»Was soll der Unsinn?« sagte der Freiherr finster. »Eure Person habe ich doch wohl nicht vergessen; ich denke, Ihr sorgtet schon dafür, daß das nicht geschah. Was wollt Ihr jetzt?«
»So, der Herr Baron erinnern sich also noch?« lächelte die Frau. »Nun, dann kann ich kurz zur Sache kommen, und wir brauchen keine Umschweife weiter zu machen. Sie wissen, Herr Baron – aber Sie erlauben vielleicht, daß ich mich ein bischen auf den Stuhl da setzen darf, der Weg ist weit hier heraus, und die alten Knochen wollen doch nicht mehr so recht mit fort – Sie wissen also, Herr Baron, daß jetzt die Zeit bald umgelaufen ist, wo Sie die große Erbschaft antreten – lieber Gott, Unsereins kann sich so viel Geld fast nicht einmal denken –, und wenn Sie das erst einmal haben, dann wird wohl das Gedächtniß für die arme Heßbergern ganz weg und verloren sein, und da wollte ich mir nur noch einmal vorher erlauben, ganz gehorsamst nachzufragen, ob Sie uns nicht mit einer Kleinigkeit auf die Füße helfen können. Der Verdienst ist jetzt bei den harten Zeiten so schlecht, und, Du lieber Himmel, man thut ja wohl, was man kann, und ist immer bei der Hand, aber der Neid der Menschen macht Alles wieder zu nichte. Die Herren Aerzte, wenn sie auch viele Krankheiten gar nicht curiren können, gönnen es doch einer armen Frau nicht, daß sie mit Kräutern, die sie sich mühsam im Walde sucht, und mit frommem Gebet die Bresten der Menschen lindert. Nichts als Verfolgung und Anfeindung habe ich zu leiden gehabt die langen Jahre, und seit der Zeit sogar, wo einmal das Kind der Frau Baronin Zühfel starb – du lieber Himmel, es war ein Wechselbalg und konnte nicht leben –, da haben sie mir gar das Metier verboten, und ich muß nun sehen, wie ich mich so ärmlich durchschlage durch die Welt.«
»Und was habe ich damit zu thun?« sagte der alte Freiherr finster.
»Nichts, Herr Baron, gar nichts,« erwiederte die Frau seufzend; »es ist nur unser alltägliches Elend, das wir durch's Leben schleppen müssen. Gott behüte, daß Sie damit zu thun bekämen! Wessen aber das Herz voll ist, Sie wissen ja wohl, davon geht der Mund über. Es thut mir auch leid, Ihre werthvolle Zeit damit so lange in Anspruch genommen zu haben, aber – es ging eben nicht anders. Dazu sind wir Menschen ja auch da auf der Welt, daß wir einander helfen und beistehen sollen, und ich habe das Meinige redlich gethan, Herr Baron, das Zeugniß müssen Sie mir geben – wie?«
»Ich habe Euch noch nicht das Gegentheil zum Vorwurf gemacht,« sagte der Freiherr finster; »aber....«
»Das ist hübsch von Ihnen,« nickte die Frau, und wieder zuckte das spöttische Lächeln um ihre dünnen Lippen, »und ich werde es Ihnen gedenken, so lange ich lebe; aber – schöne Worte verfliegen im Winde, wie die Spreu, denn nur das Korn fällt auf den Boden und wiegt. Bis jetzt kann Ihnen kein Mensch die Erbschaft streitig machen, Herr Baron – kein Mensch auf der ganzen Welt, und wird es auch nicht, denn eher bisse ich mir die Zunge ab, ehe Ein Wort von der Geschichte über meine Lippen käme; aber leben wollen wir Alle, und selbst der arme Bauer läßt die Kinder, wenn er sein Korn einfährt und den Segen in die Scheune führt, ein paar einzelne Aehren lesen. Sie werden wahrhaftig nicht weniger thun, Herr Baron.«
»Aber die Aehrenleser dürfen erst auf das Feld kommen, wenn das Korn eingefahren ist,« sagte der Freiherr, der schon lange verstand, auf was die Frau abzielte; »das meinige steht noch draußen.«
»Aber fertig geschnitten, beim schönsten Wetter, und die Wagen zum Einfahren bereit,« nickte die Frau, nicht so leicht abgewiesen; »ich kann auch nicht länger warten. Uebermorgen ist der Erste, und wir müssen Hauszins bezahlen; die Rechnungen sind uns außerdem über den Kopf gewachsen, denn mein Mann war lange krank und konnte das Salz nicht zu seinem Brot verdienen.«
»Macht es kurz – was wollt Ihr?« unterbrach der Baron sie ärgerlich. »Ich sehe, das Ganze läuft nur auf eine Gelderpressung hinaus. Ich sage Euch auch, Frau, heute will ich Euch noch einmal zu Willen sein; aber meine Geduld ist jetzt zu Ende – das kann so nicht fortgehen, und kommt Ihr mir dann noch einmal auf den Hof, so....«
»So? Der Herr Baron haben noch nicht ausgesprochen.« Und ihre blauen Augen hafteten in lauerndem Trotze auf ihm. Er begegnete aber dem Blicke nicht.
»Macht es kurz – wie viel braucht Ihr? Aber ich schwöre es Euch zu, es ist das letzte Mal! Nachher thut Euer Schlimmstes. Was Ihr selber dabei riskirt, wißt Ihr besser, als ich es Euch sagen könnte.«
»Es ist nicht nöthig, viel darüber zu reden,« lächelte die Alte. »Wir sind Beide nicht von gestern, Herr Baron, und wissen genau, wie weit wir gehen können; nur das ausgenommen, daß der eine Theil nichts oder doch beinahe nichts dabei zu verlieren hat und der andere eben Alles.«
»Das ist nicht wahr,« fuhr der Baron auf; »Gott ist mein Zeuge, wie ich bereue, jemals Euren Worten, Eurem Rathe gefolgt zu sein, und zehn-, ja tausendfach trage ich jetzt an der Last, die ich mir damals ganz unnützer, unnöthiger Weise aufgeladen!«
»Unnöthiger Weise, Herr Baron? Sie vergessen die Clausel.«
»Und habe ich nicht einen rechtmäßigen Erben für mein Haus – für meinen Namen?«
»Sie meinen den Baron Benno, nicht wahr? Armer Vater, sehen Sie denn nicht, daß das Kind nur ein wurmstichiger Apfel ist? Und sechs Jahre müßte er noch leben, um der Frist zu genügen.«
»Ich hoffe, daß er noch sechzig leben soll!« rief der alte Mann; »denn die Gefahr der Krankheit ist beseitigt. Heute noch war er kräftiger und gesunder als je. Seine Wangen bekommen wieder Farbe, sein Geist ist frischer, sein Körper kräftiger geworden, und wenn....«
Der alte Freiherr horchte auf, denn über den Gang kam ein hastiger Schritt; kaum fünf Secunden später wurde die Thür aufgerissen, und der alte Christoph stürzte mit einem ganz verstörten Gesicht herein.
»Was giebt's? Was hast Du?« rief ihn der Baron erschreckt an.
»Ach, gnädiger Herr Baron,« stammelte der Alte, und schon sein Gesicht kündete ein Unglück – »Sie – Sie möchten doch einmal schnell in den Garten kommen; der junge Herr Baron....«
»Benno?« schrie der Freiherr in Todesangst.
»Der junge Baron Benno hat plötzlich einen Blutsturz bekommen, und Fräulein Kathinka ist allein mit ihm.«
»Armes junges Blut!« sagte die Frau, während der alte Herr fast starr vor Entsetzen auf einem Stuhl zusammenknickte und einen Moment das Antlitz in den Händen barg. Aber es war auch nur ein Moment. Im nächsten schon fuhr er wieder empor und griff mit wild verstörtem Blick nach seinem Hut.
»Ist schon Jemand fort nach einem Arzte?«
»Der Karl sattelt eben das eine Wagenpferd; der Schimmel lahmte heute Morgen ein wenig.«
»Mein ältester Sohn ist mit seinem Fuchse hier; er soll augenblicklich selber in die Stadt jagen und einen Arzt heraussenden.«
Der Diener eilte fort, und der Baron wollte ihm nach, als sein Blick die noch dort stehende Frau traf.
»Aber jetzt – jetzt kann ich nicht!« rief er von Angst gepeinigt aus.
»Nein, Herr Baron,« sagte die Frau, mit dem Kopf schüttelnd, »jetzt gewiß nicht; ich komme wieder – morgen oder übermorgen oder in acht Tagen vielleicht – wenn die »sechzig Jahre« vorüber sind,« setzte sie leise murmelnd hinzu und verließ das Gemach und gleich darauf auch das Schloß.
Der Diener hatte übrigens den Unfall, der den armen jungen Mann getroffen, nicht übertrieben. Als der Vater mit zitternden Gliedern, aber festen Schrittes den Park durcheilte, fand er den Sohn auf dem Rasen liegend, den Kopf an Kathinka's Kniee gelehnt, deren lichtes Kleid von seinem Blute geröthet war. Er sah dabei todtenblaß aus, und die Augen hafteten mit einem ganz eigenthümlichen Glanz auf dem Nahenden.
»Benno, mein armer Benno, was ist geschehen?« rief der Baron, neben ihm niederknieend und seine Hand ergreifend. »Du bist gewiß zu rasch mit ihm gegangen, Kathinka, ich habe es Dir so oft verboten.«
Der Kranke schüttelte leise mit dem Kopf und hob mühsam die eine Hand; dann sagte er leise: »Nein, Kathinka ist nicht Schuld daran; es kam so plötzlich – ich – fühlte mich so wohl und leicht – wie lange nicht mehr. Ich war so glücklich – es ist so schön, gesund sein – und ich bin immer krank gewesen. Arme Kathinka, und wie Dein hübsches Kleid aussieht – aber ich konnte nicht dafür.«
»Mein lieber, guter Benno,« sagte das junge Mädchen bittend, »das hat ja gar nichts zu sagen; sorge Dich nur darum nicht, das wäscht sich ja Alles wieder aus.«
Der Vater hatte mit angsterfüllten Blicken den Sohn betrachtet, und die Worte schnitten ihm in's Herz. Nur erst, als Benno einen Versuch machen wollte aufzustehen, wehrte er ihm.
»Bleib' noch einen Augenblick, mein Kind,« sagte er mit herzlicher Stimme; »die Leute werden gleich mit einem Stuhle hier sein, um Dich hinaufzutragen – ich bin ihnen nur vorausgeeilt. Du darfst Dich jetzt nicht anstrengen, oder es könnte sich wiederholen.«
»Aber Kathinka wird müde mich zu halten, Papa.«
»Nein, gewiß nicht, gewiß nicht – ich könnte noch eine Stunde so knieen,« rief diese; »und dorthinten sehe ich auch schon die Leute kommen. Du darfst Dich nicht anstrengen.«
»Nun werde ich wieder diese Woche nicht mit meiner Maschine fertig,« seufzte der Knabe – »ich soll auch gar keine Freude haben! Aber da kommt auch Bruno – den habe ich recht lange nicht gesehen.«
»Und weshalb bist Du nicht fort nach dem Arzt?« rief diesem der Vater entgegen. »Was thust Du noch hier?«
»Was ich hier thue, Vater?« rief Bruno erstaunt. »Soll ich nicht selbst nachsehen dürfen, wie es dem Bruder geht?«
»Guten Tag, Bruno!« sagte der Knabe, ihm matt die Hand entgegenstreckend; »ich bin wieder einmal krank geworden.«
»Mein armer Benno – wie blaß Du aussiehst! Soll ich Dich hinauf in Dein Zimmer tragen?«
»Du wirst mir weh thun.«
»Ah, dort kommen sie ja schon mit einem Sessel,« rief Bruno; »so, das ist recht, Kathinka, laß ihn den Kopf ein wenig anlehnen. Habe nur einen Augenblick Geduld, Benno, Du sollst gleich zur Ruhe und auf Dein Bett kommen.«
Der Knabe nickte ihm freundlich zu, und Bruno sprang jetzt selber fort, um den gebrachten Stuhl so herzurichten, daß sie den Kranken gut darauf transportiren konnten. Da hinein setzten sie ihn dann, und während die Dienerschaft herbeigerufen war, um ihn langsam und vorsichtig in's Schloß zu tragen, ging Kathinka an der einen, Bruno an der andern Seite und unterstützten ihn.
Indessen war auch Bruno's Fuchs gesattelt worden, und wie er den Bruder nur erst einmal gut untergebracht wußte, eilte er hinab, sprang, ohne weder von Vater oder Tante Abschied zu nehmen, in den Sattel und ritt, seinem feurigen Thier die Sporen eindrückend, in einem scharfen Trab aus dem Schloßhof hinaus und durch das Dorf.
Am letzten Hause des Dorfes stand eine Frau, die dem Reiter, als er vorüber brauste, freundlich und fast vertraulich zunickte. Bruno kannte sie auch, es war die alte Heßberger, die er sonst wohl oft in seines Vaters Hause gesehen; er bemerkte auch vielleicht, daß sie ihn grüßte, sah wenigstens die Bewegung, hatte aber den Kopf so voll der verschiedensten Dinge, daß er gar nicht daran dachte, ihr auch nur zu danken, sondern gleich darauf, ohne ihr nur den Kopf noch einmal zuzuwenden, die breite Fahrstraße verließ und rechts ab in einen Fußweg einbog, der nicht allein die Strecke bis zur Stadt etwas verkürzte, sondern auch zwischen den Getreidefeldern einen weichen und elastischen Rasenboden für sein Thier gewährte.
Die Heßberger sah ihm mit demselben lachenden Gesicht, mit dem sie ihn vorhin gegrüßt, nach, selbst wie er schon weit von ihr entfernt durch die Kornfelder dahintrabte, bis er endlich eine kleine Erhöhung überritt und dann dahinter verschwand; und nun erst nickte sie still vor sich hin mit dem Kopf und murmelte dabei:
»Merkwürdig, merkwürdig – und man lernt doch nie im Leben aus. Sonst denkt man doch immer, es stäke im Blute und wär' angeboren – aber es läßt sich auch anerziehen, wenn es nur recht begonnen und durchgeführt wird. Ja, ja, Puppe, reite Du nur da so stolz auf Deinem hübschen Gaul, als ob Du ein König oder Kaiser wärest, und gucke die alte Frau nicht an, die den Staub von Deines Rosses Hufen schluckt. Und wenn die alte Frau wollte – doch sie will eben nicht und läßt Dich so lustig hinreiten, als ob Du wirklich alles das wärest, was Du Dir denkst. Nun, vielleicht kommt doch einmal die Zeit, wo sie Dir in den Weg tritt – und wie höflich Du dann werden wirst, mein Bürschchen, wie erstaunlich höflich!«
Bruno von Wendelsheim trabte indessen, ohne auf die Alte auch nur einen Gedanken zu wenden, scharf den Rasenpfad entlang, und das Herz war ihm so voll und schwer, der Kopf that ihm so weh vom vielen Grübeln.
Benno, sein armer Bruder, er war viel kränker, als er es je für möglich gehalten – und wer blieb ihm von all' seinen Verwandten, wenn der Knabe starb? Sein Vater? Er hatte wohl rauhe und heftige Reden oder Ermahnungen, nie aber ein Wort der Liebe von seinen Lippen gehört. Seine Tante? Er biß die Zähne fest auf einander, wenn er nur an das letzte Begegnen mit ihr dachte, wo sie ihn ordentlich mit Hohn abgewiesen. Hatte sie Liebe zu ihm? Wahrlich nicht! Und vor sich hin schüttelte er still den Kopf, wenn er daran dachte, wie groß der Haß gegen ihn sein müsse, daß sie sich nicht einmal aus Klugheit freundlicher gegen ihn benahm.
Seinem Fuchs hatte er dabei die Zügel gelassen; er mußte bald in der Stadt sein, einestheils seiner eigenen Angelegenheit wegen, anderntheils aber auch, um den Arzt so rasch als nur irgend möglich nach Wendelsheim hinauszusenden. Wie er so auf dem schmalen Weg dahin trabte – und der Fuchs war eigentlich halb mit ihm durchgegangen, denn der Reiter bekümmerte sich gar nicht mehr um seine Führung –, machte der Weg, gerade an einer niedern Stelle, wo das Korn außerordentlich hoch stand, eine scharfe Biegung, und als Bruno dahinflog, sah er plötzlich einen Fußgänger vor sich, der auf dem weichen Rasen das nahende Pferd gar nicht gehört hatte und jetzt kaum noch Zeit genug behielt, um zur Seite zu springen. So dicht an ihm vorbei aber schoß der Fuchs, daß Bruno den Fremden, in dem er jetzt den jungen Baumann erkannte, noch mit dem Knie streifte. Er versuchte auch sein Pferd einzuzügeln, um sich zu entschuldigen; aber es war nicht möglich. Der Fuchs hatte das Gebiß zwischen die Zähne genommen und setzte in eine ordentliche Carrière ein, daß Kies und Rasenstücke hinter ihm emporstiebten. Bruno mußte ihn eben laufen lassen, und wenige Minuten später erreichte er schon die Thore der Stadt, wo er das wilde Roß erst wieder in seine Gewalt bekam.
In der Lindenstraße, aber ziemlich weit draußen, so daß der Garten mit seiner Rückseite schon an die dort beginnenden Felder stieß, lag das Grundstück des alten Majors a. D. von Halsen, der da mit einer alten Verwandten, die ihm das Hauswesen führte, einem Gärtner, einer Köchin und einem alten Stubenmädchen wirthschaftete.
Das Haus selber war groß und massiv gebaut und in den oberen Räumen wirklich herrschaftlich eingerichtet, der Garten parkähnlich, mit einem großen Treibhause und dem kostbarsten Obst darin, und der Besitzer galt für reich, aber für einen Sonderling, der sich hier von der Welt vollkommen abzuschließen schien. Er hatte es allerdings sehr gern, wenn ihn Jemand besuchte und eine Stunde mit ihm verplauderte, denn die Langeweile quälte ihn oft fürchterlich; er selber aber machte nie einen Besuch, außer in letzter Zeit häufig bei dem Staatsanwalt Witte, mit dem er besonders viel und heimlich zu verkehren hatte.
Uebrigens fanden sich nur Wenige, die dann und wann das »Lazareth,« welchen Namen das Haus schon in der ganzen Stadt erhalten, betraten, denn es bot sehr wenig Anziehendes, und der Major selber, ohne die geringste gesellschaftliche Tugend, war ein so unliebenswürdiger Gesell, daß man ihm immer lieber aus dem Wege ging, als ihn in seiner Höhle aufsuchte. Es sah auch noch dazu selbst ungemüthlich bei ihm aus.
Schon der Garten war wie ein Nonnenkloster mit einer zehn Fuß hohen und sehr dicken Mauer, in die nicht einmal eine Gitterthür einen Einblick gestattete, umschlossen. Ebenso wurden alle nach der Straße führenden Fenster, wenn nicht das Logis einmal gereinigt werden mußte, fest verhangen gehalten, und das Wohnzimmer des Majors selber, wo er auch seine sämmtlichen Besuche empfing, glich eher der Wohnung eines Tagelöhners oder ärmeren Bürgers, als der eines reichen Mannes aus den höheren Ständen.
Die obere Etage war, wie schon erwähnt, sehr elegant eingerichtet, aber nur wenige Menschen hatten sie einmal zufällig zu sehen bekommen und sie wohl kaum je betreten. Das untere Zimmer dagegen, das, mit der Küche dicht daneben, nach dem Garten zu hinausführte, zeigte nicht die geringste Bequemlichkeit, einen alten, mit abgeschabtem Leder überzogenen Lehnstuhl ausgenommen, noch viel weniger Eleganz. Die Wände waren nicht einmal tapeziert, sondern nur gemalt, die Dielen weiß, mit Sand bestreut. Ein großer Tisch aus Tannenholz stand in der Mitte, und zwei hölzerne, zwei Rohrstühle und ein vereinzelter aus Kirschbaumholz zierten die Ecken. Auch das Buffet war nichts weiter als ein lackirter Holzschrank, und das Sopha unter dem kleinen, schwarz umrahmten Spiegel so furchtbar hart und zusammengesessen, daß man sich erst dann ausruhte, wenn man wieder davon aufstand.
Als Verzierung befanden sich allerdings drei Lithographien in schwarzen Rahmen im Zimmer, aber sie paßten zu den Bewohnern. Die eine stellte ein Schlachtfeld mit schrecklich Verstümmelten und Todten vor, die andere das Martern und Verbrennen verschiedener Ketzer im Mittelalter, und die dritte jenes bekannte Pferd, an welchem alle nur erdenklichen Pferdekrankheiten mit Nummern angedeutet und darunter auch die Namen genannt werden.
Nicht einmal Gardinen zeigten die Fenster, ein paar zerwaschene Lappen ausgenommen, die oben darüber angebracht waren und weit eher so aussahen, als ob sie dort zum Trocknen aufgehangen wären. Ueberhaupt das ganze Zimmer machte den Eindruck der Dürftigkeit, und doch schien sich der alte Major wunderlicher Weise nur gerade hier wohl und zufrieden zu fühlen, wenn er das überhaupt je gethan hätte. Er gehörte aber leider zu jenen Menschen, die eigentlich die größte und jede Ursache gehabt hätten, gegen Gott dankbar zu sein, aber sich dabei allein für schlecht und nichtswürdig behandelt hielten, und nun schon darüber, weil sie keine gegründete Ursache zur Klage auffinden konnten, ärgerlich und verdrießlich durch das Leben stöhnten.
Eine Verwandte von ihm, die verwittwete Frau von Bleßheim, lebte mit in dem nämlichen Hause, und ein besser zusammenpassendes Paar hätte es auf der Welt nicht geben können. Das mußte sie auch allein bewogen haben, dieses »Lazareth« zu ihrem Aufenthaltsort zu wählen, wo sie »angeblich« dem Major die Wirthschaft führte, in Wirklichkeit aber nur mit ihm stöhnte und ächzte.
Sie war allerdings schon ziemlich hoch in den Jahren und von kränklichem Körper, und würde mit dem Vermögen, das sie besaß, recht gut und bequem haben leben können, aber sie mochte nicht allein sein. Sie fühlte das dringende Bedürfniß, nicht allein bedauert zu werden, sondern auch Jemanden zu haben, den sie bedauern konnte, dem es wenigstens nicht besser ging, als ihr selber. Das Lamentiren gehörte mit zu ihrem Leben, ja bildete fast ihre einzige Unterhaltung, und da sie gefunden, daß sie gesunden Leuten damit endlich lästig fiel und unerträglich wurde, so war der alte Major ihre letzte Zufluchtsstätte geworden. Dort konnte sie in ihrer Leidenschaft grünen und blühen, und fand sogar in der Dienerschaft Mitleidende.
Der Major saß auf seinem gewöhnlichen Platz, dem alten Lehn- oder Sorgenstuhl, hielt das Morgenblatt, seine einzige Lectüre, in der Hand und stöhnte. Ihm gegenüber, an einem in die Ecke geklebten dreieckigen Schranke, stand Frau von Bleßheim und nahm einiges Geschirr heraus.
»Ach Du mein großer Gott,« seufzte sie dabei vor sich hin, »o Du mein lieber Himmel!«
»Ah–h!« stöhnte der Major aus seiner Ecke. »Aber was hast Du nur heute, Rosamunde? Was fehlt Dir denn?«
»Mir? Ach du großer Gott, und das fragst Du auch noch?« lautete die Antwort. »Alle Glieder sind mir wie zerschlagen, und mein Herz klopft mir so furchtbar, daß ich es ordentlich an den Rippen fühle!«
»Ach, was Du auch immer hast,« ächzte der Major, »ewig winseln und lamentiren! Was soll ich denn da sagen, wie mir zu Muthe ist?«
»Ich wollte nur, ich wäre so gesund wie Du!« seufzte die gnädige Frau.
»O du meine Güte, versündige Dich nicht!« rief der Major und ließ vor Erstaunen über den entsetzlichen Wunsch die Zeitung sinken. »Sitz' ich denn hier nicht in dem verdammten alten Stuhl mit allen Fehlern und Leiden behaftet, wie das Pferd da drüben an der Wand, und es fehlte weiter nichts, als daß ich numerirt würde über den ganzen Leib, um sie nachher auch auf einer Tabelle neben einander zu haben! Du so gesund wie ich, wünschest Du Dir – es ist rein zum Todtschießen, wenn man nur so etwas mit anhören muß!«
Die alte Dame schwieg und stöhnte nur leise weiter, als die Köchin, mit einem dicken, weißen Tuch um die Backen – denn sie hatte ewig Zahnschmerzen – in's Zimmer trat, um die Schüsseln herauszuholen. Diese faßte sie unter den linken Arm, mit der Rechten hielt sie sich die Backe.
»Ist der Christian noch nicht wieder da, Liese?« fragte der Major, ohne von ihren Schmerzen weitere Notiz zu nehmen. »Der bleibt auch wieder eine Ewigkeit! Kein Mensch kommt hieher, um Einen im Elend zu besuchen; nur amüsiren wollen sich die Leute, tanzen und vergnügt sein, ja wohl, aber an einen armen Mitmenschen denken sie eben so wenig, wie an ihr einstiges Seelenheil!«
»Der Christian kann auch selber nicht fort,« sagte die Liese mürrisch. »Der Rheumatismus ist ihm die Nacht wieder in's Kreuz geschlagen, und er geht ja so krumm wie eine Tischbürste.«
»Ach, der hat auch immer was!« stöhnte der Major.
»Ja wohl,« sagte die Liese; »es soll auch schon gar Niemand weiter krank sein, wie Sie ganz allein. Wenn ich nur den Jammer hier im Hause nicht mehr mit ansehen müßte!«
»Na, meinethalben kann Sie gehen,« fuhr da der Major auf, »ich halte Sie nicht, wenn Sie's hier gar so schlecht hat! Ich will Niemanden zwingen, bei einem armen und kranken Manne zu bleiben; ich kann mich auch allein in eine Ecke auf's Stroh legen und verrecken, wen kümmert's – keinem Teufel würde ein Auge drum naß werden! Ach Du lieber Gott, ist das ein Elend auf der Welt!«
Die Köchin, der schon seit zwanzig Jahren alle Tage wenigstens zweimal der Dienst gekündigt wurde, verließ brummend das Zimmer, und die beiden Verwandten waren wieder eine Zeit lang allein, bis die Thür endlich aufging und der lang erwartete Christian hereintrat.
Christian paßte vollkommen in die Gesellschaft. Er lahmte vollständig, trug dabei einen dicken, wollenen und sehr bunt gestopften Strumpf um den Hals und hielt den Oberkörper ganz gebückt oder vielmehr krumm und nach der rechten Seite hinübergezogen.
»Na, Christian,« sagte der Major, indem er den Kopf nach ihm hindrehte, »wie seht Ihr wieder aus – wie ein wahres Jammerbild! Geht nachher nur hinaus und stellt Euch in die Erbsen, denn weiter werdet Ihr doch wohl keine Arbeit thun können!«
»Ja, Sie spotten noch,« sagte Christian; »wenn Sie das Kreuz hätten...«
»Und ich tausche augenblicklich!« rief der Major, schon von dem Gedanken entrüstet, daß Jemand ein schlimmeres Kreuz haben sollte, als er selber. »Wenn Euch aber nur ein Finger weh thut, dann möchtet Ihr Euch gleich in Baumwolle einwickeln! War der Staatsanwalt zu Hause, und kommt er? Ich kann ja nicht ausgehen!«
»Ja, er käme gleich,« knurrte der Mann, »und ich glaubte, er wäre schon da; er ging mit mir zur Thür hinaus, und ich bin nur den Weg hieher gekrochen, ich konnte nicht mehr fort – da ist er auch schon.«
Draußen ging in der That die Saalthür auf, und es pochte gleich darauf an; aber es war nicht der Erwartete, sondern ein alter Freund des Majors, der »Rath Frühbach,« wie er in der Stadt genannt wurde, der mit einem sonoren: »Nun, mein lieber Herr Major, wie geht's heute Morgen?« den Hut schon von draußen in der Hand, in das Eß-, Wohn- und Empfangszimmer eintrat.
Rath Frühbach war einer von den Menschen, die der liebe Gott nur auf die Erde gesetzt hat, um sich hier zu amüsiren, aber etwa in der Art, wie eine Stechfliege, die sich von dem Blute ihrer Mitgeschöpfe nährt und dabei äußerst wohl befindet. Allerdings war er nicht blutgieriger Art, wenn er auch daheim über seinem Schreibtische einen Cavallerie-Säbel und eine Doppelflinte hangen hatte; aber er benutzte die beiden letzteren so wenig wie den ersteren, und seine einzige sichtbare Beschäftigung auf der Welt war: seinen linken Arm auf den Rücken spazieren zu tragen und Geschichten oder vielmehr Anekdoten ohne Pointe zu erzählen. Von denen stak er aber bis zum Rande voll, und man brauchte ihn nur anzutupfen, so entlud sich schon das Eine oder Andere über den nächsten, besten Unglücklichen, ja, sie kamen sogar ohne Antupfen, er schwitzte sie ordentlich aus, und konnte in dieser Eigenschaft, besonders beschäftigten Leuten, furchtbar werden. Dazu kam, daß er sehr laut, aber sehr langsam sprach – er hatte immer Zeit –, und wo er einmal ein Opfer fand, konnte man sich auch darauf verlassen, daß er es festhielt und zu würdigen verstand. Leicht war er nie im Leben abzuschütteln. »Herr Rath« wurde er ebenfalls in der ganzen Stadt genannt, und seine Frau im natürlichen Weltlauf »Frau Räthin,« was sie den Dienstboten gleich beim Anzuge selber sagte. Was für ein Rath er aber sei, konnte Niemand erfahren oder herausbekommen, und da der Mann das Interesse auch wirklich nicht besonders in Anspruch nahm, so bemühte sich Niemand deshalb. »Herr Rath« war außerdem kürzer als »Herr Frühbach.«
Wie er nach Alburg kam, hatte er den Major, den er von Schwerin aus kannte, wohl dann und wann gesprochen, aber selten aufgesucht. Dessen Haus bot zu wenig Genüsse, und er war in der Stadt noch nicht bekannt, also auch nicht gefürchtet. Wie er sich aber erst einmal entwickelte, einzelne Spaziergänger überfiel und sich an sie hing, ja, Leuten, die ihm vertrauensvoll genaht, sogar auf's Zimmer rückte und ihnen so lange Geschichten erzählte, bis sie verzweiflungsvoll in Rock und Stiefeln fuhren und einen wichtigen Ausgang vorschützten, da fing es ihm an schwerer zu werden, Opfer für seine Anekdoten zu finden, und nun fiel ihm der alte Major als passendes Lamm in die Hände. Damit war denn auch Beiden geholfen, denn der Major wollte nur erzählen hören, was auch immer, blieb sich gleich, ja er wußte oft nicht einmal, von was gesprochen wurde. Frühbach dagegen wünschte sich nur mitzutheilen, und die alte Dame ging dann um Beide herum und seufzte oder machte draußen der Liese Umschläge auf ihren Backen. Ein Topf mit Camillenthee kochte wenigstens permanent das ganze Jahr und Winter und Sommer auf dem häuslichen Herde des Majors.
»Ah, mein lieber Rath,« sagte der Major, doch einigermaßen enttäuscht, »ja, wie soll's gehen – wie es einem armen, kranken Menschen gehen kann, dem der Tod schon im Nacken sitzt. Ich athme eben noch, das ist etwa Alles, was ich von mir rühmen kann.«
»Bei Athmen,« sagte der Rath, indem er seinen Stock und Hut, wie gewohnt, in die Ecke stellte, »fällt mir.... – ach, ergebenster Diener, Frau von Bleßheim, freue mich, Sie so wohl zu sehen!«
»Wohl? Ach Du lieber Gott, ich kann die Glieder kaum fortschleppen!«
»Fällt mir eine komische Geschichte ein,« fuhr der Rath fort, ohne auf den Krankheitszustand der Dame weitere Rücksicht zu nehmen. »Denken Sie, ich sitze eines Abends noch spät an meinem Schreibtische und arbeite, und meine Frau war schon zu Bett gegangen, denn sie ist kein Freund vom langen Aufbleiben. Auf einmal, wie ich horche, um die Uhr draußen schlagen zu hören – wir haben eine Schwarzwälder Uhr, die immer auf dem Gange hängt, weil es für das Mädchen in der Küche bequem ist, wenn sie sehen kann, welche Zeit es ist –, da athmete 'was im Zimmer, und zwar lang und schwer. Nun sehen Sie, Herr Major, ich bin wahrhaftig nicht ängstlicher Natur und habe ja auch immer meine Waffen über dem Schreibtisch hangen, wenn je einmal etwas vorfallen sollte, aber im ersten Augenblicke lief mir's doch ordentlich kalt über den Leib, und mein erster Gedanke war: Da hat sich ein Kerl hereingeschlichen und liegt unter dem Sopha. Ich nicht faul, meinen Säbel von der Wand und mit der Lampe unter das Sopha geleuchtet; aber es lag nichts darunter. Ich sehe mich im ganzen Zimmer um, und es war eigentlich nirgends mehr ein Raum, wo sich ein Mensch hätte verstecken können. Auf einmal höre ich etwas klopfen, und zwar von meinem Schreibtische her, und wie ich mich jetzt dorthin drehe, was ist da? Mein Hund, der verwünschte Jagdhund, der sich hereingeschlichen haben muß, ohne daß ich ihn bemerkte, und der jetzt ganz vergnügt, weil ich aufstand, mit dem Schwanze wedelte und dabei gegen den Schreibtisch schlug.«
»Ja,« sagte der Major, der indessen die ganze Zeit an den Staatsanwalt gedacht hatte und ob der noch nicht käme, »er wird wahrscheinlich noch beschäftigt gewesen sein.«
»Gott bewahre,« versicherte der Rath, »er hatte geschlafen und ich das Athmen gehört, und weil er unter dem Schreibtische lag, klang es so curios, als ob es von dem Sopha herkäme.«
»Wie geht es denn Ihrer Frau Gemahlin?« sagte die gnädige Frau.
»Ah, ich danke Ihnen, Frau von Bleßheim, recht gut! Es ist merkwürdig, wie sich die Frau auf den Füßen hält, und immer thätig, immer auf dem Zeuge, und doch den vielen Aerger dabei! Ich versichere Ihnen, mit den Dienstboten ist gar nicht mehr auszukommen, wir haben nun in diesem Jahr schon das fünfte Mädchen...«
»Da kommt er,« sagte der Major, der indessen draußen einen Schritt gehört hatte. Gleich darauf klopfte es auch wieder, und auf sein rasches »Herein!« trat der Staatsanwalt in's Zimmer.
»Guten Morgen, Major, guten Morgen, gnädige Frau! Ah, da ist ja auch der Herr Rath Frühbach! Wie geht's, Rath?«
»O, ich danke Ihnen, Herr Staatsanwalt, so ziemlich! Ich erzähle eben der gnädigen Frau...«
»Nun, lieber Major, Sie hatten mich rufen lassen, ich habe eben nicht viel Zeit und noch einen Termin abzuhalten, den ich nicht gern versäumen möchte...«
»Wie es mir beinahe einmal gegangen ist,« sagte der unverbesserliche Rath Frühbach. »Denken Sie, ich hatte in einer wichtigen Angelegenheit – es betraf das Vermögen einer Wittwe in Schwerin, deren Mann nach Konstantinopel gegangen und an der Cholera gestorben war, und die Stadt hatte die Sache zu besorgen – einen Termin angesetzt bekommen, um elf Uhr Morgens, und es verstand sich von selbst, daß ich den einhalten mußte, wenn ich das Ganze auch nur aus Gefälligkeit that. Ich ziehe mich also an, und da es noch ein wenig früh war, schlendere ich langsam über die Promenade dem Rathhause zu. Unterwegs treffe ich aber den früheren Minister von Bassefeld, einen alten Freund von mir, und ich bleibe natürlich stehen; wir kommen in's Plaudern und erzählen uns so einige interessante Sachen aus früheren Zeiten. Wie ich aber noch so dastehe, schlägt es ja wahrhaftig Elf, und ich hatte noch reichlich zehn Minuten zu gehen. Ich sage Ihnen, so rasch bin ich in meinem ganzen Leben nicht ausgeschritten! Der Minister lachte ordentlich, wie er mich fortlaufen sah, aber ich kam doch noch eben zur rechten Zeit auf's Amt.«
Witte hatte wie auf Kohlen gestanden und wiegte sich immer von einem Fuß auf den andern.
»Könnten wir denn nicht vielleicht hinauf in eins der Zimmer oder in den Garten gehen,« sagte er jetzt, »um unsere Sache abzumachen? Ich habe nicht lange Zeit, Major....«
»Ach, Sie wollen etwas mit einander besprechen,« sagte der Rath, »ja, dann will ich Sie lieber allein lassen. A propos, Herr Major, haben Sie denn die Aepfelwein-Cur begonnen, die ich Ihnen das letzte Mal anrieth? Sie glauben gar nicht, wie segensreich das auf die Eingeweide wirkt. Ich fühle mich immer ungeheuer erleichtert danach und bin auch überzeugt, daß es eine Umwandlung im ganzen Blut hervorbringt....«
»Also was war es, Major?« rief der Staatsanwalt, der ungeduldig wurde und schon nach der Uhr sah. »Ich muß wahrhaftig wieder fort, wenn Sie nicht reden!«
»Rechtshändel,« sagte Frühbach, indem er nach seinem Hut und Stock ging, »müssen unter vier Augen abgemacht werden, und ein Dritter ist dabei das fünfte Rad am Wagen. Also Adieu, lieber Herr Major – leben Sie recht wohl, Frau von Bleßheim! Bald hätt' ich auch noch vergessen, daß ich Sie von meiner Frau grüßen sollte, und wenn ich wiederkomme, bringe ich Ihnen auch das Recept zu den Umschlägen mit; heute habe ich wirklich nicht daran gedacht. Solche Recepte sollte man übrigens immer bei sich führen, denn man weiß nie, wie man Jemandem damit helfen kann. So ging es mir einmal, da fuhr ich von Schwerin nach Wasmuhlen – damals hatten wir noch keine Eisenbahn – (der Staatsanwalt lief, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und ab und sah nach der Decke hinauf), und in Wasmuhlen, gleich im ersten Hause, wo ich abstieg, lag eine Frau, die ich recht gut von früher her kannte, und hatte furchtbare Krämpfe, und kein Arzt war aufzutreiben. Aber glücklicher Weise trug ich ein ganz vortreffliches Recept für solche Fälle, das mir der berühmte Schönlein, ein alter Jugendfreund von mir, einmal gegeben, bei mir in der Brieftasche, ging gleich selber in die Apotheke, ließ es zubereiten, und die Krämpfe verloren sich. Aber die Herren haben zu thun – also guten Morgen allerseits! Wenn ich Zeit habe, komme ich vielleicht morgen einmal wieder vor und sehe nach, wie es geht. Fangen Sie nur mit dem Aepfelwein an, Major.«
»Herr Du mein Gott,« rief der Staatsanwalt, als der Rath kaum die Thür hinter sich zugedrückt hatte, »ist das ein langweiliger Peter! Der Mensch bringt Einen ja rein zur Verzweiflung! Ich begreife nicht, wie Sie den, zu allen Ihren übrigen Leiden, auch noch ertragen können, Major!«
»Du lieber Gott,« sagte dieser, »es ist ein seelenguter Mensch, und vertreibt mir manchmal eine Stunde die Zeit.«
»Schlägt sie todt, ja,« nickte Witte; »aber nun heraus mit der Sprache, denn ich habe wirklich wenig Zeit.«
»Also vor allen Dingen,« sagte der Major, »haben Sie den Schlosser Baumann gesprochen?«
»Ja, aber Ihre Nachricht, so weit es die Familie betrifft, war vollkommen unbegründet. Schlosser Baumann, außerdem ein anerkannt rechtlicher Mann, der nie zu einer Schurkerei die Hand bieten würde, wohnt noch in dem nämlichen Hause, das er von seinem Vater ererbte, und hat dort hinein vor etwa sechsundzwanzig Jahren geheirathet. In derselben Kirche, in der er getraut wurde, sind auch seine sämmtlichen Kinder getauft; und ich habe selber das Kirchenbuch nachgesehen, und Ihre Nachricht, die Sie mir gaben, ist vollkommen falsch. Seine ältesten Kinder sind lauter Jungen, er hat nur ein einziges Mädchen von noch nicht sieben Jahren. Der älteste Sohn ist Werkführer beim Mechanikus Obrich, der zweite arbeitet mit dem Vater, der dritte ist bei einem Tischler in der Lehre. Seine Kinder sind außerdem alle gesund und am Leben geblieben, daß also auch mit einem Todesfalle keine Schmuggelei vorgefallen sein konnte. Wie kamen Sie überhaupt auf die Familie?«
»Weil die Heßberger, die damalige Hebamme der Baronin Wendelsheim, die Schwester von des Schlossers Frau ist,« sagte der Major. »Und wie ich neulich zufällig hörte, daß die Baumann ihr erstes Kind, ein Mädchen, gleich wieder verloren hätte, war doch nichts natürlicher, als nach dieser Richtung hin Verdacht zu fassen.«
»Es ist aber, wie ich Ihnen sage, nicht wahr, denn ich habe mich selber überzeugt. Ein blankes altes Weibergeschwätz, mit dem Sie keinen Hund hinter dem Ofen vorlocken. Sie sind nun einmal auf die Ihnen entgangenen fünfzigtausend Thaler verbissen und können die fixe Idee nicht los werden, daß bei der Geburt des Erben irgend eine Täuschung stattgefunden haben müsse. Aber so lange Sie dafür weiter nichts beibringen können, als Ihre eigene Ueberzeugung, hilft Ihnen das gar nichts. Beweise müssen wir haben, kalte, trockene Beweise, keine hitzköpfigen Verdächtigungen, sonst will ich wenigstens mit der ganzen Sache nichts zu thun haben.«
Der Major hatte, beide geballte Hände auf der Lehne seines Stuhles liegend, still und verbissen zugehört, und Witte in der That Recht, denn der Major war eben jener, damals junge und etwas lockere Officier von Halsen, der, im Falle der Baron von Wendelsheim ohne männlichen Erben blieb, fünfzigtausend Thaler von der Erbschaft auf seinen Antheil bekommen haben würde, wobei sich natürlich denken ließ, daß er, mit einem solchen einmal gefaßten Verdacht, Alles aufbieten werde, um sein Ziel zu erreichen. Er war auch in der That die langen, dazwischen liegenden Jahre nicht müssig gewesen und bald auf dieser, bald auf jener Fährte laut geworden, aber immer ohne Resultat, bis er es endlich aufgab. Nur das Heranrücken des entscheidenden Zeitpunktes, der vierundzwanzigste Geburtstag des jungen Erben, rüttelte ihn noch einmal aus seiner Lethargie auf, um einen letzten, verzweifelten Versuch zu machen, um dem alten Baron, den er ärger als die Sünde haßte, den fetten Bissen vor dem Munde wegzuschnappen.
»Beweise, Beweise,« knurrte er vor sich hin; »wenn ich nur das verdammte Wort gar nicht mehr hören müßte. Aber Sie sollen auch Beweise haben, und deshalb gerade ließ ich Sie heute zu mir rufen.«
»Da wär' ich begierig,« sagte Witte.
»Wir haben,« berichtete der Major, »vor etwa sechs Monaten ein Hausmädchen angenommen, mit dem wir die ganze Zeit sehr zufrieden waren. Sie that ruhig und unverdrossen ihre Arbeit, und wir bekümmerten uns auch gar nicht darum, wo sie früher in Dienst gestanden. Heute Morgen nun wischt sie im Zimmer ab, und da mich die Langeweile plagte....«
»Aber das brauch' ich ja Alles nicht zu wissen!«
»Lassen Sie mich doch nur ausreden – knüpfe ich also ein Gespräch mit ihr an und erfahre dabei, daß sie, bald nach der Vermählung des Freiherrn von Wendelsheim, als Kammermädchen in Diensten der gnädigen Frau gestanden und drei Jahre bei ihr gewesen sei, also auch in der Zeit ihrer ersten Niederkunft....«
»Hm, und weiter?«
»Nachher wurde sie schlecht behandelt – sie behauptet, die gnädige Frau wäre eifersüchtig auf sie gewesen und habe sie plötzlich fortgeschickt. Es muß jedenfalls etwas vorgefallen sein, denn sie spricht nur in den bittersten Ausdrücken von allen Beiden und behauptet dabei, in jener Nacht sei nicht Alles mit rechten Dingen zugegangen.«
»Aber ich will gar nicht wissen, was sie behauptet. Welche Beweise bringt sie dafür? Das Geschwätz haben wir schon seit vierundzwanzig Jahren gehabt, und es konnte nachher doch Niemand auftreten und sagen: ich weiß etwas; es hieß nur immer: ich vermuthe.«
»Ich fragte natürlich weiter,« fuhr der Major fort, »und sie erzählte, daß an dem nämlichen Abend mit der Hebamme Heßberger ein Mann, der etwas unter dem Arm getragen habe, nicht vorn herein, sondern durch den Park gekommen sei und sich dort aufgehalten habe; ja, der Gärtner wollte sogar gehört haben, daß es ein kleines Kind gewesen sei, denn es hätte geschrieen.«
»Und kann er das beschwören?« fragte Witte. »Und wenn er es selbst beschwören könnte, was hälfe es? Aber weiter! Was sonst noch?«
»Da lief plötzlich der Ruf durch's Schloß, die gnädige Frau habe einen Knaben bekommen; der Freiherr kam selber heraus auf die Treppe und schrie es den Leuten jubelnd zu, und dann wurde Hurrah geschrieen, und Wendelsheim vertheilte Wein unter die Leute...«
»Und ist das Alles?«
»Aber die Heßberger soll selber in der Zeit auf der dunkeln Treppe gewesen sein, so behauptet die Frau wenigstens.«
»Ich will Ihnen etwas sagen, Major,« rief der Staatsanwalt, »ich werde aus Ihrer ganzen Erzählung nicht klug, denn Sie mengen alte Geschichten und neu Erfahrenes bunt durch einander! Wir können die Sache deshalb vereinfachen. Wo ist die Person?«
»Draußen in der Küche.«
»Rufen Sie sie herein.«
»Sie wird aber nicht in Ihrer Gegenwart reden wollen....«
»Und weshalb nicht? Sie braucht oder soll gar nichts weiter sagen, als was sie selber gehört und gesehen hat; ich will auch nichts weiter wissen und kann nichts Anderes gebrauchen. Lassen Sie die Person nur einmal hereinkommen.«
Der Major griff nach der neben seinem Stuhl hangenden Klingel und zog daran, und gleich darauf steckte die bezeichnete Frau den Kopf in die Thür und fragte, was sie solle.
»Kommen Sie einmal her, Frau Meier,« sagte der Major.
»Aber ich kann ja nicht, ich sehe so schrecklich aus!«
»Macht nichts,« lachte der Staatsanwalt, »wir sind alle Zwei ein paar alte Knaben und haben unsere Herzen schon lange, der Eine verloren, der Andere eingetrocknet. Wir wollen Sie nur bitten, uns ein paar Fragen zu beantworten.«
»Fragen beantworten?« wiederholte die Frau mißtrauisch, indem sie, in's Zimmer tretend, sich noch die Hände an ihrer Schürze abtrocknete.
»Sie haben früher bei der Frau Baronin Wendelsheim in Dienst gestanden, wie?«
»Ja,« nickte die Frau; »das hab' ich ja schon dem Herrn Major erzählt.«
»Schön. Sie waren also auch dort, wie der erste Knabe geboren wurde, wie?«
»War ich auch. Aber weshalb?«
»Liebe Frau,« sagte der Staatsanwalt ruhig, »es handelt sich hier nur darum, von Ihnen die Bestätigung oder Nichtbestätigung eines alt gefaßten Verdachts zu bekommen. Sie selber haben natürlich gar nichts damit zu thun, und es ist nur die Frage, ob Sie vielleicht irgend ein Interesse dabei hätten, etwas zu verschweigen, was mit jener Sache in Verbindung steht.«
»Ich,« sagte die Frau halb beleidigt, »was sollte ich für ein Interesse dabei haben? Ich bin mir nichts Schlechtes bewußt und kann jedem Menschen frei und offen in die Augen sehen.«
»Wollen Sie mir also das genau erzählen, was Sie heute Morgen dem Herrn Major erzählt haben?«
Die Frau zögerte. »Was geht's mich an?« sagte sie endlich. »Was Einen nicht juckt, soll man nicht kratzen. Ich will mit der ganzen Gesellschaft nichts weiter zu thun haben.«
»Das sollen Sie auch nicht, liebe Frau,« sagte der Staatsanwalt ruhig; »aber wissen Sie, wer ein geschehenes Unrecht verheimlicht, nimmt indirect selber Theil daran, er mag sonst noch so unschuldig sein.«
»Aber ich weiß von keinem Unrecht,« sagte die Frau; »ich habe nur erzählt, was ich an dem Abend gesehen, und – hätte auch vielleicht mein Maul besser gehalten. Ueber die Geschichte ist Gras gewachsen, und Todte können doch nicht wieder lebendig werden.«
»Todte?« fragte der Staatsanwalt, indem er sie scharf dabei ansah.
»Nun, ich weiß nicht, wie's damals gewesen ist,« sagte die Frau, vielleicht selber unwillig darüber, daß sie schon so viel gesprochen. »Dem Herrn Major hab' ich's aber einmal erzählt, und wenn Sie's auch wissen wollen, weshalb fragen Sie denn nicht den darum?«
»Da haben Sie recht,« lenkte der Staatsanwalt ein, »und die Hauptsache weiß ich ja nun doch; es war mir nur nicht glaublich, daß der Freiherr selber in der Nacht sein Kind hätte forttragen können.«
»Das hab' ich auch nicht gesagt, Herr Major,« rief die Frau rasch, »keine Silbe davon! Wie das Kind aber geboren war, ließ die Heßberger damals die Wartefrau, eine Verwandte von ihr, mit der sie dicke durchsteckte, oben allein bei der Wöchnerin und der »Tante« und ging in den Hof hinunter, so viel ist sicher, denn das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen. Sie trug auch etwas unter dem Mantel und kam ebenso zurück, und wir Alle haben viel darüber gesprochen, denn so eine Frau gehört in der Zeit in das Wochenzimmer und nicht in den Hof. Die Leute im Hause meinten auch damals, es sei gar kein Knabe gewesen, sondern ein Mädchen, und der Herr Baron hätte es nur so verkündet; aber nachher stellte es sich doch heraus, daß es ein prächtiger Junge war, der ja auch gut gediehen und groß und stark geworden ist. Das wär' Alles, was ich darüber sagen könnte.«
»Und wer war der Mann, der damals mit jener Frau in den Park kam?«
»Und woher sollt' ich das wissen?« sagte die Frau. »Ich habe ihn gar nicht einmal gesehen, und das Volk im Hause, oder vielmehr der Gärtner, meinte freilich, es wäre der Schuster Heßberger, der Heßberger ihr Mann, gewesen; aber wer kann's sagen! Dunkel war's ebenfalls und regnete die ganze Nacht hindurch, und nachher kümmerte sich auch weiter Niemand um ihn, denn in dem Regenguß mochte natürlich Keiner mehr in den Park gehen, da noch dazu unten in der Gesindestube eine Flasche Wein neben der andern stand.«
»Das ist erklärlich,« nickte der Staatsanwalt leise vor sich hin, »und kommt auch wohl eigentlich nichts darauf an, aber Sie meinten vorher, Frau Meier, daß Todte nicht wieder lebendig werden könnten. Was wollten Sie eigentlich damit sagen?«
»Von Todten habe ich nichts gesprochen,« sagte die Frau zurückhaltend.
»Doch, Frau Meier,« nickte der Staatsanwalt; »aber es ist zu leicht denkbar, daß in einer so aufgeregten Zeit Manches von den Leuten nur so obenhin gesprochen und vermuthet wird, ohne daß irgend ein fester Beweis dafür zu Grunde liegt. Wahrscheinlich bezieht sich das, was Sie sagten, auch nur auf derartige Vermuthungen. Erinnern Sie sich vielleicht noch einiger der damals gehenden Gerüchte? Lieber Gott,« setzte er hinzu, als er sah, daß die Frau noch unschlüssig schwieg, »es ist seitdem eine lange Zeit vergangen und viel Wasser den Berg hinabgelaufen; es wäre kein Wunder, wenn Sie es vergessen hätten, und kommt auch eigentlich nichts darauf an, aber einen Grund müssen die Leute doch damals für ihre Behauptung gehabt haben.«
»Für welche denn?« sagte die Frau, die dem Gedankengang nicht folgen konnte.
»Nun dafür,« meinte Witte ruhig »daß sie glaubten, der Mann, der das Kind umgetauscht, habe das ihm überlieferte, also wahrscheinlich ein Mädchen, umgebracht.«
Die Frau sah ihn bestürzt an. Hatte sie denn das selber schon gesagt, oder war das dem Manne mit der hohen, kahlen Stirn und den weißen Haaren selber so vorgekommen.
»Ich weiß es nicht,« sagte sie endlich, durch das viele Fragen ganz verwirrt gemacht, »die Leute reden viel. Gesprochen wurde allerdings davon, die damalige Wirthschafterin hatte ein böses Mundwerk und sagte immer mehr, als sie verantworten konnte.«
»Und die meinte es auch?«
»Ganz ähnlich so wenigstens,« nickte die Frau; »aber ich habe von Anfang an dagegen gesprochen und glaub's auch nicht bis auf den heutigen Tag, denn dazu kann eine Mutter nicht ihr Kind hergeben und ein anderes annehmen und so lieb haben, wie die gnädige Frau den Jungen gehabt hat. Sie küßte ihn nur immer in Einem fort und ließ ihn gar nicht aus den Augen, so lange sie ihn nur eben hüten konnte, und der Baron selber wußte nicht vor lauter Freude, was er angeben sollte. Der freilich hätte sich auch nichts Besseres wünschen können; denn daß er mit dem Knaben eine große Erbschaft machte, war ja schon damals überall bekannt.«
Die Frau war in Zug gekommen, und Witte hütete sich wohl, sie darin zu stören. Nur erst als sie schwieg, sagte er, aber auch mehr zum Major gewandt, als zu ihr:
»Ganz richtig ist die Sache keineswegs gewesen, davon bin ich ebenfalls überzeugt, aber die Frau Meier hat ganz recht; es ist Gras darüber gewachsen, und Alles, was sie uns da erzählt hat, weiter nichts, als was sich ein paar Monate nach der Entbindung eben die ganze Stadt heimlich erzählte, ohne irgend etwas beweisen zu können. Nur noch Eins, Frau Meier. Sie erwähnten vorhin einer Wartefrau, die allein bei dem Kinde geblieben, als die Frau Heßberger fortging. Lebt die noch und wo ist sie?«
»Ja, Du lieber Gott,« sagte die Frau, »wer weiß das! Eine Zeit lang war sie noch in der Gegend, nachher ging sie fort und, wie es allgemein hieß, nach Amerika, und später soll sie sogar dort gestorben sein; die Heßberger erzählte es wenigstens so in der Stadt. Sie hatte einen Vetter in Amerika, und von dem wollte sie einen Brief erhalten haben.«
»Genau so, wie ich mir dachte,« nickte der Staatsanwalt. »Alles, was irgend eine positive Aussage machen könnte, fehlt, und was uns bleibt, sind nichts als wilde Gerüchte und Vermuthungen; denn daß die Frau Heßberger selber irgend welche Auskunft geben würde, ist doch wohl nicht denkbar.«
»Die?« rief die Frau Meier. »Die schlechte Person, die – eher bisse die sich die Zunge ab, ehe sie aus der Schule schwatzte! Und die weiß auch wohl, warum, denn umsonst trägt sie nicht an Sonn- und Feiertagen seidene Kleider und echte Spitzen daran und einen Hut mit großen Federn auf, damit sie ja nicht so aussieht wie Unsereins! Die ist mit allen Hunden gehetzt, und ihr Mann auch, der alte Heuchler...«
»Na, Frau Meier,« sagte der Major, der wohl einsah, daß sie jetzt Alles erzählt hatte, was sie wußte, »dann gehen Sie nur wieder an Ihre Arbeit;« und als die Frau sich zurückzog, rief er triumphirend den Staatsanwalt an: »Na, was sagen Sie nun? Sind das keine Beweise?« – Er schien auch seinen sonst so trostlosen Krankheitszustand rein vergessen zu haben, denn während der ganzen Zeit hatte er nicht ein einziges Mal geächzt oder gestöhnt, sondern mit der gespanntesten Aufmerksamkeit den Worten der Frau gelauscht.
Der Staatsanwalt war aufgestanden und ein paarmal im Zimmer auf und ab gegangen. Jetzt sagte er kopfschüttelnd: »Beweise? Nicht die blasse Spur. Dem alten Freiherrn traute ich allerdings eine solche Handlung schon zu, und schlimmere Dinge sind wirklich vorgefallen; aber die Frau hat auf der Gotteswelt nichts weiter gethan, als die alten Gerüchte, die damals Jahre lang wiedergekaut wurden, bestätigt. Neues ist nichts darin, als daß die Wartefrau in dem Wochenzimmer, während die Heßberger hinausging, allein zurückgeblieben, und hätten wir die Frau hier und könnten sie zum Reden bringen, so möchten wir allerdings Genaueres erfahren. Wenn sie aber todt oder nur nach Amerika ausgewandert ist, so hilft uns das Alles nichts und wir sind so klug als vorher.«
»Wenn aber nun jener Mensch das kleine, neugeborene Mädchen wirklich umgebracht hätte?«
»So wäre das allerdings ein scheußliches Verbrechen,« sagte der Staatsanwalt, »ist aber gar nicht denkbar, denn irgendwo hätte dann in damaliger Zeit ein Kind gefehlt, und man würde davon gesprochen und es in jener Aufregung und dem allgemeinen Verdacht gegen den Baron gewiß mit dieser Sache in Verbindung gebracht haben. Nein; hat jene alte Frau Heßberger wirklich zu einem Verbrechen oder einer Betrügerei die Hand geboten, so ist das Alles so schlau und geschickt angefangen, daß nicht einmal auf frischer That ein Beweis geführt werden konnte, wie viel weniger denn jetzt, nach beinahe vierundzwanzig Jahren.«
»Und dann erbt also in den nächsten Wochen der Lieutenant das ganze riesige Vermögen, und wir Anderen sind geleimt.«
»Allerdings, wenn er an dem Tage noch lebt, und gesund und kräftig genug sieht er dazu aus. Jetzt bitte ich Sie aber, Major, daß Sie mich mit der Sache ungeschoren lassen, denn Sie haben mich schon drei- oder viermal darin vergebens auf den Trab gebracht.«
»Aber es ist doch Sache des Staates, einem solchen Verbrechen nachzuforschen!« rief der Major gereizt.
»Jawohl,« sagte Witte, »wenn wir selber die Möglichkeit einer Beweisführung einsehen oder irgend ein gegründeter Verdacht vorliegt, gewiß; doch auf altes Weibergeklatsch, auf Hörensagen und blinde Gerüchte hin, nachdem beinahe ein Menschenalter verflossen ist, trete ich nicht mit einer solchen Klage vor die Gerichte. Also gute Besserung, Major!« Und mit diesen Worten griff er wieder Hut und Stock auf und verließ das Haus.
Beim Schlosser Baumann wurde das Abendbrot auf den Tisch gestellt: Kartoffeln in der Schale, kräftiges Schwarzbrot, Butter, Käse und ein Krug Bier dazu, denn Baumann arbeitete allerdings ganz tüchtig und war ein geschickter Mann, ließ sich jedoch nichts abgehen und hielt etwas auf seinen inneren Menschen. Aber er duldete auch nicht, daß die Leute schlechteres Essen bekamen, als er selber. Er verlangte ordentliche Arbeit von ihnen, und wahrhaftig kein Feiern dabei, denn wie er selber zugriff, mußten auch die Anderen mit angreifen. Doch ordentliche Nahrung sollten sie dazu in die Knochen haben, und dann hielten sie es auch mit Vergnügen aus und schlugen in der Schmiede nicht zu, als ob sie Nüsse knacken wollten.
Nur auf seinen äußeren Menschen gab er nichts. Sonntags allerdings, wenn er einmal mit der Frau ausging, zog er seinen langen, blauen Rock an und band sich eine etwas unbequeme, hohe Cravatte um; in der Woche aber ging er in Hemdsärmeln und mit dem Schurzfell und dazu ein schwarzes, kleines Käppchen auf; ja, selbst wenn er Arbeit in der Stadt hatte und ausgehen mußte, wechselte er das nicht, wie auch die Frau dagegen redete. Es schickte sich nicht für einen Meister, sagte sie, daß er wie ein Gesell umherlief, und er solle doch etwas mehr auf seine »Reputation« sehen. Aber Meister Baumann lachte dann nur immer und meinte: er sähe in seinem Schurzfell ein ganz Theil besser und anständiger aus, als sie selber mit ihrer aufgedunsenen Crinoline, mit der sie dem Ambos nicht einmal mehr dürfe zu nahe kommen. Und dabei blieb es, denn Baumann, so seelensgut er sonst sein mochte, hatte einen entsetzlichen Dickkopf in manchen Dingen, und auch gerade nicht ganz Unrecht mit der Crinoline, die er seiner Frau vorwarf.
Seine Frau war wirklich herzensgut und sorgte für ihren Mann und ihre Kinder, wie nur eine Mutter sorgen kann, und besonders an dem Jüngsten, einem Mädchen von sieben Jahren, hing sie mit unsagbarer Liebe; aber sie besaß einen Fehler: sie war ein wenig eitel, und zwar nicht mehr auf ihre Schönheit, so hübsch sie auch vielleicht in früheren Jahren gewesen sein mochte, aber auf ihr Aeußeres, auf ihre »Stellung« im Leben, und das Gefühl geht freilich durch alle Schichten der Gesellschaft, von hoch herunter bis zum Niedrigsten. Meister Baumann versuchte nun allerdings zuweilen, ihr den »Dünkel«, wie er es nannte, auszutreiben, und argumentirte dann ganz einfach, daß sie nichts als schlichte Handwerker wären, die keinen Anspruch machten und an die kein Anspruch gemacht würde; aber darin gab sie ihm nie Recht. Er, ihr Mann, sei, wie sie behauptete, ein geachteter Bürger der Stadt, wenn auch nur ein Handwerker, der sich sein Brot mit seiner Hände Arbeit verdiene: aber deshalb gerade könne sie nicht wie eine Tagelöhnersfrau in einer »schlampigen Fahne« umherlaufen, und »wenn dem Tischler Behrens seine Frau und dem Bäcker Gluck seine« in großen Crinolinen einherstolzirten, so möchte sie einmal das Gesicht sehen, mit dem die sie angucken würden, wenn sie »nur so« zwischen ihnen herum liefe.
Baumann lachte bei solchen Argumenten, und die Sache war abgethan. Nur wie sie einmal den Versuch machte, eine Schleppe zuzulegen, curirte er sie gründlich gleich von vorn herein. Er sagte nämlich kein Wort darüber; wie aber Abends, nach einem stolz verlebten Sonntag-Nachmittag, das Kleid im Schrank hing, nahm er eine Scheere, ging hin und schnitt heimlich hinten alles Ueberflüssige herunter. Gesprochen wurde auch darüber gar nichts. Die Frau fand das etwas arg zugerichtete Kleid – denn Baumann war nichts weniger als ein Damenschneider –, reparirte es wieder, so gut es gehen wollte, und gab dann jeden weiteren Versuch in dieser Richtung auf.
Diese Eitelkeit hatte aber auch ihre guten Seiten, denn sie warf sich auf die Erziehung der Kinder, für die sie Alles anstrengte. Ein paar Jahre nach ihrer Verheirathung hatte sie eine kleine Erbschaft gemacht, und wie der Erstgeborene heranwuchs, wollte sie absolut, daß er studiren und ein gelehrter Mann werden solle. Dagegen aber legte Meister Baumann entschieden Protest ein; denn wenn das Kind auch in den ersten Jahren etwas kränkelte, entwickelte es sich doch später vortrefflich, und der Vater behauptete, daß sein Sohn nichts Anderes werden dürfe, als was der Vater gewesen: ein ehrlicher und tüchtiger Schlosser auch. Das bahne ihm dann den Weg weiter, und habe der Junge Talent und Geschick, so könne er es schon noch zu Allerlei bringen, denn das Schlosserhandwerk sei in jetziger Zeit der Anfang zu allen möglichen ehrenvollen Laufbahnen geworden.
Fritz, wie der Knabe getauft worden, trat denn auch bei ihm selber in die Lehre, und der Erfolg bewies, daß der Vater recht gehabt. Er zeigte sich bald so außerordentlich fleißig und geschickt, daß ihn der alte Schlossermeister selber nach drei Jahren dem Mechanikus Obrich überließ, um etwas Tüchtiges aus ihm heranzubilden.
Der zweite Sohn, ein derber, prächtiger Junge, wurde ebenfalls Schlosser, und der dritte, da er mehr Neigung zu Holzarbeiten verrieth, kam zu einem Tischler in die Lehre. Mit dem Studiren, wie es die Frau immer gehofft, war es also nichts, und die Knaben befanden sich auch alle drei bei dem gewählten Beruf vortrefflich.
»Sag' einmal, Alte,« begann der Meister, während er mit seiner Frau, den Gesellen und einem Lehrling am Tisch saß und eben eine etwas heiße Kartoffel schälte – Fritz war gleichfalls herüber gekommen, hatte aber schon gegessen und sich nur ein Glas Bier eingeschenkt, was es drüben nicht gab – »kennst Du denn den Staatsanwalt Witte oder seine Familie näher?«
»Näher?« sagte die Frau kopfschüttelnd. »Woher soll ich die Leute näher kennen? Die Kinder haben früher oft mitsammen gespielt; ich bin aber nie zu ihnen in's Haus gekommen. Weshalb denn?«
»O, ich meinte nur,« sagte der Meister, während Fritz, ohne jede scheinbare Veranlassung, ordentlich roth wurde und fast wie verlegen aussah. »Aber wie ich heute drüben war, denn er ließ mich eines Schlüssels zu seinem Schreibtisch wegen rufen, fragte er mich so angelegentlich nach Euch Allen, und wie viel Kinder wir hätten, und ob es Jungens oder Mädchens wären, und ob uns keines gestorben sei, und wie lange wir verheirathet seien, kurz, tausenderlei, was ihm doch eigentlich verwünscht gleichgültig sein könnte.«
»Ich kenne die Leute, Vater,« sagte jetzt Fritz, indem er zugleich das Bier an die Lippen hob; »ich komme manchmal hinüber, wenn wir etwas für den Staatsanwalt zu thun haben.«
»Du kommst hinüber?« sagte der Vater erstaunt. »Wozu?«
»Nun, wenn irgend eine gemachte Arbeit abgeliefert wird.«
»Na, das hat bei Euch der Werkführer zu thun? Bei uns thut's der Junge.«
»O,« meinte Fritz, doch jetzt etwas verlegen, »wenn einmal irgend etwas sehr Zerbrechliches vorkommt, was man dem Jungen nicht gut anvertrauen kann. Er ist gar so zerstreut.«
»So?« sagte der Vater und nickte still lächelnd vor sich hin; »ei, wie besorgt der Fritz ist. Das junge hübsche Mädchen drüben hast Du wohl noch gar nicht einmal gesehen?«
»O doch, Vater,« sagte Fritz rasch, und der Alte lachte.
»Ja, kann ich mir denken; aber da laß die Finger von, mein Junge. Das ist nichts für Unsereinen, und ein ehrlicher Handwerker soll sich auch nicht einmal der Gefahr aussetzen, von dem vornehmen Volk abgewiesen zu werden.«
»Aber wie Du nur gleich wieder bist, Vater,« sagte die Frau; »Fritz ist ein ganz schmucker Bursche, und wer weiß denn, ob sich der Herr Staatsanwalt nicht gerade deshalb so genau bei Dir nach uns erkundigt hat. Lieber Gott, er ist doch auch kein Prinz und sie keine Prinzessin.«
»Ne, Alte, da hast Du recht,« sagte der Schlosser; »aber Gleich und Gleich gesellt sich doch immer besser, und ich denke, der Alte hat sich da auch schon sein Part ausgesucht – oder vielmehr das junge Blut selber. Wie ich gerade hinüber ging und anklopfen wollte, kam ein Herr Lieutenant, der junge Baron Wendelsheim, aus der Stube, wo er den Damen jedenfalls einen Besuch gemacht hatte, denn der Staatsanwalt war in seinem Büreau; und wie er Adjes sagte, küßte er der Mamsell nicht allein auf das zärtlichste die Hand, sondern sie wurde dabei auch über und über roth und dachte gar nicht daran, sie wieder fortzuziehen, bis ich ihnen wohl ein bischen in die Quere und nicht besonders gelegen kam.«
»Der junge Herr Baron von Wendelsheim?« sagte die Frau und ihr Blick flog wie forschend nach Fritz hinüber.
»Na, der Alte küßt keinen hübschen jungen Mädchen mehr die Hand,« lachte der Schlossermeister, »oder sie würden sich wenigstens nicht besonders viel daraus machen. Es war der zierige Lieutenant, der immer den – Rücken so dreht, wenn er geht, wie ein coquettes Frauenzimmer – wir haben so ein eigenes Sprichwort dafür. Ich weiß nicht, mein Geschmack wär's nicht. Aber Du lieber Gott, das zweierlei Tuch hat schon manchem sonst vernünftigen Mädel den Kopf verdreht und Unheil angerichtet. Weiß der Himmel, wo's drin steckt; ich kann's nicht begreifen.«
»Nun, der Herr von Wendelsheim,« sagte die Mutter, »ist doch gewiß ein ganz sauberer, hübscher Mensch, und so vornehm sieht er immer aus!«
»Hübscher Mensch!« lachte der alte Baumann; »er sieht genau so aus, wie unser Karl da, mit derselben aufgestülpten Nase – nur dümmer; und die Haare hat er sich bis hinten in die Halsbinde hinunter gescheitelt – weiter kann man's nicht sehen. Uebrigens wär' er eine ganz famose Partie, das ist richtig, denn er muß ja nächstens die große Erbschaft heben; da giebt's nachher Geld wie Heu, und das können alle Menschen gebrauchen, auch die Advocaten.«
»Und der machte bei Wittes Besuch?« fragte die Frau.
»Nun natürlich, und weshalb sollte er auch nicht? Ein Lieutenant hat ja doch auf der Gotteswelt nichts weiter zu thun, und mit etwas muß der liebe lange Tag todtgeschlagen werden.«
»Aber er war doch heute in Wendelsheim draußen,« sagte Fritz.
»Nun, das war etwa um zwölf Uhr, vielleicht wie er zurückkam. Aber woher weißt Du das?«
»Ich war selber draußen.«
»Du, in Wendelsheim?« fragte die Mutter rasch und erstaunt. »Was hattest Du denn da zu thun?«
»O, ich bin oft draußen,« sagte Fritz, »bei dem kranken jungen Baron. Heute brachte ich ihm eine Maschine hinaus, die wir zusammengestellt hatten. Das ist ein liebenswürdiger junger Herr, aber nur leider immer so krank und schwächlich. Ich fürchte, ich fürchte, er macht's nicht lange mehr, was mir recht leid um ihn thun sollte.«
»Es ist doch eigenthümlich,« sagte die Frau, »daß da weiter gar keine Kinder sind. Wenn der nun auch noch stirbt, so erbt der Aelteste Alles.«
»Nun, und was hast Du darüber zu seufzen?« lachte ihr Mann. »Und der Herr Lieutenant wird ebenfalls nicht böse darüber sein und schon wissen, wohin er mit dem Gelde soll. Der bringt's bald unter die Leute, darauf kannst Du Dich verlassen, denn Schulden hat er schon jetzt in der Stadt wie Sand am Meere – beinahe mehr noch, als sein Vater.«
»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte in diesem Augenblicke eine etwas scharfe Stimme in der Thür.
»Hol' Dich der Teufel!« beantwortete Meister Baumann etwas rauh und lästerlich den frommen Gruß.
»Aber Baumann,« sagte die Frau, während der Schuhmacher Heßberger, ein kleines, schwarzes Buch unter dem Arm, und nicht im mindesten zurückgeschreckt, das Zimmer betrat – »schämst Du Dich denn gar nicht? Vor den Kindern und dem Lehrlinge solltest Du Dich doch wenigstens geniren!«
»Ach was,« sagte Baumann ärgerlich, indem er sich das schwarze Käppchen auf's eine Ohr schob: »Dein Schwager soll auch die albernen Faxen lassen, denn er müßte doch nun nachgerade wissen, daß er bei mir damit an den Unrechten kommt!«
»Du bist und bleibst ein Heide, Bruder Baumann,« sagte der Schuhmacher, indem er näher zum Tisch trat und in den Bierkrug sah – er war aber geleert. »Ein gutes Wort sollte auch eine gute Statt finden, und ich thue keinem Menschen damit weh.«
»Nicht weh?« sagte Baumann mürrisch. »Sand willst Du den Leuten damit in die Augen streuen, Du alter Heuchler Du, weiter nichts, denn im Herzen bist Du ein so durchtriebener Strick, wie's nur einen auf der Welt giebt! Und woher kommst Du jetzt?«
»Aus der Kirche,« erwiederte Heßberger ruhig.
»Aus der Kirche? Am Werkeltag?«
»Aus der Abendstunde, die unser Herr Pastor hielt – o, es war sehr schön!«
»Und weshalb bist Du nicht dort geblieben?« lachte Baumann, der den kleinen Schuster kopfschüttelnd betrachtete. – Er sah auch in der That komisch genug aus, denn er trug schwarze, ganz abgeschabte und an den Knieen ordentlich glänzende Hosen, einen eben solchen, aber etwas zu engen, besonders in den Aermeln zu kurzen Frack, eine weiße Halsbinde und Weste und einen wahrhaft monströsen Seidenhut mit fuchsigem Deckel. Die Kinder auf der Straße liefen ihm auch gewöhnlich nach, und wenn er dann stehen blieb und ihnen einen grimmigen Blick zuschleuderte, hätte man sich keine schönere Caricatur eines Menschen auf der Welt denken können. – »Junge, Junge, wie Du so da stehst, könnte man Dich, bei Gott, für Geld sehen lassen – es wär' der Mühe werth!«
»Bruder Baumann,« sagte der Schuster mit Würde, »Du redest wie Du es eben verstehst. Wenn ich in ein Gotteshaus gehe, muß ich mich auch anständig constimiren....«
»Und das nennst Du anständig....?«
»Und kann nicht einhergehen, als ob ich zu Bier ginge,« fuhr der Schuhmacher unbekümmert fort.
»Und was willst Du?« sagte Baumann trocken.
»Nichts von Dir,« entgegnete Heßberger mit scharfem Ton; »nur meiner Schwägerin Guten Abend sagen und dann den Staub wieder von meinen Füßen schütteln.«
»Na, dann schüttele,« lachte Baumann; »je eher, desto lieber.«
»Aber Gottfried!« bat die Frau.
»Ach was,« rief der Schlosser ärgerlich, »er soll sich betragen wie ein anderer vernünftiger Mensch, nachher wird er auch so behandelt; aber die Firlefanzereien duld' ich nicht in meinem Hause und will nichts davon wissen!«
Die Meisterin war praktischer Natur. Sie hatte dem Lehrjungen schon ein Zweigroschenstück in die Hand gedrückt und mit dem Auge nach dem Bierkrug hinüber gewinkt, und der fuhr auch, ohne daß der Meister auf ihn Acht hatte, damit zur Thür hinaus.
»Na, Onkel Heßberger,« sagte da Karl, dem es selber leid that, den kleinen Mann so rauh behandelt zu sehen, »so legen Sie doch wenigstens ab und nehmen Sie sich einen Stuhl. Wie geht's zu Hause? Ist die Tante wohl?«
»Danke, mein Sohn,« sagte der Schuhmacher, indem er der Einladung Folge leistete – denn das Verschwinden des Bierkruges war nicht unbeachtet von ihm geblieben – »leidlich wenigstens; sie hat aber heute wieder über Land gemußt, um ein paar Patienten in Wendelsheim zu besuchen, leider jedoch keine guten Nachrichten von dort mitgebracht.«
»Von Wendelsheim?« rief Fritz schnell. »Doch nicht vom Schlosse?«
»Ja, allerdings,« nickte der Schuhmacher mit einem wehmüthigen Blick nach oben. »Des Herrn Hand ruht schwer auf dem stolzen Baron; sein zweiter Sohn, der Benno....«
»Es ist ihm doch nichts geschehen?«
»Er hat heute Morgen einen furchtbaren Blutsturz bekommen und liegt am Tode.«
»O, Du großer, allmächtiger Gott!« rief Fritz erschreckt aus. »Aber das ist ja gar nicht möglich. Ich bin selber noch heute Morgen bei ihm gewesen, und als ich fortging, hörte ich noch, wie er sich laut unterhielt und fröhlich lachte.«