Sibirisches Dorfpublikum.

Sibirisches Dorfpublikum.

Er rief mit lauter Stimme den Bootsleuten zu. Die Barke setzte sich in Bewegung, getrieben von zwei langen Rudern, deren jedes von zwei Ruderern gehandhabt wurde, durchquerte den Fluß in schräger Richtung und legte an der Landungsbrücke an. Es war eine Fähre ohne Seitenwände, eine Art schwimmender Plattform. Wir maßen die Breite mit Schritten. Das Automobil hatte nur schräg darauf Platz. Wie sollten wir es auf die Fähre bringen? Mit der Kraft der Arme oder mit dem Motor? Würde die Landungsbrücke das Gewicht aushalten? Damals erschienen uns diese Fragen sehr schwer lösbar: wir machten unser erstes Schiffsmanöver durch.

Da wir über ein sicheres Auge und eine genaue Kenntnis der Maschine verfügten, konnten wir uns mit Hilfe des Motors einschiffen. Ettore ergriff das Steuerrad, ließ das Automobil rückwärtsgehen und schickte sich an, die Räder an den Punkten, die ihm der Fürst auf den Brettern bezeichnet hatte, den Punkten der größten Widerstandskraft, hinüberzuleiten.

„Fertig? Vorwärts!“ sagte Don Scipione.

Das Automobil fuhr an und sprang auf die Landungsbrücke, die von oben bis unten erzitterte. Die Bretter gaben nach und bogen sich wie Sprungfedern, als die Räder darüberfuhren. Die Vorderräder kamen auf die Fähre zu stehen. Aber in diesem Augenblicke bewirkte das große Gewicht der Maschine, das nur von einer Seite der Landungsbrücke getragen wurde, daß die Fähre sich unvermutet bis zum Wasserspiegel hinabneigte. Das Automobil befand sich mit den Vorderrädern um einen halben Meter tiefer als mit den Hinterrädern, die noch auf der Brücke standen. Ettore bremste. Die Seile, die die Barke festhielten — dünne Stricke — knarrten; wären sie gerissen, so hätte sich die Fähre vom Ufer entfernt, und das Automobil wäre ins Wasser gefallen. Die Seile wurden rasch verdoppelt, und die Bootsleute hielten sie gespannt. Die Maschine befand sich in einer Lage, die ein Zurück unmöglich machte. Sie ging entschlossen vorwärts und wandte sich nach rechts, um schräg auf die Plattform zu kommen. Auch die Hinterräder gelangten hinauf, und der Wagen nahm wieder seine wagerechte Stellung ein, ein wenig näher dem Wasser, aber vollkommen im Gleichgewicht. In dem Augenblicke, in dem das Automobil ganz an Bord kam, stießen die Russen einen Schreckensruf aus. Als sie den Wagen im Schwunge vorschießen sahen, hatten sie geglaubt, er würde seinen Lauf nicht mäßigen können und auf der andern Seite ins Wasser stürzen. Aber die kluge Maschine war mit einem Ruck in der richtigen Stellung stehengeblieben, als sei sie von dem langsam und sicher arbeitenden Arme eines Krans dorthingestellt worden.

Später machten Zufälle dieser Art auf uns keinen Eindruck mehr; wir gewöhnten uns an wackelige Landungsbrücken, an alte, aus den Fugen gehende Barken, an die mit Exaktheit gepaarte Kühnheit des Automobils.

Die Fährleute tauchten die Ruder ins Wasser und begannen kräftig zu rudern; hinter ihnen lehnte sich der Alte, eine kurze Pfeife zwischen den Zähnen, gegen das Steuer. Bei einer Wendung des Flusses sahen wir mit einem Male ein Dampfboot auftauchen.

Ein Ausruf des Staunens und der Befriedigung entfloh unseren Lippen. Mit liebevoller Bewunderung betrachteten wir das kleine alte Schifflein, das in der Richtung auf Ust-Kiachta stromaufwärts fuhr, mühsam durch den hohen Schornstein atmend, getrieben von einem großen Schaufelrade am Heck, das ihm das Aussehen einer fahrenden Wassermühle verlieh. Es war das erste Dampfboot, das wir nach so langer Zeit wiedersahen. Wir begrüßten in ihm einen bescheidenen Pionier der Zivilisation, einen vorgeschobenen Posten der gewaltigen Kraft, die die Weltteile erobert, einen Freund, den wir um Hilfe hätten bitten können. Es stellte für uns eine Verbindung mit dem Westen dar, dem wir entgegenfuhren. Seine Sirene heulte, um uns aufzufordern, ihm den Weg freizugeben, und diese Stimme hallte seltsam wider in dem von der Kultur abgeschnittenen Tale. Der Dampfer entfernte sich langsam, und wir betraten, geschaukelt von den Wogen, die er hinter sich erregt hatte, das andere Ufer des Flusses.

Einer der Fährleute zeigte uns den Weg; in der Nähe des Flusses lagen Sümpfe. Wir kamen mit leichter Mühe an ihnen vorbei und fuhren dann durch Nowi-Selenginsk, ein Dorf, das etwas größer war als die übrigen, eine Schule, eine Apotheke und mehrere kleine Läden mit verstaubten Fenstern besitzt. Beinahe unbemerkt passierten wir es auf seiner breiten, öden, grasbewachsenen Straße, und erst später, als wir wieder in die Ebene einmündeten, verbreitete sich die Nachricht unserer Durchfahrt von Haus zu Haus. Wir hörten hinter uns erregte Stimmen einander zurufen und Antwort geben, Fensterflügel heftig aufreißen, und sahen, wie Leute eiligst aus den Häusern stürzten, auf der Straße stehenblieben und uns nachblickten, während wir verschwanden. Wir überstiegen eine Reihe kahler Hügel, die noch frei von der Herrschaft der Menschen sind, und ließen die Selenga ostwärts liegen. Eine weite ruhige Wasserfläche bot sich in einem Tale unseren Blicken dar: es war der Hussin-See. Nicht ein einziges Dorf lag an seinen Ufern. Kein Nachen hat ihn je durchfurcht; es sind aber die letzten Jahre seines einsamen Schlummers. Die slawische Einwanderung nähert sich ihm langsam.

Nur selten trafen wir Postämter an, die sich stets zwischen zwei Hügel geflüchtet hatten, als fürchteten sie allein zu sein. Aber bald stiegen wir in ein Tal hinab, das von einem neuen Volke in Besitz genommen worden ist. Auf einer Strecke von 95 Kilometern, bis nach Werchne-Udinsk, durchquerten wir einen aufblühenden Landstrich. Die ganze Gegend an der unteren Selenga ist grün von neuen Ansiedelungen und Weiden, voll von Schaf- und Rinderherden, übersät mit Dörfern, erobert von der Arbeit des Menschen. Vor sieben Jahren war sie nur von einigen Burjatenfamilien bewohnt. Die Eisenbahn ist es, die dieses Wunder bewirkt hat. Die Ausbeutung Sibiriens hat begonnen.

