Wenn mitten unter lustigen Geschichten eine ernsthafte steht, so ist das so, als wenn sich zwischen lauter sonnige Frühlingstage ein grauer Regentag schiebt. Den lieben langen Tag will es dann nicht hell werden, und alle Freude scheint auf einmal verschwunden, bis sich, vielleicht gegen Abend, der Himmel aufhellt und zarte Rosenwölkchen zeigen, daß sicherlich am andern Tag die Sonne wieder herauskommen wird.
Unter all den fröhlichen Oberheudorfer Buben und Mädeln ging des Wassermüllers Trinchen immer still und traurig einher. Immer saß es ein wenig abseits, immer ging es allein von der Schule heim, und wenn die andern spielten, dann sah das Trinchen von ferne zu. Die andern Kinder nannten Trinchen darum „hochmütig“, denn Trinchens Vater war ein reicher Mann, und sie meinten nicht anders, als das Trinchen sei eingebildet darauf. Schuster Pechdraht aber meinte, Trinchen besänne sich immer zu lange auf eine Antwort, bis dann die Zeit, eine zu geben, vorüber sei, und er nannte die Kleine manchmal scherzend „das besinnliche Trinchen“. Der Name blieb dem Kinde, und bald wurde die Kleine im ganzen Dorf so genannt.
Das besinnliche Trinchen aber war nun ganz und gar nicht hochmütig, sondern im Gegenteil ein furchtbar schüchternes kleines Mädchen. Es war so ängstlich und zaghaft, daß es kaum zu sprechen wagte, und wenn jemand unversehens ein strenges Wort zu ihm sagte, war das Mädchen tief unglücklich. Nur aus Schüchternheit hielt sich Trinchen von den Gespielen fern. Ganz einfach hinzugehen und zu sagen: „Ich will mitspielen!“ das hätte die Kleine gar nicht fertiggebracht. Aus Schüchternheit wagte sie auch in der Schule nicht ordentlich zu antworten, obgleich sie die meisten Fragen hätte beantworten können und manchmal mehr wußte als die, die stolz mit ihrer Klugheit prahlten. Hatte Trinchen aber einmal etwas unrichtig gemacht und bekam darum Schelte, dann verlor sie alle Fassung und konnte überhaupt nicht antworten. Sie wurde dann „trotzig und verstockt“ genannt, und der Lehrer, der eigentlich sehr gütig war, bestrafte wohl aus diesem Grunde Trinchen besonders streng. Obendrein wurde sie auch noch von ihren Mitschülern ausgelacht, wenn sie so stumm und bleich dastand und kein Wörtchen sagen konnte.
Daheim im Elternhaus ging es dem besinnlichen Trinchen nicht besser. Des Kindes Mutter war früh gestorben, und als Trinchen sechs Jahre alt war, kam eine Stiefmutter ins Haus. Die alte Male, die schon bei Trinchens Mutter Kindsmagd gewesen war und nach dem Tode der Frau in der Mühle die Wirtschaft führte, sah scheel auf die neue Hausfrau. Sie erzählte in ihrem Ärger dem Trinchen lauter schreckliche Geschichten von bösen Stiefmüttern, die alle gar nicht wahr waren, und jagte dadurch der schüchternen Kleinen eine heillose Angst ein. Die neue Mutter war eine gütige, fröhliche Frau, die ihrem Stiefkinde ein Herz voll Liebe entgegenbrachte. Aber Trinchen in ihrer Schüchternheit, zu der noch die Angst vor der Stiefmutter kam, blieb dieser gegenüber so fremd und befangen, daß sie immer wie ein scheues Mäuslein im Hause herumhuschte.
Am unglücklichsten über diese Schüchternheit war das besinnliche Trinchen selbst. Niemand ahnte, wie tieftraurig die Kleine oft war, wie schrecklich einsam sie sich oft fühlte, denn sie hatte ein zärtliches, liebebedürftiges kleines Herz. In aller Stille hing sie zum Beispiel mit inniger Liebe an ihrer Stiefmutter, aber es dieser zu zeigen wagte sie nicht. Auch den Herrn Lehrer liebte Trinchen schwärmerisch, aber wenn die andern Kinder zutraulich zu ihm liefen und ihm von ihren Freuden und Leiden erzählten, da stand die Kleine abseits. Wie gern hätte Trinchen eine Freundin gehabt und hätte einmal vergnügt mit den andern gelacht oder wäre mit zu Muhme Lenelis gelaufen.
Manchmal, wenn sie einsam an einem verborgenen Plätzchen, etwa unter einer Trauerweide am Mühlbach, saß, da nahm sie sich vor, so zu sein wie die andern Kinder. Sie schwatzte lauter lustige Sachen vor sich hin, und wenn sie am nächsten Tag in die Schule kam, da war sie so still und scheu wie immer, da war sie wie eine jener Blumen, die ihren Kelch geschwind schließen, wenn eine Menschenhand sie berührt.
In der Oberheudorfer Schule saßen die Kinder alle in einer Klasse, die Kleinen unten und die Großen oben. Es gab aber außer dem eigentlichen Schulzimmer noch ein zweites, in dem hatten die Mädchen bei der Frau des Lehrers Handarbeitsstunde, oder diejenigen, die schreiben mußten, während die andern lasen, saßen darin. In diesem zweiten Schulzimmer stand ein großer Schrank, in dem Bücher, Landkarten, Kreide, Tinte und dergleichen aufbewahrt wurden. In dem Schrank stand auch eine kleine Sparbüchse. Wenn ein Kind Geburtstag hatte oder sonst ein besonders freudiger Tag war, dann erbat es sich daheim von seinen Eltern einige Pfennige, die in die Sparkasse getan wurden. In Niederheudorf war ein Armenhaus, in dem auch einige Oberheudorfer Arme wohnten, denen wurden zu Weihnachten dann von dem ersparten Geld kleine Geschenke gemacht.
An einem Herbsttag wanderte das besinnliche Trinchen noch zaghafter als sonst zur Schule. Es hatte nämlich einen Plan, von dessen Ausführung ihr schon seit Wochen bangte, und doch war sie glückselig bei dem Gedanken, ihr Plan könnte ihr gelingen.
Vor einiger Zeit hatte sie von einer Tante, die in der Stadt wohnte, einen hübschen Kasten mit allerlei kleinen, niedlichen Handarbeiten bekommen, ein Geschenk, das ihr viel Freude bereitet hatte, wenn von der Freude auch niemand etwas merkte. Unter den Arbeiten war auch ein zierliches, kleines Federkästchen gewesen, und in einer Stunde, in der das besinnliche Trinchen in aller Heimlichkeit lustig und unternehmend gewesen war, hatte es sich vorgenommen, das Kästchen dem Herrn Lehrer zu schenken. Acht Tage lang trug sie das ganz sauber gestickte Kästchen in ihrem Ranzen in die Schule, und jedesmal brachte sie es wieder heim: sie hatte es nicht gewagt, ihre Arbeit dem Herrn Lehrer zu geben. Schließlich nahm sie sich vor, sie wolle es ihm heimlich auf das Pult stellen, vielleicht würde er es gar nicht merken, daß die Gabe von ihr kam.
Der Schultag verlief wie alle Schultage. Einige Kinder hatten gut gelernt, einige weniger gut. Trinchen, deren Gedanken viel bei ihrem Kästchen waren, wußte einige ganz einfache Fragen nicht zu beantworten. Die andern Kinder lachten, und der Lehrer schalt und sagte die Antwort, die Trinchen wiederholen sollte. Die Kleine war durch Lachen und Schelte so verschüchtert, daß sie trotz aller Mühe, die sie sich gab, kein Wort herausbrachte.
„Du bist ein trotziges Kind,“ sagte der Herr Lehrer ärgerlich. „Nachher, wenn ich die neuen Bilder zeige, die ich gestern bekommen habe, gehst du in die andere Stube und schreibst die Antwort zehnmal auf.“
Trinchen stiegen die Tränen in die Augen, und zu allem Unheil machte sie in ihr neues Heft noch einen dicken Klecks. Tief unglücklich saß sie zusammengekauert wie ein kranker kleiner Spatz da, und als gegen Ende der Schule der Herr Lehrer die Bilder herausholte und alle Kinder vergnügte Gesichter bekamen, schlich sie traurig in das Nebenzimmer.
Da saß sie denn und schrieb, und es sah aus, als hätten Krähen rechtsum, linksum auf dem Heft getanzt, denn so schwere Tränen saßen ihr in den Augen, daß sie kaum etwas sehen konnte.
