Und nun trabte er aus Leibeskräften den Berg hinan zum Beistand seiner Ehehälfte, um die, nach solchem Treiben, ein Anderer keinen Schuß Pulver mehr gegeben hätte; Toffel war jedoch eine gute deutsche Haut, und so vergaß er denn alle so eben gethanen Eingriffe in seine angeborenen Souverainetätsrechte, über Hals und Kopf dem verhängnißvollen Orte zueilend, wo seine Ehehälfte ihre Lagerstätte aufgeschlagen haben mußte. Nochmals hörte er ihr gellendes Geschrei; aber es war nicht ihre gewöhnliche Stimme, es war mehr ein Angstgeschrei. Zum drittenmale ertönte dieser Angstschrei, und nun brach ihm der Angstschweiß auf der Stirne hervor, und er ritt auf Tod und Leben im schnellsten Galloppe die Anhöhe des ersten Bergrückens hinan, von woher die Stimme seines Weibes ertönt haben mußte; aber keine Spur von Mistreß Bärenhäuter. Er schaute links, er schaute rechts — noch immer nichts; er schaute auf die Erde, that dieses ein zweites Mal, und erblickte mit bangem Entsetzen neben der in Lehm abgedruckten Form seines Weibes Fußtritte. Er stieg beklommen vom Pferde. Es waren Menschen da gewesen, das war klar und augenscheinlich; aber was aus seinem Weibe geworden, das war schwer zu sagen; die Spuren verloren sich im Walde. Nochmals sah er auf diese Spuren, und entdeckte mit Schrecken den breiten Mocassintritt der Indianer; die Mocassins[32] waren deutlich im Lehm zu ersehen. Ein Blick gegen den Wald zu zeigte ihm etwas Grauschwarzes; es war eine Adlerfeder. Kein Zweifel blieb mehr übrig; seine unglückliche Jemmy war von den Indianern aufgehoben und entführt.

[32]: Mocassins, die sandalenartige Fußbekleidung der Indianer.

Toffel, sagt unser Dokument, liebte sein Weib aufrichtig, trotz ihres keifenden, schlimmen Temperamentes; doch alle diese Liebe vermochte nicht, ihn in Ohnmacht zu bringen, oder auch nur eine Thräne zu vergießen; nein, da er, obwohl ein Abkömmling des deutschen Zebediah Bärenhäuter, doch auch zugleich ein Amerikaner war, und glücklicherweise noch den Kirchgang in seinem Sinne hatte, so trabte er auf Leben und Tod auf die Versammlung zu, sprang so schnell als er nur konnte von seinem Hengste, trat unter seine im Meeting versammelten Nachbarn, und eröffnete ihnen ohne weiteres, wie die Indianer sein Weib auf dem Wege nach der Versammlung aufgehoben und mit sich fortgeführt hätten, und wie er sie wiederhaben müßte, koste es was es wolle, und wie sie mit ihm den Rothhäuten nachsetzen, und sie ihnen abjagen müßten, wenn sie getreue Nachbarn und freie Männer sein wollten; und da sie dieses auch in dem vollen Sinne des Wortes waren, so sah sich unser Toffel in wenigen Stunden an der Spitze von fünfzig Jungens, die ihre Stutzer in der einen Hand, in der andern die Zügel ihrer Gäule, den Raub der neuen Helena männiglich zu rächen sammt und sonders schwuren.

Während wir es nun unserm Toffel und seiner jagdlustigen Schar überlassen, den weibersüchtigen Rothhäuten nachzuspüren — eine Unterhaltung, im Vorbeigehen sei es gesagt, die in der damaligen Zeit gar nicht ungewöhnlich, obgleich nichts weniger als spaßhaft war — wollen wir den ritterlichern und respectablern Weg einschlagen, und zu unserer Dame vorwärts eilen, um bei ihren allfällsigen Nöthen zur Hand zu sein.

Jemmy nun, die starrköpfige Jemmy, war ein hundert Schritte vorausgetrabt, wie wir bereits erwähnt haben. Ein vernünftiges Weib nun würde dies nimmermehr gethan, sondern sich lieber an die Seite ihres Ehemannes gehalten haben, besonders eines so guten Ehemannes, wie Toffel unbezweifelt war, und in so kritischen Zeiten, wo die Wilden noch durch den ganzen heutigen Staat Ohio und bis zur Gränze Pensylvaniens an das Fort Pitt[33] heranschwärmten, maßen die Vereinigten Staaten zu eben der Zeit in einem blutigen Kriege mit ihnen verwickelt waren. Nein, Mistreß Bärenhäuter sollte bei Leibe nicht auf das Plateau allein galloppirt sein, und triumphirend auf ihren armen Toffel hinabgeschaut haben, sich hämisch in ihrem Herzen des Sieges erfreuend, den sie so eben über ihn errungen, dann würde sie nicht das Rauschen in den Blättern gehört, nicht die schwartigen, häßlichen Kupfergesichter gesehen haben, die sie und ihren Grauschimmel so sehr erschreckten, daß letzterer sich bäumte und sie nolens volens aus dem Steigbügel hob und warf. Zwar schrie sie wacker darauf los, aber es war zu spät; die Indianer hatten wahrscheinlich schon zu viel gesehen, um sich durch ihr Schreien die Lust benehmen zu lassen, sie als eine schöne Beute mit sich zu nehmen. Einer derselben hob sie vom Boden auf, während der andere ganz höflich sein Skalpirmesser in eine so gefährliche Nachbarschaft mit ihrem Schwanennacken brachte, das eine Zartfühlendere unfehlbar in Ohnmacht versetzt haben müßte, ihr so Stillschweigen andeutend. Ein dritter dieser Herren hatte einen Gaul vorgeführt, auf dessen Rücken sich ein vierter ohne Mühe schwang, und auf welchen auch sie ohne weitere Umstände von einem fünften gehoben wurde, der, ihre Hände fassend, sie mit dem Vorreiter verband. Zwar gab sie diesem einen sanften Rippenstoß, der ihn bei einem Haare aus dem Sattel gehoben hätte; aber ein vielsagender Wink mit dem Tomahawk machte sie ruhiger, als sie je gewesen. Mistreß Bärenhäuter war keine jener empfindsamen Seelen, die schrie, und jammerte, und winselte, und in Verzweiflung und Ohnmachten fiel; nein, sie war von stärkerem Stoffe gewebt. Als sie sah, daß kein Toffel kam, und jeder Widerstand nur vergeblich sein würde, ergab sie sich in ihr Schicksal, und als ihr Vorreiter das Zeichen zum Aufbruche gab, schlang sie ganz gemüthlich, um ein echt deutsches Wort zu gebrauchen, ihre Arme fester um seinen Rücken — sonst wäre sie ja herabgefallen.

[33]: Fort Pitt, der frühere Name von Pittsburg.

Die ersten Stunden ihres Rittes war sie ziemlich beklommen, allmälig erlangte sie jedoch ihre frühere Zuversicht und selbst jene Unbeugsamkeit wieder, die sie in ihrem neunzehnjährigen Leben so sehr ausgezeichnet hatte. Zwar konnte sie sich nicht enthalten auszurufen: das große Roß! das große Roß! und dann schienen sich ihre Züge schmerzhaft zu gestalten; dieß war jedoch nur vorübergehend; immer faltete sich auf solche Gewissensregungen ihre Stirn düsterer, ihr Näschen krümmte sich, oder warf sich nach Umständen auch auf; ihre Fäuste ballten sich, und bald erschracken die Indianer vor ihr eben so sehr, wie vor ihnen ihr Eheherr Toffel. Sie glaubten nichts weniger, als daß sie vom Bösen besessen sei, und hatten wirklich eine Scheu vor ihr, die diesen Wilden recht sonderbar ließ. Besonders hatte sie ihrem Vorreiter eine Ehrfurcht eingeflößt, die seine Gefährten oft befürchten ließ, er sei verhext. Die Wahrheit zu gestehen, sie war ein hübsches Weibchen, und obwohl ihre Toilette durch die Tour vom obern Ohio zu den Quellen des Miami in einige Unordnung gerathen war, was sehr begreiflich ist, da die Straße von Pittsburg nach Columbus noch nicht fahrbar, und die Gesellschaft daher nicht mit der Post reisen konnte, es sich deshalb gefallen lassen mußte, incognito, nämlich durch Sümpfe, Wälder, Disteln und Dornen zu passiren, die alle einen Theil der Calico- und Seidengarderobe Jemmy's in Anspruch nahmen. Ungeachtet dieses kleinen Derangements konnte Mistreß Bärenhäuter nach ihrem Eintreffen in dem Miami-Hauptquartier noch immer mit Recht ihren Anspruch als Führerin des bon-ton unter den Schönen der Rothhäute geltend machen. Und wirklich, so trefflich hatte sie ihre Entführer zu menagiren gewußt, daß Tomahawk, ihr Oberhaupt, weit entfernt, skalpirende Gedanken zu hegen, sie geradezu unter den Schutz seiner Mutter als Ehrendame stellte. Diese Ehrendamenschaft nun dürfte allerdings nicht zu verachten gewesen sein, wenn der Sohn Ihrer Hoheit der Prinzessin Mutter, der sie als Palastdame beigegeben war, etwas zu beherrschen gehabt hätte, das der Mühe werth gewesen wäre, sage ein dreißig oder vierzig Millionen loyaler Unterthanen, oder wenigstens eine oder zwei; aber so war der Herrscher der Shawneese[34], der ältere Bruder Tomahawks, bloß eine kleine Espece von Souverain, und der Einfluß der Madame la mère erstreckte sich daher nur über einige hundert Geviertmeilen. Immerhin würde auch dieß nicht so uneben gewesen sein, denn es ist hinlänglich erwiesen, daß ein paarhundert Quadratmeilen, und selbst viel weniger noch, vollkommen ausreichen, einen Legitimen in vollkommenem Glanze zu erhalten, vorausgesetzt, daß die Leute so aufgeklärt und civilisirt seien, ihre Aecker für die Hoheit zu bearbeiten, und in loyaler Ergebung am Hungertuche zu nagen. Aber hier steckte nun der Haken: die Subjekte des indischen Herrschers waren uncivilisirte Wilde, die in ihrer Dummheit weder einen Begriff von dem göttlichen Rechte ihres Herrschers, noch ihrer Unterthanenpflichten hatten, das heißt: für ihn nicht arbeiten wollten, sagend, er könnte dieses selbst thun, maßen er Hände, wie sie selbst, vom großen Geiste dazu empfangen hätte, und daß er selbe rühren könnte, wenn er wollte, und es bleiben lassen — mit andern Worten: verhungern könnte, wenn er nicht wollte. Und, fügten diese unaufgeklärten Menschen hinzu, wenn er verhungerte, so könnten sie leicht einen andern Legitimaten vom Osten herüber haben, wo es ihrer erklecklich gäbe, so daß alle rothen Stämme leicht damit versorgt werden könnten.

[34]: Shawneese, Indianer, hatten ihren Sitz am großen Miami; gegenwärtig sind bloß noch einige Familien daselbst, der Rest hat sich über den Missisippi zurückgezogen.

Bei einem solchen Raisonniren unraisonnabler Menschen sehen unsere geehrten Leser wohl ein, daß Mistreß Bärenhäuter, trotz ihrer ehrenvollen Anstellung bei Madame la mère nicht viel zum voraus hatte. Immerhin war es jedoch tröstlich für sie, daß die Prinzessin Mutter und ihr Herr Sohn sehr herablassend, ja huldreich gegen sie gestimmt, und, was mehr sagen will, so populär bei ihren Subjekten waren. Zwar gab es eine Aussicht, und das eine glänzende dazu: Tomahawk nämlich, ihr Entführer, war noch jung und unverehelicht, und für einen indianischen Häuptling gar nicht übel anzuschauen; aber dann war ja sie verheirathet, und selbst wenn sie es nicht gewesen wäre, wie konnte sie sich es einfallen lassen, sich so hoch zu versteigen? Zwar hatte sie ein Beispiel an einem noch Höhergeborenen, der sich zu einer schlichten Republikanerin herabgelassen, und noch dazu den Korb erhalten hatte; aber das war in Baltimore, und hier war sie mitten unter den Wilden. Jammern und Wehklagen aber, das sah sie wohl ein, würden das Uebel nur ärger gemacht, und wahrscheinlich irgend einen zartfühlenden Wilden bewogen haben, ihr mitleidig das Messer in die Brust zu stoßen, und dieß wollte sie doch auch nicht. Trotz und Unbeugsamkeit ließen sich noch weniger in Anwendung bringen; die Wilden waren keine Toffel. Zudem lag in ihrer Situation etwas so Besonderes, ihre irischen Nerven so lebhaft Kitzelndes, das nicht fehlen konnte, ihre Lebensgeister aufzuregen und anzuspornen, und so ihre Gedanken von ihrer unangenehmen Lage ab-, und auf Verbesserung derselben zuzulenken; nicht, als ob sie sich tiefen Meditationen überlassen und zur Philosophin geworden wäre, die, von Prinzipien ausgehend, a priori sich über ihr Mißgeschick getröstet hätte; nein, es war natürlicher Trieb der Selbsterhaltung, der sie zwang, sich in ihre Lage zu finden, und bald fand sie sich ganz gut darein. Sie hatte ein treffliches Mittel, das beste in einem ähnlichen Falle, nämlich Beschäftigung. Glücklicherweise war sie an diese gewohnt, da ihr Toffel wenig Zeit gelassen hatte, Romane zu lesen, oder die quarterlies zu studiren, und sie wartete nur auf Gelegenheit, ihre Regsamkeit an den Tag zu legen. Diese blieb natürlich nicht lange aus, und bald hatte ihr offenes Köpfchen es heraus, sich nicht nur mit Grazie die lange Weile vom Halse zu schaffen, sondern sich auch den Unterthanen des indianischen Herrschers wichtig zu machen. Besagte Unterthanen waren nämlich, gleich so manchen andern Unterthanen, jämmerlich unwissend, so unwissend, daß unsere Mistreß Bärenhäuter etwas choquirt darüber war. Aber es kam nun darauf an, aus dieser Unwissenheit Vortheil zu ziehen, und sie säumte nicht die Gelegenheit zu ergreifen. Mit einer Miene, in der ein Zug von Spott und Keckheit, so wie natürlicher Ueberlegenheit nicht zu verkennen war, ergriff sie den nächsten Morgen nach ihrer Ankunft den mit Wildpret gefüllten Kessel, und bereitete ungeheißen und ohne alle andern Beistand das Mahl selbst. Die Indianer kreuzten ihre Schenkel um den Kessel. »Whoo! rief der Häuptling, was haben wir da?« Sein Lebelang hatte er kein so köstliches déjeûner à la fourchette, würden wir sagen, gegessen, wären Gabeln vorhanden gewesen. Die Mutter deutete schweigend auf die Ehrendame, die zur Belohnung eine Rippe erhielt; Jemmy sah so stolz darein, als ob sie auf dem großen Rosse gesessen wäre. Nicht lange, so brachen die Wilden zu einem neuen Kriegszug auf; in vierzehn Tagen waren sie wieder zurück, mit aller möglichen Beute beladen: Weiberröcken und Röckchen, Spencers, Hüten und Hauben, Schnürbrüsten und Leibchen. Dem Bruder des Häuptlings, unserm Tomahawk, war eine ganze Familiengarderobe als sein Antheil anheimgefallen; den Morgen nach seiner Rückkehr erschien er in einer Robe von linsey woolsey rother Farbe, mit grünseidenem Hute, und darüber ein Häubchen einer Wöchnerin; der Häuptling selbst, etwas kleinerer Gestalt, in einem Röckchen à l'enfant, mit pappelgrünem Spencer und einem Capuchon aus Louis-Quinze Zeiten. Jemmy hatte kaum ihre Augen auf ihre metamorphosirten Gebieter geworfen, als sie den Squaws winkte, ihr in den Wald zu folgen. Sie war noch nicht weit gegangen, als sie einen Ueberfluß wilder Hanfstauden fand, mit denen sie ihre Gefährtinnen belud und nach Hause zurückkehrte. Die Weiber mußten nun Hanf brechen; dann wurden sie im Spinnen unterrichtet, und in wenigen Wochen waren die Weiberröcke in Jagdröcke verwandelt, verziert mit Calico- und Seidenbändern. Ein paar Wochen später brachen die Männer neuerdings zu einem Zuge auf, auf welchem der ältere Bruder getödtet, und Tomahawk verwundet wurde. Jemmy legte, gleich andern loyalen Unterthanen, Trauer an, verband die Wunden des Uebergebliebenen, und als der junge Häuptling hergestellt war, präsentirte sie ihm einen neuen Anzug, den sie während seines Krankenlagers für ihn verfertigt hatte. Sie that dieses mit so vieler Grazie, meinte der Indianer, daß er von selbiger Stunde ihr Verehrer und getreuer Paladin ward. Als er sich den nächsten Morgen angekleidet, versichert unser Dokument, fühlte er sich so angenehm überrascht, daß er zum erstenmale jene ihm zur Gewohnheit gewordene Ehrfurcht auf die Seite setzte, die ihn bisher abgehalten hatte, sich Mistreß Bärenhäuter etwas deutlicher zu erklären. Er machte ihr seine Aufwartung. Die ganze Residenz war in Aufruhr; die rothen Damen waren in Verzweiflung. Ein solcher Staat, das ahnten sie wohl, war nicht ihrerwegen producirt; es galt der stolzen Amerikanerin, die natürlich solchem Glanze nicht widerstehen konnte. Und wirklich, weder London, noch Paris, noch Newyork konnten sich je rühmen, eine solche Verschwendung von Herrlichkeiten in einer Person geschaut zu haben, als Tomahawk seiner Getreuen an diesem Tage vor Augen zu legen geruhte. Aber er war auch volle drei Stunden gesessen, seine Schenkel kreuzweis in einander geflochten, seinen Taschenspiegel in der linken Hand, und mit freudeblitzenden Augen seine unwiderstehlichen Reize betrachtend. Drei breite Silberspangen umzirkelten kunstvoll seine Nase, von der noch obendrein ein spanischer Dollar herabhing; zwei andere hingen in jedem Ohrläppchen, mit einem sechsten war pfiffiglich die Unterlippe verziert; sein Haar strotzte von zahllosen gefärbten Stachelschweinfedern, und vom Scheitelbüschel flatterten drei Buffaloeschwänze; ein Halsband von nicht weniger als fünfzig Alligatorszähnen umwand seinen Nacken, eine Trophäe, die er von den Chikasaws erbeutet, und darüber war ein kleinerer von ungemein großen Glasperlen mit Chinabeeren sichtbar. Die unteren Theile seines Körpers waren eben so wenig vergessen: seine Schenkel waren bis zu den Knöcheln mit runden Stücken von Erz und Blech und Schellen ausstaffirt, die bei jedem Schritte eine gewaltige Musik machten. Seine übrige Toilette bestand in einem englischen dreieckigten Hute, einer amerikanischen Soldatenjacke, roth aufgeschlagen, und dem oberwähnten Calico-Jagdhemde. Als er, im Gefühle seiner Vollkommenheiten, sich der Residenz seiner Mutter näherte, hob er seine Füße hoch und tanzte zweimal im Kreise herum, um seine Ohren an der selbstgeschaffenen Musik zu laben; nochmals übersah er, vor der Thür angelangt, im Taschenspiegel seine Person von Kopf zu den Füßen, und dann trat er ein.

