Drüben am Gang hörte er heftiges Reden – das war die Tante –, und es klang wie ein Mißton in dem Hause des Todes; was es aber war, mochte er nicht untersuchen. Ihn selber trieb es fort, um ihr aus dem Weg zu kommen, denn er fürchtete heute für sich, daß er ihren gewöhnlichen Hochmuth nicht so leicht und geduldig ertragen hätte, als sonst. Er gewann die Treppe und eilte hinab. Unten stand einer der Diener und horchte nach dem Zank hinauf.
»Gott soll uns bewahren, nicht einmal an einem solchen Tage hält sie Ruhe! Sind Sie ihr in den Weg gelaufen, Herr Baumann?«
»Nein,« sagte Fritz; »sie hat mich gar nicht gesehen.«
»Gar nicht gesehen? Na, dann haben Sie heute Ihren Glückstag, das muß wahr sein!«
»Ja, meinen Glückstag in der That,« nickte Fritz finster vor sich hin – »ich werde ihn mir merken. Adieu, Freund!« Und ohne sich weiter aufzuhalten, verließ er das Schloß und schritt in die Stadt zurück. Still vor sich hinträumend, ging er auch ziemlich rasch seinen Weg und bemerkte gar nicht dabei, daß er unterwegs einen Herrn überholte, der, seine linke Hand auf dem Rücken, den Kopf etwas zurückgebeugt und außerordentlich gerade, aber auch ein wenig steif, derselben Richtung folgend wie er, nach der Stadt zuspazierte. Ohne zu grüßen oder ihn anzusehen, passirte er ihn auch, als er sich plötzlich angerufen hörte und natürlich schon unwillkürlich den Kopf dorthin wandte.
»Ah, mein lieber Baumann,« rief der Spaziergänger, »wohin so eilig? Warten Sie ein wenig, ich begleite Sie, und zu Zweien macht sich ein langweiliger Weg immer besser!«
»Herr Rath Frühbach!« sagte Baumann, halb überrascht, von dem Herrn angeredet zu werden, der sich sonst in der Stadt gar nicht um ihn bekümmerte. Er kannte aber den Rath zu wenig, dem vor der Stadt und in einsamer Gegend jedes menschliche Wesen, und wäre es eine alte Bauerfrau gewesen, nur als gute Beute galt, um ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen und seiner Suada freien Lauf zu lassen. Baumann würde auch viel lieber allein gegangen sein, aber er konnte jetzt nicht mehr gut ausweichen und schritt, etwas langsamer als vorher, neben dem Rathe her.
»Aber nun ein mäßigeres Tempo, mein junger Freund,« sagte der Rath, indem er ihm mit seinem Stockknopf in den Arm hakte. »Das glaub' ich, wie ich noch in Ihrem Alter war, da konnte ich auch laufen, und es kamen nur Wenige mit mir fort. Da bin ich einmal in Schwerin – kennen Sie Schwerin?«
»Nein, Herr Rath.«
»Ah, wie schade! – wunderschöne Stadt, und ungemein gemüthlich – da bin ich einmal in Schwerin, wie ich Ihnen erzählen wollte, eines Morgens früh aufgestanden, um einen Spaziergang zu machen, denn ich muß regelmäßig jeden Tag mein Quantum gehen, um ordentlich in Schweiß zu kommen, da meine Verdauung nie in Ordnung ist. Unterwegs traf ich denn auch einen intimen Freund von mir, den Grafen Kotopshien, der in einer geheimen Mission an unserem Hofe war – ein liebenswürdiger Mensch, sage ich Ihnen, so einfach und human – wir haben kostbare Abende mit einander verlebt. Das war ein famoser Fußgänger, und der Arzt hatte ihm auch das Gehen verordnet. Wir marschirten also zusammen los, und zwar in keinem Paradeschritt, das versichere ich Ihnen – ich führte sogar noch dabei die Unterhaltung. Der Graf hielt es aber nicht lange aus. »Nein, lieber Rath,« sagte er, wie wir eine Strecke zusammen gegangen waren, »Sie laufen mir zu rasch« – und so bog er richtig in die nächste Straße ein.«
Frühbach hätte sich keinen besseren Gesellschafter auf der weiten Welt wünschen können, als Fritz Baumann heute war; denn mit seinen eigenen trüben Gedanken beschäftigt, schritt er nur schweigend neben ihm her, und er hörte wohl Worte, verstand aber deren Sinn nicht, und mühte sich noch viel weniger, ihn aufzufassen. Aber auch dem Rath, so sehr er in seinen interessanten Erinnerungen schwelgen mochte, konnte die niedergedrückte Stimmung seines Begleiters nicht entgehen.
»Nun,« sagte er nach einer kleinen Weile, indem er ihn von der Seite ansah, »was fehlt Ihnen denn eigentlich heute? Sie schneiden ja ein ordentliches Trauergesicht.«
»Ich komme auch aus einem Trauerhause, Herr Rath.«
»So? Woher denn?«
»Aus Schloß Wendelsheim.«
»Alle Wetter,« rief Rath Frühbach und drehte sich rascher nach ihm um, als er sich sonst zu bewegen pflegte, »der alte Baron gestorben?« Und unwillkürlich überkam ihn ein behagliches Gefühl, denn nach den letzten Vorgängen in Vollmers und mit dem Bewußtsein, was er dort angerichtet und die entsetzliche Frau Müller gedroht hatte, würde er auf gar keine angenehmere Kunde haben denken können. Er sollte sich aber darin getäuscht sehen.
»Nein,« sagte Fritz, »der alte Baron nicht, aber der jüngste, der zweite Sohn, Benno, ist heute Morgen verschieden. Ich komme eben von seiner Leiche.«
»Hm – so?« sagte der Rath, indem er den Stockknopf im Gehen an seine Lippen hielt. »Also der junge Baron – schade!«
»Ja, es war so ein lieber Knabe,« seufzte Baumann, der ihn ganz falsch verstand. »Armes Kind!«
»Hm,« fuhr der Rath fort, dessen Gedanken unter der Zeit mit ihm durchgegangen waren, »der Baron von Wendelsheim hatte nur die zwei Söhne?«
»Er hat jetzt nur noch einen.«
»Ja, der in den nächsten Tagen die große Erbschaft macht. Sie wissen wohl nichts Näheres über die Sache?«
»Ueber welche Sache?«
»Nun, über die Erbschaft, mein' ich – oder über den Erben. Es wurde einmal eine Zeit lang so vielerlei erzählt....«
»Ich habe nichts gehört,« sagte Fritz, »kümmere mich auch in der That nur wenig um den Stadtklatsch.«
»Ja, da haben Sie ganz recht, junger Freund,« lenkte der Rath ein, der wohl merkte, daß er von seinem Begleiter nichts Neues über diese Angelegenheit erfahren würde. »Das ist auch genau dasselbe, was ich immer meiner Frau sage. Was hat denn aber dem jungen Baron eigentlich gefehlt?«
»Ach, ein böses, innerliches Leiden!« seufzte Fritz. »Rettung war wohl nicht gut möglich, denn er kränkelte von frühester Jugend an. Es soll ein Herzfehler gewesen sein.«
»Das ist schlimm,« sagte Rath Frühbach, bedenklich mit dem Kopf schüttelnd, »das ist sehr schlimm. Da wohnte in Schwerin ein sehr guter Freund von mir – er war früher Präsident der Ersten Kammer, aber ein bischen hypochondrisch und, wie er glaubte, mit einem Leberleiden behaftet. Er behauptete nämlich stets, seine Leber sei zu groß; es war aber nicht wahr, sondern sein Herz. Oft und oft haben wir zusammen auf dem Sopha gesessen, und er hat mir von seiner Krankheit erzählt und ich ihm von ähnlichen Fällen, die mir zu Ohren gekommen waren. Lieber Gott, wenn man älter wird, bekommt man ja auch nach verschiedenen Richtungen hin Erfahrung, und ich rieth ihm damals – ich weiß es noch, als ob es gestern gewesen wäre – wieder und wieder, er solle eine Aepfelwein-Cur gebrauchen. Aber bewahre – er blieb hartnäckig auf seinem Kopf, und nach vierzehn Tagen war er todt. Durch den Aepfelwein wäre er vielleicht zu retten gewesen; der hätte ihm das Herz zusammengezogen.«
Sie erreichten jetzt die Stadt, wenigstens die ersten Häuserreihen der Vorstadt, wo noch ziemlich viel Scheunen und Ställe zwischen Wohngebäuden standen; der Rath erzählte aber immer fort. Jeder Gegenstand, ob es ein Paar Ochsen im Zuge, ein von einem Dache gefallener Ziegel, ein ohne Maulkorb herumlaufender Hund, ein vor der Thür stehen gebliebenes Faß, kurz, was auch immer war, er knüpfte eine Erinnerung an Schwerin daran, und Baumann wurde die Gesellschaft endlich lästig. Er hatte sich auch schon vorgenommen, unter irgend einer Entschuldigung an der nächsten Seitenstraße einzubiegen, als gerade wie er sich von dem Rath verabschieden wollte der Staatsanwalt Witte um die Ecke bog und auf Frühbach einlenkte. Er hatte im ersten Augenblick auch jedenfalls nur ihn erkannt.
»Ah, mein lieber Rath, sehr erfreut, daß ich Sie treffe – habe Sie schon in der ganzen Stadt wie eine Stecknadel gesucht!«
»Mich?« sagte der Rath verwundert, denn sonst war er gewöhnlich auf der Suche.