Natürlich bekam sie auch wieder Schelte wegen der Schreiberei, und der Herr Lehrer sagte, sie müsse am Sonnabend nachmittags in die Strafstunde kommen. Das war eine schreckliche Schande! Trinchen meinte, sie müsse in den Boden sinken vor Scham.
Das Schlußgebet war gesprochen, und schon wollten alle heimgehen, als Schmieds Grete wichtig hervortrat und einen Groschen brachte, der für die Sparbüchse bestimmt war. Ihre Mutter hatte Geburtstag, da hatte sie ihr den Groschen gegeben. Das war ein Ereignis! Heine Peterle und der blaue Friede stürzten gleich in das andere Zimmer, um die Büchse zu holen, und kamen gleich darauf wieder mit dem Jammerruf: „Die Büchse ist nicht da!“
„Ach Unsinn,“ sagte der Herr Lehrer, „ich habe sie heute früh selbst gesehen; es wird etwas davorstehen. Ruhe, Kinder, rennt nicht so, nur drei dürfen nachsehen!“
Nach einigen Minuten kamen die drei Boten wieder und riefen klagend: „Sie ist nicht da!“
„Ich will selbst nachsehen,“ sagte der Herr Lehrer, „bleibt alle an euren Plätzen!“ Er ging, und nach wenigen Minuten kehrte er mit tiefernstem Gesicht zurück. „Die Büchse ist nicht da. Wer von euch war heute im Nebenzimmer?“
Einige meldeten sich, und Anton Friedlich sagte, er habe bestimmt die Büchse gesehen.
„Hat der Schrank offen gestanden, als ihr nachgesehen habt?“ fragte der Lehrer Heine Peterle und den blauen Friede.
„Ja, weit offen,“ riefen beide.
„Wer hat ihn offen gelassen?“
„Ich nicht!“ – „Ich nicht!“ schrien die Kinder, nur das besinnliche Trinchen saß stumm und teilnahmslos auf seinem Platze.
„Einmal hat's drin gerappelt!“ rief Anton Friedlich, der sich doch nicht ganz klar war, ob er nicht den Schrank offen gelassen hatte.
„Ich hab's auch gehört!“ – „Ich auch!“ riefen einige andere. „Es ist jemand drin gewesen!“
Der Herr Lehrer rief seine Frau, die allein noch von ihrer Wohnung aus das Zimmer betreten konnte, und die Frau Lehrerin sagte, sie sei darin gewesen; ob aber der Schrank offen gestanden habe, darauf konnte sie sich nicht besinnen.
„Müllers Trinchen ist zuletzt in der Stube gewesen,“ rief Schnipfelbauers Fritz auf einmal, und aller Augen richteten sich auf Trinchen, die blutrot wurde.
„Hast du gesehen, ob der Schrank offen war?“ fragte der Lehrer die zitternde Kleine.
Trinchen schwieg verwirrt und wagte nicht aufzusehen. Es wurde mäuschenstill in der Klasse.
„Trinchen, komm einmal mit deinem Ranzen zu mir,“ sagte der Lehrer ernst, aber nicht unfreundlich.
Der Gedanke an das Kästchen durchzuckte Trinchen. „Wenn der Herr Lehrer das findet und danach fragt!“ dachte sie angstvoll, und unbeweglich blieb sie auf ihrem Platze.
„Trinchen,“ sagte der Herr Lehrer strenger, „du kommst sofort her!“
Trinchens Füße wurden bleischwer, sie war halb sinnlos vor Angst. Warum rief der Lehrer sie nur, sie hatte doch nichts getan?
Die Nachbarinnen schoben die Kleine ärgerlich aus der Bank heraus. „Geh doch, geh doch!“ sagten sie böse, denn Trinchens Schweigen und Verlegenheit bestärkten bei allen den schrecklichen Verdacht, und von hinten hervor kam auf einmal eine Stimme: „Müllers Trine hat die Büchse gestohlen!“
„Still!“ donnerte der Herr Lehrer zornig, dem der Gedanke, eines seiner Schulkinder könne wirklich so etwas getan haben, bitter weh tat.
Aber Trinchen hatte das Wort auch gehört. Sie wurde plötzlich leichenblaß. Das dachte man von ihr? Für eine Diebin hielt man sie? Die Kleine taumelte, wie im Kreise drehte sich alles vor ihr, und in ein lautes Schluchzen ausbrechend, warf sie ihren Ranzen weg. Sie stürzte, ehe sie noch jemand halten konnte, zur Türe hinaus. An der Türe rannte sie mit jemand zusammen, der gerade die Klasse betreten wollte, obgleich er nicht in eine Schule gehörte.
„Na, was ist denn das für eine Aufregung?“ rief der Mann, der an der Türe stand, und der kein anderer war als – der Gendarm.
Er wollte Trinchen halten, aber die Kleine war schnell wie ein Blitz an ihm vorbei. „Mit Verlaub, Herr Lehrer,“ sagte der Gendarm und trat näher, „das gehört wohl hierher?“ und dabei stellte er – die vermißte Sparbüchse auf das Pult und sah sich wohlgefällig im Kreise um: „Das ist mal 'ne Überraschung, was?“
Eine Überraschung war das freilich, und der Lehrer schüttelte erstaunt den Kopf: „Wie kommen Sie zu der Büchse?“
„Hm, das ist man so,“ sagte der Gendarm und erzählte umständlich, daß er einen Landstreicher habe nach seinen Papieren fragen wollen, doch der Mann sei ausgerissen und habe dabei die Büchse weggeworfen. Er mußte durch das offene Fenster in das Schulzimmer gestiegen sein und die Büchse geraubt haben.
So etwas war seit Menschengedenken nicht in Oberheudorf passiert, und eine unbeschreibliche Aufregung befiel die Kinder. Sie vergaßen, daß sie in der Schule waren, und schnatterten wild durcheinander wie die Gänse auf dem Anger, bis der Lehrer Ruhe gebot und rief: „Doch jetzt wird zuerst das arme Trinchen gesucht!“
Da rannten alle aus der Klasse und schrien: „Trinchen, Trinchen!“ aber so laut, daß, wenn es Trinchen gehört hätte, ihr wohl himmelangst geworden wäre.
Der Lehrer selbst eilte in die Mühle, weil er meinte, Trinchen sei gewiß dort. Aber das besinnliche Trinchen war nicht nach Hause gekommen, und seine Eltern gerieten in heftige Aufregung, als sie die traurige Geschichte erfuhren. Ihre Angst teilte sich bald dem ganzen Dorf mit, denn wo man auch suchte, nirgends war Trinchen zu finden. Kein Haus, keine Scheune im Dorf blieben undurchsucht, und der Müller durchstreifte in seiner Herzensangst mit seinen Knechten den Wald. Aber soviel er auch seines Kindes Namen rief, die Kleine blieb verschwunden.
Der schöne, helle Herbsttag wandelte sich allmählich zum Abend, und über die Wiesen zogen weißgraue Nebelstreifen, und mit der immer tiefer werdenden Dämmerung wurde die Angst um das verschwundene Kind in Oberheudorf immer größer. Einige Leute hatten das Trinchen aus der Schule laufen sehen, und alle sagten, sie sei nach dem Walde zu gelaufen. Aber der Wald war groß, über Berg und Tal zog er sich hin, und leicht konnte sich jemand darin verirren.
Friede, der Träumer, war am Morgen nicht in der Schule gewesen; er hatte für seinen Pflegevater in ein entferntes Dorf gehen müssen, und der Herr Lehrer hatte ihm auch Urlaub gegeben. Es war schon Dämmerung, als der Bube heimkam und auf der Dorfstraße von einigen Schulkameraden von Trinchens Verschwinden hörte. Da ging Friede nicht erst nach Hause, sondern drehte um und lief spornstreichs zum Dorf hinaus. Was alle nicht wußten, das wußte er, nämlich einen Ort, wo möglicherweise das Trinchen sein konnte.
