The Project Gutenberg eBook of Transatlantische Reiseskizzen und Christophorus Bärenhäuter. Zweites Bändchen.

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Title: Transatlantische Reiseskizzen und Christophorus Bärenhäuter. Zweites Bändchen.

Author: Charles Sealsfield

Release date: December 19, 2014 [eBook #47706]
Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TRANSATLANTISCHE REISESKIZZEN UND CHRISTOPHORUS BÄRENHÄUTER. ZWEITES BÄNDCHEN. ***

Transatlantische Reiseskizzen
und
Christophorus Bärenhäuter.

Vom Verfasser des Legitimen und der Republikaner.

Zweites Bändchen.

Zürich,
bei Orell, Füßli und Compagnie.

1834.

Die Fahrt am Red-River.

Es war ein heiterer, heißer Junimorgen, als ich das Redriver[1]-Dampfschiff betrat. Die Sonne brannte wie ein glühender Hochofen, kein Lüftchen wehte, nur der Strom hauchte erfrischende Kühle aus seinen ungeheuern Wassermassen. Ich blickte noch einmal zurück an das Ufer, wo meine Quasi-Freunde standen, erwiederte ihre Grüße mit einem Hang ye[2], und eilte dann in den Salon.

[1]: Redriver, der rothe Fluß, der sich unter Natchez auf der westlichen Seite in den Missisippi ergießt. Weiter oben bildet er die Gränze zwischen den V. St. und Mexico.

[2]: Hang ye! Häng euch! Hol' euch der Henker!

Noch immer gellten mir die Worte in den Ohren: Wohl denn, laß ihn als Hagestolz vegetiren; ohnedem ist er ein wunderlicher Kauz. Beinahe hätte mir mein Spleen gleich beim Eintritte in das Staatszimmer Händel mit einem meiner Reisegefährten zugezogen, der in der Phrase: gemeine tückische Seelen, die ich wiederholt ausstieß, eine ehrenrührige Anspielung auf seine werthe Person zu hören wähnte. Im Grunde genommen, hatte die pfiffige Bostonerinn so unrecht nicht. Ich war wirklich ein ganzer Narr, achttausend Dollars seit vier Jahren Menschen hingegeben zu haben, die, um sie noch andere vier Jahre zu behalten, mir den hämischsten Streich spielten. Ich hätte aus der Haut fahren mögen. Mein ganzes Wesen zuckte. Ich hatte weder Rast noch Ruhe.

Qu'est ce qu'il y a donc, Monsieur Howard? sprach plötzlich ein etwas bejahrter aber ziemlich respectabel aussehender Mann mich an: Est-ce que vous êtes indisposé? Allons voir du monde.

Ich schaute den sonderbaren Mann mit aufgerissenen Augen an, der so ganz sans façon meine werthe Person in Anspruch zu nehmen beliebte, und war schon willens ihm recht vornehm befremdet den Rücken zu kehren, als er mich bei der Hand nahm, und ganz gemächlich zur Thüre des Damensaales zog. Allons voir, Monsieur Howard.

Mais que voulez-vous donc? fragte ich ziemlich ärgerlich den zudringlichen Menschen.

Faire votre connaissance, erwiederte er artig und lächelnd, indem er die Thür aufthat, und mich so ins Innere des Salons blicken ließ.

Monsieur Howard! redete er zwei Mädchen an, die so eben beschäftigt waren, ein Schock Ananasen und Bananen an den Säulen des Staatszimmers aufzuzuknüpfen, wie sie in Alt-England mit den Söhnen Erins und im Neuen mit Zwiebeln zu thun pflegen. Mes filles, voilà Monsieur Howard votre voisin! Beide kamen auf mich zu, grüßten mich wie einen alten Bekannten, und boten mir, als hätten wir seit Jahren aus einer Schüssel gegessen, von ihren süßen Vorräthen an. Das ist doch sehr zuvorkommend in der That! Ich könnte zehn Jahre bei meinen lieben Landsmänninnen herumreisen, ohne in die Gefahr zu kommen, mir den Magen auf eine so schöne Weise zu verderben. Ich mußte zugreifen, wir setzten uns, und die Mädchen fingen an zu plappern und zu lachen, daß ich, so weh es mir im Herzen that, nicht unterlassen konnte mit einzustimmen. Eine ganz angenehme Stunde war vergangen, und eine zweite und dritte würde gefolgt sein, wenn meine angeborne Virginische steife Etiquette mir diesen Genuß inmitten der fröhlichen Geschöpfe länger gestattet hätte.

Wir nehmen zusammen unsern Thee hier, Papa, riefen die beiden Mädchen, als ich mich vom Sessel erhob, und wahrlich ich habe Ursache diese Einladung und meinen Glücksstern zu segnen; denn unsere Reisegesellschaft ist nichts weniger als gewählt. Ein sonderbarer Schlag Menschen! Beinahe sollte man glauben, man sei im alten Kentuck. Viehhändler und Metzger von Neworleans, die sich nach den nordwestlichen Counties spediren, halb wilde Jäger und Trappers[3], die von Begierde brennen, recht bald die Steppen jenseits Nacogdoches[4] zu sehen, und da die Indianer zu zivilisiren, oder, besser zu sagen, zu betrügen; Krämer, in und um Alexandria herum angesessen, diese bilden die sogenannte respectable Masse unserer Gesellschaft, und eine derbe Masse ist's, nach der Dicke ihrer Sohlen und behuften Absätze zu schließen. — Das dichte Laubwerk vor uns, ja das ist die Mündung des Red-Rivers! Sie ist halb überwölbt von den ungeheuren Bäumen, die zu beiden Seiten über den Fluß hin hängen. Welch ein Contrast mit dem Missisippi, der hinströmt, breit, gewaltig und finster, das leibhafte Bild eines nordischen Eroberers, der mit seinen stinkenden Horden hervorbricht aus seinen öden Steppen, um eine halbe Welt zu verwüsten, während der Red-River — den wir hochtrabend den Nil von Louisiana mit gerade so viel Fug und Recht nennen, als ein Schuhmacher irgendwo in Massachusets seinen Sohn Alexander Cäsar Napoleon taufte — durchs Gebüsch und die Ebene hinschleicht, wie die verrätherisch lauernde giftige Kupferschlange, — Cocytus sollte er heißen.

[3]: Trapper, ein Biberfänger-Jäger in den Steppen zwischen den Felsenbergen und den Staaten Missouri und den Gebieten Missouri und Arkansas.

[4]: Nacogdoches, der erste mexikanische Ort, auf den man stößt, wenn man Louisiana verläßt.

Da sind wir denn am Eingange des ersten Sumpfes, aus dem dieser vermaledeite rothe Fluß herausströmt. Es ist ein unheimlicher Anblick dieser Sumpf, der, durch den Zusammenfluß des Tensaw, des White und Red-River gebildet, einen ungeheuren Spiegel des üppigsten Grüns dem Auge darbietet, das beim ersten Anblick eine Terra-Firma erscheint, mit Bäumen, von denen Wurzel und grasiger Schlamm in langen Festons herabhängen. Eine ungeheure Wiese, möchte man schwören, bis man allmälig die dunkelgrünen Sumpflilien sich bewegen, und zwischen diesen weißlich-braune häßliche Rachen sich aufthun sieht, die Töne ausstoßen, vor denen der Neuling schaudert. Es sind Hunderte von Alligatoren, die gleich Sechzigpfündern durch die üppig giftige Pflanzenwelt auf ihre Beute hinschießen. Ihre Brunftzeit hat begonnen, und das dumpfe schauerliche Gebrüll, das rings um uns her ertönt, hat wirklich etwas Grauenerregendes. Man glaubt sich im Hauptquartier des Todes, der seine Pfeile in den tausend verschiedenen Fieberarten aussendet.

Boys a head, schallt die Stimme des Capitains.

Wir haben den Sumpf passirt und nähern uns dem Ufer, auf welchem ein schwarzbraunes Paar an einen Holzstoß gelehnt uns erwartete. Wir nehmen Feuerung ein. Mein Auge folgte bewußtlos der Rotte, die sich über die Breter drängte, als ein wildes Lachen und die Worte tallow face an meine Ohren schlugen. So zeitlich schon, dachte ich, und so ganz in meiner Nachbarschaft, und ich schritt über die Bretter ans Ufer hinan. Ja es war wirklich so, und das Opfer stand in dem armen Kaisergardisten leibhaft vor mir. Seine Haut ist bereits durchsichtig, aber es ist dieses eine Durchsichtigkeit, die scheußlich anzusehen ist. Die Farbe weder blaß noch gelb, eine Mischung von Talglicht- und Bronzefarbe, — wir nennen es tallow face, Unschlitt-Gesicht, — um seine Augen glänzt bereits der weiße Ring; die Linse rollt, als wäre sie von einem innerlichen Feinde umher getrieben. Der Neid, so fürchterlich vom alten Naso gezeichnet, ist Kinderspiel gegen diesen Anblick. Und doch scheint und ist er gleichgültig. Monsieur Devigne, rief ich ihm zu, comment s'en vat-il? Der Mann starrte mich an, drückte mir die Hand und murmelte ein très-bien, während die häßliche Negerinn mich am Rocke zupfte, und mir grinsend zuflüsterte: Ah Massa! tallow face soon ague cake[5].

[5]: Tallow face soon ague cake, so viel, als sein Gesicht hat bereits das Aussehen eines Talglichtes — bald wird er den Fieberkuchen haben. Dieser letztere ist eine Anschwellung des Unterleibes wie ein Brodlaib und der unmittelbare Vorbote gänzlicher Auflösung.

Ich stieß das ekelhafte fühllose Wesen unwillig zurück, und wollte eben mit dem armen Franzosen einige Worte sprechen, als die Stimme des Capitains wieder erschallte: All hands on board! Armer Teufel! dachte ich, als ich über die Brücke hinschritt. Die Wüsten Egyptens, die Schlachtfelder Marengos und Waterloos haben dich verschont, damit das Ague-Fieber sein Opfer nicht verliere. Und statt des Bedauerns schallt ein wüstes rohes Lachen vom Verdeck herüber. Beinahe scheint es, als ob sie Freude über seine baldige Auflösung empfanden.

Welch eine Erscheinung ist doch der Mensch! Wäre dieser Elende auf diesen unheimlichen oder einen ähnlichen Pestort von seinen Obern gesandt worden, alles Gold der Erde würde kaum vermocht haben, ihn hier zu halten. Nun aber kam er aus freier Wahl, wahrscheinlich vertrieben aus besserer Gesellschaft durch seine Verbindung mit der Schwarzen, und so fällt er denn seiner Leidenschaft, ein vielleicht nur zu wohl verdientes Opfer. Das Plätzchen, worauf seine Hütte steht, ist nicht einmal sein Eigenthum, aber das kümmert ihn nicht. Er hat einige Morgen Waldes gelichtet, Korn und Tabak hingepflanzt, und diese, mit dem Verkauf des Holzes, fristen sein Leben, und würden ihn wahrscheinlich wohlhabend gemacht haben, wenn diese häßliche Schwarze nicht sein Abzugskanal gewesen wäre. Einige Schritte rückwärts steht seine Hütte, und vor der Thüre wühlen ein paar nackte dunkelbraune Ungeheuer im Schlamm herum. Sie sehen mehr Schweinen, denn menschlichen Wesen ähnlich, aber sie sind gesund und munter, und sie sind es, die die Natur zu Bebauern dieses Landes bestimmt hat. Ihre Aeltern vegetiren ein paar Jahre, bis die ague cake ihren Leiden ein Ende macht. Sie haben sich mühsam eine Hütte gebaut, im Schweiße ihres Angesichtes ein Plätzchen urbar gemacht, ihren Kindern kommt ihre Arbeit zu gut. Geboren in dem giftigen Qualme, gewohnt an die pestilenzialischen Ausdünstungen, sind sie von Mutterleib an gezeitigt und wachsen heran, so wie die Sumpfrose unter giftigen Thieren und Pflanzen, um Kindern und Kindeskindern Leben und Gedeihen zu geben. So entsprang die Bevölkerung Nieder-Louisianas, und so wird sich der Same hier mehren. Der erste ist lange verwittert und vermorscht; er kam von allen Weltgegenden, allen Ländern. Schuldner, Revolutionäre, Verbrecher, Exilirte, und wieder Männer, die ein besseres Schicksal verdienten, alle haben sie hier ihr Grab gefunden; aber gerade in diesen werthlosen Geschöpfen, wie wir sie in unserm Stolze nennen, zeigt die Natur ihre waltende Sorgfalt. Ja, was als der Krebsschaden der Welt betrachtet wird, der Abschaum, die Hefe der civilisirten Gesellschaft, das dient ihr, diese Wildnisse zu bevölkern, und uns — aus dieser Saat vielleicht eine neue Art Heloten zu bilden, und so einen Schaden mit einem ärgern zu verkleistern.

Ei, die Natur meint es gut, aber unser frostiger, kalkulirender, aristokratischer Geist — aber silentium, und kehren wir zu den Demoiselles zurück, deren Namen ich, so wahr ich lebe, vergessen habe. Doch da kommt mein freundlich zudringlicher Creole selbst, und führt mich den holden Töchterchen zu. Eine derselben lies't den Guillaume Tell, und das andere schäkert mit einem schwarzen Mädchen so familiär, daß es der Mistreß Houston Vapeurs verursacht haben würde.

Sie sind, höre ich, auf ihrer Heimreise vom Ursulinerinnen-Kloster in Neworleans, wo sie ihre Erziehung erhalten haben. Aber wo sie den musternden Feldherrnblick herhaben, dürfte schwer zu errathen sein. Doch nicht von den frommen Schwestern, hoffen wir? Die ältere examinirt mein werthes Ich mit wahren Kenneraugen, gleichsam als wollte sie sich zuerst überzeugen, ob der Versuch sich auch der Mühe lohne. Sie scheint um die Neunzehn herum zu sein, und sich ein wenig zum Embonpoint zu neigen. Es ist wirklich amüsant, die comfortable Manier zu beobachten, mit der sie zuerst sich selbst im gegenüber hängenden Spiegel und dann meine Wenigkeit mißt; ihr Blick gleitet vom Kopf zu den Füßen, der nähern Beaugenscheinigung wegen, und um sich zu überzeugen, ob man auch Stand halten könne. Niemand wünscht bei uns in einem so wichtigen Geschäft hinters Licht geführt zu werden. Doch ich werde boshaft, und ich sollte wirklich meinem guten Gestirne danken, daß es mich unter so liebe Menschen brachte, wirklich liebe Menschen, trotz des argen Kokettirens der Aeltern. Es würde einen ganzen Katalog füllen, alle die Items aufzuzählen, mit denen sie das Damenzimmer vollgepfropft haben. Ein Glück, daß sie alleinige Besitzer, und folglich ausschließende Gewalt in diesem ihrem zeitweiligen Territorium haben. Sonst müßte es Krieg geben. Sie führen eine halbe Briggsladung von Citronen, Orangen, Ananas und Bananen mit sich, und der Alte hat wenigstens drei Dutzend Kisten mit Chambertin, Lafitte und Medoc. Er ist doch kein Weinhändler? Auf alle Fälle zeigt der Mann Geschmack; er ist erhaben über die so gemeinen Stoffe Hollands, Gin und Whisky, bei deren bloßem Anblicke einem schon übel wird. Todes- und Laster-Essenzen sollte man diese grünen und braunen Compositionen nennen, zusammengekocht von spitzbübischen Quacksalbern zur Schande und zum Verderben Bruder Jonathans. Und doch ist dieser Bruder Jonathan von Natur nichts weniger als ein Zecher, ja eher nüchtern und mäßig. Aber diese unglückseligen Söhne und Töchter Erins! — Es thut mir leid, aber ich kann es nicht verhehlen, sie sind die Verführer. Und was das Schlimmste ist, sie wollen auch nicht den guten Rath hören, den ihnen unsere Temperanz-Gesellschaften so salbungsvoll spenden, um sie nüchtern und mäßig zu machen. Nein, sie wollen absolut nicht, noch wollen sie die Zeitungen lesen, die zu gleichem Behufe für zwei Dollars per annum etablirt sind; das heißt zwei Dollars, wenn voraus bezahlt, und drei, wenn am Ende des Jahres — oder gar nicht.

Aber es ist nicht artig so herumzuwandern, und die lieblichen Demoiselles allein zu lassen. Wir haben denn beschlossen, unsern Thee en famille zu nehmen. Monsieur Menou jedoch hält sich zu seinem Chambertin. Und ich gedenke beide zu versuchen. Sie, ich meine die Demoiselles, sind wirklich ganz nette Geschöpfe, so heiter, so lebendig; ihre Zungenfertigkeit ist ganz einzig, und ihr naives Geplapper möchte einen Misanthropen zum Lachen bringen. Aber es gibt Momente, wo man nun einmal trübegelaunt sein muß, Momente, wo das Gemüth von einer Windstille niedergedrückt ist, einer Windstille, so lähmend und entnervend wie die, welche im heißen August nach einem westindischen Orkane eintritt. Das Bischen Vernunft, umhergetrieben und gelähmt im vorhergegangenen Sturme, ist erschöpft, der Körper selbst hat seine Kraft verloren, und die Ruhe, die eintritt, ist die unleidentlichste Pause, ein ekelhafter Stillstand. Jedes Objekt berührt dann unsere Sinne unangenehm, und unser Verstand erliegt hülflos wie das Schiff, das, auf seine Beamsends von den riesig anschwellenden Wellen geworfen, sich nur allmälig oder gar nicht zur Thätigkeit aufrichtet. Ich war just in dieser Lage. Nie hatte mich oder vielmehr meine Eigenliebe Schlag auf Schlag so getroffen — erstens diese tolle Liebe, dann die erlauschte Entdeckung der Falschheit meines besten Freundes. — Wir hatten uns seit unserer frühen Kindheit gekannt und geliebt. Unsere Herzen und Börsen, und letzteres will viel bei uns sagen, waren sich wechselseitig offen. Die Verschiedenheit unserer Charaktere bestand bloß in gewissen leichten Schattirungen, in der Hauptsache stimmten wir wie zwei Uhren überein, die in ihren Sekundenschlägen abweichen, aber im Ausschlage zusammentreffen. Und nun —! Eine halbe Stunde mit dieser verführerischen Eva — und Freundschaft und alles ist dahin. — Und, was das schönste ist, wäre ich guter Narr mit meinen achttausend Dollars nicht ein Deus ex machina erschienen, so wäre Mistreß Richard noch zu dato Miß Bowstring genannt. Ich konnte es nicht mehr aushalten; ich mußte hinaus ins Freie. Die Nacht ist sternenhell; bloß der Fluß ist mit einem schmalen Nebelstreifen überhangen. Die hohlen Schläge der Dampfmaschine scheinen aus weiter Ferne herüberzuprallen; es ist das Gebrülle der Alligatoren; zwischen diesen die Klagetöne der Whippoorwill. Kein einziges Licht am Ufer, aber Milliarden von Feuerkäfern, die über die Cypressen und Papaws ein magisches Helldunkel verbreiten. Zuweilen streifen wir so nahe am Ufer hin, daß die Zweige der Bäume rasselnd an unserm Bote zusammenbrechen. Morgen denn um diese Zeit werde ich in meinem Tusculum ruhen, für heute wollen wir mit unserm winzigen Staatsbettchen vorlieb nehmen. So eben kommt der Capitain mir anzuzeigen, daß endlich unsere lärmenden Reisecompagnons zur Ruhe befördert sind. Die Uhr schlägt zwölf.

