Als Philippintje bemerkte, daß ihr Clötje sich immer mehr der Neigung zum Verzeihen überlasse und nur noch durch die Gedanken an den Zorn des Vaters und an das Gerede unter den Verwandten und Bekannten daheim zu Rotterdam, hauptsächlich beunruhigt werde, ging sie in einen andern Ton über und sagte scherzhaft:

»Was ist es denn auch Schlimmes um eine Spazierfahrt mit einer ältern Freundin und dem Bräutigam, der schon vor aller Welt als solcher genannt und bekannt ist? Wer weiß, daß die Väter sich entzweit haben am Abend vor der Abreise? Jetzt nach der Abreise werden die beiden Alten wohl so gescheut seyn, und Niemanden etwas davon sagen! Und ein Mittelchen gibt es, das macht Alles wieder gut, Herzenskind. Laß den Brautstand aufhören und den Hausstand anfangen! Bei der Muhme Jacobea ist gut seyn und des Vaters Schwester kann wohl Vaters Stelle vertreten und an seiner Statt das Jawort geben, wenn der Domine es verlangt, um Euere Hände segnend in einander zu fügen!«

»Nimmermehr!« fiel Clelia heftig und erröthend ein. »Ohne des Vaters Einwilligung, ohne seine Verzeihung thue ich nie diesen Schritt, und ich kann nicht begreifen, wie du, die immer von ihrer mütterlichen Liebe zu mir spricht, mir dazu rathen kannst?«

»Recht, Kind, ganz Recht!« versetzte einlenkend Philippintje, die noch zur rechten Zeit einsah, daß sie zu weit gegangen war. »Ich wollte dich nur auf die Probe stellen. Ohne des Vaters Jawort dürfen wir freilich den Domine nicht kommen lassen. Aber das wird sich Alles zusammenfinden ohne Anstand und Hinderniß, wenn wir einmal bei der Muhme sind. Jungfrau Jacobea muß dem wohledeln Herrn einen rührenden Brief schreiben, Junker Cornelius einen noch rührendern und du machst auch deinen kindlichen Schnörkel dran. Dem kann der Alte nicht widerstehn und wenn ihm der Schiwa auch noch so heidnische und gottlose Gedanken eingäbe! Und was kann er denn Besseres verlangen für seine Clötje, als den Sohn des Mannes, der nächst ihm der dickste ist im guten Rotterdam? Mein Himmel, auf zwei Finger breit dicker oder dünner kommt es nicht an vor dem Auge unseres Herrgottes und wenn er recht drein sieht, so sind wir Erdenwürmer alle so dick oder so dünn, einer wie der andere. Das sage ich dir, Clötje, unter die Haube mußt du mir, ehe wir wieder nach Rotterdam hineinkommen, als Frau van Daalen mußt du in den Haven einlaufen, oder sonst thue ich mir ein Leids an, denn das Gerede, was außerdem entstünde, brächte mich doch ums Leben in den ersten vierundzwanzig Stunden. Das Entsetzlichste aber ist dir noch gar nicht eingefallen: die Kirchenbuße an der Kirchthüre, die der Domine zu deiner ewigen Schande über dich verhängen wird.«

Dieser Schlag traf. Clelia erwiederte nichts. Sie seufzte und stand auf. Die Besorgnisse, welche ihr Philippintje’s Bericht von dem verzweiflungsvollen Zustande ihres Geliebten, beigebracht hatte, ließen ihr keine Ruhe. Sie stieg die Treppe hinauf, die nach dem Verdecke führte. Hier wollte sie, wenn Cornelius nun als ein rechtes Bild des Jammers und der Reue vor ihr stünde, durch einen tröstlichen Blick, durch ein friedliches, wenn auch nicht freundliches Wort ihn erheben. Philippintje folgte ihr. Auf dem kurzen Wege, den sie zu machen hatte, stellten sich ihrer einmal aufgeregten Einbildungskraft alle schrecklichen Entschlüsse in ihrer Ausführung dar, zu denen die Verzweiflung den beklagenswerthen Jüngling bewegen könne. Sie betrat in großer Beängstigung das Verdeck. Ihre Blicke flogen nach allen Seiten hin, um sich zu überzeugen, daß er noch da, daß er noch am Leben sey und nicht bereits nach dem letzten Hülfsmittel der Verzweiflung gegriffen habe. Siehe! da stand er frisch und fröhlich an der rauchenden Oeffnung, die der Küche zum Schornsteine diente und rief eben mit heller, heitrer Stimme hinab:

»Macht, daß bald angerichtet wird, Frau Beckje, denn ich habe ganz entsetzlichen Hunger!«

Ein bitteres Lächeln zeigte sich in Clelia’s Antlitz. Sie wandte sich mit einer Gebehrde des Unwillens ab und schritt nach dem Vordertheile hin.

»Er redet irre, der arme Mensch!« sagte Philippintje in tödlicher Verlegenheit. Clelia fühlte sich tief gekränkt. Sie ließ die herben Empfindungen, welche ihre Seele ergriffen hatten, nicht laut werden; aber um Thränen zu verbergen, die in ihr Auge aufstiegen, trat sie dicht an das Bordgeländer und sah hinab in die treibenden Wellen. Wie ganz anders hatte sie erwartet den Geliebten zu finden! Er konnte scherzen, er konnte, was noch weit schlimmer war, einen gewöhnlichen, gemeinen Hunger empfinden, während sie aus Liebe zu ihm, aus quälender Angst um sein Wohlergehn, um sein Leben, die Mahnungen der Kindespflicht, den gerechten Unwillen über seine Täuschung, bekämpft und zurückgewiesen hatte. Das war zu arg! Einem solchen Leichtsinne konnte keine wahre Reue zugetraut werden. Clelia stand auf dem Punkte, wieder zu allen Ansichten und Vorsätzen zurückzukehren, die sie vor Philippintje’s wirkungsreichen Ermahnungen gehegt hatte.

Da fühlte sie sich leise am Kleide gezupft. Sie sah sich um und erblickte Philippintje, neben dieser mit einem wahren armen Sündergesichte den Junker Cornelius. So wie er jetzt vor ihr dastand, schien er nichts weniger, als von einem unwiderstehlichen, nagenden Appetit gequält zu werden, und wirklich hatte er auch, sobald die Hausjungfer ihn auf die Gegenwart der Geliebten aufmerksam gemacht, sobald er diese in nachdenklicher Stellung, mit allen ersichtlichen Zeichen des Unwillens, am Vorsteven erblickt, in einem Augenblicke alle Sehnsucht nach Backobst und Pökelfleisch verloren, seine ganze Sündenschuld war ihm schwer auf das Gewissen gefallen und er trat nun vor Clelia mit den Gefühlen eines Delinquenten hin, der vor dem peinlichen Halsrichter erscheint, um den Ausspruch über Leben oder Tod zu vernehmen. Er stand in erwartungsvollem Schweigen. Er wagte nicht, die Blicke zu der schwer Beleidigten zu erheben. Alle Zeichen, die Philippintje gab, er möge die drückende Stille unterbrechen, gingen an ihm verloren. Clelia aber wurde durch den Zustand, in dem sie ihn jetzt sah, um Vieles besänftigt. Die Nachtwache, die peinigenden Zweifel über die Art und Weise, wie die Geliebte ihm nach ihrem Erwachen begegnen würde, hatten seinem Angesichte ihre Spuren eingeprägt, so daß es eine ungewöhnliche Blässe und Eingefallenheit zeigte. Clelia konnte sich, als sie dieses bemerkte, einer mitleidigen Regung nicht erwehren. Philippintje’s Hindeutungen, daß sie doch eigentlich die Schuld des ganzen seltsamen Verhältnisses trage, indem sie die Hand zu der heimlichen Zusammenkunft geboten, kamen ihr wieder in den Sinn und stellten sich ihr als wohlbegründete Vorwürfe dar. Sie wurde jetzt beinahe ebenso verlegen, wie Cornelius. Sie hätte gern das Gespräch eröffnet, aber sie vermochte, wie sehr sie auch darauf sann, keinen schicklichen Eingang zu finden. Die ältere Freundin ahnete jetzt, welche Veränderung in den letzten Augenblicken in ihr vorgegangen sey und beschloß die günstige Gelegenheit nicht ungenutzt vorbeigehn zu lassen. Sie ergriff des Mädchens Hand und sagte in einem Tone, dem sie die möglichste Feierlichkeit zu geben suchte:

»Clötje, Clötje! Blick um dich! Nichts wie Himmel und Wasser und das letzte Stückchen Landes verschwindet eben dort hinten, wie ein grauer Flor. Das Wasser unter uns ist der Tod, der uns in jedem Augenblicke verschlingen kann; im Himmel über uns aber ist Einer, der da gebietet, daß wir den Zorn nicht in uns aufkommen lassen, den Haß nicht in uns nähren sollen. Wenn nun jetzt die Wellen, die gierig nach uns heraufschnappen, plötzlich das Schiff hinunterschlucken mit Mann und Maus und du im Unfrieden stürbest, mit einem unversöhnlichen Gemüthe gegen den Junker, der es doch wahrlich nicht böse gemeint? Oder willst du warten bis zum letzten Augenblicke und meinst du, daß dann noch Zeit genug übrig wäre, ein Wörtchen der Verzeihung auszusprechen, mit welchem auf der Lippe man ruhig von hinnen fahren könne aus diesem irdischen Jammerthale? Glaube Das nicht, Clötje! Noth und Todt liegen so nahe zusammen, daß sie mit einander wechseln können, ehe die Hand sich wendet und wenn du dann denjenigen, dem du hartnäckig die Versöhnung versagt, vor dir erblicken müßtest bleich und leblos, mit gebrochenen Augen, die dich nie mehr liebevoll anschauen, mit blassen Lippen, die nimmer mehr ein freundliches Wort zu dir sprechen könnten, dann wäre es zu spät, dann würde sich die Reue vergebens in deinem Herzen erheben, dann würdest du umsonst den armen Junker Cornelius zurückrufen, ihn trösten, ihm verzeihen wollen —«

Jetzt hatte Jungfrau Philippintje den Höhepunkt ihrer Beredsamkeit erreicht. Weiter konnte sie nicht. Sie fing an sich zu verwirren, zu stottern; aber sie durfte sich auch bereits des glänzendsten Erfolgs erfreuen. Clelia reichte in Thränen schwimmend dem entzückten Cornelius die Versöhnungshand. Ihre Einbildungskraft hatte ihr Alles in täuschenden Vorspieglungen gezeigt, was Philippintje mit Worten dargestellt. Sie sah Cornelius als eine Leiche im Sarge liegen, mit dem weißen Todtentalare bekleidet, wie sie bei der Leichenausstellung des letztverstorbenen hochmögenden Herrn Bürgermeisters von Rotterdam diesen gesehen; auf dem Sarge fand sich eine Inschrift in großen silbernen Buchstaben, die den Namen, Stand und Alter des Todten besagte. Ihre Phantasie ging noch weiter, als Philippintje’s Darstellung. Sie sah, wie der Todte sich im Sarge aufrichtete, wie die Augenlieder sich öffneten, die gebrochenen Blicke sie vorwurfsvoll anstarrten, plötzlich die rechte Hand sich drohend erhob — da war es um ihren Trotz geschehen, sie mußte in Thränen zerfließen, sie mußte verzeihend dem nächsten Augenblicke zuvorkommen, der ja das Entsetzlichste bringen konnte.

Nach diesem ersten versöhnenden Schritte, hatte die weitere Verständigung zwischen den Liebenden ihren ungestörten Fortgang. Cornelius war außer sich vor Freude. Er bauete tausend Luftschlößer in die Zukunft hinein, von denen immer eins unhaltbarer war, als das andere. Clelia aber gefiel sich sehr darin, sein Feuer durch altkluge Ermahnungen zu dämpfen, indem sie ihm auseinandersetzte, auf welche Weise sie, nachdem sie bei der Muhme glücklich angekommen wären, sich um die Einwilligung des Vaters bemühen müßten, ohne welche sie durchaus nicht die seinige werden könne. So machte sie den von Philippintje ausgedachten Plan zu dem ihrigen, während die Hausjungfer seelenvergnügt über die günstigen Aussichten, die sich ihrer Zukunft eröffneten, nach dem Steuerbord trippelte, damit die beiden jungen Leute sich selbst überlassen blieben und auch noch den letzten Groll vom Herzen kosen möchten. Sie war so froh bewegt, daß sie ein Glas Genever, welches ihr der Bootsmann zutrank, dankbar annahm und indem sie auf gutes Gedeihen des begonnenen Werkes nur nippen wollte, zum Erstaunen des Darbringenden auf einen Zug leerte. Dann setzte sie sich still auf die Schiffsbank und fiel bald in einen sanften Schlummer.

Die Barke wurde auf dem weiten Wasserspiegel von günstigen Winden so rasch vorwärts getragen, als schwebe sie auf offener See. Der Himmel blieb heiter, kein Wölkchen zeigte sich und die Strahlen der Mittagssonne fielen so erwärmend nieder, daß man darüber die vorgerückte Jahreszeit vergaß, in der man sich befand. Das Ufer im Hintergrunde war verschwunden. Dagegen zeigte sich in weiter Ferne vor den Schiffenden ein schwarzer Punkt, der sich, je näher man kam, vergrößerte. Er wurde bald für eine Insel von bedeutendem Umfange erkannt. Rechts von einem aus der Wasserfläche auftauchenden Ufer zeigten sich weiß herüberglänzend die Gebäude von Dortrecht. Links in der Ferne wurden neben jener großen Insel noch einige kleinere sichtbar.

Jansen war selbst zum Steuerruder getreten. Er lenkte weit ab von dem Dortrechter Ufer. Er wußte, daß dieser Haven mit seinen Umgebungen besonders von den feindlichen Kreuzern zum Schauplatze ihrer oft sehr verwegenen Unternehmungen auserkoren war. Der Lauf, den das Fahrzeug jetzt beschrieb, schien zu seinem Richtpunkte die Durchfahrt zwischen zwei der kleinern Inseln bestimmt zu haben. Mit großer Aufmerksamkeit und einiger Unruhe in seinem ganzen Wesen untersuchte der Capitän durch das Fernrohr den Gesichtskreis, den er überblicken konnte. Er bemerkte nichts, was ihm hätte Besorgniß erwecken können. Nach dem Gestade von Dortrecht hin war Alles ruhig, zwischen der Stelle, wo sich jetzt die Barke befand, und den vornliegenden Inseln, waren nur einige Fischernachen sichtbar und ein in weiter Entfernung hinter der Syrene erscheinendes größeres Fahrzeug, kam, wie seine Laufbahn erkennen ließ, ebenfalls die Maas herauf und mußte demnach von friedlicher Bedeutung seyn. Des Capitäns Antlitz erheiterte sich bei diesen Wahrnehmungen. Er hatte eine reiche Ladung von Utrechter Sammet und Seide an Bord. Die Kaufleute, denen die Sendung angehörte, hatten in den gegenwärtigen kriegerischen Zeitläufen damit gezögert und waren erst dann, als der kecke Jansen sie auf seine eigene Gefahr übernommen, zur Ausführung geschritten. Jansen setzte in dieser Sache sein ganzes bedeutendes Vermögen auf das Spiel; aber er fand eine eigene Lust, sich an Wagestücken zu versuchen, von denen andere Schiffsführer sich gern zurückzogen. Als er noch Bootsmann auf einem Kriegsschiffe der holländischen Flotte gewesen, hatte er in vielen Gefechten einen Muth bewiesen, der an Tollkühnheit grenzte und seinen Namen unter den Seeleuten seiner Nation bekannt und in einem gewissen Grade berühmt machte. Die Matrosen und Bootsmänner nannten ihn nur den tollen Jansen und nebenbei stand er auch seiner ungeheuern Körperstärke wegen unter ihnen in großem Ansehn. Später hatte er die muntere Beckje kennen gelernt, die einiges Vermögen besaß. Beide Leutchen gefielen einander, sie heiratheten sich und von Beckje’s Geld und Jansen’s Ersparnissen wurde nun die Barke angeschafft, der sich der Junker van Daalen mit seiner Herzliebsten anvertraut hatte.

In dem süßen Liebesgespräch, das sich zwischen Cornelius und der verführten Clelia entsponnen hatte, wurden sie durch das Läuten der Mittagsglocke und durch die Anrede Jansens, der freundlich lachend zu ihnen trat, gestört:

»Deine Sehnsucht wird nun gestillt werden, Cornelius;« sagte er. »Frau Beckje hat aufgetragen und du, der ihr treulich beigestanden bei den Kochtöpfen, wirst gewiß die besten Bissen erhalten. Ob aber die Jungfrau Schwester mit der groben Schiffmannskost zufrieden seyn wird, bezweifle ich sehr!«

Clelia versicherte, sie werde der Tafel alle Ehre anthun, zu der sie ein langes Fasten und die zehrende Herbstluft fähig mache, und folgte, von schönen Hoffnungen belebt und erhoben, am Arme des Geliebten dem voranschreitenden Capitän nach der Cajüte. Vergebens suchten sie im Vorübergehen Philippintje zu erwecken, die noch immer auf der Schiffsbank im tiefen, todtähnlichen Schlaf lag. Der Nektar, von dem sie allzureichlich genippt, hielt sie in seinen Zauberbanden gefangen. Sie blieb taub gegen alle Aufforderungen und das junge Liebespaar mußte sich entschließen, sie auf dem harten Lager, das sie sich selbst erwählt hatte, ihren beseligenden Träumen zu überlassen. Daß sie von solchen heimgesucht werde, verrieth ein lächelnder Zug in ihrem Antlitze und der Name: Balthasar, der im schmachtendsten Tone über ihre Lippen glitt.

Im Innern der sehr reinlich und zierlich gehaltenen Cajüte empfing Frau Beckje ihre Gäste. Sie hatte, um nicht zu sehr in ihrem Aeußeren gegen die Begleiterin des Junker Cornelius abzustechen, ihren besten Staat angelegt. Das knapp anliegende Kleid von schönem schwarzen Utrechter Sammet stand ihr recht wohl und das rothbäckige, volle Schelmengesicht sah unter dem Spitzenhäubchen, so freundlich und anmuthig hervor, daß Clelia, durch den lieblichen Anblick überrascht, für einige Momente ihre gewöhnliche Gravität ablegte, erst die dargebotene Hand des lächelnden Weibchens annahm und dann auf die frischen Lippen, die ihr entgegenkamen, einen herzlichen Kuß drückte.

»Nun ist die Freundschaft gemacht,« sagte Beckje, »und« setzte sie schalkhaft hinzu, »der Junker da kann Euch kein besserer Bruder seyn, als ich Euch eine Freundin bin!«

Clelia erröthete. Nur daß sie eine Unwahrheit behaupten helfen sollte, trieb das Blut auf ihre Wangen; sie ahnete nicht, daß die Capitänsfrau auf eine Vermuthung der Wahrheit, ja, daß diese schon zu der Ueberzeugung ihrer Nicht-Blutverwandtschaft mit Cornelius gekommen sey!

»Wir machen gerade einen hübschen Tisch voll!« fuhr indessen Beckje fort, indem sie Clelien gegenüber, ihren Platz zwischen den beiden Männern einnahm. »Es ist nur Schade, daß Ihr zwei Schwester und Bruder und nicht auch Mann und Frau, oder doch wenigstens Bräutigam und Braut seyd! Es ginge dann noch weit lustiger her, denn es mag mir einer sagen, was er will, die Liebe ist doch eigentlich Das, was dem Leben erst seine wahre Freude, seine rechte Lust gibt!«

Cornelius vermochte kaum seinen Unwillen zu bekämpfen, daß Beckje Clelien gegenüber in ihrem Scherze so weit ging. Er warf ihr einige sehr ernste und finstere Blicke zu, die den guten Erfolg hatten, daß sie ihr stets fertiges Zünglein ein wenig im Zaume hielt. Das Gespräch wandte sich auf andere Gegenstände und Jansen trug nun in den Zwischenräumen, die ihm die Befriedigung seines sehr guten Appetits ließ, die Kosten der Unterhaltung, indem er mit vieler Laune und Lebendigkeit manches Abentheuer erzählte, das ihm in seinem vieljährigen Seeleben begegnet war. Gegen das Ende der Tafel, bei der er mehr dem Genever, als dem spanischen Weine, dem Cornelius den Vorzug gab, zusprach, wurde er sehr lustig und rief:

»Nun muß ich Euch doch noch die wunderliche Geschichte erzählen, wie ich zu dem Ballaste da« — hier wieß er auf Beckje — »in meinem Lebensschifflein gekommen bin! So wie Ihr mich hier sehet, bin ich ein Bursche, der schon seine vierzig hinter sich hat, aber die frische Seeluft hat mich frisch erhalten und ich wette drauf, mein Beckje vertauscht mich gegen keinen Hasenfuß von zwanzig Jahren! Ich hatte schon meine sechs Fahrten nach Batavia gemacht, hatte unter Ruyter gedient, ihm zur Seite gestanden, als er siegreich an der Küste von Sicilien seinen Tod fand, war mit Oraniens Glück nach England hinübergegangen und kam eben von einem Kreuzzuge unter Wassenaar zurück, als ich mich entschloß, meine armen Verwandten in Amsterdam einmal zu besuchen, ihrer Noth nach Kräften abzuhelfen und nebenbei die große Stadt zu sehen, von der ich so Vieles gehört hatte und die ich noch nicht kannte. Die Flotte lag gerade zu der Zeit im Texel und wurde ausgebessert. Es fiel mir deshalb nicht schwer, einen Urlaub von einigen Wochen zu erhalten. Ich hatte mir etwas zusammen gespart. Ich kann Euch sagen, ich trat ans Land, aufgetakelt wie ein Kirmesbaum, und mit dem besten Willen, meine Jahreslöhnung, die ich eben erhalten, an allerlei Narrenspossen zu verthun. Mehr aber keinen Stüber, denn das Uebrige war für die Verwandten und für den Sparpfennig bestimmt, an dem ich seit meiner frühen Jugend gesammelt. Wenn ich Euch erzählen wollte, wie es zuging, daß ich schon am ersten Tage in Harlem fünfzig Gulden für eine garstige braune Zwiebel wegwarf, blos aus Respect, weil man sie den Admiral Enkhuysen nannte, wie ich dann die Zwiebel wieder gegen eine Flasche ächten Genever aus Schidam vertauschte, wie ich für andere fünfzig Gulden fünfzig hübsche Mädchen bei einer Kirmes auf einem Dorfe in der Nähe von Harlem mit bunten Halstüchern beschenkte und mich hernach mit ihren Liebhabern herumschlagen mußte, — ja! wenn ich Euch das Alles genau berichten wollte, so hätte ich viel zu thun und Beckje würde es vielleicht nicht einmal gern hören —«

»Meinethalben magst du reden, was du willst!« fiel schnippisch Beckje ein. »Mir sind auch bunte Halstücher geschenkt worden, ehe ich dich gekannt habe, und ich bin keinem ein Geschenk schuldig geblieben.«

»Deshalb passen wir auch so gut zusammen,« lachte Jansen und leerte ein großes Glas Genever mit einem Zuge, »denn wir haben einander nichts vorzuwerfen. Uebrigens,« fuhr er in seiner Erzählung fort, »sind das nicht die einzigen tollen Streiche, die ich damals gemacht habe. Genug! Als ich nur noch eine Stunde von Amsterdam entfernt war, hatte ich auch nur noch einen Gulden in der Tasche, mein Hauptcapital aber in guten Wechseln auf der Brust eingenäht. Es war gerade Abend. Ich sah durch die Dämmerung schon die Thurmspitzen der Stadt, auf dem Canale, neben dem ich doch ein Bischen bedenklich über die Magerkeit meines Geldbeutels hinschlenderte, waren zahllose Barken und Nachen in lebendiger und fröhlicher Beweglichkeit. Ich blieb stehen und ergötzte mich an dem bunten Treiben. So vergaß ich einigermaßen meine üble Lage und gewann nach und nach, von dem Frohsinne, der unter den Menschen auf dem Canale herrschte, angesteckt, einen Theil meiner guten Laune wieder. Es war indessen ziemlich dunkel geworden. Ich sah ein, daß ich dran denken müsse, das Ziel meiner Reise zu erreichen. Wußte ich doch nicht, wohin ich in der großen Stadt meine Fahrt richten sollte, da ich nur die Namen, aber nicht die Wohnung meiner Verwandten kannte, und also, ohne Lootsen und Compaß, auf gut Glück in den fremden Haven einlaufen mußte! Ich setzte alle Segel bei und kam rasch vorwärts. Auf dem Canale hatte das Treiben und Lärmen fast gänzlich aufgehört; nur einzelne Fahrzeuge schwammen noch manchmal geräuschlos vorüber. Ich überließ mich wieder ganz meinen Betrachtungen und fing an, mich über mich selbst und meine begangenen Dummheiten zu erboßen. Ich konnte aus meinen eigenen Gedanken, so lästig sie mir waren, nicht herauskommen, wie ein Ostindienfahrer, den in der Straße von Sumatra die entsetzliche Windstille fest legt. Da wurde ich plötzlich durch einen lauten Lärm, der sich heranwälzte, durch ein wildes tobendes Gelächter und ein dazwischen tönendes Jammergeschrei aus diesem widerwärtigen Gemüthszustande gerissen. Ich horchte auf. Ich hörte schelten und lärmen, dann wieder lachen und einen kläglichen Ruf nach Hülfe. Nun flog ich über’s Land hin, wie eine wilde Gans über’s Wasser, der Stelle zu, wo das Getöse statt fand. Der Mond war aufgegangen und ich konnte Alles sehen, was nicht in einer allzugroßen Entfernung vor mir lag. Da gewahrte ich denn bald einen Haufen von etwa einem Dutzend böser Buben von fünfzehn bis achtzehn Jahren, die einen einzelnen Mann vor sich hatten und diesem gewaltig zusetzten, indem sie ihn immer nach dem Canale hindrängten. »Was treibt ihr hier?« rief ich und trat unter sie: »Wollt ihr Krabben wohl in euere Hangematten und euch nicht zu zwölf über Einen hermachen! Gelt, da habt ihr Courage, wenn sich einer auf den andern verlassen kann und wo vierundzwanzig Arme sich gegen zwei erheben? Aber noch einmal! Macht, daß ihr heimkommt oder es sollen euch ein Paar Arme heimführen, die wohl so viel werth sind, als euere zwei Dutzend!« — Die Buben sahen mich groß an. Einer von ihnen aber trat bald vor und sagte in einem frechen Tone: »Kümmert euch um euch und nicht um Händel, die euch nichts angehen! Wir thun ein gutes Werk. Wir haben einen Juden gefangen, der soll getauft werden und dann Schweinefleisch fressen, damit er ein Christ wird. Jeremias hat seiner Mutter expreß ein Stück Schinken gestohlen für ihn und das darf nicht umkommen!« Die Cameraden des frechen Menschen stimmten ein höhnisches Gelächter an. Dabei drängten sich die Rangen hart um mich her, als gedächten sie auch mir irgend einen schlimmen Streich zu spielen. Aber der Mann, den noch einige von ihnen hielten, streckte die Arme nach mir hin und rief, so laut er konnte: »Ach, hochmögender Heer, errettet mich aus der Gewalt der Rotte Korah, und der Gott Abrahams wird Euch vergelten! Ich bin ruhig meiner Straße gewandelt, da haben mich die Kinder der Goi’s festgepackt und wollen mir’s anthun mit verfluchtem Wasser und Fleisch von dem unreinen Thiere, in das der Teufel gefahren ist. Ich bin ein armer Jüd, aber ein rechtschaffener Jüd, und habe noch nie einen Goi betorkelt im Schacher. Ach, hochmögender Heer, nehmet Euch meiner an, befreiet mich, damit ich in Frieden heimkehre in die gute Stadt Amsterdam und in meine Behausung auf der Jüdenkracht daselbst!« Ich mußte lachen über die Hochmögenschaft, zu der mich die Angst des Juden mit einemmale erhoben hatte. Während er sprach, hatte ich Zeit ihn genau zu betrachten. Es war ein alter Mann, der vielleicht schon seine sechszig Jahre zählte. Er trug einen langen Bart, sein Angesicht schien durch die Furcht verzerrt und entstellt. Seine Gestalt war klein und schmächtig. Die wenigen Kräfte, welche ihm vielleicht die Verzweiflung gab, konnten gegen die vereinigten Bemühungen dieser Heerde wilder Rangen wenig ausrichten. Er schien der ärmern Classe seiner Nation anzugehören, denn seine ganze Takellage war erbärmlich und sein Rücken gekrümmt, als verbeuge er sich zum Betteln um ein Almosen. Mein unwillkührliches Lachen schien den Krabben ein Signal, daß ich ihre Corsarenjagd auf den armen Juden billige, und sie machten auf’s Neue Anstalt, den alten Mann zu entern und zu kielholen. »Hinunter mit ihm zur Taufe!« schrieen sie. »Frisch, Jude! Erst Wasser und dann Schweinefleisch, hernach mußt du das Glaubensbekenntniß auswendig lernen.« Mit wildem Toben warfen sie sich alle auf den jammernden Israeliten, der sich schon fast heiser geschrieen hatte. Da verlor ich die Geduld. »Bramsegel und Backbord!« rief ich, »nun ist es genug. Ich will euch einen Lappen aufhißen, der euch in einem Augenblick aus der offenen See in den Winterhaven führt!« Bei diesen Worten hatte ich die nächststehenden ergriffen und sie um halbe Kabeltau-Länge fortgeschleudert. Die Rippen im Leibe mochten ihnen krachen, denn sie erhoben ein erbärmliches Geheul und hatten nichts Eiligeres zu thun, als so schnell, wie es gehen mochte, fortzuhinken. Einem Paar Anderen, welche die größten und kräftigsten waren, und mir trotzig entgegentraten, ging es nicht besser. Die übrigen flogen auseinander, wie ein Heer wilder Gänse, das der Sturm zerstreut. Der Jude stand nur noch allein vor mir und zitterte am ganzen Leibe. Es währte eine gute Zeit, ehe er sich fassen konnte. Dann warf er sich mir zu Füßen und sagte, noch zähneklappernd vor Furcht: »Der Simson ist wiedergekommen und hat die Philister geschlagen. Der weise Salomo ist aufgelebt und hat die Ungerechten bestraft. Der gnädige Ahasverus hat den armen Mardochai befreiet und der gottlose Haman ist geklopft worden, wie’s ihm gehört.« Ich hob den Alten auf. Ich hatte Mühe das Lachen zu verbeißen, zu dem mich seine Rede antrieb: aber ich bedachte sein Alter und die Schändlichkeit der Buben, die ihn in die Enge getrieben, und da wurde mir es ganz ernsthaft zu Muthe. »O, verlaßt mich nicht und gebt mir das Geleit bis an die Thore der guten Stadt Amsterdam, hochedler Herr!« sprach er weiter: »Ihr seyd die Palme aus dem Lande Gosen, unter deren Schutz ich sicher wandeln kann, geht Ihr aber von mir, so kehren die Philister zurück und ich bin ein verlorener Mensch.« Ich sagte ihm, er könne mit mir gehen, er möge aber frisch mit dem Winde segeln, da ich keine Zeit zu verlieren hätte. Auf dem kurzen Wege, den wir nun zusammen zurücklegten, erzählte mir der Jude, daß er in Amsterdam wohne, in der Regel aber in der umliegenden Gegend einen kleinen Handel mit alten Kleidungsstücken und sonstiger Trödelwaare treibe. Er sprach dabei soviel und in so übertriebenen Ausdrücken von seiner großen Armuth und Dürftigkeit, daß er zuletzt den Verdacht in mir erweckte, er sey im Gegentheile ein ganz wohlhabender Mann und stelle sich nur arm, um mir nicht etwa eine Belohnung anbieten zu müssen, zu der er sich vielleicht verpflichtet glaubte. Als wir in die Stadt eingewandert waren und eben im Begriffe standen uns zu trennen, ergriff er noch einmal meine Hand und sagte: »Der Gott meiner Väter möge Euch belohnen, für das, was Ihr an mir gethan, hochmögender Heer! Solltet Ihr aber jemals den armen Jüden Abraham Eleazar in seiner geringen Behausung aufsuchen wollen, so erinnert Euch, daß diese auf der Jüdenkracht liegt, zunächst der Schule, wo unsere Leute hin beten gehen.« Er entfernte sich und ich vergaß bald, während ich in den Straßen der großen Stadt ohne Steuer und Compaß umherirrte, das Abentheuer, das mich mit ihm zusammengeführt hatte. Ich sah jetzt ein, daß ich unbesonnen gehandelt hatte, mich in ein unbekanntes Gewässer zu begeben, ohne vorher über steile Klippen und Sandbänke, durch die ich meine Fahrt lenken mußte, eine genaue Kenntniß eingezogen zu haben. Meine Verwandten jetzt noch bei eintretender Nacht aufzufinden, schien eine Unmöglichkeit. Ich beschloß also, meinen letzten Gulden an baarem Geld für ein Nachtquartier und ein Abendessen, so gut sich Beides dafür finden wolle, aufzuopfern. Ich kam an verschiedenen Häusern vorüber, wo der einladende Strohkranz heraushing, in denen es noch lustig herging und viel Licht brannte. Sie schienen mir aber alle zu vornehm für meinen demüthigen Geldbeutel. Um ein geringeres Wirthshaus aufzusuchen, wo ich kleines Wasser für mein leckes Schiff finden durfte, verließ ich die großen, breiten Straßen und steuerte auf gutes Glück in enge winklige Gäßchen, in denen es so dunkel war, daß ich mich oft mit den Händen weiter fühlen mußte. Da sah ich am Ende eines Winkelgäßchens, das hier wie ein Sack verschlossen war, hinter einem kleinen Fenster ein düsteres Licht brennen. Ich hörte rauhe Stimmen, ich vernahm Gläserklirren, ich erkannte, als ich nahe trat, den bedeutungsvollen Strohwisch über der niedrigen Hausthüre und glaubte nun den Haven gefunden zu haben, wo ich sicher vor Anker gehen könnte. Einige kräftige Seemannsworte, die aus dem niedrigen Hause klangen, ließen mich hoffen, hier Cameraden zu finden. Ich nahm mir aber vor, mich nicht als einen Mann zu erkennen zu geben, der schon in den Meeren Ost- und Westindiens seine Flagge aufgezogen hatte. Ich schämte mich meiner geringen Baarschaft, die mir nicht erlaubte, bei der Heimkehr auf das feste Land ein Paar Flaschen Genever zur Bewirthung einiger fröhlichen Wassergesellen springen zu lassen. Lieber wollte ich für eine Landratte angesehen werden, als für einen Seehund, der keine Haare auf dem Felle mit heimbrächte. Als ich die Thüre des Häuschens öffnen wollte, fand ich sie verschlossen. Auf mein Klopfen aber ward sogleich aufgethan. Wer glaubt Ihr wohl, Jungfer Clelia, sey mir da entgegen getreten, um mich einzulassen und mir in dem engen, dunkeln Hausgange zu leuchten? Niemand anders als Beckje, die Ihr da seht und die jetzt mit mir auf dem Fahrwasser des Lebens gemeinschaftlich hinsegelt. Sie schien ordentlich vor mir zu erschrecken, als sie mich erblickte, sie stieß ein lautes: Ach! aus und ließ die Lampe fallen, die sie in der Hand trug.«

»Wahrscheinlich warst du damals nicht hübscher, als du jetzt bist?« fiel in dem neckenden Tone, der zwischen den beiden Freunden gebräuchlich war, Cornelius ein.

»Nun,« entgegnete mit einigem Eifer Frau Beckje, »er sah wenigstens ebenso gut aus, als irgend ein Offizier von den Landgeusen, der hundertmal unter König Wilhelm vor dem Marschall von Luxemburg davon gelaufen ist.«

»Ihr seyd gut bewandert in den Kriegshändeln,« erwiederte lächelnd der junge van Daalen: »Euer Zünglein ist in jedem Falle schärfer, als der Degen Eueres Marschalls und Ihr wißt es gut zu führen, wenn Ihr Euern Mann zu vertheidigen habt. Aber sagt mir, wie lange ist es schon her, daß Ihr an seiner Statt kommandirt auf der Syrene

Beckje hob drohend die kleine Hand und wollte etwas Beißendes erwiedern, aber Jansen schnitt ihr die Rede ab, indem er sagte:

»Laßt die Possen und stört mich nicht in meiner Geschichte! Ich weiß sonst nicht, wie weit ich bin, und stelle Euch ein Schiff hin mit Vordersteven und Steuerbord, an dem aber das Backbord und Hauptverdeck fehlt. Meint Ihr, ich wäre Domine auf einem Kauffahrer gewesen und könne die Reden nur aus den Aermeln schütteln? Nein, nein, Ihr müßt mir Ruhe lassen, wenn ich erzählen soll! Das hübsche Mädchen also, das vor mir stand,« fuhr er fort, »ließ in einer Anwandlung von Schreck oder Ueberraschung die Lampe fallen, die sogleich verlosch, so daß wir uns in eine völlige Dunkelheit versetzt sahen. »Um Gotteswillen, geht« — bebte es kaum vernehmlich über ihre Lippen. Da öffnete sich eine Seitenthüre und bei dem herausdämmernden Lichte erschien in ihr ein ältlicher Mann in Hemdärmeln, dessen finsteres Gesicht durch einen Wust von rothen Haaren, der es umgab, noch abschreckender gemacht wurde. »Nicht eine Lampe könnt Ihr festhalten in den Pfoten!« fuhr er das Mädchen an. »Ihr seyd das Brod nicht werth, das Ihr eßt. Tretet herein, Herr!« wandte er sich jetzt zu mir, indem er sein widriges Gesicht zu einem freundlichen Lächeln zu zwingen suchte, das wie ein höhnisches Grinsen anzusehen war. »Ihr findet hier den besten Wachholder im ganzen Quartier und eine Gesellschaft, die nicht schlechter ist.« Unter diesen Worten hatte er sich zwischen mich und die Hausthüre gedrängt und diese wieder verschlossen und verriegelt. Ich sah hierin nichts Verdächtiges, ich ahnete nicht, daß der alte Corsar eine falsche Flagge aufgezogen habe. Die Worte des Mädchens waren mir kaum verständlich geworden, so leise und bebend war ihre Stimme gewesen. Sie schlich eingeschüchtert in das Zimmer zurück, während ich und der Alte ihr folgten. Bei meinem Eintritte fielen die Blicke von einem Dutzend wilder Bursche auf mich, die auf langen Wandbänken an einem schmalen Tische saßen, große Gläser mit Brandwein vor sich stehn hatten und sich am Würfelspiele ergötzten. Ich setzte mich weitabwärts von ihnen, in einem Winkel nieder. Nicht weil mir das Spielen durchaus zuwider gewesen wäre, sondern weil meine Ladung am Baaren so leicht war, daß ich nicht wagen konnte, die Flagge Fortunens vor den Spielenden, die zu meiner Verwunderung mit Gulden um sich warfen, als wären es Stüber gewesen, sehen zu lassen. Sie bekümmerten sich weiter nicht um mich und fuhren im Würfeln fort. Ihre Flüche und Schwüre, so wie manche grobe Späße bestätigten meine frühere Vermuthung, daß es Matrosen seyen. Das Glas Genever, den Edammer und das Brod, welche ich gleich beim Eintritte bestellt hatte, wollte mir das Mädchen, von dem auch die übrigen Gäste bedient wurden, bringen. Der Rothkopf aber riß es ihr aus der Hand und ich glaubte zu bemerken, daß sie mit einem Seufzer und einem theilnehmenden Blick auf mich, sich abwandte und wieder in ihre Ecke schlich, wo sie am Spinnrade beschäftigt war.«

