Der Rath blieb mitten in der Straße stehen und sah ihm nach. Dort ging der Bursche mit seinen Hosen so unverschämt wie möglich hin, und er hatte sich ein Paar andere kaufen müssen. Und waren es auch wirklich seine? In dem Laden benahm er sich genau so, als ob er sie dort gekauft hätte, und die Leute da drinnen widersprachen ihm auch nicht. Frühbach war ganz irre geworden, und doch hätte er darauf schwören mögen, daß der kleine verschmitzte Schuster, der sich gerade in der letzten Zeit häufig bei ihm zu thun gemacht, das Zeug aus seinem Vorsaal mitgenommen.
Jedenfalls beschloß er auf die Polizei zu gehen und die Anzeige zu machen; das war überhaupt seine Pflicht, denn wenn die Polizei gar nicht erfuhr, daß gestohlen wurde, so konnte sie auch nicht nachforschen, und hätte dann – ein undenklicher Zustand – nichts zu thun gehabt. Mit dem Entschlusse bog er deshalb direct in die nächste Straße ein, um seinen Vorsatz augenblicklich zur Ausführung zu bringen.
Dies war der dritte Tag nach dem Ueberfall, und auf dem Judenkirchhof hatte der Todtengräber, obgleich ihm merkwürdiger Weise kein Auftrag dafür geworden, schon ein Grab für den alten Salomon ausgeworfen; denn selbst in der Judengasse wußte man nicht anders, als daß er dort drüben in seiner Stube, wo auch die Fenster den ganzen Tag über geöffnet standen, ausgestreckt als Leiche auf dem Bett liege.
Am ersten Tage waren einige seiner nächsten Bekannten hinauf gelassen worden, um ihn noch einmal zu sehen, und damals lag er auch in der That wie ein Todter da und rührte und regte sich nicht, und die Leute waren an der Thür, ihre Gebete murmelnd, stehen geblieben. Später aber ließ man Niemanden mehr ein; es hieß, die alte Frau sei selber so krank geworden und bedürfe der Ruhe, und etwas Natürlicheres gab es ja nicht. Daß sie es überhaupt so lange ertragen, war ein Wunder. Der Arzt ging denn auch noch häufig aus und ein, und wenn er herauskam, fragten ihn die Leute nur immer, wie es der alten Frau ginge – nach Salomon erkundigte sich Niemand mehr.
Uebrigens schien die Vorsichtsmaßregel mit seinem fingirten Tode ganz unnöthiger Weise gebraucht zu sein, da Tag nach Tag verstrich, ohne daß die Polizei auch nur irgendwo den geringsten Anhaltspunkt für die That gefunden hätte, und selbst Salomon, als er wieder zur Besinnung kam, konnte ihr keine weitere Auskunft geben.
Am zweiten Tag schon schlug er die Augen auf und erkannte seine Frau und Tochter, und der stille Jubel im Hause läßt sich denken, als ihnen der Arzt erklärte, er hoffe ihn jetzt, wenn nicht etwas ganz Besonderes vorfiele, durchzubringen. Aber in den ersten Stunden durfte man ihn natürlich nicht mit Fragen quälen, ja selbst die Erinnerung an das Erlebte mußte, so viel als irgend möglich, ferngehalten werden. Der Actuar war allerdings noch an dem Abend da und wünschte ihn zu sprechen; aber der Doctor ließ ihn nicht hinein. Morgen vielleicht oder übermorgen, wenn er eine recht ruhige Nacht gehabt, möchte er wieder vorfragen, aber bis dahin nicht.
Diese Vorsicht erwies sich als ganz vortrefflich, denn der überhaupt zähe Körper des alten Mannes kräftigte sich durch die notwendige Ruhe so rasch, daß er schon am andern Morgen wieder in seinem Bett aufsaß und jetzt selber von dem Ueberfall jenes Abends zu sprechen begann.
Rebekka selbst schrieb jetzt ein paar Zeilen an den Actuar, der ihnen schon zu dem Zweck seine Adresse dagelassen hatte, und dieser kam ungesäumt, um einen so günstigen Zeitpunkt nicht zu verpassen. Aber wenig genug war es, was ihm Salomon über die Person des Räubers sagen konnte, denn so genau er ihn im Gesicht kannte und erklärte, ihn unter Tausenden herausfinden zu wollen, so wußte er doch seinen Namen nicht und konnte auch nicht sagen, ob er in Alburg selber oder in der Nachbarschaft wohne. Drei- oder viermal war er allerdings schon bei ihm gewesen; das erste Mal, um ihm eine Partie silberner Löffel zum Kauf anzubieten, den er aber verweigert habe, weil er die Sachen für gestohlen hielt und keine Unannehmlichkeiten haben wollte. Das zweite Mal war er unter dem Vorwand gekommen, selber ein silbernes Besteck zu kaufen, und hatte sich dann verschiedene Sachen zeigen lassen – natürlich nur in der Absicht, wie sich jetzt herausstellte, um die Gelegenheit auszukundschaften. Er kaufte auch damals nichts, versprach aber wiederzukommen, und erhandelte das dritte Mal wirklich einen silbernen Serviettenring, wofür er eine Zehnthaler-Note auf den Tisch legte. Das war an jenem Abend, kurz vor der Dämmerung. Wie aber Salomon leichtsinniger Weise an seinen Geldschrank ging und ihn öffnete, um die Note zu wechseln, sprang der Fremde plötzlich mit einem Satz über den Ladentisch und hatte ihn an der Gurgel. Er wollte schreien, aber er konnte nicht, der Schreck und die eiserne Faust des Räubers verhinderten ihn daran, und ehe er im Stande war, sich dem Griff zu entwinden, fühlte er einen schweren, dumpfen Schlag auf seinem Kopf, und was dann weiter mit ihm geschehen, vermochte er nicht mehr anzugeben.
Und wie sah der Mann aus?
Ja, genau konnte er das auch nicht sagen; er war die drei verschiedenen Male – wenigstens die beiden letzten, denn das erste Mal erinnerte er sich nicht mehr deutlich – nur in der Dämmerung zu ihm gekommen. Es sollte eine nicht große, aber ziemlich kräftige Gestalt sein, mit einem breiten Gesicht und kleinen verschmitzten Augen. Er trug – ja genau konnte er das auch nicht angeben –, er glaubte, einen grauen oder schwarzen kurzen Rock; er wußte nicht einmal, ob er einen Hut oder eine Mütze aufgehabt, denn er versicherte, daß er ihm immer hätte in die kleinen tückischen Augen sehen müssen.
Und sonst war er ihm nie hier in der Stadt begegnet?
Lieber Himmel, der alte Mann kam ja fast nicht vor seine Thür! Seit nun zehn Jahren, wo er nach Alburg gezogen war und das Haus da kaufte, war er kaum irgendwo anders hin, als zur bestimmten Zeit auf die Börse und vielleicht einmal mit seiner Familie an einem schönen Tag hinaus in den Wald gekommen. Wirthshäuser besuchte er gar nicht. Geschäftswege hatte er ebenfalls nicht; wer Geschäfte mit ihm machen wollte, kam zu ihm, und bis dahin erinnerte er sich nicht, den Menschen je gesehen zu haben.
Und war der junge Baumann jemals mit dem Menschen zusammen bei ihm gewesen?
Der junge Baumann – der Mechanikus? Nie.
Und er glaubte also nicht, daß jener Baumann bei dem Ueberfall betheiligt gewesen?
»Der junge Baumann? Gott der Gerechte,« rief der alte Mann aus, »würd' ich ihm anvertrauen meinen ganzen Laden mit Schlüssel und Schränken, als ich hab' die Beweise, daß er ist ein ehrlicher, braver Mensch, der junge Baumann!«
Der Actuar erzählte dem Alten jetzt, daß man gerade diesen in Verdacht gehabt habe, der Mörder zu sein, da er im Hofe unmittelbar nach der That und mit Blut bedeckt angetroffen worden sei; aber Salomon gerieth fast außer sich, als er hörte, daß man ihn noch auf den Verdacht hin gefangen halte.
»Der junge Baumann,« rief er, »wär' er dabeigewesen, der böse Mensch hätte nie wagen dürfen, Hand an einen alten Mann zu legen! Er kam immer allein, und wenn ich es hätte für möglich gehalten, daß etwas Derartiges könnte passiren mitten in einer großen Stadt und wo die Straßen sind noch belebt und die Häuser offen, ich würde gewesen sein vorsichtiger – aber der junge Baumann – Gott soll behüten – wegen meiner im Gefängniß! Lassen Sie den Mann los, Herr Actuar, denn wer weiß, wenn er nicht wär' dazugekommen und den Räuber verjagt hätte, ob ich noch lebte und erzählen könnte!«
Das war nun Alles schon recht, aber dem Actuar nicht im mindesten damit gedient, denn wenn er den Baumann losließ, hatte er keinen Andern dafür und mußte zugleich dabei eingestehen, daß er sich geirrt. Und war der alte Mann überdies auch wirklich ein genügender Zeuge, um den Gefangenen von jeder Schuld loszusprechen? War es überhaupt denkbar, daß irgend Jemand allein einen solchen Ueberfall unternommen hätte, wo er jeden Augenblick von außen gestört werden konnte und jeden Weg zur Flucht dann abgeschnitten sah? Zwei Gehülfen wenigstens durfte man bei einer solchen, jedenfalls vorher reiflich überlegten That annehmen, und während der eine den Ueberfall ausführte, stand der andere natürlich indessen Wache und half nur vielleicht im entscheidenden Augenblick. Daß Salomon dann den Zweiten, der anfangs vor der Thür stand, nicht gesehen hatte, ließ sich leicht erklären. Unter jeder Bedingung mußte aber der Versuch gemacht werden, den Gehülfen zu einem Geständniß zu bringen und dadurch den wirklichen Mörder herauszubekommen. So leicht ließ die Polizei Niemanden wieder frei.
Morgens um zehn Uhr, an dem nämlichen Tag, wurde der Schlossermeister noch einmal vorgeladen. Man hatte vergessen, ihm das Tuch zu zeigen, welches im Laden gefunden worden; er sollte bestätigen, daß es seinem Sohn gehöre, und sagen, ob er es schon in seiner Werkstätte, als er an dem Abend von ihm fortging, über die kleine Maschine, die sich allerdings im Laden gefunden, gedeckt hätte.
Schlossermeister Baumann mußte außerdem, ehe er vorkam, eine volle Stunde draußen auf der Galerie warten und konnte nachher auch nichts Bestimmtes aussagen. Seiner schlichten Meinung nach blieb sich ja das auch vollkommen gleich, ob das Tuch in der Werkstätte oder auf der Straße übergedeckt gewesen wäre; er begriff sogar nicht, wie man ihn nur einer solchen Bagatelle wegen wieder vorfordern und noch dazu so lange warten lassen konnte. Aber auf den Gerichten hat das Alles seine bestimmte Zeit, und die jungen Actuare, während sie selber nur für die gesetzlichen Stunden an das Büreau gebannt sind, verfügen gewöhnlich auf das willkürlichste über ihre vorgeladenen Zeugen. Dürfen sich diese doch nicht einmal darüber beschweren, ohne sich gleich einer Mißachtung des ganzen Instituts schuldig zu machen.
Auf das dringendste erneuerte er aber dabei seine Bitte, den gefangenen Sohn sprechen zu dürfen – es ging nicht an; der Gefangene hatte noch nichts gestanden, und es war da sehr leicht möglich, daß er von außen her Warnungen oder Nachrichten bekam, die auf den Lauf der Untersuchung störend hätten einwirken können. Die Gefühle eines Vaters durften dabei nicht in Betracht kommen.
Indessen wurde in ganz Alburg fast von nichts als dem Raubmord und hauptsächlich von dem Raubmörder Fritz Baumann gesprochen, denn als solcher galt er den Leuten, wie sich das von selbst versteht. Den alten Salomon persönlich kannten auch fast nur solche, die ihn in seiner eigenen Wohnung aufgesucht, denn in der eigentlichen Stadt ließ er sich nie blicken. Alles, was man von ihm wußte, war, daß er ein sehr reicher Jude sei, der aus Geiz ganz entsetzlich ärmlich lebe – zu welchem Gerücht vielleicht das unscheinbare Aeußere seines Hauses den Grund gegeben – und mehr aus Liebhaberei, als irgend eines besondern Vortheiles wegen den Antiquitäten-Laden gehalten und fortgeführt habe. Der war jetzt todt, und man interessirte sich nicht mehr viel für ihn, desto mehr aber für den jungen Baumann; denn die Frau Appellationsgerichtsräthin, der es die Frau Staatsanwalt, natürlich unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, anvertraut, daß der junge Baumann gerade die Frechheit gehabt habe, um die Hand ihrer Ottilie anzuhalten, schien sich verpflichtet gefühlt zu haben, der Frau Präsident Beckhaus die wichtige Nachricht mitzutheilen, und da sich dort zufällig an dem nämlichen Nachmittag ein kleiner, aber gewählter Cirkel von Damen »aus den höheren Ständen« zusammenfand, so konnte die Folge davon nicht gut ausbleiben. An dem nämlichen Abend wußte die ganze Stadt, daß der junge Mechanikus Baumann von der Tochter des Staatsanwalts Witte einen Korb bekommen habe, da Fräulein Ottilie nächstens Baronin von Wendelsheim werden würde, und die Comtesse unterhielt sich über dieses höchst interessante Thema nicht eifriger beim Auskleiden mit ihrer Zofe, als die Mägde am Brunnen oder die Nachbarsfrauen an den verschiedenen Parterrefenstern das nämliche Thema besprachen.
Der kleinen Schneidersfrau neben Baumanns hatte es ebenfalls fast das Herz abgedrückt, sich mit der Mutter des Gefangenen über die Haupt- und Staatsangelegenheit zu unterhalten; der alte Schlossermeister schnitt ihr aber jedesmal die Möglichkeit dazu ab. Wie er ihrer nur ansichtig wurde, fuhr er schon auf sie ein und fragte sie, ob sie nicht wieder ein Unglück mit ihrem »Maul« anrichten wollte, und sie fürchtete ihn wie den Gottseibeiuns. Heute gegen Mittag sah sie ihn aber wieder in seinem guten Rock am Fenster vorbeigehen; er mußte sicher auf's Gericht, wo er nicht so bald mehr herunterkam, und die Zeit durfte sie nicht unbenutzt verstreichen lassen. Hatte sie doch auch in den letzten Tagen so viel Stoff in der Stadt angesammelt, daß sie eine volle Stunde davon erzählen konnte. Das mußte sie von sich abwälzen und wenn ihr »Meisterchen« auch ein wenig länger auf das Essen warten sollte.
Kaum sah sie also die Luft rein, als sie wie ein Schatten hinaus aus ihrem Haus und hinüber in die Werkstätte huschte, wo sie erst die Gesellen fragte, ob sie es auch schon gehört hätten, daß das »Fritzchen« Alles eingestanden hätte und am Freitag geköpft werden sollte; und als ihr dort Karl drohte, er würde ihr das »Hämmerchen«, ein Stück Eisen von etwa drei Pfund Schwere, an den Kopf werfen, wenn sie den Mund noch einmal aufthäte, fuhr sie in die Stube selber hinein, wo die Meisterin an ihrem Spinnrad saß.
Es ist eine traurige Thatsache in der Welt, daß eine einzige Zunge oft so viel Unheil anrichten kann. Wenn wir armen, kurzsichtigen Menschenkinder nur überhaupt immer wüßten, was uns zum Unheil oder zum Heil gereicht. Manches halten wir für ein Glück, was sich in späterer Zeit als unsern größten Fluch herausstellt, und dann wieder sehen wir den Himmel nur mit schwarzen, drohenden Wolken umzogen, wenn dahinter schon die helle, freundliche Sonne lacht und nur auf den Moment wartet, wo sie das düstere Gewölk durchbrechen und unsern Pfad mit ihren lieben Strahlen erhellen soll. Nur der Augenblick liegt uns erschlossen, alles Uebrige aber in Gottes Hand.
»Ach, liebe Frau Meisterin,« sagte die kleine, förmlich eingetrocknete Frau, indem sie wie ein Wiesel zur Thür hineinschlüpfte, das Schloß eindrückte und sich dann gleich auf eine dort stehende Fußbank niederkauerte, »erschrecken Sie nur nicht; aber erfahren müssen Sie es ja doch einmal, und das Unglück, ach Du liebes Gottchen, das Unglück!« Und die Schneidersfrau zog ihre Schürze über's Gesicht und schluchzte laut.
»Hören Sie einmal, Frau Volkert,« sagte die Frau Baumann, »wenn Sie mir etwas Bestimmtes mitzutheilen haben, so thun Sie es; aber schneiden Sie mir das Herz nicht nach einander in kleinen Stücken ab. Mir ist so angst und weh genug zu Sinn, machen Sie's nicht noch ärger, und was ich erfahren muß, je eher, desto besser, denn die Ungewißheit nimmt Einem sonst noch das bischen Verstand ganz mit fort.«
»Ach, das Fritzchen, das Fritzchen,« klagte die arme kleine Frau, »nein, daß er auch so 'was nur thun konnte, daß er auch so 'was nur thun konnte – und so braver Leutchen Kind, so braver Leutchen Kind!«
»Aber Sie glauben doch nicht etwa, daß mein Fritz die furchtbare That begangen haben kann, Meisterin?« rief die Frau Baumann wirklich halb außer sich.
»Aber es hat's ja schon gestanden,« klagte die kleine Frau wieder, »es hat's ja schon gestanden; die ganze Stadt weiß es ja, und das Fränzchen kam vorhin noch ganz besonders zu uns herüber, um uns das schreckliche Geschichtchen zu erzählen. Ach Du lieber Gott, Du lieber Gott, und übermorgen, noch dazu an einem Freitag, soll ihm das Köpfchen heruntergeschlagen werden.«
»Volkert,« stöhnte die Meisterin, indem sie von ihrem Stuhl aufsprang und ihr Herz mit beiden Händen faßte, »treibt Ihr auch noch Euren Spott mit mir?« Aber der Verdacht war gewiß unbegründet, denn die kleine Frau weinte selber so bitterlich, als ob ihr das eigene Herz darüber brechen sollte.
Des Schlossers Frau stand starr und unbeweglich neben ihr; das Antlitz war ihr todtenfahl geworden, ihre Glieder zitterten, ihr Auge haftete stier und gläsern an der Unglücksbotin. Endlich sagte sie mit leiser, heiserer Stimme: »Aber es kann ja gar nicht sein, Volkert; wenn der Fritz wirklich die schreckliche That verübt hat – und es müßte das in der Verzweiflung geschehen sein, denn an dem Tage war er seiner Sinne kaum mächtig –, wenn er den Juden wirklich erschlagen hat, so ist es im Zorn, in der furchtbaren Aufregung geschehen. Wer weiß auch, wie ihn der Mann gereizt, ob er ihn nicht gar vielleicht seines Unglücks wegen verspottet hat, daß der Fritz gegen ihn die Hand erhoben, und dann – dann können und dürfen sie ihn doch nicht am Leben strafen. Es ist nicht möglich! Denken Sie nur, Volkert, wie vor noch gar nicht so langer Zeit jener Officier den Mann erstochen hatte, und der war nur vom Wein aufgeregt gewesen, da bekam er zwei Jahre Festungsstrafe, wurde aber nach dem ersten Jahre schon begnadigt und kam wieder frei. Sie können und werden doch meinen Fritz nicht ärger strafen als Jemanden, der eine solche That im Trunk verübt?«
»Ja, aber liebe, beste Frau Baumannchen,« winselte die kleine Frau hinter ihrer naßgeweinten Schürze vor, »das war doch auch ganz 'was Anderes; das war ja doch auch ein Gräfchen, das den armen Menschen erstochen hatte, ein ganz vornehmes Gräfchen, und sein Vater war Ministerchen oder sonst so 'was. Ja, wenn das Fritzchen ein vornehmes Gräfchen oder ein Barönchen wäre und sein Vater kein Schlosserchen, dann könnten Sie recht haben, und er käme vielleicht ein Jährchen oder so in die Festung, und nachher wäre das Geschichtchen aus und würde kein Wörtchen mehr darum gesprochen. Aber so, ach Du mein liebes Himmelchen, wenn sie dem Herzen von einem Menschen das Köpfchen herunterschlagen!«
Die Frau Baumann hörte gar nicht mehr, was sie zuletzt sagte, und wie von einem neuen und plötzlichen Gedanken ergriffen, starrte sie die Schneidersfrau mit einem Blick an, daß diese jedenfalls darüber zu Tode erschrocken wäre, wenn sie nur hätte vor lauter Schluchzen aus den Augen sehen können.