Ja diese Nacht! diese Träume! Es war mir, als ob alle Drangsalen meiner frühen Jugend sich über mich hingelagert, und in einem Vampyre vereinigt meine Geistes- und Körperkraft erdrückt, und ausgesogen hätten. Und so schwer wurde die Last, daß ich ausrief im Schlafe, und beinahe die ganze Gesellschaft in Schrecken versetzte. Ich hatte ihn wirklich abgeschüttelt den Vampyr, und ich fühlte mich erleichtert. Ich bin herzlich froh, denn sollte dieser liebenswürdige Spleen noch vierundzwanzig Stunden länger gedauert haben — wahrlich, ich hätte allen Umgang mit Menschen aufgeben mögen. Wohl denn, ein frischer Windzug hat sich erhoben, und der wird die an einander schlagenden Segel schon wieder füllen. Das bon jour! des Creolen lautet jedoch ziemlich trocken und prüfend. Es schien, als wollte er in meiner Miene lesen, ob seine Höflichkeit nicht wieder mit einer unartigen Steifheit vergolten werden dürfte. Wohl, ich will mir Mühe geben, die üblen Eindrücke zu vertilgen. Es sind gute Menschen diese Creolen, nicht allzu gescheidt, immer sind sie mir aber lieber als die pfiffigen Yankees, trotz ihrer närrischen Tanzlust, die sie selbst nicht bei ihrer ersten Ansiedelung verläugnen konnten. Es muß toll genug ausgesehen haben, wie sie so in ihren Wolldecken umher trabten und französische Menuets aufführten. — Doch, es ist zwölf Uhr, der Auszugsdampf läßt sich hören, das Schiff nimmt wieder Feuerung ein.

Monsieur! voilà votre terre, sagte der Creole auf das Ufer und die Holzstöße deutend. Ich blickte durch das Fenster, und wirklich ich finde, der Creole hat Recht. Wir hatten so lange mit den Demoiselles geplaudert, daß Stunden und Meilen wie Augenblicke dahin flogen. Mein Aufseher hatte seit meiner Abwesenheit ein Holzlager für Dampfschiffe errichtet. Wenigstens eine Verbesserung! Und da ist er selbst, der leibliche Mister Bleaks. Der Creole scheint gute Lust zu haben, mich nach Hause zu begleiten. Ich kann es nicht hindern, hoffe jedoch, er wird nicht gar so artig sein. Ich hoffe. Nichts abschreckender als eine derlei Visite, wenn man Jahre lang von Haus und Hof entfernt gewesen; die Laren und Penaten eines Hagestolz sind die sorglosesten aller Götter.

Mister Bleaks! sprach ich, indem ich an ihn herantrat, der in seinem rothen Flanellhemde und Calicot-Inexpressibles und Strohhute sich eben nicht sonderlich um seinen Oberherrn zu kümmern schien, wollt ihr so gut sein, die Gig und Koffer ans Ufer bringen zu lassen?

Ah, Mister Howard! erwiederte der Mann, sind Sie es! hatte Sie nicht so bald vermuthet.

Hoffe doch nicht unwillkommen zu sein? erwiederte ich ein wenig ärgerlich über des Mannes echt pensylvanische Trockenheit.

Sie sind doch nicht allein gekommen? fuhr er in eben dem Tone fort. Sind Sie? frug er mich mit einem Seitenblicke messend. Dachte, Sie würden uns ein Dutzend Blackee's mitbringen; wir brauchen sie.

Est-il permis, Monsieur? fragte nun der Creole, seine Hand in die meinige legend und auf das Haus hinweisend.

Und das Dampfschiff? bemerkte ich in einem Tone, so gedehnt, das einen nur mittelmäßig in der Physiognomik oder Psychologie Bewanderten belehrt haben müßte, daß er wahrlich überflüssig sei.

Oh, das wird warten, erwiederte er lächelnd. Was wollte ich machen? ich mußte die Reise nach meinem Hause mit dem wunderlichen Manne antreten, so schwer es mir auch fiel. Und wahrlich, es fiel mir schwer! Es war ein gräulicher Anblick, ein Gräuel der Verwüstung. Alles sah so hinfällig, so verloren, so verdorben aus, daß mir der Ekel aufstieg. So hatte ichs nicht erwartet. — Von der Einzäunung um den Hausgarten standen bloß einzelne Fragmente; im Garten selbst trieb das liebe Borstenvieh sein Wesen. Und das Haus! Gott sei mir gnädig! Keine Scheibe ganz; alle Fensterrahmen mit alten Hosen und Kitteln und zerrissenen Weiberröcken ausgestopft. Ich konnte keine Orangen- und Citronenlauben erwarten, ich hatte sie nicht gepflanzt; aber dieß! — nein, es war wirklich zu arg.

Jedes Gemälde sollte seine Schattenseite haben, wenn es nicht ein à la Fresco-Gemälde ist; aber hier war Alles Schatten — Nacht. Keine lebendige Seele zu sehen während unserer Tour vom Ufer durch die modernden Riesenstämme, zwischen denen wir uns durchzuwinden hatten. Hier endlich läßt sich etwas Lebendiges sehen. Es ist ein Trio schwarzer Ungethüme, die mit Marius und Sylla sich im Kothe herumbalgen, ein halbes Hemde am Leibe, und schmutzig wie es nur Menschenkinder sein können. Und die Affen, sie starren mich mit ihren rollenden Augen an, und galloppiren dann lachend hinters Haus. Ah! die alte Sibylle! Sie steht vor einem Kessel, der von einer Stangenpyramide herabhängt: ein wahres Contrefait der Macbethischen Hexen. Nun starrt sie auf uns, ohne sich jedoch zu bewegen. Ich muß ihr schon selbst meine Aufwartung machen. Ah, nun erkennt sie mich, und kommt mit ihrem ungeheuren Löffel auf mich zugeschritten. Es wundert mich, daß sie ihren Truthahnkragen noch nicht umgedreht, der mich fünf und siebenzig Thaler kostete. Nun rennt sie und schreit und weint vor Freuden. Ein Wesen denn wenigstens, das Freude bei meiner Ankunft äußert. Und die Aengstlichkeit, mit der sie auf den Kessel und die drei Pfannen hinsieht, in denen Schinken und getrocknetes Schweinefleisch kochen; sie ist augenscheinlich noch nicht mit sich eins, ob sie Kessel und Pfannen oder mich im Stiche lassen soll. Doch der Creole scheint ihren Jammer aufs höchste zu steigern. Sie erhebt ihre gellend durchdringende Stimme; niemand läßt sich jedoch blicken.

Et les chambres, heult sie, et la maison et tout, tout —

Ich wußte nicht, was sie mit ihrer Jeremiade wollte. Sie deutete auf meinen Begleiter, krächzend: Mais mon Dieu! pourrais-je seulement un moment — Tenez-la, Massa! bat sie, indem sie mir den Löffel hinhielt, und eine Bewegung des Umrührens machte, und wieder auf das Haus deutete.

Que voulez-vous donc! rief ich aufgebracht, und nun kam die Aufklärung: die Zimmer waren nicht gereinigt, nicht gelüftet, kurz, in einem Zustande, der nicht zuließ, daß ein Fremder sie betrete. Sie brauchte nichts als eine kleine Viertelstunde, sie in Ordnung zu bringen, und während dieser Zeit würde ich wohl so gut sein, der Ehre des Hauses wegen einstweilen das Gemüse und die Fleischklumpen im Kessel umzuwenden, und die Pfannen dabei nicht vergessen. Ich hieß sie zu allen Teufeln gehen und kehrte mich dem Hause zu. Einen Trost hatte ich, den nämlich, daß meines Begleiters Residenz wahrscheinlich nicht glänzender, wenn ja noch so gut war; diese Creolen oberhalb Alexandria leben noch wie die halben Indianer. Auch schien Monsieur Menou der horrible Zustand meines Hauswesens gar nicht zu befremden. Als wir in den Salon kamen, fand ich, statt der Sophas und Sessel, Haufen von grünem und mexikanischem Cotton-Samen; in einer Ecke alte Wolldecken, in der andern einen Waschzuber. Die Zimmer waren noch ärger hergenommen: in meinem Schlafkabinette hatte Bangor seine Residenz aufgeschlagen, und die Musquittovorhänge waren wahrscheinlich in Mistreß Bleaks Behausung gewandert. Ich eilte von dieser gräuelvollen Unordnung dem Hofe zu, mein ganzes Wesen war aufgeregt.

Mais tout cela est bien charmant! sprach der Creole. Ich schaute den Mann an; er war ganz ernsthaft. Ich schüttelte den Kopf, denn fürwahr ich war nicht in der Laune, Spott zu ertragen. Der creolische Plagegeist jedoch ergriff wieder meinen Arm und zog mich den Hütten meiner Neger und weiter den Cottonfeldern zu. Es waren die üppigsten Felder trotz der gränzenlosen Nachlässigkeit; der unglaublich fette Boden hatte die Stauden beinahe mannshoch hinaufgetrieben, und es war im Juni. Der Creole prüfte mit Kenneraugen und schüttelte den Kopf.

Die Glocke ertönte vom Dampfschiffe her. Gott sei Dank, dachte ich.

Monsieur! sprach er, la plantation est bien charmante, mais ce Mistère Bleak ne vaut rien, et vous — vous êtes trop gentilhomme.

