Der alte Major von Halsen war ein wunderlicher Kauz und so obstinat in seinem ganzen Wesen, wie unberechenbar in seinen eigenen Ansichten. Jetzt, in diesem Augenblick, behauptete er etwas, und wenn irgend Jemand dem widersprach, so konnte er in der Vertheidigung des Behaupteten fast außer sich gerathen; kam aber nach einiger Zeit das Gespräch zufällig auf denselben Gegenstand und irgend jemand Anderes stellte das als Thatsache auf, was er früher selber Wort für Wort verfochten, dann war er auch im Stande, ganz entschieden auf die andere Seite hinüber zu springen und nun alle die Beweisgründe gegen den aufgestellten Satz hervor zu suchen, die früher gegen ihn selber angewendet worden.
Genau so machte er es in seiner ganzen Lebensweise, und während er sich heute einredete, daß er todsterbenskrank sei und vielleicht die nächste Woche, den nächsten Tag nicht mehr erleben würde, vergaß er plötzlich einmal das imaginäre Elend und hinkte so flott und rüstig in der Stadt umher, als ob er ein paar Jahrzehnte von seinem Alter abgeschüttelt hätte und nie in seinem Leben krank gewesen wäre.
Eine solche Haupttriebfeder erneuter Thätigkeit war die in Aussicht gestellte Erbschaft jenes alten, längst verstorbenen Freiherrn von Wendelsheim, die aber, nach allen menschlichen Begriffen, schon lange für ihn verloren sein mußte, da sämmtliche an die letzte Linie Wendelsheim gestellten Bedingungen am Vorabend ihrer Erfüllung standen. War das Geld aber erst einmal, und wenn auch nur für eine einzige Stunde, verfallen und ausgezahlt, dann hätten ihm alle Processe der Welt nichts mehr genutzt, und da er das wußte, trieb es ihn ordentlich wie mit einer feindlichen Macht vorwärts, um wenigstens jeden möglichen Augenblick zu benutzen, sein Ziel zu erreichen und die Ansprüche des von ihm gründlich gehaßten alten Freiherrn von Wendelsheim umzustoßen.
Er hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß in der Erbfolge des Hauses faules Spiel getrieben sei. Wie er dazu gekommen, wer konnte es sagen! Jedenfalls kannte er den Charakter des alten Kammerherrn von früheren Zeiten her genau, um ihm etwas Derartiges zuzutrauen, und das, mit dem damals unter den Leuten verbreiteten Gerücht zusammengebracht, mochte dann wohl bei ihm zur fixen Idee geworden sein, die ihn eben nicht ruhen und nicht rasten ließ. – Den Staatsanwalt Witte, einen scharfen und klaren Kopf, hatte er dabei seinen Ansichten zu gewinnen gesucht, und die Möglichkeit eines solchen Falles, mit manchen sogar dafür sprechenden Einzelheiten, machten diesen anfangs selber stutzen und Interesse an der Sache nehmen. Wie sich aber mehr und mehr herausstellte, daß Alles, was der Major wußte oder zu wissen glaubte, nur eben auf leeren, unhaltbaren Gerüchten, ohne irgend einen auch nur annähernden Beweis, beruhte, zog er sich von dem Ganzen zurück und war besonders unter keiner Bedingung dazu zu bringen, eine wirkliche Klage zu erheben. Er wenigstens wollte sich nicht blamiren.
Der Major hing aber jetzt sogar für kurze Zeit seine oft von ihm ausgesprochene lebensgefährliche Krankheit an den Nagel und beschloß, selber der Sache auf den Grund zu gehen.
Einen neuen Sporn dazu fand er allerdings in der Frau Meier, die ihren besondern Grund haben mußte, jene Familie oder wenigstens den alten Freiherrn zu hassen, und diese gab ihm auch bereitwillig, so weit ihr Gedächtniß ausreichte, eine Liste aller der Dienstboten, die zu jener Zeit auf dem Gute in Dienst gestanden, während der Major nun seinerseits alle Minen springen ließ und keine Kosten scheute, um die namhaft gemachten Personen wieder aufzufinden.
Dreiundzwanzig, ja fast vierundzwanzig Jahre sind aber eine lange Zeit, und es gelang ihm nur bei sehr Wenigen. Viele waren gestorben oder verschollen, Manche fortgezogen, Niemand konnte sagen wohin, und den Namen der Hauptperson, der Amme, die damals angenommen worden, kannte sie gar nicht oder konnte sich nicht mehr darauf besinnen. Einer aber, der vielleicht Auskunft geben konnte, war der damalige Gärtner, ein Mann Namens Tettelberg, der sich schon vor längerer Zeit in der Nachbarschaft von Alburg angekauft haben und später in die Stadt selber übergesiedelt sein sollte. Diesen hatte auch der Major gemeint, da er erst kürzlich seine Wohnung ausgekundschaftet, als er am Ballabend dem Rechtsanwalt von einer »neuen Spur« gesprochen. Aber auch das schien auf diesen seine Wirkung verfehlt zu haben, und der Major beschloß deshalb, ihn selber aufzusuchen. Er wollte wenigstens nichts versäumen, was ihn zu dem ersehnten Ziel führen konnte.
Eines Morgens um zehn Uhr war er deshalb auch schon unterwegs, denn er kannte den Platz genau, da es das nämliche Grundstück zu sein schien, auf dem sein alter Bekannter Rath Frühbach wohnte. Er hatte auch anfangs nicht übel Lust, den Rath selber mit in das Geheimniß zu ziehen und seine Meinung darüber zu hören; aber der Mann sprach zu viel. Er traute ihm nicht, daß er es bewahren würde, und hielt es deshalb für gerathener, lieber vorsichtig zu Werke zu gehen und nicht mehr als unumgänglich nothwendig zu Mitwissern zu machen. Wer mochte denn auch sagen, ob im andern Falle der alte Freiherr nicht Wind von den Nachforschungen bekam und seine Maßregeln danach nehmen würde, während er jetzt, in vollständige Sicherheit eingewiegt, keine Ahnung irgend einer ihm etwa drohenden Gefahr haben konnte und deshalb also auch der Sache ruhig ihren Lauf ließ?
Jene Wohnung lag allerdings eine ziemliche Strecke von seinem Hause entfernt, und zu jeder andern Zeit würde der Major die Zumuthung, einen solchen Weg bei seiner Körperschwäche zu Fuß zurückzulegen, mit Entrüstung und einem entsetzlichen Stöhnen abgewiesen haben. Heute dachte er aber weder an Rheumatismus noch fliegende Gicht, und setzte die alte Frau von Bleßheim auf's äußerste in Erstaunen, ihn, statt hülflos in seinem Lehnstuhl, stramm und entschieden vor seinem Spiegel zu finden, wo er sich den langen Schnurrbart auskämmte und an der Cravatte zupfte. Er ließ auch alle Einreden wegen noch zu früher Tageszeit, Ostwind oder Regendrohen nicht gelten, nahm seinen Stock, setzte seinen grauen Filzhut auf und hinkte rüstig, wenn auch ein wenig knochensteif, auf seine Entdeckungstour aus. Freilich mußte er sich dabei gestehen, daß ihm nur sehr geringe Aussichten blieben, wenn sich auch dieser Zeuge nicht bewährte oder doch weiter nichts aufbringen konnte, als ebenfalls Vermuthungen und Gerüchte; aber er verlor deshalb den Muth nicht, denn er war, wie er sich selber vorerzählte, ein alter Soldat, der vor Schwierigkeiten oder Hindernissen nicht zurückschrecken dürfe. Nein, im Gegentheil, je mehr ihrer sich zeigten, desto hartnäckiger hieß es ihnen zu Leibe rücken.
Der Weg war übrigens ziemlich weit, oder kam ihm wenigstens so vor, denn der alte Gärtner wohnte draußen vor der Stadt, eigentlich im letzten Hause, und an seiner Hecke begannen die Felder und Wiesen; aber durch die Anlagen ging es sich auch vortrefflich, und er hatte bald das kleine, in grünen Büschen fast versteckte Haus herausgefunden, in welchem der alte Tettelberg eine, allerdings sehr beschränkte Handelsgärtnerei angelegt und dort, ziemlich zurückgezogen von der Welt, aber noch immer wacker arbeitend und selber schaffend, lebte.
Dicht neben ihm, auf dem nämlichen Grundstück in einer Parterrewohnung, residirte Rath Frühbach, und der Major sah, als er den Garten betrat, die ganze Familie, Mann, Frau und Kinder, »auf der Weide,« das heißt, alles von Früchten absuchend, was noch irgendwo an Busch oder Baum hing. Da er ihnen aber jetzt nicht gern begegnen wollte, drückte er sich seitab um das Haus herum, wo er Tettelberg's Behausung ebenfalls erreichen konnte, und fand den alten Mann, der überhaupt nie ausging, auch daheim.
»Hören Sie einmal, Tettelberg,« fing hier der alte Herr ohne weitere Umschweife an, »ich bin der Major von Halsen, möchte gern ein paar Worte mit Ihnen über eine alte Geschichte reden. Haben Sie einen Augenblick Zeit?«
»Zeit, Herr Major?« sagte der Mann. »Wenn man erst einmal so alt ist, hat man eigentlich keine mehr; aber das bischen Graben kann wohl eine Viertelstunde warten; der Buckel thut mir so weh.«
»Donnerwetter,« sagte der Major, »graben Sie denn noch selber in Ihrem Garten? Wie alt sind Sie?«
»Wird wohl so um die Zweiundsiebenzig herum sein,« meinte der Alte; »ganz genau kann ich's nicht sagen, denn ich bin gerade an einem Schalttag geboren und dadurch in der Rechnung etwas confus geworden. Kommt aber auf ein paar Jahre nicht an, so lange man nur noch gesund ist. Aber was war es denn, was Sie mir sagen wollten?«
»Können wir nicht einen Augenblick in's Haus gehen?«
»Ja, gewiß. Bitte, treten Sie hier gleich ein; wir sind da ganz ungestört.« Und dabei führte ihn der alte Gärtner in eine dicht an ein Treibhaus stoßende Stube oder Kammer vielmehr, denn besonders wohnlich sah es darin nicht aus. Nur ein hölzerner Tisch und ein paar eben solche Stühle standen darin, und auf dem Tisch lagen Bindfaden, Bast, Gartenerde, Blumentopfscherben und alles Mögliche ziemlich bunt durcheinander. Der Alte fand aber eine Entschuldigung dafür nicht nöthig, rückte dem Major den einen Stuhl hin und setzte sich dann auf den andern, wo er, beide Arme auf seine Kniee gestützt, geduldig erwartete, was der Herr von ihm wolle.
