Noch schlimmer, banditenmäßiger, als Ibrahim, der wenigstens ein Räuber großen Stils war, trieb es Mustapha von Dschesireh. Es war bitter kalt, als ich (im Januar 1901) in Mossul einritt; auf den Straßen lag Schnee und die Häuser waren allesamt im Innern feuchtkühl wie schlecht ventilierte Eiskeller, aber man mußte wohl oder übel frieren, denn es kamen keine Kelleks mit Kohlen mehr aus dem holzreichen nördlichen Gebirge herunter, weil die Leute erst dem Mustapha, wenn sie bei Dschesireh passierten, ihre ganze Fracht noch einmal bar abkaufen mußten, bevor sie damit auf den Basar von Mossul gelangten. Ebenso waren alle europäischen Waren, die von Norden via Samsum-Diarbekir auf der Fahrstraße und dann per Kellek eingeführt wurden, unsinnig teuer geworden; z. B. war das von Rußland bezogene Petroleum durch die Sperre bei Dschesireh aufs Doppelte und Dreifache in die Höhe getrieben. Über ein halbes Hundert Dörfer, christliche wie mohammedanische, hatte jener merkwürdige Diener seines Herrn, des Sultans, in den letzten zwei Jahren zwischen Mossul und Dschesireh zerstört, geplündert und die Bewohner verjagt; im November, als ich zu Beginn meiner türkischen Reise von Mossul kommend nordwärts ritt, sah ich die verwüsteten Ruinen täglich rechts und links am Wege liegen, und dazwischen weideten Leute Mustaphas die den einstigen Besitzern geraubten großen Schafherden auf den weiten Fluren des diesmal unbestellt gebliebenen Ackers. Man braucht sich nur die Eisenbahn hier durchgelegt zu denken, um sofort auch das Ende solch einer wahnsinnigen Wirtschaft zu sehen: wo die Prosperität des ganzen riesigen Zukunftswerkes an dem kräftigen Gedeihen der Bodenproduktion in dem durchschnittenen Rayon hängt, muß den Mustaphas wohl oder übel das Handwerk gelegt werden.
Von Mossul südwärts bis Bagdad waren die Zustände etwas besser, aber von hinreichender Sicherheit des Verkehrs, des Lebens und Eigentums konnte auch nur unmittelbar in der Nähe der Garnisonstädte oder der mit starken Gendarmerieabteilungen belegten Ortschaften die Rede sein.
Auf der linken Seite des Tigris, zwischen dem Strom und den Grenzgebirgen gegen Persien, liegen südlich von Erbil (Arbela) bei Kerkuk anscheinend bedeutende Vorräte an Naphtha. Es scheint, als ob eine ganze breite Zone, die sich, aus Persien herüberstreichend, von der Gegend des unteren Sab südwestwärts über den Tigris und Euphrat hinüber bis in die arabische Wüste hineinzieht und hauptsächlich durch die Ortsnamen Kerkuk, Tekrit am Tigris und Hit am Euphrat bezeichnet wird, von Bitumen, Naphtha und gasförmigen Kohlenwasserstoffen förmlich durchtränkt ist. Ich habe die Naphthaquellen von Kerkuk und die ausströmenden brennbaren Gase in ihrer nächsten Nähe bei Baba-Gurgur selbst besucht. Das eine wie das andere Phänomen übertrifft an Massenhaftigkeit die gleichartigen Erscheinungen auf der Halbinsel Apscheron im russischen Transkaukasien vor dem Beginn der Bohrungen. Wenn man gesehen hat, welche Rolle z. B. in Rußland die Naphtharückstände als Heizmaterial für Eisenbahnen, Dampfschiffe und viele industrielle Anlagen spielen, wenn man erwägt, welch eine Bedeutung als Brenn- und Leuchtmaterial dem Petroleum trotz aller anderen in neuester Zeit erschlossenen Lichtquellen doch immer verbleiben wird, so bedarf es keiner langen Darlegungen, um von der eminenten Wichtigkeit dieses Umstandes eine Vorstellung zu geben, daß die Bagdadbahn in nächster Nähe des Naphtharayons vorbeiführen wird. Das einzige, was zu befürchten bleibt, ist, daß es fremdem Gelde, fremden Spekulanten gelingt, sich ein Vorzugsrecht auf die Ausbeutung der mesopotamischen Naphtha zu sichern, bevor deutsche Initiative hier tatkräftig geworden ist. Nachrichten, die vor längerer Zeit durch die Presse gingen, legen leider die Befürchtung nahe, daß bereits viel versäumt sein könnte. Vom Standpunkt der Türkei aus versteht man eigentlich kaum, weshalb nicht schon lange alles nur mögliche geschehen ist, um ein modernes Kommunikationsmittel bis an die Naphthaquellen heranzubringen. Für ein Staatswesen, dessen Einkünfte sich in so mäßigen Grenzen bewegen, wie es in der Türkei der Fall ist, und dessen Bedürfnisse namentlich für militärische und Verwaltungszwecke groß und dringend sind, würde sich in einer geeigneten finanziellen Ausbeutung des Naphthabaues eine so reich und sicher fließende Einnahmequelle eröffnen, daß jeder Tag als verloren gelten muß, der noch vergeht, bis die Lokomotive die Naphthagegend erreicht. Nimmt man die russische Produktion bei Baku und die Einkünfte, welche die russische Regierung aus der ziemlich mäßigen Besteuerung der dortigen Naphthagewinnung bezieht, als Maßstab für das, was sich bei Kerkuk, Tekrit und Hit oder auf allen drei Punkten zusammen für die Türkei ergeben könnte, so käme das einer Verbesserung des türkischen Staatsbudgets um viele Prozente gleich. Die Naphtha würde für die Bagdadbahn eine um so größere und wichtigere Rolle spielen, als Kohle längs der Linie, wenigstens soviel man bisher sieht, nicht viel vorhanden ist. Lagerstätten in der Nähe der Bahn finden sich nach den bisherigen Untersuchungen nur am Flusse Chabur, der oberhalb Mossul von links her in den Tigris fällt. Als einen Fingerzeig dafür, von welcher Bedeutung z. B. die von mir besuchten Gasquellen von Baba Gurgur bei Kerkuk eventuell werden können, sei nur angeführt, daß der Wert des in den Staaten Newyork und Pennsylvanien ausströmenden und seit Jahrzehnten zu gewerblichen Zwecken in größtem Maßstabe benutzten Naturgases auf über 70 Millionen Mark jährlich berechnet wird!
Über das alte babylonische Niederland, in das die Bahn bald nach Durchquerung des Naphthagebiets eintritt, und über die Veränderungen, die hier im Zusammenhang mit dem Bahnbau zu erwarten sind, wird im dritten Kapitel besonders zu handeln sein. Für den unmittelbaren Verkehr ist es von großer Wichtigkeit, daß kurz oberhalb Bagdads die große Route von Persien hereinkommt, auf der außer dem Handelsverkehr jährlich die großen Pilgerzüge nach Nedschef und Kerbela sich bewegen. Vom rein politischen Standpunkt der Türkei aus brauchte die Bahn überhaupt nicht über Nedschef hinausgeführt zu werden, und die offizielle Denkschrift des türkischen Ministeriums der öffentlichen Arbeiten vom Jahre 1909 über die notwendigen Eisenbahnbauten behandelt die Strecke von Nedschef bis zum Golf auch als eine solche minderer Dringlichkeit. Trotzdem ist die Frage, wo am Golf der Endpunkt gewählt werden soll, wichtig, denn einmal wird man doch bis zum Meere durchbauen. Seine Lage wird davon abhängen, ob von Bagdad aus, wie offiziell geplant, die Linie nach Osten und unter Überschreitung des Stromes auf dem rechten Ufer des Euphrat bis ans Meer geführt wird, oder ob man versuchen sollte, die zwar kürzere, aber technisch wegen der Sumpfstrecken schwierige Route direkt von Bagdad zur Mündung der Ströme einzuschlagen. Daran denkt z. B. teilweise Willcocks. In diesem Falle würde der Endpunkt vielleicht gar nicht auf die arabische Seite, sondern in unmittelbare Nachbarschaft des persischen Gebiets zu liegen kommen, was sich aus verschiedenen naheliegenden Gründen wenig empfiehlt. Sicher aber wird England beanspruchen, über die Endstation ein entscheidendes Wort mitzureden. Der persische Haupthafenplatz an der Mündung des Schatt-el-Arab ist Muhammera, an dem Kanal, der vom Unterlauf des Karun in den Schatt geht und den schon die Flotte Alexanders des Großen mit den mazedonisch-persischen Truppen an Bord benutzt hat, um von Susa nach Babylon zu kommen. Bei Basra oder Muhammera kann der Schlußpunkt aber nicht liegen, der Barre an der Strommündung wegen. Auf der persischen Seite des Golfes würden am offenen Meere große Hafen- und Dammbauten nötig sein, um die überall ganz flache Küste für größere Schiffe überhaupt zugänglich zu machen, am arabischen Ufer bietet Kuweit einen vortrefflichen und altbekannten Hafen dar. Auf Kuweit aber hat England bereits die Hand gelegt. Käme es in der Tat dazu, daß es der türkischen Oberhoheit entfremdet und formell in den englischen Machtbereich eingezogen wird, so müßte das als eine sehr schwere Schädigung sowohl der europäischen als auch der türkischen Interessen betrachtet werden. Wenn man nur den nächsten wirtschaftlichen Nutzungswert der Bagdadbahn in Rechnung zieht, so könnte man auch vom deutschen Standpunkt aus zu der Anschauung gelangen, daß es eventuell besser ist, die Eisenbahn nicht allzu nahe an den Persischen Golf heranzuführen, und zwar aus dem Grunde, weil es ökonomisch vorteilhafter sein könnte, die Wareneinfuhr und Ausfuhr Mesopotamiens über einen Mittelmeerhafen zu lenken. Wenn die Bahn bei Bagdad oder Nedschef endet, so wäre damit wie gesagt das militärische Interesse der Türkei annähernd befriedigt, und die Häfen an der syrischen Küste könnten mit Basra oder Kuweit in bezug auf die Ausfuhr des Getreides, der Baumwolle und Wolle und die Einfuhr von Manufakturprodukten und anderen Erzeugnissen der deutschen Industrie erfolgreich konkurrieren. Ein Hafenplatz am Golf von Alexandretta ist für die internationalen Interessen sicherer, als die Mündung des Schatt-el-Arab. Der Persische Golf wird doch immer ein überwiegend von England kontrolliertes Gewässer bleiben. Läuft die Bahn bei Kuweit aus und ist Kuweit englisch, so bedeutet das, daß England auch den dritten, kürzesten und schnellsten Weg nach Indien und Südostasien neben dem ums Kap der Guten Hoffnung und dem durch das Rote Meer an der entscheidenden Stelle beherrscht und in der Lage ist, ihn nach Belieben zu schließen und offen zu halten. An dem rechtlichen Anspruch der Türkei auf die Oberhoheit über Kuweit kann gar kein Zweifel existieren. Im Anfang der siebziger Jahre, als der Reformer Midhad Pascha Generalgouverneur von Bagdad und Basra war, gelang es ihm, den nordöstlichen Küstenstrich Arabiens am Persischen Golf, die Landschaft el-Hahsa, unter türkische Botmäßigkeit zu bringen. Man gab dem neuen Kasa (Kreis) den pompösen Namen Nedschd, als ob die große und altberühmte Landschaft im Innern der arabischen Halbinsel, deren Küstenvorland Hahsa mit Kuweit bildet, nun auch der weltlichen Obergewalt des Padischah in Konstantinopel untertan geworden wäre. Faktisch hat man sich dann in Stambul um den neuen Bezirk wenig gekümmert, weil die Einkünfte von dort gering und Rekruten für die Armee überhaupt nicht zu beziehen waren. Man begnügte sich damit, daß der jedesmalige Schech die Übernahme der Herrschaft dem Sultan anzeigte und um seine Anerkennung nachsuchte, was gewöhnlich in der Form geschah, daß er den Titel und die administrative Gewalt eines türkischen Kaimakam erhielt, desjenigen Beamten, der einer Kasa vorgesetzt ist. Als ich im Frühling 1901 in Bagdad war, wehte über Kuweit die türkische Fahne und die Mitglieder der deutschen Studienkommission waren ein Jahr vorher zur Untersuchung der Stadt und des Hafens mit einem türkischen Ferman und unter türkischer Eskorte gekommen, wie denn auch der Schech sie anstandslos empfing und sie tun und treiben ließ, was sie wollten. Wenn daher die Engländer behaupten, Mubarek habe 1899 mit ihnen einen Vertrag abgeschlossen, durch den er sich und sein Gebiet unter britischen Schutz stelle, so hätte diese Tatsache, selbst wenn sie wahr ist, nicht die geringste rechtliche Bedeutung, da ein Vasall wie der Schech von Kuweit nicht in der Lage ist, ohne Genehmigung seines Oberherrn, in diesem Falle also des Sultans, ein verpflichtendes Abkommen mit einer andern Macht zu treffen. Der Sultan aber ist weder um die Genehmigung zu einem solchen Einverständnis des Fürsten von Kuweit mit England angegangen worden, noch hat er sie erteilt.