»Es ist ganz wahr, wie er’s erzählt!« unterbrach, trotz der vorhergegangenen Mahnung ihres Mannes, Beckje diesen, indem sie im Tone eiferiger Betheuerung zu Clelia sprach: »Der Spitzbube hatte mir’s angethan im ersten Augenblicke mit seinem ehrlichen und treuherzigen Gesichte.«

Jansen ließ die Unterbrechung ungerügt hingehn und fuhr fort: »Mit dem Wunsche, mir es wohl bekommen zu lassen und der Aufforderung, tüchtig zuzulangen, da noch hinlänglicher Vorrath in Küche und Keller sey, stellte mir der Wirth das Verlangte vor. Er trat dann hinter die Spielenden, ging von einem zum andern und flüsterte ihnen Worte zu, die mir unverständlich blieben. Ich achtete auch in der ersten Zeit wenig auf ihn und die übrigen Gäste. Das hübsche Mädchen hatte meine Aufmerksamkeit erregt und es war mir gar nicht recht, daß sie so entfernt von mir, in einem düstern Winkel ihren Platz genommen hatte, wo ich sie nur undeutlich sehen konnte. Lange Zeit gab ich mir vergebliche Mühe, ihre Gesichtszüge aus der Dunkelheit hervorzusuchen. Ich ließ endlich davon ab und fing an, meinen Appetit zu stillen, der nicht gering war. Der Genever, den man mir vorgesetzt hatte, schien mir ungewöhnlich stark. Das war aber eben kein Umstand, der einem Seemanne, welcher so oft, wie ich, die Linie passirt hatte, vom Trinken zurückhalten konnte. Das Gelärm am andern Tische ward indessen immer toller. Flüche, Verwünschungen von der einen Seite, höhnisches, lautes Gelächter von der andern, vermischten sich zu einem wilden Getöse. Die Bursche, die es so arg trieben, zogen endlich meine Aufmerksamkeit auf sich. Es waren lauter Gesichter, auf denen Zügellosigkeit, Verwegenheit und eine Tücke, die sonst einem ordentlichen Seehunde fremd ist, eingegraben standen. Sie sind gewiß von irgend einem Kauffahrer, dessen Capitän ein Lump ohne Verstand und Respect ist: dachte ich bei mir. Sie hatten alle ihre krummen Messer vor sich auf dem Tische liegen, als wollten sie gegen einen Angriff, der unerwartet und plötzlich von einem auf den andern erfolgen könne, bereit seyn. Besonders fiel mir einer unter ihnen auf, der sehr listig aussah, ruhiger wie die andern sich verhielt und, er mochte mit günstigem oder ungünstigem Winde fahren, lustig und guter Dinge blieb. Erfolgte bei einem seiner Cameraden ein Ausbruch des Unwillens über eine getäuschte Hoffnung, einen erlittenen Verlust, so brachte er gleich einen Scherz vor, einen lustigen Schwank, der das drohende Unwetter zerstreuete und statt des Messerkampfs, zu dem es leicht hätte kommen können, ein allgemeines wildes Lachen, in das selbst der eben noch Erboste einstimmte, hervorbrachte. Er schien älter als die übrigen. In seinen gebräunten Zügen lag ein Ausdruck von Erfahrung und Klugheit, der ihm selbst bei seinen rohen Genossen eine Art von Ansehn zu Wege brachte. Ich bemerkte, daß sein listiger Blick oft nach mir hinflog, auf mir forschend ruhete, wenn er aber wahrnahm, daß ich auf ihn achtete, sogleich sich nach einer andern Seite wandte. Die Art, wie er sich gegen die andern benahm, gefiel mir. »Der Bursche hat mehr gesehn, als jene!« sagte ich zu mir selbst. »Er weiß mit dem Winde zu segeln, zu laviren und die Lappen einzuziehn, wenn es Zeit ist.« Seine Späße und Schwänke machten mich selbst einigemale laut auflachen. Er hörte es und es schien mir, als wenn sich bei dieser Bemerkung ein gewisses Wohlbehagen auf seinem Angesichte zeigte. Der Wirth trat jetzt zu meinem Tische und sagte: »Gelt, das sind lustige Bursche? Ihr müßt Euch an ihren heftigen Manieren nicht stoßen. Die Seeleute sind einmal nicht anders, wenn sie auf’s Land kommen. Da muß Jubel, Trinken und Spielen sie entschädigen für die Entbehrung und strenge Observanz auf dem Schiffe. Euch mag das Ding freilich sonderbar vorkommen. Ihr scheint mir auf dem Lande geboren und erzogen, und habt wohl niemals andern Theer gerochen, als im Laden des Krämers?« Sein Gesicht verzog sich hämisch bei diesen Worten. Ich hielt es nicht der Mühe werth und hatte auch, wie schon gesagt, keine besondere Lust, meine wahre Farbe zu zeigen. Ich durfte ja nur in die Brusttasche greifen und meine Bestallung als Hochbootsmann auf dem Linienschiffe Medusa hervorholen, um den Wirth und die Bursche alle, wie sie da waren, in Respect zu setzen. Ich ließ es aber bleiben und lachte still in mich hinein über die Tölpelhaftigkeit und Dummheit des Kerls, der einen Delphin für ein Murmelthier ansah. Er wandte sich wieder von mir ab und trat jenem Matrosen mit dem listigen Gesichte gerade gegenüber, so daß er mir den Rücken zukehrte. Der Matrose warf einen fragenden Blick auf ihn — erst später sah ich ein, daß dieses ganze Benehmen seine besondere Bedeutung hatte — dann stand er plötzlich auf und sagte, indem er sein Messer einsteckte, zu seiner Gesellschaft: »ich habe genug gespielt. Seht meine leeren Taschen an. Wer noch einen Gulden an das wagen will, was drin ist, dem stehe ich zu Dienst, sonst niemand!« Mit einem wilden Gelächter und einigen groben Späßen wurde das Anerbieten beantwortet. Der Mann zündete seine Pfeife an dem einzigen Lichte, das sich in der Stube befand, an und näherte sich dann langsam meinem Tische. Er forderte noch ein großes Glas Brandwein und setzte sich dann mir gegenüber. Es war mir ganz angenehm, Gesellschaft zu bekommen, die mir eine muntere Unterhaltung versprach. Ich beschloß aber nichts destoweniger auf meinem Vorsatze zu beharren, und mich nicht als Seemann zu erkennen zu geben. Freilich war das eine schwierige Sache, denn schon damals hatte ich die Gewohnheit, die gebräuchlichen Schiffsredensarten in das gewöhnliche Gespräch zu mischen; aber ich dachte, eine rechte Aufmerksamkeit auf mich selbst könne mich wohl davon abhalten und mich unerkannt unter fremder Flagge segeln lassen. Meine Mahlzeit war verzehrt und mein Glas geleert. Ich hätte wohl noch gern getrunken, aber ich durfte auf meinen Gulden los nicht zu durstig seyn. Der Seemann saß einige Minuten lang mir gegenüber, ohne Anstalt zu machen, mich zu entern. Er brummte ein Liedchen vor sich hin, trank dazwischen und ließ dem bald geleerten Glase ein anderes folgen. »Ihr scheint kein Freund vom Würfeln, Landsmann!« redete er mich endlich an. »Ich kann’s Euch nicht verdenken. Das verdammte Knöcheln kostet mich schon manchen schönen Gulden und wenn ich den guten Humor nicht hätte, so hätte ich mir aus Zorn über mein ewiges Unglück schon einmal ein Leid angethan. Aber der gute Humor muß immer obenaufschwimmen, wie der Kork an der Loglinie, und wenn auch einmal der Böse sein Spiel hat und bei dem letzten Deut im Beutel nach der armen Seele angelt, so muß ihn doch der gute Humor gleich vertreiben. Der Humor soll leben!« rief er, indem er sein Glas erhob und nach mir hinhielt. »Aber, Blixen und Mordblei! Ihr habt ja keinen nassen Tropfen mehr im Glase? Wirth,« schrie er diesem zu: »noch ein Glas Genever für den Landsmann! Es geht auf meine Rechnung. Wir müssen zusammen trinken.« Ich wollte seine Einladung ablehnen, aber er ließ mir keine Ruhe, bis ich mit ihm anstieß und trank. An dem andern Tische wurde es jetzt sehr laut. »Das sind rechte Tölpel und einfältige Gierhälse,« sagte mein Mann, »die sich in die Launen des Spiels gar nicht finden können! Sie meinen, sie müßten Alle gewinnen und denken nicht daran, wer dann verlieren sollte. Blixen und Mordblei! Ihr werdet gleich sehen, daß einer von ihnen nach dem Krummmesser greift, um dem andern Galgen und Rad ins Gesicht zu zeichnen. Meiner Seel! der tolle Hann ist schon dran. Hat dich denn der Schwarze einmal wieder am Kabeltau —« Mit diesen Worten sprang er auf und in das Getümmel hinein. Es ging auch wirklich jetzt an dem Tische drunter und drüber, wie auf einem geenterten Schiffe. Fluchen und Schreien, Schimpfreden und Drohungen mischten sich durcheinander. Alle waren aufgesprungen, ihre Messer blitzten bei dem matten Lampenscheine in den hoch erhobenen Händen und es schien, als ob es auf Schlimmeres, als auf bloßen Schnittkampf abgesehen sey. Ich überlegte eben noch, ob ich mich in das tolle Treiben hineinmengen solle, um ein Unglück zu verhüten und Ruhe und Frieden herzustellen, als mein Trinkgenosse, ein untersetzter starker Bursche, schon mitten unter ihnen war, den Unheilsstifter zu Boden geworfen hatte und mit einer wahren Commandostimme rief: »Hinaus mit dem Stänker! Er mag seine Hitze in der Gosse abkühlen, oder, wenn ihn seine Besoffenheit in den Canal führt, so ist’s ihm auch gesund und das ungewaschene Maul wird ihm dann einmal gewaschen!« — »Richtig!« schrieen die andern. »Er muß hinaus: In den Canal! Er hat so nichts, als Meuterei und Schlechtigkeit im Kopfe!« In der Luft schwebend wurde mit Sturmeseile der brüllende Hann durch das Zimmer, nach dem Ausgange getragen. Alle drängten sich nach der Hausflur, auch der Wirth, der am Aergsten auf den Friedensstörer schimpfte. Während sie den Rasenden aus dem Hause schafften, blieb ich einige Augenblicke allein bei dem Mädchen, das bis jetzt seinen düstern Winkel nicht verlassen hatte. Kaum war der lärmende Haufen draußen, so kam das Mädchen in rascher und ängstlicher Bewegung aus der Ecke an meinen Tisch hervor und flüsterte schnell und mit zitternder Stimme: »Ihr habt meiner Warnung nicht geachtet oder sie überhört! Das Schlimmste steht Euch bevor, wenn Euch nicht ein besonderer Glücksfall rettet. Verrathet nichts, zeigt keinen Verdacht! Ihr befindet Euch unter —« »Was hat die freche Dirne mit den Gästen heimlich zu verkehren?« unterbrach sie plötzlich die Donnerstimme des rothhaarigen Wirthes, der unter der Thüre erschien und rasch vortrat. »Deine Unverschämtheit wird dich noch ins Spinnhaus bringen, alle Ermahnungen sind umsonst und bei deiner Mutter Bruder hat sich das Unglück ins Haus geladen, als er dich aufnahm.« Das Mädchen schlich still nach seinem Winkel zurück. »Ihr verfahrt zu hart mit dem Kinde!« sagte ich, so ruhig ich vermochte. »Sie war blos für die Wirthschaft bedacht und fragte mich, ob ich nichts bedürfe?« — »Ei, was!« entgegnete mürrisch der Rothkopf. »Ich bin des Mädchens Vormund und muß wissen, was an ihr ist und wie ich mit ihr umzugehen habe. Hinauf mit dir, auf deine Kammer!« rief er ihr jetzt heftig und befehlend zu: »Ich kann jetzt meine Gäste schon selbst versehen und bedarf deiner nicht mehr.« Das Mädchen schritt zögernd nach einer Hinterthür des Zimmers. »Soll ich der Dirne Beine machen?« schrie der erboßte Corsar jetzt voll Wuth und warf ein Glas nach ihr, das dicht neben ihrem Kopfe vorbei an die Wand fuhr und in tausend Stücke zersplitterte. Sie entfloh so schnell sie konnte, durch die Hinterthüre. Ich war aufgesprungen und wollte eben dem alten Bösewicht an den Kragen, als lärmend und lachend die wilde Rotte ins Zimmer zurückstürmte. Ich bedachte, daß er unter ihnen gewiß Beistand und Hülfe finden würde, daß ein einzelnes Schiff, wenn es auch noch so gut getakelt und bewaffnet sey, nichts gegen eine ganze Flotte vermöge, und verbiß meinen Grimm. Die Worte des Mädchens und ihr wunderlicher Sinn gingen mir im Kopfe herum. Dennoch dachte ich mehr an das hübsche Ding selbst, als an ihre Rede. Ich hatte mir aus vielen schlimmen Lagen meines Lebens immer so glücklich herausgeholfen, und war mir denn doch auch meiner Kraft hinlänglich bewußt, daß mich die Ahnung einer Gefahr, die ich nicht einmal einsah und erkannte, nicht so leicht in Schreck versetzen konnte. Ich nahm mir nur fester vor, meinen Stand und meinen Namen nicht zu verrathen. Mochte auch irgend ein Bedrängniß für mich entstehen, so, glaubte ich, müsse am Ende meine Bestallung als Hochbootsmann auf der Flotte der hochmögenden Heern Generalstaaten mich aus jeder Verlegenheit reißen können. So vergaß ich bald der Warnung des Mädchens; aber ihr Bild blieb in meiner Seele und ich konnte nicht müde werden, da das hübsche Affengesicht zu beschauen.«