Der Major ließ ihn nicht lange in Zweifel. Er räusperte sich allerdings erst ein paarmal, denn er wußte nicht gleich, wie er beginnen sollte. Der harte Stuhl, auf dem er saß, genirte ihn ebenfalls; aber der Alte sah ihm genau so aus, als ob er mit ihm von der Leber weg reden könne, und da ihm das ebenfalls am besten paßte, so that er es. Er erzählte ihm geradezu, welchen Verdacht er habe, daß nämlich der alte Freiherr, da die Erbschaft nur auf einen Sohn überging, ein ihm geborenes Mädchen gegen einen Knaben eingetauscht haben könne, und zählte ihm dann auch die ihm wenigstens zu Ohren gekommenen Daten auf, die ihn darin nur immer mehr bestärkten.
Der alte Gärtner hörte ihm ruhig und ohne auch nur ein einziges Wort hinein zu reden zu; nur manchmal nickte er leise mit dem Kopf, als ob er das eben Gesagte bestätigen könne. Als aber der alte Herr wärmer wurde und auf die Möglichkeit hinwies, einen etwaigen Betrug zu entlarven, da schüttelte er ihn langsam und zweifelnd, und als der Major endlich schwieg, sagte er:
»Ja, lieber Herr, Vieles ist wohl so, wie Sie es da hergezählt haben: die Frau Meier hat recht, ich habe in jener Nacht den Mann im Garten gesehen, und daß er ein Kind getragen haben muß, glaube ich ebenfalls. Jedenfalls schrie es genau so, und richtig ist mir und uns Allen die Sache damals gleich nicht vorgekommen. Aber was hilft das? Die allein darüber reden könnten, werden sich hüten, und was wir Anderen davon wissen, ist nichts.«
»Sie meinen die alte Heßberger?«
Tettelberg schüttelte mit dem Kopf. »Nein, noch eine Andere – aber es ist auch ein häßlich Ding, solche alte Geschichten wieder aufzurühren und sich dann vor Gericht damit umherzutreiben. Ich wenigstens möchte nichts damit zu thun haben, auch nichts darin beschwören, denn es ist damals so viel darüber unter dem Gesinde gesprochen worden, daß man wirklich gar nicht mehr recht weiß, was man eigentlich selber gesehen oder nur gehört hat.«
»Aber von welch einer andern Person reden Sie?«
»Von der damaligen Amme des ältesten Sohnes.«
»Die ist aber mit ihrem Kinde nach Amerika gegangen.«
Der Gärtner schüttelte wieder den Kopf. »Nein,« sagte er, »sie wollte hinüber, ja, und die Köchin, die damals mit ihrer Zunge immer ein wenig flink bei der Hand war, meinte, der alte Baron hätte sie selber fortgeschickt. Aber das Schiff verunglückte an der englischen Küste, die Passagiere wurden jedoch gerettet und an Land gebracht, und jene Person trat in England in Dienst und blieb dort wohl sechzehn oder siebenzehn Jahre. In der Zeit muß sie sich aber etwas erspart haben, denn noch gar nicht so lange her ist sie mit ihrer Tochter in die hiesige Gegend zurückgezogen, nach Vollmers, von wo sie zu Hause war, und die Tochter soll dort verheirathet sein.«
»Und wie alt ist die Tochter?«
»Nun, genau so alt, wie der erste Sohn des Herrn Barons. Sie muß jetzt in's vierundzwanzigste Jahr gehen, denn gerade nach der Geburt dieses Kindes trat sie ja als Amme in den Dienst der Herrschaft.«
»Und wer hat sie dahin gebracht?«
»Ja, wer soll das wissen! Aber sie war mit der Heßbergerin dick befreundet.«
»Und haben Sie das Kind einmal gesehen, Freund? Seien Sie mir nicht böse über mein vieles Fragen, aber die Sache ist in der That von der höchsten Wichtigkeit.«
»Als Kind, ja,« nickte der alte Mann. »Sie wohnte damals, oder ihre Mutter vielmehr, dicht neben meinem Bruder in Vollmers, und so lange der noch lebte, kam ich manchmal hin. Nun ist er aber schon die langen Jahre todt.«
»Und wie sah es aus?«
»Das Kind? O, es war ein allerliebstes Ding,« erwiederte der alte Mann, »zart wie Wachs, und die Glieder so fein und zierlich! Ich weiß auch, daß sie damals vielerlei redeten; aber, wie das so immer geht, die Leute wurden's endlich müde, und wie die Mutter mit der Kleinen zu Schiffe ging, sprach kein Mensch mehr davon.«
»Und wie heißt das Kind?«
»Ja, wie sie jetzt heißt, weiß ich nicht einmal – mit Vornamen Martha, und ihre Mutter war eine verehelichte Müller. Jetzt hat die Tochter aber einen Feldmesser geheirathet, und wenn ich den Namen auch schon gehört habe, kann ich mich doch nicht mehr darauf besinnen. Uebrigens erfährt man das leicht in Vollmers.«
»Und ist sie jetzt dort?«
»Kann ich auch nicht sagen; sie soll manchmal zum Besuch hinkommen. Sie wohnt mit ihrem Mann eine Stunde weiter, in Rübhausen; aber die Mutter treffen Sie jedenfalls.«
»Vollmers liegt etwa anderthalb Stunde entfernt....«
»Knapp; es giebt noch einen näheren Weg über den Wald.«
»Tettelberg, wenn ich etwas in der Sache ausrichte, soll es Ihr Schaden nicht sein.«
Der Alte schüttelte den Kopf. »Wenn die Müllern noch ein solch' resolutes Frauenzimmer ist wie früher,« sagte er, »so werden Sie wohl unverrichteter Sache wieder zurückkommen. Ueberdies ist es auch ein bös Ding, etwas Derartiges, was so lange geschlafen hat, wieder aufzurühren. Wenn ich wie Sie wäre, ging ich verwünscht vorsichtig dran, oder – ließe es am allerliebsten ganz zufrieden. Mit der Müllern ist nicht gut spaßen.«
»Wenn die Sache einen Haken hat,« sagte der Major, »so fass' ich sie, darauf können Sie sich verlassen.«
»Manchmal bleibt man auch an so 'nem Haken hangen,« meinte der Alte, »und ich könnte Ihnen da, wie mein Nachbar, der Herr Rath Frühbach, sagt, eine Geschichte erzählen. Mit dem Herrn Baron von Wendelsheim ist ebenfalls nicht zu spaßen; ich kenne den Herrn, und wenn der etwas davon erführe, hing er Ihnen den schönsten Proceß an den Hals.«
»Proceß?« rief der Major, denn Processe waren ja gerade sein Steckenpferd. »Damit soll er nur kommen, weiter verlange ich gar nichts! Dem wollen wir heimleuchten, dem alten Cujon und Schuldenmacher! Den Henker auch – kein Ziegel auf den Dächern von ganz Wendelsheim ist ja noch sein eigen, und die ganzen langen Jahre borgt er nun schon auf das Capital los, das sein Sohn einmal erben soll! Hab' ich recht oder nicht?«
Der alte Gärtner zuckte die Achseln. »Das sind Dinge,« sagte er, »von denen ich nichts weiß, und die mich nichts angehen, Herr Major, möchte auch nichts damit zu thun haben. Außerdem muß ich Sie auch bitten, mich nicht als Zeugen aufzurufen, wenn die Sache wirklich vor Gericht kommen sollte.«
»Aber Sie können doch aussagen, was Sie gesehen haben?«
»Wenn ich etwas gesehen hätte, ja; aber so war's dunkel und Regenwetter noch dazu, und das wissen Sie wohl, im Dunkeln sind alle Katzen grau.«
»Ihr habt Alle solch eine Heidenangst vor den Gerichten,« sagte der Major, eben nicht besonders erfreut, daß ihm der alte Gärtner auch wieder zwischen den Fingern durchschlüpfen wollte; »die beißen Einen doch wahrhaftig nicht, und Recht muß am Ende doch Recht bleiben! Was können sie Euch thun, wenn Ihr bei der Wahrheit bleibt, heh? Gar nichts!«
»Ich kann aber auch nichts nützen,« meinte der Alte, »und habe im günstigsten Falle nur Lauferei und Aerger davon. Ich wollte überhaupt, die Meier hätte das Maul gehalten; da sie es aber in ihren jungen Jahren nicht gethan, so war kaum zu erwarten, daß sie in ihren alten damit anfangen würde.«
»Und wie kann ich am besten nach Vollmers hinaus?« fragte der Major. »Eine Post geht wohl gar nicht hin?«
»Post? nein,« sagte Tettelberg; »aber ich glaube, der Herr Rath Frühbach könnte Ihnen da die beste Auskunft geben; der fährt manchmal hinüber und bezieht auch seinen Aepfelwein daher. In Vollmers pressen sie eine Menge Aepfel, und der Wein schmeckt auch gar nicht so schlecht – wer ihn eben vertragen kann. Ich bekomme immer Leibschneiden danach.«
»Hm, so?« sagte der Major, noch nicht recht mit sich einig, ob er den Rath Frühbach zum Vertrauten gebrauchen könne. Der Mann hatte jedenfalls viel in seinem Leben gesehen und durchgemacht und war auch vielleicht praktischer Art – er wußte es nicht; aber er fürchtete sich vor seinen endlosen Geschichten, die wie die Bilder eines Kaleidoskops, immer und ewig aus demselben gehackten Material bestehend, einen langweiligen Stern darstellten. Da er übrigens so unmittelbar neben seinem Hause war, beschloß er, einmal hinüber zu gehen. Die Familie traf er ja auch wohl im Garten, und konnte dann, was er zu fragen hatte, im Vorbeigehen abmachen.
»Also, Tettelberg,« sagte der Major, indem er dem Gärtner die Hand reichte, »ich danke Ihnen vorläufig für die ertheilte Auskunft, und wenn ich von Vollmers zurückkehre und etwas ausgerichtet habe, komme ich noch einmal heraus, und wir verabreden das Weitere.«
»Wird wohl weiter nichts zu verabreden sein, Herr Major,« sagte der Mann in der hartnäckigen Weise alter Leute; »wenn Sie sich denn absolut die Finger verbrennen wollen, ich kann's nicht hindern. Durch Schaden wird der Mensch klug, sagen die Leute; manchmal dauert's aber lange.«
»So wollen wir denn sehen, Tettelberg, daß wir den alten Baron klug machen können,« nickte der Major, viel zu verbissen auf sein Steckenpferd, um auch nur eines Haares Breite davon abzuweichen. »Guten Morgen!« Und sich an seinem Stock emporrichtend, denn er war auf dem harten Stuhl ganz steif geworden, humpelte er zur Thür hinaus wieder in's Freie.
Draußen hinkte der Major zuerst einmal um das Haus herum, wo der Rath wohnte, weil er ihn vorher da bei der Fruchtlese getroffen; aber der Weg wurde ihm nicht so leicht gemacht, denn quer vor dem schmalen Gang, der dorthin führte, hingen ein paar alte wollene Decken, die so schmutzig aussahen, daß sich der Major ekelte, nur daran zu streifen. Er wollte auch schon umkehren, aber sein Bein that ihm weh. Er scheute den Umweg, und vorsichtig mit dem Stock die eine Decke emporhebend, bückte er sich mit einem leise gemurmelten Fluch darunter durch und fand sich jetzt in dem Garten selber, aus dem aber die Familie verschwunden schien. Er konnte wenigstens Niemanden mehr darin entdecken, als einen Jungen, der eben an einem Birnbaum schüttelte, um die letzten Birnen davon herunter zu bekommen. Den rief er an; der Junge mochte aber wohl unter dem »falschen Baume« gewesen sein und hatte kein gutes Gewissen, denn er sah sich gar nicht einmal um, wer ihn gerufen haben könne, sondern fuhr gleich zwischen die nächsten Büsche hinein, hinter denen er verschwand und nicht wieder zum Vorschein kam.
Dem Major blieb jetzt nichts weiter übrig, als in das Haus selber zu gehen und dort den Rath aufzusuchen, und er entschloß sich gerade nicht gern dazu, blieb auch wirklich noch einmal stehen und überlegte sich die Sache, als plötzlich ein Fenster geöffnet wurde und die wohlbekannte Stimme des Raths herausrief:
»Ah, bester Major, wie haben Sie sich einmal in diesen entlegenen Winkel verloren? Wollen Sie denn nicht näher treten? Ich ziehe mich gerade an und begleite Sie dann ein Stück.«
»Ei guten Morgen, mein lieber Rath!« sagte der Major, dem jetzt wenigstens die Wahl erspart worden. »Werde so frei sein« – und den Weg dahin einschlagend, betrat er gleich darauf das Haus.
Der Rath wohnte parterre und hatte ein ganz bescheidenes Schild an seiner Thür, auf dem nur der Name Frühbach stand. Die Thür war auch nicht verschlossen, und der Major gerieth in einen langen schmalen Gang mit einer Unzahl Thüren, aus welchen er nicht gleich die rechte herausfinden konnte. An der rechten Seite war aber eine geöffnet – wie er gleich darauf bemerkte, die Küche, und dort handirte ein weibliches Wesen in einem sehr schmutzigen Ueberrock von verschossener Barège, aber ohne Schürze, das er natürlich für die Köchin oder das Hausmädchen hielt.
»Können Sie mir wohl sagen, liebes Kind,« fragte er dieses, »in welchem Zimmer ich den Herrn Rath finde.«
»Gehen Sie nur gerade aus,« lautete die Antwort, »mein Mann ist in der letzten Stube links.«
»Bitte,« sagte der Major erschreckt, einen solchen Verstoß gegen die Höflichkeit und die Frau vom Hause zugleich begangen zu haben. »Entschuldigen Sie, es ist hier so dunkel im Vorsaal....« Und damit wandte er sich, immer still mit dem Kopf schüttelnd, der bezeichneten Thür zu. Er hatte aber die letzten Worte der Frau gar nicht mehr gehört, ging geradeaus und öffnete die dort befindliche Thür, schloß sie aber eben so rasch wieder, denn er war in das Heiligthum eines Schlafzimmers im Urzustand gerathen.
»Hier herein, bester Freund! Hier herein!« rief der Rath und stieß seine eigene Thür auf. »Sie wären beinah' in das falsche Zimmer gefahren, heh? Treten Sie nur näher, ich bin den Augenblick fertig – na, wie geht's? Das ist gescheidt, daß Sie sich auch einmal bei mir sehen lassen!«
»Es thut mir leid, daß ich Sie störe, bester Freund,« sagte der Major, der den Rath noch in schon seit einiger Zeit getragenen Unterhosen fand, während seine übrigen Kleidungsstücke im Zimmer umhergestreut lagen.
»Mich stören? Nein, sicher nicht!« lachte der freundliche alte Herr. »Sie sehen ja, daß ich mich gar nicht stören lasse – aber bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?«
»Danke Ihnen, habe die ganze Zeit gesessen,« sagte der Major, der in der Stickluft des Zimmers, die so unangenehm nach Schweiß roch, kaum zu athmen vermochte. »Wenn Sie erlauben, gehe ich einen Augenblick an das Fenster, indessen ziehen Sie sich fertig an. Famoser Garten, das!«
»Ja, recht hübsch,« sagte der Rath, während der Major das Fenster öffnete.
»Aber wer wohnt hier über Ihnen?«
»Ueber mir? Ist augenblicklich gar nicht vermiethet – zwei Treppen hoch wohnt ein Beamter.«
»Hören Sie, lieber Rath,« sagte der Major – denn gerade vor dem Fenster hingen die beiden wollenen Decken – »dem würde ich dann aber nicht erlauben, mir die beiden Schmierlappen da gerade vor die Nase zu hängen – Alles, was recht ist, aber....«
»Die beiden Decken?« sagte Frühbach, zum Fenster hinaussehend. »Das sind ja meine eigenen – in denen schlafe ich jede Nacht.«
»In den Decken?« sagte der Major, wirklich starr vor Schrecken.
»Ja, sehen Sie, lieber Freund,« fuhr der Rath fort, »ich muß jede Nacht tüchtig schwitzen – wenn ich nicht schwitze, leidet meine Verdauung, und da ich genöthigt bin, mit meiner Gesundheit sehr vorsichtig zu sein....«
»Ob Sie noch frühstücken wollen, ehe Sie ausgehen, Herr Rath?« sagte in diesem Augenblick ein ziemlich sauber gekleidetes Dienstmädchen, das, trotz der etwas derangirten Toilette des Hausherrn den Kopf in's Zimmer steckte.
»Frühstücken? Gewiß!« lautete die Antwort. »Aber bringen Sie gleich zwei Gläser mit herein, Henriette, und zwei Teller und Messer und Gabeln dazu!«
»Ich danke Ihnen wirklich, lieber Rath,« sagte der Major, dem der ganze Appetit vergangen war – »ist mir noch zu früh.«
»Noch zu früh?« lachte der Rath. »So? – Da waren wir einmal in Schwerin »Im Mohren«, fuhr er fort, während er sich die Unaussprechlichen anzog, was mit einiger Schwierigkeit verbunden war, da ihm die Brille immer dabei herunterrutschte, »und der Geheime Regierungsrath Hesse – er wurde nachher Minister und hat eine bedeutende Rolle gespielt – war auch hereingekommen – um nach einem Fremden zu fragen. Wir saßen und frühstückten – frische Austern und alten Rheinwein dazu – es schmeckt eigentlich Morgens nichts besser als frische Austern und alter Rheinwein –, und wie er hereinkam, riefen wir ihm zu und sagten, er solle sich doch mit hersetzen; aber er meinte auch, es wäre ihm zu früh. Und glauben Sie, daß er gefrühstückt hätte? Gott bewahre!«
»Sagen Sie einmal, lieber Rath,« fragte jetzt der Major, der nicht mit Unrecht eine zweite, der ersten rasch folgende Erzählung fürchtete, denn wenn der Mann im Zuge war, ging es Schlag auf Schlag, »weshalb ich eigentlich herkam: können Sie mir nicht sagen, wie ich am besten nach Vollmers hinaus komme?«
»Nach Vollmers?« rief Rath Frühbach erstaunt aus, indem er seinen Besuch über die Brille ansah. »Ja, alle Wetter, Major, das wäre ja ein merkwürdiges Zusammentreffen! Aber was haben Sie in Vollmers zu thun? Aha, kommen Sie endlich auch auf meine Sprünge? Ja, Sie können mir's glauben, es geht nichts in der Welt über eine Aepfelwein-Diät, und wenn ich den nicht die langen Jahre hindurch gebraucht hätte, wäre ich gar nicht der Mann, der ich bin. Denken Sie sich, da kam vor etwa drei Monaten, gerade als ich von Schwerin fortziehen wollte...«
»Aber Sie wollten mir wegen Vollmers sagen – wie so ist das ein merkwürdiges Zusammentreffen?«
Rath Frühbach hatte eine gute Eigenschaft: er war unerschöpflich in nichtssagenden Geschichten; sowie er aber unterbrochen wurde, vergaß er augenblicklich, was er eben erzählen wollte, und wenn er nicht gerade in eine andere hineingerieth, blieb er bei der Sache.
