An einem freundlichen Plätzchen steht eine Büste des bekannten und beliebten Dichters Bellmann, dem zu Ehren da alljährlich ein fröhliches Fest abgehalten wird.
Tiefer im Thiergarten liegt das sogenannte Rosenthal, ein wahres kleines Eden. – Der letzt verstorbene König hatte dieß Plätzchen so lieb, daß er manche Stunde in dem Lustschlößchen zugebracht haben soll, das hier ganz einsam inmitten von Blumenbeeten und Waldungen liegt. Vor dem Schlößchen steht ein herrliches Becken, das aus einem Stück Porphyr gearbeitet ist. Man wollte behaupten, daß es das größte in Europa sei, doch halte ich jenes, welches man im Museum zu Neapel sieht, für bei weitem größer.
In diesem Garten brachte ich noch die letzten angenehmen Stunden mit der aus Finnland stammenden, höchst liebenswürdigen Familie Boje zu, welche ich auf der Reise von Gothenburg nach Stockholm kennen gelernt hatte. Doppelt unvergeßlich wird mir daher dieser schöne Park bleiben.
Einen zweiten recht angenehmen Ausflug machte ich nach dem königl. Schlößchen Haga, nach dem großen Friedhofe und dem Militär-Erziehungshause Karlberg.
Das königl. Schlößchen Haga ist von einem großartigen Park umgeben, an welchem die Kunst wenig nachzuhelfen hatte; er besteht aus den schönsten Wald- und Wiesenpartieen, aus majestätischen Alleen und niedlichen Hügeln; überall durchkreuzen sich prächtige Fahr- und Gehwege. – Das Schlößchen selbst ist so außerordentlich klein, daß man die Genügsamkeit der Herrscherfamilie nicht genug bewundern kann. Es soll aber auch ihr kleinster Sommersitz sein.
Diesem Parke beinah gegenüber liegt der große Friedhof; er besteht erst seit 17 Jahren und ist daher eine noch etwas junge Anlage. Bei Friedhöfen anderer Länder würde dieß zwar nicht viel zu sagen haben, allein in Schweden dienen sie zugleich zu Spaziergängen, und sind mit Alleen durchschnitten, mit Bosketten geziert, und mit Bänken zum Ausruhen versehen. Dieser Friedhof ist von einem düstern Tannenwald umgeben, und scheint dadurch wirklich so ganz von der Außenwelt abgeschlossen zu sein. Er ist der einzige außer der Stadt; alle übrigen liegen an den Kirchen zwischen den Häusern, deren Fronten oft unmittelbar ihre Wände bilden. – Und noch gegenwärtig haben da Begräbnisse statt; – das heiße ich doch, sich mit dem Gedanken des Todes befreunden.
Von dem großen Friedhofe führt eine schöne Fahrstraße durch den Wald nach dem nahen Karlberg; hier ist die Erziehungsschule der Land- und Seekadeten. Die zu dieser Anstalt gehörigen ausgedehnten Gebäude liegen auf einem Felsberg, der auf einer Seite von einem kleinen Arm des See's umspühlt wird, auf der andern von schönen Park-Anlagen umgeben ist.
Ehe ich Stockholm verließ, ward mir noch die Ehre zu Theil, Ihrer Majestät, der regierenden Königin vorgestellt zu werden. Ihre Majestät hörten von meinen Reisen, und nahmen ein ganz besonderes Interesse an jener von Palästina. – Ich erhielt auch in Folge dieser Auszeichnung die besondere Erlaubniß, das Innere des ganzen Palastes besehen zu dürfen. Obwohl er schon bewohnt war, führte man mich doch, nicht nur in alle Gesellschaftssääle, sondern auch in die Wohnzimmer des ganzen Hofes. – Von der hier herrschenden Pracht, von den Kunstschätzen jeder Art, von der überreichen Einrichtung und von dem in Allem ausgesprochenen Geschmack wäre so viel zu erzählen, daß ich gar nicht wüßte, wo anzufangen und wo aufzuhören. Ich war ganz bezaubert von all den gesehenen Schätzen und Herrlichkeiten, noch mehr aber von der wahren Herzlichkeit und dem Antheile, mit welchem sich Ihre Majestät mit mir über Palästina unterhielten. Ewig werden mir diese Augenblicke, als schöne Lichtpunkte meiner nordischen Reise im Gedächtnisse fortleben.
Alle Sonntage Morgens 8 Uhr geht von Stockholm ein kleines Dampfboot nach diesem Schlosse ab; die Entfernung beträgt bei 8 Meilen, welche in 4 Stunden zurück gelegt werden; es bleibt daselbst 4 Stunden, und kehrt dann Abends wieder nach Stockholm zurück. – Dieser Ausflug ist höchst interessant, obwohl man den größten Theil derselben Strecke über den See fährt, welchen man schon auf der Fahrt von Gothenburg gemacht hat. Nur die letzte Meile biegt man ab in eine schöne Bucht, an deren Ende das schöne Schloß Gripsholm liegt. Dieses Schloß zeichnet sich sowohl durch seine Größe, als auch durch seine Bauart, und seine kolossalen Erkerthürme aus. Leider ist es aber auch mit der überhaupt in ganz Schweden so beliebten ziegelrothen Farbe angestrichen.
Im Vorhofe stehen zwei ungeheure große prächtig gearbeitete Kanonen, welche die Schweden einst in einem Kriege den Russen abgenommen haben.
Die Gemächer des Schlosses, die alle noch in gutem Stande erhalten werden, bieten an innerer Einrichtung weder Pracht noch Verschwendung, ja man könnte beinahe sagen, das Gegentheil davon dar. Nur das überaus niedliche Theater macht hiervon eine Ausnahme; in diesem sind die Seitenwände von oben bis unten mit Spiegeln eingelegt, die Zwischenpfeiler vergoldet, und die königliche Loge mit kostbarem rothen Sammte ausgeschlagen. – Seit Gustav dem III. wurde hier nicht mehr gespielt.
Besonders merkwürdig sind an diesem Schlosse die ungeheuer massiven Mauern; in den untern Erdgeschoßen messen sie gewiß drei Ellen in der Dicke.
Die obern Gemächer sind alle groß und hoch, und man genießt von den meisten Fenstern eine herrliche Aussicht auf den See. – Seufzend wendet man aber den Blick von diesen schönen Bildern, denkt man an die traurigen Begebenheiten, welche in diesem Schlosse einst statt hatten.
König Johann der III. und König Erich der XIV., Letzterer mit vier Räthen, die dann enthauptet wurden, saßen Jahre lang als Gefangene hier.
Das Gefängniß Johann des III. wäre gerade nicht so schlecht zu nennen gewesen, in so ferne man ein Gefängniß gut nennen kann. – Der König war auf einen großen, herrlichen Saal angewiesen, welchen er aber nicht überschreiten durfte und welchem er daher gewiß jede Bauernhütte mit dem Rechte der Freiheit vorgezogen haben würde. – Seine Gemahlin bewohnte zwei kleine Gemächer an der Seite des Saales; – sie wurde nicht als Gefangene betrachtet, und konnte ihre Wohnung nach Gefallen verlassen. – Hier wurde ihm sein Sohn Sigismund, im Jahre 1566 geboren; man zeigt noch das Zimmer und das Bett seiner Geburt.
Lange nicht so gut erging es Erich dem XIV. Dieser König wurde in enger und finsterer Haft gehalten. Ein kleines ganz schmuckloses Gemach, mit schmalen und ganz vergitterten Fensterchen in einem der runden Thürme diente ihm zum Gefängnisse. Der Eingang war mit einer festen, eichenen Thüre geschlossen, in welcher eine kleine Oeffnung angebracht war, durch welche man ihm die Nahrung reichte. Zu noch größerer Sicherheit schloß sich über diese hölzerne Thüre noch eine eiserne. – Außen um das Gemach lief rund herum ein schmaler Gang, in welchem die Wachen ihren Posten hatten, und stets durch die vergitterten Fenster auf den Gefangenen sehen konnten. Man zeigt noch an einem der kleinen Fenster die Stelle, an welchem der König stundenlang gestanden haben soll, den Kopf auf die Hand gestützt, und in das Freie sehend. – Mit welchen Empfindungen mag er da hinauf zu dem schönen Himmel, auf das üppige Grün, und auf den herrlichen See gestarrt haben! Wie viele Seufzer des Unglücklichen mögen da verhallt sein, – wie viele schlaflose Nächte mag er vertrauert, – wie viele Stunden – in den zwei langen Jahren – in banger Erwartung der Zukunft dahin gebracht haben!! –
Der Mann, der uns da herum führte, behauptete, der Fußboden sei an diesem Orte mehr ausgetreten, als in jedem andern, und auch der Ziegelstein am Fenster sei von dem aufgestützten Elbogen ausgewetzt; – ich bemerkte jedoch nichts von Beidem.
