8.
Der Familienball.

Am Mittwoch Abend war große Gesellschaft beim Staatsanwalt Witte, allerdings nicht zu dessen eigenem Vergnügen, denn er haßte nichts mehr auf der Welt – einen schlechten Proceß ausgenommen –, als derlei sogenannte Vergnügungen oder Festlichkeiten, die das eigene Haus schon auf drei, vier Tage vorher auf den Kopf stellen und jede eigene Bequemlichkeit aus dem Fenster werfen. Er hatte auch gewünscht, daß sie das Ganze in einem Hotel arrangiren möchten, wo sich nicht allein passendere Räumlichkeiten fanden, sondern auch die Leute darauf eingerichtet waren, und er dann Abends, nach überstandenem Genusse, augenblicklich wieder in seine alte Ordnung und Ruhe zurückkehren konnte. Es kostete allerdings eine Kleinigkeit mehr – und das vielleicht nicht einmal. Wenn man aber all' die Unruhe und Aufregung und die vielen fremden Leute rechnete, die man gezwungen war zur Bedienung in das Haus zu nehmen, so konnte das gar nicht in Betracht kommen. Er wurde jedoch im Familienrath überstimmt, denn Frau wie Tochter hatten es sich einmal in den Kopf gesetzt, die kleine Festlichkeit auch in den eigenen Räumen zu geben, selbst wenn diese etwas beschränkt waren.

Ein Hotel – dort war die Frau Staatsanwalt weiter nichts, als was ihr Titel besagte, aber nicht die Hausfrau, und Ottilie nicht die Tochter vom Hause. Man bewegte sich in fremden Sälen genau so, als ob man wo anders zu Gaste gewesen wäre, und viele der Eingeladenen wurden sich am Ende nicht einmal recht klar, wem sie die Einladung verdankten: dem, der die Karten geschickt, oder vielleicht einem Andern, für den er das nur besorgt hatte; ja, es konnte eben so gut eine »Actien-Gesellschaft« sein, wo sich Mehrere zusammengethan, um ihre Freunde und Bekannten einmal »abzufüttern.« Da lieber nicht – die Frau Staatsanwalt erklärte, daß sie ihrem Manne »den Gefallen gethan habe,« die Freunde zu sich zu bitten (sie hatte ihn nämlich bis auf's Blut gequält und immer wieder erinnert und gebohrt, bis sie seine Einwilligung bekam), nun aber wolle sie die Sache auch ordentlich in's Werk setzen, wie sich's gehöre, und nicht halb und stückweise.

Dabei blieb es natürlich, denn der Staatsanwalt war eben nur ein Anwalt, kein Richter, besonders in seinem eigenen Hause, und hatte dafür das Vergnügen, daß ihm schon zwei Tage vor dem eigentlichen Festabend sein Studirzimmer selber, aus Mangel an Raum, mit denjenigen Möbeln vollgepfropft und verstellt wurde, die aus dem Salon und anderen Nebenpiècen ausgeräumt werden mußten, um Platz für Seitentische und den Tanzraum zu schaffen. Er protestirte allerdings dagegen und behauptete thörichter Weise, daß er zu seinen Bücher-Regalen freien Zugang haben müsse, weil er nicht wissen könne, welches er gerade brauche; aber was half es ihm! Seine Frau bewies ihm, daß die Sache nicht anders zu arrangiren sei; er habe den Ball einmal gewollt, und nun müsse er auch die Folgen tragen. Mit einem Seufzer fügte er sich deshalb in das Unvermeidliche.

Witte's Unglück war, daß seine Frau für den Adel schwärmte. Sie behauptete selber, im vierten oder fünften Zweig ihres Stammbaumes aus einer edlen Familie abzuleiten, aus welcher eine ihrer Vormütter – Gott vergebe es ihr – einmal eine Mesalliance gemacht. Für sie hatte denn auch nur der Adel Werth, und sie begriff eigentlich manchmal in stillen Stunden selber nicht, weshalb sie einen Bürgerlichen geheirathet hatte. Witte mußte jedenfalls in seiner Jugendzeit zu unwiderstehlich gewesen sein, und an der Sache war auch überhaupt nichts mehr zu ändern. Aber sie suchte sich wenigstens ihre Umgebung am liebsten unter dem Adel auf, und ihr Lieblingsgedanke blieb immer der: ihre Ottilie doch jedenfalls wieder gesetzlich und berechtigt in die Kreise und den Rang einzuführen, aus dem jene besagte Vormutter freiwillig und leichtsinniger Weise ausgetreten, das heißt, sie an einen Baron zu verheirathen.

Die eingeladenen Gäste gehörten deshalb auch vorzugsweise diesem Stande an. Es war allerdings nicht zu vermeiden gewesen, einige bürgerliche Appellations-, Gerichts- und Justizräthe wie mehrere Collegen Witte's mit ihren Familien zu laden; aber adelige Namen, mit dem »von« jedesmal deutlich ausgeschrieben, glänzten hauptsächlich auf ihrer Liste, zu der sie sich denn auch vielleicht nur aus diesem Grunde bewogen gefunden, den alten Major von Halsen und Frau von Bleßheim hinzuzufügen. Sie brauchte Tänzer, also nicht den Major; aber der Major spielte vortrefflich l'Hombre, und dazu hatte ihn sich Witte für den Abend ausersehen.

Daß Lieutenant von Wendelsheim geladen war, verstand sich von selbst. Witte hatte allerdings gegen ihn protestirt; denn wenn er auch den Verdacht des Majors für zu vage erklärte, um ihm besonders viel Glauben zu schenken, war er doch in etwas mißtrauisch geworden und wollte eine nähere gesellschaftliche Bekanntschaft nicht provociren. Aber, lieber Gott, er hätte eben so gut von seiner Frau verlangen können, an dem Abend des Balls in einem Kattunkleide zu erscheinen! Er wurde mit Entrüstung abgewiesen, ja der Lieutenant erhielt eine der ersten Karten, und das Einzige, was der Rechtsanwalt erlangen konnte, war, noch einen Referendar von seiner Seite einzuschmuggeln.

In der Ausschmückung und Arrangirung des Gesellschaftsraumes war wirklich das Aeußerste geleistet, und die Zimmer sahen in der That gar nicht mehr so aus, als ob sie zu einer stets benutzten Familienwohnung gehörten. Da stand aber auch kein Sopha und kein Stuhl mehr auf seiner alten Stelle, und der Secretär mit der Commode friedlich in der Waschküche, während wieder Chiffonièren und Schränke einen Platz auf dem Trockenboden einnahmen und dort allerdings wunderlich genug aussahen. Selbst das Heiligthum der Schlafzimmer war nicht unangetastet geblieben, und als der Staatsanwalt Abends noch einmal hineinging, um seine etwas derangirte Frisur ein wenig in Ordnung zu bringen, fand er statt des sonst gewohnten Lagers an der nämlichen Stelle einen wahren Berg von Matratzen und Kopfkissen, die fast zu Manneshöhe aufgeschichtet lagen. Aber er sagte kein Wort; nur einen tiefen Seufzer stieß er aus, arbeitete sich dann zwischen den beiden Nähtischen seiner Frau und Tochter, die hier, wie in eifriger Unterhaltung begriffen, zusammenstanden, durch, kam zu seinem Waschtisch, beendete die gewünschte Operation und gelangte nach einiger Mühe wieder in's Freie und hinaus, wo er wenigstens Raum hatte sich zu bewegen.

Aber jetzt bekam er auch keine Zeit mehr, um ein finsteres Gesicht zu ziehen, ja, er mußte im Gegentheil lächeln und sehr liebenswürdig sein, denn die ersten Gäste langten eben an, und seine Frau war mit ihrer Toilette, die sie in der Tochter Zimmer beendete, richtig noch nicht fertig geworden – Damen werden das überhaupt selten. Sie hatte aber freilich auch noch bis zum letzten Augenblick so entsetzlich viel zu thun und anzuordnen gehabt, daß ihr nicht ein Moment für sich selber blieb. Sie wollte auch, wie sie meinte, an das Fest und die Unordnung im Hause denken, und so 'was passirte ihr nicht wieder, so lange sie ein Wort da hinein zu reden hätte.

Aber das war freilich in dem Moment Alles vergessen, wo sie den hellerleuchteten, ja, von Lichtern ordentlich strahlenden Saal betrat und nun nichts mehr hörte, als das Rauschen schwerer Kleiderstoffe und süß gelispelte Begrüßungsformeln, zwischen welche sich melodisch manchmal das Klirren von einem Paar Sporen oder einer Säbelscheide mischte.

