Aufwärterin, die wir manchmal im Hause hatten und die bei einer andern Dieberei erwischt wurde und Alles eingestand.«
»Sonderbar, sonderbar,« sagte Witte und schüttelte in Einem fort mit dem Kopf, »man sollte es nicht für möglich halten....«
»Nicht wahr?« sagte Rath Frühbach, nicht wenig durch die Anerkennung geschmeichelt. »Ja, es passiren wirklich wunderbare Sachen auf der Welt; aber man muß nur einen Blick dafür haben. Ich sage Ihnen, da begegnete ich eines Tages dem Regierungs-Präsidenten Hesse, einem alten Freunde von mir, auf dem Markte....«
»Sie entschuldigen mich gewiß, lieber Rath, ich muß hier abbiegen,« unterbrach ihn Witte, dem eine Fluth von Gedanken durch den Kopf schoß.
»Das macht nichts,« sagte Rath Frühbach freundlich, »ich habe gar nichts zu versäumen; ich begleite Sie. Also der Präsident....«
»Aber ich biege hier gleich in das nächste Haus ab; ich habe dort Jemanden in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen. Sie erzählen mir die Geschichte ein ander Mal, wie?«
»Gewiß, mit dem größten Vergnügen,« sagte Frühbach; »sie ist übrigens gar nicht lang, und wenn Sie....«
»Hier ist das Haus – ich danke Ihnen, lieber Rath. Auf Wiedersehen!« Und damit ging Witte in ein vollkommen fremdes Haus, in dem er keine Menschenseele kannte, und stieg dort, nur in dem Gefühl, den sonst nicht abzuschüttelnden Rath los zu werden, und ganz in Gedanken eine Treppe nach der andern hinauf, bis er sich plötzlich unter dem Dache vor einer schmalen, mit einem Vorhängeschloß versehenen Bodenthür fand und nun nicht weiter konnte.
»Herr Du mein Gott,« sagte er hier, ordentlich erstaunt, »wo bin ich hingerathen? Die verdammten Treppen! Aber hieher ist er mir doch nicht gefolgt – jetzt kann ich nur machen, daß ich wieder hinunter komme.«
Ganz unbemerkt sollte das aber nicht geschehen; denn die Treppe war steil und unbequem zu gehen, er hatte dabei etwas Geräusch nicht vermeiden können. Wie er in der dritten Etage wieder ankam, öffnete sich eine Thür, und eine Frau fragte, den Kopf herausstreckend: »Zu wem wollen Sie?«
Witte mochte nicht sagen, daß er nur auf gut Glück hier hinaufgelaufen sei, und nach dem ersten besten Namen, der ihm einfiel, fragte er: »Können Sie mir nicht sagen, liebe Frau, ob hier der Schneider Müller wohnt?«
»Ja wohl, der wohnt hier,« nickte die Frau, die Thür jetzt aufmachend; »bitte, wollen Sie nicht näher treten?«
»Das ist Pech!« brummte Witte leise vor sich hin und las jetzt wirklich zu seiner Ueberraschung auf einem an der Thür angehefteten Schilde die zierlich geschriebenen Worte: »Karl Müller, Schneidermeister.« Es half aber nichts, nach der Frage mußte er hineingehen und wußte auch in der ersten Verlegenheit wirklich nicht, was er anders thun sollte. Er hätte aber kein Advocat sein müssen, wenn er um irgend einen Ausweg verlegen gewesen wäre, und kaum betrat er deshalb auch die kleine, entsetzlich dumpfige Werkstätte, wo ein bleich genug aussehender junger Mann mit zwei Lehrjungen arbeitete, als er auf diesen zuging und sagte: »Ach, mein lieber Herr Müller, ich bin der Staatsanwalt Witte und suche einen Schneider Müller mit dem Vornamen Chrysostomus, kann ihn aber im ganzen Adreßkalender nicht finden. Wären Sie vielleicht im Stande, mir Aufklärung zugeben und zu sagen, wo ich ihn treffen kann?«
Der arme Schneider, dessen Gesicht sich ordentlich aufgeklärt hatte, als er, wie er glaubte, einen neuen Kunden eintreten sah, schien etwas niedergeschlagen, erwiederte aber doch, er bedauere, nicht dienen zu können. Er selber sei noch nicht so sehr lange hier ansässig und kenne keinen Chrysostomus Müller.
Witte sah sich in der Stube um; sie war unendlich sauber gehalten, aber auch unendlich ärmlich und enthielt kaum das Nothdürftigste von Möbeln. Neben dem Meister lag auch sein Vesperbrot, und in der That nicht mehr, als um was er wahrscheinlich täglich bat, sein »täglich Brot«, eine harte Kruste, ohne Butter oder andere Zuthat. Witte war schon im Begriff zu gehen, als er noch auf der Schwelle stehen blieb und sagte: »Ich bin mit dem Meister, der meine Kleider macht, nicht recht zufrieden und möchte gern einmal wechseln; haben Sie Zeit, so kommen Sie morgen früh um acht Uhr zu mir, aber nicht später, um mir Maß zu nehmen. Wenn Sie ordentlich arbeiten, bekommen Sie nicht allein einen guten Kunden, sondern ich werde Sie auch noch weiter empfehlen – hier haben Sie meine Karte.« – Und mit dem Bewußtsein, ein gutes Werk gethan zu haben, stieg er die Treppe wieder hinab.