Wie wir bereits im ersten Kapitel bei der Würdigung der politischen Seite der Bagdadbahnfrage gesehen haben, sind die englischen Wünsche in bezug auf die untere Strecke und den Endpunkt der Bahn eine Angelegenheit, die in erster Linie England und die Türkei angeht. Das deutsche Interesse kommt erst in Frage, sobald von englischer Seite irgendein Druck versucht werden sollte, um die Stellung der Türkei direkt oder indirekt nach der militärischen oder politischen Seite hin in Mesopotamien und im Irak zu schwächen. Solange es sich bei den englischen Wünschen nur um finanzielle Beteiligung handelt, wie bei Deutschland, sei es auch, daß die Beteiligung sich speziell auf das Bagdadgebiet konzentrieren soll, brauchen wir den Engländern, wenn sie gleichwertige Gegenzugeständnisse auf einem ähnlichen Gebiet machen und die Türken einverstanden sind, nicht hinderlich zu sein. Legen sie aber, sei es bei Kuweit oder an einem anderen Punkte, Hand auf türkisches Gebiet oder wollen sie sich gar dort in strategisch drohender Weise etablieren, so läge der Fall allerdings anders. Es ist eine direkte Anmaßung, wenn von England aus behauptet wird, weil die Bagdadbahn einen neuen Weg nach Indien bilde, müsse ihr Endpunkt unter englischer Kontrolle stehen. Der Endpunkt der Bagdadbahn, die eine vollkommen türkische Bahn ist, kann nur auf türkischem Gebiet liegen, und auf solchem haben die Engländer schlechterdings nichts zu suchen. Für England muß es genügen, wenn sie den persischen Golf als eine Art von Interessensphäre haben und wenn sie die Meerenge von Ormus oder Bender Abbas, die wirkliche Passage in die indischen Gewässer, tatsächlich kontrollieren.
Die Bagdadbahn ist in erster Linie nicht ein deutsches oder internationales, sondern ein türkisches Unternehmen, und für die türkische Regierung wie für die öffentliche Meinung in der Türkei können für ein solches nur Gesichtspunkte des türkischen Interesses maßgebend sein. Was der osmanische Staat braucht, das läßt sich, nachdem die Wurzel aller früheren Übel, das Regiment des Jildis, beseitigt ist, nach der materiellen Seite hin in drei Worte zusammenfassen: eine schlagfertige Armee, moderne Verkehrsmittel, Erhöhung der Staatseinnahmen. Die Folgen des Bahnbaues aber, d. h. die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse, werden sowohl Volks- als auch Einnahmevermehrung sein. In den von der Bagdadbahn durchzogenen Landschaften wird sich die Kultur in ähnlicher Weise wieder entfalten, wie es im Altertum der Fall war, vor allen Dingen der Getreide- und der Baumwollbau. Davon wird die Türkei den Vorteil haben, aber außer der Türkei auch noch Deutschland und alle anderen Länder, die zu den Türken in freundschaftliche Beziehungen treten.
War es nicht nur mißverständlich und irreführend, sondern direkt im höchsten Grade gefährlich, von deutscher Kolonisation in der Türkei zu sprechen, so braucht man darum doch die Früchte, die sich im Gefolge der vollendeten Bagdadbahn für unsere deutschen Interessen dort ergeben werden, in keiner Weise geringer zu schätzen, als es selbst bei einer wirklichen Ansiedelung im größten Maßstabe der Fall sein könnte. Ich will mich auf ein praktisches Beispiel beziehen: auf die Erfolge der Russen mit der Baumwollkultur in Turkestan. Die Russen fanden in ihren jetzigen mittelasiatischen Besitzungen bei der Eroberung den von alters her dort bestehenden Baumwollenbau vor, desgleichen Seidenzucht. General von Kaufmann, einer der genialsten Männer, die an der asiatischen Politik Rußlands mitgearbeitet haben, erkannte die hohe Wichtigkeit dieser Tatsache und tat alles dafür, um den Baumwollenbau der Eingeborenen durch Einführung und Anpflanzung amerikanischen Samens, durch Gewährung von Vorschüssen an die Grundbesitzer und Kaufleute usw. zu heben. Die Folge dieser jetzt etwa 25 Jahre alten Bestrebungen ist die, daß gegenwärtig 0,6-0,7 Millionen Ballen gereinigter Baumwolle zur Ausfuhr aus Turkestan nach dem europäischen Rußland gelangen, eine Menge, die hinreichend ist, um die Hälfte des Baumwollenbedarfs der russischen Manufakturindustrie zu decken. Dieser Aufschwung der Baumwollenkultur datiert aber von dem Augenblick an, wo die transkaspische Eisenbahn die alten Baumwollengebiete jenseits des Oxus (Amu-Darja) erreichte. Bis dahin wurde nicht mehr Baumwollenfaser angebaut, als der lokale Bedarf erforderte, und alle Verbesserungen des Samens, alle Kreditgewährungen und Ermunterungen hätten herzlich wenig zuwege gebracht, wenn nicht durch die Bahn die Möglichkeit des vorteilhaften Absatzes und der Ausfuhr gegeben worden wäre. Die russischen Spinner zahlen die rund 150 Millionen Mark, die sie vorher an amerikanische und ägyptische Plantagenbesitzer entrichten mußten, jetzt an die Bauern in Turkestan. Der Reichtum des Landes wächst daher in merklicher Progression von Jahr zu Jahr, und die Eingeborenen werden wohlhabend, werden kaufkräftige Abnehmer für die russischen eben aus dieser selben turkestanischen Baumwolle hergestellten Manufakturwaren und andere Erzeugnisse der russischen Fabrikindustrie.
Etwas Ähnliches muß auch das Ziel bei der Erschließung türkischer Landesteile durch die Bagdadbahn sein. Das nordwestliche Mesopotamien und die angrenzenden Teile Syriens sind im Altertum eines der bedeutendsten Zentren der Baumwollkultur gewesen; sie sind es auch bis ziemlich tief ins arabische Mittelalter hinein geblieben, und vereinzelte praktische Erfahrungen, die heute noch gemacht werden, beweisen ebenso wie schriftliche Nachrichten aus früherer Zeit, daß der Boden und das Klima der Landstriche z. B. am Belich und Chabur der Baumwollenstaude außerordentlich zusagen. Gegenwärtig sind es zwei Gründe, die nicht nur die Baumwollenkultur, sondern jede Nutzung des Bodens überhaupt in gleicher Weise verhindern: die Unsicherheit und der Mangel an Verkehrsmitteln. Eins wie das andere wird vor der Eisenbahn weichen. Hat der mesopotamische Bauer erst die Sicherheit, daß seine Ernte ihm nicht von den Arabern der Steppe oder kurdischen Plünderern aus dem nördlichen und östlichen Berglande geraubt wird, daß er sein Produkt, so viel er davon über den eigenen Bedarf hinaus erzeugt, an sichere Abnehmer verkaufen kann, so wird er von selber wieder in die Steppe hinaus ziehen und Baumwolle längs den Flüssen pflanzen, die sie durchziehen; gleich seinen Vorfahren vor 700 und vor Tausenden von Jahren. Selbstverständlich werden es meist fremde Kapitalien sein müssen, die eine solche Entwicklung anbahnen helfen, denn ohne finanzielle Unterstützung wird die Baumwollenkultur in Mesopotamien eine rasche und gedeihliche Ausbreitung nicht nehmen können und die türkische Kapitalkraft wird allein dazu nicht ausreichen. Nicht deutsche Bauern, wohl aber deutsches Geld müssen den Boden Mesopotamiens in weitestem Maßstabe urbar machen helfen. Geschieht das, so werden die Früchte davon in reichstem Maße uns und unserer Industrie zugute kommen. Es müssen sich Plantagengesellschaften unter türkischer Beteiligung bilden, die möglichst große Landstrecken, am besten in langjähriger Pacht, vom türkischen Staate, dem alles herrenlose unkultivierte Land gehört, an sich bringen; sie müßten dann ihr Terrain parzellieren und sei es an kleinere Pächter weiter geben, sei es auf eigene Rechnung von eingeborenen Arbeitern bewirtschaften lassen. Der erste Weg wird, glaube ich, der besser gangbare und wenigstens für den Anfang rascheren Erfolg versprechende sein. Gelingt es auf diese Weise, mit der Zeit den Hauptbedarf Deutschlands an Baumwolle statt aus Amerika aus Mesopotamien zu beziehen, so hat das den großen Vorteil, daß wir in der Bevölkerung des Landes die dadurch reicher und kaufkräftiger gemacht worden ist, Abnehmer für die Erzeugnisse unserer Industrie haben. Amerika gegenüber sind wir mit unserer Handelswirtschaft sowieso stark im Nachteil, und die Amerikaner tun alles, was ihnen möglich ist, um die Einfuhr europäischer, insbesondere deutscher Waren im Austausch gegen ihre Baumwolle zu erschweren. In der Türkei kann von solchen Tendenzen, wie sie die amerikanische Wirtschaftspolitik befolgt, zunächst natürlich noch nicht die Rede sein, und es versteht sich von selbst, daß, wenn das Land durch deutsches Kapital erschlossen wird, die deutsche Industrie auch für die Lieferung der notwendigsten Dinge dorthin sich den Vorzug zu wahren wissen wird. Insofern also kann die Entwicklung der Dinge, das nötige Geschick von unserer Seite vorausgesetzt, in wirtschaftlicher Beziehung hier eine durchaus ähnliche werden, wie im russischen Mittelasien, das auch nach einer langen und glänzenden Epoche der Kultur und des Reichtums viele Jahrhunderte lang zum großen Teil wüste und brach gelegen hat, bis die russischen Ingenieure kamen, die Eisenbahner und Wasserbautechniker, und danach Kapital und Unternehmungsgeist.