Ich verbiß das derbe Compliment, meine Zähne knirschten jedoch unwillkürlich.

Écoutez! fuhr er fort, vous irez avec moi.

Moi! sprach ich. Ist der Mann toll, mir einen solchen Vorschlag zu thun, kaum zehn Minuten nachdem ich mein Haus betreten!

Oui oui Monsieur! sprach er, vous irez avec moi. J'ai des choses bien importantes à vous communiquer.

Mais Monsieur! erwiederte ich ziemlich frostig, je suis bien étonné d'une proposition si étrangère —

Et faite par un étranger, fügte der Creole lächelnd hinzu. Mais vraiment, Monsieur Howard! vous êtes venu sans prendre les précautions nécessaires comme je vois — — et la fièvre. Ah Monsieur, quand on est forcé de s'échapper de ses amis —

Ich blickte den Mann staunend an; woher wußte er dies? Die Glocke ertönte ein zweites Mal.

Eh bien! fragte er, plaît-il ou non?

Ich stand verlegen, sinnend, ärgerlich. J'accepte de votre offre, sprach ich endlich meiner selbst nicht bewußt, und eilte schnell mit ihm dem Dampfschiffe zu. Mister Bleaks schüttelte verwundert den Kopf. Ich bedeutete ihm, etwas mehr Acht auf die Pflanzung zu haben, und wollte eben die auf das Dampfschiff führenden Breter betreten, als meine fünf und zwanzig Neger heulend hinter dem Hause hervorgerannt kamen.

Massa! um Gotteswillen, Massa, bleibt bei uns! riefen die Männer. Massa, guter, lieber Massa, nicht gehen! Mister Bleaks! heulten die Weiber.

Ich winkte dem Kapitain, eine Weile zu halten.

Was fehlt euch? fragte ich ein wenig betroffen.

Einer meiner Sklaven trat vor und entblößte seine Schultern, zwei andere folgten seinem Beispiele.

Ich warf einen durchbohrenden Blick auf Mister Bleaks, der grinsend lächelte. Es war für meine Ehre und mein Gewissen ein wahrhaft rettender Moment, der meine armen Neger herbeigeführt hatte. In der Tollheit meines Wesens wäre ich dem Creolen gefolgt, ohne mich auch nur im mindesten um das Loos von fünfundzwanzig Menschen zu erkundigen, die ich unter so schlechten Händen gelassen. Ich entschuldigte mich kurz beim Creolen, versprach einen baldigen Besuch, um nähere Aufklärung über seine räthselhaften Worte zu erhalten, und verbeugte mich. Der Mann erwiederte kein Wort, rannte über die Breter, wisperte dem Capitain etwas in die Ohren, und verschwand in den Staatssalon.

Ich hatte weder Zeit noch Lust mich länger mit ihm zu befassen, und war schweigend, umgeben von meiner schwarzen Bevölkerung, dem Hause zugegangen. Das Dampfschiff ging so eben ab, als mich etwas am Arme anfaßte, — es war der Creole. Nun bei Gott, das ist zu toll. Es fehlte nur noch, daß er seine beiden Demoiselles auch mitbrachte. Der Mann jedoch sprach ganz trocken: Vous aurez besoin de moi avec ce coquin-là. Nous nous arrangerons aujourd'hui, demain viendra mon fils et après-demain vous irez avec moi. — Ich schwieg und ließ den Mann reden, denn wirklich seine Zudringlichkeit schien an Narrheit zu gränzen.

Meine armen Neger und Negerinnen weinten und lachten vor Freude; die Kinder schmiegten sich an ihre Eltern; Alle aber hingen mit erwartendem Blicke an mir. Ich befahl ihnen, in ihre Hütten zu gehen, von woher ich sie rufen lassen würde.

Damn these blakies![6] sprach Mister Bleak, als sie den Rücken gewandt hatten: sie haben schon lange nicht wieder die Peitsche gekostet.

[6]: G—tt verdamme diese Schwärzlinge, Schwarzköpfe.

Ich gab dem Manne keine Antwort, bedeutete der alten Sibylle, Beppo und Miza zu rufen, und winkte ihm, sich zu entfernen.

Das soll wohl gar ein Verhör sein? höhnte Mister Bleaks; da wollen wir auch dabei sein.

Keine eurer Unverschämtheiten, Mister Bleaks! sprach ich; erwartet meine Verfügungen und entfernt euch.

Und keine Ihrer Vornehmheiten, erwiederte der Mister. Wir sind in einem freien Lande, und Sie haben keinen Neger vor sich.

Der Mann trieb mirs ein wenig zu bunt. Mister Bleak, sprach ich mit so vieler Fassung, als ich vermochte, ihr seid hiemit entlassen. Eure Anstellung geht bis 1. Juli; wir haben noch zwanzig Tage, sie sollen euch bezahlt werden.

Ich setze keinen Fuß von der Schwelle, bis ich meinen Gehalt und Auslagen und Vorschüsse empfangen, erwiederte der Mann trocken.

Bringt mir eure Rechnungen, erwiederte ich; das Blut fing an in meinen Adern zu kochen.

Der Mann hatte durchs Fenster seinem Weibe zugerufen, die zur Thüre hereinkam; nachdem sie einige Worte mit einander gewechselt hatten, entfernte sie sich wieder.

Ich hatte unterdessen meinen Koffer geöffnet und einige Rechnungen, Briefe, Quittungen durchgesehen.

Das Weib kam mit den Rechnungsbüchern herein, und stellte sich mit gespreizten Armen hin. Ihr Mann ging ganz gemächlich in die nächste Stube, brachte zwei Sessel, und die beiden Eheleute setzten sich.

Wahrlich, unsere liebe Freiheit hat doch auch verwünscht viel Unbequemes!

Den 20. December 25 Ballen Cotton, 4 Fässer Tabak in Blättern an Mr. M—n abgeliefert, begann er; den 24. Jänner dito 25 Ballen und 1 Faß Tabak in Blättern.

Richtig! erwiederte ich.

Das war unsere ganze Ernte, fuhr der Mann fort.

Ein ziemlicher Abstand vom vorletzten Jahre, bemerkte ich, 95 Ballen und 50.

Wenns dem Gentleman nicht recht ist, so hätte er nicht in der halben Welt herumvagiren sollen, fuhr Mister Bleaks heraus.

Und uns da in diesem Fieberpfuhle verschmachten lassen, ohne Geld und alles, bemerkte Mistreß Bleaks.

Weiter! sprach ich zu ihrem Manne.

Das ist Alles; davon habe ich von Mr. M—n empfangen als Besoldung sechshundert Dollars, kommen mir noch dreihundert Dollars zu.

Gut! erwiederte ich.

Ferner, fuhr der Mann fort, für Wälschkornmehl und Schinken und gesalzenes Schweinefleisch und Wolldecken und Cottonzeuge ausgelegt vierhundert Dollars, macht siebenhundert; ferner viertausend Zaunpfosten zu Fenceriegeln: Summa siebenhundert vierzig Dollars.

Ich rannte um Schreibzeug und Feder nach der Stube, wo die Trümmer meines Sekretairs standen, schrieb einen Gutschein an meinen Banquier, und kehrte zurück. Diesen Menschen wollte ich um keinen Preis länger im Hause haben.

Erlauben Sie, — sprach der Creole, der dem Vorgange als stummer Zeuge zugesehen hatte, indem er nach dem Papiere griff.

Vergebung, mein Herr! erwiederte ich beinahe aufgebracht über des Mannes Zudringlichkeit; in diesen Angelegenheiten wünsche ich mein eigener Herr und Rathgeber zu sein.

Halten Sie ein, und erlauben Sie mir einige Fragen an Mister Bleaks, fuhr der Mann fort, ohne sich durch meine Abweisung irre machen zu lassen. Will Herr Bleaks seine Rechnung nochmals lesen?

Wüßte nicht warum! Kümmert euch um's Eurige! war die Antwort.

Dann will ichs für Herrn Bleaks thun, sprach der Creole.

Den 20. December fünf und zwanzig Ballen Cotton und vier Fässer Tabaksblätter an Mr. M—n abgeliefert. Ists nicht so?

Mister Bleaks gab keine Antwort.

Den 23. December zwanzig Ballen Cotton und ein Faß Tabak an Mr. G—s abgeliefert. Ists nicht so?

Die beiden Eheleute fingen an ihre Farbe zu verlieren.

Den 24. Januar fünf und zwanzig Ballen Cotton und ein Faß Tabak abgeliefert, fuhr der Creole fort, und den 10. Februar wieder zwei und zwanzig Ballen Cotton und zwei Fässer Tabak an Mr. G—g abgeliefert. Ists nicht so?

Verdammte Lüge! platzte der Aufseher heraus.

Die wir sehr bald zu beweisen gedenken, fuhr der Creole fort. Herr Howard, Sie haben an diesen Mann eine Anforderung von netto zweitausend fünfhundert zehn Dollars, um die er sie schändlich betrogen; fünfhundert Dollars werde ich später nachweisen.

Das Ehepaar schnaubte vor Wuth; ich war wie aus den Wolken gefallen.

Wir müssen eilig mit diesen Menschen sein, wisperte mir der Creole zu, sonst sind sie verschwunden, ehe man es sich versieht. Senden Sie sogleich zum Friedensrichter M. wegen des Verhaftsbefehls, und geben Sie dem Sherif und beiden Constables einen Wink. Unten kann er nicht hinaus; er wird es aber oben versuchen.

Ich traf sogleich die Anstalten, und sandte Bangor, meinen gewandtesten Burschen, ab. Der Junge hüpfte vor Freude.

Und an das Haus G—gs, bemerkte der Creole, muß sogleich geschrieben werden.

In einer Stunde war Alles geschehen. Der Montezouma kam so eben den Fluß herab. Wir riefen den Capitain ans Land, gaben ihm einige Winke wegen des Vorgefallenen, empfahlen ihm unsere Briefe, und waren so eben im Begriffe, ihn zu seinem Boote zu begleiten, als eine Gestalt sich durch die Baumstämme hin schob und wand, und längs dem Holzstoße sich dem Dampfschiffe zu schlich. Es war Mister Bleaks, so eben im Begriffe, eine Excursion nach Neworleans zu machen. Wir fanden den ehrlichen Mann unter den Schiffsleuten und bereits zum halben Neger mittelst Kohlenruß geschwärzt. Natürlich unterblieb die Reise und vier handfeste Gesellen beförderten ihn wieder in seine Wohnung. Für ein zweites Reißaus hatten wir gesorgt, und am folgenden Morgen wanderte der Mister in festeres Gewahrsam.

Aber lieber Monsieur Menou, fragte ich den Mann, als wir bei Tische saßen und er so eben die zweite Bouteille von seinem Chambertin öffnete, denn auch diesen hatte der gute Mann nicht vergessen, — wie kommt es doch, daß Sie so viele unverdiente Theilnahme mir beweisen?

Ei, ei! Ihr gebornen Bürger-Aristokraten sollte ich sagen, versetzte der Mann halb lächelnd, halb ernst: Ihr könnt dieses freilich nicht begreifen in eurem echt republikanischen, starren, stolzen Egoismus, der nur auf sich selbst denkt und vornehm auf uns Creolen und die übrige Welt herabschaut, als Wesen einer untergeordneten Race; wir vergessen uns selbst nicht, gedenken jedoch auch unserer Nachbarn. Ihre Affairen, sowohl des Herzens als der zeitlichen Güter, sind mir ganz genau bekannt, und wie Sie sehen weiß ich guten Gebrauch davon zu machen.

Ich drückte dem Manne herzlich und schweigend die Hand.

Wir lieben euch nordische Herren nicht sonderlich, aber Sie machen eine Ausnahme; Sie haben etwas von der französischen Etourderie im Geblüte, und vieles von unserer Generosität.

Ich lächelte über den vorgehaltenen Sittenspiegel.

Sie haben sich von ihren Freunden lange zum Besten halten lassen, und man amüsirt sich über den Korb, den Sie für bloßes Beschauen empfangen.

Ich sprang von der Tafel auf. Bei allen T.....n!

Ja, ja, mein Herr! lassen Sie das gut sein; Emilie Warren ist ein treffliches Mädchen, aber doch eine Yankeein, für Sie zu gescheid.

Danke fürs Compliment.

Morgen kommt mein Sohn; ihre Pflanzung bedarf nur einer festen Richtung und eines kleinen Kapitals von acht- oder zehntausend Dollars, dann kann sie sich in ein paar Jahren mit jeder am Missisippi messen. Mein Sohn wird ihr diese Richtung geben, und Sie bleiben einige Monate bei mir.

Aber Mister Menou!

Keine Aber, Herr Howard! Sie haben die nöthigen Summen; sie schaffen noch zwanzig Hände herbei — für gute wollen wir sorgen. Morgen das Weitere.

Am Morgen kam der junge Menou, ein schlichter, gewandter Jüngling von etwa zwanzig Jahren. Der Tag verging in Besichtigung der Pflanzung. Der junge Mensch hatte mein volles Zutrauen in wenig Stunden gewonnen. Ich empfahl ihm die Meinigen, und am Abende schifften wir uns nach seines Vaters Pflanzung im Ploughboy[7] ein.

[7]: Ploughboy, der Name eines Dampfbootes.

Nicht sehr interessant, aber recht natürlich.

Der gute Creole hatte christlich an mir gehandelt. Als wir vor dem Hause des Friedenrichters anhielten, und ich ihm — er war bereits im Schlafrocke — die näheren Ursachen meines Ansuchens um Verhaftung Mister Bleaks eines weitern auseinander setzte, kam mir der gute Mann mit dem naiven Geständnisse entgegen: Wußte Alles, lieber Mister Howard, sonnenklar; sah jeden Ballen, um den er Sie bestahl, oder bestehlen wollte.

Aber um's Himmelswillen, Mann! fuhr ich heraus, warum ließen Sie dieses so angehen?

Weil es mich nichts anging, Lieber, versetzte er mir trocken.

Hätten Sie wenigstens meinen Anwald benachrichtigt.

Ging mich nichts an, war wieder die Antwort; doch plötzlich seine Augen starr auf mich richtend, fing er ziemlich derb an, mir eine Art Strafpredigt zu halten, auf die ich nichts weniger als gefaßt war. Ei, ei! begann er, die Schlafhaube aufs linke Ohr setzend, da kommt ihr jungen Herren mit eurem Dutzend Blakies aus dem Norden, werft dem County ein paartausend Dollars zu, glaubt dafür gemächlich den Absentee-Gentleman spielen zu können, und uns recht sehr zu beehren, wenn ihr uns die Mühe überlasset, euch die Dollars und Banknoten zusammenzuscharren und nachzuschicken, daß ihr sie oben oder gar außer Landes verzehren möget. Mir thut's beinahe leid, Mister Howard, daß Sie nicht sechs Monate später kamen.

Und so dem Wichte Zeit ließ, sich mit der Beute davon zu machen?

Er hat wenigstens gearbeitet, und hat Weib und Kind, und ist dem County und dem Lande nützlich geworden.

Ei der Teufel! fuhr ich dazwischen. Nun wirklich, für einen Friedensrichter haben Sie einen sonderbaren Codex.

Der weder von Boni, noch von Livingston, aber echt patriotisch ist, versetzte der Mann ernst, auf die Stirne deutend.

Ich sah ihn mit aufgerissenen Augen an; aber er mich auch. So unrecht hat er im Grunde nicht. Worin bestünde auch der Unterschied zwischen einem Louisianer oder Virginier, und einem irischen oder englischen Aristokraten? Bei uns ist jedoch noch nicht viel Gefahr vorhanden. Echt vornehme Reiseunternehmungen gedeihen nun einmal nicht; mich wenigstens hätte mein Versuch bei einem Haare dreitausend Dollars gekostet. So, wie die Sachen standen, waren sie jedoch gerettet: die Gelder noch in den Händen der Mst. G—s, die wahrscheinlich in diesem Punkte wie Squire Turnips dachten. Ich übergab dem Manne die nöthigen Vollmachten und Papiere, wünschte ihm eine gute Nacht, und wir schüttelten einander herzlich die Hände. Der Morgen graute bereits herauf, als wir das Dampfschiff zum zweitenmale verließen, um eine Carosse zu besteigen, die zwar schrecklich aus der Mode war, uns aber rasch fortbrachte. Eben hatte ich mich wieder dem lieblichen Morpheus in die Arme geworfen, als eine sanfte Stimme nicht zehn Schritte von uns rief: Les voilà! Ich blickte auf, rieb mir die Augen, — es war Louise, die jüngere Tochter des Creolen, die nun vor der Veranda stand und uns willkommen hieß. Welche von unsern lieben nordischen Evatöchtern würde wohl dahin zu bringen gewesen sein, des Papa willen um sechs Uhr ihr jungfräuliches Lager zu verlassen, und für uns schwarzen Kaffee bereit zu halten, damit die bösen Ausdünstungen nicht unsern Appetit verderben? Monsieur Menou schien jedoch in der hingebenden Aufopferung seines Töchterleins gar nichts Außerordentliches zu finden, und zögerte nicht, Erkundigung einzuziehen, ob die Leute bereits ihr Frühstück im Leibe und den Pflug und das Grabscheit in der Hand hätten. Auch über diesen Punkt wußte Louise Auskunft. Zugleich erwies es sich, daß sie in den vier und zwanzig Stunden ihres Daheimseins sich ziemlich tief in die Verhältnisse ihrer schwarzen Liege-Subjekte einstudirt habe. Tom hatte sich nämlich einen Splitter in den Fuß gerannt, Pompey hatte Augenweh, er schielte stark nach Sarah, und Curgy hatte eine neue Eroberung am Cato eines Nachbarn gemacht, — Alles Dinge, die zwar für Menou und Louisen sehr interessant sein mochten, mich aber sanft zum Gähnen brachten. So sah ich mich denn unterdessen im Speisesaale um, dessen Ameublement mir einen Vorgeschmack der hier existirenden Civilisirung geben sollte. Die Matten waren das Neueste, und sehr elegant; aber das sideboard war schrecklich aus der Mode. Tische, Sesseln und Sopha französisch, statt amerikanisch. An den Wänden hingen ein paar Kupferstiche; nicht die Schlacht von New-Orleans, oder die glänzenden Siege Perry's und Bainbridge's über die Britten auf den Champlain- und Erie-Seen; nein, ein paar Curiositäten aus Louis-Quinze und Seize Zeiten. Ueberhaupt hatte das Ganze einen ziemlich starken, oder vielmehr matten Beigeschmack vom ci-devant Franzosenthum, nicht dem republikanischen, oder kaiserlichen, oder restaurirt-jesuitischen, nein, dem verlorenen, verdorbenen alt-royalistischen.

Ja, die wahre comfortable Art zu leben und zu sein findet man nur beim echten Amerikaner oder Engländer, vorausgesetzt, er habe Batzen; der Ueberrest ist noch im Barbarenthum versunken: Prunk und Flitter im Schauzimmer, und Schmutz und Fäulniß im Schlafgemach und auf dem Leibe. Es ist eine arge Sache um unsern Stolz und Uebermuth und unser ewiges Kritisiren; aber wir können es nun einmal nicht lassen. Wir schauen so gerade zu und tief; der gute Pabst ist uns bloß ein alter Mann, und ein König ein anderer, wenn er nicht jung ist, und Menschen und Bücher sind vor uns aufgeschlagen, wie unser offenes Land, und wenn wir ja ein bischen spöttisch unsere armen transatlantischen Brüder in Adam durchhecheln, so wissen wir wohl, daß uns von ihnen auch nichts geschenkt wird. Wenn wir so einander in die Haare geriethen, wie würden sich die alten schleimig-schwammigten Legitimaten und ihre Laquaien freuen! — Doch genug; die stündige Relation ist vorüber, und wir erheben uns, um einen Blick auf das Aeußere zu werfen. Nun, das Haus laßt einmal sehen! Es lehnt sich an einen zuckerhutähnlichen Maulwurfshügel, den einzigen, den es für Meilen in der Runde herum geben soll. Gegen Süden, Osten und Westen ist es mit einem dichten Rahmen von Akazien- und Cottonbäumen eingefaßt; nur die Nordseite liegt offen für das Flüstern des Boreas, der bei uns ein wunderlieblicher Gast ist. Ein helles Bächlein (für Louisiana wenigstens) strömt seine Gewässer von der sanften Anhöhe in einen kleinen See, der, würde ein Yankee sagen, 180 Fuß lang, 80 breit, einen Fall von 45 Fuß hat, und so eine herrliche Gelegenheit zu Maschinenwesen darbietet, wenigstens zu einer Gerberei, ein sicheres Antidote gegen die Cholera. Wir hoffen, der Czar wird uns mit seinem Cadeau verschonen; wir sind ja seine besten Freunde, sagte die letzte Präsidentenbotschaft. Ich habe nichts gegen die Freundschaft des Czars, das ist ein feiner, artiger Mann; aber mit seinen stinkenden, loyalen Bojaren, da mag er uns in Ruhe lassen.

Doch, zu Monsieur Menou's Haus zurückzukommen. Es sind eigentlich drei Bauwerke, die, zu verschiedenen Zeiten von Großvater, Vater und Sohn gebaut, nun in eines vereint sind. Die Ursache dieser Vereinigung gereicht dem Herzen des Creolen zur Ehre: — Meine Kinder sollen sich stets erinnern, wie schwer es ihren Großeltern geworden, welche Mühseligkeiten sie zu erdulden hatten, um ihren Nachkommen bequemere Tage zu verschaffen. — »Ja, das sollen sie,« erwiederte eine Stimme hinter uns, gerade als wir vor dem Seechen standen. — Madame Menou, j'ai l'honneuer de vous présenter notre voisin, Monsieur Howard. — »Qui restera chez nous pendant long-tems,« frohlockten die beiden Mädchen. — Ich verbeugte mich pflichtschuldigst vor der Dame, und konnte kaum eine Antwort geben, als die beiden Geschöpfe mich, jede bei einer Hand ergriffen, und mich nolens volens ins Haus und durch ein halbes Dutzend Zickzack-Gänge und Gängchen zogen, um mir mein Zimmer zu zeigen, wobei ich nicht wenig Gefahr lief, mir Stirne und Knochen an den mannigfaltigen Ecken und Windungen zu zerschellen. Glücklich langten wir jedoch in einem achteckigen Gemache an, das sie mir als das wohnlichste bestimmt hatten, indem es unmittelbar über dem Wasser und so stets kühle sei. Und wieder zogen sie mich heraus, und hinunter ging es zu Pa und Ma. Die Ma war eine comfortable, behaglich aussehende, gute Dame, mit einem etwas flachen Gesichte, in dem jedoch ein Ausdruck von Gutmüthigkeit und laisser aller vorherrschend war, bei dem man sich recht wohl, so gleichsam zu Hause fühlte. Sie nahm mich so ganz als alten Bekannten auf, als wäre ich ihr seit Jahren erkohrener Schwiegersohn gewesen: keine Complimente, kein geschraubter Anstand; selbst ihre Gesichtszüge nahmen sich nicht einmal die Mühe, das bei Fremdenempfange gewöhnliche Feiertagskleid anzuziehen. — Doch siehe da! was hat dies zu bedeuten? Eine Dame mit zwei Gentlemen — augenscheinlich sind es Ausländer. Die Olivenfarbe des Einen verräth ihn als einen spanischen Abkömmling, der Andere ist jedoch schwerer zu definiren. Sie kommen von der Veranda herab und schließen sich an uns an, wie Hausgenossen. Sie wurden mir aufgeführt als Signor Silveira und Signor Pablo; die Dame ist die Gattin des Erstern. Eine edle Gestalt, Augen schwarz, Nase römisch, stolz und fein geformt, ein prachtvoller Mund mit herrlichen Reihen von Elfenbeinzähnen, ein Teint, brunett und zart, — das ganze Wesen hat für eine Ausländerin wirklich etwas Anziehendes. Ich habe bisher immer unsere nordischen Mädchen für die schönsten gehalten, selbst die Brittinnen nicht ausgenommen — diese könnte unsern ersten Prachtausgaben die Palme streitig machen. Doch softly — lieber Howard, Don Silveira, scheint es, behält seine Frau gerne für sich, und auch Louise ist ein wenig verstimmt über meine etwas zu republikanischen Blicke. Keine Gefahr! eheliche Galanterien sind mir verhaßt. Freiheit und Eigenthum! ist unser Wahlspruch, und Eheleute sind gegenseitiges Eigenthum. Ich halte mich zur Bouteille, die mir vom Dejeunertische herüberblinkt, an dem wir uns, dem Himmel sei Dank, niederlassen, denn es wird mir ganz curios zu Muthe — squeamish, wie wir in Virginien zu sagen pflegen. Unsere Gäste jedoch sind ganz ernst und solenn, essen wenig, und die steaks waren doch so vortrefflich, und die jungen quails unvergleichlich, und der Chambertin so wahrhaft napoleonisch. Wohl, was den letztern betrifft, so habe ich gar nichts dagegen einzuwenden; bleibt ja uns desto mehr übrig.

Wer sind diese Messieurs mit der Dame? fragte ich meinen Wirth, als sie von der Tafel sich erhoben und den Saal verlassen hatten.

Mexikaner, antwortete Menou; aber wer sie sind, könnte ich Ihnen unmöglich sagen.

Wie, Sie kennen sie nicht? fragte ich.

Ich kenne sie wohl, sonst wären sie nicht in meinem Hause; aber meine Familie, flüsterte er mir zu, kennt sie nicht.

Arme Teufel! dachte ich; auch Freiheitsopfer, die ihre sieben letzten Dinge am Altar der Göttin dargebracht, und zur Belohnung von Haus und Heimath vertrieben worden sind. In dem Mexiko sieht es noch wüste aus; Guerrero, Bustamente, Santa Anna obenan, und unten eine Race, der man nichts Besseres wünschen könnte, als einen echt moskowitischen genialen Treiber, so einen Peter, der sie so lange knutet, bis sie Raison lernen; meint Monsieur Menou nicht? aber ich. Ei die Freiheit! ja, sie ist ein göttlicher Funke, der leicht sprüht, aber nur dann fängt, wenn das erkannte Menschenrecht und der feste Wille, es aufrecht zu halten, in Millionen wie Stahl und Stein zusammenschlägt. Wo der Funke einzeln aufsprüht, da fängt er nicht im morschen Zunder des verjährten Despotismus; es müssen Millionen Funken sein, und dann brennen die morschen Trümmer lustig weg, und auf ihnen läßt sich allenfalls der Altar der Göttin bauen. Es wird lange währen, bis dieser miserable Sklavenhaufe sich aus dem Schlamm ganz erhebt; aber zum Theile hat er es schon gethan, und aus dem Chaos bildet der göttliche Funke ja seine Wunder!

Julie und Louise hatten sich mittlerweile in das anstoßende Zimmer begeben, um die dritte oder vierte Revue über die tausend und eine Wichtigkeiten zu halten, die sie von der Hauptstadt mitgebracht. Wer die Mama so sah, wie sie mit wahrer Herzensfreude den Vorsitz bei der Musterung führte, welche die Brüßler Spitzen, Gros de Naples, Indiennes, Gauze und tausend andere Dinge zu passiren hatten, konnte das Bild echt creolischer Comforts malen. Kein Schmollen über die endlosen Items; Alles war charmant, Alles hatte seine Bestimmung, und ich wunderte mich nur, an welchem Theile dieser drei Leiber die hunderte von Ellen figuriren sollten, die auf Tischen, Sesseln, Sopha's und Schränken ausgebreitet waren, und eine ganze Grafschaft von New-Jersey's Schönen in Prachtausgaben hätten umwandeln können. Die ganze Familie ist wahrlich ein Muster von fröhlich-harmlos glücklichen Wesen; eine gewisse ungekünstelte Natur, ein fröhlicher Muthwillen, der stets seine Gränzen kennt und nie dem Anstande zu nahe tritt. Jeder und Jede verrichten ihre Aufgaben in einem lachenden, fröhlich schäkernden Tone, der aber bei alle dem so wohl wie unser stattlich steifes Wesen zu gedeihen scheint; wenigstens ist die Ordnung im Hauswesen bewundernswerth, und das Dejeuner war deliciös. Selbst Mistreß Houston, die wegen ihrer Diners und Dejeuners berühmte Mistreß Houston hätte hier noch in die Schule gehen können, — und ich bin Kenner in diesem Punkte. Ich habe mich einmal sterblich, ich glaube, es war meine neunzehnte ernstliche Liebschaft, in ein Massachusets-Prachtexemplar verliebt, deren Lockenköpfchen, so wahr ich lebe, bereits drei Novellen entsprungen, so sentimental und phantastisch albern, sie hätten einer Deutschen Ehre gemacht. Ich war ganz rasend in sie versessen, bis es ihrer Ma unglückseliger Weise beifiel, mich zu einem dîner en famille zu bitten; da ruinirten die ledernen Hammel-Cotelets für zwei Tage meine Zähne, und für immer meine neunzehnte Liebe. Doch, versparen wir unsere weiteren Lobeserhebungen, bis wir mehr Salz mit den Leutchen gegessen haben. Unser Sprichwort ist: Love me a little, but love me the longer. Wir wollen die lieblichen Geschöpfe der Obhut der Ma überlassen, und mit Herrn Menou seine Pflanzung besehen. Sie ist so übel nicht; au contraire, die Lage gegen den Fluß hin, die Bewässerung durch Gräben, die Cotton- und Wälschkornfelder, prachtvoll. Der Mann hat über dreihundert Acker in Kultur und eine jährliche Ernte von zweihundert fünfzig Ballen, — ein hübsches Einkommen! Nur drei Kinder, die Pflanzung hat viertausend Acker — die Partie wäre nicht so übel. Was würde aber die Welt dazu sagen? Der aristokratische Howard mit einer vielleicht half-breed[8]-Creolin! Er hat jedoch sechzig Neger und Negerinnen, und eine ganze Herde von Nachwachs, und die Mädchen sind so übel nicht — Milch und Blut — besonders Louise. — Wollen sehen.

[8]: Half breed, Schwarzhäute, oder half blood, Halbblütige, wird die durch Vermischung mit den Indianern entstandene Caste genannt.

Apropos! fragte der Creole, als wir so durch die Feldergassen hinstrichen; Sie haben dreitausend Dollars bei G—gs?

Ich nickte.

Und achttausend bei Misthere Richards?

Woher wissen Sie dies, lieber Monsieur Menou?

(Per parenthesin! — Wir lieben es, den Franzosen und Ausländern, unsern Cousin John Bull ausgenommen, den Titel Monsieur zu geben. Es ist so ein Mittelding zwischen Herrn und Sklaven, während der Mister oder Master — der Meister — den freien selbstständigen Mann bezeichnet, und deshalb für uns vorbehalten wird.)

Monsieur Menou lächelte auf meine Frage. Woher weiß ich, sprach er, daß Misthere Howard fünfzehnhundert Meilen gereiset ist, um die schöne Emilie Warren zu sehen, die von seiner Ankunft wußte, und doch sich an Misthere Doughby vergab?

Und dabei ein Gesicht schnitt, wie eine wahre Iphigenie in Aulis, brummte ich.

Der Mann nickte. So etwas weiß man, sobald man den haut-ton der Hauptstadt in seinen Ohren sausen gehört.

Siehe da! Monsieur Menou, der schlichte Monsieur Menou also auch ein haut-ton-Mann, sprach ich beinahe ein bischen spöttisch, auf des Mannes ungebleichte Pantalons und Jacke und Strohhut schielend.

Meine Frau ist eine geborne M—y, mein Großvater war Parlamentspräsident zu Toulouse, war seine Antwort.

Ich verbeugte mich. Die indianische oder schwarze Race hat also zur Verjüngung des Samens nicht, wie ich argwohnte, beigetragen.

Und wirklich hat denn, fuhr ich fort, der arme Howard zum Theegespräche herhalten müssen?

Ja, sprach der Mann, und wenn ich der Mister Howard wäre, so wollte ich meinen lieben Freunden einen recht herrlichen Spaß spielen.

Lassen Sie doch hören.

Der Mann schüttelte den Kopf. Leuten Rath geben, die sich klüger dünken, und auch vornehmer, das thut Menou nicht.

Ich sah den Mann betroffen an. Er hat recht! Ein Sterling-Charakter, wie er, kann für eine Weile den Hohn Unsereines mit ertragen; aber die Geduld eines Job hatte auch ihr Ende.

Wir gingen eine Weile neben einander her. Wollen Sie meinen Vorschlag hören? fing er endlich wieder an.

Sehr gerne.

Und versprechen, daß mir die Ausführung überlassen bleibt?

Ich bedachte mich, und sagte dann zu.

So überlassen Sie mir von den eilftausend Dollars, die Sie so werthlos liegen gelassen, siebentausend zu freiem Schalten und Walten.

Und Richards? fiel ich ein.

Ist besser daran, wie Sie. Sein Sie großmüthig, wo es hilft und erkannt wird; aber Güte wegzuwerfen und sich selbst zu schaden, ist thöricht. Hier haben Sie das Recepisse für die Summe; ich werde Ihnen über die Verwendung Rechnung tragen.

Und mit diesen Worten überreichte er mir wirklich das schon fertig geschriebene Recepisse. — Der Mann hat ein kleines Plänchen mit mir, und griff mir ein wenig zu energisch in mein Sein und Handeln. Der Gedanke an Richards fing an mir schwer am Herzen zu liegen. Mein indolentes Wesen mit den albernen Begriffen von Generosität etc., die ich aus Wagenladungen von Romanen zusammengeschöpft, empörte sich gegen die Idee, dem Freunde gerade jetzt so mitzuspielen. Doch mein Wort war gegeben, und ich sagte zu. — Julie und Louise schienen mich kaum zu bemerken, als wir ins Haus traten. Die Eine hatte mit der Küche und dem Hauswesen alle Hände voll zu thun, die Andere schnitt und riß in den Ginghams und Indiennes herum, daß man es auf fünfzig Schritte krachen hörte; beim Souper jedoch ging das tolle Wesen los, das Schäkern nahm kein Ende. Es schien, als ob die Mädchen, nachdem sie die Tageslast abgeschüttelt, erst vor dem Schlafengehn zum eigentlichen Leben erwachten.

Die drei Fremdlinge mit ihrer Grandezza genirten sie nicht im mindesten. Gegen acht Uhr wurde die Ungeduld über das lange Sitzen zu rege. Sie wisperten und wisperten, und ehe wir es uns versahen, hatten sie die Tafel verlassen, und waren in den Salon geschlüpft.

Die Töne eines harmonischen Pianoforte wurden gehört.

Wir müssen eilen, sprach der Creole, sonst setzt es verdrießliche Gesichter. Und so gingen wir denn in den Salon.

Nun, dieser Salon ist wirklich elegant. Am prachtvollen Instrumente sitzt die fremde Dame, die einen Cotillon spielt, und Julie hat bereits mit dem Papa sich arrangirt; mir fällt Louise zu, und Don Silveira hat die Ehre des Hauses.

Und so ging es denn bis zwölf. Der Ball war just im besten Gange, als Menou lächelnd vor mich hintrat.

Voilà notre manière créole; mais c'en est assez. Das ist unsre Lebenswürze, fuhr er fort; Alles hat seine Zeit: Plappern, Scherzen, Tändeln, Arbeiten, Beten und Tanzen. Der wahrhaft Vernünftige weiß Alles so zu vereinigen, daß das Erste dem Letzten nicht Eintrag thut. Bloß auf diese Weise kann unser einsam häusliches Leben erträglich und glücklich werden; wir haben nie Langeweile. — Gute Nacht!

Sehr unerwartet.

So verliefen acht volle Wochen wie eben so viele Stunden. Ich war ganz heimisch in dem Kreise dieser lieben Menschen geworden, und so häuslich und ökonomisch; beinahe wußte ich nicht mehr, wie unsere Dollars und Banknoten aussahen. Alles ging hier wie spielend zu; dabei war eine Aufrichtigkeit, eine Herzlichkeit und Sympathie zwischen den siebzig bis achtzig Gliedern dieses kleinen Patriarchats zu bemerken, daß man leicht der Welt mit allen ihren Leiden und Freuden vergessen konnte. Und ich vergaß ihrer wirklich; ganze Stöße Zeitungen lagen ungelesen, und ich wurde jeden Tag mehr Hinterwäldler. Des Morgens schlüpfte ich in meine weißleinenen Pantalons und Jacke, warf einen Strohhut auf den Kopf, und folgte Monsieur Menou in seine Felder und Cottonpresse. Der Nachmittag verging im Durchsehen von Rechnungen oder Colonel Stones und Major Noahs[9] Seiten- und Querhieben, und den Abend schloß Tag für Tag ein Impromptu, Tanz, oder ein rasches, munteres Geplapper.

[9]: Colonel Stone und Major Noah, die Eigenthümer der bekannten Zeitungen: der Morgen-Courier und die commercielle Zeitung.

Eines Abends, wir setzten uns so eben zum Souper, machte uns Monsieur Menou den Vorschlag zu einer nächtlichen Hirschjagd. Ich war dessen ganz zufrieden, und er erließ sofort die nöthigen Weisungen. Die zwei Mexikaner baten gleichfalls, uns begleiten zu dürfen, als die Dame mit halbem Entsetzen dazwischenfuhr. Don Lop—! rief sie, hielt jedoch inne; das Wort schien ihr auf der Zunge zu ersterben. Ich bitte dich, fuhr sie in spanischer Sprache fort, nur diesmal nicht. Es war etwas so Weiches, Zartes in ihrem edlen, scheuen Wesen, das uns Alle für einen Augenblick hinriß. Ihr Mann bat sie, sich zu beruhigen, und versprach zu bleiben; es schien ihn jedoch Mühe zu kosten. Ich versicherte sie, es sei keine Gefahr. — »Keine Gefahr?« wiederholte sie in ihrer sonoren kastilianischen Sprache, »keine Gefahr? — Doch, Sie haben nirgends von Ihrem Vorhaben etwas verlauten lassen?« wandte sie sich an Menou. »Gewiß nicht,« erwiederte dieser. — Nun erst fiel es mir auf, daß die zwei Eheleute sich während ihres ganzen langen Hierseins auch nicht ein einziges Mal im Freien ergangen hatten. Mein Auge fiel wieder auf den jungen Mann; er hatte ausgezeichnet schöne Züge, eine bleiche, aber nicht ungesunde Gesichtsfarbe, und eine hohe Stirne. Die Augen waren besonders schön; es blitzte ein Feuer in diesen Augen, das wahrlich nicht bestimmt zu sein schien, hier am Red-River zu verglühen. Sein ganzes Wesen drückte, so viel er sich auch Mühe gab, es zu verbergen, etwas militairisch Gebietendes aus. Es war eben dieses gebietende Wesen, das mich bewogen hatte, den jungen Mann, der etwa dreißig sein mochte, ein wenig kalt zu behandeln. Wir erlauben nicht leicht, oder vielmehr nie, Fremden, sich in unserm Lande airs zu geben; die Ergebung jedoch in den leise ausgesprochenen Willen seines herrlichen Weibes hatte den übeln Eindruck einigermaßen verwischt. Ich achte den Mann, der sein Weib liebt.

»Und ist wirklich keine Gefahr?« fragte mich das Engelsköpfchen, die Donna nämlich. Ich versicherte sie, daß keine sei. Sie flüsterte ihm einige Worte zu, und er, ihre Hand küssend, bat nochmals, uns begleiten zu dürfen. Die zwei sonderbaren Leutchen hatten sich auch bei Tische beinahe ausschließlich nur mit einander beschäftigt, und es schien ihm gewissermaßen eine Anwandlung von Eifersucht aufzusteigen, wenn die Donna sich mit Julien oder Louisen länger unterhielt. Ihr Gefährte war eine unbedeutende Person, die mit einer Art abgöttischer Verehrung an dem Paare zu hängen schien. Sie hatten sechs Diener bei sich.

Wir erhoben uns etwas früher von der Tafel, warfen uns in unsere Wolldecken-Röcke, nahmen unsere Gewehre, und bestiegen die für uns bereit gehaltenen Pferde. Sechs Neger mit Pechpfannen und eine Koppel Hunde waren vorausgegangen. Die Glocke schlug zehn, als wir aufbrachen. Es war eine finstere, schwüle Nacht; der Donner rollte her von Süden, und verkündete den herannahenden Sturm, unsere tägliche Abendmusik in dieser Weltgegend; die Atmosphäre war in den ersten zehn Minuten unseres Rittes beinahe zum Ersticken gewesen; dann erhob sich jedoch ein säuselnder Luftzug in den Baumwipfeln; der Donner brüllte stärker vom mexikanischen Busen herauf, die ganze Atmosphäre schien sich wälzend zum gewaltigen Elementenkampfe zu rüsten. Dann und wann schoß ein zackigter Blitz aus dem schwarzen Firmamente heraus durch die Bäume hin, und der ganze Wald loderte für einige Sekunden in einer Zauberflamme auf. Wieder kam ein langer leuchtender Strahl, und näher und näher rollte der Donner, aber ein Donner, gegen welchen der des Nordens ein bloßer Paukenschlag ist. Selbst unsere Hunde fingen an zu winseln, und preßten sich so nahe an die Pferde, als sie nur konnten. Wir hatten ein dichtes Lorbeergebüsche betreten, und der Leithund war stehen geblieben und spitzte die Ohren. Sofort stiegen wir von den Pferden und traten an die Hunde heran; zwischen uns die Neger mit ihren Pechpfannen, und vor uns in der Entfernung von etwa zwanzig Schritten vier leuchtende winzige Feuerballen, — es waren die Hirsche, die mit rollenden Augen das ungewohnte Schauspiel anstarrten. Wir legten an; der Creole und ich nahmen den ersten, die zwei Mexikaner den zweiten. Wir schossen auf ein gegebenes Losungswort, hörten ein rasselndes Niederschmettern, ein lautes Krachen, und gleich darauf ein Sacré! und Damn ye! und Diablo! und San Jago! Die sechs Pechpfannen waren zu und auf unsern Füßen; der Creole war zur Seite gesprungen, die Neger lagen vor Schreck auf dem Boden, und die beiden Dons neben ihnen.

Santa Vierge! rief Don Pablo; Maledito Gojo, Senor Don Lopez. Und sich aufraffend, stürzte er sich auf den jungen Mann: Maledito Gojo! Nuestro libertador Santa Anna! — »Callate!« rief ihm die heilige Anna zu.

Monsieur Menou hatte sich vorsichtig mit seinen Negern beim ersten Anschein von Gefahr zu Boden geworfen; der junge Mexikaner hingegen, weniger erfahren in diesem zuweilen gefährlichen Nacht-Zeitvertreibe, war stehen geblieben, und von dem aufgeschreckten Hirschen über den Haufen gerannt worden. Ich zog den heulenden Senor Pablo von seinem Gefährten, und untersuchte mit Menou, ob er Schaden gelitten. Sein Ueberrock war zerrissen, und aus beiden Schenkeln begann Blut zu fließen; sie waren durch die Geweihe des Hirsches aufgeschlitzt. Glücklicher Weise war die Wunde nicht tief; sonst dürfte ihn sein Fehlschuß theuer zu stehen gekommen sein. Wir hoben ihn auf den Rücken des Pferdes, und traten wieder den Heimweg an.

Es war Mitternacht, als wir mit dem todten Hirschen und dem verwundeten Don vor dem Gitter des Parkes anlangten. Eine weiße Gestalt im Fenster des Mexikaners verkündete, daß seine Gattin seiner noch warte. War es Vorgefühl oder gewöhnliche Weiberangst, sie kam die Stiegen herabgeflogen, und mit dem Ausrufe: Perdito! fiel sie beinahe ohnmächtig vor der Hausthüre nieder.

Um Gotteswillen! rief eine zweite weibliche Stimme, ein Unglück! Ist's Howard? — Es war Louise, die athemlos im Schrecken und im Nachtröckchen aus ihrem Zimmer stürzte.

Mein Gott, es ist nur der Mexikaner! Gott sei Dank! lispelte sie.

Dank, liebe Louise, für Ihre Unbarmherzigkeit; sie macht mich glücklich! Mit diesen Worten schloß ich das Mädchen in meine Arme, und drückte einen Kuß auf ihre Lippen.

Bösewicht! rief sie, ins Haus zurückeilend.

Ich folgte nun dem Zuge in die Zimmer des Mexikaners. Die bleiche Marmorgestalt seines Weibes hing über dem Verwundeten regungs-, bewußtlos. Es kostete Menou Mühe, sie von ihm zu bringen; doch der wohlthätige Creole war schnell. Wo er seine Chirurgie gelernt hat, weiß ich nicht; aber die Sicherheit, mit der er die Wunden ausschnitt, ausbrannte und auswusch, flößte wirklich Vertrauen ein. Sie waren nicht gefährlich, hätten es aber leicht bei der Hitze der Temperatur, der Thermometer schwankte zwischen 85 und 87, und dem Umstande, daß sie von Hirschgeweihen herrührten, werden können. Nach einer halben Stunde trat er vor die bewußtlose Donna Isabelle, und verkündete ihr im zuversichtlichsten Tone, daß ihr Mann in wenigen Tagen wieder hergestellt sein würde. Ich hatte während der Operation eines der Lichter gehalten und konnte nicht umhin, die schöne Gestalt anzuschauen. Als ihr nun Menou die tröstende Nachricht verkündete, richtete sie ihre Augen mit einem so wahrhaft katholischen Blicke zum Himmel, daß ich wahrlich den Heiligen beneidete, dem sie dankte. Als ich das Licht auf den Tisch stellte, fiel mein Auge auf ein herrliches Miniaturgemälde, das sie selbst vorstellte; daneben lagen Briefe an Don Senor Lopez S— A—, Mariscal di Campo; zwei oder drei hatten die Aufschrift: Lieutenant-General. Das war denn der berühmte Heerführer Mexiko's, der zweite Würdige unter dem Generalgesindel dieser sein wollenden Republik. Ich ging gedankenvoll meinem Schlafzimmer zu; allmälig drängte sich Louise aus dem Hintergrunde meiner Phantasie hervor; das liebliche Mädchen hatte denn gewacht, unruhig gewacht; auch sie hatte nicht schlafen können; auf das erste dunkle Gerücht von einem Unglücke hatte ihre beflügelte Furcht den Namen erpreßt, den sie im Herzen trug. Ich hatte während meines ganzen Hierseins gar nicht an Liebe gedacht; Alles war so geschäftig in diesem Hause, so rührig, so beweglich; man hatte gar nicht Zeit, auf sentimentale Gedanken zu kommen, — nun kamen sie aber doch. Es thut einem acht und zwanzigjährigen Hagestolz, der so viele Körbe bekommen hat, daß er damit einen mäßigen Handel treiben könnte, so wohl, sich im Herzen eines siebzehnjährigen Kindes gebettet zu wissen.

Sie konnte mich beim Frühstücke gar nicht ansehen; aber ich sah sie desto mehr an. Wo waren doch meine Augen? Julie war allerdings zu corpulent für meinen goût; doch Louise — sie ist ohne Widerrede ein ganz herrliches Mädchen; schlank, mit einer lieblichen Taille, nicht zu üppig, nicht zu bretern, Milch und Blut im Gesichtchen, aus dem Schalkheit, Wohlwollen und Häuslichkeit blicken, ganz vorzüglich schöne Hände, und ein Gestelle — kurz, ich wurde nachdenkend. Muß doch sehen, wie es zu Hause aussieht, dachte ich.

Wollen Sie mir gefälligst Ihren Wagen bis an den Fluß geben? fragte ich den Creolen.