Im Anfang ging das auch vortrefflich. Die ziemlich geräumigen Gemächer, von geputzten, fröhlichen Menschen belebt, sahen vortrefflich aus, und Alles schien sich außerordentlich behaglich zu befinden; aber mehr und mehr trafen ein – es waren doch, wie das ja oft geschieht, etwas mehr geladen, als man anfangs beabsichtigt hatte, und die Zimmer dabei ebenfalls nicht so groß, wie man gedacht. Aber es half jetzt nichts, es mußte gehen, und ging, und nur die Gruppen standen ein wenig dicht, und es hatte später einige Schwierigkeit, um einen Raum zum Tanzen frei zu bekommen. Dazu herrschte gleich von Anfang an, und durch die zahlreichen Lichter noch vermehrt, eine drückende Schwüle in den Räumen, so daß die Rouleaux beseitigt und die oberen Fenster geöffnet werden mußten, wonach sich wieder einige alte Herren und Damen über Zug beklagten. Allen Menschen kann man es aber doch nicht recht machen, und da sich das junge Volk bedeutend in der Majorität befand, setzte es seinen Willen durch.

Der Staatsanwalt hatte aber auch für sich etwas durchgesetzt, und zwar auf sehr schlaue Weise, nämlich ein Spielzimmer, das zugleich zum »Rauch-Coupé« dienen sollte. Dagegen – gegen das Rauchen nämlich – hatte die Frau Staatsanwalt sich mit Händen und Füßen gesträubt, obgleich sich ein vollkommen passendes Stübchen am Ende der Wohnung befand, das aber zu entfernt vom Speisezimmer lag, um zu anderen Zwecken zu dienen und von ihr in Anspruch genommen werden konnte. Das Stübchen war dabei nur einfach gemalt, und Ottiliens Mutter hatte ihren Mann lange deshalb gequält, es einmal tapezieren zu lassen, damit man es zu einem, wie sie sagte, »anständigen« Fremdenstübchen herrichten konnte. Der Staatsanwalt war aber aus verschiedenen Gründen nie darauf eingegangen, jetzt wurde er weich. Er versprach der Gattin Wunsch zu erfüllen, wenn es ihm an dem Abend zur Disposition gestellt würde, und wie er die Einwilligung erhielt, wurde augenblicklich der Tapezierer beordert, der in unglaublich kurzer Zeit die gemalte Wand mit einer Tapete überklebte; dann kamen drei Spieltische hinein mit den nöthigen Karten und Marken, und – Aschenbecher und Feuerzeuge mit zwei Kisten ausgesuchter Havannah-Cigarren. Jetzt sah er dem Kommenden ruhig entgegen; er wußte einen Platz, wo er untertreten konnte.

In der Gesellschaft bewegte sich indessen noch Alles ziemlich wirr und ungeordnet durcheinander, denn die Leute waren noch nicht recht mit einander bekannt geworden. Thee wurde herumgereicht mit Backwerk, aber man stand zu gedrängt, und wenn Jemand der einen Dame eine Verbeugung machen wollte, so gerieth er dabei einer andern auf die Robe und mußte sich wieder entschuldigen. Doch das regulirt sich zuletzt Alles von selber.

Wenn ein Schiff, zum Ueberlaufen mit Passagieren besetzt, in See geht, so glaubt man anfangs gar nicht, daß alle die Leute mit ihren zahllosen Koffern und Kisten ein Unterkommen darauf finden können; aber kaum einmal eine kurze Zeit in See, und sie werden so in einander geschüttelt, daß noch viel mehr darauf Platz gefunden hätten. Genau so ist es in Gesellschaft. Anfangs stehen sich die Leute alle im Wege und getrauen sich gar nicht, da oder dort hinüber zu rücken. Aber das dauert nicht lange, da gewinnen auch die Blödesten ihre freie Bewegung wieder, und nur erst einmal in Bewegung, und die Masse vertheilt sich aus eigenem Antrieb bald so zweckmäßig, daß sie sogar noch Raum für die hin und her gehenden Diener läßt.

Das Militär war besonders zahlreich vertreten, vorzüglich der Stand der Lieutenants, denn schon Hauptleute sind meist verheirathet und außerordentlich schwer zum Tanzen zu bringen, während ein Major nur in Ausnahmefällen springt. Lieutenant von Wendelsheim hatte sich denn ebenfalls pflichtschuldigst eingefunden, denn wenn er sich auch nicht gerade in der Stimmung fühlte, eben jetzt einer solchen Gesellschaft beizuwohnen, mochte er auch nicht unhöflich gegen eine Familie erscheinen, die sich ihm immer so freundlich und aufmerksam gezeigt. So leichtherzig, ja man könnte sagen, leichtfertig er sich aber auch sonst bei solchen Gelegenheiten benommen, so still und zurückgezogen hielt er sich heute, mischte sich fast gar nicht unter das rege Getümmel des jungen Volkes, sondern hielt sich fast einzig und allein zu der freundlichen Wirthin selber, die auch über diese Aufmerksamkeit entzückt schien und ihn mit ihrer Liebenswürdigkeit überschüttete.

Aber das junge Volk ließ nicht lange Ruhe. Ein kleines Gerüst war für die Musici aufgebaut worden, und einige von diesen hatten sich dort sehen lassen, um ihre Instrumente einzustellen. Ein paar Geigenstriche, der Stimmung wegen, wurden dabei unvermeidlich, und der scharfe Ton derselben wirkte wie ein Zauber auf die Tanznerven der Gesellschaft.

Zuerst wurden die jungen Damen unruhig und fingen an zu flüstern und zu zischeln, dann wagte einer oder der andere der jungen Herren den allerdings lauten, aber doch aus sicherem Versteck hervorgestoßenen Ruf: »Musik!« so daß man nicht genau bestimmen konnte, von welcher Ecke er eigentlich zuerst erschallte. Da aber Ottilie selber bei der Sache interessirt war und gewissermaßen als Vice-Hausfrau fungirte, so wußte sie die Musici bald auf die Tribüne zu bringen, und erst einmal dort, verstand es sich von selbst, daß sie ihre Instrumente in Thätigkeit setzten.

Eigentlich hatte die Frau Staatsanwalt bestimmt gehabt, daß der Tanz erst nach dem Essen beginnen sollte; aber was half ihre kalte Berechnung an einem so heißen Abend. Die Leidenschaft siegte, und während der Staatsanwalt selber sich seine Mannschaft für das Rauch-Coupé zusammensuchte und dadurch ebenfalls dafür sorgte, daß ein wenig mehr Raum wurde, fing das junge Volk schon an, sich im Kreise zu drehen.

Wendelsheim hatte dabei schon aus schuldiger Artigkeit die Tochter des Hauses zum ersten Tanze engagirt und keinen Korb bekommen, und Paar an Paar schloß sich dem lustigen Reigen an, während es der Staatsanwalt dagegen lange nicht so leicht fand, die Spieltische zu besetzen. So gern nämlich viele Leute spielen, haben sie auch nur zu häufig den Aberglauben dabei, daß sie sich müssen dazu nöthigen lassen, um nachher zu gewinnen. Aber es gelang trotzdem, und er brachte, während er sich selber für das l'Hombre mit dem Major und dem Justizrath Bertling engagirte, noch eine Whist- und eine Skat-Partie zusammen, wobei sich dann noch etwa zehn oder zwölf ältere Herren der Hitze und dem Gewirr der anderen Zimmer entzogen, um hier in aller Gemüthlichkeit dem Spiel zuzusehen und dabei ihr Glas Wein zu trinken und eine Cigarre zu rauchen. Sie hätten es sich nicht besser wünschen können.

Der alte Major war ein ungemein eifriger l'Hombrespieler und vergaß merkwürdiger Weise von dem Moment an, wo er am Kartentische saß, seine ganze Krankheit und sein sonstiges Elend. Zu anderen Zeiten stöhnte und jammerte er den ganzen Tag bald über dies, bald über das, was ihn im Körper quälte und peinigte. Jetzt stöhnte er allerdings auch – denn das war ihm nun einmal zur andern Natur geworden, und er konnte es eben nicht mehr lassen –, aber keineswegs über irgend ein Krankheits-Symptom, sondern nur einzig und allein über schlechte Karten, die er, wie er äußerte, immer unter der Würde bekam. Außerdem aber verläugnete er auch beim Kartenspiel seine sonstige Unausstehlichkeit nicht und hatte bald da, bald dort etwas auszusetzen; aber er spielte sehr gut, und man ließ es sich deshalb gefallen.

So hatten die Herren, während im Saale schon flott getanzt wurde, ein paar Stunden etwa gesessen, als die Frau Staatsanwalt selber einmal hinüberging, um ihrem Gatten anzuzeigen, daß gegessen werden könne und die Herren ihr Spiel auf kurze Zeit unterbrechen möchten. Sie öffnete auch vollkommen athemlos die Thür, blieb aber wirklich vor Entsetzen wie festgebannt auf der Schwelle stehen, als ihr eine fast undurchsichtige blaue Dampfwolke entgegenquoll, in der sie nur in höchst unbestimmten Umrissen einzelne sitzende und stehende Gestalten erkennen konnte.

»Herr Du meine Güte!« rief sie ordentlich erschreckt aus. »Dietrich, wo bist Du denn?«

»Hier, mein Kind,« sagte der Verlangte, indem er sich wie ein graues Nebelbild aus dem Qualm emporhob, oder vielmehr damit in die Höhe zu steigen schien.

»Aber weshalb, um Gottes willen, öffnen Sie denn kein Fenster? – ich begreife gar nicht, daß Sie noch im Stand sind, die Karten zu sehen!«

»Das hätten wir allerdings thun können,« lächelte der Staatsanwalt verlegen, »aber wir waren so in unser Spiel vertieft....«

»Und dürft' ich die Herren bitten, hinüber zum Essen zu kommen – es ist Alles bereit.«

»Sehr wohl, gnädige Frau! – Den Augenblick! – Letztes Spiel!« und mehrere andere derartige Ausrufe antworteten ihr, während die Frau Staatsanwalt scheu wieder zurückwich und die Thür hinter sich schloß, denn in der Atmosphäre konnte sie nicht existiren, der Tabaksgeruch hätte sich ihr ja in Kleidern und Locken festgesetzt.

Begonnene Partien wurden jetzt beendet und, da der Tabaksqualm auch einmal erwähnt worden und die Herren darauf aufmerksam gemacht waren, auch die Fenster geöffnet. Dann bereitete man sich vor, um hinüber in den Speisesaal zu gehen. Die l'Hombre-Partie war am ersten aus und das Dreiblatt aufgestanden. Der Justizrath trat noch zu einem andern Tisch, als der Major den Staatsanwalt unter den Arm faßte und etwas mit sich bei Seite führte.

»Wissen Sie, Staatsanwalt, daß ich wieder auf einer neuen Spur bin?« sagte er dabei leise.

»Spur? Wohin?« sagte Witte, der noch das letzte Spiel im Kopfe hatte, das er mit den brillantesten Karten verloren.

»Nun, in der Wendelsheim'schen Sache.«

»Mein lieber Herr Major,« erwiederte der Jurist, »ich fürchte, Sie geben sich, mit anerkennenswerther Thätigkeit, da ganz vergebene Mühe; denn Sie werden zuletzt finden, daß Sie auf Ihrer neuen Spur, genau wie auf der alten, nur auf einem Holzweg sind. Die Sache ist eben ungreifbar, sie bietet nirgends einen Halt, denn Alles, was wir bis jetzt davon erfahren haben, sind eben weiter nichts als Verdachtgründe und vage Vermuthungen, und damit dürfen wir nicht arbeiten. Bringen Sie mir einen haltbaren Beweis, nur einen einzigen, dann überlassen Sie das Andere mir; denn wenn man erst das eine Ende von einem Faden hat, findet man auch das andere. Aber sonst will ich mit der Geschichte nichts weiter zu thun haben, schon des jungen Mannes selber wegen, der sogar in diesem Augenblick mein Gast ist.«

»Hol' ihn der Teufel!« knurrte der Major. »Er ist so wenig ein Baron von Wendelsheim, wie Sie und ich....«

»Wollen wir nicht zum Essen gehen? Die Herren scheinen ihr Spiel beendet zu haben.«

»Und ich setz' es doch durch,« sagte der Major, der, störrisch wie viele alte Leute, sich einmal auf den Gedanken verbissen hatte und nun mit menschlichen Mitteln nicht wieder davon abzubringen war. »Ich bin kein Advocat, aber ich wollte, ich wäre einer geworden; denn wenn irgend ein Haken an der Sache zu finden ist, ich finde ihn, Staatsanwalt, ich finde ihn – soll mich der Teufel holen!«

Der Staatsanwalt war froh, daß er Gelegenheit bekam, sich von der ihm lästig werdenden Unterredung zu befreien, und jetzt verschlang auch der Zug der in die Eßzimmer strömenden Menschen jedes weitere Gespräch, denn das wogte nur so herüber und hinüber und erforderte die ganze Aufmerksamkeit und Umsicht der Hausfrau, Allen nicht allein ihren Platz, sondern sogar ihren bestimmten Platz anzuweisen. Frau Staatsanwalt Witte war ihrer Aufgabe aber auch vollkommen gewachsen; sie hatte viel unternommen, aber nicht zu viel, und nach kaum einer Viertelstunde, wobei sich das junge Volk besonders gut amüsirte, wenn es ein wenig herüber und hinüber gestoßen wurde, fand sich die Gesellschaft wirklich untergebracht, und die Lohndiener konnten jetzt ungehindert in den Gängen hin und wieder schießen, um die verschiedenen Speisen herum zu reichen.

Ottilie war glücklich heute Abend – Lieutenant von Wendelsheim, den sie aber ausnahmsweise still und schweigsam fand, während er sonst gar nicht genug erzählen und plaudern konnte, hatte sich fast ausschließlich den ganzen Abend durch mit ihr beschäftigt und sie dann natürlich auch zu Tisch geführt. Sie saß jetzt neben ihm und mußte sich gestehen, daß ihm der Ernst viel besser stand, als das frühere, etwas fahrige Wesen. Ein wenig galanter freilich hätte er schon sein können, und sie erinnerte sich nicht, daß er ihr an dem ganzen Abend auch nur ein paar aufmerksame Worte über ihre gewiß brillante Toilette gesagt, und beim Tanze selber – das fiel ihr eigentlich jetzt erst auf – schien er ganz vergessen zu haben, ihr seine Bemerkungen über den Putz anderer Damen, worüber sie sich sonst so amüsirt, mitzutheilen. Er war wirklich heute wie ausgewechselt. Nicht einmal von seinem Fuchs hatte er gesprochen; Ottilie mußte ihn erst daran erinnern, und dann wußte er so gut als gar nichts über ihn zu sagen. Wenn sie nur im Stande gewesen wäre, heraus zu bekommen, was eine solche Veränderung bei ihm hervorgebracht – es wäre so interessant gewesen!

Ottilie war aber wirklich an dem Abend vollkommen zwischen das Militär gerathen, denn an ihrer andern Seite hatte sie noch einen Lieutenant, und dieser wußte in der That, über was er sich unterhalten sollte, denn er ließ das Gespräch mit seinen beiden Nachbarinnen auch nicht einen Augenblick stocken.

»Sage Ihnen, mein gnädiges Fräulein,« schnarrte er, »pompös heut' Abend, auf Ehre – wüßte nicht, wann mich so trefflich amüsirt hätte – à propos, haben himmelblauen Aufsatz von Frau Professor Nestewitz schon entdeckt? Himmlisch, im wahren Sinne des Worts – genau so, wie Kolibri auf Klatschrose!« und in dieser Art weiter. Ottilie gerieth auch dadurch ein paarmal ziemlich in Verlegenheit, denn eine Verwandte gerade jener etwas auffällig gekleideten Professorin saß gar nicht so weit von ihnen entfernt und hätte eigentlich das Ganze hören können, und ihr vis-à-vis war mit der Dame ebenfalls bekannt. Der Sohn des Mars schien aber einmal im Gang und nicht aufzuhalten, und überfluthete seine beiden schönen Nachbarinnen unaufhörlich bald mit solchen ziemlich rücksichtslosen Beobachtungen, bald mit den überschwänglichsten Schmeicheleien.

»Sagen Sie, Herr Lieutenant,« wandte sich endlich Ottilie, als sie nur einen Augenblick Luft bekam, an ihren Nachbar zur Linken, denn sie war entschlossen, in der Sache etwas klarer zu sehen, »weshalb sind Sie eigentlich heute so einsilbig? Fehlt Ihnen etwas, oder – noch schlimmer – langweilen Sie sich?«

»Aber, mein gnädiges Fräulein, das ist ungerecht von Ihnen,« sagte Wendelsheim freundlich, »mir auch nur fragweise einen solchen Vorwurf zu machen, denn es wäre schlimmer als undankbar, wenn das an Ihrer Seite der Fall sein könnte.«

»Also fehlt Ihnen etwas?« sagte Ottilie leicht erröthend, denn das Wort »Ihrer« war mit besonderer Betonung gesprochen worden.

»Auch das nicht,« lächelte Wendelsheim ausweichend. »Wie wäre das auch möglich? Wir schwelgen ja hier im Ueberfluß.«

»So meinte ich es nicht,« sagte Ottilie, die fest entschlossen schien, ihren Nachbar nicht so leichten Kaufs davon zu lassen. »Fühlen Sie sich vielleicht nicht wohl, oder drückt Sie ein geheimer Kummer?«

»Habe ich mich wirklich so ungeschickt benommen, daß ich in den Verdacht kommen konnte?« fragte der Lieutenant.

»Ungeschickt? O, gewiß nicht, Herr von Wendelsheim!« sagte Ottilie rasch. »Aber ich weiß nicht, der Ausdruck in Ihren Zügen kam mir so – wie soll ich nur sagen – so gedrückt, so wehmüthig vor, und ein paarmal, wenn Sie sich unbemerkt glaubten, starrten Sie so düster vor sich nieder. Sie haben doch sicher und gewiß keine Ursache, traurig zu sein?«

»Und woher wissen Sie das, mein gnädiges Fräulein?« sagte Wendelsheim, indem er ihr so voll in die Augen sah, daß sie die ihrigen verwirrt abwandte. »Wie mancher Mensch hat wirklich einen geheimen Kummer, in dem ihm entweder kein Anderer beistehen kann, oder wo er es wenigstens glaubt, die ganze Sorge auch vielleicht nur eingebildet ist, und er trägt sie nur eine Zeit lang mit sich herum und hegt und pflegt sie, bis er einsieht, daß Alles, was er bis dahin für ein Unglück gehalten, der Vorbote seines Glückes gewesen...«

Ottilie erröthete tief. »Ich will gewiß wünschen,« sagte sie endlich, »daß das auch bei Ihnen der Fall ist; mein anderer Nachbar scheint aber keinen solchen Kummer zu haben, denn er plaudert frisch von der Leber weg.«

»Glückliche Menschen,« sagte Wendelsheim, »weil sie ihre eigene Unbedeutendheit nicht fühlen; denn wenn sie einmal zur Selbsterkenntniß kämen, wäre es vorbei – gerade wie bei mir.«

»Also das wäre Ihr Kummer?« lächelte Ottilie. »Da ist es doch ein wahres Sprichwort, wenn man sagt: »Wer keine Sorgen hat, macht sich welche, oder er ist nicht zufrieden.«

»Ah, reden Sie von Sorgen?« fiel hier der unverwüstliche Nachbar ein, der das Wort aufgefangen haben mußte. »Famoser Gedanke das, hier bei diesem lucullischen Mahl und bei dem Wein von Sorgen zu reden! Halten wohl meinem Kameraden da drüben eine kleine moralische Vorlesung? Sehr liebenswürdig, meine Gnädige, denn ich fürchte fast, er kann sie nothwendig gebrauchen.«

»Ich dürfte sie dann vielleicht zwischen den beiden Herren vertheilen?« lächelte Ottilie, die ihn gern bei dem Gedanken lassen wollte.

»Bitte unterthänigst, meine Gnädige,« sagte abwehrend der junge Officier – »kriegen Nasen genug auch ohne das – auf Ehre! Wäre auch rein weggeworfene Müh' – gründlich verloren gegangene Zerknirschung verduftet, vollständig verduftet, und nichts übrig geblieben, als namenlose Seligkeit und Verzückung – auf Ehre! Schwimme in einem wahren Taumel von Wonne, und wäre grausam, daraus zu wecken!«

Mit dem jungen Mann war kein ernstes Wort zu reden, noch weniger ein vernünftiges, das fühlte Ottilie recht gut, und da dessen Nachbarin sich, vielleicht ebenfalls des Geschwätzes müde, zur andern Seite gewandt hatte, so blieb ihr, als Tochter vom Hause, nichts weiter übrig, als ihn artig anzuhören.

So verging die kurze, einer leiblichen Stärkung gewidmete Zeit, denn die jungen Damen, die überhaupt bei solchen Gelegenheiten, sehr zum Aerger älterer Herren und Damen, nur sehr wenig essen und fast gar nichts trinken, fingen schon wieder an unruhig zu werden und winkten Ottilien zu – wo das irgend unbemerkt geschehen konnte –, doch so bald als möglich nur die Tafel aufzuheben.

Ottilie zögerte noch, denn sie wußte nicht, ob es ihrem Vater recht wäre, der solche Gelegenheiten selten und nur höchst ungern zu kurz abbrach. Die jungen Dämchen, überhaupt erfinderisch in solchen Dingen, wußten aber ein anderes Mittel, das sich auch als vollkommen probat bewährte. Eine von ihnen flüsterte nämlich dem nächsten Lohndiener, bei dem sie ein Glas Wasser bestellt hatte, zu, die Musici aufzufordern, einen Galopp zu spielen, und kaum erklangen die verführerischen Töne, als auch kein Halten mehr in der Gesellschaft war. Der ältere Theil derselben sträubte sich allerdings noch und wollte Stand halten, aber unter dem Tisch trippelten schon die kleinen Füße den Tact zu der so lange ersehnten Melodie, und von da und dort her ertönte das verrätherische und zündende Geräusch eines heimlich gerückten Stuhles. Da glaubte der Staatsanwalt durch ein verzweifeltes Mittel die Tafel noch etwas zu verlängern – er wollte einen Toast ausbringen, räusperte sich und stand auf. Wie er aber nur den Stuhl zurückschob, war es, als ob ein Funke in ein Pulverfaß geflogen. Im Nu folgten zwei Drittheile der Gesellschaft seinem Beispiel; er wollte an ein Glas anschlagen, sah sich aber schon in den Strudel hineingerissen. Noch hielt er das Messer in der Hand, aber von allen Seiten preßten die jungen Damen auf ihn ein und wünschten ihm gesegnete Mahlzeit, und die Herren drückten ihm die Hand. Es war eben nichts zu machen, er mußte es aufgeben und trat mit dem demüthigenden Gefühl zurück, sich an seinem eigenen Tisch nicht einmal satt gegessen zu haben.

Jetzt war aber kein Halten mehr. Die jungen Herren, Militär wie Civil, griffen selber mit zu, um die Tische und Stühle bei Seite zu schaffen, das Dienstpersonal konnte kaum schnell genug das Geschirr retten, daß es nicht mit in die Verwirrung hineingerieth, und in unglaublich kurzer Zeit war, wenigstens im Saale selber, die Ordnung wieder so weit hergestellt, daß die Paare zum neuen Tanze antreten konnten.

Das war aber auch das Signal für die älteren Herren gewesen, sich wieder zu einer Tasse Kaffee und Cigarre in das kleine Hinterstübchen zurückzuziehen und ihr Spiel fortzusetzen, denn daß das junge Volk davon nicht so bald müde werden würde, ließ sich voraussehen.

Dort in dem Stübchen fanden sie aber eine Heidenverwirrung vor, denn die Frau Staatsanwalt hatte befohlen, sobald die Herren den Raum verlassen würden, sämmtliche Fenster ebenso wie die Thür zu öffnen, damit der Qualm einen Abzug finde und die Luft gereinigt würde. Das war auch in der That gründlich geschehen; aber der heftige Zug, der dadurch entstand, hatte sämmtliche Karten von den Tischen hinabgefegt und unter einander geworfen, so daß es einige Mühe kostete, um sie wieder in Ordnung und spielfähig zu bekommen.

Als Witte noch einmal zur Küche zurückging, um von dort einen der dienstbaren Geister einzufangen, der unter die Tische kriechen und die Karten auflesen konnte, hörte er von da her ein schallendes Gelächter und fand, als er, neugierig gemacht, hineinsah, den Schuhmacher Heßberger mitten in der Küche, wie er dort, mit einem Glas Wein in der rechten erhobenen Hand, aufrecht stand und eine Rede hielt.

»Bitte tausendmal um Escüse, Herr Geheimer Staatsanwalt,« sagte der Schuhmacher, wie er nur seiner ansichtig wurde, und machte eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung, »daß Sie uns hier in einer kleinen Conservation treffen! Da ich aber gerade ein Paar Schuh' für das unterthänigste Fräulein Tochter gebracht habe, so sagte die Frau Geheime Staatsanwalt, ich möchte so frei sein und ein Glas Wein auf ihr Wohl leeren, und das wollten mit Dank begründen....«

»Schon gut, Heßberger,« sagte der Staatsanwalt; »haltet mir nur hier die Leute jetzt nicht von der Arbeit ab, denn sie haben gerade viel zu thun. Franz, springen Sie einmal hinüber in's Spielzimmer und suchen Sie die heruntergewehten Karten mit auf!« Damit drehte er sich ab und schritt dem kleinen Zimmer wieder zu.

Im Saale wurde indessen flott getanzt, und Wendelsheim hatte natürlich zu dem ersten Galopp wieder seine Tischnachbarin aufgefordert. Ottilie war dann von ein paar anderen Herren zu den nächsten Tänzen engagirt worden, und der junge Officier benutzte die Gelegenheit, sich auf einen der Stühle zurückzuziehen und dem Vergnügen eine Weile ausruhend zuzusehen. Er war nicht in der Stimmung, selber große Freude daran zu finden.

Jetzt schwebte Ottilie an ihm vorüber, und ein freundliches Lächeln glitt über ihre Wangen, als ihr Blick den seinen traf. Er tanzte nicht, weil sie nicht mit ihm tanzen konnte – er war wirklich zu liebenswürdig! Und doch, welch andere Gedanken zuckten ihm durch den Sinn! »Merkwürdig,« dachte er, als sie, noch immer lächelnd, im Tanze ihr Gesicht so drehte, daß er das Profil zu sehen bekam, ob sie nicht Aehnlichkeit mit Rebekka hat? Ganz die leise gebogene Nase und die schwellenden Lippen; nur der seelenvolle Ausdruck der Augen, nur das reizende Grübchen im Kinn fehlen ihr; auch ihr Teint ist lange nicht so zart und weiß, das Haar nicht so üppig und natürlich gelockt. Er konnte sich nicht helfen: sein Blick mußte sie immer und immer wieder suchen, und so vertieft war er in den Gedanken, daß er nicht einmal bemerkte, wie er dabei sowohl von Ottilien als ihrer Mutter beobachtet wurde. Er vergaß sich selber, und die Gedanken flogen hinüber zu dem kleinen sonnigen Stübchen in der Judengasse, zu dem Instrument dort und seiner Sängerin, und die Gestalten vor ihm bewegten sich im Tacte der Musik wohl sichtbar, aber ungesehen vor seinen Augen.

Wie aus einem wachen Traum fuhr er auch empor, als er plötzlich seinen Namen genannt hörte und Ottilie vor sich sah, die ihm lächelnd und erröthend eine Verbeugung machte. Es war zum Cotillon angetreten, und die Damen forderten ihre Tänzer selber auf. Was er sprach – er wußte es selber nicht; er fühlte wohl, daß er blutroth dabei wurde, aber ein verlegener Lieutenant ist schon an und für sich interessant, und Ottilie führte ihre Beute im Triumph den Reihen zu.

Es war spät geworden, und der Cotillon, der mit seinen mannigfachen Variationen über eine Stunde dauerte, näherte sich seinem Ende. Aeltere Damen, die als Ehrengarde mit ihren Töchtern oder Nichten hergekommen und in irgend einer Ecke, »des langen Harrens müde,« sanft entschlummert waren, wurden von ihren Nachbarinnen geweckt und rafften sich, wie sie nur erst einmal wieder begriffen, wo sie waren und was man von ihnen wollte, mit einem »Gott sei Dank – beinah' wär' ich eingeschlafen!« zusammen. Einzelne Paare und Gruppen hatten sich schon entfernt; auch die Spielpartie war bei so vorgerückter Zeit aufgebrochen, obgleich sie keine Störung von der Frau Staatsanwalt mehr zu fürchten brauchte.

Draußen in der Garderobe suchten junge, decolletirte Damen nach ihren Mantillen, und junge Herren drückten mit Lichtern umherwartenden Dienstmädchen warm getanzte Zehngroschenstücke in die Hände. Jetzt verstummte aber die Musik, und Wendelsheim, bis zuletzt beschäftigt, empfahl sich der freundlichen Wirthin und ihrer Tochter, und war dabei so herzlich und unbefangen, und drückte der Frau Staatsanwalt so »bedeutungsvoll« die Hand, und schüttelte die des Staatsanwalts selber so ausnehmend dankbar, und küßte die Ottiliens so zart und ehrfurchtsvoll – es war ordentlich, als ob er auf zeitlebens Abschied genommen hätte. Wie er aber das Haus verließ, huschte Ottilie, ihrer fast unbewußt, in ihr jetzt dunkles Schlafzimmer, um zu sehen, ob sie nicht noch einmal seinen Schatten unten auf der Straße erkennen könne. Dort kam er – er ging quer über den Weg – ob er wohl noch einmal stehen blieb und heraufsah? Wahrhaftig, dort hielt er mitten im Fahrwege – er schaute sich gewiß nach den erleuchteten Fenstern um und suchte sie. Jetzt blitzte etwas – es war ein Funken, der stärker zu glimmen anfing. Ottilie ließ enttäuscht die Gardine fallen – er zündete sich eine Cigarre an. – Das abscheuliche Rauchen!

9.
Am andern Morgen.

Am nächsten Morgen fand sich der Staatsanwalt zu seinem Leidwesen viel früher geweckt, als ihm lieb war; denn die Nachwehen des gestern Abend erduldeten Festes mußten jetzt erst in allen Stadien durchgekostet werden – und es wurde ihm nichts geschenkt oder erspart.

Hauptursache des so frühen Alarmirens war natürlich die Nothwendigkeit, das Logis wieder in Ordnung zu bringen, ehe der übliche Besuch an dem Morgen kam, und wenn der müde Hausvater auch meinte: »Der Besuch solle zum Teufel gehen,« so wußte seine Frau doch besser, was sich schicke, und handelte danach. Dienstleute waren deshalb auch schon auf sieben Uhr früh bestellt worden, um die verschiedenen ausgestreuten Möbel wieder an ihre alten Plätze zu schaffen; zu gleicher Zeit mußten die sämmtlichen Stuben natürlich – ohne Ausnahme – naß aufgewischt und wo nöthig gescheuert werden, zu welchem Zwecke eine Anzahl von alten Weibern schon seit sechs Uhr früh, mit aufgestreiften Aermeln und sackleinene, nasse Schürzen vor, auf den Knieen herumrutschten und dabei die Familienverhältnisse ihrer Bekanntschaft besprachen.

Das aber verstand sich, als unausbleibliche Folge eines solchen Genusses, von selbst, und der Staatsanwalt hatte es voraus gewußt, ja es sogar als Schreckbild – freilich vergeblich – seiner Ehehälfte schon früher vorgehalten und gewissermaßen prophezeit. Was er aber nicht gewußt hatte, das waren die »unvorhergesehenen Fälle,« die bei derartigen Gelegenheiten nie ausbleiben und dann im Stande sind, den sonst ruhigsten Menschen zur Verzweiflung zu treiben.

Vier silberne Löffel fehlten und der schwere Deckel der silbernen Zuckerdose mit einem massiven Engel darauf, der ein flammendes Herz in der Hand hielt. Außerdem war ein Stück aus einer der guten Porzellanschüsseln, mit blau und goldenen Streifen, ausgebrochen, drei englische Gläser lagen ohne Fuß auf dem Küchentische, und die Fruchtschale von Krystall – ein Leibstück der Frau Staatsanwalt, denn sie hatte es erst zur Feier ihres Hochzeitstages im vorigen Jahr bekommen – war rettungslos geborsten und konnte jeden Augenblick auseinandergehen.

Außerdem fehlten sechs Flaschen Wein; sie hatte sie selber herausgegeben, gezählt und aufgeschrieben, und wenn sie getrunken worden wären, wie das freche Geschöpf, die Köchin, behauptete, so hätten doch wenigstens die leeren Flaschen oder selbst deren Scherben da sein müssen. Aber Gott bewahre – keine Spur davon, und sie wußte wohl, wer sie fortgetragen, denn umsonst war sie nicht schon ein paarmal im Dunkeln unten im Hausflur an einen langen Soldaten angestoßen, den sein Hauptmann doch sicher nicht dahin auf Posten gestellt hatte.

Und was nun außerdem von eßbaren Dingen fortgeschleppt worden, wollte sie gar nicht einmal rathen, denn das heilige Abendmahl konnte sie darauf nehmen, daß die Nußtorte zum Beispiel zur großen Hälfte noch vom Tisch abgetragen sei, und jetzt lagen nur noch zwei dünne Stücke auf dem Porzellanteller – und selbst auf denen fehlte das Eingemachte oben.

Aber das Alles verschwand trotzdem in dem einen Gefühl der Entrüstung über den Silberdieb und der gänzlichen Rathlosigkeit, wie man desselben habhaft werden sollte – denn wer unter all' den fremden Dienstleuten war es gewesen?

Mit dieser Nachricht wurde der Staatsanwalt auch geweckt. Er lag noch und schlummerte sanft, trotzdem daß die Nebenstube schon unter Wasser gesetzt war und die Thür eben abgescheuert wurde. Sein Morgengruß lautete:

»Weißt Du's schon, Dietrich? – vier silberne Eßlöffel und den Deckel zu der Zuckerdose, mit dem Amor, haben sie uns gestohlen, und die große gute Schüssel ist zerbrochen und die Krystallvase – vier englische Gläser und die Teller habe ich noch nicht einmal gezählt; die Maiweinbowle klingt mir ebenfalls verdächtig, wenn die nur nicht auch 'was gekriegt hat!«

»Gott sei mir gnädig,« sagte der Staatsanwalt, indem er sich, noch schlaftrunken, im Bett emporrichtete, »der Tag fängt gut an! Aber – scheuern sie denn hier die Schlafstube?«

»Nein, das ist nebenan – denke Dir nur...«

»Ich will Dir etwas sagen, Therese,« unterbrach sie der Staatsanwalt, indem er nach der neben seinem Bett liegenden Uhr sah und dazu mit dem Kopf schüttelte, »wenn Du mir nicht den ganzen Morgen verderben willst, so sei so gut und laß mich vorher aufstehen und besorge mir eine Tasse Kaffee; nachher wollen wir dann in Ruhe...«

»Ja, Kaffee,« sagte die Frau, »wir haben noch gar kein Feuer in der Küche – das sieht ja Alles aus wie Sodom und Gomorrha, und muß doch erst gereinigt und aufgewaschen werden; aber vier silberne Eßlöffel fehlen, noch dazu von den schwersten, und der Deckel von der Zuckerdose ist ebenfalls fort. Wenn da die Polizei nicht einschreitet, wozu ist sie denn da?«

Der Staatsanwalt erwiederte kein Wort; er seufzte nur aus tiefster Brust und streckte das eine Bein aus dem Bett, wonach seine Frau ihm denn wenigstens gestattete, sich unbelästigt ankleiden zu können. Durch die Thür rief sie ihm aber noch zu:

»Zieh' Dir nur auch gleich die Stiefel an, Dietrich; Du mußt unverweilt auf die Polizei und die Anzeige machen – so 'was ist ja noch gar nicht erlebt worden!«

»Das ist recht,« murmelte der Staatsanwalt vor sich hin, indem er seine verschiedenen Leiden, aber mit einer gewissen Resignation, aufsummirte: »Morgens vor Tag aufstehen, Stuben scheuern, keinen Kaffee, Silber gestohlen, Geschirr zerbrochen, Waschtisch mit Nähtischen verbarrikadirt, Stiefel anziehen und auf die Polizei laufen – na, an das Vergnügen will ich denken!«

Der Ausgang auf die Polizei diente übrigens doch als Rettung aus diesem Heidenwirrwarr der eigenen Wirthschaft. Vor allen Dingen ging er, nachdem er sich angezogen, in das nächste Hotel und trank dort im Speisesaale, bei offenen Thüren und Fenstern, wobei alle Stühle auf den Tischen standen und zwei Stubenmädchen einen furchtbaren Staub mit Auskehren machten, seinen Kaffee. Dann machte er die Anzeige der gestohlenen Sachen in der festen Ueberzeugung, daß die Polizei eben so wenig über den Diebstahl herausbekommen würde, wie er selber, und nachher lief er hinaus auf die Promenade und rauchte seine Cigarre – was sollte er jetzt in seiner Wohnung thun? Dort fing ihn Rath Frühbach ab und erzählte ihm sehr interessante Geschichten: eine von einem Gummischuh, den er einmal nicht anbekommen hatte, aber nachher doch noch – von seinem Zusammentreffen mit dem früheren Handelsminister, der so geheimnißvoll gethan hatte, daß er gleich merkte, es müsse etwas vorgefallen sein – von einer berühmten Sängerin, mit welcher er einmal zufällig in einer Droschke vom Bahnhofe gefahren – von seinem Schneider, den er abgeschafft und wieder angenommen hätte, und noch mehrere andere Erlebnisse, bis der Staatsanwalt endlich aus blanker Verzweiflung eine Droschke anrief und irgend ein Haus in einer entfernten Straße nannte, nur um Ruhe für seine Gehörwerkzeuge zu bekommen.

In seiner Wohnung herrschte indessen die Thätigkeit eines Bienenschwarmes, und die Frau Staatsanwalt, darin besonders tüchtig und erfahren, setzte es auch durch, sie bis elf Uhr Morgens wieder wie ein Puppenstübchen hergestellt zu haben. Es roch allerdings noch ein wenig darin nach Seife, und ein feuchter Dunst lag auf dem Ganzen; aber es war doch Alles wieder rein und stand auf seiner Stelle – die Studirstube ihres Mannes ausgenommen. Aber die hatte noch Zeit, da ja dort Niemand hineinkam, als er selber. Die Schreiber nebenan saßen indessen schon wieder auf ihren Drehstühlen und copirten und excerpirten nach Herzenslust.

So war es zwölf Uhr geworden und richtig schon hier und da ein Besuch gekommen, der sich erkundigte, wie man geschlafen hatte und ob der gestrige Ball gut bekommen wäre. Bei den Meisten war dies auch nur eine leere Höflichkeitsform, aber es füllte doch die Zeit aus, und das ist bei vielen Menschen schon von großem Werth. Die Unterhaltung der Frau Staatsanwalt drehte sich jedoch an diesem Morgen so ausschließlich um das Thema der Schlechtigkeit der jetzigen Menschen im Allgemeinen und silberne Löffel und Zuckerbüchsendeckel insbesondere, daß Ottilie, der die ewige Wiederholung langweilig zu werden anfing, die jüngeren Damenbesuche in ihr eigenes Zimmer nahm – nur die Herren wurden bei Mama empfangen.

Gegen ein Uhr trat eine kleine Pause ein; die Frau Professor Nestewitz war allein noch da und zeigte, da sie selber in der vorigen Woche den Verlust dreier Theelöffel zu beklagen gehabt, ein so warmes Interesse an der Sache und so tiefe Entrüstung, daß sie die Frau Staatsanwalt, als sie Abschied nahm, bis an die Treppe begleitete und dort die Angelegenheit noch einmal von vorn und gründlich durchnahm.

Ottilie war allein im Zimmer, als sie hörte, wie das Mädchen einen neuen Besuch brachte. Es war ein männlicher Schritt, und ihr Herz klopfte ein wenig – Lieutenant von Wendelsheim hatte auch gar so lange auf sich warten lassen; als sie sich aber der Thür zuwandte, erschien nicht der Erwartete, sondern Fritz Baumann auf der Schwelle, und zwar hielt er den Thermometer in der Hand, den er schon vor einiger Zeit zur Reparatur erhalten. Uebrigens konnte es ihr nicht entgehen, daß er heute anders aussah als gewöhnlich, denn er war nicht in seinen Arbeitskleidern, sondern in einem dunkeln, saubern Anzug, der ihm vortrefflich stand.

Fritz Baumann war überhaupt ein ganz hübscher Bursche – oder Bursche konnte man eigentlich kaum mehr sagen, denn er mußte die Zwanzig schon lange überschritten haben. Sein gutmüthiges, offenes Gesicht mit den klugen dunkeln Augen nahm auf den ersten Blick für ihn ein, und der kleine Schnurrbart, den er trug, gab ihm dabei etwas Männliches. Auch seine Gestalt war schlank und edel, und er bewegte sich damit frei und ungezwungen – wenigstens wenn er draußen und unter seines Gleichen war. Jetzt dagegen schien er etwas befangen, und es war fast, als ob er ganz vergessen habe, daß er eine gefertigte Arbeit trug und abgeben wolle, denn er fand nicht gleich ein Wort zur Einführung. Ottilie half ihm darüber hin.

»Ah, Herr Baumann,« sagte sie freundlich, »Sie bringen mir den Thermometer wieder; das ist mir sehr lieb, denn – Vater hat schon ein paarmal danach gefragt.«

»Ja, mein Fräulein,« sagte der junge Mann, der dadurch wieder Luft bekam, indem er ihr den Gegenstand reichte; »er war gestern schon fertig, da ich aber hörte, daß Sie Gesellschaft hätten, wollte ich nicht stören.«

»Und Sie bemühen sich dabei immer selber.«

»Und soll ich das nicht?« sagte Fritz herzlich. »Wie selten wird mir überhaupt Gelegenheit geboten, Sie zu sehen, und ich möchte doch so gern, daß Sie nicht vergäßen, wie wir als Kinder mit einander gespielt und immer ungeduldig wurden, wenn Einer auf dem Platze fehlte!«

Ottilie war blutroth geworden und stand verlegen, den Thermometer noch immer in der Hand haltend – er zeigte schon auf 30 Grad Réaumur –, vor dem jungen Manne. Wohl erinnerte auch sie sich der Zeit – lieber Gott, sie lag ja noch nicht einmal so übermäßig fern – und sie wußte auch recht gut, daß gerade Fritz immer ihr liebster Spielgefährte gewesen und sich ihrer am treuesten und mannhaftesten angenommen hatte, wenn irgend Jemand ihr zu nahe treten wollte. Aber ihr Vater hatte damals – sich erst aus ziemlich ärmlichen Verhältnissen wacker emporarbeitend – noch kein so großes Haus gemacht. Die Nachbarskinder standen ihr näher; jetzt war sie in andere Kreise eingeführt und schon seit Jahren nicht mehr mit ihnen, außer einem flüchtigen Gruß, zusammengetroffen. Eigentlich gehörte es sich auch gar nicht, daß sie der junge Handwerker jetzt daran erinnerte, denn er mußte dies ja ebenfalls wissen, und die Spielzeit ihrer Kinderjahre lag doch längst hinter Beiden.

Auch Baumann fand nicht gleich ein Wort wieder, und zwar weniger aus Verlegenheit, als weil ihn die Erinnerung zu jenen fröhlichen, glücklichen Stunden zurückführte, und er im Geist noch das kleine hübsche Mädchen mit dem flatternden Lockenkopf und den vor Lust gerötheten Wangen jetzt in der aufgeblühten Jungfrau wiedersah.

»Damals war es doch eine herrliche Zeit,« fuhr er endlich leise fort, »und das einzige Böse nur bei der Sache, daß Kinder eigentlich nie wissen, wie glücklich, wie namenlos glücklich sie sind; sie könnten es freilich sonst auch gar nicht ertragen.«

»Ja, das ist allerdings schon eine lange Zeit her,« sagte Ottilie, die doch wohl fühlte, daß sie etwas darauf erwiedern müsse; »ich glaube, ich war damals ein recht wildes Mädchen.«

»Ich sehe Sie noch vor mir,« nickte Baumann, »als Sie an jenem Morgen, wie der Strom die ganzen Wiesen und Felder überschwemmt hatte, in den Kahn gestiegen waren und, als dieser sich losriß, draußen auf dem Wasser mit der Strömung forttrieben.«

»Und Sie sprangen damals hinein, um mich an Land zu bringen.«

»Gefahr war nicht dabei,« schüttelte Fritz Baumann mit dem Kopf, »denn Sie hätten doch an den Damm antreiben müssen; aber ich freue mich noch darüber, daß Sie damals gar nicht weinten oder um Hülfe riefen, sondern nur ruhig und trotzig im Boot standen.«

»Es war so ungezogen...«

»Wir sind Beide älter geworden,« setzte der junge Mann nach einer Weile hinzu – »unsere Wege liefen auseinander, und wir verbrachten unsere Zeit getrennt. Sie zogen in ein großes, schönes Haus und wuchsen zur Freude Ihrer Eltern heran; ich selber mußte etwas Tüchtiges lernen, um mir einmal mein Brot zu verdienen und einen Hausstand zu gründen. Ich weiß nicht, Fräulein Ottilie, ob es Sie vielleicht interessirt zu erfahren, daß ich jetzt meinen Zweck erreicht. Mein Meisterstück habe ich schon vor einem halben Jahre gemacht und eingeliefert. Es ist nicht allein sehr günstig aufgenommen worden, sondern ich schickte es auch auf die Londoner Ausstellung und bekam dafür die goldene Medaille. Ich bin jetzt im Begriff Meister zu werden, und will mich in der Stadt hier, da ein einziger Mechanikus wirklich nicht mehr all' die einkommende Arbeit bewältigen kann, in nächster Zeit etabliren.«

Ottilie schwieg und horchte nach der Thür; es war ihr, als ob sie draußen wieder fremde Stimmen gehört hätte – Lieutenant von Wendelsheim war viel zu aufmerksam, als daß er den schuldigen Morgenbesuch hätte versäumen sollen – wenn ihn wirklich sonst nichts hieher trieb, als eben nur die kalte Artigkeit.

»Das freut mich in der That,« sagte sie und erglühte dabei wie eine Rose, denn draußen unterschied sie jetzt deutlich die Stimme des Erwarteten, der sich noch mit ihrer Mutter auf dem Vorsaal unterhielt.

»Wie gut Sie sind, Fräulein,« sagte Fritz, der das augenscheinliche Erröthen einer ganz andern Ursache zuschrieb, »noch immer wie früher. Ich bin auch nicht mittellos; meine Mutter hat von einer Erbschaft, die sie früher gemacht...«

Die Stimmen draußen waren dicht vor der Thür.

»Sie entschuldigen mich gewiß heute,« sagte Ottilie, »wir werden so mit Besuchen gedrängt...«

»Ja, ich glaube, es kommt sogar in diesem Augenblick Besuch,« sagte Fritz, jetzt selber aufhorchend – in seiner Erregung hatte er gar nicht darauf gehört – »ich darf Sie dem nicht entziehen. Vielleicht findet sich später einmal eine passendere Zeit...«

»Gewiß, gewiß – es wird mich immer freuen...«

Die Thür wurde aufgemacht, aber es kam noch Niemand herein, denn die Mutter wollte den Herrn Lieutenant in's Zimmer nöthigen, während er darauf bestand, der Dame den Vortritt zu lassen.

Fritz Baumann sah, daß eine weitere Unterhaltung jetzt zu den Unmöglichkeiten gehöre, und machte Ottilien nur eine stumme Verbeugung; aber er traf ihr Auge nicht mehr, das an der Thür haftete, und verließ, Frau Staatsanwalt Witte ebenfalls achtungsvoll grüßend, das Zimmer, um nach Hause zurückzukehren. Er sah auch noch, daß der Besuch der Lieutenant von Wendelsheim war; aber Du lieber Gott, das gehörte einmal zu den Lasten des höheren Lebens, daß man es sich erst mit großen Gesellschaften schwer machte und dann auch noch die Bürde langweiliger Höflichkeitsbesuche trug. – Wenn er nur hätte ahnen können, wie lästig gerade Ottilie diesen Besuch ansah!

Wendelsheim hatte indessen, ohne den Fremden weiter zu beachten, während ihm jedoch die Frau Staatsanwalt erstaunt nachsah, das Zimmer betreten; er ging ohne Weiteres auf Ottilie zu, nahm ihre Hand, führte sie an seine Lippen und sagte – er war in diesem Augenblick wieder ganz Lieutenant: »Mein gnädiges Fräulein, ich schätze mich glücklich, Sie heute Morgen so frisch und blühend begrüßen zu können – brauche also gar nicht zu fragen, wie Ihnen die gestrige Anstrengung bekommen ist – wie ich zu meiner Freude sehe, vortrefflich!«

»Sie sind sehr gütig, Herr Baron,« sagte die Mutter, während das junge Mädchen wie mit Purpur übergossen vor ihm stand. »Aber wer war denn der junge Herr eben, Ottilie? Den kannte ich ja gar nicht.«

»Der junge Baumann,« sagte die Tochter, »der den Thermometer hier gebracht hat« – er zeigte jetzt fast Siedehitze –, »er wollte ihn selber abgeben, damit er nicht wieder zerbrochen würde.«

»Das war der Fritz Baumann?« rief die Mutter aus. »Herr Du meine Güte, und er sah so anständig aus, ich habe ihm eine ordentliche Verbeugung gemacht – ich kannte ihn gar nicht!«

»Er ist selbstständig geworden – aber Ihnen ist der Ball ebenfalls gut bekommen, Herr Baron?«

»Ausgezeichnet, mein gnädiges Fräulein; ich habe vortrefflich geschlafen, aber die ganze Nacht von weiter nichts geträumt, als mißglückten Touren und allen möglichen Fatalitäten.«

»Ob Einem das aber nicht immer so geht,« sagte die Mutter; »ich habe geträumt – aber wollen der Herr Baron sich denn nicht niederlassen, Sie nehmen uns ja sonst die Ruhe mit – ich habe geträumt, das Mädchen hätte den Rehrücken in die Kohlen fallen lassen und die Eistorten wären ganz aus einander geschmolzen gewesen. Aber wissen Sie schon, daß uns gestern so viel Silberzeug gestohlen worden ist?«

»In der That, gnädige Frau? Das bedauere ich ja unendlich!«

»Ja, denken Sie nur, wie ich die Löffel heute Morgen nachzähle – gestern Abend war ich so müde, daß ich die Augen nicht mehr aufhalten konnte...«

»Aber, liebe Mutter, das interessirt ja doch den Herrn Lieutenant nicht!«

»Bitte, mein gnädiges Fräulein, gewiß...«

»Siehst Du wohl, Kind – das wußte ich auch vorher. Wie ich also die Löffel heute Morgen nachzähle, fehlen richtig gerade vier von den allerschwersten und der Deckel von der silbernen Zuckerdose, mit einem Engel, einem Amor, massiv in Silber, oben drauf.«

»Aber wie ist das möglich?«

»Ja, das sage nun ein Mensch – bei dem Staatsanwalt – und dabei haben wir Polizei im Ort, und reitende Gensdarmen, und einen Stadtrath und Stadtverordnete! Aber ich will keinen Kopf wieder ruhig auf ein Kissen legen, bis ich die Räuberbande herausgefunden habe und die Kerle am Galgen sehe, denn den haben sie im reichsten Maß verdient! Der Deckel ärgert mich nur, und gleich vom ganzen Service weg; aber was macht sich so ein schlechter Mensch daraus, wenn er Einem ein Service verdirbt – die lachen noch darüber!«

»Ich will nur hoffen, daß Sie die Gegenstände wiederbekommen!«

»Ja, es wäre wirklich zu wünschen – und das waren noch nicht einmal die ersten; schon in voriger Woche sind uns einzelne Löffel abhanden gekommen. Es muß auch ein Hausdieb sein, das lasse ich mir gar nicht ausreden; denn ein anderer Mensch hätte die Frechheit nicht, blos hieher zu kommen, um Löffel zu stehlen und Deckel von Zuckerdosen.«

Die Frau konnte das unselige Silberzeug nicht aus dem Kopf bekommen. So oft auch Ottilie versuchte, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, es blieb vergebens, während der Lieutenant zu viel Tact besaß, um nicht Alles über sich ergehen zu lassen. Es war eben ja Besuch, der bekanntermaßen nicht unter die Vergnügungen gezählt werden darf.

Endlich kam ein Blitzableiter – die Frau Appellationsgerichtsräthin Nebeldamm, die denn allerdings die nämliche Sache noch einmal erfuhr, nothgedrungen aber auch die Zuckerdose, auf welche der fehlende Deckel gehörte, von Angesicht zu Angesicht sehen mußte.

Die Frau Staatsanwalt führte sie hinüber; sie hätte gern den Lieutenant ebenfalls gebeten, mitzugehen – er würde bei der Gelegenheit auch gleich ihr Silberzeug beisammen gesehen haben. Aber der Schrank sah leider noch ein wenig zu unordentlich aus; die Zeit heute Morgen war ja nur so kurz und sie selber nicht im Stande gewesen, Alles wieder in der gehörigen Ordnung wegzuräumen.

»Es war so wunderhübsch gestern Abend,« sagte Ottilie, wie sie nur erst einmal Luft bekam, auch ein Wort zu reden, »und ich habe mich so herrlich amüsirt!«

»In der That, mein gnädiges Fräulein,« erwiederte Bruno – und wieder fiel ihm die Aehnlichkeit zwischen ihr und Rebekka auf – »ich muß Ihnen auch gestehen, daß ich lange nicht so viel getanzt habe.«

»Aber zuletzt wurden Sie so still und nachdenkend; Sie müssen drei oder vier Tänze versäumt haben. Sie wurden gewiß müde?«

»Nein, das nicht – auf – wirklich nicht, aber – Sie wurden ja engagirt.«

»Aber die anderen Damen würden sich ebenfalls sehr gefreut haben, von einem so guten Tänzer engagirt zu werden,« lächelte Ottilie, und Wendelsheim wurde so verlegen, daß er nicht gleich wußte, was er erwiedern sollte.

»Ihr Herr Vater ist wohl nicht zugegen?« sagte er endlich.

»Vater wird sehr bedauern, Sie heute Morgen nicht zu sehen,« fuhr Ottilie fort; »er mußte der unangenehmen Sache wegen in die Stadt und ist noch nicht zurückgekehrt. Aber was sehen Sie mich immer so sonderbar an?« lächelte sie plötzlich. »Trage ich irgend etwas Auffälliges an mir?«

»Ich? – Sie? Nein, gewiß nicht!« rief Wendelsheim. »Entschuldigen Sie, aber – Sie können es mir auch nicht verdenken,« setzte er rasch gefaßt und galant hinzu; »es ist etwas Seltenes, nach einer durchtanzten Nacht eine junge Dame wieder so morgenfrisch zu finden, und thut den Augen ordentlich wohl.«

»Ah, Sie können auch schmeicheln! Die Eigenschaft hatte ich noch nicht bei Ihnen entdeckt.«

»Schmeicheln? Nein, gewiß nicht, liebes Fräulein! Ich hasse die faden Schmeicheleien und glaube, ich darf dabei, um mit der Tochter eines Anwalts zu reden, »nicht schuldig« plaidiren. Ich begreife auch wirklich manchmal nicht, wie junge Damen etwas Derartiges gern anhören mögen.«

»Wer weiß denn, ob sie es gern thun?« sagte das junge Mädchen. »Aber was will man machen? Viele junge Herren kennen gar keine andere Unterhaltung, und wenn man ihnen die abschneiden wollte, so ist es sehr die Frage, ob sie nicht gänzlich stumm würden.«

»Und wäre das ein Verlust?«

»Für sie selber jedenfalls. Aber nehmen Sie auch meine Frage nicht zu ernst; ich hatte Ihnen den Vorwurf gewiß nicht machen wollen. Doch was ich gleich sagen wollte: ich habe Sie ja heute Morgen nicht hier vorbeireiten sehen – und gestern und vorgestern auch nicht, wie mir jetzt einfällt.«

»Sie werden mich auslachen,« sagte Wendelsheim, »und mich inconsequent nennen, aber ich besitze in diesem Augenblick nur noch mein altes Pferd, das ich schonen muß, denn ich habe den Fuchs wieder verkauft.«

»Das wunderschöne Thier!«

»Ich bekam ein gutes Gebot und – er gefiel mir auch nicht besonders – er war sehr unartig und scheute gern.«

»Aber Sie reiten sonst immer die wildesten Pferde!«

»Vielleicht bin ich vorsichtiger geworden,« lächelte der Officier.

»Ach, das wäre recht zu wünschen,« sagte Ottilie mit ordentlich komischem Ernst, indem sie die Hände dabei faltete.

»Sie haben sich doch nicht etwa meinetwegen schon gesorgt, mein Fräulein?« sagte der junge Mann freundlich. »Es würde mich sehr glücklich machen, wenn ich das wüßte!«

»Ich war einmal Zeuge, wie der Rappe damals mit Ihnen durchging.«

»Ah, an jenem Tage,« nickte der Baron, und es war, als ob eine Wolke über seine Stirn flöge; »ja, das war ein böses Thier – aber,« brach er plötzlich ab, »wir unterhalten uns richtig wieder von Pferden, das Ungeschickteste, was ein Herr in Gegenwart einer Dame thun kann.«

»Ich glaube, ich habe selber davon angefangen.«

»Dann werde ich mich Ihnen dankbar zeigen und das Gespräch auf die gestrigen Toiletten bringen. Wissen Sie, daß ich lange nicht so geschmackvolle Toiletten gesehen habe, wie gestern Abend?«

»Auch die der Frau Professor Nestewitz?« lächelte Ottilie.

»Die war allerdings nicht ganz geschickt gewählt,« sagte Wendelsheim achselzuckend. »Damen, die über das jugendliche, ja nur über das jugendfrische Alter hinaus sind, sollten sehr vorsichtig darin sein, nicht zu modern und in zu auffallenden Farben zu gehen; aber wie oft wird das doch versäumt, und die Trägerinnen sehen dann, anstatt pompös, gewöhnlich nur komisch aus.«

»Für einen Lieutenant,« lächelte Ottilie, »entwickeln Sie ganz achtungswerthe Kenntnisse in der Toilette.«

»Bitte, mein gnädiges Fräulein, von Kenntnissen kann da keine Rede sein; das Ganze ist ja überhaupt nur Gefühlssache.«

»Vielleicht haben Sie sogar recht.«

»Möglich, aber dann ist es nur das Urtheil der Menge, das ich ausspreche. Das gerade gefällt mir auch an Ihnen, daß Sie sich immer so einfach kleiden, Fräulein; Sie glauben gar nicht, wie gut Ihnen so ein hohes, dunkles, eng anschließendes Kleid steht!«

»Soll ich Sie wieder denunciren?« drohte Ottilie schelmisch mit dem Finger.

»Nein, Fräulein Ottilie,« sagte Wendelsheim treuherzig, indem er ihr die Hand hinreichte, »wahrhaftig nicht! Ich will Ihnen gern zugeben, daß ich früher nicht besser wie mancher der Uebrigen gewesen bin und entsetzlich fades Zeug geschwatzt haben mag; aber ich glaube, ich habe mir das abgewöhnt, gebe mir wenigstens die größte Mühe, und Ihnen gegenüber am allerwenigsten würde ich mich falsch zeigen.«

»Ich glaube Ihnen ja so gern, Herr von Wendelsheim,« sagte Ottilie, indem sie der ausgestreckten Hand begegnete; »es war auch nur ein Scherz, aber Sie wissen....«

Das Gespräch ward hier abgeschnitten, denn die beiden älteren Damen traten wieder in das Zimmer, und die Frau Appellationsgerichtsräthin, nachdem sie erst die identische deckellose Zuckerdose selbst gesehen, war so entrüstet über den Diebstahl, daß sie kaum Worte genug dafür finden konnte. Eine andere Unterhaltung wurde zur Unmöglichkeit, und nachdem Wendelsheim noch ein paar freundliche Worte mit dem jungen Mädchen gewechselt, empfahl er sich und ließ Ottilie mit einem ganzen Herzen voll Seligkeit zurück.