»O Mensch gedenk' an's Ende,
Willst Du nicht Uebles thun –
Der Tod bringt oft behende
Das allerletzte Nun.
Am Lebens-Augenblicke
Hängt ewig Wohl und Weh',
Drum denke wohl zurücke,
Wohin Dein Ende geh'!«

Und wieder ein Blitz – wieder ein Schlag, als ob die Erde von einander bersten wollte, und die Fensterscheiben zitterten und klapperten ordentlich dazu. Der Schuhmacher ließ sich aber nicht stören, und ohne eine Miene zu verziehen, setzte er eben zu dem gerade so beginnenden zweiten Vers ein:

»O Mensch, gedenk' an's Ende –«

als es heftig an die Thür pochte und der Gesell, ohne dazu des Meisters Befehl abzuwarten, laut »Herein« schrie. Fast zu gleicher Zeit wurde dieselbe auch geöffnet, und eine etwas corpulente Frau, einen triefenden rothbaumwollenen Regenschirm mit Messinggriff in der Hand, den Hut etwas zerdrückt und jedenfalls von dem Unwetter mitgenommen, das Gesicht geröthet und eben nicht besonders freundlich ausschauend, trat in's Zimmer und warf einen raschen Blick darin umher.

Der Schuhmacher schien dabei keine besondere Lust zu haben, sich in seiner Andacht stören zu lassen, denn er fuhr, ohne auch nur den Kopf nach der Thür umzudrehen, unverdrossen fort:

»Wer weiß, ob nicht noch heut'
Der Tod Dich treffen könnte,
Drum mache Dich bereit –«

Die Dame schien aber nicht gesonnen, das Ende des geistlichen Liedes abzuwarten, denn mit einer ziemlich tiefen und derben Stimme rief sie dazwischen: »Na, bei mir könnt Ihr Eure Faxen lassen, Meister Heßberger! Ist Eure Frau zu Haus? Das fehlte auch noch, daß ich in dem Hundewetter den Weg umsonst gemacht hätte!«

Der Schuhmacher fuhr blitzschnell herum. Er kannte die tiefe Stimme und sagte, von seinem Sessel emporspringend und den Schuh, an dem er arbeitete, ziemlich rücksichtslos bei Seite werfend: »Ach, Madame Müller – ist mir doch sehr angenehm, Ihre werthe Persönlichkeit wieder einmal nach so langer Zeit condoliren zu dürfen.«

»Reden Sie keinen Unsinn,« erwiederte Madame Müller, gar nicht, wie es schien, in der Stimmung, viele Worte zu machen. »Was Ihnen angenehm oder nicht, kümmert mich einen Quark. Ich will wissen, ob ihre Frau zu Hause ist.«

»Bitte, Madame Müller,« sagte Heßberger, »ich rede nur ganz höflich, und eine Höflichkeit ist der andern werth; Madame scheinen aber – o Du Herr Jesus, der Donner! – nicht guter Laune zu sein. Da wird sich meine Frau ganz besonders daüber scharmiren, paßt ihr gerade – sie ist drinne – bitte, treten Sie näher, demelliren Sie mir aber nur das Porzellan nicht!«

Madame Müller warf ihm einen nichts weniger als achtungsvollen Blick zu und stieg dann, ohne es weiter der Mühe werth zu halten, ihm noch eine Antwort zu geben, über alles mögliche im Wege gestreute Schuh- und Lederzeug, über Leisten, Handwerksgeräth und andere derartige Dinge hinweg der Thür zu, welche, wie sie aus früheren Zeiten wußte, das Wohn- und Schlafzimmer der Heßberger'schen Gatten von der Werkstätte abschloß. Sie klopfte auch hier nicht lange an, wartete wenigstens nicht einmal den gewöhnlichen Zuruf ab, sondern trat in demselben Moment in's Zimmer, als wieder ein greller Blitz über den Himmel zuckte und gleich darauf, aber doch etwas später als bisher, grollender, dumpfer Donner hinterdrein rollte. Das Gewitter war jedenfalls vorübergezogen, und nur der Regen goß noch in Strömen nieder.

Mit dem Donnerschlag – selber ein kleines Gewitter in sich – stand aber Madame Müller auf der Schwelle, und der barsche Gruß schon, den sie der Herrin vom Hause entgegenrief: »Guten Tag, Frau Heßberger, ich habe 'was mit Ihnen zu reden!« deutete nicht viel Gutes.

Heßberger, obgleich er keine Ahnung hatte, was die Frau, mit der sie seit Jahren nicht verkehrt, hieher im Zorne geführt haben könne, fühlte sich doch vielleicht nach verschiedenen Seiten hin nicht so ganz sattelfest, und da er wußte, daß seine Frau bei irgend einer passenden Gelegenheit, sehr laut sprach und die Frau Müller schrie, so bemühte er sich bei Zeiten, wenigstens einen lästigen Zeugen zu entfernen – kein Mensch konnte ja sagen, was da verhandelt wurde.

»Backhof,« brummte er deshalb, eben nicht besonders heiter gestimmt, »Sie können Schicht machen und mir noch einen Weg besorgen.«

»Aber ich möchte so gern noch den Schuh fertig machen,« sagte der Gesell, denn in der Nebenstube wurden die Stimmen schon etwas lauter, und er wünschte vielleicht ebenfalls, einen etwa entstehenden Zank mit anzuhören, der sicherlich der Mühe werth sein mußte. Seine Meisterin kannte er, was ihre Zunge betraf; die eben gekommene Frau sah auch nicht so aus, als ob es ihr an den Sprachwerkzeugen fehle, und

Es schwankt der Sieg, wenn Griech' auf Grieche trifft.

Sein Meister mochte aber Verdacht geschöpft haben, daß ein anderer Wunsch, als nur den alten Schuh fertig zu bekommen, in seinem Herzen lauere. Zeit war auch nicht zu versäumen, denn Madame Müller schien nicht viel zu verlieren, und er sagte deshalb hastig: »Machen Sie ein bischen zu – die Stiefel sollten schon um drei Uhr beim Herrn Geheimen Obergerichtsrath sein.«

»Ja, aber Meister, die bringen doch sonst immer die Jungen fort. Das ist doch nicht meine Sache...«

»Das weiß ich wohl; ich will es auch nicht for Plesir haben« sagte Heßberger, der sich augenscheinlich die größte Mühe geben mußte, höflich zu bleiben. »Hier sind fünf Groschen, da trinken Sie einmal auf meine Gesundheit – aber machen Sie ein bischen – alleh, Backhof – und hier, nehmen Sie dem Herrn Geheimen Obergerichtsrath gleich die quintirte Rechnung mit.«

Backhof, der Gesell, merkte wohl, daß ihn der Meister unter jeder Bedingung los sein wollte, und es wäre doch jetzt hier so hübsch gewesen – gerade ging's da drinnen los. Aber er hatte auch nicht gut einen Vorwand, da zu bleiben; die fünf Groschen lockten ihn ebenfalls. Er stand auf, warf sein Schurzfell ab und zog den am Nagel hängenden Rock an, dann nahm er Rechnung und Stiefel und ging damit hinaus, immer noch in der Hoffnung, auch dort etwas zu hören. Darin sah er sich jedoch getäuscht, denn die dazwischen liegende Küche war wie gewöhnlich abgeschlossen.

Den Meister genirten jetzt noch die Lehrjungen, aber doch nicht so viel, als es der Gesell gethan hätte, denn die waren eine etwas lebhafte Unterhaltung im Hause schon gewohnt und – konnten nicht die Condition wechseln, sie mußten im Hause bleiben, durften also nichts daraus schwatzen, oder – der Teufel sollte sie bei lebendigem Leibe holen! Er ging auch wirklich selber wieder zu seiner Arbeit zurück, aber es war keine Andacht dabei. Die großen, schweren Tropfen schlugen draußen gegen die Scheiben, daß sie das Zimmer fast dunkel machten, und da drinnen wurden die beiden Damen immer lauter und heftiger. Das ging nicht mehr, er mußte da einschreiten oder doch wenigstens erfahren, um was es sich handelte; denn was ihn dabei beunruhigte, war, daß er die Stimme seiner Frau gar nicht so scharf hervorhörte; Madame Müller schien ziemlich allein das Wort zu führen, und das konnte unmöglich ein gutes Zeichen sein. Wenn die Frau Heßberger eine gute oder doch wenigstens haltbare Sache hatte, sprach sie auch gewöhnlich mit – und wie!

Er fühlte sich nicht mehr behaglich auf seinem Schemel. Er stand auf, band sich anstandshalber das Schurzfell ab, wobei sich die Jungen schon wieder unter einander anstießen, fuhr in den schwarzen, abgeschabten Frack hinein, und dann sein fettglänzendes Mützchen abnehmend und die Haare vorn in die Stirn streichend – es war dies die einzige Art, wie er seine Frisur arrangirte –, drehte er sich noch einmal gegen die Jungen um und sagte: »Daß mir keiner von Euch von seinem Schämbel aufsteht, oder – Ihr wißt wohl...« Und damit stieg er nach der Thür hinüber.

Als er sie öffnete, fand er die Damen in sehr lebhafter Unterhaltung.

Frau Heßberger hatte friedlich, trotz Blitz und Donnerwetter, am Fenster gesessen und eine etwas sehr schadhaft gewordene Unterjacke ihres Gemahls ausgebessert. Sie beschäftigte sich allerdings in geeigneten Stunden vortheilhafter mit der höheren Magie, mit Kartenlegen und Prophezeien, wofür sie, wunderbarer Weise, in Alburg ein sehr gläubiges Publikum fand. Aber die nothwendigen Hausarbeiten mußten doch auch erledigt werden, und Frau Heßberger war die richtige Frau dazu, um das zu besorgen.

Und dazwischen zuckte der Blitz und prasselte der Donner; aber wie eine nur von metallenen Rädern abhängige Maschine saß sie dazwischen und rührte und regte sich nicht weiter, als es ihre Arbeit erforderte. Sie blinzelte nicht mit den Augen, wenn das gelbe, grelle Licht durch das Zimmer zischte, sie fuhr nicht zusammen, wenn der Donner das Haus in seinen Grundfesten zu erschüttern drohte – sie hatte überhaupt keine Nerven, die das möglich machen konnten.

Drinnen in der Werkstatt hörte sie eine Stimme, aber sie achtete nicht darauf. Der Besuch, der zu ihr kam – verschleierte Damen gewöhnlich, manchmal in Begleitung von jungen Herren – traf erst in viel späterer Stunde und bei vollständig angebrochener Dunkelheit ein; was früher kam, wollte nur Stiefel oder Schuhe haben.

Da klopfte es plötzlich, und wie sie ein halb erstauntes »Herein!« rief, stand, auch schon mit prasselndem Donner, eine fremde Frau auf der Schwelle, deren Züge sie sich nicht einmal, mit anderen Personen im Kopfe, gleich zurück in's Gedächtniß rief. Der Frau selbst schien aber gar nichts daran gelegen, sie lange über sich in Zweifel zu lassen, denn sowie sie nur die Schwelle betrat, sagte sie schon mit ihrer etwas tiefen Altstimme, den Raum dabei mit den Blicken überfliegend:

»Guten Tag, Frau Heßberger! Ich hab' mit Ihnen zu reden.«

»Madame Müller, so wahr ich einst selig zu werden hoffe!« rief Frau Heßberger, und nicht einmal in gekünsteltem Erstaunen aus, denn so gut und genau sie die Frau kannte, so lange Zeit war verflossen, seit sie dieselbe nicht gesehen. »Ei, was verschafft mir denn die Ehre eines so unverhofften Besuches? Freue mich doch wirklich sehr!«

»Wollen wir erst abwarten,« sagte Madame Müller, noch immer den triefenden Schirm in der Hand, mit dem sie schon eine lange nasse Gosse über Leder und Leisten gezogen und jetzt anfing, einen kleinen See in der Stube zu bilden. »Thut mir leid, daß ich das Zimmer naß mache, aber ich weiß nicht, wohin mit dem Schirm; geben Sie einmal einen von den Blumenuntersetzern her – das Wetter ist schuld.«

Frau Heßberger gehorchte wunderbarer Weise augenblicklich der Anforderung und würde dadurch besonders die Lehrjungen, wenn sie hätten Zeugen sein können, sehr in Erstaunen gesetzt haben; die Madame Müller stellte deshalb ihren Schirm dort ein, denn sie war selber viel zu reinlich und hielt bei sich zu Hause zu sehr auf Ordnung, um eine andere Stube zu beschmutzen. Sobald sie ihr »Regendach« aber untergebracht sah, drehte sie sich auch gegen des Schuhmachers Gattin um.

»So – und jetzt haben wir ein paar Worte mit einander zu wechseln, Madame Heßberger, wenn es Ihnen recht ist,« sagte Madame Müller, aber gleich in einem so entschiedenen Ton, daß man ihm wohl anhörte, sie würde eben reden, ob es recht wäre oder nicht.

»Wir Beiden, Madame Müller? Aber wollen Sie denn nicht Platz nehmen? Sie stehen ja da an der Thür....«

»Sagen Sie einmal, Frau Heßberger,« fuhr die Frau fort, ohne die Einladung weiter zu beachten, »was haben Sie denn von mir in der Stadt erzählt, wenn ich fragen darf?«

»Ich? Von Ihnen?« sagte des Schusters Frau, doch nicht mit einem recht reinen Gewissen, denn sie sprach gewöhnlich sehr viel über andere Leute und nie etwas Gutes, und fühlte sich natürlich nicht so recht sicher, daß irgend eine oder die andere Bemerkung einem oder dem andern der Betreffenden zu Ohren gekommen sein konnte. Jedenfalls mußte sie erst einmal hören, um was es sich eigentlich handle. »Und was sollte ich von Ihnen gesprochen haben? Was hätte ich denn eigentlich sprechen oder erzählen können? Ich weiß ja doch gar nichts von Ihnen!«

»Desto schlimmer, Frau Heßberger, desto schlimmer,« rief Madame Müller, keineswegs gesonnen, sich auf solche summarische Weise abspeisen zu lassen; auf anfängliches Leugnen war sie überdies gefaßt. »Aber aus der Luft greifen's die Leute nicht, das ist nicht möglich, und Ihre Zunge kenn' ich, die ist in der ganzen Stadt bekannt!«

»Hören Sie, Madame Müller,« sagte Frau Heßberger, doch jetzt auch ein bischen warm werdend, obgleich sie noch immer sehr zurückhielt, denn sie mußte erst wissen, auf was die Frau eigentlich abzielte, »beleidigen brauche ich mich hier in meinem eigenen Hause nicht zu lassen, denn wenn ich in der Stadt bekannt bin....«

»So? Aber zu mir schicken Sie die Leute in das eigene Haus!« fuhr die Frau Müller, den rechten Arm in die Seite stemmend, fort. »Ich soll mich im eigenen Hause beleidigen und verunglimpfen lassen, nicht wahr? Dagegen haben Sie nichts, o, Gott bewahre, das ist ja nur die Frau Müller, eine allein stehende Frau und Wittwe – jawohl, die muß sich Alles gefallen lassen! Aber der liebe Gott hat mir auch eine Zunge gegeben, mit der ich mich wenigstens vertheidigen kann, und die will ich denn auch gebrauchen, so lange mir der Herr die Kraft läßt.«

»Daß Sie eine gute Zunge haben, Madame Müller, hat Ihnen noch Niemand abgestritten,« sagte die Frau Heßberger, jetzt ebenfalls gereizt.

»Und Sie brauchen mir die wahrhaftig nicht vorzuwerfen, Frau Heßberger, Sie am allerwenigsten!« rief der Gegenpart wieder, und zwar lauter, als es die Umgebung eigentlich nöthig machte.

»Aber wär's Ihnen denn nicht gefällig, Madame Müller, jetzt einmal zu sagen, was Sie von mir wollen?« sagte die Frau Heßberger mit einem ironischen Knix.

»Jawohl, Frau Heßberger,« erwiederte die Dame, gerade in der Stimmung, ihr den Knix mit Zinsen zurückzugeben, »wie Sie befehlen – oder möchten Sie mich lieber gleich hinauswerfen? Aber dann wollen wir doch einmal sehen, ob die Gerichte nicht eine arme, allein stehende Frau schützen!«

»So, Madame Müller, und wissen Sie, daß ich jetzt gleich hingehen und Sie verklagen kann, wenn Sie mir mit den Gerichten drohen?«

»Ja, gehen Sie nur, Frau Heßberger, gehen Sie nur,« rief die Frau Müller in Eifer, »wenn Sie Einem die Worte im Munde herumdrehen wollen! Aber dann wird sich auch zeigen, was Sie dem alten Schlabbermaul, dem Herrn Rath Frühbach, von mir und meinem Kinde erzählt haben, daß ich es umgetauscht hätte und daß mein Kind nicht mein Kind, sondern ein Kind vom Baron von Wendelsheim wäre – Sie schlechte Person Sie....«

»Was?« sagte die Frau, jetzt wirklich erstaunt und in dem Gegenstand ganz die »schlechte Person« überhörend (sie bemerkte auch in dem Augenblicke kaum, daß ihr Gatte im Frack in's Zimmer trat). »Ich hätte dem Rath Frühbach erzählt, Sie hätten ein Kind umgetauscht und Ihre Tochter wäre die Tochter vom Baron?«

»Wenn die Damen so freundlich sein wollten,« sagte Heßberger, der mit seinem gewinnendsten Lächeln die alte Fettmütze zwischen den Fingern zerdrückte, »nur ein klein wenig leiser zu schreien – die Lehrjungen drin spitzen die Ohren und horchen, und brauchen doch wahrhaftig nicht zu wissen, über was wir hier conserviren.«

»Meinethalben kann's die ganze Stadt wissen,« sagte Frau Müller mit Würde; »ich habe ein reines Gewissen, und von Ihnen, Herr Heßberger, lasse ich mir den Mund noch lange nicht verbieten, Sie wären nicht der Mann danach!«

Heßberger warf ihr, als sie vornehm über ihn wegsah – und sie war auch wenigstens einen halben Kopf größer als er –, einen tückischen Blick zu, hütete sich aber wohl, sie noch mehr zu reizen, und sagte mit seiner freundlichsten Stimme: »Würde ich mir auch gar nicht unterstehen, verehrte Madame. Aber wollen Sie sich denn nicht platzen? Die ganze Sache scheint mir übrigens, so viel ich bis jetzt davon gehört habe, auf einem Mißverständniß zu beruhen, denn meine Frau kann doch unmöglich etwas derartiges obschönes Gerede mit dem Herrn Rath Früh....«

»Ich habe überhaupt mit dem Herrn Rath Frühbach noch in meinem Leben kein Wort gesprochen!« rief hier die Frau Heßberger dazwischen. »Seine Frau kommt manchmal zu mir – eine liebe, gute Seele, die sich die Karte legen läßt und wissen will, ob sie 'was in der Lotterie gewinnt oder ob ihr Mann eine Anstellung als Director kriegt, aber nie ist auch nur der Name der Madame Müller in ihrer Gegenwart über meine Zunge gekommen!«

»Und der Rath Frühbach soll aus freien Stücken zu mir hinaus nach Vollmers kommen und sich noch dazu einen lebendigen, wirklichen Major mitbringen, wenn an der ganzen Sache kein wahres Wort wäre? Das machen Sie einer Andern weis, aber mir nicht, verehrte Frau Heßberger! Ich will gar nicht behaupten, daß ich zu den Gescheidtesten gehöre, aber so dumm bin ich denn doch, Gott sei Dank, noch lange nicht!«

»Was denn für ein Major?« sagte die Frau Heßberger, aufmerksam werdend.

»Ein Major von Hansen oder Halsen, wenn Sie's wissen wollen, ein alter Herr, der ehrwürdig genug aussah, um gescheidt zu sein – und von solchen Leuten muß man sich solche Dinge sagen lassen! Aber damit ist die Sache nicht abgethan, Frau Heßberger, damit ist sie wahrhaftig noch nicht abgethan! Ich bin eine ehrliche Frau, und Alles, was ich habe, ist mein ehrlicher Name, und den lasse ich mir noch lange nicht von jeder hergelaufenen Person abschneiden!«

»So, Madame Müller,« rief jetzt des Schusters Frau, deren Geduld ebenfalls scharf auf die Neige ging, »jetzt möcht' ich nur wissen, ob Sie mich etwa mit der »hergelaufenen Person« meinen, denn wenn Einer von uns eine hergelaufene Person ist....«

»Entschuldigen Sie, meine Damen,« fuhr hier Heßberger dazwischen, der alle Ursache hatte, einen drohenden Ausbruch zu vermeiden, »wenn jener Herr Geheimer Rath etwas Derartiges gegen Sie geäußert hat, Madame Müller, so sind Sie vollständig berechtigt, böse darüber zu werden, jede anständige Frau würde das. Aber dann seien Sie auch so gut und theilen uns genau mit, was er von uns gesagt hat, dann können wir uns verdefendiren, und den Herrn Geheimen Rath wollen wir nachher schon kriegen.«

Madame Müller zögerte einen Moment. Sie fühlte vielleicht, daß sie ein wenig zu weit gegangen sein mochte. Das Verlangen des Schusters war auch zu vernünftig, um eine Einwendung zuzulassen. Die Heßbergers mußten erst erfahren, was sie gesagt haben sollten, und dann sich vertheidigen; das war in der Ordnung, und Madame Müller auch nur eigentlich in der ersten Hitze ein wenig wirr in die Geschichte hineingefahren. Sie sah sich deshalb, als erste Einleitung in ein ruhigeres Geleise, nach einem Stuhl um, den ihr Heßberger bereitwillig hinschob, und sagte dann: »Gut, ich will Ihnen die Sache erzählen, wenn mir auch die Galle noch einmal dabei überläuft; ach, daß ich mir so 'was muß auf meine alten Tage gefallen lassen, wo mir in der Jugend kein Mensch einen Vorwurf machen konnte! Aber ich will wissen, ob der alte grauhaarige Schwätzer die Wahrheit gesprochen oder ob er gelogen hat, und wenn ich damit bis hinauf zum König gehen müßte.«

Und nun erzählte sie mit ziemlich kurz gedrängten Worten, aber natürlich noch immer in jener gereizten Stimmung, welche die Erinnerung an den Morgen in ihr hervorrief, dem aufmerksam zuhörenden Heßberger'schen Ehepaare die Erlebnisse mit Rath Frühbach und dem Major, und Heßberger unterbrach oder störte sie darin nur ein einziges Mal, indem er leise und vorsichtig an die Thür der Werkstatt schlich und diese dann plötzlich aufriß, ob er vielleicht einen seiner Jungen beim Horchen ertappte. Die aber kannten schon sein Manöver und hüteten sich wohl, etwas Derartiges zu versuchen. Wie angeleimt saßen sie auf ihren Schemeln, und darüber beruhigt, schloß der Schuhmacher die Thür wieder.

Die Frau Heßberger schüttelte aber, während ihr Besuch erzählte, immer nur schweigend mit dem Kopf; denn obgleich sie sich von dieser Anklage, dem Rath Frühbach etwas Aehnliches erzählt zu haben, vollkommen rein wußte, so begriff sie doch in aller Welt nicht, wie der genannte Herr erstlich zur Frau Müller kam, und dann auch nicht, wie er sie auf solche Weise da hinein bringen konnte. Aber der Major – den kannte sie gut genug, und der stak auch jedenfalls hinter dem Ganzen.

Ihr Mann mußte ähnliche Gedanken gehabt haben, denn wie die Frau einen Augenblick schwieg, mehr um Athem zu schöpfen, als weil es ihr an Stoff gefehlt hätte – sie würde einen Monat lang damit ausgereicht haben –, sagte er artig:

»Escusiren Sie, Madame Müller, behauptete denn der Herr Geheime Major etwas Aehnliches?«

»Ja, ob es ein geheimer Major war oder nicht,« sagte Madame Müller, »weiß ich nicht – eine Uniform trug er freilich nicht, wie sich's für einen Major gehört, sondern einen alten grauen Rock und einen runden Hut –, aber er sprach wenig oder gar nichts; der Rath führte ziemlich allein das Wort und trank auch allein meinen Wein aus, der graue Sünder der... Aber nun, Frau Heßberger, frage ich Sie, wie konnten Sie sich unterstehen, etwas Derartiges von mir zu erzählen? Habe ich je in meinem ganzen Leben...«

»Ereifern Sie sich nicht unnöthiger Weise, Madame Müllern,« sagte die Heßberger mit Würde, denn sie hatte Zeit genug gehabt, um sich Alles genau zu überlegen. »Ich kann es auf die Hostie beschwören, daß Ihnen jener Herr Rath, was mich betrifft, nichts als blanke Lügen erzählt hat, und wenn Sie mir ihn hieherbringen, will ich ihm das in's Gesicht hinein sagen. Und was Ihren Major betrifft, so kenn' ich den gar nicht und habe ihn wohl noch nicht einmal gesehen, viel weniger gesprochen, und noch viel weniger über Sie. Außerdem,« fuhr sie fort, als sie sah, daß Madame Müller etwas darauf erwiedern wollte, »steht hier die Frau, die von der Geburt des Wendelsheim'schen Kindes an bei ihm war, und doch wohl wissen müßte, ob es vertauscht wäre oder nicht, denn mir kann in der Hinsicht Keiner ein X für ein U machen. Ich habe aber den Jungen – und ein prächtiger junger Herr ist es geworden – zuerst auf den Armen gehabt, und Wochen und Monate und Jahre lang vor Augen, und wenn den hätte Einer auswechseln wollen, der hätte es klug anlegen müssen. Aber ich weiß, woher das Alles kommt: der Major steckt dahinter; das ist derselbe, der das Geld gekriegt hätte, oder doch ein ganz Theil davon, wenn die Wendelsheim'sche Familie ohne männlichen Erben geblieben wäre. Jetzt hat sie, Gott sei Dank, deren zwei, und da nun das Geld bald ausgezahlt werden soll, kommt bei ihm die Wuth und der Aerger, daß er nichts kriegt und leer ausgeht, und er versucht's auf allerlei Art, um noch einen Haken daran zu finden.«

»Aber, Heßbergern,« sagte die Madame Müller, »das ist ja doch gar nicht möglich! So schlecht kann doch ein Mensch gar nicht sein...«

»Lehren Sie mich die Menschen kennen, Madame Müllern!« sagte die Heßberger, während der Schuster einen salbungsvollen Blick nach oben warf und schwer aufseufzend mit dem Kopf nickte – er schien sie ebenfalls zu kennen. »Mir sind schlimmere Dinge passirt,« fuhr die Frau fort, »viel schlimmere, und die ersten Jahre – Sie waren wohl damals schon in die weite Welt gegangen und über die See –, da hatten sie bald dies, bald das Gerede, und Alles über die arme Heßberger, die konnte herhalten, weil sie zu gutmüthig war, fest gegen sie aufzutreten. Aber zuletzt mußten sie's doch aufgeben – Wahrheit und Ehrlichkeit bleiben immer oben, Madame Müllern, immer und ewig, und wie sie erst ausfanden, daß sie mir nichts anhaben konnten, ließen sie mich zufrieden.«

»Und dann wollen sie jetzt vielleicht mit mir dasselbe Spiel versuchen?« rief Madame Müller, deren ganzer Zorn sich nun gegen ihren neulichen Besuch kehrte. »Aber da sind sie an die Falsche gerathen! Ich bin nicht zu gutmüthig, die Versicherung kann ich Ihnen geben, Heßbergern, und wenn mich neulich nicht der Aerger und Zorn so krank gemacht hätte, daß ich mich niederlegen und volle zehn Tage das Bett hüten mußte, ich wäre augenblicklich auf die Gerichte gelaufen! Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und dazu heute so gut ein Tag, wie gestern oder vor acht Tagen!«

»Aber, beste Madame Müller,« sagte Heßberger sehr artig, »da treten Sie die Geschichte erst recht breit. Ich würde solche Menschen mit Verachtung strafen und laufen lassen. Die kommen Ihnen nicht wieder, so viel kann ich Ihnen versichern.«

»Na, das fehlte mir auch noch, daß die wiederkämen,« sagte die Frau, ganz resolut von ihrem Stuhl aufstehend und nach ihrem Schirm greifend, den sie wie eine Waffe packte; »ich wollte ihnen zeigen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat! Aber so kommen sie nicht davon, so viel ist sicher, denn ich will nicht umsonst die ganze Zeit vor Aerger krank im Bett gelegen haben! Ich suche mir einen Advocaten, und dann wollen wir doch einmal sehen, ob so ein paar Kerle zu mir hereinbrechen und mir ihre Lügen unter die Nase reiben dürfen!«

»Da müssen Sie schmähliches Geld blechen,« sagte Heßberger, »und es hilft Ihnen gar nichts.«

»Und wenn mich die Geschichte zwanzig blanke Thaler kosten sollte!« rief Madame Müller bestimmt und schlug sich mit dem nassen Regenschirm in die linke Hand. »Ich kenne freilich die Advocaten hier nicht, denn ich habe mit derlei Leute nie in meinem Leben etwas zu thun gehabt; aber ich gehe zu Eurem Schwager, dem alten Baumann, das ist ein ehrlicher, braver Mensch, der den Kopf auf der rechten Stelle hat. Der wird mir schon einen ordentlichen Menschen nennen können, der Einen nicht blos zum Vergnügen über's Ohr haut.«

»Liebe Madame Müller,« sagte da die Frau Heßberger rasch, »thun Sie das nicht; mein Schwager ist ein seelensguter Mensch, aber was weiß der von den Advocaten! Wenn Sie denn absolut einmal Ihren Willen durchsetzen wollen, so wohnt hier gleich nebenan ein sehr tüchtiger Mann, der Herr....«

»Lassen Sie mich nur machen, Frau Heßberger,« sagte Madame Müller, die eben nicht besonders viel auf eine Empfehlung derselben zu geben schien. »Ich bin von klein auf in der Welt gewesen und weiß selber, was ich zu thun habe. Meister Baumann ist ein ganz tüchtiger Mann, und ich will auch gar keinen spitzfindigen Advocaten, sondern nur einen ehrlichen haben. Wenn Sie dann vorgeladen werden, brauchen Sie nur auszusagen, was Sie mir heute versichert haben, und dann wollen wir die beiden Herren, den Herrn Rath und den Herrn Major, schon kriegen, darauf dürfen Sie sich verlassen!«

»Aber es regnet so sehr, meine gute Madame,« sagte Heßberger, der sie jetzt merkwürdiger Weise noch gar so gern eine Weile da behalten hätte.

»Und wenn es Schusterjungen regnete, Herr Heßberger,« versicherte Madame Müller, »ich komme mit meinem Parapluie schon durch. Also guten Morgen allerseits – wünsche gesegnete Mahlzeit!« und damit öffnete sie die Thür der Werkstatt selber, schritt, ohne mehr nach rechts oder links einen Blick zu wenden, hindurch und stieg dann langsam die etwas steile und dunkle Treppe hinab.

Unten im Hausflur hatte sich indessen ebenfalls Gesellschaft eingefunden. Der Staatsanwalt Witte war, gerade wie der Schauer begann, ohne Regenschirm die Straße heruntergekommen und, da er sich besonders vor Erkältung fürchtete, dort untergetreten. Er glaubte natürlich, daß es, da es mit solcher Wuth und Heftigkeit einsetzte, auch eben so rasch vorüberziehen würde, denn »gestrenge Herren regieren nicht lange.« Aber der Donner folgte immer langsamer und in größeren Zwischenräumen dem Blitz, bis zuletzt noch kaum ein leises Grollen hörbar wurde, und immer wollte der eigentliche Guß nicht nachlassen, ja, schien eher heftiger zu werden.

Witte schüttelte mit dem Kopf, fand sich aber darein, eine Weile auszuhalten, denn ewig konnte es ja nicht dauern, und vielleicht kam auch eine leere Droschke vorüber, die er dann angerufen hätte. Wer aber hat schon je bei Regenwetter, und wenn er sie am nothwendigsten brauchte, eine leere Droschke gefunden? Es kommt gar nicht vor, und überhaupt scheinen die Droschkenkutscher in solcher Zeit einzukriechen wie die Fliegen, denn man trifft nur in Ausnahmefällen einen von ihnen auf der Straße. Der Staatsanwalt lauerte denn auch vergeblich eine volle Viertelstunde und nahm sich schon ein paarmal vor, lieber mitten im Regen hinauszuspringen und lieber scharf an den Häusern wegzulaufen. Jedesmal aber, wenn er zu solch einem halben Entschlusse gekommen war, schien es, als ob es mit frischen Kräften an zu gießen fing; es dachte gar nicht daran, aufzuhören, und er gab jedesmal den Versuch wieder auf.

Wie er noch so dastand, arbeitete sich ein Herr mit einem großen hellblauen seidenen Regenschirm an der Thür vorüber; gerade aber als er vor dem Thorwege war, kam ein plötzlicher Windstoß die Straße herunter, faßte unter den Schirm und klappte im Nu die Fischbeinstäbe nach oben, während eine benachbarte Dachtraufe, welche ebenfalls durch den Windstoß eine andere Richtung erhielt, ihren vollen Inhalt über den unglücklichen und nun vollständig wehrlosen Eigenthümer des Schirmes ausschüttete.

»Herr Du meine Güte!« sagte der Mann und fuhr mit einem Seitensprung so rasch in das Haus hinein, daß ihm Witte kaum aus dem Weg kommen konnte. Dort bog er sich dann vor, um wenigstens erst einmal das Gröbste von Hut und Rock ablaufen zu lassen; dann nahm er die Brille ab, um diese klar zu wischen, denn er war vollständig überschüttet worden, und Witte erkannte jetzt erst in dem Eingeregneten den Rath Frühbach.

»Ei, ei, mein lieber Herr Rath,« sagte er, »Sie sind ja in ein ganz gehöriges Sturzbad hineingerathen. Das nenn' ich ja vollkommen unter Wasser gesetzt. Es ist aber auch wirklich ein Hundewetter.«

Rath Frühbach brauchte einige Zeit, bis er seine Sehwerkzeuge wieder in Ordnung hatte, denn er erkannte den Staatsanwalt nicht gleich an der Stimme. Während er aber die Brille noch abwischte, bog er den Kopf herunter, als ob er sie auf der Nase hätte und darüber hinwegsehen wollte, und rief plötzlich aus: »Ei, mein lieber Herr Staatsanwalt, das ist mir ja ein ganz besonderes Vergnügen, Sie hier so zufällig zu treffen! Das nehme mir aber kein Mensch übel, so ein Wetter ist ja noch gar nicht dagewesen – dreht Einem den Schirm ordentlich um. Aber so ist es mir einmal in Schwerin gegangen. Da spaziere ich auch in aller Gemüthlichkeit, bei fast wolkenreinem Himmel, ein Stückchen vor die Stadt hinaus, hatte aber doch den Schirm aus Vorsicht mitgenommen, als plötzlich ein Gewitter ankommt, und ich war draußen auf freiem Felde, und wenigstens auf tausend Schritte nach keiner Richtung hin ein Haus. Na, ich spannte den Schirm auf, und nun dicke durch. Ja, aber du lieber Gott, das wurde immer ärger, das regnete, als ob es mit Mulden gösse, genau so, wie jetzt da draußen, und es hörte auch den ganzen Nachmittag nicht auf.«

»Wenn wir nur eine Droschke bekommen könnten,« sagte der Staatsanwalt, der ungeduldig indessen auf die Straße hinaus sah; »ich habe gar nicht einmal so lange Zeit, ich muß nach Hause, und nun das Wetter – mit meinen dünnen Stiefeln – wenn ich nur wenigstens Gummischuhe mitgenommen hätte!«

»Die helfen auch nicht viel,« sagte der Rath. »Da kam ich einmal Abends in Schwerin aus dem Theater; es war auch nasses Wetter gewesen, und ich hatte meine Gummischuhe mitgenommen. Während der Vorstellung mußte sich aber der Wind gedreht haben; es wurde bitter kalt und fror, und wie ich nur hinaus auf die steinerne Treppe trete, fühle ich schon, daß ich an zu rutschen fange. Ich trete also sehr vorsichtig hinunter auf das Pflaster, erst mit dem rechten und dann mit dem linken Fuß, und immer ein bischen weiter, und so bin ich den ganzen Weg nach Haus gegangen.«

Der Staatsanwalt überlegte sich eben, ob er nicht lieber dem Regen und einem jedenfalls darauf folgenden Schnupfen, als den endlosen Erzählungen des Raths trotzen sollte, als hinter ihnen eine Frau die Treppe herunterkam, auf welche Rath Frühbach, da er gerade wieder seinen Schirm in Ordnung brachte, gar nicht achtete.

Es regnete noch mit derselben Hartnäckigkeit weiter, und die Frau spannte unten im Flur, ohne sich um die Herren zu bekümmern, ihren Schirm auf, wollte auch eben hinaus in den Guß treten, als ihr Auge zufällig auf Rath Frühbach fiel, der ihr in seiner aufmerksamen Weise Platz machte.

»Ne, so 'was lebt nicht!« rief sie plötzlich im größten Erstaunen aus. »Da ist er ja – wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt! Ist auch ein vortreffliches Plätzchen hier, um andere ehrliche Leute wieder schlecht zu machen und zu bereden, nicht wahr? Jawohl, kann ich mir denken! Aber jetzt wollen wir einmal sehen, ob die Gerichte das zugeben! Wenn noch Recht und Gerechtigkeit im Lande ist, so will ich's schon finden, darauf können Sie sich verlassen, und Ihren saubern Major, den kauf' ich mir noch dazu!«

»Liebe, beste Frau,« sagte der Rath, der zu seinem Entsetzen die Frau Müller aus Vollmers erkannt hatte und jetzt nicht übel Lust zu haben schien, seine ganze Existenz abzuleugnen, denn der Staatsanwalt durfte um Gottes willen nichts von der Geschichte erfahren.

Madame Müller war aber nicht die Frau, irgend jemand Anderes reden zu lassen, so lange sie noch etwas zu sagen hatte, und die wohlwollende Anrede reizte sie ganz besonders: »Der Teufel ist Ihre »liebe, beste Frau!« rief sie zornig und schien nicht übel Lust zu haben, den schon geöffneten Schirm wieder zu schließen. »Sie sollen mir aber vor's Messer, darauf können Sie sich verlassen, und wenn ich....«

»Heh, Droschke! Droschke!« rief der Staatsanwalt auf die Straße hinaus. Er begriff nicht recht, was Rath Frühbach mit der Frau haben oder gehabt haben konnte, hatte aber auch keine große Lust, einem etwaigen Streit zuzuhören, und der Wagen, der gerade zufällig gegenüber eine »Fuhre« abgesetzt, kam ihm gut zu Statten. Der Kutscher hörte auch den Ruf und lenkte um, und mit einem kurzen Gruß gegen den Rath sprang der Staatsanwalt mitten in den Regen hinaus.

Das war dem Rath aber zu viel. Mit der entsetzlichen Frau sollte er hier im Thorweg, und außerdem noch durchaus naß, das Unwetter abwarten? Nein – hier drinnen wüthete es ärger als draußen, und einen herzhaften Entschluß fassend, spannte er mit einem plötzlichen Ruck seinen Schirm, sagte »Guten Morgen, Madame!« und war mit drei Schritten wieder unter der Traufe. Er hörte noch hinter sich her etwas von »Gerichten« und »Hausschleichern«, aber der auf den Schirm schlagende Regen ertödtete die Worte, und dem Sturm in die Zähne arbeitete er sich, Madame Müller ihrem eigenen Schicksal überlassend, die Straße hinauf.

4.
Neben der Werkstätte.

Neben der Werkstätte des Schlossers Baumann befand sich das kleine, aber ganz behaglich eingerichtete Wohnzimmer der Familie, und zwar nicht etwa behaglich durch elegante Möbel oder sonstigen Zierath, sondern weit mehr durch die wirklich auffallende Sauberkeit, die dort herrschte, so daß Baumann selber oft lachte, wenn er mit seinem rußgeschwärzten Gesicht, und eben solchen bloßen Armen zum Frühstück oder sonst einmal hereinkam und dann meinte, er passe da eigentlich gar nicht hin und müsse immer vorher an der Thür »abgetreten« werden. Er paßte aber und gehörte trotzdem da ganz besonders hinein, denn seinem unermüdlichen Fleiß sowohl als seiner Geschicklichkeit verdankte die Familie gerade diese Behaglichkeit, die nur die Frau noch durch ihr ewig thätiges Schaffen und Sorgen zu erhöhen und zu erhalten wußte.

Baumann hätte sich auch in der That keine bessere Frau wünschen und sie auf der weiten Welt finden können; eine sorgsamere für ihn und seine Bequemlichkeit gewiß nicht, denn was sie ihm an den Augen absehen konnte, das that sie. Dabei war in den langen Jahren ihrer Verheirathung auch noch nicht ein einziger Zank zwischen ihnen vorgekommen, und nur manchmal neckte sie der alte Schlosser mit dem »Stückchen Hochmuthsteufel«, der in ihr stecke, und meinte dann wohl, es sei jammerschade, daß sie keine Gräfin geworden wäre und in Sammet und Seide und mit langen Schleppkleidern hätte umhergehen können, das würde ihr außerordentlich gut gestanden haben. Aber das war immer nur im Scherz und wurde so gesagt und aufgenommen.

Heute saß sie allein in der Stube an ihrem Nähtisch und arbeitete ein Kleidchen für ihr kleines Töchterchen, das seit acht Tagen zum ersten Mal in die Schule geschickt war und nun doch Manches brauchte, um anständig zwischen den übrigen Kindern zu erscheinen. Wenn es auch blos Kattunröckchen tragen durfte, denn der Vater litt das nicht anders, konnten die doch wenigstens sauber und nett gemacht sein, und darin, wie überhaupt in allen Dingen, besaß sie eine besonders geschickte Hand.

Draußen wetterte es gerade, was vom Himmel herunter wollte; der Blitz zischte, der Donner rollte und die ersten schweren Tropfen fingen an zu fallen. Die Leute auf der Straße liefen, was sie laufen konnten, um irgend ein schützendes Obdach zu erreichen, und ein paar vorüberfahrende Droschkenkutscher hieben mit ganz ungewohnter Energie auf ihre Pferde ein.

Die Frau Baumann warf einen besorgten Blick auf die Straße und nach dem Himmel hinauf – aber ihre Else saß jetzt schon lange sicher in der Schule, und bis die aus war, hatte sich das Wetter auch gewiß wieder verzogen. Nur die Schmiede ängstigte sie etwas; dort lag so viel Eisen, und sie fürchtete immer, daß der Blitz einmal da einschlagen könnte, hatte auch ihren Mann oft und oft gebeten, nur doch wenigstens so lange mit Arbeiten aufzuhören, als ein Gewitter dauere. Der aber lachte dazu und meinte, der Blitz, wenn er einmal einschlagen wolle, könne ihn überall treffen, jedenfalls eben so leicht in der Stube, wie in der Werkstätte, und der liebe Gott sei aller Orten. Die Arbeit dürfe aber nicht rasten, und nur wenn einmal ein Gewitter an einem Sonntag käme, verspräche er ihr, nicht dabei am Ambos zu stehen, was er überhaupt nicht am Sonntag that. Es war mit dem Manne eben nichts anzufangen.

Baumann hämmerte denn auch, mit seinem zweiten Sohn, einem andern Gesellen und dem Lehrjungen an seiner Seite, wacker darauf los, daß die Funken nach allen Seiten hinausspritzten, und warf nur einen schmunzelnden Blick nach der Thür, als der Regen plötzlich mit voller Wucht einsetzte und niederschlug. Wie die Menschen draußen sprangen, um unter Dach zu kommen – aber er stand trocken, und lustig schlug er wieder auf das rothglühende Eisen ein.

Da fuhr plötzlich ein Schirm in die weit geöffnete Thür, und als er den Kopf dorthin wandte, tauchte sein ältester Sohn Fritz darunter auf und rief ihm lachend einen Guten Morgen zu.

»Na nu?« sagte der Alte, indem er den Hammer ruhen ließ und ihn erstaunt betrachtete. »Wo kommst Du bei dem Wetter her, und noch dazu in Sonntagskleidern? Du – trägst wohl wieder ausgebesserte Arbeiten aus, mein Junge, he?«

»Nein, Vater,« rief Fritz, aber doch ein wenig verlegen, denn er wußte recht gut, auf was der alte Mann anspielte, »wegzutragen habe ich heute nichts; aber ich wollte nur einmal zu Dir und Mutter kommen, um etwas mit Euch zu reden.«

»In Sonntagskleidern?«

»Ich habe überhaupt noch einen Besuch zu machen – Professor Anders, der Astronom, hat mich gebeten, wegen einer größeren Arbeit zu ihm zu kommen, und da – mochte ich doch nicht in meinen Arbeitskleidern gehen. Uebrigens erwischte mich das Wetter, und ich bin nur eben noch glücklich vor Thorschluß hier eingefahren, Ist die Mutter zu Hause?«

»Ja, sie sitzt drinnen – geh' nur hinein; wenn ich hier mit dem Schlüssel fertig bin, komme ich gleich nach, denn in dem Aufzug kannst Du mir doch nichts helfen – Donnerwetter, Glacéhandschuh' – na, und das Alles, um einem Professor einen Besuch zu machen. Ich gehe bei solchen Wegen allerdings auch in Leder, aber mit meinem Schurzfell. Junge, Junge, Du wirst mir verdammt fein und geschniegelt, und ich habe es bis jetzt gar nicht geglaubt, daß zwischen einem Schlosser und einem Mechanikus solch' ein Unterschied wäre. Du, Karl, mach' einmal Deinem Herrn Bruder die Thür auf, daß er sich die Glacéhandschuh' nicht an der vielleicht rußigen Klinke schmutzig reibt.«

»Danke, Vater, danke,« lachte Fritz, indem er der Thür zusprang, »so gefährlich ist's denn doch noch nicht, und das kann ich allein besorgen.«

Der Vater sah ihm, das Eisen in der Hand und den Hammer noch auf dem Ambos ruhend, in einer etwas gebückten Stellung nach, so lange er ihm mit den Augen folgen konnte, und ein leises, aber nicht unfreundliches Lächeln flog über seine ehrlichen Züge. Dann schüttelte er still vor sich hin den Kopf, und wieder hob sich der schwere Hammer, als ob es eine Feder gewesen wäre, und kam wuchtig auf das sprühende Eisen nieder.

Fritz, der seinen Schirm in der Werkstätte abgestellt hatte, denn auf dem Boden dort mochte er triefen, wie er wollte, trat zur Mutter in's Zimmer und setzte sich zu ihr, und die Beiden sprachen lange und angelegentlich mit einander – ja, eine so wichtige Sache mußten sie wohl verhandeln, daß die Mutter sogar ihre Arbeit ruhen ließ und die Hände im Schooß faltete, bis der Vater zu ihnen herein kam.

»Na,« sagte er, als er sie da so sitzen sah, »eine Hand kann ich Dir heute nicht geben, mein Junge; Du bist mir zu fein, und zum Waschen hab' ich keine Zeit, denn ich muß gleich wieder hinaus. Also was hast Du zu sagen, und was ist denn überhaupt mit Euch Beiden? Ihr seht mir ja alle Zwei so feierlich aus? Hör' einmal, Junge, ich glaube, Du willst doch wieder eine fertige Arbeit austragen, he?«

»Eine Arbeit gerade nicht, Vater,« lächelte Fritz, doch etwas verlegen; »aber weit vom Ziel hast Du allerdings nicht vorbeigeschossen.«

»Auf den Knopf getroffen,« lachte der Alte, »he? Dem Jungen steckt ein Frauenzimmer im Kopfe!«

»Er will heirathen, Gottfried,« nickte die Mutter, während ein freundliches Lächeln über ihre Züge flog.

»Ob ich's mir nicht gedacht habe!«

»Und so ein sauberes Mädchen hat er sich ausgesucht!«

»Na, er wird keine Schmiergans nehmen,« lachte der Alte. »Und wie heißt sie? Alles natürlich schon fix und fertig gemacht, und jetzt nur noch eine nachträgliche Anmeldung bei den Eltern, die weiter nichts nöthig haben, als den üblichen Segen dazu zu geben. Ist mir auch recht; habe doch schon genug zu thun, und könnte mich mit derlei nicht mehr auf meine alten Tage befassen.«

»Nein, Vater,« sagte Fritz, »fertig gemacht ist noch gar nichts; ich bin im Gegentheil eben im Begriff, den allerersten Schritt dazu zu thun.«

»So–o?« sagte der Vater, etwas erstaunt; »das ist ja merkwürdig. Na, hat die Sache etwa einen Haken?«

»Nein, Gottfried,« sagte die Frau, »ganz und gar nicht; es ist Alles glatt und recht und wie sich's gehört, und der Fritz ist ein braver Junge, der uns nur bei einer so wichtigen Sache vorher um Rath fragen wollte.«

»Bah, Alte, laß Dir nichts weiß machen,« lachte der Schlossermeister – »um Rath fragen. Sieht der aus, als ob er erst noch um Rath fragen wollte, und steckt schon bis über die Ohren in seinen Sonntagskleidern drin? Nur hören will er, daß wir sagen: Ei, mein lieber Sohn, das hast Du brav gemacht – geh' doch geschwind hin und hol' Deinen Schatz! Und dann läuft er von selber.«

»Aber Gottfried...«

»Na, mach' keine langen Geschichten, Also wie heißt sie und wer ist's? daß ich wieder hinaus an meine Arbeit komme.«

»Ich bin vielleicht in meinen Ansprüchen etwas keck gewesen, Vater,« sagte Fritz, aber jetzt schon lange nicht mehr so zuversichtlich, als vorher; »aber ich – ich glaube glücklich zu werden.«

»Hm, das glauben wir gewöhnlich Alle,« lächelte der Schlossermeister gutmüthig; »na, aber nun schlag' einmal los, das Eisen wird sonst kalt – wer ist's denn?«

»Ottilie Witte, Vater.«

»Die Tochter des Staatsanwalts?«

»Ja, Vater.«

Der alte Mann war stehengeblieben und sah ihn ernst und forschend an. Aber er erwiederte lange kein Wort, gab auch kein Zeichen des Beifalls oder Mißfallens; endlich fragte er langsam: »Und will sie Dich haben?«

»Ich weiß es nicht, Vater, aber ich glaube es,« sagte Fritz herzlich: »sie war immer so gut und lieb mit mir, und wir haben ja schon als Kinder Braut und Bräutigam mitsammen gespielt.«

»Ich will Dir 'was sagen, mein Junge,« nickte der Alte, »die Sache gefällt mir nicht.«

»Gefällt Dir nicht, Gottfried?« rief die Frau. »Und hätte er sich ein netteres, hübscheres Mädchen in der ganzen Stadt aussuchen können?«

»Nein – sie ist mir nur zu nett,« erwiederte der Schlossermeister. »Wärst Du zu mir gekommen und hättest gesagt: Vater, ich habe mir die Tochter vom Schneidermeister So und So oder vom Schuster So und So zur Frau ausersehen und will sie heirathen, so würde ich geantwortet haben: Bravo, mein Sohn, thu' das, und Gott gebe seinen Segen dazu – meinen hast Du. Aber die vornehme Tochter des Staatsanwalts, die große Gesellschaften mit lauter Adeligen geben – das thut kein gut.«

»Aber, Vater, Ottilie ist so einfach erzogen – so wirthschaftlich!«

»Und bist Du wirklich überzeugt, daß sie Dich gern hat – nein, nicht so,« fuhr er rasch fort, als Fritz darauf erwiedern wollte – »und was wir so gewöhnlich darunter verstehen – ich meine, ob Du überzeugt bist, daß sie Dich so gern hat, um Dich wirklich zu heirathen und dem Handwerker vor allen übrigen vornehmen Bewerbern die Hand zu reichen?«

»Wenn ich es nicht fest glaubte, würde ich sie nicht darum fragen, Vater!«

»Ja,« nickte dieser, »denn ein richtiger Korb muß eine verflucht unangenehme Geschichte sein – möchte mir gerade keinen holen. Aber mir ist die Sache doch nicht recht – werde freilich nicht viel darum gefragt werden. Aber Du paßt in die Familie nicht hinein, und wir gar nicht, und ich glaube selbst nicht einmal, daß sich die Eltern – die Mutter wenigstens – besonders erfreut darüber zeigen würden.«

»Aber, Gottfried, ich weiß gar nicht, was Du immer für Bedenken hast!«

»Keine anderen, als solche, für die ich auch einen Grund hätte. Wenn sie wirklich an so etwas dächten, weshalb haben sie denn da den Fritz neulich nicht zu ihrem Ball geladen, wie? Wenn er ihnen gut genug zum Schwiegersohne wäre, müßte er es doch ganz gewiß erst recht als Gast sein. Es hat aber Niemand von ihnen daran gedacht, während es von adeligen Lieutenants nur so geschwärmt haben soll.«

»Aber was Du auch nicht Alles heraussuchst!«

»Ich suche gar nichts heraus, Alte, als was einmal drin liegt, und so viel ist sicher« – er mußte einen Augenblick mit Reden aufhören, denn so furchtbar dröhnte der Donner, daß die Worte lautlos verhallten – »so viel ist sicher,« fuhr er dann fort, ohne sich weiter irre machen zu lassen, »daß die Familie, meiner Meinung nach, mit ihrer Tochter weiter oder höher hinaus will, als sie einem Handwerker zu geben!«

»Aber ein Mechanikus ist doch kein Handwerker, Gottfried!«

»Nenne es, wie Du willst, es bleibt immer dasselbe,« beharrte störrisch der Alte. »Und haben wir nicht neulich schon einmal davon gesprochen, wo ich dazu kam, wie ihr einer von den Lieutenants, ich glaube, es war der Wendelsheim, so zärtlich die Hand küßte – und wie freute sie sich darüber! Das gäb' nicht einmal eine Frau für Dich, wenn sie Dich selber wollte.«

»Aber, Vater, Ottilie ist gewiß nicht coquet.«

»Gerade ist sie's, und recht sehr,« sagte der Alte; »Du siehst es nur nicht, weil die Liebe, wie gewöhnlich, blind ist. Richtig coquet ist sie, und ihre Mutter hat sie dazu angelernt. Allen Respect vor dem Vater. Der alte Witte gilt in der ganzen Stadt für einen schlichten und dazu braven und rechtlichen Mann; aber der Frau steckt der Hochmuthsteufel noch viel ärger im Kopfe als Dir, Alte – die möchte mit der Nase die Decke abreiben, und über Unsereinen guckt sie nur immer so hoch hinweg, als ob man seinen Kopf auf einer Stange trüge. Geh' mir mit der; ich hab' früher ein paarmal mit ihr zu thun gehabt und sie auch einmal bei einer Gelegenheit recht tüchtig ablaufen lassen. Nachher ist sie etwas artiger oder herablassender geworden.«

»Aber der Fritz ist auch von guter Familie,« sagte die Frau, »und dazu ein stattlicher Bursche.«

»Nicht was derartige Leute eine »gute Familie« nennen, Mutter,« sagte der Schlossermeister; »das Wort »gut« heißt bei denen nur immer sehr vornehm oder sehr reich, und wo möglich beides zusammen – das sind die besten – ein ehrlicher Handwerker wird nicht mit dazu gezählt.«

»Aber wenn sich die Herzen nun zusammenfinden, Vater?« sagte Fritz.

»Das sind Bücherideen,« rief der Alte; »denn wenn die Familien nachher nicht zusammenpassen, so giebt's Streit und Unfrieden, Haß und Eifersucht. Ich wollte, Du hättest Dir eine Schneiderstochter ausgesucht, Fritz, oder noch viel tausendmal lieber eine von unserem Gewerke; nachher solltest Du einmal sehen, wie lustig und vergnügt ich noch auf Deiner Hochzeit tanzen würde; so aber ist's nichts, und wenn uns die Madame Witte wirklich einlüde, so müßten wir's uns noch zur Ehre schätzen und uns fein anständig und ehrbar betragen.«

Fritz Baumann's Mutter hatte still und schweigend vor sich nieder gesehen, aber kein Wort mehr gesagt, und Fritz wunderte sich eigentlich, daß sie nicht seine Partei stärker nahm; aber der Alte hatte auch recht, denn sein Entschluß stand zu fest, um sich noch von seiner Liebe abwenden zu lassen. Ottilie war schon seit langen Jahren sein Ideal aller Weiblichkeit gewesen, und nur um sie zu gewinnen, hatte er sich mit beispiellosem Fleiße abgemüht, sein Ziel so bald zu erreichen. Jetzt stand er unabhängig da, nicht mit der Hoffnung, nein, mit der Gewißheit, sich sein Brot gut und reichlich verdienen zu können und eine Frau und Familie dabei zu ernähren. Er wollte keine Mitgift, er verlangte keine; was sie brauchten, konnte er selber beschaffen, und die Mutter hatte ihm schon versprochen, in der ersten Zeit, wenn sich die Ausgaben vielleicht unerwartet zu sehr häufen sollten, beizuspringen. Was brauchte er mehr? Er trat ja nicht als Bittender in Witte's Haus – wie er bat, wollte er auch bringen, der Tochter einen treuen Gatten, den Eltern einen wackern Sohn.

»Vater,« sagte er deshalb, »Du siehst die Sache zu schwarz. Ich gebe zu, daß es Ottiliens Mutter vielleicht lieber sähe, wenn ihre Tochter eine vornehmere Partie machte; es ist das ja natürlich. Aber sie wird auch nicht der Liebe derselben entgegentreten wollen, und ist mir Ottilie wirklich gut...«

»Was Du noch nicht einmal zu wissen scheinst.«

»Was ich aber von Herzen hoffe – dann, glaub' ich, wird sie sich auch nicht sträuben, ihre Einwilligung zu geben. In unserer Stadt besteht noch die alte Achtung vor dem Bürgerstande, und dem gehören wir so gut an, wie der Staatsanwalt Witte. Er ist eben so wenig adelig oder Baron, als wir, und wenn seine Frau wirklich daran dächte, ihr Kind Einem aus jenem Stande zu geben, so wäre der Sprung weit größer, als von uns zu ihr.«

»Ja,« sagte der Vater, »das klingt ganz vernünftig, ist aber nur einfach nicht wahr, weil Sitten und Gewohnheiten die ganze Geschichte gewöhnlich herumdrehen. Aber was kann's helfen – Du, als mein echter Sohn, hast natürlich gerade einen solchen Dickschädel, wie ich, und der muß erst ein paarmal irgendwo gegen rennen, ehe er gescheidt wird – also lauf'. Mit Vernunftgründen ist bei Dir doch nichts auszurichten, Du mußt durch Schaden klug werden.«

»Vater...«

»Es ist nicht anders – aber das Wetter warte erst ab, sonst kommst Du wie eine gebadete Maus als Brautwerber, und naß sieht ein Fisch recht hübsch aus, aber kein Mensch – der Guß kann ja doch nicht ewig dauern. Jesus, wie das noch regnet; wie dicke Seile kommt's von oben herunter, und auf der Straße könnte man beinahe mit einem Boote fahren – Herein!«

Der Ausruf galt einem starken und ganz entschiedenen Klopfen an der Thür, die sich auch gleich darauf öffnete und das uns wohl bekannte Gesicht der Madame Müller zeigte.

»Guten Tag Alle mitsammen!« sagte sie, ihren Regenschirm vorsichtiger Weise draußen lassend. »Jemine, meine Güte, ist das ein Wetter, und bei dem wird man herausgejagt, wo man so ruhig zwischen seinen vier Pfählen sitzen könnte! Ich werde mir wohl wieder den Tod an einem Schnupfen holen, denn aus den Schuhen hebt mich das Wasser bald heraus – bis an die Knöchel geht's Einem ja da draußen!«

»Madame Müller,« lachte Baumann, »so wahr ich lebe – na, Sie haben sich eine schöne Witterung zum Spazierengehen ausgesucht – aber kommen Sie doch nur herein! Sie wollen doch nicht in der Thür stehen bleiben?«

»Nein,« sagte Madame Müller mit einem Blick auf das reinliche Zimmer; »aber ich triefe nur so, und mein verwünschter blauer Kittel färbt ab – ich werde Ihnen einen blauen Streifen in's Zimmer bringen. So einen Regen hab' ich noch gar nicht erlebt; das ist ja ein wahrer Wolkenbruch!«

»Aber Sie sind doch nicht von Vollmers herein zu Fuß gegangen?« rief Frau Baumann, indem sie ihr behülflich war, das Tuch abzunehmen und aufzuhängen.

»Na, weiter fehlt mir nichts,« sagte die Dame; »aber ich hatte vorher noch einen Besuch zu machen, und jetzt bin ich hieher gekommen, Herr Baumann, um Sie in einer Sache um Rath zu fragen.«

»Mich?« lachte der Schlossermeister. »Da wären Sie wohl an der falschen Thür; ich bin doch kein Advocat.«

»Ja, eben einen guten, anständigen Advocaten will ich bei Ihnen erfragen,« sagte die Frau; »es giebt derlei Volk genug in der Stadt, alle drei Thüren weit klebt ein Schild, aber wer sich da nicht auskennt, ist auch gleich verrathen und verkauft.«

»Hm,« sagte Baumann, »und was haben Sie mit einem Advocaten zu thun? Wer die nicht sehr nothwendig hat, soll die Finger um Gottes willen davon lassen; mit denen ist nicht gut Kirschen essen.«

»Das weiß ich,« nickte Madame Müller entschieden mit dem Kopf, indem sie sich auf den ihr hingeschobenen Stuhl niederließ. »Ah, da ist ja auch der Fritz – alle Wetter, ist der groß und ein hübscher Junge geworden, Baumann! Der ist ja einen halben Kopf größer als Sie, und Sie gehören auch nicht mit zu den Kleinsten.«

»Ja, und jetzt Meister und selbstständig geworden,« nickte der Vater mit einem beifälligen Lächeln auf den Sohn; »er hat 'was gelernt, der Junge, das muß man ihm lassen, und wird sich schon durchhelfen in der Welt.«

»Dafür kann man Gott nicht genug danken,« nickte die Frau, »wenn man Freude an seinen Kindern erlebt – aber was ich gleich sagen wollte, Meister, wissen Sie hier in der Nähe einen ordentlichen Advocaten, der weiß, was Rechtens ist?«

»Das sollten sie eigentlich alle wissen,« lächelte der Meister, »aber es kommt darauf an, zu was Sie ihn haben wollen. Brauchen Sie einen recht verschmitzten und durchtriebenen, so...«

»Nein, den brauch' ich nicht,« rief Madame Müller; »ich will einen ehrlichen haben, der geradeweg ist, denn ich habe auch eine ehrliche Sache!«

»Ja, liebe Madame Müller,« sagte Baumann, sich den Kopf kratzend, »mit den Advocaten hier in der Stadt bin ich, Gott sei Dank, nicht besonders bekannt; aber wenn Sie in der Sache einen guten Rath hören wollen, dann gehen Sie zum Staatsanwalt Witte. Ob er sich selber damit einläßt, weiß ich nicht, aber was der Ihnen sagt, können Sie getrost thun, denn das ist ein ehrlicher Mann.«

»Gut, danke schön, weiter verlang' ich nichts; das Uebrige besorg' ich mir dann schon selber, denn auf den Kopf gefallen bin ich auch nicht, und in meinem eigenen Hause brauche ich mich nicht beschimpfen und beleidigen zu lassen.«

»Nein, das allerdings nicht,« sagte Meister Baumann; »und hat das wirklich Jemand gethan?«

»Ih, denken Sie nur,« rief die Frau, »kommen da neulich – ich habe zehn Tage von dem Aerger krank im Bette gelegen – so ein paar ganz anständig gekleidete Herren – der eine war ein Rath und der andere ein Major – zu mir in's Haus hinein und reden so zuckersüß und gehen immer wie die Katze um den heißen Brei herum, thun auch, als ob sie gar nicht zu mir, sondern nur zu meinem Schwiegersohn gewollt hätten, der gerade wieder mit meiner Tochter fortgefahren war. Wie ich aber nicht anbiß, denn wer denkt denn in seiner Gutmüthigkeit an so 'was, fingen sie an vom Baron Wendelsheim und seinem ältesten Sohn zu reden.«

»Vom Baron Wendelsheim?« rief Frau Baumann.

»Ja wohl,« nickte Madame Müller; »und auf einmal sagte mir der eine von ihnen, der Rath – und ein Mundwerk hatte er, daß Einem angst und bange wurde – sagte mir der Rath – man sollte es gar nicht für möglich halten –, das Bild von meiner Tochter, das über meinem Sopha hängt und das der Maler Schröter hier gemalt hat, wie sie neunzehn Jahre alt war, wäre gar nicht meine Tochter, sondern das Kind vom Baron, und ich hätte das Kind vertauscht, und die Heßberger hätte es ihnen erzählt.«

»Aber das ist doch ganz unmöglich!« rief Frau Baumann, von ihrem Stuhl emporfahrend.

»Na, ich hab' ihnen aber heimgeleuchtet,« lachte Madame Müller ingrimmig vor sich hin, »die kommen so bald nicht wieder! Was ich ihnen eigentlich gesagt habe, weiß ich gar nicht mehr; aber Excellenz habe ich sie nicht genannt, darauf können Sie sich verlassen. Ich wollte auch gleich nachher auf's Gericht und das Lumpengesindel auf frischer That verklagen; aber der Aerger war mir so in die Glieder geschlagen, daß ich mich wahrhaftig zu Bett legen mußte, und da kriegte ich meinen alten Rheumatismus in das linke Knie, daß ich mich die ganze Zeit nicht rühren konnte. Aber jetzt geht's wieder, und mein erster Gang war heute Morgen zur Heßbergern, Ihrer Schwester, Baumannen, um der einmal ordentlich die Leviten zu lesen, daß sie von einer ehrlichen Frau solche Schandgeschichten erzählt. Die leugnet aber Stein und Bein; kein Wort will sie, weder mit dem Rath noch mit dem Major, gesprochen haben. Aber ich trau' ihr nicht, Baumannen, wenn's auch Ihre Schwester ist; sie hat immer ihre Hinterkniffe gehabt, so lange ich sie kenne, und da wollen wir denn kurzen Proceß machen. Ich muß der Sache auf den Grund gehen, und wenn die Heßberger recht hat, dann sollen mir die beiden Patrone, der Rath und der Major, vor's Messer.«

»Aber, liebe Madame Müller,« sagte Baumann kopfschüttelnd, während seine Frau aufstand und in die Küche ging, »wegen eines solchen Klatsches wollen Sie vor Gericht? Wenn Sie meinem Rathe folgen, so lassen Sie die Hände davon, denn dabei kommt nichts heraus, als höchstens Lauferei und Geldkosten. Kennen Sie denn den Rath Frühbach?«

»Ich? In meinem ganzen Leben hab' ich den Menschen nicht gesehen.«

»Nun ja, der ist aber in der ganzen Stadt dafür bekannt, daß er die Leute auf der Straße anfällt und todtschwatzt.«

»Aber dann soll er mir nicht in's Haus kommen, und Ihnen kann es auch nicht recht sein, Baumann, daß er von Ihrer Schwägerin solche Sachen erzählt.«

»Liebe Madame Müller,« sagte Baumann und sah sich vorher im Zimmer um, ob seine Frau nicht da wäre, »von meiner Schwägerin wollen wir nicht weiter reden; die schwatzt auch mehr, als sie verantworten kann, wenn ich auch nicht gerade glaube, daß sie das gesagt hat, und noch weniger zum Rath Frühbach. Die Heßberger hat ein böses Mundwerk, und je weniger ich von ihr zu sehen bekomme, desto lieber ist es mir – wenn ich's auch meine Alte nicht gern merken lasse, da es ihr weh thut.«

»Nun ja, es sind Schwestern,« sagte Madame Müller; »so ungleich habe ich aber noch gar keine Schwestern gesehen – im ganzen Leben nicht. Ihre Frau ist eine brave, ordentliche Hausfrau, und die Heßberger – na, ich will mir das Maul nicht verbrennen. Hat sie mich aber wirklich auf eine solche gemeine Weise hinter meinem Rücken schlecht gemacht, dann soll sie auch dafür bezahlen, und hat sie's nicht, gut, dann kriegen wir den Rath, denn Einer von Beiden hat gelogen, und bei der Müllern sind sie nur unglücklicher Weise gerade an die Unrechte gerathen. A propos, wo wohnt der Herr Witte?«

Der alte Baumann sah Fritz an, der wie auf Kohlen saß und nur das Aufhören des Regens erwartete. Was interessirte ihn der Alteweiberklatsch! Der wollte jetzt hinüber, und wenn ihm die Frau Müller in die Quere kam, war nichts zu machen – die mußte er deshalb noch eine Weile zurückhalten.

»O, gar nicht weit von hier,« sagte er nach einer kleinen Pause; »aber jetzt können Sie ihn nicht sprechen, Madame Müller. Der Mann hat so viel zu thun, daß er nur in bestimmten Stunden Fremde annimmt. Weißt Du, in welcher Zeit das ist, Fritz?«

»Ich weiß es nicht, Vater,« sagte Fritz, dem selber nichts daran lag, daß ihm die Frau jetzt zuvorkam. »Vor halb Eins ist er, glaub' ich, nicht zu sprechen.«

»Gut, dann geh' ich um halb Eins hin,« nickte die Frau, die sich nun einmal von ihrem Vorsatz nicht abbringen ließ.

»Dann bleiben Sie aber so lange bei uns, Madame Müller,« sagte Baumann, »und essen mit uns, was da ist – viel wird's so nicht geben, und ich glaube, meine Frau ist auch deshalb schon hinaus in die Küche gegangen.«

»Schön, Herr Baumann, von Ihnen nehm' ich das an, denn ich weiß, Sie meinen's genau so, wie Sie's sagen.«

»Ich glaube nicht, daß mich schon Jemand anders gefunden hat.«

»Nein, gewiß nicht – also, es bleibt dabei; und indessen trocknet mir auch die Fahne ein bischen ab, daß ich nicht gar so schlumpig aussehe, wenn man zu fremden Leuten kommt.«

»Na, Fritz, dann könntest Du wohl indessen Deinen Weg abmachen,« wandte sich der Alte jetzt an diesen, »und vielleicht bist Du zum Essen wieder hier – Du müßtest denn gleich eingeladen werden,« setzte er mit einem eigenthümlichen Lächeln hinzu.

»Wo will denn der Fritz hin, er ist ja in seinem Sonntagsstaat?«

»O, nur zu einem Professor wegen Instrumente,« meinte der Vater; »der Regen hat ja auch jetzt aufgehört, und da oben guckt schon wieder der blaue Himmel durch. Das war aber ein Wetter!«

Ein eigenes, schelmisches Lächeln flog über die Züge des jungen Mannes, als er eben an seinen Professor dachte. Aber der Vater hatte Recht, denn wenn er gehen wollte, war es besser, er ging gleich, und ließ sich nicht von der alten Frau Müller zuvorkommen, da er doch den alten Staatsanwalt selber gern einmal vorher gesprochen hätte. Wo war nur die Mutter hingerathen? Er suchte sie draußen in der Küche, konnte sie aber auch dort nicht finden; er hätte gern Abschied von ihr genommen, da er einen so wichtigen Schritt seines Lebens thun wollte – aber er sah sie ja auch gleich nachher.

»Also, Vater, ich gehe jetzt,« sagte er, auf diesen zugehend und ihm die Hand reichend – der alte Baumann wischte aber die seinige erst an einem dort liegenden Tuche ab – »und so wie ich etwas Genaueres erfahre, komme ich her und theile es Euch mit.«

»Schön, mein Junge,« schmunzelte der Alte, »und – grüß' mir Deinen Professor,« setzte er hinzu, »und sag' ihm – wenn Ihr Euch über die Arbeit einigt, natürlich –, er möchte doch auch einmal zu mir herüber in die Werkstätte kommen – verstanden?«

»Gewiß, Vater,« sagte Fritz, während ihm das Blut in die Schläfe stieg, »und hoffentlich einigen wir uns ja. Grüß' die Mutter noch einmal – Adieu – Adieu, Madame Müller!« Und rasch wandte er sich und schritt zur Thür hinaus.