Er hatte den Schneider aber schon vergessen, ehe er nur das Haus verließ, denn andere Dinge gingen ihm jetzt im Kopf herum: die Erbschaft der Frau Heßberger! Daß er daran auch noch gar nicht gedacht! Da war ein Anhaltspunkt, denn er zweifelte keinen Augenblick, daß die Heßberger darüber, wo sie das Geld damals erhoben, keine genügende Auskunft würde geben können, und dann nun – wenn er ein Mittel fand, die Heßberger zum Reden zu bringen – des Raths Erzählung, wenn sie auch, wie alle seine Geschichten, einfach im Sande verlief, hatte eine wahre Fülle von Ideen in ihm wachgerufen, und er brauchte Zeit, um die zu verarbeiten.
Vor allen Dingen mußte er noch eine Besprechung mit der Frau Baumann haben, und raschen Schrittes eilte er jetzt auf das Polizeigebäude zu.
Witte hatte an dem Abend eine lange Besprechung mit dem die Untersuchung führenden Justizrath und erfuhr darin Manches, was er zur Ausführung seines immer erst flüchtig und noch unklar entworfenen Plans gebrauchen konnte.
So hatte sich bei einer genaueren Nachforschung über die gestohlenen und bei Heßberger gefundenen Gegenstände ergeben, daß viele Sachen von Stellen herrührten, in welche Heßberger selber nie einen Fuß gesetzt, wo aber seine Frau desto häufiger ein- und ausgegangen war, und es stellte sich dadurch als ganz bestimmt heraus, das sie ebenfalls nicht allein die Hehlerin gemacht, sondern auch einen Theil der Kostbarkeiten selber entwendet haben mußte. Vieles war allerdings schon verkauft worden, und da der Schuhmacher ein umfangreiches Geständniß abgelegt, so kam man auch dadurch hinter einige gewerbsmäßige Hehler-Spelunken, die aufgehoben wurden. Alles hatte er aber doch nicht untergebracht und jedenfalls auf eine spätere, gelegene Zeit aufgespart. So fand sich auch unter dem gestohlenen Gut noch verschiedenes Silberzeug, welches das Wendelsheim'sche Wappen trug und ebenfalls nur von der Frau gestohlen sein konnte, und auf dieses basirte Witte einige Hoffnung, um das gnädige und allerdings leicht irritirbare Fräulein gegen die Frau aufzubringen; aber stärkere Mittel mußten freilich noch mitwirken.
Der Untersuchungsrichter gab übrigens seine Zustimmung zu Allem, drängte aber, rasch vorwärts zu gehen, um keiner der Parteien lange Zeit zur Ueberlegung zu gestatten, denn dadurch würde oft, wie er behauptete, ein nie wieder einzubringender Vortheil aus der Hand gegeben. Witte sträubte sich allerdings dagegen; er war seiner Sache viel zu wenig sicher, um nicht fürchten zu müssen, durch zu große Eile das Ganze zu überstürzen, und ging der erste Anlauf verloren, so konnten sie sich nur als geschlagen betrachten. Der Untersuchungsrichter, ein alter, sehr tüchtiger Criminalist, bestand aber auf seinem Willen, und das gnädige Fräulein von Wendelsheim wurde deshalb zu dem Zweck durch einen expressen Boten auf morgen früh halb zwölf Uhr auf das Criminalamt beschieden – ein weiterer Grund der Vorladung war natürlich nicht dabei bemerkt, der Gensdarme aber, der die Vorladung zu befördern hatte, angewiesen worden, sich zugleich eine Liste von ihr über auf Wendelsheim vermißte Silbersachen oder sonstige Gegenstände zu erbitten.
Von der Frau Baumann, die der Staatsanwalt sehr still und niedergedrückt antraf, wollte er jetzt erfragen, welchen Platz ihre Schwester damals angegeben habe, um die vermeintliche Erbschaft zu erheben. Daß beide Schwestern die Zeit ihrer Abwesenheit nur in einer nicht sehr entfernten kleinen Stadt zugebracht, hatte sie ihm schon erzählt. Die Frau Baumann erinnerte sich auch, daß Berlin genannt gewesen, was der Schlossermeister ebenfalls bestätigte, denn er hatte in jener Zeit fest geglaubt, die beiden Schwestern wären dorthin gereist, aber, mit nicht dem geringsten Verdacht einer Täuschung, nicht weiter danach gefragt.
Am nächsten Morgen um acht Uhr kam der von ihm bestellte Schneider Müller, um ihm Maß zu nehmen. Er hatte schon gar nicht mehr an den Mann gedacht, der sich aber mit dem Glockenschlag einstellte. Witte schickte dann in den nächsten Laden hinüber, um sich einige Stücke Tuch herüber bringen zu lassen, und bis die eintrafen, unterhielt er sich mit dem Manne. Müller war ein geborener Mecklenburger, seine Mutter stammte aus Alburg, und nach des Vaters Tode hatte sie das Heimweh bekommen und sich hieher zurückgezogen, wo er sich dann mit der neuen Gewerbefreiheit eine Werkstatt gründete. Aber das Geschäft ging noch schlecht – er hätte gern geheirathet, um seiner alten Mutter die Sorge für die Wirthschaft abzunehmen – aber es ging nicht, er mußte es auf spätere Zeiten verschieben und sich erst etwas verdienen, ehe er daran denken konnte, denn ein »reiches« Mädchen – das heißt Eine, die an zwei- bis dreihundert Thaler im Vermögen hatte – nahm ihn ja doch nicht.
Es war die alte Geschichte, das Ankämpfen eines fleißigen, braven Mannes gegen den täglichen Bedarf. Indessen kam das Tuch, wurde bestimmt und überliefert, und der junge Schneidermeister versprach die Kleider auf den angegebenen Tag pünktlich abzuliefern. Witte wußte, daß er Wort halten würde, und wenn er hätte Tag und Nacht arbeiten sollen.
So rückte die Zeit heran, wo er auf das Criminalamt mußte. Das Verhör der Heßberger war auf zehn Uhr festgesetzt, und etwa eine Viertelstunde vor dem bestimmten Termin fand er sich oben ein. Bald darauf wurde die Frau vorgeführt, aber auf ihr ganzes Wesen schien die bisherige Haft nicht den geringsten Eindruck gemacht zu haben. Sie sah finster und verschlossen aus wie immer, und mit zusammengekniffenen Augen blickte sie die drei Männer, den Untersuchungsrichter, den Protokollanten und Witte, der seitwärts an einem Fenster stand, tückisch, aber auch verächtlich an, als ob sie sich bewußt sei, daß diese, trotz aller Kreuzfragen, nichts aus ihr herausbringen sollten, als was sie selber Willens sei, ihnen zu sagen. Wer hätte sie zwingen können! Der Untersuchungsrichter überraschte sie da einigermaßen, indem er begann:
»Heßberger, Ihr seid heute eigentlich zu keinem richtigen Verhör herbeschieden, sondern nur um Auskunft über verschiedene, minder wichtige Dinge in Hinsicht auf den verübten Diebstahl zu geben.«
Die Frau schwieg und schaute störrisch vor sich nieder; sie erwartete das Weitere.
»Was die verschiedenen, bei Euch aufgefundenen Silbersachen betrifft,« fuhr der Untersuchungsrichter fort, »so wißt Ihr, daß bei sehr vielen der Beweis Eurer eigenen Thätigkeit geliefert ist. Alles hat sich aber nicht gefunden, besonders einige Stücke, bei denen den früheren Eigenthümern viel daran liegt, sie wieder zu bekommen. Euer Mann versichert, daß nichts von Euch selber eingeschmolzen sei, und wir haben keinen Grund, daran zu zweifeln; jedenfalls ist aber, wie der Beweis vorliegt, ein Theil des gestohlenen Gutes von Euch verkauft worden und Einiges davon auch wirklich wieder gefunden, Anderes natürlich verschwunden. Nun hat sich bei den Gegenständen auch ein Theil derselben als Eigenthum der Familie Wendelsheim herausgestellt. Das scheint aber nur der kleinste Theil dessen zu sein, was Ihr dort bei Seite gebracht habt, und es ist uns von derselben die Weisung zugegangen, auch nach einem sehr schweren silbernen Teller mit dem Familienwappen zu forschen, den Ihr bei Eurem letzten Besuche dort mitgenommen haben müßt, denn er ist seit der Zeit verschwunden.«
»Und wer sagt das?« fragte die Frau finster.
»Das kann Euch einerlei sein,« fuhr der Untersuchungsrichter fort; »ich sage es, und das ist genug.«
»Stellt mir den Baron gegenüber,« sagte die Alte trotzig, »und laßt ihn mich nach einem gestohlenen Stück fragen, und ich werde ihm Antwort geben – Niemandem weiter.«
»Der Baron,« sagte der Untersuchungsrichter, »ist schwer krank, körperlich nicht sowohl als geistig; er bekümmert sich um gar nichts mehr, und das gnädige Fräulein von Wendelsheim hat jetzt im Schlosse die alleinige Leitung der Geschäfte.«
»Das gnädige Fräulein von Wendelsheim hat mich nach einem gestohlenen Teller fragen lassen?« rief die Frau, wild und zornig emporfahrend.
»Ich habe Euch schon einmal gesagt, daß Euch das einerlei sein kann, wer danach fragen läßt,« entgegnete der Inquirent; »ich frage Euch jetzt danach, und mir habt Ihr zu antworten.«
»Ich weiß von keinem Teller,« sagte die Frau störrisch, »habe nie einen in dem gottvergessenen Hause, das ich wollte, ich hätte es nie im Leben betreten, gesehen.«
»Ihr seid eine hartgesottene Person,« sagte der Inquirent; »die Herrschaft da draußen ist so freundlich und liebevoll gewesen, und aus Dankbarkeit dafür stehlt Ihr derselben das Silber und die Wäsche selbst aus dem Kasten heraus.«
»Wer hat behauptet, daß ich ihnen Wäsche aus dem Kasten genommen habe?« rief die Frau mit blitzenden Augen. »Und liebevoll behandeln? – Wenn ich wüßte, daß das böse Geschöpf...« – Sie biß sich auf die Lippen und schwieg.
»Was wolltet Ihr sagen?«
»Nichts – ich weiß von nichts.«
»Gut, dann hat hier der Herr Staatsanwalt Witte nur noch eine Frage an Euch zu richten, die Ihr ihm hoffentlich besser beantworten werdet, als mir die meinigen.«
»Der Staatsanwalt Witte?« sagte die Frau spöttisch. »Ich denke, der weiß Alles! Was hat denn der da noch zu fragen?«
»Ich will Euch 'was sagen, Heßberger,« erwiederte Witte, »ich weiß auch mehr, als Euch vielleicht lieb und zuträglich ist, und was ich Euch fragen will, hat, wie Ihr gleich hören werdet, mit nichts etwas zu thun, was ich nicht wüßte – es ist nur wegen einer von Euren Lügen. Ich möchte deshalb hören, wie der Platz heißt, wo Ihr damals die Erbschaft für Euch und Eure Schwester erhoben habt – Ihr wißt doch, welche ich meine – und wo die Papiere sind, die Euch darüber ausgestellt wurden.«
»Ich habe keine Papiere,« knurrte die Frau; »es ist drei- oder vierundzwanzig Jahre darüber hingegangen.«
»Das wäre möglich, daß die in der Zeit verloren gegangen wären,« nickte Witte; »aber den Namen der Stadt werdet Ihr doch wohl noch wissen, wo Ihr das Geld bekommen habt?«
Die Frau schwieg und sah finster vor sich nieder.
»Es hilft Euch nichts, Heßberger,« sagte Witte kopfschüttelnd. »Woher Ihr das Geld wirklich bekommen habt, wollt Ihr nicht gestehen – es ist auch nicht nöthig, wir haben es schon erfahren; aber die Frau ist jetzt todt, der Mann geistesschwach geworden und also von dem Arm des Gesetzes nicht zu erreichen. Von der Familie Wendelsheim hat Niemand weiter mit der schmutzigen Geschichte zu thun gehabt, denn das gnädige Fräulein ist dazu eine viel zu achtbare Dame; also seid Ihr die, an die wir uns allein halten können. Gebt mir nur blos einen Platz an, wo Ihr die Erbschaft wollt erhoben haben, ich schreibe dann gleich hin, und Ihr wißt selber recht gut, daß in acht oder vierzehn Tagen die Antwort eintrifft: es wäre kein Wort von der ganzen Geschichte wahr. Aber Ihr habt damit Euren Zweck erreicht und das Urtheil noch um ein paar Wochen hinausgeschoben. Uebrigens hilft Euch das nicht einmal etwas, denn für die von Euch verübten Diebstähle und die Hehlerschaft des Uebrigen kommt Ihr schon vorher in's Zuchthaus. Also wo war Eure Erbschaft her?«
Die Frau hatte den Sprechenden mit ihren großen, lichtblauen Augen starr angesehen und war anscheinend dem, was er sagte, mit der gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt. Sie beantwortete aber die Frage nicht gleich, sondern fragte im Gegentheil zurück:
»Der Baron von Wendelsheim ist geisteskrank?«
»Die Wendelsheim'sche Familie, habe ich Euch schon gesagt, hat mit der Sache, den rechtmäßigen Erben ausgenommen, weiter gar nichts zu thun – laßt die nur,« sagte Witte; »sie soll auch gar nicht belästigt werden – Eure Schwester hat uns Alles ausführlich eingestanden – beantwortet mir also meine Frage...«
»Und was weiß meine Schwester davon?« knurrte die Frau.
»Wo also wollt Ihr die Erbschaft erhoben haben?«
»Sie glauben es mir doch nicht...«
»Nein, darauf kommt auch nichts an; es ist nur, daß der Form genügt wird, und die muß beachtet werden.«
»Ich kann mich jetzt nicht darauf besinnen.«
»Gut, ich will Euch nicht drängen,« sagte Witte, nach seiner Uhr sehend; »es sind jetzt gerade zehn Minuten über zehn Uhr – ich gebe Euch eine halbe Stunde Zeit. Ueberlegt Euch indessen, was Ihr mir sagen wollt; bis dahin aber muß ich eine Antwort haben, oder das Gericht nimmt an, daß Ihr dieselbe verweigert, und das ist dann, wie Ihr recht wohl wißt, eben so gut wie ein stummes Eingeständniß, daß Ihr den Ort nicht nennen könnt, weil er nicht existirt. – Sie erlauben wohl, daß die Frau die kurze Zeit in dem Nebenzimmer bleibt, damit wir sie nachher gleich wieder bei der Hand haben?«
»Jawohl,« nickte der Untersuchungsrichter; »die anstoßende Stube ist leer, sie kann dort warten.« – Er klingelte, und als einer der Leute eintrat, gab er Ordre, daß die Frau da nebenan einen Augenblick eintreten solle, bis sie wieder in ihre Zelle geführt würde. Noch ehe sie aber das Zimmer verlassen hatte, fragte er den Polizeidiener: »Ist das gnädige Fräulein von Wendelsheim erschienen, um ihr Silberzeug wieder in Empfang zu nehmen?«
»Jawohl, Herr Justizrath,« erwiederte der Mann, »sie ist eben vorgefahren.«
»Schön. So ersuchen Sie die Dame, einen Augenblick zu warten – oder es ist auch nicht nöthig,« setzte er hinzu. »Führen Sie nur die Frau ab; ich werde selber gehen.«
Die Heßberger war stehen geblieben, als sie den Namen hörte; jetzt biß sie die Zähne fest zusammen und folgte dem Manne.
»So,« sagte sie, als sie in's andere Zimmer trat, »und ist das etwa Gerechtigkeit? Das Frauenzimmer, weil sie hochadelig und vornehm ist, wird ersucht einzutreten, und fährt in ihrem Wagen vor, und mich behandelt man wie einen Hund, der aus einem Kasten in den andern geführt wird!«
»Wenn die gestohlen oder sonst ein Verbrechen begangen hätte, wie Ihr,« brummte der Mann, »so würde sie gerade so behandelt, und jetzt haltet's Maul und setzt Euch da auf den Stuhl hin, bis Ihr wieder gerufen werdet!« Und damit ging er wieder hinaus, schloß von außen die Thür, welche auf den Vorsaal führte, und ließ die Gefangene, mit Gift und bitterer Galle im Herzen, allein zurück.
Und hatte dieser Staatsanwalt, den sie haßte – haßte wie nur ein Weib hassen kann, nicht recht, wenn er sagte, daß sie doch für das Zuchthaus reif sei, mochte geschehen, was da wolle? Daß sie sich an den Diebstählen betheiligt, war nicht mehr abzuleugnen – die gefundenen Gegenstände zeugten klar genug gegen sie –, und was dann? Sie wurde eingesperrt und mußte Wolle spinnen, und wenn sie endlich wieder frei kam, wiesen die Kinder mit Fingern auf sie und schrieen: »Die – die kommt aus dem Zuchthaus, die hat gestohlen!« Und das Fräulein von Wendelsheim indessen fuhr in ihrer Kutsche vornehm an die Polizei heran, und die Leute, welche sie mit Verachtung behandelten, machten ihr eine Verbeugung. – Und für wen hatte sie Alles gethan? Für sich allein, für die lumpigen paar Tausend Thaler etwa? Und zeigte sich ihr jetzt auch nur Einer von Allen als Freund? Ihre eigene Schwester verrieth sie – der Schlosserssohn, den sie zum Baron gemacht, kannte er sie etwa nur, wenn er ihr in der Straße begegnete – und das gnädige Fräulein...? – Sie versank in dumpfes, grimmiges Brüten und hielt dabei die dünne Unterlippe fest und unerbittlich zwischen ihren Zähnen eingeklemmt. Draußen war Alles ruhig, sie hörte keinen Ton eine lange Zeit. Jetzt wurde eine Thür geöffnet und gleich darauf eine Stimme laut, deren scharfen Ausdruck sie nur zu gut kannte – es war die des Fräuleins von Wendelsheim – und war die besser, als sie? Ja, abgewälzt hatte sie Alles von sich und auf die arme, selige Baronin geschoben, die eher ihr eigenes Leben als ihr Kind geopfert hätte – und der Baron verrückt geworden? – Sie schauderte zusammen, wenn sie sich die Möglichkeit dachte, denn das sah aus wie Gottes Strafgericht. – Und hier der öde Raum, die vergitterten Fenster, die Verachtung, mit der sie von allen Menschen behandelt wurde! Die Brust wurde ihr so eng, sie konnte kaum Athem holen und sprang wieder von dem Stuhl empor. Jetzt plötzlich horchte sie hoch auf – draußen hörte sie ihren Namen nennen, und wie ein Schatten glitt sie nach der Thür, an die sie ihr Ohr preßte.
Das gnädige Fräulein war außerordentlich pünktlich und eigentlich noch acht Minuten vor ihrer Zeit, aber auch mit schlecht verbissenem Ingrimm eingetroffen, weil man gewagt hatte, ihr die Einladung auf das Criminalamt auf einem der gewöhnlichen gedruckten Bogen, wie für gemeine Verbrecher, zu senden. Der mußte denn natürlich den Leuten auf dem Hofe in die Hände fallen, und schon darüber erbost, konnte sich ihre Laune durch das lange Warten natürlich nicht verbessern.
»Was will man von mir?« fragte sie einen alten Polizeidiener, der auf einem hohen Sessel an einem Stehpult saß und eine Liste vor sich hatte.
Der Mann zuckte nur die Achseln, deutete auf die eine Thür und meinte, sie würde es da drin schon erfahren.
»Und weshalb werde ich nicht vorgelassen?«
»'s ist noch Jemand drin,« sagte der Polizeibeamte, ohne sie anzusehen. »Hier geht Alles nach der Reihe. Wenn Sie dran kommen sollen, wird geklingelt.«
Jetzt wurde die Thür aufgemacht und der Actuar rief heraus: »Fräulein von Wendelsheim in Nr. 17!«
»Was?« schrie das gnädige Fräulein, in jähem Schreck emporfahrend, und wurde in dem Moment todtenbleich. »Man will mich doch nicht einkerkern?«
»Ne,« lachte der alte Polizeidiener gutmüthig, »noch nicht – die Nummer 17 ist nicht gemeint, die Thür da gerade vor, da sollen Sie hineingehen.« Und er deutete dabei mit der Hand auf die bezeichnete Nummer.
Das gnädige Fräulein holte tief Athem – die ganze Umgebung hatte doch einen unheimlichen Eindruck auf sie gemacht; sie war dadurch so ganz aus ihrer früheren Sphäre herausgerissen – es fürchtete sie hier Niemand, und selbst die untersten Diener behandelten sie mit einer Gleichgültigkeit, die sie empörte, die ihr aber auch imponirte.
Sie schritt auf das ihr angegebene Zimmer zu und öffnete die Thür – es war ein großer, geräumiger, öder Saal mit einem grün beschlagenen, langen Tisch in der Mitte von vielen Stühlen. Er diente jedenfalls zu gewissen Zeiten als Sitzungszimmer. Auf dem Tisch aber lagen die von dem Heßberger'schen Ehepaare gestohlenen Gegenstände ausgebreitet, und durch die andere Thür trat jetzt der Untersuchungsrichter mit dem ihn begleitenden Witte herein.
»Mein gnädiges Fräulein,« sagte der Justizrath, ohne es der Mühe werth zu halten, sich zu entschuldigen, daß er sie so lange im Vorzimmer hatte warten lassen, »es hat sich herausgestellt, daß Sie durch die Ihnen sehr wohl bekannte Heßberger ebenfalls nicht unbeträchtlich bestohlen sind. Es haben sich da besonders verschiedene Silbersachen gefunden, die noch das Wappen Ihrer Familie tragen. Wollen Sie einmal gefälligst nachsehen, ob Sie das Alles als das Eigenthum Ihres Herrn Bruders erkennen?«
Fräulein von Wendelsheim, deren Miene sich sehr verfinstert hatte, als sie den Staatsanwalt erkannte, wollte schon fragen, weshalb man ihr nicht eben so gut die Sachen hätte hinausschicken können, anstatt sie selber hieher zu bemühen; der alte Justizrath sah aber so ernst und würdig aus und schien sich dabei hier so in seinem vollen Recht zu fühlen, daß sie die Frage wieder verbiß und der Aufforderung Folge leistete. Sie erkannte und bestätigte auch bald die nach Schloß Wendelsheim gehörenden Sachen und äußerte dabei, sie hätte der Person, der Heßberger, wohl zugetraut, solche schlechte Handlungen begehen zu können.
»Und doch haben Sie sich mit der Person so nahe einlassen können, mein gnädiges Fräulein,« sagte der Justizrath kalt. »Bitte, treten Sie hier in das andere Zimmer; die Sachen sollen Ihnen später, wenn die Untersuchung geschlossen ist, verabfolgt werden.« Damit ging er ihr voran zur andern Thür, wo Witte schon, die Hand auf der Klinke, stand.
»Mit der Person nahe eingelassen?« sagte Fräulein von Wendelsheim und maß den alten Herrn mit ihrem Blick von oben bis unten. »Was wollen Sie damit sagen?«
»Mein gnädiges Fräulein,« erwiederte der Justizrath, »die Sache ist kein Geheimniß mehr. Jene Frau Baumann, die ihren Sohn damals hergegeben, hat Alles bekannt und ein reumüthiges Geständniß abgelegt...«
»Die Frau Baumann?« rief das gnädige Fräulein und wechselte in jähem Schreck die Farbe. »Welche Baumann?«
»Die Schlossersfrau – und das ist sonst eine vollkommen unbescholtene Person...«
»Aber das nicht allein, mein gnädiges Fräulein,« sagte jetzt Witte, der einen letzten, verzweifelten Versuch machte, die Dame zum Reden zu bringen, »auch die gefangene Heßberger hat Alles eingestanden und erklärt, daß sie nur mit Ihnen und Ihrer Hülfe den Tausch bewerkstelligt hätte. Sie werden sich dagegen jedenfalls zu verantworten haben.«
»Die Heßberger?« rief Fräulein von Wendelsheim in ausbrechender Wuth, und Witte öffnete rasch die Thür, während sie der Justizrath durch ein Zeichen bat, dort hinein zu treten. »Und so eine schlechte Person, so eine ganz gemeine Diebin durfte sich das unterstehen, und das Gericht legt auf das Gewicht, was so ein Geschöpf sagt? Hören Sie, was die Leute draußen auf dem Land über das Weib sprechen: da ist auch keine Schlechtigkeit auf der Erde, die der nicht zur Last gelegt wird, und mir, der Schwester des Barons von Wendelsheim, wollen Sie...«
Sie kam nicht weiter; in dem Moment wurde die gegenüberliegende Thür aufgerissen und wie eine Furie stürzte die Heßberger heraus.
»Was?« schrie sie, »das adelige Weibsbild will hier über mich herziehen und meine Sünden aufzählen? Und ich soll schweigen und das Maul halten und mich einsperren und schlecht behandeln lassen, nur daß sie großbrodig in ihrer Kutsche fahren und die Schandgosche über andere Leute aufreißen kann? Ei, zum Henker, dann kann ich auch reden, und nun ist's doch einerlei und die Geschichte hier aus.«
Fräulein von Wendelsheim erschrak. Sie war schlau genug, im Augenblick die ihr gelegte Falle zu sehen, und wie sie sich einen Moment unbemerkt glaubte – denn die Blicke der Beamten hingen an dem gereizten Weibe –, blinzelte sie ihr rasch mit den Augen zu. Aber das war gefehlt; sie machte das Uebel dadurch nur wo möglich noch schlimmer, denn die Heßberger, der das nicht entging, tobte nun erst recht heraus:
»Ja, jetzt haben Sie gut blinzeln, nicht wahr – nun die Heßberger da ist und auf einmal Alles gehört hat? Mir brauchen Sie aber nicht mehr zuzuwinken und heimliche Zeichen zu geben – mir nicht, das ist vorbei, und jetzt hören Sie hier auch die ganze Geschichte: der Fritz Baumann ist der Sohn vom Baron und der Bruno der Junge vom Schlosser – die da hat sie vertauscht und die ganze Sache abgekartet, weil sie glaubte, daß es ein Mädchen wäre. Der alte Baron wollte erst nicht – die Frau, die selige Baronin, hat nie ein Wort davon erfahren. Alles, was die Baumann gesagt hat, ist wahr, und wenn Ihr mir nicht glaubt, dann lebt hier in der Stadt noch Jemand, der es bezeugen kann – die Frau, die damals als Wartefrau bei der Baronin diente....«
»Aber die ist ja todt, denk' ich?« rief Witte rasch.
»Weil ich's der Baumann gesagt habe, hat die's geglaubt. Nein, sie lebt hier in der Stadt; damals zog sie nach Mecklenburg und heirathete einen Schneider, jetzt ist der Mann gestorben und sie mit ihrem Sohne zurückgekommen. Wo sie gerade wohnen, weiß ich nicht, aber sie werden zu finden sein. Und nun steckt die da auch ein, am liebsten zu mir in das nämliche Loch, daß ich doch wenigstens die paar Tage, die ich noch auf der Welt bin, eine Freude habe.«
Witte triumphirte im Stillen über die gelungene List, aber ihn schauderte auch zugleich, wenn er die Megäre ansah, die mit den fliegenden, grauen Haaren und den weit aufgerissenen, ordentlich unheimlich lichten Augen eher einer von Macbeth's Hexen als einem menschlichen Wesen glich. Starr vor Grimm und Entsetzen aber stand ihr das gnädige Fräulein gegenüber – vor Grimm über ihre eigene Machtlosigkeit, vor Entsetzen über die ihr in die Zähne geschleuderte Anklage, der zu begegnen sie im ersten Augenblick weder Worte noch Gedanken fand.
Der Einzige in der That im ganzen Zimmer, der sein kaltes Blut bewahrt zu haben schien, war der Actuar, der an seinem Tische mit ordentlich fliegender Feder stenographisch die Worte nachschrieb, welche über die Lippen des rasenden Weibes sprudelten. Der Anblick gab aber auch das Fräulein von Wendelsheim sich selber wieder, und mit einem höhnischen Blick auf den Schreibenden sagte sie:
»Nun, Frau Heßberger, Sie haben wenigstens den Herren hier den Gefallen gethan und Alles gesagt, was Sie wußten oder zu wissen glaubten, und demnach hat allerdings, wie es scheint, auf dem Schlosse ein Betrug stattgefunden oder finden sollen – ich weiß es nicht; nur daß ich damit nicht in Verbindung stand, hoffe ich zu beweisen. Für jetzt ersuche ich die Herren, mir zu sagen, ob ich zu einem Verhör oder nur dazu vorgefordert gewesen bin, um die Frau da zum Reden zu bringen.«
»Mein gnädiges Fräulein,« sagte der Justizrath trocken, »da noch keine wirkliche Anklage gegen Sie formulirt ist, glaube ich, daß wir Sie heute entlassen können. Die eine Frage beantworten Sie mir nur: Sie haben gehört, was jene, allerdings wenig glaubwürdige Frau über Sie gesagt hat – in wie weit ist das begründet?«
»So weit es mich betrifft, eine faule, erbärmliche Lüge,« sagte die Dame stolz.
»So leugnen Sie jedes Mitwissen an dem Vergehen ab?«
»Aber Sie bezweifeln das Vergehen selber nicht?«
»Ich bezweifle es allerdings, weil ich es nicht für möglich halte.«
»Sehr schön. Sie werden Ihre Vorladung erhalten, wenn Sie hier wieder zu erscheinen haben.«
»Und die darf gehen und ich werde eingesperrt?« rief die Heßberger. »Und wissen Sie, was die ihrem Bruder gestohlen hat, seit sie ihm draußen die Wirthschaft führt – jedes Jahr mehr, als ich und mein Mann unser ganzes Leben zusammengebracht haben!«
»Schaffen Sie die Frau wieder in ihre Zelle, Schultze,« sagte der Justizrath zu dem Polizeidiener, der schon in die Thür getreten war, als die Heßberger in ihr erstes Toben ausbrach.
»Und das ist Gerechtigkeit!« hohnlachte das Weib. »Verdreht und gewendet, wie man's gerade braucht, gelogen und betrogen, nur nicht für das vornehme Pack, dem man nicht zu nahe treten darf!«
»Schaffen Sie das Weib hinaus!«
»Komm, Heßberger!« rief der Polizeidiener, sie am Arm ergreifend.
»Faßt mich nicht an!« schrie sie aber auf, indem sie sich wieder von ihm losriß. »Ich gehe schon von selber, mag den Spectakel auch gar nicht länger mit ansehen – pfui!« rief sie, vor dem Justizrath und Witte ausspuckend, und schritt dann mit raschen, zornigen Schritten aus der Thür.
Fräulein von Wendelsheim wartete noch einen Augenblick. Sie horchte nach außen zu, um wahrscheinlich erst die Schustersfrau aus dem Vorsaal zu lassen, ehe sie ihr selber dahin folgte. Wie draußen Alles ruhig war, sagte sie: »Dann werde ich mich jetzt entfernen und das Weitere ruhig abwarten.«
»Verziehen Sie noch einen Augenblick,« sagte der Justizrath, der indessen mit Witte heimlich geflüstert hatte. »Ihr Bruder scheint geisteskrank zu sein, nicht wahr?«
»Er hat wenigstens die letzten Tage viel phantasirt und ist völlig theilnahmlos; aber ich hoffe, daß sich das in der nächsten Zeit geben wird.«
»Dann werden Sie mir erlauben,« sagte der Justizrath, »Sie durch einen von unseren Beamten begleiten zu lassen, dem Sie auf Schloß Wendelsheim, bis die Untersuchung geschlossen ist und die Geschworenen ihren Entscheid abgegeben haben, sämmtliche Schlüssel überliefern, wie er auch die Verwaltung des Gutes bis zu der Zeit unter sich behält.«
»Herr Justizrath!« rief Fräulein von Wendelsheim emporfahrend.
»Mein gnädiges Fräulein,« sagte dieser kalt, »Sie selber stehen unter einer schweren Anklage, und ich wäre vielleicht berechtigt, Sie gar nicht wieder fortzulassen. In der Voraussetzung aber, daß Sie zu jeder, Ihnen bestimmten Zeit vor Gericht erscheinen, will ich davon absehen. Die Verwaltung des Schlosses dagegen wird, entweder bis der alte Baron wieder hergestellt oder der wirkliche Erbe unzweifelhaft festgestellt ist, der von mir mitgegebene Beamte übernehmen. Assessor Schuster wird das besorgen und Actuar Bessel mag ihn begleiten, um gemeinschaftlich Alles, die Wohnungsräume ausgenommen, unter Siegel zu legen.«