Fritz Baumann war blutroth geworden, als er den Staatsanwalt bemerkte, und wollte sich mit einer Verbeugung entfernen. Aber jetzt erkannte Witte auch ihn und sagte, indem er ihm die Hand entgegenstreckte:
»Herr Baumann, entschuldigen Sie, ich hatte hier unsern Rath so fest auf dem Korn, daß ich gar nicht auf seinen Begleiter achtete!« Sein Blick traf dabei den des jungen Mannes, und der herzliche, derbe Druck der Hand bewies diesem wenigstens, daß der Vater andere Gefühle hege als die Tochter – und wie dankbar war er ihm dafür!
Frühbach merkte aber natürlich von diesem Zwischenspiele gar nichts. Dem glücklichen Sterblichen, der nur an der Oberfläche herumschwamm und Blasen fischte, war die Begrüßung der beiden Männer eine gewöhnliche Höflichkeitsform, und er sagte deshalb auch, darüber hinwegsehend: »Aber was um des Himmels willen wollten Sie von mir? – Ah, Adieu, lieber Baumann – Adieu, auf Wiedersehen! – Sehr netter junger Mann, der Baumann, wie?«
Der Staatsanwalt nickte und sah sinnend dem Davongehenden nach; aber die Frage des Raths war doch zu direct gewesen, und sich wieder an diesen wendend, indem er ihn unter den Arm nahm und die Straße hinabführte, erwiederte er: »Ja so, was ich gleich sagen wollte, den Major habe ich heute vergeblich gesucht; ich war zweimal bei ihm draußen.«
»Den Major?« wiederholte Frühbach, und Frau Müller stand in all' ihrer Entsetzlichkeit leibhaftig vor ihm.
»Jawohl, Eurer fatalen Geschichte wegen,« bestätigte der Staatsanwalt; »er war aber nirgends anzutreffen, und wie ich zu Ihnen kam, hieß es ebenfalls, Sie wären über Land.«
»Ja, Sie wissen wohl, bester Staatsanwalt, meiner Verdauung wegen....«
»Na, das ist jetzt einerlei, und die Hauptsache bleibt, daß ich Sie erwischt habe.«
»Aber ich begreife gar nicht....«
»Ich werde Sie nicht lange zappeln lassen. Sie waren neulich mit dem Major in Vollmers, wie?«
»Ich? – Ah, ja doch – ich erinnere mich jetzt.«
Der Staatsanwalt lachte: »Ah so, Sie sind wohl der Mann mit dem schwachen Gedächtniß? Nun, Scherz bei Seite, die Sache ist ernsthaft genug. Sie haben da draußen einen dummen Streich gemacht....«
»Aber, lieber Herr Staatsanwalt....«
»Bitte, lassen Sie mich ausreden, denn ich habe nicht viel Zeit, und außerdem meine besonderen Gründe, die ganze Geschichte ohne Eclat beigelegt zu sehen. Also hören Sie mir einfach zu, was ich Ihnen sagen werde.«
»Ich bin wirklich neugierig,« log der Rath.
»Die Frau Müller war bei mir und wollte Sie verklagen.«
»Mich?«
»Sie und den Major – ich habe es noch vor der Hand abgelenkt, aber nur unter Einer Bedingung.«
»Aber die Frau muß wahnsinnig sein!«
»Ich gebe Ihnen mein Wort, daß sie ihre Sinne vollkommen bei einander hat, und das Gericht würde sich der Meinung anschließen. Sie haben einen dummen Streich gemacht, lieber Rath – Sie oder der Major, oder Beide zusammen.«
»Wenn sich der Major in Thatsachen irrte, ist das meine Schuld?«
»Das bleibt sich jetzt vollkommen gleich. Sie haben sich verleiten lassen, da draußen Sachen zu behaupten, die Sie nicht beweisen können, und die Madame Müller scheint nicht die Frau zu sein, etwas Derartiges ruhig über sich ergehen zu lassen.«
»Aber was verlangt sie nur?«
»Zuerst bestand sie darauf, eine Klage gegen Sie Beide anhängig zu machen, und was das für ein Gerede in der Stadt gegeben hätte, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Sie will sich aber zufriedenstellen, wenn Sie ihr eine schriftliche Ehrenerklärung geben.«
»Ich?«
»Sie alle Beide – Sie sowohl als der Major. Ich habe das Ding jetzt aufgesetzt, und das müssen Sie unterschreiben.«
»Aber ich bitte Sie um Gottes willen,« rief Frühbach erschreckt, denn er hatte einen heiligen Respect vor allen Unterschriften – »ich weiß ja von der Frau gar nichts, weder ob sie irgend eines Vergehens schuldig oder unschuldig wie ein Lamm ist, und nur dem Major zu Liebe....«
»Desto schlimmer für Sie,« unterbrach ihn der Staatsanwalt, »daß Sie dann, wenn Sie gar nichts wissen, zu einer fremden Frau in's Haus gehen und ihr ein Verbrechen vorwerfen. Aber machen Sie, was Sie wollen, und glauben Sie um des Himmels willen nicht, daß ich Sie zu etwas überreden werde! Ich meine es gut mit Ihnen, und habe in der Sache weiter nichts zu thun. Es ist jetzt vier Uhr; um fünf Uhr bin ich draußen bei dem Major und lege Ihnen das Schriftstück vor, das Sie dann unterschreiben können oder nicht – wie Sie wollen.«
»Und wenn wir es nicht unterschreiben?«
»Gut, dann macht die Frau ihre Klage anhängig, und Sie können nachher meinetwegen die Sache abschwören.«
»Aber, bester Staatsanwalt....«
»Sie haben eine volle Stunde Zeit, um sich Alles reiflich zu überlegen. Ich werde mir den Kopf nicht weiter darüber zerbrechen.«
»Aber, lieber Staatsanwalt,« sagte Frühbach, »mir fällt da ein ganz ähnlicher Fall ein. In Schwerin waren wir eines Tages....«
»Mein lieber Rath, es thut mir leid, Sie zu unterbrechen, denn ich muß hier abbiegen. Vergleichen Sie im Geist indessen jenen analogen Fall aus Schwerin mit der gegenwärtigen Situation und richten Sie es sich so ein, daß Sie bis um fünf Uhr zu einem Entschluß gekommen sind. Haben Sie mich verstanden?«
»Vollkommen, Herr Staatsanwalt, aber....«
»Na, dann wünsche ich Ihnen einen guten Tag!« Und ohne dem verblüfft in der Straße stehen bleibenden Rath einen weiteren Einwand zu gestatten, nickte er ihm nur freundlich zu und bog in eine Quergasse ein. Er war nicht in der Stimmung, längere Auseinandersetzungen der Schweriner Chronik mit anzuhören.
Fritz Baumann hielt sich in seiner eigenen Wohnung. Das Herz war ihm so schwer, daß er sich scheute, anderen Menschen zu begegnen. Er hatte auch viel an Einem Tag verloren – den jungen Freund und die Geliebte – fast zu viel für Einen Tag; aber wenn in unserem wunderlichen Leben einmal ein Gewitter über ein Menschenherz hereinbricht, so folgt auch nicht selten Schlag auf Schlag, bis das Schicksal müde wird und seine Sonne wieder über den verödeten Platz scheinen läßt.
Fritz Baumann war aber keine Natur, die sich zu lange solch trübem und nutzlosem Grübeln hingegeben hätte. Eine Stunde brauchte er, um Alles abzuschütteln, was ihn im Anfange fast zu Boden drückte; wie er sich aber erst einmal auf seinem eigenen, kleinen Zimmer ordentlich ausgeweint, da kehrte sein elastischer Geist auch wieder die trotzige Seite heraus. Im ersten Moment, ja, und bei der Zusammenkunft mit dem Vater meinte er, daß jetzt all' sein Mühen und Ringen, da er das Ziel verfehlt, nach dem er gestrebt, auch vergebens gewesen sei, und das Leben, seine Zukunft lag schwarz und öde vor ihm da – aber wahrlich nicht lange. Nein, jetzt erst recht mit frischen Kräften wollte er seine Arbeit wieder aufnehmen – jetzt erst recht Ottilien beweisen, daß er, wenn er auch nicht ihre Liebe erringen konnte, doch wahrlich nicht ihre Verachtung verdient habe.
Mit dem Gedanken, dem Entschluß durchströmte ihn auch wieder ein neues, frisches Leben, und trotzig vor sich hin lachend, warf er seine Sonntagskleider ab und fuhr wieder in sein gewöhnliches Wochenzeug.
Zum Arbeiten war es heute freilich zu spät geworden – er fühlte sich dazu auch nicht besonders aufgelegt –, aber andere Sachen blieben noch zu erledigen, und morgen dann begann er wieder mit frischen Kräften.
In seiner Stube stand, noch immer in rastloser Thätigkeit, das perpetuum mobile, welches er damals Benno bei seinem letzten Besuch gezeigt und noch immer nicht an den Eigenthümer abgeliefert hatte, obgleich dieser schon ein paarmal danach geschickt. Das konnte er heute selber hintragen, denn einem Andern mochte er es nicht anvertrauen. Aber er mußte vorher damit bei den Eltern vorgehen, denen er davon erzählt. Die Mutter wollte es so gern einmal selber sehen; auch der Vater hatte mit ihm die Sache eifrig besprochen, wie es möglich sei, etwas herzustellen, das sich selber in Bewegung halte und nicht auslaufe. Ueberdies schämte er sich jetzt der Schwäche, die er heute Mittag dem alten Schlossermeister gegenüber gezeigt; der Vater sollte wenigstens sehen, daß er nicht lange Zeit gebraucht, um darüber Herr zu werden, und das würde ihn, wie er recht gut wußte, freuen.
So nahm er denn das kleine Kunstwerk auf und ging damit zu den Eltern hinüber, fand auch den Vater, obgleich es schon stark auf den Abend zuhielt, noch scharf bei seiner Arbeit.
»Holla, Fritz, was bringst Du da?«
»Das perpetuum mobile, Vater. Ihr wolltet es ja gern einmal sehen, und ich muß es jetzt wieder dem Eigenthümer hintragen.«
»Hm,« sagte der Alte, der nur einen flüchtigen Blick auf das Kunstwerk warf, während die Uebrigen darum herdrängten. Sein Auge flog forschend über die Züge des Sohnes, und wie damit befriedigt, fuhr er fort: »Bravo, mein Junge, Du hast den schwarzen Rock und damit eine ganze Menge anderer Dinge wieder ausgezogen, und das freut mich, freut mich von Herzen! Geh' nur damit in die Stube – laß die Pfoten davon, Karl, Du mußt doch gleich Alles betasten. Setz' es nur drinnen hin, Fritz, ich komme gleich nach.«
»Ist die Mutter drin?«
»Ja, ich glaube; sie war vorhin ausgegangen, ist aber wieder zurück. Weiß der Henker, was sie hat! Vorhin wurde sie doch auf einmal unwohl, aber es muß wohl wieder vorüber sein.«
Fritz ging in die Stube und fand zu seinem Erstaunen die Mutter, die er sonst nie ohne irgend eine Arbeit traf, wie in tiefen Gedanken auf und ab gehen. Wie sie ihn erkannte, blieb sie stehen, und während sie ihn ansah, traten ihr die Thränen in die Augen.
»Guten Abend, Mutter!« sagte Fritz, indem er das Mitgebrachte auf den Tisch stellte. »Ich wollte Dir hier einmal die kleine Maschine zeigen, von der ich Euch neulich erzählt. Es ist wirklich eine Art von Kunstwerk.«
»Fritz, mein armer, armer Fritz!« sagte die Frau, ohne einen Blick darauf zu werfen, indem sie auf ihn zuging, seine beiden Hände ergriff und ihm voll und traurig in die Augen schaute.
»Hat Dir der Vater erzählt?« sagte der junge Mann scheu und leise.
»Alles, Alles,« nickte die Frau; »o, das stolze, hochmüthige Ding – und wenn sie wüßte, was sie an Dir hätte!«
»Liebe Mutter,« lächelte Fritz verlegen, denn er hätte sich dieses neue Aufreißen der kaum geschlossenen Wunde lieber erspart, »ich glaube, sie hat, wenn nicht liebevoll, doch sehr vernünftig gehandelt. Ich war ein wenig zu hastig – ich bin noch nichts – ich muß mir selber erst einen Namen, einen Wirkungskreis schaffen, – und wenn die Jahre auch für den Mann nicht so rasch dahinfliegen – ein junges Mädchen kann darauf nicht warten.«
»Und Du vertheidigst sie noch?« sagte die Mutter. »O, Fritz, daß ich das Herzeleid erleben mußte!« Und ihr Gesicht in die Schürze bergend, sank sie auf einen Stuhl und schluchzte laut.
»Mutter,« bat Fritz und schlang seinen Arm um sie, »meine liebe, gute Mutter, aber so beruhige Dich doch; Du siehst ja, daß ich gefaßt und wieder ruhig bin! Was ist es denn auch weiter? Ich habe eben einen Korb bekommen, was sich schon bessere Männer gefallen lassen mußten. Sieh', der Vater kommt jetzt herein – Du weißt, daß er die Thränen nicht leiden kann.«
Die Frau stand auf, warf plötzlich ihre Arme um den Nacken des Sohnes, drückte einen Kuß auf seinen Mund und verließ dann durch die Küchenthür das Zimmer in demselben Augenblick, als es der alte Baumann von der Werkstätte aus betrat.
Fritz sah ihr erstaunt nach und konnte sich gar nicht denken, weshalb sich die Mutter gerade seine Abweisung so furchtbar zu Herzen nahm. War es vielleicht deshalb, weil sie gerade ihm zugeredet und ihn in seiner Liebe und der Hoffnung, die er darauf baute, bestärkt hatte?
»Was hat nur die Mutter, Vater?« fragte er diesen. »Sie weint, als ob ihr Herz brechen müsse, daß mich Ottilie verschmäht.«
»Weiß der liebe Gott,« erwiederte kopfschüttelnd der Schlossermeister, »was ihr in die Krone gefahren ist! Aber sie war schon den ganzen Mittag so aufgeregt und unruhig, wie ich sie noch nie gesehen habe – eigentlich seit die Müller zu uns kam, die allerdings genug schwatzt, um Einem den Kopf wirbelig zu machen. Aber laß sie nur: sie wird sich schon wieder zufrieden geben, ist ja sonst eine vernünftige, resolute Frau. Und nun laß einmal sehen, was Du mitgebracht hast – ei, Du kleiner Schelm, willst Du Deine naseweisen Finger davon lassen!« – Der Ausruf galt der kleinen Else, die sich, neugierig wie Kinder sind, an die Maschine gemacht hatte und mit ihren Fingerchen die Räder in Gang zu bringen suchte. – »Du wirst dem Fritz die ganze Arbeit verderben; komm, Schatz, setz' Dich mit dem Vater her, und nun wollen wir uns die Sache einmal betrachten.«
Damit nahm er die Kleine auf den Schooß und ließ sich neben dem Tische nieder, wo ihm Fritz, der die Maschine in Bewegung setzte, den Mechanismus erklärte.
Der alte Mann begriff das auch leicht genug, schüttelte aber doch dazu mit dem Kopf und sagte: »Hübsch ist das Ding, das läßt sich nicht leugnen, auch sinnreich erfunden und einfach ausgeführt; aber mir thut's immer leid, wenn ich solche Arbeiten sehe und an die Zeit und Mühe denke, die darauf verschwendet wurde. Die Bewegung ist da, aber die Kraft fehlt, um die Bewegung nutzbringend zu machen und Wasser und Feuer bei unseren Gewerken ersetzen zu können; und so lange wir die Kraft nicht hineinzulegen vermögen, bleibt die ganze Geschichte doch immer weiter nichts als eine hübsche Spielerei.«
»Aber auf Weiteres macht sie ja auch keinen Anspruch, Vater.«
»Und wo willst Du jetzt damit hin?«
»Zum alten Salomon, dem das Werk gehört, oder gehörte, denn er hat es, wie er mir sagte, schon an einen Engländer, aber nur unter der Bedingung verkauft, daß es wieder vollkommen in Stand gesetzt würde. Das ist jetzt geschehen, und er möchte es gern so bald als möglich abliefern.«
»Wo warst Du heute den ganzen Nachmittag?«
»Draußen in Schloß Wendelsheim. Der junge Baron Benno ist heute Morgen gestorben; ich wollte ihn gern noch einmal sehen.«
»Wer ist gestorben?« fragte die Mutter, die in diesem Augenblick wieder in's Zimmer trat und die letzten Worte gehört hatte.
»Der junge Benno von Wendelsheim, Mutter.«
»Und Du warst draußen bei ihm? Was hattest Du dort zu thun?« fragte die Frau rasch.
»Ich bin oft bei ihm gewesen, Mutter, besonders in der letzten Zeit, weil er selber große Freude an mechanischen Arbeiten fand, und ich ihm da oft aushelfen und ihn unterstützen mußte. Es war ein herzensguter, junger Bursche, auch voll Geist und Leben, und ich hatte ihn recht lieb gewonnen. Jetzt ist er todt,« setzte er leise hinzu, »und ich kann Euch gar nicht sagen, wie weh mir sein Tod gethan hat. Aber willst Du Dir nicht einmal die Maschine betrachten, Mutter? Du wolltest sie ja gern sehen, ehe ich sie fortbrächte, und ich bin gerade damit unterwegs.«
Die Frau nickte still und schweigend vor sich hin und trat mit zum Tisch; aber ihre Augen flogen über das Kunstwerk hin und starrten wie in's Leere.
»Siehst Du, wie hübsch sie arbeitet?« sagte Fritz. »Und so geht sie, ohne je aufgezogen zu werden, ununterbrochen fort, Jahr aus, Jahr ein. Jedesmal, wenn die Kugel diesen Punkt erreicht hat – aber Du achtest ja gar nicht darauf, Mutter – fehlt Dir denn etwas?«
»Nein, mein Kind,« versetzte die Frau; »nur im Kopf summt es mir so sonderbar, und – im Herzen thut mir etwas weh. Aber nimm es nur fort, ich verstehe ja doch nichts davon und sehe nur, daß es hin und her geht.«
Fritz mochte nicht weiter in sie dringen; er glaubte sicher, daß der heutige Vorfall bei Wittes sie so tief verletzt habe, und hütete sich deshalb wohl, noch einmal darauf zurückzukommen. Es wurde auch spät; im Zimmer fing es schon an zu dämmern, und der alte Salomon schloß immer, wie er recht gut wußte, sehr zeitig seinen Laden.
»Du willst fort, Fritz?«
»Ja, Vater, ich treffe den alten Mann sonst nicht mehr unten, und in seinem Hause weiß ich nicht Bescheid; auch sind die Wohnungen in der Judenstraße immer Abends fest verschlossen.«
»Dann komm aber auf dem Rückweg wieder vor und bleib' den Abend bei uns – ich lasse nachher Bier holen. Was sitzest Du so allein zu Hause?«
»Ja, Vater, ich werde kommen,« sagte der junge Mann, indem er die kleine Maschine wieder sorgfältig aufnahm – »also auf Wiedersehen, Mutter – Adieu, Else!« Und seine Mütze nehmend, verließ er die Stube und schritt auf die Straße hinaus.
Die Sonne mußte längst untergegangen sein, denn hier und da wurden schon die Lichter in den Läden angezündet. Fritz schritt deshalb auch wacker aus, um nicht zu spät zu kommen und den ganzen Weg umsonst zu machen, schnitt durch ein paar kleine Seitenstraßen und erreichte endlich die Judengasse, durch welche er jetzt so rasch als irgend möglich vorwärts eilte. Ueber die kleine Maschine hatte er nur sein Tuch gedeckt, damit nichts daran geschehen konnte.
In der Erweiterung der Straße, die er jetzt betrat, sah er sich einen Officier entgegenkommen, der in seinem ganzen Gang und Wesen dem Lieutenant von Wendelsheim ähnelte; um sein Gesicht zu erkennen, war es aber noch zu weit und zu dunkel, und ehe er an ihn hinankommen konnte, bog derselbe plötzlich nach links ein und verschwand in dem Hof, der zu dem Hause des alten Salomon gehörte.
»Was, um Gottes willen, hat denn der Lieutenant noch so spät bei dem alten Mann zu thun,« dachte Fritz, »und warum geht er nicht in den Laden – oder sollte der schon geschlossen sein? Dann seh' ich, daß ich den Eingang dort ebenfalls finde, mitnehmen möchte ich das schwere Ding doch nicht noch einmal.«
Er hatte indessen das Haus fast erreicht und sah, daß der Laden wirklich schon geschlossen sein mußte. Die Läden waren zu, ebenso die Thür; aber jedenfalls befand sich der alte Salomon noch im Innern, denn der Officier kam nicht wieder heraus.
War denn das wirklich Baron Wendelsheim gewesen, und schon so rasch vom Schloß zurückgekehrt – und ging gleich zu dem Juden, wo er doch nichts Anderes suchen konnte, als Geld zu borgen? Fritz schüttelte vor sich hin mit dem Kopf und überlegte sich eben, daß der Lieutenant gerade nicht besonders erfreut sein würde, wenn er ihn bei seinem Geldgeschäft überraschte; aber das ließ sich jetzt nicht mehr ändern. Hätte er nicht das Werk bei sich gehabt, wäre er vielleicht wieder umgekehrt.
Das Hofthor war noch offen, und gleich links hinein mußte auch die Thür zum Laden führen; er erinnerte sich, daß Salomon einmal dort hinausgegangen war, als er sich im Laden befand, um irgend etwas aus seiner Wohnung herunter zu holen.
Im Hofe war es fast noch dunkler als auf der Straße, denn das hohe Nachbargebäude schloß selbst den matten Widerschein des westlichen Himmels ab; aber die Thür in dem helleren Gebäude ließ sich noch deutlich erkennen, und als Fritz näher darauf zutrat, bemerkte er, daß sie nicht nur halb angelehnt, sondern auch noch Licht im Innern war. Salomon war also noch drinnen, und ohne sich lange zu besinnen, griff der junge Baumann nach der Thür und wollte sie eben öffnen, als plötzlich eine dunkle Gestalt ihm dieselbe aus der Hand riß, ihn bei Seite warf, daß er fast gestürzt wäre, und dann, ehe Fritz nur recht zur Besinnung kommen konnte, mit wenigen Sätzen aus dem Hof verschwand.
War das Salomon selber gewesen – oder vielleicht ein Dieb? Wie ihn nur der Gedanke durchzuckte, sprang er der Gestalt nach an das Hofthor und schrie in die menschenleere Straße hinaus: Hülfe! Diebe! Haltet ihn! Er wäre auch selber nachgesprungen, aber er sah jetzt nicht einmal, ob sich der Flüchtige nach links oder rechts gewandt hatte – und war es wirklich ein Dieb gewesen? Er mußte sich selber überzeugen und lief deshalb in den Laden zurück.
Dort stellte er sein Werk rasch auf einen Tisch und wollte die Lampe aufgreifen, um selber nachzusehen, als er vor sich auf dem Boden einen leblosen Körper lang ausgestreckt erkannte. Er hob ihn auf und hielt sein Gesicht gegen das Licht der Lampe – großer Gott, es war der alte Mann selber, mit Blut bedeckt – ermordet vielleicht von Räuberhänden! Aber hier konnte er nicht bleiben – er mußte Hülfe herbeirufen, nicht allein für den Ueberfallenen, sondern auch um dem Mörder so rasch als möglich nachzusetzen.
Er legte den unglücklichen alten Mann so sanft als möglich wieder auf den Boden zurück und eilte dann auf das Haus zu, das er aber verschlossen fand. Salomon trug den Drücker dazu immer in seiner Tasche. Aber dort hielt er sich nicht lange auf, klopfte nur heftig an, um die Bewohner aufmerksam zu machen, und sprang dann der Straße zu, um dort die Nachbarn zu alarmiren und Polizei herbeizurufen. Er war von Schreck und Entsetzen so verwirrt, daß er kaum selber wußte, was er that.
Mit flüchtigen Sätzen erreichte er auch das Hofthor und wollte eben hinaus auf die Straße springen, als er sich plötzlich von vier nervigen Fäusten gefaßt und gehalten fühlte.
»Um Gottes willen,« rief er, »der Mörder ist entflohen – ruft Leute, die ihm nachsetzen!«
»Heda, mein Bursche, ich glaube nicht, daß er so weit fort ist,« schrie ihn da ein derber Bursche an. – »Haltet ihn fest – gebt ihm Eins auf den Kopf, wenn er nicht still ist! Was ist hier vorgefallen?« riefen die Anderen.
Fritz Baumann rang aus Leibeskräften, um sich frei zu machen, denn durch den Irrthum entkam der wirkliche Thäter.
»Setzt nur nach!« rief er, als er sah, daß das nicht möglich war, denn immer mehr Leute kamen herbeigestürmt und warfen sich auf ihn. »Schickt Leute nach rechts und links die Straße hinunter – ein Mann ist dort hinaus geflohen – er kann nicht groß sein!«
»Na, Du wirst ihn schon später noch genauer beschreiben können!« rief ein corpulenter Bursche, ein Bierbrauer, der in der Nahe wohnte und mit herbeigesprungen war, als er den Lärm hörte.
In dem Hause selber wurden unruhig hin und her fahrende Lichter sichtbar. Baumann war in Verzweiflung.
»Aber Ihr könnt mich ja meinetwegen hier festhalten, seht nur, daß Ihr den weggelaufenen Mörder fangt!«
»Mörder?« schrie eine Frau aus dem Fenster in Todesangst.
»Mörder?« wiederholten auch die Leute unten im Hof erschreckt, und Einer schrie: »Mit der Laterne hieher – kommt einmal her, Freund, leuchtet einmal hieher!«
Der Zuruf galt einem der schüchternen Nachbarn, der mit einer Laterne herausgekommen war, um zu sehen, was vorgehe, und eben damit in dem Hofthor erschien. Der Mann kam auch, wenngleich ein wenig scheu, in demselben Augenblick mit der Laterne heran, als die Hausthür geöffnet wurde und ein Officier heraussprang.
»Was geht hier vor?« rief er, und Fritz erkannte zu seinem Erstaunen den Lieutenant Wendelsheim, den er indessen ganz vergessen hatte. Ehe er ihn aber anreden konnte, rief Einer von denen, die ihn noch immer wie in einem Schraubstock hielten, indem er die Laterne aufgriff und gegen Fritz Baumann anleuchtete:
»Mord! Bei Gott, seht, wie blutig der Kerl aussieht!«
»Herr Baumann!« rief auch jetzt der Lieutenant erschreckt. »Was ist vorgefallen? Wie kommen Sie hieher?«
»Der alte Salomon liegt da drinnen ermordet,« rief Fritz, »und mich haben die Menschen gefaßt, während sie den wirklichen Mörder entkommen ließen!«
»Salomon ermordet? Um Gottes willen, ein Licht!«
Oben an dem einen Fenster wurde der Aufschrei einer weiblichen Stimme gehört, und gleich darauf stürzte des alten Mannes Frau, an allen Gliedern zitternd, aus der Thür und dem Laden zu, aus dem ihr gellender Hülferuf gleich darauf ertönte.
Der Hof hatte sich indessen mehr und mehr mit Menschen gefüllt, und Alles drängte nach dem Laden. Wendelsheim aber fühlte, daß er hier, so lange noch keine Polizei eingetroffen war, die Leitung des Ganzen übernehmen müsse, und deshalb der Thür zuspringend, wies er die Masse zurück.
»Nur drei oder vier von Euch mögen eintreten,« sagte er, »Ihr Anderen wartet hier draußen. Ist schon Jemand auf die Polizei gelaufen? Noch nicht? Schickt augenblicklich einen Boten dorthin ab; ich werde so lange hier bleiben. Sie, Freund,« wandte er sich dann an einen ordentlich aussehenden Mann, der auch mit von der Straße hereingekommen war, »seien Sie so gut und fassen Sie an der Thür Posto, daß Niemand weiter eindrängt. Den jungen Mann da könnt Ihr ruhig loslassen; ich glaube nicht, daß er den Mord begangen hat.«
»Abwarten,« sagte der Bierbrauer, der nicht die geringste Lust hatte, sich die eingefangene Beute entgehen zu lassen. »Wovon ist denn der Bursche so blutig geworden? Wenn wir ihn jetzt loslassen, ist er in einer Viertelstunde über alle Berge. Gebt einmal einen Strick her, daß wir ihm die Hände ein bischen zusammenschnüren können.«
Wendelsheim hörte schon nicht mehr, was er sprach, denn er war jetzt ebenfalls in den Laden gesprungen, um dort zu sehen, was geschehen sei, und die alte Frau zu unterstützen. – –
Den Nachmittag um fünf Uhr war der Staatsanwalt Witte, pünktlich wie in allen Dingen, draußen bei dem Major erschienen, um mit diesem und dem Rath die Sache der Frau Müller in Ordnung zu bringen. Er that das auch nicht etwa, wie Madame Müller selber vielleicht glauben mochte, allein in ihrem Interesse, auch nicht, um dem Major und dem langweiligen Rath Frühbach eine Unannehmlichkeit zu ersparen, sondern einzig und allein seiner selbst wegen. Was er nämlich schon seit einiger Zeit, eben nicht zu seiner Freude, vermuthet hatte, daß Ottilie eine stille Neigung zu dem jungen Wendelsheim hege, hatte er in der Unterredung mit seiner Frau nur zu sehr bestätigt gefunden, es konnte ihm daran kein Zweifel bleiben, und hing die Frau Müller ihre Klage an die große Glocke, dann war des Geredes über die Familie Wendelsheim nachher auch kein Ende mehr.
Außerdem fühlte er sich fest davon überzeugt, daß die Frau an dem ihr von dem Major, nach Gott weiß welchen Combinationen, untergeschobenen Verbrechen vollkommen unschuldig sei. Es war bei dem alten Herrn nun einmal zur fixen Idee geworden, jenem früher aufgetauchten Gerücht, das er fest und bestimmt für eine Thatsache hielt, auf die Spur zu kommen, und je näher der Zeitpunkt rückte, wo er alle seine Hoffnungen sollte in nichts zerfließen sehen, desto eifriger wurde er darauf.
Er haßte den alten Baron von Wendelsheim – der ihm vielleicht nie etwas Anderes zu Leid gethan, als daß er einen Erben bekommen – von Grund seiner Seele, und immer in dem Wahn, daß er die Hand bei einem Betrug im Spiel gehabt, hielt er sich natürlich nur für schlecht und nichtswürdig behandelt. Daß er dabei kein Mittel unversucht ließ und scheute, um sein vorgestecktes Ziel zu erreichen, hatte er schon wieder in diesem Fall gründlich bewiesen, und es wurde deshalb wirklich Zeit, ihm seinen Standpunkt einmal klar zu machen. Konnte er doch auf solche Weise für sich gar nichts erreichen, wohl aber die Familie Wendelsheim dermaßen in das Gerede der Leute bringen, daß lange Jahre dazu gehört hätten, um den Eindruck zu verwischen oder nur abzuschwächen, und das war dem Staatsanwalt natürlich, wenn er sich die Möglichkeit einer näheren Verbindung mit der Familie dachte, schon persönlich nicht angenehm.
Besonders ärgerte sich Witte aber darüber, daß der Major auch den Rath Frühbach in die Angelegenheit gezogen hatte; denn dessen Rednertalent kannte er aus dem Grunde und zweifelte keinen Augenblick daran, daß der Rath schon in der ganzen verflossenen Woche von Haus zu Haus gegangen sei, um das merkwürdige Erlebniß zu erzählen. Darin aber that er dem Rath unrecht, denn Frühbach dachte gar nicht daran, mit den Erlebnissen jenes Morgens Staat zu machen. Er hatte mit keiner menschlichen Seele darüber gesprochen, und selbst als er den Major einmal wieder in der Zwischenzeit aufsuchte, kein Wort von der fatalen Angelegenheit erwähnt. Die Rolle, welche er selber dabei gespielt, gefiel ihm erstens nicht, und dann eignete sich der Gegenstand auch nicht zu seiner gewöhnlichen Unterhaltung, indem dort in Vollmers wirklich etwas geschehen war, er aber nur solche Scenen schilderte, in denen gar nichts passirte.
Der Staatsanwalt ärgerte sich aber trotzdem darüber und betrat diesesmal die Wohnung des Majors eben nicht in der besten Laune. Er hätte aber trotzdem beinahe gelacht, als er das Zimmer öffnete und das Bild des Jammers sah, das sich hier entwickelte.
Der Major saß in seinem Lehnstuhl, den Kopf verbunden und an dem einen Bein das Beinkleid aufgestreift, und vor ihm auf der Erde saß der Christian, ebenfalls eingewickelt und mit dem kläglichsten Gesicht von der Welt, und rieb ihm Knie und Wade mit Kampherspiritus ein, der einen penetranten Geruch im Zimmer verbreitete. Auf dem Sopha aber lag ausgestreckt, mit Kopfkissen und Decke, Frau von Bleßheim, und die alte Liese, einen riesigen warmen Umschlag auf der linken, fest eingebundenen Backe, brachte ihr eben eine Tasse des unvermeidlichen Camillenthees.
Zwischen den Allen aber saß Rath Frühbach auf einem Stuhl mitten in der Stube, einen dicken grauen Rock an und die Brille auf, die Schnupftabaksdose in der linken Hand und in Gedanken eine Prise nach der andern nehmend, so daß er schon auf dem, vorher mit weißem Sand bestreuten Fußboden der Stube – der alten Liese ewiger Aerger – einen braunen Fleck niedergefallenen Tabaks gebildet hatte.
»Alle Wetter,« rief der Staatsanwalt, als er in der Thür stehen blieb und sich die Gruppe betrachtete, »das sieht ja hier recht heiter und vergnügt aus, und der Jammer ist wieder in allen Ecken los! Nun, Major, ich dächte, vor einigen Tagen wären Sie gut genug auf den Beinen gewesen! Wo fehlt's jetzt wieder?«
»Machen Sie um Gottes willen die Thür zu, Staatsanwalt,« rief der Major, ohne die Frage gleich zu beantworten, denn bei dem Capitel nahm eine Erwiederung zu lange Zeit in Anspruch; »es zieht hier herein, und ich kann den Tod davon haben!«
»Zieht? Wir haben sechzehn Grad Wärme draußen,« sagte Witte, indem er gleichwohl dem Wunsch Folge leistete; »außerdem sind alle Fenster dicht geschlossen, und das ganze Zimmer riecht wie ein Schmetterlingskasten. Es scheinen mir aber freilich lauter »Trauerfalter« darin zu stecken – complicirte Sammlung, das muß wahr sein! Herr Gott, da liegt ja auch die gnädige Frau, und die Liese hat wieder Zahnschmerzen! Der Christian scheint heute der einzige Gesunde.«
»Ich? Ach, das Gott erbarm'!« stöhnte der Mann. »Hingesetzt hab' ich mich hier, um dem Herrn Major das Bein einzureiben; aber wie ich wieder in die Höhe kommen will, weiß der Himmel! Ich muß mir das Kreuz verrenkt haben, denn das wird mit jedem Tag ärger.«
»Und was fehlt Ihnen, Herr Rath?« fragte der Staatsanwalt, »denn ganz gesund können Sie doch unmöglich in diesem Lazareth sein.«
»Geistige Ruhe, verehrter Freund,« erwiederte Frühbach; »sonst, Dank dem Aepfelwein, den ich täglich trinke, und meiner steten Transspiration, nichts. Aber Sie sehen, ich habe mich pünktlich eingefunden.«
»Sehr wacker von Ihnen. Und Sie, Major, liegen wieder auf der Kante?«
Er hatte eigentlich recht. In der neulichen Aufregung schien der alte Herr, dessen Leiden überhaupt zum großen Theil nur eingebildet waren, seine ganze Krankheit vergessen oder wenigstens für den Augenblick beurlaubt zu haben. Jetzt aber, nach dem letzten verzweifelten Versuch, den er auch in der That als den letzten betrachten mußte, hatte er es aufgegeben, sein Ziel weiter zu verfolgen. Seine letzte Hoffnung war verschwunden, und mit dem Aufhören der Erregung trat, wie nach allen solchen Fällen, die gewöhnliche Abmattung ein, so daß er sich jetzt auf einmal kränker als je zu fühlen glaubte.
»Ja,« stöhnte er, »und das wird auch wohl der letzte Ruck sein, den die Krankheit thut; ich fühl's schon in den alten Knochen, lange kann das Elend nicht mehr dauern – o Gott! Christian, Esel – Er drückt mir ja den ganzen Knochen ein! Der Mensch arbeitet gerade so auf meinem Fleisch herum, als ob er ein Pferd striegelte. Setzen Sie sich, Staatsanwalt – wenn ich Jemanden lange stehen sehe, werde ich ganz nervös, denn ich fühle das Ziehen und Ausdehnen in meinen eigenen Gliedern.«
»Und Sie wissen, weshalb ich komme?« sagte der Staatsanwalt, indem er seinen Hut auf den Tisch stellte und der Einladung Folge leistete.
»Ja,« knurrte der Major, »der Rath da hat mir die ganze Geschichte erzählt, und ich wollte, daß der Teufel die Madame Müller und den – hm, verdammt, wenn ich so einen Brief unterschreibe!«
»Na, dann lassen Sie's bleiben,« sagte der Staatsanwalt, wieder von seinem Stuhl emporfahrend; »mir kann's recht sein, und nur Ihretwegen bin ich herausgekommen. Also Gott befohlen, Major, möchte hier nicht länger stören!«
»So bleiben Sie nur in's drei Teufels Namen sitzen!« schrie der Major. »Herr Gott, ärgern Sie mir nicht auch noch die Galle an den Hals – man muß doch erst über die Sache reden! Da, Christian, das ist genug, die Haut muß ja schon herunter sein, und das brennt wie Gift – macht, daß Ihr hinaus kommt, wir haben mit einander zu reden!«
»Ja, macht, daß Ihr 'naus kommt,« stöhnte der alte Gärtner, indem er sich mit beiden Armen auf den Boden stützte; »mich reibt Niemand ein, ich bin immer eingerieben, und jetzt soll man sich noch allein aufrichten, wo Einem das ganze Kreuz aus dem Geschick ist. Uff!« stöhnte er dabei und machte einen Versuch, aufzustehen, der aber mißglückte.
»Gott soll Einen bewahren!« sagte Witte, indem er auf den Mann zutrat und ihm unter den rechten Arm griff. »So, Freund, nun hebt Euch einmal – ohoi! Geht's?«
»Danke schönstens, Herr Staatsanwalt,« keuchte der Gärtner, der sich jetzt mit Mühe auf die Füße brachte, »der Herr vergelt's Ihnen! Wenn ich erst einmal in die Höhe bin und wieder in Gang komme, bring' ich mich wenigstens von der Stelle – wenn's nur nicht da hinten so stäche!«
Damit hinkte er, das linke Bein hinter sich drein schleppend, aus dem Zimmer, und Witte sah ihm nach, so lange er ihm mit den Augen folgen konnte. Nur erst, als er die Thür wieder hinter sich zugedrückt, sagte er:
»Aber um des Himmels willen, Major, weshalb schicken Sie den Mann nicht in ein wirkliches Lazareth und nehmen sich einen gesunden, kräftigen Menschen, der Ihre Haus- und Gartenarbeit auch verrichten kann?«
»Geht nicht,« knurrte der Major und schüttelte dabei mit dem Kopf; »halt ich nicht aus – kann keinen gesunden Menschen um mich herum haben – geht mir wider die Natur. Ja, wenn ich nicht selbst so elend wäre!«
Der Staatsanwalt, der kein weiteres Interesse bei der Sache hatte, sah sich im Zimmer um. Die Liese war auch mit ihrer Theekanne hinausgegangen, die Frau von Bleßheim lag nur noch auf dem Sopha und war krank, und es deshalb das Beste, zur Sache zu kommen.
»Eigentlich,« begann er, »haben wir gar nichts mehr mit einander zu reden, denn wenn Sie mir gleich von vornherein sagen, daß Sie den Brief nicht unterschreiben wollen, so läßt sich vor der Hand nichts in der Sache thun, bis die Klage erst einmal anhängig gemacht ist.«
»Aber auf was, zum Teufel, will denn die alte Hexe klagen?« rief der Major ärgerlich; »wir haben ihr ja nichts zu Leide gethan.«
»Sie haben ihr weiter nichts gethan, als sie beschuldigt, ein Verbrechen begangen zu haben,« sagte der Staatsanwalt trocken, »und da sie eine solche Verdächtigung nicht auf sich sitzen lassen will, so werden Sie einfach aufgefordert werden, Ihre Beweise zu bringen.«
»Aber wir haben keine,« rief der Major, »als die moralische Ueberzeugung, daß ich im Recht bin und ihre ganze Geschichte faul ist.«
»Eine moralische Ueberzeugung hat nur freilich vor dem Richter keinen Werth, Major, und Sie fallen damit gründlich ab. Aber vielleicht kann Ihnen der Rath Beweise bringen, da er, wie mir die Madame Müller erzählt hat, so entschieden in der Sache vorgegangen ist.«
Rath Frühbach hatte wunderbarer Weise und ganz gegen seine sonstige Gewohnheit bis jetzt kein Wort gesprochen und nur, in seine Gedanken vertieft, Tabak um sich her gestreut. Jetzt sagte er: »Da fällt mir eine Geschichte ein....«
»Lieber Rath,« rief Witte, ihn rücksichtslos unterbrechend, »ich bin nicht hieher gekommen, um Ihre Geschichten mit anzuhören, sondern die Angelegenheit zum Abschluß zu bringen. Hier ist der Brief« – und dabei nahm er das Papier aus der Tasche –, »ich habe ihn kurz und bündig gehalten, und es steht nichts darin, was Sie nicht mit gutem Gewissen unterschreiben können. Der Frau habe ich auch das Versprechen abgenommen, das Document als vollkommen privatim zu betrachten; sie wird es keinem andern Menschen zeigen. Nun lesen Sie es durch und sagen mir dann kurz und bündig, ob Sie damit die fatale Sache erledigen wollen oder nicht. Weiteres Reden ist vollkommen unnütz, und ich habe auch keine Zeit dazu.«
»Sie lassen Einen auch wirklich gar nicht zu Worte kommen, lieber Staatsanwalt,« meinte der Rath und nahm eine Doppelprise. »Wie kann man denn in einer so wichtigen Sache einen Beschluß fassen, wenn man sich nicht erst gehörig darüber ausgesprochen hat?«
»Ich dächte, Sie hätten da draußen gerade genug gesprochen,« nickte der Staatsanwalt, »und ich begreife Sie wirklich nicht, Major, wie ein sonst so ruhiger, vernünftiger Mann so seine Leidenschaft kann mit sich durchgehen lassen und in's Blaue hineinrasen.«
»Ich habe ja gar kein Wort gesagt!« rief der Major; »der Rath war aber nicht zu halten und behauptete nur immer, wenn man es ihr auf den Kopf zusage, würde sie augenblicklich gestehen.«
»In Schwerin hatten wir einen ganz ähnlichen Fall, und gerade durch meine Geistesgegenwart....«
»Haben Sie sich hier so in die Patsche geritten,« sagte der Staatsanwalt, der fest entschlossen schien, dem unglücklichen Manne jedesmal die Rede abzuschneiden, »daß Sie Vorspann brauchen, um wieder herauszukommen. Den bringe ich Ihnen jetzt; da, lesen Sie den Brief und seien Sie froh, wenn Sie so durchschlüpfen; denn wenn die etwas cholerische Frau wirklich klagt, so dürfen Sie sich auf eine Scene vor den Geschworenen gefaßt machen, an die Sie nachher ihr ganzes Leben zurückzudenken haben. Ueberfüllte Tribünen garantire ich Ihnen jedenfalls.«
Der Rath nahm den Brief und las ihn. Er war in der That in der mildesten Form abgefaßt und führte die ganze Sache auf ein Mißverständnis oder einen Irrthum zurück. Die beiden Herren erklärten nur zum Schlusse ihr Bedauern, die Frau unverdienter Weise vielleicht durch irgend ein Wort gekränkt zu haben, und baten sie, ihrer in Zukunft wieder freundlich zu gedenken, wie sie sich selber mit aufrichtiger Hochachtung zeichneten etc.
Der Rath kratzte sich hinter dem Ohr, reichte aber den Brief dem Major hinüber und sagte dabei: »Du lieber Himmel, das könnte man allenfalls einer Frau gegenüber unterzeichnen, nur um aus der unangenehmen Sache herauszukommen!«
Der Major hatte sich indessen das Bild mit dem Geschworenengericht, das ihm der Staatsanwalt entrollte, ausgemalt, und er würde lieber tausend Thaler gezahlt haben, als sich einer solchen Blamage aussetzen. Er, Major von Halsen, als Verklagter auf der Armensünderbank, und die Madame Müller vor den Schranken, gegen ihn auftretend! Es war gut, daß der Rath in dem Augenblick nicht hören konnte, was er über ihn dachte, denn ihm allein verdankte er doch nur das Alles. Aber er las den Brief erst einmal flüchtig durch, dann noch einmal langsam und bedächtig, und der Staatsanwalt betrachtete ihn dabei mit triumphirenden Blicken. Er wußte jetzt, daß er ihn fest hatte und die Sache erledigen konnte.
»Na denn meinetwegen,« sagte auch der alte Soldat endlich, indem er das Papier neben sich auf den Tisch warf; »geben Sie einmal Dinte und Feder von da drüben her, Rath – die Dinte wird wohl eingetrocknet sein, dort auf dem Ofen steht noch eine kleine Flasche. Wenn sich der alte Drache damit beruhigen will, mir kann's recht sein; aber meinen Hals möcht' ich zum Pfand einsetzen, daß sie die Lumperei doch begangen hat. Sie sollten nur das Bild von ihrer Tochter sehen, Staatsanwalt, das über ihrem Sopha in Vollmers hängt, ob das nicht das leibhafte Conterfei der Wendelsheim'schen Familie ist – jeder Zug, während der Lieutenant von Wendelsheim auch nicht die Spur von Aehnlichkeit mit dem alten Baron hat – nicht die Spur, sage ich Ihnen.«
»Aber das sind Alles keine Hauptbeweise, lieber Freund, und könnten nur vielleicht als Nebenbeweise in's Gewicht fallen. Eine solche Aehnlichkeit täuscht und ist oft nur zufällig, denn sie hängt von uns unbekannten Ursachen ab. Damit kommen Sie also nicht vom Fleck, und seien Sie so gut und machen Sie die Sache kurz, denn es wird schon dunkel und ich muß nach Hause.«
Der Major sah noch einen Augenblick still und verbissen vor sich nieder; endlich sagte er: »Na, mein lieber Rath, Sie nehme ich einmal wieder auf eine Entdeckungsreise mit!« griff dann die Feder auf, tunkte sie ein und schrieb seinen Namen unter das Document; dann schob er es dem Rath hin, und dieser, ohne sich länger zu sträuben, unterzeichnete ebenfalls.
»So,« sagte der Staatsanwalt, der die beiden Herren indessen schweigend beobachtet hatte, »das war jedenfalls das Gescheidteste, was Sie thun konnten, und ich hoffe die ganze Geschichte damit beizulegen. Wenn Sie aber meinem Rath noch folgen wollen, Major, so geben Sie jetzt Ihre Jagd auf und werden vernünftig, denn Sie müssen das Nutzlose derselben doch nachgerade eingesehen haben. Wäre wirklich in jener Zeit etwas dem Aehnliches in der Familie Wendelsheim vorgegangen, wie Sie vermuthen, so haben es die Jahre jetzt verwischt. Aber Alles, auf das Sie nur Ihren bösen Verdacht gründen, ist leere Vermuthung, oder, noch schlimmer, ekelhaftes Weibergeschwätz vergangener Jahre, und Sie können Ihrem Gott danken, daß diese Sache hier nicht dem alten Baron zu Ohren gekommen ist; er hätte Sie wahrhaftig nicht so leicht durchgelassen. Doch nun Gott befohlen, meine Herren! Ich habe mich hier länger aufgehalten, als ich wollte. Was fehlt denn eigentlich der Frau von Bleßheim auf dem Sopha?«
»Ach, nichts,« sagte der Major mürrisch; »sie bildet sich immer ein, daß sie krank ist.«
»Und Du wohl nicht?« rief die Dame, sich plötzlich sehr lebhaft aus ihrer liegenden Stellung aufrichtend. »Man muß ja allein schon davon krank werden, wenn man das ewige Gejammer mit anhört!«
»Na, wünsche allerseits einen recht angenehmen Abend!« sagte der Staatsanwalt, vergnügt, aus der Gesellschaft fortzukommen, und seinen Hut schwenkend, schritt er in die schon dämmernde Straße hinaus.
Es war in der That später geworden, als er gedacht, und er ging rasch den Weg hinab, der nach der Stadt zu führte; dabei zuckten ihm aber doch die letzten Reden des Majors durch den Kopf, besonders was derselbe von der Aehnlichkeit gesagt. Darin hatte der alte Major recht: der Lieutenant von Wendelsheim glich seinem Vater, was das Aeußere betraf, auch mit keiner Miene; er war erstlich kleiner als der alte Baron, und seine Züge, seine ganzen Bewegungen trugen einen entschieden andern Charakter. Aber was wollte das sagen? Wie oft kam das in der Welt vor, und konnte nicht einmal gegründete Ursache zu einem Verdacht, viel weniger denn zu einer Klage geben! Merkwürdig blieb es freilich immer, und der Staatsanwalt grübelte auf dem ganzen Weg darüber nach, daß wieder der zweite Sohn so entschieden die Züge der Eltern trug, und dadurch auch seinem Bruder nicht im geringsten ähnelte.
Aber mit all' solchem Nachgrübeln gelangt man natürlich zu keinem Resultat. Ob das Bild in der Stube der Frau Müller der Wendelsheim'schen Familie mehr glich als der Lieutenant, war ziemlich einerlei; deshalb blieb der Letztere doch der Sohn und Erbe, und mit dieser Schlußfolgerung betrat der Staatsanwalt wieder die eigentlichen Straßen der Stadt und schritt unwillkürlich etwas nach links hinüber, um seinen Weg nach Hause so viel als möglich abzukürzen. Es dunkelte allerdings schon stark, aber wenn er die Seitenstraßen benutzte, kam er doch wohl noch bei Zeiten nach Hause, um einige nothwendige Briefe zu unterzeichnen und vor Postschluß zu befördern.
Den kürzesten Weg hatte er durch die Judengasse, und wenn das auch gerade kein Platz war, den man Abends gern passirte, weil das Ausschütten von Gefäßen aus den Fenstern dort nur allzu häufig geschah, schien er dieser Gefahr doch heute Abend trotzen zu wollen, oder dachte auch vielleicht nicht einmal daran. Er bog ohne Weiteres in die Straße ein, hatte aber erst wenige Schritte darin gethan, als er einzelne Menschen rasch an sich vorüberspringen und einem bestimmten Hause zueilen sah, vor dessen Thür sie sich sammelten oder in den Hof eindrängten.
»Was ist denn hier geschehen oder was giebt's zu sehen?« fragte er einen der Leute, der eben dort wieder herauskam und über die Straße wollte.
»Sie haben den alten Salomon todtgeschlagen,« sagte der Mann und sprang in das nächste Haus, um noch eine Laterne zu holen.
»Du lieber Gott,« seufzte Witte, denn er kannte den alten Mann recht gut und hatte schon oft selber mit ihm zu thun gehabt – »das ist ja schrecklich!« Und rasch trat er mit in den Hof hinein, wo er zu der Stelle kam, an welcher die Nachbarn den jungen Baumann hielten und eben dabei waren, ihm die Hände auf den Rücken zu schnüren.
»Wen habt Ihr denn da, Ihr Leute?« fragte der Staatsanwalt, indem er zu ihnen trat, aber in der Dunkelheit nicht gleich die Züge der Einzelnen erkennen konnte.
»Den Halunken, der den alten Mann todtgeschlagen hat, und eben auskneifen wollte, als er mir in die Finger lief.«
Unwillkürlich nahm der Staatsanwalt dem Nächsten die Laterne ab und leuchtete damit dem vermutheten Verbrecher in's Gesicht.
»Herr Baumann!« rief er aber auch schon im nächsten Augenblick ordentlich entsetzt aus. »Das ist doch nicht möglich!«
»Sind Sie von der Polizei?« fragte ihn einer der Umstehenden.
»Nein, aber ich gehöre mit zu dem Fach – ich bin der Staatsanwalt.«
»Na, dann gehen Sie lieber mit in den Laden hinein, wo der alte Salomon liegt, bis ein Actuar oder sonst wer kommt,« sagte der Mann wieder.
»Aber, um Gottes willen, Herr Baumann, wie kommen Sie in diese Lage?«
»Ich hoffe doch nicht,« sagte Fritz, der todtenbleich geworden war, »daß Sie mich eines solchen Verbrechens fähig halten?«
»Nein, gewiß nicht!« rief Witte schnell.
»So, und weshalb wollte er denn da ausreißen und ist über und über blutig, he? – Ruhe, mein Bursche, das bitte ich mir aus; ob Du schuldig oder unschuldig bist, wird dann wohl die Polizei aus Dir herausdrücken, darauf verlaß Dich! Und jetzt machen Sie, daß Sie hineinkommen, damit Alles ordentlich zugeht! Es ist Niemand drin, wie ein Officier, und die wissen sich bei solchen Geschichten gewöhnlich nicht zu helfen.«
Das war allerdings richtig. Witte konnte auch hier im Augenblick, mit den näheren Umständen gar nicht bekannt, nichts helfen, und mußte den jungen Mann vor der Hand seinem Schicksal überlassen. Die Untersuchung stellte ja doch bald heraus, ob er schuldig wäre oder nicht.
Als der Staatsanwalt Witte den düstern, unheimlichen Raum betrat, bemerkte er nur eine Anzahl dunkler Gestalten, die um einen auf dem Boden liegenden Gegenstand geschaart waren und von dem ungewissen Licht der Lampe mehr sichtbar gemacht als beleuchtet wurden. Mit dem Fuße stieß er dabei an einen klirrenden Körper, der am Boden lag, und als er ihn aufhob, fand er, daß es ein Sack mit Geld sei, den der Mörder hier jedenfalls auf der Flucht zurückgelassen. Die erste Person, die er, allerdings zu seinem Erstaunen, erkannte, war der Baron von Wendelsheim; denn er begriff nicht recht, wie dieser Abends noch so spät in die Judengasse kam, wenn ihn nicht auch vielleicht, wie ihn selber, der Zufall hier vorbeigeführt. Aber es war jetzt wahrlich keine Zeit dazu, um solche Betrachtungen anzustellen, und der Staatsanwalt, den gefundenen Beutel auf den Ladentisch stellend, trat näher zu der Gruppe, um vor allen Dingen den Zustand des gefallenen Opfers zu untersuchen.
»Ah, Herr Staatsanwalt,« rief Wendelsheim, als er ihn erkannte, »ein Glück, daß Sie kommen – hier ist ein schändliches Verbrechen verübt worden!«
Auf dem ausgestreckten Körper des alten Mannes lag, anscheinend leblos, eine weibliche Gestalt.
»Was ist das?« sagte Witte. »Sind Beide ermordet worden?«
»Es ist des alten Salomon Frau; sie muß ohnmächtig geworden sein – Ursache genug, wahrhaftig, bei solchem Anblick!«
»Ist der alte Mann todt?«
»Jedenfalls. Er hat zwei furchtbare Wunden am Kopf.«
»Hätten wir nicht besser die Frau fort und in ihre Wohnung geschafft, wo sie die nöthige Pflege finden kann? Nach Polizei ist doch geschickt?«
»Gewiß – faßt an, Ihr Leute, aber vorsichtig, und tragt die arme Frau drüben die Treppe hinauf; ich werde Euch den Weg zeigen – o, da kommt noch eine Laterne! Ich bin gleich wieder bei Ihnen, Herr Staatsanwalt.«
Es fiel Witte wohl auf, daß der Lieutenant so bekannt in dem Hause schien, aber er achtete doch nicht weiter darauf. In diesem Augenblick, und gerade als die Leute die in der That ohnmächtig gewordene alte Frau nach oben trugen, langte die Polizei an: ein Actuar, zwei Polizisten und zwei Gensdarmen. Der Actuar schien auch die Sache richtig zu behandeln. Der Gefangene, da er doch gebunden war und nicht entwischen konnte, wurde einem der Gensdarmen übergeben und der andere an das Hofthor postirt, um die Neugierigen abzuhalten, denn die Straße war schon mit Menschen angefüllt. Hatte sich doch das Gerücht, daß der alte Salomon ermordet sei, wie ein Lauffeuer durch die ganze Judengasse und den benachbarten Stadttheil verbreitet! Dann wurde der Hof von allen nicht hinein gehörenden Personen gesäubert und nur ein paar noch zur Aufsicht des Gefangenen zurückbehalten, wenn dieser ja einen verzweifelten Fluchtversuch machen sollte. Jetzt verhielt er sich freilich vollkommen ruhig, aber man weiß nicht – solche Leute passen manchmal ihre Zeit ab.
Eben so bedeutete der Actuar auch alle solche, welche Näheres über die That anzugeben wüßten oder vermutheten, draußen auf der Straße und in der Nähe zu bleiben, um nachher ihr Zeugniß abzulegen. Dann gingen sie – es waren jetzt nur noch der Actuar, die beiden Polizeidiener, der Staatsanwalt und Lieutenant von Wendelsheim – in den Laden zurück, um die Wunden des alten Mannes selber zu untersuchen. Der Actuar hatte übrigens auch schon nach dem Polizei-Arzt geschickt, der jeden Augenblick eintreffen konnte.
Der einzige Mensch, der wirklich Näheres über den Ueberfall wußte, stand draußen gebunden unter Gensdarmerie-Bewachung.
Salomon lag auf dem Rücken, den rechten Arm noch wie zum Schutz gegen die wahrscheinlich nach ihm geführten Schläge vorgestreckt. Er war aber mit Blut ordentlich überdeckt, und sein Kopf zeigte, als der Actuar mit der Lampe hinabreichte, zwei klaffende Wunden, aber schon mit geronnenem Blute überklebt, so daß man ihre Tiefe nicht gut erkennen konnte. Die Untersuchung derselben mußte aufgespart werden, bis der Arzt kam.
Wendelsheim fühlte indessen seinen Puls, aber dort war kein Leben erkennbar, und die Hand selbst kalt und krampfhaft geballt: auch ein Heben der allerdings noch warmen Brust ließ sich nicht unterscheiden.
»Armer Salomon,« sagte der Actuar, indem er sich kopfschüttelnd aufrichtete – »schade um ihn, es war ein braver, rechtschaffener Mensch, und verwünscht viel besser als tausend Andere, die sich Christen nennen! Aber wir können jetzt nichts thun, meine Herren, als ihn liegen lassen, bis der Arzt kommt, indessen aber den Laden untersuchen – möglich ja doch, daß wir etwas finden, was der oder die Mörder zurückgelassen haben, um dadurch auf seine Spur zu kommen. Möchte einer von den Herren wohl so freundlich sein und die Lampe nehmen?«
Der Staatsanwalt machte den Actuar jetzt auf den Geldsack aufmerksam, den er an der Thür gefunden; es waren noch Blutspuren daran, und jedenfalls mußte der Mörder gestört sein, daß er den im Stiche gelassen. Der eiserne Geldschrank stand offen; was daraus geraubt worden, konnte man natürlich nicht wissen. Der Actuar stellte den Beutel wieder in den Schrank und verschloß ihn.
Sie untersuchten jetzt den Boden und fanden dicht vor dem Schrank die ersten Blutspuren. Der Angriff hatte dort jedenfalls begonnen und der alte Mann sich wohl gewehrt. Dort machte der Ladentisch eine kleine Biegung, um die herum das Opfer wahrscheinlich nach der Thür flüchten wollte, als es den zweiten Schlag erhielt und zu Boden taumelte.
Eine Waffe oder irgend ein Instrument, mit welchem die Streiche versetzt sein konnten, fand sich nirgends, eben so wenig irgend ein anderer Gegenstand, der einem Fremden gehört haben konnte. Nur ein Taschentuch lag vorn im Laden am Boden, das in der Ecke die mit Roth gezeichneten Buchstaben F. B. trug. Der Actuar steckte es in die Tasche.
Beim Herumleuchten bemerkten sie noch eine geöffnete Schublade, an der aber von außen der Schlüssel steckte; sie enthielt mehrere Gold- und Silbersachen. Es war möglich, daß der oder die Diebe gewußt hatten, wo sich werthvolle Gegenstände befanden, und auch daraus geraubt haben konnten. Das ließ sich vielleicht durch Salomon's Frau constatiren, wenn sie sich wieder erholen würde; heute Abend wohl kaum mehr.
In diesem Augenblick trat der erwartete Polizei-Arzt ein und untersuchte den Körper des Erschlagenen; aber es war hier unten nicht viel zu machen. Er glaubte noch Leben zu erkennen, aber so schwach, daß es auch jeden Moment wieder schwinden konnte, und wünschte deshalb, denselben hinauf in seine Wohnung geschafft und auf ein Bett gelegt zu haben. Dort sollte dann auch in Gegenwart der Leiche das erste Verhör stattfinden.
Der Actuar ging jetzt hinaus an das Hofthor, vor dem die Menschen noch immer dicht gedrängt standen, und forderte Einzelne, die Näheres über das Verbrechen anzugeben wüßten, auf, hereinzukommen. Es meldeten sich aber nur zwei oder drei, die »etwas gesehen haben wollten.« Sie wurden herein beordert und dann gleich mit dazu verwandt, um den leblosen Körper des alten Mannes nach oben zu tragen.
Der Lieutenant, der zurückgekehrt war, nahm wieder die Leitung, und während er langsam mit der Lampe voranging, verschloß der Actuar zuerst die Ladenthür und ließ dann noch einen Augenblick den Zug halten, um zuerst einen Streifen Papier über das Schloß zu siegeln, damit Niemand den Platz betrete, bevor morgen, mit Tageslicht, eine genaue Untersuchung desselben stattgefunden hätte.
Wie still und friedlich, wie wohnlich, ja, fast patriarchalisch hatte sonst die Behausung des alten Salomon ausgesehen, und wie traurig verändert lag sie heute! Fremde, rauhe Gestalten drängten die Treppe hinauf und Tod und blutige Verwüstung schienen ihre Fährten in das Heiligthum eingedrückt zu haben. Es war auch fast, als ob die alte Dienerin des Hauses, die oben an der Treppe mit verweinten Augen stand, den vielen Fremden den Eintritt wehren wollte – aber brachten sie nicht ihren armen Herrn? Und dann sah sie auch die gefürchteten rothen Kragen der Polizei, gegen die sie am wenigsten gewagt haben würde, einen Widerstand zu leisten.
Jetzt hatten die Träger den oberen Rand der Treppe erreicht, und Witte, der dicht hinter ihnen folgte, sah staunend auf, als ein bildschönes Mädchen, die schwarzen Locken gelöst, das Antlitz marmorbleich, auf die Träger zustürzte und im ersten Moment sich auf den alten Mann werfen wollte. Aber fast gewaltsam hielt sie sich zurück, ihre großen dunklen Augen hingen an dem Gräßlichen, ihre kleine, weiße Hand war fest auf dem Herzen geballt; aber sie sagte kein Wort, durch keine Bewegung hinderte sie den Fortgang der Leute, und das Licht aus der Hand der Magd nehmend, winkte sie ihnen nur, ihr zu folgen.
»Alle Wetter, wer ist das?« flüsterte der Actuar dem neben ihm stehenden Staatsanwalt zu. »Das war ja ein bildschönes Mädchen, und der Lieutenant scheint hier sehr bekannt im Hause zu sein!«
»Wahrscheinlich die Tochter des alten Salomon,« nickte der Staatsanwalt, der die letzte Bemerkung ebenfalls gemacht hatte; »ich weiß, daß er eine Tochter hat, habe sie aber noch nie vorher gesehen.«
»Mir ist nie etwas Schöneres vorgekommen....«
»Es muß in der That außergewöhnlich sein, wenn sich selbst die Polizei davon ergriffen fühlt,« bemerkte der Staatsanwalt trocken – »aber da sind wir. Wie elegant das hier aussieht! Ich hätte wahrlich nicht gedacht, im Judenviertel solch ein Haus zu finden, besonders wenn man diese alten, rauchgeschwärzten Gebäude von außen ansieht!«
Die Träger folgten ihrer bleichen Führerin in ein Seitenzimmer, wie es schien, das eigentliche Schlafgemach des alten Mannes, neben dem der Arzt noch immer herging und seinen Kopf unterstützte. Dort winkte sie, ihn auf das Bett zu legen.
»Möchten Sie nicht vielleicht eine alte Decke unterlegen,« bemerkte der Arzt, als er das schneeweiße Linnen sah, »wir werden Alles mit Blut beflecken.«
»Nein,« hauchte die Tochter. – Es war das erste Wort, das sie sprach. – »O, sagen Sie mir um Gottes willen, ob er todt ist?«
»Ich glaube nicht, mein Fräulein,« erwiederte der Arzt theilnehmend dem ungeheuern Schmerz gegenüber, der in den Worten lag. »Ich kann Ihnen freilich für nichts stehen, denn ich habe die Wunden noch nicht untersucht, aber noch scheint Leben in ihm zu sein, wenn auch vielleicht nur ein Funken. Es soll gewiß Alles geschehen, was in menschlichen Kräften steht, um ihn, wenn irgend möglich, zu retten. Machen Sie sich aber auf das Schlimmste gefaßt; das Resultat kann kein Mensch vorher bestimmen.«
»Hat sich Ihre Frau Mutter wieder erholt?« fragte der Staatsanwalt jetzt, der ihr unwillkürlich näher getreten war. »Der plötzliche Schreck machte eine Ohnmacht ja natürlich.«
»Ich danke Ihnen,« sagte Rebekka leise, »sie ist wieder erwacht – o, dieser entsetzliche Abend!«
»Und haben Sie keine Vermuthung, wer der Thäter sein könne?« fragte der Actuar wieder.
»Keine,« hauchte das junge Mädchen, traurig mit dem Kopf schüttelnd; »mein Vater war ja so gut und brav, er hat keinem Menschen je ein Leides gethan – sie haben ihn nur berauben wollen.«
»Und wissen Sie nicht, ob in letzter Zeit vielleicht irgend Jemand häufiger als sonst in den Laden gekommen wäre?«
»Ich betrete den Laden nie oder doch nur so selten, daß ich es nicht weiß. Selbst die Mutter kommt nicht hinunter.«
»Hm – nun, wie steht es, Doctor?«
»Dürfte ich um etwas lauwarmes Wasser und einen Schwamm bitten?«
Es wurde rasch gebracht, und der Arzt ging jetzt daran, die Wunden sorgsam auszuwaschen und zu untersuchen.
Wendelsheim hatte indessen leise mit Rebekka gesprochen und sie gebeten, das Zimmer zu verlassen. Er selber glaubte fest, daß der alte Mann todt sei, und wollte ihr wenigstens den Schmerz der unmittelbaren Entdeckung ersparen. Rebekka weigerte sich aber; sie wollte das Entsetzliche selber hören – sie war gefaßt, wie sie sagte, und fürchtete keine Schwäche.