Traumfriede hatte das stille, scheue Trinchen immer gut leiden mögen, mit ihr gesprochen hatte er freilich selten. Zwischen des reichen Müllers Kind und ihm, dem armen Waisenjungen, war doch eine weite Kluft, so meinte er und wußte nicht, daß das besinnliche Trinchen dankbar für seine Freundlichkeit gewesen wäre. Heimlich hatte Friede manchmal die Kleine beobachtet, und er kannte des scheuen Kindes Lieblingsplätzchen. In einer Sandgrube dicht am Dorf war eine kleine, verborgene Höhle. Friede hatte sie einmal entdeckt und zu seinem Erstaunen das Trinchen darin gefunden. Er lief jetzt auch schnell hin, und wie er die Höhle erreicht hatte, hörte er ein leises Rascheln. Er trat an den Eingang und rief: „Trinchen, bist du da?“
Ein unterdrücktes Schluchzen ward hörbar, und Friede rief bittend: „Komm, Trinchen, komm, ich tu dir doch nichts!“
Da kam die Kleine wirklich aus ihrem Versteck hervor, und in dem dämmerigen Licht sah der Bube, wie sie zitterte. Er legte seinen Arm um sie und sagte: „Komm nach Hause, Trinchen, du wirst gesucht!“
Aber die Kleine kauerte auf der Erde nieder und sagte leise, und ihr Stimmchen klang unsäglich traurig: „Ich kann nicht nach Hause!“
„Aber Trinchen!“ Friede kauerte neben dem Kind nieder und streichelte es und erzählte alles, was er erfahren hatte, daß der Dieb gefunden sei und alle Leute schreckliche Angst um sie hätten.
Trinchen gab keine Antwort, und eine Weile saßen die Kinder nebeneinander auf dem Steingeröll, und Traumfriede dachte nach, was er wohl mit dem kleinen Mädel sprechen könnte. Endlich fragte er: „Trinchen, warum bist du denn nur fortgelaufen, du hattest ja nichts getan?“
Es war so dunkel geworden, daß Trinchen nur des Buben Gestalt, aber nicht sein Gesicht mehr erkennen konnte. Friedes tröstende Stimme kam aus dem Dunkel heraus zu ihr, und das hatte etwas so Trauliches, daß Trinchen ein wenig ihre Schüchternheit verlor und zaghaft von ihrem Plan zu erzählen begann. Friede sagte nichts dazu, er hielt nur Trinchens kleine, kalte Hand fest in der seinen. Da wurde das Kind mutiger und sprach weiter von der schrecklichen Angst, die es bei allen Dingen habe, und daß niemand etwas von ihm wissen wolle.
„Von mir auch nicht,“ sagte Friede auf einmal aus tiefstem Herzen heraus, „mich mag keiner, weil ich bloß 'n armer Waisenjunge bin!“
Das besinnliche Trinchen schwieg, es mußte sich wirklich erst auf eine Antwort besinnen, und dann gab es eine, über das es selbst erschrak: „Ich mag dich leiden,“ sagte die Kleine herzhaft.
„Ich dich auch,“ gab Friede zur Antwort.
Weiter sagten sie nichts, aber von der Stunde an waren sie gute Freunde. Jetzt sträubte sich Trinchen auch nicht länger und ging still mit Friede nach Hause. Je näher sie freilich dem Dorfe kamen, desto größer wurde wieder ihre Scheu, und sie brachte, als sie daheim voll Freuden von den geängstigten Eltern begrüßt wurde, kaum ein Wort heraus. Friede mußte für sie sprechen, und der tat das auch so herzhaft, wie er es für sich selbst nie getan hätte. Trinchen sah auch so totenbleich aus und war so erschöpft, daß sie die Mutter gleich ins Bett brachte und niemand sie mehr mit Fragen quälte.
Am andern Tage war Trinchens Platz in der Schule leer, und in der Mühle hatte man den Doktor aus der Stadt geholt.
Das besinnliche Trinchen war krank.
Still und teilnahmslos lag die Kleine in ihrem Bettchen, und der Arzt schüttelte bedenklich den Kopf und sagte zu den Müllersleuten, Trinchen sei ein überzartes, schwächliches Kind. Ob sie oft in letzter Zeit über Schmerzen in der Brust geklagt habe. Nein, das hatte die Kleine nicht getan; in ihrer übergroßen Schüchternheit hatte sie nicht einmal gewagt, über Schmerzen zu klagen. Die Aufregung des gestrigen Tages und der lange Aufenthalt in der kühlen, feuchten Höhle hatten den raschen Ausbruch einer schweren Krankheit herbeigeführt. In der Nacht bekam Trinchen heftiges Fieber; sie begann laut zu sprechen, und manchmal schrie sie angstvoll, sie sei keine Diebin, dann wieder klagte sie traurig, daß sie niemand lieb habe.
Es war jammervoll! Die Eltern weinten sich fast die Augen aus vor Herzeleid, und die Müllerin saß am Bett des Kindes, und eine rechte Mutter hätte nicht trauriger sein können um ihr Kind, als sie es war.
Und Trinchen starb. Nach langen, langen Wochen schlief sie sanft und friedlich ein. Und in diesen Wochen war das scheue Kind so von Liebe umgeben gewesen, daß seine Augen immer strahlender, sein Lächeln immer glücklicher geworden war.
Der Lehrer hatte täglich an Trinchens Bett gesessen, die Schulkameradinnen und -kameraden kamen, und die Mutter verließ die Kleine kaum eine Stunde.
Wie ein lieblicher, kleiner Engel lag dann das besinnliche Trinchen auf seinem letzten Lager, und das ganze Dorf kam herbei, und man brachte die letzten bunten Herbstblumen, und zuletzt war Trinchen fast ganz von Blumen bedeckt. Ganz bescheiden, verborgen unter einem weißen Asternkranz lag ein Strauß Waldblumen. Einige blaue Glockenblumen, rote Brombeerblätter, Kleeblüten und Gräser hatte Traumfriede mühsam zusammengesucht und dem Trinchen gebracht. Und als die Kleine begraben wurde, da saß er, der nicht mit hatte auf den Friedhof gehen können, weil er keinen Sonntagsanzug hatte, in der kleinen Höhle im Steinbruch, und er meinte, das Herz müsse ihm brechen.
Eine aber hatte gesehen, wie Friede schüchtern Trinchen den Waldblumenstrauß brachte. Das war Muhme Lenelis, und seitdem dachte die alte Frau manchmal an den Waisenknaben. – Doch das gehört in eine andere Geschichte.
Das besinnliche Trinchen wurde nicht vergessen. Alle, die es gekannt hatten, merkten nun erst, da die Kleine tot war, wie lieb sie ihnen gewesen war.
In der Mühle lag zu Weihnachten ein dicker, kleiner Junge in der buntbemalten Wiege und schrie vergnügt in die Welt hinein. Nach einem Jahr lag ein Mädel darin, und so fort, lauter lustige, pausbäckige Müllerkinder waren es, und die Eltern hatten Freude und Sorge mit ihnen. Über der eigenen Kinderschar aber vergaß die Müllerin nie das scheue, blasse Trinchen. Unvergessen lebte das Kind in ihrem Herzen.
Und auf dem Schreibtisch des Lehrers nimmt Trinchens Federkästchen noch heute einen Ehrenplatz ein.
An einem sehr heißen Julitag befand sich ganz Oberheudorf in Aufregung; an diesem Tage wurden nämlich die ersten Sommerfrischler erwartet, die allerersten überhaupt, denn es waren noch nie welche dagewesen. Ein Sommerfrischler war also den Dorfbewohnern ein ganz unbekanntes Ding.
„Was sie nur hier wollen?“ fragte der dicke Friede, der im Kreise seiner Kameraden am Dorfeingang unter der großen Linde saß. Dort wollten die Kinder die fremden Gäste erwarten. Wann sie ankamen, wußte niemand genau. Der Wirt Kaspar auf dem Berge hatte gesagt, es könne auch sein, daß sie erst morgen kämen.
Annchen Amsee hielt ihre Schürze vor das Gesicht und kicherte: „Sie – sie – wollen frische Luft haben!“
„So dumm!“ brummte Schulzens Jakob. „Gibt's denn die in der Stadt nicht?“
Außer Heine Peterle war noch keines von den Kindern in der Stadt gewesen, also schauten alle den Buben an und fragten: „Weißt du's nicht?“
„Häuser gibt's da,“ knurrte Heine Peterle und wurde feuerrot. Er war wütend, daß er nach der Stadt gefragt wurde. Wie konnte er wissen, ob es dort Luft gab! Die Sommerfrischler ärgerten den armen Heine Peterle ohnehin gewaltig. Zwei von ihnen kamen nämlich nirgends anders hin als in sein Vaterhaus. Der Gastwirt hatte nicht Platz genug für fünf Gäste, und da Heine Peterles Mutter seine Schwester war, hatte diese sich erboten, zwei Fremde bei sich unterzubringen. Im Giebel des Hauses lagen zwei unbewohnte Stuben, die waren sauber hergerichtet worden. Dort sollten die Fremden wohnen. Drei Tage lang war gescheuert und geputzt worden, und Heine Peterle hatte dabei so viele Ermahnungen bekommen, ungeheuer brav zu sein, wenn die Fremden erst da wären, daß ihm vor seiner künftigen Bravheit schon himmelangst wurde.
„Erzähl noch was von der Stadt!“ mahnte auch noch Annchen Amsee.
Heine Peterle seufzte schwer, erstens wegen der Stadt und dann, weil er zu Mittag schrecklich viel süßen Reis gegessen hatte und nun müde und faul war. Er stand darum auf und sagte patzig: „Ich geh' heim. Die Stadtleute kommen doch noch lange nicht, und überhaupt ist mir's zu dumm, hier zu warten!“ Damit trollte er ab, und seine Gefährten riefen ihm neckend nach: „Geh nicht in die Stadt, Heine Peterle!“
Da ging der Bube freilich nicht hin, sondern nach Hause; er war so müde, als wäre es Abend und nicht hellichter Mittag. Als er heimkam, stand Muhme Rese an der Haustür und sagte: „Heine Peterle, kannst kommen und mir Bohnen pflücken helfen!“
„Und hernach kannst du in den Hühnerstall gehen und die Eier holen,“ rief seine Mutter von der Küche her, „und hier trag erst mal den Eimer in die Gaststube. Die Stadtleute werden wohl noch nicht kommen, es soll aber alles fertig sein.“
Seufzend nahm Heine Peterle den Eimer und kletterte die kleine, schmale Treppe hinauf. So viel Arbeit auf einmal war ihm aufgetragen worden! Er stöhnte ordentlich vor Müdigkeit und Faulheit und setzte den Eimer gleich an der Türe ab. Wie schön sauber und kühl es in den Stuben war! Leise schlich Heine Peterle in das zweite Zimmer. Da standen hoch aufgetürmt zwei mächtige Federbetten, und beim Anblick dieser dicken Federnester fühlte der Bube erst recht, wie müde er war. Er vergaß Muhme Rese, die Bohnen, den Hühnerstall und die Eier, und eins, zwei, drei lag er in einem der Betten. Seine Schuhe brauchte er nicht erst auszuziehen, denn er hatte keine an. „Ein kleines Weilchen kann ich schon schlafen,“ dachte er, „nachher mach' ich das Bett glatt, da merkt es niemand!“ Er kugelte sich vor lauter Behagen wie ein Igel zusammen. Ja, das war fein!
Den Kindern unter der Linde wurde nach und nach die Sache etwas langweilig, die Zeit verging, und kein Wagen ließ sich in der Ferne sehen. Anton Friedlich, der immer alles mögliche wußte, nur das nicht, was er in der Schule wissen sollte, rief auf einmal: „Wir wollen Negers spielen!“
„Hurra!“ brüllten die andern begeistert, und Schulzens Jakob kugelte gleich vor Vergnügen ein Stück im Grase hin und her.
„Negers“ war nämlich seit einiger Zeit ein ungeheuer beliebtes Spiel bei den Oberheudorfer Buben und Mädeln. In einem Geschichtenbuch, das dem Herrn Lehrer gehörte, und das dieser den Kindern geborgt hatte, stand eine Erzählung, worin Neger ein Dorf überfallen. Die Hauptsache bei dem Spiel war, daß eine Anzahl Buben sich die Gesichter schwarz färbten und mit furchtbarem Geschrei auf des Müllers alte Scheune zuliefen. Das war das Dorf, in dem die andern Kinder wohnen mußten. Das Geschrei und die schwarzen Gesichter aber waren bei dem Spiel die Hauptsache. Schulzens Jakob besaß einen ganzen Topf voll Ruß, damit schmierten die Buben sich immer an. Es dauerte auch heute nicht lange, da war das Spiel in vollem Gange. Annchen Amsee stellte eine Prinzessin vor, die auf irgend eine rätselhafte Weise unter die Neger geraten war. Gerade zog der blaue Friede unter schauerlichem Gebrüll die arme Prinzessin mit sich fort, als Schulzens Jakob, seine Negerrolle vergessend, schrie: „Die Stadtleute kommen!“ Der Räuber ließ die Prinzessin los, aus der Scheune stürzten die belagerten Weißen heraus, und sehr einmütig rasten alle zusammen dem näher kommenden Wagen entgegen.
In dem bequemen Landauer saßen zwei Damen und zwei Herren auf dem Bock. Neben dem Kutscher saß noch ein junger Mann, der vergnügt um sich blickte.
Eine der Damen, die ein blasses Gesicht hatte, sah sich um und sagte mit leiser, müder Stimme: „Wie still es hier ist! Ach ja, hier in der Ruhe werde ich mich erholen!“
Der ältere Herr, der ihr gegenüber saß, nickte: „Ja wirklich, es ist so friedlich hier, wie so ganz anders als unsere geräuschvollen Straßen!“
„Hurra, sie kommen, hurra, hurra!“ brüllte es da plötzlich neben dem Wagen, und schwarze und weiße Buben- und Mädelgesichter tauchten auf.
„Mein Himmel,“ schrien die Damen entsetzt, „was ist denn das? Was sind denn das für schreckliche schwarze Kinder?“
„Oh das Geschrei!“ stöhnten alle und hielten sich die Ohren zu, nur der junge Mann auf dem Bocke lachte lustig.
Die Oberheudorfer Buben und Mädel waren der Ansicht, daß zu einem richtigen Empfang auch ein ordentliches Geschrei gehört, und so begleiteten sie den Wagen unter lauten Freudenrufen in das Dorf hinein. Die Fremden winkten, sie sollten still sein, die Kinder aber nahmen das Winken für Beifall und schrien immer lauter.
In der Dorfstraße wurde alles Getier von dem Lärm angesteckt, und das schnatterte, meckerte, grunzte und gackerte an allen Ecken und Enden.
Der Wirt Kaspar auf dem Berge stand vor der Türe und verneigte sich schon, als er erst die Pferdenasen sah. Mine, die Magd, knickste so tief, daß sie, als der Wagen vor dem Hause hielt, nicht wieder hoch kam, sondern plötzlich auf der Schwelle saß.
Das kam Annchen Amsee so ungeheuer komisch vor, daß sie hell auflachte, und da Lachen ansteckt, brachen alle Mädel und Buben in ein jubelndes Gelächter aus.
„Sie lachen uns wohl gar aus?“ sagte die eine der fremden Damen entrüstet und schaute die unnützen Dorfkinder strafend an. Doch diese, die ein gutes Gewissen hatten, lachten unverzagt weiter, und die Fremden ärgerten sich, weil sie nicht wußten, wem das Lachen galt.
Heine Peterles Mutter kam herbei, um die beiden Damen, die bei ihr wohnen sollten, in das Haus zu führen. Vor der Türe standen Muhme Rese, die Magd und ein rundes, weißes Schweinchen, das Muhme Reses besonderer Liebling war. Lieblinge aber, es mögen nun Kinder oder Ferkelchen sein, sind meist etwas vorwitzig, und so meinte auch das Schweinchen, es müsse die Fremden zuerst begrüßen. „Uiuiui,“ quiekte es und rannte an eine der Damen an. Diese schrie entsetzt auf: „Entsetzlich, hier ist ein Schwein, ein Schwein!“
„Nu freilich,“ brummte Muhme Rese unwillig, „was ist denn dabei zu schreien?“
„Ich falle in Ohnmacht!“ rief die andere Dame und flüchtete in das Haus, und die Bäuerin folgte ihr erschrocken. Es erschien ihr höchst sonderbar, daß ein Mensch sich vor einem Schwein fürchten konnte.
„Wie es hier riecht!“ flüsterte die eine der Damen im Hause.
„Nach Kuhstall,“ sagte die andere und rümpfte die Nase.
Mit mißmutigen Gesichtern kletterten die Fremden die Treppe empor, die zu dem Obergeschoß führte. Blitzblank waren die beiden Gastzimmer gescheuert, feiner, weißer Sand war auf den Boden gestreut, und der Duft von Rosen und Nelken erfüllte die Luft. Wie sauber und nett das alles war, sahen aber die fremden Damen gar nicht. Eine von ihnen stolperte nämlich gleich beim Eintritt über den Eimer, den Heine Peterle an der Türe hatte stehen lassen. „Au, mein Knie!“ rief die Dame empört und sah sich zornig um.
„Der vertrackte Bube!“ murmelte die Bäuerin und trug den Eimer dahin, wo er hin gehörte.
„Pfui, was ist das für ein schmutziger Bengel im Bett!“ rief da die eine Dame entsetzt. Sie hatte Heine Peterle erblickt, der rot und heiß im Bett lag und schlief, als sei es gerade Mitternacht.
„Heine Peterle!“ schrie seine Mutter zornig.
„Nein, so ein Schlingel!“ quiekte die Magd.
„Hinaus mit ihm!“ riefen die Damen empört. „Das ist ja ein abscheulicher Junge!“
Von diesem Geschrei erwachte der Heine Peterle, und er, der sonst immer so verschlafen war, daß seine Mutter am Morgen ihn rütteln und schütteln mußte, ehe er aufstand, war auf einmal putzmunter. Hops! war er aus dem Bett und zur Stube hinaus, noch ehe ihn jemand fassen konnte. Er hörte aber noch ganz deutlich, wie die Damen sagten: „Der Junge müßte tüchtige Haue haben!“
Heine Peterle verkroch sich im Garten in einer kleinen Jelängerjelieberlaube; er hielt es für ratsam, seiner Mutter vorläufig nicht in den Weg zu kommen. Als er später zum Abendessen erschien, bekam er aber doch noch seine Schelte und die Ermahnung, recht höflich und freundlich zu den Fremden zu sein.
Das versprach er auch, und am nächsten Morgen mußte er so viel daran denken, was er den beiden Damen wohl zur Freude tun könnte, daß er darüber gar nicht hörte, was der Herr Lehrer ihn fragte. Das Ende vom Liede war, daß er eine Strafarbeit erhielt und sehr kleinlaut und niedergeschlagen nach Hause kam.
Die fremden Gäste waren am Morgen spazieren gegangen, und die Dorfleute hatten ihnen kopfschüttelnd nachgesehen. Nein, so etwas! Wie die Stadtleute aber wunderlich waren! Vor einer Kuh nahmen sie alle Reißaus, und wenn eine Pfütze auf der Dorfstraße war, taten sie, als müßten sie einen breiten Fluß überschreiten. Nur der eine der Herren lachte über alles und sah sich mit hellen Augen um.
„Jetzt, wenn ich nur wüßt', wo ich ihn schon gesehen habe,“ sagte der Wirt Kaspar auf dem Berge.
„Ich weiß schon, wo,“ erwiderte Mine.
„Na, da red' doch, Mädel! Kannst ja sonst schwatzen, als kriegtest du fürs Dutzend Worte 'nen Dreier!“ brummte der Wirt.
„Das ist, hihihi, das ist, hihihi, der Schulrat,“ rief Mine.
„Potzwetter ja,“ schrie Kaspar auf dem Berge, „der falsche Schulrat vom vorigen Jahre ist's! Na, der Herr Lehrer wird aber Augen machen!“
Der Herr Lehrer lachte, als der Wirt zu ihm gelaufen kam; eben war nämlich der fremde Herr dagewesen und hatte sich ob seines lustigen Streiches von damals entschuldigt. Es war wirklich der verkannte Schulrat, dem die Kinder einen schulfreien Tag zu verdanken hatten.
Am Nachmittag saß Heine Peterle in der Stube und schrieb unter vielen schweren Seufzern seine Strafarbeit. In Haus und Hof war es ganz still, der Vater war mit dem Knecht und der Magd zum Heueinholen, und die Mutter begoß auf der Bleiche die Wäsche. Muhme Rese saß auf dem Bänkchen vor der Türe und strickte, und die Fremden waren oben in ihren Zimmern.
Mitten in seiner Arbeit fiel es Heine Peterle ein, daß er unbedingt einmal nach den jungen Kätzchen sehen mußte. Vier Stück mausgraue, possierliche Dingerchen waren es, die in einer Ecke des Kuhstalles lagen, und die erst acht Tage alt waren. Als der Bube die kleinen Dinger betrachtete, fiel ihm ein, daß er doch gegen die Stadtdamen höflich und freundlich sein sollte. „Ich werde ihnen die Kätzchen bringen,“ dachte er, „da werden sie sich aber arg freuen!“ Gedacht, getan. Er nahm die vier Kätzchen auf den Arm und kletterte die Treppe hinauf. Miauend folgte ihm die Katzenmutter, und Sultan, der Hofhund, schloß sich auch noch an.
Da Heine Peterle die Hände voll hatte und doch als höflicher Junge anklopfen wollte, stieß er etliche Male mit dem Fuß an die Tür des Gastzimmers. Das polterte gehörig, und drinnen wurde ein lauter Schrei hörbar. Eine der Damen riß erschrocken die Türe auf. „Was gibt es? Was ist geschehen?“ schrie sie ängstlich.
„Da!“ sagte Heine Peterle und setzte ohne weitere Erklärung die kleinen Katzen auf den Fußboden. „Gelt, die sind fein?“
„Wauwau, wauwau!“ bellte Sultan hinter dem Buben, und die Katzenmama versetzte ihm für das Gebell fauchend eine Ohrfeige.
„Ratten, das sind Ratten!“ quiekten die fremden Damen. „Pfui, du abscheulicher Junge! Zu Hilfe, Ratten, Ratten!“ Eine der Damen kletterte auf den Tisch, die andere sprang auf das Bett. Angstvoll rafften sie ihre Röcke zusammen und schrien, als wäre Heine Peterle mit den kleinen, unschuldigen Katzen ein furchtbares Ungeheuer.
Muhme Rese, die unten den Lärm hörte, kam, so rasch es ihre alten Füße erlaubten, die Treppe heraufgelaufen; sie dachte, es sei ein großes Unglück geschehen.
„Das ist der schreckliche Junge wieder, der gestern im Bett gelegen hat,“ zeterte die eine der Damen, die andere hatte einen Sonnenschirm ergriffen und drohte: „Marsch, hinaus mit deinen Ratten, böses Kind du!“
„Ratten? Nä, das sind junge Katzen!“ sagte Muhme Rese, die erstaunt an der Türe stehen blieb. „Und böse ist unser Heine Peterle auch nicht, mal en bißchen faul und mal en bißchen vorlaut und frech, aber sonst ist er en ganz guter Junge. Und Ratten sehen allemal anders aus. Das hier sind Katzen, die tun niemand nichts. Schreien Sie man nicht so!“
Heine Peterle sah dankbar zu Muhme Rese auf, weil die ihn so gut verteidigte, dann nahm er seine Kätzchen und entfernte sich eilig, die Dame mit dem Sonnenschirm sah ihn gar zu drohend an.
Es war doch schrecklich mit den Stadtleuten, nie konnte man es ihnen recht machen! „Dumm sind sie, die Stadtleute,“ dachte Heine Peterle, als er wieder vor seiner Strafarbeit saß. „Wie kann man nur Katzen für Ratten halten!“
Platsch, saß da ein großer, dicker Klecks mitten im Buch. Er sah beinahe wie ein kleiner schwarzer See aus. Stöhnend rieb der Bube mit seinem Gummi so lange an dem Fleck herum, bis ein Loch an der Stelle war, und dann schrieb Heine Peterle weiter und machte vierundzwanzig Fehler. Seiner Meinung nach waren an allem Unglück nur die beiden Stadtdamen schuld; er machte darum fortan, wo er sie erblickte, einen großen Bogen um sie herum.
„Man muß freundlich zu den Fremden sein,“ dachten wie Heine Peterle alle andern Oberheudorfer, und wenn sich jemand von den Stadtleuten blicken ließ, da grüßten sie, lachten und blieben stehen.
Und die Fremden sagten: „Nein, sind die Oberheudorfer aber neugierig!“ Sie hielten die Freundlichkeit nur für Neugierde.
„Man muß freundlich zu den Fremden sein,“ dachte auch Hans Rumps, der Nachtwächter. Er blies darum allemal vor den Fenstern der Stadtleute die Stunden ab, und weil er es besonders gut machen wollte, sang er noch sein Sprüchlein:
„Hört, ihr Leute, laßt euch's sagen,
Die Glocke, die hat elf geschlagen!“
Wenn Hans Rumps sein Horn blies, klang es nun aber, als ob einer in einen hohlen Topf tutet, und wenn er sang, quietschte es, als drehe sich die alte, verrostete Wetterfahne auf dem Kirchturm. Schön war es wirklich nicht, und die Stadtleute ärgerten sich, wenn sie in der Nacht immer wieder durch das Getute und den Gesang geweckt wurden.
„Nicht zum Aushalten ist es!“ sagte die eine der Damen.
„Das soll nun Ruhe sein!“ entrüsteten sich die Herren.
So kam es, daß schon nach drei Tagen die Sommerfrischler mit sehr mißmutigen Gesichtern Oberheudorf verließen. Sie kamen auch nie wieder. Überhaupt sind seitdem keine Sommergäste mehr nach Oberheudorf gekommen, und Heine Peterle sagte, das sei gut; mit den Stadtleuten sei ohnehin nicht viel los.
Nur der lustige Maler blieb. Er wurde bald der gute Freund von allen Kindern und zeichnete alle in sein großes, dickes Zeichenbuch. Alle kamen sie hinein, auch Muhme Lenelis und ihr Häuschen, die Schule und der Schulzenhof, ja selbst der Herr Lehrer.
Heine Peterle sagte: „Ja, wenn die Stadtleute alle so wären wie der Herr Maler, dann möchte es gut sein.“
Muhme Lenelis aber meinte: „Die Rechten sind halt nicht dagewesen, die sind schon gut!“
Und das will Heine Peterle nicht glauben.
Alljährlich, so zwischen Roggenernte und Kartoffelausmachen, war in Niederheudorf Vogelschießen. Niederheudorf lag eine Stunde von Oberheudorf entfernt, weiter unten im Tal, und war ein sehr großes, stattliches Dorf. Natürlich gingen die Oberheudorfer immer zum Vogelschießen, obgleich sie sich jedesmal ärgerten, daß bei ihnen nicht auch so ein schönes Fest war. Besonders die Kinder ärgerten sich darüber; denn erstens hätten sie lieber zwei Feste gefeiert statt eins, und zweitens taten sich die Niederheudorfer Kinder immer sehr groß mit ihrem Vogelschießen. „So was habt ihr freilich nicht!“ sagten sie hochmütig. „Ihr seid ja auch bloß 'n kleines Dorf!“
„Ich tät mich schämen, wenn ich in so 'nem Dörfchen wohnte!“ rief einmal der vorlauteste Niederheudorfer Bube. Das bekam ihm aber schlecht. Heine Peterle, der blaue Friede und Schnipfelbauers Fritz brachten ihm recht handgreiflich die Meinung bei, daß Buben aus kleinen Dörfern ebenso gut, wenn nicht besser, hauen können als die großdörflichen Buben.
Trotz ihres Ärgers aber freuten sich die Oberheudorfer Kinder schon lange vorher auf das Vogelschießen, und wenn der ersehnte Tag da war, zogen sie mit Sang und Klang schon um zwölf Uhr von daheim weg, denn um ein Uhr begann das Fest. Sie kamen also sehr pünktlich. Wenn es die Väter und Mütter erlaubt hätten, dann wären sie schon früh am Morgen in Niederheudorf eingetroffen.
Wieder einmal war der Festtag gekommen, und die Sonne schien, wie sich das für einen solchen Tag schickt, warm und hell, und nicht das kleinste Regenwölkchen war am Himmel zu sehen.
Sehr vergnügt, sehr erwartungsvoll, mit Vogelschießgroschen in der Tasche, so trabte die Oberheudorfer Jugend im besten Sonntagsstaat nach Niederheudorf. Nichts störte ihre Sonntagsfreude, nicht einmal der Gedanke an ungemachte Schularbeiten, denn der Herr Lehrer hatte zum Montag nichts aufgegeben. In der allerbesten Laune betraten die Kinder den Festplatz. Der sah geradezu märchenhaft schön aus. In der Mitte stand ein Zelt, in dem gab es Bier, Semmeln und Würstchen. Rechts und links von dem Zelt waren zwei Fahnen aufgepflanzt. Die eine hatte nur ein Loch, so groß wie ein Tonnendeckel, und die andere war recht schmutzig, aber sonst waren sie sehr schön.
Für die Kinder gab es ein Karussell, ein Kasperletheater und eine Bude, in der es Papierlaternen, Pfefferkuchen, Drachen, Bonbons und dergleichen gute Dinge zu kaufen gab. Man konnte auch darum würfeln, doch da kriegte man gewöhnlich nichts.
Heine Peterle und Schulzens Jakob prügelten sich fast, weil Jakob meinte, das Karussell wäre am schönsten, und Heine Peterle mehr für das Kasperletheater eingenommen war. Aber schön war beides.
Das Karussell hatte braune und weiße Pferde, die kleine Kutschen zogen, und wenn es sich drehte, tanzten in der Mitte immer vier Puppen. Einer fehlte der Kopf, eine hatte keine Arme, und einer war das Kleid halb verbrannt und die Nase eingeschlagen, aber tanzen konnten sie doch. Das Karussell kam jedes Jahr, und die Kinder wußten schon, daß das eine Pferd eine schwache Feder hatte; setzte sich jemand darauf und ging das Karussell los, dann berührte das Pferd mit der Nase immer den Boden, und wer nicht fest saß, konnte leicht von diesem wilden Tier herunterfallen.
Als die Kinder den Festplatz betraten, kam auch gerade der Waldhüter Leberecht Sperling an, und der Karussellbesitzer drehte seine Musik auf. Dideldideldi, dideldideldi! ging es, und die Kinder liefen eilig hin, denn natürlich gefiel ihnen das Karussell besser als der immer brummige Waldhüter.
Das erstemal fuhren nur ein paar Niederheudorfer Buben, die es gar nicht erwarten konnten. Die andern Kinder standen und sahen zu; das war auch ein Vergnügen. Erst beim drittenmal, just als die erwachsenen Oberheudorfer auf dem Festplatz anlangten, kletterten Buben und Mädel auf das Karussell. Auf das braune Pferd mit der kaputten Feder aber ging kein Kind, denn keines wollte herunterfallen. Zweimal fahren kostete fünf Pfennig, und die Oberheudorfer Kinder meinten, für das teure Geld müßte man wenigstens bis zum Schluß sitzen bleiben können. „Da ist Leberecht Sperling!“ schrie Anton Friedlich plötzlich, der auf einem Schimmel saß und sich wie ein Feldmarschall vorkam.
Drohend schauten die Buben und Mädel auf den Waldhüter, der wirklich geradewegs auf das Karussell zukam. „Was will er denn? Hier ist kein Wald!“ schrie Heine Peterle patzig.
„Er will mitfahren!“ kicherte Annchen Amsee, die stolz wie eine Prinzessin in einer mit rotem Samt ausgeschlagenen Kutsche saß.
„Vielleicht setzt er sich auf den Braunen,“ rief Schnipfelbauers Fritz, und die Kinder quiekten förmlich vor Vergnügen über diesen Witz und guckten alle lachend auf den sonst so gefürchteten Waldhüter; hier auf dem Festplatz konnte er ihnen ja nichts tun.
Leberecht Sperling ärgerte sich über all die blanken, lachenden Kinderaugen, wie er sich ja über vieles ärgerte, über das andere Leute sich freuten. Als daher Schulzens Jakob schrie: „Geht's denn nicht bald los?“ da rief er wütend, als sei er der Besitzer: „Wart' es doch ab, dummer Bengel!“
„Wollen Sie mitfahren, Herr Waldhüter?“ fragte der Karussellmann höflich.
Alle braunen und blauen Buben- und Mädelaugen richteten sich empört auf Leberecht Sperling. Ob er das wohl wagte? „Das Karussell ist doch für uns!“ knurrten etliche.
„So? Meint ihr, ihr ungezogenes Volk?“ rief der Waldhüter zornig, sprang auf und kletterte richtig auf das braune Pferd, weil das der einzige freie Platz war.
Dideldideldi, dideldideldi! ging geschwind das Karussell los.
Nick! machte das braune Pferd, und Leberecht Sperling stieß mit der Nase beinahe auf den Boden.
„Ihr Diener!“ rief Friede Hopserling, der Müllerknecht, der stand und zusah; er dachte, der Waldhüter habe ihn gegrüßt.
„Dummer Müllerbursche!“ schrie der wütend und – nick! machte das braune Pferd.
„Na, wie geht's?“ fragte der Schulze, der auch herbeigekommen war und dachte, jetzt habe der Waldhüter ihn gegrüßt.
Dideldideldi, dideldideldi ging das Karussell schneller, und Friede Hopserling, der wohl gemerkt hatte, warum Leberecht Sperling nickte, verbeugte sich lachend und schrie: „Schön guten Tag, Herr Waldhüter!“
Nach und nach kamen immer mehr Zuschauer, und je schneller das Karussell ging, desto öfter nickte Leberecht Sperling auf seinem braunen Pferd. Und die Bauern und Bäuerinnen, die sich wunderten, daß der sonst so mürrische Waldhüter heute so höflich war, nickten wieder, und Mine, die Wirtsmagd, machte sogar einen tiefen Knicks.
Leberecht Sperling ärgerte sich immer mehr und schrie: „Aufhören, auf–hören!“
Dideldideldi, dideldideldi, dideldideldi! ging das Karussell schneller und schneller, und das braune Pferd hopste und nickte wie toll, und auf einmal gab es einen heftigen Stoß, und der Waldhüter flog in einem großen Bogen herunter, dem Schuster Pechdraht, der auch zusah, gerade in die Arme.
„Uff!“ machte der, denn er wäre beinahe hingefallen, dann aber preßte er den Waldhüter fest an sich und rief schmunzelnd: „Schön guten Tag, schön guten Tag! Warum denn heute so freundlich?“
Wütend riß sich Leberecht Sperling los, den allezeit lustigen Schuster konnte er am wenigsten von allen Oberheudorfern leiden. Ohne sich umzusehen, lief er davon und flüchtete in das Bier-, Würstchen- und Semmelzelt, und die Kinder bekamen ihn an diesem Tage nicht mehr zu sehen.
Sie vermißten ihn auch gar nicht in ihrem Vergnügen. Die Wogen der Freude gingen hoch an diesem Tage, und die Oberheudorfer Kinder waren so lustig, daß sie sich nicht einmal mit den Niederheudorfern über die Vorzüge ihrer Dörfer stritten.
Nachdem sie alle Karussell gefahren waren, fanden sie, es wäre gut, erst einmal die Schätze der Pfefferkuchenfrau zu betrachten. Sie liefen alle zusammen an die Bude, und es fehlte nicht viel, so hätten sie die Bude samt Pfefferkuchen und Verkäuferin umgerissen. Die Frau erhob ein Zetergeschrei, nahm einen großen Rohrstock und wehrte sehr entschieden allzu eifrige Käufer und Begucker ab.
Das war auch notwendig, denn die Oberheudorfer Kinder waren der Ansicht, daß, wenn einer für fünf Pfennig Zuckerstangen oder gar für zehn Pfennig gebrannte Mandeln kaufte, er auch vorher kosten dürfe. Aber davon wollte die Pfefferkuchenfrau nichts wissen. „Kosten kost' 'nen Fünfer,“ schrie sie und klappste den dicken Friede auf die Hand, weil der eine besonders gute Sorte Bonbons probieren wollte.
„Die ist aus der Stadt, da sind die Leute so frech!“ sagte Heine Peterle wütend, weil ihm die Frau auf seinen Einkauf für fünf Pfennig nichts zugeben wollte.
Die Mädel waren besonders fürs Zugeben eingenommen, und Tischlers Liese sagte, wenn sie mal Pfefferkuchenfrau wäre, sie würde gewiß immer zugeben. Doch die Pfefferkuchenfrau auf dem Niederheudorfer Festplatz hatte entschieden ein steinernes Herz: sie gab nichts zu, ließ nicht kosten und nicht handeln, und es dauerte daher ziemlich lange, bis die Kinder ihre Einkäufe gemacht hatten.
Im Kasperle-Theater hatte das in roten Hosen steckende Kasperle schon etliche Male gerufen: „Seid ihr alle da?“ ehe es die Antwort erhielt: „Ja, wir sind da!“
Es war ein urkomisches Kasperle, das sich da, wenn der blau und gelb gestreifte Vorhang aufgezogen wurde, mit dem Teufel, seiner Frau und all den andern Personen des Puppentheaters herumzankte. Es begrüßte die Kinder immer mit dem freundlichen Zuruf: „Na, ihr Dösköppe, wollt ihr Haue?“
„Ja,“ schrien die Kinder, denn es war nicht gefährlich, wenn Kasperle in der Luft herumfuchtelte.
„Sind die Oberheudorfer Schlingel auch da?“ fragte es dann.
„Ja, hier sind wir!“ riefen alle Oberheudorfer Buben und Mädel, sie fühlten sich durch Kasperles Nachfrage sehr geehrt.
„Potz blitz,“ quiekte Kasperle, „da muß ich losgehn. Frau, komm raus, die Oberheudorfer sind da!“
„Das ist dumm!“ rief ein Niederheudorfer Bube empört. „Wir müssen genannt werden, bei uns ist doch das Schießen!“
„Halt den Mund!“ keifte Kasperle.
Aber die gekränkten Niederheudorfer hielten nicht den Mund, und die Oberheudorfer schwiegen auch nicht still. Die Kinder standen sich eine Weile kampfbereit gegenüber, als Kasperle plötzlich rief: „Gute Nacht, ich geh' ins Bett!“
„Nein, bleib hier!“ riefen die Kinder erschrocken und vergaßen ihren Streit, und das Spiel begann.
Der eifrigste Zuhörer war der dicke Friede. Mäuschenstill stand er und sperrte Augen, Mund und Ohren auf. Er vergaß vor lauter Eifer sogar das Essen, trotzdem er einen großen braunen Pfefferkuchen in der Hand hielt. Als der Vorhang zugezogen wurde, weil ein Akt des Stückes zu Ende war, sagte der dicke Friede seufzend, wie aus einem tiefen Traume erwachend: „Ich möchte auch ein Kasperle sein!“
Seine Gefährten sahen ihn verdutzt an, und Heine Peterle meinte nachdenklich: „Na, ausgelacht zu werden, ist dumm!“ Er dachte dabei an seine Erlebnisse in der Stadt.
Annchen Amsee, die auf einer Bretterplanke saß, strich sich ihr Kleid glatt und meinte: „Eine Gräfin möchte ich schon spielen!“
Der blaugelbe Vorhang teilte sich ein wenig, Kasperle steckte seine große Nase heraus und jammerte: „Oh jerum, jerum dideldum, Kasperle hat Hunger. Knurr schnurr! Hört ihr, wie mein Bäuchlein knurrt?“
Die Kinder lachten, doch der dicke Friede besann sich nicht einen Augenblick, rasch warf er Kasperle seinen schönen Pfefferkuchen zu.
„Der schmeckte dir wohl nicht?“ fragte Annchen Amsee verdutzt, und Schulzens Jakob forschte: „Dir ist wohl schlimm?“
Daß der dicke Friede freiwillig etwas Eßbares verschenken konnte, das erschien den Kindern zu verwunderlich. Doch da der Vorhang wieder aufgezogen wurde, verstummte das Gespräch, und Kasperle, der erklärte „bumssatt“ zu sein, lenkte die Aufmerksamkeit wieder auf sich.
Während die Kinder vor dem Puppentheater standen, hatten die Erwachsenen nach dem Vogel geschossen. Jeder Schuß wurde mit Beifallsrufen begleitet. Dazu erklang die Musik des Karussells. Vor dem Bier-, Würstchen- und Semmelzelt spielte ein Mann eine Ziehharmonika, und das jauchzende Gelächter der Kinder schallte über den Festplatz. Es war also ziemlich geräuschvoll, und die braven Niederheudorfer Rinder, Pferde, Schweine, kurz alles Getier, wunderte sich recht über den Lärm. Die Kettenhunde bellten, und in den Ställen brummten die Rinder, während die Hühner aufgeregt gackerten und das Eierlegen vergaßen.
Der Lärm drang bis zu einer eingezäunten Wiese, auf der mehrere junge Rinder weideten. Der Hütejunge, der aufpassen sollte, war heimlich auf den Festplatz gelaufen. Ein junger Ochse fand, daß es ganz leicht sei, die nur angelehnte Tür des Gatters aufzustoßen, und unverzagt machte er sich ebenfalls auf den Weg nach dem Festplatz. Je näher er kam, desto lauter wurde die Musik. Das ärgerte ihn, und in ziemlicher Wut kam er zu den vergnügten Leuten.
Ein wütender Ochse ist aber mitunter recht gefährlich, und bei seinem Nahen erhob die Pfefferkuchenfrau, an der er vorbeistürmte, ein lautes Geschrei. Der Ochse jedoch fand die Schätze der Pfefferkuchenfrau nicht verlockend und rannte weiter. Einige Mägde flüchteten schreiend vor ihm in das Bier-, Würstchen- und Semmelzelt. „Ein Ochse kommt, ein Ochse kommt!“ Der Waldhüter steckte vor Schreck den Senflöffel in den Mund und warf eine Wurst ins Bier, einige Frauen kletterten auf die Tische, – aber kein Ochse erschien.
Der würdigte das Zelt keines Blickes, sondern trabte im Sturmschritt auf das Puppentheater zu. Dort deklamierte Kasperle gerade:
„Mein werter Herr Teufel,
Sie sind sehr frech ohne Zweifel,
Ich reiß' Ihnen jetzt die Nase ab
Und“ – – –
Buh, buh, steckte der Ochse seinen Kopf in das Puppentheater hinein, und mit einem gellenden Schrei purzelten Kasperle, Teufel und die gefangene Prinzessin in die Tiefe.
Das Theater wackelte.
Der Ochse und die Kinder brüllten. Der Budenbesitzer flüchtete – es war eine heillose Verwirrung.
Der dicke Friede war unsanft aus seinem Entzücken gerissen worden, und wütend über die unerwartete Störung sprang er auf, nahm eine Latte, die nicht weit von ihm lag, rannte auf den Ochsen los und schlug diesen auf die Nase. „Raus!“ rief er, „hast hier nichts zu suchen! Raus, raus!“
Der Ochse sah ganz verdutzt auf den kleinen zornigen Bengel, der krebsrot vor Wut war, machte noch einmal „buh“ und trabte dann wirklich davon. Ehe er ein Unheil anrichten konnte, wurde er eingefangen und in seinen Stall zurückgeführt.
Der dicke Friede, der durch seinen Mut eine große Gefahr beseitigt hatte, kehrte gelassen auf seinen Platz zurück und rief, als sei nichts geschehen: „Weiter!“
Kasperle lag freilich noch ganz matt da, und es dauerte eine ganze Weile, bis er sich erholt hatte und sich weiter mit dem Teufel zanken konnte, dann aber konnte das Spiel ohne Unterbrechung zu Ende geführt werden.
Friede bekam dann von seinem Vater zur Belohnung für seinen Mut noch einen Vogelschießgroschen, mit dem er zur Pfefferkuchenfrau eilte, denn auf einmal fühlte er wieder ein Loch in seinem Magen, in das gerade ein Pfefferkuchen hineinpaßte.
All die laute, jubelnde Festesfreude konnte die Sonne nicht am Zubettgehen hindern. Rutsch! fiel sie hinter rosenroten Wölkchen herunter, und die Dämmerung kam. Auf dem Festplatz erhob sich lautes Wehklagen. Alle Oberheudorfer Kinder fanden, es sei noch ganz hell, obgleich die Mütter ihre Buben und Mädel kaum noch voneinander unterscheiden konnten. So zog Schulzen Jakobs Mutter Anton Friedlich an den Ohren, weil sie dachte, er sei es gewesen, der allen mitgebrachten Kuchen aufgegessen hatte, und die Waldbäuerin schalt Krämers Trude aus ob des zerrissenen Kleides, aber da Trude ihr Kleid auch zerrissen hatte, schwieg sie still, während Anton schrecklich brüllte.
Alles Wehklagen half aber nichts, die Kinder mußten heimziehen. Jedes zündete seine Laterne an. Da gab es rote, blaue, grüne oder papageienbunte Laternen, und die Niederheudorfer Kinder beneideten die Oberheudorfer beinahe um den Heimweg.
„Ihr könntet auch mal was haben, damit wir von euch mit Laternen wegziehen könnten,“ riefen einige Niederheudorfer Buben.
Schnipfelbauers Fritz, der größte Naseweis im Umkreis von zehn Meilen, rief schnell: „Ei, dann kommt doch in vierzehn Tagen, da gibt's ein großes Kinderfest bei uns. Gelle, Anton?“
Und Anton Friedlich, der auch immer zu einem dummen Streich aufgelegt war, sagte: „Freilich, freilich! Ja, wißt ihr denn das noch nicht? Kommt nur alle!“
Bumbum, bumbum! schlug Schulzens Jakob auf seine Trommel, das war das Zeichen zum Abmarsch, und singend zogen die Oberheudorfer von dannen. „Wir kommen,“ brüllten ihnen die Niederheudorfer Buben nach, und Fritz und Anton riefen keck: „Auf Wiedersehen!“
Der Heimweg war so schön wie der Tag; kein mißgünstiger Platzregen löschte die Laternen aus, und einige brannten sogar bis Oberheudorf. Viel Licht, um ins Bett zu gehen, brauchte an diesem Abend keines von den Kindern. Sie fielen fast in die Betten, so müde waren sie, und schliefen so fest, daß man das ganze Dorf hätte wegtragen können, ohne daß sie es gemerkt hätten.
Am nächsten Tage redeten sie nur von dem Fest. Jeder hatte noch etwas zu erzählen, und am liebsten wären sie alle am Nachmittag wieder nach Niederheudorf gezogen.
Am Nachmittag wollte des dicken Friede Mutter im Baumgarten Wäsche abnehmen. „Lina,“ rief sie der Magd zu, „hier fehlt doch eine von meinen bunten Nachtjacken und ein Käsebeutel. Wo mag denn das nur sein?“
„Kann sein, der Wind hat's über den Zaun geweht,“ sagte die Magd und begann zu suchen. Auf einmal kam sie zitternd angelaufen. „Frau,“ schrie sie, „Frau, unser Friede ist toll geworden!“
„Was schreist du denn so?“ fragte der Bauer, der zum Fenster heraussah.
„Unser Friede ist toll geworden!“ jammerte die Magd und lief zum Garten hinaus, und Bauer und Bäuerin rannten hinter ihr her.
Sie kamen an einen Holzschuppen, da stand der dicke Friede auf einem umgestülpten Wagen. Er hatte die bunte Nachtjacke seiner Mutter an und den Käsesack auf dem Kopf. Er zappelte mit Armen und Beinen, einmal hopste er wie ein Frosch, dann wieder wand er sich wie ein Regenwurm. Dazu schnitt er die gräßlichsten Gesichter und quiekte wie eine Maus, die in der Mausefalle sitzt.
„Du lieber Himmel!“ schrie die Bäuerin händeringend. „Was soll denn das sein?“
Friede sah entsetzt auf die unerwarteten Zuschauer und verschwand plötzlich hinter dem Wagen. Sein Vater aber zog ihn rasch hervor und fragte sehr nachdrücklich: „Gleich sagst mir, was das für Dummheiten sind!“
„Er ist toll geworden,“ jammerte die Magd, „meine Güte, der arme Bub!“
„Ich – ich bin nicht toll, ich – ich möcht' 'n Kasperle werden,“ rief Friede schluchzend.
„Ein Kasperle?“ Der Bauer lachte laut auf. „Ich meine, du brauchst keins zu werden, du bist schon eins!“
„Die gute Jacke ist ganz voll Wagenschmiere,“ klagte die Bäuerin und drehte ihren Buben um und um.
Lina, die nun sah, daß Friede nicht toll war, hatte alle Angst verloren, riß dem zukünftigen Kasperle die seltsame Mütze vom Kopf und eiferte: „Der Käsesack hat 'n Loch!“
Friede wurde die Sache unheimlich, er ließ sein Kasperlegewand in den Händen der Mutter und nahm schleunigst Reißaus; er ließ sich erst wieder sehen, als das Abendbrot auf dem Tische stand.
Am nächsten Tage kam zum Oberheudorfer Schulzen ein Bote vom Niederheudorfer Schulzen, um zu fragen, ob das mit dem Fest in vierzehn Tagen seine Richtigkeit habe. Die Niederheudorfer würden gern kommen und freuten sich schon darauf, auch einmal in Oberheudorf ein Fest mitzufeiern.
Der Schulze wurde fuchswild; er hielt die Sache für Spott und fuhr den Boten scharf an. Der überbrachte die grobe Antwort des Schulzen den Niederheudorfern, und sämtliche Dorfleute gerieten in helle Entrüstung. Gleich wurde eine noch gröbere Antwort nach Oberheudorf gesandt. Es hätte eine schlimme Geschichte daraus werden können, wenn der Pfarrer nicht herausbekommen hätte, wer die Einladung ausgesprochen hatte. Schnipfelbauers Fritz und Anton Friedlich wurden zum Schulzen beschieden, und sehr kleinlaut verließen sie nachher das Amtszimmer. Es half ihnen nichts, sie mußten eines Nachmittags nach Niederheudorf wandern und dort um Verzeihung bitten.
Es war kein leichter Gang, und Schnipfelbauers Fritz sagte heulend: „Ich geh nie wieder zum Vogelschießen!“
„Ich auch nicht,“ murrte Anton Friedlich.
Weil sie aber in Niederheudorf besser empfangen wurden, als sie gefürchtet hatten, meinten sie auf dem Heimweg, nächstes Jahr gingen sie doch wieder. Sie sollen es auch getan haben.