Wenige Gegenden selbst des europäischen Rußlands zeigen sich so bevölkert und reich wie jenes abgelegene Tal Transbaikaliens, das vor nicht langer Zeit von Moskau eine Jahresreise entfernt war. Jetzt dauert die Reise 15 Tage. In diesem Unterschiede liegt das Geheimnis dieser wunderbaren Umwandlung. Die Entfernungen schwinden. Die unermeßlichen jungfräulichen Länder des slawischen Asiens haben sich dem Volke genähert, sich seinen arbeitsgewohnten Armen dargeboten. Die Eisenbahn sät Spannkräfte; auf fruchtbare Triften pflanzt sie die Arbeit. Massen von Landleuten ziehen dort hinaus, um sich eine neue Heimat zu gründen. Ganz Sibirien erwacht zum Leben. Fast unbekannte Landstriche, die nichts weiter waren als geographische Namen, werden allmählich zu Reichen, die sich dem Russischen Reiche angliedern werden.

Wir fuhren durch ganz neue Dörfer in der frischen Farbe des Holzes, die noch den Duft des Harzes der erst vor kurzem im Walde gefällten Stämme ausströmten. Die zuletzt angekommenen Landleute waren noch mit dem Bau ihrer Häuser beschäftigt und arbeiteten eifrig, um sie beim Eintritt der ersten Kälte fertig zu haben. Auch fern von der Straße, im Tale und auf den Abhängen der Hügel verstreut, bemerkten wir mitten im Grünen andere kleine Orte, aus denen sich die schlanken Kirchtürme erhoben.

Man arbeitete auf den Feldern. Es begegneten uns mit Heu beladene Telegas. Herden von Pferden und Rindern weideten selbst im Innern der Dörfer. Wir aber brachten unter diesen Herden eine Verwirrung ohnegleichen hervor: Pferde und Rinder scheuten und flüchteten vor dem Automobil; die Kinder, deren Spiele die Straße heiter belebten, liefen erschreckt in die Häuser zurück; die Frauen, barfuß, ein rotes Tuch um den Kopf geschlungen, beeilten sich, Hühner, Gänse und Schweine, ihre sämtlichen lebenden Schätze, in Sicherheit zu bringen; sie nahmen sich nicht die Zeit, nachzusehen, welche Gefahr ihnen eigentlich drohte. Es war ein Durcheinander von Geschrei und Flügelschlagen, von Gewieher und Hundegebell — kurz der Lärm eines aus seiner Ruhe aufgestörten Dorfes. Nur die Männer blieben unbeweglich und schweigsam. Verblüfft von der seltsamen, flüchtigen Erscheinung, unterbrachen sie ihre Arbeit und grüßten uns ehrfurchtsvoll, indem sie ihr blondes langhaariges Haupt entblößten und sich verbeugten. Sie verstanden nichts von jener unbekannten Macht, aber sie demütigten sich vor ihr. Wer mächtig ist, kann schaden; ihn zu grüßen, ist ein Zeichen, daß man sich mit ihm verbündet erklärt.

An manchen Punkten gewann die Landschaft ein malerisches Aussehen. Bald unterbrachen kleine von Fischerbooten durchfurchte Teiche mit ihren buchtenreichen Ufern die Ebenen der Felder und bildeten in der weiten Ebene glänzende himmelblaue Flächen; bald schlängelten sich klare Wasserläufe, beschattet von grauen Weidenbäumen, in ruhigen mäandrischen Windungen dahin und drehten die Räder einsamer Mühlen. Auf dieser Straße stießen wir noch auf Spuren Asiens, die letzten Anzeichen seines Rückzuges vor der weißen Einwanderung, auf Obos wie in der Wüste.

Sibirische Fähre.

Sibirische Fähre.

Es waren keine mongolischen, sondern burjatische Obos. Der Unterschied ist verschwindend. Der Burjate ist nur ein zur Hälfte russifizierter Mongole. Er spricht russisch, kleidet sich wie ein Muschik, trägt eine mongolische Mütze und mongolische Stiefel, bewohnt eine Isba, glaubt an Buddha, ist dem Zar ergeben, raucht aus einer chinesischen Pfeife und trinkt Wodka: das ist der Burjate. Der Hauptunterschied zwischen ihm und seinem Bruder in der Wüste besteht darin, daß er ab und zu den Boden bearbeitet, der Mongole aber nie. Der Burjate hat in der Tat den ersten Schritt zur Zivilisation getan: er ist ansässig geworden. Der Nomade wird immer Barbar bleiben. Die Zivilisation beginnt erst dann, wenn sich das Zelt in ein Haus verwandelt. Und wir sahen zwischen den vielen slawischen Dörfern auch burjatische. Auf ihren Holzhäuschen wehten kleine weiße Fahnen, vielleicht jene Gebetsfahnen, die bei ihrem Hin- und Herflattern die auf ihnen enthaltenen Gebete der Luft anvertrauen. Auch auf den Obos waren die heiligen Flaggen gehißt, und oft erhob sich mitten auf ihnen ein Baum, dessen Zweige mit Papierbändern geschmückt waren, die sich im Winde bewegten. Etwa 50 Kilometer von Werchne-Udinsk bemerkten wir zu unserer Rechten in weiter Ferne ein Lamakloster: eine Gruppe von Gebäuden mit chinesischen Dächern, die grün angestrichen waren wie die der orthodoxen Kirchen. Werchne-Udinsk ist der Mittelpunkt, die Hauptstadt des zerstreut wohnenden Burjatenvolkes, wie Kasan der Mittelpunkt der Tataren ist. Die Nähe der Stadt wurde uns vor allem dadurch angekündigt, daß wir zahlreichen Burjaten begegneten, die zu Pferd vom Markte heimkehrten; sie waren in Gruppen vereinigt, um sich im Notfalle besser verteidigen zu können. Sie grüßten uns nicht.

