Staatsanwalt Witte beobachtete Beide scharf, während sie mit einander sprachen, und es hätte auch wahrlich nicht des Auges eines Juristen bedurft, um zu sehen, mit wie liebevoller Theilnahme des Barons Blick an den Zügen des Mädchens hing, wie vertrauend, wie gut sie zu ihm aufsah. Der Actuar glaubte aber seine Zeit indessen nicht unnütz versäumen zu dürfen, und sich im Zimmer umschauend, bemerkte er bald einen Tisch, auf welchem ein Schreibzeug stand – Papier wie alles Nöthige führte er überdies bei sich –, und er befahl jetzt, den Gefangenen herauf zu führen, und ließ die Leute, die sich als Zeugen gemeldet hatten, ebenfalls an die Thür treten. Um das Verhör kümmerte sich der Arzt nicht, der sich nur immer mit dem Verwundeten beschäftigte, während ihm Rebekka hülfreiche Hand dabei leistete. Wohl schnürte es ihr das Herz zusammen, und sie mußte sich ordentlich Gewalt anthun, um nicht in Klagen auszubrechen, als sie die furchtbaren Wunden sah, die des Mörders Waffe dem Vater geschlagen; aber kein Laut kam über ihre Lippen, und mit sorgsamer, nicht einmal zitternder Hand wusch sie das Blut von dem theuern Haupt und küßte dann die bleiche, kalte Stirn.
Fritz Baumann wurde jetzt hereingeführt, und mit Entsetzen hingen des Mädchens Blicke an dem edlen, aber jetzt bleichen Antlitz des jungen Mannes. Das war der Mörder? O, um Gott, was hatte er ihm gethan, daß er die blutige Faust gegen den armen schwachen alten Mann erheben sollte?
»Wer sind Sie und wie heißen Sie?« fragte der Actuar, der sich an seinem Tisch festgesetzt hatte und die Sache amtsmäßig zu betreiben begann.
»Mein Name ist Friedrich Baumann,« lautete die eben nicht sehr freundlich gegebene Antwort; »ich bin Mechanikus in hiesiger Stadt.«
»Schon einmal vor Gericht gestanden?«
»Nein.«
»Was hatten Sie heute Abend noch nach Dunkelwerden hier im Gehöft und im Laden des alten Salomon zu thun?«
»Ich habe ein Werk zurückgebracht, das ich für ihn reparirt hatte, fand aber den Laden schon verschlossen und sah nur eben noch in der Dämmerung, daß ein Officier vor mir den Hof betrat. Da ich demnach vermuthete, den alten Salomon noch im Laden zu finden, folgte ich ihm und fand auch die Ladenthür nur angelehnt und Licht im Innern. Wie ich aber den Platz eben betreten wollte, sprang eine dunkle Gestalt gegen mich an und floh zum Hofe hinaus. Ich hielt das Werk, das jetzt unten auf dem Tisch steht, noch in der Hand und war auch in dem Moment zu überrascht, um dem Flüchtigen gleich zu folgen, that aber dann, was ich für den Augenblick thun konnte. Im Laden sah ich den unglücklichen alten Mann am Boden liegen, und das Schlimmste fürchtend, sprang ich hinaus, fand die Hausthür verschlossen, klopfte dort scharf an und sprang dann vor das Thor, um Hülfe herbei zu holen, als ich von diesen Männern gefaßt und gehalten und selber des Mordes beschuldigt wurde.«
»Und wie kommt das Blut an Ihre Hände und Kleider?«
»Ich wollte den Erschlagenen aufrichten, fand aber bald, daß das unmöglich sei.«
»Ist dies Ihr Tuch? Es trägt die Buchstaben F. B.«
»Ja; ich hatte es über das Werk gedeckt, und es mag im Hof herunter gefallen sein.«
»Es lag im Laden.«
»Auch das ist möglich.«
»Was für ein Werk war das, welches Sie brachten?«
»Ein mechanisches Kunstwerk, das ich reparirt hatte.«
»An der Thür lag ein Sack mit Geld; wie ist der dahin gekommen?«
»Das weiß ich nicht; ich habe ihn nicht gesehen.«
»Haben Sie etwas fallen hören, als jene dunkle Gestalt, wie Sie sagen, aus der Thür sprang?«
»Nein – ich erinnere mich wenigstens nicht; ich war zu sehr überrascht.«
Der Actuar ließ ihn bei Seite treten und fragte jetzt die verschiedenen Leute aus, was sie über den Fall wüßten. Das war allerdings sehr wenig. Einige wollten einen Hülferuf gehört haben und waren herbeigelaufen; Andere, die sie laufen sahen, schlossen sich ihnen an.
»Wer hatte um Hülfe gerufen?« fragte der Actuar.
»Ich selber,« erwiederte Baumann, »wie ich jene dunkle Gestalt davonspringen sah. Ich hoffte, dadurch ihm Begegnende aufmerksam zu machen.«
»Und weshalb liefen Sie nicht gleich selber hinter ihm drein? Ich dächte, Sie wären jung und stark genug dazu.«
»Ich hatte das Werk unter dem Arm – es kam Alles so schnell – ich wußte ja auch damals noch nicht, ob wirklich ein Verbrechen verübt sei, ja, im ersten Augenblick war es mir sogar, als ob der Laufende der alte Salomon selber sei.«
»Sehr wahrscheinlich,« lächelte der Actuar verächtlich. »Und weshalb liefen Sie da selber davon?«
»Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich nicht gelaufen bin,« erwiederte Baumann finster; »ich wollte auf die Straße springen, um Leute herbeizurufen, als diese mich faßten und natürlich den Verbrecher entwischen ließen.«
»Also Sie leugnen, weiter etwas von der That zu wissen?«
»Ich habe Ihnen Alles gesagt, was ich weiß, und bedauere, wenn Ihnen das nicht genügt.«
»Schön. Gensdarmen, führen Sie den Gefangenen in das Polizeigebäude in Untersuchungshaft – er soll eingeschlossen werden – ich komme gleich selber nach! Lassen Sie ihn unterwegs nicht entspringen, und daß er mit Niemandem verkehrt oder sich unterhält! Er wird auch vorher genau untersucht, ob er keine Waffen oder sonst etwas Verdächtiges bei sich trägt! Sind ihm die Hände noch fest auf dem Rücken gebunden?«
»Die kriegt er nicht los, Herr Actuar.«
»Gut – fort mit ihm; wir brauchen ihn heute hier nicht weiter.«
»Aber Sie können mich doch wahrhaftig nicht nur auf einen so wahnsinnigen Verdacht hin einkerkern wollen!« rief Baumann, bei dem der Zorn auch jetzt die Oberhand gewann. »Stehen denn hier nicht Männer, die mich kennen? Herr Staatsanwalt Witte, Herr Lieutenant von Wendelsheim, können Sie glauben, daß ich eines solchen Verbrechens auch nur fähig wäre?«
»Nein, das glaube ich nicht,« sagte Witte.
»Ich ebenfalls nicht,« fiel Wendelsheim ein.
»Meine Herren,« sagte der Actuar, »es thut mir leid, in dieser Sache auf Ihren Glauben keine Rücksicht nehmen zu können. Die Person hier ist unter verdächtigen Umständen angetroffen, und wir müssen uns ihrer jedenfalls so lange versichert halten, bis wir vollgültige Beweise ihrer Unschuld finden.«
»Aber ich habe den Hof nicht drei Minuten nach dem Lieutenant von Wendelsheim betreten – kaum zwei, wenn so viel – ich sah ihn in den Hof gehen.«
»Haben Sie etwas von dem Herrn bemerkt, Herr Baron?«
»Ich muß gestehen, daß ich mich gar nicht umgesehen,« sagte der Lieutenant. »Ich erinnere mich, Jemanden in der Straße bemerkt zu haben, als ich in den Hof einbog, aber es war schon dunkel und ich achtete auch nicht darauf.«
»Und wie lange vor der Entdeckung des Mordes waren Sie im Hause?«
»Allerdings nur wenige Momente; als ich den Hülferuf hörte, hatte ich eben erst das Zimmer betreten.«
»So? Na, das wird Alles die spätere Untersuchung ergeben. Also paßt mir gut auf ihn auf! Schultze mag lieber noch mitgehen, falls etwas vorfallen sollte oder vielleicht einige seiner Spießgesellen Miene machten, ihn zu befreien.«
»Mein lieber Herr Baumann,« sagte der Staatsanwalt jetzt zu dem Gefangenen, »fügen Sie sich vor der Hand in das Unvermeidliche, denn Ihre vorläufige Haft muß allerdings stattfinden; aber ich hoffe und bin fest davon überzeugt, daß Sie genügende Beweise Ihrer Unschuld beibringen werden. Ihre Haft wird in dem Fall nicht lange dauern, und ich ersuche Sie, Herr Actuar, dem Gefangenen jede Bequemlichkeit zu gestatten, welche die Gefängnißordnung erlaubt – auf meine Verantwortung und Garantie. Sorgen Sie dafür, Freund,« wandte er sich dann an den Gensdarmen, »daß das richtig bestellt und ausgeführt wird.«
Während die Leute den jungen Mann abführten, bog sich Witte zu dem Actuar über und flüsterte ihm etwas zu, womit dieser nicht recht einverstanden schien, denn er wiegte ein paarmal den Kopf hin und her, schrieb auch noch erst Einiges nieder. Dann wandte er sich plötzlich an den Lieutenant und sagte: »Und dürfte ich mir wohl erlauben, Herr Baron, Sie zu fragen, was Sie so spät, oder vielmehr so früh in's Haus geführt hat, da Sie doch schon hier waren, ehe der Lärm entstand, und eigentlich an dem Laden müssen vorübergegangen sein, während der Mord im Innern verübt wurde? Haben Sie nichts gehört?«
»Keinen Laut,« sagte Wendelsheim, von der Frage eben nicht erbaut, die Gegenwart des Staatsanwalts genirte ihn. »Als ich vorüberging, war Alles dunkel. Ob die Ladenthür angelehnt oder geschlossen war, weiß ich nicht einmal; ich habe mich nicht danach umgesehen, auch nicht das geringste Geräusch darin gehört, und glaubte deshalb, der alte Salomon befände sich oben in seiner Stube.«
»Und wie Sie oben in's Zimmer traten, hörten Sie den Hülferuf?«
»Ja.«
»War Jemand in dem Zimmer?«
»Allerdings; die Frau des alten Mannes und das Fräulein da.«
»Sie wollten den alten Mann sprechen?«
»Ich wollte der Familie, mit der ich befreundet bin,« sagte Wendelsheim ernst, aber entschieden, »eine Trauernachricht mittheilen, die mich heute betroffen hat – den Tod meines Bruders.«
»Der junge Baron Benno ist gestorben?« rief Witte rasch. »Ach, das thut mir wirklich recht leid um Sie Alle!«
»Ja,« sagte Wendelsheim leise, »es war ein schwerer Verlust, obgleich wir Alle schon lange darauf vorbereitet sein mußten.«
»In so jugendlichem Alter! Wie alt war Ihr Herr Bruder?«
»Noch nicht achtzehn Jahre.«
»Er lebt! Er lebt!« jubelte da plötzlich Rebekka, die neben dem Bett des Vaters gekniet und ihr Ohr an sein Herz gelegt hatte – was kümmerten sie die Fragen des Beamten!