Der König war hier zwei Jahre eingeschlossen und wurde dann in ein anderes Gefängniß gebracht.
In diesem Schlosse befindet sich eine ziemlich bedeutende Bildergallerie. Sie enthält meistens Bildnisse von Regenten, nicht nur des schwedischen, sondern auch anderer Reiche, vom Mittelalter angefangen bis auf die jüngste Zeit. – Auch die Bildnisse berühmter Räthe, Generäle, Maler, Poeten, Gelehrten, dann jene ausgezeichneter Schwedinen, die sich um ihr Vaterland verdient gemacht haben, – und vorzüglicher Schönheiten der Frauenwelt haben hier Platz gefunden. – Auf jedem Bilde steht der Name und das Geburtsjahr des Dargestellten, und man kann sich daher seine Lieblinge aussuchen, ohne eines Cataloges, oder der langweiligen Erläuterung eines Cicerone zu bedürfen. – Was die Richtigkeit der Zeichnung, und die Schönheit des Colorits betrifft, bliebe freilich wohl bei den meisten viel zu wünschen übrig, doch wollen wir glauben, daß vielleicht die Aehnlichkeit dafür entschädige.
Auf der Rückfahrt waren mehrere Herren so gütig, mich auf einige interessante Punkte des See's aufmerksam zu machen. Dazu gehört Kakeholm, wo er seine größte Breite erreicht, die Felsinsel Esmoi, auf welcher eine Schwedin eine Schlacht gewann, Norsberg, ebenfalls durch eine Schlacht berühmt, und Sturrehof, die schöne Besitzung einer großen schwedischen Familie. – Bei Bjarkesoe sieht man ein einfaches Kreuz. Hier soll das Christenthum in Schweden zuerst eingeführt worden sein. – Ueberhaupt hat der Mälarsee außer dem Reize seiner ewig wechselnden Naturschönheiten auch noch so viele geschichtliche Erinnerungen, daß er dadurch einer der interessantesten Seen, nicht nur von Schweden, sondern von ganz Europa wird.
Zwischen Stockholm und Upsala besteht ein sehr großer Verkehr. Täglich, nur die Sonntage ausgenommen, geht von beiden genannten Orten ein kleines Dampfschiff über den Mälarsee, welches die Entfernung von neun deutschen Meilen in sechs Stunden zurücklegt.
Durch diese bequeme Gelegenheit angezogen, so leicht und schnell nach der berühmten Stadt Upsala zu kommen, und von der ungemein schönen Witterung angelockt, nahm ich eines Abends einen Platz zu dieser Fahrt, und war am darauf folgenden Morgen höchst unangenehm überrascht, als der Regen sich in Strömen ergoß. – Doch wollte man sich durch dergleichen Zufälligkeiten abhalten lassen, würde man nicht weit kommen. – Ich schiffte mich also um halb acht Uhr Morgens getrost ein, und kam zwar glücklich in Upsala an, war aber dießmal so recht wie eine verpackte Waare gereist. – Ich mußte beständig im Saale sitzen bleiben, und konnte nicht einmal die spärliche Aussicht durch die Kajüten-Fensterchen genießen; denn von außen schlug der Regen heftig an sie an, und von innen waren sie wegen der übergroßen Hitze ganz angelaufen. Ich begab mich dießmal ganz gegen meine Gewohnheit gar nicht auf das Deck, ich hoffte bei der Rückkehr wohl besseres Wetter zu treffen, und dann das Versäumte nachholen zu können.
Gegen drei Uhr endlich, als ich schon über eine Stunde in Upsala saß, heiterte sich das Wetter auf, und ich ging nun aus, um die Merkwürdigkeiten dieser Stadt zu besehen.
Vor Allem andern besuchte ich den schönen Dom. – Mit Bewunderung blieb ich am Haupteingange stehen, und betrachtete die hohe Decke, die auf zwei Reihen von Säulen ruht, und sich über die ganze Kirche spannt. – Keine Kuppel macht eine Unterbrechung; Alles läuft in einer geraden schönen Linie fort. – Das Innere der Kirche ist schmucklos, nur hinter dem Hauptaltare befindet sich eine schöne Kapelle, deren Wölbung himmelblau gemalt und mit goldenen Sternen durchwirkt ist. In dieser Kapelle ruht Gustav I. in Mitte seiner beiden Gemahlinen. Das Monument, welches die Gruft deckt, ist zwar groß und von Marmor, aber kunst- und geschmacklos. Es stellt einen Sarcophag vor, auf welchem die drei Körper in Lebensgröße ruhen. Ein Baldachin, ebenfalls von Marmor, wölbt sich darüber. – An den Wänden der Kapelle sind in hübschen Fresko-Gemälden, die wichtigsten Momente aus dem Leben dieses Monarchen dargestellt. – Unter diesen zeichnen sich besonders zwei aus – der eine, wie er als Bauer gekleidet gerade in demselben Augenblick in die Hütte eines Bauers tritt, als man sich vor derselben eifrig nach ihm erkundigt, – der andere, wie er ebenfalls als Bauer gekleidet auf einer Tonne steht, und eine Anrede an sein Volk hält. – Zwei große Tafeln, in breite Goldrahmen gefaßt, und ebenfalls als Fresko gemalt, enthalten in schwedischer Sprache – und nicht in lateinischer, wie es leider bei dergleichen Inschriften so häufig der Fall ist – die Erklärung der Gemälde. – Jeder Eingeborne kann sich daraus leicht mit der Geschichte dieses Königs bekannt machen.
In den verschiedenen Seitenkapellen stehen noch mehrere Monumente: das der Katharina Magelone, Johann's III., Gustav Erichson's, welcher geköpft wurde, und das der beiden Brüder Sturre, welche ermordet wurden. – Das Monument des Erzbischofes Menander von weißem Marmor ist eine geschmack- und kunstvolle Arbeit neuerer Zeit. In dieser Kirche ruht auch unter einer einfachen Steinplatte der große Linnée. Sein Monument steht jedoch nicht über dem Grabe, sondern in einer der Nebenkapellen, und besteht aus einer wunderschönen, dunkelbraunen Porphyr-Platte, an welcher sein Bildniß en relief angebracht ist.
Eine besondere Aufmerksamkeit verdient die prachtvolle Orgel, welche beinahe bis an die Decke der Kirche reicht.
In der Schatzkammer, die eben nicht große Reichthümer besitzt, sind hinter einem Glaskasten die mit Blut befleckten und mit Dolchstichen durchlöcherten Kleidungsstücke der unglücklichen Brüder Sturre aufbewahrt. – Auch steht hier eine aus Holz geschnitzte Bildsäule des Heidengottes Thor. Dieses hölzerne Machwerk scheint ursprünglich ein Ecce Homo gewesen zu sein, der vielleicht einstens irgend eine Dorfkapelle schmückte, dann von einem Ungläubigen geraubt, und noch mehr verstümmelt wurde, als es bereits der Schöpfer, der durchaus kein Jünger der Kunst gewesen sein konnte, gethan hatte. Jetzt glich es vollkommen einer abscheulichen Vogelscheuche.
Der Kirchhof, welcher unweit der Kirche ist, zeichnet sich durch seine Größe und Schönheit ganz vorzüglich aus. Er ist von einer zwei Fuß hohen Steinmauer umgeben, auf welcher ein ebenfalls zwei Fuß hohes eisernes Geländer, durch niedere Steinpfeiler unterbrochen, fort läuft. Von mehreren Seiten führen Stufen über diese vier Fuß hohe Einfassung in den Friedhof. – Auch in diesem Friedhofe, wie in jenem von Stockholm, glaubt man sich in einem lieblichen Garten mit großen Alleen, Lauben, Wiesenteppichen u. s. w. versetzt zu sehen, nur schöner und herrlicher wie dort, weil die Anlagen hier schon viele Jahre zählen mögen. Die Grabeshügel liegen hier von den Lauben halb verborgen. Viele waren mit Blumen und Blumenkränzen geziert, oder mit Rosenhecken umgeben. Wenn man diesen Friedhof oder vielmehr diesen Garten sieht, sollte man beinahe denken, er sei eben so für die Lebendigen zum Lustwandeln, wie für die Todten zur Ruhe bestimmt.
Die Monumente zeichnen sich durch nichts aus. Nur zwei darunter sind merkwürdig; sie bestehen aus ungeheuren Felsplatten in rohem Zustande, die aufrecht auf den Grabeshügeln stehen. Der eine dieser Hügel gleicht noch überdieß vollkommen einem Berge; er deckt die Asche eines Generals, und wäre wahrlich groß genug, auch noch seine ganze Mannschaft zu beherbergen. – Vermuthlich haben seine Verwandten die Grabeshügel von Troja zu Vorbildern genommen. – Auch die Zeichen auf dieser colossalen Felsentafel waren ganz ungewöhnlicher Art, und, so viel mir schien, waren es Runenzüge. – Die guten Leute vereinten also hier zwei Sachen des höchsten Alterthums ganz entgegengesetzter Reiche.
Das Universitäts- oder Bibliotheks-Gebäude in Upsala ist groß und schön; es liegt auf einem kleinen Hügel, und bildet gegen die Stadt eine schöne Fronte. Im Hintergrunde schließt sich ein Park daran, der jedoch noch etwas jugendlich ist.
Unweit von diesem Gebäude auf demselben Hügel steht ein königl. Schloß, welches durch seine ziegelrothe Farbe besonders auffällt. – Es ist sehr groß, und an seinen beiden vordern Eckseiten sind massive, runde Thürme angebaut.
An der Rückseite des Schlosses, in der Mitte des Vorplatzes, steht eine mehr als lebensgroße Büste Gustav des Ersten. Einige Schritte davon entfernt sind zwei künstliche Hügel gleich Bastionen errichtet, auf welchen einige Kanonen aufgepflanzt sind. Von hier, als den höchsten Standpunkten in der ganzen Umgebung, hat man die beste Uebersicht über Stadt und Gegend.
Das Städtchen selbst ist halb von Holz, halb von Stein erbaut, und sieht allerliebst aus; es ist von breiten schönen Straßen durchzogen, und mit vielen artigen Gartenanlagen geziert. Nur Eines mißfiel mir – die dunkle braunrothe Farbe der Häuser, die bei scheidendem Sonnenlichte einen eigenthümlich düstern Anblick gewährte.
Die Umgebung besteht aus einer weithin ausgedehnten Ebene, die zum Theil sehr fruchtbar ist. Zwischen die hellgrünen Wiesen und die gelbschimmernden Stoppelfelder lagern sich häufig dunkle Waldstreifen, und schon aus weiter Ferne sieht man den Silberfaden des Flußes Fyris, der sich dem See zuschlängelt. Den Hintergrund bilden dunkle Wälder, in deren Schatten sich der Blick verliert. – Dörfer sah ich wenige, es müßte nur sein, daß sie von Bäumen verdeckt waren.
Viele schöne Fahrstraßen durchschneiden und durchkreuzen diese Ebene.
Bevor ich meinen Standpunkt auf den Bastionen vor dem königlichen Schloß verließ, warf ich noch einen Blick auf den Schloßgarten, welcher unten am Hügel zu meinen Füßen aufgedeckt lag, und durch eine Straße vom Schloße getrennt ist; er scheint nicht sehr groß, aber recht hübsch zu sein.
Gerne hätte ich auch noch den botanischen Garten besucht, der unweit der Stadt liegt und Linnée's Lieblingsaufenthalt war, – doch die Sonne verschwand hinter den Bergen, und ich begab mich in mein Stübchen, mich auf die morgige Reise nach Danemora zu bereiten. – – Eine herrlichgearbeitete Büste Linnées soll die Hauptzierde jenes Gartens sein.
Um vier Uhr Morgens verließ ich Upsala, um nach dem weltberühmten Eisenbergwerke Danemora zu fahren, welches 7 Meilen von hier entfernt ist. Ich fuhr so zeitlich aus, um ja gewiß vor 12 Uhr Mittags einzutreffen, da um diese Stunde in den Gruben gesprengt wird, und selbe dann geschlossen werden. – Man sagte mir schon, wie langsam das Reisen auch in diesem Lande von statten gehe, wie lange man überall durch das Wechseln der Pferde aufgehalten werde, und so mußte ich viel Zeit vor mir haben, um zu rechter Zeit an Ort und Stelle gelangen zu können.
Ungefähr eine halbe Meile hinter Upsala liegt Alt-Upsala (Gamla-Upsala). Ich sah nur im Vorüberfahren die alte Kirche und die Grabeshügel, von welchen drei ganz besonders groß, die andern kleiner sind. Man vermuthet, daß diese Hügel die Leichname schwedischer Könige bergen. – Ich sah ähnliche Hügel – Tumuli – auf meiner Reise in Griechenland, und zwar an der Stelle wo Troja gestanden sein soll. – Die Kirche wird nicht als Ruine geehrt; sie muß noch immer Dienste leisten, und ich sah mit Wehmuth an diesem altersgrauen Gebäude manche Stelle untermauert, und mit frischem Kalk übertüncht.
Auf dem halben Wege zwischen Upsala und Danemora liegt ein großes Schloß, das sich aber weder durch eine besondere Bauart, noch durch eine reizende Lage oder sonst irgend etwas auszeichnet. – Endlich sieht man den Fluß Fyris und den bedeutend langen See Danemora. Beide sind ganz mit Schilf und Gras überwachsen, und haben flache, einförmige Ufer. Ueberhaupt bietet die ganze Reise sehr wenig Abwechslung; man bleibt fortwährend in einer Ebene, und sieht nur Felder, Waldungen und Felsblöcke. Letztere sind noch das Interessanteste, weil man nicht begreifen kann, wie sie eigentlich hierher kamen. Berge und Hügel sind nämlich weit entfernt, und die Ebene selbst hat durchaus keinen felsigen Boden.
Das Oertchen Danemora liegt mitten im Walde, und besteht nur aus einer kleinen Kirche und einigen größern und kleinern zerstreut liegenden Häusern. Bevor man noch das Oertchen erreicht, ahnt man schon die Nähe der Gruben. Große, mächtige Anschichtungen von Steinen, welche fortwährend aus den Gruben geschafft werden, decken bedeutende Räume. Pferde sind beschäftiget, große Räder zu treiben, und Maschinen, Schleifen, Seile u. dgl. mehr sieht man überall gezogen.
Ich war glücklich zu rechter Zeit gekommen, und konnte den Sprengungen noch beiwohnen. – Am interessantesten sind sie in der großen Grube, deren obere Oeffnung so außerordentlich groß ist, daß man, um die Menschen in der Tiefe arbeiten und schaffen zu sehen, gar nicht nöthig hat hinab zu steigen; – man sieht Alles von oben. Es ist dieß ein unbeschreiblich schöner, einziger Anblick. – Wie ein Bild der Unterwelt erscheint der 480 Fuß tiefe Schlund. Man sieht colossale Thore und Eingänge, die in die Stollen führen, so wie Felsenbrücken, Vorsprünge, Bogen und Höhlen, die sich an den Wänden bilden, und bis an die Oberwelt reichen. – Die Menschen erscheinen da unten gleich beweglichen Püppchen; – man ist kaum im Stande ihren Bewegungen zu folgen, und muß erst das Auge an die Tiefe und an die unten herrschende Dämmerung gewöhnen. – Letztere ist jedoch nicht sehr bedeutend, ich konnte sogar mehrere Leitern unterscheiden, die mir wie Kinderspielzeug vorkamen.
Es war schon nahe an 12 Uhr, und die Arbeitsleute verließen die Gruben, nur jene blieben zurück, die mit den Minen zu thun hatten. – Das Heraufziehen geschieht hier mittelst kleiner Tonnen, die an Stricken hängen, und durch eine Winde gehoben werden. Es sieht wirklich schauerlich aus, die Menschen auf einem so kleinen Fahrzeuge herauf schweben zu sehen, besonders da oft zwei bis drei Arbeiter in einer Tonne beisammen sind, von welchen der Eine in der Mitte steht, während die beiden Andern auf den Rändern reitend sitzen.
Ich hätte mich gerne in die große Grube hinabgelassen, allein für heute war es schon zu spät, und bis an den andern Tag wollte ich nicht warten. Das Hinablassen hätte ich nicht gefürchtet, indem ich mit derlei Fahrten schon von frühern Zeiten her vertraut war. Ich hatte nämlich vor mehreren Jahren die berühmten Salzbergwerke von Wieliczka und Bochnia in Galizien besucht, und mich in beide an einfachen Seilen, also auf eine gefährliche Art, als solches hier mit der Tonne geschieht, hinabgelassen.
Mit Schlag 12 Uhr wurden an vier Minen in der großen Grube Lunten gelegt. Der Mann, der dieß that, lief hierauf mit größter Eile davon, und verbarg sich hinter einer Steinwand. – Nach einigen Minuten sah man das Pulver aufblitzen, und einige Steine in die Höhe fliegen, dann hörte man von allen Seiten ein fürchterliches Gekrache, und zum Schlusse das Rollen und Fallen der gesprengten Massen. Mehrfache kräftige Wiederholungen des Echo's verkündeten die schreckliche Explosion im Innern des Bergwerkes. Der Eindruck, den dieß Alles hervorbrachte, war ein wahrhaft schauerlicher. – Kaum daß noch die erste Mine ausgetobt hatte, fing schon die zweite, dritte u. s. w. an. – Dergleichen Minen werden täglich in verschiedenen Gruben gelegt.
Die andern Gruben sind noch tiefer, die tiefste hat 600 Fuß; aber ihre Oeffnungen sind kleiner und gehen auch nicht immer senkrecht hinab, wodurch sich der Blick dann in der Finsterniß verliert, was einen gar unheimlichen Eindruck macht. Mit beklommener Brust starrt man in diese dunkeln Räume und sucht vergebens etwas unterscheiden zu können. – Ich möchte um keinen Preis ein Bergmann sein; abgeschieden von dem Tage, von der Sonne, könnte ich das Leben kaum ertragen. – Ich wandte meinen Blick ab von den finstern Gruben, und warf ihn freudig auf die liebliche Landschaft, die im hellen Sonnenlichte erglänzte.
Noch denselben Tag kehrte ich nach Upsala zurück.
Ich hatte diese kleine Reise mit der Post versucht, werde aber meinen Lesern nur die Facta erzählen. Eine umfassende Meinung über das gute oder schlechte Fortkommen in diesem Lande kann ich unmöglich abgeben, da diese kleine Tour mehr einer Spazierfahrt als einer Reise glich.
Da ich keinen eigenen Wagen gemiethet hatte, mußte ich auf jeder Station ein anderes Fuhrwerk besteigen. Diese Fuhrwerke bestanden aus zweirädrigen ganz ordinären hölzernen Karren. Der Sitz wurde aus Heu gemacht, und mit dem Kotzen des Pferdes bedeckt. – Wären die Wege nicht so ausgezeichnet gut, würde man auf diesen Wagen wohl fürchterlich durchgeschüttelt werden. So aber muß ich sagen, daß ich mit ihnen besser fuhr, als mit jenen, zwar lakirten Kariolen der Norweger, in welchen ich ausgestreckt und eingepreßt fortwährend in derselben Stellung verbleiben mußte.
Die Stationen sind ungleich, bald länger bald kürzer. Die Postpferde werden hier wie in Norwegen von wohlhabenden Bauern besorgt, die man hier Dschusbauern nennt. Jeden Abend muß ein solcher Dschusbauer eine bestimmte Zahl Pferde zusammenbringen, um am folgenden Tag die Reisenden weiter befördern zu können. – Kömmt der Reisende, so findet er auf jeder Station ein Buch, aus welchem er ersehen kann, wie viele Pferde der Bauer hat, wie viele Fremde bereits expedirt wurden, und wie viele Pferde noch im Stalle stehen. Auch er muß seinen Namen, die Stunde der Abfahrt, und die Zahl der Pferde einzeichnen, deren er bedurfte. Auf diese Art ist den Betrügereien doch ziemlich Einhalt gethan; man kann sich von Allem überzeugen, und seine Forderungen darnach einrichten.
Geduld muß man aber auch hier haben, obwohl bei weitem nicht so viel, wie in Norwegen. Bis der Wagen in Stand gesetzt war, bis das Pferdegeschirr und endlich das Pferd selbst herbeigeschafft wurde, vergingen zwar immer 15-20 Minuten, aber auch nie mehr, und ich muß diesen schwedischen Postmeistern nachsagen, daß sie sich, so viel ihnen möglich war, beeilten, und nie ein doppeltes Fahrgeld verlangten, obwohl sie, besonders auf meiner Hinreise, wissen mochten, daß ich Eile hatte. – Das schnelle oder langsame Fahren hängt natürlich von der Güte des Pferdes, und von dem Willen des Kutschers ab. – In keinem Lande aber ist mir ein solches Schonen der Pferde vorgekommen, wie hier. Es ist wirklich lächerlich zu sehen, welch kleine Last zu Wagen, die mit Getreide, Ziegeln, Holz u. s. w. beladen sind, zwei Pferden aufgebürdet, und wie langsam und schläfrig gefahren wird.
Eine schreckliche Plage für Fahrende sind die unzähligen hölzernen Gitter, welche die Straßen in so viele Theile theilen, als Gemeinde-Gründe an derselben liegen. – Der Kutscher muß oft in einer Stunde mehr als 6-8 Mal absteigen, um diese Gitter zu öffnen und zu schließen. – Selbst auf der großen Poststraße sollen diese angenehmen Gitter nicht fehlen, und nur nicht gar so häufig vorkommen, wie auf den Nebenstraßen.
Der Holzreichthum muß hier so groß sein, wie in Norwegen; Alles ist eingezäunt, ja selbst Gründe, die so schlecht aussehen, daß sie gewiß des Zaunes und der Arbeit nicht werth sind.
Die Dörfchen, die ich theils berührte, theils seitwärts liegen sah, waren mitunter recht niedlich und freundlich. Auch die Hütten, deren manche ich während des Pferdewechsels besuchte, fand ich meist ziemlich nett und wohnlich eingerichtet.
Die Bauern haben in dieser Gegend eine sehr sonderbare Tracht. Die Männer, auch oft sogar die Knaben, tragen lange, dunkelblaue, tüchene Ueberröcke, und auf dem Kopfe tüchene Käppchen, so daß sie von ferne gesehen, beinahe Herren im Reiseanzuge gleichen. Komisch läßt es nun, so viel vermeinte Herren hinter den Pflügen gehen, oder Gras hauen zu sehen. – In der Nähe hat das Ding freilich ein ganz anderes Aussehen; da bemerkt man die meist abgerissenen und schmutzigen Kleider – und sieht, daß sie unter diesen Röcken auch noch lederne Schurzfelle tragen, wie bei uns die Zimmerleute. An der Tracht der Weiber fand ich nichts Eigenthümliches, als daß sie ebenfalls ärmlich und abgerissen war. – Was Kleidung und Fußbedeckung betrifft, stehen sowohl die Schweden, als auch die Norweger hinter den Isländern, – während Betreffs der Wohnungen Jene voraus sind.
Heute machte ich die Fahrt auf dem Mälarsee zurück nach Stockholm. Das Wetter begünstigte mich mehr, als auf der Herreise, und ich konnte die ganze Zeit auf dem Decke bleiben. – Nun erst bemerkte ich, daß wir eine ganze Meile auf dem Fluße Fyris fuhren, dessen flaches Bett sich durch Waldungen und Wiesen dem See zuschlängelt.
Die große Ebene, auf welcher Neu- und Alt-Upsala liegen, verliert man bald aus dem Gesichte, und nachdem man zwei Brücken passirt hat, gelangt man unmittelbar in den Mälarsee, der sich anfangs als große Wasserfläche ausbreitet, und keine Insel zeigt. Seine Ufer sind mit niedrigen, bewaldeten Hügeln umfaßt. Doch bald kömmt man wieder in die Regionen der Inseln; die Wasserfahrt gewährt nun größeres Interesse, besonders da sich auch auf den Ufern immer schönen Bilder entfalten. Eines der ersten ist das nette Gütchen Krusenberg, dessen Schlößchen recht idyllisch auf einem reizenden Hügel liegt. Noch schöner aber und wahrhaft überraschend ist das herrliche Schloß Skukloster, ein großes, schönes und höchst regelmäßiges Gebäude, das mit vier mächtigen, runden Eckthürmen geziert, knapp am See liegt, und von prächtigen Gartenanlagen umgeben ist.
Von diesem Punkte an sind die Partieen des Mälarsee's voll Schönheit und Abwechslung. Jeder Augenblick bietet etwas anderes, etwas herrlicheres. Die Wasser breiten sich bald aus, bald werden sie wieder von den Inseln und Felsen eingeengt und in förmliche Kanäle gedämmt. – Vorzüglich gefielen mir jene Stellen, um welche die Inseln so beisammen liegen, daß man gar keinen Ausweg sieht. Plötzlich öffnete er sich dann zwischen ihnen, und man sah wieder eine neue Abtheilung des Sees. An den Ufern werden die Hügel immer höher, die Vorsprünge derselben immer bedeutender, und schöne Inselgruppen schließen sich derart an, daß man sie von ferne für vorgeschobene Theile des Landes hält, und erst in der Nähe ihre Selbstständigkeit erkennt.
Höchst malerisch nimmt sich das Städtchen Sixtunä aus, das in einem reizenden kleinen Thale liegt, in welchem auf allen Seiten Ruinen, besonders solche von runden Thürmen hervorragen. Diese Ruinen sollen noch Reste der alten Römerstadt Sixtum sein. Die neue Stadt behielt, wahrscheinlich zur Erinnerung, den Namen ihrer Vorgängerin bei.
Die hierauf folgende Partie bietet dem Auge Klippen und Felswände, die sich in die Tiefe des Sees senken, und deren Nähe bei einem Sturme nicht sehr erfreulich wäre. – Vom Schloße Rouse sieht man nur drei schöne Kuppeln aus dem Walde ragen; ein neidischer kahler Hügel verbirgt dem spähenden Auge das Uebrige. – Noch sieht man ein Schloß, Besitzthum eines Privaten, das durch seine Größe sehr in die Augen fällt, sonst aber nichts Ausgezeichnetes an sich hat. – Die letzte der Merkwürdigkeiten ist die Nokeby-Brücke, welche eine der längsten in Schweden sein soll. Sie verbindet das feste Land mit der Insel, auf welcher das königliche Schloß Drottingholm steht. – Von dieser Stelle erblickt man alsobald die Stadt Stockholm, und lenkt auch in den Theil des Mälarsees ein, an welchem sie liegt. – Um zwei Uhr Nachmittags erreichten wir glücklich wieder die Hauptstadt Schwedens.
Am 18. September sagte ich Stockholm »Lebewohl« und schiffte mich Mittags 12 Uhr auf dem Dampfboote Svithiold, mit 100 Pferdekraft, ein, um nach Travemünde zu fahren.
Ich glaube, daß nicht leicht eine Ueberfahrt theurer ist, wie diese. Die Entfernung beträgt bei 500 Seemeilen, die man gewöhnlich in dritthalb bis drei Tagen zurücklegt; dafür bezahlt man auf dem zweiten Platze ohne Kost 43 Bankthaler, oder nach unserm Gelde 35 fl. CM. Die Kost ist ebenfalls unendlich theuer, und noch dazu spielt der Kapitain auch die Rolle des Gastwirthes; man kann sich daher bei einer vorkommenden Prellerei oder Unzufriedenheit an Niemanden wenden, und muß Alles geduldig ertragen.
Nichts that mir so wehe, als da ich sah, wie sich einer der ärmeren Reisenden, der sehr an der Seekrankheit litt, an den Kellner wandte um eine Suppe zu bekommen, und wie dieser ihn an den gutmüthigen Kapitain wies, der dann rund heraus erklärte: er werde keine Ausnahme machen, und man müsse für eine Tasse Suppe so viel bezahlen, wie für die ganze Mittagskost. – Der Arme – er mußte also entweder der für ihn so wohlthuenden Suppe entsagen, oder jeden Kreuzer zusammen suchen, um täglich einige Bankthaler ausgeben zu können. – Glücklicherweise befanden sich einige wohlthätige Menschen auf dem Schiffe, welche für ihn die Mittagskost bezahlten. – Einige der Herren führten ein paar Flaschen Wein mit sich, dafür mußten sie beinah so viel Taxe zahlen, als der Wein werth war.
Zu all diesen Annehmlichkeiten kömmt auf einem schwedischen Dampfschiffe auch noch jene, daß man bei nur etwas ungünstigem Wetter gar nicht vom Flecke kömmt. – Vermuthlich sind die Maschinen zu schwach; wenigstens behaupteten dieß Viele der Reisenden. – Wir hatten nur etwas Gegenwinde und hohes Meer, aber bei weitem keinen Sturm, und doch verspäteten wir uns schon auf der ersten Hälfte des Weges, auf der Fahrt von Stockholm nach Calmar, um 24 Stunden. In Calmar warfen wir Anker und warteten auf bessern Wind. – Ein paar Herren, deren Geschäfte zu Lübeck sehr dringend waren, verließen hier das Dampfboot und setzten ihre Reise zu Lande fort.
Anfänglich hat die Ostsee den Charakter des Mälarsee's. Inseln, Klippen, Felsen, große und kleine Wasserbecken u. s. w. erscheinen immer wechselnd und schön. Rechts sieht man im Hintergrunde die unendlich lange hölzerne Brücke Lindenbrog, die eine Insel mit dem Festlande verbindet.
An dem Ende eines der Becken, in die man einlenkt, liegt das Städtchen Wachsholm, und diesem gegenüber auf einer kleinen felsigen Insel ein herrliches Festungswerk mit einem kolossalen runden Thurme. – Nach der Zahl der Kanonen, welche auf den Wällen aufgepflanzt sind, zu urtheilen, muß diese Festung zu einer der wichtigsten gehören. – An ein ähnliches Festungswerk, Friedrichsborg, kamen wir einige Stunden später; es steht jedoch nicht so frei wie das erstere, sondern ist zum Theil von Waldungen umgeben. Wir fuhren in ziemlicher Entfernung vorbei, und konnten nicht viel davon sehen, so wie auch von einem auf der entgegengesetzten Seite gelegenen Schlosse, das ebenfalls von Waldungen umgeben ist und sehr großartig zu sein scheint.
Die See wird nun auf der rechten Seite auf Augenblicke unübersehbar; – doch bald kömmt man wieder auf eine schauerliche Partie nackter Felsen, an deren äußersten Enden die schöne Festung Dolero liegt. Unweit davon hängen an nackten, in die See ragenden Felsen gruppenweise viele Häuser, die einen sehr ausgebreiteten großen Ort bilden.
Wir befanden uns heute auf offener, etwas stürmischer See. Erst gegen Mittag kamen wir in den Calmarsund, der links von dem flachen, einförmigen Ufer der 15 Meilen langen Insel Öland, rechts von dem Festlande Schmoland gebildet wird. Vor uns thürmte sich der Inselberg, die Jungfrau, auf, auf welchen Wunderberg jeder Schwede mit Stolz hinweist. Seine Höhe fällt jedoch nur auf, weil Alles rund umher flach und eben ist. – Gegen die stolze, riesige Jungfrau in der Schweiz dürfte er wohl nur als Hügelchen erscheinen.
Gestern Abend wurde, des widrigen Windes wegen, Anker geworfen, und erst heute Morgens die Fahrt nach dem Städtchen Calmar fortgesetzt, welches wir gegen 10 Uhr Vormittags erreichten. Das Städtchen liegt auf einer unübersehbaren Ebene, und bietet nicht viel Interessantes. Höchstens könnten die ausgezeichnet schöne Kirche und das sehr alterthümliche Schloß den Wunsch erregen, da einige Stunden verweilen zu dürfen. Uns wurde dieser Wunsch nur zu sehr gewährt. Wind und Wogen schienen sich gegen uns verschworen zu haben, und der Kapitain kündigte uns daher eine ungewisse Frist des Bleibens an. – Man wollte uns anfangs nicht an das Land setzen, da die Wogen zu hoch gingen. Endlich wagte sich doch eines der größeren Boote heran, und die Neugierigsten unter uns wagten es, das schwankende Fahrzeug zu besteigen, und an das Land zu schiffen.
Die Kirche würde man dem äußern Bau nach für ein schönes, aus vergangenen Zeiten stammendes Schloß halten. Vier schöne Eckthürme geben ihr dieses Ansehen, das noch dadurch vermehrt wird, daß die Kuppel das Gebäude nur wenig überragt, und die übrigen Thürme, die hie und da als Zierde angebracht sind, kaum bemerkbar werden. Das Innere der Kirche zeichnet sich durch Größe, Höhe und durch ein besonders schönes Echo aus. Einen ergreifenden Eindruck sollen die Töne der Orgel hervor bringen. – Wir sandten um den Organisten, der aber leider nirgend zu finden war, und wir mußten uns mit dem Echo unserer Stimmen begnügen. – Von da wanderten wir in das kaum zehn Minuten weit entfernte alte königliche Schloß, welches unter der Königin Margaretha im 16. Jahrhundert erbaut wurde. Im Innern ist dieses Schloß so gänzlich verfallen, daß ein längeres Verweilen in den obern Sälen beinahe nicht rathsam wäre. Die untern Gemächer des Schlosses wurden ausgebessert und dienen als Gefängnisse; aus vielen der eisenvergitterten Fenster ragten Arme hervor und flehende Stimmen baten uns Vorübergehende um eine kleine Gabe. – Es sollen sich gegenwärtig über 140 Gefangene hier befinden.
Gegen 3 Uhr Nachmittag ließ der Wind etwas nach, und wir setzten die Reise fort. – Die Fahrt in dem Calmars-Sunde ist höchst einförmig, da man nichts als flache öde Ufer an den Seiten hat; ein Wäldchen gehört schon zu den Seltenheiten.
Als ich heute auf das Deck kam, hatten wir den Sund schon lange hinter uns; links umgab uns die offene See, und rechts wechselte das öde Schmoland mit dem noch öderen Schonen ab, das zum Theil so nackt erschien, daß man zwischen den niedrigen kahlen Hügeln kaum ein ärmliches Fischerdörfchen gewahrte.
Um 9 Uhr Morgens warfen wir im Hafen zu Ystadt Anker. Das Städtchen ist ziemlich artig, und besitzt einen geräumigen Platz, welchen das Haus des Gouverneurs, das Theatergebäude und das Rathhaus zieren. Die Gassen sind breit, die Häuser theils von Holz, theils von Stein. Das Interessanteste ist die alterthümliche Kirche, und in ihr ein hölzernes, zum Theil schon sehr beschädigtes Altarblatt, welches in der Sakristei aufbewahrt wird. Wenn auch die Figuren daran etwas plump und unrichtig gearbeitet sind, so muß man doch die Composition und das angebrachte Schnitzwerk bewundern. Nicht zu übersehen sind auch die Reliefs an der Kanzel, und ein schönes Monument, welches rechts vom Hochaltare steht. Alle diese Arbeiten sind in Holz geschnitzt.
Des Nachmittags kamen wir an der dänischen Insel Malmö vorüber.
Endlich, nachdem wir statt 2½ Tagen beinahe 4 Tage auf der See zugebracht hatten, erreichten wir am 22. September Morgens 2 Uhr glücklich den Hafen von Travemünde. Und nun waren meine Seereisen beendet. – Mit Wehmuth schied ich von der See. Die Wasser so ausgebreitet vor sich zu sehen, und auf ihrer spiegelglatten Fläche dahin zu schiffen, ist doch gar zu herrlich. Immer bietet die See ein schönes Bild, selbst wenn sie stürmt und wüthet, wenn sich Wellen auf Wellen thürmen, sich an dem Fahrzeuge brechen und es zu verschlingen drohen, oder wenn das Schiff bald auf ihren Spitzen tanzt, bald in den Abgrund schießt. Ich kauerte oft stundenlang in irgend einem Winkel, klammerte mich an die Schiffswand, und ließ Sturm und Welle über mich ergehen. Ich war durch das viele Reisen auf der See von der unleidlichen Seekrankheit nicht mehr bedroht, und konnte daher ungetrübt diese fürchterlich schönen Naturscenen bewundern und Gott in seinen erhabenen Werken preisen.
Kaum hatten wir im Hafen Anker geworfen, empfing uns ein ganzes Heer von Kutschern, um uns zu Land über Lübeck nach Hamburg zu expediren, – eine Reise von acht Meilen, die man gewöhnlich in neun Stunden zurücklegt.
Travemünde ist ein nettes Oertchen, das eigentlich nur aus einer Gasse besteht, deren Häuser meist Gasthöfe sind. Die Fahrt von hier bis Lübeck – zwei Meilen – ist überaus artig. Eine herrliche Straße, auf welcher die Wagen wirklich nur dahin rollen, führt durch einen anmuthigen Wald an einem Friedhofe vorüber, der an Schönheit selbst jenen von Upsala übertrifft; man würde ihn, sähe man nicht die Monumente, für den kunstvollsten, herrlichsten Park oder Garten halten.
Nichts bedauerte ich so sehr, als nicht einen Tag dem Aufenthalte zu Lübeck widmen zu können. Diese alte Hanseestadt, mit ihren pyramidal erbauten Häusern, mit dem ehrwürdigen Dome und den andern schönen Kirchen, mit dem geräumigen und reinlichen Platze u. s. w. zog mich gar sehr an; aber so mußte ich weiter, und konnte nur in eiliger Durchfahrt Manches bewundern und anstaunen. – Das Pflaster für die Fahrenden und das Trottoir daneben ist so schön und eben, wie in keiner andern nordischen Stadt. Auf den Straßen vor den Häusern stehen häufig hölzerne Kanapee's, auf welchen wahrscheinlich die Inwohner die schönen Abende zubringen. Hier sah ich auch zum ersten Male die funkelnden Hamburger Spiegelscheiben wieder. – Die Trave, über welche man zwischen Travemünde und Lübeck auf einem Schiffe übersetzt, umgibt auf einer Seite die Stadt.
In der Nähe von Oldeslo sind Salzsiedereien mit schönen Gebäuden und unendlich hohen Dampfrauchsäulen; bei Arensburg liegt ein altes romantisches Schlößchen, das ganz mit Wasser umgeben ist.
Nun aber wird die Gegend ziemlich einförmig, und bleibt so bis Hamburg; sie scheint jedoch sehr fruchtbar zu sein, da man überall schöne Felder und Wiesen sieht.
Diese kleine Reise von Lübeck bis Hamburg kömmt ziemlich hoch zu stehen; es ist aber auch unglaublich, wie viel Taxen und Zahlungen der arme Kutscher auf dieser kurzen Strecke zu entrichten hat. Erst mußte er für 1 fl. 16 kr. einen Erlaubnißschein lösen, um von dem Lübecker Gebiet in jenes von Hamburg fahren zu dürfen, dann bezahlt er in Lübeck ein doppeltes Thorsperrgeld, jedes von 24 kr., weil wir vor fünf Uhr früh kamen, und uns sowohl bei der Einfahrt, als auch bei der Ausfahrt die Thore, die erst um 5 Uhr geöffnet werden, aufsperren ließen, und außerdem mußte er fast auf jeder Meile an den Schlagbäumen 5 bis 6 kr. entrichten.
Diese fatale Plackerei des ewigen Anhaltens an den Schlagbäumen kennt man weder in Norwegen noch Schweden. Dort zahlt man für jedes Pferd des Jahres eine gewisse Taxe, und kann dann ungehindert im ganzen Lande herum fahren, nirgends sind solche – – – – errichtet.
Die Bauernhäuser sind hier sehr groß und ausgedehnt; dieß kömmt aber daher, weil Stall, Scheuer, Schoppen – Alles unter einem Dache ist. Die Wände oder eigentlich Gerippe dieser Häuser sind von Holz, und mit Ziegeln ausgefüllt.
Gleich hinter Arensburg sieht man schon die Thürme von Wandsbeck und Hamburg, welche beide Städte nur eine zu bilden scheinen, da sie blos durch artige Landhäuser getrennt sind. Wandsbeck ist jedoch im Vergleiche zu Hamburg nicht als Stadt, sondern als Dorf zu betrachten.
Gegen 2 Uhr Nachmittag traf ich glücklich bei meinen lieben Verwandten ein, die über meine Ankunft so erstaunt waren, daß sie mich beinahe für einen Geist hielten. – Bald wurde mir ihr Erstaunen begreiflich.
Als ich nämlich von Island abfuhr, ging, wie ich bereits bemerkte, zu gleicher Zeit eine Gelegenheit nach Altona, mit welcher ich ein Kistchen Mineralien u. dergl. an meinen Vetter nach Hamburg sandte. Der Schiffer nun, welcher das Kistchen übergab, machte ihm eine so arge Schilderung von dem schrecklich schlechten Fahrzeuge, in welchem ich nach Kopenhagen übergefahren wäre, daß er, nachdem ich über zwei Monate keine Nachricht von mir gegeben hatte, dachte, ich sei mit dem Schiffe zu Grunde gegangen. – Wohl hatte ich ihm bei meiner Ankunft zu Kopenhagen geschrieben, aber der Brief mußte verloren gegangen sein, und daher seine Vermuthung, und dann sein Erstaunen.
Meine Zeit war karg bemessen, und ich konnte mich dießmal leider nur einige Tage bei meinen lieben Verwandten aufhalten. Schon am 26. September ging ich mit einem kleinen Dampfboote auf der Elbe nach Haarburg, das man in dreiviertel Stunden erreicht. Hier wechselte ich die Schiffsgelegenheit mit dem Eilwagen und fuhr nach Celle (14 Meilen).
Von der Gegend ist nur wenig zu sagen; sie besteht größtentheils aus Ebenen, die theilweise zu Haiden und Sümpfen werden, – doch gibt es dazwischen auch fruchtbare Stellen mit Feldern und Wiesen.
In der Nacht trafen wir in Celle ein. Von hier bis Lehrte (1½ Meile) muß man eine Privatgelegenheit miethen. In Lehrte besteigt man die Eisenbahn, und fährt nun ununterbrochen bis Berlin. – Man berührt auf dieser Fahrt viele Städte und größere oder kleinere Orte, kann aber nur wenig von ihnen sehen, da die Bahnhöfe überall ziemlich entfernt liegen, und man nur einige Augenblicke anhält.
Die erste Stadt, an der wir vorüber kamen, war Braunschweig. Gleich außerhalb der Stadt sieht man das artige herzogliche Schloß, das im gothischen Style erbaut ist und in einem schönen Parke liegt. – Wolfenbüttel scheint, nach der Menge der Häuser und Kirchthürme zu urtheilen, eine ziemlich bedeutende Stadt zu sein. – Eine schöne hölzerne Brücke mit elegant gearbeitetem eisernem Geländer führt hier über die Ocker. Vor der Stadt leitet eine reizende Promenade zu einem sanften Hügel, auf dessen Plateau ein wunderliebliches Gebäude, »ein Kaffeehaus« steht.
Sobald man das Gebiet von Hannover im Rücken hat, wird die Gegend zwar nicht reicher an seltenen Naturmerkwürdigkeiten, aber doch verlieren sich wenigstens die Sümpfe und Haiden, und ein fleißig cultivirtes Land ersetzt deren Stelle. – Viele Dörfer liegen zerstreut umher, und manch reizendes Städtchen erregt den Wunsch, die Gegenden nicht gar so eilig durchfliegen zu müssen.
Man kömmt nun an Schepenstadt, Jersheim und Wegersleben vorüber, welch letztere Stadt bereits zu Preußen gehört. – In Aschersleben werden die Wagen gewechselt, eben so in Magdeburg. – Bei dem Städtchen Salze sieht man schöne Gebäude, die zu den ausgedehnten hier befindlichen Salzsiedereien gehören. – Zu Jernaudau ist der Sitz einer Herrnhuter Gesellschaft. – Gerne hätte ich die Stadt Köthen besucht; man kann sich nichts Reizenderes denken, als die Lage dieses Städtchens inmitten von duftenden Gärten. Leider hielten wir nur kurze Augenblicke an. – Auch das Städtchen Dessau ist mit artigen Anlagen umgeben. Mehrere Brücken führen hier über einzelne Arme der Elbe; die über den Hauptstrom führende ruht auf mächtigen Steinpfeilern. – Von dem Städtchen Wittenberg sieht man nur Häusermassen und Kirchthürme; eben so auch von dem Städtchen Jüterbog, das so neu aussieht, als ob es erst kürzlich entstanden wäre. – Bei Lukewalde fängt die Sandregion an, in die nur eine bei Trebbin erscheinende kleine Kette bewaldeter Hügel einige Abwechslung bringt. Doch auch diese nimmt bald ihr Ende, und man fährt nun bis Berlin in einer traurigen, einförmigen Sandfläche.
Ich war heute von 6 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends auf dem Wege, und hatte 46 Meilen zurückgelegt. – Häufig waren auf dieser Reise die Wagen gewechselt worden. – Ueberall hatte, der Leipziger Messe wegen, ein unendlicher Zudrang von Menschen statt gefunden; – oft zählte der Zug 35 bis 40 Wagen, 3 Locomotive und gewiß 7-800 Reisende, – dennoch war immer Alles in größter Ordnung geblieben. Eine große Bequemlichkeit ist es, daß man den Platz von Lehrte bis Berlin, obwohl man so vielerlei Staaten zu passiren hat, auf einmal berichtigen kann, und sich daher während der ganzen Reise, weder um sein Gepäck noch um sonst etwas mehr zu bekümmern hat. – Die bei den Eisenbahnen angestellten Leute fand ich alle sehr höflich. Wenn an einer Station angehalten wurde, verkündeten gleich die Conducteure mit lauter Stimme die Zeit des Aufenthaltes, 2-3 Minuten, ¼ Stunde u. s. w. Jeder Mitfahrende konnte sich darnach richten, in ein nahes Gasthaus oder Zelt treten und sich etwas reichen lassen. Die Wagen sind höchst bequem zum Ein- und Aussteigen eingerichtet, und zwar dadurch, daß die Räder an den Stations-Stellen in tiefen Geleisen laufen, und so der Wagen mit dem Erdboden in gleicher Höhe ist; man braucht gar keinen Wagentritt zu besteigen, sondern setzt den Fuß gleich auf die Erde. Die Wagen sind wie in breite Kutschen getheilt. Zwei Bänke stehen der Breite nach, einander gegenüber, und an jeder Seite befindet sich eine geräumige Wagenthür, bei welcher man bequem hinaus und herein kömmt. Auf der ersten und der zweiten Klasse sitzen in jeder solchen Wagenabtheilung 8 Personen, auf der dritten Klasse 10 Personen. – Die Wagen sind Alle numerirt und Jedermann findet leicht seinen Platz. – Eingesperrt ist Niemand.
Durch diese einfachen Einrichtungen ist es möglich, daß man selbst, wenn der Zug nur zwei Minuten anhält, aussteigen und Bewegung machen, oder sich mit Lebensmitteln versehen kann, ohne daß ein Gedränge oder eine Verwirrung statt hat.
Alles dieß fällt bei jenen Eisenbahnwagen weg, welche die unnatürliche Länge eines Hauses haben, und in deren jeden 60 oder gar 70 Personen eingepackt, mitunter sogar eingesperrt sind, wo die Thüren von den Conducteuren geöffnet werden, und dieser nur den Namen der Station hineinschreit, ohne die Zeit des Aufenthaltes bekannt zu machen. – Da ist es wohl keinem Reisenden zu rathen, seinen Posten zu verlassen; denn bis er sich von einem Ende des Wagens bis an das andere drängt, bis er durch das enge Pförtchen schlüpft und endlich über die hohen Stufen hinabklettert, erschallt schon wieder das Horn, und in demselben Augenblicke setzt sich der Zug in Bewegung, es ist also selbst dieß Blasen kein Zeichen für die Reisenden, um sich darnach richten zu können; es gehört nur für den Locomotivführer.
Eben so hat man in diesen Staaten, welche ich heute durchreiset hatte, nicht die geringste Plackerei mit dem Paßwesen, und mit den noch unausstehlichern Passirscheinen. Kein lästiger Polizei-Soldat kömmt in den Wagen und läßt den Reisenden erst aussteigen, nachdem er ihm von A bis Z Auskunft ertheilt hat. – Ich möchte wissen, wie viele Tage man auf dieser Reise zubringen würde, wenn man, wie in andern Staaten, die Pässe so oft abgeben müßte, die nicht einmal gleich an Ort und Stelle expedirt, sondern erst auf das Amt getragen werden.
Und solch störende Einrichtungen, man sollte es nicht glauben, haben oft im Innern eines und desselben Staates statt. – Man braucht gar nicht erst vom Auslande zu kommen; – man muß all diese Scherereien erfahren, wenn man auch nur von einer Provinz-Hauptstadt in die andere fährt.
In allen Ländern, durch welche ich bisher kam, hatte ich mich nirgends über dergleichen Sachen zu beklagen; man forderte mir den Paß nur im Gasthofe der Hauptstadt des Landes ab, wenn ich mehrere Tage daselbst zu verweilen gedachte. – Blos in Stockholm fand ich eine etwas sonderbare Einrichtung; da muß jeder Fremde, und wenn er nur 24 Stunden verweilt einen schwedischen Paß lösen, und dafür 1 fl. 20 kr. zahlen. Dieß ist, bei Licht betrachtet, doch nur eine Einführung, um dem Fremden auf eine anständige Art 1 fl. 20 kr. abzunehmen; wahrscheinlich scheut man sich, für das einfache Visiren der Pässe eine so hohe Bezahlung zu verlangen.
Ich sah noch nie eine schöner und regelmäßiger gebaute Stadt als Berlin – die eigentliche Stadt Berlin; – höchstens können die vorzüglichsten Straßen, Plätze und Paläste Kopenhagens einen Vergleich mit ihr aushalten.
Ich konnte mich nur einige Tage da aufhalten, und hatte daher kaum Zeit, das Merkwürdigste und Interessanteste zu besehen.
In einem ziemlich nahen Umkreise liegen die herrliche königl. Residenz, die ausgedehnten Gebäude der Bildergallerie und der Museen, der große Dom u. s. w.
Die Domkirche ist groß und regelmäßig; an jeder Seite des Einganges steht eine Kapelle, die mit eisernen Gittern umgeben ist. Einige Könige liegen hier begraben, und alterthümliche Sarkophage decken die Grüfte, die unter dem Namen der Königsgräber bekannt sind. Unweit davon sieht man ein schönes, in Erz gegossenes Monument, unter welchem ein Graf Brandenburg ruht.
Die katholische Kirche ist im Style der Rotonde zu Rom gebaut, nur erhält sie nicht wie diese das Licht von oben, sondern durch Fenster, die rund herum im Kreise angebracht sind. Schöne Statuen, und ein einfacher aber geschmackvoller Altar sind die einzigen Zierden der Kirche. An dem Porticus sieht man kunstvolle Reliefs.
Die Werderische Kirche stammt aus neuerer Zeit, ist aber ganz im gothischen Style gehalten. Die Thürme schmücken schöne Bronce-Relief's. Die Wände im Innern der Kirche sind mit Holztafeln ausgelegt, die bis an die Gallerien reichen, und färbig eingelegt sind. Sie endigen in gothisches Schnitzwerk. Die Orgel hat einen klaren, starken Ton. Die Brüstung vor derselben enthält ein Gemälde, das man auf den ersten Blick eher für eine Fantasie aus der Göttergeschichte, als für ein Heiligenbild halten würde. Eine Menge Amoretten schweben zwischen Blumengewinden, und umgeben drei schöne weibliche Figuren.
Ganz nahe an dieser Kirche stehen das Münzgebäude und die Bauakademie. Ersteres ist mit schönen Bildhauerarbeiten geschmückt, Letzteres ist von viereckiger Form, mit ziegelrother Farbe angestrichen, ohne alle Architectur, und gleicht ganz einem ausgezeichnet großen Privat-Gebäude. Das untere Geschoß ist zu glänzenden Kaufmannsladen verwendet.
In der Nähe der Residenz liegt der Opernplatz, auf welchem außer dem berühmten Opernhause, auch noch das Zeughaus, die Universität, die Bibliothek, die Akademie, das Wachthaus, und einige königl. Paläste, u. s. w. stehen. – Der Platz selbst ist mit drei Statuen der Generäle: Graf Bülov, Graf Scharnhorst und Fürst Blücher geziert. Alle drei sind sehr schön gearbeitet; nur gefällt mir ihr Costume nicht, welches aus ganz gewöhnlichen Tuchmänteln besteht, die, vorne auseinander geschlagen, einen Theil ihrer Pracht-Uniform erblicken lassen.
Das Zeughaus ist eines der prachtvollsten Gebäude Berlin's; es bildet ein schönes Viereck. – Da zu der Zeit, als ich mich in dieser Stadt befand, einige kleine Ausbesserungen im Zeughause statt fanden, so war es für den Fremden geschlossen. Ich begnügte mich daher durch die Fenster im Erdgeschoße zu sehen, wo ich ungeheure Säle erblickte, in welchen ganze Reihen großer Kanonen aufgepflanzt waren.
Das Wachthaus ist gleich daneben, und gleicht mit seinem Säulenporticus einem artigen Tempel.
Des Opernhaus bildet ein längliches Viereck, es steht von allen Seiten frei. Es würde sich ungemein besser ausnehmen, wenn die Eingänge nicht so jämmerlich aussähen. Jener an der Hauptfaçade gleicht einer engen, ärmlichen Kirchthüre, er ist schmal, und von dunkler Farbe. Die untern Eingänge sind noch niedriger, und man vermuthet durchaus nicht, durch sie in solch ein Pracht-Lokale zu gelangen. – Die innere Einrichtung des Theaters ist über alle Beschreibung luxuriös und bequem. Im Parterre reihen sich höchst bequeme, herrlichst gepolsterte Stühle, die mit breiten, ebenfalls gepolsterten Lehnen versehen sind, an einander; sie werden nicht gesperrt, sondern offen gelassen; jeder Stuhl ist mit einer Nummer bezeichnet. Die Logen sind durch kaum fußhohe Wände geschieden; man sieht da die elegante Welt wie auf Tribunen sitzen. Die Stühle im Parterre, so wie die Logen des ersten und des zweiten Ranges, sind mit dunkelrothem Seidendamast überdeckt. Die königliche Loge ist ein herrlicher Salon, dessen Boden die feinsten Teppiche bedecken. – Den Plafond des Theaters schmücken schöne Oelgemälde, die in zierlich goldenen Rahmen gefaßt sind. Das größte Meisterwerk aber ist der ungeheure Luster. Er sieht so massiv in Bronce gearbeitet aus, daß einem ordentlich bangt, diese schwere Masse so frei in der Luft über den Köpfen der Zuseher schweben zu sehen. Das Ganze ist aber nur Täuschung, denn er soll aus Pappe zusammengesetzt, und blos broncirt sein. Eine Unzahl Gasflammen verbreiten das heiterste Licht. – Nur Eines geht mir bei so schönen und neu erbauten Theatern ab, – daß nirgends eine Uhr angebracht ist, – eine Sache, die man fast in jedem italienischen Theater findet.
Die übrigen Gebäude und Paläste auf dem Opernplatz zeichnen sich sowohl durch ihre Größe, als auch durch ihre schöne Bauart aus.
Eine ganz außerordentlich breite, steinerne Brücke mit künstlich gearbeitetem ehernem Geländer führt über einen kleinen Arm der Spree, und verbindet den Opernplatz mit jenem, auf welchem die Residenz steht.
Das königliche Museum gehört auch unter die vorzüglichsten Bauten; – schöne Fresken zieren den hohen Porticus. – Die Bildergallerie enthält manches Meisterwerk; und sehr bedauerte ich, für diese Schätze, so wie auch für die Antiken nicht mehr Zeit gehabt zu haben, – ich durchflog Beide in drei Stunden.
An die Akademie schließt sich eine ungemein breite und lange Straße, in welcher Reihen von Linden stehen, die ihr den Namen unter den Linden gegeben haben. Diese Alleen bilden den freundlichsten Spaziergang nach dem schönen Brandenburger Thor, vor welchem der Thiergarten liegt. – Unter den Straßen, welche in den Linden auslaufen, sind die längsten und hübschesten die Friedrichs- und Wilhelmsstraße. Die Leipzigerstraße, welche zwar nicht hier ausmündet, gehört auch noch unter die vorzüglichsten.
Auf dem Gensd'arme-Platz zeichnen sich die französische und deutsche Kirche, jedoch nur durch ihre herrliche Außenseite, durch ihre schönen hohen Kuppeln, Säulen und Porticus aus; die Kirchen selbst sind klein und unbedeutend. Auf diesem Platze steht auch das königliche Schauspielhaus, ein geschmackvolles, ausgezeichnet schönes Gebäude, das mit vielem Säulenwerk, den Musen und andern Statuen geziert ist.
Den Thurm, auf welchem sich der Telegraph befindet, bestieg ich der Aussicht halber, die man da über die Stadt und deren einförmige, flache Gegend hat. – Ein recht höflicher Beamter war so gütig, mir die Zeichen des Telegraphen zu erklären und erlaubte mir auch, durch die Fernröhre auf die entfernten Telegraphen zu sehen.
In der Königsstadt, die unweit der königl. Residenz am jenseitigen Ufer der Spree liegt, ist nicht viel zu sehen. Die Hauptstraße Königsstraße, ist zwar lang, aber schmal und etwas schmutzig. Ueberhaupt herrscht hier ein mächtiger Abstand gegen die eigentliche Stadt Berlin; die Gassen sind enge, kurz und mitunter auch winklicht. Die merkwürdigsten Gebäude sind die Post und ein Theater.
Der Luxus in den Auslagen der Waaren ist hier an einigen Plätzen und Straßen bedeutend. Manche Spiegelwand und manches Spiegelfenster erinnerte mich an Hamburgs Pracht, doch steht sie dort noch auf ungleich höherer Stufe als in Berlin.
An Ausflügen besitzt Berlin nicht viel, da die Umgebung größtentheils flach und einförmig ist. – Die einigen interessanten sind der Thiergarten, Charlottenburg, und jetzt, seit die Eisenbahnen Alles nahe bringen, auch Potsdam.
Der Thiergarten liegt gleich außerhalb des Brandenburger Thores; er ist in mehrere Partieen getheilt, deren eine mich ganz an unsern beliebten Prater erinnerte. – Schöne Alleen waren voll von Wagen, Reitern und Fußgängern; zierliche Kaffeehäuser belebten die freundlichen Waldpartieen und auf den grünen Plätzen schäckerten fröhliche Kinder. – Ich fand mich so sehr in meinen lieben Prater versetzt, daß ich mich nur wunderte, keine bekannten Gesichter zu sehen, keinen herzlichen Gruß zu empfangen. – Auf dieser Seite des Thiergartens steht auch das Krollische Casino; auch Wintergarten genannt. – Ich weiß nicht, wie ich dieß Gebäude nennen soll; – es ist ein wahrer Feenpalast. Alles was man sich Kostbares an Einrichtung, Vergoldung, Malereien, Drapirungen u. s. w. zu denken vermag, findet sich hier in herrlichen Säälen, Salon's, Tempeln, Galerien, Logen, u. s. w. vereint. Der Hauptsaal, welcher für 1800 Couverts Raum hat, erhält sein Licht nicht nur durch große Fenster, sondern auch durch eine Glasdecke, die sich als Dach darüber wölbt. Ganze Reihen von Säulen stützen hier Gallerien oder scheiden die kleinern Sääle vom Hauptsaale. In den Fensternischen, in den Ecken, um die Säulen, überall stehen duftende Blumen und Gewächse in zierlichen Töpfen und Vasen, welche dieses Lokale im Winter in einen wahren Zaubergarten umschaffen mögen. Alle Sonntage finden hier Conzerte und Reunionen statt, zu welchen der Zudrang des Publikums außerordentlich ist – trotz dem, daß nicht geraucht werden darf. – Dieses Lokale soll Raum für 5000 Menschen haben.
Die Seite des Thiergartens, welche sich gegen das Potsdamer Thor zieht, gleicht mit den beschnittenen Alleen, Blumenbeeten und Terassen, Inseln, Goldfischteichen u. s. w. einem vollkommenen Ziergarten. Hier besuche man die Luiseinsel, auf welcher ein schönes Denkmal der Königin Luise zu sehen ist. – Auf der Seite des Ziergartens ist das Kaffeehaus Odeon das vorzüglichste, es kann sich aber in keiner Art mit dem Krollischen Casino messen. – Hier stehen auch ganze Reihen der elegantesten Landhäuser, worunter die meisten im italienischen Style gebaut sind.