Vor Tische fiel überhaupt nie eine derartige Scene vor, und der erste Tag verging fast jedes Mal in Ruhe und Frieden.
So auch hier. Heute tanzte das junge Volk bis zwei Uhr des andern Morgens. Jeder im Ort wohnende Tänzer geleitete dann sein Mädchen heim, und am andern Morgen fing die Musik schon wieder um zehn Uhr an zu spielen. Auch an diesem Tage fiel nichts Bemerkenswerthes vor, und Jeder stimmte damit überein, daß eine so prachtvolle und reiche Kirmeß noch gar nicht in Dreiberg gefeiert worden wäre und eine so friedliche ebenfalls nicht.
Am dritten Tage kam, etwa um drei Uhr Nachmittags, Herr von Secklaub wieder nach Dreiberg, der in der That einen Zwischentag gebraucht hatte, um sich ordentlich auszuruhen, und die Burschen zischelten und lachten über ihn, als er den Saal betrat. Er ließ sich aber dadurch wenig stören, und Lieschen entschädigte ihn auch bald dafür, da sie ihn, von ihrem Recht Gebrauch machend, gleich zu dem nächsten Tanz abholte.
Mit Dunkelwerden hatte Katharinens Tänzer, der Soldat gewesen war und in der Stadt eine Menge neue Tänze gelernt zu haben schien, von denen man auf dem Lande eben keinen Gebrauch machte, eine Française oder einen Contre-Tanz vorgeschlagen. Erst wollten die Mädchen nicht darauf eingehen, zuletzt aber, unter Kichern und Lachen, stellten sie sich an, die drei Platzpaare und noch ein anderes. Der arme Teufel, der den Tanz vorgeschlagen, bereute es jedoch bald bitter, denn sie machten ihm das Leben dabei sauer genug. Die Mädchen begriffen trotzdem ziemlich rasch, wie sie sich dabei zu verhalten hätten, und von Lieschen unterstützt ging es schon gar nicht so schlecht. Die Burschen ließen sich aber desto ungeschickter an, und Hans besonders konnte das Ding nicht in den Kopf, oder vielmehr nicht in die Füße kriegen.
Herr von Secklaub, der zum vierten Paar gehörte, war dagegen in diesem Tanz vollkommen zu Hause, und daß er sich so geschickt dabei benahm und Hans so hölzern, ärgerte diesen ganz besonders. Das dauerte aber nicht lange. Hans sowohl, wie die andern Platzburschen, bekamen das »Durcheinanderdrehen« bald satt. Mitten drin ließen sie abbrechen, und wieder wirbelten die Paare in einem rasenden Rutscher dahin und umeinander herum.
Jetzt wurde zum Essen trompetet und Lieschen stand einen Augenblick allein, da Hans nach dem anderen Ende des Saales gerufen wurde, wo ein Streit entstanden war, ob ein Fremder sein Band gelöst habe oder nicht. Secklaub, der den letzten Tanz frei geblieben, trat auf Lieschen zu und bot ihr seinen Arm, um sie zu Tische zu führen.
»Ich weiß nicht ob ich darf,« flüsterte sie, »Hans könnte es übelnehmen.«
»Aber wenn er Sie so vernachlässigt, mein Fräulein,« sagte der junge Mann, »so darf er sich doch darüber nicht beklagen. Kommen Sie, ich will Sie ja nur begleiten und stehe dann gern von näheren Anrechten zurück.« Er ließ auch keinen Widerspruch zu, zog Lieschens Arm in den seinen und führte sie zu Tische.
»Na?« sagte Katharinens Platzbursche, den Fremden erstaunt ansehend, als dieser mit seiner Dame an den oberen Theil des Tisches trat, »blöde sind Sie gerade nicht. Ist das etwa der Stellvertreter für den Bräutigam, Jungfer Braut?«
Lieschen wurde feuerroth, ehe sich aber Secklaub zurückziehen konnte, stand Hans neben ihm und seinen Arm ergreifend, daß die blauen Flecke daran noch acht Tage sichtbar blieben, sagte er eben nicht höflich: »Will der Herr wohl so gut sein und die Hand davon lassen? Das ist meine Platzjungfer, und die hat Niemand anders zu Tisch zu führen, als ich selber!«
»Hans, fang' keinen Streit an,« bat Katharine leise flüsternd, indem sie seinen Arm ergriff. »Er hat es ja auch nicht so bös gemeint. Er weiß ja nicht was hier Sitte ist.«
»Sie entschuldigen,« sagte Secklaub, dem es nicht unangenehm war, daß ihn Hans wieder losließ, »ich wußte nicht, daß ich dabei einen Eingriff in Ihre Rechte beging, aber Fräulein Erlau –«
»Komm, Lieschen,« sagte Hans, vor den Fremden tretend und ihm den Rücken kehrend, während er seine Braut auf ihren Stuhl niederzog, »setz' Dich und mach' Dir's bequem. Und nun wollen wir einmal tüchtig einhauen, denn ich bin nicht schlecht hungrig geworden.« Den Stadtherrn beachtete er gar nicht mehr, und Herr von Secklaub zog sich, eben nicht erfreut von der Behandlung, an das andere Ende der Tafel zurück. Mit den Bauerburschen konnte er doch nicht gut Streit anfangen.
Um halb elf Uhr begann der Tanz von Neuem, und es wurden jetzt blaue Bänder ausgegeben. Vor Tische waren wieder rothe getragen worden. Katharinens Platzbursche hatte die Vertheilung derselben. Das ging auch rasch und ohne Schwierigkeit vor sich, und das junge Volk warf sich der Lust wieder mit solchem Eifer in die Arme, als ob das der erste Abend gewesen wäre und sie nicht schon zwei halbe Nächte durchtanzt hätten.
»Hallo, Freund,« begann Katharinens Tänzer, der mit seiner Sparbüchse in der Hand durch die Reihen schritt und jetzt damit, dicht vor Herrn von Secklaub, klapperte. »Ihr habt noch Euer Band von vor Tisch ein; bitt' um die fünf Groschen, hier ist ein anderes.«
»Bitte um Verzeihung,« sagte Secklaub, indem er in die Westentasche griff und sein blaues Band herausholte und vorzeigte, »ich habe es mir eben von Ihnen selbst eingelöst und trage nur das rothe, weil es mir besser gefällt.«
»So? na, das ist Geschmacksache,« sagte der Bursche, »aber wenn Sie hier mittanzen wollen, müssen Sie das blaue tragen, wie's meine Platzjungfer trägt, nicht dem Hans seine, verstehen Sie mich? oder ich komme wieder mit der Büchse,« und damit wandte er sich lachend ab, und Herr von Secklaub knüpfte das blaue Band zu dem rothen.
»Tanz' nicht mehr mit dem Herrn mit dem Schnurrbart!« flüsterte Katharine leise dem Lieschen zu.
»Und warum nicht?« frug diese rasch und etwas heftig zurück.
»Die anderen Burschen haben schon darüber gesprochen,« warnte sie das junge Mädchen. »Sie haben auch heut Abend 'was im Kopf, und es könnt' sonst Streit geben. Es wär' besser wenn er ganz wegginge.«
»Sie dürfen ihm nichts thun,« sagte aber Lieschen trotzig, »er ist Gast hier in Dreiberg und hat seine Musik bezahlt, so gut wie die Andern, auch noch Niemanden beleidigt, und der Hans ist doch schon vorhin recht grob mit ihm gewesen.«
»Sei dem Hans nicht böse drüber, Lieschen,« bat Kathrine gutmüthig, »Du weißt, daß die Platzburschen ihre Rechte haben und sich nicht gern 'was davon nehmen lassen. Es kostet ihnen ja auch viel Geld. Uebrigens war's gewiß nicht so bös gemeint; Hans ist nun einmal so gradhin.«
»Er hätte mehr Lebensart haben sollen,« zürnte Lieschen noch immer. »Uebrigens hab' ich als Platzjungfer auch meine Rechte und kann tanzen mit wem ich will.«
»Das kannst Du, ja, Lieschen,« beschwichtigte sie das junge Mädchen, »aber thu's mir zu Liebe nicht mehr heut' Abend mit dem fremden Herrn. Es läuft wahrhaftig nicht gut ab.«
»Unsere Kirmeß!« jubelte da mit einem hellen Juchzer Katharinens Tänzer dicht neben ihnen, umschlang das junge Mädchen und wirbelte mit ihm zum Tanze fort; Lieschen aber, durch die Warnung nur noch mehr gereizt, ging geraden Weges auf den etwas abseits stehenden Secklaub zu, bot ihm die Hand und trat in die Reihe ein.
»Du, Hans,« sagte da einer der Dreiberger Burschen, indem er ihn auf die Schulter klopfte, »wer ist denn hier eigentlich Platzbursch', Du oder der da?« und damit zeigte er auf den gerade vorbeitanzenden Secklaub; »einen Strauß trägt er auch schon im Knopfloch.«
»Ach laß ihn,« sagte Hans, indem er dem Paar mit einem finsteren Blick folgte, »was weiß der Laffe von unseren Gebräuchen hier!«
»Ei zum Henker,« rief ein Anderer, der daneben stand, »dann muß man ihn gescheidt machen. Von meinem Mädchen wollte er vorher einen Kuß haben, die hat ihn aber schön ablaufen lassen. Das weiß ich, wenn er mir so in die Quere käme, ich wollt' ihm bald zeigen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat.«
Hans, obgleich er ein bischen viel getrunken, wollte doch nicht gern Streit anfangen. Das Necken der Kameraden war ihm aber doch nicht recht, und als der Erste jetzt sogar wieder spöttisch meinte, das Heimführen würde der ihm wohl auch ersparen, da er die Jungfer gewiß gleich heute Abend nach Wetzlau hinüberbrächte, stieg ihm das Blut in den Kopf. Noch ein paar Minuten blieb er mit verschränkten Armen stehen, dann aber, als er sah, wie der Fremde seinem Mädchen eine Menge Sachen in's Ohr flüsterte, schritt er plötzlich ruhig, aber entschlossen zwischen den Tanzenden durch, gerade auf das Paar zu, und Lieschen an der Hand nehmend, zog er sie mit sich fort und sagte: »Komm, Jungfer, Du hast jetzt genug mit dem Herrn da getanzt.«
»Aber, Hans!« rief Lieschen erschreckt und zugleich beleidigt, denn die Mädchen in der Nachbarschaft lachten.
»Entschuldigen Sie,« rief aber auch Herr von Secklaub, »die Dame hat, so viel ich weiß, das Recht –«
»Hier sind keine Damen,« trat ihm ein anderer Bursche, der schon darauf gewartet hatte, gerade vor das Gesicht, »das da ist dem Hans seine Platzjungfer – verstanden?«
»Mit Ihnen habe ich gar nichts zu schaffen,« sagte der junge Mann und wollte ihn bei Seite schieben. Das war gefehlt.
»Na, das auch noch?« rief der junge kräftige Bursche und warf Secklaub's Arm zurück, daß dieser gegen einen der Kameraden anflog.
»Oho!« schrie dieser, indem er den Städter augenblicklich beim Kragen faßte, denn fast die sämmtlichen Burschen hatten viel weniger auf eine Ursache, als einen Anfang gewartet, »wissen Sie nicht, wie man sich zu benehmen hat? Treppe frei!«
»Treppe frei! Treppe frei!« schrie die jubelnde Schaar. Herr von Secklaub wollte sich zur Wehr setzen, allein, lieber Gott, in den Händen der Burschen war er wie ein kleines Kind, und während die Uebrigen lachend und schreiend beiseite wichen, wurde der arme Teufel ohne Weiteres mehr zur Treppe getragen, als geführt und dort mit einem »Kopf weg, da unten!« hinabgesandt. Er polterte auch die ziemlich steilen Stufen bis unten hin, raffte sich dann auf und schien einen Augenblick nicht übel Lust zu haben, in voller Wuth wieder nach oben zu stürmen. Das aber wäre blanker Wahnsinn gewesen, denn wenn er sich auch kräftig genug fühlte einem Einzelnen Stand zu halten, hätte er dort oben den ganzen Schwarm gegen sich gehabt. So war er denn, mit zerrissenem Rock und ohne Hut, genöthigt, sein Pferd zu bestellen, das ihm der Hausknecht bald brachte. Uebrigens nicht gewillt, im bloßen Kopf heimzureiten, nahm er unten im Haus die erste beste Kopfbedeckung, von denen dort überall genug an den Nägeln hingen, stülpte sie auf und galoppirte kaum eine Viertelstunde später, eben nicht besonders gut gelaunt, in die dunkle Nacht hinein nach Wetzlau hinüber.
Die Kirmeß war vorbei, und am Freitag Morgen geleitete Hans seine Braut wieder, mit der vollen Musik, nach Wetzlau hinüber. Am nächsten Sonntag zur Nachkirmeß war aber Lieschen unwohl geworden und konnte nicht nach Dreiberg kommen. Sie hatte spät am Sonnabend Abend noch einen Boten hinüber gesandt, damit die Musik nicht umsonst käme, um sie abzuholen.
Hans fühlte sich unbehaglich darüber, denn er wußte recht gut, daß ihn die Dreiberger Burschen auslachen würden, wenn ihn seine Platzjungfer im Stich ließ. Und war sie auch so ernstlich krank? – das wäre ja noch viel schlimmer gewesen. Am Ende war sie nur ein wenig böse auf ihn, des letzten Abends im Wirthshause wegen. Trug er denn aber die Schuld? Der Fremde hatte ja mit den anderen Burschen Streit bekommen, und er bei der ganzen Sache keine Hand angelegt, ja, dem Stadtherrn nicht einmal ein böses Wort gesagt. – Und was ging sie auch überhaupt der Laffe an, daß sie ihm seinetwegen böse sein konnte – und doch war sie an jenem Abend gar nicht mehr so freundlich mit ihm gewesen, wie sonst. Die Botschaft von Wetzlau aber konnte er nicht aus dem Kopf bringen und beschloß endlich am nächsten Morgen mit Tagesanbruch selber hinüber zu reiten.
Der Vater war an demselben Tage nochmals in der Stadt gewesen, und es schien fast, als ob er jetzt bald einen Heimathschein, und zwar von hier, erhalten würde. Der alte Barthold hatte nämlich, des ewigen Hin- und Herschreibens müde, drinnen erklärt, daß er seinem Sohn sein Gut in Dreiberg übergeben würde. Dadurch wurde Hans ansässig, und sie konnten ihm dann das Heimathrecht nicht länger versagen. Der Traubenwirth hatte ihn dazu vermocht, ihm dauerte selber die Sache zu lange und er wünschte, daß die Hochzeit recht bald sein könnte, weshalb, sagte er aber dem alten Barthold nicht.
Das war doch wenigstens eine gute Nachricht, die der Hans mit hinüber nach Wetzlau nehmen konnte, und eben schaute am anderen Morgen die Sonne über die östlichen Gebirgshänge herüber, als er auf seinem Braunen in den herrlichen Herbstmorgen hineintrabte. Eigentlich war es noch ein wenig früh für einen Besuch, aber auf dem Lande wird es nicht so genau genommen, und daß Lieschen, wenn nicht ernstlich krank geworden, schon um diese Zeit auf und munter sei, wußte er außerdem.
Zu Pferd brauchte er auch nicht den nichtswürdigen Fahrweg einzuhalten, wenigstens ein kleines Stück vor Wetzlau konnte er abschneiden, wenn es auch verboten war den Pfad zu reiten, weil man damit das Chausseehaus umging. Dadurch kam er gleich hinter dem Wirthshaus in's Dorf, und da er die Gartenpforte offen fand, ritt er hinein, hing den Zügel seines Pferdes über den Ast eines Apfelbaumes – aufhalten durfte er sich doch nicht lange, er mußte ja zurück nach Dreiberg zur Nachkirmeß – und kam durch den Hof in das Haus.
Unten traf er das Hausmädchen, das ihm aber auf seine Frage, wie es Lieschen ginge, antwortete: »Die Jungfer? o, die ist ganz wohl. Sie war vorhin unten und ist eben wieder hinaufgegangen.«
»Also nicht krank, Gott sei Dank!« dachte Hans, als er die Treppe langsam hinanstieg, »und sollte sie mir da wirklich böse sein? ei, das will ich bald sehen, was sie für ein Gesicht macht, wenn sie mich zuerst sieht; ob sie nur so thut, oder ob sie's wirklich ist, und nachher muß der Alte gleich einspannen und sie wieder hinüberfahren lassen. Das wäre eine schöne Nachkirmeß ohne Platzjungfer! Ein Glück nur, daß ich herübergekommen bin!«
Damit hatte er den oberen Theil der Treppe erreicht und betrat eine Art Vorsaal, der in einige Gaststuben führte, dahinter lag eine Vorrathskammer, und links ab durch den Gang kam man in Erlau's Familienwohnung, wo Lieschens Zimmer dicht neben der Schlafkammer der Eltern lag. An der Treppe vorüber führte ein anderer Gang nach dem linken Flügel des Hauses, wo sich die gewöhnlich benutzten Gastzimmer befanden. Die an dieser Seite wurden nur in Ausnahmsfällen benutzt und standen meist leer.
Hier blieb Hans unschlüssig stehen, denn er scheute sich nach Erlau's Wohnzimmer hinüber zu gehen; es war ihm doch noch ein wenig zu früh, und er überlegte sich eben, daß es das Beste sei, wenn er lieber erst von unten das Hausmädchen hinaufschicke und Lieschen sagen lasse, er sei da und müsse sie einen Augenblick sprechen. Als er eben wieder umkehren wollte, hörte er drüben auf dem Gang den festen Schritt eines Mannes. Das war gewiß der Mosje mit dem Schnurrbart, der hinuntergehen wollte, dem mochte er nun gerade hier nicht begegnen, wenn er es vermeiden konnte, und eines der leeren Gastzimmer öffnend, trat er hinein und ließ die Thür angelehnt.
Der Schritt kam aber näher und mußte die Treppe längst passirt haben. Jetzt betrat er den diesseitigen Gang, es war wahrhaftig der alte Bekannte mit dem Schnurrbart; was hatte denn der auf dieser Seite des Hauses zu thun? Er konnte ihn, als er vorüberging, durch die Thürspalte deutlich erkennen, und dann blieb der Mensch auch noch gar dort stehen und ging auf dem kleinen Vorplatz auf und ab. Ob der Laffe nicht überall im Wege war!
Hans ärgerte sich, daß er in das Zimmer getreten war; wenn er es aber jetzt verließ, was mußte der Bursche dann von ihm denken? daß er sich hier versteckt gehalten? Nein, warten mußte er noch eine Weile, bis die Luft rein war. Der Mosje würde doch gewiß keine halbe Stunde da stehen bleiben.
Jetzt wurde die Gangthür geöffnet, er kannte sie am Knarren. Da kam am Ende Lieschen, und der alberne Mensch stand auf dem Vorsaal, und draußen wurde jetzt geflüstert. Hans horchte hoch auf, das konnte doch nicht Lieschen sein? gewiß eines der Dienstmädchen aus dem Hause.
Die Stimmen kamen näher, und dicht vor seiner Thür blieben die Beiden, wer es auch immer war, halten.
»O, geh fort, Otto,« bat jetzt Lieschens Stimme – dem Hans war genau so zu Muthe, als ob ihn Jemand mit einem Messer in's Herz gestochen hätte – »ich habe den Vater schon in seiner Kammer gehört, und wenn er Dich hier mit mir fände, wäre ich unglücklich. Er hat überdies schon Verdacht geschöpft und mir gedroht. Wenn uns nun Jemand hier zusammen sähe!«
»Aber, liebes, herziges Kind,« bat des Fremden Stimme, »ich muß heute in die Stadt, und werde unter vierzehn Tagen nicht zurückkommen. Ich konnte doch nicht fortgehen, ohne Abschied von Dir zu nehmen.«
»Und Du mußt fort?«
»Würde ich gehen, wenn ich nicht müßte? Ach Lieschen, jetzt fühl ich erst wie lieb ich Dich habe, und daß ich nicht ohne Dich leben kann. O mein Gott, wie soll das später werden?«
»Ich weiß es nicht,« seufzte das Mädchen, »aber der Vater gäbe seine Einwilligung nie zu unserer Verbindung, und ich bin jetzt unglücklich für meine ganze Lebenszeit.«
»So bist Du mir wirklich gut?«
»Von ganzer Seele.«
Die Thür, vor der sie standen und sich umfaßt hielten, öffnete sich plötzlich und Hans trat heraus. Er sah leichenblaß aus und schritt, ohne ein Wort zu sagen, langsam und den Blick stier auf Herrn von Secklaub geheftet, auf diesen zu.
»Hans!« stöhnte Lieschen emporschreckend, – er sah sie gar nicht – er wußte wahrscheinlich selber nicht genau was er that, und streckte nur langsam den Arm nach seinem Nebenbuhler aus. Dieser wich scheu einen Schritt zurück, denn der Blick des jungen Mannes kündete nichts Gutes.
»Hans!« rief nochmals Lieschen und warf sich ihm erschreckt entgegen, »was willst Du thun?«
Die Berührung des Mädchens schien ihn sich selber wiederzugeben. Er sah seine Braut starr an, machte sich dann von ihr los, drehte sich ab und stieg, ohne auch nur ein Wort zu sagen, die Treppe wieder hinab. Aber er that das, wie ohne eigenen Willen, als ob er von einer Maschine getrieben würde.
»Haben Sie die Jungfer gefunden?« frug ihn das Hausmädchen unten.
Er nickte nur mit dem Kopfe, schritt durch den Hof und den Garten, machte das Pferd los, stieg wieder auf, und sprengte wenige Minuten später in gestrecktem Galopp in der Richtung nach Dreiberg fort.
Eine Stunde später, und kaum noch einen Büchsenschuß von Dreiberg entfernt, fanden drei junge Bauern, die hinüber zur Nachkirmeß wollten, den Dreiberger Platzburschen besinnungslos auf dem Wege liegen. Er mußte jedenfalls mit dem Pferd gestürzt sein, das noch, etwa hundert Schritt von ihm entfernt, auf einer Kleestoppel weidete, und hatte sich den Kopf an den scharfen Steinen blutig geschlagen.
Die Burschen hatten aber Verstand genug, ihn nicht in solchem Zustande in seiner Eltern Haus zu tragen; die Mutter hätte den Tod vor Schreck davon haben können. Einer von ihnen holte deshalb das Pferd, setzte sich auf und sprengte voraus, um es dem alten Barthold zu melden, und die andern Beiden nahmen den Bewußtlosen in die Arme und trugen ihn dem Dorfe zu.
Eine halbe Stunde darauf lag Hans entkleidet, aber immer noch ohne Besinnung, in seinem Bett, während der Dorfchirurg seine Wunden – er hatte eine an der Stirn und eine über dem linken Schlaf – untersuchte und verband, und um das Bett standen in sprachlosem Jammer Vater und Mutter und die arme Katharine.
Das war eine recht gestörte Nachkirmeß heute in Dreiberg, denn es fehlte dabei ein Platzbursche und zwei Platzjungfern – aber getanzt wurde doch, das Fest mußte ja natürlich abgehalten werden, und wer fehlte, wurde eben durch Andere ersetzt. Was hätte auch eine Kirmeß in ihrem Gange aufhalten können?
Und wie traurig ging es indessen im Hause des alten Barthold zu, denn mit Hans wurde es nicht besser, und als er am zweiten, dritten, ja selbst am vierten Tag noch immer nicht zur Besinnung kam, da war es der Mutter, als ob sie sich selber mit in's Grab legen müsse, wenn sie sehen sollte, wie sie den einzigen Sohn hinaustrügen auf Nimmerwiederkehr.
Auch der Vater ging wie gebrochen umher; der alte Mann schien in den wenigen Tagen um doppelt die Anzahl von Jahren älter geworden zu sein. Er sprach fast mit Niemandem, und die Knechte hatten noch nie mit solchem Eifer ihre Arbeit gethan und nach ihrer Pflicht gesehen, wie in diesen Tagen, denn es war ihnen gar so unheimlich, daß der alte Mann nicht manchmal mit einem, aber immer gut gemeinten Donnerwetter dazwischen fuhr und ihnen auf die Finger sah. Die Einzige, die noch die Arbeit im Hause besorgte, war Katharine; aber wo sie sich eine Minute an ihrer Zeit abmüßigen konnte, saß sie oben am Bett des Kranken und strickte, und wenn sie Niemand sah – denn sie wollte die Eltern nicht noch trauriger machen – fielen ihr die großen schweren Thränen auf ihre Arbeit nieder.
So war der vierte Nachmittag gekommen. Der Vater hatte die ganze Nacht bei dem kranken Sohn gewacht, die Mutter war dann den ganzen Morgen bei ihm gewesen, und jetzt hatte Katharine bei ihm die Wacht. Die Arme hatte wieder eine Weile gestrickt, dann ließ sie die Arbeit in den Schooß sinken, und ihr Blick haftete an den todtbleichen Zügen des Kranken, bis sich ihr endlich von den vielen herausstürzenden Thränen die Augen verdunkelten. Da aber hielt sie sich nicht länger; am Bett fiel sie nieder auf die Kniee, drückte ihre heiße Stirn gegen das Unterbett und rief mit halblauter, von Schmerz und Jammer fast erdrückter Stimme: »O, laß ihn leben, lieber Gott, laß ihn leben! sei barmherzig und nimm ihn nicht seinen armen Eltern, die den Jammer ja nicht ertragen könnten. Wenn aber eines sterben muß, o Du barmherziger Gott, so laß mich es sein. Wie gern, wie gern sterb ich für ihn, und besser, viel besser wäre es ja auch, Du nähmst mich fort, ich werde ja doch mein ganzes Leben elend und verlassen sein.« Und halb an dem Bett niedersinkend, daß sie sich nur noch mit den Händen hielt, schluchzte sie, als ob ihr das Herz brechen müsse.
Während sie betete, hatte der Kranke auf dem Lager langsam die Augen geöffnet und erstaunt aufgesehen. Jetzt schloß er sie wieder; die Betende lag aber noch lange neben dem Bett zusammengebrochen und erhob sich erst, als sie draußen Schritte hörte. Es war der Vater, der in's Zimmer kam, um nach seinem Sohn zu sehen.
Nur einen Blick warf er nach dem Kranken, seufzte tief auf und wandte sich dann gegen das Mädchen, dem noch die hellen Thränen über die Wangen liefen.
»Arme Katharine,« sagte er herzlich, umfaßte sie und küßte ihre Stirn, »thut Dir's denn auch so weh, daß wir den Jungen verlieren sollen? Aber härme Dich nicht so ab, Kind, Du wirst uns ja sonst selber krank. Wir stehen Alle in Gottes Hand, Herz. Er hat ihn uns gegeben; will er ihn wieder nehmen – sein Name sei gelobt.«
Katharine legte sich jetzt an die Brust des Alten, und ihr Schmerz löste sich allmählich in lindernde Thränen auf.
»Geh' jetzt, Schatz,« sagte der Vater leise und richtete sie auf, »die Mutter hat nach Dir verlangt. Ich bleibe bei dem Jungen. Der Chirurg muß auch bald wieder kommen. Sowie er da ist, schick' ihn mir augenblicklich herauf, hörst Du?«
»Ja, Vater,« sagte Katharine, die sich gewaltsam zusammennahm, »ich geh' schon, nur frische Umschläge möcht' ich ihm noch geben, daß es ihm die Wunden wieder ein Bischen kühlt.«
Der Vater nickte still und langsam vor sich hin, und setzte sich dann auf den Stuhl, zu Füßen des Bettes, während Katharine mit vorsichtiger Hand die kalten Umschläge erneuerte und dann leise, als ob sie einen Schlafenden zu stören fürchte, das Zimmer verließ.
Der Vater saß, nachdem die Katharine schon lange hinausgegangen, noch immer so, den Blick auf das bleiche, kalte Antlitz des Sohnes geheftet. Endlich stützte er auf dem Lehnstuhl den Kopf in die rechte Hand und schaute stier und lautlos viele, viele Minuten lang vor sich nieder.
»Vater,« sagte da eine leise Stimme, und wie von einem Schuß getroffen, sprang der alte Mann empor.
»Vater!« Hans sah ihn aus den eingefallenen Augenhöhlen groß an, er lebte. Der Verwundete war zum Bewußtsein zurückgekehrt.
»Junge, Junge!« rief der Alte, und was der Schmerz und Jammer um den Todtgeglaubten nicht vermocht, das erzwang die Freude. Am Bette stürzte er nieder und des Sohnes Hand mit Küssen bedeckend, weinte er wie ein Kind.
Aber nicht lange konnte der starke Mann von solchem Gefühl bewältigt werden, und mit dem Bewußtsein – der Arzt hatte ihn besonders davor gewarnt – den Erwachten nicht zu sehr aufregen zu dürfen, sagte er, mit vor innerer Bewegung fast erstickter Stimme, indem er die Hand des Kranken drückte und streichelte: »Hans, lebst Du wieder, o, das ist brav! das ist brav! Aber lieg' still, mein Junge, rühre und rege Dich nicht. Der Doctor wird gleich da sein, und ich muß jetzt hinunter und es der Mutter sagen – und der Katharine – ich bin gleich wieder da, lieg' nur noch einen Augenblick still, mein Hans, nur einen Augenblick.«
Der alte Mann wußte selber kaum was er that. Die Glieder flogen ihm wie in Fieberfrost, und vor Freude bebend – er fand kaum die Thürklinke, eilte hinaus, um der Mutter die Botschaft zu bringen – »Dein Sohn lebt!«
Wie wär' es möglich den Jubel zu beschreiben, der jetzt das Haus erfüllte, denn der Chirurg hatte ihnen schon gesagt, wenn Hans wieder zum Bewußtsein käme, dann brauchten sie für sein Leben nicht mehr zu fürchten; nur ruhig müßten sie ihn halten. Das wollten sie auch, aber sehen mußten sie ihn erst einmal, nur einen einzigen kleinen Augenblick, und leise, selbst auf den Zehen, schlichen die Mutter und Katharine in die Kammer hinein. Als sie aber dem Blick des Sohnes und Bruders begegneten, der ihnen freundlich zulächelte, da konnten sie sich nicht mehr halten und thaten wie der Vater. Sie stürzten an sein Bett, und bedeckten seine Hand mit Küssen und Thränen. Aber der Alte stand jetzt Wacht.
»Hinaus mit Euch!« rief er in gutmüthigem Zorn, »wollt Ihr den Jungen rebellisch machen, daß er mir wieder ohnmächtig wird? Fort und hinunter, bis der Doctor kommt, ich bleibe so lange bei ihm auf Posten.« Und Mutter und Katharine die wohl wußten, daß der Vater Recht hatte, rissen sich von dem Wiedergeschenkten los, nickten ihm noch in seliger Freude zu und verließen jetzt das Zimmer, um sich unten in ihrer Stube recht von Herzen auszuweinen – doch es waren Freudenthränen.
»Aber Vater,« sagte Hans mit wohl noch sehr matter, indeß vollkommen deutlicher Stimme, »weshalb treibst Du die Mutter und die – die Kathrine hinaus? es fehlt mir ja Nichts mehr, und – ist denn die Kathrine heute nicht zur Kirmeß gegangen?«
»Fehlt Dir Nichts mehr? – so?« sagte der Vater, indem er ihn kopfschüttelnd betrachtete, »und heute zur Kirmeß? Weißt Du denn, welchen Tag wir heute schreiben, und wie lange Du dagelegen hast?«
»Nun? ist's nicht Sonntag? aber wie bin ich denn eigentlich hier in's Bett gekommen? was ist denn vorgefallen?«
»Heute Sonntag? Mittwoch ist heute und noch dazu Mittwoch Abend und der vierte Tag, daß Du hier liegst und keinen Bissen Essen, keinen Tropfen Wasser über die Lippen gebracht hast!«
»Mittwoch? aber wie ist das möglich?«
»Bist Du am Sonntag nicht mit dem Pferde gestürzt? Der Braune hatte ja doch die Spuren am Körper.«
»Mit dem Pferd gestürzt? – ja!« sagte Hans da plötzlich, und sein Antlitz, das sich beim Reden etwas gefärbt hatte, wurde wieder leichenblaß, »als ich von Wetzlau herüberkam. Der Braune stolperte auf dem schlechten Weg – ich glaube, er stürzte auch – aber weiter weiß ich mich auf Nichts zu besinnen.«
»Ja, weil sie Dich nachher für todt hier in's Haus trugen. Und was für Sorge haben wir um Dich gehabt, die Mutter und die Kathrine und Deine Braut!«
»Meine Braut?« sagte der Hans leise.
»Nun gewiß,« sagte der Alte. »Wir mußten ihr doch natürlich gleich die Botschaft hinüberschicken, und als sie am Montag selber mit dem Traubenwirth oben war und Dich hier auf dem Bett wie todt liegen sah, hat sie geweint, als ob ihr das Herz brechen müßte. Jetzt ist sie selber krank und liegt im Bett, aber alle Tage hat sie herübergeschickt, um fragen zu lassen, wie es Dir geht; manchmal zwei Mal an einem Tag. Es soll mir auch gleich ein Bote nach Wetzlau, daß sie sich mit uns freuen können.«
Hans sank wieder auf sein Kopfkissen zurück und schloß die Augen. Der Kopf that ihm noch weh und das Besinnen that ihm auch weh, und doch hätte er in dem Augenblick Gott weiß was darum gegeben, wenn er gewußt hätte, was jetzt wirklich geschehen sei und was er nur geträumt habe. Wie ihm das Alles so wild und toll in seiner Erinnerung durcheinander schwamm – er konnte die einzelnen, verworrenen Bilder gar nicht von einander trennen.
»Hans,« rief der Vater ängstlich, »bist Du wieder krank?«
»Nein, Vater,« sagte der junge Bursche leise, ohne aber die Augen noch zu öffnen, »der Kopf schwindelt mir nur. Laßt mich einmal einen Augenblick ausruhen; es wird gleich wieder besser werden.«
Hans hatte auch nicht zu viel versprochen. Eine solche Natur, wie er, kann wohl einmal geworfen werden, aber sie arbeitet sich auch wieder kräftig nach oben, und Träume und Phantasien können nie lange Gewalt über sie haben. Doch die Augen durfte er nicht dazu geschlossen halten; er mußte sehen, was um ihn her vorging, und wie er wieder in das ängstlich besorgte Gesicht des Vaters schaute, kam ihm die Erinnerung an das Vergangene, an – das wirklich Geschehene, klar und deutlich zurück.
»Wo ist die Kathrine, Vater?« sagte er leise.
»Die Kathrine? unten bei der Mutter. Laß die Frauen nur noch eine Weile gehen, denn die machen Dich sonst nur noch unruhiger, als Du schon bist. Aber ich hab' Dir auch eine gute Kunde zu melden, Hans – eine recht gute Kunde.«
»Eine gute Kunde?«
»Dein Heimathschein ist angekommen. Jetzt ist's auf einmal schnell gegangen. Aber nun mach' auch daß Du wieder auf die Füße kommst. Ich hab Dir das ganze Gut verschrieben, und da mußten sie ihn Dir wohl geben, denn Du bist ja jetzt Landeigenthümer geworden und kannst nun heirathen, wann Du willst. Aber nach Gotha werden wir doch noch müssen, denn die Herren Geistlichen sind zäh und wollen nicht nachgeben.«
»Wo ist denn die Kathrine, Vater?«
»Aber was hast Du nur mit der Kathrine? unten, ich hab' Dir's ja schon vorher gesagt; bei der Mutter.«
Wieder schloß Hans die Augen und schien jetzt wirklich müde geworden zu sein, denn als ihn der Vater wieder anredete, bewegte er nur leise die Hand und öffnete die Augen nicht. Da er aber ruhig und regelmäßig athmete, war der Alte vernünftig genug, ihn nicht weiter zu stören, und zwei volle Stunden blieb er so liegen, während die Frauen ein paar Mal leise das Zimmer betraten, aber immer wieder auf den Zehen hinausschlichen, sobald sie den Schlaf des Kranken bemerkten.
Gegen Abend kam der Chirurg, und als Hans die fremde Stimme hörte, öffnete er die Augen. Er hatte wirklich geschlafen und fühlte sich dadurch merklich gestärkt.
Der Chirurg war außerordentlich zufrieden; der Puls ging ruhig, die Kopfwunden waren nur noch wenig entzündet. Wundfieber hatte er gar nicht gehabt, und mit einiger Ruhe hoffte jener ihn in ein paar Tagen wieder auf den Füßen zu haben.
»In ein paar Tagen?« lächelte Hans, »ich stehe morgen auf, Doctor, die Schrammen am Kopf heilen auch so.«
»Und fallen mir nachher wieder um,« sagte der Chirurg.
»Denke nicht daran,« meinte Hans.
»Nur nicht zu früh,« warnte der Doctor, als er das Haus verließ, »daß wir keinen Rückfall kriegen.«
Mutter und Katharine durften jetzt bei ihm bleiben, und als das junge Mädchen wieder zu seinem Bett trat, nahm er ihre Hand, drückte sie leise und sah ihr so lange in die guten blauen Augen, bis sie den Blick vor ihm zu Boden schlug. Aber eine große Veränderung zum Besseren war mit ihm vorgegangen. Er schien die anfängliche Schwäche schon fast abgeschüttelt zu haben, und die Mutter war ganz glücklich, daß er ihr so aufmerksam zuhörte, als sie ihm Alles erzählte, was indessen in Dreiberg vorgegangen, seit er dagelegen, wenn er auch Katharine immer dabei anschaute.
»Vater,« fragte Hans, nachdem die Frauen zur Bereitung des Abendbrods hinuntergegangen waren und er eine Weile schweigend in seinem Bett gelegen, »habt Ihr nach Wetzlau hinübergeschickt?«
»Ei gewiß,« lautete die Antwort, »der Bote ist auch schon zurück. Er hat aber die Liese nicht selber gesprochen, doch ist sie wieder auf und gesund. Sie lassen Dich Alle herzlich grüßen und Dir Glück wünschen.«
»Vater, ich möchte jetzt nicht gern mehr viel Zeit verlieren, bis ich meinen eigenen Heerd gründe.«
»Aber wohl und gesund mußt Du doch erst wieder sein.«
»In vierzehn Tagen werden kaum noch die Narben zu sehen sein, und so lange braucht's ja doch zu dem Aufgebot,« meinte Hans.
»Hm,« sagte der Vater, »aber da kommt uns wieder die verwünschte Geschichte mit dem Consistorium dazwischen. So rasch geht die Sache nun auf keinen Fall.«
»Ich hab' mir das Alles anders überlegt, Vater,« sagte der Hans ruhig, »wir brauchen das Consistorium gar nicht – ich heirathe die Kathrine.«
»Hans!« rief der Vater und fuhr erschreckt von seinem Stuhl in die Höhe, denn er glaubte im ersten Augenblick, sein Hans sei durch den Sturz im Kopf verwirrt geworden, »um Gottes willen, Junge, was hast Du? was ist mit Dir? Du solltest noch nicht so viel nachdenken, Du solltest hübsch still liegen und Dich ruhig halten.«
Hans, der wohl ahnen mochte was sein Vater fürchtete, lächelte still vor sich hin; endlich sagte er: »Die Kathrine hat mich lieb, ich weiß es. Vorhin hab' ich's gehört, als sie noch glaubte, ich könnte sie nicht hören, und ich bin ihr auch von Herzen gut, und sie paßt besser für mich, für uns Alle, als das Lieschen.«
»Aber der Traubenwirth hat mein Wort, das Lieschen hat Deins. Das geht im Leben nicht und brächte Schand' auf uns Alle,« rief jetzt der Alte, denn der Hans sprach zu vernünftig, als daß er nun nicht hätte merken können, es sei ihm Ernst.
»Wär' Euch die Kathrine zur Schwiegertochter recht, Vater?«
»Was hilft das Fragen, Hans? zerquäl' Dir den Kopf nicht mit derlei Dingen,« mahnte der Vater ab, doch noch immer nicht so ganz beruhigt. Wie kam der Junge jetzt nur auf die Kathrine?
»Bitte, beantwortet mir nur die eine Frage,« bat Hans, »wär' Euch die Kathrine zur Schwiegertochter recht?«
»Wenn Du sie früher gewählt hättest, ich wollt nichts dagegen sagen,« setzte er zögernd hinzu, »aber so –«
»Vater, wollt Ihr mich einen Augenblick ruhig anhören?«
»Du darfst nicht so viel sprechen.«
»Nur ein paar Worte, ich muß es vom Herzen haben, und Ihr müßt morgen ganz früh nach Wetzlau reiten und mit dem Traubenwirth sprechen.«
»Und was ist's?«
Hans lag noch eine Weile still, dann erzählte er dem Vater mit kurzen, einfachen Worten die ganzen Erlebnisse, erst von dem letzten Kirmeßabend, dann von jenem Sonntag-Morgen, was er gehört und was er selber gesehen und der Vater saß dabei und schüttelte nur unablässig mit dem Kopfe. Und dann erzählte Hans weiter, wie er wieder zur Besinnung gekommen sei und wie Katharine an seinem Bett gelegen und gebetet und was sie dabei gesagt habe. Und jetzt nickte der Alte und sagte leise: »Ob ich's mir nicht gedacht – ob ich's mir nicht gedacht!«
»Und soll ich das Lieschen jetzt noch heirathen, Vater? könnt' ich's nach dem, was vorgefallen ist, je wieder recht von Herzen lieb haben? und hat's mir nicht damit selbst mein Wort zurückgegeben?«
Der Alte antwortete nichts, er war aufgestanden, kraute sich den Kopf und ging eine ganze Weile im Zimmer auf und ab. Endlich rief er: »Morgen früh reit' ich zum Traubenwirth hinüber. Gern thu' ich's nicht, aber Recht hast Du. Wenn die Sache denn einmal so steht, mag sich das Lieschen den Stadtmenschen nehmen. In die Stadt paßt es auch besser mit den weiten Röcken, als zu uns in die engen Stuben – und die Kathrine?«
»Sagt ihr noch nichts, Vater,« bat Hans, »ich möchte sie selber darum fragen; auch der Mutter nicht; heute Abend bin ich doch zu schwach. Das viele Reden hat mich angestrengt, vielleicht auch der Hunger; aber da kommt die Mutter mit der Suppe, die wird mir gut thun. Mir ist ordentlich zu Muthe, als ob ich in einem ganzen Jahre nichts gegessen hätte.«
Hans hatte Recht gehabt. Die vier Tage Fasten paßten nicht zu seinem Körper, und als er einen großen Teller kräftige Fleischbrühe aufgegessen, fühlte er sich besser, legte sich auf die andere Seite und schlief sanft und ruhig bis zum andern Morgen.
Nach Sonnenaufgang lugte der Vater in's Zimmer herein und fand den Sohn schon munter und wohl in seinem Bett aufsitzen.
»Bleibt's beim Alten?« frug er nur; Hans nickte, und der alte Barthold ging hinunter, setzte sich auf den Braunen und ritt hinüber nach Wetzlau. Hans aber, durch den herrlichen Schlaf neu gestärkt, ließ sich von der Mutter seine Kleider geben, die Sonntagskleider, mit denen er zuletzt drüben in der Traube gewesen war, dann setzte er sich in den Lehnstuhl. Das Ankleiden hatte ihn doch ein Bischen mitgenommen, und er sah wieder etwas blaß aus und sagte, als die Mutter bald darauf in's Zimmer schaute und frug, ob er noch 'was brauche:
»Mutter, ich möcht' gern einmal die Kathrine sprechen.«
»Kann ich's nicht auch besorgen, Hans?«
»Nein, Mutter, Ihr nicht. Die Kathrine kann wohl einmal heraufkommen; die hat noch junge Beine – sie hat mir so noch nicht guten Morgen gesagt – und kann mir auch gleich den Kaffee mit heraufbringen.«
Die Mutter schüttelte mit dem Kopf, that aber des Sohnes Willen, und eine kleine Weile später kam Katharine mit dem Verlangten, setzte das kleine Kaffeebret auf den Tisch, ging dann zu Hans, reichte ihm die Hand und sagte: »Guten Morgen, Hans; Gott sei ewig gedankt, daß Du wieder aufsitzen kannst und so gut und wohl dabei aussiehst.«
»Guten Morgen, Kathrin',« erwiderte Hans, ließ aber die Hand noch nicht sogleich wieder los, die sie ihm geboten, »freut's Dich wirklich, daß ich wieder gesund bin?«
»Aber Hans, wie kannst Du nur so was fragen? Glaubst Du's nicht?«
»Doch, Kathrine,« sagte Hans, »gewiß glaub' ich's und gern noch obendrein.«
»Und das Lieschen wird erst eine Freud' haben. Der Vater ist heute Morgen hinüber und bringt's vielleicht gleich mit. Die ist gar krank geworden vor lauter Sorge, die arme Maid.«
»Meinst, Kathrine, daß sie wegen meiner krank geworden ist?«
»Aber was Du nur heut für sonderbare Fragen thust, Hans! Wegen wessen denn sonst?«
»Ja, ich weiß nicht,« sagte Hans und schaute still und sinnend vor sich hin, er wußte aber doch, wegen wessen. Kathrine hatte indessen ihre Hand wieder frei gemacht, schenkte ihm den Kaffee ein und rückte ihm dann den kleinen Tisch zu dem Lehnstuhl, damit er die Tasse leicht erreichen konnte. Sie hätte es ihm gern noch bequemer gemacht, wenn es nur möglich gewesen wäre.
»Der Kaffee wird kalt, Hans, wenn Du nicht trinkst,« sagte sie, »er ist ohnehin ein Bischen dünn, aber die Mutter wollte nicht, daß ich ihn Dir stark kochen sollte, weil er Dir sonst schaden könnte, wie sie meinte. Trink ihn nur wenigstens, so lang er noch heiß ist.«
Hans hörte gar nicht, was sie ihm von dem Kaffee erzählte, denn ihm gingen andere Dinge im Kopf herum.
»Heut' in drei Wochen soll die Hochzeit sein, Kathrine,« meinte er endlich, und sah das Mädchen fest und forschend dabei an.
»Ja, ich weiß schon,« sagte Katharine, aber viel leiser, als sie vorher gesprochen, »das Papier ist endlich gekommen.«
»Hast Du nichts dagegen, Kathrine?«
»Ich? Aber Hans, wie Du nur heut' bist? Was kann denn ich dagegen haben? und weshalb?« setzte sie noch viel leiser hinzu.
»Ja, Du wärst aber doch eigentlich die Hauptperson,« meinte Hans; »die Braut hat doch das Meiste dabei zu sagen.«
»Hans, das ist schlecht von Dir, daß Du einen solchen Scherz mit mir machst,« sagte Katharine. Sie war leichenblaß dabei geworden und es war, als ob die blauen Augen ein paar Glasdeckel bekommen hätten, so lagen ihr zwei große schwere Thränen darin und füllten sie bis zum Rande aus.
»Und wenn's nun kein Scherz wäre, Kathrine?« sagte Hans und streckte die Hand nach ihr aus, »wenn nun das Lieschen falsch gegen mich gewesen und der Vater heute hinübergeritten wäre, um dem Traubenwirth die Heirath aufzusagen? Wenn ich Dir nun von Herzen gut wäre, Kathrine, und gestern auch gehört hätte, was Du an meinem Bett gebetet, und keine Andere weiter auf der Welt möcht', als Dich, und Dich von Herzen bäte, daß Du das Kind im Hause bleiben und nur dazu noch mein Weib, mein liebes Weib werden wolltest, Kathrine?«
»Hans!«
»'s ist mein Ernst, Kathrine,« sagte Hans treuherzig, indem er ihr nochmals die Hand entgegenstreckte. »Das Lieschen hält's mit dem Stadtherrn. Ich hab's selber gehört, wenn sie auch nicht wußte daß ich dabei stand, daß sie ihn von Herzen lieb hat. Sie hat's ihm selber gesagt und ist ihm dabei auch um den Hals gefallen. Da war's aus mit uns Beiden, und blind und taub bin ich gewesen, daß ich nicht schon lange eingesehen habe, daß wir Zwei hier doch am besten zusammen passen. Wenn Du mich haben willst, schlag ein, Kathrine, und ich will Dir gut sein mein ganzes Leben lang.«
Und Katharine sagte gar nichts dazu, aber neben dem kranken Hans kniete sie nieder und lachte und weinte und war so glücklich, daß ihr das Herz hätte zerspringen mögen in der Brust.
Und wie der Kaffee dabei eisig kalt wurde, kam die Mutter herein und blieb vor Erstaunen auf der Schwelle stehen und schlug die Hände zusammen. Als sie aber hörte, was hier vorgefallen und wie es des Traubenwirths Tochter drüben getrieben und wie falsch sie gewesen und wie gut Hans der Katharine sei und Katharine dem Hans, da setzte sie sich mit hin und weinte und lachte, gerade wie Katharine. Und jetzt kam's auch heraus, daß das ihr heißester Seelenwunsch gewesen und sie sich vor der Zeit eigentlich gefürchtet hätte, wo Lieschen als Schwiegertochter in das Haus gezogen wäre, eben weil sie immer so vornehm und gar nicht wie ein Bauermädchen war. Aber sie hatte trotzdem nichts sagen mögen, weil man bei solchen Dingen – worüber aber die Meinungen verschieden sind – eigentlich keinem andern Menschen zureden müsse.
Gegen Mittag kam der Vater zurück. Drüben in Wetzlau war's heiß hergegangen. Der Traubenwirth hatte noch von nichts gewußt, und Lieschen war vor ihm auf die Kniee gefallen und hatte ihm gestanden, daß sie den fremden Herrn liebe und daß er sie heirathen wolle. Und der Traubenwirth war außer sich gewesen und hatte seine Tochter von sich gestoßen und sie allerhand schreckliche Namen genannt, und das hatte der alte Barthold endlich nicht länger mehr mit anhören können und war wieder fortgeritten nach Dreiberg.
Und an dem Mittwoch über drei Wochen war wirklich Hochzeit und der katholische Pfarrer dazu aus der Stadt herausgekommen. Wie aber die beiden jungen Leute eingesegnet waren und Hans sein glückliches freudeglühendes Weibchen im Arme hielt, da meinte der alte Barthold: »Hans, erinnerst Du Dich wohl noch dran, was Du damals sagtest, als uns der Heimathschein ausblieb und Du Dich für den unglücklichsten Menschen in der Welt hieltest, weil Du das Lieschen nicht gleich Knall und Fall heirathen konntest? Ich glaube, es war: ›ich wollte, ich wär' todt und begraben‹ und ›kein Mensch in der ganzen Welt hat mehr Unglück, als ich.‹ War's nicht so?«
Hans ließ beschämt den Kopf hängen.
»Siehst Du nun,« fuhr der Vater fort, »wie wohl und weise es der allgütige Gott da oben einrichtet, wenn wir armen Sterblichen hier unten auch manchmal nicht gleich einsehen können, wozu das oder das wohl gut sein könnte? Am Ende führt er doch immer Alles zum Besten hinaus, und wir Alle arbeiten nur in seinem Dienst und dienen nur zu seinen Werkzeugen – selbst die langsamen Behörden da drinnen in der Stadt,« setzte er lächelnd hinzu. »Aber jetzt mag das Vergangene vergessen sein, und nun segne Euch Beide Gott und seid glücklich miteinander.«
Und Hans und Katharine waren glücklich, und die Eltern sollten nie im Leben bereuen, daß sie die kleine Waise damals an Kindesstatt angenommen und sich ein wirklich Kind daraus erzogen hatten.
An dem nämlichen Abend aber, an dem Hans und Katharine mitsammen Hochzeit machten, lief des Traubenwirths Tochter mit ihrem Schatz heimlich davon, und man hat nie wieder von ihnen gehört, denn sie gingen miteinander nach Amerika. Der Traubenwirth aber überlebte die Schande nicht lange, die ihm sein Kind angethan. Er kränkelte von da an, und wie das Jahr um war, trugen sie ihn still hinaus in sein letztes Kämmerlein.
Wie ganz anders reisen wir jetzt, als früher; was für ein Drängen und Treiben ist das, in dieser vollkommen neuen Welt des Dampfes und der Elektrographen. Wie schnell fliegen wir, wie schnell fliegt die Zeit – und wie langsam gehen doch noch so viele Menschen in ihrem alten, ausgetretenen Gleis neben der Eisenbahn her, ja hielten uns wohl gern noch auf, um mit ihnen in Einem Tempo zu bleiben, denn jeder rasche Fortschritt ist ihnen zuwider. Aber eben so machtlos griffen sie in die Speichen der Zeit, wie in die Dampfräder des Fortschritts, und wir fliegen keck und freudig an ihnen vorbei, und lassen sie nachkeuchen.
Die Fahrt mit dem Dampfwagen ist freilich nicht mehr so gemüthlich, wie die frühere alte Postfahrt. In unserer praktischen Zeit hat die Gemüthlichkeit überhaupt erstaunlich abgenommen. Jetzt regiert der Eigennutz in der Welt, und wer einen Eckplatz im Coupé bekommen kann, lehnt sich behaglich hinein, streckt die Beine vor sich hin, und kümmert sich nicht um den Nachbar.
Das ganze Reisen ist auch ein anderes geworden. Früher gehörte ein Entschluß dazu, den alten Wohnsitz zu verlassen, um irgend einen entfernten Ort zu erreichen. Vor allen Dingen mußte man sich einen Paß mit genauer Personalbeschreibung verschaffen – Tagelang vorher eingeschrieben sein, um nicht in einem lästerlichen Beiwagen befördert zu werden – und dann die Abschiedsvisiten. – Jetzt dagegen trägt man die Paßkarte fix und fertig in der Tasche – oder braucht sie auch nicht einmal, und ist aus irgend einem entfernten Theil Deutschlands zurückgekehrt, ehe nur irgend ein Mensch eine Ahnung hatte, daß man überhaupt fortgewesen.
Die Reisenden selber verband früher auch schon der gemeinsame Entschluß – die lange Fahrt mit einander. Wo zum ersten Mal Mittag gemacht wurde, saßen die »Passagiere« von den »Gästen« des Orts getrennt, im »Passagierzimmer« allein und abgeschieden, oder im Gastzimmer an einem besonderen Theil des Tisches. Abends kehrten sie zusammen ein; Morgens tranken sie gemeinschaftlich Kaffee, und hatten im Postwagen wieder ein gemeinsames Leiden zu besprechen, das sie enger verband: die Klage über das letzte Nachtquartier.
Wie hat sich das in unserer Zeit geändert. Jetzt werden wir mit einer Anzahl von Personen zusammengeworfen, die uns nicht interessiren können, da sie vielleicht schon auf der nächsten Station aussteigen – selbst das wohin bleibt sich gleich, da sie uns wahrscheinlich nie im Leben mehr begegnen. »Reisegefährten« – das Wort existirt gar nicht mehr; man grüßt sich höchstens, wechselt vielleicht ein paar Worte mitsammen, und kennt sich nicht mehr, sobald man aussteigt, trotzdem man vielleicht eine Strecke gemeinschaftlich zurückgelegt hat, die unter frühern Verhältnissen eine feste und dauernde Freundschaft begründet hätte.
Das macht der Dampf: die Concentration der Zeit, wie man es nennen könnte, mit der wir in ein Coupé erst zusammengepreßt, und dann wieder gewaltsam auseinander geschnellt werden. Wer kann sich dabei gemüthlich fühlen? Wo ist die beschauliche Ruhe beim Reisen geblieben, mit welcher der »Schwager« vor der Abfahrt ein paar Stücke auf seinem Horn blies und das durch Verspätung eingetretene Zurücklassen eines Passagiers ein Ereigniß gewesen wäre, von dem man auf der Strecke noch Monate lang gesprochen hätte. – Jetzt dagegen ein rasches Läuten, ein Pfiff, und fort geht der Zug, ein unglückseliges Menschenkind aber, das in diesem Augenblick noch vielleicht verzweifelnd aus dem Wartesaal stürzte, kann nur mit bestürztem Gesicht hinter dem Davonbrausenden drein sehen, wird noch dazu ausgelacht, und ist von seinen früheren Mitpassagieren im nächsten Augenblick vergessen.
Und wie oft geschieht das. Der alte faule Schlendrian steckt da noch in einer Menge von Menschen, und kommen sie einmal hinaus in's Leben, treten sie aus ihrer Studirstube oder Werkstatt in's Freie, so hält es ungemein schwer ihnen begreiflich zu machen, daß die übrige Welt nicht auf sie wartet oder ihretwegen da ist – aber der Dampfwagen bringt's fertig.
Und was für wunderliche Leute führt er zusammen.
Es war im August vorigen Jahres, daß ich mit dem Schnellzug von Leipzig nach Coburg über Eisenach fuhr, und zwar die ersten Stationen mit einem Fremden allein im Coupé, der sich trotz der warmen Witterung in einen ziemlich dicken Mantel gehüllt, und seine Reisemütze fast bis über die Ohren gezogen hatte. Vom Gesicht war dabei nur sehr wenig frei, und das Wenige selbst ununterbrochen in eine dichte Wolke von Cigarrendampf gehüllt.
Da ich selber unterwegs nur höchst ungern spreche und nie selber eine Unterhaltung anknüpfe, mein zeitweiliger Reisegefährte aber die nämliche Neigung zu stiller Selbstbeschauung zu haben schien, so nahmen wir in verschiedenen, und zwar gerade den entgegengesetzten Ecken des Coupés Platz und qualmten um die Wette.
In Naumburg bekamen wir einen Mitgenossen, der aber, während er sich dem Dicken gegenübersetzte, ganz das Gegentheil von diesem zu sein schien.
Es war ein dünnes, kleines Männchen, nicht älter vielleicht als dreißig Jahr, aber seinem Gegenüber ordentlich wie zum Trotz ganz in Nanking gekleidet, ja er hatte noch dazu seine Weste aufgeknöpft, und ging dadurch auch sogleich zu Feindseligkeiten über, daß er das bis jetzt fest verschlossene Fenster, ehe es der Dicke verhindern konnte, herunter ließ.
»Bitte, es zieht,« sagte dieser – es war das erste Wort, was er bis jetzt gesprochen hatte – und beiläufig gesagt auch das letzte, das ich von ihm hörte, aber selbst das nutzlos.
»Nichts geht über frische Luft« – sagte der Kleine in Nanking – »Sie haben ja hier einen Qualm, daß man ersticken möchte.«
Er suchte jetzt auch, wie sich der Zug kaum wieder in Bewegung setzte, ein Gespräch mit Einem von uns Beiden anzuknüpfen, aber es mißlang ihm gänzlich. Eine nicht wegzuleugnende meteorologische Beobachtung über »schönes Wetter« wurde todt geschwiegen – eine Frage wohin die Reise gehe, an den Dicken, fand keine Antwort; ich selber that als ob ich schliefe, und so rasselten wir selbander an Kösen, Sulza und Apolda vorüber nach Weimar.
Der kleine Mann war dabei völlig rastlos; unaufhörlich sah er bald nach seiner Uhr, bald nach dem Fahrplan, den er schon ganz zerknittert hatte; bald holte er ein Buch heraus zum Lesen, steckte es aber augenblicklich wieder ein. Jetzt nahm er eine Prise – die er auch dem Dicken anbot, der aber nur mit dem Kopf schüttelte, jetzt zog er sich den Schuh aus und ließ einen kleinen Stein heraus; kurz er saß keinen Augenblick still. Wo auch der Zug hielt, ließ er sich öffnen, und schoß eine Weile auf dem Perron herum.
Er suchte Jemand, aber nicht etwa einen Bekannten, sondern nur ein menschliches Wesen, mit dem er sich unterhalten konnte, ja in letzter Verzweiflung griff er sich sogar den Schaffner auf, der aber nur so lange bei ihm aushielt, als er Zeit gebrauchte seine Dose zu öffnen und ihm eine Prise anzubieten.
Endlich in Weimar fand er das Gesuchte. Dort stieg ein etwas sehr ausgetrockneter Herr mit einer Brille auf, in jeder Hand einen Reisesack tragend und von seiner Frau, einer kleinen lebendigen Brünette gefolgt, in das Coupé. Ein Dienstmädchen das sie begleitet hatte, reichte noch einen großen Tragkorb voll Hutschachteln, Sitzkissen, Vorrathskörben und Regenschirmen, wobei sie die Dame Frau Professorin nannte, in den Wagen, wünschte glückliche Reise und zog sich dann in die Arme eines mittelstaatlichen Infanteristen zurück, der diesen Moment mit großem Takt in der Entfernung abgewartet hatte.
Der Professor suchte indessen, wie der Zug abpfiff – der Kleine in Nanking hatte eben noch Zeit gehabt, wieder in das Coupé zu springen – seine Brille, und als er diese gefunden hatte, seine Cigarrentasche, die sich endlich in dem Arbeitsbeutel seiner Gemahlin fand. Hiernach vermißte er aber plötzlich seinen Secretairschlüssel – der mußte daheim auf dem Tisch liegen geblieben sein, und er schien einen Moment nicht übel Lust zu haben, dem Zug ein Halt zuzurufen. – Seine Cigarrenspitze hatte er ebenfalls »in der Eile« zu Haus liegen lassen, kurz, im Laufe der Unterhaltung, an welcher der Kleine in Nanking jetzt den lebendigsten Antheil nahm, stellte sich heraus, daß noch eine ganze Menge von Dingen vergessen zu besorgen oder zurückgelassen waren und es bedurfte einiger Zeit, bis sich die beiden Ehegatten soweit beruhigten, das Unvermeidliche eben zu ertragen. Es war einmal geschehen und nicht mehr zu ändern.
Wir erfuhren jetzt auch in unglaublicher Geschwindigkeit, daß der kleine Mann in Nanking bis nach Fröttstedt wollte, wo ihn seine Braut mit ihren Eltern, die aus Eisenach gekommen waren, schon erwarteten, um von da an die Pferdebahn nach Waltershausen zu benutzen und dann zu Fuß nach Reinhardsbrunn und dem Inselberg zu gehen. Er war ein Angestellter aus Naumburg, hatte aber auf zwei Tage Urlaub bekommen und gedachte diese kurze Zeit mit einer Parforcetour durch den Thüringer Wald an der Seite der Geliebten auszufüllen.
Der Professor mit seiner Frau dagegen – denn auch das wurde uns nicht vorenthalten – gedachten nur diesen einen Tag von zu Haus wegzubleiben, da die Kinder und dringende Arbeiten und Geschäfte eine längere Erholungsreise nicht gestatteten. Das Ehepaar wollte nur nach Eisenach, dort die Wartburg besuchen, in irgend einer romantischen Schlucht ihr Mittagsmahl verzehren, und dann mit dem Abendzug wieder nach Weimar zurückkehren.
Der Mensch denkt und Gott lenkt.
In der Unterhaltung hatte uns die Frau Professorin ebenfalls damit bekannt gemacht, daß sie eine Schwester in Erfurt habe, die sich ihnen möglicher Weise auf ihrem Vergnügungsausflug anschließen wolle – jedenfalls würde sie am Bahnhof sein, um sie zu begrüßen. In diesem Augenblick hielt der Zug in Erfurt. Der Schaffner öffnete die Thür.
Erfurt – vier Minuten Aufenthalt!
Der Kleine schoß wie der Blitz zur Thür hinaus; es war eine ordentlich peinliche Unruhe in dem Menschen – und die Frau Professorin sah sich indessen nach ihrer Schwester um; in dem Gedränge am Zug konnte sie dieselbe aber nirgend erkennen, und da sie entfernter – wie sie ihrem Gatten zurief – einen blauen Hut zu entdecken glaubte, trat sie hinaus, um die Ersehnte zu finden.
Der Professor zeigte dabei nur geringe Theilnahme an dem Familienglied, sondern suchte wieder seine Brille, die er sich, wie er uns mittheilte, genau erinnerte beim Einsteigen gehabt zu haben, und die jetzt wie in den Boden hinein verschwunden schien. Er kniete nieder und suchte – in der verzweiflungsvollen Möglichkeit, daß sie unter die Füße gekommen sei – unter den Sitzen, griff hinter in die Polster, öffnete die Arbeitstasche seiner Frau und schien untröstlich über den Verlust. Er hörte dabei gar nicht wie es läutete, und kam erst wieder mit der Außenwelt in Berührung, als er die vermißte endlich in der Cigarrentasche entdeckte, in die er sie in Gedanken, wie in ein Futteral, hineingeschoben hatte. Zu gleicher Zeit fuhr aber auch der Kleine in Nanking in das Coupé, das unmittelbar hinter ihm geschlossen wurde und draußen pfiff es.
»Wo ist denn Ihre Frau Gemahlin?« sagte der Naumburger erstaunt.
»Herr Gott, meine Frau!« rief der Professor, und stürzte an diesem vorbei nach dem Fenster, das der Dicke schon hartnäckig wieder aufgezogen hatte. – Der Zug setzte sich langsam in Bewegung, in zitternder Hast ließ der unglückliche Gatte das Fenster nieder und fuhr mit dem Kopfe hinaus.
Draußen war noch eine Thür geöffnet, der Schaffner stand dort und neben ihm die Frau Professorin in athemloser Hast.
»Das ist nicht mein Coupé!« rief sie.
»Steigen Sie nur hier ein,« drängte der Schaffner.
»Elise!« rief in dem Augenblick der Gatte, und »dahinein gehör' ich!« antwortete jubelnd die Frau und flog auf dem Perron herunter, uns entgegen. – Aber hier war keine Thür mehr geöffnet und der Zug im Gang. Der Schaffner konnte nichts weiter thun, und »machen Sie auf! machen Sie auf!« schrie die Frau draußen und griff krampfhaft nach dem Schloß. Die Thür öffnete sich aber natürlich nicht, da sie nach unten von dem eisernen Vorleger gehalten wurde, und dortstehende Bahnbeamte sprangen außerdem gleich dazwischen, denn die geängstigte Frau hätte sonst verunglücken können. An Einsteigen war gar kein Gedanke mehr.
»Da drinnen sitzt mein Mann! Ich muß mit!« Das war das letzte, was wir von der Frau Professorin hörten, und der Professor, der den Kopf aus dem Wagen steckte und seine Frau mit den Augen suchte, bis der Zug unter den Festungstunnel schoß und er erschreckt zurückprallte, sank jetzt auf den Sitz am Fenster zurück und jammerte –
»Ja Du mein Gott, was soll jetzt werden!«
Der Kleine in Nanking tröstete ihn. Von der nächsten Station aus konnte er zurücktelegraphiren, daß ihm seine Frau mit dem bald nachkommenden Güterzug folge. Um fünf oder halb sechs waren sie dann immer wieder in Eisenach beisammen und es blieb ihnen an dem langen Sommerabend noch übrig Zeit zu einer recht hübschen Partie nach der Wartburg.
Der Professor griff dabei wie unwillkürlich an seine Westentasche und sagte:
»Wenn sie nur nachkommt – sie hat die Kasse.«
Es ließ sich aber vor der Hand wirklich nichts Anderes thun, und in Dietendorf hielt der Zug kaum, als der Professor schon nach dem Schaffner schrie, um die Thür geöffnet zu bekommen.
»Machen Sie rasch, es geht gleich wieder fort!« rief ihm dieser nach, aber der Professor hörte schon nicht mehr und sprang in flüchtigen Sätzen in das Telegraphenbüreau.
Hier stieg, während der Kleine in Nanking auf dem Perron lustwandelte, ein anderer Passagier ein, der sich dem Dicken gegenübersetzte und den Bahnzug nur als Droschke zu benutzen schien. Er war nicht allein sehr anständig, sondern auch sehr sorgfältig gekleidet, in schwarzem Frack und eben solchen Beinkleidern, seidener Weste und tadellos geknotetem weißen Halstuch. Ueberhaupt hatte er in seinem ganzen Wesen etwas Aengstliches und peinlich Ordentliches, das nirgends weniger hinpaßt, als in ein Eisenbahncoupé.
Als er einstieg und schüchtern grüßte, nahm er seinen zu einem Spiegel geglätteten Hut ab und setzte ihn vorsichtig neben sich hin, nahm ihn aber augenblicklich wieder in die Höhe, strich mit einer kleinen Taschenbürste die etwa verschobenen Haare sauber glatt, und setzte ihn wieder auf. Er schien sogar die entschiedene Absicht zu haben, ein paar fleckenlos neue weiße Glacéhandschuh anzuziehen, besann sich aber doch noch bei Zeiten eines Besseren, wickelte sie wieder zusammen und schob sie in die Tasche zurück.
Einen blauseidenen Regenschirm, obgleich keine Wolke am Himmel stand, hatte er neben sich auf den Sitz gelegt. Da schlug die Glocke wieder scharf dreimal an, und mit dem letzten Schlag saß der in Nanking im Coupé und auf dem blauen Regenschirm, von dem er aber, sich entschuldigend, wieder in die Höhe schnellte. Die Thür war geschlossen.
»Herr Jesus! ist denn der Professor noch nicht da?« rief er. »Heh Schaffner! es fehlt noch eine Person.«
Ein Pfiff antwortete ihm und fort rollte der Zug. Wir hörten noch etwas rufen, sahen wie die weiter vorwärts am Perron stehenden Leute lachten – und nichts mehr. Der Professor hatte sich subtrahirt.
»Na das ist göttlich!« rief der Kleine in Nanking – »jetzt will der gute Herr eine Vergnügungstour mit seiner Frau machen, und hat in der ersten Stunde sich, seine Gattin und sein Gepäck auf drei verschiedenen Stationen. Na wie die sich wieder zusammen finden wollen, ist mir auch ein Räthsel.«
»Hat Jemand den Zug versäumt?« frug der Herr im schwarzen Frack, indem er seinen etwas zerdrückten Regenschirm vornahm, wieder halb öffnete, schloß, glättete und dann hinter sich legte.
»Nun natürlich,« lautete die Antwort – »ein Professor aus Weimar – was fangen wir jetzt mit den Sachen an?«
»Wir kommen um halb drei Uhr nach Gotha,« sagte der Ordentliche im schwarzen Frack – »und um drei Viertel auf drei Uhr trifft der Schnellzug von Eisenach in Gotha ein. Wenn Sie die Sachen nach Dietendorf zurückschickten, hätte sie der Herr in einer Stunde wieder.«
»Hm, ja – das ginge – aber er will ja eigentlich nach Eisenach, und wenn sie sich nachher wieder versäumen – oder gar nicht wissen, das daß Gepäck zurückkommt.«
»Man könnte ja von Gotha aus telegraphiren,« meinte der Ordentliche.
»Hm – ja wohin gehen Sie?«
»Nach Gotha –«
»Wollten Sie dann die Güte haben und das Gepäck da irgend einem Bahnbeamten übergeben?«
»Ich werde sehr bedauern müssen keine Zeit zu haben,« sagte der Ordentliche verlegen – »ich bin zu einer – ich muß sehr pünktlich sein, denn ich bin bis halb drei Uhr hinbestellt, und wir haben uns schon von Dietendorf aus um« – er sah nach seiner Uhr – »um sieben Minuten verspätet –«
»Gut, dann thu' ich's,« sagte der kleine gutmüthige Mann entschieden. »So viel Zeit bleibt in Gotha, und ich versäume den Zug nicht.«
Dabei zog er seine Brieftasche heraus und formulirte – so gut es das Schaukeln des Eisenbahnwagens erlaubte – das Telegramm, um in Gotha nicht zu viel Zeit zu brauchen.
Das Gespräch war damit abgebrochen, und mich interessirte dabei besonders der Dicke, der bei den bisherigen Zwischenfällen auch noch durch keinen Blick die geringste Theilnahme verrathen, sondern immer nur still aber heftig vor sich hingequalmt hatte.
Jetzt stierte er durch den Rauch sein Gegenüber, den Ordentlichen an, der sich aber nicht wohl unter dem Blick zu fühlen schien und wie verlegen allerlei kleine Beschäftigungen vornahm.
Er holte eine kleine, mit einem Miniaturspiegel versehene Haarbürste heraus, suchte vorher mit Hülfe des Spiegels einen Blick auf seinen Cravattenknoten zu gewinnen – was aber vollständig erfolglos blieb, und ging dann zu den etwas widerspenstigen Haaren über, die sich aber, trotz allem Bürsten, auf dem Wirbel wie zu einer Art von Scalp-Locke emporsträuben wollten, mochte er sich noch so viel Mühe damit geben. Danach ging er wieder daran sich abzustäuben – vom Rockkragen nieder bis zu den glanzledernen Stiefeln. Sonderbarer Weise hatte gerade ihm, vor allen Anderen, ein tückisches Schicksal – oder vielleicht eine Schwalbe – den Rockkragen verunreinigt, aber trotz allem Bürsten berührte er nie den Fleck, während der ihm gegenübersitzende Dicke seinen Blick – ohne jedoch eine Sylbe zu äußern – immer hartnäckig auf den Punkt gerichtet hielt.
Der im Pelz rauchte dabei ununterbrochen fort, und da er seine Cigarre nie abstrich, fiel die Asche ein paar Mal ab, rollte an seinem Mantel nieder und auf die Knie des Ordentlichen, den er dadurch, ohne sich je zu entschuldigen, in steter Beschäftigung und Aufregung hielt. Es hatte dem unglücklichen Menschen nämlich nicht entgehen können, daß ihm der so unheimlich Eingehüllte stets auf den Rockkragen stierte, und mit der Ahnung, daß dort etwas nicht in Ordnung sei, besaß er doch zu viel Schüchternheit, um sich danach zu erkundigen.
Der Mann war offenbar zu einer Audienz befohlen oder machte eine Visite, um irgend eine Anstellung zu bekommen – jedenfalls hatte er Angst vor der nächsten Stunde.
Jetzt pfiff die Locomotive wieder.
»Gotha,« sagte der Ordentliche, als er aus dem rechten Fenster sah und dabei in einem halben Seufzer stecken blieb. Der schreckliche Mensch ihm gegenüber sah ihm noch immer unverwandt auf den Rockkragen, und er hätte gern noch einen letzten Versuch mit dem Spiegel gemacht, aber – es war zu spät. Eben rollte der Zug vor das Stationsgebäude – hilf Himmel! die Uhr zeigte auf acht Minuten über halb drei – und mit einem raschen »Empfehle mich Ihnen ergebenst!« flog der Unglückliche zum Wagen hinaus und seinem Schicksal entgegen.
Der in Nanking verrichtete indessen sein Liebeswerk. Einen der Beamten, von denen mehrere auf dem Perron standen, übergab er rasch die zahlreichen, dem unglücklichen Professorpaare zugehörenden Gegenstände, und glitt dann wie eine Eidechse in das Telegraphenbureau hinein, um die Depesche nach Dietendorf aufzugeben. –
Und wenig genug Zeit wurde ihm dazu gelassen, denn gleich darauf läutete es schon wieder zur Abfahrt. Der Zug hatte acht Minuten versäumt und die mußten wohl oder übel wieder eingebracht werden.
Sollte sich auch der Mann in Nanking auf diesem verhängnißvollen Zug – nein – da kam er herausgeschossen und setzte sich rasch auf den von dem Ordentlichen geräumten Platz, dem Dicken gegenüber. Kaum saß er, als der Schaffner die Thür, an der das Fenster wieder heruntergelassen, zuschlug, dann auf den eisernen Gangweg stieg und, während sich der Zug in Bewegung setzte, sagte:
»Billets nach Fröttstedt, meine Herren.«
Es war noch ein junger Mensch mit einem kleinen Tornister eingestiegen, der eben dorthin und wahrscheinlich auch eine Vergnügungstour in den Thüringer Wald machen wollte. Die Beiden lieferten ihre Billete ab, der Schaffner verschwand draußen, um sich in sein eigenes Coupé an den Eisenstangen hinzufühlen, und der kleine Mann in Nanking sagte:
»Alle Wetter, das ging geschwind – die konnten mir da drin nicht so schnell herausgeben, und beinah hätt' ich auch einen dummen Streich gemacht und den Zug versäumt. Na, das wär' eine schöne Geschichte gewesen – Jemine, und die Schwiegereltern in Fröttstedt.«
Die einzige Antwort, die er von dem Dicken bekam, war eine ausgestoßene Dampfwolke, die einem jungen Schornstein Ehre gemacht hätte. Der kleine lebendige Mann aber mußte sich, mit dem ersehnten Ziel dicht voraus, irgend Jemanden mittheilen, und da er keine andere fühlende Brust im Coupé fand, so wandte er sich an den Gymnasiasten, dem er, ebenso wie vorher der Frau Professorin, erzählte, wer ihn in Fröttstedt erwartete, und was für eine fidele Partie sie nachher machen wollten. In Reinhardsbrunn im Gasthof war auch schon das Essen genau auf die Stunde bestellt, ebenso ein Führer und Gepäckträger, kurz Alles auf das Genaueste und Pünktlichste geordnet. Es gereichte ihm dabei zu großer Befriedigung, als er von dem Gymnasiasten erfuhr, daß die Pferdebahn auch direkt abgehen würde, denn der von Eisenach kommende Schnellzug treffe unmittelbar nach ihnen in Fröttstedt ein.