Wir sind leider ganz im Dunkeln über den Erfolg so vieler Kraftanstrengungen; nur so viel ist notorisch geworden, daß der hohe Bewerber die Residenz seiner Mama weit weniger zufrieden mit sich selbst verließ, als er dieses bei seinem Eintritte gewesen. Unsere Autorität fügt bei dieser Gelegenheit hinzu, daß Jemmy seit jener Stunde eine eben so vollkommene Herrschaft über den indianischen Regenten genoß, als sie je in Bezug auf Toffel in Ausübung brachte; auch soll sie diese Oberherrlichkeit gar nicht lange schlummern gelassen haben, wozu sie wahrscheinlich ihre Ursachen gehabt haben mochte, maßen sie manchen ziemlich starken Versuchungen zu widerstehen hatte. Aber, fügt unser Dokument hinzu, sie widerstand heroisch; wie konnte sie auch anders? sie, deren Sinn nach einer so ganz verschiedenen Richtung zielte. Ja, ihr Blick war wirklich unverrückt zur aufgehenden Sonne gerichtet, in die Weltgegend, wo ihr lieber Toffel hauste; sie hatte ihre Gefangenschaft mit heldenmüthiger, wahrhaft irischer Standhaftigkeit volle fünf Jahre ertragen; nunmehr jedoch begann sie jeden Tag mehr und mehr das Bittere ihrer Lage zu fühlen. Während der ersten zwölf Monden war sie so ziemlich durch die Neuheit ihrer Situation rege erhalten worden, Vieles hatte auch der Stimulus der Selbsterhaltung beigetragen; in den folgenden Jahren fühlte sie sich vielleicht ein bischen durch die Aufmerksamkeiten des Indianers geschmeichelt; aber mit einem Wilden zu kokettiren, war doch nur ein armseliger Zeitvertreib, und konnte unmöglich für die Länge dauern. So erwachte denn ihre Sehnsucht nach der Heimath mit jedem Tage stärker und stärker. Auf eine Flucht im ersten Jahre zu denken, wäre Wahnsinn gewesen; man hatte sie mit Argusaugen während des Sommers bewacht, denn ihre Geschicklichkeit in Allem machte sie den Wilden unentbehrlich; und im Winter zu entfliehen: wo sollte sie Lebensmittel, wo ein Lager finden? Ihre Hieherreise hatte zwanzig Tage gedauert: sie mußte in einer ungeheuern Entfernung von Hause sein, und im Falle auch nur das mindeste von ihrem Vorhaben offenbar geworden wäre, wahrlich, ihr Loos wäre schrecklich ausgefallen.

Endlich im fünften Sommer nach ihrer Entführung bot sich die erwünschte Gelegenheit dar. Die Männer waren zur Herbstjagd aufgebrochen, ihre Weiber begleiteten sie; bloß die Alten und Schwächlichen waren zurückgeblieben. Fünf Jahre scheinbarer Zufriedenheit hatten das Mißtrauen der Wilden eingeschüchtert, und ihre Wachsamkeit gemindert. Die Bevölkerung, hatte sie gehört, war während dieser Zeit stark näher gerückt; sie hoffte, wenn auch nicht die erste, doch gewiß die zweite Woche auf Landsleute zu stoßen. Sie entschloß sich zur Flucht, und führte ihren Entschluß auch unverzüglich aus. Ein Bündel mit Lebensmitteln war Alles, was sie mitnahm; sie hatte lange vierhundert Meilen vom großen Miami zu dem obern Ohio, aber ihre Seele war dem Riesenunternehmen gewachsen. Sie liebte ihren Toffel; sie liebte ihn nun mehr, als jemals, den geduldigen, ausdauernden, und doch so vernünftigen Jungen. Sie hatte unglaubliche Mühseligkeiten auszustehen; war nahe daran, in den Sümpfen bei Franklin zu ersticken, in großer Gefahr, im Sciota zu ertrinken, und mehrere Tage in der Wildniß zwischen Columbus und New-Lancaster[35] verirrt, und nahe daran, von Panthern und Bären aufgefressen zu werden; aber sie überwand glücklich Sümpfe, Flüsse und Wildniß. Die ersten fünf Tage lebte sie von ihrem mitgenommenen Vorrath von gedörrtem Wildpret, dann ließ sie sich Papaws, Kastanien und wilde Trauben schmecken, und kehrte endlich, nach unseligen Leiden, am zehnten Tage zum erstenmale in einem Blockhause ein. Doch auch da verließ sie ihr unbezwingbarer irischer Geist nicht, und sie trat vor die Hinterwäldler mit eben der freien Stirne, als ob sie an der Spitze der Shawneese gekommen wäre, verlangte Lebensmittel in eben dem festen und zuversichtlichen Tone, als ob Haus und Hof ihr eigen gewesen wären. Und die Hinterwäldler, diese derbe Race? Je nun, so wenig sie gewohnt sein mochten, sich auf diese Weise begrüßt zu sehen, die Art war neu: sie starrten, wie leicht zu erachten; doch gaben sie, was sie hatten, und, was das Merkwürdigste an der ganzen Geschichte ist, sie gaben, ohne zu fragen. Wer nun weiß, daß dieser unser souveraine Staat Ohio durch den Stamm der Yankees bevölkert ist, wird dieß kaum glauben können, und wir selbst würden Mühe haben, hätten wir nicht schwarz auf weiß vor unsern Augen.

[35]: Columbus, New-Lancaster, ersteres die Hauptstadt von Ohio, letzteres eine Countystadt.

Nach einer langen, müden Fahrt von vollen vier Wochen kam unsere liebe Jemmy endlich in die Nähe des Ohio, und die lieblichen Bergesrücken, die ihre glückliche Heimath bargen, traten allmälig aus dem blauen Dunkel hervor. Sie verdoppelte ihre Schritte, sie langte auf den ersten Hügeln an. Zum erstenmale in ihrem Leben schlug ihr Herz lauter; sie konnte nicht vorwärts; sie setzte sich, über die Vergangenheit nachzudenken; das große Roß kam ihr in den Sinn. »Das unglückliche große Roß,« murmelte sie, die Faust ballend, und auf sprang sie, und fort lief sie, als wollte sie es dem Unheilbringer entgelten lassen. Nun war sie auf dem Vorsprunge angelangt, wo sie vor fünf Jahren abgesattelt und zur Gefangenen gemacht worden war. »Das verwünschte große Roß!« wisperte sie nochmals, und dann rannte sie die Schlangenwindungen hinab. Da lag er nun vor ihr, der prachtvolle Ohiostrom, sich in zwei ungeheuern Streifen fortbewegend: die Gewässer des Alleghany, klar und krystallen, gleich dem Bergquelle, und die des Monongehala, trüb und schlammig, gleich einem mürrischen Ehemanne, dem ein zartes und munteres Weib angefesselt ist. Nun stand sie an der letzten sanften Anhöhe, von wo aus sie die ganze Herrlichkeit übersehen konnte, die sie als Herrin erkannte; da lag die prächtige Thalweite, der üppigste aller Bottoms, auf zwei Seiten von dem Vorgebirge eingeschlossen; da stand die steinerne Scheune: das Dach und die Jalousien waren frisch angestrichen. Ihre Augen funkelten vor Freude; Toffel war noch immer der gute, getreue, treuherzige Hauswirth. Dorthin erstreckte sich der alte Obstgarten, beinahe unter der Last von Aepfeln und Birnen zusammenbrechend; auf der andern Seite lag der neuangelegte; auch dieser bog sich unter den Früchten, und doch war es nicht länger als sechs Jahre, daß ihn Toffel gepflanzt hatte. Sie selbst hatte mitgeholfen im Frühjahre nach ihrer Verehelichung, — Himmel, welch eine lange Zeit! Sie schaute, sie traute kaum mehr ihren Augen, sie schaute wieder, — Gott! es war keine Täuschung, es war Toffel, ihr lieber Toffel, der just aus dem Hause kam; hinter ihm her ein kleiner flachshaariger Schelm, der sich fest an seinen Rockschoß anhielt. Ja, in seinen ledernen Inexpressibles, blauen Strümpfen mit rothen Zwickeln, und Schuhen und Schnallen von so erklecklicher Größe, daß sie sie von ihrem Observatorium aus wahrnehmen konnte; — sie vermochte es nicht länger auszuhalten, ihr Herz war zu voll; aber zugleich erwachte auch ihr ganzes Selbstgefühl, das Bewußtsein der schlummernden Autorität kehrte zurück. Nein, ein weibisch furchtsames, zagendes Wesen durfte sie ihren Mann nicht merken lassen; er würde sie als ausgeartet betrachtet haben. Festen Schrittes trat sie von der Anhöhe herab, ging den Weg hinab, schritt durch die eingezäunte Gasse, die Wiese, eilte durch den Gemüsegarten, und stand mit einemmale vor — Toffel.

»Alle guten Geister loben Gott den Herrn!« rief dieser, in der Angst seines Herzens die legale Formel gebrauchend, mittelst welcher ehrsame Deutsche von undenklichen Zeiten her die zahllosen Gespenster, Hexen, Nixen und Elfen, und alle die Wesen bannen, mit denen sie, oder vielmehr ihre Gehirne, von Alters her geplagt sind.

Und wirklich können wir es dem guten Toffel nicht ganz so übel deuten, wenn ihm der Blocksberg einfiel. Fünf Jahre Abwesenheit und Aufenthalt unter den wilden Freibeutern hatten mit der heillosen Reise eben nicht sehr beigetragen, ihre Gestalt in die Schönheitslinie abzurunden, oder ihrem Anzuge einen besondern Reiz zu verleihen. Selbst er, der allerunmodischste unter seinen Nachbarn, konnte es kaum begreifen, wie dieß seine Jemmy, die Führerin des guten Geschmacks in Allem, sein könne. Das Plötzliche ihres Erscheinens nun gab ihrer etwas fleischlosen Form einen so über- oder unterirdischen Ausdruck, daß wir uns gar nicht wundern, wenn Toffels vier Gehirnkammern plötzlich in Aufruhr geriethen, und ihm der Blocksberg einfiel, von dem ihm sein seliger Vater so oft erzählt hatte. Jemima, schien es, fühlte sich nicht absonderlich bei diesem Stutzen, Staunen, Ausrufungen und Schrecken geschmeichelt, und bemerkte in einem Tone so sanft, wie es ihr nur immer möglich war: Wohl, Toffel, bist du verrückt? Kennst du mich nicht mehr? mich, deine Jemmy?

Toffel öffnete seine Augen so weit er konnte, und allmälig, als er die krumme Nase, das funkelnde Auge, das unverhohlen keck, wie immer, blitzte, und nur ganz wenig ins Grüne zu schillern schien, als er, sagt unser Dokument, diese Merkmale so deutlich wieder sah, dann, und erst dann fing er zu glauben an. Schließlich machte er auch die Erfahrung, daß sie noch immer aus Fleisch und Beinen bestand, und nun wurde seine Freude wirklich groß, denn auch er hatte sie von Herzen geliebt. Er umhalste sie, drückte einen Buß auf ihre Wangen, umhalste sie wieder, und vergoß selbst zwei Freudenthränen, eine in jedem Auge. Jemmy nun war nicht weniger gerührt; sie liebte wie wir bereits erwähnt, ihren Mann, trotz ihres irischen Temperamentes; ihr gesunder Menschenverstand ließ sie auch begreifen, daß Toffel allerdings einige Ursache hatte, mit ihr nicht ganz so zufrieden zu sein, da sein häusliches Glück durch ihren Trotz so sehr erschüttert worden war. Sie war daher selbst ein wenig überrascht, als er sie nun so plötzlich, so unerwartet gleichsam mit Liebkosungen überschüttete. Eine Zeitlang ertrug sie diese auch mit wahrer christlicher Geduld, so wenig sie sonst an derlei unfruktuösen Zärtlichkeitsverschwendungen Gefallen fand, da sie denn doch mehr das Reelle liebte.

Mein Gott! rief er aus, mein Schatz! — er hatte sein Englisch, wie es schien, beinahe rein vergessen — und wieder schlang er seine langen Arme um sie herum.

Jemmy nun war wirklich herzensfroh, ihren Toffel in so excellenter Laune zu sehen. Doch zuviel ist ungesund, sagt das Sprichwort, und unserer Jemmy war es, allem Anscheine nach, ziemlich zuviel; ihr schien Toffel in seinen Liebkosungen unerschöpflich zu sein, so daß sie bereits die Geduld zu verlieren, und sich nach Toffel dem jüngern zu sehnen begann, auch zu wissen verlangte, wie es mit dem Hauswesen stünde; und indem sie sich sothanermaßen äußerte, wand sie sich von ihm los, und schritt auf die Hausthüre zu. Toffel fing sie bei einem ihrer Rockschöße, und vertrat ihr den Weg.

Mein Schatz, sprach er, warte noch ein wenig, bis ich dir gesagt habe — —

Gesagt habe? fiel sie ungeduldig ein, was giebt's da zu sagen? Ich will meinen Buben sehen und wie du gewirthschaftet hast; ich hoffe, Alles ist in Ordnung, wo nicht, so — —

Ihr Auge fiel prüfend auf den armen Toffel, dem nichts weniger als wohl zu sein schien.

Mein Herz! fuhr er fort, meine Frau! Habe nur ein klein wenig Geduld.

Ich will keine Geduld haben, versetzte sie. Warum willst du nicht ins Haus? Und mit diesen Worten schritt sie näher der Thüre zu. Toffel, in äußerster Verwirrung, vertrat ihr nochmals den Weg, ihre beiden Hände erfassend.

Nun, bei Jasus[36] und allen Gewalten! schrie sie erstaunt über ein so sonderbares Benehmen. Beinahe sollte ich glauben, es sei nicht Alles richtig, und du sähest mich nicht gerne.

[36]: By Jasus! Bei Jesus! eine irische Betheurung.

Dich nicht gerne sehen, mein Herz, mein Schatz? Ja, ja, du sollst wieder meine Frau sein, versetzte der gute Junge.

Wieder deine Frau sein? Wieder deine Frau sein? wiederholte sie, und ihre Augen blitzten und ihr Näschen krümmte sich. Wieder seine Frau sein! murmelte sie, und riß sich mit Gewalt von ihm los, rannte die Stiegen hinan, stürzte auf die Thüre los, hob die Klinke, öffnete, und erblickte — erblickte, sich auf einem Armsessel wiegend, Dorothea Heumacher, die hübscheste Blondine der ganzen Niederlassung, weiland ihre Rivalin, und nun die glückliche Usurpatorin ihrer ehelichen Gerechtsame.

Der eingefleischteste Legitimat, den je die Gnade Gottes, oder, was dasselbe ist, die Bajonette seiner Herren Gebrüder, in sein verlorenes Dominium wieder einsetzten, kann unmöglich mit größerer Verachtung und Abscheu auf die plebejischen Eindringlinge herabblicken, die sein göttliches Recht usurpirt haben, als unsere de jure Mistreß Bärenhäuter auf die de facto that, und, das Maß der Unbilden zu füllen, so war diese Usurpatorin eine Deutsche! — Es würde eine psychologischere Feder erfordern, als die, so unser Dokument geschrieben, die Symptome der verschiedenen Leidenschaften auch nur oberflächlich anzudeuten, die auf dem Gesichte unserer Heldin so stark hervorbrachen. Hohn, Wuth, Rache waren die geringsten; ihre Augen sprühten so fürchterlich, daß es, eine Yankeephrase zu gebrauchen, in der Stube zu rauchen anfing; ihre Fäuste ballten sich, ihre Zähne knirschten, und, gleich der Katze, die ihr Territorium von dem Erzfeinde ihres Geschlechtes besetzt und eingenommen sieht, schickte sie sich an, auf diesen Feind loszustürzen; was bei dem Umstande, daß sie seit einem Monate ihre Nägel nicht beschnitten, leicht sehr bedenkliche Folgen für die holden Gesichtszüge der besagten Dorothea Heumacher hätte haben können.

Toffel gewahrte mit gerechtem Entsetzen die schrecklichen Symptome, und warf sich in ganzer Länge und Breite zwischen die beiden kriegführenden Mächte. Der Schrecken hatte ihm plötzlich wieder sein Englisch gegeben: Bray! rief er, dont fighd wid each oder! (Pray dont fight with each other!)[37]

[37]: Um's Himmelswillen, balgt euch nicht!

Und wirklich, die Vermittlung war nicht überflüssig, und immer blieb es noch unentschieden, ob sie auch angenommen werden würde. Aber gerade als Jemmy auf ihre Gegnerin heranrückte, oder vielmehr stürzte, öffnete sich die Thür, und herein zappelte der junge Toffel mit einer ganzen Schar junger Bärenhäuter. Fünf Jahre waren verflossen, seit sie ihren Buben in ihren Armen gehabt: Hader, Streit und Feindin vergessend, sprang sie auf ihr Kind los, um es in ihre Arme zu fassen. Der Bube erschrak, schrie laut auf, riß sich mit Gewalt von ihr los, und rannte zu seiner Stiefmutter. Die arme Jemmy stand, als ob ein Zuber kalten Wassers über sie ausgegossen worden wäre; Wuth und Rache waren vergessen, namenloser Schmerz erfaßte sie; ihre Kraft verließ, sie; sie taumelte der Thüre zu, faßte zitternd die Klinke, und war im Begriffe zu sinken. Das arme Weib litt nun wirklich schrecklich; sie war ein Fremdling ihrem eigenen Kinde geworden, ein Fremdling in ihrem Hause, in der ganzen weiten Welt. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe sie sich erholte; endlich jedoch erholte sie sich. Seelen, wie die ihrige, sind nicht leicht gebeugt. »Wie geht es dem Vater?« fragte sie kurz.

Todt, erwiederte Toffel.

Und der Mutter?

Todt, war dieselbe Antwort.

Und den Schwestern und Brüdern?

Sind zerstreut in der weiten Welt.

So sind sie denn alle hin! murmelte sie mit kaum hörbarer Stimme.

Ich habe, sprach Toffel leiser, ein ganzes langes Jahr auf dich gewartet, und dich in allen Zeitungen, deutschen und englischen, auskündigen lassen, und als du nicht kamst, setzte er noch leiser hinzu, so nahm ich Dora.

So behalte sie, erwiederte Jemmy mit fester Stimme und einem unbeschreiblichen Blick der tiefsten Verachtung; dann lief sie nochmals auf ihren Buben los, faßte ihn, trotz alles Sträubens, und küßte ihn heftig. Und nun, sprach sie zu ihrer Rivalin gewendet, wenn du es je wagst, diesem meinem Buben etwas zu Leide zu thun, oder deinen deutschen Rachen auf seinen Mund zu legen, so — —

Mit diesen Worten, die wir ihrer Zierlichkeit wegen zum Theil mit Stillschweigen zu übergehen für gut finden, öffnete sie die Thüre.

Halt! halt! um Gotteswillen, halt! rief Toffel mit einer Stimme, die genugsam bewies, daß er beinahe so viel gelitten habe, wie seine weiland Frau. Er hatte sie immer, trotz ihres bissig starren, zänkisch-herrschsüchtigen Wesens geliebt, herzlich geliebt, ja vielleicht aus eben dieser Ursache geliebt, da sie zur Würze seines Lebens, zum ewigen Stachel seiner phlegmatischen Deutschheit so trefflich geeignet war. Oft hatte er an Jemmy zurückgedacht; denn die Willigkeit der gutmüthigen, phlegmatischen Dora hatte sein träges Vegetiren nur noch träger gemacht; er war nun einmal ein Deutscher, die bekanntermaßen nie glücklicher sind, als wenn sie wie die Schafe geschoren und wie die Hunde getreten werden. Oft würde er einen blaugewirkten Strumpf, und selbst zwei gegeben haben, wenn er sich dadurch hätte einen sanften Rippenstoß von Jemmy erwerben können. Wirklich hatte er auch keine Mühe gespart; war der Spur der Indianer mehrere hundert Meilen nachgejagt, hatte sie auch bereits mit seinen Nachbarn erjagt, aber es zeigte sich ungeschickter Weise, daß es nicht Indianer, sondern Yankee-Uebersiedler waren. Auch auf Zeitungsankündigungen hatte er so manchen Dollar verwendet; unglücklicherweise zirkulirten diese jedoch im Osten, während Jemmy im Westen als Ehrendame figurirte, und noch unglücklicher hielt Herr Caspar Ledermaul nach einem Jahre solchen Cirkulirens und Wartens eine gewichtige Rede über den schönen Text: Melius est nubere quam uri, einen Text, den er gar zierlich und erbaulich ins Deutsche verdeutschte. Toffel hatte bereits lange über dieses nämliche Thema nachgedacht, als ihm so auf einmal die Augen geöffnet wurden; und so ergab er sich denn in sein Geschick, und nahm ein Weib, und zwar ein gutes Weib, ein liebes Weib; aber die Hauptsache für unsern Deutschen, die Würze, die Kniffe, die Tritte, das Scheeren fehlte.

So war nun die Lage unsers Toffels beschaffen, des Mannes zweier Weiber, zwischen denen er nun gewaltig zu schwanken schien. Zu der einen zog ihn Achtung, Gewohnheit, Neigung, zur andern ein gewisser Kitzel, oder vielmehr das Bedürfniß, gekitzelt zu werden. Zuletzt rief er aus: Halt! ich bitte dich; wir wollen zum Squire gehen, und was der und Pfarrer Ledermaul sagen, das wollen wir thun, und wie es immer ausfalle, ich will dir sechshundert Silberdollars und mein schönstes großes Roß geben. Laß uns hören, was das Gesetz Gottes und des Menschen sagt.

Auch darin bewies sich Toffel als ein ehrlicher, guter Deutscher, der nie selbst dachte und handelte, sondern diese Mühe der göttlichen und menschlichen Obrigkeit, wie er meinte, auf die Schultern zu laden für's Beste erachtete.

Jemmy nun zuckte, das Gesetz, oder vielmehr das, was aus der Auslegung des Gesetzes folgt, ein Prozeß, war Musik für ihre Ohren, so wie es die lieblichste Musik für Irinnen ist. Sie hielt inne; vielleicht möchte sie sich auch wirklich haben erweichen lassen, aber in diesem entscheidenden Augenblicke kam ihre Rivalin, die sich in die Nebenstube retirirt hatte, wieder in Vorschein, ihr jüngstes Kind im Arme und zwei gewichtige Strümpfe in der Hand haltend.

Nimm sie, sprach das gute Weib, wir haben noch sechs übrig, wir haben Ueberfluß. Nimm sie, und Jeremias Hawthorn ist noch ledig; sei glücklich, gute Jemmy.

Die sanfte, beinahe demüthig bittende Dora war wirklich rührend anzuschauen, als sie, Thränen im Auge, die halbwilde Irin anflehte, ihre sechshundert Silberdollars anzunehmen. Jedes andere Herz mußte erweichen, ausgenommen das, an welches die Bitte gerichtet war; die Erscheinung der Glücklichen schien sie in frische Wuth zu versetzen. Einen Blick der tiefsten Verachtung ihr zuwerfend, trat sie an Toffel heran, schüttelte ihm die Hand, bot ihm ein Lebewohl, und verließ die Stube.

Renn', lauf', lieber Toffel, was du kannst! bat, beschwor ihn Dora. Lauf', um's Himmelswillen! sie möchte sich sonst ein Leid anthun.

Toffel war seiner selbst unbewußt da gestanden; es war, als ob das Ganze ihm ein Traum gewesen; die Stimme seines Weibes rief ihn in die Wirklichkeit zurück. »Denk nur, Toffel!« bat sie nochmals, ihre Hände faltend. Und Toffel lief aus Leibeskräften der Armen nach; sie war jedoch schon weit vorausgeeilt. Seine langen Schritte verdoppelnd, hatte er sie beinahe eingeholt, als sie sich umwandte, und ihm befahl, umzukehren. Einem kräftig ausgesprochenen Befehle kann ein deutsches Blut nie widerstehen, und so kehrte denn Toffel um, und ging zu seinem Weibe. Einige Minuten starrte er ihr noch nach, bis sie in den Windungen des Berges verschwunden war, und dann schüttelte er seinen Kopf und dachte — was? können wir unmöglich sagen.

Jemmy lief nun wie ein gescheutes Reh den Berg hinan; wieder war sie auf dem fatalen Vorsprunge angekommen, wo ihr irdisches Glück einen so schrecklichen Stoß, sie konnte es sich nicht verhehlen, durch ihre eigene Schuld erlitten. Noch einmal überblickte sie ihre vorige friedlich-ruhige Heimath; da lag sie mit Allem, was ihr werth und theuer war: das substantielle Wohnhaus mit seinen beiden Toffeln; dort weideten ihre Kühe und Kälber, und ein halbes Dutzend der größten Rosse, die sie je gesehen; da stand die Ciderpresse; — und Allem, Allem sollte sie nun entsagen: ihrer Butter und ihrem Käse, ihrer Wohnung und ihrem Throne. Der Gedanke schnitt in's Innerste ihres Herzens; sie weinte bitterlich. Allein stand sie da, verlassen auf der weiten Gotteswelt; Vater und Mutter todt, Brüder und Schwestern in der weiten Welt; ihre Bekannten und Freundinnen würden lachen und spotten der Jemima, der indianischen Squaw. Ihr ungebeugter Sinn empörte sich bei diesem Gedanken; allmälig wurde ihr Gemüth ruhiger, ihre Miene zuversichtlicher. Ein Entschluß schien in ihr aufzukeimen, der mit jeder Sekunde an Stärke zunahm. Als wollte sie der Möglichkeit einer Gesinnungsänderung entwischen, sprang sie vom Boden, rannte dem Walde zu, und drang tiefer und tiefer ein.

Drittes Capitel,

welches da zeigt, wie die zwei rothen Kolben doch eine Vorbedeutung gewesen.

Es war im Jahre 1796, im Anfang des indianischen Sommers, als Jemmy zum zweitenmale ihren langen Weg antrat. Der Himmel begünstigte diesmal ihr Unternehmen. Sie kehrte auf demselben Wege zurück, den sie, freilich unter lieblichern Auspicien, gekommen war. Sie hatte sich nun an das Wandern in den Wäldern so ziemlich gewöhnt; mit demselben ungebeugten Muthe trat sie wieder in die Wohnungen der zerstreuten Ansiedler im damaligen nordwestlichen Territorium[38], und forderte mit derselben Unerschrockenheit Trank und Speise und Nachtherberge. Keiner wagte sie zu fragen, keiner sie auszuholen; der schmerzhafte Blick der Entsagung und des Muthes schreckte alle zurück, und wenn es ja einer wagte, sie forschend anzublicken, so erstarb ihm das Wort auf der Zunge. Fest und entschlossen barg sie ihren Schmerz im eigenen Busen, zu stolz, um überflüssiges Mitleid zu erbetteln, zu klug um zum Theegespräche werden zu wollen. Als die Wohnungen aufhörten, nahm sie wieder zu wilden Trauben, Papaws und Kastanien ihre Zuflucht, und wanderte so die vierhundert Meilen zu den Quellen des großen Miami zurück, wo sie sich acht Wochen nach ihrer Flucht eben so kühn und unverzagt präsentirte, als ob sie von einem Morgenbesuche zurückgekehrt wäre.

[38]: Dem heutigen Staate Ohio.

Nie war der Jubel im Hauptquartier der Shawneese größer gewesen, als wie Jemmy in die Hütte der Mutter Tomahawks eintrat. Die ganze Bevölkerung der Wigwams war rege; Tomahawk war außer sich vor Freude. Er war ihr Bewunderer und Verehrer volle fünf Jahre gewesen, und hatte sich, was bei einem Wilden nicht wenig bedeuten will, die ganze Zeit hindurch auch nicht die mindeste Freiheit erlaubt. Sie hatte nicht geringen Einfluß auf das Völkchen sich erworben; sie war die Lehrerin der Weiber, die Schneiderin, Köchin der Männer, das Factotum Aller gewesen; daß die Letztern, wenigstens zum Theil, menschlichen Wesen in ihrem Aeußern und nicht Orang-Outangs ähnlich sahen, war ganz ihr eigenes Werk. Tomahawk tanzte und sprang vor Freuden: »Weiße Männer nicht gut! Rothe Männer gut!« rief er jubelnd, und in seinen Jubel stimmten Mutter, Squaws und Männer sammt und sonders mit ein. Es war mit einem Worte ein Freudenfest für den armen Häuptling, das noch glänzender ausgefallen wäre, hätten er und die Seinigen mehr Feuerwasser gehabt.

Fest und bestimmt jedoch, als der Entschluß Jemima's war, ließ es ihre Klugheit nicht zu, dem verliebten Wilden sein Spiel allzu leicht zu machen; nein, sie erholte sich lange Zeit Rathes, ehe sie ihm auch nur die entfernteste Hoffnung machte. Zwanzig Tage war sie bereits mit Tomahawks Mutter eingeschlossen, während welcher Zeit der arme Häuptling sie nur zweimal zu sehen bekam. Endlich am ein und zwanzigsten Morgen wurde er in die Gegenwart der Souverainin seines Herzens berufen. Er kam, wo möglich noch bunter herausstaffirt, als bei seiner ersten Bewerbung; stammelnd trug er ihr seine Wünsche vor. Jemima hörte ihn ernst, wie ein Oberrichter, an; nachdem er seine Rede geendigt hatte, wies sie schweigend auf den Tisch hin, auf welchem ein vollständiger Anzug von amerikanischer Kleidung lag. Tomahawk kehrte jauchzend in seine Hütte zurück, und erschien nach einer halben Stunde, ein ganz anderer Mensch, vor seiner Gebieterin. Er sah wirklich nicht uneben aus; ein wohlgestalteter Junge von kräftig schlankem Wuchse — Toffel war nichts dagegen; — zudem Häuptling von mehrern hundert Familien, hatte er seit seiner Bekanntschaft so viele Proben von Anhänglichkeit, Ehrfurcht und Lenksamkeit gegeben, die ihn zu einem gar nicht verwerflichen Ehemanne in den Augen Jemmy's qualificiren mochten. Sie reichte ihm nun gnädigst ihre Hand; es galt eine fernere Probe. Bereits standen auf Geheiß seiner Mutter zwei Pferde vor der Hütte; sie befahl Tomahawk, selbe zu satteln. Er gehorchte schnell und schweigend. Sie bestieg das eine, und winkte ihm bedeutsam, ein gleiches zu thun und ihr zu folgen. Der Wilde staunte, starrte, folgte jedoch unwillkürlich seiner geliebten Herrin, die das Wigwam verließ, und in der Richtung nach Süden forttrabte; einige Male erkühnte er sich zu fragen, aber sie winkte, zeigte bedeutsam hinab in die Ferne, und er schwieg und folgte. Der Friede war während ihrer Gefangenschaft wieder hergestellt, und ihre Reise hatte für sie wenigstens Ein Gutes zur Folge gehabt. Sie hatte vernommen, daß beiläufig vierzig Meilen in südlicher Richtung von den Quellen des Miami eine amerikanische Niederlassung entstanden; nach dieser ging nun ihre Reise. Als sie in derselben angelangt war, fragte sie sogleich nach dem Friedensrichter. Das Staunen des werthen Squire war nicht gering, als er plötzlich ein junges, hübsches Weib — Jemmy hatte sich in den zwanzig Tagen ihrer Zurückgezogenheit wieder abgerundet — und einen kräftig blühenden Wilden, wie ein Gentleman gekleidet, in seine Stube treten sah. Jemmy jedoch ließ ihm nicht lange Zeit zur Verwunderung, sondern wandte sich ohne weitere Umschweife zu ihrem Begleiter und sprach: Tomahawk! du hast während der fünf Jahre meiner Bekanntschaft mit dir so viel gesunden Menschenverstand an den Tag gelegt, daß ich alle Hoffnung habe, aus dir einen Mann zu bilden, und so habe ich mich denn entschlossen, aus dir einen Mann zu machen.

Tomahawk wußte nicht, ob er wache oder träume, und so ging es dem Squire; aber das ausdrückliche Verlangen, sie, Jemima O' Dougherty, ehelich mit Tomahawk, dem Häuptling der Shawneese, zu verbinden, und zwei blanke Silberdollars beseitigten alle Zweifel, und der Friedensrichter sprach die Eheformel über sie aus, und vereinte ihre Hände. Der Segen war bereits gesprochen, und noch immer begriff der arme Wilde nicht, was das Ganze zu bedeuten habe; als aber Jemmy seine Hand faßte, und ihm eröffnete, sie sei nun sein Weib und er ihr Mann, da war ihm, als wäre er so eben aus den Wolken gefallen. Er tanzte im Zimmer herum, er sprang, er jubelte, er lachte, er weinte, Alles vor Freude. Der Friedensrichter selbst war nicht weniger überrascht, und zwar so sehr, daß er ein treffliches Abendessen den Beiden zum Besten gab, sie bei ihm zu übernachten nöthigte, und Jemmy selbst die zwei Thaler zurückgab, wie seine Bücher noch heutiges Tages ausweisen. Und gewiß mußte es für den guten Mann und die Ansiedler nicht von geringer Bedeutung sein, den unbändigen Tomahawk, der im letzten Kriege so viel Unheil durch seine Excursionen angerichtet hatte, unter einer, allem Anscheine nach, so entschlossenen, muthigen Direction zu wissen.

Tomahawk und sein Weib kehrten den folgenden Tag in ihre Heimath zurück, und vom Tage der Rückkehr begannen auch seine Honigmonde. Mistreß Tomahawk nämlich war kaum in ihre neue Wohnung installirt, als sie auch ausfand, daß die erbärmliche Hütte viel zu klein und enge und unsauber für sie beide sei. Und wirklich, sie war eher einer Bärenhöhle, als einer menschlichen Wohnung zu vergleichen. Tomahawk und seine Leute hatten nun Bäume zu fällen, wozu sie sich nur gegen ein gewisses Honorar von Whiskyflaschen, die Jemmy für die zwei Dollars mitzunehmen für gut befunden hatte, herbeiließen. Mehrere von ihren Landsleuten waren von der Niederlassung heraufgekommen, und halfen das Gebäude aufzimmern. Tomahawk sprang freilich, als er vierzehn Tage hindurch die Axt handhaben mußte, jedoch nicht mehr vor Freuden; er schnitt Gesichter; aber all sein Springen und Gesichterschneiden half zu nichts: er mußte daran und darauf. In vier Wochen schlief er im bequemen Wohnhause, so bequem, so wohnlich, wie Toffels. Tomahawk hatte nun ganze vier Wochen Ruhe, aber das Frühjahr meldete sich an, und das Kornfeld war offenbar zu klein, ja es hatte nicht einmal eine Umzäunung, und Schweine und Pferde fraßen den größten Theil der Saat, ehe sie noch in den Samen schießen konnte. Mistreß Tomahawk bedurfte eines größern, und ihre wilde Ehehälfte hatte daher ein paartausend Bäume zu ringeln und umzuhauen, und einige Dutzend Aecker zu umzäunen. Ihr Freund, der Friedensrichter, hatte bei dieser Zeit wahrgenommen, daß sie eine wackere junge Frau und treffliche Haushälterin, unternehmend, thätig war, die es wohl verdiente, auf allen Wegen ermuthigt zu werden. Er war Amerikaner im ganzen Sinne des Wortes, der half, wo es etwas half; er sandte ihr sofort einige Hundert Aepfel- und Pfirsichbäume, die sie pflanzte und pflanzen ließ. Wiederum hatte Tomahawk einige Wochen Ruhe; aber es war böse Wirthschaft, und zwar seit undenklichen Zeiten, mit den Fuchs-, Hirsch-, Biber- und Bärenfellen getrieben worden. Tomahawk war ein berühmter Schütze und Jäger, aber er verhandelte den Preis wochenlangen Jagens nicht selten für einige Gallons Whisky. Gleich den übrigen seiner rothen Brüder, hatte er die schwache Seite, einen Schluck, oder vielmehr deren viele zu thun, wenn es Gelegenheit dazu gab. So groß war jedoch die Furcht vor seiner Ehehälfte, daß er die Branntweinflaschen pfiffiglich in hohle Bäume versteckte. Mistreß Tomahawk fand jedoch den Sünder bald aus, und um künftig allen Versuchungen vorzubeugen, befahl sie ausdrücklich, daß alle Felle heimgebracht, und ihrer Disposition überlassen werden sollten. Nun nahm sie den Fellhandel auf sich. In kurzer Zeit wackelten mehrere Kühe durch das ellenhohe Gras an den Miamiufern, und Tomahawk kostete zum erstenmale in seinem Leben Kaffee und Wälschkornkuchen. Aber es kam noch schlimmer. Ein junger Tomahawk erblickte das Licht der Welt, und die alten Squaws zögerten nicht, ausgerüstet mit Bärenfett und Kuhmist, ihre Aufwartung zu machen, willens, den neuen Stammhalter feierlich in ihre religiöse und politische Gemeinschaft einzuweihen. Allein Jemmy sah so bitterböse darein, und ergriff, als dieses nicht helfen wollte, ihren Scepter, den Besen, so wacker, daß Alt und Jung heulend zum Hause hinausstürzte, gleich als ob sie vom wilden Jäger verfolgt würden. Als sie von ihrem Kindbette sich erholt hatte, befahl sie wieder Tomahawk, zwei Rosse zu satteln. Natürlich gehorchte er ohne zu mucksen, und nahm ohne Widerrede seinen Sohn auf den Arm. Auch dieses Mal ging ihre Reise auf die erwähnte Niederlassung, aber nicht dem Hause des Friedensrichters, sondern des Predigers zu. Tomahawk ließ sich Alles ruhig gefallen; als er aber den Prediger seinen Sohn mit Wasser begießen sah, verging ihm alle Geduld. Er sprang nicht bloß, er tobte, er wüthete, er nannte Mistreß Tomahawk — stellen Sie sich nur vor, schöne Leserinnen, der Ungezogene! — eine Hexe, eine Teufelin, eine Medizin[39]. Jemmy, ohne ein Wort zu verlieren, runzelte ihre Stirne, warf ihr Näschen auf, und der junge Tomahawk ward getauft, wie andere Christenkinder.

[39]: Medizin werden von den Indianern Aerzte, Hexenmeister, Zauberer, überhaupt alle diejenigen genannt, die sie wegen ihrer Kenntnisse in Verbindung mit über- oder unterirdischen Wesen wähnen.

Als einige Jahre später die Shawneese-Indianer mit der Regierung der Staaten in Unterhandlungen wegen Abtretung ihrer Ländereien traten, war die Farm Tomahawks zu mehrern hundert Ackern blühender Fruchtgärten und herrlicher Wiesen und Felder angewachsen. Mistreß Tomahawk wies natürlich jede Zumuthung, ihr Land abzutreten, mit Standhaftigkeit zurück, und vertheidigte ihre und ihres Mannes Rechte, wobei ihr der Friedensrichter hülfreiche Hand bot, so wacker, daß die Commissaire noch froh waren, mit einigen tausend Ackern davon zu kommen. Schwerer hielt es, dieselbe Ausnahme mehrern Indianerfamilien auszuwirken; doch auch dies gelang ihr, und einige zwanzig dankbare Familien segnen noch heute ihr Andenken. Und ihr Wohlstand und ihre Zufriedenheit nahmen mit jedem Jahre zu; sie sandte ihre Kinder in die Schule der Missionaire an den Maumeefällen, wo sie zu Christen und Bürgern gebildet wurden, und sie lebt nun, das sichtbare verehrte und werkthätige Oberhaupt ihrer rothen Mitbürger und Mitbürgerinnen.

Der Reisende, den sein Weg über die Haide zwischen Columbus und Dayton nordwärts führt, wird unter und zunächst den Quellen des Miami ein gewaltiges, aus gehauenen Baumstämmen aufgezimmertes Wohnhaus mit Scheunen und Ställen finden, umringt von üppigen Waizen- und Wälschkornfeldern, und auf den Wiesen an die sechzig der schönsten Melkkühe, mit Kälbern, Pferden und Füllen, nicht zu gedenken der Fruchtgärten, die unter der Last von Aepfeln, Birnen und Pfirsichen zu brechen drohen. Um das Haus herum tummeln sich ein halbes Dutzend Jungens und Mädchen von hellrother Gesichtsfarbe, und herausgeputzt, als wären sie so eben aus Stubbs Laden zu Philadelphia gekommen. Am Sonntage lesen sie ihre Bibel, oder satteln sich ihre Pferde, und begleiten Mistreß Tomahawk zur Kirche; dem Häuptlinge, der ziemlich behaglich und comfortabel aussieht, lesen und erklären sie die Zeitungen, und der alte Tomahawk rühmt sich, daß seine Buben bessere Mediciner geworden sind, als die der Weißen. Und er ist noch stark in Zweifel, ob seine zwei ältesten Söhne Advokaten oder Doktoren werden sollen. Zweimal jedes Jahr macht Mistreß Tomahawk eine Tour nach Cincinnati auf ihrem sechsspännigen Wagen, der, mit Butter, Ahorn-Zucker, Käse, Mehl und Früchten beladen, einen Zug darbietet, den kein Gouverneur aufweisen kann. Sie hat stets zwei ihrer Söhne als Vorreiter bei sich. Und sie ist eben so sehr das Schrecken der Marktinspectoren allda geworden, als sie das Orakel und der Liebling aller Marktweiber — und Männer ist.

Nachwort an den geneigten Leser
von den Verlegern.

Es ist wohl selten der Fall, daß Buchhändler es unternehmen, zu ihren Verlagswerken Nachworte oder Nachreden zu schreiben; die Gelegenheit dazu aber bietet dasjenige Buch des Verfassers der Reiseskizzen dar, welches wir voriges Jahr als eine höchst merkwürdige Erscheinung unter dem Titel: