Da sitzt ein armer Sünder
Auf einer harten Bank,
Wie Rosen blühn die Wangen
Des Jünglings, stark und schlank.
Ein freies Leben führte
Der junge Nimmersatt,
Er tat zwar nichts aus Liebe,
Doch liebte er die Tat.
Er hat geraubt, gemordet,
Sonst Unheil viel getan,
Ein Berg von Missetaten
Begräbt den jungen Mann.
Ein Meer von heißen Tränen
Ist über ihn geflossen,
Und wo sein Fuß gewandelt,
Kann keine Blume sprossen.
Nun steht er vor den Richtern
In aller Ruhe da.
Man fragt: »Hast du's begangen?«
Er sagt gelassen: »Ja.«
Er weint nicht und er lacht nicht.
Und einer, der noch glaubt,
Fragt: Ob er nicht bereue?
Er schüttelt kühl das Haupt.
Man führt herein die Mutter,
Der er den Sohn erschlagen,
Sie stummt und starrt ins Leere,
Kann nimmer weinen, klagen.
Man führt herbei die Schwestern,
Die nach dem Bruder schrein;
Man trägt den zarten Säugling,
Den mutterlosen, herein.
Der Jüngling, kalten Auges
Blickt er die Opfer an,
Als fragte er: Was weiter?
Ihr seht, ich hab's getan.
Nur einmal strahlt sein Auge,
Das kalte Auge, licht,
Als die Gerichtsverhandlung
Der Abend unterbricht.
Wohlan, jetzt kommt das Süpplein
Und dann der gute Schlummer,
Er schläft die sieben Stunden,
Ohn allen Gram und Kummer.
Die Qualen unsrer Seele,
Dir sind sie nicht bewußt,
Beneidenswertes Untier
Mit deiner hohlen Brust.
Der Erde heiße Herzglut,
Sie kann dich nicht erreichen,
Des Lebens wilde Schmerzflut
Dich nimmermehr erweichen.
Das wilde G'jaid der Not,
Das um den Erdball hetzet,
An dem sich jedes Herz
Langsam zum Tod verletzet,
Du bist davor gefeit.
Das Stöhnen in der Brust
Des Nächsten ist dir, traun,
Ergötzlichkeit und Lust.
Dich bindet keine Sitte
Und keine Menschlichkeit.
Immun bist gegen Liebe,
Immun auch gegen Leid.
Dein Sittensprüchlein lautet:
's gibt weder Gut noch Schlecht.
Wer siegt, das ist der Herrscher,
Wer stark ist, der hat recht. —
Des andern Tags die Richter
Erörtern das Gesetz;
Dich langweilt »dieses öde
Und müßige Geschwätz«.
Von Gut und Böse jenseits
Bist du durch nichts beenget,
Kein Mitleid, kein Gewissen
Je dein Gemüt bedränget.
Die Macht war deine Gottheit. —
Nun hat sie sich gewandt,
Der Stärkre hat den Schwächern
Vor das Gericht gebannt.
Wirst du es auch nicht spüren,
Du eisenharter Mann,
Wenn sie an dir vollführen,
Was andern du getan?
Vielleicht kommt doch zum Vorschein
Bei dir ein bißchen Herz,
Wenn du dich hebst das erstemal
Im Leben — himmelwärts.
Im Saale auf die Richter
Das Volk mit Bangen harrt.
Der Knab' schaut in die Runde
Und streicht den jungen Bart.
Es will ihn fast befremden,
Daß jetzt die Frauen weinen
Und bangen, als die Richter
Zum Urteilsspruch erscheinen.
Nun wird es dumpf und schwül
Als wie in einem Grab.
Der Richter hebt sich hoch —
Tritt vor — und bricht den Stab.
»Zum Tod!« haucht es, »zum Tode!«
Dann alles stumpf und stumm. —
Der Mörder blickt mit Staunen:
»Zum Tode? — Wen? — Warum?
Zum Tode mich?!« er ruft's,
»Zum Tode durch das Strängen?
Der einzige starke Mensch
— Und wollen ihn jetzt hängen!«