Schon wenige Jahre, nachdem die anatolische Bahn bis Eski Schehir und Angora geführt worden war, zeigten sich ihre günstigen Wirkungen auf den Getreidebau in den von ihr erschlossenen Gebieten. Namentlich die Weizenproduktion nahm ganz erheblich zu, und die Folgen davon äußerten sich sowohl in der Vermehrung der direkten Staatssteuern, des sogenannten Zehnten (in Wirklichkeit Achten) vom Ertrage des Ackers, den die Regierung erhebt, als auch in der Vermehrung der Transporte und der spürbaren Verminderung der zu zahlenden kilometrischen Garantiequote. Dabei handelte es sich aber nur um Ländereien, die allein auf den vorhandenen jährlichen Regenfall hin neu unter den Pflug genommen worden waren. Ein großer Teil des anatolischen Hochlandes liegt innerhalb der Zone genügenden Regenfalls, namentlich der Norden und der Westen der Halbinsel. Anders dagegen steht es mit denjenigen Strichen der Südhälfte, die direkt im Regenschatten des hohen Taurus hegen, der zwischen den alten Landschaften Cilicien und Lykaonien als eine die feuchten Winde vom Mittelmeere her absperrende Mauer aufragt. Infolgedessen dehnt sich hier ein großes Trockengebiet aus, in dessen tiefster Stelle der mächtige Salzsee Tus Tschöllü liegt. Zum Teil ist diese abflußlose Depression eine salzige Wüste, zum Teil eine Steppe, in der es gar nicht oder nur schwer möglich ist, Ackerbau ohne künstliche Bewässerung zu treiben. Schon im Altertum hieß dieses ganze Gebiet »Axylos«, d. h. das baumlose Land. Es ist daher kein Wunder, wenn die sogenannte Koniastrecke der anatolischen Bahn und das Anfangsstück der Bagdadbahn von Konia bis Bulgurlu allein für sich nicht eine ähnliche Belebung der Ackerbauproduktion hervorrufen konnten, wie eine solche an der Angoralinie stattgefunden hat. Soll auch im Süden der Getreidebau gehoben werden, so muß Bewässerung geschaffen werden, und um eine solche ins Werk zu setzen, hat man sich schon vor einigen Jahren zu der Ausführung eines großen Projekts in der Ebene von Konia, bei dem Dorfe Tschumra, 40 Kilometer östlich von Konia gelegen, entschlossen. Seine physikalisch-technischen Voraussetzungen sind im Grunde sehr einfach, aber die Ausführung der Idee erfordert bei den Dimensionen der Verhältnisse doch große Mittel. Etwa 90 Kilometer nach Westen gegen den Taurus zu von Konia entfernt, liegt der See von Beyschehir, eine bedeutende Wasserfläche beinahe vom doppelten Umfange des Genfer Sees. Der See hat bei der Stadt Beyschehir einen kräftigen Abfluß, der die Richtung auf die Ebene von Konia zu nimmt. Er gelangt aber nicht bis dorthin, sondern fällt noch nicht halbwegs in ein zweites Becken, den See von Karaviran, dessen Boden in einer felsigen Bucht nahe dem südlichen Gestade große, in unbekannte Tiefen hinabführende Spalten im Gestein aufweist. Diese Schlote verschlingen den größten Teil des vom Beyschehir-See hineinströmenden Wassers. Wo die Wassermenge in der Tiefe bleibt, ist bisher noch nicht bekannt geworden. Ein anderer Teil des Wassers geht in dem teilweise von hohen Bergen umschlossenen glühend heißen Kessel des Karaviransees durch Verdunstung verloren. Nur wenn sehr starke Regengüsse die Menge des von Beyschehir herkommenden Wassers bedeutend vergrößeren, fließt auch der Karaviransee in der Richtung auf die Koniaebene zu über und führt sein Wasser durch ein wildes Felsental, die Tscharchambeschlucht, ab. Aus dieser gelangt es etwas oberhalb des Dorfes Tschumra in die eigentliche Ebene und verläuft sich dort jenseits des Dammes der Bagdadbahn ins Weite. Die Station Tschumra ist etwa 40 Kilometer von Konia entfernt. Will man nun den Abfluß des Sees von Beyschehir dauernd und in vollem Umfange für Bewässerungszwecke in der Koniaebene nützlich machen, so muß das Becken von Karaviran durch einen Kanal umgangen werden, der das Wasser das ganze Jahr hindurch in die Tscharchambeschlucht und weiter nach Tschumra führt. Die auszuführenden Arbeiten zerfallen also in vier Teile: 1. Die Erbauung eines Wehrs zur Regulierung der Ausflußmenge bei Beyschehir, 2. den Kanal um das Becken von Karaviran, 3. die Reinigung der Tscharchambeschlucht von den hineingeschwemmten Geröllmassen und 4. die Erbauung eines Systems von Zubringe-, Verteilungs- und Abflußkanälen in der Fläche zu beiden Seiten der Eisenbahn. Vorläufig ist dort für die Bewässerung ein Areal von ca. 46 000 Hektar in Aussicht genommen. Zusammen mit dem in der Gegend bereits erzeugten Getreide hofft man durch die Ausführung des Bewässerungsplanes die jährlichen Frachten von Konia zum Bosporus auf 20 000 Waggons jährlich steigern zu können. Vielleicht ist das eine etwas optimistische Rechnung, aber wenn es hernach auch etwas weniger Waggons sein sollten, so wird die Vermehrung der Frachten in jedem Falle das finanzielle Betriebsergebnis auf der sogenannten Konialinie der anatolischen Bahn günstiger gestalten. Dazu kommt die Verbesserung in der Verproviantierung von Konstantinopel mit einheimischem türkischen Getreide, die Vermehrung der Bevölkerung und die Erhöhung der Staatseinkünfte. Besitzerin des zu bewässernden Landes ist im wesentlichen die türkische Regierung. Die Regierung will auch, wenn alles fertig ist, die Ansiedlung von Bauern im Bewässerungsgebiet vornehmen, und in ihrem Auftrage werden die Arbeiten durch eine besondere, unter Leitung der Deutschen Bank stehende Gesellschaft ausgeführt. Der Kostenanschlag beläuft sich auf ca. 20 Millionen Franken.
Wenn man den Umfang des Projekts damit vergleicht, was im Gebiet von Bagdad, dem alten babylonischen Alluvialland, geschehen soll, und selbst mit den Projekten in der cilicischen Ebene, so scheint es sich nicht um eine besonders große Arbeit zu handeln. Nachdem aber seit Jahrzehnten von der Wiedereinführung der alten Bewässerungskultur im türkischen Orient die Rede gewesen ist, hat hier zum erstenmal ein solches Projekt wirklich das Stadium der bloßen Erwägungen und Vorbereitungen überwunden und ist in der Ausführung begriffen. Es ist kaum zu viel gesagt, wenn allerseits darauf hingewiesen wird, daß der Erfolg der Arbeiten von Beyschehir und Tschumra wahrscheinlich auf längere Zeit hinaus von entscheidender Vorbedeutung für viele andre ähnliche Pläne sein wird. Daran, daß die Sache technisch zu machen ist, kann natürlich nicht gezweifelt werden. Wie sich herausgestellt hat und wie ich bei meinem Besuch an den verschiedenen Arbeitsstellen in der Nähe von Tschumra auch selbst bestätigt sah, hat man es schon in früherer Zeit mit Erfolg versucht, das Wasser von Beyschehir in die Koniaebene zu bringen. Die Ingenieure erzählten mir, daß im Karaviranbecken sogar die Spuren dreier verschiedener Arbeitsepochen sichtbar seien. Es haben sich dort Reste von künstlichen Verschlüssen in den Schlünden gefunden, durch die das Wasser unterirdisch abfließt, und außerdem hat früher einmal ein Damm die Bucht des Karaviransees, wo der unterirdische Abfluß stattfindet, von der übrigen Fläche des Sees abgesperrt; mindestens ist versucht worden, einen solchen Damm aufzuschütten. Das letzte Experiment vor den gegenwärtigen Arbeiten, gleichfalls ein Umgehungskanal, ist verunglückt. Die Rinne um den Karaviransee war schon zum größten Teil ausgehoben, als bemerkt worden sein muß, daß man viel zu tief hinabgeraten war, um noch im richtigen Niveau auf die Tscharchambeschlucht zu treffen; danach ist jene Arbeit, die, nach dem scheinbaren Alter ihrer Spuren zu schließen, kaum vor sehr langer Zeit unternommen worden sein kann, liegengeblieben. Daß in irgendwelcher Vorzeit ausgiebige Wassermengen, sei es auf natürlichem, sei es auf künstlichem Wege, aus dem See von Beyschehir in die Ebene gelangt sind, würde allein schon daraus hervorgehen, daß sich hier verschiedene recht große, alte Siedelungshügel (arabisch Tell, türkisch Hujuk) befinden. Die Städte, deren einstiges Vorhandensein derartige Tells jedesmal bezeugen, hätten nie existieren können, wenn ihre Bewohner nicht die Ebene in bedeutendem Umfange bewässert hätten. Die Reste einer schönen, alten Mauer aus Quadern, die nichts andres gewesen sein kann, als die Basis eines großen antiken Stauwerkes, und zwar fast genau an derselben Stelle, wo der jetzige Hauptverteilungsdamm für das Wasser erbaut wird, habe ich außerdem selbst noch gesehen. Sie wurden gerade von Arbeitern weggesprengt, um Platz für das neue Kanalwerk zu machen. Nun kommt es aber darauf an, wie groß sich die Unterhaltungskosten und der materielle Gewinn für die Regierung als die eigentliche Unternehmerin des Ganzen und für die Bauern als die Pächter des Wassers herausstellen wird. In dieser Beziehung sind moderne Erfahrungen in ähnlichem Umfange im Orient bisher noch nicht gemacht worden. Das große Nilstauwerk bei Assuan in Oberägypten kann deshalb nicht zum Vergleich herangezogen werden, weil es sich um ganz andersartige Verhältnisse und um eine mit unbeschränkten Mitteln in direkter staatlicher Regie ausgeführte Sache handelt. Am ähnlichsten liegen die Verhältnisse noch am Murghab in der Oase von Merw im russischen Turkestan, wo die Russen versucht haben, den alten Damm Sultan-Bend, der die Bewässerung von Merw im Altertum und im Mittelalter regelte, mit den Mitteln der heutigen Technik wiederherzustellen. Dieser Versuch ist gescheitert. Die russischen Ingenieure sind nicht imstande gewesen, mit Zement, Beton, Quadermauerwerk und Maschinen das zu erreichen, was die einheimischen Wasserbaumeister vor Jahrhunderten und Jahrtausenden erreicht haben. Was am Murghab schließlich, nachdem viele Millionen verloren waren, zustande gebracht wurde, ist etwas viel Kleineres, als was ursprünglich geplant war, und dem entspricht auch die mäßige daraufhin in Kultur genommene Fläche. Der Murghab, der die russischen Dammbauten mit seinem Hochwasser zerstört hat, ist aber ein sehr viel größerer Fluß, als der Ablauf des Beyschehirsees je werden kann. Das große Seebecken wird auch bei den stärksten Regengüssen immer einen genügenden regulierenden Einfluß ausüben. Stellt sich also über Jahr und Tag heraus, daß die finanzielle wirtschaftliche Kalkulation bei der Bewässerung von Tschumra richtig war, so wird die sichere Folge die Vornahme solcher Arbeiten noch an vielen andern Stellen sein, wo die Verhältnisse ähnlich liegen. Dann kann noch sehr viel Weizen an Orten, wo es jetzt nichts gibt als dürres Erdreich, aus Anatolien herausgeholt werden!
Zwei Punkte, auf die etwas skeptischere Stimmen mit Bedenken hinweisen, sind übrigens die vermehrte Malariagefahr in der Ebene infolge der Bewässerung und die Schwierigkeit, die glücklich gewonnenen 46 000 Hektar Weizenland schnell ausgiebig mit Arbeitskräften zu versehen, d. h. zu besiedeln. Was das Fieber betrifft, so braucht man diese Furcht wohl nicht weiter tragisch zu nehmen. Erstens kann durch geeignete Maßnahmen stark vorgebeugt werden, und zweitens würde es ja, wenn diese Sorge ausschlaggebend wäre, in keinem einzigen andern Gebiet mit vorherrschender Bewässerungskultur (man denke an Ägypten, Nordwestindien und Turkestan und an die Reisfelder in Japan und China!) eine gesunde und leistungsfähige Bevölkerung geben. Die andere Frage ist vielleicht etwas ernsthafter. Zur Bebauung von 46 000 Hektar Land sind sicher mehrere tausend Familien nötig. Gerade das Vilajet von Konia ist aber wegen seines Mangels an Kulturland sehr schwach bevölkert, und überflüssige Hände gibt es eigentlich in Anatolien kaum. Man wird daher wohl die Ansiedlungsbedingungen so vorteilhaft gestalten müssen, daß auch von weiterher Zuzug von türkischen Untertanen erfolgt. An andere Elemente als solche ist natürlich nicht im entferntesten zu denken.
Ähnlich wie am See von Beyschehir und in der Koniaebene liegen die Verhältnisse in kleinerem Maßstabe noch an mehreren anderen Punkten Kleinasiens. Bis zum Abschluß der Arbeiten bei Tschumra, die ich im Sommer 1909 besucht habe, wird es wie gesagt noch mehrere Jahre dauern. Ihr günstiger Fortgang hat aber bereits eine wichtige Folge gehabt: die türkische Regierung hat dieselbe Gesellschaft, die anatolische Bahn, mit der Ausarbeitung eines bedeutend größeren Projekts beauftragt: der Bewässerung der cilicischen Ebene. Diese war im Altertum ein sehr wichtiges Kulturgebiet, ein Babylonien oder Ägypten im Kleinen. In Cilicien beruht die Bestellung des Bodens im wesentlichen auf künstlicher Bewässerung, aber im Gegensatz zu dem wasserarmen anatolischen Hochlande ist das Land hier sehr wasserreich. Es ist durchweg Schwemmboden, ein Produkt der vom Taurus und Antitaurus mit starker Sedimentführung herabkommenden Flüsse, und die Schneeschmelze im Hochgebirge bedingt, daß die Flüsse auch während der heißen Jahreszeit viel Wasser haben.
Eine Denkschrift des türkischen Ministeriums der öffentlichen Arbeiten vom Jahre 1909[2], die ein ziemlich ausführliches Programm aller geplanten Eisenbahnbauten und sonstiger Kulturarbeiten enthält, schreibt hierüber:
»Die Ebene von Adana, von Mersina bis nach Sis, ist eine Fläche von fabelhafter Fruchtbarkeit; sie eignet sich aufs beste zu den verschiedensten Kulturen, besonders für Zerealien und, was noch wichtiger ist, für Baumwolle. Drei bedeutende Flüsse bewässern die Ebene: der Berdan oder Tarsus-Tschai (Kydnus), der Adana-Tschai oder Seihun (Sarus) und der Dschihan (Pyramus). Die Wasserführung dieser Flüsse ist bedeutend. Sie reicht, scheint es, während der Trockenzeit im September und Oktober aus, um den Bedarf einer rationellen Bewässerung zu befriedigen, während im Frühjahr die Wassermenge so groß ist, daß für die Ernte schädliche Überschwemmungen entstehen. Es handelt sich also um Arbeiten für Bewässerung und Eindeichung, sowie um die Austrocknung von sumpfigen Gegenden. Das hiervon betroffene Areal ist in der Ebene von Sis 1,1 Millionen Dönum groß und in der Ebene von Adana 2,2 Millionen Dönum, zusammen 3,3 Millionen Dönum.«
Ein Dönum ist ca. 0,09 Hektar groß. Die in der türkischen offiziellen Denkschrift angegebene Fläche von 3,3 Millionen Dönum entspricht also einem Gesamtareal von rund 300 000 Hektar für Kulturzwecke gewinnbaren Landes. Die Ausgaben für die hierfür notwendigen Arbeiten werden in der Denkschrift auf zwei Millionen türk. Pfund, also nahezu vierzig Millionen Mark geschätzt. Sie werden sich aber gut rentieren, denn die Landfläche, die für Kulturzwecke gewonnen werden soll, wird voraussichtlich zum großen Teil unter ein sehr hochwertiges Produkt kommen: unter Baumwolle. Die cilicische Ebene ist schon in ihrem heutigen mangelhaft bewässerten Zustande das wichtigste Anbaugebiet für Baumwolle im ganzen westlichen Asien. Im Altertum lag das Zentrum der Baumwollkultur etwas weiter südöstlich, im nördlichen Syrien, also einer Landschaft, die gleichfalls von der Trace der Bagdadbahn mitten durchschnitten wird. Dort liegen zwischen Aleppo und Biredschik die Ruinen der antiken Stadt Hierapolis oder Bambyke, nach der die Baumwolle im Griechischen und Lateinischen (Bombyx) sowie im Arabischen und Türkischen (Bambuk) genannt ist. Im Altertum galten baumwollene Gewebe als eine Art Luxus und waren teurer als Wolle oder Leinen. Immerhin spielten sie, namentlich im Zusammenhange mit der blühenden syrischen Färberei, in der antiken Industrie eine bedeutende Rolle. Die feinsten und teuersten Baumwollstoffe kamen aus Indien und man nannte diese »gangetischen« (vom Ganges) Musseline, um ihre Feinheit zu bezeichnen, »gewebten Wind«. Aus Indien oder Turkestan ist die Baumwollkultur in größerem Maßstabe wohl erst im Gefolge der Feldzüge Alexanders des Großen nach Syrien gelangt. In früheren Zeiten galt sie in Westasien als so wertvoll, daß der Verfasser des 1. Buches Mosis (Kap. 41, Vers 42) erzählt, der Pharao von Ägypten habe Joseph mit einem baumwollenen Gewande (Byssus) bekleiden lassen. Auch die letzten Erben der alten Kultur Vorderasiens, die Araber, pflegten den Baumwollbau. Das hauptsächliche Anbaugebiet befand sich während des ganzen Mittelalters in Syrien und Mesopotamien, und der Mittelpunkt der Baumwollindustrie war damals Mossul am Tigris. Von dort gingen die Gewebe, nach ihrem Herstellungsort Musseline genannt, mit Kamelkarawanen nach den syrischen und ägyptischen Handelsstädten und gelangten schließlich als besondere Kostbarkeiten nach dem Abendland.
Auf das Baumwollgebiet richten sich auch ganz besonders die wirtschaftlichen Meliorationspläne der türkischen Regierung. Im Vilajet von Adana, d. h. in Cilicien, betrug die Baumwollernte:
| 1904/05 | 45 500 | Ballen | (zu 200 kg) |
| 1905/06 | 50 600 | ,, | |
| 1906/07 | 56 000 | ,, | |
| 1907/08 | 60 400 | ,, | |
| 1908/09 | 76 400 | ,, | |
| 1909/10 | 59 400 | ,, | |
| 1910/11 | 85 000 | ,, | (geschätzt). |
Die cilicische Produktionsziffer von 1905/06 bis 1907/08 betrug also im Durchschnitt ungefähr zehn Prozent der Gesamtproduktion im russischen Turkestan, die ihrerseits ein Fünfundzwanzigstel der Weltproduktion an Baumwolle ausmacht. 1908/09 wäre die Baumwollernte in Cilicien bereits erheblich größer ausgefallen, wenn nicht besonders heiße und trockene Winde aufgetreten wären. 1909 fanden im Vilajet Adana die großen Armeniermassakers statt, und da die armenischen Bauern auf dem flachen Lande ermordet wurden und es hernach an Händen zur Einbringung der Ernte fehlte, so zeigte die Saison 1909/10 ein starkes Herabgehen der Produktion, 59 400 Ballen gegen 76 400 Ballen im Jahre vorher. Für 1910/11 schätzt die Direktion der Deutsch-Levantinischen Baumwollgesellschaft in Dresden die zu erwartende Ernte auf ca. 85 000 Ballen. Die Ertragsquote für den Hektar Baumwolleland kann, wie es heißt, in Cilicien ebenso hoch angenommen werden, wie in Ägypten, d. h. auf nahezu zwei Ballen. Natürlich ist es nicht denkbar, daß die ganzen 300 000 Hektar, von denen die Denkschrift der türkischen Regierung berichtet, nach Durchführung des Bewässerungssystems ausschließlich mit Baumwolle bepflanzt werden. Selbst aber wenn es nur mit einem Drittel oder mit der Hälfte des gewonnenen Areals geschehen sollte, so würde die jetzige Jahresernte auf das Vierfache bis Sechsfache steigen. Damit erhielte allein die cilicische Baumwollproduktion ein nicht zu unterschätzendes Gewicht für die Regulierung der Weltmarktpreise und für die Versorgung der deutschen Industrie. An dem cilicischen Projekt und an der Übertragung der Vorarbeiten an die anatolische Bahngesellschaft zeigt sich übrigens deutlich der Einfluß des neuen Regimes in der Türkei auf den Fortschritt der Kultur. Eine Frage ist nur, ob es möglich sein wird, die von Natur vorhandenen Aussichten voll zu verwirklichen, ohne der sehr schwierigen Ansiedlungsfrage näherzutreten. Mit der Baumwolle steht es hier gegenüber dem Getreidebau insofern etwas besser, als sie in höherem Grade Saisonarbeit bedingt. Am meisten Hände sind zur Ernte nötig, und für diese kommen schon jetzt Wanderarbeiter, in erster Linie Kurden, in ziemlicher Menge aus dem Gebirge herab. Hoffentlich wird man auf diese Kräfte in Zukunft noch stärker zurückgreifen können als heute. Gesund ist die cilicische Ebene nicht, denn wegen ihres Reichtums an Wasser leidet sie recht stark unter der Malariagefahr.
Im Vilajet Aleppo ist die Baumwollkultur vorläufig noch gering; es werden nicht mehr als im Durchschnitt 8000 bis 10 000 Ballen jährlich erzeugt. Hier erfolgt der Anbau überwiegend auf Regen, und die Hauptgefahr, unter der die Kulturen leiden, besteht weniger in der Dürre, als in den gelegentlich auftretenden Heuschreckenschwärmen. Durch ein solches Mißgeschick kann es mitunter dahin kommen, daß die Ernte eines ganzen Jahres ausfällt, namentlich solange nur kleine Parzellen mit Baumwolle bestellt sind. Wenn erst die Eisenbahn die weiten Flächen zwischen Aleppo und dem Euphrat, die Region des alten Bambyke, erreicht hat, so werden sich natürlich auch diese Voraussetzungen ändern. Sobald Hunderttausende von Hektaren angebaut sind, können Heuschrecken zwar Verluste, aber kaum noch einen vollständigen Ausfall der Ernte verursachen.
Unter den wirtschaftlichen Zukunftsaussichten im Gebiet der Bagdadbahn muß auch die Bedeutung der Petroleumlager jenseits des Tigris erwähnt werden. Von ihnen ist aber schon im zweiten Kapitel die Rede gewesen. Genauer auf sie einzugehen und weiterblickende Erwägungen anzustellen, ist solange nicht möglich, wie keine Bohrungen und sonstige systematische Untersuchungen angestellt sind. Wir bemerkten bereits, daß es leider den Anschein hat, als ob auch hier wieder fremder Unternehmungsgeist und fremdes Kapital mutiger und mehr vorausblickend sind, als die deutschen »führenden« Kreise.
Bei weitem am wichtigsten für die Abschätzung der kommenden Entwicklung im Gefolge der Bagdadbahn sind natürlich diejenigen Gebiete, auf deren Reichtum und Volkszahl im Altertum die materielle Kultur Vorderasiens am meisten beruht hat. Dazu gehörten Kleinasien und Cilicien, ungeachtet ihrer früheren Blüte, nicht; auch Syrien kann nur bedingt dorthin gerechnet werden, denn seine Bedeutung war mehr die eines wichtigen Durchgangslandes für Handel und Verkehr, als die eines Gebietes wirtschaftlicher Urproduktion im großen Stil. Diese Rolle spielten vielmehr die Euphrat- und Tigrisländer, Mesopotamien und vor allen Dingen Babylonien. Hierbei muß betont werden, daß ihre alte Kultur im wesentlichen durchaus auf dem Ackerbau, auf dem Getreidereichtum und der hierdurch bedingten Volksdichte beruhte. Die Untersuchung darüber, welchen Stand materieller Kulturentwicklung das heutige Bagdadbahngebiet im Altertum besessen hat, ist daher eine der wichtigsten, die überhaupt angestellt werden können, wenn wir die Frage nach der Wiedererweckung dessen, was dort einst war, beantworten wollen. Dabei haben wir leider mit der bereits mehrfach berührten Schwierigkeit zu kämpfen, daß bei uns in Deutschland so überaus unklare Vorstellungen von den vorderasiatischen Dingen herrschen, während z. B. in England entschieden mehr Sachverständnis weiterer Kreise gerade für dieses Gebiet vorhanden ist. Vor etwa einem Jahrzehnt, als wegen des Abschlusses der Baukonzession das Thema von der Bagdadbahn zeitweilig sehr im Vordergrund der Erörterung stand, schrieb eine große und sehr angesehene Zeitung in einem Artikel: »Die wirtschaftliche Bedeutung der Bagdadbahn« wörtlich folgendes:
»Etwas genauere Beachtung beansprucht Kleinasien als der einstige Produzent, besonders von Getreide, um so mehr, als von beteiligter Seite bereits das Land als ein sehr gefährlicher Konkurrent unserer heimischen Landwirtschaft bezeichnet worden ist. Es soll hier gleich an erster Stelle betont werden, daß die dort zu erwartende Produktion allerdings eine sehr bedeutende sein wird, sobald das Land erst in einen Kulturzustand versetzt wird, den es vor ca. 3000 Jahren bereits einmal eingenommen hat, als der schwarze Alluvialboden, dort Sawâd genannt, durch ein Netz von beiläufig 120 000 Kanälen bewässert wurde. Noch unter persischer Herrschaft war das Land die höchst besteuerte Satrapie und selbst in der früheren Kalifenzeit vor ca. 1200 Jahren, deren Steuerfolianten uns erhalten geblieben sind, bezifferten sich die Steuererträgnisse auf ca. 235 Millionen Mark, volle zwei Dritteile der gesamten Staatseinnahmen der heutigen Türkei. Und dabei hatte damals der Verfall schon jahrhundertelang bestanden. Das Resultat, das heute durch bloße Wiederherstellung der alten Kanalisationswerke zu erzielen ist, beziffert Aloys Sprenger, ein genauer Kenner der einschlägigen Verhältnisse, in seinem Buche ›Babylonien, das reichste Land der Vorzeit‹, auf rund zwei Milliarden Mark. Berücksichtigt man dabei, daß der schwarze Sawâd eine Ausdehnung von über 24 Millionen Hektar besitzt – also etwa ein Gebiet so groß wie Italien – und daß das Land hinsichtlich der Betriebskosten die gepriesensten Vorzüge Indiens und Amerikas in sich vereinigt, so ist allerdings nicht ausgeschlossen, daß mit der Zeit ein bedeutender Rückgang der Getreidepreise zu verzeichnen sein wird und daß in diesem alten Kulturlande ein reiches und kaufkräftiges Volk emporblühen wird.«
Durch diese Ausführung zieht sich als leitendes Mißverständnis die Verwechslung von »Kleinasien« und »Sawâd«. Der Sawâd, der dunkle Alluvialboden, ist die frühere arabische Bezeichnung für das babylonische Tiefland am Unterlauf des Tigris und des Euphrat, das Kernstück des Irak oder des heutigen türkischen Vilajets von Bagdad. Kleinasien dagegen, d. h. die Halbinsel Anatolien, ist erstens kein Land mit schwarzem Alluvialboden, zweitens ist es nicht von Tausenden von Kanälen bewässert worden, und drittens war es vor 1200 Jahren nicht ein Bestandteil des arabischen, sondern des byzantinischen Reichs und zahlte seine Steuern nicht nach Bagdad, sondern nach Konstantinopel. Auch ist es nie »eine Satrapie« des persischen Reichs gewesen, und vollends nicht die höchstbesteuerte. In demselben Zeitungsartikel wird dann weiter von den »gewaltigen Petroleumquellen Babyloniens« geredet, die das russische Erdölgebiet am Kaspischen Meer an Ergiebigkeit um das Zehnfache übertreffen sollen. Petroleumquellen sind in Babylonien nicht bekannt, und daß die weiter nördlich liegende mesopotamische Naphtha- und Asphaltzone zehnmal reicher sein soll, als die Lager von Baku, wäre interessant, wenn es bewiesen wäre. Vorläufig aber ist es reine Phantasie.
Wir müssen im Gebiet der Bagdadbahn und ganz besonders in dem mesopotamisch-babylonischen Stromlande beachten, daß es dort zwei grundverschiedene Arten von Kulturland gibt. Die eine Art ist vom Regen bewässertes Land; die andere bedarf zur Hervorbringung irgendwelcher Früchte in jedem Falle künstlicher Bewässerung vermittels fließenden Wassers. Ich habe auf vielerlei Kreuz- und Querzügen im Winter 1900/1901 mein Augenmerk hauptsächlich darauf gerichtet gehabt, festzustellen, wieweit sich im Altertum die Zone der auf Regenfall gegründeten Ackerbaukultur in Mesopotamien erstreckt hat. Ich kann für die Einzelheiten auf die Beschreibung meiner Reise in den »Preuß. Jahrb.« verweisen und gebe an dieser Stelle nur ein kurzes Resümee meiner persönlichen Studien, indem ich dabei das wesentliche von anderen neuerdings bekannt gewordenen Forschungsreisen in jenen Gebieten, die sich mit demselben Thema beschäftigen, namentlich die Veröffentlichungen des Freiherrn Max v. Oppenheim, mit meinen eigenen Erfahrungen verbinde. Unzweifelhaft ist ein viel größerer Teil Mesopotamiens, als man gewöhnlich bisher anzunehmen geneigt war, im Altertum und während des früheren Mittelalters, d. h. bis ins achte und zehnte Jahrhundert, bebaut und besiedelt gewesen, und ich habe als Resultat aller darauf verwandten Studien gefunden, daß in der äußeren Natur seit jener Zeit keinerlei Umstände eingetreten sind, aus denen man genötigt wäre zu folgern, jene blühenden Zustände ließen sich heute nicht mehr durch geeignete Maßnahmen herstellen. Daß diese Tatsache, die Nichtänderung des Klimas in historischer Zeit, von entscheidender Wichtigkeit für die Besiedelungs- und Kultivierungsfrage ist, braucht wohl nicht erst besonders hervorgehoben zu werden.
Während heutzutage sich nur noch eine ganz schmale Kulturzone vom Rande des iranischen Hochlandes östlich Mossul längs des Tigris und des sogenannten Tur Abdin westwärts über den Euphrat hinüber bis nach Nordsyrien hineinzieht, eine Zone, die so schmal ist, daß sie öfters fast vollkommen von der »Wüste« unterbrochen wird, war der ganze nördliche und nordwestliche Teil Mesopotamiens, dazu das ganze im engeren Sinne assyrische Gebiet, d. h. das Dreieck zwischen dem Tigris, dem untern Sab und dem Hochlande, schon um das Jahr 1000 v. Chr. so dicht bevölkert, wie wahrscheinlich nur noch ganz wenige Teile der damals besiedelten Welt. Nur das Alluvialland am Unterlauf der großen Ströme mag schon zu jener Zeit eine noch stärkere Bevölkerung ernährt haben. Die beiden Flüsse Chabur und Belich, die heute fast von ihren Quellen an bis zur Mündung in den Euphrat durch völlig wüstes Land fließen, strömten damals auf dem größten Teil ihres Laufes durch eine breite Kulturzone, wie das zuerst Freiherr Max v. Oppenheim während seiner im Jahre 1899 unternommenen Reise durch den Nordwesten Mesopotamiens in Ergänzung zu meinen mehr nach Norden und Osten gerichteten Studien in dankenswerter Weise festgestellt hat. Ich meinerseits kann aus eigenem Augenschein berichten, daß sich vom Tur Abdin ab nach Süden sowohl in der Gegend von Veranscheher bei Urfa als auch von Nsebin aus, dem alten Nisibis, als auch endlich noch weiter ostwärts, das ganze Land weit und breit von einer solchen Menge alter Tells erfüllt zeigt, deren jeder die Lage einer antiken Stadt oder eines Dorfes bezeichnet, daß allein nach diesem Kennzeichen zu urteilen die Bevölkerung Nordmesopotamiens zur assyrischen, römischen und sassanidischen Zeit mindestens so dicht gewesen sein muß, wie die einer beliebigen Ackerbaulandschaft des damaligen Europa. Es spricht aber nicht nur dieser direkte Augenschein für die Quantität und Qualität der alten Kultur, sondern wir können überhaupt erst dann, wenn wir die Voraussetzung starker Bebauung und Bevölkerung in diesem Gebiete für das Altertum machen, die historischen Nachrichten begreifen, die wir über ihre Schicksale besitzen. Um nur eins zu nennen, so hören wir bei römischen wie bei orientalischen Schriftstellern in gleicher Weise von langen und hartnäckigen Kriegen erzählen, die seit den Zeiten der ausgehenden römischen Republik bis auf die Epoche des aufkommenden Islams hin zwischen dem römischen Reiche und den östlichen Großstaaten, Armenien, Parthien und dem sassanidischen Persien, gerade um dieses Stück von Vorderasien geführt worden sind. Man kann ohne Übertreibung sagen, daß ein halbes Jahrtausend lang wahre Ströme von Blut um die Landschaften, deren Zentren Urfa (das alte Edessa) und Nisibis sind, vergossen wurden. Vom zweiten bis ins vierte Jahrhundert hinein überwog in diesen Kriegen die Kraft des Abendlandes; danach die des Orients. Trajan eroberte Mesopotamien und der Norden des Stromlandes blieb seitdem beim Reich. Jovian, der Nachfolger des unglücklichen Julianus Apostata, mußte fast alles an die Perser abtreten, um sich von den nachdrängenden Feinden, die ihn auf dem linken Ufer des Tigris in der Gegend von Tekrit eingeschlossen hielten, um diesen Preis den Übergang zurück über den Strom und die Heimkehr mit dem Heere zu erkaufen. Von diesem für Rom so verhängnisvollen Jahre 363 an haben die Kriege zwischen den Imperatoren und den Sassaniden um Mesopotamien auch nicht während eines einzigen Menschenalters aufgehört, bis der hereinbrechende Arabersturm das persische Reich vom Erdboden hinwegfegte und die Byzantiner über den Taurus hinüber in die Defensive zurückwarf. Einen solchen Verlauf der Geschichte des Landes kann man nur verstehen, wenn man weiß oder annimmt, daß es reich und bevölkert gewesen ist. Bei dem Zustande, in dem sich Mesopotamien nach Menschenzahl, Reichtum und Anbau heutigestags befindet, wäre es sowohl für den Besitzer, der es verteidigt, als auch für den Prätendenten, der es erstrebt, eine Torheit, soviel Blut um das Land zu vergießen, denn es ist zu mehr als neun Zehnteln eine Wüste, in der nichts wächst außer dürrem Steppenkraut, und wo noch keine Viertelmillion seßhafter Einwohner und einige Zehntausende armseliger Beduinen leben. Und dennoch bedürfte es auch heute keiner weiteren Veränderung, als der politischen Sicherheit für den Ackerbauer, damit der Pflug wiederum wie vor 1000 und 2000 und wohl auch 3000 und 4000 Jahren über die tiefgründige braune Ackererde geht und Weizensaat, Gerste und Baumwolle abermals der Ernte entgegenreifen. Ich habe Tagereisen weit in der sogenannten Wüste fern von jeder dauernden Ansiedelung kleine Stückchen Gerstensaat gefunden, die von den arabischen Nomaden angelegt werden, um etwas Kraftfutter für ihre Pferde zu bekommen. Die Leute kratzen den Boden in der primitivsten Weise auf, streuen die Gerste hinein und kommen wieder, wenn es Zeit zur Ernte ist. Das ist ein Beweis dafür, daß die Menge des jährlich fallenden Regens heute noch wie damals hinreichend ist, um Ackerbau zu ermöglichen. Aber auch wenn dieses Zeugnis nicht existierte, so müßte man es doch den Leuten im Lande glauben, die nach ihrer Erkenntnis und Erfahrung versichern, daß man Weizen und was man sonst wolle drinnen in der Wüste ganz ebensogut bauen könne, wie weiter nach Norden und Nordosten am Rande des Berglandes auch noch unter dem freilich sehr ungenügenden Schutz der schwachen türkischen Regierungs- und Militärgewalt längs der großen Verkehrsstraße von Konstantinopel nach Bagdad. Die klimatischen wie die Bodenverhältnisse sind hier wie dort dieselben. Wollte aber ein Bauer den praktischen Versuch wagen, sich beispielsweise auch nur eine halbe Stunde südwärts von dem jetzigen mit einer kleinen Garnison belegten Städtchen Nsebin in der »Wüste« anzusiedeln oder ein Stück Feld dort zu bestellen, so würden bei der ersten besten Gelegenheit die Beduinen ihn aufgreifen und zur Erpressung eines Lösegeldes gefangen mit sich fortschleppen, oder wenn nicht das, so würden sie seine Saat, bevor er sie geerntet hat, ohne Umstände für sich nehmen. Mehr aber als der Beseitigung dieser politischen Unsicherheit bedarf es nicht, um das alte Leben und den alten Segen des Landes wieder erstehen zu lassen. Die Bevölkerung, d. h. die Bauernschaft, würde mit Freuden, sobald sie nur ihres Lebens und ihres Eigentums sicher wäre, sich ausdehnen, in die Wüste hinein sich ausbreiten und Land unter den Pflug nehmen; die Dörfer würden nicht zu Dutzenden, sondern zu Hunderten in wenigen Jahren entstehen. Nur am Nordfuße der das obere Mesopotamien in westöstlicher Richtung durchziehenden Sindschargebirgskette habe ich eine mehrere Stunden breite Zone sterilen salzigen Bodens gefunden. In diesem Landstrich fehlen aber auch die bis dahin den von Norden her kommenden zu beiden Seiten bis an die Grenze des Gesichtskreises in massenhafter Menge begleitenden Tells vollständig – ein Beweis dafür, daß die Gebiete wirklicher physischer Unfruchtbarkeit heute wie im Altertum dieselben sind. Aber nicht nur im Norden und Nordwesten des Landes, im Gebiet der vom Tur Abdin herabströmenden wasserreichen Flüsse und Bäche, deren Reichtum heute unbenutzt verbraust, hat im Altertum eine starke Kultur existiert, sondern selbst noch auf der Südseite des Sindschargebirges, wo es keine das ganze Jahr über fließenden Wasseradern oder doch nur eine einzige größere dieser Art gibt, den Fluß Tharthar, reicht der Regen noch eine Strecke weit nach Süden in die Steppe hinein aus, um dauernde menschliche Ansiedelungen zu ermöglichen. Die Menge der Tells, die man von den südlichen Vorhöhen des Sindschar aus nach Süden in der Ebene erblickt, beweist es deutlich, daß mindestens noch eine und an manchen Punkten auch zwei Tagereisen weit der Anbau in früherer Zeit dorthinein vorgedrungen war. Auch die Lage der großen und reichen Stadt Hatrae, deren Ruinen am Unterlauf des Tharthar das Staunen der Reisenden erregen, die in dieses von Europäern nur sehr selten besuchte Gebiet gelangen, beweist dasselbe. Und was soll man vollends dazu sagen, daß die Ursprungsgegend der assyrischen Kultur, das Stammgebiet des späteren Großreichs von Ninive, nicht etwa auf dem linken Tigrisufer in der wohlbewässerten und regenreichen Hügellandschaft zwischen Tigris und Sab liegt, sondern auf dem rechten. Es war Assur, heute Ruinen bei Kalat-Schergat. Man sieht daraus deutlich, daß am Ende des zweiten und zu Beginn des ersten Jahrtausends v. Chr. Geburt, wo wir zuerst von der Existenz der Stadt und des Reiches von Assur etwas hören, diese heutzutage fast vollkommen wüsten, unbevölkerten und unbebauten Bezirke eine so große Ackerbau treibende Bevölkerung ernährt haben, daß der Umfang ihrer Hauptstadt, wie die heutigen Überreste beweisen, nur um ein weniges kleiner war, als der Raum, den die Wälle der großen Weltstadt Ninive umschließen.
Alles vom Regen bewässerte Land in Mesopotamien harrt also, wie gesagt, nur des Pfluges, der es wieder unter Kultur nimmt. Anders, auf der einen Seite schwieriger, auf der andern Seite weit mehr versprechend, liegen die Dinge im Süden des Stromlandes, im alten Babylonien. Die Araber nennen das ganze Alluvialgebiet, so weit es von den Ablagerungen der Ströme und ihrer Tributäre bedeckt ist, den Sawâd, d. h. den dunklen, den schwarzen Boden. Etwa von der Breite der Naphthastadt Kerkuk an hört die Menge des Regenfalles auf, für den Anbau des Landes zu genügen, und die künstliche Bewässerung tritt, erst ergänzend, danach als Alleinherrscherin, an die Stelle. Vollends im eigentlichen Babylonien kann nur durch ihre Hilfe von Kultur die Rede sein.
Die Kultur der alten Babylonier beruhte durchweg auf der Kanalisation ihres Landes. Vom Euphrat und vom Tigris sowie von den westlichen, dem Iranischen Hochland entströmenden Nebenflüssen des Tigris zweigte sich eine Anzahl großer Magistralkanäle ab und bildete zunächst ein großmaschiges Netz breiter künstlicher Wasseradern. Die Hauptlinien dieser alten Kanäle erster Ordnung sind heute noch ausnahmslos teils erhalten, teils in ihrem Lauf mit hinreichender Deutlichkeit zu verfolgen; nur an einigen wenigen Stellen sind sie auch noch, wenn auch in sehr bescheidenem Maße, in Funktion. Man könnte auch gegenwärtig nichts Klügeres und Besseres tun, als im wesentlichen das alte Netz wieder herzustellen. Allerdings müßte man dabei mindestens für die erste Zeit der Wiederkultivierung des Landes darauf verzichten, es in seinem ganzen Umfang wieder für den Anbau zu gewinnen. Gut zwei Drittel seines Areals sind durch die über ein Jahrtausend währende Vernachlässigung in einen Zustand versetzt worden, der so kostspielige und weitausgreifende Anlagen zur Beseitigung des herrschenden Übels erfordern würde, daß davon noch auf lange hinaus wird abgesehen werden müssen. Sowohl der Euphrat als auch der Tigris sind so geartet, daß sie im Frühling alljährlich zur Zeit ihres Hochwassers das ganze Land an ihrem Unterlauf weit und breit überschwemmen und dabei eine Menge Sedimente zurücklassen. Diese Schlammablagerungen sind an den Rändern des Strombettes am stärksten, und daher kommt es, daß sich zu beiden Seiten des Wasserlaufes eine Erhöhung der Anschwemmungen, ähnlich einem breiten flachen Damme bildet, so daß das umliegende Land in weiterer Entfernung schließlich selbst tiefer zu liegen kommt, als der Stromspiegel selbst. Bei diesem Sachverhalt kommt alles darauf an, durch ein umsichtig angelegtes und unausgesetzt überwachtes und erhaltenes System von Dämmen, Wasserdurchlässen und Schleusen die namentlich zur Frühjahrszeit rasch und reißend strömenden Wassermassen unter Kontrolle zu behalten. Es müßten jederzeit große Menschenmengen auf einen Wink von leitender Stelle bereit stehen, um an einem gefährdeten Punkt in größtmöglicher Eile die nötigen Arbeiten, sei es öffnender, sei es schließender Natur, vorzunehmen. Zur Zeit Alt-Babylons, wohl auch zur früheren persischen und sicher zur sassanidischen Zeit, funktionierten diese Anlagen gut. Nach der arabischen Eroberung verfielen sie aber und es bildeten sich teils Trockensteppen, teils Sümpfe.
Für die Wiederherstellungsarbeiten wäre an folgende Gegenden zunächst zu denken: 1. Das Zwischenstromland von Feludscha bis zu den Ruinen von Kufa am Euphrat, von Samarra bis Kut el-Amara am Tigris. 2. Das Land auf dem linken Tigrisufer von Tekrit bis Bagdad. 3. Der alte Nihrawanbezirk zwischen dem Nahr Adhem, dem östlichen Gebirge und dem Tigrislauf bis Kut el-Amara, in früherer Zeit hauptsächlich das Bewässerungsgebiet der Dijala. Innerhalb dieser drei Regionen sind selbst heute noch hier und da größere Überreste der einstigen Bodenbebauung vorhanden; hier läßt sich das Kanalnetz, das sich Jahrtausende hindurch bewährt hatte, bevor es in Verfall geriet, überall noch in seinen Spuren verfolgen, ja was an funktionierenden künstlichen Wasserläufen überhaupt noch vorhanden ist (wie klein und dürftig waren aber die wasserführenden Adern, über die ich zwischen Bagdad und Babylon gefahren bin!), das verläuft in den alten Betten; hier endlich spielt die Frage der Uferbefestigung und Laufregulierung bei den Strömen selbst noch nicht entfernt die Rolle, wie weiter unterhalb. Es handelt sich innerhalb des umschriebenen Gebietes um sechs oder sieben große Magistralkanäle, die in ihrer Richtung und Anlage allesamt noch wohl erkennbar, teilweise auch an ihren Ausgangspunkten sogar noch wasserführend sind, nämlich 1. der Isakanal, 2. der Sarsarkanal; diese beginnen beide nicht weit von dem heutigen Örtchen Feludscha am Euphrat und mündeten unterhalb Bagdad nahe beieinander in den Tigris, 3. der mächtige Nahar Malka oder Königskanal, der unterhalb Feludscha sich aus dem Euphrat abzweigt und früher die Hälfte des Euphratwassers in südöstlicher Richtung direkt auf Seleukia-Ktesiphon zu und dort in den Tigris führte, 4. der Nilkanal, der oberhalb Babylons beginnt und in früherer Zeit einen Arm gleichfalls nach Seleukia, einen anderen nach der Gegend von Kut el-Amara entsandte. Diese vier Kanäle mit ihren Verzweigungen bildeten das nordbabylonische Zwischenstromsystem. 5. Das große Nihrawansystem, dessen Hauptadern das Wasser der Dijala über das ganze Gebiet zwischen Bagdad, Kut el-Amara und dem Gebirge verteilten. Ein besonders breiter und schiffbarer Arm mündete gerade gegenüber dem Ausfluß des nördlichen Zweiges des Nilkanals bei Seleukia-Ktesiphon und stellte auf diese Weise eine ununterbrochene direkte Wasserverbindung für den Gütertransport vom Ausgang der medischen Pässe bis nach Babylon und Kufa samt allen Landschaften am unteren Euphrat her; ebenso auch in umgekehrter Richtung. 6. Der Katulkanal – von einem Punkte etwas unterhalb Tekrit am Tigris in südöstlicher Richtung, den Nahr Adhem schneidend, zur Dijala, die östlichen Uferbezirke des Tigris mit Wasser aus dem Strome speisend.
Über den Umfang des babylonischen Kulturlandes im Altertum ist es aus dem Grunde nicht leicht, zahlenmäßige Angaben zu machen, weil noch keine genügenden Untersuchungen darüber angestellt sind, wieweit sich die Überreste der früheren Besiedlung, die sogenannten Tells, namentlich nach Osten und Westen gegen die arabische Wüste und gegen das iranische Hochland zu ausdehnen. Auf jeden Fall viel zu groß ist die arabische, von Sprenger in seinem Buche über Babylonien als das reichste Land der Vorzeit übernommene Angabe, der Sawâd sei, nach modernem Flächenmaß, 24 Millionen Hektar, 240 000 Quadratkilometer, groß gewesen. Die Wiedergabe jener alten Berechnung durch Sprenger ist längere Zeit hindurch, auf Sprengers Autorität hin, ohne Nachprüfung übernommen worden, so anfangs auch von mir, bis Hermann Wagner auf Grund einer genauen Oberflächenberechnung nachwies, daß die Vorstellung von 240 000 Quadratkilometer weit übertrieben war. Wenn man alles Land, das aus dem Euphrat, dem Tigris und dessen Nebenflüssen den Höhenverhältnissen nach Wasser zugeleitet erhalten kann, in Betracht zieht, so muß man die 240 000 Hektar fast auf die Hälfte reduzieren, und wenn man sich auf diejenigen Flächen beschränkt, wo die Bewässerung unter den heutigen Verhältnissen der Strömung praktisch mit Vorteil erfolgen kann, so muß man noch weiter heruntergehen. Willcocks, die erste Autorität auf diesem Gebiet, berechnet Babylonien zwischen und unmittelbar neben den Strömen auf 5,6 Millionen Hektar. Aus dieser Gesamtsumme der Ländereien sondert er aber die Hälfte, 2,8 Millionen Hektar, als vorzugsweise geeignet aus, und für den Augenblick beschränkt er sein Programm sogar auf ein noch kleineres Areal: ca. 1,3 Millionen Hektar. Die türkische Regierung hat ihm noch unter dem alten Regime die Ausarbeitung eines genauen Planes für die Wiederherstellung der alten Bewässerung im Irak aufgetragen und ihm die Leitung der zu Ausführung gelangenden Arbeiten zugesagt. Über seine Pläne hat er einen kurzen aber inhaltreichen Bericht an das Gouvernement in Konstantinopel eingereicht, der in der bereits erwähnten Denkschrift des türkischen Ministeriums der öffentlichen Arbeiten über Eisenbahnbauten und Kulturarbeiten vom Jahre 1909 publiziert ist (französisch). Etwas später, am 15. November 1909, entwickelte Willcocks seine Ansichten auch in einem Vortrag in der Königlich Geographischen Gesellschaft in London. Er ist gedruckt im Januarheft 1910 des »Geographical Journal« der Gesellschaft. K. Ch. Christiansen hat im Septemberheft der Hettnerschen Geographischen Zeitschrift, 1910, einen Artikel über die künstlichen Bewässerungspläne Babyloniens publiziert, der das Wesentliche der Willcocksschen Pläne wiedergibt.
Auch für Willcocks handelt es sich im Prinzip um die Wiederherstellung des früheren Zustandes innerhalb des antiken Kulturgebiets. Ursprünglich nahm er sogar ziemlich genau die oben unter Nr. 1-6 aufgezählten alten Kanäle in Aussicht. In dem Vortrag in der Geographischen Gesellschaft in London, den wir oben erwähnten, und der anscheinend seine jetzigen Ansichten wiedergibt, findet sich allerdings ein bemerkenswerter Wechsel vollzogen, und auch die Karte, die dem Januarheft des Geographical Journal 1910 beigegeben ist, zeigt, daß Willcocks die Wiederherstellung gerade des berühmten Nihrawânkanals, der vom Unterlauf der Dijala abzweigte und einen großen Teil des Landes zwischen dem Gebirge und dem linken Tigrisufer bewässerte, aufgegeben hat. Auch sonst fällt an dieser Karte auf, daß sie in verschiedenen Stücken nicht mit der offiziellen Denkschrift stimmt, die Willcocks der türkischen Regierung überreicht hat. Nach dieser sollen z. B. 2000 Quadratkilometer durch Entwässerung des Sumpfgebiets von Kurna gewonnen werden, wo ein Teil des Euphratwassers sich mit dem Tigris vereinigt. Die zum Londoner Vortrag gehörige Karte zeigt hier nichts von Bewässerungsplänen.
Die noch ausstehende genauere Durchforschung der alten Ruinengebiete namentlich östlich vom Tigris und südlich vom Euphratunterlauf wird uns möglicherweise noch wichtige Erkenntnisse über die dort einstmals vorhandene Ausdehnung des Kulturgebiets bringen. Von viel größerer Bedeutung, als die Frage nach dem räumlichen Umfang des alluvialen auf Bewässerung angewiesenen Kulturlandes im Altertum und dementsprechend nach der Größe der jetzt wiederzugewinnenden Flächen ist aber die andere: welches die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Babyloniens und des späteren Irak während der verschiedenen kulturellen Blüteperioden des Landes gewesen ist? Nach dieser Richtung hin unterliegt es gar keinem Zweifel, daß die Gebiete am Unterlauf des Euphrat und Tigris in bezug auf Volkszahl, Wohlhabenheit und Steuerkraft immer den Schwerpunkt Vorderasiens gebildet haben, solange und so oft hier Großstaaten existiert haben, d. h. von der babylonisch-assyrischen Zeit bis zum Niedergang des arabischen Kalifats um die Wende des ersten zum zweiten Jahrtausend. Quellenmäßig und zahlenmäßig beweisen kann man diesen Satz für die Zeit des alten persischen, des sassanidischen und des arabischen Reiches; indirekt erschließen läßt er sich auch für die davor- und dazwischenliegenden Epochen. Es scheint, daß der Sawâd, d. h. das ganze Alluvium außerhalb und innerhalb der vom Unterlauf der beiden Ströme eingeschlossenen Region, den höchsten Stand der Kultur in der zweiten Hälfte der Sassanidenherrschaft, im sechsten Jahrhundert n. Chr., erreicht hat. Schon aus viel früherer Zeit ist aber bekannt, daß im alten persischen Reich, unter Darius I., das Euphrat- und Tigrisland eine höhere Steuerfähigkeit besaß, als Ägypten. Von dieser Tatsache muß stets ausgegangen werden, wenn wir uns ein Bild davon machen wollen, bis zu welcher Höhe der Entwicklung das Irak durch Wiederherstellung des Bewässerungssystems gebracht werden kann, und ihr Gewicht wird dadurch noch bestimmter und zuverlässiger, daß sich fast eineinhalb Jahrtausende später unter den Kalifen, die zum ersten Male seit den alten persischen Königen wiederum Babylonien und Ägypten gleichzeitig beherrschten, ein ähnliches Verhältnis in der Steuerkraft der beiden Länder wiederholt. Babylonien und Assyrien, die im alten Perserreiche zusammen eine Provinz bildeten, zahlten 1000 Talente in den Königsschatz und unterhielten den Hof während eines Drittels des Jahres. Wie das Verhältnis zwischen den Leistungen Babyloniens, d. h. des alluvialen Bewässerungsgebiets, und Assyriens, d. h. der vom Regen getränkten Landschaft im Norden gewesen ist, wird sich nicht mehr ermitteln lassen, aber jedenfalls ist bei weitem der größere Teil auf Babylonien entfallen. Die Leistung Ägyptens unter Darius I. betrug 700 Talente an Steuern für den König und außerdem den Unterhalt für die persische Garnison in der Festung von Memphis. Auf jeden Fall war sie also die erheblich geringere. Unter Harun al Raschid zahlte Ägypten ca. 65 Millionen Dirhem, Babylonien dagegen 135 Millionen. Das Verhältnis ist also wieder ein ganz ähnliches. Unmöglich kann das Zufall sein, sondern es muß sich darin die tatsächliche, im Laufe der Jahrhunderte im Verhältnis annähernd gleichbleibende Verschiedenheit in der Steuerkraft der beiden Provinzen ausdrücken. Von dieser aber dürfen wir wiederum auf die Bevölkerung und auf den Umfang der Anbaufläche zurückschließen. Die äußeren Verhältnisse der Kultur waren und sind am Tigris und Euphrat wie am Nil nahe miteinander verwandt, und die Grundsteuer muß früher wie heute den Hauptbestandteil der von der Regierung erhobenen Abgaben gebildet haben. Man wird es daher nach den ausführlichen Untersuchungen Wagners[3] zwar ohne weiteres zugeben müssen, daß die Zahlen, die aus der sassanidischen Zeit für die Anbaufläche und den Grundsteueretat überliefert sind, teils falsch, teils nicht verwertbar sind, aber das Verhältnis zu Ägypten bleibt bestehen und ist historisch einwandfrei bezeugt. Wenn also Wagner meint, daß 2-2½ Millionen Hektar das Maximum der Fläche darstellten, die in ganz Babylonien je gleichzeitig bebaut gewesen sei, so kann das schon aus dem Grunde nicht gut angenommen werden, weil der in Ägypten unter Kultur befindliche Boden noch ein etwas größeres Areal repräsentiert. Wir haben überdies aus früherer Zeit eine Angabe, mit der auch vom kritischen Standpunkt aus etwas anzufangen ist und die außerdem gut mit den modernen von Willcocks herrührenden Berechnungen stimmt. Es heißt nämlich in den arabischen Quellen, daß zur Zeit des Kalifen Omar (634-644), der das sassanidische Reich eroberte, die Ländereien des Sawâd vermessen worden seien, und das Ergebnis habe für das kultivierte Land 36 Millionen Djarîb betragen. In heutiges Flächenmaß umgerechnet bedeutet das soviel wie etwa 5 Millionen Hektar. Willcocks gibt in dem bereits mehrfach erwähnten Bericht an die türkische Regierung, wie wir sahen, drei verschiedene Zahlen: 1,3 Millionen Hektar für die unmittelbar in Angriff zu nehmenden Arbeiten, 2,6 Millionen für die mit etwas längerer Frist zu beginnende, und 5,6 Millionen Hektar für ganz Babylonien, worunter er aber immer nur die Gebiete unmittelbar zwischen und neben den Strömen versteht, das, was er das »Delta« des Euphrat und Tigris nennt; nicht den ganzen von den Arabern sogenannten Sawâd zwischen der Wüste im Westen und dem iranischen Randgebirge im Osten. Dieses ganze Gebiet berechnet Wagner auf ca. 10 Millionen Hektar. In seinem Vortrag sagt Willcocks (Geogr. Journ., Seite 9-11), das »Delta« der beiden Flüsse sei 12 Millionen acres groß, wovon ca. 9 Millionen Wüste, d. h. zurzeit unbewässerte Steppe und 2,5 Millionen Süßwassersümpfe. Der Rest entfiele demnach auf das gegenwärtig kultivierte Land. Ohne Zuhilfenahme von Reservoiren, d. h. Vorratsbecken, in denen der Überfluß der Hochwasserzeit aufbewahrt werden kann, sagt Willcocks weiter, könne man von diesem sogenannten Delta 6 Millionen acres auf Wintersaaten und 3 Millionen auf Sommersaaten rechnen. 9 Millionen acres sind ca. 3,6 Millionen Hektar. Etwas weiter heißt es, daß mit Hilfe des projektierten Hauptkanals, der zwischen Tigris und Euphrat laufen soll, 3 Millionen acres (1,2 Millionen Hektar) besten Landes bewässert werden sollen. In Zukunft, jetzt allerdings noch nicht, werde dieser eine Kanal, der am See von Akkar Kuf nordwestlich von Bagdad beginnen und in den Schatt el Hai kurz vor dessen Vereinigung mit dem Euphrat münden soll, 6 Millionen acres (2,4 Millionen Hektar) bewässern. Diese Ziffer fällt natürlich in die oben genannten 9 Millionen acres hinein. Nimmt man zu diesen Angaben von Willcocks diejenigen Teile des Sawâds hinzu, die er nicht berücksichtigt, und außerdem das jetzt noch kultivierte Land, so kommt man reichlich auf die 5 Millionen Hektar Kulturland, die es unter Omar im Sawâd gegeben haben soll.
Willcocks sagt in seinem Vortrag, daß man von den fürs erste zu gewinnenden 1,2 Millionen Hektar auf eine jährliche Produktion von 1 Million Tonnen Weizen und 2 Millionen Zentner (400 000 Ballen) Baumwolle würde rechnen können. Unter Zugrundelegung der für später von Willcocks in Aussicht genommenen Verdreifachung des zu bewässernden Areals, ferner der Ländereien westlich des Tigris und der jetzt bereits kultivierten Flächen, käme man also für die Zukunft auf mehrere Millionen Tonnen Weizen und auf mehr als eine Million Ballen Baumwolle als Gesamtproduktion des Landes. Im Altertum hat Baumwolle, wenn überhaupt eine, so jedenfalls keine bedeutende Rolle in der Kultur Babyloniens gespielt; was nicht von Gärten und Palmpflanzungen eingenommen war, stand unter Weizen und Gerste. Wenn wir auf Grund der Willcocksschen Daten, unter Einsetzung von Getreide statt Baumwolle, 6 Millionen Tonnen Korn als durchschnittliche Jahresrente von ganz Babylonien im Altertum annehmen, so wird diese Rechnung nicht zu hoch sein. Wir wissen, daß unter Chosru I. (531-578 n. Chr.) das Kafiz Mischkorn (halb Weizen, halb Gerste) 3 Mithkal Silber kostete. Mit voller Sicherheit ist das durch ein Kafiz repräsentierte Gewicht nicht mehr zu bestimmen; es können je nach der Grundlage der Berechnung 42 oder 46½ Kilogramm sein. Nehmen wir daraus das Mittel mit rund 44 Kilogramm, und das Gewicht von 3 Mithkal gleich 13,6 Gramm Silber, so kostete der Doppelzentner Getreide 30 Gramm Silber, d. h. bei einem Wertverhältnis von Gold zu Silber wie 15 : 1½ nach heutigem Gelde nominell 5,33 Mark. Nach den uns erhaltenen Nachrichten haben die sassanidischen Könige ein Sechstel bis die Hälfte vom Betrage der Ernte, je nach Qualität des Bodens und der Pflanzungen, als Grundsteuer genommen. Rechnen wir den Gesamtbetrag der Ernte gleich 6 Millionen Tonnen Getreide und den durchschnittlichen Steuerbetrag gleich einem Drittel, so gibt das ca. 2 Millionen Tonnen Getreide; nach altem sassanidischem Gewicht also 45 Millionen Kafiz und zum Preise von 3 Mithkal für das Kafiz 135 Millionen Mithkal. Nun haben wir eine Nachricht, daß unter Chosrus I. Vater, König Kobad[4], die Steuer des Sawâd 150 Millionen Mithkal betragen habe. Ebenso besitzen wir aus den ersten 300 Jahren des Kalifats eine Reihe von Einnahmebudgets sowohl für das ganze Reich als auch speziell für den Sawâd. Die erste dieser Angaben teilt mit, daß der Ertrag des Sawâd unter Omar I. auf 84 Millionen Mithkal oder nach dem neuen arabischen Münzfuß 120 Millionen Dirhem veranschlagt worden ist. Wir wissen, daß in den letzten anderthalb Jahrzehnten der sassanidischen Monarchie unglückliche Kriege mit Byzanz, verheerende innere Kämpfe und eine furchtbare Überschwemmung des Euphrat und Tigris im Jahre 627 nach Christus sehr viel Schaden anrichteten und große Strecken Land außer Kultur brachten. Das Sinken der Einkünfte hat also nichts Wunderbares. Dazu kam weiter, daß die erste Zeit der Kalifenherrschaft für Babylonien zweifellos eine Mißregierung bedeutete. Unter Moawija 661-680, der die Regierung von Medina nach Damaskus verlegte, sank die Summe auf 100 Millionen, dann stieg sie wieder auf 135 Millionen und fiel unter den letzten Omaijaden auf 60-70 Millionen Dirhem jährlich. Unter den Abbasiden drückt sich in dem Wiederansteigen der Erträge des Sawâd zunächst die Folge der Verlegung des Regierungssitzes von Damaskus nach Bagdad aus. Harun al Raschid konnte Steuern im Betrage von 135 Millionen Dirhem erheben, ziemlich genau ein Viertel der Steuern des gesamten Kalifenreichs, das sich von Nordafrika bis gegen das innere Hochasien hin erstreckte! Wiederum wie in der altpersischen Zeit haben wir also das Bild, daß die Steuern Babyloniens unter dem Gesamtbetrag der Staatseinkünfte eine schlechthin überragende Stelle einnehmen. Nach Harun al Raschid geht es mit dem Sawâd reißend abwärts. Um die Mitte des neunten Jahrhunderts, mit dem Beginn des Sinkens der Kalifenmacht und dem Aufkommen der türkischen Prätorianer, fallen die Steuern des Sawâds auf weniger als 80 Millionen. Unter den bujidischen Emiren, die seit der Mitte des zehnten Jahrhunderts unter dem Kalifat herrschten, trieb man durch Steuerverpachtung und Konfiskationen die Einkünfte noch einmal bis auf beinahe 100 Millionen in die Höhe, aber ums Jahr 985 hören wir bereits, daß durch den Steuerdruck und die Soldateska das Land zu veröden begann und die Städte ein herabgekommenes ärmliches Aussehen annahmen. Allmählich sank die Macht der Regierung so tief, daß es nicht mehr gelang, das noch bebaute Land vor den Plünderungen der von Norden und Osten herandrängenden Nomaden zu schützen. Im dreizehnten Jahrhundert räumten dann die Mongolen vollends auf. Von da ungefähr datiert der heutige Zustand des Irak, daß die Bewässerungsanlagen, die Dämme, Kanäle und Schleusen, zum allergrößten Teil zerstört sind und nur noch Reste der früheren Volkszahl existieren.