»Und Ihr glaubt, Volkert, daß er frei käme, wenn es ein Baron oder Graf wäre?« sagte sie mit heiserer, fast tonloser Stimme.
»Ach, gewiß glaub' ich's,« wimmerte die kleine Frau; »und die Homeier war auch heute Morgen bei mir, und wir haben darüber gesprochen, und der ihr Männchen hatte dasselbe gesagt, und der versteht es, denn er ist Bote bei den Gerichtchen und hat immer die Actenstückchen von einem der Herren zum andern zu tragen. Aber ein Handwerkerchen, ach Du liebes Gottchen, das ist ja gar nichts! Deren giebt's die Hülle und die Fülle, und so ein armes Schlosserchen oder Schneiderchen, oder was es auch sonst ist, mit dem machen sie keine Umstände und lassen dem Gesetzchen seinen Lauf.«
»Ja, ja,« nickte die Schlossersfrau, »es ist wahr; wir sollen Alle vor den Gesetzen gleich sein, so steht's in den Büchern und so sagen's die Leute. Aber es ist nicht so: den Vornehmen lassen sie eine Hinterthür offen, und die schlüpfen durch, und mit den Armen und Gedrückten füllen sie ihre Zuchthäuser und Gefängnisse – und wer verdient mehr Strafe, wenn er ein Verbrechen begeht, der Reiche und Vornehme, der Alles, was er braucht, im Ueberfluß hat und im Uebermuth braucht, oder der Arme und Gedrückte, den oft Noth und Verzweiflung dazu treiben?«
»Aber wir machen's nicht besser, Frau Baumännchen,« klagte die Kleine; »wir ändern die Welt nicht, und dürfen noch nicht einmal ein Muckschen thun, sonst werden wir ebenfalls eingesteckt.«
»Ja, wenn es ein Graf oder Baron wäre,« sagte die Schlossersfrau, noch immer vor sich hinstierend.
»Aber er ist es nicht,« winselte die Kleine; »das Fritzchen ist ja nur ein Mechanikuschen, und noch ein ganz junges, und wenn's auch nur ein Jude war, den es todtgeschlagen hat, jetzt hetzen sie Alle dahinter her, bis sie ihn unten haben. O, mein Männchen sollten Sie darüber reden hören, Frau Nachbarin, der kann's! Die Härchen stehen Einem zu Berge, wenn er davon spricht, daß alle die Kaiserchen und Fürstchen sterben müßten, und das Völkchen allein zu sagen hätte, was es will. Aber er thut es nur immer, wenn wir allein mit einander sind, denn sie haben ihn schon einmal deswegen eingesteckt. Ja wahrhaftig, 's ist wahr,« setzte sie hinzu, als die Frau sie mit ihrem stieren Blick wie fragend anschaute; »sechs Wöchelchen hat er brummen müssen bei Wasser und Rübensuppe. Ach, und wie er wieder herauskam, war er so dünn geworden, man hätte ihn durch ein Nadelöhrchen fädeln können!«
»Und wer hat Euch gesagt, Nachbarin, daß der Fritz am Freitag schon hingerichtet werden sollte?«
»Wer? das Fränzchen; expreß ist es zu uns herübergelaufen gekommen. Und der Herr Staatsanwalt Witte hat sich die größte Mühe gegeben, um ihn frei zu bekommen, und gleich von Anfang an versprochen, daß er seine Partei nehmen wollte; aber wenn das Fritzchen nun gestanden hat, da ist freilich Alles vorbei.«
»Der Staatsanwalt Witte hat seine Partei genommen?«
»Ja, gewiß; das Fränzchen war ja an dem Abend dabei in der Judengasse, wo sie das Salomonchen im Laden fanden, und hat's mit seinen eigenen Oehrchen gehört.«
»Der Staatsanwalt Witte?« wiederholte die Frau kopfschüttelnd.
»Das ist ein braver, rechtlicher Mann,« bestätigte die Schneidersfrau, »und wenn ein armes Teufelchen zu ihm kommt, dem Jemand Unrecht thun will, da springt er mit beiden Füßchen in die Sache hinein, und ruht nicht, bis er ihn frei gemacht, und nimmt nachher auch noch nicht einmal ein Gröschchen Geld dafür.«
»Der Staatsanwalt Witte?« murmelte die Schlossersfrau noch einmal.
»Ja, und wie hat er sich neulich der Frau Müller aus Vollmers angenommen,« fuhr die redselige kleine Schneidersfrau fort. »Sie war noch bei uns, ehe sie wieder nach Vollmers hinausfuhr, und hat uns das ganze Geschichtchen erzählt. Da war ein Majorchen und ein Räthchen zu ihr gekommen, lauter vornehme Leutchen mit großen Titelchen, und hatten sie in ihrem eigenen Hause schlecht gemacht und ihr einen Kindertausch bei Wendelsheims draußen und Gott weiß was Alles vorgehalten. Aber sie ging an die rechte Schmiede. Der Herr Staatsanwalt hat ihr gesagt, daß sie sich nicht vor den Leuten zu fürchten brauchte; Abbitte müßten sie thun vor den Gerichtchen oder Beweischen bringen; und nun will er sie vorkriegen, und das wird ein schöner Skandal im Städtchen werden, wenn so ein paar große Herrchen vorgefordert werden und Beweischen bringen sollen – Herr Du mein Gottchen,« unterbrach sich aber die Frau plötzlich, als sie zufällig aus dem Fenster sah und den zurückkehrenden Baumann bemerkte, »da kommt das Schlossermeisterchen wieder, und wenn der mich hier findet, drückt er mich armes Weibsen todt. Er kann mich so nicht leiden, und hat mir verboten, daß ich wieder herüberkomme.«
»Ja,« nickte die Frau still vor sich hin, »sie werden die Beweise bringen – aber zu spät, zu spät! Heute ist Mittwoch – übermorgen, o mein Gott, mein Gott!«
»Nachbarin, ich rutsche durch die Küche auf das Höfchen,« sagte die Frau, die in dem Augenblick noch fast um sechs Zoll kleiner und schmächtiger schien; »wenn er mich findet, giebt's ein Unglück!«
Und ohne eine weitere Erlaubniß abzuwarten, fuhr sie durch die Hinterthür in die Küche hinein und verschwand dort in demselben Augenblick, als Baumann, seinen Hut noch auf dem Kopf und mit finster zusammengezogenen Brauen in's Zimmer trat. Sie hatte auch in der That recht gehabt, ihm in dieser Stimmung aus dem Weg zu gehen; freundlich wäre sie keinenfalls von ihm empfangen worden.
»Wieder nichts!« sagte er, als er selbst ohne Gruß an seiner Frau vorüberging und an's Fenster trat. »Es ist rein um verrückt zu werden, daß sie Einem nicht einmal erlauben wollen, ihn nur zu sehen oder zu sprechen, und dabei erzählt sich das wahnsinnige Volk in der Stadt schon die tollsten und albernsten Geschichten!«
Seine Frau war im Zimmer; er hatte sie gesehen, als er an ihr vorüberging. Aber sie erwiederte kein Wort, richtete keine Frage an ihn, und mehr erstaunt als beunruhigt über dieses Schweigen, drehte er sich nach ihr um.
Seine Frau stand mitten im Zimmer; aber ihr Blick begegnete dem seinigen und hing mit unendlicher Liebe, aber auch einem unsagbaren Schmerz an ihm, so daß er sie ganz verwundert deshalb anstarrte.
»Nun,« sagte er endlich erstaunt, »was hast Du denn, Alte? Du siehst mich ja so merkwürdig an. Ist etwas vorgefallen?«
»Gottfried,« flüsterte die Frau mehr als sie sprach, ging auf ihn zu und lehnte langsam ihr Haupt an seine Brust, »Gottfried, mein braver, braver Gottfried, ich danke Dir für alles Liebe und Gute, das Du mir gethan, seit ich so glücklich wurde Dein Weib zu werden; ich danke Dir dafür viel tausend- und tausendmal, und möge Dich der Himmel dafür segnen!«
»Aber was hast Du nur?« sagte der Schlossermeister fast wie verlegen. »Was soll denn all' die Feierlichkeit? Und mit Bedanken? Ei, da glaub' ich, hat Einer von uns gerade so viel Ursache als der Andere.«
»Nein, Gottfried,« flüsterte die Frau wieder, »nein; Du weißt es nicht, und ich kann's Dir auch jetzt nicht sagen. Aber Du wirst's bald erfahren – bald – vielleicht heute noch, und dann – dann sei mir ja nicht so böse – denk' nicht, daß ich schlecht war, Gottfried, denk' es nicht – ich bin's nie gewesen! Nur übergroße, thörichte Liebe hat mich dazu getrieben. Wenn es mich aber auch die langen, langen Jahre gepeinigt und gequält, und ich größere Strafe dadurch erlitten habe, als wenn sie mir die Glieder mit Ketten zusammengeschnürt hätten, an Dir hab' ich doch gesündigt, an Dir und an ihm, und Alles, was jetzt in meinen Kräften steht, ist, das zu sühnen.«
»Aber, Mutter,« rief Baumann erschreckt, denn er glaubte im ersten Augenblick nicht anders, als daß sie über die Angst um den Sohn den Verstand verloren habe, »so schlimm ist's ja noch gar nicht, es kann noch Alles besser werden; habe nur guten Muth.«
»Den hab' ich, Gottfried, recht aus vollem Herzen,« nickte die Frau, und ihr Auge glänzte dabei von einem unheimlichen Feuer; »recht guten Muth hab' ich, denn ich bin jetzt auf dem richtigen Weg, und wollte Gott, o wollte Gott, ich wäre ihn früher gegangen, viel Unheil wäre dadurch Allen von uns erspart worden!«
»Komm, Alte, sei gut, mach' Dir deshalb keine Sorgen,« sagte Baumann freundlich, denn er gedachte sie jetzt nur zu beruhigen, damit sie die quälenden Gedanken fahren ließe. »Ist denn die Else noch nicht aus der Schule zurück? Es muß doch schon lange zwölf Uhr vorbei sein. Du hast auch noch nicht einmal den Tisch gedeckt?«
»Es muß sein, Gottfried,« nickte die Frau, die auf die letzten Worte gar nicht gehört oder geachtet hatte; »aber ich allein werde die Strafe erleiden, weil ich sie verdient habe – nicht Ihr – nicht er – es muß sein! Leb' denn wohl, Gottfried – Gott segne Dich viel tausendmal, und wenn Du....«
Die Aufregung war zu viel für sie. Sie wurde todtenbleich, und Baumann konnte sie noch eben mit seinem Arm auffangen, sonst wäre sie zu Boden gesunken. Jetzt wurde der alte Schlossermeister aber wirklich besorgt um den Zustand der Frau. Ihr tiefsinniges, zerstreutes Wesen, das entschieden nicht in ihrer Art lag, war ihm schon die letzten Tage aufgefallen, und die Ursache dafür suchte er natürlich nur in der Verhaftung des Sohnes. Aber er hatte nie geglaubt, daß es bei der nervenstarken Frau so gefährlich überhand nehmen könne. Er selber wußte auch in dem Augenblick gar nichts mit ihr anzufangen, als sie eben auf das Sopha zu legen; aber ein Arzt mußte her, vielleicht half ein Aderlaß oder irgend etwas Anderes, das der verordnen würde. Rasch entschlossen drückte er sich auch den Hut in die Stirn, rief dem in der Werkstätte arbeitenden Karl nur zu, einmal nach seiner Mutter zu sehen, es sei ihr unwohl geworden, er selber käme gleich wieder, und eilte dann, was er konnte, auf die Straße hinaus, um nach dem Arzt zu laufen und diesem gleich selber unterwegs die Krankheits-Symptome anzugeben.
Den nächsten Arzt fand er nicht zu Hause; aber der Medicinalrath Bennigs wohnte nur ein paar Straßen weiter, und den traf er glücklich gerade beim Frühstück an. Er mußte auch hereinkommen und dem alten Herrn, während er aß, den Fall genau erzählen, und der Arzt beruhigte ihn dabei. Es sei, wie er sagte, eine Nervenüberreizung, die sich wohl bald wieder geben würde; er wolle aber gleich selber mit ihm hinübergehen und die Kranke untersuchen – Sorge brauche er sich deshalb nicht zu machen.
Die beiden Männer waren auch bald wieder unterwegs, und Baumann beruhigte sich schon, als er, in der Nähe seiner Werkstätte angekommen, die Hämmer so lustig gehen hörte. Die Frau war jedenfalls wieder zu sich gekommen. Er hielt sich auch gar nicht da drinnen auf, sondern wollte gleich mit dem Medicinalrath durch die Werkstätte in die Stube gehen, als ihn Karl anrief.
»Vater, die Mutter ist nicht drin.«
»Nicht drin?« sagte Baumann erstaunt und sah sich nach ihm um.
»Ach,« meinte Karl, »es war ihr vorhin ein bischen schlecht geworden, und als sie wieder zu sich kam, meinte sie, sie wolle ein wenig an die frische Luft gehen, sie käme bald wieder.«
»Was,« rief Baumann erschreckt, »allein ist sie fort?«
»Ja,« sagte Karl, »natürlich; aber sie war so sonderbar. Die Else, die gerade aus der Schule kam, hat sie geherzt und geküßt, als ob sie auf ewig von ihr Abschied nehmen wolle, und auf mich ist sie auch zugegangen und hat mich an sich gedrückt und mir einen Kuß gegeben trotz meinem schwarzen Gesicht.«
»Großer Gott,« rief Baumann, jetzt zu Tod erschreckt, »was ist da vorgegangen und wo hinaus ist sie?«
»Ja, sie bog links um und ging die Straße hinunter.«
»Dort hinzu liegt der Fluß!« stöhnte Baumann, während Leichenblässe seine Züge deckte. Aber er war kein Mann, der sich lange einer Schwäche hingegeben hätte. »Fort, Karl,« rief er rasch, »setz' Deine Mütze auf und lauf', was Du kannst, da hinaus zu und suche die Mutter, und wenn Du sie findest, gehst Du ihr nicht von der Seite!«
»Aber, Vater....«
»Lauf', sag' ich, was Du laufen kannst – und Ihr Uebrigen alle auch – die Meisterin ist krank – sie war vorhin ohnmächtig geworden – es kann ihr ein Unglück geschehen, wenn Niemand bei ihr ist! Wo ist die Else?«
»Drinnen in der Stube, Vater. Sie weint, weil die Mutter weinte, als sie fortging.«
»Ich werde Sorge für das Kind tragen, Meister, und es in der Nachbarschaft unterbringen,« sagte der Medicinalrath; »sorgen Sie sich nicht deshalb und eilen Sie, selber Ihre Frau aufzusuchen, denn in einem solchen exaltirten Zustand kann man allerdings für nichts einstehen.«
»Ich danke Ihnen, Herr Doctor,« rief der Mann; »aber wir dürfen auch keinen Augenblick Zeit verlieren!« Und ohne weiter den Blick zu wenden, sprang er zur Thür hinaus und eilte, von Karl und den Uebrigen gefolgt, die sich bald nach verschiedenen Richtungen hin vertheilten, die Straße hinab und jetzt vor allen Dingen dem Ufer des Flusses zu, denn er fürchtete das Entsetzlichste.
Die Frau des Schlossermeisters Baumann hatte, wie Karl auch gesehen, das Haus verlassen und sich die Straße hinabgewandt; aber Baumann's Furcht, daß sie in Angst und Aufregung beabsichtigen könne, sich ein Leides anzuthun, war unbegründet. Sie folgte allerdings eine kurze Strecke der Straße, die sich dem Fluß und einer darüber führenden Brücke zuzog, drehte dann aber rechts ab in einen Seitenweg hinein, bis sie das Haus des Staatsanwalts Witte erreichte. Aber schon unterwegs zog sie die Blicke der Vorübergehenden auf sich, denn sie schien Niemanden zu sehen, sprach dabei mit sich selber und nickte dazu, während sie sich mit beiden Händen die Ellbogen hielt, als ob sie fröstele, ununterbrochen mit dem Kopfe.
Erst auch in dem Hause angelangt, kam sie ordentlich wieder zur Besinnung, denn bis dahin war sie wie in einem Traum fortgeschritten. Sie blieb auf dem Hausflur stehen, strich sich die Haare aus der Stirn, ordnete ihr Tuch etwas besser und sah nach ihrem Kleid, als ob sie irgendwo einen Besuch machen wolle, und stieg dann langsam, aber ohne irgend ein Zögern die Treppe hinauf.
Oben blieb sie stehen. Die eine Thür zeigte allerdings deutlich genug durch ein Schild das Büreau des Staatsanwalts an; aber sie wußte auch, daß dort viele Schreiber saßen, und sie wollte ihn allein sprechen. Ging sie lieber hinüber zu einer der in die Wohnung führenden Thüren? Aber nein, dort mußte sie fürchten, jenem Mädchen zu begegnen, das ihrem Fritz so weh gethan und ihn vielleicht gar zu der schwarzen That getrieben. Lieber zu den fremden Männern in die Stube – dort wurde sie doch nicht verachtet und zurückgestoßen, und ohne sich länger zu besinnen, schritt sie auf die bezeichnete Thür zu und klopfte an.
»Herein!« rief die monotone Stimme des einen der Schreiber, und die Frau stand auf der Schwelle und warf den Blick scheu in dem engen Raum umher.
»Ist der Herr Staatsanwalt zu Hause?«
Der Schreiber deutete, ohne eine weitere Antwort für nöthig zu halten, mit der Feder nach der Stube desselben.
»Ist er allein?«
»Ja, aber er wird nicht viel Zeit haben, er muß bald fort.«
»Ich muß ihn sprechen.«
»Gut, versuchen Sie es – da drinnen ist er« – und wieder kritzelten die Federn über das Papier.
Die Frau schritt der Thür zu, und einer der Leute blickte über sein Heft nach ihr hin – wie merkwürdig blaß sie aussah! Aber sie waren ja gewohnt, hier von allen Leidenschaften bewegten Menschen zu begegnen – wer wußte denn, was sie hatte! Drinnen der Staatsanwalt würde die Sache schon in Ordnung bringen.
»War das nicht die Baumann?« flüsterte einer der jungen Leute über sein Stehpult hinüber, »deren Sohn wegen der Salomon'schen Geschichte sitzt?«
»Ich glaube, ja,« sagte ein Anderer. »Der alte Salomon soll ja wohl heute beerdigt werden – so eine Judenleiche möchte ich gern einmal sehen....«
»Ja, aber sie lassen Einen nicht dazu,« meinte der Erste wieder; »in den Kirchhof darf man nicht hinein.«
»Und was machen sie mit dem Baumann?«
»Bah, sie haben ja gar keine Beweise gegen ihn und müssen ihn wieder laufen lassen! In der Zeit, wo er vorher gesehen ist, kann er die That gar nicht verübt haben, und ist auch sonst ein ganz anständiger Kerl!«
Die jungen Leute hatten weiter kein Interesse an der Sache und schrieben weiter, denn der Staatsanwalt konnte jeden Augenblick herauskommen, und es gab heute Morgen entsetzlich viel zu thun.
Drinnen im Zimmer des Staatsanwalts spielte indeß eine andere Scene.
»Frau Baumann?« sagte Witte, als er sie erkannte und sich wohl denken konnte, weshalb sie kam – des gefangenen Sohnes wegen. »Ja, es thut mir leid, aber so schnell geht die Sache nun einmal nicht mit unseren Gerichten. Uebrigens....«
»Kann ich ein paar Worte allein, ganz allein mit Ihnen sprechen, Herr Staatsanwalt?« unterbrach ihn die Frau, indem sie ihn mit ihren großen Augen scharf und doch bittend ansah. »Ich habe Ihnen etwas sehr Wichtiges zu sagen, aber es darf mich Niemand weiter hören, als Sie – und Gott,« setzte sie leise und kaum hörbar hinzu.
»Etwas sehr Wichtiges?« sagte Witte erstaunt.
»Etwas sehr Wichtiges,« wiederholte die Frau, »und Sie werden die Zeit nicht bereuen, die Sie darauf verwenden.«
»Hm« – Witte sah nach der Uhr; er hatte allerdings nicht viel Zeit, weil er zu einer wichtigen Besprechung auf das Criminalamt mußte. Wäre es aber wirklich etwas Wichtiges gewesen, so konnte er auch einen seiner Schreiber hinaufschicken und die Sache um eine halbe Stunde aufschieben lassen. Frauen hielten nur zu gewöhnlich eine Menge von Dingen für wichtig, die an sich unbedeutend genug waren – nun, er konnte wenigstens hören, was sie wollte.
Für solche Fälle, die auch gar nicht etwa so selten vorkamen, benutzte er gewöhnlich eine kleine, hinter seinem Arbeitszimmer befindliche Stube, in welcher nur eine Anzahl von Bücher-Regalen mit wenig gebrauchten Büchern und alten Acten und ein Tisch wie ein paar Stühle standen. Das Zimmer sah auf den Hof hinaus und lag so abgeschieden, daß kein darin gesprochenes Wort durch die Wände drang.
Witte stand auf und öffnete die Thür der Schreibstube. »Ich will jetzt nicht gestört werden,« sagte er hinaus; »wenn Jemand in der Zwischenzeit kommen und nach mir fragen sollte, so lassen Sie ihn nicht in mein Zimmer, sondern behalten ihn hier, bis ich selber herauskomme.«
»Sehr wohl, Herr Staatsanwalt.«
»So, Frau Baumann,« sagte dann Witte, indem er die Thür wieder schloß, »haben Sie jetzt die Güte und kommen Sie hier mit herein. Da drinnen hört Niemand, was Sie mir zu sagen haben; aber seien Sie so gut und machen Sie es so kurz als möglich, denn meine Zeit ist gemessen, und wenn die Sache nicht wirklich sehr wichtig ist, thäten Sie mir sogar einen Gefallen, wenn Sie lieber heute Nachmittag wieder vorkämen.«
»Es hängt Leben und Tod daran,« sagte die Frau ernst.
»Leben und Tod? Dann freilich geht das allem Andern vor – bitte, treten Sie näher, und nun setzen Sie sich und sagen mir, was Sie zu sagen haben. Sie zittern ja an allen Gliedern – ist etwas vorgefallen?«
»Lassen Sie mir nur einen Moment Zeit, Herr Staatsanwalt,« sagte die Frau, indem sie auf den nächsten Stuhl niedersank – »nur um meine Gedanken zusammenzubringen – es geht dann auch um so viel schneller. Mir wirbelt der der Kopf jetzt noch vom vielen Denken.«
Der Staatsanwalt sah nach der Uhr; es fehlte kaum noch eine Viertelstunde an der bestimmten Zeit, in der er fort mußte. Er wollte aber doch wenigstens erst wissen, um was es sich hier handle, und beobachtete deshalb ruhig die Frau, die aber seinem Blick noch auswich und nur einen Anfang zu suchen schien, mit dem sie beginnen könne. Endlich sagte sie:
»Es hilft doch nichts – es ist doch Alles vorbei und ich kann's nicht mehr ändern, also brauche ich auch keine Vorrede mehr zu machen. Erfahren müssen Sie's doch, und der liebe Gott mag's mir vergeben.«
»Aber was, liebe Frau?« sagte der Staatsanwalt, der aus den unzusammenhängenden Sätzen nicht klug wurde.
»Sie wissen eigentlich schon Alles,« flüsterte die Frau, »aber nur noch nicht recht – die Müller war schon bei Ihnen, und es ist jetzt vor den Gerichten.«
»Die Müller? Welche Müller?«
»Die Müller von Vollmers...«
»Aber was hat das mit Ihrem Sohn zu thun?«
»Es ist nicht mein Sohn!« stöhnte die Frau, indem sie sich krampfhaft an der Lehne ihres Stuhles festhielt. »Es ist – der Sohn – des – Baron von Wendelsheim!«
»Alle Teufel!« rief Witte, fast unwillkürlich vor seinem Stuhl emporspringend. »Die Sache ist allerdings wichtig – aber warten Sie einen Augenblick. Fassen Sie Muth, liebe Frau Baumann, gestehen Sie nur Alles aufrichtig, und was ich dann für Sie thun kann, das seien Sie versichert, daß ich es thun werde – ich bin gleich wieder bei Ihnen –« und rasch schritt er durch sein Arbeitszimmer der Schreibstube zu.
»Gerber,« sagte er hier, »Sie mögen einmal hinauf auf das Stadtgericht gehen und dort in Nr. II den Justizrath Bertling bitten, mich auf eine halbe Stunde zu entschuldigen – ich kann jetzt nicht fort. Ist frisches Wasser in der Flasche?«
»Jawohl, Herr Staatsanwalt – eben geholt.«
»Geben Sie mir einmal die Flasche – ich danke Ihnen – ein Glas habe ich selber drüben – ich bin für Niemanden zu sprechen.«
Der Staatsanwalt eilte mit der Flasche und einem Glase zu der Frau Baumann zurück, die sich aber in der Zwischenzeit vollständig erholt und jede Schwäche niedergekämpft hatte. Sie trank allerdings ein Glas Wasser, aber sie schien jetzt vollkommen ruhig und gefaßt. Das Schlimmste war auch eigentlich überstanden, das Geständniß selber abgelegt, das Geheimniß gebrochen, und jetzt blieb ihr nur noch übrig, die nöthige Aufklärung über das Einzelne zu geben, und das mußte ihr leicht werden, denn sie sprach ja nur die reine, lautere Wahrheit.
»Sie haben mir da vorher, meine liebe Frau Baumann,« begann der Staatsanwalt jetzt – denn er wollte vor allen Dingen die Thatsache constatirt haben – »eine wunderbare Eröffnung gemacht, in der ich Sie noch einmal fragen muß, ob ich Sie auch richtig verstanden habe. Sie sagten nämlich, daß Ihr Sohn – Sie meinten damit den Friedrich Baumann, nicht wahr?«
»Ja, Herr Staatsanwalt.«
»Nicht Ihr Sohn, sondern der des Barons von Wendelsheim wäre. Ist das richtig?«
»Merkwürdig – und weiß der Baron Wendelsheim davon?«
»Nein, Herr Staatsanwalt.«
»Er weiß es nicht?« rief der Mann erstaunt.
»Nein, Herr Staatsanwalt.«
»Aber wie ist das um des Himmels willen möglich? Wußte es denn seine verstorbene Frau?«
»Eben so wenig; sie würde sich eher das Herz aus dem Leibe, als ihr eigenes Kind haben nehmen lassen.«
»Dann muß ich Ihnen aber gestehen, daß ich Ihre ganze Angabe nicht begreife, beste Frau, denn wenn beide Eltern nichts davon wissen, sagen Sie mir, wie es dann irgend möglich ist, einen derartigen Tausch – denn darauf hin läuft doch das Ganze hinaus – vorzunehmen?«
»Und doch ist es wahr,« nickte ruhig die Frau. »Wenn Sie mich aber geduldig anhören wollen, so werde ich Ihnen Alles erklären – Alles – und dann – möchte ich sterben, um die Schande nicht zu erleben, die mich betreffen muß.«
»Ich bin wirklich begierig,« sagte Witte, »denn ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich es nicht begreife.«
»Sie wissen, welche Clausel das Testament hat, das in den nächsten Tagen fällig sein muß,« sagte die Frau.
»Darüber beruhigen Sie sich; ich habe mich mit der verwünschten Geschichte so viel und bis jetzt so nutzlos beschäftigt, daß ich den Gegenstand durch und durch und bis in seine kleinsten Einzelheiten kenne.«
»Der Baron von Wendelsheim, wie mir meine Schwester, des Schuhmachers Heßberger Frau, sagte, hatte Angst, daß ihm kein Knabe, sondern ein Mädchen geboren würde, wonach die Erbschaft für ihn verloren gewesen wäre, und meine Schwester ist eine kluge, aber – Gott vergebe es ihr! – eine böse Frau. Der alte Baron zog sie zu Rathe, und sie wußte Rath. Mir sollte damals das erste Kind geboren werden, und sie war täglich um mich. Es ging uns noch knapp – wir mußten uns mühsam durchhelfen, um nur das tägliche Brot zu gewinnen. Baumann war ein junger Mensch, der damals erst anfing selbstständig zu werden; es reichte hier und da nicht aus, und ich sah für das Kind, das ich erwartete, nur bittere Noth und Sorge. Und doch war ich ehrgeizig. Ich wußte, was Baumann für ein geschickter, braver Mann sei, wie er getrost den Ersten an die Seite treten konnte, und wie doch Andere immer wieder durch Protection oder andere Vergünstigung die Arbeit bekamen, die er hätte eben so billig, und viel, viel besser und tüchtiger liefern können. Das fraß mir in's Herz – aber das nicht allein, auch eine Sünde, die sich meiner bemächtigt hatte: ich war eitel – ich ärgerte mich, wenn andere Handwerkerfrauen besser und vornehmer gekleidet gingen, als ich, und der böse Feind gewann seine Macht über mich.«
Witte hatte ihr aufmerksam zugehört, und hütete sich wohl, sie auch nur mit einem Wort zu unterbrechen. Die Frau, wie sie da vor ihm saß, sprach jetzt die Wahrheit, und wenn er der Sache je auf den Grund kommen wollte, so konnte er nichts Besseres thun, als sie eben ausreden lassen.
»Meine Schwester,« fuhr die Frau nach einer Pause fort, in der sie still vor sich niedergestarrt hatte, »kannte alle meine schwachen Seiten. Sie versicherte mir, daß ich einen Knaben bekommen würde, und der Knabe würde in Lumpen und Jammer groß und sein ganzes Leben geknechtet und herumgestoßen werden; denn was haben die Armen für Rechte auf der Welt! Aber in meinen Händen läge es, den Knaben, das Kind, für das ich mich schon sorgte und ängstigte, ehe es nur athmete, groß und vornehm zu machen und ihm Alles zuzuwenden, nach dem die Menschen hier auf Erden mit allen Kräften streben und es zu erreichen suchen: Rang und Reichthum. Kurz, sie schlug mir vor, den Knaben, wenn es ein Knabe würde, dem Baron von Wendelsheim zu überlassen, der ihn zu seinem Sohn und Erben heranziehen wollte, während ich dagegen sein eigenes Kind, wenn es ein Mädchen wäre, wie mein eigenes pflegen und warten, aber ihm nie im Leben verrathen sollte, wer seine wirklichen Eltern wären.
»Lange sträubte ich mich dagegen,« sagte die Frau mit einem tiefen Seufzer. »Der Gedanke war mir zu furchtbar, mein Kind, mein eigenes Kind herzugeben, um es von fremden Eltern erziehen und pflegen zu lassen. Aber der Hochmuthsteufel, der seinen Sitz in meinem Herzen aufgeschlagen, arbeitete auch in mir und ließ nicht Ruhe. Er malte mir vor, welch ein vornehmer, von allen Leuten geachteter Herr mein Knabe werden könnte, für den ich jetzt nur Noth und Armuth vor Augen sah, und – von dem Teufel geblendet, willigte ich endlich ein. Das Geld, was mir die Heßberger noch außerdem versprach, hatte keinen Werth für mich, reizte mich wenigstens nicht, oder machte mir die Sache leichter; nur mein Kind wollte ich groß und vornehm wissen, und stolz auf es sein können, und mich an ihm freuen, und das andere dafür pflegen und groß ziehen mit meinen besten Kräften – Du großer Gott, ich war selber noch jung und leichtsinnig, und hatte ja keine Ahnung, welche furchtbaren Folgen das in der Zukunft haben könnte!«
»Und dann?« fragte Witte, denn das Alles betraf nur Verabredungen und Vorsätze und hatte nicht den geringsten Werth für ihn.
»Dann,« fuhr die Frau fort, »dann schenkte mir Gott einen Knaben, ein liebes, herziges, gesundes Kind, und ich herzte und küßte ihn, und hatte alle meine Pläne und Hoffnungen vergessen, denn ich dachte es mir nicht mehr möglich, daß ich ihn je wieder freiwillig hergeben und aus meinen Armen lassen könnte. Unglücklicherweise traf es sich aber gerade damals, daß mein Mann verreisen mußte. Er hatte auf dem Gut in Vollmers ein eisernes Gitter aufzustellen.«
»In Vollmers?«
»Ja – wozu er drei oder vier Tage brauchte und auch dort natürlich übernachtete, um am nächsten Morgen gleich wieder mit Tagesgrauen anfangen zu können.«
»Und Ihr Mann wußte von der ganzen Verabredung nichts? Sie hatten nie mit ihm darüber gesprochen, ihn nie um seinen Rath gefragt?«
»Nie. Ich hätte es nicht gewagt, denn er wäre schon bei dem bloßen Gedanken außer sich gerathen, und kannte auch die Menschen besser als ich. Er mochte meinen Schwager nicht leiden, den er für einen Heuchler hielt, und verdachte mir sogar den Umgang mit der Schwester, obgleich er zu gut war, ihn mir ganz zu verbieten – o, wäre ich ihm gefolgt!«
»Und wie wurde es weiter?« fragte der Staatsanwalt, um sie von dieser Abschweifung zurückzubringen.
»An demselben Abend,« erzählte die Frau – »es wurde eben Dämmerung und ich war mit meinem Kind allein –, kam plötzlich meine Schwester zu mir. Sie trug einen weiten, dunkeln Mantel und war in großer Eile. Sie sagte mir, daß die Baronin von Wendelsheim draußen ein Mädchen geboren habe und das sie hinausgerufen wäre, um ihr beizustehen, und jetzt sei der Moment, um das Glück zu ergreifen und festzuhalten. Ich bat und beschwor sie, von ihrem Plan abzustehen; ich sagte ihr, daß ich mich von dem herzigen Knaben nicht trennen könne, daß ich sterben würde. Sie lachte darüber und meinte, mein Knabe solle ein großer und vornehmer Herr werden, und um das zu erreichen, brauche ich nichts zu thun, als viel Geld zu nehmen und still zu sein. Eine Entdeckung war auch nicht zu fürchten; sie allein hatte mir in meinen Nöthen beigestanden und Niemanden weiter dazu gerufen, mein Mann wußte noch nicht einmal, daß uns ein Kind geschenkt sei, und sollte es erst bei seiner Rückkehr erfahren. Sie ließ mir auch gar keine Zeit zum Ueberlegen, und schwach und erschöpft, wie ich mich fühlte, konnte ich ihr nicht einmal Widerstand leisten. Ich weinte und bat nur; aber sie fragte mich, ob ich nicht glaube, daß sie, als meine Schwester, es gut mit mir und dem Kinde meine und mir zu etwas rathen würde, was nicht zu unserem Besten wäre. Dann nahm sie das Kind, schloß die Thür von außen, daß Niemand zu mir konnte, und kam nicht wieder.
»Welche furchtbare Zeit habe ich an dem Abend verlebt!« fuhr sie endlich nach einer Pause fort, während ihr der Schweiß in großen Tropfen auf der Stirn stand und der Staatsanwalt noch immer mit dem Kopf schüttelte, denn er sah keinen Faden durch das Ganze. Wo war das Mädchen geblieben, daß die Baronin geboren haben sollte? – »Welche furchtbare, entsetzliche Zeit!« fuhr die Frau fort. »Ich könnte keine Worte finden, und wenn ich Jahre danach suchte. Stunde nach Stunde verging, und ich weinte nach meinem Kind, während draußen der Sturm die großen Tropfen gegen das Fenster peitschte und der Wind durch den Schornstein heulte. Wie lange ich so gelegen, weiß ich auch nicht: ich muß ohnmächtig geworden und wieder zu mir gekommen sein, ohne daß mir Jemand beistand. Da hörte ich plötzlich einen Schlüssel im Schloß herumdrehen, und nicht meine Schwester, aber mein Schwager trat zu mir herein. Sein Mantel troff von Wasser, aber zitternd, vor Freude zitternd, streckte ich die Arme nach ihm aus, denn ich hörte ein Kind darunter wimmern.
»Mein Kind, mein Kind! rief ich ihm entgegen. O Schwager, bringt Ihr mir mein Kind zurück!«
»Da habt Ihr's,« sagte der Mann mit einem lästerlichen Fluch. »Ist das ein Wetter, um einen Menschen darin hinaus zu jagen? Es war nichts – die Frau Baronin hat selber einen Knaben geboren – da habt Ihr das Eurige wieder, wir können's nicht gebrauchen.«
»Mit Jubel griff ich es und drückte es in meine Arme; aber ich wollte es auch sehen. Es war dunkel im Zimmer, dunkle Nacht. Neben meinem Bett stand ein Feuerzeug; ich machte Licht und entzündete die Lampe. Heßberger blieb neben meinem Bett stehen und hob mein liebes, liebes, schon verloren gegebenes Kind gegen das Licht; aber ein furchtbarer Schmerz zuckte mir durch die Brust.
»Das ist es ja nicht! schrie ich, von Angst und Schrecken erfüllt. Das ist es ja nicht! O, glaubt Ihr, daß ich mein Kind nicht wiederkennen würde?
»Da wurde er ängstlich und bat mich, nicht so zu schreien, die Wände wären dünn, und die Nachbarn könnten am Ende die Worte verstehen. Seine Frau würde am nächsten Morgen selber herüberkommen und mir Alles erklären; nur bis dahin solle ich ruhig sein und das arme Würmchen pflegen, das ohnedies schon halb erstarrt vor Kälte wäre. Und Gott sei es geklagt, er hatte recht! Der Mantel war in dem furchtbaren Wetter naß geworden; das arme, neugeborene Kind hatte kaum noch Leben in sich, als er es zu mir in's Bett legte, und ich konnte ihm ja nicht böse sein. Ich küßt' es und herzt' es, als ob es mein eigenes wäre, und nie die langen, langen Jahre hindurch durfte es sich beklagen, daß ihm eine Mutter gefehlt hätte.«
»Aber, beste Frau Baumann,« sagte der Staatsanwalt, der sie ruhig hatte ausreden lassen, jedoch die Hauptsache noch immer vermißte, obschon ein dunkler Verdacht über das Geschehene in ihm aufstieg – »ich verstehe das noch immer nicht; denn wenn die Frau Baronin wirklich einen Knaben und kein Mädchen....«
»Hören Sie nur weiter,« sagte die Frau, »ich bin gleich zu Ende. Am nächsten Morgen kam meine Schwester zu mir und wollte mir ebenfalls einreden, das sei mein Kind, was ich in den Armen halte; aber sie konnte das Mutterauge nicht täuschen, und wie sie denn endlich einsah, daß all' ihr Reden nichts half, da lenkte sie ein und meinte, sie habe mich das nur glauben machen wollen, damit ich mich um so leichter beruhigen solle. Aber jetzt mußte Sie mir die ganze Geschichte erzählen, oder ich drohte ihr, es meinem Mann zu sagen, und den fürchtete sie; so erfuhr ich denn Alles. Der Baron hatte mit ihr vorher heimlich abgemacht, das Kind, wenn es ein Mädchen sein sollte, gleich nach der Geburt gegen einen Knaben einzutauschen, und ihr dafür nicht allein reichen Lohn für sich, sondern auch für die Mutter des andern Kindes versprochen. Alle Vorbereitungen waren dazu auch getroffen gewesen, und meine Schwester hatte es so einzurichten gewußt, daß sie oben in der Wohnstube nur eine Person um sich hatte, auf die sie sich fest und sicher verlassen konnte.«
»Wer war das?« fragte Witte, mit einer Idee an die Madame Müller.
»Sie ist lange todt,« sagte die Frau; »eine arme Verwandte von uns, die bei Heßberger im Hause wohnte oder dort vielmehr diente. Sie zog aber fort von hier nach Amerika, und wie meine Schwester mir später erzählte, ist sie dort am gelben Fieber gestorben.«
»Und die war mit oben im Schlosse?«
»Ja; meine Schwester hatte auch im Schlosse, wie sie mir gestand, sehr leichte Arbeit, denn weniger der Baron als des Barons Schwester, das gnädige Fräulein von Wendelsheim selber, schien die Verabredung mit ihr getroffen zu haben und unterstützte sie so vollständig in der Ausführung, daß sie völlig freie Hand behielt. Mein Schwager Heßberger wartete mit meinem Knaben in einem kleinen Gartenhäuschen, in dem ein Ofen stand und das ordentlich erwärmt war, weil man ja doch die Zeit nicht genau bestimmen konnte, und die Frau Baronin bekam ihr eigenes Kind gar nicht zu sehen. Meine Schwester erschrak wohl, als sie sah, daß es auch ein Knabe sei; aber der Gewinn, den sie durch den Tausch erwartete, blendete sie – kein Mensch im Schlosse, weder der Baron, noch das gnädige Fräulein erfuhren je, daß ihnen ein Erbe geschenkt worden. Meine Schwester trug das Neugeborene gleich fort, und als sie mit meinem Kinde zurückkam, legten sie den Knaben der Frau Baronin in's Bett, die ihn dann herzte und küßte und Freudenthränen über ihr Glück vergoß.
»Am nächsten Morgen erst kam die Amme, die jetzige Müller aus Vollmers, die aber natürlich nichts von dem Tausch wissen konnte. Aber andere Menschen mußten doch Verdacht geschöpft haben, denn es wurde in der nächsten Zeit viel davon gesprochen, und manche Leute haben sich wohl Mühe gegeben, um hinter die Wahrheit zu kommen. Aber die Heßberger, obgleich damals noch ein junges Weibsen, war ihnen Allen zu schlau, und an mich dachte Niemand; denn wer hätte sich auch denken können, daß der Baron den eigenen Knaben weggegeben, um einen andern einzutauschen? Im Anfang weinte ich auch viel, und der Betrug schnitt mir in die Seele; aber die Schwester wußte mir Alles so golden hinzustellen, und wie wir jetzt viel Geld kriegen und reich und mein Sohn ein vornehmer Herr werden würde, und als mein Mann nach Hause kam, mit keiner Ahnung des Geschehenen, und mit dem Knaben auf dem Arme jubelnd in der Stube herumsprang, da wußte ich, daß er ihn eben so lieb haben würde, als ob es sein eigenes Kind gewesen wäre, und schwieg.«
»Also versteh' ich daraus,« sagte der Staatsanwalt, dessen klares und durchdringendes Auge fest, aber nicht unfreundlich auf der Frau haftete, »daß der Baron von Wendelsheim, oder mehr noch seine Schwester, ohne Vorwissen der Mutter einen Tausch des Kindes beabsichtigten, falls es ein Mädchen sei, und daß Ihre Schwester, trotzdem daß dem Baron ein Knabe geboren wurde, den Tausch ausführte und den Baron wie dessen Schwester glauben ließ, es sei eben ein Mädchen gewesen, nur um sich die ausgestellte Belohnung zu sichern.«
»So war es,« nickte die Frau still vor sich hin – »so war es.«
»Und hat sich der Baron selber später nie um sein wirkliches Kind bekümmert, nie es sehen wollen?«
»Doch,« nickte die Frau. »Da ich immer Angst hatte, daß das Verbrechen trotzdem an den Tag kommen könnte, beruhigte mich meine Schwester, indem sie mir alle getroffenen Vorsichtsmaßregeln erzählte. Auf einem Dorfe in der Nachbarschaft war wenige Tage nachher ein acht Tage altes Mädchen gestorben – dessen Todtenschein verschaffte sich meine Schwester und brachte ihn dem Baron, der von da an glaubte, sein eigenes Kind sei todt, und auch nie wieder seit der ganzen Zeit danach gefragt hat.«
»Das ist eine durchtriebene Person,« nickte der alte Anwalt vor sich hin. »Und welchen Lohn erhielten Sie dafür?«
»Ach, viel, viel Geld!« seufzte die Frau. »Mein Theil betrug, wie mir die Schwester sagte, dreitausend Thaler, und sie wußte das ebenfalls so einzurichten, daß mein Mann – ein gutes, ehrliches Herz außerdem – glauben mußte, es sei eine Erbschaft, die ich erhoben. Aber in so fern habe ich wenigstens gut gemacht, was ich konnte, und Alles, was in unseren Kräften stand, und was wir besonders mit Hülfe jener Summe ersparen konnten, auf die Erziehung des Pflegekindes gewandt. Fritz hat gewiß seine Mutter nie so vermißt, wie ich nach meinem eigenen Kind gejammert habe. Aber jetzt kann es nichts mehr helfen. Die Sache ist allerdings schon vor den Gerichten, und wenn sie den alten Baron und das gnädige Fräulein vorfordern, so müssen die wohl bekennen, doch sie können den Fritz damit nicht mehr retten, denn das dauert zu lange, und die Zeit verfliegt – er soll den Mord schon bekannt haben und ist zum Tode verurtheilt; aber er darf nicht sterben. Mit dem Sohn des Schlossermeisters Baumann machen sie wenig Umstände, das weiß ich. Die Volkert hat ganz recht: was liegt an solch einem armen Menschen und daran, was ihn dazu getrieben! Anders wird es aber, wenn sie erfahren, daß es ein Baron von Wendelsheim, der Erbe von so vielem Geld ist, den sie im Gefängniß halten, und den werden, den dürfen sie nicht tödten.
»So,« sagte die Frau, indem sie mühsam nach Athem rang, »jetzt haben Sie Alles gehört, was ich verbrochen, was mich hiehergetrieben. Ich weiß, daß ich damit Schmach und Schande auf mein eigenes Haupt lade; ich weiß, daß mein eigener Sohn, den ich reich und vornehm machen wollte, arm und niedrig wird, wie wir selber sind; ich weiß, daß ich Unglück über uns Alle bringe, aber Blut – Blut soll nicht vergossen werden, nicht meinethalben – nicht meinethalben. Ich habe Sünde genug auf dem Gewissen, aber ich will kein Blut darauf haben – um des Himmels willen kein Blut!«
Die Frau war erschöpft in ihrem Stuhl zusammengebrochen, und Witte sprang empor, denn er fürchtete, daß sie zu Boden fallen könnte; aber es war nicht körperliche Schwäche, sondern allein nur vollständige geistige Ermattung gewesen, die sie erfaßte, und dagegen glaubte er ein Mittel zu wissen. Er hatte in seiner Stube eine Flasche mit gutem Rum stehen; den holte er vor, goß ihr einen Theil davon unter das noch übrig gebliebene Wasser und hieß sie das trinken. Die Frau nahm es auch und that einen Schluck; aber sie war geistige Getränke nicht gewohnt und setzte es, innerlich schaudernd, wieder ab. Der Staatsanwalt dagegen schenkte sich ebenfalls ein Glas ein; er fühlte sich so aufgeregt, daß er etwas Derartiges bedurfte; aber er schüttelte sich nicht, und erst in der Stube ein paarmal auf und ab gehend, blieb er endlich wieder vor der Frau Baumann stehen.
»Und Ihr Sohn,« sagte er, »oder der Baron Friedrich von Wendelsheim, der er eigentlich ist, hat noch keine Ahnung von seinem Stande?«
Die Frau schüttelte mit dem Kopf.
»Und der Lieutenant eben so wenig?«
»Kein Mensch weiß etwas davon, als Heßbergers und ich – und jetzt Sie.«
»Hm,« sagte der Staatsanwalt, »das ist bei Gott eine wunderbare Geschichte und wird....« Er brach kurz ab, rieb sich mit der flachen Hand den Kopf und setzte seinen unterbrochenen Spaziergang fort.
»Wissen Sie, liebe Frau,« sagte er endlich, als er nochmals stehen blieb, »daß wir mit der Sache in ein wahres Wespennest hineingerathen, denn wenn die Heßberger'schen Eheleute leugnen – und das thun sie jedenfalls –, so glaubt uns nachher kein Mensch ein Wort von der ganzen Bescherung. Es sind vierundzwanzig Jahre darüber hingegangen, und der alte Baron – und sein Satan von einer Schwester erst recht – werden sich hüten, auch nur eine einzige der angeführten Thatsachen zuzugeben. Sie werden es für blanke Lüge und Verleumdung erklären.«
»Ich habe die Wahrheit gesprochen,« sagte die Frau feierlich, »so mir Gott in meiner letzten Stunde beistehen soll!«
»Ich glaube es Ihnen, liebe Frau, ich glaube es Ihnen, jede Silbe, und ich durchschaue auch jetzt das Ganze gut genug, aber Beweise – wo kriegen wir Beweise her? Die müssen wir schaffen, ehe wir nur damit herauskommen können, oder wir verderben Alles.«
»Und indessen tödten sie mir den Sohn, den ich genährt und erzogen und so lieb habe wie den eigenen!« rief die Frau in Angst und Aufregung.
»Wen? Den Fritz Baumann?«
»Hat er denn nicht gestanden und soll er nicht schon übermorgen hingerichtet werden?«
»Unsinn,« sagte der Staatsanwalt mürrisch, »altes Weibergeschwätz in der Stadt. So schnell geht die Sache nicht, und wenn er den alten Mann wirklich überfallen hätte, was ich aber nicht einmal glaube. Nein,« setzte er hinzu, als ihn die Frau zweifelnd anstarrte, »machen Sie sich deshalb keine Sorgen; Sie haben deren schon außerdem genug. Er sitzt allerdings noch im Gefängniß, und möglich, daß er auch noch ein paar Wochen dort bleiben muß, denn die Herren Richter haben darüber ihre eigenen Ansichten, aber weiter wird ihm nichts geschehen – verlassen Sie sich auf mich.«
»Aber die Volkert hat mir doch gesagt,« stammelte die Unglückliche ganz verstört – denn jetzt erst kam ihr der Gedanke, daß vielleicht das ganze Geständniß unnöthig gewesen wäre – »daß er bekannt hätte und am Freitag hingerichtet werden solle.«
Der Staatsanwalt mochte vielleicht ahnen, was in ihrer Seele vorging, und es lag ihm selber daran, das Gefühl jetzt nicht in ihr aufkommen zu lassen. »Ich weiß nicht, woher die Frau Volkert ihre Nachrichten schöpft,« sagte er deshalb, »kenne die Dame auch nicht und glaube nicht, daß der junge Mann sich zu dem Verbrechen bekannt hat. Wäre es aber auch wirklich der Fall, so beruhigen Sie sich vollständig, über eine so rasche Ausführung der Strafe. Das geschieht nicht und kann nach unseren Gesetzen gar nicht geschehen, da selbst einem jeden Verbrecher, und sei er der schwerste, der Weg zur Gnade des Königs noch immer offen steht. In diesem Fall aber und im Besitz des Geheimnisses, das Sie mir eben mitgetheilt, würde ich selber die nöthigen Schritte thun, um eine über ihn verhängte Strafe hinauszuschieben, und deshalb brauchen Sie sich keine Sorge zu machen – Ihr Fritz soll nicht sterben.«
Die Frau faltete die Hände. »Dann mag nachher mit mir geschehen, was da will,« sagte sie leise. »Und wenn ich das Furchtbare nun erst noch meinem braven Mann gestanden und seine Verzeihung erfleht habe, dann glaube ich auch, daß mir der liebe Gott die Sünde vergeben wird. Die Menschen mögen mich dann strafen – ich habe es verdient und will es gern ertragen.«
»Ihrem Mann wollen Sie es gestehen?« sagte der Staatsanwalt. »Hm – ja....«
»Und muß ich denn nicht?« fragte die Frau erstaunt. »O, wenn ich es vor langen, langen Jahren gethan hätte, es wäre vieles Elend abgewandt!«
»Die Sache ist nur die,« meinte Witte verlegen, »daß wir damit eigentlich nicht unter die Leute treten dürfen, bis wir nähere Beweise dafür bringen können. Haben Sie kein Zeichen, an dem Sie Ihr eigenes Kind fest bestimmen könnten, kein Maal oder sonst etwas?«
Die Frau schüttelte mit dem Kopf. »Nein,« sagte sie, »kein anderes Zeichen als das Herz der Mutter. Er kennt mich ja auch selber nicht,« setzte sie traurig hinzu; »wie oft habe ich mich ihm in den Weg gestellt, um ihm in die guten, treuen Augen – ganz wie sie sein Vater hat – zu schauen! Er kannte mich nicht einmal, sah mich kaum, dankte nur manchmal vornehm oder auch gar nicht und ging vorüber, und mir hätte das Herz dann in der Brust zerspringen mögen, daß ich's mit beiden Händen halten mußte.«
»Arme Frau....«
»Jawohl, arme Frau – o, was ich geduldet und getragen habe die ewig lange Zeit, und immer allein, immer allein, mit keiner Seele, der ich mich vertrauen durfte – ich könnt's nicht sagen. Jetzt zum ersten Mal fühl' ich mich leichter, jetzt zum ersten Mal ist mir, als ob ich wieder Frieden finden könnte. Aber mein armer Bruno,« setzte sie seufzend hinzu, »wie wird er es tragen? Muß er nicht seiner eigenen Mutter fluchen, daß sie ihm allen Glanz der Erde zeigte, nur um ihn dann wieder herauszureißen und zu einem der Niedrigsten zu machen?«
»Das ist wirklich eine verzweifelte Geschichte,« murmelte der Staatsanwalt, dem indessen eine ganze Menge von Dingen durch den Kopf fuhren. Nicht allein Herr Bruno von Wendelsheim würde nämlich erstaunt über den Wechsel der Verhältnisse sein, sondern auch seine eigene Frau. Aber was half ihm das Alles? Beweise brauchte er, weiter nichts als Beweise; denn daß das Zeugniß einer einzigen alten Frau nicht ausreichen würde, um besonders in einer so wichtigen und bedeutenden Erbschaftssache die ganze Erbfolge umzustoßen, konnte er sich nicht verhehlen. War es ja doch, wie das Gericht einwenden würde, ihr eigener Sohn, dem sie durch ein solches Geständniß das riesige Erbe zuwenden wollte, und daß man das nicht so ruhig hinnahm, ließ sich denken. Und was der Major dazu sagen würde? Recht hatte er freilich gehabt, daß damals nicht Alles redlich zugegangen, wenn es bei ihm auch blos Verdacht, nie Gewißheit gewesen; aber ihm half es trotzdem nichts, wie die Sachen standen. Und seine eigene Frau? Er kratzte sich mit der rechten Hand hinten am Kopf und lief noch immer mit schnellen Schritten im Zimmer auf und ab. Außerdem konnte er der Frau nicht verdenken, jetzt, da sie ihm das schwere Geheimniß eröffnet, auch ihr Herz gegen ihren Mann auszuschütten, und daß sie da einen harten Stand bekam, ließ sich denken. Aber ihm setzte sie damit ebenfalls das Messer an die Kehle, denn wenn jetzt etwas in der Sache geschehen sollte, mußte es rasch geschehen; er wußte nur nicht, wie.
Mitten im Herumlaufen fiel ihm sein Justizrath ein. »Hilf Himmel, wie rasch die halbe Stunde vorüber war!« Er mußte jetzt fort, denn es betraf einen wichtigen Fall, der nothwendig eine vorherige Besprechung erforderte, und die Zeit war jetzt schon beinahe abgelaufen.
»Liebe Frau Baumann,« sagte er deshalb, »ich muß fort, ich kann nicht länger ausbleiben. Gehen Sie indessen nach Hause und überlegen Sie sich die Sache noch einmal ordentlich unterwegs. Treibt Sie Ihr Herz, mit Ihrem Mann offen darüber zu sprechen – ich kann's Ihnen nicht verdenken –, so thun Sie es, aber bitten Sie ihn, mit keinem Menschen weiter darüber zu reden, bis ich ihn selber gesehen habe. Ich komme dann, wenn die Sitzung vorüber ist, bei Ihnen vor. Wollen Sie mir das versprechen?«
»Ja, Herr Staatsanwalt,« sagte die Frau leise, »denn ich glaube, daß Sie es gut mit uns meinen.«
»Sie können sich darauf verlassen, liebe Frau.«
»Und der Fritz? – Es geschieht ihm gewiß nichts Böses, wenn wir nicht gleich erzählen, daß er vornehmer Leute Kind ist?«
»Es geschieht ihm nichts, die Versicherung kann ich Ihnen geben. Ich werde dafür sorgen, daß er in keine Gefahr kommt, und wenn irgend eine Aenderung in der Untersuchung eintreten sollte, so komme ich augenblicklich zu Ihnen oder schicke nach Ihnen und lasse es Sie wissen.«
»Ich danke Ihnen, Herr Staatsanwalt, ich danke Ihnen recht von Herzen – auch für die freundlichen Worte, die Sie zu mir gesprochen. Ich hatte schon geglaubt und gefürchtet, alle Menschen, die mein Vergehen erführen, müßten mich von jetzt an nur hassen und verabscheuen, und ich trage doch wahrlich nicht die Schuld – o, ich allein hätte es nie, nie gethan!«
»Seien Sie ohne Sorge, Frau Baumann,« sagte der alte Herr, der aber jetzt etwas ungeduldig wurde. »Ich habe Sie nun kennen gelernt, und ich glaube, ich durchschaue das Ganze. Wir wollen sehen, wie sich Alles zum Besten wenden läßt, und in spätestens zwei oder drei Stunden bin ich bei Ihnen.«
Damit ging er nach der Thür zu und nahm drin in seinem Zimmer Hut und Stock. Frau Baumann folgte ihm auch, und mit gesenktem Haupte schritt sie zwischen den Schreibern hin, die sich indeß die Köpfe zerbrochen hatten, was die Frau so Wichtiges mit ihrem Chef zu sprechen hatte, daß er einen besondern Boten auf das Amt hinaufschickte, um eine Verhandlung aufzuschieben, und sie jetzt beinahe sogar versäumte. Aber sie erfuhren nichts. Der Staatsanwalt lief, ohne selbst seiner Frau Adieu zu sagen, die Treppe hinunter, um noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein, und langsam – o, wie waren ihr die Füße so schwer geworden, als sie diesmal ihrer Heimath entgegenschritt – folgte ihm die Frau.