»Ja so, Vollmers,« nickte er; »das ist allerdings merkwürdig, denn ich ziehe mich gerade an, um meine gewöhnliche Fuhre dahin zu machen. Um elf Uhr wollte ich fort, und wenn Sie mich begleiten, nehmen wir den Einspänner zusammen.«
»Um elf Uhr – das muß es aber gleich sein.«
»Es ist auch dicht hierbei. Jetzt frühstücken wir erst, und dann kann die Henriette gleich hinüber springen und den Wagen besorgen. Das wäre ja wundervoll, Major! So eine Stunde lang im Wagen allein zu sitzen und den Mund nicht aufzuthun, ist für mich immer eine Qual, denn mit dem Kutscher läßt sich leider gar nicht reden; er hört so furchtbar schwer, daß man immer laut schreien muß, und das verdirbt jede Unterhaltung. Also fahren wir?«
Der Major war in allen seinen Bewegungen, sobald er nur erst einmal den einen Punkt: seine Krankheit, überwunden hatte, ziemlich resolut. Jetzt fand er das Eisen heiß, jetzt mußte es also auch geschmiedet werden.
»Na, meinetwegen, Rath,« sagte er dann, »fahren wir zusammen; allein getraue ich mir die Tour ohnedies nicht gern zu machen, des verdammten Beines wegen, und meinen Gärtner kann ich nicht gut mitnehmen – das ist ein ebenso alter, elender Krüppel, als ich selber bin. Also basta – bestellen Sie die Karre. Bis wann können wir wieder zurück sein?«
»Wann wir wollen, bester Freund. Wir essen draußen zu Mittag – ich sage Ihnen, ganz delicat. Heute giebt es dort Wildpretsbraten – ich habe mich schon danach erkundigt – und einen ganz magnifiquen Selleriesalat, und nach dem Essen, wenn wir unser Geschäft beendet haben, setzen wir uns wieder ein und kommen in aller Behaglichkeit zurück.«
»Also abgemacht.«
»Und da bringt die Henriette gerade das Frühstück – so, mein Kind, setzen Sie nur hieher,« sagte der Rath, indem er auf dem Tisch, auf welchem es wild genug aussah, ein wenig Platz machte und einen dort liegenden Kamm, sein Rasirzeug mit der Seifenbüchse und ein Paket frisch angebrochenen Schnupftabaks ein wenig bei Seite schob. »Da, so, das soll nicht lange dauern. Aber wo haben Sie denn die Flasche?«
»Ich bringe sie gleich, Herr Rath.«
»Und dann springen Sie einmal zum Kutscher Behrens hinüber, er sollte nur gleich anspannen – er weiß schon – und ein bischen Heu in den Sitzkasten legen; wenn wir zurückkommen, packen wir ihn voll. Und nun, lieber Major, seien Sie so gut, setzen Sie sich und langen Sie zu; wir werden sonst flau, ehe wir hinauskommen.«
Das Frühstück roch allerdings delicat und bestand aus einem sehr schön braun gebratenen Fleischgericht und Brot.
»Alle Wetter,« sagte der Major, der jetzt selber Appetit bekam, »was haben sie denn da, Rath? Das riecht ja vortrefflich.«
»Ja, und schmeckt noch besser,« nickte Frühbach, dessen Augen schon in dem Vorgenusse funkelten; »das ist auch mein Leibgericht: gebratene Kuh-Euter.«
»Kuh-Euter?« rief der Major entsetzt, indem ihm die schon aufgenommene Gabel wieder aus der Hand fiel. »Das ist ja ein schrecklicher Gedanke, Rath! Sie essen Kuh-Euter?«
»Alles,« rief der Mann, indem er sich ein tüchtiges Stück auf den Teller nahm und mit wahrer Wonne hineinbiß – »Alles von der Kuh, bis auf die Klauen und Hörner, aber das Euter und Gehirn am liebsten! Aber schenken Sie sich ein, lieber Freund, schenken Sie sich ein, daß Sie zu Kräften kommen.«
Dem Major war der ganze Appetit vergangen, und er sehnte sich nach einem Glase Wein. Aber auch der zog ihm die Backen zusammen; er war von schnöden Aepfeln gepreßt und herb und bitter.
»Nun, wie schmeckt Ihnen der?«
»Na, wissen Sie, Rath,« sagte der Major, dessen Höflichkeit doch nicht so weit ging, einen Wein zu loben, der ihm in dem nämlichen Augenblicke die Eingeweide zusammenzog, »ich habe in meinem Leben schon besseren getrunken.«
»Besseren?« rief der unverwüstliche Rath. »Das gebe ich zu, wenigstens solchen, der besser schmeckte, aber keinen gesunderen, darauf können Sie sich verlassen, Major, keinen gesunderen! Der arbeitet Ihnen das Innere heraus und macht Sie zu einem vollständig neuen Menschen! Aber nun trinken Sie auch und langen Sie zu.«
Der Major aß ein Stückchen Brot, um den Wein, und trank dann wieder einen Schluck, um das Brot herunter zu bekommen. Er wäre nicht im Stande gewesen, ein Stück von dem Kuh-Euter auch nur an die Lippen zu bringen, ja bei dem bloßen Gedanken wurde ihm übel. Endlich waren sie fertig, und der Wagen hielt auch schon vor der Thür.
Wie sie hinausgingen, klopfte der Rath an die Thür des Schlafzimmers.
»Herzchen,« sagte er zärtlich, »können wir Dir Adieu sagen?«
»Ich bin noch nicht angezogen, Männi,« antwortete die Stimme der Frau Räthin.
»Na, denn leb' wohl, mein Schätzchen,« erwiederte Rath Frühbach. »Ich komme bald wieder und bringe Dir auch etwas mit.«
»Aepfelwein,« dachte der Major und fühlte, wie ihm die Zähne schon wieder stumpf wurden. Dann gingen sie hinaus vor den Garten, wo der Wagen hielt, und fort rollte das leichte Fuhrwerk die Straße entlang, die nach Vollmers zu führte.
Der alte Major von Halsen war, als er an dem Morgen zum Rath Frühbach kam, wie schon gesagt, gar nicht etwa gewillt gewesen, ihn zum Vertrauten in der Erbschafts-Angelegenheit zu machen; aber Umstände verändern manchmal die Sache, und der Wagen schüttelte ihn nach und nach in eine andere Ansicht hinein.
»Der verdammte Kasten hat, glaub' ich, gar keine Federn,« sagte er, als sie eine Weile auf einem Feldweg hingerasselt waren; »er stößt Einem ja die Seele aus dem Leib.«
»Aber Sie glauben gar nicht,« erwiederte der Rath, »wie wohlthätig das Schütteln auf die Verdauung wirkt, und ich spüre den segensreichen Einfluß jedesmal. Sie wissen, ich leide daran. Da fuhr ich einmal in Schwerin, wo ich etwas auf dem Lande zu besorgen hatte, mit einem Leiterwagen, weil kein anderes Fuhrwerk zu bekommen war, und zu Fuß war mir der Weg zu weit, obgleich ich täglich meinen Spaziergang mache und mich dann jedesmal in Schweiß laufe – ich muß das schon meiner Gesundheit wegen thun – etwa dritthalb Stunde über einen Weg – einen Weg, sage ich Ihnen, Major, man kriegte Hühneraugen, wenn man nur den Weg ansah. Wissen Sie, es war weicher Boden, wo sie an den sumpfigen Stellen hatten Knüppel hineinwerfen müssen, um bei nasser Witterung die Wagen vom Versinken abzuhalten. Nun aber war es sehr lange trocken gewesen und die alte Wagenspur so hart und fest wie Stein geworden. Da ging es denn hinauf und herunter, daß man die Zunge im Munde festhalten mußte, und wenn man einmal auf so eine Stelle mit Knüppeln kam – nein, ich versichere Ihnen, es stieß einem geradezu den Hut vom Kopf herunter!«
»Hören Sie einmal, Rath,« sagte der Major, der nicht mit Unrecht fürchtete, auf dem ganzen Wege derartige Erzählungen dulden zu müssen, »ich will Ihnen etwas sagen. Wissen Sie, weshalb ich heute nach Vollmers fahre?«
»Sie? Nun, um den Aepfelwein einmal an der Quelle zu trinken. Ich habe Sie ja lange genug darum gebeten, mich einmal zu begleiten.«
»Der Teufel soll Ihren Aepfelwein holen,« knurrte der alte Soldat, »er liegt mir noch wie blanker Essig im Magen! Nein, ich habe einen andern Zweck, und da Sie doch einmal ein Rath sind, so sollen Sie mir nun auch einen Rath in einer Sache geben. Aber ich muß ein bischen vorsichtig sprechen, sonst beißt man sich, weiß es Gott, auf dem verfluchten Marterfuhrwerk einmal aus Versehen die Zunge ab.«
»Da fällt mir eine Geschichte ein,« sagte der Rath.
»Jetzt will ich Ihnen erst einmal eine erzählen,« sagte aber der Major, fest entschlossen, den Rath nicht so schnell wieder zum Wort kommen zu lassen. »Sie haben mir versichert, der Kutscher hört schwer.«
»Er ist halb taub. Sie müssen schreien, wenn Sie mit ihm reden wollen, und das greift Einem die Lunge an.«
»Desto besser, denn er braucht auch gar nicht zu hören, um was es sich hier handelt. Sie können doch verstehen, was ich sage?«
»Jedes Wort. Ich habe ein Ohr wie ein Luchs. Da kam einmal in Schwerin....«
»Bitte, lassen Sie mich erst aussprechen,« fiel ihm der Major in die Rede, »und Sie zu gleicher Zeit ersuchen, das, was ich Ihnen jetzt unter vier Augen sage, »vor der Hand« noch als Geheimniß zu behandeln.«
»Ein Geheimniß, he?« sagte der Rath und zog die Augenbrauen in die Höhe.
»Es wird hoffentlich nicht mehr lange ein Geheimniß bleiben,« fuhr der Major fort; »aber vor der Hand und so lange wir nicht fest und entschieden auftreten können, muß es jedenfalls als ein solches betrachtet werden. Sie geben mir auch gewiß recht, wenn Sie erfahren, um was es sich hier handelt – aber jetzt hören Sie.«
Und nun erzählte er dem allerdings genau aufhorchenden Rath zuerst mit kurzen Umrissen den Stand der Familien-Angelegenheit des Wendelsheim'schen Hauses, den Frühbach aber auch schon so ziemlich kannte, und dann den Verdacht, den er selber gefaßt habe und jetzt, ja in diesem Augenblick, bis zur Quelle verfolgte.
Frühbach unterbrach ihn dabei mit keinem Wort, so erstaunt war er über eine Erzählung, die wirklich eine Pointe bot und zu dem Interessantesten gehörte, was er in seinem ganzen Leben erlebt hatte. Nur »Hm!« und »Es ist die Möglichkeit!« oder andere kurze Ausrufe ließ er manchmal hören und schüttelte dabei, wie über etwas Unglaubliches, den Kopf. Endlich, wie der Major geendet hatte, warf er selber einige Fragen ein, die sich aber merkwürdiger Weise auf den Gegenstand bezogen, und schien jetzt so von der Wahrheit des Gehörten durchdrungen, daß er darüber ordentlich in Ekstase gerieth.
»Major,« rief er und drückte das Knie des neben ihm Sitzenden, »einen besseren Gehülfen, als mich, hätten Sie sich zu Ihrer Expedition nicht aussuchen können – das ist gerade mein Fach, und jetzt sollen Sie einmal sehen, wie geschwind wir der Geschichte auf den Grund kommen; der Madame wollen wir auf die Hacken treten!«
»Lieber Rath, wir werden ungemein vorsichtig zu Werk gehen müssen, da wir eigentlich noch gar keine wirklichen Beweise in Händen haben, sondern nur einen, wenn auch sehr stark begründeten Verdacht.«
»Eigentlich hätten wir uns gleich einen Polizeidiener mitnehmen sollen,« sagte der Rath, der indessen nur seinen eigenen Gedanken gefolgt war.
»Daß der Alles gleich von vornherein verdorben hätte, nicht wahr?« rief der Major. »Wir können doch die Frau nicht arretiren!«
»Gott bewahre!« schüttelte Frühbach mit dem Kopf; »denken nicht daran. Aber Sie glauben gar nicht, welchen Eindruck eine Uniform macht. Ich bin mir doch wahrhaftig nichts Böses bewußt, aber wenn selbst zu mir ein Polizeidiener in's Zimmer tritt, fährt's mir immer gleich in die Kniekehlen. Denken Sie sich, da sitz' ich einmal in Schwerin...«
»Sind Sie denn in Vollmers bekannt und wissen Sie, wo jene Frau Müller wohnt?«
»Ja, lieber Major,« sagte der Rath, »ich kenne zwei verschiedene Müller in Vollmers. Erstlich heißt unser Wirth so, von dem ich den Aepfelwein beziehe, und dann giebt's auch noch einen Butter- und Käsehändler Müller im Ort, von dem sich meine Frau immer Handkäse bringen läßt.«
»Aber der Müller ist lange todt.«
»Der Käsehändler? Nein, er war noch vorige Woche bei uns.«
»Nein, ich meine den Mann von dieser Müller; sie ist ja Wittwe.«
»Ja so, von der – nun, die wird auch aufzutreiben sein; Vollmers ist nicht so groß. Wenn Sie nur wenigstens wüßten, wie der Mann ihrer Tochter heißt; an einem solchen Namen hängt manchmal viel. Da lebte bei uns in Schwerin...«
Rath Frühbach hatte heute mit seinen Erzählungen Unglück. In dem nämlichen Augenblick, wo er wieder begann, that das Pferd einen Ruck, wurde scheu und fing an zu galoppiren.
»Na, das fehlte uns auch noch,« rief Frühbach, sich erschreckt festhaltend, »daß der alte, halbblinde Gaul mit uns durchgeht! Auf der einen Seite sieht er nicht einmal die Gräben.«
Der Kutscher, der wohl ein wenig eingenickt war, griff aber die Zügel auf, zog dem alten Gaul ein Paar mit der Peitsche über und brachte ihn bald wieder zu einem Verständniß seiner Lage, das er auch wohl kaum aus den Augen verloren. Er hatte sich nur einmal in Bewegung setzen wollen, oder auch vielleicht die schon ganz nahen Häuser von Vollmers entdeckt, wo er den Stall und dessen Futter kannte.
An eine weitere Unterhaltung war aber schon deshalb für die beiden Passagiere nicht mehr zu denken, weil hier das Pflaster begann und selbst der gegen Derartiges sonst ziemlich unempfindliche Rath beide Hände auf den Sitz stemmte, um sich gegen allzu hartes Stoßen zu sichern. Der Major aber memorirte laut seine sämmtlichen Flüche, die er auswendig konnte – und es waren deren nicht gerade wenig –, bis sie endlich vor dem niederen, mit rothen Ziegeln gedeckten Wirthshause hielten und ein riesiges blaues Schild über sich sahen, auf dem ein feuerrother Engel abgemalt war, der eine rothe Trompete in der rechten und ein rothes Bierkrügel in der linken Hand hielt. Welcher Götterlehre er angehörte, ließ sich nicht bestimmen.
Rath Frühbach schien hier übrigens ein alter Stammgast zu sein, wenigstens wurde er so von dem Wirth empfangen, der mit dem freundlichsten Gesicht von der Welt, sein Käppchen in der Hand, unter der Thür stand und Hausknecht, Kellner und Stubenmädchen augenblicklich herbeirief, um den Herren beim Aussteigen zu helfen und Mäntel oder sonstiges Reisegepäck in das Haus zu tragen.
»Nun, Herr Müller, wie gehen die Zeiten?« sagte Rath Frühbach, als er glücklich ausgestiegen war und dem Major, der mit seinem Bein nicht so recht fort konnte, ebenfalls vom Wagen herunter geholfen hatte. »Haben doch 'was Ordentliches zu essen heute?« – Er schien auf eine besondere Beantwortung der ersten Frage zu verzichten.
»Nun, danke bestens, Herr Rath,« sagte der gewissenhafte Gastgeber, »es geht ja immer so lala; meine Alte will nicht so recht fort – hat immer mit ihrem Magen zu thun.«
»Daran ist der verdammte Aepfelwein schuld!« sagte der Major, eben nicht in bester Laune.
»Ein guter Freund von mir,« stellte ihn der Rath vor, »Herr Major von Halsen.«
»Sehr angenehm, Herr Major – sollen bestens bedient werden. Wann befehlen die Herren zu speisen?«
»Was haben Sie denn? Das versprochene Wildpret fehlt doch nicht etwa?«
»Nein, gewiß nicht, Herr Rath; habe es Ihnen ja besonders hineinsagen lassen. Werde Ihnen doch keine Unwahrheit berichten. Aber die Speisekarte liegt drinnen auf dem Tisch.«
Der Rath nickte nur, denn eine weitere Unterhaltung war für den Augenblick, wo Wichtigeres ihnen bevorstand, unnöthig geworden, und die beiden Herren begaben sich in das untere Local, wo in einer der Ecken ein Tisch schon gedeckt stand; denn wenn auch Vollmers an keiner Poststraße lag, kamen doch eine Menge von Fuhrleuten vorüber und kehrten da ein, und Niemand lebt besser unterwegs, als ein Frachtfuhrmann.
Der Major hätte sich nun gern selber nach der verwittweten Müller im Ort erkundigt; aber bei ihm, als vollkommen Fremden, würde das gleich von vorn herein zu sehr aufgefallen sein, und er bat deshalb den Rath, das für ihn zu besorgen, und dazu war Frühbach auch der rechte Mann. Er fragte überhaupt ununterbrochen, und in seiner cordialen Weise (es hätte eigentlich auch einen andern Namen dafür gegeben, denn er behandelte die Leute gewöhnlich anscheinend freundlich, aber immer von oben herunter) fand er mit leichter Mühe einen Anknüpfungspunkt.
»Hören Sie einmal, Herr Müller,« sagte Frühbach, als der Wirth mit der Serviette unter dem Arm hinter ihnen am Tisch stand, »ist denn der Müller, der hier in Vollmers Butter und Käse verkauft, mit Ihnen verwandt? Er schreibt sich wenigstens ebenso.«
»Bitte um Verzeihung, Herr Rath,« sagte der Wirth mit Würde, »jener Müller stammt gar nicht aus unserer Gegend; er ist aus dem Mecklenburgischen hieher eingewandert.«
»Ih, sehen Sie einmal an,« rief Frühbach, »da sind wir ja Landsleute. Waren Sie schon einmal in Mecklenburg, Herr Müller?«
»Nein, bedaure sehr,« sagte der Wirth.
