Likse, eine chinesische Wasserverkäuferin und Panulla, eine singhalesische Straßendame, saßen im Haftlokal der Polizeistation auf der »Gelben Straße« in Singapore.
Es ist morgens sechs Uhr. Beide Frauen sind in der Nacht betrunken von der Straße aufgelesen und in das vergitterte Haftzimmer gesteckt worden. Der einfenstrige Raum liegt im ersten Stock eines einstöckigen indigoblauen Hauses. Das Gitterfenster reicht bis zur Diele. Likse und Panulla sind von den Stühlen, auf denen sie geschlafen, aufgestanden. Sie hocken am Boden bei dem Gitterfenster, schauen auf die lebhafte Morgenstraße hinunter und warten auf ihre Haftentlassung.
Likses Kopf ist wie ein gelber, großer, ausgehöhlter Kürbis, in den man ein Licht gestellt hat. Ihre Augäpfel leuchten noch prall von übernächtiger Trunkenheit. Panulla hat noch rot und weiße Schminke und Puderreste im Gesicht. Ihre Wangen sehen aus wie zwei künstlich gefärbte Stücke Zucker. Beide Gesichter, das gelbe und das rosaweiße, kleben an dem Gitter und verfolgen interessiert den Straßenlärm unten in der »Gelben Straße« von Singapore.
Nackte Malaien, halbnackte, grobblau gekleidete Chinesen, Bananenhändler, Wasserträger, Fischverkäufer, Garküchenkarren und Rikschawagen rennen durcheinander, schieben und poltern über die Pflastersteine. Räder und Menschenstimmen überlärmen sich mit ruckhaften Sätzen. Die beiden Weiber am Gitterfenster begrüßen Bekannte unten, Gesichter nicken herauf, Hände winken.
Vom dröhnenden Straßenleben zittern die Eisenstäbe des Gitters, daran sich die Finger der beiden Frauen festhalten. Likse, die Chinesin, hat weite, schwarze, glänzende Kalikohosen an und eine blaue schräggeknöpfte Leinenjacke. Ihr lehmgelbes Gesicht grinst immer freundlichst. Ihre eingedrückte Nase schnuppert zwischen den Eisenstäben sehnlichst nach der Straße hinunter. Panulla in einem alten japanischen Krepp-Kimono von rosagrauer Farbe, rote Ahornblätter darauf eingefärbt, hockt am Boden. Ihr schmaler Hals dreht sich wie ein Reiherhals hin und her. Sie verfolgt alle Vorübergehenden mit beweglichem Kopf, als möchte sie gleich einer Störchin die Leute wie Frösche aus einem Sumpf zu sich heraufangeln.
Die chinesische Likse ist grobknochig. Ihre derben Brüste und ihr Gesäß sind dick wie Wassermelonen. Panulla aber ist wie ein Heupferdchen schmal und wetzt ihre Kniee hüpfend am Gitter, wenn sie bekannte Matrosen auf der Straße begrüßt.
Allmählich sammelt sich ein Bekanntenkreis von chinesischen Barbieren, malaiischen Wagenziehern und chinesischen Kuliweibern unter dem Fenster an. Unter viel Geschrei unterhalten sie sich mit den gefangenen Weibern. Einer wirft ein paar Bananen hinauf, ein Fischhändler ein paar dünne Fische. Die breitmäulige Likse verschlingt die lebenden rohen Fische. Panulla lutscht an den Bananen.
Aus einer chinesischen Bar, über der Straße, kommt ein junger Mensch gerannt. Er hat einen langen Bambusstab in der Hand; darauf ist ein Stück Schwamm gebunden. Den feuchten Schwamm reicht er den gefangenen Frauen hinauf.
Likse schnuppert und riecht sofort, daß der Schwamm in Branntwein getaucht ist. Panulla errät den Branntwein aus Likses Augen, und beide Weiber pressen gierig ihre offenen Mäuler durch die Gitterstäbe, um den Branntweinschwamm zwischen die Lippen zu bekommen.
Kaum hat Likse den Schwamm mit der Nase berührt, versucht Panulla die Chinesin zur Seite zu zerren. Die aber bleibt unerschütterlich auf ihren zwei stämmigen Beinen stehen, schnappt nach dem Schwamm und saugt.
Der Bekanntenkreis unten brüllt ein heulendes Gelächter, denn Panulla ist wie ein Affe auf Likses Schulter gesprungen und würgt Likse von rückwärts am Hals, damit die Chinesin keinen Schluck Branntwein in den Magen hinunterschlucken kann.
Likses gelbes Kürbisgesicht wird braun wie ein irdener Krug. Sie würgt und schlingt und will Panulla abschütteln. Die dünne Malaiin hängt wie eine Zange am Hals der dicken Chinesin. Likse fällt auf die Kniee, prustet den Branntwein aus den Nasenlöchern, und immer noch reitet Panulla auf der breiten Chinesin wie ein Jaguar, der sich in einen Elefantenrücken eingebissen hat.
Die gelben Zuschauergesichter auf der Straße tanzen wie Reihen gelber Lampions im Winde, und viele Köpfe stoßen im Gelächter zusammen.
Panulla hat endlich, über den Rücken der Chinesin hinweg, den Schwamm durch das Gitter mit den Zähnen erschnappt, ihn mit dem Mund von der Bambusstange gerissen, den Branntwein mit den Lippen ausgesogen und den Schwamm dann blitzschnell zurück auf die Straße gespuckt.
Aber jetzt erhebt sich furchtbar die knochige Chinesin von der Erde, schnaubend wie ein Flußpferd, das ans Land steigt. Ehe sich Panulla, die am Gitter hängt, die Schreckensgesichter der Zuschauer unten auf der Straße erklären kann, hat die mächtige Likse die Malaiin von rückwärts am Haar zur Erde gerissen. Das Haar geht auf, und die chinesische Wasserträgerin schleift die Straßendirne wie an einem schwarzen Strick in den Hintergrund des schmalen Haftlokales.
Die Zuschauer stehen noch ein paar Augenblicke unten und warten. Ihre gestreckten Hälse reichen nicht bis zum ersten Stock, um in die Zimmertiefe zu schauen, und da weder Panulla noch Likse wieder am Gitter erscheinen, gehen alle lachend auseinander; das Straßenleben eilt eintönig lärmend wie vorher unterm Fenster vorüber.
Auf den Steinplatten hinten an der Zimmerwand liegt Panulla in der einen Ecke wie eine fortgeworfene Puppe mit ausgerenkten Armen und komisch verbogenen Beinen, als ob ihr ein Wirbelwind alle Glieder in den Gelenkkugeln verdreht hätte. Ihr rosa Kimono liegt zerschlitzt in vielen Fähnchen unter ihr. Als hat sie Lust zu lachen, verzerrt Panulla die Mundwinkel und zeigt die Zunge wie einen blauen Lappen. Ihr Haarstrang ist fest, gleich einer Henkerschnur, um ihren Hals geknotet. Die Malaiin rührt sich nicht mehr.
In der anderen Ecke der Zimmertiefe ist Likse rückwärts über einen Stuhl gestürzt. Ihre Beine stehen gespreizt in die Luft nach der Zimmerdecke. Ihre gelben Waden schauen aus den schwarzen zurückgefallenen Kalikohosen. Das gelbe Gesicht der Chinesin steht verkehrt auf dem Fußboden und scheint wie eine leuchtende Lampe durch das dunkelblau getünchte Zimmer. Die blaue Jacke ist von der linken Brust gerissen. Der kleine Glaskopf einer Stecknadel blitzt neben der Brustwarze. Kaum ein einziger kleiner Blutstropfen sammelt sich langsam um den Stecknadelknopf und erstarrt zu einem winzigen roten Kreis.
Likse hat Panulla mit der Malaiin eigenem Haar erwürgt, und Panulla hat der Chinesin im Kampf eine Stecknadel so tief in die Brust gestochen, daß die Nadel das Herz traf und bis zum Nadelkopf im Fleisch stecken blieb.
Likse und Panulla sind tot. Die Malaiin bekommt allmählich durch die Totenstarre einen schiefen Ausdruck, als ob sie spottet.
Das Wagenrütteln der Straße erschüttert den Fußboden, und Likses ausgestreckte Beine schaukeln in der Luft, als ob sich die Chinesin im Kopfstehen übe.
Die erwürgte Malaiin hat eines ihrer verdrehten himmelnden Augen auf die Beine der Chinesin in die Luft gerichtet. Das andere Auge sieht nach der entgegengesetzten Seite zum Fenster.
»Schau, Likse! Jetzt kommt ein Monsungewitter!« grinste Panullas Augapfel und verdunkelte sich bräunlichrot unterm Gewitterhimmel, während ihr anderer Augapfel, beschienen von der Indigowand des Zimmers, blau leuchtete.
Likses Beine wippten beim einsetzenden Sturmwind, der das Haus schüttelte. Es war, als fluchte ihr offener Mund:
»Verdammt, ich habe meine Kinderwäsche noch auf dem Hausdach zum Trocknen! Der Regen wird alles fortschwemmen. Ich muß heimrennen.« Und Likses Beine wackelten noch lebhafter.
Panulla aber höhnte mit ihrem schiefen Blick stillschweigend: »Du wirst lange zappeln können! Von selber stehst du nimmer auf, Likse. Du bist ja mausetot, von mir, der Panulla, umgebracht, ehe du es ahntest, du viereckiges Chinesentier! Der winzige gläserne Nadelkopf paßt dir übrigens gut in deine Brustwarze.«
Die Chinesin grinste mit ihrem umgestürzten Gesicht, und aus ihren Nasenlöchern trieb der aufsteigende Alkohol, den sie ausgeprustet hatte, kleine lebende Blasen.
Panulla funkelte argwöhnisch mit ihrem blauen Augapfel: »Ich glaube gar, du willst wieder atmen, Likse!«
Der erste Blitz bestrich Likses Gesicht noch gelber, so daß ihr breiter offener Mund bis an die Ohren glänzend zu lachen schien.
Auf Panullas Stirn bildeten sich kleine glitzernde Schweißperlen, als ob die Gedanken, die von ihr noch im Haftlokal umgingen, sich auf ihre Stirnhaut niederschlugen und sich dort kristallisierten; und diese glitzernden Gedanken wiederholten nochmals das Gespräch von heute nacht, das Likse und Panulla hier im Haftzimmer vor Sonnenaufgang hatten.
»Der Mensch muß töten können,« hatte die Malaiin belehrend behauptet. »Wer nicht töten kann, beleidigt den Tod und lebt nur halb.
Siehst du, Likse, die eine Hälfte des Mondes ist einmal schwarz und jeden Monat einmal weiß. So muß der Mensch sein, Likse. So wie du auf einer Stange zwei Eimer auf den Schultern über die Straße trägst und sich die beiden Eimer an der Stange das Gleichgewicht halten müssen, so balancieren Leben und Tod an der Weltstange. Jeder Teil der Welt will seinen Teil von dir. Man muß leben können, man muß aber auch töten können. Leben und Töten wollen gelernt sein. Hör zu!
Einmal lag ich mit einem reichen Mann in meinem Zimmer zu Bett. Um Mitternacht erwachte ich und sah im Dunkeln ein grünes Licht durch das Türbrett kommen. Ich glaubte, ich schliefe noch, und rieb mir die Augen. Im Licht, das lautlos eintrat, sah ich die Schattengestalt einer Frau, die glitt unhörbar, immer von dem grünen Licht umgeben, zu meinem Waschtisch. Sie nahm meinen Kamm und kämmte damit ihr feuriges Haar. Ich hörte deutlich die Funken knistern und sah den weißen glühenden Kopf des Gespenstes im Spiegel über dem Waschtisch. Ich erkannte die Frau an ihrem Spiegelbild wieder. Sie war eine Freundin von mir und hatte vor mir in dem Zimmer gewohnt und dort ihre verliebten Besuche empfangen. Sie war ganz natürlich gestorben und kam jetzt aus dem jenseitigen Leben, um ihr Zimmer aufzusuchen, darin sie einmal einen jungen Mann ermordet hatte, den sie dann, wie man sagt, im Hauskeller verscharrt hat. Ich verstand ihre Erscheinung erst später und weiß jetzt, sie machte ihren köstlichsten Morderinnerungen wollüstige Besuche.
Halbaufgerichtet im Bett schaute ich auf ihr Gesicht im Spiegel, während sie sich noch immer mit meinem Kamm kämmte. Alle Gegenstände im Zimmer waren von ihrer Gestalt beschienen. Ich genoß eine nie gekannte Aufregung, und beim Anblick der glühenden Mörderin und bei dem wallenden Licht, das sie ausstrahlte, wurde mein Blut wie betrunken. Ich grub meine Fingernägel mit Angst und Genuß in den Hals des schlafenden Mannes an meiner Seite und zerdrückte seinen Kehlkopf wie eine Nuß zwischen meinen Fingern. Der Mann schlug ein paar Mal um sich. Das grüne feurige Licht des Gespenstes kreiselte und verschwand durch das Türbrett. Es war wieder dunkel im Zimmer, und der Mensch neben mir lag still. Ich zog meine Hände von ihm zurück. Der Mann rührte sich nicht mehr.
Ich zündete zehn Streichhölzer nacheinander an. Beim ersten Streichholz sah ich, daß seine Kinnlade ihm herunterhing; beim zweiten sah ich seine Augen, die ihm wie gekochte weiße Fischaugen aus dem Kopf quollen. Zehnmal sah ich immer ein neues Stück von dem Toten. Die ersten fünf Male schauderte ich, aber die letzten fünf Male genoß ich den Toten neben mir wie eine Mahlzeit von fünf leckeren Gerichten. Ich wunderte mich, daß das Töten so unterhaltend war, und ich schlief kostbar befriedigt neben der Leiche ein, befriedigter, als wenn der Mann gelebt hätte.
Am Morgen wollte ich mit meinem vertrauten Hausdiener, der damals mein leidenschaftlich Geliebter war, den erwürgten Mann im Keller begraben. Emilio grub, und ich stand daneben und schaute zu. Kaum einen Fuß tief stieß Emilios Schaufel auf ein Gerippe. Wir warfen die Knochen heraus, gruben tiefer. Wieder lag ein Gerippe darunter, und noch tiefer noch ein Gerippe. Ich bin sicher: hätten wir weiter gegraben, die ganze Erde wäre mit Schichten von Menschengerippen ausgefüllt gewesen, denn alle Jahre, alle Jahrhunderte hatten vor uns in dem Hause, wie wahrscheinlich in allen Häusern der Stadt, gemordet und Gemordete begraben.
Früher war ich bei jedem Gewitter ängstlich. Jetzt fürchte ich keinen Blitz mehr. Ich fühlte bei den elektrischen Schlägen ein Kitzeln in meinen Fingern, wie damals, als ich den zappelnden Kehlkopf zerdrückte. Und wenn die Blitze draußen morden, bin ich aufgeregter, als wenn mich ein wilder Stier umarmen würde.
Gespenster sehe ich, wo ich gehe und stehe. Alle, die jemals gemordet haben, sind eine große, wollüstige, unsterbliche Familie und verkehren Tag und Nacht bei geschlossenen Türen und bei vergitterten Fenstern miteinander.
Ich bin jetzt nie mehr allein. Ich sehe die Mörder aller Zeiten vor Augen, wenn ich die Augen schließe. Ich sehe vor und zurück, – alles Blut, das geflossen ist, und alles Blut, das fließen wird.
Ob ich wache oder schlafe, es ist alles eins. Ich bin bei allen Morden dabei, die geschehen, und mein Blut lebt belustigt seitdem, wie eine brünstige Affenherde in meinem Leib.«
Der toten Panulla triefte, bei dem stummen Selbstgespräch ihrer alten Gedanken, wie vor lauter Genuß, ein langer Speichelfaden aus dem Mund. Likse steht immer noch auf dem Kopf. Der Donner draußen reibt sich an den Hauswänden, und Likses Beine werden nicht müde, hoch über der Stuhllehne zu wippen, als antworte sie auf Panullas Belehrung:
»Hei, Hö! Ich habe jetzt auch das Töten gelernt. Und, ich Likse, stelle mich auf den Kopf vor Vergnügen darüber. Das Töten ist eine viel lustigere Sache als das Wasserverkaufen. Und außerdem hast du doch nicht allen Branntwein bekommen, siehst du, Panulla. Ich habe noch ein paar Tropfen in der Nase.«
Likses Nasenlöcher trieben noch ein paar letzte große Blasen, welche zersprangen.
Dann wurde das mimische Gespräch der Toten abgebrochen. Die Tür öffnete sich, und die erstaunten Polizisten fanden die beiden Leichen der Weiber, die eine wie eine verrenkte Marionette in die Ecke geworfen, die andere wie eine kopfstehende Akrobatin vom Stuhl gefallen.
Niemand getraute sich während des Gewitters in das Zimmer zu treten und die Toten zu holen. Die Polizisten blieben starr unter der Tür stehen, wie Zuschauer vor einer Bühne. Nur die Monsunblitze, welche draußen in der Stadt wie Mordbrenner rasten, rannten rotfeurig durch das Fenster herein und um die beiden Leichen herum.
Die Jadestraße von Kanton, die so genannt ist nach den Juwelenläden voll von kostbarem Jadestein, ist die prachtstrotzendste Straße der Stadt. Trittst du in diese Straße, die wie alle durch ein Holzgitter von der Sargstraße, Metzgerstraße, Möbelstraße getrennt ist, glaubst du zuerst, du seist in eine übersinnliche Welt geraten. Die Jadeläden sind über und über vergoldet und von künstlichem vergoldeten Holzgitterwerk umrankt. Keine Glasscheiben trennen die Ladenräume von der Straße. Waldäste, vergoldete, und vergoldetes Blattgewirr, verschlungen in phantastischer Figurenwelt, hängen wie goldene Gardinen die Läden halb zu. Die Straße ist wie alle Kantonstraßen kaum für drei Menschen breit. Bei Regenwetter feucht und halbdunkel wie ein langer Kanal; dann grinsen die goldnen Ladenreihen wie spukhafte, goldene Scheiterhaufen, und smaragdgrün, indigoblau und purpurrot leuchten die senkrechten Ladenschilder wie unzählige Kulissen in der Straße. Drinnen laufen, lautlos gleich weißen Mäusen, die Chinesen in weißen, lila und hellblauen Harlekinkleidern, und ihre Köpfe erscheinen und verschwinden wie gelbe Vollmonde hinter den goldenen Ranken und bunten Kulissenschildern. – In dieser Gasse hatte Hei-Hee seinen Laden, hier hatte er sein ganzes Leben lang gelebt und war kaum je aus den Holzgittern der Straße hinausgekommen; erst jetzt, wo er starb, verließ er seit Jahren zum ersten- und letztenmal den Jadeladen. Sein Leichnam wurde zu den Grabkammern gebracht; das sind kleine Häuser in einem besonderen Stadtviertel an den Mauern von Kanton, wo die Toten auf die Beerdigung warten müssen.
Als Hei-Hees fünf Söhne die drei Särge des Vaters bestellt hatten, den silbernen, den elfenbeinernen und den Sandelholzsarg, die genau ineinander paßten, und darinnen man den reichen Jadehändler in der Grabkammer aufgestellt hatte, und ein Bonze den Tag prophezeien sollte, welcher der günstigste für die Beerdigung war, da fanden die Söhne inzwischen, daß ihr Vater nicht der reiche Mann gewesen, für den ihn die Leute bei Lebzeiten gehalten hatten. Nur Schuldscheine und kein Geld fand sich im Laden, und alle Jadekunstschätze des toten Händlers reichten knapp, um die Schulden zu decken, aber nicht um die drei kostbaren Särge zu bezahlen. Die fünf Söhne überlegten eine ganze Nacht und wachten im Sarghause bei der einbalsamierten Leiche des Vaters. Die Sarghändler kamen am dritten Tage und sagten:
»Wir geben euch unbegrenzten Kredit auf die drei Särge, nur darf euer Vater nicht mit den unbezahlten Särgen begraben werden und muß in der Grabkammer bleiben, bis ihr die Sargkosten bezahlt habt.«
Das war nichts außergewöhnliches in Kanton, und es ereignete sich öfters, daß die einbalsamierten Toten jahrelang liegen mußten, bis die Angehörigen die teuern Sargkosten bezahlen konnten.
Hei-Hees Söhne fanden darum die Rede der Sarghändler recht und billig und murrten nicht dagegen.
Die fünf Söhne berieten von neuem und der älteste sagte: »Ich werde nach Japan reisen und will dort versuchen, alten chinesischen Jadestein billig aufzukaufen und ihn dann in China, wo es jetzt immer weniger Jade gibt, teuer zu verkaufen und will mir bald ein Vermögen machen, um den Vater zu beerdigen.«
Der zweite der Brüder sagte: »Du wirst mit Jade nicht viel verdienen; ich werde nach Hongkong reisen und einen großen Opiumhandel anfangen. Mit meinem so erworbenen Vermögen werde ich die Särge eher bezahlen können, als du.«
Der dritte sagte: »Jade und Opium stehen schlecht heute; ich werde nach Shanghai reisen und dort an der ausländischen Börse Geldmakler werden. Dort lehren uns die Fremden, deren Kriegsschiffe den Shanghaihafen füllen, daß man ohne Waren schneller ein Vermögen an der Börse machen kann als mit einem Lager von Jade und Opium. Ich werde mit schnellerworbenem Geld den Vater früher beerdigen lassen können, als ihr.«
Der vierte der Brüder weinte und seufzte: »Ich werde hier am Sarge wachen, bis ihr drei wiederkommt, und werde jeden Morgen in die Opfertassen frischen Tee auffüllen und Wachskerzen kaufen und Sandelräucherwerk. Und der fünfte Bruder soll inzwischen den Laden hüten und mit den Jaderesten handeln, die wir noch besitzen, um wenigstens das Geld für die täglichen Ahnenopfer zu verdienen.«
So verabredeten es alle fünf und kehrten aus der Grabkammer zurück, um den letzten Nachmittag im Jadeladen zusammen zu verbringen.
Keiner der fünf hatte an die einzige Schwester gedacht, an das junge Mädchen, das ohne Vater und Mutter allein hinter dem Laden in den Wohnzimmern zurückgeblieben war. Sie saß dort unbeachtet im hintersten Zimmer, in der kreisrunden Tür, hinter dem Topfpflanzengarten und weinte in ihren seidenen Ärmel.
»Die Mädchen dürfen weinen und wünschen, die Männer müssen handeln,« hatten die Brüder einmal verächtlich zu ihr gesagt. Geweint hatte sie schon viel; aber was sollte sie sich wünschen? Sie schaute in das leere Haus, darinnen nur die dunkeln Perlmuttermöbel glitzerten. Verzweifelt nahm sie ihren grünen Jadepfeil aus dem schwarzen Haar und wollte ihn sich ins Herz stechen. Aber der glatte Pfeil sprang ihr aus den Händen, fiel hinaus auf das Porzellanpflaster des Gartens und zerbrach.
»Ich wünsche also nicht zu sterben,« sagte sie zu sich, »ich wünsche also weiter zu leben, sonst wäre der Pfeil nicht in meinen Händen zerbrochen. Der Pfeil ist vor meinem Lebenswunsch ausgewichen.« Und das Mädchen war froh, daß sie doch noch einen Wunsch zu leben hatte, denn eigentlich starb sie nicht gern. »Aber was soll ich mit dem Lebenswunsch anfangen,« dachte sie; »den Vater kann ich nicht begraben lassen, wie die Brüder können, also ist mein Leben unnütz. Wenn ich doch den Vater begraben lassen könnte, weil die Brüder jetzt kein Geld haben!«
Wie die junge Chinesin noch grübelte, was sie tun sollte, begann der Fußboden zu zittern, die bunten Glasscheibenwände, welche die Wohnzimmer voneinander trennten, begannen laut zu klirren, und im kleinen Gartenhof ertönte ein hohler Metallklang. Das junge Mädchen blinzelte erstaunt. In der Mitte des Hofes stand ein Silberbecken, darin sonst auf einer Metallspitze eine kleine Silberkugel balancierte; die Kugel war mit weithin tönendem Laut in das Becken gefallen. Das bedeutete Erdbeben, und bei dem Metallton mußten alle Hausbewohner flüchten.
Das Mädchen hörte Geschrei an allen Enden, es sah die Leute und die Dienerinnen kreischend durch das Haus fortstürzen. Die Wände schienen plötzlich zu wandern, die Zimmerdecke hob und senkte sich, die Blumentöpfe im Garten drehten sich alle im Kreis, die gelben und blauen Porzellanpflastersteine tanzten auf den Wegen. Das junge Mädchen sprang auf, aber wagte sich nicht vor und nicht zurück. Sie stand unter der Tür und klatschte in die Hände, um sich die Furcht zu vertreiben. Dann wurde die Luft grau voll Staub, daß sie nichts mehr sah. Die Ratten aus dem Haus liefen an ihr hoch, und eine blieb auf ihrem Kopf fest sitzen. Da rannte das Mädchen mit der Ratte auf dem Kopfe gerade aus, durch die zerbrochenen Glaswände der Wohnzimmer; sie mußte über gestürzte Stühle und große rollende Blumenvasen klettern. Sie lief blind durch die dicken Staubwolken, darinnen Hunderte von unsichtbaren Gegenständen krachten und stürzten. Sie wagte nicht mit den kleinen Händen nach der großen Ratte auf ihrem Kopf zu greifen. Aus dem Jadeladen waren ihre fünf Brüder in alle Winde fortgelaufen. Der rote Ahnenaltar am Eingang war eingestürzt, das junge Mädchen sprang über die Trümmer und wäre längst liegen geblieben, hätte sie nicht noch immer die Ratte auf ihrem Kopfe gefühlt. Sie stürzte durch die staubgefüllten Straßen, wie von der Ratte an den Haaren durch die Luft gezogen. Sie wußte nicht, daß sie durch brennende Häuser, über Tote und Verwundete hinweglief, bis es totenstill um sie wurde und sie sich auf einmal in dem Stadtviertel der Gräberhäuser, in der Grabkammer ihres Vaters sah. Dort sprang die Ratte mit einem Quietschlaut von dem Kopf des jungen Mädchens und grub sich vor ihr in die vom Erdbeben aufgewühlte Erde.
Das Mädchen kauerte am Boden und bemerkte gar nicht, daß der Leichnam ihres Vaters samt den drei Särgen verschwunden war. Als der Staub sich gelegt hatte, erschienen nach Stunden ihre fünf Brüder, einer nach dem andern, um nach dem toten Vater zu sehen. Aber wie erstaunten sie, als der Tode nicht zu finden war, und als sie am aufgebrochenen Fußboden entdeckten, daß die Erde ihren Vater samt seinen drei Särgen in die Tiefe gerissen und begraben hatte.
Das junge Mädchen sah auf und sagte: »Ihr sollt nicht staunen, ich habe als unnützes Mädchen gewünscht, den Vater zu begraben. Verzeiht mir, daß mein Wunsch für mich gehandelt hat; ich weiß, daß ich als Mädchen kein Recht zu handeln hatte.«
Da freuten sich die fünf Brüder und antworteten ihr: »Die Sarghändler dürfen keinen Toten mehr ausgraben, der einmal unter der Erde ist. Wenn du den Vater mit deinem stillen Wunsch begraben konntest, Schwester, dann bist du als schwaches Mädchen stärker mit deinem Weinen und Wünschen gewesen als wir Männer mit allem Handeln.«
Lei-Futsche, einer der jüngsten und angesehensten der Mandarinen von Shanghai, war am gleichen Tage wie der junge chinesische Kaiser geboren; in derselben Stunde, in derselben Minute, und sein Horoskop, das ihm die Sternkundigen aufstellten, stimmte eigentümlicherweise genau mit dem kaiserlichen Horoskop überein. Das wußte aber außer Lei-Futsche und seinem Freund Te-Po, dem Astrologen, niemand, und der Mandarin hütete sich wohl, mit jemand anders als mit Te-Po darüber zu reden. Die Kaiserin-Witwe, die damals statt des für immer als unmündig erklärten Kaisers regierte, hätte Lei-Futsche seines Horoskopes halber sofort gehaßt und gefürchtet, so wie sie den jungen Kaiser haßte. Eines Nachmittags lud der Mandarin den Astrologen in den Mandarinenklub von Shanghai ein, zu einer ganz außergewöhnlichen Stunde.
Te-Po erstaunte darüber. Er betrachtete auf seinen Sternkarten die Stellungen der Sternhäuser und stutzte; er ersah, daß seinem Freund heute der Tod drohte. Der Skorpion trat in das Haus des Planeten Jupiter, und dieser Planet war von lauter totbringenden Sternen umstellt und keine Rettung von irgendeinem günstigen Sternbild zu hoffen. Als Te-Po noch über die Sternstellung grübelte, hörte er die Messingmusik und die Trommler vor seiner Tür, und er zog sein enzianblaues Seidenkleid über das lilaseidene Unterkleid und stieg in die gelbe Sänfte, die ihm der Mandarin geschickt hatte.
Acht Sänftenträger, Soldaten, Trommler, Ausrufer rannten mit ihm in langem Zug durch die winkeligen Shanghaistraßen. Sie kamen zuletzt durch die Budenreihe der Bilderstraße, wo die Straßenmaler hinter den weißen Reisbildern saßen; Bilder füllten, wie weiße lange Fahnen, von der Decke bis zur Erde, jede der Buden. Und Te-Po dachte bei sich: Das Leben auf dieser Welt ist wie eine Bilderbude. Jeder hängt in sein Herz eine Reihe Erinnerungsbilder auf, wie die Straßenmaler tun, und die Bilder baumeln vor den Augen wie die Reispapierblätter im Wind, bis wir die Augen für immer schließen. Nicht einmal ein paar Bilder kann man in den Tod mitnehmen, auch die Bilder bleiben zurück, wenn der Maler stirbt.
Vor dem schmalen Gasseneingang an der Mauer des Mandarinenklubs in einem der engsten Shanghaiwinkel hielt die Sänfte. Im Mandarinenklub geben sich die Aristokraten der Stadt ihre gegenseitigen Einladungen. Der Klub besteht aus einem Gartenhof voll künstlicher Felsen; offene und geschlossene Lusthäuser aus rotem lackierten Holz stehen auf den kleinen künstlichen Gebirgen, zwischen Pflanzen und künstlichen Teichspiegeln. Die geschweiften, grauen Ziegeldächer der Häuser füllen in der sorgsam ausstudierten Wirrnis des engen Gartenraumes wie Riesenkähne den Himmel. Te-Po, geleitet von den sich bückenden Dienern, trat durch die unscheinbare Straßentüre ein. Zur linken Hand befindet sich die offene Halle des Hausaltars; vergoldete Holzwände umschließen von drei Seiten ein mächtiges goldenes Buddhabild. Die vierte Seite ist nach dem Hofraum offen. Ein langer Tisch voll Opferspeisen, wie ein Bahnhofbüfett, steht dort immer zur Schau, umgeben von einer Reihe brennender Kerzen. Te-Po bemerkte, daß der Opfertisch heute besonders reich mit gebratenen Ferkeln, gebräunten und dampfenden Gänsen und Hühnern angefüllt war. Der Fettgeruch vom Altar schlug ihm warm wie der Dunst einer Garküche entgegen. Te-Po verstand, daß wahrscheinlich sein Freund, der Mandarin, diese üppigen Opferspeisen in der unbewußten Vorahnung des Todes gestiftet hatte. Der Gartenraum glitzerte maigrün im blauen Nachmittag. Nicht höher als mannshoch über den Teichen stehen die roten Balustraden der hölzernen Lusthäuser. Durch das Gewirr der künstlich ausgesägten und ausgehöhlten Felsen führen winzige Steinstufen hinauf. Der ganze Hof aus Steingebirgen hat kaum einige fünfzig Schritte im Umfang. Aber die Lusthäuser auf den Anhöhen verstellen mit ihren Giebeln die hohe Umrahmungsmauer des Hofes so geschickt, daß man sich in einem meilenweiten Felsenchaos glaubt. Manchmal schiebt sich eine Mauer mit gipsernem und rotbemaltem Drachenkopf herein in die Wirrnis, und die Teiche liegen wie schwarze Abgründe eng gezwängt vor den kulissenartigen Gebirgen; im pechschwarzen Wasser glänzen die goldenen Dachrinnen, die roten Balustraden, grüne Maiblätter und hohe Schilfstände. Der Mandarin Lei-Futsche empfing seinen Freund im Pavillon gegenüber der Halle des Hausaltars. Obgleich beide langjährige Freunde waren, verbeugten sie sich eine lange Weile nach chinesischer Sitte, als ob sie sich eben erst kennen gelernt hätten. Sie lächelten fortwährend, ohne daß der eine dem andern seine Sorgen verriet, und sagten einander schöne Sätze, Anfänge von Gedichten und wohlwollende Sprüche.
»Ist die blaue Luft nicht die Wohltat des Himmels an die Erde!« wisperte der Mandarin und zog die vielen Ö-Laute der chinesischen Sprache singend hinaus. Sein Freund Te-Po antwortete ihm ebenso: »Und ist die Luft nicht das Reich der Singvögel, der Drachen und Gedanken! Mögen die Singvögel heute alle Drachen aus der Luft verbannen und mit deinen Gedanken um die Wette singen!« Der Mandarin komplimentierte unter zierlichen Verbeugungen seinen Freund zu der schwarzpolierten Opiumbank, die wie ein niedriges, viereckiges Podium im Hintergrund des Pavillons stand. Auf zwei dünnen, kupferroten Seidenkissen nahmen die beiden Herren Platz und zogen ihre Beine hoch. Der Mandarin klatschte in die Hände. Ein Diener, in langem himmelblauem Hemd, das bis an die Diele reichte, trat ein, stellte neben jeden Herrn zwei zugedeckte Teetassen und dazu zwei Schalen gebackener Mandelkerne. Die Herren hoben zum Gruß die Teetasse hoch, und jeder schob mit dem Porzellandeckel vorsichtig das heuartige Teekraut, das in der Tasse schwamm, zur Seite, und jeder schlürfte ein wenig von dem heißen, grünen Teesaft. Ein zweiter Diener hatte inzwischen eine kleine silberne Spirituslampe zwischen die Herren gestellt und überreichte zwei lange Opiumpfeifen aus Elfenbein. Jeder der Herren zündete eine winzige Opiumkugel, welche auf dem Pfeifenkopf lag, an der Flamme an, und jeder sog sein Opium mit ein paar langsamen Zügen auf; es war nur eine Erfrischungspfeife, keine Schlafpfeife, welche die beiden Herren rauchten. Sie gaben ihre Pfeifen dem Diener zurück, und unten aus dem Garten tauchten die Köpfe von zwei zehnjährigen Mädchen auf und das Gesicht einer blassen Frau. Die Frau war in dunkelblaue, fast schwarze Seide gekleidet, die Mädchen in hellblaue Seide, ähnlich den Dienern.
Die Diener führten wichtig und behutsam die kleinen Damen die Felsenstufen herauf. Die drei weiblichen Geschöpfe hatten künstlich verkrüppelte Huffüße und trippelten mit den Füßen kurz wie Ziegen aufstoßend herein. Ihre grünseidenen Schuhe hatten einen weißen Absatz in der Mitte unter dem Fuß, so daß jedes Weiblein wie auf kleinen weißen Stelzen balancierte.
Die drei Damen hatten sich etwas verspätet und fürchteten sich jedenfalls vor der Ungnade des Mandarins. Der aber rief ihnen freundliche Sätze zu: »Hat deine Zunge heute die schönsten Flügel mitgebracht?« fragte er die dunkelblau gekleidete Frau. Diese verbeugte sich fortwährend zitternd und lächelnd, ihr Haar war fest gebürstet und gescheitelt, glatt wie schwarzer Lack. Es war Mi-Lee, die Historiensängerin, welche bei Gastmählern im Mandarinenklub alte Sagen und Heldenlieder vortrug. Ihr Gesicht wurde immer blässer, je mehr sie sich verbeugte, und war in dem dämmerigen Pavillon wie ein Silbergerät, das auch noch im Schatten leuchtet.
Dann ließ sich die blasse Mi-Lee auf einen Schemel nieder, und die beiden Mädchen saßen zu ihren Füßen bei Saiteninstrumenten, die ihnen die Diener brachten. Mi-Lee hüstelte und begann mit ihrem kleinen, weißen Taschentuch den Mädchen zu winken. Die schlugen die Saiten an, als ob viele Gläser klirrten, und unter ihren Fingern sprang ein Gegirr von Tönen in die Luft, als ob ein Haufen wilder Insekten surrte und schwirrte. Die brummende und rasselnde Musik füllte den Pavillon, und die Töne tanzten wie ein pfeifender Kreisel. Das hohle Dach des Lusthauses gab wie eine Muschel das Gesumm hundertfach zurück. Eingesponnen von Musik, Opium und Teeduft, saßen die beiden Herren auf ihrer gemeinsamen Bank. Jeder von ihnen knabberte geröstete Mandelkerne zwischen den Vorderzähnen, und jeder sah belustigt aus, und keiner zeigte seine trauernden Gedanken dem andern. Mi-Lee wurde blasser von Sekunde zu Sekunde und erschien dem Astrologen zuletzt wie eins der weißen Reispapierbilder aus der Budenstraße. Die Historiensängerin neigte den Kopf, drückte die Augen zu, stützte das Kinn in die Hand, die das Taschentuch hielt, und begann mit näselnder Stimme wie eine Singorgel zu erzählen: »Der Vogel Blaufeder kam in den kaiserlichen Garten, flog auf das Porzellanhaus des Kaisers, das hinter dem Schildkrötenteich liegt.« – »Wer muß heute sterben?« fragte der junge Kaiser seinen Eunuchen, »der Vogel Blaufeder schreit über den Teich, das ist ein Zeichen, daß von der Kaiserfamilie heute ein Mitglied stirbt!« – »Wer muß heute sterben?« fragte der Eunuch und gab die Frage an die Ohrmuschel des Türhüters weiter. Der Türhüter, der den jungen, gefangenen Kaiser eingeschlossen hält, fragte: »Wer muß heute sterben?« und er betrachtete den kaiserlichen Gärtner, der zwischen den roten Fuchsien im Garten unter den Fenstern saß. »Wer muß heute sterben?« fragte der Gärtner mit den Augen seine Frau, die bei der Lieblingsfrau der drei Gemahlinnen des Kaisers Dienerin war.
Die Gärtnersfrau zitterte und ließ ihr Teetäßlein fallen, daß es zu Porzellanstaub zerbrach. Das Täßlein hatte ihr ihre junge kaiserliche Herrin geschenkt. Die Gärtnersfrau schaute erschrocken zu ihrem Mann, und ihre Augäpfel verschwanden, und vieläugige Tränen schauten ihren Mann an. Ihre Tränen glitzerten wie die Splitter von der Porzellantasse der Kaiserin, und der Gärtner riß sich an der Gartenschere, mit der er die Fuchsie beschnitt, und trocknete das Blut seines Fingers an seinem schwarzen Zopf ab, der sich über seine Schulter auf dem Achatsand des Gartens ringelte. Der Türhüter sah durch das Fenster verständnisvoll den Gärtner an, der sich geschnitten hatte. Der Türhüter biß die Zähne aufeinander, daß es knirschte und der Eunuch des Kaisers sich nach ihm umsah. Der Eunuch wurde noch gelber als die Seide des Kaisers und erzitterte am ganzen Leib, da er über den Türhüter und Gärtner und über die Gärtnersfrau fort die kleine Tasse der Kaiserin in Splittern sah. Der Kaiser aber stand auf, trat an das Fenster, warf sein Taschentuch hinaus in den Gartenwind, damit das Tuch den Vogel Blaufeder verjage. Der Vogel flog nicht fort, sondern blieb und schrie bis zum Nachmittag, bis zur Stunde, da die alte Kaiserinwitwe mit ihrem Hofstaat in den Garten des jungen Kaisers trat und vor den Augen des Kaisers die erste der drei jungen Kaiserinnen, die der Kaiser am liebsten hatte, in dem Wasser des Schildkrötenteichs vom Eunuchen, dem Türhüter und Gärtner ertränken ließ.
Mi-Lee, die Historiensängerin, war alt geworden, als sie das Lied der grausamen Kaiserin vor dem Mandarinen und seinem Freund zu Ende gesungen hatte. Gestützt auf die Diener, blasser, als sie gekommen, verließ sie das Lusthaus im Mandarinenklub. Lei-Futsche hatte ihr dieses Gedicht selbst aufgeschrieben und vor ein paar Tagen zugesandt. Sie wußte, daß der Tod darauf stand, wenn sie eine Legende aus dem Kaiserhaus öffentlich sang. Aber Mi-Lee kannte den Mandarinen, und ihm zuliebe, auf die Gefahr des Sterbens hin, sang sie das Lied.
Einer muß heute sterben, wußte sie, als sie fortging, entweder diejenige, die gesungen hat oder einer von denen, die zugehört haben.
Die Kulis brachten ihren Herrn, den Mandarinen, eine Stunde später in der Sänfte nach Haus; aber als sie die Sänfte im Hofe seiner Wohnung niedersetzten, saß er tot darin und stieg nicht mehr aus.
In derselben Nacht noch wurde der Sterndeuter von den Ausrufern, Trommlern und von Holzklappern geweckt, welche mit großem Lärm den Tod des jungen Kaisers noch vor Mitternacht in den Straßen von Shanghai ausriefen.
Te-Po denkt noch heute darüber nach, ob sein Freund, der Mandarin Lei-Futsche, zum Gefolge der Kaiserseele gehörte, weil er mit dem Kaiser zu gleicher Zeit geboren wurde und mit dem Kaiser zugleich gestorben ist.
Ozuma, der reiche Schildkrothändler von Nagasaki, hatte draußen vor der Stadt auf dem Hügel ein Haus mit einem Kirschgarten. Er zählte hundertfünf Jahre, sein Haar war weiß wie Milch, seine Hände dürr wie Schachtelhalme, aber sein Körper war ungebeugt. Er stand aufrecht in seinem Landhaus, dessen Papierwände weit aufgezogen waren, und er ließ die Leute von der Bergstraße aus durch sein Haus hindurch in seinen blühenden Kirschgarten schauen. Dort standen die Bäume wie mit rosa Daunen behangen, und darunter blühten scharlachne Rotdornhecken, die waren alt und verwachsen wie Korallenzweige. Zwei Fuß hoch über der Straße stand Ozuma in seinem schlafrockartigen, perlhuhngrauen Kaftan auf den strohgelben Bambusmatten seines Zimmers. Er hat zur Rechten die Bergstraße, zur Linken seinen rosa Blütengarten, darinnen jeder Blütenbaum voll Bienen wie ein Kochtopf brummte. So war es alle Tage im hellblauen Frühling, aber heute war ein grauer Frühlingsregentag. »Es regnet Fruchtbarkeit in den Garten und Gedanken auf die Straße,« sagte Ozuma, der alte und einsame, zu sich.
Alle seine Familienmitglieder waren tot. Enkel hatte er keine. Das schmerzhafteste für einen Japaner ist sonst die Einsamkeit. Aber sie war es nicht für Ozuma. Er redete mit allen Dingen, wie der Regen auf alle Dinge sein Echo gibt, und fand sich niemals einsam.
Seinem Hause gegenüber war das Teehaus der Bergstraße das einzige Haus am Wege. Dort fuhren die Rikschawagen, von Kulis gezogen, aus der Stadt und brachten viele Europäer herbei. Ozumas Kirschgarten war bis Europa und Amerika berühmt und stand mit einem Stern versehen in den Reisehandbüchern der Fremden. Wenn ein ausländisches Schiff am Vormittag im Hafen von Nagasaki, unten am Berg, im Frühlingstag vor Anker ging, dann rollte ein paar Stunden später ein Dutzend der winzigen Wagen hinauf in den Bambuswald und fuhr bei Ozumas Haus vorbei zum Teehaus, und die Fremden kamen herüber und blickten von der Straße durch das Haus bewundernd in Ozumas Kirschenblüte. Ozumas offenes Haus war dann wie die kleine Bühne eines Wandertheaters von Zuschauern belagert, und der Alte stand, wie der einzige Schauspieler auf der Bühne, mit seiner kurzen Bronzepfeife, die er ab und zu am Aschentopf vor sich ausklopfte. Er hatte so viele eingewurzelte Falten in seinem Gesicht, daß man glaubte, er lache immer. Wenn Ozuma noch so traurig und gedankenvoll war, glaubte jeder, daß er in sich hinein kichere. Und doch war er inwendig so ernst wie ein Dutzend Gräber. Aber seine Falten lachten unabhängig von seinem ernsten Innern, wie eine Maske, die ihm längst nicht mehr gehörte, und die er wie ein Schauspieler vor sein wirkliches Gesicht gebunden hatte. Ozuma hatte noch, als er neunzig Jahre alt war, englisch gelernt, zu der Zeit, als das Fremde Mode wurde in Japan. Er sprach damals öfters mit dem Reisevolke vor seinem Hause, und einmal hatte er eine Aussprache mit einem amerikanischen Geistlichen. Der erzählte ihm von der Auferstehung allen Fleisches. Seitdem verging kein Frühjahr, wo der alte Ozuma, gläubiger als jeder Christ, auf die Auferstehung allen Fleisches wartete. Auf die Auferstehung aller, die ihm gestorben waren, auf die Auferstehung seiner eigenen Jugend und Leibeskraft und auf die Auferstehung seiner feurigsten Liebeserinnerungen.
Es war heute einer der letzten Frühlingstage, und Ozuma hatte sein Haus wie immer weit offen. Der alte Teewirt und dessen Frau drüben bemerkten, als sie an diesem Morgen ihre papiernen Hauswände aufschoben, daß der alte Mann plötzlich über Nacht schwarze Haare bekommen hatte, schwarze Augenbrauen und rote, sehr rote Wangen und rote, sehr rote Lippen. Der Wirt und die Wirtin kicherten, wie Mäuse, die über ein Stück Speck hüpfen, und sie stießen sich gegenseitig mit den Ellenbogen an. Aber sie sagten nichts zueinander, sie wechselten nur einen Blick.
Die Wirtsfrau bürstete die roten Wolldecken, worauf die Fremden am Nachmittag sitzen sollten, der Wirt kauerte sich hinter seine Rechenmaschine, schob die bunten Holzperlen hin und her und lachte in sich hinein. Als es Nachmittag wurde, hatten der Wirt und die Wirtin schon ganz vergessen, daß Ozuma sich künstlich jung gefärbt hatte; sie fanden seine Farbe schon natürlich und waren selbst wie um sechzig Jahre verjüngt bei Ozumas Anblick. Der Wirt holte ganz in Gedanken seine Okarina hervor und pfiff ein Lied, das er seit sechzig Jahren nicht mehr gepfiffen hatte. Die Wirtin steckte sich eine rote Nelke aus ihrem Nelkentopf ins Haar und lachte jeden Augenblick zu Ozuma hinüber, wie vor sechzig Jahren. Damals war sie Tänzerin in Nagasaki gewesen und hatte manche Nacht vor dem reichen Ozuma in den Teehäusern des Freudenviertels von Nagasaki getanzt. Ozuma aber saß drüben vor seinem bronzenen Aschentopf, in seinem offenen Haus auf der gelben Strohmatte, und lachte wie immer mit tausend Falten, trotzdem er wie immer traurig war. Hinter ihm strahlte der Kirschblütengarten im grauen Regentag wie in rosa bengalischer Beleuchtung. Der Luftzug des Abends trieb ein Blütengestöber in das Haus, so daß es auf einmal nicht mehr leer schien. Die Fremden, die den ganzen Nachmittag die Bergstraße heraufgefahren waren, kehrten jetzt um, und als die letzte Rikscha den Berg hinunterrasselte, saß der alte junggeschminkte Ozuma immer noch hinter seinem Aschentopf und rührte sich nicht. Er ist eingeschlafen, sagte das Auge des Wirtes drüben im Teehause zum Auge der Wirtin, und sie blinzelten einander zu und verstanden sich. Wir wollen warten bis er aufwacht, antwortete die Wirtin ihrem Mann, indem sie sich auf eine der rotwollenen Decken niederkauerte und sich ihre kleine Pfeife anzündete. Der Wirt tat, wie seine Frau wollte, und hockte sich neben sie, und beide rauchten schweigend und hüteten sich, die Asche am Aschengefäß laut auszuklopfen, um den Nachbar Ozuma nicht zu wecken.
Und nun geschah etwas, was niemand weiß, niemand gesehen hat als nur ich, der ich euch das erzähle.
Der junggeschminkte Ozuma stand plötzlich auf und kam über die Straße herüber in das Teehaus; seine Augen knisterten vor Vergnügen, als er zu der Wirtin sagte: »Mondscheinchen, du sollst tanzen wie früher.« Die alte Wirtin lispelte etwas, das war leiser als das Grasrascheln. Sie stand verschämt auf, von ihrem Blut verjüngt beschienen wie ein Kirschgarten, und sie hob den Saum ihres Kleides ein wenig über die Fußspitze hinauf und begann zu tanzen, aber der Wirt, ihr Mann, stand gelb im Gesicht wie ein Büschel brennendes Bambusstroh da und trat zornig dazwischen und sagte: »Das ist mein Weib und nicht deines, Ozuma. Mein Weib tanzt nicht mehr für dich, auch wenn du ihr alle Schildkrötenschalen aus dem Nagasakiwasser in Gold gefaßt zu Füßen legst. Scher dich fort, Ozuma, ich teile mein Weib nicht mit deinem Geldsack.«
Ozuma aber klatschte in die Hände, dreimal, da kamen sechs Kulis hinter der Hausecke vor und warfen dem Wirt Holzasche in die Augen, banden ihn und legten ihn mit dem Gesicht auf den Boden, damit er nicht zusähe, wie seine Frau vor Ozuma tanzte. Ozuma sog begierig die Luft ein von dem Haar, von der Haut und von dem Seidenkleid der Frau. Aber er beherrschte sich und bat um nichts weiter als um die Nelke, die die Frau im Haar trug. Die Frau aber verweigerte ihm die Blume und sah Ozuma nicht mehr an. Da stand Ozuma auf und legte einen Beutel mit Gold, einen Schmuckkasten aus Schildkrot und eine weiße Korallenkette auf die Strohmatte neben den gebundenen Wirt. Ozuma selbst band dann den Mann los und sagte klagend zu ihm: »Erschlage mich, Nachbar, ich liebe deine Frau, aber sie liebt mich nicht.« – Der Wirt rieb sich die Asche aus den Augen und sagte: »Sie liebt dich nicht, Ozuma, darum sollst du leben, hundert Jahre und mehr leben und dich nach ihr totsehnen. Nimm nur dein Gold, deine Geschenke, ich erschlage dich nicht, nicht um alles Gold in der Welt.«
Druck von Hesse & Becker in Leipzig
Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik Niefern bei Pforzheim