Zu einem Mädchen, das er gehabt, sagte der blondperückte Übersetzer Shakespeares: „Liebes Kind, vergiß nie diese weihevolle Stunde, wo A. W. von Schlegel dich küßte!“ Ich nehme an, daß der Geck sie auf den Mund liebkoste. Die deutschen Essayisten haben dieselbe Gespreiztheit, aber sie haben ihre Muse mit dem gleichen Hochmut nur auf den Hintern geküßt. Sie haben nicht genug Geist, um klar sein zu können und sie verfügen über zu wenig Kenntnis der Welt, um einfach die Zeit zu erblicken, sie besitzen daher genügend Anmaßung, um das nicht einmal eingestehen zu wollen. Ein Essai ist kein dürrer Gaul, aber er ist auch keine fette Dirne. Er ist: man selbst.
Kam aber einer, der von dem liebenswürdigsten der Lessingperiode, von dem Peter Helfferich Sturz die Grazie, von Merck die Ironie, von Lichtenberg die tolle Bitterkeit hatte, kam ein Hahn, so schön wie Heine und prunkte seinem Erbteil noch den Kampfruf von europäischer Höhe hinzu, so schmähten ihn die seichten Enten der banalen Gewässer, aber die großen Chemiker der Prosa höhnten: Journalist. Ist dies Land nicht seltsam, wo die Berufe sich miteinander bombardieren, ein Musiker ein Schuster, ein Dichter ein Reporter, ein Journalist ein Schwärmer gezankt wird und wo Keiner Respekt hat vor der Vollendung, die jedes Handwerk zu erreichen in der Lage ist?
Geliebter Heine! Welche Fülle saß hinter seiner Glätte und welche Tapferkeit nistete in seinem Hohn. Welche Reife über seiner Eleganz und welche Idee hinter der zart gefalteten wasserklaren Verästelung der Begriffe! Ihm war der Tiefsinn nicht fern, und wenn er der schlechten Dunkelheit der Deutschen spottete, war er ihnen näher, weil er sie liebte, als wenn er mit Lot und Blei ihnen in ihren Wirrwarr gefolgt wäre, den er verachtete. Er konnte auch dies. Aber er wußte, daß es nicht darauf ankam, die Welt zu verschleiern, sondern ihr Geheimnis zu zauberschöner Figur zu enthüllen.
Er hat die schönste deutsche Prosa geschrieben, hat die Landschaft erlebt, seine Feinde gezüchtigt, seine Hasser übergangen, hat verachtet und maßlos Deutschland geliebt und um die Freiheit geworben wie ein Geliebter, und hat seine Sprache mit seinen Gefühlen durchschritten wie ein Page so erlesen und wie ein Gentleman so groß. Er hat versucht Sprache gesellschaftlich zu machen, und hat sie wahrlich aus den schönen Wäldern und aus den unklaren Schwülsten in die Üppigkeit eines noblen Barocks geleitet. Da aber schrieen genial erscheinende Strizzis, es habe zur Journaille hin gemeutert. Er hatte aber nur die Flüssigkeit einer Höhenlage erreicht, die ihn über alle in ihren Goldton stellte. Dann starb er im Exil, furchtbar von den Göttern heimgesucht, die ihm zu seinem Siechtum immerhin die Gabe nicht vorenthielten, es mit der inneren Schönheit seiner Sprache wie ein Genius zu überstehen.
Nichts, Mijnheer, wird uns gegeben, was wir nicht zahlen müssen, und für die Höhe jedes Glückes wird uns die Rechnung eines Tages gewiesen. Sie wissen es wie ich und ahnen, daß gutes Leben und beneidetes Schicksal nur in der Kunst besteht, mit der wir diese Narben maskieren. Tyche, die Glücksgöttin, die der Okeanos auswarf, hatte zwei Steuerruder in der gleichen zarten Hand, das des guten und das des üblen Ausgangs und lenkte sie, wie es ihr gefiel, indem sie die Sterne ansah, aber die wirklich Lebendigen haben immer ebenso wie die Spieler an sie als die nur richtig und glückhaft Steuernde geglaubt, weil ihre Steuerung oft ins Rechte führte. Schon Pindar jubelte ihr als dem unbedingt Glückbringenden zu, und der Sklave Servius Tullius setzte ihr Tempel, als er auf dem Throne saß. Man muß nur vertrauen.
Höben Sie jetzt ihre kleine Pistole Mijnheer, so schössen Sie ins Nichts, denn was sollten Sie anderes treffen als das heulende Dunkel um den Schnee. Und doch lockt es mich hinaus von den Kerzen, und von den verschneiten Wäldern zog es mich die ganze Nacht schon in die Dämmerbläue des Südens, obwohl ich nichts weiter wünsche, wie noch Wochen auf dem Berg hier zu bleiben und die Kämpfe des Frühjahrs mit dem Firnschnee zu sehen und zu empfinden, wie die schwarze Sonne des Mai die Matten auflodert zu Wolken von Geruch und den Schneeharsch der Nordseiten mit dem gierigen Maul der Panterin beleckt. Aber wie lockt mich toll der Gedanke an Brioni, daß ich den Hafen von Marseille wieder sehe und das Donnern der Jetée vor dem Blumengarten von Genf wieder höre. Es reißt uns immer aus einem Zustand des besitzenden Glücks in die Leere nach neuem und, seltsames Widerspiel der Kräfte, trägt uns die Blutfahrt von der Eroberung zu dem Verlassenen zurück. Welches Glück, welche Wanderschaft, mit der wir kreisen um unsere Achsen und, ach, welches Vertrauen, daß Tyche das Steuer richtig warf.
Im Norden Schwedens erzählte mir der Dichter Didring, daß es ihn treibe aus den wundervoll gewellten Wiesen, aus den Wäldern mit dunkelblauen Schatten Skånes und Smålands, im Lauf der Jahre, in die Gletscher aufzubrechen, die das Gebirge zwischen Lappland und Rußland formieren, bei den Bahnarbeitern in Baracken zu leben wie ein Hund, die Sonne aufgehen zu sehen wie einen geliebten Stern der Heimat und dann wieder, das Herz von Entbehrungen voll wie ein Wolf aber in Glück gebadet, zu den rauschenden Pappeln und den Silberwinden seines Südens zurückzufahren. Welcher Widerspruch, Mijnheer, der Gefühle, und wo, wenn dies unsere Wegfahrt ist, fängt Glück an, hört Glück auf? Denn, wenn es da ist, fühlen wir es nicht, und wenn es war, wissen wir es wohl, aber es ist schon Legende hinter den Wäldern und Jahren. Man legt sein Leben daran, es, wie die bengalischen Jäger den Tiger, mit Raketen aufzujagen und erkennen später vielleicht einmal, daß unbeachtet von uns, in der stillsten Stunde, auf einfachstem Lande, das Glück uns die Bestimmung und die lichteste Minute auf die Schultern warf. Was wollen Sie, was bleibt?
Weiterleben.
In Elis stand Tyche schon groß neben dem kleinen Halbgott der Stadt als die Schützerin, denn man glaubte so stark an ihren guten Wurf, daß sich die Zuversicht schon zum Monument verdichtete. Aber man war nicht gesonnen, anzunehmen, daß das Steuer nach der dunklen Seite falle, und die recht Lebendigen haben den Gedanken, daß das Furchtbare komme, stets mit der überlegenen Lache behandelt, mit der aus dem vollen Prunk des Rokoko der Herzog von Lauzun von dem Miserabelen sprach: „Ich behandelte es nach Kavaliersitte, es wurde zur Treppe hinuntergeworfen.“
Als wir vom Theater sprachen, dachte ich einen Augenblick, es sei vielleicht an der Zeit und ein guter Stil, die alten Häuser der Melpomene abzubrechen und mit Autos und Zelten durch die Hauptstädte der Welt und ihre Landschaft zu rasen, und, wo die Entfernungen nichts mehr gelten, die Kulte der Völker, von ihren wild gewordenen Maschinen aus, durcheinanderzuwerfen und so einen großen Stil der internationalen Vaganten wieder zu kreieren, aber auch die Völker wie mit Blitzen untereinander und ohne die üblichen Sentimentalitäten zu befruchten. Der Flieger Manucci stieg mit seinem Zweidecker über die Poebene und streute aus viertausend Meter die Asche seiner Geliebten auf das Land, das er liebte, und auch in seiner modernen Geste stak die sinnbildhafte Liebe zur Befruchtung. Warum sollte eine neue Generation nicht, da die alten Tempel überall versagen, vom Tempo ihrer Zeit aus, auch wenn es verbrecherisch ist aber wie alles Böse und Dämonische nicht ohne erhabene Schönheit, warum sollte eine neue Generation nicht ihren Ausdruck und ihre Zufriedenheit mit ihren verzehnfachten PS erjagen?
Aber als ich die Diva gereckt wie eine Liane und mit der Spannung der großen Katzen über den Körper durch den Schneesturm in das blendende Hell der Halle treten sah, reizte mich als das Zeitlichere die Filmform ihres Lebens. Denn diese Leute haben nicht nur Erfolge, sondern auch Wirkung, sie geben nur ihre Körper hin, aber sie sind nicht verpflichtet ihre Seelen hinauszuspeien. Sie haben den Beifall und das Publikum der Millionen, sie erreichen die Schichten der Menschheit, die keine Zeitung, keine Mobilmachungsordre, kein Gesetzbuchparagraph, selbst kein Beauftragter Gottes mehr erreicht und sie haben den einzigartigen Vorzug, daß sie nicht an die Sprache ihrer Heimat, sondern an die gesamte Menschheit nur verpflichtet sind. Welche Breite, welcher Radius.
Aber auch welche Fülle, wenn sie aus den elektrischen Kanonaden der Ateliers hinaustreten und ihnen, denen die Landschaft der Natur in ihrem Gewerbe lieblich schaukelt wie keinem anderen der Berufe, heute von den Sprunghügeln des Engadin herunterfegen können und morgen die Motorjachten des Züricher Sees überfüllen, später den Bobsleigh in Oberwiesental führen, Skijöring in Partenkirchen, Fuchsjagd über den Schnee Oberhofs und Kitzbühls treiben, auf den Kamelen von Tunis schwanken und ohne über einen Scheck von märchenhafter Größe zu erbleichen, sich beim Valutastand von einigen Tausend auf den Dollar nach den Prärien von Texas, den Quecksilberurwäldern Mexikos und den Bergen des Dalai-Lama aufmachen. Dies Leben ist zeitgemäß wie nur eines, denn es verneint alle Schwierigkeiten der wirtschaftlichen Krisen, hat die Richtung nach der natürlichen und prunkvollen Erhöhung des Daseins, ohne dabei seinem Wurfspieße zu entgehen oder sein Dunkel nicht zu kennen. Es ist allerdings keine Kunst.
Aber was ist Kunst? Gehen wir schlafen. Denn die Sehnsucht nach der Festlichkeit anderer Völker, nach Walpurgis auf Hasselbacken, nach Micarême in Paris, nach der Weihnacht der Magyaren schneit mit dem Triebschnee gegen die Züge der Fenster. Kunst ist: mit Dreißig Jahren sein Leben auszubalancieren, daß die Leistungen aber auch der Genuß in die erste Reihe des Möglichen treten. Je suis l’ami des bons jours. Aber ich liebe die Nächte auch. Schlafen Sie tief, aber nicht lang. Das Wetter ist ein Weib und wirft uns vielleicht Sonne durch den Morgen herein.
Das Wetter ist ein Weib, Mijnheer, die Sonne hat geschienen und in den Kerzen liegt noch das beglückende Gefühl dieser Minute, als das Gestirn, selber zitternd vor Wonne, die Riesenschleife über das Bärental begann. „Apportez-moi une femme,“ schrie Bonaparte nach Marengo, er hatte das Wunder abgeschlossen und begab sich zu seinem Widerspiel in den Realitäten.
Wären Sie die Frau, Mijnheer, mit der ich vor Jahren einen halben Monat hier oben verbrachte, ich spräche lieber zu ihr wie zu Ihnen heute und ich sagte ihr statt Ihnen, weil man Gedanken aus einem Zustand der Beglückung nur an einen Gegenstand des Glückes zu adressieren vermag, ich sagte ihr:
„Liebe, im Schloßgrün Favorits ließ ein früherer Markgraf einen Türken aus dem Bett seiner Gemahlin ziehen, enthaupten und stellte das Monument seines Kopfs auf den lieblichen Brunnen, aber er vermochte nicht zu verhindern, daß das Auge des Mongolen das Schlafzimmer der tollen Dame mit einer mörderischen Melancholie im Blick hielt. Selbst den Tod tragen die Männer durch die Kunst den Frauen wie eine Bereicherung wieder zu. Wie viel heftiger muß ihr Leben jede Sekunde bereit sein, an sie verschwendet zu werden. Säßest du statt an dem Kamin, dessen Buchenfeuer dem Spiel deiner braunen Muskeln Salut knattert, nach sieben Frühlingen und sieben Sommern, die du mit mir verlebtest, an einer Bai, bei Sankt Malo am Hafen, in einem Fischerhaus Swinemündes, einer Villa Partenkirchens, ich umgäbe dich nach soviel Leben erst mit Kunst. Aber ich würde vorher versucht haben, dir alles zuzuführen, was an Entzückungen, Werten und Erfahrungen, an Reisen, Steinen, Wollüsten und Leiden mir zugänglich und auf dich übertragbar ist, so daß du erst aus dem vollsten Rahmen und glücklichsten Reifsein des Daseins heraus dich zu seinen seltsamen Spiegelungen in der Kunst wendetest, die manchmal noch gelungener aber, gestehen wir es, nie so sehr Himmelfahrt sind wie es selbst. Erst wenn man viel gelebt und fast alles erfahren, manches genossen und das meiste durchforscht hat, bekommt der Abglanz des gedachten und gestalteten Daseins jene wundervolle Süße, die dem Lebendigen sein Dasein bejaht und gereinigt zurückreigt.
Ohne das sind Bücher langweilig wie tote Ratten und das Leben nur hat „chien dans le ventre“. Ein schöner Mann flößt, wie die Chronik sagt, den Frauen Vergnügen ein, jedoch ein Buch von seinen Träumen allein dürfte sie beträchtlich verkühlen. Ich weiß, daß ich die Leiber des Rubens und Boucher und Ingres aber auch die der blühendsten Statuen erst begriff, als ich reell wußte, wie süß die Vertiefungen an den Gelenken der Lebenden, wie reich die Brüste, die mit der ganzen Wurzel den Busen umfangen, wie herrlich die Kreise über den Hüften, wie rührend die Übergänge des Brustkorbs und des weichen Unterleibes und wie heiß die Linien der Schenkel und Waden aus dem Leben selber entgegenschlagen. Und auch erst, als ich das dritte Jahrzehnt meines Daseins rastlos benutzte, alles zu wissen und das Mögliche zu erfahren aber das Unausdenkbare selbst noch zu erfassen, erst nach dem Gelebten gelang es mir in breiterer Fülle das Gespinst der Kunst und des zu Gestaltenden bis in die Tiefen zu durchprüfen, zu verwerfen oder zu begrüßen, je nachdem es unter dem Anhieb vor Berufung brannte oder als Schwindel verknallte.
Kunst ist keine Sache neben dem Leben her, sondern springt aus dem Dasein wie ein Tier aus der Mutter und wird begriffen nur durch das Beispiel der großen Erzeugerin. Es ist verächtlich, der Kunst leben und das gewaltig sie überrollende Leben nicht sehen zu wollen, aber jedes weit und herrlich gelebte Dasein kehrt, zum mindesten in dem erreichten Gleichmaß seines Wuchses, als Beispiel der Vollendung zur Kunst zurück.
Was man Frauen sagt, muß man vorsichtig sagen. Es wird zu leicht eins vom andern getrennt. Als Herr Herwarth Walden, berühmt durch die Proklamation wichtiger Maler der Moderne und scheinbar auch durch Kompositionen eigner Hand, in Paris bald nach dem Krieg ein Konzert gab, schrieb er in seiner Zeitschrift, es sei ein immenser Sukzeß gewesen, selbst der chinesische Gesandte habe als dem ersten europäischen Konzert seines Lebens dem seinen beigewohnt. Der Gesandte aber hatte lachend später gesagt, er habe geäußert, zwar detestiere er Musik und sei unbeschreiblich unverständig auf diesem Gebiete, aber in Anwesenheit so schöner Frauen (die ihn mitgebracht), habe er zum erstenmal in seinem Leben es vermocht, einer Musiksache beizuwohnen bis zum Ende. Ich will sagen, um mich deutlich zu fassen, es verdrießt mich zu sehen, wie die Frauen mit Buddhas Sprüchen und Konfutses Epigrammen und des Grafen Hermann Keyserling (in Darmstadt für die ihn unterstützenden jüdischen Finanzleute Deutschlands modisch aufgezäumten) Freibeuter-Wahrheiten herumlaufen, Frauen, deren Lebensradius kaum den Kilometer ihrer Heimatstädte durchmißt und die von Kindergebären und Motorrädern ebensowenig wissen, wie sie davonlaufen, wenn sie einen Epileptiker fallen sehen. Ich finde es komisch, eine Blaugestrumpftheit gegen das Dasein zu züchten, statt die blassen Literaturhyänen erst durch das erlebte Dasein auf diese Papiersachen loszulassen. Es verdrießt mich, Sportmädels mit schönen Körpern mit dem Strindberg und Dostojewski unter dem Arm durch die Landschaft rennen zu sehen, als sei es nicht der offenbarlichste Greuel, zu so viel Frische so viel wohl künstlerischen aber abscheulichen Ballast zu packen, und als gehöre zu der Anmut der kühnen Jugend nicht die Feurigkeit und der freche Adel eines apollonischeren Dichters.
Ach, es versteht niemand mehr heute die Kräfte und die Mittel zueinanderzupassen, und die ausgewählten und füreinander bestimmten Elemente des Lebens marschieren nicht zueinander. Die Frauen tragen Kostüme, die ihrem Wuchs nicht entsprechen, essen Krebse im Frühjahr, Gänse im Sommer, Aale im Winter, und tragen Farben, die barbarisch die Natur rebellieren, statt dem Beige der Birke im Herbst und dem gedämpften Lila des Rhododendron im Frühling oder dem gepflegtesten Grün der atlantischen Zeder im Sommer sich anzuschließen. Sie treiben den Sport, der ihrem Körper nicht paßt, entblößen die Partien, die sie verschweigen sollen, und verhüllen die Décolletés, die am vorzüglichsten sie ehren. Sie fahren in Wagen durch die Parks, in denen man an Fontänen auf dem Rücken liegt, und pilgern zu sportlichen Festen in Wüsten von Sand und Asphalt, die man mit den schnellsten Motoren gern flöhe. Sie reisen zu Zeiten, wo die Hitze jede Landschaft unerträglich macht und verkennen die schönen Falten der Jahreszeiten, wo im anschwellenden April und im ausgeweiteten Oktober der Glanz des Jahr-Beginns und das Kupfer seines Endens voll Schönheit unser Klima überfunkelt. Sie wissen ihre Zeit nicht zu ihrem Leben zu passen, scharen sich zu ihrem Widerpart, treffen ihre Glückskrisen an den abscheulichsten Stellen, pflegen ihre Körper zu den falschen Jahreszeiten und wenn sie suchen ihr Leben mit dem Adel einer Haltung zu vereinen, züchten sie einen Geschmack von Blech oder eine Kultur von Benzin.
Ihre Hände sind wohl manikürt und auf den Nägeln gerötet aber sie haben nicht die glücklichen Linien beachtet und wissen die Siegeszeichen und die des Todes nicht von denen der tötlichen Anmut und der Bestimmung zur rasenden Liebe zu unterscheiden. Sie haben Risse zwischen sich und ihrer Umgebung, sind geblendet vor ihrem eigenen Blut und wenn sie ihren Stil zu haben glauben, haben sie den Schwanz ihres Bullis in der Hand oder das Hirn eines anderen in der Pfanne oder statt dem Geliebten den Kühler des Autos am Herzen. Du lächelst. Ich rede wie ein Père noble der französischen Bühne. Eine kluge Frau zu lieben, sei das unbestrittene Vorrecht der Päderasten, sagte lachend ein Wüstling, aber er wußte nicht, daß es Frauen gibt, die den Vorzug besitzen, ihren Verstand nicht aus den Schriften von Waldemar Bonsels oder des Doktor Steiner aus Stuttgart, sondern aus einem alles klug beherrschenden aber sich nicht versagenden Leben genommen zu haben.
Säßest du mit mir an jener Bai, über der Bucht von Sankt Malo, an einem Hafen, in einer Villa von Rottach und wir dächten: wie sind wir gewandert, welchen Genüssen und welchen Schmerzen haben wir, einander noch frisch wie Geliebte, am Busen gelegen, da baute dann ich eine Welt wohl um dich von Büchern und du durchschrittest sie wie den Spiegelsaal von Versailles, der jede Linie deines Wuchses schöner zurückgab. Du fändest dich in jedem Abenteuer und in jeder Verdammnis. Aber keine Wollust, die du genossen und keinen Traum, den du unterdrückst, den du nicht auch darin fändest. Das wäre nicht erlesen Gekünsteltes, sondern du fändest die Welt einfach wieder und würdest nun klarer zu ihr geführt.
Mit einem deutschen Fürsten, belesen wie keiner der Schriftsteller Deutschlands, die selbst ihrer sechzig Jahre Bildungslosigkeit und Faulheit nicht ekelt, redete ich in seinem Weinberg von seinen Büchern und er machte den Unterschied, der mich verblüffte, zwischen Büchern für den Salon und den anderen. Er gab seiner Geliebten bestimmte Sachen nie aus einem Gefühl der Grandezza, während im Leben er ihr keine Rundfahrt der Leidenschaft versagte. Ich fand dasselbe darin, wie in dem, was ich selber befolgte, nur schien mir, daß er seine seigneurale Reinlichkeit verwechselte mit dem Bestreben, nur das der Geliebten entsprechende stets zu nehmen und daß er aus der Gepflogenheit seiner Manieren heraus das für Ablehnen hielt, was in Wahrheit nur Auslese war, die sein Instinkt bestimmte.
Man schenkt nach seinem Geschmack, bildet nach seinem Gefühl, liest nach Temperament. Einer Sechzehnjährigen gäbe ich dasselbe wie einer von Vierzig, wenn ich den gleichen Flair für beide hätte, aber der von Dreißig würde ich vielleicht das Gleiche wie der von Fünfzig versagen. Mit Fünfundzwanzig entwarf ich den Plan einer Bibliothek, die man an zehn Armeekorps und in dreißig Fabriken sandte. Du könntest sie alle lesen, aber ich würde dir keines davon schenken. Ich würde mehr wollen und weniger, aber vor allem stets nur deiner Ruhe wie deinen Leidenschaften gerne das gleiche zitternde Erlebnis der Schönheit zuzuführen wünschen. Alles andere ist hors de ligne. Was ich täte? Was man im Gefühl hat, hat man nicht im Kopf wie die kleinen Lyriker, die ihre Zehngroschenverse stets zur Rezitation bereit tragen. Was ich dir brächte nach soviel Abschreibungen, Pathos und Abschweifung? Ich weiß es nicht.
Wenn du weiße Haut hättest, wäre es anders, besäßest du Lotosaugen statt die eines Vogels, wäre mein Einfall ein wieder erneuter. Ich brächte dir, was für dich paßte aus diesem Erleben, aus jener Reise, aus dieser Beglückung und aus irgendeinem Zorn. Und ich könnte dir höchstens heute so, morgen anders spielerisch gleich den Wolken des Kamins eine Welt der Literatur an die Wand malen, wenn du wünschest, daß ich dich mit Träumerei unterhalte. Denn ich liebe die Welt vor allem um ihres Wechsels und ihrer Lust am Spiele willen, und wenn du nicht die Fähigkeit hättest, aus allen Lagern deiner Seele und allen Fallen und Festlichkeiten deines Körpers in immer andere hineinzuspringen, hättest du an mir schon lange nicht mehr den Jäger.
Geliebte Diana.
Ich ließe vor allem der Wildheit, mit der du die Hänge befährst, die Eleganz des Geistes und das Seltene der Vergangenheit von ähnlich vollendeter Anmut sich gesellen. Du lerntest zuerst, eh du die Grazie der Franzosen erführest, das Deutsch des Mittelalters. Dem Mittelhochdeutsch naht der Deutsche sich noch immer mit der barbarischen Geste des Gunther, der, als er zum erstenmal zu Brünhild ins Bett sprang und ihre Nüancen nicht beachtete, erlebte, daß sie ihn fesselte und an einen Nagel der Wand hing. „Er wânde vinden friunde: dô vant er vîntlichen haz.“ Du lerntest so das verlorene Paradies von des Reuenthalers derben Späßen bis zu Walthers Süße, von Hartmans Wundern im „Iwein“ bis zu Wolframs Herbe und des Alten Reinmars Seligkeit. Jede Übersetzung ist eine lächerliche Dreistigkeit, denn man kann eine höhere Sprache nicht mit einer niederen übertragen. Wir haben heute wohl gelernt, Tempos wie die Teufel in die Sprache zu bringen, Raffiniertes bis zur Verzweiflung auszudrücken und Begriffe bis ins Aschgraue zu benennen und zu finden, aber den Wohllaut der Musik und die Einfachheit der klar blitzenden Welt und die große Verzücktheit der Gefühle erreichen wir nicht wieder. Wer aber glaubt, ohne Studium, den Fall der Vokale, die Trennung der Diphthonge, die Rhythmik der Satzbogen verstehen zu können, begeht die gleiche Dummheit wie jener, der ihrem Wesen nah zu sein denkt, weil die Worte alle den unseren ähnlich sind, aber fast alle verfeinerten und anderen Sinn bedeuten. Du wirst diese Bemühung nicht auf dich nehmen, ohne daß der Zauber, dem du begegnest, auf dich zurückwirkt.
Unser Hunger nach Dasein ist groß, das Leben zu kurz, unsere Bewegungslinie zu eng, wir können nicht alles haben. Aber jedes Genossene treibt uns nach mehr. Als im Jahre Zwölfhundert der Marschall der Champagne Villehardouin als erster Grande und Lebemann anfing, Geschichte zu schreiben und die Menschen mit der Gewalt eines Rubens in sein Gemälde hineinwarf, als der Pfaffe Konrad, der ein schlechter Künstler war, die „Kaiserchronik“ schrieb, begann die Literatur der Briefe und Memoiren, uns die Völker und Menschen mit jungfräulicher Plastik heranzutragen. Statt dünner Schicksale, die mäßige Dichter gestalten, redet plötzlich die Phantastik der Zeit. Von den Aufzeichnungen des Kardinal Retz, der sich nur so ausdrücken konnte, daß er an eine Dame schrieb, und der den Atem seiner Zeit zur höchsten Höhe blies, über des großen Kanzelredners Bossuet Porträte verstorbener Fürsten, über Montesquieus erwachenden Blick für die Breite gelebter Zusammenhänge bis zu dem fabelhaften und glühenden Fresko, das der Herzog von Saint Simon von der Zeit des vierzehnten Louis schrieb, lernst du, deinen eigenen Erfahrungen die der großen Epochen und Menschen hinzufügend, einen Schritt mehr zur Weisheit.
Nimm die Memoiren der großen Katharina von Rußland hinzu, die Briefe der bis zu den weißen Haaren hin geliebten Ninon de Lenclos, die Novellen der Bibel, die Briefe der wilden Caroline und Brantômes Leben der galanten Frauen. Lies die Aufzeichnungen Casanovas und des Deutschen Pückler-Muskau Bände. In den barocken Sätzen des Abts von Brantôme hast du die Menschen der Renaissance, in Casanova den Ausgang des Rokoko, in Caroline die Romantik. Keiner konnte schreiben so wollüstig und so geistreich wie Casanova und niemand in Deutschland so mit Erhabenheit und Temperament sich mit Ideen und Reisen der Welt gegenüberstellen wie der Pückler. Bürgerlicher aber herumgeworfener hast du in des Frankfurter Friedrich-Fröhlich Aufzeichnungen die Epoche des ersten, in Flauberts Briefen mit der Sand die des dritten Napoleon. Jakob Burkhardts Briefe an einen Architekten malen nüchtern das Jahrhundert am Anfang, nicht weit aber amüsant für dich gesehen, von einem hölzernen Liebhaber der Künste. Dagegen hat die furchtbare bürgerliche Epoche am Ende des Jahrhunderts der gebildete und in guter Familie erwachsene Schriftsteller Kurt Martens, wenn auch nicht seigneural, so doch mutig und schlicht in seiner Lebensbeichte gegeben.
Mit Mozarts Briefen hast du Österreich und mit Benvenuto Cellinis Leben den Radius des Glanzes, den ein Renaissance-Italien um sich häufte und in den Briefen des Van Gogh und in Bernards Erinnerungen an Cézanne siehst du das Martyrium unserer Kunst und Zeit nicht ohne die Ironie, die dich das Menschliche hier so absurd und das Künstlerische so verzweifelt schauen läßt. Im „Pitaval“ sind die hervorragendsten Prozesse geschildert und du erkennst die Menschen aller Jahrhunderte. Ich werde Hardens „Köpfe“ dir daneben legen. Du wirst das Buch der entzückenden Staël über Deutschland lesen und mit Petrons „Gastmahl des Trimalchio“ vergleichen. Ich werde das Buch der Markgräfin von Bayreuth hinzutun, die des großen Friedrich Schwester war und das Kamasutram, wo nicht nur die Inder belehrt werden über die Zweihundertfünfzig Formen des Liebesgenusses und über alle unzählbaren Formen der Entzückung dazwischen, sondern wo der Liebende auch angehalten ist, nach allen Spielen der Wollust auf das Dach des Hauses im Mondschein mit der Geliebten sich zu setzen, den Glanz mit ihr anzuschauen und ihr die Reihe der Sternbilder zu erläutern, den Polarstern besonders sowie den Kranz der sieben Sterne des großen Bären.