»Na, da haben Sie gar nichts zu bedauern,« meinte trocken der Major, »wenn Ihnen weiter kein Unglück begegnet ist.«
»Hm!« sagte der Rath aber, der, ganz aus seiner sonstigen Sphäre, wo er nur im Allgemeinen wie ein Fisch im Ocean herumschwamm, heute einmal auf ein besonderes Ziel lossteuerte. »Ich dächte aber doch, Sie hätten mir einmal von Verwandten von Ihnen erzählt, die hier noch im Orte leben.«
»Wüßte wirklich nicht, wer das sein sollte,« sagte Herr Müller achselzuckend. »Es sind allerdings noch Zwei meines Namens hier im Ort: der Bäcker heißt Müller und dann lebt hier eine verwittwete Müller, die lange in England war; sie wollte einmal nach Amerika, aber das Schiff wollte nicht, wie sie hier sagen – doch ich bin mit allen Beiden nicht im entferntesten verwandt. Lieber Gott, der Name kommt ja so häufig vor!«
»Ja, da haben Sie recht,« nickte der Rath. »Hören Sie, Herr Müller, der Hirschbraten ist wirklich delicat; ich habe lange nichts Zarteres gegessen.«
»Freut mich, wenn er Ihnen schmeckt, Herr Rath.«
»Und noch eine Flasche Aepfelwein, bitte. Aber Sie trinken ja gar nicht, Major.«
»Danke, habe mir ein Glas Bier bestellt und verzichte auf den Aepfelwein – kann das Zeug nicht vertragen.«
»Es ist die reine Muttermilch,« sagte der Rath; »aber was ich gleich fragen wollte: also die Frau war so lange in England?«
»Die Müller? Ja wohl – sie spricht auch das Engländische, und wenn sie sich mit ihrer Tochter manchmal unterhält, kann sie kein Mensch verstehen. Das ist eine verflixte Sprache, und so geschwind geht's – aber man muß es auch können.«
»Ach ja, ich dächte, davon hätte ich gehört,« fuhr der Rath, heftig dabei kauend, fort. »Ist die Tochter nicht an einen gewissen Becker, einen Telegraphen-Beamten, verheirathet?«
»Nein, Herr Rath, doch nicht; an einen sogenannten Geodäten, einen Herrn Melker, der jetzt in Rübhausen stationirt ist, um dort die Zusammenlegung der Felder zu bewerkstelligen.«
»Ach ja, das ist recht, Melker hieß er – wie komm' ich denn nur auf Becker? Aber es klingt ähnlich. Da war einmal in Schwerin ein Mann, der hieß Beyer, aber mit einem e und y geschrieben; Gott, ich habe ihn noch so genau gekannt – ich brachte ihn später als Schreiber beim damaligen Regierungspräsidenten Utrecht, einem intimen Freund von mir, unter. Aber da wohnte noch ein anderer Mann, ein Schuhmacher, Namens Bayer, mit a und y, in der Stadt, und die Beiden wurden doch fortwährend mit einander verwechselt. So schickte ich einmal mein Mädchen zu dem Bayer mit einem a, der gerade für uns arbeitete, um ihn zu mir zu bestellen, weil er mir das Maß zu einem Paar neuer Stiefel nehmen sollte; ich litt damals sehr an Hühneraugen, und die alten Stiefel drückten mich. Aber das Mädchen ging wahrhaftig zum Regierungspräsidenten hinauf und bestellte mir den Schreiber, weil der schon ein paarmal bei mir im Hause gewesen war, und nachher mußte sie denn richtig noch einmal zu dem wirklichen Bayer mit einem a gehen. Ueberhaupt, man glaubt gar nicht, was so ein einziger Buchstabe im Namen für einen Unterschied macht. Da war in Schwerin ein Schneider...«
»Ich dächte, einen Geodät Melker hätte ich auch einmal gekannt,« fiel hier der Major ein, denn der Rath ging wieder durch. »Kommt er manchmal hier herüber?«
»Ach, habe ihn erst heute Morgen gesehen,« sagte der Wirth; »ich glaube, er kam herüber, um seine Frau abzuholen, die hier ein paar Tage bei ihrer Mutter zum Besuch war.«
»In der That?« sagte der Rath, dadurch wieder zur Gegenwart zurückgerufen, da er sonst nur eigentlich in der Vergangenheit lebte. »Da könnten wir ja einmal nach dem Essen hinübergehen, Major, denn einen Verdauungs-Spaziergang müssen wir doch machen. Wohnt sie weit von hier?«
»Nein, gleich dort hinter dem Garten, Herr Rath. Wenn Sie um die Ecke vom Zaun herumbiegen, sehen Sie das kleine hübsche Häuschen gleich vor sich. Die Müller hat eigentlich das hübscheste Häuschen im ganzen Ort.«
»So? Na, dann wollen wir nachher einmal da vorbeischlendern und es uns ansehen – also so ein hübsches Häuschen. Sie ist da wohl reich?«
Der Wirth zuckte mit den Achseln. »Wer kann's wissen?« sagte er. »Sie zeigt's wenigstens Niemandem und lebt einfach und zurückgezogen genug – hat aber auch, das muß wahr sein, keinen Pfennig Schulden im Ort. Man bekommt sie jedoch wenig zu sehen. Sie sitzt fast immer im Hause und näht, oder liest auch wohl in einem Buche; aber wahrhaftig,« unterbrach er sich rasch, als ein Wagen draußen vorbeirollte, »da kommt gerade die Tochter mit ihrem Manne an. Die fahren jetzt wieder nach Rübhausen zurück. Nun haben Sie ihn verpaßt. Na, ein andermal trifft sich's vielleicht besser.«
Der Major war aufgesprungen und an's Fenster getreten. Ein leichter, hübscher Korbwagen, vortrefflich in Federn hangend, rasselte vorüber. Ein sehr anständig gekleideter Herr von vielleicht zweiunddreißig Jahren fuhr, und neben ihm saß, ebenfalls städtisch, aber sehr einfach gekleidet, ein junges, allerliebstes Frauchen und lachte und plauderte mit ihm.
»Also das ist die Tochter?« nickte der Major, sich wieder abwendend, denn der Wagen bog in dem Augenblick um die Ecke. »Sie sieht ja beinahe aus wie eine Dame.«
»Ja,« nickte der Wirth, »ein sehr hübsches Weibsen ist es und eine gute, tüchtige Frau dabei. Die Mutter hat sich's aber auch 'was kosten lassen, um sie zu erziehen, das muß wahr sein, und der Herr Melker das große Loos dabei gezogen.«
Der Rath stieß den Major heimlich an, blinzelte ihm über die Brille zu, flüsterte: »'s ist Alles in Richtigkeit!« und setzte sich dann wieder zu seinem Wildbraten nieder, um noch einmal von vorn zu beginnen. Er rühmte sich nicht mit Unrecht, daß er für drei Mann essen und trinken könne. Dem Major brannte aber jetzt der Boden unter den Füßen, und wenn ihn auch ein eigenes, unbehagliches Gefühl beschlich, sobald er daran dachte, daß die Entscheidung seines lange gehegten Zieles – denn dies war seine letzte Hoffnung – so nahe sei und er zu dem Zweck einer vollkommen fremden Person in das Haus rücken solle, so war er doch nicht der Mann, von der einmal begonnenen Sache nun zurückzuschrecken. Je eher sie abgemacht wurde, desto besser. Es dauerte freilich noch eine Weile, bis er den Rath hinter dem Tisch vorbrachte, aber es gelang doch endlich, und die Beiden schritten jetzt langsam erst eine Strecke durch den Ort hinauf, um ihr Ziel nicht gleich zu verrathen, und dann der bezeichneten Richtung zu, wo sie das kleine Haus auch bald in Sicht bekamen.
Es war in der That ein freundliches Plätzchen, klein und beschränkt freilich – wenigstens dem äußeren Anschein nach –, aber außerordentlich sauber gehalten, ordentlich beworfen und licht bemalt, sowie mit grünen Jalousien versehen; auch schien das daranstoßende Gärtchen sorgsam gepflegt, und selbst über die Hecke herüber schauten blühende Rosenbüsche. Das Ganze war in der That wie ein kleines Idyll, und man dachte sich unwillkürlich ein reizendes, zartes Wesen, das jetzt dort hinter den Blumen am Fenster an einer Stickerei arbeiten und vielleicht einmal mit dem Lockenkopf hinausschauen müsse.
Hinter den Blumen am Fenster war aber nichts als eine große weiße Haube zu erkennen, die sich auch gar nicht regte, als die beiden Fremden vorübergingen.
»Hören Sie, Major,« sagte der Rath, indem er von der Seite über die Brille hinüberschielte, »das erinnert mich an ein Abenteuer in Schwerin, wo ich....«
»Thun Sie mir den einzigen Gefallen,« unterbrach ihn der Major, »und erzählen Sie mir jetzt nichts; ich fange außerdem schon an ganz nervös zu werden. Wollen wir hinein?«
»Nun, versteht sich von selbst,« sagte der Rath; »wir sind einmal da und müssen nun auch durch. Wie wollen Sie aber anfangen? Wir müssen doch gewissermaßen eine Introduction haben, nachher macht sich dann Alles von selber. Könnten wir zum Beispiel nicht nach Herrn Melker fragen? Wir wissen jetzt genau, daß er nicht da ist.«
»Daran habe ich auch schon gedacht,« sagte der Major; »aber nachher?«
»Dann lassen Sie mich nur das Uebrige besorgen; ich knüpfe mit allen Menschen ein Gespräch an, wenn ich sie nur erst einmal fest habe, und eine Einleitung zu unseren Fragen ist ja auch dadurch gegeben, daß Sie mit der Familie Wendelsheim, in der sie selber früher gedient hat, verwandt sind. Fangen Sie zum Beispiel nachher einmal von der in der nächsten Zeit fälligen Erbschaft an, und wir sehen dann gleich, was sie dazu für ein Gesicht macht; ich werde sie indessen beobachten. Donnerwetter, Major, zwei alte Knaben, wie wir sind, und mit allen Hunden gehetzt, sollen es doch wohl in der Intelligenz mit einer alten Frau aufnehmen können!«
»Und wenn sie nichts gesteht?«
»Sie braucht nicht direct zu gestehen, lieber, bester Freund,« versicherte ihm der Rath, »und wird das auch auf keinen Fall, davon bin ich schon jetzt vollkommen überzeugt, ohne sie nur einmal gesehen zu haben. Ich verlange auch weiter nichts, als daß sie sich nur ein einziges Mal verschnappt, nur mit Einer Silbe, daß sie sich nur einmal widerspricht; dann haben wir sie fest, und daß dann die Gerichte das Andere aus ihr herausbekommen, darauf können Sie sich fest verlassen. Sagen Sie mir nur um Gottes willen, weshalb Sie mit dem Allen erst jetzt herausrücken, und nicht schon vor zwanzig Jahren, als die Sache noch warm war, ihr zu Leibe gegangen sind?«
»Lieber, bester Freund,« sagte der Major, »das wäre allerdings besser gewesen; aber gerade in der Zeit, in der das Kind geboren wurde, befand ich mich in Rußland, und als ich nachher zurückkehrte, waren die Leute, die damals in Wendelsheim gedient, so in alle Welt zerstreut, daß meine Bemühungen vergeblich blieben. Erst jetzt, nachdem über dem Ganzen scheinbar Gras gewachsen, haben sie sich wieder eingefunden, und jetzt, ja, ich kann wohl sagen, eigentlich in den letzten Tagen und so recht vor Thorschluß, bin ich erst auf die richtige Fährte gekommen. Aber es ist selbst jetzt noch nichts versäumt.«
»Gott bewahre, Gott bewahre,« nickte der Rath; »ein Heidenglück nur, daß Sie wenigstens jetzt noch auf die Spur kamen, denn ein paar Wochen später hätten Sie einpacken und mit langer Nase abziehen können! Doch wir wollen umkehren – jetzt hilft's nichts. Also die Zähne zusammengebissen, Major, und fest vorwärts. Umbringen kann sie uns nicht, und im schlimmsten Fall sind wir immer unserer Zwei!«
Die beiden Verbündeten, die indessen eine Strecke auf der Straße hinausgegangen waren, so daß sie schon die Felder wieder vor sich sahen, drehten jetzt um und schritten direct auf das Haus der Wittwe Müller zu, dessen Pforte, da der Eingang durch den Garten führte, sie bald darauf erreichten. Draußen war auch eine Klingel angebracht; die Glocke hing inwendig am Pfosten, und der Rath streckte schon den Arm nach dem Griff aus, als er plötzlich sagte:
»Hören Sie, Major, wenn wir jetzt hier läuten, steckt sie am Ende den Kopf zum Fenster heraus und fertigt uns gleich auf der Straße ab. Das wäre Pech!«
»Vielleicht ist die Thür offen; fassen Sie einmal auf die Klinke.«
»Wahrhaftig,« sagte der Rath, indem er die Klinke probirte, »das war ein guter Gedanke. Die Zugbrücke ist nieder, nun laufen wir Sturm, he, Major? Also vorwärts marsch, ich sehe schon, ich muß die Leitung doch wohl übernehmen!«
Die beiden Verbündeten traten in den Garten, den sie auf das fleißigste gehalten und gepflegt fanden, und Keiner von ihnen dachte wohl daran, daß sie in diesem Augenblick gerade im Begriff standen, ihr Möglichstes zu thun, diesen Frieden zu stören und die glückliche Besitzerin desselben in das Zuchthaus zu liefern. Dem Rath war die Sache auch noch viel zu neu, und er hatte sie sich, mit dem Reiz des Abenteuerlichen, der sie umgab, noch gar nicht ordentlich zurechtlegen können, und der Major, nur das Ziel vor Augen, dem er entgegenarbeitete, schien Alles, was sich ihm in den Weg stellen wollte, gerade wie ein wilder steeple-chaser, als gar kein Hinderniß zu betrachten. Hier galt, wie er sich die langen Jahre hindurch fest eingeredet, nur das Recht, und einzig und allein das Recht, und der alte Baron, den er von Grund seiner Seele aus haßte, mußte für verübtes Unrecht bestraft werden. Daß er damit dann nachher Alle, die ihm dabei geholfen, mit hineinzog, daran dachte der Major gar nicht, oder wenn er daran dachte, war es ihm vollkommen gleichgültig. Vorwärts! Der Rath hatte ganz recht; das war das einzige Wort, das jetzt für sie galt, und mit festen, entschlossenen Schritten ging er auf die grün gemalte Thür zu, die ihn noch von seiner Beute trennte.
Diese fanden die beiden Herren aber nicht offen, doch war ebenfalls ein Klingelzug dort angebracht, und ohne auch nur noch einen Augenblick durch unnützes Zögern zu verlieren, zog der Rath daran.
Drinnen im Hause ging gleich darauf eine Thür, und es dauerte nicht lange, so wurde innen ein Riegel zurückgeschoben und die Pforte geöffnet, wobei sie sich einer ziemlich robusten Dame »in den besten Jahren« gegenüber sahen.
Die Dame trug ein dunkelrothes Kattunkleid mit engen Aermeln, dazu eine schneeweiße Haube und eben solchen Halskragen, und sah überhaupt recht sauber und adrett aus. Aber ihr Gesicht gefiel dem Major nicht; um den Mund, auf dessen Oberlippe ein kleiner Anlauf zu einem Schnurrbart sichtbar wurde, lag ein Zug, der etwa ausdrückte: »Ich habe etwas durchgesetzt in meinem Leben und kümmere mich den Henker um die Welt!« Die ziemlich starken Augenbrauen waren ihr dabei über der Nasenwurzel zusammengewachsen, und ein Paar große blaue Augen sahen mehr forschend als freundlich darunter vor. Aber nicht gerade unfreundlich sagte sie, als sie die Fremden in ihrem Garten sah: »Und mit was kann ich den Herren dienen?«
»Sie entschuldigen, verehrte Frau,« nahm hier der Rath das Wort, »wie ich gehört habe, befindet sich gerade ein alter Bekannter von mir, Herr Melker, bei Ihnen?«
»Das thut mir leid,« sagte die Frau, »mein Schwiegersohn ist eben fortgefahren; meine Tochter war auf Besuch bei mir, und die hat er wieder abgeholt.«
»O, das bedauere ich doch wirklich sehr,« sagte Rath Frühbach, indem er sich die Stirn mit einem riesigen seidenen Taschentuch abwischte, »ich hätte ihn so gern gesprochen! Können Sie uns nicht vielleicht sagen, wann er zurückkehren wird?«
»Thut mir leid, weiß ich aber nicht,« entgegnete ruhig die Frau.
»Sie sind auch vielleicht nicht im Stande, uns zu sagen, wann er seine Arbeiten dort beendet haben wird?« fuhr Frühbach unverdrossen fort. »Ich habe selber ein Gut – warten Sie, wo ist denn gleich die Liste...« – Und er nahm dabei sein Taschenbuch heraus.
»Wollen denn aber die Herren nicht näher treten?« sagte Frau Müller, die jetzt nicht anders vermuthen konnte, als daß es sich um einen neuen Auftrag und Verdienst für ihren Schwiegersohn handle. »Sie stehen hier so draußen auf dem Flur...«
»Wenn wir Sie nicht stören, verehrte Frau...«
»Bitte, ganz und gar nicht. Seien Sie so gut und kommen einen Augenblick mit hier herein; ich bin ganz allein, und wenn ich Ihnen irgend eine Auskunft geben kann...«
Die Herren ließen sich natürlich nicht lange nöthigen. Rath Frühbach ging mit seinem gewinnendsten Lächeln voran, und der Major folgte ihm dicht auf dem Fuße.
Das Zimmer sah außerordentlich sauber aus; es war allerdings sehr einfach möblirt, aber doch mit Geschmack, und die vielen Blumen besonders, der frisch gestreute Sand und die Sonne, welche auf dem Ganzen lag, gaben ihm etwas unendlich Freundliches. Die Frau selber benahm sich dabei mit vielem Anstand; man sah es ihr an, daß sie sich häufig in gebildeten Kreisen bewegt haben mußte, und die Art, wie sie sich selber wieder auf ihren Stuhl niederließ und den beiden Herren winkte, auf zwei anderen Sesseln Platz zu nehmen, hatte wirklich etwas Vornehmes.
An Frühbach, während es dem Major imponirte, ging das aber vollständig verloren; er nahm mit seinem wohlwollendsten Lächeln Platz und begann dann auch eine längere Erzählung (während er noch immer in seiner Brieftasche herumsuchte), die sich einzig und allein um sein Rittergut und die dort vorhandene Nothwendigkeit drehte, die Zusammenlegung der Felder so rasch als irgend möglich in Angriff zu nehmen. Dadurch aber gewann der Major Zeit, um seinen Schlachtplan zu entwerfen, und wenn Frühbach einmal, was aber nicht so bald geschah, eine Pause machte, nahm er selber das Gespräch auf und sagte:
»Nicht wahr, Madame, Sie waren früher auch einmal – es sind jetzt freilich schon lange Jahre her – in dem Hause meines Vetters, des Freiherrn von Wendelsheim?«
»Ei gewiß,« erwiederte Frau Müller, die, wie sich bald herausstellte, trotz ihres etwas absprechenden Wesens eine Unterhaltung liebte; sie mußte nur erst einmal warm werden. »Also das ist ein Herr Vetter von Ihnen? Ein lieber, braver Herr! – Jawohl, ich war Amme dort im Hause, gleich nachdem mir mein Töchterchen, die Martha, geboren war, und mein Mann wollte es damals eigentlich nicht zugeben, aber lieber Gott, was konnten wir machen – die Frau Baronin war so leidend, auch immer so gut mit uns gewesen, da mußten wir ja zuletzt nachgeben, und meine kleine Martha wurde unterdessen zu Hause mit Milch großgezogen. Das Kind ist auch wohl dadurch ein bischen schwächlich und zart geblieben, aber doch, Gott sei Dank, gesund und kräftig, und ich habe mir später keine Vorwürfe zu machen gebraucht.«
»Die beiden Kinder sind also wohl so ziemlich in Einem Alter?« fragte der Major.
»Ja, gewiß,« sagte Frau Müller, »kaum achtundvierzig Stunden auseinander – ja, und es kam mir damals schwer genug an, den armen kleinen Wurm allein zu lassen, aber der Herr Baron schickte seinen eigenen Wagen, eine große Glaskutsche, und es half nichts, ich mußte hinein.«
»Mein Vetter,« sagte der Major, der jetzt glaubte von einer andern Seite angreifen zu müssen, »war eigentlich bei seinen Leuten nicht besonders beliebt. Seine Frau soll ein Engel gewesen sein, und sie hat auch, wie ich Ursache habe zu vermuthen, viel ertragen; aber er selber hatte immer etwas entsetzlich Stolzes und Hartes, und seine Familie kann davon besonders erzählen.«
»Wie es mit der Familie gewesen ist, weiß ich nicht,« sagte die Frau; »gegen mich und die Leute war er immer sehr gut, besonders gegen mich und den kleinen Baron – Du lieber Gott, er wußte gar nicht vor Seligkeit, was er mit dem Kind Alles anfangen sollte! Ordentlich mit Gewalt haben wir's ihm manchmal wegnehmen müssen, so sprang und tanzte er damit herum, und wollte sich gar nicht zufrieden geben, daß die gnädige Frau Tante oft mit ihm zankte und böse wurde.«
»Die gnädige Frau Tante?«
»Nun, dem gnädigen Herrn seine Schwester, ein Fräulein von Wendelsheim, die auch, glaub' ich, jetzt noch immer im Hause ist. Das war aber ein bitterböses Frauenzimmer, wir nannten sie nur immer den Beißzahn, und wenn sie damals schon wie ein Beißzahn auftrat, so gnade Gott jetzt die armen Dienstboten, die unter ihr stehen müssen!«
»Das gnädige Fräulein führte wohl den Oberbefehl im Hause?« warf der Rath eine Frage ein.
»Ja, und führt ihn wahrscheinlich noch,« nickte Frau Müller; »denn sie sah mir nicht danach aus, als ob sie sich irgend 'was aus den Händen winden ließe. Sie biß eher.«
»Aber mit dem Kinde war sie gut?«
»Ich weiß es nicht,« sagte achselzuckend die Frau; »manchmal, ja. Dann aber betrachtete sie es auch wieder mit ganz finsteren Blicken und konnte oft stundenlang kein freundliches Wort – was überdies selten genug aus ihrem Munde kam – mit irgend einer Seele reden.«
Der Rath warf dem Major einen bedeutungsvollen Blick zu; dieser aber, ohne ihm zu begegnen, wenn er ihn auch gemerkt hatte, fuhr langsam fort:
»Es ist sonderbar, aber es wurde damals viel über das Kind gesprochen; die Leute hörten nicht auf, sich die verschiedensten Sachen zu erzählen....«
»Natürlich,« nickte die Frau, »weil mit dessen Geburt eine große Erbschaft in Aussicht stand. Lieber Himmel, über was reden die Leute nicht, und ich bin damals auch oft gefragt und drangsalirt worden, habe ihnen aber heimgeleuchtet, bis sie mich zufrieden ließen – das Pack das!«
Die Erinnerung oder vielmehr Erwähnung jener mißglückten Versuche schien gerade nicht ermuthigend auf den Major zu wirken. »Der zweite Sohn ist jetzt recht leidend,« sagte er nach einer kleinen Pause, »man glaubt kaum, daß er noch lange leben wird.«
»Na, dem Beißfräulein gönne ich das,« meinte Frau Müller, »denn sie soll den zweiten Sohn fast vor Liebe aufgefressen haben, während sie sich um den ersten wenig oder gar nicht bekümmerte – und was für ein draller, derber Junge war das! Aber um den Vater sollte mir's leid thun. Lieber Gott, die Mutter liegt ja schon so lange in ihrem kalten Grabe!«
»Und haben Sie den Aeltesten kürzlich einmal gesehen? Er ist, wie Sie wissen, Officier.«
Die Frau schwieg, und wieder sah der Rath den Major an, diesmal aber zog er die Augenbrauen hoch in die Höhe. Endlich erwiederte die Frau, die indessen still vor sich niedergesehen:
»Lange nicht, seit langer, langer Zeit. Du lieber Himmel, aus Kindern werden Herren, und wenn die vornehm sind, was kümmert sie nachher eine arme alte Frau, die sie früher mit ihren eigenen Säften genährt! Sie denken nicht mehr daran. Wenn der Herr Baron gewollt hätte, wäre er schon lange einmal zu mir herausgekommen, denn daß ich wieder hier wohne, muß er doch wohl wissen; aber er kümmert sich nicht mehr um seine alte Amme, die Mutterstelle an ihm vertrat, und wenn er's aushalten kann – na, ich kann's auch.«
»Da scheint Ihr eigenes Kind mehr an Ihnen zu hangen,« sagte der Rath, der auch nach dieser Seite hin anzuklopfen wünschte.
»Nun,« fragte die Frau und sah ihn verwundert an, »soll sie denn das auch nicht? Hatte sie denn, bis sie sich vor Kurzem verheirathete, irgend Jemanden sonst in der weiten Welt, der für sie sorgte und mühte, als mich? Alle Ursache für sie, daß sie an mir hängt, und es wäre unnatürlich, wenn sie anders sein wollte.«
»Ach, wenn Sie in jener Zeit in Schloß Wendelsheim waren,« bemerkte der Major, »dann kennen Sie ja auch wohl eine Frau Heßberger, die damals dort aus und ein ging?«
Die Frau Müller sah den alten Herrn etwas erstaunt an. Es mochte ihr jetzt vielleicht zum ersten Mal auffallen, daß überhaupt so viele Fragen an sie gerichtet wurden, während Rath Frühbach, der diese Antwort mit der gespanntesten Aufmerksamkeit erwartete, um sich mit keinem Blick zu verrathen, seine Dose hervornahm und der alten Dame eine Prise offerirte.
Wenn diese gewußt hätte, daß Rath Frühbach immer Morgens, ehe sein Zimmer gereinigt wurde, den über Tag beim Schnupfen auf die Matte gefallenen Schnupftabak wieder sorgfältig zusammenschob und zurück in die Dose that, so würde sie die Prise wohl verweigert haben. Der Major wußte es wenigstens und schnupfte deshalb nie mit ihm. So aber nahm sie dankend eine Prise an und sagte nach kleiner Weile:
»Die Heßberger? Gewiß kenne ich die – die schlechte Person! Aber weshalb fragen Sie mich das? Wie kommen Sie überhaupt jetzt auf die Heßberger?«
»Lieber Gott,« sagte der Major, doch halb verlegen, »da wir gerade so von alten Zeiten sprachen, fiel mir die Person wieder ein, weil sie ja damals just so viel im Hause ein und aus ging und die stolze Frau Baronin sie trotzdem nicht leiden konnte; das hab' ich wenigstens oft und oft gehört.«
»Das ist auch wahr,« nickte die Frau, »weil sie mit dem gnädigen Fräulein immer durchsteckte, und der alte Baron mußte wohl thun, was die Beiden wollten. An mich durfte sie sich freilich nicht wagen, weil ich das Kind hatte, und mit dem verstand der alte Baron keinen Spaß; aber die Anderen hat sie in der kurzen Zeit genug geschuhriegelt, und sie haben's ihr auch gedacht. Aber was macht die sich daraus!«
»Die Heßberger hat sich damals ein schön Stück Geld verdient,« sagte der Major.
»Was geht's uns an,« brach jedoch die Frau, jedenfalls mißtrauisch werdend, kurz ab; »ich rede nicht gern über die Zeiten, und mit fremden Leuten gar nicht. Sie suchten ja aber vorhin ein Papier in Ihrer Brieftasche, Herr – ich weiß noch nicht einmal Ihren Namen....«
»Frühbach, verehrte Frau – Rath Frühbach,« sagte der also Angeredete, der seine Tasche schon lange wieder zurückgeschoben hatte, indem er jetzt rasch und doch etwas verlegen danach griff. »Aber das hat Zeit, bis ich den Herrn Melker einmal selbst sprechen kann. Wir haben uns hier angenehm unterhalten – ich sage Ihnen, die Zeit ist mir nur so dahingeflogen, und Sie wohnen auch hier wie in einem kleinen Paradies.«
»Ja, die Wohnung ist allerdings recht hübsch,« nickte die Frau, »nur eigentlich fast ein bischen zu groß für eine alleinstehende Wittwe; aber, lieber Gott, es ist doch ein eigenes Haus, und man kann es sich darin bequem machen.«
»Merkwürdig, daß es mir noch nicht aufgefallen ist,« meinte Frühbach, »und ich komme doch so oft nach Vollmers heraus – ich trinke den Aepfelwein so gern, er ist auch für meinen Körper zum Bedürfniß geworden, ich könnte ihn gar nicht mehr entbehren. Leider scheint dieser Jahrgang nicht so ausgefallen zu sein wie der vorige; der Wein säuert ein wenig, ist aber auch dafür, glaube ich, um so viel gesunder als der vorjährige. Das war aber in der That etwas Wunderbares, und ich denke jetzt noch mit Schmerzen daran, daß er vorüber ist.«