»Grober Mann!« rief Beckje mit zorniger Miene, indem sie das Glas, das vor ihm stand, wegnahm. »Zur Strafe dafür sollst du auch keinen Tropfen Genever mehr bekommen. Ihr werdet schon sehen,« fuhr sie dann, zu Clelia und Cornelius gewendet, voll Eifer fort, »wozu das Affengesicht nütze war. Er säße nicht hier vor Euch, als Capitän der Syrene und als ein gemachter Mann, wenn das Affengesicht ihm nicht aus der Patsche, in die er sich thörigt hineinbegeben, geholfen hätte!«

»Ruhig, Beckje!« erwiederte lachend der Capitän und reichte der Grollenden treuherzig die Hand. »Es war nicht böse gemeint und was ich unter dem hübschen Affengesicht verstanden habe, das machte wahrlich der heidnischen Schönheitsgöttin Venus keine Schande. Doch weiter im Text, sagt der Domine; ich sage: weiter in der Fahrt! Es wurde wieder ruhiger im Zimmer. Wenige setzten sich auf’s Neue nieder. Die meisten legten sich auf den Bänken und auf den Fußboden vor Anker, um hier nach wenigen Augenblicken in einen tiefen Schlaf zu fallen. Der Seemann, der vor dem Tumulte mir gegenüber gesessen, nahm seinen Platz wieder ein. »Sie haben den wilden Hann gekielholt im Canale!« sagte er lachend. »Es war dem Burschen gesund. Das Wasser machte ihn in einem Augenblicke wieder nüchtern; er schwamm durch, wie ein Delphin, und schickte uns von der andern Seite eine volle Lage von Verwünschungen zu. Aber, Blixen!« fuhr er auf: »wir sitzen wieder fest auf der Sandbank im leeren Glase. Schenk ein, Wirth! Mir und dem Landsmanne! Ich hoffe, du hast noch ein tüchtiges Stück Kreide für den Claas!« Mit großer Geschäftigkeit war der Rothkopf bei der Hand und füllte unsere Gläser. Ich ließ es geschehen, denn der Trunk fing an mir zu munden und ich dachte: morgen, wenn du dein Papier zu Geld gemacht hast, kannst du es dem lockern Seehunde zehnfach wiedergeben. Er trank mir zu auf das Wohlergehn aller Seeleute, und ich that ihm mit so vieler Lust und Fröhlichkeit Bescheid, daß er mich mit den listigen Augen groß ansah und ich wohl merkte, er wittere Seeluft. Bald aber schien dieser Gedanke wieder ganz von ihm gewichen, er behandelte mich als eine Landratte, spottete über das ewige, langweilige Werkeltagsleben in Städten und Dörfern und fing nun an, auf eine vertrauliche Weise mir von dem Treiben auf der See zu sprechen, mir die Lust und das Wohlergehn auf den Schiffen gar herrlich auszumalen, die Merkwürdigkeiten von Ost- und Westindien zu preisen, mit solcher Uebertreibung und Unwahrheit, daß ich, der das Alles vielleicht besser kannte, als er, unwillkührlich vor mich hinlachen mußte. Ich merkte nun, daß er mich anwerben, daß er einen Rekruten für irgend einen Ost- oder Westindienfahrer aus mir machen wollte. Jetzt glaubte ich auch die Warnung des Mädchens zu verstehen. »Damit hat es gute Wege!« dachte ich: »der Jansen weiß auch, wie das Salzwasser in der Bay von Batavia schmeckt und sieht keine Piratenflagge für die Farbe der Ehrlichkeit an.« Mein lächelndes Gesicht mochte den Burschen glauben machen, daß mir seine Reden gefielen und ich blindlings in das Netz segle, das er so lockend vor mir ausgebreitet hatte. Er rückte zutraulich näher. Seine Zunge wurde noch geschwätziger. Er plapperte, wie es die Werber zu machen pflegen, gleich einem Papagey in einem fort. Hundert lustige Seemannsstückchen kamen an den Tag, dazwischen manche Geschichte von einem und dem andern, der als bloßer Matrose nach den Indien gegangen und als ein reicher Bewindhebber zurückgekehrt sey. Alle diese Künste waren mir bekannt und belustigten mich sehr. Er ließ noch mehreremale einschenken und ich trank mit ihm, denn vor seinem Genever brauchte ich mich nicht zu fürchten, das wußte ich aus vielfältigen Erfahrungen, in denen ich auf ganz andere Proben gesetzt worden war und See gehalten hatte. »Gelt!« sagte endlich, nachdem er eine gar lustige Geschichte erzählt, über die ich sehr lachen mußte, der Bursche mit einer verschmitzten Miene zu mir: »Das Leben gefällt Euch und Ihr möchtet es auch gern so haben? Nun das kann geschehen und an einem hübschen Handgeld soll es auch nicht fehlen! So ein zwanzig Gulden etwa, dächte ich, wären Euere Sache?« Jetzt stieg mir der Aerger in den Hals. Einem Kerl, wie mir, lumpige zwanzig Gulden zu bieten! Ich vergaß meinen Vorsatz, ich nahm die falsche Flagge ab, ließ lustig das Seemannswimpel wehen und rief: »Halsen und Schoten, was bildet Ihr Euch ein? Der Sturm aus dem Brandweinglase hat Euch das Takelwerk verwirrt, daß Ihr einem Manne, der schon als zwölfjähriger Junge die blauen Berge von Sumatra gesehen und in den Riffen von Ceilan Schiffbruch gelitten hat, einen so niederträchtigen Vorschlag macht. Geht in Euere Hangematte und schlaft den Rausch aus! Morgen könnt Ihr mit mir trinken zur Revange, aber bringt gescheidtere Gedanken mit.« Ich stand auf und sah auf meinen Mann, der auch aufgesprungen war, herab wie der Goliath auf den David. Er sagte nichts. Seine Blicke flogen aber unruhig über seine Cameraden hin, als wolle er untersuchen, ob im Falle der Noth ihr Beistand ihn unterstützen werde. Sie lagen jetzt sämmtlich in einem so tiefen Brandweinschlafe, daß ich bei der geringsten verdächtigen Bewegung des Meisters Claas, ihn zehnmal hätte kalt machen können, ehe sie einmal zur Besinnung gekommen wären. Er mochte das selbst einsehen und setzte sich ruhig wieder an seinen Platz. Ich rief jetzt dem Wirthe, daß er mir mein Schlafzimmer zeigen solle. »Ey, Ihr wollt allein schlafen?« sagte er gedehnt. »Nun dann müßt Ihr auch vorlieb nehmen mit dem, was Ihr bekommt, denn auf Schlafgäste bin ich gerade nicht eingerichtet.« Der Rothkopf zündete eine Lampe an, ich wünschte dem Meister Claas lachend eine gute Nacht, die er nicht erwiederte, und folgte dann meinem Führer über einen langen Hof, zu einem düstern Hintergebäude. Auf diesem Wege bemerkte ich zu meinem Erstaunen, daß ich nicht ganz fest auf den Beinen sey. Eine wunderliche Müdigkeit, wie ich sie noch nie empfunden, lag lähmend in allen meinen Gliedern. Wie betäubt stieg ich hinter dem Wirthe, der sich öfter nach mir umsah, eine schmale Treppe hinauf, die kein Ende nehmen wollte. »Sind wir bald an Bord?« fragte ich endlich, als wir unter dem Dache angekommen waren, das, schräg und niedrig ablaufend, mich am Geradestehn verhinderte. »Hier ist es;« antwortete der Rothkopf. Er stieß zugleich eine Thüre auf, durch die ich mich gebückt in eine kleine Kammer hineinbugsierte. Ich konnte nichts mehr sehen, ich konnte das Gemach nicht untersuchen; meine Augen fielen zu und ich sank angekleidet, wie ich war, indem das letzte Restchen von Bewußtseyn schwand und ich noch, wie aus weiter Ferne, das höhnische Gelächter des Rothkopfs zu vernehmen glaubte, auf die Lagerstatt nieder. Wie lange ich so, gleichsam in der Windstille des Todes als ein unbrauchbares Wrak, gelegen, weiß ich nicht. Als ich anfing, wieder zu mir zu kommen, fühlte ich einen heftigen Schmerz am Munde, an den Händen und den Füßen. Es war mir noch so wüst im Mastkorbe, daß ich mich mit Gewalt zusammen nehmen mußte, um einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Sturm und Wetter! Denkt Euch, was die Hunde gethan hatten? Ein scharfer Knebel saß mir im Munde, meine Hände waren mit einschneidenden Stricken auf den Rücken gebunden, meine Füße ebenso an die Pfeiler der Bettstelle befestigt, meine Brust mit einem ledernen Riemen an diese festgeschnürt. Ich war keiner Bewegung mächtig. Nur den Kopf konnte ich mit Mühe etwas heben und ihn vorwärts beugen. Das konnte mir nicht während eines gewöhnlichen Schlafes, nicht einmal in einem tüchtigen Rausche geschehen seyn, ohne daß ich erwacht wäre. Man mußte mir etwas Giftiges, Betäubendes in den Brandwein gethan haben. Durch eine Dachluke hoch über mir fiel ein Lichtstrahl herein. Indem ich den Kopf mühesam vordrückte, sah ich bei dem matten Dämmerlichte, das in der Spelunke herrschte, daß man mir meine guten Kleider ausgezogen und mich mit Lumpen bedeckt hatte. Mein Kopf that mir wehe. Vergebens strengte ich mich an, noch mehr über meinen Zustand nachzudenken, über die Veranlassungen dazu, über den gestrigen Abend, über die Menschen, die mich in diese Lage versetzt, und über die Absicht, die sie mit mir haben möchten. Es legte sich wieder, wie Blei, auf meine Glieder, im Kopfe wurde es mir ganz dumm und ohne einzuschlafen, die offenen Augen immer nach der Luke im Dache gerichtet, war es mir doch immer, als läge ich in einem schweren Traume. Da hörte ich plötzlich ein Geräusch, das mit einemmale, wie ein Blitz, in mein Gehirn fiel und dieses erhellte. Es war ein heiseres, höhnisches Gelächter aus einem Winkel der Kammer. Es schien mir nicht unbekannt, ich mußte ein ähnliches schon gehört haben. Ich versuchte zu sprechen, aber ich brachte nur einen kaum hörbaren, dumpfen Laut hervor. Da wurde das Lachen lauter und derjenige, von dem es kam, trat so dicht an mich heran, daß ich ihn sehen konnte. Klippen und Sandbank! Es war kein anderer, als Meister Claas, der mit untergeschlagenen Armen neben mir stand, mit den scharf blickenden Augen mich von oben bis unten maß und spöttisch grinsend sagte: »Warum habt Ihr doch die zwanzig Gulden Handgeld nicht genommen? Es wäre immer eine gute Ladung gewesen für Euere Tasche, die nun leer ist und wenig Hoffnung hat, bald wieder befrachtet zu werden. Jetzt liegt Ihr hier so lange fest, bis ich Euch flott mache zur lustigen Fahrt. Oder habt Ihr Euch vielleicht besonnen, sind Euch bessere Gedanken im Schlafe gekommen, als im Wachen? Ich will’s einmal darauf wagen und Euch das Zungenband lösen. Aber das sage ich Euch, kommt ein lauter Ruf, ein Schrei, ein Wort über Euere Lippen, das man auch außerhalb dieser Coje vernehmen könnte, so ist’s um Euer Leben geschehen, und Ihr athmet nie wieder weder See- noch Landluft!« Bei diesen Worten schwang er drohend in der einen Hand sein Krummmesser, während die andere den Knebel lös’te. Ich mußte mit mir geschehen lassen, was er thun wollte, ich lag da, wie ein Stück Holz. »Nun sprecht, bester Freund und Landsmann! Wollt Ihr jetzt freiwillig die Flagge streichen und mein lieber Camerad seyn auf dem Schiffe, zu dem ich Euch führe, so soll’s immer noch auf die zwanzig Gulden nicht ankommen; besteht Ihr aber auf Euerem halsstarrigen Sinn, so bekommt Ihr keinen rothen Deut und bleibt angeschnürt und geknebelt, bis wir die Anker lichten und Ihr eingepökelt werdet in den untern Raum, den Ihr dann erst auf offener See verlaßt.« Meine Zunge klebte vor innerer Hitze am Gaumen fest und war durch den Zwang, den man ihr angethan, wie gelähmt. Der Bösewicht bemerkte das. Er langte einen Krug Wasser herbei, hielt ihn mir an die Lippen und sagte: »Trinkt einmal! das soll nicht gesagt seyn, daß Claas seinen künftigen Cameraden verdursten lasse. Ich weiß es aus hundert Erfahrungen mit hundert ähnlichen Thoren, wie Ihr! Das Opiumgebräu macht verdammt trocken im Halse.« Ich trank in langen, durstigen Zügen. Es war, als brenne ein höllisches, unauslöschliches Feuer in mir. Endlich gewann ich die Rede wieder. Die Wuth lag glühend in meiner Brust, wie die Lunte an einem Vierundzwanzigpfünder, und ich konnte sie kaum zurückhalten vom heftigsten Ausbruche. Aber ich mäßigte mich, denn ich sah ein, daß ich in der Gewalt des Schurken und ihm auf Gnade und Ungnade preißgegeben war. »Ihr mögt Euch freilich einbilden,« sagte ich, »daß Ihr ein rechtes Kunststück begangen habt mit Euerer gewaltthätigen Werbung; aber es nutzt Euch nichts, denn Ihr müßt wissen, daß ich schon seit mehreren Jahren Hochbootsmann bin auf dem Linienschiffe der hochmögenden Herrn Generalstaaten, auf der Medusa. Darum gebt mich nur wieder los und ich verspreche Euch, von der ganzen Geschichte nichts verlautbaren zu lassen!« — »Wir wissen Alles, Freundchen!« erwiederte der Bube und lächelte noch hämischer, als bisher. »Wir haben ja deine Bestallung und deine Wechselbriefe gefunden in dem Landratzenfelle, das uns zur guten Prise geworden. Die Bestallung habe ich ins Feuer geworfen und die Wechsel werde ich einlösen, wenn du sie unterschrieben haben wirst, wozu du seiner Zeit schon genöthigt werden sollst. Sieh, Brüderchen, solche Leute, wie dich, können die Herrn Bewindhebber auf den Kapern gerade brauchen. Was kümmert es uns, ob du auf der Medusa für einen Deserteur und Schuft gehalten wirst? ob dein Bild am Galgen neben den Landstraßen mit einer verständlichen Unterschrift den Vorübergehenden sagt: das ist der entlaufene Hochbootsmann Jansen; wer ihn wieder einbringt, erhält eine gute Belohnung? Die Hauptsache ist: du kennst den Dienst, es fehlt dir nicht an Kraft und Gewandtheit und, wenn du deine Schuldigkeit thust gegen die spanischen Don’s und französischen Mosje’s, so kannst du es über Jahr und Tag wieder zum Hochbootsmann auf einem ehrbaren Kaperschiffe bringen. Gelt, Brüderchen, die Aussicht ist so übel nicht und wenn wir brav spanische Gallionen aufbringen, so bekommt auch die Mannschaft ihr gutes Theil davon. Sprich dein freiwilliges Ja, bester Camerad; mache dich los von dem lecken Schiffe, das doch die See nicht mehr halten kann! Lichte die Anker mit deinem Herzensfreunde Claas, der es am Besten mit dir meint auf der ganzen Welt und dich liebt, wie einen spanischen Brasilienfahrer, dem er gut Gold abzuzwicken gedenkt, oder einen vollen Geldbeutel, der immer sein bester Helfer in der Noth war.« — Der Hohn und die Niederträchtigkeit des Buben brachten mich auf’s Aeußerste. Ich konnte mich nicht mehr halten. Indem ich vergebens mit einer heftigen Bewegung mich von meinen Banden loszureißen suchte, rief ich: »Verdammter Schurke und —« »Seelenkoper!« fiel der Kerl mit der größten Kaltblütigkeit ein, während er mir den scharfen Knebel so heftig in den Mund zurückstieß, daß mir das Blut aus Lippen und Zunge drang. »Ich sehe wohl,« fuhr er eben so gelassen fort, »daß noch kein vernünftiges Wort mit Euch zu sprechen ist. Ich hoffe aber, daß Euch die Einsamkeit, Euere angenehme Lage, und Hunger und Durst bis heute Abend geschmeidiger machen werden. Wir haben sonst auch noch andere Mittelchen im Rückhalte, denen die Halsstarrigsten nicht widerstehen konnten. Was haltet Ihr von der Peitsche? Ich kann Euch auf Seemannsparole versichern, daß einer, der sie gut zu führen versteht, in Zeit von einer Viertelstunde einem Andern die Schreibkunst beibrachte, so daß dieser schön und deutlich seinen Namen unterzeichnete, wohin man wollte und was er bisher allen freundlichen Bitten und Ermahnungen verweigert. Merkt Euch das, Meister Jansen! Ich könnte der eine und Ihr könntet der andere seyn, wenn Ihr nicht heute Abends Euern Trotz in den untern Raum einsperrt. Bis dahin gehabt Euch wohl!« — Der Kerl ging und ich hörte, wie er von Außen einen schweren Riegel vor die Thüre schob. Ich schäumte vor Wuth. Jetzt erst waren die Reden und Signale des Mädchens mir verständlich geworden, die ich früher viel zu leichthin gedeutet hatte. Die Seelenverkäufer und unter diesen die schändlichsten und grausamsten, die Mäkler der Kaperschiffe, hielten mich in ihren Klauen. Ich wußte, daß die Obrigkeiten bei diesem abscheulichen Menschenhandel ein Auge zudrückten, wenn er auf Rechnung der ostindischen Compagnie geführt wurde. Dieser hätte es sonst an Rekruten für ihre Flotten, für die Besatzungen in Batavia und den übrigen Colonieen gefehlt. Der große Vortheil, den die Compagnie dem Staate brachte, verpflichtete diesen, sie auf alle Weise zu unterstützen, wenn es auch oft wider Recht und Billigkeit war. Desto strenger wurde die Seelenkoperei der Privatleute, derjenigen, die sich einen Kaperbrief auf eigenen Gewinn und Verlust gelös’t hatten, bestraft. Am Galgen fanden sie gewöhnlich den Lohn ihrer Verwegenheit, mit den Werbern der Compagnieherrn nach derselben Richtung des Compasses steuern zu wollen. Deshalb trieben sie ihr Geschäft immer in der tiefsten Verborgenheit, in Schenken, die außer ihren Handlangern niemand besuchte und in denen oft, wie man sich erzählte, diejenigen, die sich allzustarrköpfig gezeigt, einen gewaltsamen Tod gefunden hatten, damit sie nie zu Verräthern an ihren bübischen Bedrängern werden möchten. Das Alles wußte ich. Mit hundert Geschichten aus solchen Häusern, eine immer schrecklicher, als die andere, hatten wir uns oft während der Abende auf den Schiffen unterhalten. Wen einmal sein Unglück in eine solche Mordhöle geführt hatte, der kam nur als ein Sklav des Kapercapitäns oder als eine Leiche wieder heraus. Eins dieser zwei Loose erwartete nun auch mich und dabei die quälende Aussicht, von meinen Vorgesetzten, von meinen Cameraden auf der Medusa für einen Ausreißer gehalten, für ehrlos erklärt zu werden. — Mein Kopf brannte mir wie im hitzigen Fieber. Ich wußte mir nicht zu rathen und zu helfen. So lag ich mehrere Stunden lang in einem dumpfen Hinbrüten, in dem Zustande eines Schiffes, das zwischen Klippen und Sandbänke gerathen ist und weder vor noch hinter sich kann. Dennoch brannte, wie eine Kohle unter der Asche, der Entschluß im tiefsten Grunde meiner Seele, lieber den Tod zu leiden, als meine Schande zu überleben und den Schurken zu Willen zu seyn. Hunger und Durst fingen an, sich zu melden. Bald mußten sie zu peinigenden Gefühlen werden und ich nahm mir fest vor, diesen zu trotzen, wie allen Drohungen, allen Grausamkeiten der nichtswürdigen Seelenkoper. Mein einziger Trost war die Helligkeit, die durch die Dachlucke in meinen Raum fiel. Ich konnte ein Stückchen blauen Himmel sehen, ich konnte den Zug der Wölkchen erkennen, die in weißen Nebelflocken drüber hin flogen. Gedankenlos starrte ich immer nach diesem einen Punkte. Da verdunkelte sich zu meinem Schrecken plötzlich auch dieser; aber eine Stimme, in der ich den Laut eines Engels zu vernehmen glaubte, rief mich nun bei Namen und mein Schreck verwandelte sich mit einemmale in die lebhafteste Freude, denn wer, meint Ihr, sah aus der Lucke mitleidig und freundlich auf mich herab, wie ein Sternlein vom Himmel? Wiederum niemand anders, als eben das Affengesichtchen da!«

»Das ist zu arg!« rief jetzt Beckje ernstlich böse werdend, sprang auf und lief nach der Thüre hin. Aber mit drei mächtigen Schritten hatte sie Jansen wieder eingeholt, drückte ihr einen derben Kuß auf die vollen Purpurlippen und führte sie zu ihrem Sitze zurück, indem er schmeichelnd sprach: »Habe ich dich denn nicht einen Engel genannt und ist denn ein Engel, ernst und wohl gemeint, nicht weit mehr, als ein Affengesichtchen, das ich dir im Scherz auf deinen lieben Hals lüge? Ich will dich aber gern auch die Wahrheit hören lassen und da bist du, so gewiß ein Orlogschiff keine Calebasse ist! mein Schutzengel, meine Retterin aus Schimpf und Schande und Todesgefahr gewesen.«

Befriedigt nahm die Capitänsfrau ihren Platz am Tische wieder ein und Jansen fuhr, während der Cojenbub Orangen und andere Früchte aufstellte, folgender Gestalt in seiner Erzählung fort:

»Das liebe Gesichtchen da — ich will sie durch keinen Beisatz weder ärgern, noch stolz machen — trug nicht die Wimpel der Ruhe und Freude so in seinen Zügen, wie jetzt. Es schien ein ganz anderes Beckje, von Furcht, Angst und Kummer bewegt und entstellt. »Ach, Ihr armer Mann,« flüsterte sie herab, doch deutlich genug, daß ich es vernehmen konnte, »warum habt Ihr nicht meiner Warnung geachtet und seyd nicht bei dem ersten Schritte in dieses Haus des Verbrechens wieder umgewendet und geflohen, so schnell Euch Euere Füße tragen mochten? Aber das ist nun zu spät, der Jammer ist unnütz und wir müssen darauf sinnen, ob Hülfe möglich und wie sie zu bewerkstelligen ist? Ich bin aus meinem Kämmerlein über das Dach herübergeklettert, denn ich ahnete wohl, daß sie Euch in diese Mordkammer geschleppt hätten, wo schon manches Herzblut geflossen seyn mag, denn ich sah den abscheulichen Claas herabsteigen. O, wie haben sie Euch gebunden und geknebelt, die Schändlichen! Jetzt sehe ich’s erst, da mein Auge sich an die Dämmerung gewöhnt hat. Doch wartet einen Augenblick. Ich komme gleich wieder und, ist meine Hand nicht ganz ungeschickt, so sollen Euere Bande bald gelös’t seyn.« Sie verschwand und es war mir, als erlösche das Sanct Elmo’s-Feuer auf der Mastspitze meiner Lebensfregatte. Ich sah wieder in den blauen Himmel. Ich grübelte vergebens darüber nach, wie sie es anfangen wolle, aus dieser Höhe und Entfernung meinen Mund von dem Knebel, die Brust von dem pressenden Riemen, Hände und Füße, von den Stricken zu befreien. Nach einigen Minuten, die mich eine Ewigkeit dünkten, zeigte sich wieder das liebe Gesicht in der Lucke. Ich athmete neu, ein Vorgefühl der Freiheit durchströmte mich schon erquickend. Das herrliche Mädchen streckte einen Arm durch die Oeffnung. Sie hielt in der Hand ein weißes Papier, das mir in jenem Augenblicke wie eine Freuden- und Friedensflagge vorkam. »Gebt Acht!« sagte sie. »In dieses Papier habe ich ein Messer gewickelt. Wenn es mir nur gelingt, es so auf Euer Lager zu werfen, daß Ihr es mit den Fingern greifen könnt, so ist Euch vor der Hand geholfen und wir wollen dann das Weitere bereden.« Sie hob den Arm zum Wurfe. Ich betete so inbrünstig, als wäre ich auf einem Schiffe, das eben der Sturm in den Abgrund schleudern wolle. Das Messer entfuhr ihrer Hand und Derjenige, der im Sturm und Wetter die Schiffe über der Tiefe erhält und die Wogen wieder ebnet, lenkte den Wurf: es fiel in die Bettstelle, dicht neben meinem Leibe nieder.«

Jansen schwieg einige Augenblicke. Man sah, daß diese Erinnerung ihn mit einem feierlichen Ernste erfüllte. Die Thränen standen ihm in den Augen. Niemand störte die Stille. Clelia war blaß geworden und ihr ganzes Wesen zeigte, wie sehr sie im Innern bewegt sey. Nach einer Pause reichte der Capitän seiner Frau treuherzig die Rechte über den Tisch hinüber, die sie, ihn offen und freudig anblickend, nahm. Dann sprach er weiter: