Geheimes und Internationales
Zentralkomitee
Sitz Moskau
Moskau, am 5. Mai 1913.
An den Leiter der Donau-Sektion.
Leutnant Duschek soll keinesfalls aus dem Heeresdienst ausscheiden. Er ist, wie in einfacher Konferenz beschlossen wurde, als Propagandist bei der Armee zu beschäftigen, zu welchem Behufe er gebeten wird, bei möglichst vielen Truppenkörpern als Offizier zu wirken.
Unterschrifts-Chiffre
Stempel
Ich meldete mich bei meinem Kommando krank und erhielt einen mehrwöchentlichen Urlaub.
Sofort begann ich meine Tätigkeit.
Am Samstag abend und Sonntags machte ich mich in Tanzsälen, Schänken, Vergnügungspärken, Kinos, Sportplätzen und Ausflugsorten an Soldaten heran. Ich ging nach folgendem System vor:
Zuerst prüfte ich die Gesichter. Erblickte ich eines, das unzweifelhaft durch das dritte Jahr des Dienstes gezeichnet war und dessen Eigentümer weder eine Charge, noch eine Richt- oder Schießauszeichnung besaß und nicht stumpf, sondern mit jener verächtlichen Verbitterung dreinsah, für die mein Auge sehr geschärft war, so sprach ich ihn an. —
Zuerst erschrak er (denn ich war ja ein Herr Offizier), dann wurde er mißtrauisch, schließlich aber, halb ärgerlich, halb geschmeichelt, faßte er Mut, denn ich erzählte ihm, ich wäre sehr arm und hätte von meiner Leutnantsgage meine alte Mutter zu erhalten. Ich schilderte beweglich mein Elend, daß ich gezwungen wäre, die Zigaretten meiner Fassung zu verkaufen und kaum alle heiligen Sonntage dazu käme, selbst eine Zigarette zu rauchen, denn ein Schuldenmacher, wie die anderen Herren zu sein, das brächte ich nicht übers Herz.
Der Mann dachte sofort: „Da sieht man’s. Die großen Herren! Da haben wir’s ja, was hinter all der Aufdraherei, Schinderei und Schreierei steckt! Ein armer Hund, der sich schmutziger durch die Welt bringt, als unsereins. Wenn ich wieder im Zivil bin, habe ich mein Auskommen als Knecht, Raseur, Tischler, Maurer, Selcher usw. Und der da? Freche Bettler sind sie alle zusammen! Mir soll dann nur einer begegnen! Zweimal wird er mich nicht anschaun.“
Ich ging so eine Weile neben dem Gemeinen hin und sprach gehässig über die Offiziere und Feldwebel, besonders aber betonte ich, daß sie alle bestechlich seien und die Mannschaft um ihre Gebühren betrügen, indem sie die besten Lebensmittel und Sorten auf die Seite zu bringen wissen.
Das gefiel dem Mann; es war seine eigene Ansicht und er fing an, nach Beispielen und Belegen zu suchen. Plötzlich fragte ich ihn nach seiner letzten Bestrafung. Er geriet in Feuer und Wut, erzählte irgend ein Vergehen und brach in wilde Beschimpfungen gegen den Hauptmann Kallivoda, den Oberleutnant Gamsstoitner, diesen Hund, aus, gegen all’ die Namen, die mein eigenes Blut empörten.
Nun war er gänzlich warm geworden. Ich erwischte den günstigen Augenblick und bat ihn um eine Zigarette.
Halloh! Da war er ganz oben! Dem „Herrn“, dem ewig Unnahbaren eine Zigarette schenken, das schmeichelte, das war Wohlgefühl und Triumph über den aufgeblasenen Halbgott, der ein armer Lump, ein Stinker und ein Nichts ist.
Ich dankte für die Zigarette. Nicht jetzt würde ich sie rauchen, — später.
Der Mann wurde mitleidig und ich hatte ihn gewonnen.
„Das ist doch ein anderer,“ dachte er, „der hierher kommt und mit den Leuten lebt. Ich spuck mehr auf ihn, als er auf mich.“
Und jetzt begann ich mein Werk.
Und ich war erfolgreich, denn in kurzer Zeit hatte ich zwei Burschen zur Desertion verleitet und durch einige andere manch Tausend aufreizender Flugblätter in den Kasernen verteilen lassen.
Die Gefahr, die dieses Treiben für mich bedeutete, machte mich glücklich und zufrieden. Ich hatte einen Lebenszweck, das wagemutige Geheimnis erhob mich fast zur heiligen Schulterhöhe der Russen.
Aber es war noch ein anderes neues Gefühl, stärker als Haß und Rachsucht, das mich beflügelte und tollkühn machte. —
Vor wenig Tagen hatte ich sie das erstemal gesehen. Sie war über die Schweiz gekommen und lebte nun dasselbe geheimnisvolle, fast unphysische Leben wie die anderen Russen.
Nun! Wie soll ich Sinaïda beschreiben? Ich selbst bin ja „erwacht“, „gesund geworden“ und mein Gedächtnis kann kaum mehr die furchtbaren Überschwänglichkeiten meiner Jugend wiederholen.
Sinaïda! Ihre Landsleute gingen mit ihr um, wie die Getreuen mit einer Königin in der Verbannung umgehen. Das Geheimnis irgend einer Tat ruhte auf ihr, das einen unüberschreitbaren Abstand erschuf. Sie sprach fast niemals, und dennoch war der Zeiger aller Reden immer auf sie gerichtet, ihr Blick war ein ernsthaftes Starren, das immer ein wenig an dem vorbeireichte, den sie ansah.
Es war keine Spur von chargierter Schlamperei an ihr, ihr dunkles Haar war keineswegs kurzgeschnitten, ihre Kleidung wohlberechnet und anmutig.
So erwachsen ich auch war, die Liebe hatte ich noch nicht kennengelernt. Die Erzählungen meiner Kameraden von ihren Abenteuern hatten mir immer nur Ekel bis zum Brechreiz eingeflößt.
Allein, ich kannte die entsetzlichen Leidenschaften der Schwärmerei, die seelenzersprengenden, lebenverwüstenden.
Sinaïda übte auf mich eine zwiefache Macht aus. Die wie nach einer schrecklichen Anstrengung schneeweiße Stirne, der starre Blick, die zarten fast ironischen Schatten um die Mundwinkel zeigten, daß diese Frau nicht nur Leben hinter sich hatte, sondern etwas weit Höheres, Heiligeres, eine Tat, eine Aufopferung, ein Geheimnis, von solcher Würde, daß keiner jemals davon zu sprechen wagte. Dieses Geheimnis, als ein unbegrenztes moralisches Übergewicht, demütigte mich süß und schrecklich.
Und — sie war schön, mehr noch als das, viel mehr — Zauberei! Ihr Gesicht zu ertragen, schien für mich fast unmöglich. Wenn ich es eine Zeitlang anzusehen wagte, war mein Herz ausgepumpt, meine Glieder müde wie nach einem stundenlangen Ritt.
War aber der eine Pol meiner Empfindung jene moralische Demütigung, ein Geschöpf höherer Art, als ich es bin, vor mir zu sehen, so der entgegengesetzte Pol viel umfaßlicher, kaum zu begreifen.
Die Schönheit Sinaïdas war eine wesenlose Entzückung, die ihrem Kleid die süße Form gab, selbst aber Zephyr, Geist, Schwingung zu sein schien. Und doch — es war fast klar — sie hatte ein Gebrechen, wenn auch von zartester, unauffälliger Natur. Es schien, daß sich ihr Schritt nach der einen Seite etwas neigte, kaum merklich, aber in manchem Augenblick unverkennbar.
Dieses Unregelmäßige in dem Rhythmus ihrer Erscheinung (Hinken es zu nennen wäre zu viel und zu profan), dieses zarte Gebrechen riß mich hin, brachte mich um Verstand und Bewußtsein.
Der Gegensatz von ihrer Lebensüberlegenheit und Gebrechlichkeit erzeugte in mir einen magischen Strom von solcher Macht, daß ich jede Herrschaft über mich selbst verlor.
Und doch! Liebe wagte ich dieses Gefühl nicht zu nennen. Anbetung und Verwirrung! Diesen unirdischen Leib, dieser überirdischen Seelenkraft wollte ich nichts anderes sein als Knecht, Türhüter und Hund!
Dennoch! Beweisen wollte ich mich, ihr nicht nachstehen, die Glorie eines Geheimnisses auf mein Haupt versammeln, auch ich!
Sinaïda selbst behandelte mich so, wie Frauen einen Lebensanfänger behandeln.
Sie übersah mich.
Ich verdoppelte meine Anstrengungen in der Verhetzung der Soldaten. Es war ein Wunder, daß man mich noch nicht angegeben und ertappt hatte. Fast aber — um Sinaïdas willen, — sehnte ich eine Katastrophe herbei, die mich vor der Welt der Ordnung zum Verbrecher erniedrigen, vor ihr aber zum Märtyrer erhöhen sollte.
Eines Tages, als ich wieder eine Seele gefangen hatte und eifrig redend neben einem Gefreiten ging, der mir gestand, schon selbst einmal eine Meuterei angezettelt zu haben, wurde ich von rückwärts angerufen: „Herr Leutnant!“
Ich zuckte automatisch zusammen.
(Dieses Zusammenzucken werde ich und keiner, der einen langen Militärdienst geleistet hat, je überwinden können.)
Ich drehte mich um — ich, der Revolteur, — und blieb in Vorschriftshaltung stehen. Der General, der mich gestellt hatte, war mein Vater! Mit böswilligem Wohlgefallen an sich selbst, hüftenwiegend, trat er näher. Einen Handschuh hatte er abgestreift und trug ihn zugleich mit einer Reitgerte, die er regelmäßig gegen den Schenkel schlug, in der Hand. Sein Auge kniff ein schwarzrandiges Monokel, dessen absichtsvoll breite Schnur ausladend herabhing.
„Ah, du bist es,“ höhnte er, „das hätte ich mir gleich denken können!“
Wo war mein Mut? O Sinaïda!
Stramm stand ich und trank die Worte eines Vorgesetzten.
„Bist du nicht oft genug darüber belehrt worden, daß Offizieren der außerdienstliche Umgang mit Mannschaftspersonen untersagt ist? Hast du nicht selbst genug Verstand, um einzusehen, wie schädlich diese falschen und ungebührlichen Vertraulichkeiten für den allerhöchsten Dienst sind?
Aber dich kenne ich schon!
Sieht man dich einmal, so geht es ohne Anstand nicht ab. Weißt du — dich möchte ich unter meinen Leuten nicht haben, Gott bewahre! — Aber stündest du unter meinem Kommando, so könnte dir der Teufel gratulieren! Ich wollte dich aufmischen, mein Lieber!“
Er sah auf die Uhr.
„Wo steckst du, was treibst du?
Jetzt ist es erst halb fünf. Bist du schon dienstfrei, gibt’s keinen Kurs, hast du das Recht, zu flanieren? Wenn ich das zweitemal auf Unregelmäßigkeiten komme — du — mit mir wage nicht zu spaßen! Hörst du? Ich verlange soldatische Haltung, soldatische Pflichterfüllung von dir! Und, was ich sonst noch zu sagen habe — — — na, merk’ dir’s! Servus!“
Er fuhr mit gebogenem Zeigefinger halb gegen die Kappe, ließ mich stehen — und, — Satan — ich salutierte betreten und stramm.
„Ihm nach, ihm nach,“ — es riß mit mir, als ich zu Bewußtsein kam, — „und in den Straßendreck mit dir! Mörder, Seelenverkäufer, Menschenschinder, ungebildeter Frechling, roher Schwachkopf!“
Ich stand wie auf einem schwankenden Segelboot. Doch plötzlich fiel mir Sinaïda ein. Kränkung und Wonne gaben einige erleichternde Tränen her. Ich hörte mich murmeln: „Es kommt der Tag!“
Allabendlich, knapp nach dem Dunkelwerden, pilgerte ich zu meinen neuen Freunden.
Traumhafte, stundenlange Gänge durch die Nacht, die ich entweder allein oder in Begleitung Herrn Seebärs zurücklegte. Ob es mehr war als Spiel und Opium, was den taubstummen Bücherrevisor in jenes mysteriöse, auch für mich niemals übersichtliche Haus zog, das habe ich nie erfahren können.
Diesmal empfing mich der Chinese erregt und unruhig. Er winkte mir geheimnisvoll, zupfte mich und öffnete eine Falltüre. Seine Blendlaterne leuchtete mir eine Seitenstiege hinab. Ich gelangte über unwegsame Stufen in einen Keller. — Ein riesiges, feuchtes Gewölbe, dessen Größe gar nicht abzumessen war! Vermutlich die alten Kellereien der Abtei auf dem Berge.
Um einen Tisch, auf dem Windlichter standen, denn es wehte hier scharf, saßen in feierlicher Ordnung die Russen. Beschitzer präsidierte. Sein Gesicht, vor innerer Bewegung, war noch wächserner als sonst, ohne Falte, ja ohne jedes vergnügte Äderchen des Lebensgenusses. Ich bemerkte die außerordentliche Schmalheit seiner Nasenwurzel, diese edle Nase mit der schärfsten Spitze, die man sich denken kann. So spitzige Nasen im guten und schlechten Sinn trifft man immer bei theologisch gerichteten Menschen an.
Ihm zur Seite saß Sinaïda, die strenger als sonst über mich hinweg sah; ihre zerbrechlichen Hände schimmerten in den schleimigen Ausstrahlungen des Raumes.
Am unteren Ende des Tisches wartete schon ein Stuhl auf mich. Chaim winkte mir. Ich setzte mich nieder.
Keiner unterbrach auch nur durch ein Zucken der Wimper das erhabene Starren. Niemals hat mich die gesammelte Gewalt so vieler mächtigen Seelen mehr erdrückt, als in dieser endlosen Minute des Schweigens, das nur durch die greisen, knorrigen Atemzüge des uns zu Häupten arbeitenden Stromes unterbrochen wurde.
Endlich setzte Beschitzer einen verbeulten Zwicker auf und entfaltete ein Schriftstück.
Er sprach zuerst einige russische Worte. Dann rief er singend und vibrierend: „Wer hätte das gedacht?“ Sein Akzent wurde fast unverständlich. „In die Arme läuft er uns!“ Nach einer Pause:
„Hört, Brüder, was das Komitee mir schreibt!“ Die Stimme des Vorlesers stockte und zitterte.
„Wir teilen Euch mit, daß der Zar am 30. Mai in W. eintreffen wird, und zwar um 7 Uhr 35 Minuten morgens in einem Sonderzug, der als langer Personenzug maskiert ist.
Die Ankunft erfolgt am Nordbahnhof, gerade in dem Augenblick, wo die beiden Gegenschnellzüge ein- und abfahren, also der größte Trubel herrscht. Für diesen Train ist das dritte Geleise, vom Ankunftsperron gerechnet, reserviert.
Der Zar reist in Zivil, ebenso wie das gesamte Gefolge, das etwa aus dreißig Herren der näheren Umgebung und aus hundert Polizeiagenten besteht, denen selbstverständlich die gleiche Anzahl schon vorausgeeilt ist.
Der Zar wird voraussichtlich einen grauen Jackettanzug mit weichem grauen Hut tragen, den Charakter eines wohlsituierten Arztes führen und einem Waggon zweiter Klasse entsteigen. Ferner ist es möglich, daß der Zar eine runde Hornbrille mit breiter Fassung tragen wird. In seiner Begleitung dürfte sich Botschafter Iswolski und Minister Sasonow befinden.
In der äußeren Ankunftshalle wird der Kaiser, der eine kleine Reisetasche selbst in der Hand hält, von einer Frau mit zwei kleineren Kindern empfangen werden, die als Familie mit lauten Worten eine innige Begrüßung zu agieren haben.
Dann begibt sich die Gruppe zu dem Autotaxameter Nr. 3720, der sich jedoch erst anrufen läßt. Neben dem verkleideten kaiserlich königlichen Chauffeur wird ein Mann in dürftigem Anzug sitzen, der Chef der dortigen Staatspolizei.
Die Familie, d. h. der Zar und die Frau mit den beiden Kindern, fahren in die Residenz von S., wo der Zar am öffentlichen Eingang des berühmten Schloßparks das Auto verläßt, welches weiterfährt. Der Kaiser, die kleine Reisetasche in der Hand, schreitet die große Taxusallee hinan und begegnet bei der zweiten Wegkreuzung um 8 Uhr 20 Minuten dem jungen Erzherzog K., der sich mit ihm ins Schloß begibt.
Es sind also zwei gute Attentatsmöglichkeiten vorhanden, von denen allerdings die letztere, weil sie weniger Menschen in Gefahr bringt, vorzuziehen wäre. Das erste Attentat müßte vor der Bahnhofshalle, und zwar am besten durch Schußwaffe aus möglichster Nähe erfolgen, das zweite vor dem Parkportal, und zwar hier am besten durch Aufschlagbombe.
Eventuelle Veränderungen in der Disposition werden durch chiffrierte Telegramme mitgeteilt werden.
Die streng geheime Reise des Zaren wird den mächtigen Zeitungsherausgebern Europas verborgen bleiben. Außer den Häuptern der dortigen Dynastie und den politischen Chefs wird niemand etwas erfahren.
Zweck der Reise ist eine Konferenz über die durch die albanische Frage verwirrte internationale Lage, die unter dem Präsidium des alten Halunken stattfinden wird.“
Eine Ewigkeit lang schwieg jeder Atemzug, während Beschitzer bedächtig, doch mit unbemeisterten Händen das Blatt zusammenfaltete. Dann hörte ich ihn leise fragen: „Wer?“
Alle Männer schnellten auf, erhoben ihre Hand und schrien: „Ich!“
Ich allein blieb sitzen.
Teilnahmslos dunkel traf mich der Blick Sinaïdas.
Sie hatte nichts anderes von mir erwartet.
Da fuhr ich empor. Der Stuhl hinter mir kippte um:
„Nicht ihr, ich, ich werde es tun.“
Raserei! Empört machten die Männer Miene, sich auf mich zu stürzen. Durcheinander schrie’s: „Wer bist du?“ „Neuling!“ „Grüner!“ „Kommisknopf!“ „Was weißt du?“ „Wen hat er dir umgebracht?“ „Bist du schon an einer Wand gestanden?“
Ich blieb fest und sagte ruhig:
„Bedenkt doch den Vorteil, wenn ihr mich wählt! Ich bin unverdächtig, ein Offizier! Überall habe ich Zutritt. Die Schloßwache präsentiert vor mir. Wenn ich mich dem Zaren nähere, halten mich die Polizeiagenten gewiß für einen Funktionär. Ich allein kann es mit höchster Möglichkeit des Gelingens vollbringen. Euch verhaften sie schon, wenn ihr nur den Kopf ins Freie steckt. Bedenkt das!“
Von neuem erhob sich der erbitterte Widerspruch der Russen.
Plötzlich wurde es still. Sinaïda hatte gesprochen:
„Er hat recht! Laßt ihn! Er soll es tun.“
Elektrischer Schlag. Sie hatte mich gewürdigt. Nun war ich Akkord und glaubte an Gott.
Der alte Beschitzer hatte das Haupt gesenkt und schien zu schlafen.
Da! Er hob die dicken gefälteten Lider, zeigte mit der Hand auf mich:
„Du!“
Die Entscheidung war gefallen. Kein Blick der Kränkung und des Neides traf mich mehr. Mit einem Male war ich über alle erhoben. Ich fühlte, wie von mir die Strahlen der Auserwählung und Todgeweihtheit ausgingen.
Ich spürte Sinaïda nahe neben mir. Sie sah mich an. Sie sprach zu mir. Ich sah — ich sah und hörte keine Worte. Sich hinwerfen! Singen! Weinen! Die Seele war mir so weit!
Im Morgengrauen begleiteten mich Sinaïda und Hippolyt Poltakow in die Stadt. Wir sprachen kein Wort. Milchwagen klingelten in die Dämmerung. Der Flieder rief schon stark von allen Seiten.
Zwei Abgeschlossenheiten wanderten wir nebeneinander, sie und ich, jedes für sich, unerreichbar dem andern, zwei eingemauerte pochende Leben, die nie ineinander werden verfließen können.
Und doch! Eine Heilige, mit ihrem Haar hat sie die Füße des Jesus getrocknet.
Der Morgen, nicht nur für diese Erde geschaffen, schwebte hinab und wieder zur Höhe. Sinaïdas Schritt klang mit seiner zarten Ungleichmäßigkeit auf der harten Straße, wie auf einer mächtig gespannten Saite.
Ganz leicht, in der fernsten Ferne meiner Selbst, hörte ich den heiligen Marsch. Ja, den Marsch des mystischen Militärs, das alla marcia der Neunten Symphonie, ich hörte es nahen.
Ach, noch in der Unendlichkeit der unsichtbaren Sternbilder fielen die Paukenschläge und wiegten sich die schwebenden Schritte der Zahllosen. Aber näher wälzt sich schon das Meer der leichtfüßig Geharnischten. Ein Schuß, eine Explosion! Das Leben kommt mit dem Schrei eines erwachenden Ohnmächtigen zu sich und begräbt in den Tiefen seines erlösten Stroms die Trümmer der Individuen. Dann werde ich eins sein mit ihr, eins auch mit dem Feind, dem Vater!
Die nächsten Tage verbrachte ich in der angestrengtesten Weise mit den Vorbereitungen zum Attentat. Ich hatte das Parkportal in S. gewählt.
Ich nahm an, daß die große Taxusallee am Morgen des 30. Mai für das Publikum gesperrt sein würde, während der Platz vor dem Eingang dem Verkehr offenbleiben dürfte, um jedes Aufsehen zu vermeiden. Zur Vorsicht wollte ich aber in dem großen Hotel, das dem kaiserlichen Sitz gegenüberlag, übernachten, um zu jeder Zeit, als gehörte ich zu den Aufsichtsorganen, auf den Platz hinaustreten zu können.
Sollten die Gäste des Hotels unter Kontrolle stehen, so würde der bekannte Name, den ich trug, gewiß kein Mißtrauen erregen.
Mein Plan war bis in die letzte Möglichkeit einer Überraschung ausgearbeitet. Zur Vollstreckung des Todesurteils hatte ich eine Wurfbombe mit höchst brisanter Ladung gewählt.
Fünf Tage nur trennten mich von dem großen Datum. Die ersten zwei brachten Ereignisse von Wichtigkeit für mich. Sinaïda hatte plötzlich meine Hand ergriffen. Eh’ ich aber noch ein Wort sagen konnte, war sie mit einem gequälten Gesicht davongegangen und ließ sich an diesem Abend nicht mehr blicken.
Zum Zweiten hatte mich um die nächste Mittagsstunde ein Mann in etwas arrangierter Vernachlässigung angesprochen und sich nach seinem Freunde Beschitzer erkundigt, mit dem er gemeinsam in London, wie er vorgab, das „Comité de l’action directe“ geleitet hatte.
Er sei ein alter „Kamerad“, versicherte er, einer der Ältesten überhaupt, hätte zuletzt in der Omladina gewirkt und würde mir sehr dankbar sein, wenn ich eine Zusammenkunft zwischen ihm und dem alten Chaim vermitteln wollte, dessen Aufenthaltsort er nicht wüßte.
Ich fuhr den Mann an, wie er es wagen könne, einen Offizier zu belästigen, und ließ ihn stehen. Sollte man mir auf der Fährte sein? War das einer der vorausgesandten russischen Spitzel? Ein Fremder wußte von mir. Unter den tausend Leutnants auf den Straßen hatte er mich herausgefunden. Ich war gewarnt und unterließ es an diesem Abend, das Haus der Verschwörer aufzusuchen. Unruhe verlieh mir eine übermäßige Wachheit. Ich musterte alle Vorübergehenden scharf — und es war mir, als wären hundert Verfolger unter ihnen.
Das dritte denkwürdige Ereignis war ein Brief der Generalin, meiner Stiefmutter. Hier ist er:
„Mon cher! Warum beleidigen und agacieren Sie Ihren Vater durch andauernde Nichtachtung und Nichtbeachtung? Damit handeln Sie vor Gott und den Menschen nicht recht.
Ihr Vater ist Ihr Wohltäter!
Vergessen Sie das nicht! Er selbst hat es mir in einer Stunde erbitterter Kränkung über Sie versichert.
Sie sind ihm Dank schuldig. Er hat Ihnen das Leben gegeben. Er hat Ihnen eine standesgemäße Erziehung zuteil werden lassen, seine Aufmerksamkeit nie von Ihnen abgezogen, und Sie gefördert, wo es nur anging.
Und wie haben Sie es ihm vergolten? Durch Kälte, Indolenz und durch eindeutiges Fernbleiben!
Sollten Sie allein es sein, der nicht weiß, daß Feldmarschalleutnant Duschek nicht nur einer der ausgezeichnetsten Führer unserer Armee, sondern auch der beste Mensch ist, der überhaupt lebt?
Und dann! Ihr Vater ist krank, sehr schwer krank, und Gott allein weiß, ob er uns lange noch erhalten bleibt.
Hüten Sie sich vor der Reue, die einst dem ungetreuen Sohn schwer auf der Seele lasten müßte. Noch ist es Zeit, vieles gut zu machen, durch einen herzhaften, gütigen Schritt Mißverständnisse aus dem Weg zu räumen. Noch ist Zeit! Das ist es, was ich Ihnen in mütterlicher Freundschaft sagen wollte.
Ihre Natalie.“
Ich warf den Brief wütend in einen Winkel. Wohltäter? Über diese ungeheure Frechheit hätte man sich totlachen können! Aber — er ist krank, — und ich wußte es nicht.
Welche Leiden muß er wohl in den Nächten erdulden? Vielleicht hilft ihm Brom und Morphium nichts mehr.
Und dann! Er, der Unnahbare, Souveräne, der Drübersteher, er leidet unter meiner Kälte und Vernachlässigung? Also muß er ja nach meiner Wärme und Teilnahme Verlangen tragen!
Wie ist das? Er besitzt in mir seinen Sohn. Aber wünscht er sich nicht einen Sohn, der seine Interessen teilt, der ihm gefällt, elegant und erfolgreich ist, ein Offizier von Chic und Schneid, der mit ihm über das Mai- und Novemberavancement plaudert? Dieser Sohn bin ich nicht. All das, was ihn angeht, was seine Sphäre ist, hasse ich!
Aber er, er allein ist schuld an meiner Feindschaft. Hat er mich nicht nach seinem Bild gedrillt, mich in seine Fußstapfen gezwungen, kalt, herrisch, unverständig meine Jugend in ein Zuchthaus verdammt?
Rache dafür!
Halt! Welch ein Gedanke? Er, der kranke Mann, leidet unter meiner Kälte? Ist es möglich? War seine abweisende Haltung gegen mich von jeher nur die Folge meiner abweisenden Haltung gegen ihn?
Unmöglich! Und doch! Ein Kind kann ja tief beleidigen! Oder — stehen wir beide vor einem unbegreiflichen Gesetz, uns in der Ferne suchen und in der Nähe hassen zu müssen.
Ich verjagte diesen für mich gefährlichen Gedanken. Denn ich fühlte, wenn die geringste Regung für meinen Vater (den alten, kranken Menschen) mich erfaßte, — ich könnte meine Tat im Stiche lassen, — und — selbst — Sinaïda!
Am Morgen des 27. Mai ging ich mit meinen Freunden in die Auen des großen Stroms hinaus. Die neuen Bomben sollten ausprobiert werden.
Es war eine wundersame Wildnis, wo wir Halt machten. Wildgänse, Reiher, Störche zogen über uns dahin. Libellen und Milliarden Insekten zitterten über den Urverschlingungen dieses Dschungels, der nur ein wenig seitab von der Weltstadt lag.
Die Explosion verwundete einen großen fasanenartigen Vogel, der aus den Ästen einer Esche ins Gras fiel und tiefsinnig regungslos mit den offenen Augen der Erkenntnis liegen blieb.
Schweiß der Scham und des Verbrechens brach mir aus allen Poren. Wie habe ich gestern noch mich als Erlöser gefühlt?!
Nun hatte ich ein Fleckchen dieses Sterns mit Blut gefärbt. Von diesem Augenblick an erfaßte mich das Bewußtsein meines Vorhabens mit ganzer Wucht. Ich ertrug weder zu sitzen, noch zu stehen. Meine Glieder zitterten. Mich peinigte ein unlöschbarer Durst. Ich trank ein Glas Wasser nach dem anderen. Ich floh zu den Träumen des Opiums. Als ich ermattet das achteckige Turmgewölbe verlassen wollte, stand ich plötzlich vor Sinaïda. Auf ihrem bleichen Gesicht fand ich neue Schatten. Sie trug einen großen Bernsteinschmuck, der dumpfe Strahlen warf.
Schreck und süßes Herzklopfen nahmen mir den Atem:
„Auch Sie?“
„Auch ich, seitdem mich die Furien verfolgen.“ Sie verschränkte die Finger ineinander, als wollte sie sie zerbrechen.
Ich faßte Mut:
„Warum haben Sie vor zwei Tagen meine Hand genommen und sind dann fortgelaufen, Sinaïda?“
„Ich habe Mitleid mit Ihnen gehabt. Sie sind ein Kind, ein kleines Kind!“ „Wieso denn Mitleid?“
„Sie haben mehr auf sich genommen, als Sie wissen!“
„Attentat?“
Sinaïda sah mich langsam an:
„Wie unsachlich sind doch die Männer, die Sachlichen, die Objektiven? Noch kein Mann hat etwas Gutes und Schlechtes, etwas Großes oder Niedriges aus einem anderen Grunde getan, als sich selbst zu erhöhen. Was sind denn all eure Entschlüsse und Taten wert? Ich habe noch keinen Mann gesehen, der wirklich gelitten hätte! — Ihr könnt an nichts anderem leiden, als an der Erniedrigung eurer Persönlichkeit. Und darum mißhandelt ihr die Welt so!“
„Gibt es denn ein anderes Leiden?“
„O, es gibt nur ein Leiden. Dieses Wort müssen Sie aber sehr weit verstehen! Das Leiden der Mütter!“
„Kennen Sie dieses Leiden, Sinaïda?“
„Ich kenne dieses Leiden.“
„So sind — so — so waren Sie selbst Mutter?“
Sinaïda fuhr langsam mit der Hand über ihr Haar. Dann sagte sie sehr einfach: „Nein!“
Als ich schwieg, sah sie mich mit in der Ferne beschäftigten Blicken an.
„Nein, ich war niemals Mutter — und — und — ich werde es jetzt auch niemals mehr werden.“
„O Sinaïda!“ Ich hätte auf die Knie fallen mögen. Diese Heilige! Ich sagte:
„Alles, alles wird Ihnen in Erfüllung gehen!“
Sie zog ihre Hand zurück, die ich nehmen wollte:
„Nein! Niemals mehr! Ich bin im Vorjahre schwer krank gewesen! Seither ist diese Hoffnung vorbei. Im übrigen die gerechte Strafe.“
„Strafe?“
Sie schloß die Augen.
„Ja und sehr gerecht.“
Plötzlich sagte sie mit leichterer Stimme:
„In zwei Tagen werden Sie einen Revolver abdrücken! Aber ich warne Sie! Klopft es in Ihrem Zimmer des Nachts, als wären die Wände hohl? Sind Sie in der Dämmerung auf der Hausstiege einem alten Herrn begegnet, der ein trauriges Gesicht macht und dessen Schritte lautlos sind? Meist trägt er einen unmodischen Zylinder. Seine silberne Uhrkette funkelt.“
„Was fragen Sie da?“
„Kennen Sie die Oper Freischütz?“
Freischütz! Ich hörte dieses Wort. Immer wieder begegnet es mir. Ich sah den Vater vor mir, nicht weißhaarig, nein, mit jenem vergangenen gelben Gesicht.
„Ah! Gewiß kennen Sie diese Oper! Da zielt einer — ich weiß nicht mehr worauf — aber, er trifft seine Geliebte. Zum Schluß wird alles gut, weil sich der Himmel einmischt. Aber dennoch, die Freikugel wird von den Mächten gelenkt, höhnisch gelenkt von den Mächten, die in unseren Wänden klopfen, die uns auf den Treppen begegnen....“
„Haben Sie Furcht, ich könnte mit der Bombe mein Ziel verfehlen!“
„O, schweigen Sie!“ flüsterte Sinaïda und preßte den Finger an den Mund. Ihr Blick strahlte irrsinnig: „Auch ich habe geschossen!“
„Sie — Sie?“
Sinaïda schwieg lange:
„Auch ich glaubte die Menschen zu lieben — nein, nicht lieben, sie rächen zu müssen. Ich suchte das eitle Erlöserleiden! Es war damals in Tula. Mich, die neunzehnjährige Studentin, traf das Los der Vollstreckung. Ich sage Ihnen, jener Tag war der schönste Frühlingstag, den man sich nur denken kann. Ich stand zitternd an meiner Straßenecke und die laue Sonne blendete mich. In der Tasche hielt meine Hand den Revolver umspannt.
Die Uniform des Großfürsten blitzte aus dem Wagen. Neben ihm saß sein sechsjähriges Töchterchen, — dieses süße, schöne Geschöpf. O — o — dieses kleine, liebe Mädchen. Ich tötete nicht den Großfürsten, ich — tötete — das Kind!“
„Sinaïda!“
„Schweigen Sie doch! Ich habe für immer mein Kind getötet! Gott! Ich hoffe nur eins, daß ich selbst bald zugrunde gehe. Am besten heute noch — heute noch!“
„Sinaïda,“ schrie ich auf, „ich liebe Sie für all’ das, Sie Schöne, Sie Heldin, noch tausendmal mehr!“
Sie trat zwei Schritte zurück. Das erstemal zeigte sich ihr Gebrechen stark.
„Was wollen Sie? — Gehen Sie doch!“ rief sie.
Der Abend war gekommen. Wir hatten uns im Keller versammelt. Der Fluß gröhlte. Die Windlichter umzirkten nur einen kleinen Kreis von Helligkeit. Rund um uns dehnte sich das riesige Gewölbe wie ein unabmeßbares Felsengrab, das Schwamm- und feuchten Moderduft mit unterirdischen Atemstößen aushauchte. Heute sollten wir das letztemal zusammenkommen, denn daß ich als Anarchist angeredet worden war und noch andere Anzeichen ließen ahnen, daß man uns auf der Spur war.
Die peinlichsten Vorsichtsmaßregeln wurden beobachtet; wir alle waren auf hundert Umwegen, um unsere Verfolger irrezuführen, hier zusammengekommen.
Ich saß zwischen Chaim und Sinaïda.
Jeder murmelte leise mit seinem Nachbarn.
Ich hielt die Hand Sinaïdas; sie entzog sie mir nicht: „Alles, was Sie mir heute erzählt haben, zeigt mir, wie viel tiefer im Leben Sie sind, welch’ einen Vorsprung Sie vor mir voraus haben. Was war ich denn? Ein kleiner, gekränkter, rachsüchtiger Feigling. Aber jetzt? Jetzt ist mir, als könnte ich tausend Meter hoch springen, fliegen und durch Mauern dringen, wie ein Engel. Ich will leiden, jedes Leiden auf mich nehmen, nur um Ihnen zu gleichen!
Sie wissen nichts von mir. Sie wollen gewiß auch nichts von mir wissen. Jetzt aber nehme ich Abschied von Ihnen für ewig. Denn ob es mir gelingt oder mißlingt, ich habe mein Leben fortgeworfen und werde es höchstwahrscheinlich in kurzer Zeit lassen müssen. Aber daß es so ist, erfüllt meine Seele mit Glück. Denn wer bin ich, um Ihnen nahe kommen zu dürfen?“
Sie zog fein ihre Hand zurück und sagte: „Es ist gut, daß wir voneinander Abschied nehmen müssen. Mir fehlt ja alles, das Wichtigste. Wem kann ich noch etwas sein?“
Ich hörte einen Klang in ihrer Stimme, der sich mir entgegenneigte. Und dennoch, alles war so hoffnungslos.
Plötzlich krampfte sich ihre Hand zur Faust.
Sie flüsterte wie geistesabwesend:
„Tun Sie es nicht! Überlassen Sie es Hippolyt, überlassen Sie es Jegor!“...
Dann, als wüßte sie nicht, was sie eben gesagt hatte, gleichmütig:
„Ja! Wir werden uns wohl nicht wiedersehen, wir alle nicht. In vier Tagen werden Sie vor dem Untersuchungsrichter stehen — und wir — nun, wir auch, wenn wir nicht sogleich ausgeliefert werden. Doch — es ist gut so! Endlich!“
Eine Hand legte sich auf die meine.
Beschitzer wandte sich mir zu. Seine schweren Tränensäcke, die roten Lidränder gaben ihm ein trauriges und müdes Aussehen:
„In keinem Augenblick der Prüfung, Bruder, vergiß die Sinnlosigkeit des Lebens! Bedenke, daß all unser Treiben, Essen, Trinken, Reden, Schlafen, Spielen der wahre Tod ist, und daß wir unser Leben erst vom Tode erwecken, indem wir ihn zu einem gewollten Ziel erheben und dadurch zum Leben aller Leben machen, reicher an Entzückungen, Freuden, Ekstasen und glückseligen Schmerzen, als nur eine ahnt.
Ich bin alt genug, um zu wissen, daß aller ideologische Hochmut und alle Erlösermühe vergeblich sind. Aber was ist der Sinn dieses sinnlosen Menschenlebens? Ich sehe nur einen Sinn: Niederen Wahn mit höherem Wahn zu vertauschen! Du fragst mit Recht: Was heißt denn das: Höherer Wahn? Was ist der Gradmesser allen Wahns? Nun, lieber Bruder Duschek, ich gebe dir zur Antwort: Der Wert eines Wahns nimmt mit abnehmender Dichtigkeit seiner egoistischen Tendenz zu! Das ist doch klar. Im übrigen! Höchster Zweifel bei höchster Illusionskraft ist die Lebenskunst des wahren Genies. Wahnfähigkeit zeigt ein großes Herz, Zweifelfähigkeit einen starken Kopf. Eins ohne das andere ist ekelhaft — ekelhaft sind mir die Illusionisten, was, ich sag’s grad heraus, die romantischen Goim, fast noch ekelhafter aber sind mir die jüdischen Entwerter!“
„Ist, was wir vorhaben, was wir tun, nicht Romantik?“
„Es ist, — hol’s der Teufel, — es ist trotz allem Hoffnung!“
Noch andere Lehren gab mir der Alte.
„Angst ist immer ein Irrtum! Wiederhole dir diesen Satz mit ruhiger, innerer Stimme immer wieder angesichts der Tat und vor Gericht.
Dieser Satz ist eine Arznei. Er lehrt dich das Leben richtig einschätzen. Was kann dir denn geschehen? Bedenke, daß unsere Natur so gnädig ist, nur soviel Schmerz bewußt werden zu lassen, als sie ertragen kann. — Und das ist gar nicht so viel. Dreiviertel unserer Schmerzen sind Einbildung, daß etwas wehe tut, pure Konzentrationen der Aufmerksamkeit auf eine recht geringe Schmerztatsache.
Das Ticken einer Taschenuhr in der Stille der Nacht oder gar im Traum gleicht den mächtigen Axtschlägen der Holzhacker.
Nicht anders ist es mit unseren Schmerzen, die des Menschen angsterfüllte Aufmerksamkeit übertreibt.“
Noch an einen Ausspruch Beschitzers erinnere ich mich:
„Jeder anständige Mensch glaubt an zweierlei: an die Unsterblichkeit des Lebens und an die Geringfügigkeit alles Individuellen. Wie kann also der Tod furchtbar sein, da ja das Leben unsterblich und der Bestand des gerade So und So geborenen Ich weiter nicht wünschenswert ist?
Und dienen wir der Unsterblichkeit des Lebens, die wir mit unserer Form zu verlieren zittern, nicht am besten, indem wir den passiven Tod ausschalten, uns dem unsterblichen Lebensstrom der Liebe anpassen und einem Menschen oder einer Wahrheit zu Liebe den Tod willkürlich erleiden?
Heroismus ist nichts als höhere Intelligenz.“
Eine Stunde war vergangen. Der Alte erhob sich und gebot Schweigen:
„Die Zeit ist da! Wir müssen Abschied voneinander nehmen und uns in der Stadt und in den Dörfern so gut verbergen, als nur möglich. Ob wir ergriffen werden oder freibleiben, keiner darf vom andern das Geringste wissen. Ihr vermeidet es, euch zu begegnen! Einzig und allein ich bin es, den Ihr an dem bekannten Ort und zur bekannten Stunde aufsuchen dürft. Und nun, genug!“
Schweigend traten wir zueinander, schweigend umarmten wir uns. Ich wußte: Keinen werde ich je wiedersehen.
Sinaïda! Über ihr strenges Gesicht lief keine Träne. Sie stand ganz still. Ihre Augen warteten und zogen, einmal, ganz kurz, zuckte ihr Mund. Sie machte ein Schrittchen nach vor — langsam — das erste- und letztemal im Leben neigte ich meinen Mund diesem wahnsinnig zärtlichen Duft entgegen und küßte sie.
Wilder Ruf gellte, grell brach ein Lichtquadrat durch die aufgeklappte Falltüre. Der Schiefäugige schwankte mit seiner Diebslaterne hinab. Keuchend:
„Damn it! Soldiers! Policemen! Fifty, hundred, fivehundred! Run away! Flee! I am lost! Every door is guarded!“
Viele Menschen drängten sich durch die Falltüre, traten aufeinander, fielen die Stiege hinab, kämpften um den Eingang oder kugelten sich auf dem Boden unseres Kellers. Sie glichen im scharfen Licht der Blendlaterne strapazierten Puppen eines Jahrmarkttheaters.
Der Neger in weißem Flanellanzug gebärdete sich wahnsinnig, der Matrose kroch am Boden, der Syphilitiker grüßte gleichmütig und klapperte mit den Goldstücken in seiner Hosentasche. Der Meßner und einige Gespenster jammerten laut.
Verdächtige Paare in unordentlicher Kleidung schlichen verstört umher und hatten noch nicht die Besinnung gefunden, die ausgelöschten Kerzenleuchter, die sie in der Hand trugen, wegzustellen.
Die Männer nestelten nervös an geheimen Knöpfen ihres Anzuges, die Weiber kreischten roh und schleiften, schlampig breiten Schrittes, die Schnürriemen ihrer hohen Stiefel nach.
Breitspurig, hohnlachend stand der riesige Kerl in Uniform da und kratzte sich ungerührt den Hintern.
Es war ein sinnlos tolles Wirbeln, gedämpftes Jammern und Pst-Rufen!
Eine Stimme: „Die Türe zu!“
Eine andere: „Noch nicht! Es sind noch nicht alle da!“
„Wer fehlt noch?“
„Die Opiumraucher!“
Durch die Falltüre floß das übernatürliche Mondlicht; in dem kraftlosen Strahl tanzten die Stäubchen abgewandter Welten.
Und jetzt geschah etwas Seltsames.
Langsam und mondsüchtig, jeder mit einer kleinen Kerze in der Hand, Abstand haltend im Gänsemarsch, stiegen die Opiumraucher die steile Treppe hinab, allen voran Herr Seebär. Von seinem Zylinder hatte sich der Trauerflor losgelöst und wehte hinter ihm her wie eine Fahne für die anderen.
Jetzt erst, in diesem Verwesungslicht bemerkte ich, daß die meisten dieser alten Männer Backenbärte trugen, dünn und zerflattert. Die werden, fiel mir ein, an der Totenmaske hängen bleiben.
Endlich waren alle unten.
Keiner mukste. Wie eine Gesellschaft von durch ein Erdbeben aus dem Spital gescheuchten Sterbenden bewegte sich alles im Schein der Windlichter durcheinander.
„Auslöschen,“ schrie einer plötzlich. Ich fand Sinaïda und ließ sie nicht von meiner Seite.
Jetzt brannte nur mehr ein einziges gut abgeblendetes Licht.
Es geschah, daß sich alle um mich scharten und mich gleichsam durch stumme Abstimmung zum Führer wählten.
Ja — und das war ich auch!
Niemals vor Soldaten, an der Spitze meines Zuges, selbst wenn ich hinter der Regimentsmusik her durch das Städtchen marschierte, hatte ich mich als Führer gefühlt.
Hier aber war ich Führer.
Entschlossenheit klopfte gleichmäßig in mir. Ich schnallte mir den Säbel um, ordnete bedachtsam die Rückenfalten meines Waffenrocks, zog die Handschuhe an und ließ meinen Blick über die aufgestörten Schatten schweifen, die mich anrührten wie einen Helfer, einen Retter.
Meine Freunde, die Russen, standen wortlos um das einzige Licht, das kaum einen Strahl hergab. Sie verschmähten es, sich in den Winkeln der riesigen Kellereien zu verstecken.
Sinaïda war in dem Augenblick von meiner Seite getreten, als ich mir, gewiß mit einer allzu ausgreifenden Bewegung, den Säbel umgeschnallt hatte.
Nun stand sie stumm trotzig und unbestimmt da, während ihr allein das Licht eine schwache weiße Hand auf die Stirne legte.
Ich erschrak, denn ich sah in der großen Finsternis nichts anderes, als diese weiße Hand auf der Stirne der Sinaïda.
Die würdelosen Spieler drängten sich um mich, jammerten, fluchten, prahlten, ebenso die halbbekleideten Dirnen und ihre Gäste.
Mit offenem, zahnlosen Mund, verschwundenen Augen und flatternden Härchen gingen die alten Opiumschläfer einzeln hintereinander immer im Kreis. Ihre schwarzen Röcke, einstmals straff für die weltbeherrschenden Hüften unerbittlicher Bankdirektoren, Theateragenten und Präsidialchefs geschnitten, schlotterten wie zerzauste Rabenflügel um ihre verkrachten Gestalten.
Wie vor einer Front schritt ich auf und ab, ließ meinen Säbel schleppen und sah mir auf die Füße. In diesem Augenblick hatte ich den Zaren, das Attentat, alles vergessen.
Ein wüstes Machtgefühl in mir! Hier! Dies waren meine Leute! Das war meine Armee, meine Truppen, die zu mir gehörten: Diese Spieler, Lumpen, Schnapphähne, Zuhälter, Huren, Hurenbolde, Opiumraucher — und auch jene Hohen, Unerschrockenen, die ihr Leben schon hundertmal hingeworfen hatten, die niemals ihrem Leib ein anderes Recht gaben als das, für den Gedanken zu dulden! Und sie, auch sie!
Ja, alle hier waren meine Soldaten! In diesem unterirdischen Reiche, in diesem wahren Hades war ich ihr Feldherr, und ich hielt es nicht mit Achill, der lieber Tagelöhner eines Bauern im Licht sein wollte, als die ganze Schar der abgeschiedenen Schatten beherrschen! Mein Säbel schrillte über die Steinfliesen des Kellers. Keiner wagte es, mir den verräterischen Lärm zu untersagen.
Mit ihnen allen wollte ich meinen Krieg führen, es komme, wer da will! Niemand soll sich beklagen, daß ich ein schlechter Offizier sei, auch er nicht, auch er nicht!
Die Stimme Beschitzers wurde laut:
„Ruhe, ihr Leute, Ruhe!“
Die weiße Hand von der Stirne Sinaïdas war verschwunden. Nun lag eine schwarze auf ihr.
Und jetzt hatte jemand das letzte Licht ausgelöscht.
Finsternis! Kein Atemzug. Nur der Chinese wimmerte vor sich hin:
„Soldiers, Soldiers!“
Plötzlich donnerten wuchtige Stiefel über die Falltüre. Noch waren wir nicht entdeckt. Die Schritte verschwanden — kehrten wieder — verschwanden.
Jetzt mußte sich unser Schicksal entscheiden.
Fast hatte ich Angst, man könnte die Falltüre nicht finden. Ich dürstete nach einem Kampf. Wenn alles still zu unseren Häupten würde, o, ich könnte es nicht ertragen!
Das Kellergewölbe war groß, führte unberechenbar weit unterm Fluß fort. Zu fliehen, sich zu verbergen, einen Ausgang zu suchen, wäre nicht schwer gewesen.
Keiner aber rührte sich.
Die Herde — ich fühlte es — wartete auf meinen Befehl. (Nur die Russen schienen in der Finsternis abseits zu stehen. Wo war Sinaïda?)
Ich befahl nichts!
Wenn sie doch nur kämen! Wenn sie doch nur kämen! Ein toller Gedanke packte mich. Er wird an ihrer Spitze stehen, der General, der Vater! Ist er denn nicht Korpskommandant der Residenzstadt? Ja, das ist er! Also stellt er zugleich die oberste Instanz aller Garnisoninspektionsoffiziere vor. Es ist klar. Überdies ist er krank und kann nicht schlafen. Kein Mittel hilft ihm mehr. Was bleibt ihm denn anderes übrig, dem Dienstfanatiker, als in der Nacht, gepeinigt von Schlaflosigkeit, aufzustehen, sich an die Spitze der Streifung zu stellen und die Anarchisten auszuheben, denn, ich weiß es, er ahnt, er ahnt....
Nie mehr wird die Gelegenheit, unseren Kampf auszutragen, so günstig sein, als heute.
Er muß kommen, er muß, ich fürchte mich nicht, keineswegs, er muß kommen, höchstpersönlich als General, der er ist!
Verflucht! Herzklopfen!
Da! Jetzt stampfte vorsichtig und prüfend ein Fuß auf der Falltüre. — Ein zweitesmal! — Zum drittenmal! — Eiskörner rieselten mir langsam den Rücken hinab. So! Es war geschehen! Die Türe knarrte, wurde aufgehoben und starkes Licht warf sich über unsere Finsternis.
Sogleich stellten sich Chaim und die Freunde mir zur Seite. Ich fühlte Sinaïda.
Es waren etwa zehn Polizisten und ein Zug Infanterie, die Bereitschaft einer Kaserne, welche eindrangen und uns im Kreis umstellten. Das Militär stand Gewehr bei Fuß, die Polizei mit offenen Revolvertaschen.
Erst viel später stiegen schwatzend, Zigaretten rauchend, Offiziere die Treppe hinab. Ihnen folgten einige Gendarme mit Laternen und elektrischen Taschenlampen. Ein Major und zwei Hauptleute, — die uns ohne viel Erstaunen betrachteten und noch immer die Zigaretten nicht fortwarfen. Unwillkürlich waren alle Eingeschlossenen hölzern und gleichgültig zu Automaten geworden. Nur der riesige Uniformierte, der erst noch so frech sich gespreizt hatte, nun lag er, wie fortgeworfen, unterm Tisch. Die Greise hatten ihren mysteriösen Rundgang unterbrochen, sie blinzelten und verstanden vom Ganzen nichts.
Ich selbst hatte im Kopf das unangenehme Gefühl, als müßte mir jeden Augenblick ein Stein gegen den Schädel sausen.
Endlich unterbrach der Major das Gespräch mit seinen Begleitern, trat in den Kreis, den die Bewaffneten bildeten und schrie:
„Sie alle sind verhaftet. Es hat sich keiner zu bewegen. Ich werde jeden einzeln herausrufen! Er hat seine Personalien dort dem Feldwebel zu diktieren. Also vortreten! Verstanden? Keiner mukst!“
Da ließ ich meinen Säbel gelassen über die Steine scharren und trat gleichgültig dem buschbärtigen alten Offizier entgegen.
„Herr Major haben hier niemanden zu verhaften!“
Als ich das so nachlässig näselte, wunderte ich mich sogleich, daß ich es nicht fertig gebracht hatte, die dritte Person des militärischen Respekts zu vermeiden.
Der Major jappte blutrot:
„Wer sind Sie?“
„Leutnant Duschek! Und diese Leute hier stehen unter meinem Schutz!“
„Schutz — Schutz — so was — Schutz — Frechheit“, brüllend, „Sie haben selber Schutz nötig! Sie — Sie — Sie — Sie — Wie heißen Sie?“ Er stülpte seine Ohrmuschel vor.
Ich schrie nun meinerseits, die militärische Vorstellungssitte aufs gröblichste verletzend:
„Duschek, ist mein Name, wenn Sie’s wissen wollen!“
„Psia krew! Was tun Sie hier — Sie — was haben Sie hier zu suchen — Sie — zu reden — Sie?“
Ich brachte langsam mein Gesicht ganz nahe an das seine, sah ihm in die aufgerissenen Augen:
„Das geht Sie gar nichts an!“
Der Major trat glucksend hinter sich. Jetzt hingen ihm die Augäpfel aus den Höhlen:
„Wa — Wa — Was? Rebellion! Auflehnung! Insubordination! Dienstreglement Seite — Seite —! Zugsführer Vojtech, Grillmann, Kunz, Schtjepan, den Leutnant abführen, den Herrn Leutnant führen Sie ab! Oben warten! Sofort!“
Die aufgerufenen Soldaten wollten sich mir nähern.
„Niemand wagt mich anzurühren!“ Ich sagte das ruhig und ohne viel Stimme.
Die vier blieben stehen.
Major stöhnte:
„Ich degradier — ich degradier! Dienstbuch! Abführen, ihr Hunde! Abführen!“
Die beiden Hauptleute machten einige unwillige Schritte mir entgegen.
Da krachte ein Schuß, peitschte dicht über den Kopf des Majors und fuhr irgendwo in die Mauer. Hippolyt stand mit erhobenem Revolver da.
Sogleich riß einer der Hauptleute seine große Dienstpistole aus der Tasche.
Die Kugel pfiff nur ganz kurz. Wankte Sinaïda? Ich sah sie. Von ihrer Stirne war die schwarze und die weiße Hand verschwunden. Mehr sah ich nicht.
Fort mit dem Säbel! Ich warf mich auf den Major. O, wie das wohltat, diesen Hals zu würgen! Wo war Sinaïda? Konnte sie mich sehen? Merkwürdig!
Dieser dicke Major wurde immer dünner, geringer, der Hals immer wesenloser, wesenloser — was soll das? — der ganze Kerl ist ja ein grobes Taschentuch, das ich hin- und herschwenke...
In diesem Augenblick traf mich der Kolben und ich verlor die Besinnung.
Ich erwachte nach einem tieferquickenden, fast möchte ich sagen, gesunden Schlaf auf der Inquisiten-Abteilung des alten Garnisonsspitals.
Hinter den vergitterten Fenstern unerhörtes Blau eines Sommermorgens! Ganz leicht nur schmerzte mich der Kopf. Die Beule, die ich mit der Hand abtastete, schien gar nicht allzu wesentlich. Nirgends Blut!
Mein erster Gedanke war:
„Der wievielte Mai ist heute?“
Ich strengte mein Gehirn an zu ergründen, wann das alles sich begeben hatte, was hinter mir lag. War der Zar schon abgereist? Regierte er überhaupt noch?
Und Sinaïda? Ist etwas geschehen? Angst wollte nicht glauben, daß etwas geschehen sei.
Mit ganz leichten doch unsicheren Gliedern kleidete ich mich an. Den Säbel hatten sie mir weggenommen, oder hatte ich ihn selbst fortgeworfen — wann — damals — gestern?
Nun stand ich auf meinen Füßen.
Übermäßig durchströmte mich Beseligung. Ich trat ans Fenster, zu diesem armen vergitterten Loch, das man in die dicke Mauer gebohrt hatte.
Dennoch überwältigt: „Blauer Himmel! Blauer Himmel!“
O, ich begriff ihn, Christus, den so unbegreiflichen, ich begriff ihn. Du selig schlauer Genießer du! Für die Menschheit sterben! Das glaube ich! —
Plötzlich sah ich eine Konditorei vor mir. Der Ladentisch biegt sich unter der Last von Schaumrollen. Die Generalin in dem neuen schönen Kostüm meiner Mutter schwelgt im Genusse der Näschereien. Ihre gefärbten Haare sind hochauf onduliert. Sie zeigt eine verschrumpfte Zungenspitze, an der ein Tropfen Schlagsahne hängt. „Christus — Christus, exzellent, exzellent,“ lispelt die Generalin und bekreuzigt sich.
Ich rieb mir die Augen. Wie wild du doch spielst, Phantasie! Und dieses Gefühl von Größe und Aufopferung in meinem Herzen!
Was war nur mit Sinaïda gestern? Wie sieht sie denn aus? Ich konnte und konnte mich nicht besinnen!
Jetzt sah ich mich in der Stube um.
Fünf Eisenbetten standen an den Wänden. Über jedem Bett hing eine schwarze Kopftafel. Was war das? So viele Tafeln ohne chemische Formeln?
Und dann, diese Betten! Das war ja wie im Institut, da standen zehn Eisenbetten in jedem Zimmer. Zehn eiserne Schlafkerker, — aber sie waren viel, viel kleiner, — natürlich, wir sind ja damals noch Knirpse gewesen.
Pfui Teufel! Wie kann man denn nur Kinder, die doch so sehr gesunden Schlaf brauchen, des Nachts in solche Kotter sperren?!
„Das muß anders werden,“ schrie ich wütend. Da erwachte einer und wälzte sich auf seinem Bett. Es war mein einziger Nachbar hier in diesem Zimmer. Ich war ja immerhin noch Offizier und durfte deshalb in einem schwachbelegten Extrazimmer liegen.
Der Mann seufzte, versuchte von neuem einzuschlafen, stöhnte qualvoller, setzte sich endlich auf, jammerte vor sich hin:
„Nicht einmal Ehrenrat, nicht einmal....“
Ich trat an sein Bett.
Was war nur mit meinem Kopf?
„Nachbar,“ erklärte ich, „wir müssen niedrige Illusionen gegen höhere Illusionen eintauschen, aber ohne Illusionen geht es einmal nicht ab.“
Er wurde wütend und spuckte aus. Dennoch erzählte er mir später seine Geschichte.
Als Hauptmannrechnungsführer, der er war, hatte er Geschäfte mit ärarischem Gut gemacht.
„Wer tut das nicht? Aber den Schuften kommt man nicht darauf. Immer saust nur der anständige Mensch herein. Niederträchtig ist das Urteil. Zwei Jahre Garnison!
Und was dann? Was soll ich mit der Familie tun? Fünf unmündige Köpfe! Denn die Frau ist strohdumm und hochnäsig, eine richtige Generalstochter! Ah, die Gute, die Gute! Sie wird mich nicht mehr achten können. Und ich? Nicht einmal als Offizial werde ich mehr unterkommen. Mein Gott, mein Gott!“
Ich setzte mich zu ihm, streichelte seine Hand.
„Sie werden leben! Das ist herrlich. Ich aber werde sterben. Das ist herrlicher. Ich möchte nur wissen, ob das Gesetz den Galgen vorschreibt, oder ob einfach ein Detachement kommandiert wird: Ein Offizier, ein Profos, sechs Mann, zwei Spielleute! — Dann an die Wand mit mir! Ein wenig seitab der aufgeklappte Sarg, den der Regimentsarzt abklopft, als wäre es ein Patient. Und dann, gut! Die Binde ums Aug’, aber ich bitte mir eine seidene aus. — Das wäre mir viel lieber als die peinliche zivilistische Zeremonie. Ich freue mich, mein Wort, ich freue mich darauf! O, es ist ein Opfertod, sagen Sie nichts, es ist ein willkürlicher Opfertod! Soll ich Ihnen ein Geheimnis verraten? Ich flehe Sie an: Lachen Sie nicht!
Was die Menschen Verbrechen nennen, es ist eine mystische, höhere Art der Anbetung Gottes!“
Ich redete sinnlos. Der Rechnungsführer ward böse, drehte sich zur Wand, brummte:
„Kusch, Narr!“
Mittags fand ich in meinem Brot, als ich es aufschnitt, diesen Zettel, der die Handschrift Beschitzers trug.
„Gräme Dich nicht! Deine Tat erübrigt sich. Er, N(ikolaj) A(lexandrowitsch) R(omanow) hat seinen Besuch abgesagt. Ich bin dank der Organisation befreit worden. Auch Du fürchte nichts! Sei schweigsam, laß Dich nicht überrumpeln, sie wissen gar nichts Rechtes. Mein Herz ist sterbensmüde.“
Ein Wort noch stand auf dem Zettel, es war aber ausgestrichen, mit einem dicken Strich ausgestrichen; das Wort: Sinaïda!
Ich zündete ein Zündholz an und verbrannte langsam das Papier.
Ihr Name ist ausgestrichen vom Zettel des Lebens. Es ist klar, sie ist tot! Sie ist tot! Diese Fremde, sie stand in Tula an einer sonnigen Straßenecke im Frühling. In Tula, oder war es in Thule? Wer weiß das? Sie schoß und traf ein Kind, ihr Kind. Es war eine Freikugel! Wie sah sie denn aus? Ich weiß nicht. Doch! An den Mund und an ihren Duft erinnere ich mich. Ihr Mund war müde herabgezogen, aber ihr Duft war stark und wild. Und dann, o Gott, ich war, ich bin verliebt in ihr leises Hinken, in diese süße Gebrechlichkeit. Was ist mit ihr? Ist sie tot? Ah, das steht nirgends. Aber auf dem Zettel, der eben verbrennt, war ihr Name ausgestrichen. Sie ist tot. Doch warte nur! Auch ich werde sterben, auch ich, bald, bald.
Tremolo sublimer Geigen in meiner Seele! Das göttliche Schlußduett aus Verdis Aïda! O ruhige, ungebrochene Wehmut der starken Herzen vor dem Unabwendbaren: