Es war doch ein ganz eigenes, beklemmendes Gefühl, mit dem Fritz die Werkstätte durchschritt; denn wenn er sich die Sache bis dahin auch in den rosigsten Farben ausgemalt hatte, so fing ihm das Herz jetzt, da er sich der Entscheidung gegenüber sah, merkwürdig an zu schlagen und zu klopfen, und er war eigentlich ganz zufrieden damit, daß er an der auf die Straße hinausführenden Thür noch einen Augenblick halten mußte, um das Regenwasser erst ein wenig ablaufen zu lassen, denn wie ein Sturzbach kam es noch die Straße nieder. Das ging aber doch verhältnißmaßig rasch, denn da kein neuer Zufluß mehr kam, hatten sich die Dächer bald geleert, und die Schleusen sogen genug davon ein, um wenigstens die Trottoirs frei zu machen.
Der Weg war auch nicht so weit; gleich in der andern Straße wohnte der Staatsanwalt, und mit einem unwillkürlich aus tiefster Brust heraufgeholten Seufzer schritt jetzt Fritz Baumann seinen Weg entlang. Allerdings war er noch immer unschlüssig, wie er es machen, ob er zuerst Ottilie selber oder lieber ihren Vater aufsuchen solle. Der alte Witte, das wußte er, hatte ihn gern und sich oft mit ihm über seine künftigen Pläne und Aussichten unterhalten. Aber nützte ihm das bei der Tochter? Wenn ihn Ottilie wirklich liebte, brauchte es da der Zureden des Vaters? Und doch beschlich ihn wieder ein recht fatales Gefühl, wenn er an das dachte, was sein eigener Vater vor wenigen Minuten zu ihm gesagt. Es war nur zu wahr, daß eine Menge adeliger Herren mit dem Hause verkehrten, und als er am Abend jenes Balles unter den erleuchteten Fenstern vorüberging, gab es ihm selber einen Stich durch's Herz. Aber damals konnte sie ihn eigentlich noch gar nicht einladen, und wie lieb hatte sich Ottilie gegen ihn gezeigt, ja, wie deutlich bewiesen, welchen Antheil sie an ihm nehme, als er ihr an jenem Tage mittheilte, daß er selbstständig geworden. War ihr in jenem Augenblick das Blut nicht in einem wahren Strom in die Schläfe gestiegen, und wie gut, wie herzig hatte sie dabei ausgesehen! Daß auch gerade damals der alberne Ballbesuch kam – er war so auf dem besten Wege gewesen und hätte vielleicht damals schon die Gewißheit seines Glückes bekommen.
Aber es war selbst jetzt noch nicht zu spät, und heute, besonders unmittelbar nach dem schlechten Wetter, kaum eine Störung zu befürchten. Er wollte es auch ganz dem Zufall überlassen, mit wem er zuerst sprach, mit dem Vater oder der Tochter, wen er zuerst traf – nur nicht mit der Mutter, denn zu der hatte er selber kein rechtes Vertrauen und nie recht warm in ihrer Gegenwart werden können.
Aber, lieber Gott, wie rasch ihm diesmal die Zeit verflossen war! Er befand sich schon im Hause, schon auf der Treppe, ehe er nur eigentlich selber wußte, wie er dahin gekommen. Und wie schwer ihm die Füße wurden, als er die Stufen hinanstieg, so merkwürdig schwer, und sonst war er sie so leicht hinaufgesprungen! Aber es konnte nichts mehr helfen; er mußte vorwärts. Wie hatte er sich auch nach dem Augenblick gesehnt! Jetzt war er ja da, und er selber nur thöricht und zaghaft, wenn er sich davor fürchtete. Er stieg auch mit festen Schritten die wenigen Stufen hinan, die ihn noch von dem Vorsaal trennten, und wollte sich eben entschlossen nach links wenden, wo er Ottiliens Zimmer wußte, als der Staatsanwalt selber von dort herauskam und auf seine eigene Stube zuging. Als er den jungen Mann bemerkte, rief er freundlich aus:
»Ah, lieber Baumann, wollen Sie zu mir? Kommen Sie hier herein!« Und damit, ohne eine weitere Antwort abzuwarten, schritt er in sein Büreau, dessen Thür er hinter sich offen ließ.
Fritz Baumann konnte jetzt gar nicht anders, als ihm folgen, und nahm das für einen Fingerzeig, denn ein wenig abergläubisch sind wir ja Alle mit einander. Er sollte zuerst mit dem Vater sprechen, und es war vielleicht auch besser so.
Vorn im Büreau saßen und standen fünf verschiedene Schreiber in einem nicht überhellen Gemach; die Leute kritzelten mit ihren Federn und warfen kaum einen Blick darüber hin nach dem Eingetretenen. Ihr Chef war gerade wiedergekommen, und der mußte sie thätig bei der Arbeit finden. Gleich dahinter hatte der Staatsanwalt sein Privatzimmer, und als Fritz Baumann das hinter demselben her betrat, drückte er die Thür in's Schloß, denn die Schreiber brauchten gerade nicht zu wissen, um was es sich hier handle.
»Nun, mein lieber Baumaun,« sagte der Staatsanwalt in seiner cordialen Weise, »was führt Sie zu mir? Setzen Sie sich – Sie rauchen doch?«
»Ich danke freundlichst – heute nicht,« lehnte der junge Mann ab.
»Heute nicht?« lachte Witte, indem er sich die eigene Cigarre anzündete. »Es ist doch nicht etwa Ihr Geburtstag oder sonst eine feierliche Gelegenheit?«
»Lieber Herr Witte,« sagte Fritz, dem es jetzt fast die Kehle zusammenschnürte, »ich – bin allerdings aus einer ganz eigenthümlichen Ursache zu Ihnen gekommen.«
»So? Na, da lassen Sie einmal hören. Wie mir Ottilie neulich sagte, sind Sie ja jetzt Ihr eigener Herr geworden, wie?«
»Allerdings, und das – auch eigentlich die Ursache, weshalb ich zu Ihnen komme...«
»So? Doch keine Schwierigkeiten in der Stadt? Die wollten wir bald klar bekommen.«
»Nein, Herr Witte – eine – Familienangelegenheit....«
»Eine Familienangelegenheit?« sagte der Staatsanwalt etwas gedehnt, und zum ersten Mal flog sein Blick über des jungen Mannes sonntägliche Kleidung; auch die Glacéhandschuhe war er nicht an ihm gewohnt. »Und die betrifft, wenn ich fragen darf?«
»Sie selbst.« – Fritz war in Gang gekommen, und jetzt half ja doch kein längeres hinter dem Berge halten.
»Mich selbst?« lachte Witte. »Sie wollen mich doch nicht selbst bei mir selber verklagen?«
»Nein, Herr Witte,« sagte Fritz ernst, aber freundlich; »aber Ihre Meinung wollte ich in einer Sache hören, die mich sowohl als Sie betrifft.«
»Und die wäre?« fragte Witte, und sein erster Verdacht wurde durch die Aeußerung nur bestärkt – er hatte einen Freiwerber vor sich.
»Ich wollte Sie um die Hand Ihrer Tochter bitten,« platzte denn auch der junge Baumann ohne Weiteres heraus.
»Alle Wetter!« rief Witte erstaunt. »Und haben Sie mit Ottilien schon darüber gesprochen?«
»Nein, Herr Witte; ich bin allerdings deshalb heute herübergekommen, aber da ich Sie zuerst traf, hielt ich es für besser, vorher Ihre Meinung darüber zu hören. Ich brauche Ihnen auch nicht zu sagen, daß ich den Schritt genügend vorbereitet thue. Ich kann Ottilien eine zwar nur bescheidene, aber vollkommen ausreichende Existenz bieten und sie von allen Nahrungssorgen fern halten, ja, ihr aus eigenen Mitteln, ohne irgend eine Mitgift zu beanspruchen, auch noch manche Bequemlichkeit bieten. Mit nur einigermaßen bescheidenen Ansprüchen reichen wir dann sicher aus, denn ich habe jetzt schon, besonders von auswärts, so viele ehrenvolle Aufträge und Arbeiten bekommen, daß ich, wenn sich dieselben nicht einmal steigern, schon jetzt genöthigt bin, einige Gehülfen anzunehmen.«
»Lieber Baumann,« sagte der Staatsanwalt, der bei den letzten Worten still und nachdenkend vor sich niedergesehen hatte, »ich weiß, daß Sie ein braver, tüchtiger Mann sind, kenne Sie auch die langen Jahre und habe Sie von Herzen gern. Ihr Vater ist ebenfalls ein braver, geachteter Bürger in der Stadt....«
»Aber?« sagte Fritz und sah erwartungsvoll zu ihm auf.
»Erwarten Sie kein Aber von meiner Seite,« fuhr jedoch der Staatsanwalt mit dem Kopf schüttelnd, fort. »Hätten Sie mit Ottilien schon gesprochen und ihr Jawort erhalten, so würde ich selber gegen ihre Wahl nichts einzuwenden haben, ja, aufrichtig gesagt, wären Sie mir, mit Ihrem einfachen, anspruchslosen Wesen, lieber als vielleicht mancher andere Schwiegersohn. Das Aber liegt allein bei meiner Tochter, und mit der müssen Sie vorher darüber in's Klare kommen; denn das werden Sie keinesfalls von mir erwarten oder wünschen, daß ich meinem Kind in einer so wichtigen Sache zureden oder sie gar bereden solle.«
»Lieber Herr Witte, Sie glauben mir wohl, daß ich an etwas Aehnliches nicht gedacht habe.«
»Gut, dann gehen Sie hinüber zu meiner Tochter und fragen sie selber. Sie treffen es günstig, denn sie ist gerade ganz allein. Aber Eins beantworten Sie mir erst: Haben Sie irgend eine – wie soll ich gleich sagen – eine gegründete Ursache, zu glauben, daß Ottilie Sie wirklich liebt?«
»Bester Herr Witte....«
»Ich will es nicht meinetwegen wissen, lieber Baumann, denn das ist Ihre Sache; aber ich sage Ihnen ganz aufrichtig, daß meine Idee, wenn ich überhaupt einmal an etwas Derartiges dachte, nach einer andern Richtung hin lag. Ich glaubte, Ottilie hätte eine Neigung nach einer andern Seite gefaßt. Aber, lieber Gott, wer kennt ein Mädchenherz aus, und noch dazu ich, der ich mir die Stunden abstehlen muß, die ich in meiner Familie zubringe!«
»Nach anderer Richtung hin?«
»Ich sage Ihnen, es ist das nur eine Vermuthung, und nichts, gar nichts, worüber ich selber mit mir in's Klare gekommen wäre. Sie waren Spielgefährten zusammen....«
»Ja, und immer, seit der Zeit, habe ich Ottilie im Herzen getragen.«
»Also wirklich eine erste Liebe? Aber haben Sie noch nie eine Andeutung davon gegen sie fallen lassen?«
»Neulich, als ich sie zum letzten Male sprach.«
»Und was sagte sie da?«
»Wir wurden gestört – es kam Besuch – es war unmittelbar nach dem Ball, den Sie damals gaben. Aber wenn ich nach ihrem Erröthen und dem Ausdruck ihrer lieben Züge gehen darf, so ist sie mir gut.«
»Na, dann versuchen Sie Ihr Glück in Gottes Namen,« nickte der Staatsanwalt; »der Henker soll aus dem Mädchen klug werden! Von mir haben Sie auch keinen Widerspruch zu fürchten, wobei ich jedoch nicht eben so sicher für die Mutter einstehen möchte. Aber das läßt sich am Ende auch überwinden, und wenn sich ihr Kind glücklich darin fühlt, wird sie auch nichts dagegen haben dürfen.«
»Mein lieber Herr Witte, wie herzlich danke ich Ihnen....«
»Noch haben Sie für gar nichts zu danken, lieber Baumann,« sagte der alte Herr; »denn hoffentlich halten Sie mich doch für einen vernünftigen Mann, der sein Kind eben so gern, oder noch ein groß Theil lieber einem braven Techniker, als irgend einem vornehmen Flieg' in die Luft giebt. Reden Sie mit dem Mädel, und wenn Ottilie damit einverstanden ist und Sie so lieb hat, wie – ich es eigentlich wünsche, dann in Gottes Namen!«
Damit drückte er dem jungen Manne herzlich die Hand und öffnete ihm selbst die Thür, und Fritz flog mehr als er ging – sehr zum Erstaunen der Schreiber – durch die Stube und über den Vorsaal hin.
Fritz klopfte herzhaft an – jetzt war der Bann gebrochen, und als er nach einem rasch folgenden »Herein!« die Thür öffnete, kam ihm Ottilie schon auf halbem Weg entgegen, und es war fast, als ob sie die Hand nach ihm ausstrecke. Aber wie verlegen wurde sie, als sie den jungen Baumann erkannte und stotterte:
»Entschuldigen Sie, Herr Baumann, ich dachte – es ging gerade Jemand – eine Freundin von mir – unten vorüber, und ich – glaubte, sie wäre zu mir heraufgekommen.«
»Und bekomme ich keine Hand, Fräulein Ottilie?«
»Gewiß, warum nicht?« sagte das junge Mädchen, aber immer noch befangen, indem sie ihm die Hand reichte. Sie wußte auch dabei gar nicht, wie sonderbar ihr der junge Mann heute vorkam, ganz anders als sonst – und was wollte er nur? Eine Arbeit war doch nicht bestellt worden.
Fritz aber, dem ihre Verlegenheit nicht entgehen konnte, fuhr rasch fort: »Es thut mir leid, Fräulein Ottilie, daß Sie durch mein Erscheinen vielleicht enttäuscht wurden. Soll ich aber aufrichtig sein, so bin ich froh, daß Sie jetzt keinen Besuch bekommen haben, denn ich möchte ein paar Worte mit Ihnen reden – Sie um etwas fragen.«
»Ja.«
»Nun, wenn ich Ihnen in irgend etwas Auskunft geben kann, von Herzen gern.«
»Erinnern Sie sich noch der Zeit, Fräulein Ottilie, wo wir zusammen spielten und als Kinder so fröhlich mit einander waren?«
»Sie holen weit aus; aber ich dächte, Sie hätten mich neulich schon darum gefragt. Gewiß, und weshalb nicht?«
»Wissen Sie noch, was wir damals spielten, Ottilie?«
Ottilie erschrak. Bei ihrem bloßen Vornamen hatte sie Baumann seit jener Zeit nie wieder genannt, und sie erinnerte sich auch, was sie hauptsächlich zusammen gespielt hatten: Braut und Bräutigam. Jetzt wurde ihr klar, was ihr früherer Spielgefährte von ihr wollte, weshalb er so feierlich auftrat. Wieder erblaßte sie auch und wurde dann feuerroth, fühlte aber zu gleicher Zeit, daß sie jeder Erklärung, so lange es noch Zeit war, zuvorkommen müsse, und sagte rasch:
»Lieber Himmel, Herr Baumann, was spielen Kinder nicht oft mit einander! Aber die Zeiten sind jetzt vorüber, Sie ein gereifter Mann geworden, ich bin ebenfalls aus den Kinderschuhen gewachsen; lassen wir die alten Sachen ruhen. Was wollen Sie mich denn fragen? Sie entschuldigen, ich muß zum Vater hinüber.«
»Ihr Vater schickt mich gerade zu Ihnen.«
»Mein Vater? Aber weshalb?«
»Ich kann nicht lange Worte machen, Ottilie,« brach jetzt Baumann durch alle Hindernisse. »Schon neulich sagte ich Ihnen, daß ich selbstständig geworden sei und jetzt beabsichtige, einen Hausstand zu gründen. Wollen Sie mir darin helfen? Wollen Sie mein Weib werden? Seit meiner frühesten Jugend trage ich Sie im Herzen, nie hat der Gedanke an ein anderes Wesen meine Brust erfüllt. Sehen Sie den Groschen hier, den Sie mir vor einiger Zeit gaben? Wie ein Heiligthum trage ich ihn seitdem auf meinem Herzen. Ich weiß,« fuhr er bewegt fort, als Ottilie erbleichend schwieg, »ich bin nicht aus vornehmem Stand, und Glanz und Rang kann ich Ihnen nicht bieten, aber ein treues Herz, Ottilie, und einen geachteten, ehrlichen Namen. Mein Auskommen habe ich auch; Sie sollen wahrlich an meiner Hand weder Noth noch Sorge kennen lernen, und wenn Ihr Herz nur ein klein wenig...«
»Halten Sie ein, Herr Baumann,« unterbrach ihn Ottilie mit fast tonloser, aber doch vollkommen deutlicher Stimme, »Gehen Sie nicht weiter und hören Sie mich erst an.«
Baumann erschrak wirklich über die Blässe, die plötzlich alle Farbe aus ihren Wangen trieb, nur ihre Augen hatten einen ganz merkwürdigen Glanz angenommen, aber ihr Ausdruck war nicht mehr so freundlich, als vorher. Das Mädchen jedoch, während sie sich mit der Hand an dem nächsten Tisch stützte, fuhr mit immer fester werdender Stimme fort:
»Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Sie in mich zu setzen scheinen. Man sagt ja, daß ein jeder solcher Antrag ein junges Mädchen ehrt, und ich darf mich deshalb nicht gekränkt dadurch fühlen. Was aber Ihre Liebe betrifft, so thut es mir leid – ich kann sie nicht erwiedern.«
»Ottilie!«
»Es ist nothwendig, daß wir offen gegen einander sind,« fuhr die Jungfrau fort, und ihr Auge blitzte dabei wie in verhaltenem Zorn, »schon deshalb nothwendig, um jedes Mißverständniß für die Zukunft zu vermeiden: nehmen Sie daher die Versicherung, daß ich niemals Ihre Gattin werden kann und will.«
»Sie haben kein Recht zu dieser Frage,« erwiederte das junge Mädchen mit eisiger Kälte. »Wenn ich als Kind nicht den Unterschied kannte, der uns von einander trennt, so darf man das dem Kinde wohl verzeihen. Sie werden mir gestatten, daß ich mich jetzt in die Schranken, die mir von der Gesellschaft geboten sind, zurückziehe.«
Baumann sah das junge, wirklich selbst in ihrem Zorn bildschöne Mädchen groß und fast erstaunt an. Das war kein liebes, sanftes Herz, wie er es sich in dieser Brust gedacht; das war nichts als eitler Stolz und Hochmuth, der diese Worte sprach, und die Jungfrau, wenn sie auch ihre Worte milderte, stand ihm in der That genau so gegenüber, als ob er sie auf das Tödtlichste beleidigt hätte. Ihm selber stieg jetzt das Blut in die Stirn, denn er schämte sich der Rolle, die er hier spielte, obgleich er in der ehrlichsten Absicht hergekommen. Das war nicht die Tochter ihres Vaters, das war die Tochter ihrer Mutter, und wie er nur fühlte, daß hier jedes weitere Wort vergeblich sei, ja, seine Lage nur unangenehmer machen konnte, sagte er artig, aber jetzt ebenfalls nur kalt und höflich:
»Fräulein Ottilie, ich muß Sie um Verzeihung bitten, ich wußte nicht, daß Ihr Verstand schon so vollständig Ihrem Herzen über den Kopf gewachsen war. Ich bin mir jetzt unserer beiderseitigen Stellung bewußt, und seien Sie versichert, ich werde Ihnen nie wieder lästig fallen.«
Ottilie wurde blutroth. Das klang wie ein Vorwurf, und während sie vielleicht fühlte, daß sie ihn verdient hatte, empörte sich doch auch wieder ihre Eitelkeit dagegen, auch nur Aehnliches von dem Handwerker zu ertragen. Fritz Baumann ließ ihr aber keine Zeit, zu irgend einem Entschluß zu kommen. Er verbeugte sich kalt – sein Hut stand neben ihm auf dem Tisch –, und wenige Secunden später schloß sich die Thür hinter ihm.
Fritz Baumann dachte auch nicht daran, den Staatsanwalt wieder aufzusuchen. Er konnte ihn jetzt nicht sprechen, denn die Thränen standen ihm in den Augen, und Hals und Kehle waren ihm wie zugeschnürt. Aber nicht der Schmerz um eine verlorene Geliebte trieb ihm das Wasser zwischen die Wimpern, sondern weit mehr verletztes Ehrgefühl.
Ottilie verachtete in ihm den Handwerker, der es gewagt hatte, zu ihr, der vornehmen Dame, die Augen zu erheben, und was war sie? Eines Advocaten Tochter, eines Bürgers der Stadt, wie sein alter, braver, von Allen geachteter Vater ebenfalls Bürger war. Er biß die Zähne zusammen und stieg langsam die Treppe hinab.
»Ein Korb,« murmelte er dabei, »ein Korb in aller Form, und wie ertheilt – so höhnisch, so kalt, so herzlos!« Was war ihr der Jugendgespiele, was die Liebe, die er für sie im Herzen trug!
So schritt er über die Straße hinüber, so die Bahn entlang nach seines Vaters Hause, und erst als er dort auf der Schwelle stand, zögerte er wieder, denn er schämte sich, dem alten Mann unter die Augen zu treten. Hatte der es ihm nicht vorausgesagt? Aber das konnte er nicht wissen; kein Mensch konnte hinter so lieben, treuen Augen solche Eitelkeit, eine so herzlose Brust vermuthen. Und wie würde jetzt das überstolze Mädchen auf ihn herabsehen, wenn sie ihm je wieder begegnete! Und konnte er sie denn hassen? Er schüttelte traurig vor sich hin den Kopf. Ach, zu lange hatte er jenes selige Gefühl der Liebe mit sich herumgetragen, um es jetzt so rasch und plötzlich gegen Haß umzutauschen!
Aber da war er an der Schwelle, ja, er stand in der Werkstatt, ehe er es selber recht wußte. Und sollte er hineingehen?
Die Stube öffnete sich, und Madame Müller, die indessen die ganze Zeit hier gesessen hatte, kam heraus. Sein Vater begleitete sie an die Thür.
»Sie können gar nicht fehlen, Madame,« sagte er; »links gehen Sie hinunter, und dann biegen Sie rechts hinein in die erste Straße. Es muß etwa das sechste oder siebente Haus sein; Sie sehen schon das kleine Porzellanschild an der Thür unten: »Staatsanwalt Witte.« Wenn Sie es denn nun einmal nicht anders haben wollen; aber ich an Ihrer Stelle... Holla, Fritz, schon wieder da? Junge, das ist schnell gegangen, fast ein bischen zu schnell,« setzte er langsamer hinzu. »Na, komm nur herein; es ist beinahe, als ob ich heute meinen Ambos gar nicht wieder warm kriegen sollte.«
Madame Müller grüßte, griff ihren, indeß vollständig abgelaufenen Regenschirm wieder auf und verließ das Haus, während Fritz langsam dem Vater in die Stube folgte.
»Wo ist die Mutter, Vater?«
»Weiß der liebe Gott, was sie vorhin angewandelt,« sagte der Alte; »sie wurde auf einmal unwohl, und hat sich auf ihr Bett gelegt. Ach, das geht rasch vorüber! Wenn man in die Jahre kommt, packt Einen manchmal so 'was ganz plötzlich, dauert aber gewöhnlich nicht lange. Mir wurde auch neulich einmal sehr schlecht, wie ich den drei Centner schweren Krahn auf den Wagen gehoben hatte; aber es ging gleich wieder vorüber. Altersschwäche, mein Junge, weiter nichts. Aber was ist mit Dir? Du schneidest gerade so ein Gesicht, als ob Dir der Hafer verhagelt wäre. Abgeblitzt, heh?«
»Ja, Vater,« sagte Fritz mit fester und entschlossener Stimme, denn er hätte dem Vater gegenüber nicht einmal Ausflüchte suchen mögen. »Du hattest recht – wär' ich Deinem Rath gefolgt!«
»Hm, und was sagte sie?« fragte der Vater, indem er beide Hände vorn in sein Schurzfell schob.
Fritz sah eine Zeit lang schweigend vor sich nieder. Endlich flüsterte er: »Sie sagte, Vater, daß sie sich jetzt, wenn wir auch früher als Kinder mit einander gespielt hätten, in den Schranken halten müsse, welche die Gesellschaft für sie gezogen.«
»Unsinn,« brummte der Schlossermeister; »das versteh' ich nicht. Was hat die Gesellschaft mit Eurer Heirath zu thun?«
»Sie meinte damit,« fuhr Fritz finster fort, »daß sie zu vornehm wäre, um einen Handwerker zu heirathen, wenn Dir das deutlicher ist.«
»Das ist allerdings deutlich genug,« lachte der alte Schlosser ingrimmig vor sich hin; »aber nicht anders, als ich's mir gedacht hatte. Und die Mutter war natürlich ganz damit einverstanden?«
»Die Mutter war gar nicht zu Hause.«
»Und der Vater?«
»Ist ein Ehrenmann. Ich sprach mit ihm vorher darüber, und er war freundlich und gut, und sagte mir, daß er mit Freuden seine Einwilligung geben würde, wenn die Tochter es wünsche.«
»Also ich hatte wieder einmal recht?«
»Ja, Vater.«
»Armer Junge,« nickte der Vater nach längerer Pause, in der Beide ihren Gedanken folgten. »Das war freilich ein böser Gang, und ein mäßiger Amboß ist manchmal leichter zu tragen, als so ein Korb. Aber laß Dir's nicht leid sein, Fritz. Mir ist dabei, ich gebe Dir mein Wort, eine Last vom Herzen, denn das Mädel hätte nicht zu Dir gepaßt, und Ihr wäret Beide für Euer ganzes Leben unglücklich geworden. Gleich und Gleich gesellt sich gern; aber mit der Familie, den alten Staatsanwalt ausgenommen, würden wir nie zusammen gegangen sein. Es ist gegen die Natur; und was wär' das nachher für ein Leben, wenn man nicht einmal den Sohn in seinem eigenen Hause besuchen dürfte, und die Schwiegereltern wie Hund und Katze zusammen lebten! Und paßt Du etwa zu Bällen und großen Mittagsessen, wo eine Menge vornehmes Pack zusammenkommt und die Handwerker über die Achsel ansieht? Daß sich das Volk selber nicht ernähren kann, und mit seinem Adelsstolz vom Staate gefüttert werden muß, sehen sie nicht ein! Das gehört sich, das war in der Weltgeschichte nie anders; aber der Plebs darf ihnen nicht in die Quere kommen!«
»Wittes sind ja aber doch gar nicht adelig, Vater...«
»Um so viel schlimmer, mein Junge. Mit einem wirklich vornehmen Manne ist immer leicht verkehren, aber das unausstehlichste Gesindel sind derlei Bürgerliche, wenn sie sich in den Adel hineindrängen, und die alte Frau Witte mitsammt ihrer Tochter gehören zu der Race, von der Frisur oben bis zur Fußspitze hinunter.«
Fritz hatte sich auf einen Stuhl geworfen und stützte den Kopf in die Hand.
»Und Alles umsonst,« sagte er leise; »wie habe ich gearbeitet und geschafft, wie gedarbt und gespart, nur immer mit der einen Hoffnung im Herzen, und jetzt Alles vergebens!«
»Wenn ich nur so 'was nicht hören müßte!« rief der alte Schlossermeister. »Du redest gerade, als ob Du ein Greis von einigen achtzig Jahren wärst und Dich nun ganz behaglich in die Grube legen könntest. Du hast gearbeitet und geschafft, ja, aber nicht für die stolze Liese, die sich zu gut dünkt, eines braven Mannes Frau zu werden, sondern für Dich selbst, und was Du gethan und geleistet hast, kommt Dir jetzt selber zu Gute. Erste Liebe – ja, prosit die Mahlzeit! Wie wenig Menschen giebt es auf der Welt, die ihre erste Liebe bekommen! Das ist die Blüthe am Baume, die Frucht kommt später, und junges Volk glaubt gewöhnlich, wenn es sich in das erste glatte Gesicht vergafft hat, daß es sterben und verderben würde und müsse, wenn sie das nicht als Eigenthum bekämen, 's ist aber nicht wahr, und sie leben ruhig fort, und finden auch bald eine Andere, die sie eines Besseren belehrt. Glaubst Du, daß Deine Mutter meine erste Liebe gewesen wäre, oder ich ihre? Gott bewahre! Ich hatte ein Mädel gern, das mit einer Familie von England gekommen war, ein blitzsauberes Ding, und ich hätte mich damals mit Vergnügen für sie todtschlagen lassen. Nachher hat sie den dicken Wirth in Eichenbach geheirathet und jetzt zehn oder zwölf Kinder, lauter Jungen, und ich danke meinem Schöpfer noch heute, daß ich Deine Mutter und nicht sie bekommen habe, denn sie ist ein Drache, und der Skandal im Hause hört nicht auf, während Deine Mutter und ich in Frieden und Liebe die langen, langen Jahre verlebt und nie den Tag bereut haben, an dem wir unsere Hände in einander legten und Ja sagten. Willst Du fort?«
Fritz war aufgestanden und hatte seinen Hut genommen. »Ja, Vater,« sagte er, »ich will nach Hause und wieder mein Arbeitszeug anziehen, ich werde die Gedanken sonst nicht los.«
»Da hast Du recht,« nickte der Vater, »das Gescheidteste, was Du thun kannst, und wenn Du meinem Rathe folgen willst, mein Junge, so freie das nächste Mal, wie ich um Deine Mutter gefreit habe, nicht in einem feinen Rock und mit nichtsnutzigen Handschuhen an den Händen, sondern im Schurzfell. Die Ehen halten nachher, und wenn Ihr Euch Beide lieb habt in der Arbeit, so habt Ihr Euch auch lieb im Glück und Ueberfluß – umgekehrt stimmt's nicht.«
»Adieu, Vater!«
»Hast Du denn schon gegessen?«
»Ist mir heute der Appetit vergangen,« sagte der junge Mann, indem er ohne weiteren Gruß zur Thür hinausschritt.
Der alte Schlossermeister blieb noch eine Weile am Tisch stehen und sah ihm nach. So lieb es ihm auch sein mochte, daß aus der Verbindung, der er nie etwas Gutes zugetraut, nichts geworden war, so ärgerte es ihn doch, daß jenes stolze Ding seinen Fritz so hatte ablaufen lassen. Aber das dauerte nicht lange; Meister Baumann war kein Charakter, der stundenlang über geschehene Dinge nachgegrübelt hätte.
»Wetterhexe!« brummte er nur leise in den Bart, dann schob er sich das Käppchen auf's linke Ohr, und zehn Minuten später schallten die Schläge seines Hammers wieder so lustig durch die Werkstatt, wie nur je.
Der Staatsanwalt Witte war indessen durch den Antrag des jungen Technikers ebenso überrascht worden, wie seine Tochter selber, ohne aber auch nur für Einen Moment seinen praktischen Standpunkt zu verlieren. Er hatte allerdings keine Ahnung gehabt, daß nach dieser Richtung hin bei Ottilien eine Neigung im Aufkeimen wäre – weit eher nach anderer, und das mußte doch der Fall sein, sonst würde der junge, sonst so schüchterne Mann nicht gleich mit einem directen Antrage vorgetreten sein. Aber er wäre nicht böse darüber gewesen, denn er kannte Fritz Baumann als einen strebsamen, ordentlichen und fleißigen jungen Techniker, und gegen die Eltern war ebenfalls nichts einzuwenden. Ein etwas »vornehmerer« Schwiegersohn wäre vielleicht auch ihm recht gewesen, aber er dachte doch zu vernünftig, um das ein Hinderniß sein zu lassen, wenn Ottilie selber ihr Glück darin sah – that sie das aber wirklich?
Er ging in seinem kleinen Zimmer auf und ab und dachte gar nicht an Arbeiten, denn wichtigere Dinge kreuzten ihm jetzt das Hirn – die Zukunft seines einzigen Kindes. Allerdings wollte die Mutter – das wußte er gut genug – hoch mit ihr hinaus, und ihr wäre eine derartige Verbindung ein bedeutender Strich durch die Rechnung gewesen; bei ihr fanden sie deshalb auch gewiß noch hartnäckigen Widerstand – aber neigte sich denn nicht Ottilie selber ganz den Ansichten der Mutter, und sollte sie die so auf einmal und so plötzlich gewechselt haben?
Der Staatsanwalt blieb plötzlich in der Stube stehen. Wenn er nun selber einmal zu seiner Tochter hinüberging – aber das verdarb am Ende mehr, als es gut machte. Er hätte auch nicht einmal zureden können und mögen, denn – eine brillante Partie war es immer nicht; aber er würde auch nicht abgeredet haben. Es war besser, er ließ der Sache eben ihren natürlichen Lauf.
Draußen auf dem Gang wurde eine Thür geöffnet und hastig wieder geschlossen; er hörte es deutlich, denn seine eigene, in das Schreibzimmer führende Thür stand noch offen – das konnte doch nicht schon der Brautwerber gewesen sein – vielleicht seine Frau. Er schritt hinaus über den Vorsaal in seiner Frau Wohnstube, um dort aus dem Fenster auf die Straße zu sehen. Wahrhaftig, dort ging der junge Baumann mit raschen Schritten gerade über den Weg!
»Abgelehnt,« nickte er leise vor sich hin – »ob ich es mir denn nicht gedacht habe – armer Junge – aber es ist, wie ich gefürchtet: das Mädel hat, wie man so sagt, große Rosinen im Topfe, und ihre Mama quellt sie noch auf.« – Er zuckte mit den Achseln. – »Ich kann's nicht ändern, und das Gescheiteste wird sein, ich thue, als ob ich gar nichts von der ganzen Geschichte wüßte.«
Damit drehte er sich um und glitt wieder – dieses Mal mit geräuschlosen Schritten – in sein Büreau hinüber, wo er sich an sein Pult setzte und arbeitete. Er wollte das Ganze ruhig an sich kommen lassen.
Eine gute Viertelstunde, vielleicht etwas länger, mochte er so ungestört geblieben sein, als einer seiner Schreiber den Kopf in die Thür steckte und sagte: »Herr Staatsanwalt, es ist eine Frau hier, die Sie selber zu sprechen wünscht.«
»Wer ist es?«
»Die Frau Müller aus Vollmers.«
»Soll herein kommen,« sagte der Staatsanwalt mürrisch; er hatte den Kopf voll und die Störung war ihm nicht gelegen.
»Guten Tag, Herr Advocat!« sagte Madame Müller, indem sie sich in der Stube nach einem Platz umsah, wo sie ihren Schirm abstellen konnte, denn sie brauchte ihre Hände für den Strickbeutel.
»Guten Tag, liebe Frau! Was wünschen Sie?«
»Sehen Sie, Herr Advocat,« sagte Madame Müller, indem sie den Schirm glücklich hinter dem Sopha anbrachte, »ich bin die Frau Müller aus Vollmers, und daß mir kein Mensch 'was Böses oder Schlechtes nachsagen kann, das will ich Ihnen beweisen. Da, hier,« fuhr sie fort, indem sie ein ganzes Paket Schriftstücke aus ihrem Arbeitsbeutel nahm, »ist mein Tauf- und Impfschein, mein Confirmations-Zeugniß, mein altes Dienstbuch, denn ich.....«
»Meine gute Madame,« sagte Witte ruhig, »Sie sind hier mit ihrer Beschwerde am unrechten Platz. Daß Sie eine brave, rechtliche Frau sind, glaube ich Ihnen auf Ihr Wort, aber ich habe mit der Sache....«
»Na, aber dann brauchen auch so ein paar alte Schleicher nicht zu mir in's Haus zu kommen,« rief die Frau entrüstet, »und mir alle möglichen Grobheiten und Injurien zu sagen!«
»Liebe Madame Müller,« sagte Witte ungeduldig werdend, »Sie sind hier an den vollkommen unrechten Ort gerathen; denn wenn Sie, wie ich nach Ihren Reden vermuthen muß, in Ihrem eigenen Hause beleidigt wurden, so gehen Sie einfach auf die Polizei und beschweren sich dort. Einen Advocaten haben Sie dazu überhaupt nicht nöthig.«
»Aber ich will einen haben,« sagte die Frau ganz entschieden, »denn wenn ich gegen ein paar so vornehme Herren auf die Polizei gehe, so steckt die mit ihnen durch, und Unsereiner kann mit langer Nase wieder abziehen.«
Witte lachte. »Sie haben gute Ansichten von der Polizei, aber Sie sind im Irrthum; ob Sie ein Baron oder ein Graf oder wer sonst beleidigt hat, bleibt dasselbe – die Gesetze sind für Alle gleich. Aber jetzt, liebe Madame, bitte ich Sie, mich zu entschuldigen; ich bin sehr beschäftigt und habe auch mit der Sache gar nichts zu thun. Gehen Sie nur auf die Polizei.«
»Nein,« sagte die Frau – »Gott bewahre Einen vor der Polizei! Einen Advocaten will ich haben, und wenn's auch kein Baron oder Graf war, so war's doch ein Major und ein Rath, und den Rath besonders, den Herrn Frühbach, den soll mir der Advocat drangsaliren, daß er schwarz wird!«
»Rath Frühbach – und ein Major?« sagte Witte, plötzlich aufmerksam werdend, denn er mußte an den verbissenen Major von Halsen denken. »Wie hieß der Major?«
»Halsen,« sagte die Frau, »Major von Halsen.«
»Und der soll Sie in Ihrem eigenen Hause beleidigt haben?« sagte der Staatsanwalt kopfschüttelnd. »Das ist wohl nur ein Irrthum, liebe Frau, denn der alte Herr kränkelt fortwährend und wäre kaum zu Ihnen nach Vollmers gekommen.«
»Irrthum? Ja, schöner Irrthum!« rief die Frau. »Kränklich sieht er aus, denn er humpelte an einem Stock herum. Aber wo soll da ein Irrthum herkommen, wenn er mir in meinem eigenen Hause sagt – das heißt, der Rath, nicht der Major –, das Bild, das über meinem Sopha hängt, wäre nicht meine Tochter, sondern die Tochter vom Baron von Wendelsheim, und daß ich die Kinder vertauscht hätte, wo ich den jungen Baron selber auf meinen eigenen Armen zehn volle Monate herumgetragen und genährt habe.«
»Von Wendelsheim?« sagte Witte, der schon ungeduldig auf seinem Stuhl herumgerückt war, jetzt plötzlich aufmerksam werdend. Dahinter stak wieder der unglückliche Major, so viel war sicher, und hatte jetzt, wie es schien, seinen tollen Verdacht so weit getrieben, um einen Eclat herbeizuführen. Witte selber fing aber an, sich nach den Vorgängen von heute Morgen mehr und näher für den Namen Wendelsheim zu interessiren. Seine Tochter mußte eine andere Neigung haben, oder sie hätte den Freier nicht so rasch und entschieden abgewiesen, und er wünschte nun wenigstens der Klagesache auf den Grund zu kommen, um wo möglich ein Oeffentlichwerden der fatalen Rederei zu verhindern. Anstatt die Frau deshalb abzuweisen, legte er die Feder hin, drehte sich auf seinem Stuhl herum und sagte: »Dann lassen Sie wenigstens einmal hören, was die Herren von Ihnen gewollt haben; bitte, nehmen Sie Platz und reden Sie ein wenig leiser.«
Madame Müller verlangte nichts weiter, als einen Platz zum Sitzen und eine Aufforderung zum Reden, und begann nun auch ohne Säumen mit ihrer gewöhnlichen Weitschweifigkeit nach allen Himmelsrichtungen hin auszuholen. Witte war aber nicht der Mann, der ihr das hingehen ließ. Wie er nur erst einmal herausbekam, worauf es abzielte, hielt er sie auch in dem Geleise, und wenn sie nach links oder rechts ausbrechen wollte, schnitt er ihr augenblicklich den Faden ab und brachte sie wieder in die richtige Bahn. So hatte er denn auch nach einer kleinen halben Stunde, denn die Zeit gebrauchte Madame Müller doch, um sich gehörig zu entwickeln, nicht allein den größten Theil ihrer Lebensgeschichte – so weit sich dieselbe nämlich auf das Wendelsheim'sche Haus und die spätere Zeit bezog –, sondern auch die genauen Vorgänge jenes Morgens erfahren, wo der Major und der Rath Frühbach so schmählich abgefahren waren. Wiederholt producirte dabei Madame Müller jenen ganzen Stoß von Papieren, der ihre Unschuld bekräftigen sollte, wenn der Staatsanwalt überhaupt noch an derselben gezweifelt hätte. Witte wies sie jetzt auch nicht ganz zurück, sondern blätterte sie durch, um den Tag zu erfahren, an welchem sie damals zuerst in Wendelsheim'sche Dienste, und zwar als Amme, eingetreten war; das Datum notirte er sich und schnürte das Paket dann wieder zusammen. Uebrigens stimmte dasselbe genau mit ihrer Angabe, und das wußte er schon selber aus früheren Nachforschungen, daß die Frau wirklich erst in der Nacht, und zwar mehrere Stunden nach der Geburt des Kindes, durch den herrschaftlichen Kutscher in einem verschlossenen Wagen aus ihrem Heimathsort abgeholt worden sei und die Wartung des Säuglings dann übernommen habe. Die Madame Müller machte dabei den Eindruck einer zwar etwas derben und überschwatzhaften, aber doch grundehrlichen Frau, und der Staatsanwalt mußte nur im Stillen für sich lachen, wenn er sich die Scene dachte, wo Frühbach und der Major einen Angriff auf sie versucht hatten, es natürlich so ungeschickt als möglich anfingen und mit einem Donnerwetter und völlig geschlagen wieder abziehen mußten. So gern er aber dem Major sowohl wie dem Rath eine kleine Lection gegönnt hätte, die nicht ausblieb, wenn die Sache vor Gericht kam, so durfte er es doch nicht so weit gehen lassen, schon des unausbleiblichen Geredes wegen, das darüber entstanden wäre. Er freute sich jetzt ordentlich, die Frau nicht gleich abgewiesen zu haben, und es galt jetzt nur, sie von ihrer Klage abzubringen. Uebrigens zeigte sich das gar nicht so leicht, denn Madame Müller hatte einen ganz entschiedenen Charakter wie ihren eigenen Kopf, und Witte wurde deshalb höflich.
»Liebe Madame,« sagte er, als sie ihren letzten Satz damit schloß, daß er jetzt eine ordentliche und tüchtige Klage gegen die »beiden Subjecte« aufsetzen solle – »die Anklage oder Verdächtigung der beiden Herren ist viel zu ungeschickt und leer, als daß Sie darauf das geringste Gewicht legen könnten – kein vernünftiger Mensch wird deshalb etwas Derartiges von Ihnen glauben.«
»Und deshalb sollen sie mir gerade an's Messer,« sagte Madame Müller, indem sie auf ihren Strickbeutel klopfte: »da drinnen steht's, daß ich mir von solcher – Bagage meinen ehrlichen Namen nicht brauche verschimpfiren zu lassen!«
»Davon rede ich nicht,« sagte der Staatsanwalt, »das ist eine Sache, die sich von selbst versteht; aber Sie sehen mir gerade so aus, als ob Sie auch praktischer Natur wären – hab' ich nicht recht?«
»Na, ich sollte denken,« sagte die Frau, »wenn man sich einmal so lange in der Welt herumgetrieben hat....«
»Nun gut, dann müssen Sie sich doch auch von einer solchen Klage einen praktischen Nutzen versprechen, nicht wahr?«
»Ich will nichts für mich davon haben,« sagte die Frau, die ihn falsch verstand; »nur die Beiden sollen abgestraft werden, wie sich's gehört und wie sie's verdient haben.«
»Das meine ich nicht,« sagte kopfschüttelnd Witte; »Sie selber haben natürlich nichts davon, als Lauferei und Unannehmlichkeiten, und das wäre das Wenigste, denn denen muß sich jeder unterziehen, der vor Gericht geht. Aber um ganz reine Sache zu haben und die Schuld allein auf Ihre Gegner zu wälzen, fürchte ich, sind Sie schon gleich von Haus aus zu weit gegangen.«
»Ich – wie so denn?«
»Sie scheinen mir etwas heftiger Natur, und wie ich vorhin aus Ihrer ganzen Erzählung vernommen, haben Sie den Herren nicht allein tüchtig die Wahrheit gesagt – dagegen ließe sich nichts einwenden –, sondern Sie haben auch Schimpfworte wie Schafskopf und dergleichen gebraucht und dadurch eine Beleidigung nicht allein erlitten, sondern auch gleich erwiedert.«
»Aber der Henker soll da ruhig bleiben, wenn Einem in seinem eigenen Hause...«
»Ich gebe Ihnen ganz recht, verehrte Frau – in meinen Augen sind Sie vollkommen entschuldigt und wir Alle hätten unter ähnlichen Verhältnissen vielleicht das nämliche gethan; aber die Gesetze sind darin außerordentlich streng, und bedenken Sie selber, wie das aussehen würde, wenn Sie Jemanden gerade eines Vergehens wegen anklagen wollten, das Sie ebenso gegen ihn verübt.«
»Ach bah – was ist denn das, wenn ich einen Menschen einen Schafskopf nenne?«
»Bitte um Verzeihung, Madame, einen gewöhnlichen Menschen vielleicht nicht, aber bedenken Sie, einen Rath! Sie beleidigen dadurch nicht allein den Mann, sondern den Staat, ja, den König selbst, der ihn zum Rath gemacht hat, denn Sie sagen damit, daß er einen Schafskopf zum Rath ernannt habe.«
»Na, und das kommt wohl nicht vor?«
Witte zuckte die Achseln. »Wir dürfen es aber nicht aussprechen,« sagte er, »und Sie könnten in den Fall kommen – und kommen sicher hinein –, daß Sie den Herren noch öffentlich Abbitte thun müßten.«
»Und das nennen Sie Gerechtigkeit?« rief Madame Müller, den Arm entrüstet in die Seite stemmend. »Der Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird, und eine arme, alleinstehende Frau, die nichts hat, als ihre Zunge, soll noch nicht einmal Schafskopf damit sagen dürfen?«
»Und auf was wollen Sie eigentlich klagen, Madame Müller? Der Herr Rath hat behauptet, daß das Bild in Ihrer Stube nicht das Ihrer Tochter, sondern einer Tochter des Barons von Wendelsheim wäre. Gut, das ist aber noch immer keine Beleidigung, sondern nur ein Irrthum.«
»Aber der Baron hat ja gar keine Tochter, und er meinte damit...«
»Was er damit meinte, können wir Beide nicht wissen, und noch weniger das Gericht. Wir vermuthen allerdings, was er damit meinen konnte; aber darauf läßt sich keine Klage basiren.«
»Aber er sagte mir auch direct auf den Kopf zu, ich hätte die Kinder umgetauscht.«
»Das wäre allerdings eher ein Grund, um klagbar aufzutreten; aber erinnern Sie sich noch ganz genau der Worte? Bedenken Sie wohl, so genau, daß Sie dieselben auch beschwören können; denn es wäre ja wohl sehr leicht möglich, daß er eine Vertauschung behauptet und Sie dabei genannt habe, ohne gerade zu sagen, daß Sie die eigentliche Person wären, welche die Vertauschung bewirkt hätte. Auf das Setzen der Worte kommt hier Alles an. Können Sie sich noch genau darauf besinnen?«
»Ja, Du lieber Gott,« sagte Madame Müller, doch jetzt stutzig gemacht, »es sind nun zehn oder zwölf Tage darüber hingegangen – den Sinn weiß ich noch genau, und der war so...«
»Wie Sie ihn nämlich verstanden haben.«
»Nun natürlich – aber die einzelnen Worte, wer kann die so lange und so genau im Kopfe behalten?«
»Und doch kommt gerade auf die Worte Alles an,« sagte Witte; »wenn Sie die nicht genau vor Gericht beschwören können, so fällt Ihre ganze Klage zusammen und Sie werden abgewiesen. Rath Frühbach aber, der weit eher im Stande ist, seinen Schafskopf eidlich zu erhärten, dreht den Spieß nachher um, und Sie haben außer Ihren Laufereien auch noch Kosten und Unannehmlichkeiten.«
»Das nehme mir aber kein Mensch übel,« rief Madame Müller entrüstet aus, »da hört doch die Gerechtigkeit auf, wenn sich eine arme, alleinstehende Frau sollte ungestraft beleidigen lassen, blos weil sie nicht mehr genau weiß, was das Lumpenvolk gesagt hat! Denken Sie denn, daß man in einem solchen Augenblick, wo Einem die Galle überläuft, auch auf jede Silbe so genau passen und sie gleich aufschreiben kann? Und das glaub' ich auch nicht,« setzte sie bestimmt hinzu, indem sie von ihrem Stuhl aufstand und einen Blick nach ihrem Schirm warf; »das wollen wir doch erst noch einmal sehen.«
»Wollen Sie mir die Sache überlassen, Madame Müller?«
»Dazu war ich von Anfang an hergekommen; aber wenn Sie mir gleich von vorn herein sagen, daß ich...«
»Erlauben Sie mir einmal, verehrte Madame – Sie wollen doch nur Genugthuung für die angethane Beleidigung, nicht wahr?«
»Weiter nichts auf der Gotteswelt.«
»Also ist es Ihnen doch auch einerlei, ob Sie die vor Gericht oder privatim bekommen?«
»Das weiß ich nicht,« sagte Madame Müller.
»Die Sache bleibt doch immer dieselbe, nur mit dem Unterschiede, daß Sie auf privatem Wege Ihren Zweck gewiß erreichen, aber auf gerichtlichem Wege nicht; und außerdem haben Sie auf ersterem gar keine Kosten.«
»Hm – und was wollen Sie thun?«
»Ich werde den Herrn Rath Frühbach und den Major von Halsen veranlassen, daß sie Ihnen schriftlich eine Ehrenerklärung geben, nicht gewillt gewesen zu sein, Sie zu beleidigen.«
»Und daß Alles, was sie gesagt haben, lauter Lügen sind.«
»Das läßt sich Alles auf eine feine Art darin anbringen, und daß die beiden Herren ferner bedauern, Sie durch irgend ein Wort und eine Andeutung gekränkt zu haben.«
»Und von dem Schafskopf sagen wir nichts weiter?«
»Der bleibt unberührt.«
»Und wenn sie's nicht thun?«
»Dann bleibt Ihnen immer noch die Klage offen, so gut, als heute. Aber lassen Sie mich den Versuch machen, und ich glaube, Sie werden davon befriedigt sein. Lieber Gott, ich habe ja doch wahrhaftig nichts dabei! Sie hören, daß ich nicht Einen Pfennig für meine Mühe verlange; aber ich sehe, daß Sie eine brave, rechtschaffene Frau sind, und möchte Sie nicht in Ungelegenheiten bringen.«
»Gut denn, Herr Advocat,« sagte die Frau, indem sie ihm treuherzig die Hand entgegenstreckte; »ich sehe, Sie meinen es wirklich ehrlich, und ich will Ihrem Rathe folgen.«
»Aber eine Bedingung habe ich noch dabei,« sagte Witte: »daß Sie nämlich den Brief der beiden Herren nicht öffentlich herumzeigen. Die Ehrenerklärung ist nur für Sie bestimmt. Und was hätten Sie auch davon? Andere Menschen würden sich nur darüber lustig machen, denn die Welt liebt nichts so sehr, als Skandal und Klatschereien.«
»Nun, soll mir auch nicht darauf ankommen,« sagte Madame Müller nach einigem Bedenken.
»Also es bleibt dabei?«
»Wenn ich einmal das Wort gesagt habe, können Sie ein Haus darauf bauen,« versicherte Madame Müller mit Würde.
»Dann können Sie sich auch darauf verlassen, daß ich Ihnen die verlangte Genugthuung schaffe. Ich schicke Ihnen den Brief oder bringe ihn vielleicht selber. Ich muß so nächstens einmal nach Vollmers hinauskommen.«
»Soll mir sehr angenehm sein,« sagte Madame Müller. »Und nun leben Sie so lange wohl, Herr Advocat, und machen Sie's gut – ich verlasse mich ganz auf Sie!«
Und sehr befriedigt griff sie ihren Schirm wieder auf und schritt, die sämmtlichen Schreiber, die ihr nachschauten, freundlich grüßend, zur Thür hinaus.
Witte war an seinem Pult stehen geblieben und dachte eben über das Fatale der ganzen Angelegenheit nach, als einer der Leute wieder in's Zimmer sah und sagte: »Herr Staatsanwalt, Frau Gemahlin hat schon ein paarmal nach Ihnen gefragt; möchten gefälligst einmal hinüber kommen.«
»Ja – gleich,« sagte Witte und kratzte sich am Hinterkopf. Er wußte, was ihm dort bevorstand; die Sache ließ sich aber nicht ändern. Wenn Frau Gemahlin etwas Derartiges vorhatte, wurde sie gewöhnlich sehr bald ungeduldig, und je eher er es also abmachte, desto besser.
Als er aber den Vorsaal betrat, hörte er weder bei seiner Tochter, noch bei seiner Frau im Zimmer Stimmen, wonach er ganz richtig schloß, daß Beide nicht mehr zusammen sein könnten, sonst hätten sie sich jedenfalls »ausgesprochen.« Er ging also zu seiner Frau hinüber und fand dieselbe auch richtig, wie er vermuthet, allein in ihrem Gemach, in dem sie wie eine gereizte Löwin auf und ab schritt. Das Barometer deutete auf Sturm.
»Du hattest mich rufen lassen, Therese?«
»Ist es wahr, daß Du den Sohn vom Schlosser Baumann zu Ottilien hinüber geschickt hast?« fragte die Dame mit zorngerötheten Wangen.
»Allerdings, mein Schatz; er wollte mit ihr sprechen.«
»Und wußtest Du, was er mit ihr sprechen wollte?«
»Auch das wußte ich. Er wollte ihr einen Heirathsantrag machen.«
Die Frau blieb mit nach unten gefalteten Händen vor ihm stehen und machte dabei ein so erstauntes Gesicht, als ob er ihr eben erzählt hätte, daß er am nächsten Sonntag zum Besten irgend einer armen Familie auf dem Seile tanzen würde.
»Ist es denn möglich?« rief sie endlich aus. »Du, der Vater, schickst den Schlossergesellen zu Deinem eigenen Kinde, um ihr einen Heirathsantrag zu machen? Wenn ich es nicht mit meinen eigenen Ohren gehört hätte, ich würde es gar nicht glauben.«
»Nun,« sagte Witte, immer noch in der Hoffnung, ein drohendes Ungewitter von sich abzuwenden, denn er vermied am liebsten jede häusliche Aufregung – »und was ist da weiter? Jedem anständigen jungen Mann steht es frei, sich um ein Mädchen, das ihm gefällt, zu bewerben. Ob sie ihn nehmen will, ist dann ihre Sache.«
»Und wenn sie ihn nun genommen hätte, Dietrich, wenn sie nicht vernünftiger gewesen wäre, als Du, der Staatsanwalt Witte?«
»Bitte,« sagte ihr Mann, »Du redest einmal wieder in den Tag hinein. Wenn sie ihn wirklich genommen hätte, wäre es auch noch kein Unglück gewesen, denn der junge Baumann ist ein braver, anständiger Mensch, der gewiß einmal eine recht gute Carrière macht und eine Frau ernähren kann.«
»So?« rief die Frau, die eigentlich hatte heftig werden wollen, aber vor lauter Erstaunen über das Unerhörte gar nicht dazu kommen konnte. »Und in unsere Gesellschaft wolltest Du den alten Schlosser, der im Schurzfell in der ganzen Stadt herumläuft, bringen?«
»Der alte Baumann ist ein so braver, tüchtiger Mann, wie er in der ganzen Stadt zu finden ist,« sagte der Staatsanwalt mürrisch; »ob er in einem Schurzfell oder im Frack herumläuft, ist mir ganz einerlei.«
»In der That, Herr Staatsanwalt,« sagte seine Frau, die jetzt auf den ironischen Ton umsprang, »und der Schuhmacher Heßberger als Schwäher mit seinem »Gelobt sei Jesus Christus« wäre Ihnen auch wohl einerlei, wie? Noch dazu, wenn die alte Kartenlegerin, die Heßberger, uns ihren Besuch als nächste Verwandte machte?«
»An das Lumpengesindel habe ich wirklich gar nicht gedacht,« sagte der Staatsanwalt doch etwas verlegen.
»Nun, dann ist es nur ein Glück,« rief seine Frau, »daß andere Menschen mehr Ueberlegung haben. Das sag' ich Dir aber, Dietrich, wenn sich meine Tochter so weggeworfen hätte, nicht Einen Schritt wäre ich ihr über die Schwelle gekommen oder hätte geduldet, daß Einer ihrer Sippschaft die meine überschritte!«
Der Staatsanwalt warf den Kopf ungeduldig herüber und hinüber, denn er besaß zu viel gesunden Menschenverstand, um nicht das Haltlose einer solchen Behauptung einzusehen. Aber die Sache war einmal erledigt, wozu also noch einen häuslichen Zwist deshalb heraufbeschwören, was er durch Widersprechen jedenfalls gethan haben würde. Er setzte sich auf einen Stuhl und sah aus dem Fenster.
»Und diese Unverschämtheit von dem Menschen,« fuhr aber Frau Witte fort, die noch lange nicht alle ihre Trümpfe ausgespielt hatte, »so etwas ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen; daß er nur die Stirn haben konnte, dem Mädchen gegenüber zu treten!«
»Na, das nimm mir aber doch nicht übel, liebes Kind,« sagte jetzt der Staatsanwalt, dem das ein wenig zu stark wurde, »so groß ist denn doch die »Unverschämtheit« nicht, wie Du Dich ausdrückst; er ist aus einer bürgerlichen Familie, und wir sind nichts Besseres.«
»Nichts Besseres?« rief Madame Witte, die heute aus ihrem Erstaunen gar nicht herauskam. »Witte, ich begreife Dich nicht. Du, einer der ersten Staatsbeamten, der geachtetste Rechtsgelehrte in der ganzen Stadt, zu dessen Gesellschaften sich der Adel drängt, und Herr Fritz Baumann, der Neffe vom Schuster Heßberger, den man seines ekelhaften Tabaksgeruches wegen nicht einmal in's Zimmer läßt, wenn er ein paar geflickte Schuhe zurückbringt!«
»Ach was,« sagte der Staatsanwalt, »Baumann ist nicht der Sohn von dem Schuster, sondern nur der Neffe, und überdies die ganze Sache abgemacht. Ottilie hat ihm einen Korb gegeben, und er wird sich jetzt nach einer andern Frau umsehen.«
»Das hoffe ich auch,« sagte die Frau Staatsanwalt, und warf den Kopf so weit zurück, daß sie auf ihren Gatten herabsehen mußte; »und er wird jetzt doch auch aller Wahrscheinlichkeit nach so klug geworden sein, um nicht wieder eine Familie wie die unsere mit seiner Zudringlichkeit zu belästigen. Was aber der Mensch für ein Glück hat, daß ich nicht zu Hause war!«
Jetzt wurde es aber dem alten Witte doch zu bunt; er hatte schon die ganze Zeit den Kopf geschüttelt, nun hielt er es für nöthig, einzuschreiten, und auf seinem Sitz herumfahrend, rief er aus: »Und was ist denn die unsere für eine so großbrodige Familie, daß ein braver Techniker sie entehren würde, wenn er hinein heirathete? Dein Vater war ein Subaltern-Beamter mit vierhundert Thalern Gehalt, und der meinige ein ehrlicher Schneider, der sich das Brot vom Munde abdarbte, um seinen Sohn studiren zu lassen. Und was hatten wir denn etwa, als wir uns heiratheten, Therese? Hunger und Kummer in allen Ecken, und oft nicht das Geld im Hause, um einen Laib Brot baar zu bezahlen. Daß ich fleißig war und nachher dabei Glück hatte, das ist mein ganzes Verdienst, und daß Du das Wenige zusammennahmst und wirthschaftlich sorgtest, das Deine, und das thun andere ehrliche Handwerker auch.«
»Aber jetzt, Dietrich!« rief die Frau, ordentlich erschreckt über die ganz ungewohnte Heftigkeit des Mannes.
»Aber jetzt,« fuhr der Staatsanwalt, der einmal im Zuge war, fort, »geht es uns besser; ich verdiene mehr, als wir brauchen, und wir haben uns größere Lebensbequemlichkeiten angeschafft und in Kreise Zutritt gewonnen, die uns sonst eben so über die Achsel anschauten, wie Du jetzt die Handwerker. Aber das ist falsch, das ist unrecht, und wenn Du nur nicht einmal Deine Strafe dafür bekommst!«
»Das ist blos Deine grenzenlose Bescheidenheit, die aus Dir spricht,« lenkte die Frau in etwas ein, denn auf diese Wendung war sie nicht gefaßt gewesen; »jeder Mensch strebt nach etwas Höherem.«
»Und weshalb wirfst Du das also dem jungen Baumann vor?«
»Aber es muß erreichbar sein, Dietrich,« sagte seine Frau; »und Ottilie, mit der Erziehung, die sie genossen hat, scheint denn auch schon ihre Wahl nach einer andern Seite hin getroffen zu haben.«
»So–o,« sagte der Staatsanwalt gedehnt, »in der That? Und nach welcher, wenn ich fragen darf?«
»Du weißt doch, daß der junge Baron von Wendelsheim sie entschieden ausgezeichnet hat?«
»Davon weiß ich gar nichts,« sagte der Vater, »und habe nichts davon bemerkt – war auch nicht böse darüber.«
»Du hast nichts gemerkt,« sagte seine Frau, »weil Du immer Deine Acten und Processe im Kopfe hast; ich habe es aber gemerkt, und als Mutter mußte ich es merken.«
»Er hat sich, so viel ich weiß, seit einer Ewigkeit gar nicht bei uns sehen lassen.«
»Er war vor acht Tagen bei uns zum Thee.«
»Weil er von mir etwas wegen der Erbschaftsangelegenheit erfragen wollte und Du ihn so nöthigtest, da zu bleiben, daß er hätte grob werden müssen, um es auszuschlagen.«
»Er blieb sehr gern, kann ich Dir sagen.«
»Und hat nachher mit mir und dem Justizrath den halben Abend Whist gespielt.«
»Aber er setzte sich immer so, daß er Ottilien im Auge hatte.«
»Weil ihn der Justizrath bat, den Platz mit ihm zu wechseln, denn das Licht blendete ihn so.«
»Du könntest eine Heilige ärgerlich machen, Dietrich.«
»Weil ich nicht sehe, was nicht da ist?«
»Du hast immer etwas auf den armen Lieutenant gehabt.«
»Ich muß aufrichtig gestehen, daß ich ihn früher nicht besonders leiden konnte,« sagte der Staatsanwalt; »er hatte so etwas Rüdes, oder – ich weiß nicht, wie ich sagen soll – Junkerhaftes in seinem ganzen Wesen. Seit einigen Wochen aber hat er sich sehr zu seinem Vortheil geändert und das letzte Mal sogar merkwürdiger Weise nicht eine einzige Silbe von Pferden erwähnt.«
»Und wenn der nun um Ottiliens Hand anhalten sollte, würde der Dir nicht lieber sein, als Dein »Techniker«?«
Der Staatsanwalt sah eine Weile still und schweigend vor sich nieder. Allerlei wunderliche Gedanken gingen ihm im Kopf herum.
»Ich weiß es nicht,« sagte er endlich; »aber es ist auch nicht der Mühe werth, sich jetzt schon den Kopf darüber zu zerbrechen, denn er hat noch nicht angefragt. Der alte Schlosser Baumann ist mir übrigens lieber als der alte Baron Wendelsheim. Hat sich Ottilie etwa gegen Dich ausgesprochen?«
Seine Frau zögerte mit der Antwort; endlich sagte sie: »Nein – nicht direct; aber ich habe so meine Vermuthungen, und glaube nicht, daß ich weit am Ziel vorbeischieße.«
Der Staatsanwalt war aufgestanden und ging mit auf den Rücken gelegten Händen im Zimmer auf und ab.
»Soll ich Dir einen Rath geben, Mutter?« sagte er endlich, indem er vor seiner Frau stehen blieb und sie wohl freundlich, aber doch sehr ernst ansah.
»Nun,« meinte diese, »wenn es etwas Gescheidtes wäre; ein guter Rath ist Goldes werth, wie das Sprichwort sagt.«
»Aber die Leute glauben gewöhnlich nie, daß es ein guter ist, und thun doch, was sie wollen; leider Gottes erleb' ich das fast alle Tage! Aber es schadet nichts – es ist einmal mein Amt. Wenn Du also meinem Rath folgen willst, Mutter, so unterstützest Du Ottilien nicht in solchen Ideen. Dir ist ein Handwerker nicht recht – bei mir wäre dasselbe mit einem Adeligen, dessen Sippschaft uns vielleicht über die Achsel ansähe.«
»Aber Vater...«
»Ich werde mein Kind nicht zwingen,« fuhr Witte fort; »hat sie ihr Herz wirklich vergeben, und ist es nicht allein Rang und Reichthum, den sie erlangen will – in Gottes Namen; ob der Mann ein Wappenschild oder ein Schurzfell trägt, wenn er nur brav und rechtschaffen ist, mir soll er willkommen sein; aber ich habe mir nachher auch keine Vorwürfe zu machen, wenn die Wahl nicht zum Glück meines Kindes ausschlug.«
»Aber Dietrich, Du wirst doch nicht glauben...«
»Meinen Rath hast Du gehört,« sagte ihr Gatte; »jetzt thu', was Du nicht lassen kannst – ich habe einen Weg zu gehen. Wo ist denn Ottilie?«
»Drüben in ihrem Zimmer; sie war ganz außer sich über den Antrag.«
Der alte Witte seufzte tief auf; aber er sagte kein Wort mehr, steckte seine Brille in die Tasche und verließ das Zimmer.
Fritz Baumann, als er seines Vaters Haus verließ, schritt, seinen trüben und bitteren Gedanken folgend, der eigenen Wohnung zu. Abgewiesen und verachtet! Das war das Wort, das ihn am schmerzlichsten verwundete – verachtet gerade von ihr, an der er seine ganze Jugendzeit mit so treuer Liebe gehangen, so daß nur immer, wenn er sich ein Glück der Zukunft dachte, ihr Name in seinem Herzen freudig widerklang! Und jetzt sollte er das Alles, was er die langen Jahre gehegt und gepflegt, herausreißen und zerstören.
Mit welcher Lust war er früher an seine Arbeit gegangen, wie hatte er freudig ganze Nächte geopfert, um sich auszubilden und recht Tüchtiges zu leisten, nur immer in dem einen Gedanken, ihrer werth zu werden und sie sich zu erringen! Das schwand jetzt Alles vor den kalten, hochmüthigen Worten des jungen Mädchens, und leer und ausgestorben lag die Welt vor ihm. So in diese quälenden Erinnerungen vertieft war er auch, daß er gar nicht darauf achtete, als ein Reiter auf dem Straßenpflaster dicht an ihm vorübertrabte und den Kopf nach ihm wandte. Erst als er sein Pferd einzügelte und an ihn anritt, sah er auf und erkannte den Lieutenant von Wendelsheim.
»Herr Baumann,« rief dieser, »ich hatte Sie im ersten Augenblick gar nicht erkannt...«
»Herr Baron!« sagte Fritz erstaunt, denn es war das erste Mal, daß ihn der Officier auf der Straße anredete.
»Lieber Baumann,« sagte der junge Wendelsheim bewegt, »ich weiß, Sie haben meinen Bruder immer gern gehabt, und er hat auch viel von Ihnen gehalten; seine Arbeiten waren ja die einzigen Lichtblicke seines Lebens – er ist todt.«
»Großer Gott!« rief Baumann erschreckt aus.
»Soeben habe ich durch einen Boten die Nachricht erhalten,« fuhr Wendelsheim fort, »und reite jetzt selber hinaus. Wollen Sie ihn noch einmal sehen, so kommen Sie nach.« Und sein Pferd herumwerfend, setzte er seinen Weg rasch wieder fort.
»Armer Benno!« seufzte Fritz, der in der Kunde fast sein eigenes Leid vergaß. »So ein reiches Leben so früh, so furchtbar früh dahingerafft! Und wie wenig Freude hat er genossen, wie seine schöne Jugendzeit verbringen müssen! Hätte ich so viel Ursache, dem Schicksal zu grollen, wie er?«
Er war an seiner Wohnung angelangt und blieb stehen. Aber wie hätte er jetzt wieder mit Lust und Liebe an seine Arbeit gehen können, wo ihm der Kopf vom vielen Denken schmerzte! Der Lieutenant hatte recht – er wollte hinaus und den armen jungen Freund noch einmal sehen. Jetzt war das auch möglich, im ersten Schmerz ein Besuch gerechtfertigt; später und bei der Beerdigung, wenn all' die adelige Verwandtschaft mit ihrem Todtengepränge zusammenkam, konnte und wollte er sich nicht eindrängen.
»Sie sollen Dich nicht zum zweiten Male verachten,« murmelte er finster vor sich hin, »und ich werde von jetzt ab Ottiliens Wort beherzigen und in den Kreisen bleiben, in denen Niemand wagen darf, mich über die Achsel anzusehen. Ihnen gönne ich dann ihre vornehme Welt, es ist ja doch nur Alles Schein, und sie mögen sich glücklich darin fühlen, wenn sie können.«
Er hatte indessen seinen Weg dem Wendelsheim'schen Schlosse zu rasch verfolgt, und erst vor der Stadt draußen wurde ihm wohler, freier zu Muthe, denn er fühlte sich allein, während es ihm in den engen Straßen immer so vorkam, als ob die Leute nach ihm aus den Fenstern sähen und zugleich wissen müßten, welche Schmach ihm heute angethan. Er ging auch von da an langsamer, und als er endlich in der Ferne das alte Schloß mit den düsteren Baumgruppen seines Parkes vor sich liegen sah, da schwand der bittere Groll in seinem Herzen in der Wehmuth über den Verlust des jungen Freundes, und die Scene dieses Morgens war fast vergessen.
So erreichte er das Dorf und schritt hindurch, so stieg er zum Schlosse hinauf, und als er in das Thor trat, sah er die Leute dort niedergedrückt stehen und mit einander plaudern, und einer der Mägde liefen, während sie mit ihrer Hofarbeit beschäftigt war, die großen Thränen an den Backen nieder. Hatten sie doch Alle den armen kranken jungen Herrn, der immer so gut und freundlich mit ihnen war, von Herzen gern gehabt, und jetzt, da er gestorben, kam ihnen das alte, öde Schloß noch einmal so wüst, noch einmal so öde vor.
Den Gärtner traf er auf dem Hof. »Gehen Sie hinauf, Herr Baumann,« sagte er zu ihm, als er ihn erkannte; »oben liegt das arme junge Blut, aber jetzt freut er sich nicht mehr, wenn Sie kommen, oder wenn ich ihm Blumen bringe – ich habe sie ihm eben wieder hinaufgetragen. Mir ist jetzt gerade so zu Muthe, als ob es Winter geworden wäre und der Schnee auf den Beeten läge. Nun wird's hübsch hier im Hause werden.« Und damit wandte er sich ab und schritt wieder in den Park hinaus.
Fritz Baumann stieg die Treppe hinauf. Er begegnete Niemandem im ganzen Hause; es schien Alles wie ausgestorben, und an des jungen Benno Zimmer angekommen, scheute er sich ordentlich zu klopfen, aus Furcht, der Todte könne allein darin liegen. Er drückte auch erst nach einigem Zögern die Klinke auf, und als er die Thür öffnete, sah er sich dem todten jungen Freund gegenüber.
Dort lag er, so still und friedlich wie ein schlummernd Kind, so bleich und weiß fast wie das Kissen selber, auf dem er ruhte, und nur die dunkeln vollen Locken beschatteten seine edlen Züge. Die Hände hatte man ihm auf der Brust gefaltet, aber eine freundliche Hand Blumen über ihn ausgestreut – Rosen und Reseda, Astern und Camellien –, und Fritz stand vor ihm, den Blick fest auf das liebe Antlitz geheftet, und schaute ihn so lange ernst und sinnend an, bis ihm selber vorquellende Thränen die Augen füllten und das Bild des Todes in den blitzenden Zähren verschwamm.
»Mein armer, armer Benno,« flüsterte er dabei, »so bist auch Du hingegangen, und ich soll Dein gutes, treues Auge, Dein freundliches Lächeln nimmer wiedersehen und nie mehr den Druck deiner Hand fühlen! So leb' denn wohl – ich selber bin ein Fremder in diesen Räumen und werde sie und Dich nicht wiedersehen – leb' wohl!« – Und dabei bog er sich über die Leiche und drückte einen Kuß auf die bleichen Lippen. – »Gott lasse Dir die Erde leicht sein!«
»Amen!« sagte eine leise Stimme, und als er überrascht aufsah, denn er hatte geglaubt, daß er allein mit dem Todten im Zimmer wäre, bemerkte er Kathinka, die, halb von der einen Gardine verdeckt, am Fenster stand. Ihr bleiches liebes Antlitz war aber von Thränen überströmt, und ihr Auge hing mit tiefer Schwermuth an den Zügen der Leiche.
»Fräulein Kathinka,« sagte Fritz bewegt, »ich hatte Sie nicht gesehen – o, wie weh mir der Verlust unseres armen Benno thut!«
»Ihm ist wohl,« sagte das junge Mädchen mit leisem, traurigem Kopfnicken; »er hat Alles überstanden, und sein Tod war leicht und schmerzlos.«
»Sie waren bei ihm?«
»Ja – er starb heute Morgen in meinen Armen, gerade wie ich ihn unterstützen wollte, um sich etwas höher zu legen, denn er klagte, daß es ihm an Luft fehle. Noch sterbend hat er mir einen Gruß für Sie aufgetragen.«
»Mein armer Benno! Und sein Vater war nicht bei ihm?«
»Nein. Der Herr Baron hat in der letzten Zeit sein Zimmer fast nicht mehr verlassen.«
»Und Fräulein von Wendelsheim?«
»Sie kam auf meinen Hülferuf, und zum ersten Male habe ich sie bewegt gesehen; aber sie fürchtet sich vor Leichen: sie stand dort an der Thür und winkte mir nur zu, bei dem Todten zu bleiben.«
»Und sein Bruder?«
»Er war lange bei ihm und hat heiße Thränen vergossen; jetzt ist er bei dem Vater. Woher erfuhren Sie es so rasch?«
»Der junge Baron traf mich in der Stadt, und ich konnte dem Wunsch nicht widerstehen, dem armen Todten Lebewohl zu sagen. Du großer Gott,« fuhr er dann fort, während er an das Fenster trat und hinaussah, »wie öde wird das jetzt hier im Schlosse werden! Wie wird auch Ihnen der Knabe fehlen, Fräulein, der so mit ganzer Seele an Ihnen hing!«
»Ich habe hier im Schlosse Alles an ihm verloren,« sagte das junge Mädchen leise, »denn er war nicht allein mein einziger Trost in der Einsamkeit, sondern auch mein Schutz.«
»Ihr Schutz, Fräulein?«
»Die Tante wird mich jetzt entbehren können,« sagte Kathinka leise, »und ich selber wäre auch nicht im Stande, allen ihren Anforderungen zu genügen. Ich werde am Ersten nächsten Monats Wendelsheim verlassen.«
»Sie wollen auch fort?«
»Ja, und da wir uns wahrscheinlich nicht wiedersehen, so leben Sie wohl, Herr Baumann – ich muß fort und dem Herrn Baron das Frühstück bringen, und – die Tante würde auch sonst böse. Nicht wahr, Sie bleiben nicht länger hier allein? Ich bekomme sonst gezankt.«
»Nein, liebes Fräulein,« sagte Fritz bitter, »haben Sie keine Furcht, daß ich dem Fräulein von Wendelsheim je Grund zur Unzufriedenheit geben sollte. Ich werde ihr auch wohl schwerlich wieder in den Weg kommen, so wenig wie sie mich suchen wird. So leben Sie wohl, und schütze Sie Gott auf Ihrer einsamen Bahn!« Damit reichte er ihr die Hand und verließ dann mit einem letzten Abschiedsblick auf die Leiche das Zimmer.