»Sie verlangen doch nicht, daß ich unter Polizeibedeckung nach Hause fahren soll?«

»Nein, die beiden Herren werden vor Ihnen her fahren und Sie mit Ihrem Kutscher ihnen folgen. Es versteht sich, daß indessen auf dem Schlosse Alles unverändert im Status quo bleibt, Niemand entlassen, Niemand Fremdes zugemiethet und nichts verkauft oder verborgt wird. Herr Staatsanwalt Witte, Sie thäten mir einen besondern Gefallen, wenn Sie, als Vertreter der Regierung, die Herren heute Abend begleiteten und der Ausführung selber beiwohnten.«

Fräulein von Wendelsheim war todtenblaß geworden; sie wollte sprechen, aber sie konnte nicht. Es wurde hier auch Alles so geschäftsmäßig betrieben – was hätte es ihr geholfen! War es dabei das Bewußtsein ihrer Schuld, das sie mit niederdrückte? Sie wagte aber kein Wort der Widerrede, und nur die Lippen zusammengepreßt, daß sie weiß aussahen, wankte sie aus dem Zimmer und auf den Vorsaal hinaus.

»Wissen Sie, Justizrath, was das Merkwürdigste bei der Geschichte ist,« sagte Witte, der die letzten Minuten im Zimmer auf und ab gegangen war und sich vor innerlichem Vergnügen die Hände gerieben hatte, indem er vor dem Angeredeten stehen blieb – »daß ich eben jenen Schneider Müller und seine Mutter, von der die Heßberger vorhin sprach, gestern Abend zufällig aufgefunden habe, ohne Ahnung natürlich, daß sie dieser Angelegenheit so nahe standen.«

»Aber wie?«

»Rath Frühbach, der langweiligste Mensch seines Jahrhunderts, hat mich aus Verzweiflung in ein fremdes Haus hinaufgejagt – doch die Geschichte erzähle ich Ihnen ein andermal – kurz, der Müller arbeitet jetzt für mich.«

»Und wissen Sie bestimmt, daß es der rechte ist? Der Name Müller.«

»Gar kein Zweifel, und jetzt wollen wir der Sache schon auf den Grund kommen, verlassen Sie sich auf mich – aber nun bitte, eilen Sie auch unsere Abfahrt, denn dem gnädigen Fräulein wird sonst die Zeit zu lang.«

Der Justizrath war ein Mann von wenig Worten, aber ziemlich rasch im Handeln. In sehr kurzer Zeit war Alles geordnet, und hinter dem gemietheten Fiaker fuhr, sehr zum Erstaunen des herrschaftlichen Kutschers, die Carrosse des Fräuleins von Wendelsheim her, das sich, wie sie nur das Schloß erreichten, augenblicklich auf ihr Zimmer verfügte und sich dort einriegeln wollte. Die Erlaubniß wurde ihr aber nicht gleich. Vor allen Dingen versiegelte Assessor Schuster, der nichts halb that, sämmtliche Papiere der Gnädigen selber, so wüthend und aufgebracht sie sich darüber auch zeigte. Er hatte dazu allerdings keinen besondern Auftrag, that es aber auf Witte's Rath, weil sie nicht wissen konnten, wie sie vielleicht einmal später gebraucht werden und von Werth sein könnten. Dann mußte sie ihm sämmtliche Schlüssel übergeben. Silber und Wäsche, wie alles Derartige, so weit es nicht zum täglichen Bedarf diente, wurde versiegelt, über das Andere ein flüchtiges Inventar aufgenommen, und Nachts um zwölf Uhr erst verließ Witte das Schloß wieder, um nach Hause zurückzukehren.

Der alte Baron wurde gar nicht belästigt; er erfuhr auch nichts oder sah nichts von der Veränderung im Schlosse. Oben im Zimmer saß er an seinem Tisch, auf den ihm der Diener, als es dunkel wurde, die Lampe stellte; er hatte sich aus seiner Bibliothek ein paar Bücher genommen und beschäftigte sich jetzt damit, einzelne Seiten aus den Bänden zu reißen und die Blätter zu verschiedenen komischen Figuren mit einer Schere auszuschneiden. Er besaß darin wirklich eine Gewandtheit, und es war auch in der That das Einzige, was er in seinem ganzen Leben gelernt hatte.

7.
Nach allen Seiten.

Am nächsten Morgen war Witte in voller Thätigkeit; denn jetzt wußte er sich der Erreichung seines Zieles gewiß, und es galt nur noch, die verschiedenen Fäden fest in die Hand zu nehmen. Vor allen Dingen ging er zum Untersuchungsrichter, um diesem mitzutheilen, daß er für jene frühere Wartefrau völlige Straflosigkeit vom Justiz-Ministerium erbitten wolle, vorausgesetzt nämlich, daß sie Alles, was sie über die verwickelte Sache wußte, aufrichtig gestand. Er glaubte auch, er würde den Herrn noch im Bette finden und herausklopfen müssen; der war aber schon auf und fertig angezogen und kam ihm gleich mit den Worten entgegen:

»Wissen Sie das Neueste, Staatsanwalt? Eben bekomme ich die Meldung, daß sich die Heßberger diese Nacht in ihrem Gefängnisse erdrosselt hat – eine verfluchte Geschichte!«

»Bah,« sagte Witte, den die Todesnachricht ungemein ruhig ließ, »die kann jetzt abkommen, denn was wir brauchen, haben wir von ihr; ja, im Gegentheil bekommt das von ihr abgelegte Geständniß durch ihren freiwilligen Tod nur um so größeres Gewicht.«

»Und was führt Sie so früh zu mir?«

Witte theilte ihm seine Absicht mit, und der Justizrath erklärte ebenfalls, daß er keinen Augenblick zweifle, die Bitte werde zugestanden, noch dazu, da jene Person, während sie im Stande war ein wichtiges Zeugniß abzulegen, jedenfalls eine sehr untergeordnete Rolle bei dem Betrug gespielt hatte.

Noch während sie zusammen sprachen, kam ein reitender Bote von Schloß Wendelsheim mit einer Anfrage an den Justizrath. Fräulein von Wendelsheim bestand nämlich darauf, einen Besuch in der Stadt zu machen, und fragte an, ob der Justizrath ihr die Erlaubniß dazu geben wolle.

Der Justizrath schrieb einfach unter den Brief selber: »Fräulein von Wendelsheim hat Hausarrest!« und sandte den Boten wieder damit zum Schlosse.

Witte kehrte langsam nach Hause zurück; in der Sache war allerdings nichts zu thun, bis die Rückantwort vom Justiz-Ministerium eintraf; es schien aber dabei kaum möglich, daß die wirkliche Thatsache, von der schon so viele Leute unterrichtet waren, länger ein Geheimniß bleiben konnte. Ein unbehagliches Gefühl überkam ihn dabei, wenn er an den bisherigen Baron, den Lieutenant von Wendelsheim, dachte, der, als eigentliche Hauptperson des Ganzen, noch wahrscheinlich keine Ahnung von dem über ihn hereinbrechenden Unheil hatte. Einmal faßte er wohl den Entschluß, ihn rufen zu lassen und ihm Alles mitzutheilen; aber wer von uns macht sich gern muthwillig zum Träger einer bösen oder schmerzlichen Nachricht? Und Witte besaß zu viel Zartgefühl, noch aus manchem andern Grunde, um eine solche Enthüllung freiwillig auf sich zu nehmen. Er that deshalb auch, was man gewöhnlich in einem solchen Fall thut: er verschob die Ausführung seines Vorhabens auf den Nachmittag oder vielleicht auf morgen früh, wie es sich gerade passen würde, denn zu versäumen war ja doch nichts dabei.

Zu Hause fand er auch so viel zu thun, daß er kaum zur Besinnung kam, und sein Mittagessen beseitigte er rasch, denn seine Frau sprach bei Tische kein Wort; sie spielte noch die Beleidigte des neulich erlassenen Verbots der Adeligen wegen, und selbst Ottilie war kleinlaut und hatte rothe Ränder um die Augen. Witte aber that, als merke er das gar nicht, verzehrte seine Mahlzeit, trank, wie gewöhnlich, seine Flasche Wein dazu und ging dann wieder in sein Arbeitszimmer hinüber.

Die Schreiber waren noch nicht von ihrer Eßstunde zurückgekehrt, als es plötzlich anklopfte und auf sein »Herein!« Lieutenant von Wendelsheim, aber in Civil – denn er hatte seinen Abschied schon erhalten – zu ihm in's Zimmer trat.

»Stör' ich Sie, Herr Staatsanwalt?«

»Mich? Gewiß nicht,« sagte der alte Herr, aber fast erschrocken, denn Bruno von Wendelsheim sah so bleich aus wie die Wand. »Bitte, treten Sie näher, lieber Baron – hier herein, wenn Sie so gut sein wollen; meine Leute kommen bald zurück und haben da ihre Plätze. Mit was kann ich Ihnen dienen?«

»Herr Staatsanwalt,« sagte Bruno, der der Einladung Folge leistete, »ich kenne Sie als einen Ehrenmann....«

»Lieber Herr Baron, aber wollen Sie denn nicht Platz nehmen?«

Wendelsheim wehrte mit einer dankenden Bewegung der Hand ab und fuhr fort: »Ich komme deshalb, um eine Frage an Sie zu richten, Mann zu Mann.«

»Wenn ich im Stande bin, sie Ihnen zu beantworten,« sagte Witte und wünschte sich in dem Augenblick zehn oder zwanzig Meilen fort von da.

»Niemand weiter in der ganzen Stadt so gut als Sie,« sagte der junge Mann, »denn wie mir versichert ist, haben Sie die Leitung der ganzen Affaire in der Hand. So sagen Sie mir denn: in wie weit ist das Gerücht begründet, daß bei meiner Geburt ein Kindertausch mit der Frau eines hiesigen Handwerkers stattgefunden hat und ich demnach nicht der leibliche Sohn des alten Baron von Wendelsheim, sondern der des Schlossers Baumann wäre?«

»Alle Teufel,« rief Witte überrascht, »und wo haben Sie das schon gehört?«

»Beantworten Sie mir erst die Frage, Herr Staatsanwalt.«

»Wenn Sie mich drängen,« sagte Witte achselzuckend, »so muß ich Ihnen allerdings, was Sie mich eben gefragt haben, bestätigen. Aber woher Sie....«

»Und ich bin nicht das, als was ich erzogen worden, der Erbe des Hauses von Wendelsheim, sondern eines Schlossers Sohn?«

»Mein lieber, junger Freund,« sagte Witte verlegen, denn es that ihm weh, das dem armen jungen Manne so mit nackten dürren Worten zu bestätigen, »vor allen Dingen ist ja noch kein Urtheilsspruch in der Sache gefällt, und nur der allerdings gegründete Verdacht....«

»Aber ich frage Sie ja nicht nach einem Urtheilsspruch,« sagte Bruno bewegt; »Ihre Meinung, nach eigener, fester Ueberzeugung, will ich nur wissen, und glauben Sie um Gottes willen nicht,« setzte er rasch hinzu, »daß Sie mich dadurch etwa schlimmer kränken, als wenn Sie mir die Wahrheit vorenthalten. Muß ich es denn nicht wissen, wenn etwas Derartiges im Werke ist, und denken Sie etwa, daß fremde Menschen zartfühlender in ihrer Enthüllung sein werden – oder gewesen sind?«

»Sie haben recht,« sagte Witte entschlossen, »und nun bitte, erzählen Sie mir, was Sie gehört haben, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß Sie dann die reine Wahrheit von mir hören sollen.«

Bruno erzählte jetzt, aber Alles so ausführlich, daß Witte eigentlich gar nichts mehr hinzuzusetzen fand. Er wußte in der That Alles, und der Staatsanwalt konnte ihm nur bestätigen, daß die Sache allerdings bis jetzt so stehe, ein wirklicher Entscheid aber erst durch das Geschworenengericht stattfinden würde, dessen nächste Sitzung in etwa acht oder neun Tagen fiel.

»Aber nun,« fuhr er fort, »bitte ich Sie auch dringend, mir zu sagen, durch wen Sie das Alles erfahren haben, denn ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich es nicht begreife.«

»Ich begreife nur nicht, daß ich es nicht schon früher gehört habe,« sagte Bruno, »denn meine Quelle ist wahrlich nicht geheimnißvoller Art. Ich erfuhr es heute Morgen durch Rath Frühbach.«

»Durch Rath Frühbach?« rief Witte, den Kopf schüttelnd. »Dann brauchen wir auch allerdings kein Geheimniß mehr daraus zu machen, denn wenn der Herr es weiß, ist es schlimmer, als ob es in der Zeitung gestanden hätte. Aber lieber junger Freund,« fuhr er fort, als er sah, daß Bruno zum Fenster getreten war und die glühend heiße Stirn gegen die Scheibe preßte, »nehmen Sie sich um Gottes willen die Sache nicht so zu Herzen. Erstlich ist das Ganze noch gar nicht entschieden. Eine feste Behauptung: es sei so oder so, steht noch Keinem von uns zu, und im allerschlimmsten Falle – ei, zum Wetter auch, im Unglück bewährt sich erst der Mann, im Glück können wir Alle oben schwimmen, und Sie sind jung und kräftig und haben die Welt noch vor sich – sehen mir auch wahrhaftig nicht aus, als ob Sie so leicht verzagen würden.«

Bruno schwieg; er stand am Fenster und sah über die Gärten und Hintergebäude der Nachbarhäuser hinaus, aber in Alledem kein festes, bestimmtes Bild. Das Ganze flimmerte und flatterte ihm vor den Augen. All' die Luftschlösser, die er sich seit seiner Jugend gebaut und in bunten Farben aufgethürmt, stürzten polternd zusammen, und Alles, was ihm im dunkeln Hintergrund blieb und sich zu fester Form gestaltete, war – eine Schlosserwerkstatt und das von den Bälgen aufgewühlte Feuer. Er hörte auch nicht, was der Staatsanwalt sprach – wenigstens nur mit halbem Ohr –, in seinem Innern trug er eine vergeudete Jugend zu Grabe, und schwarz und düster nur lag die Zukunft vor ihm da.

Rebekka – sein schöner Traum – er war stolz darauf gewesen, ihretwegen allen Vorurtheilen Trotz zu bieten und sie zu sich emporzuheben – und wie anders stand jetzt der arme Schlosserssohn dem reichen Juden, dem er noch dazu ohne Aussicht auf Hülfe bös verschuldet war, gegenüber! Es war doch ein schwerer Schlag, so mit einem Male Alles zu verlieren, was man bis dahin fest und sicher sein geglaubt – Familie, Namen, Eltern, Vermögen, Braut, Heimath, und dafür nichts zu bekommen, nichts, als die Berechtigung, in eine Familie einzutreten, die ihn als Säugling vor die Thür gesetzt.

Witte war in peinlicher Verlegenheit. Der arme junge Mann, der so unverschuldet das Alles mußte über sich ergehen lassen, that ihm wirklich leid, aber er fühlte auch, daß er ihn gerade dadurch, wenn er ihm Mitleid zeige, am tiefsten verwunden könne. Und Trost einsprechen? Da fiel ihm selber nichts ein, was er ihm hätte sagen können.

Draußen kamen die Schreiber vom Essen zurück und nahmen ihre Plätze wieder ein. Das Geräusch weckte Bruno aus seinen Träumen; er sah sich scheu um und sagte endlich:

»Entschuldigen Sie mein wunderliches Wesen, Herr Staatsanwalt, ich fühle, ich werde Ihnen lästig; aber es ist noch Alles so neu, so fremd für mich, ich muß mich erst hinein gewöhnen, wie in diese neuen Kleider, die ich trage.«

»Lästig? Aber lieber, bester junger Freund, glauben Sie das um Gottes willen nicht!«

»Und was rathen Sie mir, jetzt zu thun? Was kann ich thun?«

»Vor der Hand nichts auf der Welt, als die Entscheidung ruhig abwarten. Weiß übrigens Rath Frühbach um die Sache, so wird sie auch heute Nachmittag in allen Kaffeegesellschaften besprochen, und wenn Sie dann meinem Rath folgen wollen, so machen Sie indessen eine kleine Reise nach der Residenz oder in die Berge, oder wohin Sie wollen. Lassen Sie mich nur wissen, wo Sie sind, damit ich Ihnen rechtzeitig schreiben kann, wann Sie hier eintreffen müssen, um vielleicht auch Ihre eigenen Rechte zu wahren. Niemand kann vorher sagen, wie sich Alles gestaltet.«

»Ich glaube, es ist das Beste, was ich thun kann,« sagte Bruno nach kurzem Zögern; »ich wäre jetzt auch nicht im Stande, Jemanden zu sehen oder zu sprechen. Ich muß erst selber Zeit haben, mich zu sammeln und das Weitere zu überlegen.«

»Aber Sie vergessen nicht, mir zu schreiben?«

»Sie sollen augenblicklich Nachricht erhalten, sobald ich nur erst selber weiß, wo ich mich die Zeit über aufhalten werde. Wahrscheinlich auf dem Wald; ich kenne dort oben einen alten Förster und gehe vielleicht mit ihm auf die Jagd. Auch die Einsamkeit wird mir wohl thun, ich bedarf jetzt derselben.«

Witte drückte ihm herzlich die Hand.

»Und nun leben Sie wohl bis dahin. Wenn Sie mich wiedersehen, hoffe ich, daß ich gefaßter und vernünftiger sein werde, als heute. Es ist mir nur noch Alles zu fremd, zu neu.« – Er erwiederte den Druck der Hand und verließ das Zimmer, wollte auch augenblicklich die Treppe hinabeilen, als er der Frau Staatsanwalt in den Weg lief, die gerade aus der Küche kam.

»Ach, mein lieber Herr Baron,« sagte sie freundlich, »Sie kommen wohl gerade von meinem Manne? Geschäftssachen – immer Geschäftssachen. Ja, wenn man bald ein so großes Vermögen übernimmt, giebt es allerdings viel zu thun. Aber wollen Sie nicht einen Augenblick näher treten?«

»Sie sind unendlich gütig, gnädige Frau,« stammelte Bruno verlegen; »aber – ich bin gerade in großer Eile – die Post...«

»Ja, dann freilich will ich Sie nicht aufhalten.«

»Bitte, empfehlen Sie mich Ihrer Fräulein Tochter!«

Die Frau neigte huldreich das Haupt, und Bruno war froh, als er sich gleich darauf wieder auf offener Straße und in frischer Luft fand.

Witte hatte selber keine Ruhe; es gab noch so Manches für ihn zu besorgen, daß es ihn nicht in seinen vier Wänden ließ. Durch die rasche Verbreitung des Gerüchts, deren Ursprung er sich immer noch nicht zu erklären wußte, war er auch in seinen Schritten mit der Schneiderswittwe gedrängt, damit sie nicht erst von anderer Seite aufmerksam gemacht und eingeschüchtert wurde. Er beschloß deshalb, augenblicklich zu ihr zu gehen und ihr Alles zu sagen; denn daß das Justiz-Ministerium eine zustimmende Antwort geben würde, verstand sich eigentlich von selbst.

Im Anfang fand er die Frau allerdings scheu und zurückhaltend. Sie schützte Gedächtnißschwäche vor; die Sache sei so lange her und sie habe in der Zeit so viel durchgemacht, daß sie sich auf Einzelheiten aus jenen Jahren gar nicht mehr erinnern könne. Witte sagte ihr darauf, es würde auch kein Mensch in sie dringen, aber sie möge sich in der Zeit besinnen. Komme das Schreiben zurück, das sie jeder Strafe oder Verantwortung über Vergangenes entbinde, dann versprach er ihr nur, falls sie getreu und wahr Alles berichten wolle, was sie noch wisse, eine namhafte Summe, mit der ihr Sohn hier, oder wo er wolle, ein Geschäft eröffnen könne. Außerdem dürfe sie sich versichert halten, daß er zu ihr stehen werde und sie seiner Protection gewiß sei. Komme ihre Freisprechung von jeder Verantwortung aber nicht, dann brauche sie ja kein Wort zu sagen und nur dabei zu bleiben, daß sie sich auf nichts mehr besinne, und es könne ihr eben so wenig etwas geschehen.