Um 6 Uhr abends gelangten wir auf den Gipfel eines Hügels. Der Umkreis des bergigen Horizontes tat sich vor unseren Blicken auf, und unser Auge schweifte über das weite Tal der Uda. In der blauen, verschleierten Tiefe der Ferne ahnten wir den Lauf der Uda, die nach Osten strömt, um sich mit der Selenga zu vereinigen und sich mit ihr in den nahen Baikalsee zu ergießen. Am Fuße der entfernteren, mit dichten Wäldern bestandenen und daher dunkleren Höhen bemerkten wir einen undeutlichen weißen Schimmer von Gebäuden, aus denen sich die dünnen Linien der Türme und spitzen Giebel erhoben: es war Werchne-Udinsk, welche Stadt an dem Zusammenfluß beider Ströme gegründet worden ist. Wir betrachteten sie lange, bevor wir in die Ebene hinunterstiegen und sie aus dem Gesicht verloren, und dachten dabei an die Wichtigkeit, die sie für uns hatte.

Werchne-Udinsk war nicht nur eine Etappe; es war das Ende eines langen Reiseabschnitts. Es war ein Wendepunkt. Von Peking an hatten wir eine nordwestliche Richtung eingeschlagen, und Europa lag westlich von uns. Die ganze zurückgelegte Strecke hatte uns unserem Ziele nur sehr wenig nähergebracht. In Werchne-Udinsk würden wir endlich auf einmal unser Gesicht dem Westen zukehren. Von hier aus begann die geradlinige Fahrt auf den Sonnenuntergang zu, der uns den Weg der Rückkehr in einer wahren Glorie von Licht erscheinen ließ.

Die Straße wurde schlecht. Wir sanken in tiefe Löcher ein und mußten durch Moräste hindurch. Wir durchquerten Wassertümpel, die wir erst mit den Füßen sondieren mußten, um uns von der Festigkeit des Grundes zu überzeugen. Wir wußten, daß wir auch über die Selenga auf einer Fähre übersetzen mußten, und suchten den richtigen Weg nach dem Übergangsort mitten in einem Gewirr von Pfaden, die von tiefen Radspuren herrührten. Die Ebene war sumpfig, unbebaut, bewachsen mit Zwergweiden, Binsen, der ganzen Vegetation der Sümpfe. Kleine Flüsse durchzogen sie in Schlangenwindungen; wir überschritten diese auf Holzbrücken, die aussahen, als seien sie vor vielen Jahren provisorisch angelegt und dann vergessen worden. Wir waren mit der Überwindung all dieser kleinen Schwierigkeiten beschäftigt, als ein langes, schrilles, lautes Pfeifen an unser Ohr klang, das wir sofort erkannten, und das uns freudestrahlend das Gesicht sofort nach der Richtung wenden ließ, aus der es ertönt war.

„Der Zug!“ riefen wir aus. „Der Zug!“

Wir erkannten deutlich die Linie der transsibirischen Eisenbahn jenseits der Selenga mit den roten Häuschen der Bahnwärter und den Telegraphenstangen, die am Fuße kiefernbedeckter Hügel entlang lief.

Zwischen den Bäumen schwebte ein weißes Rauchwölkchen hin und verlor sich in dem Kiefernwalde, begleitet von lautem, unaufhörlich wachsendem Dröhnen. Rasch brauste der Zug heran. Der Sieger, der Triumphator, der Eroberer Asiens fuhr vorüber! Er eilte auf Irkutsk, in der Richtung auf Europa zu. Er verband uns mit Europa. Ich weiß nicht, wie stark auf uns die Reise, das langandauernde Gefühl der Einsamkeit und der Abgeschlossenheit wirkten, Tatsache ist, daß der einfache und so gewöhnliche Anblick eines Eisenbahnzuges uns als etwas Neues und voll tiefer, unsagbarer Bedeutung erschien. Und in einem Ausbruche der Begeisterung begrüßten wir ihn mit einem stürmischen „Evviva!“

Einbooten.

Einbooten.

Die Fähre, die uns bald darauf von dem linken Ufer der Selenga auf das rechte übersetzte, war ganz verschieden von der, die wir am Morgen benutzt hatten. Sie bestand aus einer Plattform, die groß wie ein Tanzsaal war; sie beförderte ein Dutzend Telegas samt ihren Pferden auf einmal hinüber und würde mit Leichtigkeit auch eine Lokomotive getragen haben. Sie wurde durch die Kraft der Strömung selbst in Bewegung gesetzt. Wir fanden sie damit beschäftigt, die Wagen überzusetzen, die vom Markte in Werchne-Udinsk zurückkehrten, und die sich auf dem rechten Ufer angesammelt hatten, geduldig wartend, bis die Reihe an sie kam. Es war spielend leicht für unsere Maschine, sich einzuschiffen, die Fähre zu verlassen, in rascher Fahrt die steile Uferböschung hinaufzufahren und bald darauf in der Stadt einzutreffen, die sich zwischen der Uda und Selenga ausdehnt. Über und über weißglänzend bietet sie ein lebhaftes, malerisches Bild von jenem orientalischen Anstrich, den fast alle russischen Städte infolge der großen Zahl von Kuppeln auf den Kirchen und der spitzen, den Minaretts gleichenden Glockentürme haben.

Wir fuhren durch den Triumphbogen, und als wir auf die Hauptstraße gelangt waren, machten wir uns sofort auf die Suche nach unserem Benzinvorrat.

Der Triumphbogen fehlt in keiner dieser sibirischen Städte, die an der uralten Straße nach dem Stillen Ozean liegen. Natürlich ist er wie die Häuser, die Kasernen und die Kirchen stets von Holz, wenn er auch mitunter dem Marmor oder sonstigem Gestein täuschend ähnlich sieht. All diese Bogen wurden bei Gelegenheit des Aufenthaltes des jetzigen Zaren (damals war er Thronfolger) auf seiner Rückreise von Wladiwostok, wo er die transsibirische Bahn eröffnet hatte, errichtet. Nikolaus II. ist vielleicht der einzige russische Kaiser, der sein ganzes Reich bereist hat. Dies Ereignis verdiente wohl, daß man durch Triumphbogen daran erinnerte, selbst wenn sie nur aus Holz waren.

Wir fanden nirgends eine Spur unseres Depots. Aber der größte Drogenhändler willigte darein, uns all sein Benzin zu verkaufen — etwa 50 Liter, die beinahe den gesamten Vorrat des Ortes und der umliegenden Landstriche darstellten. Dort draußen wird das Benzin viel verwendet, aber nur tropfenweise, weil es noch nicht über die erste Periode seiner sozialen Tätigkeit, die der Fleckenentfernung, hinausgekommen ist!

Werchne-Udinsk ist eine Soldatenstadt, das große militärische Zentrum Transbaikaliens. Hier sahen wir die neuen Felduniformen des russischen Heeres, deren Einführung nach Beendigung des japanischen Krieges beschlossen wurde, nachdem die Sichtbarkeit der bisherigen Uniformen die furchtbaren Menschenverluste verschuldet und in nicht geringem Maße zu den Niederlagen in der Mandschurei beigetragen hatte. Jetzt steht an allen Grenzen der Kosak in der Khakiuniform Wache: eine große Tradition geht unter. Am Abend ertönten Trompetensignale aus den weißen Kasernen der oberen Stadt; Patrouillen durchstreiften die Straßen mit geschultertem Gewehr; Säbel- und Sporenrasseln hallte von den hölzernen Fußsteigen wider; zahlreiche Schildwachen zogen vor den Toren der öffentlichen Gebäude und der Banken auf. Als ich zum Telegraphenamte kam, fand ich es militärisch besetzt; Soldaten an der Pforte, Soldaten mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett in dem kleinen, für das Publikum bestimmten Raum, in den Diensträumen, vor dem Geldschrank. Ich glaubte meine Depeschen im Vorzimmer eines Gefängnisses niederzuschreiben.

Wir wohnten in dem besten Gasthaus, einer alten, aus Holz erbauten Herberge mit gewaltigen Öfen und Betten ohne Leintücher, die einen muffigen Geruch ausströmten, als seien die Ausdünstungen aller derer, die hier gewohnt hatten, darin zurückgeblieben. Seit Hsin-wa-fu hatten wir nicht mehr in einem Gasthause geschlafen. Schlafen ist in der Tat ein übertriebener Ausdruck. Denn es hatte den Anschein, als sei ein Heer gewisser kleiner Tierchen völlig an das Insektenpulver gewöhnt; sie hatten die Giftfestigkeit des Mithridates erlangt. Das Automobil ruhte in dem kleinen Hofe aus, in einem dem Einsturz nahen Schuppen, umgeben von leeren Fässern, Wagen, Kisten und Hühnern.

Um 3 Uhr früh waren wir schon wieder auf den Beinen und tranken schweigend ein Glas Tee. Es war bereits hell. Wir befanden uns auf dem Höhepunkte der hellen Nächte.

Es regnete.

Zwölftes Kapitel.

An den Ufern des Baikalsees.

Längs der Selenga. — Ein widerspenstiger Aufstieg. — Im Sumpf. — Der verödete Weg. — Die Bolschaja Rjeka. — Myssowaja. — Nutzloser Versuch. — In Erwartung einer Antwort. — Eine außergewöhnliche Vollmacht.

Am 27. Juni um 4 Uhr früh befanden wir uns von neuem auf der großen Fähre der Selenga, um auf das linke Ufer des Flusses zurückzukehren, längs dessen sich die zum Baikalsee führende Straße in Schlangenwindungen hinzieht. Diesmal fanden wir die Fähre im Begriffe, eine Menge Wagen, die vom Felde kamen, nach Werchne-Udinsk überzusetzen. Es war die Szene vom Abend zuvor, nur umgekehrt. Schon auf der Hälfte des Weges zum Flusse riefen wir den Muschiks und den Burjaten zu, sie möchten ihre Pferde gut festhalten. Wir hatten schon die unversöhnliche Abneigung der sibirischen Pferde gegen das Automobil kennen gelernt. Die Begegnung mit einem Löwen hätte bei den frommen Pferden der Landleute kein größeres Entsetzen hervorbringen können. Die armen angespannten Tiere machten verzweifelte Anstrengungen, von der Telega loszukommen; sie gingen mit heftigen Kopfbewegungen rückwärts, erhoben sich vor Furcht wiehernd auf die Hinterbeine, warfen sich heftig auf die Seite, drehten sich um und befanden sich schließlich, fast immer schnaubend und zitternd, die Schnauze gegen die Telega gepreßt, in einer für die Flucht wenig günstigen Stellung — ohne daß dabei die verwunderten Landleute auch nur einen Finger gerührt hätten, um es zu hindern. Sie hatten nur Augen für uns; sie starrten uns offenen Mundes an, grüßten häufig und ließen ihre Pferde Pferde sein. Daher warnten wir sie schon von weitem: „Haltet die Pferde! Gebt acht auf die Pferde!“

Es herrschte eine Kälte fast wie im Winter. Die Muschiks und die Burjaten hatten ihre Pelzarmiaks und die Fausthandschuhe angezogen. In der feuchten Luft dampfte der Atem der Pferde. Wir überschritten wieder die Brücken vom vorigen Abend und wandten uns dann nach Westen zu. Wir begegneten niemand mehr. Der Schmutz war klebrig, und obgleich wir langsam fuhren, glitt das Automobil doch jeden Augenblick mit den Hinterrädern seitwärts, stellte sich quer, unempfindlich gegen das Steuer, und nahm einen Gang an wie ein Pferd bei der Volte. So oft wir konnten, schoben wir die Maschine auf den Rasen, wo die Räder etwas mehr griffen, und bahnten uns einen Weg durch das Heideland. Nach einer Stunde hatten wir große Lust, umzukehren. Wir befanden uns vor einer niedrigen Anhöhe, die wir sonst, ohne es zu merken, hinaufgefahren wären, die sich jetzt aber als unersteiglich erwies.

Dieser Art von Hindernissen gegenüber erfaßte uns die Wut. Wir hätten einen Fluß, einen Berg, einen Abgrund, irgendein anderes nennenswertes Hindernis vorgezogen. Aber nein; es waren 100 Schritte Wegs, die ganz harmlos aussahen. Die Strecke war von einem glitschigen Schmutze bedeckt, auf dem selbst der Schritt des Fußgängers unsicher ist und der Fuß dahinschleicht mit unwiderstehlicher Neigung, rückwärts statt vorwärts zu gehen. Die Räder machten es wie der Fuß. Sie drehten sich im Leeren. „Fahren wir etwas zurück!“ sagten wir uns.

Wir kehrten um. Mit einem Schwunge stürzte sich die Maschine zum Angriff, blieb aber am Fuße der Anhöhe stehen, wich schleifend, trotz angezogener Bremsen, zurück, drehte sich im Kreise herum, wandte sich zur Seite und machte zuweilen kehrt wie ein furchtsames Pferd. Wir versuchten es mit langsamer Fahrt, indem der Fürst und ich schoben und Ettore steuerte. Wir hatten Stücke Holz gefunden, die wir als Keile unter die Räder legten, und versuchten, Zentimeter um Zentimeter weiterzukommen. Aber an einem bestimmten Punkte glitt das Automobil wieder zurück und riß uns und die Keile mit. Hundertmal hatten wir begonnen, bald im Zickzack, bald in gerader Richtung. Der Motor arbeitete, ließ wahre Schätze von Benzin in Rauch aufgehen, erhitzte sich und schien ebenfalls gereizter Stimmung zu sein. Es gab am Fuße der Anhöhe tatsächlich keinen Fußbreit Weges mehr, der nicht von den Rädern zerwühlt worden wäre; er sah aus wie gepflügt.

„Und wenn man bedenkt,“ riefen wir aus, den Himmel betrachtend, in der Hoffnung, ein Anzeichen des Aufklarens zu entdecken, „wenn man bedenkt, daß eine halbe Stunde Sonnenschein diesen Weg ausgezeichnet machen würde!“

Die Sonne schien all das Schlechte, das wir ihr in der Wüste nachgesagt hatten, übelgenommen zu haben. Es regnete unaufhörlich. Da kam uns ein Gedanke: die Straße mit Baumzweigen zu bedecken. Wir machten uns daran, junge Kiefern abzuschneiden, die nassen Äste herbeizuschleppen und auf den Boden zu legen. Das Automobil nahm einen Anlauf, gelangte mit zwei stürmischen Radumdrehungen auf die Zweige und warf sie zurück wie ein Hund, der die Erde mit den Hinterfüßen wegscharrt; nachdem es das Werk unserer Hände zerstört hatte, blieb es befriedigt stehen und kehrte murrend ruckweise zurück. Wir hatten all unsere Hilfsmittel erschöpft. Was nun? Nach Werchne-Udinsk zurückkehren und auf besseres Wetter warten? An Ort und Stelle kampieren? Auf die Suche nach Muschiks gehen und sie um Hilfe bitten? Wir erörterten all diese Pläne, als der Fürst einen andern in Vorschlag brachte: zuzusehen, ob es nicht möglich sei, den Übergang an einer andern Stelle auszuführen.

Links von dem Pfade befand sich dichtes Gebüsch, undurchdringliches Pflanzengewirr, zur Rechten lag etwas höher als die Straße eine kleine Wiese, und jenseit der Wiese eine Schlucht, in deren Grunde die Selenga dahinfloß. Vom Fuße der Anhöhe konnte man auf die Wiese gelangen und sie auf dem Gipfel wieder verlassen. Die Wiese senkte sich nach der Seite der Schlucht zu. Ettore führte die Maschine rasch dorthin. In der Nähe des Gipfels sahen wir sie jedoch ihren Lauf verlangsamen und sich unversehens nach rechts, nach der Schlucht zu wenden.

„Links, links!“ schrie der Fürst in schrecklicher Aufregung.

An Bord eines Fährbootes.

An Bord eines Fährbootes.

Doch das Automobil hatte sich schon mit einer raschen Bewegung nach links geworfen und rollte auf der Straße herab. Es hatte das gefährliche Manöver nach rechts unternommen, um Kraft zu gewinnen und das Gefälle der Wiese gegen den Straßenrand hin zu benutzen. Wir stießen einen Seufzer der Erleichterung aus, maßen die überwundene Anhöhe von oben bis unten, drohten ihr in gerechter Entrüstung mit geballten Fäusten und setzten dann unsere Fahrt längs des Ufers der Selenga fort. Bald befanden wir uns über dem Flusse, der gegen das Ende seines Laufes immer schneller dahinströmt, als beeile er sich, in der ewigen Unbeweglichkeit des Sees Ruhe zu finden, bald zogen wir dicht neben seinen weißen, schäumenden Fluten einher. Das Tal verengert sich immer mehr; die Selenga zwängt sich zwischen Hügeln hindurch, die mit dichtem Kiefern- und Birkenwald bestanden sind. Die Eisenbahn, die sich am rechten Ufer entlang zog, kam auf einer prächtigen eisernen Brücke zu uns herüber. Von diesem Augenblicke an haben wir uns stets in ihrer Nähe gehalten.

Wir fuhren in Schlangenwindungen neben der Bahnlinie, passierten zu ihren Füßen manchen überschwemmten Brückensteg, überschritten ihren Damm und verließen sie, um sie bald darauf wiederzufinden. Wir glaubten wer weiß wie weit von ihr entfernt zu sein, während ihre Signalscheiben und die roten Dächer der Bahnwärterhäuschen immer wieder vor uns auftauchten. Sie hielt treue Kameradschaft. Wir sahen in der Ferne die kleinen einsamen Stationen, überragt von dem hohen, mit Holz bekleideten Wasserbehälter, durch den der Schornstein eines Wärmeofens hindurchgeht, um im Winter das Wasser vor dem Gefrieren zu schützen. Alle Augenblicke fanden wir die Straße durch eine Schranke versperrt; wir gelangten in den Bereich irgendeines Dorfes, auf das Kollektiveigentum einer Gemeinde oder einer Kosakenstanitza. Bei jeder Schranke befand sich ein Wärter, ein alter Mann, der in einer nahegelegenen Holzhütte hauste, die oft mit Erde zugedeckt war, um sie wärmer zu machen; aber der Wärter war an die Geschwindigkeit des Automobils nicht gewöhnt und kam oft erst aus seiner Hütte, wenn wir selbst schon die rote Holzschranke geöffnet und wieder geschlossen hatten und uns rasch entfernten. Verblüfft, regungslos blieb er stehen und blickte uns nach. Mancher machte das Zeichen des Kreuzes auf Stirn und Brust. Einmal kam ein Wärter beim Klang der Hupe und auf unser Rufen angerannt und blieb wie angenagelt stehen.

„Öffne doch gefälligst!“ sagten wir, das Automobil anhaltend.

Er rieb sich lebhaft die Augen, sah uns verdutzt an und begann sich von neuem die Augen zu reiben. Er glaubte zu träumen. In der Tat sahen wir in unseren großen, mit den Haaren nach außen gekehrten Pelzen und bei dem uns bedeckenden Straßenschmutz Menschen nicht allzu ähnlich, und jener riesige Wagen, der unter solchem Getöse von selbst lief, schien auch nicht besonders geeignet, einen Muschik von unserer menschlichen Natur zu überzeugen.

„Öffne, wir bitten dich!“

Der Alte rief, wie mit sich selbst redend, aus:

„Was ist denn das? Was ist denn das?“

Die Antwort, die er sich auf diese Frage erteilte, war wohl nicht sonderlich schmeichelhaft für uns, denn mit einem Male machte er kehrt, flüchtete rasch wie ein verfolgter Hase in seine Hütte und kam nicht mehr zum Vorschein. Solche Erlebnisse bereiteten uns großen Spaß.

Noch einen andern Wärter möchte ich erwähnen, dessen Haltung uns einen Augenblick zum Lachen reizte, aber nur einen Augenblick. Es war ein junger Mann mit einem kleinen blonden Bärtchen. Er lief herzu, um mit dienstfertiger, aber unsicherer, zaudernder Bewegung zu öffnen. Als er das Getöse des nahenden Motors hörte, öffnete er rasch die Schranke, gleichsam in Furcht, er könne nicht rechtzeitig damit zustandekommen. Dann sprang er mit einem verzweifelten Satze zur Seite und drückte sich gegen den Pfosten der offenen Schranke, den er mit beiden Armen umklammert hielt, um dem unbekannten, drohenden Ungetüm den ganzen Platz freizulassen. Als wir dem Manne ins Gesicht sahen, bemerkten wir, daß er blind war. Seine weißen, glanzlosen Augen waren in instinktivem angstvollem Suchen weitgeöffnet auf uns gerichtet; auf seinem abgemagerten Gesichte malte sich das Entsetzen. Er hatte gefühlt, daß etwas Schnelles, Übermächtiges, Geheimnisvolles in seiner Nähe vorüberkam, ihn aus seiner langen, grausigen, endlosen Nacht aufstörte. Wir aber empfanden Gewissensbisse über diese tragische Furcht.

Die Dörfer sahen wohlhabend aus. Die Isbas waren fast alle neu und groß. Es fehlte uns auch nicht an der gewohnten Avantgarde davongaloppierender Rinderherden, die uns in ihrem stürmischen Laufe mit Kot bespritzten. Aber wir hatten uns mit dem Straßenschmutze schon befreundet. Die Räder wühlten ihn auf und schleuderten ihn in Klumpen auf uns. Die Luft erfüllte ein Morastregen. Wir und das Automobil waren von oben bis unten damit bedeckt; wir hatten jeden Versuch aufgegeben, uns das Gesicht abzuwischen, und fügten uns darein, eine Erdkruste als Maske zu tragen. Wir glichen Statuen aus Ton, die man zu entwerfen begonnen hatte! Unter dieser Hülle hatte unsere ernste, gelangweilte Miene etwas Komisches an sich. Wir waren aber in jenem Augenblicke wenig geneigt, dies zu würdigen und Geschmack daran zu finden. Wir sagten, wenn wir uns betrachteten: „Wir sind Clowns!“ in demselben ernsten Tone, in dem wir sagten: „Es ist kalt!“

Es war in der Tat kalt. Es wehte ein Wind, der uns eisig durchschauerte. Ich saß auf dem Trittbrette, und auf meinen Beinen sammelte sich so viel Schmutz, daß diese in riesige, unförmliche Dinger verwandelt wurden, die sich als sehr schwer fühlbar machten, wenn ich absteigen mußte, um die Schranken zu öffnen. Unter dieser Kruste nasser Erde fühlte ich mich doppelt kalt. Aber zu meinem Troste wiederholte ich mir, daß wir uns im Sommer befänden! Glücklicherweise hörte in den ersten Stunden des Nachmittags der Regen auf. Ein Ostwind zerteilte die Wolken; ab und zu kam ein Stück blauer Himmel und ein Stück Sonne zum Vorschein, die uns sofort erwärmte; der Schmutz trocknete, und wir fühlten Wohlbehagen, als ob wir mit der lauen Luft eine Herzstärkung eingesogen hätten. Wir waren fern von jeder menschlichen Wohnung, mitten in endlosen Wäldern, auf einer malerischen, grasbewachsenen Straße.

Straße im sibirischen Urwald.

Straße im sibirischen Urwald.

Nach dem Bau der Eisenbahn verödeten jene Strecken der alten sibirischen Straße, die durch unbewohnte Gegenden führten, und die nicht dem Kleinverkehr zwischen den einzelnen Dörfern dienten. Die Natur eroberte sich die Straße schrittweise zurück und nimmt den Raum, der ihr von den Menschen geraubt worden ist, wieder in Besitz; von den Rändern aus rücken neue Pflanzen vor, breiten das junge Grün ihrer Sprossen aus, neigen ihre Zweige, die vom Gewicht des Schnees gebeugt oder abgebrochen sind, über die alte Straße, werfen ihre abgestorbenen Stämme auf sie, zertrümmern die verfaulten Pfähle, werfen die alten Einfriedigungen um und dringen von allen Seiten vor. Wir müssen jeden Augenblick den Kopf beugen, um nicht von den Zweigen getroffen zu werden. Zuerst hatte das Gras von dem Gelände Besitz ergriffen. Die Straße fing an zuzuwachsen wie eine ungeheuere, der Erde zugefügte Wunde, die unter einer Blütendecke heilt. Wir fuhren durch lauter Blumen; Büsche von Anemonen, Goldköpfchen, Ranunkeln, Primeln, Erdbeerblüten — Farben und Düfte tauchten in wunderbarer Pracht aus dem Schatten jener Bäume auf. Der sibirische Frühling nahte mit stürmischer Eile, wie um sich für die lange Verzögerung zu entschädigen, die ihm die Eismassen auferlegt haben.

Wir genossen den stillen Triumph der Pflanzen, schwelgten in dem wilden Zauber jener Gegenden, in denen sich keine Spur menschlicher Arbeit zeigte, die nicht uralt gewesen wäre. An manchen Stellen hatten Wasserläufe sich beim Tauen des Schnees gebildet, die Straße überschwemmt, sie zerstört, aufgewühlt, Steine und heruntergefallene Äste darauf gewälzt. Sie hatten das alte, ihnen von den Menschen gegrabene Bett verlassen und sich der Tyrannei der Gräben und Brücken entzogen. Die aus den Fugen gegangenen morschen Brücken erbebten und ächzten unter der Last des Automobils. Noch hatten wir nicht gelernt, sie zu fürchten.

Mitten im Walde stießen wir wieder auf die Eisenbahn, die wir vor einigen Stunden verlassen hatten. Zwischen den Bäumen erblickten wir ein Tal, hörten das Rauschen eines Wassers, und auf dem Gipfel einer niedrigen Anhöhe bot sich eine Brücke unseren Augen dar. In diesem Augenblicke hörten wir eine Stimme rufen:

„Halt, ihr Männer, halt!“

Ein Bahnwärter machte uns Zeichen. Als er uns halten sah, rief er:

„Die Brücke ist nicht mehr da! Sie ist eingestürzt.“

Wir stiegen ab. Es war in der Tat so. Von unten konnten wir nicht bemerken, daß nur der Brückenkopf stehengeblieben war. Ein breiter stürmisch brausender Fluß strömte auf dem Grunde der Schlucht dahin.

„Wie kommen wir hinüber?“ fragten wir den Wärter.

„Es gibt im Tale eine Furt. Halten Sie sich rechts und folgen Sie dem Waldwege: Sie werden schon eine finden. Es liegt eine Stanitza in der Nähe.“

„Wie tief ist das Wasser?“

„Ich weiß es nicht. Heute morgen sind Wagen durchgefahren.“

„Wie heißt dieser Fluß?“

„Bolschaja Rjeka“ (der große Fluß).

Wir folgten dem Wege, setzten mit Leichtigkeit über einen Bach mit klarem Wasser, drängten uns durch dichte malerische Gehölze, die voller umgestürzter Baumstämme lagen, und gelangten endlich an das steinige Bett der Bolschaja: der Fluß war sehr reißend und tief. Zur Zeit der Schneeschmelze muß die Bolschaja Rjeka furchtbar sein. Sehr breit und strudelreich, reißt sie Bäume und Felsblöcke vom Gebirge los, trägt sie davon, wirbelt sie im Kreise umher und zertrümmert sie. Ihr ganzes Bett war angefüllt mit riesigen Stämmen, Baumstümpfen, Ästen, die von der Wut des Wassers hierher gespült worden waren — mit einem toten, gefällten Walde, der hier in großartiger Unordnung und Verwüstung hingestreckt lag. Auf der anderen Seite des Flusses sahen wir einige Isbas. Ein junger Muschik, der eine Telega lenkte, kam auf unserer Seite aus dem Gebüsch heraus. Er hielt, betrachtete uns und grüßte.

„Wo ist die Furt?“ fragten wir ihn.

„Ich fahre soeben hinüber. Kommen Sie nur mit mir.“

Er ließ uns einen halben Kilometer zurückfahren und drang mit einem Male wieder in das Gebüsch ein. Dann kehrte er zum Flusse zurück und sagte:

„Hier ist die Furt. Passen Sie gut auf, wo ich hinüberfahre. Man muß den Fluß in schräger Richtung durchschreiten, auf jenen Punkt zu. Sie dürfen keinen Zoll breit von dieser Richtung abweichen!“

Er erteilte uns diese Belehrungen in freundlichem Tone, in jener liebenswürdigen Art, die die russischen Bauern an sich haben, und blickte uns dabei mit seinen blauen, klaren Augen an.

„Wie ist der Grund?“ fragte ihn Fürst Borghese.

„Steinig wie hier.“

„Bis wohin reicht das Wasser?“

„Es ist so hoch wie die Räder der Telega.“

Wir aber dachten an den Iro.

„Gibt es hier Ochsen?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, es gibt hier keine.“

„Oder Pferde?“

„Jawohl; jeder hat Pferde.“

„Kannst du uns Pferde besorgen? Wir zahlen einen Rubel für jedes Pferd, und einen Rubel außerdem für dich.“

„Gut. Warten Sie hier.“

Er fuhr durch den Fluß und verschwand. Es verging eine Stunde und wir wurden schon ungeduldig, da sahen wir eine Anzahl berittener Männer auf dem andern Ufer daherkommen. Es waren unsere Leute. Sie ritten durch den Fluß, und als sie in unsere Nähe gekommen waren, grüßten sie würdevoll durch Abnehmen der Mützen. Es waren schöne kräftige Gestalten, Köpfe von blonden Heiligen auf Körpern von Riesen. Wie bei allen Muschiks fielen die Haare bis zum Halse herab; das russische Volk behielt die Haartracht der alten Krieger bei mit den dicht unterhalb des Nackens abgeschnittenen Haaren, als ob diese, wenn sie länger wären, noch heute das Tragen der Sturmhaube und des Panzers hindern könnten.

Die Männer schafften zuerst das Gepäck auf dem bloßen Rücken der Pferde hinüber; es machte den Eindruck, als ob eine Plünderung stattfände. Inzwischen hatte Ettore den Magneten, um ihn nicht herausnehmen zu müssen, mit einer undurchdringlichen wasserdichten Schicht mit Fett bestrichener Lappen umwickelt. Dann wurden die sechs Pferde vor das Automobil gespannt, und zwar mit den langen Seilen, die uns schon bei so vielen Gelegenheiten gute Dienste geleistet hatten; die Männer sprangen auf die Pferde, einer von ihnen setzte sich rittlings auf das Motorgehäuse. Ettore ergriff das Steuer, und die Maschine tauchte rüttelnd und hin und her schwankend in die Bolschaja Rjeka unter lauten Rufen, Peitschenhieben, Pferdegewieher inmitten einer Flut von Spritzern und Sprühern; wütend wurde die Maschine seitwärts vom Wasser angefallen, das mit gurgelndem Wogenschwall angeschossen kam.

Unser Publikum.

Unser Publikum.

Am andern Ufer setzten wir das Automobil rasch wieder in Marschbereitschaft. Die eingestürzte Brücke hatte uns einen Zeitverlust von drei Stunden gekostet. Wir wollten noch vor Abend Myssowaja am Ostufer des Baikalsees, 160 Kilometer von Werchne-Udinsk, erreichen. Die Muschiks zeigten uns den Weg. Wir verschwanden im Walde.

Es gibt eine einzige Gegend in Europa, die an diese Landschaft erinnert: Schottland. Dieselben bewaldeten Hügel, dieselben Pflanzen, derselbe wildmalerische Charakter und in der Ferne jener nordische Nebel, der die Farben sanft in melancholischem Schleier auflöst. Gegen 5 Uhr, nach dreizehnstündiger Fahrt, sahen wir endlich zwischen spitzen schwarzen Hausgiebeln die blaue Fläche des Baikalsees hervorschimmern. Sie erschien leuchtender, da der Himmel wieder klar geworden war.

In jenem heiteren Glanze konnten wir nur mit Mühe die 50 Kilometer entfernten Gebirge des jenseitigen Ufers entdecken. Nach Norden und Süden war der Wasserhorizont unbegrenzt. Den Baikalsee nennen die Russen ein Meer. In Wahrheit ist er der Breite nach ein See, der Länge nach ein Meer. Das Asowsche Meer ist um ein Drittel kleiner. Der Name Meer kommt dem Baikalsee von alters her zu. 200 Jahre lang wurde er für ein seltsames Meer süßen Wassers gehalten, und die russische Eroberung machte an seinem Gestade halt. Dann wurde sie von der Sehnsucht nach dem andern, dem salzigen Meere, weitergetrieben und drang bis zum Stillen Ozean vor.

Die Straße führte in Wellenlinien am See entlang; sie brachte uns dem Ufer manchmal so nahe, daß wir das rhythmische Anschlagen der Wellen auf den Sand vernahmen. Mit einem Schlage hörte der Wald auf. Er war nicht gefällt worden, er war abgebrannt. Auf den kahlen Hügeln waren verkohlte Stämme stehengeblieben: aufrechtstehende Baumleichen inmitten des Wustes der Zerstörung. Das Feuer ist der Hauptfeind der sibirischen Wälder; es entsteht, man weiß nicht wie, der Wind trägt es weiter und drängt es zurück. Wir dachten an das wunderbare und dabei furchtbare Schauspiel eines Brandes am Ufer des Sees, an die feurigglänzende Verwüstung, die sechs Werst Gebüsch auffraß und die, in der Nacht vom Wasser widergespiegelt und vom Himmel zurückgestrahlt, einem Nordlichte gleich bis zu den Ufern der Angara sichtbar gewesen sein mußte. Eine Stunde darauf betraten wir Myssowaja.

Myssowaja ist wenig mehr als ein Dorf: eine Reihe weißer Holzhäuser an sehr breiten, steinigen und schmutzigen Straßen, die wie das Bett eines Bergstroms aussehen, Fußsteige aus Brettern, ein grasbewachsener Platz, eine weiße Kirche mit grünem Dache, eine Kaserne — das ist alles. Aber dieses schlummernde und beinahe verödete Dorf hat eine Zeit der Tätigkeit und der Bedeutung gesehen. Als die Eisenbahn noch nicht um das Südufer des Sees herumgeführt worden war, war Myssowaja der östliche Hafen der großen, den Baikal befahrenden Dampfer. Ich entsinne mich der Zeit vor sieben Jahren, als es von Soldaten und Beamten wimmelte, als seine Zollämter bei jeder Ankunft eines Schiffes oder eines Zuges in lebhafter Tätigkeit waren, der Bahnhof mit Waren, mit Wagen, mit Reisenden angefüllt war, der Hafen durchfurcht wurde von Barken, von Schleppdampfern und von den riesigen Trajektbooten, von welchen jedes vier Züge in seinen weiten Bauch aufnahm. Und in der Nacht leuchteten die roten und weißen Lichter der Leuchttürme und des Semaphors auf, und der kleine, in der Nähe des Bahnhofs gelegene Gasthof füllte sich mit Leuten, die essend und trinkend den Abgang der Nachtzüge abwarteten.

Jetzt ist der Ort nicht wiederzuerkennen. Der Hafendamm, der einer der größten Holzdeiche ist, die ich gesehen habe, fällt in Trümmer, die Leuchtfeuer sind gelöscht, die Schiffe legen nicht mehr an, der See ist verödet, die Hafenkais bedecken sich mit Gras, niemand verläßt hier mehr die durchgehenden Züge, alles verfällt, verrostet, stürzt zusammen, und nur wenige Einwohner sind zurückgeblieben, man weiß nicht weshalb.

In Kiachta hatte uns unser Freund Sinitzin eine Empfehlung an den Starosten, den Bürgermeister, von Myssowaja mitgegeben. Er war sein Geschäftsfreund, sein Agent, der den Teetransport über den Baikal leitete, ein Weg, der nur im Winter mit Hilfe von Schlitten über den gefrorenen See hinweg offensteht. Wir suchten daher den Starosten auf, der uns gastfreundlich in seinem Balkenhause empfing, einer Isba, die etwas größer war als die übrigen. Er erwartete uns, er hatte etwas für uns, etwas für uns außerordentlich Wertvolles, das von Irkutsk an die Adresse „Borghese“ gekommen war: Benzin, Öl und Fett! Es waren die Lebensmittel des Automobils, das beinahe zum Hungertode verurteilt gewesen war.

Der Pristaf, der Chef der Polizei, ein Mann mit einem übermäßig dicken Bauche und einem übermäßig dichten Barte, erschien feierlich in Uniform, um uns zu besuchen. Er sah unsere Pässe nach und unterzog uns einem kleinen Verhör, um die geheimnisvollen Gründe zu erfahren, warum wir nicht wie alle reichen Leute im Zuge fuhren. Dabei goß er sich ein Glas von unserem Tee ein und blieb sitzen, uns schweigend beobachtend. Dann erschien ein Gendarmerieleutnant; dieser fragte uns höflich aus, schenkte sich ein Glas Tee ein und leistete uns Gesellschaft. Nach ihm kamen der Telegraphendirektor und andere Leute mit und ohne Uniform; das Zimmer füllte sich; wir waren der Mittelpunkt einer Gesellschaft, die sich in Permanenz erklären zu wollen schien.

Die Wahrheit war, daß in Myssowaja unsere Art zu reisen den Behörden revolutionär erschienen war. Als wir vor dem Hause des Starosten eintrafen, hatten sich einige Leute versammelt, Gendarmen kamen angelaufen, und wir hörten sie zwei, drei Personen, die sie bei Namen nannten, auffordern: „Ihr macht sofort, daß ihr nach Hause kommt!“, worauf die so angeredeten Personen gesenkten Hauptes wegschlichen. Es handelte sich anscheinend um politische Verbannte, von denen die Gendarmen fürchteten, daß sie mit uns in Beziehungen treten könnten. Aber wir besaßen ein zauberkräftiges Dokument: das Schreiben des Generalpolizeidirektors des Kaiserreiches! Es brachte eine ungeheuere Wirkung hervor. Aller Verdacht verschwand wie durch Zauberschlag, und wir gewannen sofort die größte und unverdienteste Hochachtung der Behörden. Wir nutzten diesen Umstand aus, um Auskunft über die Straße zu erbitten, die um den Baikal herum geradeswegs nach Irkutsk führt. Man lächelte über den Plan, Irkutsk auf diesem Wege zu erreichen.

Auf dem Programm der Fahrt Peking–Paris war der Übergang über den Baikalsee zu Schiff vorausgesehen. Es war richtig, so wurden die Flüsse überschritten, und der Baikalsee macht eher den Eindruck einer riesigen, den Weg versperrenden Wasserader als den eines Sees. Da aber ein Weg um den See herum existierte, so wollten wir ihn einschlagen. Die Auskünfte lauteten jedoch sehr schlecht. Bereits in Werchne-Udinsk hatte man uns gesagt, daß die Brücken über die hauptsächlichsten Flüsse eingestürzt und die übrigen im Begriff seien, einzustürzen. In Myssowaja wiederholte man dasselbe. Alle aber kannten die Dinge nur vom Hörensagen; niemand hatte diese Straße seit zehn Jahren mit eigenen Augen gesehen. Wir wollten das Unternehmen jedoch nicht aufgeben, ohne es versucht zu haben.