»Ganz richtig,« sagte der Schuhmacher; »nach dem Deschuneh war er in den Garten spazieren gegangen, und da hat's ihm arrivirt. Er ist ja auch elend von seiner Geburt an gewesen; seine ganze Constitution ist corrumführt. Kurz und gut, er bekam plötzlich einen Blutsturz, und als meine Frau, die unten zufällig im Dorfe war und davon hörte, hinauf eilte, waren ihm schon die ganzen Extermitäten kalt.«

»Ach, das ist ja schrecklich,« stöhnte Fritz; »der arme junge Herr! Und ich freute mich noch so, als ich fortging, daß er so vergnügt und heiter war.«

»Ja, Du lieber Himmel,« sagte der Schuhmacher, »mit dem Menschen geht es oftmals schnell zu Ende, und es weiß Keiner, wann ihm sein Brot gebacken ist. Aber was thut's, der Freiherr hat ja noch immer den einen Sohn, und der erbt jetzt die ganze Bescherung. Es soll ein heidenmäßiges Vermögen sein.«

»Der arme Vater!« seufzte die Frau.

»Ja, das kann nichts helfen,« sagte Baumann; »der Tod sieht nicht auf Rang und Stand und kehrt bei Armen und bei Reichen ein. Wer mag's ändern!«

»Wir müssen Alle sterben,« sagte der Schuhmacher und schenkte sich von dem Bier ein, das der Lehrling eben auf den Tisch stellte; »der Gerechte mit dem Ungerechten, und erst dort werden die Schafe und Böcke gesondert werden.«

»Na, Schwager Heßberger,« lachte Baumann wieder, der die Familie Wendelsheim viel zu wenig kannte, um größeren Antheil an ihrem Verlust zu nehmen, wie bei anderen fremden Menschen. »Du kommst zu den Böcken, darauf kannst Du Dich verlassen; denn Du hast schon hier auf Erden so lange bei den Schafen gestanden, daß Dir eine Veränderung ingrimmig Noth thut.«

»Du redest, wie Du es verstehst, Bruder Baumann,« sagte Heßberger, indem er sich noch einmal einschenkte. »Was ich aber gleich sagen wollte, Schwägerin, meine Frau läßt Dich bitten, Du möchtest doch heute Abend einmal zu ihr hinüber kommen; sie hätte Dir etwas zu sagen.«

»Und weshalb kommt sie da nicht her?« fragte Baumann. »Sie liegt ja doch den ausgeschlagenen Tag auf der Straße.«

»Eben deshalb,« erwiederte ruhig der Schuhmacher, »weil sie so viel herumzulaufen und bald da, bald dort eine Besorgniß zu machen hat, so muß sie die wenige Zeit im Hause zusammennehmen und uns doch auch etwas zu essen machen. Vom Canditer können wir es uns nicht holen lassen und von Confett leben.«

»Na,« lachte Baumann, »dazu seid Ihr Beide nicht hübsch genug.«

»Was hat sie denn? Ist was vorgefallen?« fragte die Frau.

»Nicht daß ich wüßte,« sagte Heßberger kopfschüttelnd; »Du bist aber auch so lange nicht bei uns gewesen, und wenn sie hieher kommt, kriegt sie ewig mit Deinem Manne Streit.«

»Mit mir?« sagte Baumann. »Ich thu' ihr wahrhaftig nichts; aber sie soll mir auch mit ihrem Kartenlegen und Prophezeien vom Leibe bleiben.«

»Na, Guten Abend denn miteinander!« sagte der Schuhmacher, indem er wieder aufstand; »ich muß auch heim, sonst machen mir die verflixten Jungen lauter dumme Streiche.« Und nach kurzem Gruß gegen die Verwandtschaft nahm er sein Buch wieder unter den Arm, setzte den riesigen Hut auf und stieg aus der Thür.

Baumann hatte ihm kopfschüttelnd zu- und nachgesehen und ließ den Lehrjungen dann das Geschirr hinausräumen. Wie der draußen war, sagte er finster: »Kathrine, Du darfst mir's glauben, der Heßberger, wenn er auch Deine Schwester geheirathet hat und dadurch unser Schwager wurde, ist ein Erzlump, und Deine leibliche Schwester – bestärkt ihn nur darin.«

»Aber Gottfried!«

»Nein, nein,« winkte ihr Mann mit der Hand, »das ist der reine Betrug, was die Beiden mitsammen treiben, und daß sie nur noch Esel finden, die ihnen glauben und Geld bezahlen, das einzige Unglück bei der Sache.«

»Aber sie hat schon so viel vorhergesagt, was eingetroffen ist.«

»Bah, komm Du mir nicht auch etwa mit dem Unsinn! Wenn der Zufall einmal sein Spiel hat, wird es ausgebeutet, und wenn es nicht eintrifft, eben nicht weiter davon gesprochen. Ueberhaupt, Kathrine, es thut mir leid, daß ich es sagen muß, denn es ist nun einmal Deine Schwester, aber der Umgang mit ihr ist mir nicht lieb, und da Du lange Jahre fast gar nicht mit ihr verkehrt hast, thut's mir leid, daß das jetzt wieder von Frischem anfangen soll.«

»Sie meint es gewiß gut,« sagte die Frau mit einem recht aus tiefer Brust herausgeholten Seufzer. Aber Baumann schüttelte auch dazu den Kopf.

»Mit sich, ja, das geb' ich zu, aber nicht mit anderen Leuten,« sagte er finster; »sie hat kein gutes Herz, das steht ihr schon in den Augen geschrieben, und wenn sie Einen damit ansieht, kommt es mir immer so vor, als ob sie durch und durch bohrte, um Alles zu errathen, was man denkt.«

»Du kannst sie nun einmal nicht leiden, Gottfried.«

»Ehrlich gesagt, nein, und kein Mensch in der ganzen Stadt. Niemand hält mit ihr Umgang, und wenn sie die vornehmen Weibsleute Nachts heimlich besuchen, um sich von ihr die Karten legen zu lassen, oder wer weiß was sonst für Mittel und Latwergen zu holen, so sitzt der augenverdrehende Lump, der Heßberger, nebenan in der Stube bei seinem Leisten und brüllt geistliche Lieder ab. Es ist rein zum Verrücktwerden, wenn man's nur mit ansehen muß!«

»Aber kann ich's ändern, Gottfried? Ich habe auch schon dagegen gesprochen...«

»Und sie hat auch keinen guten Einfluß auf Dich ausgeübt, Kathrine,« fuhr der Mann, finster vor sich hin mit dem Kopfe nickend, fort. »Das erste Jahr nach unserer Verheirathung warst Du ganz anders, bis plötzlich Deine Schwester hieher zog und immer so viel mit Dir zu erzählen und zu schaffen hatte. Nachher war's aus, und wie viel hast Du damals nicht geweint, und wenn ich Dich fragte, was Du hättest, immer nur gesagt, das Herz thäte Dir so weh und Du wüßtest eigentlich selber nicht, weshalb Du weinen müßtest.«

»Aber, Gottfried, das ist gewiß nicht so arg gewesen.«

»Nicht so arg? Wie Du damals mit Deiner Schwester fort warst, um die Erbschaft zu heben, und wieder zurückkamst, sahst Du mehr todt als lebendig aus, und ich glaubte schon, Du würdest ganz ernstlich krank werden. Der arme Junge, der Fritz, hatte auch darunter zu leiden, denn der kam ganz von Kräften – na, er scheint sich doch wieder aufgefuttert zu haben. Jetzt war auch die langen Jahre Frieden, und ich habe Deine Schwester über Jahr und Tag nicht einmal gesehen – fangt mir deshalb also nicht die alten Geschichten an, denn ich will von der Gesellschaft nichts wissen, und wenn wir zehnmal mit einander verschwägert sind.«

»Wer weiß denn, was sie von mir will?« sagte die Frau, die bis dahin mit im Schooße gefalteten Händen vor sich nieder gestarrt hatte. »Vielleicht thut's ihr leid, daß wir so gar nicht zusammenkommen, und hart kann ich doch nicht gegen sie sein; sie hat mir ja noch niemals 'was zu Leid gethan und bleibt doch immer meine Schwester.«

Der alte Schlosser rückte wieder an seinem Mützchen. Recht war's ihm nicht, aber er konnte der Frau auch nicht so ganz unrecht geben und litt eben – was er nicht verhindern mochte. Er war aber doch ärgerlich geworden und mußte sich ein klein wenig zerstreuen; da war denn freilich das Beste, daß er hinüber in den »Goldenen Stern« ging und noch ein Glas gutes Bier trank. Nachher vergaß er all' die unangenehmen Sachen und bekam wieder eine glatte Stirn.

6.
Der alte Salomon.

Lieutenant Bruno von Wendelsheim hatte seine Dienstwohnung eigentlich in der Kaserne; da ihm das aber aus mancherlei Gründen nicht recht paßte, so miethete er sich derselben gerade gegenüber ein kleines freundliches Parterre-Logis mit Stallung, und führte dort eine Junggesellen-Wirthschaft, in der es manchmal außerordentlich vergnügt herging. – Er sah aber heute Morgen nicht so vergnügt aus. Es konnte kaum zehn Uhr sein, und er kam schon erhitzt und müde, mit bestaubten Stiefeln, von einem Gang zurück, warf Mütze und Handschuhe auf den Tisch und ging mit unterschlagenen Armen und finster zusammengezogenen Brauen in seiner Stube auf und ab.

Die Sache war aber auch unangenehm, denn daß er, der Erbe eines so ungeheuern Vermögens, ja eigentlich schon der Besitzer, da es sich nur um Wochen handelte, jetzt seit drei Tagen fast vergebens in der Stadt herumgelaufen sein sollte, um lumpige zweihundert Louisd'or zu bekommen, schien fast unglaublich, ließ sich aber nicht abläugnen, denn die Thatsache stand fest. Aber er mußte das Geld haben; er konnte sich nicht so furchtbar blamiren, den Handel rückgängig zu machen – der Verkäufer wäre auch gar nicht darauf eingegangen –, und er zerbrach sich eben den Kopf, wie er es am besten ermöglichen könne, ohne zu riesige Procente zu zahlen, als der Briefträger draußen anpochte. Er kannte ihn schon am Klopfen.

Der Herr Lieutenant wußte recht gut, daß ihm von daher keine Hülfe kam; Correspondenz hatte er fast gar keine, und was ihm die Post in's Haus schickte, waren beinahe nur eingesiegelte Rechnungen oder gar directe Mahnbriefe. Er warf auch kaum einen Blick auf die drei oder vier Couverts, die ihm der Bote auf den Tisch legte; aber plötzlich haftete sein Auge auf einem der nicht so kunstgerecht wie die übrigen zusammengelegten Schreiben, und er brach es, wie er sich nur wieder allein sah, rasch auf. Die Adresse trug nur seinen Namen und die Wohnung – die letztere sehr gewissenhaft angegeben – und war mit etwas schwerfälligen Zügen, wie von der Hand eines Quartaners geschrieben. Inwendig enthielt das Couvert aber keine Silbe weiter, sondern nur einfach einen Fünfthalerschein.

»Das ist aber doch merkwürdig,« sagte der Officier, indem er kopfschüttelnd die wunderliche Sendung betrachtete; »wieder eine Fünfthaler-Note und kein Sterbenswort dabei, als die nämliche Handschrift auf der Adresse – und richtig, wieder mit einem Geldstück petschirt! Wer mag denn nur in aller Welt mein sehr großmüthiger, aber leider, wie es scheint, sehr unbemittelter Protector sein, der mir von Zeit zu Zeit so bedeutende Geldsendungen zukommen läßt? Fünf Thaler! Du lieber Gott, nicht einmal fünfhundert könnten mir heute helfen, und das ist höchstens genügend zu einem Frühstück, um mir die Grillen aus dem Kopfe zu jagen!«

Noch während seines kurzen Selbstgespräches hatte er das Couvert nach allen Seiten genau betrachtet, ob nicht irgendwo ein Stempel oder ein anderes Zeichen auch nur auf die Spur des Absenders deuten ließe, aber umsonst. Es war noch dazu ziemlich ordinäres Schreibpapier, mit Packsiegellack geschlossen, mit einem Geldstück petschirt, und er steckte kopfschüttelnd den Fünfthalerschein in die Westentasche und warf das Papier in die Ecke.

Was wollte er auch anders machen? Was konnte er thun? Irgend Jemand liebte ihn oder schwärmte für ihn und sandte ihm – jetzt schon das zehnte oder zwölfte Mal – durch die Post, ohne irgend einen Werth auf der Adresse anzugeben, einen Fünfthalerschein. Zurückschicken konnte er denselben nicht, er wußte ja nicht an wen, und das Geld auf die Straße werfen? Es wäre schade darum gewesen. Monate lang hatte er sich auch bei früheren Sendungen den Kopf darüber zerbrochen, wer nur möglicher Weise der freundliche Geber sein könne, aber natürlich vergebens; denn der Fall, daß ihn Jemand Geld schickte, war so außerordentlich, daß er jedes Versuches spottete, ihn jemals zu enträthseln.

Aber die Zeit verstrich. Er hatte erst die Absicht gehabt, an dem Morgen noch einmal nach Wendelsheim hinaus zu reiten, um zu hören, wie es seinem Bruder ginge; aber er konnte heute unmöglich, und hoffte ja auch, daß es doch nur einer jener Anfälle gewesen, die der stets Kränkliche von je gehabt und der dann wahrscheinlich auch eben so rasch vorüberging. Hier aber drängte ihn die Zeit; er pfiff seinem Burschen, ließ sich noch einmal sorgfältig abbürsten, zog seine Handschuhe an und eilte dann, mit wahrlich schwerem Herzen einen Gang zu thun, den er gern vermieden hätte. Aber es ging eben nicht mehr, er mußte, und wenn er dort auch kein Geld bekam.... – Er biß die Zähne auf einander und schüttelte die trüben, bitteren Gedanken ab. Noch war es ja nicht so schlimm.

Vor dem Hause begegnete er einer ältlichen Frau aus den geringeren Ständen, die ihn freundlich, aber achtungsvoll grüßte. Er warf ihr einen Blick über die Achsel zu und hob dann die rechte Hand etwa zehn bis zwölf Zoll, als ob er damit an die Mütze greifen wollte, kam aber noch nicht einmal bis zum ersten Knopfloche der Uniform. Er kannte die Frau, sie war ihm schon begegnet, aber er wußte nicht, wer es sei – möglicher Weise seine Wäscherin, die Geld von ihm haben wollte; er that viel besser, sie vollständig zu ignoriren.

Sein Weg führte ihn durch die nämliche Straße, in welcher, Nr. 11 im ersten Stocke, der Staatsanwalt Witte wohnte; aber sein Herz dachte heute Morgen weder an ihn, noch an seine Tochter, und nur zufällig hob er im Vorübergehen den Blick zu den Fenstern. Aber dort saß Ottilie schon am Nähtisch bei ihrer Arbeit, lange jedoch nicht so beschäftigt, um nicht dann und wann das Auge nach der Straße hinabgleiten zu lassen. Es war ja so interessant, zu sehen, wer vorüberging. Sie hatte auch schon mehrfach an dem Morgen Gelegenheit gehabt, zu grüßen, oder vielmehr grüßend zu danken, aber noch nie so freundlich und so tief dabei erröthend, als diesmal. Man sah es ihr ordentlich an, daß es sie freute, ihren Tänzer von neulich Abend wieder zu erblicken, und Wendelsheim selber, ordentlich erschreckt, daß er sie fast übersehen hätte, grüßte auf das verbindlichste.

Dadurch aber, daß er seine Aufmerksamkeit nach dem Fenster oben richtete, lief er einer andern Gefahr in den Rachen, und zwar gerade gegen den unvermeidlichen Rath Frühbach an, der ihn auch ohne weiteres Säumen stellte.

»Ah, mein lieber Herr Baron, auch schon auf der Promenade, und wie ich sehe, sehr angenehm beschäftigt? Ja, mein lieber junger Freund – na, ich gehe ein Stück mit Ihnen hier hinunter, denn ich habe doch nichts zu versäumen – mein lieber junger Freund, was ich gleich sagen wollte – in meiner Jugend habe ich es auch nicht besser gemacht, und ich war Ihnen ein verfluchter Kerl. Da lebte in Schwerin ein alter reicher Rauchwaarenhändler, ein steinreicher Bursch, sag' ich Ihnen, aber auch ein komischer Kauz, eine Art von Sonderling, der hatte eine wunderhübsche Tochter, Rosine hieß sie – nein, warten Sie einmal, das war eine andere; Rosine war die Nichte vom Ober-Appellationsrath Breitnagel, mit der ich auch einmal verlobt sein sollte – die Tochter von dem Rauchwaarenhändler – Herr Gott, fällt mir jetzt der Name nicht mehr ein – na, wenn sie das wüßte – aber es bleibt sich gleich, ich komme auch vielleicht noch darauf – aber es ist ärgerlich, wenn Einem so ein Name fehlt, und man quält sich manchmal einen Tag damit herum, ja, kann Nachts nicht davor einschlafen. Dieser Tochter also, Fräulein Therese – Jesus ja, Therese, wie ich das auch vergessen konnte! – machte ich damals furchtbar den Hof. Lieber Gott, ich war jung, sie war jung, und wenn sich ein paar junge Leute gern haben – warum nicht? Ja, das war ein wunderhübsches Mädchen, und ich hätte eine ganz gute Speculation mit der Heirath gemacht.«

»Und warum heiratheten Sie sie nicht?« fragte von Wendelsheim, der nur mit halbem Ohr auf die Salbaderei hörte.

»Wie ich mir's noch überlegte,« sagte der Rath, »war sie auf einmal mit einem Lieutenant verlobt, und noch dazu mit einem weitläufigen Verwandten von mir, den ich dort selber eingeführt hatte.«

»Das war Pech,« sagte der Baron; »aber, à propos, mein lieber Rath, Sie sagten mir doch einmal, daß Sie so etwas von einem Finanzmann wären?«

»Ei, gewiß,« rief Rath Frühbach rasch, »ich könnte Ihnen da Arbeiten zeigen...«

»Bitte, ist gar nicht nöthig; aber die Hauptaufgabe eines Finanzmannes wäre meiner Meinung nach die, lieber Rath, Geld in Zeit der Noth zu schaffen, nicht wahr?«

»Und das vorhandene zu verwalten,« ergänzte der Rath.

»Während wir von dem letzteren Punkt vor der Hand absehen,« fuhr der Lieutenant fort, »möchte ich Sie dann bitten, mir, gegen gute Interessen natürlich, bis heute Abend zweihundert Louisd'or zu schaffen.«

Rath Frühbach sah seinen Begleiter über die Brille an und lächelte. »Da fällt mir eine Geschichte ein,« sagte er.

»Mein lieber, bester Rath,« rief der junge Officier, jetzt wahrlich nicht in der Stimmung, lange Geschichten anzuhören, »alle Ihre Erzählungen helfen mir gar nichts, wenn Sie nicht Geld schaffen können!«

»Aber sie erläutern den Fall.«

»Der Fall ist schon so klar wie Krystall; ich brauche zweihundert Louisd'or, um ein Pferd zu bezahlen. Haben Sie so viel?«

»Nöthig, ja, lieber Freund,« erwiederte Frühbach, sich ausnahmsweise einmal kurz und bündig fassend, »aber nicht baar.«

»Und können Sie mir dieselben auch nicht verschaffen?«

»Ich wüßte nicht wo.«

»Dann leben Sie recht wohl,« nickte ihm der Lieutenant zu, indem er sich dabei ohne weitere Umstände von ihm frei machte und rechts ab in eine der Seitenstraßen bog. Rath Frühbach schien auch einen Moment nicht übel Lust zu haben, ihm zu folgen, denn gewöhnlich ließ er seine Schlachtopfer nicht so rasch wieder frei; aber bei näherer Ueberlegung stand er doch davon ab. Der Lieutenant brauchte Geld, und solchen Leuten geht man eher aus dem Wege, als daß man sie aufsucht.

Der junge Baron kümmerte sich indessen nicht weiter um seinen Begleiter, sondern schritt auf ihm allerdings wohlbekannten Pfaden zuerst eine schmale Gasse entlang, tauchte dann rechts in einen Durchgang und gerieth hier in ein Viertel der Stadt, das vorzugsweise Bekenner der mosaischen Religion zu Insassen zu haben schien. Da war Laden neben Laden, jeder einzeln aus einem kleinen, dunkeln Käfterchen bestehend und mit Waaren vollgestopft, die man sich nicht bunter hätte denken können. Da standen alte Bettladen vor der Thür, mit schauerlichen, bunt gemalten Lithographien darüber; da hingen verrostete Flinten und zerbrochene Pulverhörner, alte, getragene Kleider und Stiefel; da standen Porzellan und Steingut friedlich neben eisernen Kochtöpfen und Stutzuhren, da lagen Messer und Gabeln, Terzerole, Kämme, Hosenträger und Gott weiß was Alles bei einander, und in den kleinen, wohl kaum je geputzten Fenstern prangten zerknitterte Blumen, die vielleicht einst ein bildhübsches Mädchen zuerst beim Tanze getragen, unechter Schmuck, Halsketten mit Halbmonden und Kreuzen, und dazwischen war gewöhnlich eine Tafel von Pappe angebracht, auf welcher schreckbar aussehende, vergilbte, zerbrochene Cigarren verkünden sollten, daß auch dieser Geschäftszweig – und welcher nicht? – hier vertreten wäre.

Gleich daneben war ein Fleischerladen, nicht größer und nicht reinlicher oder heller als die Rumpelbuden, mit kleinen Papieren auf das Fleisch geheftet, auf welchen hebräische Zeichen standen. Auch die Aushängeschilder waren in dieser wie in deutscher Sprache, und entsetzlich schmutzige Kinder balgten sich auf der Gasse herum, oder wurden von genau solchen Müttern aus irgend einem in allen Regenbogenfarben schillernden Fenster des ersten Stocks zur Ordnung gerufen.

Der Baron durchschritt auch die enge Gasse mit einiger Vorsicht, besonders wenn sich irgendwo ein Fenster öffnete, denn er wußte aus Erfahrung, daß die Bewohner dieser Spelunken gerade nicht sehr wählerisch in den Gegenständen waren, die sie zuweilen von oben herab auf die Straße schütteten. Er selber aber, obgleich ein Officier in diese Umgebung allerdings nicht paßte, schien hier nicht die geringste Aufmerksamkeit zu erregen. Es war eben nichts so Seltenes, daß sich sehr anständig gekleidete Herren, in Uniform wie in Civil, in dieses Viertel verloren, und wenn sie auch nichts von den da aufgestellten Waaren gebrauchen konnten, wurde doch manches »Geschäft« mit den Eigenthümern derselben abgemacht. Wer konnte diesen verwehren, daß sie auf Uhren oder sonstige Pretiosen Geld verborgten! Und Mancher, der sich scheute, offen in das städtische Leihhaus zu gehen, suchte dringenden Bedürfnissen hier ganz im Geheimen, wenn auch mit etwas größeren Opfern, abzuhelfen.

Das aber galt doch nur für kleine, unbedeutende Verlegenheiten, wenigstens für solche, die eine geringe Summe betrafen. Bruno von Wendelsheim brauchte aber mehr, und kannte auch genau die Quelle, zu der er gehen mußte. Und trotzdem ging er den Weg mit schwerem Herzen, denn gerade dem Manne gegenüber fühlte er sich unbehaglich, gerade diese Schwelle hätte er nicht mit einem Ansuchen um Geld mehr überschritten, wie er es früher so oft gethan, wenn ihm nur eben eine Wahl geblieben wäre; aber es half ihm nichts, er mußte.

Die enge Gasse hatte er jetzt durchschritten, in welcher das Proletariat dieser Bevölkerung zu leben schien. Hier kreuzte sie eine andere Straße, und sie nahm von da ab einen andern Namen an und wurde breiter. Die Namen der Schilder gehörten allerdings noch ganz entschieden israelitischer Abkunft an; da gab es einen Oppenheimer und Hirsch, einen Goldmeier und Levy, einen Süß und Rosenstengel, aber die Läden wurden eleganter und die Häuser reinlicher und sahen wohnlicher aus. Da waren Ausschnittläden und Materialwaaren-Handlungen, rechts stand eine Druckerei und gegenüber wohnte ein Geldwechsler, aber ein Geschäft betrieb jedes Haus, und die unteren Räume nahm bei allen ein oder das andere Verkaufslocal ein. Der junge Officier schritt aber immer noch hindurch, bis er fast das Ende der Straße erreichte, und dort erst betrat er gleich darauf einen Laden, der wohl auch eine wunderliche Mischung von Dingen zeigte, aber sich nicht mit dem Abwurf des gewöhnlichen Lebens beschäftigte.

Es war ein großes Kreuzgewölbe, mit einem dicken steinernen Pfeiler in der Mitte, und sah allerdings so aus, als ob es weit eher zu dem Refectorium eines Klosters, als zu seiner jetzigen Bestimmung gepaßt hätte. Der Hintergrund blieb auch düster, obgleich ihm vorn zwei hohe Bogenfenster Licht gaben. Der ganze Raum zeigte sich aber mit Dingen gefüllt, die der Umgebung allerdings entsprachen und fast sämmtlich vergangenen Jahrhunderten zugehören mußten. Da waren alte, wunderlich geformte und gemalte Vasen, mit Silber und Elfenbein eingelegte Kasten, riesige, echt beschlagene Trinkhörner, kostbare, aber ebenfalls alterthümliche Waffen, chinesische und japanische Schnitzereien und Lackarbeiten, prachtvolle, aber schon angerauchte alte Meerschaumpfeifenköpfe, Bernsteinspitzen vom größten Umfange; dann Rüstungsstücke, mit Silber eingelegte Panzerhemden, Spazierstöcke mit mächtigen Amethysten oder anderen edlen Steinen als Knopf, Theebretter mit kostbaren Malereien, Tabaksdosen mit in Brillanten eingelegten Namenschiffern und Kronen, Thee-Service in Rococoform, kurz alles nur Erdenkliche, was in dieses Fach schlug und aus allen Theilen der Erde, von allen Völkern hier versammelt schien.

Der Baron kannte den Platz, und als er ihn erreicht, war es fast, als ob sein Fuß einen Moment zögerte. Aber was half ihm unschlüssiges Besinnen – da drinnen lag seine letzte Hoffnung, und es nützte ihm wahrlich nichts, den Entscheid nur hinauszuschieben. Wenn er jetzt auch vorbeigegangen wäre, weiter oben hätte er doch umdrehen und hieher zurückkehren müssen. So denn, die Zähne fest zusammengebissen, schritt er auf die Thür zu, warf noch einen raschen Blick nach rechts und links hinüber, ob er nicht doch vielleicht zufällig jemand Bekanntes sähe, was ihm wahrscheinlich nicht lieb gewesen wäre, und trat dann schnell ein.

Der Laden war indeß nicht leer von Besuchern, wie er anfangs geglaubt, denn der alte Mann, der Eigenthümer desselben, stand ziemlich im Hintergrund mit einer kleinen, corpulenten und wunderlich gekleideten Gestalt. Das Geschäft mußte aber beendet oder gar nicht entrirt sein, denn wie er jetzt entschlossen nach hinten schritt, hörte er nur noch, daß der alte Salomon sagte:

»Nein, lieber Freund, thut mir leid, mache gern Geschäfte, aber nicht solche und mit unbekannten Leuten.«

Der Kleine flüsterte etwas dagegen; der Alte schüttelte aber mit dem Kopf und fuhr fort: »Würde Ihnen auch nichts helfen; derlei Sachen kaufe ich nicht, ist auch nicht mein Geschäft, als ich nur offen und ehrlich handele mit guten, reellen Waaren. Sollte mich aber gar nicht wundern, wenn Sie in der Straße weiter unten einen Käufer finden; ich mag nichts damit zu thun haben.«

Dem kleinen Mann schien die Gegenwart eines Dritten nicht besonders angenehm. Der Baron merkte auch, daß er etwas in ein rothbaumwollenes Tuch einschlug und dann unter den Arm nahm. Er erwiederte aber nichts weiter, drehte sich ab und glitt dann an dem Lieutenant, an dem er einen halbscheuen Blick hinaufwarf, vorüber, der Thür zu. Dem Baron war es auch fast, als ob er ihn gegrüßt hätte, das konnte aber auch vielleicht Verlegenheit oder allgemeine Höflichkeit gewesen sein, und überdies fühlte er sich gerade nicht in der Stimmung, darauf zu achten oder den Gruß zu erwiedern. Er sah sich nach dem Davonschleichenden, der aber von dem alten Händler fest im Auge behalten wurde, bis er die Thür hinter sich in's Schloß drückte, auch gar nicht um, und nun auf Salomon zuschreitend, streckte er ihm die Hand entgegen und sagte freundlicher, als er bis dahin ausgesehen:

»Nun, wie geht's, alter Freund – immer noch auf dem Zeug?«

»Gott der Gerechte, der Herr Baron!« sagte der Mann mit einem eigenen, fast wehmüthigen Lächeln, die dargebotene Hand aber nehmend und schüttelnd. »Hab' ich doch beinah' geglaubt, daß Sie vergessen hätten, wo der alte Salomon wohnt. Es muß ein Menschenalter sein, daß wir einander nicht gesehen haben.«

»Nun so lange doch wohl nicht, Salomon,« sagte der Baron halb verlegen, »ich dächte, es könnten kaum vier Wochen sein.«

»Wie Sie recht haben,« sagte der Alte, sich mit dem dritten Finger der linken Hand vor die Stirn klopfend. »Aber das Gedächtniß wird schwach, Herr Baron, das Gedächtniß wird schwach. 's ist ja wahr, vor vier Wochen etwa, wo Sie mir die Ehre gaben, ein kleines Geschäft mit mir zu machen. Gott der Gerechte, wie schlecht die Zeiten seitdem geworden sind!«

»Und wie geht es Ihrer Fräulein Tochter?«

»Danke der Nachfrage, Herr Baron – aber wollen Sie nicht ein wenig Platz nehmen bei einem alten Manne – der liebe Gott sei gepriesen, recht gut geht's ihr! Sie blüht wie ein Röschen im Moos, und der Herr hat mich Freude erleben lassen an dem Kind; nur in der letzten Zeit ist sie leidend gewesen. Hat ihr nichts gefehlt im Körper, ist sie blos gewesen schwermüthig und betrübt, wie junge Mädchen haben ja manchmal die Laune. Es ist ein gutes, liebes Kind, aber mit viel Gefühl, zu viel Gefühl für Unsereinen – möge sie mir noch lange erhalten bleiben.«

»Sie erlauben mir doch vielleicht, daß ich sie nachher begrüßen darf?« sagte Wendelsheim, immer noch mit einer gewissen Empfindung, das, was ihn eigentlich hieher geführt, so lange als möglich hinauszuschieben.

Der alte Mann zögerte einen Moment mit der Antwort; endlich sagte er, still vor sich hin mit dem Kopf nickend: »Sie hält viel auf den Herrn Baron und hat oft gesagt, er hätte versprochen, einmal wieder zu kommen und mit ihr zu musiciren. Wie haißt? hab' ich gesagt – der Herr Baron hat zu thun, wird er nicht haben so viel Zeit, sich zu Dir herzusetzen und Musik zu machen.«

»Es ist wahr,« sagte der junge Mann, »ich hatte ihr versprochen, bald wieder zu kommen und ihr die Schubert'schen Lieder zu accompagniren; ich hatte aber wirklich so viel zu thun...«

»Nu, wer hat nicht zu thun?« sagte der alte Mann. »Ist ein Kunststück. Sie haben zu thun in Ihrer, wir in unserer Art; jeder Mensch hat zu thun und kann nicht immer auf Zeitvertreib denken.«

»Ich hoffe aber, jetzt öfter kommen zu können.«

»Versprechen Sie nichts, Herr Baron, besonders der Rebekka nichts, denn man weiß nicht immer, ob man's halten kann, und das Warten macht nachher müde. Es giebt kaum was Schlimmeres auf der Welt, als warten.«

»Ja,« sagte der Baron etwas zerstreut; »aber – was ich gleich sagen wollte – ich bin noch so weit in Ihrer Schuld, lieber Salomon...«

»Da giebt's ein Mittel, das zu ändern,« lächelte der Alte.

»Ein Mittel?«

»Nun, Sie zahlen eben.«

»Ja so, – gewiß – das ist wahr – aber...«

»Nun, ich habe Sie noch nicht gedrängt,« erwiederte der Händler. »Unser Contract lautet: bei Zurücklegung Ihres vierundzwanzigsten Jahres, wann wird ausgezahlt werden die Erbschaft. Gott Abraham's, es ist viel für mich, aber Ihnen wird es dann nicht weh thun!«

»Aber wenn ich heute noch um weitere Vorschüsse käme?«

»Heute?« sagte der Alte, etwas verlegen auf seinem Stuhl umherrückend. »Der Herr Baron werden gewiß einem alten Mann nicht mehr aufbürden, als er tragen kann, und es sollte mir leid thun, Ihnen eine abschlägige Antwort zu geben.«

»Aber ich muß heute Geld haben, Salomon!« rief Wendelsheim, also gedrängt und in die Enge getrieben. »Ich brauche bis heute Abend sechs Uhr zweihundert Louisd'or...«

»Gott der Gerechte, was ein Geld!«

»Die zu der bestimmten Frist zu zahlen, ich mein Ehrenwort gegeben habe. Als Officier muß ich das einlösen oder meinen Abschied nehmen.«

»Wär' kein Unglück,« sagte Salomon; »wenn Sie die Hunderttausende erben, was thun Sie mit der Lieutenants-Gage? Sie reicht nicht einmal zu Taschengeld.«

»Aber ich bin auch zugleich beschimpft.«

»Es ist ein sonderbar Ding,« sagte der alte Jude, langsam dazu mit dem Kopf nickend, »daß sich die Menschen ein Wort so hoch hinstellen und so verehren, und dann nachher doch so leichtsinnig damit umgehen. Ich versteh's nicht und kann's nicht begreifen. Aber haben Sie vielleicht für einen guten Freund oder Verwandten, der in großer Noth und Gefahr war, gutgesagt, Herr Baron, daß Sie das viele Geld brauchen, oder haben Sie – Gott will's verhüten! – gespielt?«

»Nein, Salomon,« sagte der Baron, »gespielt habe ich nicht. Ich versprach Euch ja bei dem letzten Anlehen, nicht zu spielen; aber – mein Pferd war schlecht, ich mußte ein anderes Thier haben, und der englische Lord, der hier kürzlich seinen Marstall verkaufte, hatte einen so wundervollen Fuchs...«

»Für zweihundert Lujedor?« rief der alte Mann, seine Hände vor Verwunderung zusammenschlagend.

»Es ist ein Spottpreis für das Pferd,« rief der Lieutenant, »und ich konnte es mir nicht entgehen lassen! Die Kaufbedingungen waren aber baar Geld, oder letzter Zahlungstermin heute Abend unter Garantie. Mein Ehrenwort wurde natürlich als solche genommen, und ich bekam das Pferd.«

»Zweihundert Lujedor für ein Pferd,« sagte Salomon noch immer kopfschüttelnd über den Gedanken, »und wenn Sie drauf sitzen und es stolpert und bricht ein Bein, so sind die zweihundert Lujedors mitgebrochen und kapores. Man sollt's nicht glauben, wenn man's nicht mit eigenen Ohren hörte.«

»Und kann ich das Geld bekommen, Salomon?«

Der alte Mann hörte nicht auf zu schütteln. »Herr Baron,« sagte er endlich, »Sie wissen, daß ich Ihnen bin gefällig gewesen, wo ich konnte, aber – es hat Alles seine Grenzen – auch mein Geldbeutel. Ich bin kein armer Mann, der Herr hat meine Arbeit und meinen Fleiß gesegnet; aber in den Waaren steckt viel Geld, und wenig Leute kommen, die kaufen. Wer soll sorgen für meine alten Tage, wenn ich's nicht thue? Keine Seele. Was kümmert sie der alte Salomon!«

»Aber das Geld ist Euch doch sicher, Salomon.«

»Weiß ich nicht,« sagte der alte Mann entschlossen, »denn es ist keine Erbschaft wie sonst, sondern noch in den Händen des Gerichts und an Bedingungen geknüpft.«

»Die aber in so kurzer Zeit gelöst sind.«

»Weiß ich wieder nicht,« sagte der Alte. »Der Herr Baron sind Officier, und die Herren Officiere haben einen starken Begriff von Ehre. Es darf Einer dem Andern aus Versehen auf den Fuß treten und sich nicht entschuldigen – und, Gott der Gerechte, was für ein Unglück! – und sie gehen hinaus und schießen mit geladene Pistolen auf einander. Der Herr Baron kann in den paar Wochen auf dem theuern Pferd ausreiten und fallen und den Hals brechen, und geb' ich das Geld, so bricht der Herr Baron den Hals nicht, aber der alte Salomon bricht ihn.«

»Aber ich werde mich gewiß in der Zeit sehr in Acht nehmen, Salomon. Ich weiß ja doch, was für mich und die Meinen davon abhängt.«

»Ist recht schön von Ihnen,« erwiederte der alte Mann, »aber ich stecke schon tief genug in der Geschichte drin, und mehr noch zu riskiren, wäre nicht klug gehandelt, selbst angenommen, daß ich das Geld hätte, was aber, soll mir Gott helfen, nicht der Fall ist. Wenn Sie ein Haus versichern bei einer Gesellschaft, so nimmt sie die Versicherung nur zu einem bestimmten Werth, nicht mehr. Ich bin schon weiter gegangen. Als ich habe nachgesehen meine Bücher am letzten Ersten, habe ich gefunden große Summen hinter dem Herrn Baron seinen Namen, und alle auf der einen Seite – war doch die andere blank und rein, eine wahre Papierverschwendung. Auf die Seite geht noch viel, auf die andere nichts mehr, oder der Salomon könnt's nicht verantworten vor Weib und Kind und dem Gott seiner Väter, als ich will bleiben gesund – das ist mein letztes Wort.«

»Aber, Salomon,« rief der Officier in Todesangst, »ich habe keinen Menschen weiter auf der Welt, von dem ich heute noch so viel Geld bekommen könnte, und ich muß es haben, oder ich weiß nicht, was ich thue! Ihr treibt mich zur Verzweiflung, und mir bleibt nichts Anderes übrig als....«

»Drohen Sie nicht mit einer Sache, junger Mann,« sagte der alte Jude ernst, »wo der Gedanke, noch nicht einmal ausgesprochen, schon Sünde ist vor dem Thron des Höchsten. Denken Sie an Ihren Vater, an Ihre todte Mutter, denken Sie an die Leute, die Ihnen vertraut haben, wenn auch ohne gegebenes Ehrenwort, doch mit gedachtem, und die Sie auf die Weise nicht bezahlen können. Sie sind noch jung, und ein Fehler ist in Ihrem Alter leicht wieder gut gemacht – aber das müssen Sie selber thun – ich nicht –, und doch verlangen Sie's von mir.«

Der Officier saß vor ihm, die rechte Faust auf seinem Knie geballt, die Augen stier und düster am Boden haftend. Ein Gedanke, wie ein Blitz, schoß ihm durch die Seele. Noch war Hoffnung. Rebekka, des Juden Tochter, hatte ihn lieb, das wußte er, und wenn er oft mit dem wunderbar schönen Mädchen getändelt, traf ihn manchmal ein Blick aus ihren schwarzen Augen, der ihm in die Seele schnitt. Er mied sie auch deshalb, denn er war nicht schlecht, und wollte keine Neigung erwecken, die er, wie er glaubte, doch nie erwiedern durfte. Aber jetzt galt es, ihn aus einer wirklichen Noth zu erretten, und zwar einer Summe wegen, die er ja in wenigen Monden schon mit reichen Zinsen zurückzahlen konnte und wollte. – Sie mußte ihm helfen, den Vater zu erweichen, und sie that es, denn mit dem Alten war, nach dem letzten Schwure, den er gethan, kein Wort weiter zu reden, das wußte er gut genug.

»Ihr seid hart heute, Salomon,« sagte er endlich, »hart und zäh, wie ich Euch nie gefunden....«

»Schade für mich,« sagte der Alte störrisch.

»Ich weiß auch im Augenblick nicht, wie ich mir helfen soll, wenn Ihr mich im Stiche laßt. Ich muß Zeit zum Ueberlegen haben, und es ist das Beste, daß ich gehe....«

»Thut mir leid,« sagte der alte Mann, »den Herrn Baron umsonst den weiten Weg haben machen zu lassen; aber soll mir Gott helfen, ich kann nicht anders. Ich habe mehr für Sie gethan, als für einen andern fremden Menschen auf der Welt; aber eine Grenze muß sein, und wir stehen dran.«

»Es ist möglich, Salomon,« sagte der junge Mann, »daß wir uns jetzt in längerer Zeit nicht sehen. Erlauben Sie mir, Ihre Tochter noch zu begrüßen.«

Der Alte zögerte. »Gehen Sie,« sagte er endlich; »ihre Mutter ist oben, ich kann jetzt noch nicht; es ist vier Uhr gerade, und ein Freund wollte kommen, mit dem ich habe zu reden. Ich folge gleich nach, muß dann erst zuschließen die Ladenthür, denn viel Gesindel treibt sich hier herum.«

»Ich werde vorausgehen.«

»Der Herr Baron wissen ja den Weg, die Treppe ist etwas dunkel; erst vier Stufen, dann ein Absatz und dann drei. Fallen Sie nicht.«

»Ich kenne ja die Treppe – also auf Wiedersehen, Salomon!« Und mit schwerem Herzen schritt der junge Mann durch die Hinterthür über den Hof und dort dem schmalen Eingang zu, der zu dem eigentlichen Wohnhaus des alten Mannes hinaufführte.

7.
Rebekka.

Das Haus war von der Vorderseite, wenn auch massiv gebaut, doch unscheinbar genug, denn den ganzen unteren Theil nahm der gewölbte Laden ein, während die oberen Räume zu Speichern und Waarenläden benutzt wurden und nicht einmal Fenster, sondern braune Laden zeigten. Eben so schmal war der Hof; aber von dem Hintergebäude an erweiterte sich das Grundstück, das hinter diesem einen wohl von Mauern eingeschlossenen, aber doch freundlichen und auch nicht ganz kleinen Garten besaß. Auf der Treppe herrschte allerdings kaum Dämmerlicht, und es erforderte einige Geschicklichkeit, sich hinaufzufinden; oben aber verrieth eine sauber angestrichene Glasthür die behäbigere Wohnung, und das Licht fiel hier durch ein Fenster von dickem Glase schräg auf den Vorsaal hinab, in dem sich drei Thüren öffneten.

Wendelsheim zog die Klingel; drinnen wurde der Vorhang etwas zurückgeschoben, und er hörte die Stimme der Mutter.

»Gott der Gerechte, der Herr Baron – Rebekkchen, der Herr Baron kommt!«

Zugleich wurde der Schlüssel umgedreht und die Kette zurückgeschlagen, und die alte Frau begrüßte den jungen Officier mit einem tiefen Knix.

»Und darf ich eintreten, liebe Frau Salomon?«

»Mit dem größten Vergnügen, wenn Sie uns die Ehre anthun wollen.«

Die Frau war wirklich die Höflichkeit selber, denn erstens wirkte der Name eines Barons doch immer auf sie ein, und dann hatte sie den jungen Mann, der sich früher in ihrem Hause eingeführt und manche Stunde dort in harmloser, geselliger Weise verbracht hatte, in der That liebgewonnen.

Bruno schritt der Thür zu, wo er Rebekka wußte, und als er dort anklopfte und ein leises, kaum hörbares Herein! vernahm, sah er sich plötzlich dem Mädchen gegenüber, das schon seinen Namen draußen gehört hatte und jetzt, ihn erwartend, mitten in der Stube stand. Aber auf der Schwelle blieb er wie gefesselt halten, denn mehr einer überirdischen Erscheinung als einem menschlichen Wesen glich das wunderbar schöne Mädchen.

Ein langes weißes Gewand, nur in der Mitte durch einen blitzenden Gürtel gehalten, umhüllte ihre schlanke Gestalt. In vollen, üppigen Locken fiel ihr das rabenschwarze Haar auf den Nacken nieder, und aus dem jetzt nur durch die Erregung bleichen Antlitz sahen ihn ein Paar große, seelenvolle Augen an – und diese Augen, dieser Blick, der ihn traf!

»Rebekka,« sagte der junge Officier, wirklich überrascht von dem Anblick, denn so schön – so ungewöhnlich schön hatte er das Mädchen noch nie gesehen – »wie freue ich mich, Sie wieder begrüßen zu dürfen!«

»Thun Sie das wirklich?« sagte sie mit leiser, zitternder Stimme. »O, wenn ich das glauben dürfte!«

Er schritt auf sie zu und faßte ihre Hand – sie war kalt und bebte in der seinigen; er hatte sie sonst nur auf diese Weise begrüßt, heute hob er unwillkürlich die feinen Finger an seine Lippen und preßte einen heißen Kuß darauf.

»Und wie lange sind Sie ausgeblieben,« flüsterte Rebekka mit einem leisen, aber doch so freundlichen Vorwurf im Tone; »wie hatte ich mich darauf gefreut, daß Sie Ihr Versprechen halten und mit mir die Noten durchgehen würden, die Sie mir geschickt.«

»Ich bekenne mich schuldig, mein Fräulein,« sagte der junge Mann, indem er ihr voll in die klaren Augen schaute, während die ganze duftige Gestalt des Mädchens vom Sonnenlicht wie übergossen schien; »aber ich fürchte fast, daß ich trotzdem noch – zu oft gekommen bin.«

»Was Sie für häßliche Wortspiele machen,« lächelte Rebekka, leicht erröthend. »Wie kann man dahin, wo man gern gesehen ist, zu oft kommen? Das verstehe ich nicht.«

»Und wenn es nun zu oft für mich wäre?«

»Das verstehe ich wieder nicht; wenn Sie gern kommen, und ich – hätte das doch so gern geglaubt –«

»Sie sind so lieb und gut, Rebekka,« sagte der junge Mann, »daß Ihnen die Welt nur immer, wohin Sie schauen, Ihr eigenes Spiegelbild zurückwirft. O, bleiben Sie so – ich kann Ihnen nichts Weiteres wünschen!«

»Sie sprechen heute wirklich in lauter Räthseln,« sagte kopfschüttelnd das schöne Mädchen. »Aber wollen Sie nicht ablegen? Sie stehen da so mitten in der Stube – oder – war das nur ein Besuch, den Sie im Vorübergehen abmachen wollten, um vielleicht eine alte Verpflichtung einzulösen?«

»Es wäre möglich, daß es – ein Abschiedsbesuch sein sollte,« erwiederte Wendelsheim, aber wie scheu und halb abgewandt.

»Ein Abschiedsbesuch?« rief Rebekka erschreckt. »Sie wollen fort?«

»Ich – muß vielleicht – doch diese kurze Stunde wollen wir uns nicht verbittern; kommen Sie zum Instrument – wo haben Sie Ihre Lieder, daß ich noch einmal Ihre liebe Stimme höre?«

»Ich werde nicht singen können, Herr Baron.«

»Es wird schon gehen; wenn Sie Musik hören, können Sie doch nicht widerstehen.«

»Ich will es versuchen,« hauchte das schöne Mädchen leise und schritt zum Flügel, den sie öffnete und einen Band mit Liedern vornahm, der obenauf in ihrem Pult lag. Sie hatte sie ja täglich durchgespielt.

Bruno war ganz tüchtig auf dem Instrument und begleitete besonders vortrefflich, und das Mädchen sang dazu mit einer so vollen und so glockenreinen Stimme und dabei einem so weichen, schmelzenden Ausdruck in den Tönen, daß es dem jungen Mann wirklich bis in alle Herzensfasern drang und er genau aufpassen mußte, um nicht selber aus dem Tact zu kommen.

Die Mutter stand dabei, die Hände gefaltet, und war glücklich. Plötzlich sprang Wendelsheim in die Höhe.

»Rebekka,« sagte er, »Ihre Töne dringen durch Mark und Bein, und es ist manchmal, als ob sie Einem das Herz aus der Brust reißen könnten. Mädchen, wo haben Sie die wunderbare Stimme her?«

»Ach, ich mußte mich heute so zusammennehmen,« sagte Rebekka schüchtern, »ich hatte solche Angst!«

»Angst – und wozu Angst?« sagte die Mutter. »Der Herr Baron weiß, wie Du singst, und Du brauchst Dich vor ihm nicht zu geniren – und vor keinem Menschen. Aber glauben Sie, Herr Baron, daß Sie der Einzige sind, vor dem sie überhaupt den Mund aufthut, ihren Vater und mich ausgenommen? Wenn Besuch da ist und wir bitten sie noch so schön, da macht sie bald die, bald jene Ausrede, und wenn wir sie lange quälen, geht sie ganz weg und kommt nicht wieder.«

»Weil ich mich nicht selbst begleiten kann, Mutter,« sagte das junge Mädchen tief erröthend.

»Ob Du nicht kannst,« rief aber die Mutter, mit dem Kopf nickend, »ob Du nicht kannst, wenn Du willst! Sie sollten sie nur hören, Herr Baron, wenn sie ganz allein ist, wie sie da spielt und dazu singt, daß mir alten Frau manchmal die Thränen aus den Augen laufen.«

»Du lieber Himmel,« sagte Rebekka seufzend, »wir leben hier gar so einsam in unserer kleinen, abgeschlossenen Welt. Die Musik ist da ja das Einzige, das uns Ersatz bieten kann, und wie der Vogel draußen auf den Zweigen sein Lied unbekümmert zwitschert, gut oder schlecht, wie es gerade herauskommt, so singe auch ich – aber nicht besser, Mütterchen, gewiß nicht besser.«

Bruno hatte sich in seinem ganzen Leben noch nicht so befangen gefühlt. Er war sich bewußt, was ihn heute eigentlich hieher geführt – in welche gedrückte, peinliche Lage ihn sein Leichtsinn gebracht; aber er wäre nicht im Stand gewesen, zu dem Mädchen heute von Geld zu sprechen und ihr Fürwort bei dem Vater zu erbitten. Alles, was gut und edel in ihm war und vielleicht lange da geschlummert hatte, oder auch durch das schale Garnisonleben, seine Umgebung und tägliche Gesellschaft betäubt und unterdrückt gehalten worden, erwachte heute mit voller und vielleicht nie geahnter Stärke, und gute, ernstgemeinte Vorsätze für sein künftiges Leben keimten in seinem Herzen frisch und gewaltig empor. Er nahm Rebekka's Hand und sagte leise: »Dann muß ich Ihnen um so viel dankbarer sein, Rebekka, daß Sie gerade in meiner Gegenwart die Scheu ablegen. Sie haben mich recht glücklich damit gemacht, und die Erinnerung an diese Zeit wird immer – so lange ich noch lebe – mir die schönste und liebste sein.«

»So lange Sie noch leben – Gott der Gerechte!« lächelte die Frau. »Sollte man nicht glauben, wenn man Sie hörte, Sie wären ein Mann von achtundachtzig Jahren, mit grauen Haaren und mit einem Stocke? So lange Sie noch leben – Sie fangen ja erst an, und der liebe Gott wird Ihnen schon ein langes und freudiges Leben schenken. Wir werden uns wieder sprechen.«

Die beiden jungen Leute schwiegen, Jedes mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und die Mutter sah Eines nach dem Andern verwundert an.

»Nun, wie haißt?« lächelte sie endlich. »Keine Musik? Keine Unterhaltung? Wo bleibt da die Gesellschaft? Was hast Du nur, Bekkchen? Hab' ich doch geglaubt, das Kind wäre nur so still und schweigsam, wenn sie allein wär'; jetzt macht sie's in der Gesellschaft gerade so.«

»Ich dachte eben – Mutter – der Herr Baron hat vorhin angedeutet, daß er nur hergekommen wäre, um Abschied von uns zu nehmen.«

»Abschied? Gott soll's verhüten, und wozu? Wollen Sie verreisen?«

»Wahrscheinlich – auf einige Zeit wenigstens,« sagte der Lieutenant verlegen; »es sind Geschäfte, die mich dazu zwingen.«

»Aber Sie kommen hieher zurück?« fragte Rebekka, und ihr Auge hing forschend an den Zügen des jungen Mannes.

»Was für a Frag!« sagte die Mutter. »Hat der Herr Baron sein großes, schönes Gut hier, und die Familie; wird er nicht zurückkommen!«

Rebekka sah ihn angstvoll an, als ob sie die Bestätigung dieses Ausspruches in seinen Blicken lesen wolle; aber er wandte sich ab, schritt zum Fenster und sah hinaus.

Es war eine wunderliche Scenerie, die sich hier dem Blicke zeigte, und so pittoresk wie bunt gemischt. Unten vor dem Fenster lag der kleine freundliche Garten, gegen die Umgebung von der Mauer scharf abgegrenzt und selbst unnahbar; denn daß man der Nachbarschaft nicht besonders traute, bewiesen die auf dem oberen Rand des Steinwalles eingekitteten, spitz und gefährlich hervorragenden Glassplitter, die ein Hinüberklettern ganz unmöglich machten. Unter dem Schutz derselben blühte und grünte aber auch da unten eine kleine, vollkommen für sich abgeschlossene Welt, ein Rosenflor zum Beispiel, wie er nicht weiter in der Stadt vorkam, und die Beete dabei so sorgfältig gepflegt, die schmalen Wege so rein und sauber gehalten, der kleine Springbrunnen in der Mitte, sein Wasser so rein und frisch und lustig emporplätschernd. Und was für ein lauschiges Plätzchen hatte der alte Salomon da unten seinem Kinde gebaut! Dicht hinter dem Springbrunnen, kühl und zugleich geschützt und versteckt, lag eine kleine Laube, deren Dach ein einziger ausrankender Rosenbusch zu bilden schien; aber blühende Granat- und Orangenbäume, gemischt mit Vanille und hochstämmigen Fuchsien, bildeten die Wände, und mildes Dämmerlicht lag in dem kleinen, zauberisch schönen Raum. Hob sich aber der Blick, dann traf er gleich darüber hin auf einen so schroffen, trostlosen Gegensatz, daß er ordentlich staunend wieder zurück zu jenem kleinen Paradiese flog, um sich zu überzeugen, daß er recht gesehen, und wirklich zwei Bilder so unmittelbar neben einander stehen könnten, die das eine dem Himmel, das andere der Hölle glichen.

Dort, gleich rechts über der Mauer nämlich, und nur durch wenige Gärten oder offene Hofplätze davon getrennt, erhoben sich die Hintergebäude der eigentlichen Judengasse, spitz und phantastisch genug, es ist wahr, mit hohen Giebeln und rauchgeschwärzten Dächern; aber ordentlich Gespenstern glichen die schmalen, fest in einander gedrängten Häuser mit den leeren, düsteren Augen, die überall hinausstarrten. Da war kein einziges fast mit ganzem Rahmen oder Glas, keine weiße Gardine zeigte auch nur an einem Punkt, daß dort gesittete Menschen hausten – schmutzige Lappen und Tücher, alte, wüst aussehende Kleidungsstücke hingen überall heraus, der Luft, als einziger Reinigung, ausgesetzt, und an jeder Wand zeigten die Spuren niedergegossenen Wassers und Unraths den Zustand, der im Innern herrschen mußte.

Der junge Baron von Wendelsheim hatte auch früher wohl oft staunend und kopfschüttelnd zu jenen Höhlen hinübergeschaut, die ja doch ebenfalls das umschlossen, was der Mensch seine Heimath nennt und wo er sich wohl und glücklich fühlen soll, und dann immer nicht begriffen, wie Menschen gerade dort freiwillig existiren konnten. Heute schweifte sein Blick glanzlos, ohne das Paradies, ohne die Hölle dahinter auch nur zu sehen, über die Blumen, über die rauchverbrannten Häuser wie über eine Leere hin.

Sein Ehrenwort! – er hatte es leichtsinnig, gedankenlos gegeben – es war den Leuten gegenüber, die ihn bei dem Kauf umstanden, mehr eine Prahlerei gewesen, und die Folgen der Nichterfüllung konnte er noch nicht übersehen. Aber selbst das lag ihm jetzt weniger auf dem Herzen, als die Trennung von dem Mädchen, das heute, erregt wie er war, einen nie geahnten Einfluß auf ihn ausgeübt. Und was durfte sie ihm je sein? Sie, die Tochter des alten Salomon, eine Jüdin – er, der Sohn eines der adelstolzesten Häuser im ganzen Reiche! Und konnte ihm das eine Rücksicht auferlegen? Hatte ihn nicht gerade dieser Vater, so lange er denken konnte, rauh und abstoßend behandelt? – Er faßte die fieberheiße Stirn mit den Händen. Die Gedanken, die ihm wild und toll durch das Hirn zuckten, machten ihn fast schwindeln.

»Fehlt Ihnen etwas, Herr Baron?« sagte eine weiche Stimme an seiner Seite. »Soll ich Ihnen vielleicht ein Glas Wasser holen?«

»Ja, Kind, mit ein paar Tropfen Rum hinein, von dem guten, den der Vater neulich auf der Auction gekauft hat.«

»Ich danke Ihnen, Rebekka,« sagte der junge Mann freundlich; »es war nur – ein heftiger Schmerz, der mir durch die Schläfe zuckte – es ist schon vorüber.«

»Aber ich hole es doch, damit es nicht wiederkehrt,« lächelte das junge Mädchen – »Sie dürfen es mir nicht abschlagen, nicht wahr? Und dann spielen Sie mir noch einige von den Mendelssohn'schen Liedern; es giebt für mich nichts Schöneres auf der Welt. Das wird Sie auch ein wenig zerstreuen,« setzte sie leiser hinzu und huschte dann aus dem Zimmer.

»Armes Kind,« sagte die Mutter, die ihr nachsah und langsam dazu mit dem Kopfe nickte – »jetzt ist sie noch so jung und heiter, und kennt keine Sorgen und Schmerzen; und wie bald wird die Zeit kommen, wo sie an die Thür klopfen und dann nicht mehr weggehen, man mag thun und machen, was man will!«

»Gott möge sie ewig fern von ihr halten!« sagte Bruno viel weicher, als er sonst wohl dachte und fühlte, denn unwillkürlich traf ihn der Gedanke, daß er selber die Ursache sein könne, welche die erste Thräne in des Mädchens Augen rief, den ersten wehen Schmerz in ihre Brust einziehen ließ.

»Sagen Sie, Herr Lieutenant,« rief da die Frau, deren Gedanken rasch einen andern Flug nahmen, »Sie haben ein so gutes und weiches Herz und sind so ein braver Mensch, und tragen doch immer an Ihrer Seite einen langen spitzen Degen, um Menschen damit todtzustechen – Gott der Gerechte, wenn ich mir denken müßte, wo so eine Klinge in den Leib geht!«

»Aber, liebe Frau Salomon,« lächelte Bruno, der sich gewaltsam Mühe gab, die alten Gedanken abzuschütteln, »der Degen ist so weit ganz harmlos und gehört nur mit zu meiner Uniform. Eben so wenig aber, wie ich die Epauletten ablegen dürfte, darf ich auch die Waffe von der Seite lassen!«

»Und mitten im Frieden – wer thut Ihnen denn 'was? Und Sie wollen doch auch Niemandem etwas zu Leide thun.«

»Aber der Soldat muß doch Waffen tragen!«

»Im Kriege, ja, wenn sie sich einander todtschlagen; aber wenn nun der Salomon den ganzen Tag mit einem Schleppsäbel herumgehen wollte, und über die Treppen rasseln, und unten im Laden das Porzellan damit herunterschmeißen – Gott Abraham's, wie der Salomon damit aussehen müßte! Hat er sich doch neulich einmal zum Spaß einen umgeschnallt und ist damit auf und ab gegangen, aber nicht lange, denn er kam ihm gleich zwischen die Füßcher, und beinahe wär' er damit hingefallen. Hätt' sich können Schaden thun mit dem Säbel, und wär' ihm recht geschehen, warum macht er solche Dummheiten auf seine alten Tage!«

Bruno lachte, und auch Rebekka's liebes Gesicht klärte sich wieder auf, als sie in diesem Augenblick in's Zimmer trat und ihren jungen Gast so freundlich sah.

»Und nun trinken Sie,« sagte sie, ihm Glas und Flaschen hinschiebend; »es wird Ihnen gut thun und der Kopf Ihnen wieder klar werden.«

»Aber nur auf so lange, Rebekka, bis ich Ihnen wieder in die Augen sehe.«

Das Mädchen wurde ernst. »Das ist nicht recht, Herr Baron,« sagte sie. »Erinnern Sie sich noch, als Sie das erste Mal bei uns waren und mir so viele Schmeicheleien sagten, wie sie wohl draußen bei Ihnen Sitte sind? Damals bat ich Sie so herzlich, das nicht mit mir zu thun, und Sie versprachen es mir und haben Ihr Wort ehrlich gehalten. Wollen Sie es jetzt brechen?«

»Nein, Rebekka – nein, wahrlich nicht,« seufzte der junge Mann recht aus tiefster Brust; »es sollte auch bei Gott keine fade Schmeichelei sein, es war ehrlich gemeint! Aber – Sie haben recht,« brach er kurz ab, »wir wollen wieder musiciren – kommen Sie.«

»Und wollen Sie nicht erst trinken? Das Wasser ist so frisch.«

Bruno folgte der Einladung; er goß sich reichlich Rum hinzu und stürzte das Glas hinunter. Dann trat er zum Instrument und griff einzelne Accorde.

Während Rebekka zu ihm ging und die Mutter sich auf einem der nächsten Stühle niederließ, wurde nebenan leise und geräuschlos die Thür geöffnet, und der alte Salomon trat ein; wie er aber die Musik hörte, warf er erst einen Blick durch den Vorhang, der die beiden Zimmer schied, hinein, glitt dann still zu dem nächsten Kanapee und ließ sich darauf nieder. Er regte sich dabei nicht und sah nur still und unverwandt ein Bild an, das ihm gegenüber hing – das seiner verstorbenen Mutter.

Der junge Officier präludirte eine Weile, aber nicht lange; er ging bald in eine etwas schwermüthige Phantasie über, der er sich hingab und darüber seine Zuhörer fast vergaß.

»Aber so ernst?« sagte Rebekka endlich leise.

»Sie haben recht, mein Fräulein – ich muß....« er horchte – die Uhr hob zum Schlagen aus – er zählte: es schlug fünf Uhr – »ich muß Ihnen etwas Heiteres spielen, denn Sie sollen nicht sagen, daß ich mit einem Trauermarsch von Ihnen geschieden bin.« – Und jetzt spielte er einen der wildesten Strauß'schen Walzer von Anfang bis zu Ende durch. – »Nun,« sagte er dann, »klang der besser?«

»Der klang fast noch trauriger als das erste Stück,« sagte das junge Mädchen ernst und wandte sich dabei halb scheu zur Seite.

»Aber ich weiß nicht, was Du willst, Kind,« rief die Mutter – »was Lustigeres kann es ja doch gar nicht geben, und zuckt es doch sogar mir alten Frau, die das Tanzen lange abgeschworen hat, in den Füßen.«

Bruno erwiederte nichts; wieder griff er einige Accorde, die sich aber fast von selber zu einer Melodie gestalteten, und ohne daß er es vielleicht wußte, klangen sie plötzlich zu Mendelssohn's: »Es ist bestimmt in Gottes Rath,« zusammen. Er spielte es durch, beide Verse, die letzten Töne so leise, daß sie kaum hörbar durch das Zimmer klangen; dann stand er langsam auf und griff nach seiner Dienstmütze, die oben auf dem Instrument lag.

Rebekka stand ihm stumm und regungslos gegenüber; ihr Gesicht war marmorbleich geworden, daß sich die rabenschwarzen, langen Wimpern der niedergeschlagenen Augen deutlich und scharf in einem dunkeln Bogen auf den Wangen abzeichneten. Jetzt schlug sie den Blick zu ihm auf; er war mit Thränen gefüllt und schwamm darin wie zwei dunkle Diamanten, und o – wie zauberschön und lieblich sie war!

»Rebekka!« rief der junge Officier, seiner Sinne kaum mehr mächtig – »und Dich, Mädchen, Dich soll ich nie wiedersehen? Aber es muß sein – die Zeit verfliegt, ich kann nicht länger säumen! Leb' wohl, und wenn Du....«

Er vermochte nicht weiter zu reden, Thränen erstickten seine Stimme; aber er hatte auch das Uebermenschliche geleistet, und die Jungfrau an sich ziehend, preßte er einen heftigen Kuß auf ihre Lippen. In demselben Augenblick fühlte er sich aber auch von Rebekka's Armen in wilder Leidenschaft umschlungen.

»Bruno,« flüsterte sie, indem sie ihn fest an sich preßte, »wenn Du mich verläßt, sterbe ich.«

»Gott der Gerechte!« rief die Mutter, die ebenfalls aufgesprungen war und vor Verwunderung die Hände zusammenschlug.

»Herr Lieutenant,« sagte da die kalte, ruhige Stimme Salomon's, »es wird Zeit, daß Sie aufbrechen; es ist halb sechs Uhr vorüber, und wir haben noch unten ein kleines Geschäft mit einander abzumachen.«

»Salomon,« hauchte der junge Mann, sich verstört, wie aus einem Traum emporrichtend – »zürnen Sie mir nicht....«

»Ich habe gehört,« fuhr der alte Mann ruhig, aber doch mit bewegter Stimme fort, »was die Rebekka gesagt hat, und habe gehört, was Sie gesagt haben. Ich hatte anfangs geglaubt, Sie wollten über 'was Anderes mit dem Mädel sprechen. Es hätt' Ihnen nichts geholfen, Herr Baron; aber – nehmen Sie mir den Verdacht nicht übel – Sie sind ein Ehrenmann, und ich hoffe, Sie werden nicht abreisen und das gegebene Ehrenwort derweil auf mich übertragen.«

»Salomon!«

»Bitte, kommen Sie herunter, es liegt Alles bereit, und Dinte und Feder steht daneben; wir brauchen keine zwei Minuten damit zu versäumen. Sie wissen doch um sechs Uhr.«

»Und er kehrt zurück, Vater?«

»Wird er zurückkehren, wenn er sein Wort hält, und ich glaube, er thut's – meinetwegen – und vielleicht auch Deinetwegen.«

»Salomon, wie soll ich Euch danken.«

»Ein Kunststück,« lachte der alte Mann still vor sich hin, »das wär' leicht genug – aber wir vertrödeln die kostbare Zeit. Er kommt wieder, Rebekka, ich versprech' Dir's, und Du weißt, ich halte mein Wort.«

»Und ich auch, Salomon, so wahr sich ein Himmel über uns wölbt!« rief der junge Officier leidenschaftlich, indem er das schöne Mädchen noch einmal an sich preßte und einen leisen Kuß auf ihre Stirn drückte. Der alte Salomon seufzte tief auf, aber er sprach nichts mehr hinein, und den jungen Mann nur bei der Hand nehmend, führte er ihn aus der Stube hinaus, die etwas dunkle Treppe hinab in das Gewölbe.

Die Läden waren schon geschlossen; es brannte nur ein Licht auf dem Tisch. Dort blieb der Mann stehen.

»Der alte Salomon hat sich zum ersten Mal in seinem Leben verrechnet,« sagte er. »Wie ich Ihnen das Geld verweigerte und Sie mich fragten, ob Sie zu der Rebekka hinaufgehen dürften, glaubte ich, daß Sie das Mädel um das Geld drängen würden – ich hatt' es gehofft, denn leider hab' ich schon lange fühlen müssen, daß sie mehr an Ihnen hing, als ihr und mir gut war. Das aber hätt' sie curirt und es wär' aus und vorbei gewesen mit dem Baron und der Tochter des alten Juden. – Es ist anders gekommen. Die Liebe ist aufgeschlagen wie eine Flamme aus lodernder Scheune – und ob das ein himmlisches oder ein verderbliches Feuer wird – die Zeit muß es lehren.«

»Salomon – haltet Ihr mich für einen ehrlichen Mann?«

»Lieber Gott,« sagte der Jude, »wie haißt – Sie sind ein Baron und von altem Adel, und wie es einmal werden soll, der Herr da oben weiß es – doch es wird spät. Hier, Herr Baron,« fuhr er fort, indem er mit langsamen Zügen einen Wechsel ausfüllte, »Geld hab' ich nicht so viel im Haus – besonders kein Gold – aber das Papier hier, mit dem Namen vom alten Salomon darunter, ist in der ganzen Stadt so gut wie Gold. So, und hier auf den Zettel schreiben Sie: »von Isaak Salomon 200 Lujedor – schreibe zweihundert Lujedor mit fünf Procent Zinsen geborgt erhalten zu haben, bescheinigt« – und Ihren Namen darunter.«

»Salomon....«

»Es wird gleich sechs Uhr schlagen – wozu das viele Reden – wo ich mein eigenes Kind riskire – was liegt an dem Geld!«

»Ich werde Euch das nie vergessen!«

»Wär' mir auch nicht lieb,« nickte der Alte, indem er den rasch geschriebenen Schein gegen das Licht hielt und dann wegschloß. »Und jetzt leben Sie wohl! Warten Sie, ich lasse Sie gleich durch den Hof auf die Straße, vorn ist zu.«

»Mein lieber, braver Salomon!«

»Auf Wiedersehen, Herr Baron, auf Wiedersehen!«

Und der alte Mann drängte ihn selber hinaus auf die Straße; dann ging er zurück in den Laden, schloß den Geldschrank und schob den Schlüssel in die Tasche, löschte das Licht aus, kniete neben dem Stuhl, an dem er stand, nieder und betete da im Dunkeln, allein mit seinem Gott, heiß und brünstig.