Nachdem er die Frau solcher Art, so gut es gehen wollte, beruhigt und auch ihren Sohn überzeugt hatte, daß er wirklich keinen Hinterhalt habe, sondern es ehrlich meine, schlenderte er, in Gedanken die Vorfälle der letzten Tage noch einmal recapitulirend, langsam um die Promenade herum; er hatte für den Moment kein bestimmtes Ziel und wollte nur allein mit sich selber sein.

»Ah, mein lieber Staatsanwalt,« sagte da plötzlich die bekannte Stimme des überall und nirgend herumfahrenden Frühbach, »so pensiv? Wissen Sie schon die Neuigkeit?«

»Ach, mein lieber Rath!« sagte Witte, ordentlich emporfahrend, denn er hatte sich eben in Gedanken ganz allein mit dieser nämlichen Persönlichkeit beschäftigt. »Wo kommen Sie auf einmal her?«

»Lieber Gott,« sagte der Rath, »ich bin ja das geplagteste Menschenkind auf der Welt, denn ich muß lediglich meiner Verdauung wegen den halben Tag auf den Füßen sein und spazieren laufen! Ihr gesunden Menschen wißt gar nicht, wie gut Ihr daran seid – aber haben Sie schon die Neuigkeit gehört?«

»Welche Neuigkeit, lieber Rath?«

»Nun, daß der Baron von Wendelsheim gar nicht der Baron von Wendelsheim ist, sondern der Sohn vom Schlosser Baumann, und umgekehrt; die ganze Stadt ist ja voll davon.«

»Die ganze Stadt?« rief Witte wirklich in Erstaunen. »Aber durch wen, um des Himmels willen, kann nur die ganze Stadt das erfahren haben?«

»Durch mich, Freundchen,« lächelte der Rath, indem er den Staatsanwalt scherzhaft mit dem einen Finger auf die Rippen stieß, »durch mich; ich bringe Alles heraus, sage ich Ihnen, Alles, die Polizei mag es geheim halten, wie sie will – ich hab's.«

»Das ist in der That merkwürdig,« sagte Witte; »aber ich begreife nur nicht, wie? denn so viel ich davon gehört habe, ist die Sache noch nicht einmal bei den Gerichten genau bekannt.«

»Sehen Sie wohl, und ich weiß sie doch,« schmunzelte Frühbach.

»Und können Sie mir Ihre Quelle nicht mittheilen?« fragte Witte. »Ich versichere Ihnen, ich gäbe manchmal etwas darum, so rasch berichtet zu sein, und auf ein kleines Opfer sollte es mir dabei nicht ankommen.«

»Ich werde Ihnen den Mann recommandiren,« sagte Rath Frühbach gutmüthig – »ein paar Cigarren manchmal, ein Glas Bier oder Wein, wie es trifft, und ein bischen Freundlichkeit, das ist die Hauptsache. Man muß mit den Leuten thun, als wenn man ihres Gleichen wäre; das schmeichelt ihnen, und ich sage Ihnen, sie sind dann um den Finger zu wickeln.«

»Und wer ist der Biedermann, der Ihnen so vortreffliche Dienste leistet?«

»Mein alter Polizeidiener,« lachte Frühbach, »ich habe Ihnen ja schon von ihm erzählt, der Schultze; Christian heißt er mit Vornamen – ein famoser Kerl, und so gefällig. Die Polizei muß man sich überdies zu Freunden halten.«

»Also Christian Schultze? Danke Ihnen,« sagte Witte, »den Namen werde ich mir merken. Es ist allerdings sehr angenehm, Jemanden auf der Polizei zu haben, der an den Thüren horcht und die Sachen dann weiter erzählt.«

»Und wie sollte man's anders erzählen?« lächelte Frühbach. »Die Herren vom Gericht selber erzählen nichts, denn die haben – ich bitte tausendmal um Entschuldigung!« unterbrach er sich selber, denn in dem Augenblick klang es gerade, als ob ein Stück Baumwollenzeug von einander gerissen würde, und Rath Frühbach fand sich mit seinem breiten linken Fuße voll und schwer auf der Schleppe einer fremden Dame, die würdig vorüberrauschen wollte. Jetzt ging es nicht mehr – der ganze hintere Theil des Kleides hing herunter, und Frühbach, in aller Verlegenheit, rief: »Ach Gott, das thut mir doch unendlich leid! Aber bitte, warten Sie einen Augenblick, meine Frau steckt mir doch immer Stecknadeln in den Rock – wenn – einmal – unterwegs – wo sind sie denn nur....«

Die Dame schleuderte ihm einen Blick zu, der ihn rettungslos zu Boden geschmettert haben müßte, wenn er die Gewalt besessen hätte, die sie hineinlegte; dann wandte sie sich kurz ab und drehte um, wahrscheinlich um irgend ein bekanntes Haus aufzusuchen und den Schaden wieder auszubessern.

»Das ist eine verzweifelte Geschichte mit den jetzigen Damenmoden, lieber Staatsanwalt,« sagte Frühbach, als er, noch einen verlegenen Blick hinter seinem Opfer her werfend, neben Witte hin und jetzt zwar in die Stadt hinein schritt; »ich sage Ihnen, man weiß gar nicht mehr, wo man hintreten soll, und eine Treppe hinter einer Dame hinunter zu gehen, ist, wenn man in Rufsnähe bleiben und sie nicht aus dem Gesicht verlieren will, rein unmöglich.«

»Ja,« lachte Witte, der sich über den kleinen Zwischenfall sehr amüsirt hatte, »aber machen Sie einmal etwas dagegen; da hilft alles Reden nicht. Die Mode sieht sehr elegant an den Stellen aus, worauf sie berechnet ist: im Salon oder in der eigenen Equipage; auf der Straße aber fegen die feinsten Damen ebenso wohl allen Staub wie jeden Schmutz und Unrath zusammen, der in ihrem Wege liegt. Und nicht einmal die feinsten,« fuhr er fort; »sehen Sie die Dame da vor uns. Mit einer schweren, spitzenbesetzten Sammetmantille trägt sie, wie es scheint, einen Marktkorb unter derselben, und wie sieht sie dabei um die Füße herum aus – wie schlumpig.«

»Alle Teufel,« sagte der Rath, der sich seine Brille etwas in die Höhe geschoben hatte, um die bezeichnete Dame besser betrachten zu können, »das ist ja meine Frau!«

Der Staatsanwalt biß sich auf die Lippe; aber das Unglück war geschehen, und wenn man etwas Derartiges verbessern will, macht man es eher noch schlimmer. Er opferte deshalb lieber seine eigene Gattin und sagte: »Sie machen es alle so, die meinige ebenfalls.« – Es war ein großes Glück für den Staatsanwalt, daß sich seine Frau nicht in Hörweite befand.

»Aber, Frauchen, wo kommst Du denn her?« sagte der Rath zärtlich, als sie die Dame überholten, und Witte hielt den Moment für günstig, sich seitab zu drücken. Frühbach ließ aber seinen Arm nicht los.

»Vom Markt, Männi,« erwiederte die Dame in der Sammetmantille. »Und wohin willst Du? Kommst Du nicht mit nach Hause?«

»Ich wollte nur einmal zum Major hinausgehen und mit ihm über die bewußte Sache sprechen.«

»Ah, Herr Staatsanwalt,« sagte die Dame, eine Verbeugung nach einer ganz verkehrten Seite hin machend, »sehr angenehm!« Sie suchte dabei den Marktkorb zu verheimlichen, aber es ging nicht. »Hat Ihnen Männi schon erzählt?«

»Ja,« nickte Witte; »ich war auf's äußerste erstaunt.«

»Und Sie wußten von gar nichts? Merkwürdig! Weiß es denn Ihre Frau Gemahlin schon? Ich werde gleich nach Tische einmal zu ihr gehen. Aber mit dem Essen könnte es heute spät werden, Männi – lieber Gott, man trifft unterwegs so viele Bekannte; aber ich biege hier ab.« Und sich wieder wenigstens drei Strich aus der Linie verbeugend, nickte sie ihrem Manne zärtlich zu und – fegte weiter.

Witte hatte sich erst von dem Rath losmachen wollen; da er aber den Major als sein Ziel nannte, besann er sich eines Besseren. Er hatte doch für den Augenblick nichts Wichtiges vor und wollte sich das Vergnügen nicht entgehen lassen, Zeuge von der Ueberraschung des Majors zu sein. Frühbach sollte wenigstens den Genuß nicht allein haben. Mit der Voraussicht ließ er sich selber unterwegs Mittheilungen aus der Schweriner Chronik machen.

Im Hause des Majors sah es übrigens, als sie dasselbe erreichten, wahrhaft trostlos aus. Der alte Major selber saß in seinem Lehnstuhl, das eine Bein lang ausgestreckt und dick mit Tüchern verbunden und in eine wollene Decke eingeschnürt – Frau von Bleßheim lag, ihren Kopf unter Kreuzband, mit geschlossenen Augen auf dem Sopha und tastete nur manchmal nach einer riesigen Schale mit Kamillenthee, die vor ihr auf einem zum Sopha gerückten Stuhl stand und mit ihrem unangenehmen Duft das ganze Zimmer erfüllte.

Aber auch die Liese hatte wieder Zahnschmerzen und winselte und erklärte, sie hielt's nun nimmer aus, und der Christian kam gerade mit einer großen Flasche Medicin, die er aus der Apotheke geholt, in's Zimmer gekrochen und kündete dem Major an, er müsse sich in's Bett legen, denn er hätte hinten am Kreuz eine große Beule, und die würde jetzt wohl aufgehen oder der ganze Knochen mit herauskommen.

»Gott soll mich bewahren, Major,« rief der Staatsanwalt, als er einen Blick in der Krankenstube umher geworfen hatte, »in Ihrem Lazareth sieht's ja schlimmer aus, als je! Wie, um des Himmels willen, halten Sie's nur aus?«

»Ich halt's auch nicht mehr aus,« stöhnte der Major, »jetzt ist's vorbei und am Ende. Hier am Bein kommt's mir immer weiter herauf, und so wie's in den Leib tritt, dann thut der Mensch noch ein paar Schnapper, und nachher ist Schicht – dann geht der lange Urlaub an.«

»Aber Sie sehen wohl aus – nicht wahr, Rath?«

»Vortrefflich,« bestätigte dieser – »ordentlich rothe Backen.«

»O Du mein Jesus,« stöhnte der Kranke, »das auch noch – ich kann kein Glied mehr rühren! Der Lump, der Christian, jammert in Einem fort über sein Kreuz mit einer Beule dran – wollte Gott, ich hätte nur eine Beule, damit das Elend da einmal an die Luft käme; aber so sitzt's innerlich und frißt sich immer weiter hinein.«

»Versündigen Sie sich nicht,« sagte Christian feierlich, »so 'ne Beule, wie ich habe, soll sich wahrhaftig kein Christenmensch wünschen – ich wünschte sie wenigstens meinem ärgsten Feinde nicht – und das Stechen, o Du mein blutiger Heiland, ich wollte, ich wäre todt!«

»Von mir red't Keiner was,« winselte die Liese, »und wenn's mir auch die Kinnbacken aus einander reißt. Ja wohl, das ist ja nur die alte Liese, und so lange die nur herumkriecht und ihre Arbeit thut, mag's sie in den Zähnen reißen, so viel wie's will – wer schiert sich drum?« – Und damit ging sie hinaus und schlug die Thür hinter sich zu, daß die Fenster klirrten.

Aber den Rath Frühbach litt's nicht länger; das Geheimniß drückte ihm fast die Seele ab.

»Haben Sie's schon gehört, Major?« rief er, »die Wendelsheim'sche Geschichte ist zum Ausbruch gekommen?«

»Was für eine Wendelsheim'sche Geschichte?« stöhnte dieser. »Ich weiß von nichts. Was soll ich hier hören? Mir erzählt kein Deubel 'was.«

»Aber deshalb sind wir Beide ja gerade zu Ihnen herausgekommen!« rief der Rath.

»Wegen der Wendelsheim'schen Geschichte? Hat sich das alte – o mein Bein! – hat sich das alte Frauenzimmer noch nicht beruhigt? Daß sie der Henker hole! Und auf der Fahrt damals, Rath, habe ich mir meinen letzten Rest geholt. Die Erkältung ist mir in dasselbe Bein geschlagen, mit dem ich damals an dem offenen Leder saß – und Ihr verfluchter Aepfelwein!« Er biß die Zähne zusammen und schlug mit der Faust auf die eine Lehne seines Stuhles.

»Ob sich die noch nicht beruhigt hat?« lachte der Rath. »Na, ich denke, die wird beruhigt werden. Hatte ich denn nicht etwa Recht und ist es jetzt anders gekommen, als ich es mir die ganze Zeit gedacht?«

»Hol' Sie der Teufel, Rath!« rief der Major, vor innerlichem Schmerz die Zähne zusammenbeißend und ein jämmerliches Gesicht ziehend. »Ich liege hier so schon auf der Folter, und Sie kommen nun auch noch, um mich zu langweilen. Ich verstehe kein Wort von Allem, was Sie sagen.«

»Sie verstehen nicht, was ich sage? Die Wendelsheim'sche Geschichte ist zum Ausbruch gekommen, sag' ich, der Kindertausch constatirt und festgestellt. Das Fräulein von Wendelsheim steckt mit drin und war gestern schon deshalb im Verhör, und die Frau Müller ebenfalls. Polizei auf dem Schlosse draußen, bis der richtige Erbe ermittelt ist – der Lieutenant von Wendelsheim abgesetzt – die ganze Stadt in Aufruhr...«

»Hurrah!« schrie plötzlich der Major, von seinem Stuhl emporspringend und Gicht, Umschläge, Beine, Rücken, Kreuz und wie die Schlachtfelder seiner verschiedenen Krankheiten alle hießen, ganz vergessend, »hurrah, hurrah, hurrah hoch!«

»Und der Baron von Wendelsheim ist verrückt geworden,« sagte der Rath.

»Und noch einmal hurrah!« schrie der Major, daß Frau von Bleßheim von ihrem Sopha emporfuhr und die Liese den verbundenen Kopf erschreckt wieder in die Thür hereinsteckte und rief: »Na um des Erlösers willen, was ist denn nu los?«

»Liese,« rief der Major, der einen allerdings nicht recht glückenden Versuch machte, auf dem einen Bein zu stehen und das andere, kranke, emporzuheben, »kommen Sie 'mal herein.«

»Was soll ich denn?«

»Was hab' ich Ihr versprochen, wenn die Wendelsheim'sche Lumperei an den Tag kommt und die ihr Recht kriegen, denen es gebührt?«

»Fünf Thaler, Herr Major; aber die stehen im Schornstein,« knurrte die alte Magd. »Wenn ich das Alles kriegen sollte, was Sie mir schon versprochen haben!«

»Hier sind sie, Liese,« rief der Major und schleppte sein linkes Bein dem Tische zu, in dessen Schieblade er seine Brieftasche liegen hatte; »da – da sind die fünf Thaler, und noch einmal hurrah!«

»Und ich kriege wieder gar nichts!« ächzte Christian.

»Ihr sollt auch einen haben, alter Schwede – damit geht in die Apotheke und laßt Euch Euer erbärmliches Kreuz einreiben. Und hier, reißt mir einmal den alten wollenen Fetzen herunter und gebt mir die Tuchstiefel her, und meinen Rock, Liese, und die Mütze.«

»Aber wohin willst Du denn nur, um alle Heiligen,« wimmerte Frau von Bleßheim. »Was hast Du nur vor?«

»Auf's Amt, natürlich,« rief der Major, »die Erbschaft augenblicklich mit Beschlag belegen! Witte ist ja deshalb nur herausgekommen. Nicht wahr, Staatsanwalt, Sie gehen mit?«

»Wenn Sie es wünschen, warum nicht?« erwiederte dieser, der sich im Stillen nicht wenig über den sehr nutzlosen Jubel des Majors gefreut hatte. »Aber ich glaube, Sie können sich den Weg sparen.«

»Nein,« sagte der Major entschieden, indem er sich wieder auf seinen Stuhl setzte und die Decke abzuschälen anfing – »muß selber dabei sein – halte ich für meine Pflicht, so lange ich nur noch kriechen kann.«

»Aber was wollen Sie oben?«

»Sie haben es ja eben gehört. Protest einlegen, daß die Erbschaft nicht an die Wendelsheim'sche Familie ausgezahlt wird, nicht einen Groschen sollen sie jetzt kriegen, nicht einen rothen Heller!«

»Aber bester Major, wie wollen Sie das hindern?«

»Wie ich das hindern will? Lautet die Erbschafts-Clausel nicht, daß nur in dem Fall männlicher Nachkommenschaft – ehelicher, versteht sich – das Vermögen an diese Familie ausgezahlt werden soll? Wenn aber jetzt bewiesen wird, daß der Sohn gar nicht der Sohn des Barons ist – und habe ich es Ihnen nicht immer und immer gesagt, Staatsanwalt? – wenn ein Kindertausch stattgefunden hat, an und für sich schon ein Verbrechen, so ist die Gesellschaft futsch! Meinen Stiefel, Christian!«

»Ja, lieber Major,« sagte der Staatsanwalt, »da das vertauschte Kind aber ebenfalls ein Sohn ist, so geht doch sicherlich die Erbschaft auf diesen über.«

»Ein Sohn?« schrie der Major und blieb vor Schrecken halb in seinem Stiefel stecken.

»Aber das ist ja gar nicht möglich,« rief Frühbach, »die Frau Müller hat ja nur eine Tochter!«

»Die Frau Müller,« sagte der Staatsanwalt, »hat mit der Sache gar nichts zu thun; sie ist vollkommen unbetheiligt dabei und jene Frau Müller eine ganz andere. Ihr Polizeidiener hat da nicht richtig aufgepaßt. Die Heßberger hat die beiden Söhne, den der Schlossersfrau Baumann und den der Baronin, ausgetauscht und den Baron glauben machen, es sei ein Mädchen gewesen, um den Lohn zu bekommen. Das ist die ganze Geschichte.«

»Aber ein Schlosserssohn,« sagte Rath Frühbach ganz verwirrt, »kann unmöglich Baron werden und eine halbe Million erben!«

»Und warum nicht? Eben so gut, wie schon mancher Baron Schlosser geworden ist; gehen Sie nur einmal hinüber nach Amerika.«

»O Gott, mein Bein!« stöhnte der Major und sank mit dem halb angezogenen Stiefel wieder in seinen Stuhl zurück. »Christian, Esel, so zieht mir doch den verdammten Stiefel ab; Ihr seht ja, daß ich es vor Schmerzen kaum aushalten kann – ah, wie das brennt!«

»Aber ich begreife gar nicht,« bemerkte Rath Frühbach, der Witte verwundert ansah – »ich glaubte, Sie wüßten noch gar nichts von der ganzen Sache, und jetzt...«

»Weiß ich mehr davon, als Ihr Christian Schultze, wie?« lachte Witte. »Ja, lieber Major, beruhigen Sie sich. Allerdings hatten Sie mit Ihrem Verdacht, daß in der Familie Wendelsheim falsches Spiel getrieben wäre, vollkommen recht; der einzige Fehler war nur, daß dieser Verdacht – und sehr natürlicher Weise – nach einem ausgetauschten Mädchen suchte. Sie wissen ja, wie wir damals selbst bei Baumanns nachgeforscht haben, aber wer dachte an so etwas?«

»O, mein Bein!« stöhnte der Major; »Christian, das zieht hier – wickelt mir doch die Decke um. Liese, die fünf Thaler hat Sie auf der Straße gefunden – o Gott, die Schmerzen!«

Frau von Bleßheim lag schon wieder ausgestreckt auf dem Sopha, und nur die Liese schien ihre Zahnschmerzen vergessen oder wenigstens für den Augenblick bei Seite geschoben zu haben, denn sie betrachtete sich immer verstohlen die fünf Thaler, die wahrscheinlich nicht so häufig in diesem Hause des Jammers abfallen mochten.

Witte hatte aber jetzt seinen Zweck erreicht, und der Rath Frühbach saß ebenfalls wie auf Kohlen, da er sich von seiner Neuigkeit einen ganz andern Erfolg versprochen. Ehe er sich aber nur so weit entschließen konnte, ob er gehen oder bleiben sollte, hatte Witte seinen Hut aufgegriffen, dem Major – der ihm aber gar nicht antwortete – einen kurzen Gruß zugerufen und war auch gleich darauf im Freien draußen, wo er tüchtig ausschritt.

Frühbach mußte es doch ebenfalls für das Beste gehalten haben, sich zu entfernen; als er aber auf die Straße trat, sah er den Staatsanwalt schon in weiter Ferne und mußte den Versuch aufgeben, ihn einzuholen und sich noch weiter mit ihm auszusprechen, denn auf sein Rufen drehte sich der Davoneilende gar nicht um.

8.
Vor den Geschworenen.

Am nächsten Morgen überraschte der Polizeidiener Christian Schultze den Rath Frühbach noch im Bett und jammerte und klagte, daß er aus dem Dienst gejagt wäre, und zwar nur seinetwegen. Er verlangte auch Schadenersatz, bekam aber natürlich nichts, brachte jedoch den Rath in eine unbeschreibliche Aufregung und verdarb ihm das ganze Frühstück.

Witte war indessen ungemein thätig, und als nach zwei Tagen ein Rescript des Justizministeriums eintraf, wonach der Frau Müller, als keiner Hauptschuldigen bei dem Betruge, völlige Straflosigkeit zugesichert wurde, falls sie frei und wahr Alles bekennen wolle, was sie über den Fall wisse, so stand auch nach dieser Seite nichts mehr im Wege.

Eine Scene hatte er allerdings noch im eigenen Hause, als seine Frau den wahren Thatbestand erfuhr; Ottilie wurde ohnmächtig, und die Frau Staatsanwalt würde ebenfalls Krämpfe bekommen haben, wenn das Mädchen nicht gleich bei der Hand gewesen wäre. Witte selber bekam aber dadurch Oberwasser. Seine Frau war nie so kleinlaut gewesen, als nach der Zeit; er konnte sie jetzt um den Finger wickeln und fühlte sich überzeugt, daß es eine heilsame Lehre für sie sein würde.

Indessen rückte der Tag heran, an welchem der Fall vor die Geschworenen gebracht werden sollte; denn Witte hatte sein Möglichstes gethan, um jede Schwierigkeit zu beseitigen, damit der Termin der Erbschafts-Auszahlung nicht versäumt wurde, was nachher nur noch wieder Umstände gemacht hätte. Von Bruno erhielt er ebenfalls einen Brief und schrieb ihm umgehend Tag und Stunde, in welcher er hier eintreffen müsse, und wie der Morgen endlich herannahte, läßt es sich denken, daß die Bevölkerung von Alburg einen lebhaften Antheil an der Sache nahm. Schon stundenlang vorher drängte sich das Publikum vor der Thür des Sitzungssaales, und die Polizei hatte nicht geringe Schwierigkeit, um nur einigermaßen Ordnung in die Masse zu bringen und Unglücksfälle zu verhüten.

Die Tribünen waren natürlich überfüllt; was an Menschen in den Saal hineinging, preßte hinzu, und selbst hochstehende Damen wurden trotz ihrer Crinolinen zu einem Minimum zusammengedrückt. Es war aber auch in der That ein Fall, der in alle Schichten der Bevölkerung eingriff, und der ärmste Handwerker nahm nicht minder Theil daran als die »Crême« der Gesellschaft, denn er war eben so viel bei dem Erfolge betheiligt und freute sich dazu schon im voraus auf den Entscheid der Richter, während die haute volée dadurch daß solche »Schwächen« der höheren Stände vor die Oeffentlichkeit gebracht wurden, einen noch größeren Widerwillen gegen das überhaupt zu liberale Institut der Geschworenengerichte faßte. Aber hingehen mußten sie trotzdem; sie hätten nicht um die Welt, die Untersuchung versäumen mögen!

Und wie lange dauerten ihnen die Vorbereitungen, bis die Geschworenen gewählt waren und ihre Plätze eingenommen hatten und der Richter die Verhandlung mit einer kurzen Einleitung eröffnete! Dann erst trat Staatsanwalt Witte als Kläger auf und beschuldigte in kurzer, aber kerniger Rede den Baron von Wendelsheim und dessen Schwester, Fräulein Aurelia von Wendelsheim, mit Hülfe der damaligen Hebamme, der bekannten Frau Heßberger, zwischen der Frau des Schlossers Baumann und der Frau Baronin die Kinder vertauscht zu haben. Er legte dabei klar das Motiv der ersten Anregung dazu vor: die Furcht des Barons, keinen männlichen Erben zu bekommen und dadurch der Erbschaft verlustig zu gehen, während er sich, da er wußte, daß seine Gemahlin nie ihre Einwilligung dazu geben würde, der Hülfe seiner Schwester versicherte, ja, möglicherweise von dieser erst dazu getrieben wurde. Daß die Heßberger nachher, als sie sich durch die unerwartete Geburt eines Sohnes der Gefahr ausgesetzt sah, den versprochenen, bedeutenden Lohn zu verlieren, nicht allein die Mutter des Kindes, sondern nun auch den Vater und dessen Schwester betrog, indem sie die Thatsache, daß es ein Sohn sei, verheimlichte und sie in dem Glauben bestärkte, es sei wirklich ein Mädchen gewesen, war leicht zu erklären.

Die Heßberger täuschte dann auch später nochmals den Baron, indem sie ihn durch irgend einen gleichgültigen Todtenschein eines weiblichen Kindes glauben machte, seine Tochter sei gestorben. Dadurch vermied sie jede, sonst doch mögliche Nachforschung des Vaters. Der Todtenschein hatte sich unter den Papieren des Fräuleins von Wendelsheim gefunden und Witte nach genauer Untersuchung herausbekommen, daß jenes Kind auf einem entfernten Dorfe von völlig unbescholtenen Eltern geboren und auch dort kurze Zeit danach verblichen sei. Bei dessen Geburt waren die Schwiegermutter und zwei Verwandte zugegen gewesen, und das Kind, vom ersten Moment an kränkelnd, von dem dortigen Wundarzte behandelt und die ganze Zeit, bis zu seinem Tod, nicht aus den Augen gelassen worden.

Ruchbar sei die That durch die Frau Baumann selber geworden, die, von Gewissensbissen gepeinigt und in der Angst, den damals auf falschen Verdacht hin gefänglich eingezogenen Erben an seinem Leben geschädigt zu sehen, ein offenes Bekenntniß abgelegt habe. Es gehe daraus hervor, daß sie selber nur höchst ungern und halb von ihrer Schwester gezwungen, fast unmittelbar nach der Geburt ihres Kindes, jedenfalls innerhalb der ersten vierundzwanzig Stunden, ihren Sohn in der Hoffnung hergegeben habe, ihn und die Familie, in die er eingeführt wurde, glücklich zu machen. Als ihr ein Sohn, aber nicht der ihrige, dafür zurückgebracht wurde, gerieth sie außer sich; es war jedoch zu spät. Die Heßberger drängte in sie, und sie schwieg – schwieg bis jetzt.

Daß die Heßberger die Hauptschuldige sei, habe sie nicht allein auf dem Criminalamt, nach dem dort aufgenommenen Protokoll, was nachher verlesen werden solle, selber erklärt, sondern auch durch ihren Selbstmord, weil sie die Strafe fürchtete, erhärtet. Gleich schuldig mit ihr sei wohl der Vater des Kindes, der Baron von Wendelsheim, aber von Gott selber außer den Bereich menschlicher Strafe gebracht, da sein Geist wandere und völlige Besinnung ihm, nach dem Ausspruche der Aerzte kaum je wieder zurückkehren würde.

Daß die Frau Baronin selber nichts von dem Tausche der Kinder gewußt, stehe fest; desto stärkerer Verdacht, ja, fast die Gewißheit der That ruhe aber dagegen auf jenem Fräulein von Wendelsheim, die, in der Furcht, den alten Glanz des Hauses erlöschen zu sehen und selber ohne hinreichende Mittel, das Zusammenbrechen desselben zu verhindern, zu diesem Verbrechen ihre Zuflucht genommen habe, um es abzuwenden. Sie allein sei auch strafbar, da sich die Hauptschuldige der Strafe entzogen; denn sie, als hochstehende, gebildete Frau wußte genau, was sie that, und handelte dabei mit vollem Vorbedacht. Die Geschworenen ersuche er daher, die Rechte des wirklichen Erben, des bisher von dem Schlosser Baumann unter dem Namen Friedrich erzogenen Sohnes, zu prüfen, und er hoffe, der Gerichtshof werde dann jener Dame die härteste Strafe zuerkennen, die das Gesetz überhaupt in diesem Falle gestatte.

Witte hatte außerordentlich ruhig gesprochen, und die einzelnen Thatsachen, die übrigens schon seit den letzten Tagen im Publikum ziemlich genau bekannt waren, nun so klar und deutlich als möglich vorgelegt. Er wollte jedenfalls erst den Advocaten des Gegenparts veranlassen, dagegen aufzutreten. Das Publikum selber achtete aber nur wenig auf seine Rede, denn Aller Blicke hingen an den beiden Angeklagten, der Schlossersfrau und dem gnädigen Fräulein, die ihren Platz auf der Seite der Verklagten hatten, und ein größerer Unterschied wäre zwischen zwei weiblichen Wesen kaum denkbar gewesen, als die Beiden zeigten.

Die Frau Baumann, in ein blaues, einfaches Kattunröckchen gekleidet, eine schneeweiße Haube auf, das milde, gute Gesicht bleich und eingefallen, die Augen niedergeschlagen in Scham und Angst, saß auf der Bank, während neben ihr, hoch aufgerichtet und stolz, aber bis auf's Innerste über den Schimpf empört, der ihr hier angethan, in Putz und Schmuck von Sammet und Seide strotzend und aus den bös blickenden Augen giftige Blitze nach allen Seiten, besonders aber auf den Staatsanwalt Witte schleudernd, das gnädige Fräulein stand. In dem Zuschauerraume, wo besonders eine Gruppe von Handwerkern beisammen standen, flüsterten die Leute auch schon miteinander, und manche Bemerkung wurde laut: »Das ist die Rechte, das ist ein böser Drachen; seht nur, wie hoch sie die Nase trägt; sie schämt sich gar nicht – und wie sie die Leute daheim behandelt – ein Hund hat's besser, als ihre Dienstboten!«

»Pst! Pst!« flüsterten indessen wieder Andere, denn jetzt begann der von dem gnädigen Fräulein angenommene Advocat nicht allein seine Clientin zu vertheidigen, sondern die ganze Klage als einen aus der Luft gegriffenen Verdacht anzufechten. Das gnädige Fräulein schilderte er dabei wie eine Heilige, die, während sie noch nie einem Menschen Ursache zur Klage gegeben, hier auf eine unwürdige Weise angegriffen und verdächtigt würde. Aus der Selbstanklage der Frau Baumann geht allerdings hervor, daß eine Täuschung in der Familie beabsichtigt gewesen sein könne, obgleich auch selbst darüber jetzt, nach dem Tode jener Heßberger, der Beweis fehle. Es sei die Unwahrscheinlichkeit aber auf das Höchste gesteigert, wenn man annehmen wolle, daß zwei Knaben gegen einander ausgewechselt wären. Ein Resultat würde die Sache nicht weiter gehabt haben, als daß sich zwei Mütter von ihren Kindern trennten, und die Anklage mache der Phantasie seines geehrten Vorredners allerdings viel Ehre, aber an dem gesunden Verstand der Geschworenen würde sie machtlos abprallen.

Als er das gnädige Fräulein so außerordentlich lobte, wurden von mehreren Seiten höhnische Rufe laut, als: »Hoho! Jawohl, so sieht sie auch aus!« – Die Beamten stellten aber augenblicklich die Ruhe wieder her, und als er endlich damit schloß, indem er nur noch in einer längeren Phrase das Motiv der Frau Baumann hervorhob, jetzt, durch eine solche Erklärung, ihrem eigenen Sohn die reiche Erbschaft zuzuwenden, bat er die Geschworenen, den Fall ruhig zu überlegen, und sie würden dann selber zu der Ueberzeugung gelangen, daß die ganze Klage – als zu absurd zur Verhandlung – zurückgewiesen werden müsse.

Staatsanwalt Witte ließ jetzt den gefangenen Heßberger als Zeugen vorrufen, und ein traurigeres Bild menschlicher Erniedrigung konnte es kaum geben, als der Verbrecher zeigte. Die kurze Zeit seiner Haft hatte ihn bleich und hohlwangig gemacht; die Augen starrten wild und fast blödsinnig umher, und eingeschüchtert durch die vielen Menschen, kroch er ordentlich zusammen unter der Last seiner Sünde, seines Jammers. Er machte auch als Zeuge keinen besondern günstigen Eindruck auf die Geschworenen; trotzdem mußte er gehört werden, und von dem Vorsitzenden befragt, legte er denn auch ein unumwundenes Geständniß ab. Er verheimlichte oder beschönigte nichts. Er erzählte, daß er den neugeborenen Sohn der Baumann, warm in wollene Tücher eingeschlagen, in das zu dem Zweck geheizte Gartenzimmer des Parks getragen, bis seine Frau ihm durch ein in ein bestimmtes Fenster gestelltes Licht ein Zeichen gegeben habe. Dann sei er zu dem Schlosse gegangen, wo er sein Weib mit dem fremden Kinde getroffen hatte. Sie nahm ihm das, was er gebracht, dort ab, gab ihm das andere und flüsterte ihm dabei zu, er solle nur ihrer Schwester sagen, er brächte ihr Kind wieder mit, der Tausch sei nicht nöthig gewesen. Aber seine Schwägerin habe gleich gesehen, daß es ein fremdes Kind sei, und geweint und geschrieen, und er hätte sie kaum beruhigen können.

Der Advocat des Gegenparts fragte jetzt den Schuhmacher, ob er beschwören könne, daß er nicht wieder dasselbe Kind zurückgetragen, was er mitgenommen, und woher er wissen wolle, daß es ein anderes gewesen sei, noch dazu, da ihm seine Frau selber gesagt hätte, es wäre das nämliche.

Heßberger, der jetzt im Reden etwas mehr Muth faßte, erwiederte, wenn seine Frau nicht die Kinder austauschen wollte, so würde sie das dem Baron gehörige nicht aus dem Wochenzimmer auf die kalte Treppe hinuntergetragen haben. Ueberdies hätte er deutlich genug gefühlt, wie ihm das getragene weggenommen und ein anderes dafür gegeben sei; das zweite sei auch leichter gewesen, als das erste.

Der Advocat des gnädigen Fräuleins, dem der ungünstige Eindruck nicht entgehen konnte, welchen Heßbergers ganze Erscheinung auf die Geschworenen gemacht, benutzte den augenblicklich, um die Aussage des Zeugen zu verdächtigen. Er war außerdem, wie alle Welt wußte, ein Dieb und Einbrecher, und sein Zeugniß verlor dadurch jedenfalls an Werth. Die dagegen von seiner Seite aufgerufene Zeugin Frau Barbara Müller aus Vollmers, als Amme des Kindes, trat desto respectabler auf, denn sie machte gleich von vorn herein den Eindruck einer achtbaren, durchaus rechtlichen Frau, und Alles, was sie über die Wendelsheim'sche Familie sagte, zu der sie fast unmittelbar nach der Geburt des Kindes als Amme gerufen, klang außerordentlich lobenswerth. Auch über die »Tante« äußerte sie sich; sie sei wohl ein bischen »scharf und knapp« gewesen, aber sonst ganz gut, und was das alberne Gewäsch von einem Umtausch der Kinder betreffe, so wisse sie wohl, woher das komme, und die Gesellschaft sei auch schon bei ihr gewesen; aber sie sollten nur wiederkommen, sie wolle ihnen heimleuchten.

»Ich ersuche den Vorsitzenden,« sagte Witte, »die Frau zu fragen, zu welcher Stunde sie auf Schloß Wendelsheim eingetroffen ist.«

Die Antwort lautete: »Morgens halb sieben Uhr.«

»Gut,« sagte Witte, »dann habe ich nur zu bemerken, daß die von Heßberger angegebene Zeit des Tausches zwischen zwölf und ein Uhr in der Nacht fällt.«

Andere Zeugen wurden jetzt noch herbeigerufen. Einer, der Gärtner, hatte, wie er aussagte, Heßberger im Garten gesehen und wollte das Schreien eines Kindes gehört haben; aber ganz sicher fühle er sich darin nicht. Andere hatten nur darüber reden und die Vermuthung aussprechen hören, daß nicht Alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Weitere, schlagende Beweise wurden aber nicht vorgebracht. Der Advocat für das gnädige Fräulein schien sich schon auf die Schlußrede vorzubereiten, indem er den frevelhaften Uebermuth des Gegenparts hervorhob, auf solch nichtige Beweisgründe hin ein altes, edles Haus mit Koth zu besudeln, und dazu auch noch den Zeitpunkt zu benutzen, wo der Träger desselben, der alte Baron, durch den Tod seines zweiten Sohnes unnatürlich aufgeregt, gerade augenblicklich von einem Kopfleiden befallen sei und nicht selber hier erscheinen könne, um seine Rechte zu vertheidigen.

Das gnädige Fräulein triumphirte. Recht wie höhnisch flog ihr Blick über die Versammlung, als Witte ganz ruhig bat, ihm zu gestatten, noch eine Zeugin vorzuführen. Die kleine Frau Müller, die Mutter des Schneiders Müller, kam dann herein; sie sah sehr nett und sauber, aber auch sehr ärmlich aus und schien im Anfang schüchtern; aber das gab sich bald, denn für sie war dieser Proceß zum wahren Heil geworden.

Bis jetzt hatten die früheren Vorgänge in der Wendelsheim'schen Familie noch immer mit drückender Schwere auf ihr gelastet und ihr manche unruhige Stunde bereitet. Von heute an sollte das aufhören; sie brauchte kein Geheimniß mehr vor den Menschen zu haben und dann auch keine Strafe dafür zu fürchten, wenn sie nur Alles wahr und offen ausgesagt, was sie wußte.

Von dieser Zeugin schien der gegnerische Rechtsanwalt aber gar nichts erfahren zu haben, denn Witte hatte ihr Erscheinen sehr geheim gehalten. Auch Fräulein von Wendelsheim sah die kleine Frau überrascht an, denn sie kannte sie nicht wieder und konnte sich nicht besinnen, sie je gesehen zu haben – was wußte die von der Sache?

Die Frage richtete jetzt der Vorsitzende an sie, und anfangs mit leiser, kaum hörbarer Stimme, so daß sie aufgefordert werden mußte, lauter zu sprechen, sagte sie jetzt:

»Ach, ich war ja zu jener Zeit schon ein paar Tage vorher von der Heßberger der gnädigen Frau Baronin als Wartefrau recommandirt! Kennen Sie mich denn nicht mehr, gnädiges Fräulein? Ich bin ja die Lisbeth, und Sie waren immer so gut und freundlich gegen mich!«

Jetzt erkannte sie das gnädige Fräulein wirklich; aber die Ueberraschung war keine freudige, denn sie wechselte die Farbe und winkte dann ihren Advocaten heran, dem sie einige Worte zuflüsterte. Noch mächtiger wirkte aber ihr Erscheinen auf die Schlossersfrau, die erst nur ziemlich theilnahmlos zu ihr aufgesehen hatte, bei Nennung des Namens aber emporzuckte und mit gefalteten Händen flüsterte: »O mein Gott, die Todten stehen auf!«

»Und Sie müssen mich ja auch noch kennen, Frau Baumann,« nickte ihr die kleine Frau zu, »wenn wir uns auch die langen, langen Jahre hindurch nicht gesehen haben, denn die Heßberger wollte nicht, als ich hieher zurückkam, daß ich zu Ihnen ging. Es schien ihr selber nicht recht; sie hatte geglaubt, ich wäre nach Amerika gezogen.«

»Und was wissen Sie von der Sache, in welcher die Familie Wendelsheim angeklagt ist, das erstgeborene Kind mit einem andern vertauscht zu haben? Können Sie etwas Näheres darüber angeben?«

»Ach, es wird schon so sein,« seufzte die kleine Frau, »und manchmal und manchmal hab' ich gewünscht, ich wäre gar nicht dabei gewesen, denn recht war's nicht....«

»Ich möchte den Gerichtshof ersuchen,« sagte der Rechtsanwalt des gnädigen Fräuleins, »die Identität dieser auf einmal herzugerufenen Frau erst untersuchen zu lassen, ehe sie die Geschworenen durch irgend eine Erzählung beeinflußt. Es scheint sie kein Mensch hier zu kennen, und da ich....«

»Jawohl, jawohl,« rief es von mehreren Seiten, »das ist die Frau Müller, die in Mecklenburg war!« – Die Ruhe mußte erst wieder hergestellt werden, und dann wurde Fräulein von Wendelsheim gefragt, ob sie die Person kenne. Sie verneinte es. Die Frau Baumann dagegen bestätigte, daß sie eine entfernte Verwandte von ihnen sei und zu jener Zeit als Wartefrau auf dem Schloß Wendelsheim gedient habe. Der Gärtner vom Schloß befand sich ebenfalls als Zeuge im Saal und erkannte sie jetzt auch wieder; auch eine Frau unter den Zuschauern, die sie selber bezeichnete. Außerdem brachte sie aber auch jetzt ihr altes Dienstbuch zum Vorschein, aus dem sich deutlich genug ergab, daß sie nicht allein die richtige Person sei, sondern auch gerade in jener Zeit im Schlosse thätig gewesen wäre.

Ihr Zeugniß war schlagend. Die Heßberger hatte das Kind gleich unmittelbar nach der Geburt gewaschen, eingewickelt und aus dem Zimmer getragen, während sie selber an der Waschbütte stehen bleiben und in dem Wasser plätschern mußte, als ob das Kind noch darin sei. Die Frau Baronin hatte mit geschlossenen Augen im Bett gelegen, und nur das gnädige Fräulein war noch in der Stube und stand meist immer neben dem Bette.

Ob sie glaube, daß das gnädige Fräulein das Wegtragen des Kindes gesehen habe?

Sie wüßte nicht gut, wie es anders möglich sei; das gnädige Fräulein wäre allerdings nicht zu ihr an die Waschbütte gekommen und habe nicht nachgesehen, es sei auch etwas dunkel in der Ecke gewesen; aber sie habe doch das Weggehen der Heßberger bemerkt, und in der Zeit dürfe eine Hebamme nicht aus dem Zimmer.

Der Advocat des gnädigen Fräuleins wollte jetzt die Frage an die Schneiderswittwe gestellt haben, ob sie beschwören könne, daß Fräulein von Wendelsheim gewußt, was die Heßberger beabsichtigt.

Schwören konnte sie nicht; man könne keinem Menschen in's Herz sehen. Sie hätte allerdings viel mit der Heßberger gesprochen und sei oft nach der Thür gelaufen, und sie hätte indessen in dem Wasser geplätschert, als ob das Kind gewaschen würde. Endlich sei die Heßberger wieder hereingekommen.

Ob das gnädige Fräulein mit ihr geflüstert habe, als sie in die Thür getreten sei?

Das könne sie doch nicht so genau sagen; so viele Jahre wären darüber verflossen, und sie möchte Niemandem Unrecht thun, denn das gnädige Fräulein sei immer so gut mit ihr gewesen.

Und brachte die Heßberger das Kind zurück?

Das nicht, was sie mitgenommen hatte, sagte die Frau kopfschüttelnd; ein viel stärkeres mit einem weit größeren Kopfe, und halb erfroren sei's gewesen vor Kälte und Nässe; aber sie hätten es gleich in das warme Wasser gesteckt, und da habe es sich bald erholt. Dann erst sei es zu der Frau Baronin in's Bett gekommen, die es geherzt und geküßt hätte, und der Baron wäre dann gerufen worden, und ein ungeheures Gejubel im Hause über die Geburt eines Knaben losgegangen. Die Leute hätten alle Wein bekommen, mitten in der Nacht, und sie und die Heßberger auch. In der Nacht habe der Baron denn auch noch einen Wagen geschickt, um die Amme abzuholen, welche gegen Morgen eintraf und das Kind überliefert bekam, und sie selber sei nachher noch vier Wochen als Wartefrau der Baronin im Schlosse geblieben.

Ob sie gewußt habe, daß der, wie sie meinte, untergeschobene Knabe das Kind der Frau Baumann sei?

Ganz bestimmt gewußt eigentlich nicht, aber vermuthet hätte sie es, nach Aeußerungen, welche die Heßberger darüber gethan, aber auch nie danach fragen mögen, weil sie Angst gehabt, daß es herauskommen und sie auch straffällig werden könne.

Der gegnerische Advocat suchte sie ein paarmal durch Kreuzfragen irre zu machen; aber sie blieb fest bei ihrer einfachen Erzählung und widersprach sich nicht ein einziges Mal.

Witte bat jetzt, das Protokoll zu verlesen, das der Actuar niedergeschrieben und dem noch ein Nachtrag beigefügt war. In ihrer Zelle war die Heßberger nämlich noch einmal befragt worden, den Ort anzugeben, wo sie die Erbschaft erhoben haben wollte, und hatte dann erklärt, sie sollten sie kein solches dummes Zeug fragen, sie wüßten nun die ganze Geschichte. Das Geld habe sie von dem Baron für sich und ihre Schwester bekommen.

»Jetzt aber,« fuhr dann Witte unter dem Eindruck dieser Enthüllung fort, »muß ich um die Erlaubniß bitten, die betreffende Familie den Geschworenen vorzuführen. Leider war der alte Baron von Wendelsheim selber nicht im Stande, hier zu erscheinen: sein trauriges Leiden verhindert ihn daran, und Krankheit wie Gewissensbisse haben den sonst so kräftigen Mann gebrochen; aber ich glaube, es ist wenigstens nöthig, daß Sie mit eigenen Augen bestätigt sehen, was Sie hier eben gehört haben.«

Er erhielt die Erlaubniß, und wenige Minuten später, während jetzt eine so lautlose Stille im Saal herrschte, daß man das Athmen der Einzelnen hören konnte, öffnete sich die Thür, und der alte Schlosser Baumann, begleitet von seinen drei Söhnen, mit ihnen aber der bisherige Baron Bruno von Wendelsheim, traten in den Saal und nahmen den Platz vor den Geschworenen ein.

Der alte Baumann war blaß, hatte aber die Zähne fest zusammengebissen, und zu seiner Rechten und Linken standen Bruno und Fritz, während Witte Karl, den zweiten Sohn, neben Bruno stellte – der letztere natürlich jetzt in Civil und in einen dunklen, einfachen Rock geknöpft.

Bruno hatte keinen Blutstropfen in den Wangen, aber er ertrug den für ihn furchtbaren Moment wie ein Mann; er war fest und ruhig, und sein Auge haftete ernst, aber nicht herausfordernd auf den Geschworenen. Bemerkbar war aber der Eindruck, den sein Erscheinen neben der Familie auf die Mutter selber machte. Mit weit geöffneten Augen und getrennten Lippen, beide Hände wie krampfhaft auf dem eigenen Herzen gefaltet, saß sie da, und ihr Blick hing fast mit Stolz, aber doch auch mit furchtbarem Schmerz an dem Antlitz des Sohnes.

Bei dem Erscheinen der Familie herrschte anfangs, wie schon gesagt, eine wahrhaft unheimliche Stille in dem großen Saal; aber das dauerte nicht lange, denn bald erhob sich ein scheues, kaum hörbares Flüstern, das aber stärker und stärker wurde, und selbst der Vorsitzende bog sich zu dem neben ihm sitzenden Justizrath nieder und sagte ihm einige leise Worte, wobei dieser mit dem Kopf nickte. Die Bewegung hatte aber ihren Grund in der fast auffallenden Aehnlichkeit Bruno's mit dem nur um zwei Jahre jüngeren Karl, und die Beiden standen da, unverkennbar als zwei Brüder, als zwei Schößlinge von demselben Stock, neben einander. Bruno mochte um eine Kleinigkeit größer sein, und sein Gesicht zeigte etwas mehr Intelligenz, aber die Züge waren bis in das Kleinste hinab unverkennbar die nämlichen, während das Antlitz von Fritz einen ganz entschieden andern Charakter trug.

Fritz war braun von Haar, ja, fast zu Schwarz hinneigend, mit dunklen Augen, Bruno, wie alle Söhne des Schlossermeisters, blond, mit blauen Augen, und dabei etwas, wenn auch nur wenig abgestumpfter Nase, während Fritz' Profil viel mehr Aehnlichkeit mit dem des Fräuleins von Wendelsheim verrieth.

Da erhob sich die Mutter von ihrem Sitz – ihre Kniee zitterten, und sie mußte sich fast gewaltsam aufrecht halten. Ehe aber nur weiter ein Wort gesprochen werden konnte, trat sie vor und begann erst leise, dann aber mit immer festerer Stimme: »Ich weiß nicht, ob ich hier reden darf, aber ich kann jetzt nicht länger schweigen. Jener böse Mann hat gesagt, ich habe die Lüge nur ersonnen, um meinem Kinde, meinem Sohn eine große Erbschaft zuzuwenden – o, wenn er in mein Herz sehen könnte! Jahr nach Jahr habe ich gejammert um das Kind und mich gegrämt und abgehärmt, aber immer im Stillen, immer allein, denn es war keine Seele, der ich mich vertrauen durfte. Ich hätte ihm auch ferner entsagt, denn die Sünde war einmal geschehen, und ich fürchtete mich mit dem Geständniß dessen, was ich gethan, vor meinen braven Mann hinzutreten, bis endlich die Angst dazu kam, daß der Knabe, der durch meine Schuld seinen Eltern entführt war, zu Unglück oder Tod kommen könnte, weil man seinen wahren Stand nicht kannte. Da litt mich's nicht länger – die Sehnsucht nach dem eigenen Kinde preßte mir dabei fast das Herz ab – ich begegnete ihm auf der Straße, und er kannte mich nicht und ging kalt vorüber, wo ich ihm hätte an die Brust fallen und weinen mögen – o, nur einmal weinen! Wie ich es je wieder gut machen soll, welches Herzeleid ich ihm in dieser Stunde angethan, ich weiß es nicht – ich verstehe auch Vieles von dem nicht, was andere Leute hier gesagt haben, aber das – das ist mein Kind – das hier!« stammelte sie und näherte sich Bruno, der ihr in unbeschreiblicher Aufregung gegenüberstand – »das mein Sohn, den ich nicht an mein Herz drücken durfte, seit ihn mir die Schwester an jenem entsetzlichen Abend aus den Armen riß – das hier – das...« Sie vermochte nicht mehr, sie konnte sich nicht länger halten, und Alles vergessend, was sie hier umgab, Richter, Geschworene, Kläger, Zuschauer, umfaßte sie krampfhaft den Sohn, sank an ihm nieder, umklammerte seine Kniee und schluchzte laut.

Da aber konnte sich auch Bruno nicht länger halten. Er erkannte in der Frau dieselbe, die ihn so oft und schüchtern auf der Straße gegrüßt, während er gleichgültig an ihr vorbeigeeilt; er vermuthete in ihr dieselbe, die ihm oft mit rührender Sorge kleine Geldsummen gesandt, welche sie sich am Munde abgedarbt, und die Frau fassend und emporhebend, drückte er sie mit den Worten: »Mutter – meine Mutter!« an sein Herz.

Kaum ein Auge in der ganzen Versammlung blieb bei dieser Scene thränenleer – das gnädige Fräulein von Wendelsheim, ihr Sachwalter und der alte Schlosser Baumann ausgenommen. Stumm und starr stand er neben der Gruppe, mit keinem andern Bewußtsein, als dem der Schande und Scham, sich an diesem Ort zu finden.

Die Verhandlung war durch diesen Zwischenfall fast gestört worden, und der Sachwalter des Fräuleins protestirte dagegen; er fühlte und sah, welchen Todesstoß es all' seinen Aussichten auf Erfolg versetzte. Witte verzichtete übrigens von jetzt ab auf das Wort; er wußte recht gut, daß er die Wirkung dieses Moments selbst durch das Beste, was er sagen mochte, nur hätte abschwächen können, und der Advocat des Gegenparts versuchte nun die undankbare Arbeit, in einer längeren Rede nicht allein die vorgebrachten Zeugen zu verdächtigen, sondern auch die Aehnlichkeit zwischen den Geschwistern abzustreiten. Schon dadurch, daß er sie leugnete, bekannte er stillschweigend, daß er sie ebenfalls bemerkt.

Der Präsident des Gerichtshofes gab jetzt einen kurzen Ueberblick über die Verhandlung und richtete seine Mahnung besonders an die Geschworenen, auf ihren geleisteten Eid hin sorgfältig zu prüfen, welche Ansprüche sie für die allein geltenden hielten, wer nach ihrer wirklichen und festen Ueberzeugung der Erbe von Wendelsheim, und wer in Folge der Verhandlung, sobald ein Betrug festgestellt worden, als strafbar dabei betrachtet werden müsse. Er führte dabei die einzelnen Angeklagten auf und formulirte das ihnen zur Last gelegte Vergehen, auf das sie nun allein ihr Schuldig oder Nichtschuldig zu antworten.

Die Geschworenen zogen sich zurück, und wieder lief das Flüstern durch den Saal, denn Alles wollte nun dem Nachbar seine eigene Meinung mittheilen oder dessen Ansicht hören, und mit ihrem Urtheile waren die Leute auch rasch genug fertig. Das gnädige Fräulein, welches noch dort so stolz und hochmüthig als je stand, mußte in's Zuchthaus, denn sie hatte die ganze Geschichte angezettelt und betrieben, und die Frau des Schlossers Baumann wurde freigesprochen, weil sie Alles ehrlich bekannt und den Betrug aufgedeckt habe. Der Fritz Baumann wurde dann ein vornehmer Herr und der Lieutenant ein Schlosser...

Die Geschworenen! tönte es plötzlich durch den Saal. Sie waren nur ausnahmsweise kurze Zeit weggeblieben, und es schien deshalb, daß fast gar keine Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen geherrscht habe (die einzige in der That über Fräulein von Wendelsheim). Der Vormann theilte das von ihnen gefällte Verdict mit; es lautet etwa:

Daß zwischen ihnen kein Zweifel bestehe; es habe allerdings ein Betrug durch den heimlichen Umtausch der Kinder stattgefunden, und zwar so, daß der von dem Schlosser Baumann erzogene Sohn Friedrich der Erbe des Wendelsheim'schen Namens und zugleich aller damit verbundenen Vortheile und Nachtheile sei, während der bis dahin unter dem Namen Bruno von Wendelsheim gekannte Herr unfehlbar der wirkliche Sohn des Schlossers Baumann wäre.

Die genannte Frau desselben, Katharina, sei ferner schuldig der Wissenschaft und Beihülfe des Betrugs in der nämlichen Angelegenheit; aber die Geschworenen empföhlen sie warm der milden Beurtheilung des hohen Gerichtshofes.

Der Schuhmacher Heßberger schuldig, in jeder Hinsicht das Verbrechen befördert zu haben.

Die Frau Lisbeth Müller schuldig, jene, eines gewaltsamen Todes verstorbene Frau Heßberger wissentlich, wenn auch nur als untergeordnete Dienerin, unterstützt zu haben.

Fräulein Aurelia von Wendelsheim nichtschuldig, da die Beweise über ihre wirkliche Betheiligung oder Mitwissenschaft an dem Betrug zu unreichend seien.

Wieder erhob sich das Flüstern, aber diesmal drohend und unwirsch, denn die allgemeine Stimme war gegen das gnädige Fräulein, und man hatte einen entschieden andern Ausspruch erwartet. Aber die Ruhe stellte sich augenblicklich von selber wieder her, als sich der Vorsitzende erhob, um nach dem von den Geschworenen gesprochenen Verdicte den eigentlichen Urtheilsspruch zu verkünden. Derselbe trug den Gefühlen der Menge Rechnung.

Frau Baumann wurde des Betrugs, ihr Kind gegen das einer andern Frau heimlich, ohne Wissen der Mutter und um dem eigenen Sohne eine große Erbschaft zu sichern, vertauscht zu haben, als überführt erklärt, aber unter mildernden Umständen, da sie erstens ihr Verbrechen reumüthig selbst gestanden, und dann auch, aus übergroßer Liebe für ihr erstes Kind, und zwar innerhalb der ersten vierundzwanzig Stunden, so gehandelt habe, wo das Gesetz selber das Verbrechen des Kindesmordes gelinder beurtheilt und richtet, als wenn es später verübt wäre. Die über sie verhängte Strafe erkenne das Gericht, nach den betreffenden Paragraphen, in mildester Form zu sechsmonatlicher Gefängnißhaft.

Der Schuhmacher Heßberger, als überführt erklärt, den Betrug seiner Frau, mit Aussicht auf Gewinn, wissentlich und böswillig gefördert und unterstützt zu haben, zu drei Jahren Arbeitshaus, ohne indessen einer andern gegen ihn eingeleiteten criminellen Untersuchung dadurch vorgreifen zu wollen.

Frau Lisbeth Müller sei zwar auch für schuldig erklärt; das hohe Justizministerium habe ihr aber schon im Voraus, unter der Bedingung, daß sie Alles reumüthig und der Wahrheit gemäß bekenne, im Falle ihrer Verurtheilung die Strafe gnädig erlassen.

Fräulein Aurelia von Wendelsheim könne eben so wohl den Gerichtshof straflos verlassen; die polizeiliche Aufsicht auf Schloß Wendelsheim werde aber so lange fortbestehen, bis der rechtmäßige Erbe, Herr Friedrich von Wendelsheim, die Besitzung – was ihm von jetzt an jeden Augenblick freistehe – übernehme.

Fräulein von Wendelsheim schien nur auf den Moment gewartet zu haben. Mit Sammet und Seide rauschte sie aus der Umfriedigung hinaus, denn nicht mit Unrecht wünschte sie den Saal früher als die übrigen Zuschauer zu verlassen, weil ihr die Stimmung derselben gegen ihre Person wohl kein Geheimniß geblieben sein konnte. Aber so ganz unbemerkt und unbegrüßt sollte sie sich doch nicht entfernen, denn Aller Augen hafteten in diesem Augenblicke auf ihr, und kaum näherte sie sich der Thür, an der ein paar Polizeidiener Wache hielten, als auch wie auf gemeinsame Verabredung ein allgemeines Zischen, Pfeifen und Stöhnen losbrach – ja, ein paar der rohesten Burschen, mit zufällig einem Apfel in der Tasche, um vielleicht den Hunger in einer zu langen Sitzung zu stillen, opferten ihr Frühstück, und ein Glück für sie, daß sie nicht mehr weit zu gehen hatte, denn kleine Dreierbrötchen, Endchen Wurst und jene Früchte fingen schon an um sie hernieder zu hageln.