Kimgun war ein armer Burmese, so arm wie der Staub auf der Landstraße. Er wohnte in einem der kleinen sandigen Dörfer am Irawaddystrom zwischen Mandalay und Prome. Seine Arbeit war, auf die hohen Dorfpalmen zu klettern, die wie Mastbäume am Strand aufragen, und oben in die Blattsprossen der Palmen ein paar Kerbschnitte zu ritzen und kleine Blechgefäße darunter zu hängen, daß der Palmsaft in die Töpfe sickerte. Dort oben auf der langen schaukelnden Palme saß er wie ein nackter Menschenaffe und sah von unten gegen den blendenden Himmel aus, als wäre er aus schwarzem Papier ausgeschnitten und könnte von einem vorüberziehenden Flußreiher fortgeweht werden. Von seinen Palmen sah er schon von weitem die englischen Verdeckdampfer, die zweistöckigen, die wie Riesenschildkröten den Fluß hinauf und hinab schwammen. Wenn ein Dampfer kam, glitt Kimgun von seinem Palmenschaft herunter, bis der Landungssteg ausgelegt wurde und er mit den andern Kulis Säcke voll Reis, Körbe voll Paranüsse und Pakete von Sandelholz verladen half. Mit einem Dutzend armer Kuliteufel rannte er Ufer auf und Ufer ab, gelenkig wie eine zappelnde Marionette. Nach ein paar Stunden, wenn das Ufer wieder leer lag, der Fluß einförmig und warm vorbeispülte, die braunen Dorfkinder badeten und nichts zu verdienen war, kletterte Kimgun wieder auf seine Dorfpalmen und wechselte vorsichtig die Blechgefäße, die vollen und die leeren. Wie eine Lehmmasse lag der breite Irawaddystrom unter der Sonnenkugel. Ein paar schneeweiße Pagodenspitzen glänzten wie Zelte aus den Waldhügeln. Grün, lehmgelb und sonnenweiß war rings die Welt unter Kimguns Augen, in der sich Sommer und Winter nicht unterschieden, und die sich nur veränderte, wenn der schwarze Dampferrauch mit ungeheuren, dunkeln Wolken die Landschaft verwehte.
Einmal kam die Kunde in das entlegene Flußdorf, daß in der Hauptstadt Rangoon die heilige Glocke der Shwe Dagon-Pagode in das Meer gestürzt sei. Man hatte die berühmte, die größte Glocke der Welt von der Plattform der Pagode herab nach England schleppen wollen. Bei der Verladung auf das Schiff brachen die Gerüste, und die Glocke versank in das Wasser. Dort lag sie jetzt auf dem Grund und trotzte aller Bemühungen, sie zu heben. Die Engländer gaben endlich die erfolglosen Bergungsversuche auf. Jetzt hatten sich die burmesischen Flußschiffer zusammengetan und wollten die Glocke auf alle Fälle retten. Die Engländer versprachen ihnen, daß die Glocke im Lande bleiben dürfe, wenn sie dieselbe vom Meeresgrund heraufholen könnten. Als Kimgun von der Ehrenarbeit der Flußschiffer hörte, machte er sich auf, um bei dieser heiligen Arbeit mitzuhelfen.
Viele Tage marschierte Kimgun, übernachtete in den Waldklöstern, und wenn er am Abend kein Kloster fand, kletterte er auf eine Palme, wo er die ganze Nacht still und regungslos in der Krone hing, so daß die Aras und Kakadus ihn für ein totes braunes Palmblatt hielten und über ihn fortkletterten und neben ihm schliefen.
Je näher er nach Rangoon kam, desto fremder wurde sich Kimgun, weil die Wälder und Bergformen und die Flußbreite sich ungeheuer vergrößert hatten, und auch die Tropensonne war hier heftiger und hitziger, und er sah graublaue und rostbraune und honiggelbe Palmenhaufen, die er noch nicht kannte. Eines Tages wurde das Strombett, daran er entlang wanderte, so breit, daß er glaubte, es gäbe nur noch Wasser auf der Welt und bald keinen Wald mehr. Aber das alleraufregendste, was er draußen vor Rangoon sah, ehe er zur Hauptstadt kam, war die mächtige, goldene Shwe Dagon-Pagode, die auf einem Hügel unterm Himmel lag, mit einem goldenen Stiel in der Luft, als wäre die Sonne wie eine goldene Riesenbirne auf die Erde gefallen. Viele goldene Gassen, goldene Glocken und viele goldene geschweifte Dächer und goldene gedrehte Türme und künstliche goldene gedrehte Bäume waren auf dem Hügel im Kreis um die große Pagode beieinander.
Als Kimgun in all dem Golde stand, glaubte er, er sei bereits gestorben und zum Nirwana in Buddhas goldenen Schlaf eingegangen. – Kimgun blieb drei Tage und drei Nächte auf dem Hügel in den goldenen Gassen, bei den goldenen Lauben und konnte sich von den goldenen Altären voll unzähliger Wachslichter nicht trennen, so wenig wie von seinem Schatten. Er aß mit den Tempelhunden das, was die Mönche von ihren Mahlzeiten fortwarfen, und legte seine letzten Kupfermünzen in die Opferstöcke vor den goldenen Götterbildern. Kimgun dachte, er brauche nie mehr Geld beim Anblick von soviel Gold, und seine Armut und seine Person schienen vor all dem Gold wie verschwunden. All das Gold gehört mir Armem, so gut wie dem Reichsten, wenn ich es betrachte, sagte er sich. Mehr als sich an soviel Gold weiden kann auch der goldreichste Mann in Birma nicht; und Kimgun vergaß drei Tage lang bei dem hinreißenden Goldglanz den Zweck seiner Wanderung. Er ging zwischen den goldenen Gassen wie betrunken und schlief, aß und trank bei allen hundert goldenen Göttern, und seine Ohren lauschten wollüstig den klingelnden Juwelen und Goldblechblättern, die wie künstliche Schlingpflanzen an den Pagodendächern und an den goldenen Speeren der Giebel hängen und im Luftzug beständig musizieren. Das reiche Räucherwerk aus den tausend goldenen Altargehäusen erschien Kimgun wie der süße Atem des goldenen Metalles. Wie ein Goldhaufen, den die Pagode täglich anzieht, sah Kimgun in den drei Tagen die Sonne zum Pagodenhügel kommen, als ob sie Tag um Tag Gold haufenweise auf die Dächer dort herbeischleppte und täglich neues Gold des Himmels dort ablüde. Und nun begriff der arme Kuli erst, warum die Sonne geschaffen war. Sie mußte wie ein Kuli der Pagode dienen. Sowie Kimgun Reissäcke und Sandelholzhaufen auf die Dampfer am Irawaddystrom auflud, so mußte die Sonne die Pagode mit Gold befrachten, und die Sonne war viel ärmer an Gold als die große goldene Pagode.
Kimgun wünschte von Herzen, daß er nur ein Truthahn, eine Ziege oder ein wilder Tempelhund sein dürfte, die sich zu Dutzenden in den goldenen Gassen herumtrieben, ihr sattes Leben hatten zwischen den heiligen Buddhabildern, unter den erzenen Glockenreihen und vor den Glasschränken voll goldener Holzschnitzwerke, und selbst ihre Notdurft an goldenen Säulenschäften verrichten durften. Kimgun wagte nicht die in senfgelbe Mäntel gekleideten heiligen, kahlköpfigen Mönche anzureden, auch nicht die kleinen birmanischen Fräuleins in weißseidenen Jacken und schmalen rotbraunen Röcken, die als Verkäuferinnen hinter Blumentischen standen. Nicht einmal mit den leprakranken Bettlern, die auf den Treppenabsätzen der roten Säulenstiege saßen, und die weiß von Aussatz waren, als wären sie mit Mehl bestreut, nicht mit den Niedrigsten hier in dem goldenen Heiligtum wagte Kimgun sich zu vergleichen.
Seufzend ging Kimgun am dritten Tage von der Tempelanhöhe die rote Stiege hinab und unten durch die Gartenwege nach der Stadt Rangoon, wo überall die rosarote Akazie zierlich blühte. Er fand sich durch die breiten Geschäftsstraßen der englischen Bazarhäuser kaum vorwärts, bis er im Hafen zufällig einen Mann aus seinem Orte traf, der ihm die Flußschiffer zeigte, die bereits vor zwei Tagen die große Glocke aus dem Wasser an das Land gebracht hatten. Kimgun war stolz, daß die Glocke von den Burmesen und nicht von den fremden Engländern gerettet worden war, und er vergaß in seiner Freude, daß er nicht mitgeholfen hatte. Sein Wunsch, mitzuhelfen, war aber so groß gewesen, daß er sich jetzt einbildete, er habe sich bei der Bergung der Glocke am meisten angestrengt. Er kam zur Uferstelle, wo die Riesenglocke wie ein schwarzes, eisernes Haus stand. Man hatte ein Gerüst aufgeschlagen, darauf viele Kulis herumkletterten, welche das Metall vom Wasserschlamm säuberten. Der Kuli Kimgun nahm sofort sein armseliges Turbantuch vom Kopf und begann aus Leibeskräften mit den andern Arbeitern die bronzene Glocke zu putzen. Er kletterte auf das Bambusgerüst hinauf und balanzierte droben, als wäre er auf einer seiner höchsten Dorfpalmen. Er saß auf der äußersten Gerüstspitze, wohin sich keiner getraute, und sprang an dem obersten Rand der Glocke herum, wie eine Gazelle an einem Abgrund. Er verarbeitete seinen ganzen Turbanfetzen zu Lumpen und schämte sich nicht und nahm das Gürteltuch ab und putzte auch das in Fetzen, und als er nichts mehr hatte, säuberte er nackt mit der bloßen Hand weiter. Um ihn flogen der Flußschlamm und der Muschelkalk, so atemlos putzte er. Und da er von der tagelangen Wanderung endlich müde wurde, legte er sich oben in eine eingegrabene Windung der Glocke, schmiegte sich glücklich an das platte Metall, und niemand konnte von unten den einschlafenden Kimgun sehen. Am Abend hatte man das Gerüst abgenommen und Kimgun lag auf der turmhohen Glocke, ohne daß es jemand wußte, und schlief weiter. Am nächsten Morgen kamen die birmanischen Abgeordneten, die Großen und Reichen des Landes. Man hatte Höhlungen unter die Glocke gegraben und Walzen darunter geschoben und bewegte mit tausend Arbeitern das Glockenungeheuer langsam vorwärts. Die Beamten folgten im Zuge, und viel Musik und viel festlich gekleidetes Volksgewimmel begleitete die gerettete Glocke. Als der Zug das erste Haus der Stadt erreichen sollte, erwachte Kimgun und begriff erst gar nichts. Er glaubte, er hänge an einer Palme, die sich im Winde bewegte. Aber dann hörte er die Menschenmenge unten mit Trommeln, Pauken und Zimbeln rumoren, fühlte das von der Sonne erhitzte heiße dröhnende Glockenmetall und verstand, daß er auf der wandernden Glocke war. Er schämte sich und blieb wie ein Kaninchen geduckt oben liegen. Als man jetzt an das erste Haus der Stadt kam, wußte Kimgun, daß die Leute auf den Dächern ihn bemerken würden. Er setzte sich aufrecht und tat, als gehöre das zur Festordnung, daß er oben auf der Glocke saß. Er nahm die Stellung eines sitzenden Gottes ein, faltete die Hände und betete. Von der Straße konnte ihn immer noch niemand sehen, auch wenn er aufrecht saß; so hoch war die Glocke. Die Leute auf den Dächern glaubten, daß Kimgun der Hauptmann der Flußschiffer sei, und daß man ihm besonders die Rettung der Glocke zu verdanken hätte. Viele Leute zogen ihre kostbaren Ringe von den Fingern, und wie Regentropfen aus den Dachrinnen, so fielen Smaragden und Türkisen, besonders aber birmanische Rubinen auf Kimgun herab. Der Rubinenkönig, der reichste Mann von Birma, stand auf dem Dach des ausländischen Hotels. Er war aus dem Norden von seinen Rubinenfeldern zur Glockenfeier gekommen, und als er Kimgun oben auf der Glocke in betender Stellung sah, warf er sein prächtigstes und weitestes Rubinhalsband hinunter, daß es dem nackten Kuli um die Schultern fiel und er geschmückter war als der reichste Mann in Birma. Kimgun rührte sich nicht, er hörte nur den klingelnden Edelsteinregen und wußte nicht, daß das alles ihm galt. Er glaubte, es gehöre zur Ehre der geretteten Glocke. Als die Glocke auf den Walzen schwankend und bebend ganz dicht um die Ecke eines Hauses bog, sprang von einem Balkon ein feines birmanisches Mädchen zu Kimgun auf die Glocke. Sie war kaum sechzehn Jahre alt. Sie kniete sich demütig nieder, klatschte in die Hände und begann gleichfalls neben dem Kuli zu beten. Kimgun sah nicht auf; er dachte, daß er unsichtbar bleibe wenn er sich nicht rühre. Er war vom Taumel des Räucherwerks, von den Trommeln und Flöten und dem betenden Sang der Volksmenge wieder abwesend gemacht, als ob er eingeschlafen wäre. Unten am Pagodenberg hielt die Glocke zwischen den Stadtgärten im Abend. Die Korkbäume und Kokospalmen bogen sich über die Glockenwölbung, und immer noch kniete der Kuli Kimgun regungslos neben dem feinen Fräulein, das sich in den vermeintlichen Retter der Glocke verliebt hatte. – Die Glocke stand jetzt still. Eine Ehrenwache blieb zur Nacht am Platz, und die Volksmenge lagerte sich neben den Rasenwegen um große Feuerhaufen, musizierte, kochte und tanzte und erwartete den nächsten Tag, wo die Glocke hinauf auf die Anhöhe zur Shwe Dagon-Pagode gebracht werden sollte. Der Essensgeruch, der Fettdunst gebratener Poularden und der Duft von gebackenen Bananen stiegen bis zur hohen Glockenwölbung und weckten den armen hungrigen Kimgun aus seinem Gebetstaumel auf. Er betrachtete das kleine Mädchen neben sich. Sie war zart, in eine rosaseidene Jacke und in einen grünseidenen Festrock gekleidet, mit silbernen Filigranblumen im schwarzen, hochfrisierten, parfümierten Haar und mit Rubinen und Goldringen in den feinen Ohrmuscheln. Kimgun, hungrig geworden, blähte die Nasenflügel bei dem Essensdampf auf, griff in den nächsten Palmenzweig und schwang sich wie ein Affe in die Krone. Von dort reichte er, ohne ein Wort zu reden, dem Mädchen den Arm herunter, zog sie zu sich herauf und sprang mit ihr wie von einer schwankenden Brücke hinüber in die weißen Äste eines Gummibaumes und ließ sich, mit dem Mädchen auf der Schulter, an den Luftwurzeln und an Stricken von Schlingpflanzen in das Gartendickicht hinab. Breitlappige Bananenstauden versteckten die beiden. Kimgun bemerkte jetzt erst in den Lichtstreifen der Nachtfeuer, die durch die Blattspalten fielen, daß er splitternackt war. Das junge Mädchen erriet an seinen Augen, was er dachte, und reichte ihm den papierdünnen, teerosengelben Seidenschal von ihren Schultern. Der arme Kuli bekleidete seine Hüften mit dem Schal, und dann traten beide Hand in Hand unbemerkt hinaus aus den Blättern unter die Leute.
Kimgun ging zu einem der fliegenden Händler, die mit Fackeln und Garküchenwagen am Wege standen. Er kaufte ein paar geröstete Bananen und warf dafür die lange Rubinenkette hin, die ihm um den Hals schlenkerte. Das feine junge Mädchen an seiner Seite, das den Wert der Kette kannte, zuckte erstaunt zusammen, dachte aber, ein heiliger Mann tut was er will, und bewunderte Kimgun nur noch mehr. Der Händler glaubte in der Dunkelheit, die Rubinen seien rotes Glas, ließ Kimgun einige Bananen nehmen und hängte sich die Kette grinsend um. Kimgun kannte weder Rubinen noch andere Edelsteine; er hatte in seinem Heimatdorf sein Leben lang nur den wertlosen Sand des Irawaddystromes gesehen. Der arme Kuli und das feine Mädchen setzten sich auf den Rasen und aßen schweigend ihre Bananen. Kimgun dachte, daß es unter dem heiligen Hügel der Shwe Dagon-Pagode so und nicht anders sein müsse, und war gar nicht erstaunt über das feine Geschöpf, das ihm zugesprungen war. –
Kaum ein Jahr ist nach dieser Nacht vergangen. Das junge Mädchen hatte damals dem armen Kimgun ihren Schmuck zum Verkauf gegeben, und beide wohnten seitdem verheiratet in einem Stranddorf, in einer eigenen selbstgeflochtenen Mattenhütte, draußen vor Rangoon, wo die Lotsen und Flußschiffer leben. Die junge Frau war nie mehr zurück in die Stadt zu ihren Eltern gegangen, und Kimgun hatte nie mehr seit seinem Hochzeitstag eine Arbeit getan. Beide lebten immer noch von dem Ertrag, den die Edelsteine des Mädchens eingebracht hatten, von billigen Reisportionen und billigen Seemuscheln. Kimgun lag im Strandsand auf gedörrtem Tang unter den Strandpalmen, auf die er nie mehr kletterte, und er sah zu, wie seine Frau schwanger wurde und die Hausarbeit besorgte. Jeden zweiten Tag ging er hinauf in die goldenen Gassen zu der Shwe Dagon-Pagode, und alle Mönche der Pagode kannten ihn, als wären sie seine Brüder. Seine Frau ging niemals mit in das Heiligtum, sie fürchtete, dort einem ihrer Familienangehörigen zu begegnen. Als sie kurz vor der Geburt stand, verließ Kimgun kaum noch seinen Schlummerplatz in dem Schatten der Strandpalmen. Er stand nur noch auf und begrüßte morgens den Zug der Bettelmönche, der bei Sonnenaufgang durch jedes Dorf kam und stillschweigend um den Tagesreis bettelte. Jeder Mönch, in seinen gelben Mantel gewickelt, trug einen mächtigen Bronzetopf vor sich her, und aus jeder Haustür kam die Hausfrau und schüttete ein wenig von ihrem Reisvorrat in einen der Töpfe. Kimgun sah zu, wie seine Frau aus der Hütte trat und ihren Reis gab. Für Kimguns Frau war das einzige Stück Welt, das sie täglich in ihrer Schwangerschaft zu sehen bekam, die Reihe gelbgekleideter Mönche mit ihren großen Bronzetöpfen unter dem Arm. Eines Tages regnete es, und die Mönche hatten ihre Manteltücher über den Kopf gezogen, und die Töpfe wurden in den Augen des schwangeren Weibes wie zu abgeschlagenen Riesenköpfen. Einen Augenblick glaubte sie, eine Reihe geköpfter Menschen vor sich zu sehen, von denen jeder seinen Riesenkopf unter dem Arme trug. Als der Frau die Stunde der Geburt kam, gebar sie ein winziges senfgelbes Wesen, an dessen dünnem Hals ein ungeheurer Wasserkopf hing. Die Glieder des kleinen Leibes zappelten wie ein paar Würzelein an dem Kopf, wie an einer dicken Blumenzwiebel die Wurzelfasern. Das junge Weib starb an den Qualen der schmerzhaften Geburt des Riesenkopfes, der ihr den Leib zerriß.
Kimgun aber trug nach dem Tode seiner Frau das Kind, das er zärtlich liebte, hinauf in die Pagodengassen und zeigte es seinen Freunden, den Mönchen. Diese sprachen das Kind heilig und erklärten es als ein Gotteswunder und verlangten, daß es bei ihnen in der Pagode bleibe. Sie legten eine gewebte, kleine Purpurmatte mitten auf das Pflaster in einer der breiten goldenen Pagodengassen, betteten die Mißgeburt zur täglichen Schau darauf, und einige Mönche saßen immer betend und spielend um das Kind herum. Sie nährten es mit der Milch der Tempelziegen, die zu dem Teppich herbeispringen und dem Kind ihre Euter reichen mußten. Kimgun war jetzt der glücklichste Mensch in Birma, seit sein Kind Tag und Nacht zwischen Gold, Weihrauch und Kerzen und unter den frommen Mönchen und vor den frommen Pilgern liegen durfte, bestaunt, bewundert und beliebäugelt von allen Birmesen und Birmesinnen, die herauf aus dem Stadtgewühl von Rangoon morgens, mittags und mitternachts in die goldenen Gassen kamen und lautlos mit Opferblumen in der Hand, in Seide gekleidet und auf stillen Sandalen vor den goldenen Altären und goldenen Kapellen wandelten und sich vor Kimguns Kind verneigten.
Das Kind verdiente für Kimgun und die Mönche manches Stück Geld. Mit stieren und gequollenen Augen, die wie Glaskugeln in seinem Riesenkopf rollten, lag die kleine Mißgeburt da und starrte in die Goldbauten des Tempels. Der Goldschein machte seine Augäpfel gelb wie Bernstein, die gelbe Haut des Kindes schimmerte und blendete das Gold zurück, und sein Gesicht grinste Tag und Nacht in die Goldpracht wie ein Goldkloß. Kimgun freute sich, daß das Kind nie etwas anders vom Leben kennen lernen sollte, als die ungeheuren Goldmassen der Shwe Dagon-Pagode. In dieser Goldwelt, welcher die Sonne täglich dienen mußte, lag jetzt sein Kind wie der Mittelpunkt alles Goldes, und die Sonne kam jeden Tag zur Pagode, um als Kuli für sein Kind Gold herzuschleppen. Und Kimgun wurde über alle Maßen hochmütig. Der elende, armselige Kimgun erschien jetzt gekleidet vom Verdienst seines Kindes in frischer weißer Seidenjacke, ein Purpurtuch um die Beine geschlagen, einen regenbogenfarbigen Seidenschal als Turban um den Haarwirbel gewunden, das Haar hochgeknotet wie ein Weib, geschmückt mit Schildkrotkamm und Haarpfeil, wie es sich nur der Rubinenkönig und die Reichsten zu tragen erlaubten. Er schritt im Tempel umher, stolzer als einer der weißen Tempelpfauen, und jeder seiner hochmütigen Blicke sagte: Seht, meinem Sohn muß die Sonne dienen! Ihr täglicher Gang gilt bloß ihm und mir, und alles Gold von Birma liegt um uns wie ein goldenes Bett. Meines Sohnes Augen werden täglich vom Gold genährt, mein Sohn schläft im Gold und lebt klug, hell und allmächtig wie das Gold.
Die Mönche mochten bald Kimgun wegen seines Hochmutes nicht mehr leiden, aber da die Mißgeburt eine reiche Einnahmequelle für die Pagode war, ließen sie Kimgun seine Einfalt und schwiegen. Eines Morgens stieg Kimgun, eitel geputzt und gepflegt wie immer, die untersten der dreihundertfünfundsechzig roten Stufen zum Hügelberg der Pagode empor, und wie immer lächelten ihm die hübschen birmanischen Verkäuferinnen auf den Treppenabsätzen zu. Ihre Gesichter schimmerten sanft wie geschälte Bananen hinter den Tischen voll Blumen, Marionetten und Räucherwerk.
Plötzlich verbreitete sich oben am Treppenende vom Hügel herab ein ungestümes Geschrei, lauter und lauter, als ob man da droben Tiere und Menschen schlachtete. Mönche, Ziegen, Pilger, Pfauen, Verkäuferinnen, Hühner und Hunde flüchteten im Durcheinander die rote Treppe herab und Kimgun entgegen. Der Mönche glattrasierte Schädel leuchteten aus dem Gewühl todbleich wie Elfenbeinkugeln und schienen in dem dämmerigen roten Treppenhaus die Stufen herabzurollen.
»Ein Tiger!« »Ein Tiger!« riefen viele Stimmen zugleich, und Hunderte von Händen gestikulierten. Ein mächtiger gelber Tiger war aus dem Palmendickicht auf das Dach der ungeheuren Pagode gesprungen, und alles, was in den goldenen Pagodengassen lebte, stob zum Treppenausgang wie bestürzte Ameisen aus einem verheerten Ameisenbau.
Die Hunde heulten, die Pfauen kreischten, die Hühner und Truthähne gackerten und kollerten. Die Mönche und Verkäuferinnen fuhren wie wilde Schatten durcheinander, die leprakranken Bettler stolperten über ihre Krücken, stießen die Warentische um und fielen in Knäueln stöhnend und jammernd hinter die dicken roten Holzsäulen des Treppenhauses.
Kimguns einziger Gedanke war sein Kind. Er arbeitete sich wie ein Schwimmender gegen den Strom vorwärts; er fiel zwischen zwei Tempelziegen; das Beinkleid und die Seidenjacke wurden ihm vom Leib geschlitzt. Er richtete sich wieder auf, fiel wieder und verlor Kopftuch und Haarkamm. Ohne einen Kleiderfetzen kroch er auf allen Vieren die letzten hundert Stufen nackt hinauf, strich sich die Haare aus dem Gesicht und stand nackt oben am Treppenende.
Die roten Flügel der Holzbohlentüre zu den goldenen Pagodengassen war zugeschlagen und umlagert von Dutzenden von Mönchen, die sich gegen die Türflügel stemmten. Auf seine Bitten, ihn einzulassen, lachte man ihn fast aus. Er weinte, bettelte und schrie um sein Kind. Endlich öffnete man einen Spalt und ließ ihn in den Tempelhof hineinsehen. Der großmächtige Tiger, mit seinem dickbackigen Gesicht, duckte sich eben auf dem Pagodendach und kam in die Gasse herabgesprungen. Lautlos wie ein großer Ballen Baumwolle fiel er auf das Pflaster. Mit einem einzigen Zuschnappen seines Rachens hatte er das Kind Kimguns auf dem Purpurteppich am Halse gepackt, warf sich herum, sprang wie ein Akrobat, der einen Ball trägt, mit dem Wasserkopf im Maul auf das Pagodendach zurück. Hinter dem goldenen Wald der Speere auf den Dächern verschwand die gelbe Bestie wie eine goldene Figur, die mit dem Pagodengold wieder verschmilzt. Die augenschmerzenden Spiegelscheine der Goldmassen warfen sich, wie immer, gleich lebendigen Scheinwerfern kreuz und quer durch die Luft. Darunter standen die Pagodenhöfe jetzt leer und verlassen.
Kimgun brüllte, preßte sich durch den Türspalt, rannte in die ausgestorbenen Gassen, seine Glieder flogen wie flatternde Bänder an seinem Leib. Er kletterte an den goldenen Gehäusen und Gesimsen in den Dächerwald hinauf und verschwand.
Nach Stunden hatten die Mönche vier Engländer aus der Stadt geholt, diese kamen mit ihren Gewehren und suchten den Tiger. Sie fanden ihn auf dem goldenen Birnendach der größten Pagode in der Sonne ausgestreckt und in satter Verdauung gähnend. Die Engländer schossen den Tiger herunter. Die Mönche und alle, die in den Pagoden lebten, kehrten erleichtert in die goldenen Gassen zurück. Als die Leute vor dem toten, goldgelben, vollgefressenen Tigerleib standen, sagten sie von Kimgun: Des Goldes Rachen hat Vater und Sohn verschlungen.
Vom Morgen bis zum Spätnachmittag fährt ein kleiner, kletternder Bahnzug in Ceylon von der Stadt Colombo unten am Meer hinauf zu der letzten Ansiedlung Nuwara-Eliya in den höchsten Bergen. Die Zimmetgärten von Colombo wandern hinab in die Tiefe. Die grünen Amphitheater der strauchigen Teeanpflanzungen und die Reisfelderterrassen versinken wie ausgespannte Fallschirme neben dem ansteigenden Schienengeleis. Täler voll Silberseen blinken wie Riesenperlmuttermuscheln herauf, verlassene alte Tempeltürme stehen wie hochgerichtete Fernrohre an den Seen, zugespitzte Bergkegel, geformt wie Räucherhütchen, umragen als blaue Pyramiden den Horizont, und der Adams Peak wirft seinen berühmten dreieckigen Schatten als riesigen Sonnenuhrzeiger bis Sonnenuntergang über das Innere Ceylons, genannt das glänzende Eiland.
Kurz vor Sonnenuntergang erreicht der Bahnzug in den Bergwellen auf der Höhe von vierzehntausend Fuß totstumme Mooswälder, große moosumwucherte Laubholzwälder. Die Baummassen sind wie graue Versteinerungen regungslos ineinander gewachsen, als ob die Baumklumpen sich im kühlen, dünnen Luftzug gegenseitig festhielten, damit auf den schiefen Ebenen in der ungeheuren Höhe nicht jählings ein Schwindelgefühl ganze Wälderstrecken in die Tiefe reiße.
Dort oben bei den silbernen Spiralen der Sturzbäche, auf dem Rasen vor den Waldrändern wohnen reiche Kaufleute und hohe englische Beamte aus Colombo in ihren Villen. Dort sind englische Giebelhäuser mit Vorgärten vor den Erkern. Dort brennen die Laternen abends in den Gartenstraßen am Trottoir entlang wie in Europa. Dort oben sind Tennisplätze und Fußballrasen, und die Luft ist dünn wie die Gesichtshaut der blassen und blonden englischen Damen.
Ein paar Stunden von der Ansiedlung Nuwara-Eliya liegt an einem Bergabhang, wie an den Thronstufen des Ätherhimmels, der Edengarten von Ceylon. Ein Garten wie ein gewirkter, blaurot und gelber indischer Seidenschal, hingehängt an den Bergwald, feierlich, hoch über den Abgründen. Blumenbeete mit den Blumen aller Jahreszeiten schieben sich in die Höhe und in die Tiefe vor dem Äther des windstillen Himmels. Das Gartenantlitz erinnert an ein mit Indigo und Rötelschnörkeln tätowiertes Singhalesengesicht. Dort wachsen europäische Kornblumen, Veilchen, Astern, Kapuzinerkresse, Rosen, Anemonen, Tulpen, Primeln, Schlüsselblumen, Lotos und Kakteen unter Kokospalmen und bei Bananenbäumen.
In diesem Garten der überirdischen Bergwelt waren der Singhalese Bulram und sein Weib Talora aufgewachsen. Beide waren hier oben angesehen als das verliebteste Ehepaar von Ceylon.
Talora war mit neun Jahren Teemädchen gewesen. Sie hatte in den englischen Pflanzungen, unterhalb Nuwara-Eliya, mit hundert andern Mädchen im April zur Ernte die Teekeime von den kleinen, runden Teestauden gepflückt. Bulrams Vater hatte sie von dort in den Edengarten geholt, weil sein Sohn, der bald vierzehn Jahre alt war, endlich eine Frau brauchte.
Die kleine Talora wurde Bulram gegeben wie ein Ohrring oder ein Haarkamm, den die singhalesischen Männer tragen, und Bulram hatte sich nie gefragt, ob er je eine andere Frau wollte. Talora war das Geschenk seines Vaters für ihn, wie sein eigener Leib ihm vom Vater ins Leben mitgegeben war. Wie der Ätherhimmel zum Edengarten gehörte, – so selbstverständlich einfach und zufrieden nahm Bulram die kleine Talora als sein Weib hin. Und das Mädchen nahm den jungen Mann als Herrn und Gemahl an, so wie sie ihre Hände und Füße als fraglos zu sich gehörig fühlte.
»Die Singhalesen dort oben in den Berghöhen sind allwissend,« sagen drunten die Singhalesen an der Zimmetküste von Colombo über die Leute von Nuwara-Eliya. »Sie können dort oben zaubern, ohne daß sie selbst ahnen, daß sie Zauberer sind.« Und mit Ehrfurcht betrachten die Leute in den Tälern jene Bergseelen, die ihr Leben in der dünnen Luft verbringen.
Ob Januar oder Juli, ob April oder Oktober, – im Edengarten blühen die Märzveilchen, bei den Septemberastern sitzt die Julirose dunkel am Strauch, darunter das Schneeglöckchen sich versteckt. Flieder, Jasmin, Herbstzeitlosen, Lotos und Kornblumen stehen in den Feldern, auf Beeten und an Teichen, bei den Hügelrasen, zwischen den Orangen, Myrten und Weihrauchbäumen, unter den Aloeblüten und bei Bananenpalmen.
Bulram und Talora hatten hier hinter dem Haus des englischen Verwalters ihre kleine, weiße, niedere Hütte an der Gartenmauer, welche schräg den Berg hinaufsteigt. Die Blicke der beiden waren immer ruhig wie die windstillen Täler, wie der wolkenlose Himmel und ihre Gedanken nur von den Gesichtern der indischen und europäischen Blumenarten angefüllt. Der ewig stillstehende Blumengarten, darinnen nie Winter, nie Sommer, nie Frühling und Herbst wechselten und die Büsche ohne Ausruhen ewig berauscht und unvergänglich blühten, darüber der Äther, todstill ohne Lufthauch, eine unermeßliche Ruhe feierte, – dieser Garten gab den Menschen einen Frieden in das Herz, der gleich dem Öl einer tausendjährig brennenden Tempellampe ist, das eine stille, nie verlöschende Flamme nährt.
Nie kam den Menschen in der dünnen Ätherluft dort oben die Kraft zu einer wilden Tat. Sie lebten in der Höhe, in der Luftleere, halb trunken, wie Mäuse unter der Glasglocke einer Luftpumpe. Sie waren in der verdünnten Luft einem sanft schläfrigen und zartem Zustand von Kraftlosigkeit verfallen, als hätte sich ihr Blut verflüchtigt, und nur eine ideale, blaue Leere schwang in ihren Adern.
Eines Abends sagte der Verwalter des englischen Gartens zu Bulram: »Höre! Du mußt mich morgen nach Colombo hinunterbegleiten. Ich muß den Pachtkontrakt mit der Regierung erneuern und außerdem zwei Ladungen Apfelreiser und Quittenschößlinge, die aus England angekommen sind, im Hafen abholen. Du bist zuverlässig, Bulram, und von allen Gartenaufsehern der vorsichtigste. So viel ich weiß, warst du noch niemals drunten an der Küste, seit du lebst. Es wird dir Spaß machen, Menschen und Land da unten zu sehen. Talora wird dich für drei Tage entbehren müssen.«
Bulram sagte: »Herr, so lange Talora und ich verheiratet sind, waren wir noch keinen Tag getrennt.«
Der Verwalter meinte: »Tröste deine Frau, Bulram, und sage ihr, daß du ihr einen schönen, bunten Colomboschal mitbringst. Halte dich morgen früh bereit. Der Zug geht um neun Uhr von Nuwara-Eliya ab. Um sechs Uhr früh müssen wir mit dem Dogcart hinüber zum Bahnhof der Ansiedlung fahren.«
Am nächsten Morgen kletterte der Zug die Engpässe hinab durch schallende Tunnel auf den schmalen Schleifenwegen der Bergwände hinunter in die silbernen Täler von Ceylon.
Bulram hatte einen schönen halbkreisrunden Schildkrotkamm im schwarzen Haar. Der Kamm hielt das Haar aus der Stirn zurück, und der Singhalese sah glatt gekämmt aus wie ein europäisches Schulmädchen. Er wußte, daß man in Colombo drunten das Haar zurückgestrichen trug, und hatte sich im voraus großstädtisch frisiert. Um seine Beine schlug ein breites braunrotes, zitronengelb getüpfeltes Tuch und war wie ein Frauenrock um die Hüften von einem Ledergürtel zusammengehalten. Bulrams Oberkörper steckte in einer weißen kurzen Leinwandjacke, welche von Taloras Händen frisch gewaschen und frisch gebügelt war. Hinter seinem Ohr trug er zu Ehren des Reisetages einen Büschel dunkelblauer Kornblumen. Sein breiter goldner Ehering glänzte am großen Zeh seines rechten Fußes. Er ging barfuß und zog seine Pantoffeln nur vor seinem Herrn an. In einem kleinen grünbemalten Blechkoffer verwahrte Bulram nichts als seine Pantoffeln. Aber er hatte fürsorglich an viele Einkäufe für Talora gedacht und zum Schutze der Sachen gegen Insekten und Schlangen den Blechkoffer vom Verwalter erhalten.
Bulrams Lunge hatte nie andre Luft als Höhenluft geschluckt. Der Zug senkte sich jetzt aus den nebeligen Farrenkrautwäldern zu den hitzigen Zimmetgärten Colombos hinunter, mit einer rasenden Schnelligkeit, wie ein Ballonkorb, der aus den Wolken fällt. Die brandige Tropenluft schlug Bulram wie roter Pfeffer um die Nase. Er mußte fortgesetzt niesen und sich die Nasenspitze reiben. Er, der immer unter dem ätherischen Himmel gelebt hatte, fühlte sich von Staub, Pflanzengerüchen und Erddünsten gereizt, als ob man seinen Gliedern ungewohnte Kleider anzöge. Der Zug fuhr zwischen protzigen Brotfruchtpalmen in die letzten Abgründe hinein. Als ob die Erde fortgesetzt den Rädern auswiche, so raste die Wagenkette zu Tal. Die Luft strotzte von den Gewürzen der Nelkenbäume und der Kampferstämme. Palmenkronen überwölbten den Schienenweg, menschenkopfgroße Früchte hingen in Bündeln; gelbe und braune Mangofrüchte, die droben in Nuwara-Eliya nur blühen und niemals reifen, hingen hier wie Gewichtsteine zwischen gesträubten Riesenblättern. Wenn Bulram seinen Kopf zum Fenster hinausstreckte, glaubte er sich an den Fruchthaufen zu stoßen. Wie überfüllte Fruchtkörbe standen die Muskat- und Kokoswälder zu beiden Seiten des Bahngeleises.
Kaffeebraune, sehnige Singhalesen, dickblütig und üppig genährt, nackt und nur von der Bräune ihres Leibes bekleidet, drängten sich auf den Bahnstationen in den Tälern gleich Herden brauner, feister Maikäfer, die durcheinanderkrabbeln.
Bulram verstand nicht, warum die Erde so viele Menschen hatte, so viele Nasen, Ohren, Mäuler und Augen, die ihn anstarrten, als wäre sein Gesicht eine Honigwabe, dran sich die Wespen hängen. Die Brust des einsamen Bergsinghalesen fühlte sich vor den Menschenmassen wie ein Kleefeld unter den Füßen einer Hammelherde. Blicke, Stimmen, Gerüche, Schritte trampelten über die blaue Ätherruhe seines Herzens. Sein Auge sah nichts mehr, und er fühlte sein Ohr von den Massengeräuschen durchlöchert wie eine Schießscheibe nach dem Scheibenschießen.
Bulram versuchte, um sich zu beruhigen, die Gesichter der Menschen, die auf der Tagesfahrt in seinen Wagen aus- und einstiegen, in Blumensorten einzuteilen. Er sagte zu sich: dieser ist eine sanfte Primel, dieser eine grelle Bohnenblüte, dieser eine Tomatenblüte, dieser eine Narzisse. Aber die Blumenarten seines Gartens ohne Jahreszeiten, die er als einzigen Maßstab hier an alles anlegen konnte, reichten nicht aus. Als er abends um fünf Uhr an der Colombostation ankam, war er todmüde von den tausend Vergleichen und schwindlig und hielt sich krampfhaft auf dem Kutscherbock des Wagens fest, der mit ihm und seinem Herrn zum Galle Face-Hotel an das Meer fuhr.
In diesem riesigen Steinhallenhotel an der Meeresbrandung, darinnen der Meerdonner Tag und Nacht wie ein Ungeheuer brüllend durch die Treppensäle, Korridore und Zimmer hallt, benahm sich Bulram wie ein Mondsüchtiger, der im Schlaf auf einer Dachkante aufwacht, sich nicht vor- noch rückwärts zu gehen traut und überall den Absturz fürchtet. Die hundert weißgekleideten Reisenden im Hotel, die Europäer mit ihrer weißen Haut, die vielen weißen Musselinkleider und die langen, weißen Schleppen der Damen, erschienen Bulram wie irrsinnig gewordene weiße fliegende Blütenbäume, helle Magnolien oder lichte Jasminbüsche, die ohne Wurzeln durch die offenen Türen der Steinwände aus und ein wandern konnten. Der scheue Bergsinghalese blieb vor Furcht wie ein Schatten an den Wänden kleben. Sein Herr, der englische Verwalter, fand ihn mehrmals im dunkeln Korridor hocken, vor den Menschen am ganzen Leibe zitternd. Bulrams Augen starrten besonders vor der Tür des menschenüberfüllten Speisesaals entsetzt aus dem Gesicht, wie einem, der zur Nachtstunde in die Dschungel geraten ist, die Raubtierscharen zur Tränke ziehen sieht und beim Anblick der Tigerfamilien ohnmächtig umfällt.
Eines Morgens war Bulram plötzlich verschwunden. Niemand, nicht das Telephon, nicht die englische Colombopolizei, nicht Zeitungsannoncen konnten den Verlornen zurückbringen. Acht Tage ließ der Verwalter nach Bulram forschen. Dann reiste er nach Nuwara-Eliya heim, glaubend, der Bergsinghalese habe sich heimlich aus dem Staub gemacht und sei vor Menschenfurcht zurück auf die hohen Berge, in seinen Garten ohne Jahreszeiten, zu seiner Frau Talora geflohen.
Aber Bulram war nicht zu Hause. Talora stand voll Harmlosigkeit, klar, freundlich und sanft im Garten und lächelte wie eine Allwissende, während der Verwalter tief bestürzt war, daß Bulram nicht zu finden sei. Talora antwortete, wie die ewig wolkenlose Bläue lächelnd: »Er wird kommen, Herr. Der Herr soll nicht um Bulram traurig sein.«
Der Engländer schaute sie sprachlos an. Er hatte geglaubt, die Frau des Singhalesen müsse sich zu Boden werfen, weinen und sich die Haare raufen. Statt dessen sagte sie nur ewig lächelnd: »Er kann nicht verloren gehen, Herr. Bulram ist in meinem Herzen aufgehoben, Herr.«
Und Talora ging jetzt durch den Garten, hielt vom Morgen bis zum Abend die Bewässerungsrohre in Ordnung, stellte die Wasserzerstäuber auf die Rasenplätze und tat Bulrams Arbeit neben ihrer Hausarbeit, als wäre sie Bulram selbst. Niemals zitterte ihre Hand vor Neugier nach dem verlornen Mann, wenn sie dem Verwalter die Briefe des Postboten brachte. Niemals sprang ihr Auge hell auf, wenn die elektrische Gartenglocke klingelte und Fremde kamen, den Garten anzusehen; und es nicht Bulram war. Niemals zitterte ihr Fuß, wenn sie abends in das leere Häuschen trat, und nie ihr Finger, der morgens die Türklinke öffnete. Sie schien in einer ewigen blauen Ruhe in der Ätherhöhe dieses Gartens Tag und Nacht mit ihrem Mann unsichtbar zu verkehren, als gäbe es keine Nähe und keine Ferne im Weltall bei dem trunknen Liebesbewußtsein ihrer Seele.
Ein halbes Jahr verging. Da sagte die Frau des englischen Verwalters zu Talora: »Ich reise hinunter, um mir im englischen Bazar von Colombo Kleider und Hüte zu kaufen. Ich kann dich mitnehmen. Vielleicht kundschaften wir Frauen mit mehr Glück aus, was aus Bulram geworden ist.« Die Dame reiste am nächsten Morgen mit Talora zusammen hinab an die Küste.
Die Singhalesenfrau war niemals im Tal gewesen. Aber auf sie wirkte die Talluft anders als auf ihren Mann Bulram. Sie, die stets stille, abwesende, traumwandelnde, wurde nicht noch stiller, sondern wurde gesprächig, lebte auf. Sie zeigte auf der Reise ihre Zahnreihen und ihr rotes Zahnfleisch mit breitestem Lachen. Sie schmatzte mit den Lippen, sie schnalzte mit der Zunge, und ihre Augen hingen ihr mit vielen Blicken nach allen Seiten wie die Beeren von dunkeln Trauben in dem Kopf. Ihr Mund schien alle Früchte der fruchtreifen Luft zu schmecken, und ihre Backen wurden vom hitzigen Atem der Talwälder aufgebläht und dick. Sie trug eine weiße Bluse mit bauschigen, kurzen Ärmeln. Je näher der Zug aus der Berghöhe hinunter in die Colombohitze des Tropennachmittags kam, desto unruhiger wurde Talora. Ihre nackten Unterarme schoben ungeduldig die lockeren Brüste hinter dem Blusenstoff hin und her, als wären das ein paar reife, unbequeme Früchte, die sie ablegen wolle, sobald der Zug hielt.
Auch Talora war bald aus dem Hotel verschwunden. Ihre englische Herrin glaubte, sie suche ihren Mann in der Stadt. Man wartete drei Tage, suchte Talora, wie man Bulram gesucht hatte, aber die Singhalesin blieb unauffindbar. –
Ein Jahr verging.
Die Meeresbrandung vor dem Galle Face-Hotel donnert unausgesetzt, die Tropensonne rollt im Land über die Zimmetgärten, und wie eine riesige Spiritusflamme brennt das rotviolette Morgenmeer.
Weit draußen im Hafenwasser steht ein großer Dampfer mit hohen weißgetünchten Wänden. Er wirft seit Stunden gelben Qualm aus vier Schornsteinen und ist zur Abfahrt bereit. Breite, schaukelnde Jollen und ein kleines, spitziges Motorboot bringen Kofferladungen und Ladungen voll weißgekleideter Tropenreisender an die Schiffswand. Jetzt wird die weiße Landungsstiege an der Schiffswand hochgezogen, und Ankerketten kreischen markerschütternde Schreie. Der Dampfer liegt noch immer still, umgeben von dem kurzen und ruckweisen Gehüpf der Morgenwellen. Viele Köpfe von Reisenden biegen sich über die weißgestrichnen Eisengeländer der Schiffsstockwerke. Drunten reiten nackte, arme, braune Singhalesen auf langen, gelben Holzbalken in der Flut um das Schiff. Statt eines Ruders hat jeder Wasserreiter einen Kistendeckel oder ein Brett in der Hand. Manchmal wirft ein Passagier eine kleine Silbermünze über Bord. Dann schlüpfen alle die nackten, jungen Kerle wie glatte Seehunde von ihren schwimmenden Balken und fahren in das durchsichtige, gläserne Meer hinunter, wie auf einer grün angestrichnen Rutschbahn in die Tiefe. Drunten werden ihre Gliedmaßen gespenstig wie Froschglieder, scheinen sich aufzulösen und verschwinden. Nach einer Weile erscheinen sie im Flaschengrün der Tiefe wieder, zappelnd und wie braunrote Schatten. Schwarzglänzende, triefende Köpfe tauchen aus dem Wasser, und einer zeigt das silberne Geldstück lachend zwischen seinen Zähnen. Dann schwingt sich jeder auf seinen Baumstamm, und alle reiten wieder um die Schiffswandung. Mit viel Geschrei winken sie hinauf und ermuntern die Passagiere des abfahrenden Orientdampfers; und sobald ein Geldstück aufs Wasser klatscht, verschwinden wieder alle Balkenreiter lautlos im Meer. Bis zur Abfahrt des Dampfers vertreiben sich so die Reisenden die Zeit mit Geldwerfen.
Bulram ist seit Monaten hier jeden Morgen auf einem Balkenstamm um die ausländischen Dampfer geschwommen. Er holt sich durch gewandtes Tauchen sein Geld aus dem Meer, das eilig verdiente Geld, das er nachts ebenso eilig in den Spielhöllen bei braunen Dirnen und Reisbranntwein wieder ausgibt. Seitdem Bulram die Zimmetluft von Colombo riecht, ist in ihm der Gedanke an seine Berge, an Talora und an den Edengarten auf den Bergen tiefer versunken als je ein Geldstück im Meer. Er lebt in Colombo wie eine Fliege, die sich auf dem Zucker eines Fliegenpapiers berauscht und vollsaugt. Wie ein samtner Panther streicht er sich nachts an den nelkenölduftenden kleinen Dirnen in den Freudenhäusern, und am Tag springt er nackt und blank in die Meerestiefe nach den blitzenden Münzen. Er sticht unzählige Male in den Meeresgrund hinunter, rudert seinen schwimmenden Balken abends mit einem Brett ans Land, rollt sich dann wieder bei einem Nautsch-Girl auf einem Teppich wie ein Igel zusammen und läßt das armselige Geschöpf, das er sich für die Nacht gekauft, nicht mehr aus seinen Griffen, bis ihn die Frühluft weckt.
Heute ist wieder eine backofenwarme Nacht. Vanille- und Kampferbäume pressen ihren Duft aus den Gärten über die Stadt. Am großen granitnen Wellenbrecher entlang der Seeseite mussiert die Brandung und wirft hohe, weiße Geiser in die Dunkelheit. Sterne hängen gleich glitzernden Wasserblasen an der Nachtdecke. Die Front des Galle Face-Hotels ist beleuchtet, wie ein großes Transparent. Unter den elektrischen Bogenlampen der Strandpromenade tauchen vom Hotelportal her weiße Punkte auf: die weißen Hemdbrüste vieler Herren im schwarzen Abendanzug, Engländer und andre Europäer. Jeder Herr läßt sich von einem nackten Kuli in einem kleinen Rikschawagen ziehen. Die Herren sind ohne Hut. Sie machen vom Hotel nur einen kurzen Abendausflug in das Freudenviertel von Colombo. Die Reihen der kleinen Wagen verschwinden schnell am Ende des Strandweges hinter den Tenniswiesen in dunkeln Eingebornengassen.
Bulram drückt sich hier in einer der Gassen still an den Wänden hin. Er ist in allen Häusern der Gasse wie der Mond bekannt. Die Wagenreihen mit den ausländischen Herren im Abendfrack sind an ihm vorübergerollt und halten jetzt vor ihm in der Straße.
Er sieht die Herren, von einem Hauseigentümer auf dem Straßenpflaster empfangen, in einer Haustür verschwinden. Alle Läden der Häuser sind geschlossen, und man hört nur gedämpft Kastanietten, Geigen, Tamburine, einförmig wie die Musik summender Wasserkessel. Männer, welche kommen und gehen, verschwinden wie die Katzen, lautlos, in den Haustüren und um die Straßenecken.
Neben Bulram öffnet sich ein Erdgeschoßladen. Ein Frauenarm langt heraus, und zwei Finger schnalzen. Bulram sieht im Halbdunkel unter dem hellen Sternhimmel zwei große Reihen blendender Zähne und ein paar nackte Brüste, die sich wie zwei kleine Säcke über das Fenstergesims quetschen. Bulram kennt die Frau nicht, aber er fragt in das dunkle Fenster: »Bist du frei?« Die Frau schnalzt mit der Zunge, und bei diesem Laut beginnen vor Bulram alle Steine der Straße, alle Sternflecken am Nachthimmel zu schaukeln.
Der Singhalese will in das Haus eintreten. Aber der Hauseigentümer sagt ihm, er sei um eine Minute zu spät gekommen. Die an der Fensterecke sei eben drinnen von einem englischen Kapitän gerufen worden. Bulram stellte sich wieder unter das Fenster und wartete. Aber das Mädchen mit den lachenden Zähnen und der schnalzenden Zunge öffnete nicht mehr den Fensterladen und rief ihn nicht mehr. Acht Tage hielten Seeoffiziere und Matrosen ausländischer Kriegsschiffe ihre nächtlichen Gelage in dem Haus, und acht Tage lang wurde der armselige Singhalese vom Hauseigentümer abgewiesen; er schlief acht Nächte unter dem Fenster und blieb acht Nächte nüchtern. In der neunten Nacht, als die Dampfer den Hafen verlassen hatten, öffnete sich wieder der Fensterladen. Zwei nackte Brüste drückten sich über die Fensterbank, und helle Zähne glitzerten in einem lachenden Mund; dem Singhalesen schoß sein hitziges Blut wie Sternschnuppen vor die Augen. Bulram ging in das Haus, drückte das Mädchen an sich und schloß dabei die Augen, wie es alle Orientalen tun, wenn sie ernstlich glücklich sind. Er blieb dann Tag und Nacht bei geschlossenen Fensterläden im Haus bei der Dirne.
Am vierten Abend saß der Hauseigentümer mit seinen Freunden wie immer draußen auf den Steinstufen vor der Haustür. Es wetterleuchtete hinter dem Hausdach. Da kam einer seiner Buben heraus und sagte ihm: »Herr, das Zimmer des Mädchens, welche hinter dem Eckfenster wohnt, ist wie leer gefegt. Das Mädchen, das sich dort seit ein paar Tagen mit einem Singhalesen eingeschlossen hielt, ist verschwunden. Die Tür steht weit offen, aber niemand hat weder sie noch den Singhalesen fortgehen sehen. Vielleicht ist der Bursch ein Bergsinghalese gewesen und hat sich in einen Nachtblitz verwandelt und hat das Mädchen auf einer glühenden Wolke fort in die Berge geholt!«
In demselben Augenblick kreischte der Fensterladen an der Straßenecke in den Eisenangeln, und der Hauseigentümer rief: »Verflucht! Sie sind sicher miteinander durch das Fenster fortgesprungen. Verflucht! Sie ist verschwunden, wie sie gekommen ist! Eines Abends stand sie mit ausländischen Matrosen hier unter meiner Tür und trat ein und war viel begehrt und nannte sich mit dem lockenden Namen »Talora«. Da auf den Stufen stand sie damals vor mir. Es wetterleuchtete wie heute, als werfe sie Feuer um sich und Feuer ins Haus, so kam sie. Nun sprang sie wie ein Blitz wieder fort.« – –
Nach Monaten klingelte abends die elektrische Glocke der Gartentür des Edengartens, und als man öffnete, standen Bulram und Talora draußen. Beide vergnügt, lautlos und sanft wie immer.
Der Verwalter fragte, und die Frau des Verwalters fragte, und alle Gartenaufseher fragten, wo die beiden nach zwei Jahren herkämen. Sie aber lächelten nur und deuteten in den wolkenlosen Himmel.
»Herr, er war im Himmel,« lächelte Talora, und Bulram nickte immer wieder stumm Beifall, wenn seine Frau auf ihr Herz deutete und auf alle Fragen nichts andres antwortete als: »Herr, er war im Himmel.«
Dann saßen beide wieder in dem Garten, knieten über den Blumenbeeten, arbeiteten mit der Rasenschere und mit dem Rechen. – Sie beugen sich noch heute wolkenlos wie der Ätherhimmel von Nuwara-Eliya über die Blumenreihen, dort oben in dem Garten ohne Jahreszeiten.
Die malaiische Kurtisane Gabriela Tatoto, die in der Frühlingszeit auf englischen Dampfern in der Malakkastraße und im chinesischen Meer von Penang bis Hongkong reiste, lebte im Sommer ausruhend in ihrer Villa in Penang. Ihr Haus lag wie ein einziger weißer Saal in einem tiefen Rasengarten. Statt der Blumenbeete standen mannshohe bläuliche Porzellanvasen in langen Reihen dem Gartengitter entlang, gelb- und rotgefleckte Tigernelken wuchsen in Sträußen aus den Vasen. Schlanke Wandererpalmen mit pechschwarzen Fächerblättern brüsteten sich wie finstere Pfauen rund um die weiße Villa. Ein scharlachblühender Elektrinenbaum spreizte sich am Garteneingang. Das rote Gekröse der Blüten in der Luft leuchtete blutig wie die Schlachtbank eines Metzgers. Der Garten schien das Seelenleben der Kurtisane in seinen Farben zu spiegeln. Mit der Künstlichkeit der Porzellanvasen, mit der Düsterkeit der Wandererpalmen und mit der rücksichtslosen lüsternen Röte der Elektrinenbäume erinnerte er an seine Besitzerin.
In Penang herrscht über allen Dingen, über den Kalkwänden der Häuser, über den breiten Blattflächen der Palmen und über der Haut der Menschen ein ewig blaues Licht. Immer ist eine Bläue dort über allem wie ein beständiger Mondschein mitten im Sonnenschein. Das blaue Licht von Penang ist wie der bläuliche Schimmer einer unsichtbaren elektrischen Bogenlampe, ist über den Springbrunnen der Gärten, über den Pflastersteinen, über den Wasserspiegeln des Meeres und selbst über den Panzerplatten der vorüberfahrenden Kriegsschiffe gleich wie ein Phosphorleuchten mitten am Tage. Und die Bläue macht den Muschelkalk der Häuserwände transparent, als könnten die Menschenschritte hier durch die geisterhaften Wände gehen, als wäre die Stadt nur ein bläuliches unwirkliches Schlafbild mitten unter der wachen Tropensonne. Niemand hat das bläuliche Licht von Penang jemals erklärt, aber es ist immer da, und die eingeborenen Photographen malen selbst auf die Ansichtskarten, auf Gesichter und Landschaft, diesen Mondschein im Sonnenschein.
Auch Gabriela Tatotos weißes Landhaus lag im Gartengrün mitten am Tag mit mondblauen Wänden, die wie zu stark geblaute Wäsche leuchteten.
Der malaiische Photograph Fuluo Holongku in Penang hatte dieses Haus schon dutzendweise auf Ansichtskarten mit zarter Bläue bemalt, denn die Kurtisane schenkte gern ihr Hausbild mit Gartenansicht an ihre Freunde. Aber niemals verschenkte sie ihr eigenes Bild. Sie fürchtete sich, abergläubisch wie alle Asiaten, vor dem bösen Blick fremder Augen – vor bösen Augen, – die ihr Schaden bringen würden, und vor bösen Wünschen, die sich auf ihr Bild richten könnten. Nur einmal hatte sich Gabriela von Holongku photographieren lassen. Aber als er die Bilder ablieferte und sie ihr Gesicht dutzendweise vor sich sah, erschrak sie, geriet in Angst und verbrannte noch am Abend alle Bilder mit eigener Hand. Der Photograph Holongku besaß trotzdem ein Bild von der Tatoto, ein Bild, das die Kurtisane nackt zeigte, und das sie selbst noch niemals gesehen hatte. Holongku trug dieses heimliche Bild in das Futter seines Hausrockes eingenäht; denn es soll Glück bringen, das nackte Bild einer Kurtisane stets bei sich zu tragen. Der Photograph war auf leichte Weise in den Besitz dieses Bildes gekommen.
Gabriela hatte damals Holongku zu sich in die Villa gerufen, um sich photographieren zu lassen. Es war zu Beginn der heißen Zeit, die Kurtisane war schläfrig und von ihrer Hongkongreise eben erst zurückgekehrt.
Die Tatoto lag in einem langen Strohsessel im schattigsten Zimmer des Hauses. Die grünen Schutzdächer an den langen Fenstern waren herabgeklappt, die Scheiben bis zur Diele geöffnet, aber die Kalkdecke im Zimmer strahlte wie immer ihr bläuliches intensives Licht aus. Gabrielas chinesischer orangefarbener Seidenmantel war weit geöffnet und zeigte den schmalen Leib der Kurtisane wie das Fleisch einer geschlitzten Mangofrucht in rotgelber Schale. Über den nackten Arm der schönen Frau stieg behutsam mit den langsamsten Schritten der Welt ihr Spielzeug, ein kleines Chamäleon, das wie ein winziges graues Gespenst im Zimmer umging.
Der Photograph wurde in das Haus eingelassen, und da er bestellt war, folgte ihm niemand von der Dienerschaft durch den Vorsaal. Er hob die Strohmatte von der Tür und sah die nackte Kurtisane eingeschlafen. Blitzschnell vereinigten sich in dem Malaien Gedanke und Wunsch, das Bild der nackten Frau zu besitzen, um es bei sich zu tragen. Unhörbar klappte er das Aluminiumgestell seiner kleinen Straßenkamera auf und photographierte rasch, von der Türschwelle aus, die Schlafende. Er hätte gern vorher von Gabrielas Oberarm das kleine häßliche Chamäleon verscheucht, das dort auf drei Beinen stillstand und das vierte Bein wie ein Jagdhund abwartend in die Luft streckte. Aber das kleine graue Tier sah unter seinen Augenklappen regungslos in das blaue Licht der Zimmerdecke und rührte sich nicht auf dem Arm der Schläferin.
Der malaiische Photograph kauerte nach einer Weile im Vorzimmer auf der Diele und schien mit orientalischer Ruhe auf das Erwachen der Dame zu warten. –
Holongkus Herz pochte heftig, als er später zu Hause in seiner Dunkelkammer das kleine Bild der nackten Kurtisane auf der Platte hervorrief. Am nächsten Morgen nähte er einen Papierabdruck davon in seinen Hausrock und wußte jetzt, daß er zeitlebens Glück haben werde. Nur durfte er von dem Bilde zu niemanden sprechen. Aber das Glück kam in wahnwitziger Gestalt. Wollüstige hitzige Träume bedrängten den armen Mann. Die nackte Tatoto kam nachts, wie in einem gelben Feuermantel, an das Bett des Malaien und legte sich in seinem Schlaf zwischen ihn und seine junge Frau. Und wenn er zugriff und die Kurtisane umarmen wollte, hing ihm das steife grinsende Chamäleon am Herzen. Bei Tag ging die nackte Tatoto vor ihm her über das bläuliche Pflaster von Penang. Stundenlang starrte der junge Photograph geistesabwesend in das blaue Licht von Penang und stand, wie ein Träumer im Mondschein, mitten im Sonnenschein. Nur wenn er seinen Hausrock ablegte, darinnen Gabrielas Bild eingenäht war, atmete er leichter. Öfters geschah es, daß Holongku seinen europäischen Anzug anzog, seinen europäischen Strohhut aufsetzte und zum Hafen ging, wenn ein ausländisches Postschiff signalisiert wurde. Dann verkaufte er auf dem Promenadendeck des angekommenen Dampfers bemalte Photographien und Postkarten von Penang an die Weltreisenden. Für eine kurze Stunde legte er dann mit seinem Hausrock seine unruhige Leidenschaft zu der Kurtisane ab.
Wenn Holongku im Hafen auf einem Dampfer war, saß seine junge sechzehnjährige Frau vor dem Atelierhaus auf dem Treppenabsatz unter dem Schlingpflanzendach. Die weißen Treppensteine leuchteten bläulich, und Marmies weiße Augäpfel schimmerten ebenso bläulich. Die junge Frau stellte jeden Nachmittag einen kleinen Tisch auf die schattige Haustreppe und saß dort stundenlang und bemalte Dutzende von Ansichtskarten, bis ihr Mann wiederkehrte. Marmie saß heute wieder an ihrem gewohnten Platz, und hinter ihr funkelten die Atelierscheiben im Gartengrün, wie die Fenster eines Aquariums. Marmie saß getreulich und emsig über ihre Postkarten gebeugt. Ihr schwarzes glattgescheiteltes Haar spiegelte bläuliche Glanzlichter. Dieses lackschwarze Haar wurde oft drüben über der Straße von dem chinesischen Korbflechter Ling-Sung beträumt.
Der Chinese hatte seine offene Korbflechterei dem Photographenhaus gegenüber. Dort wurden aus weißem Rohr von vielen halbnackten Chinesen große verschnörkelte Strohsessel und Strohsophas kunstvoll nach englischen Vorlagen gearbeitet. Ling-Sung, der reiche Besitzer dieses Geschäftes, saß nachmittags in der Straße in einem großen Schaukelstuhl. Er war stets nur mit einer schwarzen Kalikohose bekleidet. Sein Oberkörper war nackt. Er zeigte seine gelbe glänzende Bauchkugel der Sonne und schlief unter einem getrockneten Palmfächerblatt, das er sich über die Stirn gelegt hatte. Seine beiden vom Fett angeschwollenen nackten Arme hingen zu beiden Seiten des Schaukelstuhles vom feisten Leib herab. Die schwarze Kalikohose glühte wie schwarzer kochender Asphalt in der Sonne, und die gelbe Leibkugel stand voll glitzernder Schweißperlen und glänzte, wie eine fette geblähte Pastete. Wenn Ling-Sung nicht schlief, schaukelte er, und sein langer Zopf hing hinter der Stuhllehne bis auf das Pflaster und bewegte sich wie ein Perpendikel. Um ihn arbeiteten seine Leute gebückt über das Strohgeflecht, teils in der offenen Haushalle, teils auf der leeren breiten Straße. Ling-Sung konnte stundenlang in seiner liegenden Stellung schaukeln und zur Photographin hinüberstarren.
Er träumte sich dann nach China hin, in seine Heimatstadt, und von dort wollte er sich später eine Chinesin zur Frau holen, schwarzhaarig wie die Photographin drüben. Halb schlafend, halb träumend beging er in erhitzten Gedanken, sorglos und unschuldig wie alle Schlafenden, manchen Ehebruch mit der Photographin. Aber wenn er wieder erwachte, dachte er nur nüchtern an seine Korbflechterei und kassierte emsig in der Stadt ausstehende Gelder ein.
Auch der malaiische Photograph schuldete dem Chinesen einiges Geld, aber Ling-Sung wartete großmütig, teils weil er Holongkus Nachbar war, teils weil ihm die Frau des Photographen angenehme Träume umsonst gab.
Marmie, die Photographenfrau, saß jeden Nachmittag völlig ahnungslos auf ihrer Treppe vor dem Tisch und bemalte ihre Ansichtskarten von Penang mit bläulicher Farbe. Sie dachte mit keinem Gedanken an den Chinesen und wartete nur auf die Heimkehr ihres Mannes, in den sie treu verliebt war.
Täglich ist in Penang eine schwüle Gewitterluft wie in einem Brutkasten, und wie mit blauer Elektrizität geladen glühen alle Erdkörper. Stundenlang über das Vergrößerungsglas einer Lupe gebückt, hatte Marmie sich heute müde gemalt. Sie ging in den Hausgang und holte den Hausrock ihres Mannes, legte ihn auf ihr Knie und wollte einen abgerissenen Knopf annähen.
Die Zisternen im Garten rochen dumpf, und die glatten Blattflächen der Fächerpalmen warfen grelle Glanzlichter, wie große weiße Brennspiegel. Marmies Stirn schmerzte, und sie schloß nach dem Einfädeln der Nadel einen Augenblick ihre Augen.
Dieser Augenblick aber wurde schnell zu einem Schlafbild von einigen Sekunden, zu einem blitzschnellen Traum, der die Scheinzeit von Jahren annahm.
Marmie träumte, der Chinese Ling-Sung verlangte plötzlich sein Geld. Er stand vor ihr und klopfte auf den Tisch und forderte energisch die Zahlung, weil er nach China reisen und sich verheiraten wollte. Marmie bettelte für ihren Mann um Aufschub, aber Ling-Sung war unerbittlich. Dreihundert Yen für Korbstühle und Sofas, die Ateliereinrichtung, sollten sofort bezahlt werden. Sonst würde der Chinese heute abend den Photographen schlachten lassen und ihn rösten, wie die Menschenfresser in Sumatra drüben es tun, und mit seinen Verwandten zusammen Holongku als Hochzeitsschmaus verzehren. Marmie sah schnell im Traum die finsterbewaldete Küste von Sumatra über der Malakkastraße, wo Menschenfresser heute noch Freunde und Verwandte schlachten, wie man sich in Penang erzählt. Marmie schauderte und verwechselte im Traum China mit Sumatra und glaubte fest, daß der Chinese dort hinüberreisen würde und ihren Mann als Hochzeitsschmaus mitschleppen wollte, wenn er nicht bezahlen würde.
Rasch fiel ihr ein Vermächtnis ihres Vaters ein. Dieser, ein Malaie, hatte manchmal erzählt, daß man Menschen töten könne, wenn man ihr Bild oder ihre Photographie mit einer Nadel durchsteche. Der Stich muß die Brust treffen, und dabei soll man das malaiische Wort »Lulauû« laut und deutlich aussprechen. Die Hand darf nicht zittern. Man muß die Nadel auf der Photographie in die Herzgegend der betreffenden Person ansetzen und beim Wort »Lulauû« durch das Bild stechen, aber die Nadel darf nicht abbrechen.
Marmie beschloß im Schlaf den Chinesen Ling-Sung auf diese Weise zu töten. Sie suchte in der Tischschublade nach seiner Photographie, denn der Chinese hatte sich für seine Braut photographieren lassen. Und Marmie versprach sich mit ihrer raschen Tat für ihren Mann schnelle Hilfe vor dem chinesischen Menschenfresser.
Sie sah noch einmal Ling-Sung starr ins Auge und sagte: »Also, du gibst meinem Mann keine längere Frist mehr, Ling-Sung?«
»Nein, die Hochzeit ist morgen,« sagte der Chinese, und sein gelber Wanst glänzte feist in der Sonne wie die gelben Tonnen, die im Hafen von Penang im Meerwasser schwimmen.
»Gut,« sagte Marmie entschlossen, nahm ihre Nähnadel und stach sie in das Brustbild des Chinesen und rief laut: »Lulauû!«
Der Chinese wurde blauweiß, wie die Luft von Penang, und fiel steif vor Marmie auf den Erdboden.
Tief seufzend und wie mit einer schweren Bürde beladen erwachte Marmie. Sie hörte noch deutlich ihre Lippen »Lulauû« sagen. Ihr Ohr hörte noch das Papier der Photographie unter dem Nadelstich knistern. Der Chinese war umgefallen und ermordet von Marmie. Marmie erwachte jetzt vollständig und lächelte über den seltsamen Traum.
Über der Straße lag wie immer friedlich atmend der feiste Chinese Ling-Sung im Schaukelstuhl. Er ließ seinen Pastetenbauch braten, und um ihn arbeiteten die Korbflechter mit ihren weißen Bambusrohren.
Marmie suchte nach ihrer Nadel, die sie im Schlaf verloren hatte. Sie fand sie im Hausrock ihres Mannes stecken, als ob ihre Hand im Schlaf genäht hätte.
Marmie erinnerte sich, daß ihr Mann gerade heute die Rechnung bei dem Chinesen drüben bezahlt hatte; und es konnte keine Rede mehr von einer Schuld sein. Sie nähte, erleichtert aufatmend, den Knopf an den Hausrock, ging dann hinein und hängte den Rock im Hausflur an seinen Platz. Darnach malte sie wieder emsig an ihren Postkarten weiter.
Nach einer Weile kam Holongku vom Hafen zurück. Die Ehegatten nickten sich zu. Der Mann trat ins Haus, wechselte seinen Rock und ging dann in das kleine dunkle Laboratorium zu seinen Chemikalien. Die Frau draußen hörte ihn eine halbe Stunde mit Glasplatten und Flaschen hantieren. Dann kam er wieder heraus auf die Treppe. Er stand sehr bleich vor Marmie, strich sich mit den Händen über das Gesicht und sagte zu seiner Frau, er fühle Übelkeit im Leibe. Ihm war, als röche das ganze Haus nach einem ekelhaften Leichengeruch.
Marmie stand bestürzt auf und ging mit ihrem Mann durch die Zimmer und durch den Garten. Sie suchten beide, ob nicht irgendwo eine verreckte Eidechse oder ein toter Papagei in Verwesung hingeworfen seien. Sie fanden nichts im Garten und gingen noch einmal durch die Zimmer im Haus. Die Frau roch nirgends etwas, aber Holongku beruhigte sich nicht. Er fand, daß der Leichengeruch in seinen Kleidern säße, und als sie gerade in der Küche standen, schleuderte er den Hausrock ab und warf ihn auf den kalten Herd. Da mußte Marmie lachen und lachte ihren Mann aus, und dieser ging ohne Rock zurück an seine Arbeit.
Aber es dauerte nicht lange, da kam Marmie zu Holongku in das Laboratorium und klagte über einen Brandgeruch im Hause.
Beide machten sich wieder auf die Suche, und als sie die Tür zur Küche öffneten, schlug eine große Flamme vom Herd in die Luft, und der Hausrock flog ihnen, verbrannt zu einem flachen schwarzen Aschenlappen, vom Herd entgegen.
Sie stellten fest, daß noch etwas Glut im Aschenkasten gewesen war, und daß der Hausrock, getränkt mit chemischen Dünsten, einen Funken geweckt hatte und verglimmt war. –
Am nächsten Nachmittag, ehe der Photograph zum Hafen ging, kam der Chinese Ling-Sung von drüben aus seinem Haus, kam herüber über die Straße und blieb an den weißen Stufen des Treppenabsatzes stehen, wo Marmie wie immer ihre Postkarten malte.
Die junge Frau sah erstaunt von ihrer Arbeit auf und dachte einen Augenblick: »Der Chinese steht da wie gestern nachmittag, als ich von ihm träumte und mit der Nadel sein Bild durchstach.«
Ling-Sung winkte dem Photographen und flüsterte ihm ins Ohr: »Die Gabriela Tatoto ist gestern nachmittag in ihrem Landhaus gestorben. Eine Schlange kam aus ihrem Garten und hat sie in die nackte Brust gebissen, als sie auf ihrem Stuhle lag und schlief. Die Schlange wollte Jagd auf das Chamäleon machen, das immer auf Gabrielas Arm saß. Aber die Kurtisane erwachte und schlug im Schreck nach der giftigen Schlange, die dann wütend zubiß. Die Tatoto ist kurz darnach am Giftbiß gestorben. Alle Leute machen heute Jagd auf die Schlangen in ihren Gärten. Ich möchte gern Ihr Mungos heute abend leihen, um auch meinen Garten absuchen zu lassen.«
Der Photograph versprach Ling-Sung das Mungos für den Abend, und der Chinese ging dankend und grüßend wieder hinüber.
Marmie lief in die Küche und holte das kleine Mungos von der Kette, lockte es in den Garten und ließ das Tierchen, das der beste Schlangenwächter ist, die Büsche absuchen.
Aber ihr Mann griff sich, als er allein war, an die Brust und atmete erleichtert auf, da er das Bild der verführerischen Kurtisane nicht mehr im Futter seines neuen Rockes fühlte, das Bild, das Marmie gestern im Schlaf durchstochen hatte, und welches mit dem Rock am Herd verbrannt war.
Holongku war von jetzt ab nie mehr abwesend und vergeistert und starrte nicht mehr stundenlang in das blaue Licht von Penang, das wie Mondschein im Sonnenschein ist.