»Es ist allerdings noch Leben vorhanden,« nickte der Arzt, »und die Wunden – wenn nicht im Innern der Hirnschale mehr Unheil angerichtet ist, als man von außen beurtheilen kann – sehen auch nicht gerade zu bösartig aus, wenigstens nicht so, um Ihnen jede Hoffnung zu rauben.«
»Er lebt, Doctor?« rief aber auch jetzt der Actuar. »Das allerdings würde die Untersuchung sehr erleichtern, wenn wir erst seine Aussage bekommen könnten!«
»Aber doch nicht heute Abend, Herr Actuar,« sagte der Arzt ruhig. »Ich muß überhaupt die Herren bitten, dieses Zimmer jetzt zu verlassen, damit der Verwundete kein Geräusch mehr hört und, wenn er ja schneller, als ich vermuthe, seine Besinnung wieder erhält, nicht erschrickt – ich stehe sonst für nichts.«
»O, er lebt! Er lebt!« jauchzte Rebekka leise vor sich hin, und wie ihrer selbst unbewußt, lehnte sie ihre Hand auf den Arm des jungen Officiers und schaute mit strahlendem Antlitz zu ihm auf.
Der alte Staatsanwalt nickte still vor sich hin mit dem Kopf, aber der Arzt drang jetzt entschieden auf Räumung des Zimmers. Der Kranke mußte Ruhe bekommen, und nur die Tochter sollte bei ihm bleiben. Er selber versprach aber, vor Mitternacht noch einmal nachzusehen, wie es ginge – er hatte noch einige Krankenbesuche zu machen und durfte die nicht vernachlässigen.
Der Lieutenant von Wendelsheim zögerte, mitzugehen. Der Staatsanwalt faßte ihn aber am Arm und sagte: »Kommen Sie einen Moment mit uns in ein anderes Zimmer oder auf den Hof, Herr Lieutenant. Ich habe den Herren einen Vorschlag zu machen, bei dem ich Sie ebenfalls betheiligt wünsche; Sie können ja nachher immer wieder zurückgehen.«
»Einen Vorschlag? Welchen?« fragte der Actuar.
»Bitte – unten; hier nichts weiter. Mein liebes Fräulein,« wandte er sich dann an Rebekka, »fassen Sie guten Muth; vielleicht und hoffentlich wird das Schwerste noch von Ihnen abgewandt. Seien Sie aber versichert, daß wir den innigsten Antheil an Ihrem Schicksal nehmen, und was geschehen kann, jene verruchten Buben, welche die That verübt, zur Strafe zu bringen, soll gewiß geschehen.«
»Aber jener junge Mensch hat meinen Vater doch gewiß nicht geschlagen,« sagte Rebekka mit tiefer Wehmuth im Ton.
»Ich bin fest davon überzeugt, daß er es nicht gethan hat,« bestätigte der Staatsanwalt; »doch das wird die Untersuchung bald ergeben.«
»Und bedenken Sie, daß Sie heute den Laden nicht mehr betreten dürfen,« sagte der Actuar; »er ist versiegelt.«
»Gott soll mich behüten, daß ich den Schreckensort in der Nacht betrete!« sagte das Mädchen zurückschaudernd.
»Kommen Sie, meine Herren, kommen Sie,« drängte der Arzt. »Der Kranke regt sich – ich mache Sie sonst für die Folgen verantwortlich« – und die drei Männer vor sich her schiebend, verließ er mit ihnen das Gemach.
»Und was wollten Sie uns sagen, Herr Staatsanwalt?« fragte der Gerichtsbeamte, als sie unten im Hof zusammenstanden, während der eine Polizeidiener noch draußen am Hofthor Wache hielt. Die alte Magd war mitgegangen, um hinter ihnen das Thor zuzuschließen.
»Ich habe,« sagte der Staatsanwalt, »schon oben meine Ueberzeugung ausgesprochen, daß der junge Baumann unschuldig ist; ich wiederhole das jetzt, und die Untersuchung wird es bestätigen. Wir wissen aber noch gar nicht, ob der alte Salomon den oder die Menschen, die ihn überfallen haben, erkannt hat, wenn er wirklich wieder zum Bewußtsein kommt, denn derartige Schufte schwärzen gewöhnlich ihre Gesichter oder brauchen andere Kunstgriffe. Wir müssen sie also in den ersten Tagen sicher machen, daß sie nichts zu fürchten haben, und das geschieht am besten durch das Gerücht von des alten Salomon's Tode. Die Stadt braucht vor der Hand nicht anders zu wissen, als daß der alte Mann wirklich erschlagen oder seinen Wunden erlegen sei, und meinetwegen auch, daß man den Mörder gefangen und eingezogen habe; ein falscher Verdacht schadet dem Namen des jungen Baumann, wenn er denn doch einmal abgeführt ist und gefangen gehalten wird, auch nicht mehr, und bekommen wir nachher die wirklichen Thäter heraus, so wollen wir ihn schon wieder weiß waschen.«
»Ich begreife nicht, was Sie damit bezwecken wollen,« sagte der Actuar.
»Ich halte es auch für das Beste,« meinte der Arzt. »Die Verbrecher lassen sich dadurch möglicher Weise verleiten, mit ihrem Gelde groß zu thun oder mehr zu verzehren, als ihre Bekannten an ihnen gewohnt sind – wie viele Diebstähle und Raubmorde sind schon dadurch an's Tageslicht gekommen!«
»Gut, ich habe nichts dagegen,« nickte der Actuar. »Wir können jedenfalls den Versuch machen, werden aber nichts dadurch erreichen, denn wenn nach drei Tagen die Beerdigung des alten Mannes nicht erfolgt, so wird man doch augenblicklich wissen, daß er nicht gestorben ist.«
»Drei Tage sind eine lange Zeit,« sagte der Staatsanwalt; »wir wollen wenigstens die uns gegebene Frist nach besten Kräften benutzen, und Sie, Herr Lieutenant, bitte ich, im eigenen Interesse der Familie, wenn Sie dieselbe wiedersehen sollten, sie zu bitten, Alles zu thun, um das Gerücht aufrecht zu erhalten. Aber jetzt guten Abend, meine Herren! Es ist spät geworden, und ich muß nach Hause, oder gehen wir Einen Weg?«
»Jedenfalls anfangs,« sagte der Arzt; »aber das Volk muß dort von dem Thor fort, daß wir keinen Lärm machen.«
»Ueberlassen Sie das mir, ich werde sie wegbringen,« sagte Witte.
Sie hatten jetzt den Thorweg erreicht und traten hinaus.
»Nun, wie steht's oben?« fragten zahlreiche Stimmen. »Wie geht's dem alten Manne?«
»Geht nach Hause, Leute,« sagte der Staatsanwalt, »und stört die arme Familie nicht in ihrer Trauer – der alte Salomon ist todt.«
»Gott der Gerechte, und so ein Mann – waih geschrieen!« tönte es von vielen Seiten. »Und die Mörder?«
»Werden ihrer Strafe nicht entgehen, verlaßt Euch darauf; eine so nichtswürdige That soll nicht ungeahndet hingehen.«
»Was ist der mehr,« sagte ein alter Israelit, der daneben stand; »werden sie ihm auch nicht viel thun – war es doch blos ein Jud', der alte Salomon!«
»Er war ein Mensch, und wer Menschenblut vergießt, deß Blut soll wieder vergossen werden. Aber jetzt geht nach Hause – Ihr seht, das Thor ist geschlossen, und Ihr könnt durch unnöthigen Lärm nur noch die Familie beunruhigen, die so schon Schmerz und Sorge genug hat.«
Das half. »Jawohl, jawohl!« riefen die Meisten, und wenig Minuten später war die Straße menschenleer.
In Baumann's Haus, im Stübchen neben der Werkstatt, saß die Familie beim Abendbrot; aber der sonstige fröhliche Ton herrschte heute nicht in dem kleinen Kreise. Der Alte selber war ernst oder doch wenigstens nachdenkend und sprach nicht viel, und an wen er eigentlich die Zeit über gedacht hatte, verriethen die wenigen Worte, denen er endlich Laut gab.
»Jetzt kommt er nicht mehr,« sagte er, während er sein leergetrunkenes Glas wieder mit Bier füllte; »es muß schon lange neun Uhr vorbei sein. Er ist jedenfalls nach Hause gegangen und hat sich zu Bett gelegt.«
»Zu Hause ist er nicht, Vater,« meinte Karl; »ich war vorhin drüben bei ihm und wollte mir ein Stück Werkzeug borgen, aber der Schlüssel lag, wie gewöhnlich, wenn er ausgegangen ist, unter der Strohdecke.«
»Er sollte auch etwas Gescheidteres thun, als ihn dahin legen,« sagte die Mutter; »den Platz kennen die Diebe auch, und es ist schrecklich, was in letzterer Zeit wieder in Alburg gestohlen wird.«
»Das macht unsere gute Polizei, Mutter,« lachte der Schlosser; »denn wenn sich ein Dieb von der fangen läßt, so verdient er schon seiner Dummheit wegen Strafe.«
Die Frau seufzte, sagte aber nichts weiter, stand dann auf, nahm sich ein Gesangbuch von dem kleinen Bücherbrett und fing an, darin still vor sich hin zu lesen.
Der alte Schlossermeister war aufgestanden und ging eine Weile im Zimmer auf und ab. Er sah dabei manchmal die Frau an, als ob er sich mit ihr beschäftige – schwieg aber noch immer. Er hatte beide Hände vorn in seinen Hosengurt geschoben und pfiff leise vor sich hin, wie er gewöhnlich that, wenn er in recht tiefen Gedanken war. Die Frau achtete nicht auf ihn – sie las immer weiter, und endlich sah er, als er einmal hinter ihr vorüberging, daß ein im Lampenlichte blitzender Thränentropfen in das aufgeschlagene Buch fiel, ohne daß sie ihn wieder weggewischt hätte.
»Höre, Karl,« sagte er, indem er vor dem Sohn stehen blieb, »geh' jetzt zu Bett; ich habe mit Deiner Mutter noch 'was zu reden.«
»Ja, Vater,« sagte Karl, »mir ist's auch recht; ich bin müde, und bei Euch scheint's heute Abend langweilig zu sein. Die Mutter liest und Du pfeifst, da will ich lieber unter die Decke kriechen; morgen müssen wir doch wieder früh heraus – Gute Nacht mitsammen!«
Karl hatte schon lange das Zimmer verlassen, aber der alte Baumann schwieg noch immer. Er war nur stehen geblieben, pfiff nicht mehr und sah seine Frau an, die noch über das Buch gebeugt saß. Aber sie las auch jetzt nicht; ihr Auge flog darüber hin, und es war fast, als ob sie die Anrede des Mannes mit Zagen erwarte.
»Sag' einmal, Alte, was dir eigentlich ist,« begann der Schlossermeister, indem er sich mit beiden Händen auf ihre Stuhllehne stützte; »Du kommst mir ordentlich wie verwandelt vor. Du sitzest in Dich gekehrt, Du seufzest, liest in einem Gesangbuch, weinst sogar dabei. Hast Du 'was auf der Seele, wem besser könntest Du es wohl anvertrauen, als mir? Sorgt Dich aber 'was, ei, alle Wetter, dann bin ich auch gerade der Mann, um es Dir abzunehmen! Bist Du krank, Mutter?«
»Nein, Gottfried,« sagte die Frau leise, »ich bin nicht eigentlich krank; aber – ich weiß nicht – es liegt mir etwas so schwer auf dem Herzen, wie eine Ahnung – als ob uns etwas recht Schlimmes passiren müsse, und ich weiß doch eigentlich nicht, was.«
»Du lieber Gott, ja,« nickte Baumann, indem er sich jetzt neben sie niedersetzte und ihre Hand nahm, »man hat ja wohl solche Stunden, und die Doctoren sagen, es läge im Blut – aber ist's das auch wirklich, Alte? Sieh', wir sind jetzt die langen, langen Jahre mit einander verheirathet – unsere silberne Hochzeit liegt sogar hinter uns – und so glücklich mit einander gewesen, haben so zufrieden mitsammen gelebt, und nie, nie ist ein unfreundliches Wort zwischen uns gefallen. Wenn Du 'was hattest, das Dich drückte, sagtest Du's mir – wenn ich 'was hatte, that ich ein Gleiches und sagte es Dir – soll das jetzt anders werden!«
»Nein, Gottfried, nein – es wäre ja furchtbar!« seufzte die Frau und lehnte ihr Haupt an seine Brust; aber ihre Thränen fielen stärker.
»Na, also dann heraus mit der Sprache, Mutter,« lachte Baumann; »es drückt Dich 'was – ich seh's Dir an, und wenn ich der Sache nur erst einmal auf den Grund komme, wollen wir auch schon Rath schaffen.«
»Ja, aber was soll ich Dir denn sagen?« klagte die Frau; »ich weiß es ja selber nicht. Nur so ein dumpfes Gefühl liegt mir auf dem Herzen.«
»Hm,« brummte der Schlossermeister, »das ist genau so wie damals, als wir noch nicht lange verheirathet waren und bald nach der Geburt des einen Jungen – war's der Fritz oder Karl? – da machtest Du dieselben Geschichten, und wie lange dauerte das, und wie hab' ich mich damals gesorgt, und nachher war's doch nichts. Nach und nach wurde es besser, und alle Deine Ahnungen, wie Du's damals auch nanntest, fielen in den Sand.«
Die Frau nickte leise mit dem Kopf, und Baumann fuhr nach einer Weile fort:
»Aber ich weiß schon, wo das herkommt. Deine Schwester, die Heßberger, hat die ganze Zeit den Kopf voll solcher Schrullen, und mit ihrem Kartenlegen und Prophezeien bildet sie sich am Ende selber ein, daß sie 'was wüßte; und ein Wunder wär's nicht, wenn sie so viele Gänse findet, die's ihr glauben – und die hat Dich angesteckt. Mit all' ihren überirdischen Ideen und Einbildungen macht sie die Leute rein verrückt, und wenn man die ganze Geschichte bei Lichte besieht, so ist's nichts als Schwindel und blauer Dunst. Mir ist die Verwandtschaft auch schon lange leid, und ich war froh, daß Ihr nicht mehr zusammenkamt; heute Nachmittag war sie aber wieder ein paar Stunden da, und von der hast Du Dich auch nur beschwatzen lassen.«
»Ach, Gottfried, Du magst einmal die Schwester nicht leiden, und sie hat's doch so gut mit mir gemeint!«
»Das ist möglich,« sagte der Schlossermeister kopfschüttelnd, »aber wenn's wirklich so ist, jedenfalls verkehrt angefangen. Mit ihren verdammten Schrullen sollte sie zu Hause bleiben, und der – na, ich will Dir nicht weh thun, Alte, aber unser Schwager – wenn ich den verfluchten Kerl mit seinem »Gelobt sei Jesus Christus« nur sehe, wird mir schon steinübel.«
»Es ist ein seelensguter Mensch,« sagte die Frau, »und er thut meiner Schwester, was er ihr an den Augen absehen kann; er hat freilich seine Eigenheiten, und mir wär's auch lieber, wenn er nicht so viel in die Kirche ginge und den lieben Gott immer im Munde hätte. Aber es ist einmal seine schwache Seite, und wenn er sonst brav und fleißig ist, so haben wir doch gewiß keine Ursache, uns über ihn zu beklagen.«
»Meinetwegen,« brummte der Schlossermeister, »ich habe nichts dagegen; wenn Deine Schwester mit ihm auskommt, mir kann's ja recht sein. Aber mein Mann wär's nicht, und ich weiß auch, daß er mich nicht leiden kann – was ich ihm eben nicht besonders verdenke, denn viel freundliche Worte hat er von mir noch nicht gehört.«
»Du thust ihm gewiß Unrecht, Gottfried.«
»Ich will's ihm wünschen,« brummte der Mann – »aber wir sind ganz von dem abgekommen, was ich Dich vorhin fragte. Also Du kannst mir nicht sagen, was Dir auf dem Herzen liegt, Mutter? Du hast zu mir kein Vertrauen?«
»Kein Vertrauen zu Dir, Gottfried?« sagte die Frau herzlich. »Weiß ich denn nicht in den langen, langen Jahren, wie gut und treu und ehrlich Du es mit mir meinst, und hab' ich je Ursache zu einer Klage gegen Dich gehabt? Ach, Gottfried, Du bist der beste Mann, den es auf der Welt nur geben kann, und Alles, was mich niederdrückt und manchmal so weh und traurig stimmt, ist nur das Gefühl – nie solch ein Glück verdient zu haben.«
»Unsinn,« sagte der Schlossermeister halb verlegen; »Du redest gerade, Alte, als ob Du in mich verliebt wärst und mich zum Mann haben wolltest. Ein Glück, daß Niemand da ist, der uns hört; er müßte sonst Wunder glauben, was Du an mir hättest. Aber das weiß ich denn doch besser...«
Er horchte auf, denn draußen am Laden wurde gepocht. Die Werkstätte war schon verschlossen, und durch die in die Fensterläden eingeschnittenen herzförmigen Löcher konnte man von außen sehen, daß noch Licht im Zimmer war.
»Holla,« sagte der alte Baumann, »kommt da noch Besuch? Wer ist da?«
»Ich bin's, Meisterchen,« antwortete eine feine Stimme; »machen Sie nur einmal auf.«
»Ja, ich bin's, das kann ein Jeder sagen,« brummte der Schlosser.
»Das muß die Volkert, des Schneiders Frau, sein – unsere Nachbarin,« sagte die Mutter.
»Sind Sie das, Frau Volkert?«
»Ja, Meisterchen; ich habe Ihnen eine wichtige Neuigkeit zu bringen.«
»Das wird 'was Gescheidtes sein, was die alte Schwatzliese noch zu nachtschlafender Zeit hinüber jagt,« brummte Baumann leise vor sich hin, und setzte dann lauter hinzu: »Na, gehen Sie nur herum an die Werkstätte; ich mache auf.«
Damit verließ er kopfschüttelnd das Zimmer und hob die Barre zurück, die als einziger Verschluß vor der Werkstätte lag. Kaum aber war die Thür weit genug geöffnet, um einem menschlichen Wesen Zutritt zu gestatten, als ein kleines, schmächtiges Frauchen, ohne Crinoline, ohne Hut oder Haube auf, ohne Ueberrock, ohne Schuhe und Strümpfe, nur einfach im Unterrocke, als ob sie eben aus dem Bette aufgesprungen wäre, und ein altes, grün und roth carrirtes Tuch umgebunden, in die Thür hereinschlüpfte und sagte: »Ach, Meisterchen, ist denn das Fritzchen wohl zu Hause?«
»Und deshalb klopfen Sie uns heraus, um das zu erfragen?« sagte Baumann eben nicht besonders freundlich. »Warum gehen Sie nicht hinüber, wo er wohnt?«
»Ach, Meisterchen,« sagte die kleine Frau, »ich bin ja nur so von Hause fortgelaufen! Eben wollten wir uns in's Bettchen legen, denken Sie, da kommt das Fränzchen von Homeiers an's Fensterchen und klopft und ruft: He, Meisterchen, wißt Ihr schon, daß sie das alte Salomonchen in der Judengasse todtgeschlagen und das ganze Lädchen ausgeräumt und das eiserne Geldkistchen weggeschleppt haben?«
»Den alten Salomon?« rief Baumann, stutzig gemacht. »Den Henker auch, Fritz hat ihm ja noch heute Abend vor oder mit Dunkelwerden eine Arbeit hingetragen!«
»Na ja, Meisterchen, das Fritzchen soll ihn ja auch todtgeschlagen haben, und zwei Polizeidienerchen haben ihn fortgebracht. Ach, das Unglück!« schrie die kleine Frau und fing bitterlich an zu weinen.
»Was ist das?« rief Frau Baumann, erschreckt aus der Stube herausstürzend. »Was ist mit dem Fritz?«
»Ich weiß nicht,« sagte der alte Baumann, indem er sich mit der Hand an den Kopf faßte, »bin ich verrückt, oder ist die Meisterin verrückt – der Fritz soll den alten Salomon erschlagen – aber Unsinn – es ist zu dumm, wie man auch nur einen Augenblick so 'was denken kann – hahahaha, und da kommt die Meisterin im Unterrock und mit bloßen Füßen mitten in der Nacht herübergestürzt! Sie haben jedenfalls geträumt, Frau Volkert!«
»Ach Du liebes Gottchen,« winselte die Frau, »ich wollte, es wäre so! Aber das Fränzchen hat selber gesehen, daß sie das Fritzchen, mit den Händchen auf den Rücken gebunden, in die Polizei gebracht haben, und das eine Polizeidienerchen sagte, er hätte das Salomonchen umgebracht.«
»Wo willst Du hin, Gottfried?« rief seine Frau erschreckt, als er in die Stube ging und dort seinen Rock vom Nagel nahm.
»Zum Fritz hinüber, Alte, und sehen, ob er zu Hause ist, und wenn er nicht da ist, auf die Polizei; ich werde sonst verrückt, wenn ich mich mit dem Unsinn im Kopf die Nacht schlafen legen soll.«
Die Frau erwiederte nichts; stumm und schweigend stand sie mit gefalteten Händen und starrte vor sich auf den Boden nieder. Baumann aber, der nicht mit Unrecht fürchtete, daß des Schneiders Frau, wenn sie allein hier blieb, noch ein Unheil mit ihrer Zunge anrichten könne, sagte, gegen diese gewandt: »Und Sie kommen mit, Meisterin; Sie können sich ja auch auf den Tod in Ihren dünnen Kleidern erkälten, denn die Nächte werden schon frisch. Das ist jedenfalls ein leeres Geschwätz von dem Franz, und wir wollen der Sache bald auf den Grund kommen.«
»Ach Gott, ja, Meisterchen,« sagte die Frau, »Sie haben recht; mein altes Rheumatismuschen plagt mich so immer. Na, gute Nacht, Frau Baumann! Machen Sie sich nur keine Sorge – ach, Du liebes Himmelchen, mir ist der Schreck ordentlich in die Gliederchen gefahren!«
Und damit schlüpfte sie wieder wie ein Aal, und auch nicht viel breiter, zu der Thür hinaus, die der Meister für sie offenhielt.
Baumann verließ sie aber nicht, bis er sich erst fest überzeugt hatte, daß sie wirklich wieder nach Hause zurückgekehrt sei; dann erst wandte er sich und schritt zu der nicht fernen Wohnung seines Sohnes hinüber. Fritz war aber in der That noch nicht zu Hause, und jetzt wirklich beunruhigt, ging er direct auf die Polizei. Es fiel ihm allerdings nicht im Traum ein, auch nur ein Wort von dem zu glauben, was das alte Weib geschwatzt, denn daß sein Fritz keinen Menschen – noch dazu einen alten, schwachen Mann – umbringen würde, wußte er gut genug; aber er wollte sich wenigstens die Gewißheit holen, daß es eine Lüge gewesen, und dann der Schneidersfrau morgen früh schon seine Meinung sagen. Das hatte auch noch gefehlt, daß sie der Kathrine heute Abend solch einen Schreck in die Glieder jagte!
Auf der Polizei fand er nur die gerade die Wache habenden Diener der Gerechtigkeit, und er erschrak allerdings, als diese ihm bestätigten, daß der alte Jude Salomon heute Abend mit einbrechender Dunkelheit – eigentlich noch in der Dämmerung – überfallen und erschlagen sei; auch ein des Mordes verdächtiger Mann sei verhaftet worden; wie der aber hieß, konnten sie nicht sagen. Sie hatten seinen Namen nicht gehört und waren nicht da gewesen, als er eingebracht wurde.
Baumann verlangte jetzt ihn zu sehen; aber das ging natürlich nicht an. Erstlich durfte überhaupt Niemand zu ihm, bis es der Untersuchungsrichter erlaubte, und dann wäre es auch jetzt zu spät gewesen. Um zehn Uhr Nachts konnte man keinen Besuch mehr zu einem Gefangenen lassen.
Aber wenn sie sich nur wenigstens erkundigen wollten, wie er hieß und wer er sei.
Das ginge auch nicht – sie dürften hier nicht von ihrem Posten, um gleich bei der Hand zu sein, wenn etwas vorfiele, und der Gefängnißwärter schliefe schon lange. Der revidire seine Zellen regelmäßig jeden Abend um neun Uhr und läge mit dem Schlage halb zehn Uhr im Bett. Er solle morgen früh wieder vorkommen, dann könne er den Namen erfahren.
Der arme Baumann ging wie in einem Traum nach Hause. Der alte Salomon war in der Dämmerung ermordet worden, wie die Leute bestätigten, und das genau um die Zeit, in welcher Fritz bei ihm gewesen sein mußte. Daß er die That nicht verübt, verstand sich von selbst – aber welch unglückseliger Zufall hatte hier gewirkt!
Er ging noch einmal bei Fritzens Wohnung vor; doch das Haus war jetzt verschlossen, oben bei ihm aber auch kein Licht – er konnte noch nicht zurück sein – und jetzt daheim – welche Sorge würde sich wieder die Frau machen, und war das am Ende die Ahnung, die sie den ganzen Tag gequält hatte? Jedenfalls würde sie es sich einreden. Das verdammte alte Weib, daß die auch noch in der Nacht mit ihrer Hiobspost herüberkommen mußte!
Er bekam auch in der That einen schweren Stand mit seiner Frau, denn diese war so außer sich, daß sie sich selber nur immer anklagte, als ob sie an dem Allen schuld sei. Sie war furchtbar aufgeregt, und Baumann dankte seinem Gott, als er sie endlich dazu brachte, zu Bett zu gehen. Der nächste Morgen fand sie dann ruhiger und mußte ihnen ja überdies auch Gewißheit des Geschehenen bringen. Das Uebrige fand sich Alles von selber.
Der Staatsanwalt Witte war, als er Salomon's Haus verließ, noch ein Stück Weges mit seinen beiden Begleitern zusammen gegangen; dann bog er ab, seiner eigenen Wohnung zu, und schritt sehr nachdenkend und in eben nicht besonders freudiger Stimmung weiter. Es war auch in der That Manches, was ihm durch den Kopf ging, und er überlegte sich dabei hauptsächlich, ob es wohl der Mühe verlohnt hätte, daß er sich mit solchem Eifer der Sache der Frau Müller angenommen. Was ging ihn der Major oder der Rath Frühbach an und die Familie Wendelsheim? Er nickte, während er ging, immer still und nachdenkend vor sich hin; aber nicht etwa als Bestätigung eines früher gefaßten Verdachtes, sondern nur im Geist die verschiedenen übereinstimmenden Punkte der neu gemachten Entdeckung constatirend.
So erreichte er sein Haus, wo ihn die Familie zum Thee erwartete, denn mit der heutigen Expedition von Briefen war es zu spät geworden, und die Schreiber hatten auch schon lange das Büreau geschlossen und den Schlüssel drüben bei der Frau Staatsanwalt abgeliefert.
Er legte draußen Hut und Stock ab und betrat das Zimmer; aber die Frau Staatsanwalt konnte ihr Erstaunen über sein spätes Kommen nicht unterdrücken, denn es gab eigentlich kaum einen pünktlicheren Mann auf der ganzen Welt, als ihren Gatten.
»Liebes Herz,« sagte dieser auf ihre deshalb gemachte Bemerkung, »ich wäre pünktlich gekommen, wenn mich nicht ein ganz außergewöhnlicher Fall abgehalten hätte. Ich passirte ein Haus, in dem unmittelbar vorher ein Raubmord verübt worden, und mußte der Untersuchung mit beiwohnen.«
»Ein Raubmord – bei wem?« riefen beide Damen zugleich aus.
»Ihr kennt die Leute nicht, Kinder; in der Judengasse beim alten Salomon. Der Mann ist erschlagen und jedenfalls beraubt worden.«
»Das ist ja entsetzlich! Und hat man die Mörder gefaßt?«
»Man hat allerdings Jemanden gefaßt und abgeführt, aber vor der Hand nur auf einen Verdacht hin – einen Bekannten von uns, den jungen Fritz Baumann.«
»Den Fritz Baumann? Das habe ich mir gedacht,« rief die Frau Staatsanwalt, mit der rechten Hand in ihre Linke schlagend, »daß der noch einmal zu solch einem Ende kommen würde. Das war vorauszusehen, denn die Unverschämtheit, die der Mensch hat....«
»O Du großer Gott,« sagte Ottilie, »das wäre ja schrecklich – die armen Eltern!«
»Hm,« brummte der Staatsanwalt, »ich hatte mir vorgenommen, bei dem alten Baumann einzusprechen, habe es aber unterwegs schändlich vergessen. Nun, eine unangenehme Nachricht erfährt man nie zu spät.«
»Also der hat ihn todtgeschlagen?« fragte die Frau weiter, die eine grimme Genugthuung darin fühlte, den Menschen gedemüthigt und bestraft zu sehen, der es gewagt hatte, zu ihrer Tochter den Blick zu erheben.
»Liebe Therese, Du urtheilst viel zu rasch,« entgegnete Witte; »ich habe Dir gesagt, daß er nur auf einen Verdacht hin eingezogen ist, weil er dort betroffen wurde und Blut an den Kleidern hatte. Das Alles erklärt sich aber vielleicht sehr natürlich, und ich persönlich glaube auch nicht einmal an seine Schuld.«
»Der hat's gethan,« rief die Frau Staatsanwalt pathetisch, »der hat es heilig gethan, denn nun er bei uns abgefallen ist – und das wär' ihm gerade ein warmes Nest gewesen, wo er sich hätte hineinsetzen können –, trieb ihn der Ehrgeiz, rasch ein reicher Mann zu werden, um uns zu zeigen, was er könnte, und dazu war ihm kein Mittel zu schlecht; lehr' Du mich Menschen kennen!«
Ottilie schwieg. Was die Mutter sagte, hatte eine Wahrscheinlichkeit für sich, aber widerstrebte doch ihren Gefühlen, es zu glauben. Sie konnte sich nicht die Möglichkeit denken, daß der immer so schüchterne Mensch ein solches Verbrechen begehen mochte; aber im Herzen war sie jetzt doppelt froh, seine Bewerbung zurückgewiesen zu haben, und schon der Gedanke daran ihr entsetzlich.
»Höre, Therese,« sagte der Staatsanwalt mit großer Ruhe, indem er sich am Tisch niederließ und den für ihn eingeschenkten Thee nahm, »auf Deine Menschenkenntniß möchte ich doch nicht zu viel bauen. Was hältst Du zum Beispiel vom Lieutenant von Wendelsheim?«
»Das ist ein durchaus braver, solider Mensch,« sagte die Frau mit Würde, »ehrlich und rechtschaffen, und wenn der einmal käme, statt des hergelaufenen Vagabunden, und um Ottiliens Hand anhielte, mit Freuden gäbe ich meinen Segen – ein solches Vertrauen setze ich in ihn.«
»Hm – so?« sagte der Staatsanwalt, seinen Thee langsam umrührend und in die Tasse sehend.
Aber Ottilie war aufmerksam geworden: der Vater hatte noch etwas auf dem Herzen, das sah sie ihm an – hing es mit Bruno von Wendelsheim zusammen? Er ließ sie indeß nicht lange in Zweifel.
»Der Herr Lieutenant von Wendelsheim,« sagte er, »war heute Abend ebenfalls zugegen und befand sich merkwürdiger Weise, gerade während der Raubmord im Hause des alten Salomon verübt wurde, oben bei den Damen.«
»Bei welchen Damen?« sagte die Frau Staatsanwalt, hoch aufhorchend.
»Nun, bei den Damen vom Hause, der Frau und Tochter des alten Juden, und ich muß gestehen, daß ich in meinem ganzen Leben kein wirklich schöneres Mädchen gesehen habe, als diese moderne Rebekka ist.«
»Das ist nicht wahr,« sagte die Frau Staatsanwalt mit großer Bestimmtheit »und nur wieder eine von Deinen Erfindungen, um mich zu ärgern.«
»Wenn Du das so bestimmt weißt,« erwiederte Witte, »so brauchen wir auch nichts weiter darüber zu reden. Bitte, Ottilie, reiche mir doch einmal das Brot herüber.«
Der Staatsanwalt machte eine Kunstpause, denn er wußte recht gut, daß es seine Ehehälfte jetzt nicht dabei bewenden ließ; aber das so sehr bestimmt ausgesprochene »Das ist nicht wahr« hatte ihn geärgert, und er wollte sie dafür wenigstens dem Zwang einer neuen Anrede unterwerfen.
Die Frau Staatsanwalt ließ es aber ebenfalls an sich kommen, und da Ottilie natürlich keine Frage in dieser delicaten Angelegenheit wagte, so wurde eine ganze Weile nichts gehört, als das Klappern der Messer und Gabeln und das Klirren der Löffel in den Tassen. Endlich aber hielt es die Frau nicht länger aus – ihr Mann war mit seiner Schweigsamkeit in einer so wichtigen Angelegenheit gerade zum Verzweifeln. Mußte sie denn als Mutter nicht darum wissen?
»Was hatte denn aber der Herr Baron von Wendelsheim in dem Hause des Juden zu thun?« brach sie endlich das Schweigen. »Das ist doch nicht Sache des Militärs, sondern nur der Polizei.«
»Ich glaube auch nicht, daß er in militärischen Angelegenheiten dort vorgesprochen ist,« sagte Witte trocken.
»Und was wollte er sonst da? Witte, Du bist heute in einer Laune, um eine Heilige die Geduld verlieren zu machen!«
»Dann sei so gut und unterbrich mich künftig nicht, wenn ich Dir etwas erzähle, mit Deinem kategorischen »Das ist nicht wahr.« Wenn ich einmal eine Behauptung aufstelle, so kannst Du Dich auch fest darauf verlassen, daß sie wahr ist, und so sage ich Dir denn noch einmal: der Lieutenant von Wendelsheim war während der Katastrophe oben bei den Damen vom Hause, bei der Frau und Tochter des alten Salomon.«
»Aber was, um Gottes willen, hatte er dort zu thun? War er vielleicht aus Versehen in ein falsches Haus gekommen?«
»In der Judengasse? Sehr wahrscheinlich,« nickte ihr Gatte. »Uebrigens kann das nicht das erste Mal gewesen sein, daß er dort »aus Versehen« hinaufgerathen ist, denn er wußte außerordentlich gut Bescheid im Hause und leuchtete den Leuten, die sich dort nicht zurecht zu finden wußten, voran.«
»Der Baron von Wendelsheim?«
»Ist sehr intim in der Familie, die Versicherung kann ich Dir geben, Therese,« sagte der Staatsanwalt ernst, indem er ihr einen bedeutungsvollen Blick zuwarf, »und Deine Menschenkenntniß hat Dich dieses Mal, was etwa andere Voraussetzungen betreffen sollte, wie mir scheint, im Stich gelassen.«
»Und ist die Tochter wirklich so schön?« fragte Ottilie, die einen recht wehen Stich im Herzen fühlte, obgleich sie sich die größte Mühe gab, gleichgültig bei der Frage auszusehen.
»Ich habe nicht übertrieben,« versetzte der Vater. »Sie war allerdings in der Angst und Aufregung des Moments todtenblaß, aber dennoch nehme ich mein Wort nicht zurück: ich habe noch nie in meinem Leben ein so vollkommen schönes und dabei in jeder Bewegung edles Wesen gesehen, als jenes Mädchen.«
»Und das wird es auch gewesen sein, was ihn dort hingeführt hat,« sagte die Mutter, aber doch unruhig auf ihrem Stuhl herumrückend; »das hübsche Gesicht hat ihn angelockt. Aber ein Baron kann doch wahrhaftig im Leben nicht daran denken, ein Judenmädchen zu heirathen.«
Witte warf ihr einen strengen Blick zu. »Liebe Frau,« sagte er mit scharfer Betonung, »sobald Du vermuthest, daß er überhaupt bewogen werden könnte, sein Ahnenschild zu vergessen, so wäre das immer nur ein Schritt weiter. Nach den Verpflichtungen aber, die er, allem Anschein nach, in jener Familie eingegangen ist, hoffe ich, daß er unser Haus nicht mehr betreten wird. Du hast mich doch verstanden, Mutter?«
»Du gehst zu weit, Dietrich,« sagte die Frau unruhig; »man muß doch Jemanden hören, ehe man ihn verurtheilen darf, und Dir brauch' ich das wohl nicht einmal zu sagen.«
»Nein, aber in manchen Dingen genügt es auch, wenn man Jemanden sieht, anstatt ihn zu hören,« sagte der Staatsanwalt, »und ich kann Dir versichern, daß ich nach dem, was ich heute Abend gesehen habe, vollkommen befriedigt bin. Uebrigens ist das Thema kein so angenehmes, um zu lange dabei zu verweilen; ich habe auch noch zu arbeiten. Gute Nacht, Kinder, schlaft wohl! Ihr könnt mir wohl noch eine Flasche frisches Wasser in meine Stube schicken.«
Damit ging er zur Thür hinaus und ließ, seine Frau wenigstens, in einem unsagbaren Zustand von Bestürzung zurück, da ihr in diesem Augenblick eine ganze Colonie von Luftschlössern und Phantasiebauten durch und über einander gepoltert waren.
Der Lieutenant von Wendelsheim – ihr Lieutenant, den sie sich selber, wie sie glaubte, sorgfältig herangezogen, den sie für ihre Tochter ausgesucht und bestimmt, und kein erlaubtes Mittel unversucht gelassen hatte, um ihn heranzuziehen, in der Judenfamilie! Und die Schmach und Schande, wenn sie an die Frau Appellationsgerichtsräthin dachte, die sie zu ihrer Vertrauten in allen Herzensangelegenheiten gemacht, und die Frau konnte nicht schweigen, das wußte sie aus Erfahrung!
Ottilie war aufgestanden und zum Fenster getreten; das Herz schien ihr zum Zerspringen voll, aber sie wagte nicht, ein Wort zu äußern, und an dem Fenster klopfte sie in Gedanken eine Melodie und schlug dann leise mit der rechten Fußspitze den Tact, erschrak aber ordentlich und hörte auf, als ihr einfiel, daß das gerade die letzte Française sei, die sie mit dem Verräther getanzt hatte.
Aber war denn die Sache wirklich so schlimm? Die Frau Staatsanwalt konnte es sich noch nicht denken, aber darüber auch freilich mit der Tochter keine Rücksprache halten. Wer wußte denn, ob er nicht nur ganz flüchtig durch die Schönheit jenes Mädchens geblendet gewesen und gar nicht daran dachte, eine ernste Neigung für sie zu fühlen! Er hatte in der letzten Zeit viel Geld gebraucht – die Erbschaft wurde erst in den nächsten Wochen ausgezahlt; der alte Salomon verlieh aber Geld auf Zinsen, und was war natürlicher, als daß er sich, um den guten Willen des Vaters zu erwerben, ein klein wenig hatte um die Tochter bemühen müssen. Wenn sie nur Jemanden gewußt hätte, der ihr darüber nähere Auskunft geben konnte!
Und der Lieutenant sollte das Haus nicht wieder betreten? Lächerlich! Wer hätte es ihm denn verbieten wollen? Sie gewiß nicht – und ihr Mann? Ja, er gab manchmal, wenn ihn der »Hausherrndünkel« überlief, wie es die Frau Staatsanwalt nannte, solche Befehle; aber ob sie jedesmal ausgeführt wurden, war eine andere Sache. Sie selber erinnerte sich wenigstens zahlreicher Beispiele, wo ganz entschieden befohlene Anordnungen in das genaue Gegentheil umgeschlagen waren. Möglich, daß es auch diesmal der Fall sein konnte.
Anders traf Ottilie die Nachricht; sie war wirklich nicht allein im innersten Herzen, sondern auch in ihrem Stolz und Ehrgeiz verwundet, und selbst die Rückerinnerung an Vergangenes bot ihr keinen Trost. Sie hatte geglaubt, daß Bruno sie liebe; aber sie mußte sich jetzt selber gestehen, daß er ihr nie Gelegenheit geboten habe, es bestimmt zu wissen. Er war immer freundlich und artig gegen sie gewesen – aber nie mehr. Er hatte ihr Schmeicheleien gesagt, ja – aber nicht anders als all die gewöhnlichen schalen Redensarten lauten, mit denen junge Herren nur zu häufig eine Unterhaltung führen. Wenn sie denen aber eine andere Auslegung gegeben, war das nicht ihre Schuld gewesen? Und sie hätte jetzt weinen, bitterlich weinen mögen, wenn sie daran dachte, daß sie nur einen Augenblick den »Falschen« für werth gehalten, ihm mehr zu sein als eine flüchtige Ballbekanntschaft.
Das Thema eignete sich aber heute Abend für beide Theile nicht zur Unterhaltung, und wenn auch Ottilie mit ihrem Urtheil über den Baron von Wendelsheim viel mehr im Klaren war als ihre Mutter, die noch immer nach verschiedenen Seiten hin einen Anhalt suchte, so fühlte sich doch weder Mutter noch Tochter dazu aufgelegt, die Sache augenblicklich weiter zu erörtern.
Ottilie ging noch zum Flügel, phantasirte anfangs etwas schwermüthig, und ging dann wie zum Trotz in Strauß'sche Walzer über. Die Mutter dagegen saß still brütend in einer Ecke, hörte gar nicht auf das Spiel und fing langsam an, die eingestürzten Schlösser wieder aufzubauen.
Am nächsten Morgen war der alte Schlossermeister schon vor Tagesanbruch auf den Füßen; er hatte keine Ruhe, und die Minuten wuchsen ihm zu Stunden, bis er hinaus und den »verlorenen Sohn« aufsuchen konnte. Mit fabelhafter Schnelle hatte sich aber indessen das Gerücht über den Raubanfall auf den alten Salomon und den vermeintlichen Mörder in der Stadt verbreitet, und schon als Baumann vorher noch einmal nach seines Sohnes Wohnung ging, in der kaum gewagten Hoffnung, ihn dort anzutreffen, begegnete er Leuten in der Straße, die ihn zu trösten versuchten und meinten, der alte Jude habe sich gewiß ungebührlich gegen den jungen, heißblütigen Mann gezeigt und dieser ihn nur im Jähzorn verwundet.
Er durfte nicht mehr an der Wahrheit des furchtbaren Gerüchts zweifeln, noch dazu, da er auch in dem Hause die Gewißheit bekam, daß Fritz gestern Abend nicht heimgekehrt sei und auswärts geschlafen haben müsse; dort wußten sie nämlich noch nichts von dem verübten Mord und dessen Folgen.
Mit flüchtigen Schritten eilte er jetzt zum Polizeigebäude, wo die in Untersuchungshaft befindlichen Verbrecher saßen. Er hörte hier allerdings die Bestätigung, daß Friedrich Baumann, Mechanikus aus Alburg, gestern Abend gefänglich eingebracht sei, wurde aber ganz kurz und bündig abgewiesen, als er nur die Bitte aussprach, den Sohn zu sehen und zu sprechen. Darüber hatte der Untersuchungsrichter zu bestimmen, der keinesfalls vor zehn Uhr kam; aber selbst dann, wie der Gefängnißwärter meinte, solle er sich keine Hoffnung machen, eine derartige Erlaubniß zu bekommen, bis nicht wenigstens der Angeklagte bekannt hätte. Nachher, jawohl, würde es keine weiteren Schwierigkeiten haben, und er möge sich dann wieder melden.
Der Schlossermeister lief jetzt in seiner Verzweiflung zu des alten Salomon Haus, um dort vielleicht etwas Näheres zu erfahren; aber auch dort wurde er nicht einmal eingelassen, denn die Thür war mit Polizei besetzt, da gerade eine besonders dazu gewählte Commission den gestern versiegelten Laden untersuchte, um vielleicht noch weitere Spuren aufzufinden. Ja, als er selbst seinen Namen nannte und sagte, er sei der Vater des jungen Mannes, gegen den ein so furchtbarer Verdacht vorliege, meinte der eine Polizeidiener, dann solle er nur ein klein wenig Geduld haben, denn in dem Falle könne er sich fest darauf verlassen, daß er schon selber vorgeladen würde, um über das frühere Leben des Verhafteten Aufklärung zu geben.
Ein letzter Versuch, den er machte, war beim Staatsanwalt Witte, denn er hatte zufällig gehört, daß dieser gestern Abend mit in der Wohnung des Ermordeten gewesen sei; aber er traf ihn nicht mehr zu Hause, er war selber früh aus- und seinen Geschäften nachgegangen.
Ganz gebrochen kehrte der alte Mann in seine eigene Heimath zurück, und wenig genug Trost fand er dort. Seine Frau fiel ihm, als er nur die Werkstätte betrat, um den Hals und schluchzte laut; die kleine Else weinte, weil sie die Mutter weinen sah, und Karl, sein zweiter Sohn, stand verdrossen bei der Arbeit. Drei, vier verschiedene Leute waren aber auch schon wieder dagewesen und hatten alle von der Schreckensgeschichte gesprochen und Näheres darüber natürlich in Baumann's eigenem Haus erfahren wollen, und wie das die Mutter aufregen mußte, ließ sich denken.
So verging der ganze Tag und die Nacht und der nächste Tag. Der Gefangene hatte indessen zwei Verhöre zu bestehen, war aber auf das bestimmteste bei seiner ersten Aussage, von welcher er durch keine Kreuzfragen abgebracht werden konnte, geblieben. Dann wurde auch sein Vater vorgefordert, aber nicht mit dem Sohn confrontirt. Man wollte nur hören, ob, was er über des jungen Mannes Weg zum alten Salomon aussagte, mit dem übereinstimme, was der Gefangene angegeben, und das war allerdings genau der Fall. Zeit wie Angabe trafen mit der Aussage überein, und daß mehrere Bewohner der Judengasse erklärten, ihn in der Dämmerung gesehen zu haben, wie er mehr gelaufen als gegangen sei und etwas unter dem Arm getragen habe, sprach eben so wenig gegen ihn, denn er leugnete das gar nicht ab und erklärte es einfach dadurch, daß er gefürchtet habe, den Laden des alten Mannes schon verschlossen zu finden.
Auch das Alarmiren der Hausbewohner durch Anklopfen und Hülferufen konnte auf keinen Andern zurückgeführt werden, als auf ihn selber, und hatte er das wirklich gethan, so war es natürlich nicht wahrscheinlich, daß er nach eben verübtem Verbrechen selber Lärm machen und die Verfolger auf seine Fährte hetzen würde.
Nichtsdestoweniger zögerte man noch immer, ihn zu entlassen, denn die Polizei gesteht nur sehr ungern und im äußersten Nothfall zu, daß sie einen Mißgriff gemacht. Irgend Jemanden mußten sie ja doch auch einstecken, und er war der einzig Verdächtige, den sie finden konnten. Jedenfalls beschloß der die Untersuchung führende Assessor, den Angeklagten so lange in Haft zu halten, bis sich Salomon wieder so weit erholt habe, um selber eine Aussage zu machen – möglich ja doch, daß er den kannte, der ihn angegriffen, und der alte Mann schien sich wirklich zu erholen, wenn man auch in der Stadt nichts davon erfuhr.
Witte's Rath war nämlich streng befolgt und das Gerücht absichtlich verbreitet und unterhalten worden, der Ueberfallene, der allerdings noch immer in Lebensgefahr schwebte und selbst noch in den ersten vierundzwanzig Stunden ohne Besinnung blieb, sei seinen Wunden erlegen. In seiner eigenen Wohnung aber wurde er indessen mit der größten Liebe und Sorgfalt gepflegt; Rebekka besonders wich Tag und Nacht nicht von seinem Lager.
Die Polizei hielt allerdings die strengsten und sorgfältigsten Nachforschungen nach allen Richtungen hin, um nur irgendwo eine andere Spur zu finden, der sie folgen könne – freilich ohne das geringste Resultat. Wenn der Gefangene die That wirklich nicht vollbracht hatte – und der Untersuchungsrichter zweifelte jetzt selber daran –, so schien sich der wirkliche Thäter dem strafenden Arm der Gerechtigkeit so schlau entzogen zu haben, daß sein Auffinden von Tag zu Tag schwerer und unwahrscheinlicher wurde; denn wie rasch konnte er bei der Leichtigkeit der Verbindungen Stadt und Land verlassen, und hatte das möglicher Weise auch vielleicht schon lange gethan. Was half es, daß fortwährend zwei Polizeibeamte am Bahnhofe stationirt blieben und alle Reisenden scharf musterten – jeden ausgehenden Koffer konnte man doch nicht visitiren und am Gesichte auch nicht so leicht einem Menschen ansehen, ob er ein Verbrechen begangen habe oder nicht – es liefen sonst nicht so viele Missethäter frei umher!
Auch Rath Frühbach entwickelte in dieser Zeit eine ganz besondere, wenn auch negative Art von Thätigkeit. Er lief nämlich von Morgens früh bis Abends spät auf der Straße herum und hielt Unglückliche, denen er begegnete, von ihren Geschäften ab, indem er ihnen Criminalgeschichten aus Schwerin erzählte, die mit der jetzigen in sofern Aehnlichkeit hatten, als sie sämmtlich ohne Resultat blieben. Leider aber kam er nur selten über die Einleitung hinaus, denn er war schon in der Stadt bekannt geworden, und wer irgend konnte, wich ihm aus. Ja, unter den Händen brachen sie ihm manchmal aus und ließen ihn mitten in einer Erzählung stehen, deren Pointe er gewöhnlich selbst nicht wußte, und deren Anfang er vergessen hatte.
Dadurch wurde seine Laune aber nicht gebessert; er fing an, die Menschen in seinem Herzen des Undanks zu beschuldigen und sich ähnlicher Fälle aus Schwerin zu erinnern, und war froh, als es endlich Mittag wurde, daß er nun doch nach Hause gehen, essen und sich darauf wie gewöhnlich schlafen legen konnte. Er versäumte auch nichts, wenn er schlief, und andere Menschen gewannen Zeit, also war es ein doppelter Vortheil, den er erzielte. Leider sollte er aber selbst in seiner Behausung heute keine Ruhe finden.
»Männi,« sagte die Frau Räthin, als er in's Zimmer trat und sich, wie immer in Transspiration, die Stirn abwischte, »der Schneider war wieder da, um das Zeug abzuholen, wovon Du Dir die neuen Beinkleider machen lassen wolltest – ich habe es aber nicht finden können; gieb es doch heraus.«
»Das Zeug?« sagte der Rath, indem er verwundert mitten in der Stube stehen blieb. »Aber, mein liebes Herz, das habe ich Dir ja schon vorgestern Morgen draußen in den Vorsaal gelegt und Dich dringend gebeten, es augenblicklich fortzuschaffen, da ich so abgerissen bin, daß ich mich kaum noch auf der Straße sehen lassen kann! Die Leute weichen mir überall aus.«
»Ja, ich erinnere mich wohl, Männi,« sagte seine Frau zärtlich, »daß Du mir das gesagt hast; aber wie Du fort warst, konnt' ich es nirgends finden, und nachher kam die schreckliche Geschichte mit dem alten Salomon dazwischen, und ich habe gar nicht wieder daran gedacht.«
»Dann liegt es am Ende jetzt noch draußen?«
»Nein, gewiß nicht; die Henriette und ich sind überall herumgekrochen, aber es ist nirgends zu finden. Du hast es gewiß wieder in Gedanken eingeschlossen, Männi – Du bist manchmal so zerstreut.«
»Ja, lieber Schatz,« sagte der Rath, der sich doch nicht ganz sicher fühlte, »möglich wäre es allerdings, denn ich habe jetzt so viel zu denken, daß ich oft selber nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Die Leute hier in Alburg sind furchtbar weit in der Cultur zurück; es ist merkwürdig, sie wissen sich gar nicht zu helfen, und alle Augenblicke werde ich bald von der, bald von jener Seite um Rath gefragt.«
»So sieh' nur einmal nach, Männi, und nachher kann es die Henriette gleich hinübertragen, daß er es schnell macht.«
»Ja wohl, mein Täubchen,« erwiederte Frühbach, indem er den Schlüssel aus einer seiner Taschen herausarbeitete und erst die oberste, dann die zweite und dritte und vierte Schublade aufschloß, um das gesuchte Stück Zeug zu finden – aber es war nicht da. Er war niedergekniet und hatte jetzt einige Mühe, sich wieder aufzurichten, schüttelte aber dabei ununterbrochen mit dem Kopf und ging, aber mit nicht besserem Erfolg, an seinen Kleiderschrank, an den Schreibtisch, an eine andere Commode, kurz überallhin, wo sich ein solches Stück Tuch möglicher Weise hätte aufbewahren lassen – aber immer umsonst.
Die Henriette meldete, daß das Essen aufgetragen wäre und kalt und der unvermeidliche Aepfelwein warm würde – umsonst. Der Rath Frühbach suchte an den unmöglichsten Plätzen, die man gar nicht einmal alle nennen kann, nach seinem Stück Hosenzeug und kam zuletzt, aber auch erst ganz zuletzt, zu der Schlußfolgerung, daß es entweder verschwunden oder gestohlen sein müsse.
Mit der Ueberzeugung setzte er sich zu Tisch, und daß ihm dabei kein Bissen und kein Trunk schmeckte, läßt sich denken. Auch von dem Nachmittagsschlaf sah er ab, denn das Hosenzeug, groß carrirt, mit rothen, blauen und grünen Streifen, hatte drei Thaler zwanzig Groschen gekostet und war nicht so leicht aufzugeben. Jedenfalls mußte augenblicklich die Anzeige auf der Polizei gemacht werden, um dem Dieb wo möglich auf die Spur zu kommen.
Bei Tisch stellte der Rath aber noch eine genaue Untersuchung an, um zu erfahren, wer in den letzten Tagen bei ihnen gewesen wäre, und ob vielleicht auf eine oder die andere Person ein Verdacht fallen konnte – aber, Du lieber Gott, wie war es möglich, sich noch auf all' die Leute zu erinnern, die in solch einer Wirthschaft ein und aus gingen! Der Schneider war dagewesen und der Schuster, Leute, die Rechnungen brachten, der Briefträger, Bettler, die noch nicht wußten, daß in der ersten Etage nichts gegeben wurde, die Chorknaben, die Apfelsinen- und Bücklingsfrau und eine wahre Unzahl von Obst- und Gemüseweibern – es wäre ein hoffnungsloses Unternehmen gewesen, zwischen denen nach einer Spur zu suchen. Aber das war auch, wie er mit Bestimmtheit erklärte, gar nicht seine Sache, sondern die der Polizei, und ihm blieb deshalb nichts übrig, als eben nur die einfache Anzeige zu machen. Sein Hosenzeug mußte ihm die Sicherheitsbehörde wiederschaffen, denn dafür zahlte er sein Schutzgeld und seine Steuern.
Frühbach war wirklich in einer verzweifelten Stimmung; noch während des Essens tanzten ihm fortwährend die roth-blauen und grünen Carrés seines Hosenstoffes vor den Augen umher, und er konnte die Zeit kaum erwarten, wo er dem Actuar oben auf der Polizei erzählen durfte, daß er sich auf einen ganz ähnlichen Fall in Schwerin besinne, wo ihm ebenfalls noch ganz neues Leder zu einem Paar Stiefel, das er sich besonders zu diesem Zweck aus Rußland hatte kommen lassen, gestohlen worden sei. Er machte denn auch augenblicklich die Anzeige, und es wurden vier oder fünf Menschen, die nichts davon wußten, darüber vernommen. Nachher war er abgereist, aber sein Stiefelleder sollte er noch heute wiederbekommen.
Das Alles schadete aber nichts, die Anzeige mußte gemacht werden, das war er sich und seinen Mitmenschen schuldig. Die Unsicherheit in der Stadt nahm ja auch wirklich einen so bedenklichen Charakter an, daß man seines eigenen Lebens nicht mehr sicher war: Einbruch mit Todtschlag, Raub, Diebstahl in der eigenen, durch eine Vorsaalthür verschlossenen und mit einer Klingel versehenen Wohnung – das streifte schon an die Grenze des Unerhörten, und er nahm sich deshalb auch wirklich kaum Zeit, nach dem Essen eine Tasse Kaffee zu trinken, als er schon wieder seufzend zu Hut und Stock griff und hinaus auf die Straße eilte.
Daß Einen auch die Menschen nicht in Ruhe ließen! Legte er wohl je irgend Jemandem etwas in den Weg? War er nicht freundlich und gutmüthig mit Allen, ja, opferte er ihnen nicht oft aus reiner Gefälligkeit seine Zeit? Und das war sein Dank – Hosenzeug stehlen, was er noch nicht einmal bezahlt hatte!
In der Entrüstung dieses Bewußtseins beschleunigte er seine Schritte und schlug den geraden Weg nach dem Polizeigebäude ein, als er plötzlich einen kleinen, etwas corpulenten Mann vor sich hergehen sah, der – er nahm schnell die Brille ab und wischte sie aus, denn er glaubte, daß er sich geirrt haben müsse; das Muster des Hosenzeuges war ihm die ganze Zeit so vor den Augen herumgeschwebt, daß er es jetzt wahrscheinlich an allen ihm begegnenden Menschen entdeckte – aber nein, beim Himmel! der Mann da vor ihm trug, so wahr er lebte, seine Hosen, und Glück oder Zufall – es war ihm jetzt ganz gleichgültig – hatten ihn auf die rechte Spur geführt, oder ihm vielmehr den Uebelthäter gleich in die Hände geliefert.
Einige Schwierigkeiten hatte es allerdings noch, bis er den »Räuber seines Eigenthums« einholen konnte, denn er schritt genau so rasch aus, wie er selber – sollte er ihn vielleicht schon erkannt haben und jetzt absichtlich ihm aus dem Wege zu schlüpfen suchen? Aber das gelang ihm nicht: Frühbach war entschlossen, ihn nicht aus den Augen zu verlieren; und wenn er noch mehr schwitzte, als er jetzt schon that, der kam ihm nicht mehr aus.
So waren sie etwa zwei Straßen in einem gelinden Sturmschritt hinabgelaufen, Frühbach immer etwa zwanzig Schritt hinter seiner Beute, ohne im Stand zu sein, etwas an ihm zu gewinnen, als der vor ihm Gehende plötzlich vor einem Schuhladen stehen blieb und das ausgestellte Schuhwerk im Fenster betrachtete. In wenigen Secunden war der Rath an seiner Seite und erkannte jetzt ebenfalls zu seinem unbegrenzten Erstaunen in dem Träger seiner Hosen, wie er meinte, den Schuhmacher Heßberger, der auch für ihn arbeitete und gerade in der letzten Zeit öfter in seinem Hause gewesen war.
»Hallo, Meister,« sagte der Rath, wirklich auf's äußerste überrascht, indem er neben ihm stehen blieb und ihn betrachtete, als ob er eben aus dem Mond heruntergestiegen wäre, »wo kommen Sie denn her?«
»Ich? – Ach, schönsten guten Morgen, Herr Geheimer Rath! Hätte Sie beinah' nicht erkannt! Herr Du meine Güte, schwitzen Sie – tragen aber auch noch so einen dicken, warmen Sirtut bis obenhin zugeknöpft – wo ich herkomme? Von zu Haus. Ich bin ja nicht verreist gewesen. Hatte ja noch gestern die Ehre, Frau Geheime Räthin ein Paar Negluschehschuhe zu bringen – passen doch hoffentlich, wenn ich fragen darf?«
Der Rath wußte nicht gleich, wie er die Sache anfangen solle, um den nichtswürdigen Schuhmacher zu einem Geständniß zu bringen. Er hatte allerdings im ersten Moment Lust, es ihm auf den Kopf zuzusagen; aber die bittere Erfahrung, die er damit in Vollmers gemacht, schien ihn doch ein wenig eingeschüchtert zu haben. Er getraute sich nicht damit heraus und begann nun hintenherum die Sache auf eine schlaue Weise anzufangen, was allerdings seine schwache Seite war.
»Ja wohl, Herr Heßberger,« sagte er deshalb vor der Hand auf die Frage, die er nicht einmal recht verstanden hatte, »von Herzen gern – aber – wenn Sie mir erlauben – Sie tragen da ein Paar famose Beinkleider, prächtiges Muster – so ein Paar habe ich mir eigentlich längst gewünscht. Sind die hier gekauft?«
»Sehr schmeichelbar, Herr Geheimer Rath, wenn sie Ihnen gefallen,« sagte Heßberger mit selbstgefälliger Miene – »eigener Guh – selber ausgesucht. Wissen Sie, Unsereiner, der nur für die Mode arbeitet, muß doch auch ein bischen passé darin bleiben.«
»Ja wohl, Herr Heßberger, gewiß,« sagte Frühbach, der aber geglaubt hatte, den Schuhmacher durch diese Frage in Verlegenheit zu bringen, und sich darin vollkommen getäuscht sah. Heßberger war unbefangen wie ein neugeborenes Kind, der Rath aber nicht der Mann, sich so leicht abschütteln zu lassen, und er inquirirte deshalb unverdrossen weiter, wenn auch wieder auf einem Umweg.
»Möchte mir wohl auch so ein Paar Hosen kaufen – ganz famoser Stoff – erlauben Sie, wohl Wolle, wie?«
»Halb und halb, denk' ich,« sagte Heßberger, durch das seinem Kleidungsstück gespendete Lob ordentlich geschmeichelt – »etwas Baumwolle mank. Eigentlich trage ich nicht so theure Kleider, aber man kann doch nicht gut wie Preti und Kleti herumlaufen.«
»Und wo haben Sie dieselben gekauft, wenn ich fragen darf?« sagte Frühbach, denn er merkte wohl, daß er auf Umwegen nicht in einer Stunde zum Ziel gekommen wäre.
»Das Zeug? Hier gleich um die Ecke, Herr Geheimer Rath, beim Kaufmann Magnus – hat immer die besten Stoffe, und ich kaufe Alles dort, was ich für Damenschuhe brauche.«
Das war wieder ein Strich durch Frühbach's Rechnung, denn er hatte erwartet, daß Heßberger jetzt einen ganz entfernten Ort, vielleicht sogar eine andere Stadt als Kaufplatz angeben würde, wonach er dann sicher gewesen wäre, seinen einmal gefaßten Verdacht bestätigt zu finden. Statt dessen gab er einen Ort an, der kaum fünfzig Schritt von ihnen entfernt lag, eine Entdeckung irgend eines Betrugs also in wenigen Minuten herbeigeführt werden konnte. Aber selbst das hielt den außerordentlich zähen Rath nicht ab, der Sache weiter nachzuforschen. »Hören Sie, lieber Herr Heßberger,« sagte er, »hätten Sie vielleicht einen Augenblick Zeit, mit in den Laden zu gehen, nur damit ich den Leuten dort das Muster zeigen kann? Ich werde Sie nicht lange aufhalten, ich möchte mir nur gern ein ebensolches Paar bestellen.«
Der Rath erwartete jetzt selbstverständlich, daß der Schuhmacher irgend eine Ausflucht suchen würde, um diesem Dilemma zu entgehen. Er konnte ja Geschäfte oder sonst etwas Derartiges vorschützen. Aber Gott bewahre – nichts dem Aehnliches geschah, sondern der kleine höfliche Mann sagte in der unbefangensten Weise:
»Mit dem größten Plesirvergnügen, Herr Geheimer Rath, wenn Sie sich nur gefälligst hier mit herbemühen wollen. Sehen Sie, dort drüben können Sie schon das Schild von Magnussen absolviren – werden gleich dort sein – kann Ihnen auch das Geschäft wirklich ehcommodiren, sehr curlante Leute. Gleich da drüben ist noch ein Laden von Peters und Emmermann, kaufe da aber nie etwas; der Peters ist ein Mowäh Schusseh, hat immer die schlechtesten Waaren und die höchsten Preise und dabei ein ganz constipirter Mensch, ein ordentlicher Fantist, der glaubt, man könne nur bei ihm kaufen. Sehen Sie, da sind wir schon – bitte, seien Sie so frei und treten Sie näher – sollen gleich bedient werden.«
Rath Frühbach war ganz wie ausgewechselt. Sonst, wenn er mit Jemandem ging, führte er immer allein das Wort; heute sprach er fast keine Silbe, und Heßberger mußte ihn unterhalten. Etwas Aehnliches war noch gar nicht dagewesen. Das hatte freilich auch seinen Grund: früher zeigte die Magnetnadel seines Geistes und Erinnerungsvermögens nur immer ununterbrochen nach Schwerin, und er steuerte dabei unbesorgt seinen Cours; jetzt aber hatten sich die großcarrirten Hosen dazwischengeworfen, sein Pol war ihm für einen Moment vollkommen entschwunden; denn etwas Aehnliches hatte selbst er noch nicht erlebt, und seine Nadel zeigte keinen Cours mehr.
Heßberger dagegen benahm sich so unbefangen als möglich. »Der Herr Geheime Rath,« sagte er, »wünschen gern von dem Zeug zu ein Paar Bandellongs zu haben, wo ich vorige Woche von gekauft habe – bitte, dieses Muster – sehr geschmackvoller Stoff, so hammonische Farben. Bitte, Herr Geheimer Rath, werden gleich bekommen.«
Dem Rath Frühbach war es nicht ganz recht, für sich in einem Laden, wo er noch dazu Geheimer Rath genannt wurde, ein Paar Beinkleider nach demselben Muster auszusuchen, wie es der Schuhmacher Heßberger trug, und was auch früher sein Geschmack gewesen sein mochte, er verleugnete ihn jetzt und wählte, da ihm verschiedene Stücke vorgelegt wurden, etwas Anderes. Er gab auch die Ordre, den Stoff, den er gleich bezahlte, in sein Haus zu schicken, ließ sich aber doch eine Probe von dem geben, was Heßberger anhatte, und steckte sie in die Tasche. – Er war noch nicht recht mit sich im Klaren, was er thun solle. Heßberger wich ihm auch dabei nicht von der Seite, und da sich Frühbach nicht einmal von Schwerin her eines Beispiels erinnerte, daß er von einem Menschen loszukommen gesucht hätte, so war er dadurch vollkommen aus seinem Fahrwasser gebracht, ja ertrug die Begleitung des kleinen geschwätzigen Burschen noch wenigstens drei oder vier Straßen lang, wo dann Heßberger selber glücklicher Weise Geschäfte hatte und in eine Nebengasse einbiegen mußte.