Die Zeit hinter dir hat sich geöffnet wie ein Weib, du kommst von den Geschichten nicht zu Büchern sondern zu Schicksal und aus der Fülle nicht zu Vorstellungen sondern zu Menschen. Von den kühnsten unter ihnen streift man zur Erde zurück. Man muß die alten Exploiteure fremder Erdteile lesen, denen die Natur sich noch unberührt gab, die nicht gafften sondern eroberten, nicht Afrika vom Schiff aus sahen und weiches Garn aus ihren Gefühlen spannen, sondern die darin starben, nicht solche, die empört, während sie innerlich schmatzen, Bordelle in Ceylon beschreiben, von denen ein Portier ihnen erzählte, sondern solche, die Elefanten noch mit dem Säbel gejagt haben und du wirst sehen, wie die Natur mit derselben Frische riesig aufdampft, mit der du einige Stücke aus ihr in deinem eigenen unverdorbenen Blute erlebt hast.
Lies, wie ein gewisser Barrow Esqu. im achtzehnten Jahrhundert in Begleitung des englischen Gesandten China durchquerte, lies die Geschichte der Reisenden Percy und Gallow, die die Tatarenländer durchfuhren, lies die Eroberung Mexikos und die Geschichte Cooks, den Insulaner erschlugen. Sieh, wie mit Dominikanermönchen Curjello nach Afrika kam. Lies die Berichte der Lebemänner, die Europa durchfuhren und von denen einer, dessen Name ich nicht mehr kenne, auf Schlittenwagen sogar den Nordpol über Norwegens Poststationen erreichen wollte. Lies bei Franklin, wie sie die Wale harpunierten und bei Livingstone, wie die Zähne ihnen ausfielen vor Fieberluft und sie die Flamingos und das Nashorn jagten. Wie sie mit ihren Karawanen durch die Wüsten sich durchhungerten, um zu entdecken und sich zu begeistern und den menschlichen Geist an die Spitze des Abenteuers zu hissen. Lies Gessi, Gordon, Emin Pascha, den Halbgrönländer Rasmussen, lies Stanley, lies die Jagden des Baker in Abessynien. Du riechst die Luft der anderen Kontinente und erfährst die Beispiele menschlicher Tugend und Tapferkeit und du wirst nicht gebildet, sondern du wirst klüger oder besser.
Nun ist für „Tausendundeine Nacht“, für den „Don Quichote“ des Cervantes und den Defoe mit seiner Europamüde, ist für „Robinson Crusoe“ und „Gullivers Reisen“ dein Hirn offen, denn sie geben zur einfachen Wildheit der Erde die Phantasie und das Spielerische, das alle Gefahren überwindet. „Mesnevi“ mit seinen schönen Sprüchen, den indischen Roman von Dandin von den zehn Prinzen, die Märchen der Südsee, „Tuti Nameh“, das persische Papageienbuch machen die Welt noch bunter und führen schon an das Legendäre einer großen Klugheit. Der Maler Gauguin hat auf Tahiti neue Farben gesucht und hat die Abenteuer seiner modernen Sehnsucht in „Noa Noa“ geistreich und ein wenig desolat wie ein echter Franzose beschrieben. Hundertzwanzig Jahre früher hat Bernardin de St. Pierre in „Paul et Virginie“ schon einmal die Natur in prachtvoller Glut für Europa entdeckt. Hamsun hat den Kaukasus erlebt und ihn in gestrichelter Weise mit neuer Optik für Naturbeschreibung dargestellt. Laurids Bruun hat mit dänischer Weichheit den grauen Glanz seines norwegischen größeren Freundes nachgemalt.
Das ist nur schwacher Schimmer noch von den früheren Heroen, doch ist, da du von heute bist, und ja auch ich dir nicht in der gekräuselten Allonge-Weise entgegentrete, doch ist von den Heutigen zwar Sven Hedin nur ein Schwätzer aber kein Nahbringer, jedoch das Buch der Fürstin Lichnowski über Ägypten von modernem preziösem Charme, ist zwar das Buch Ludwigs über Afrika eine Sirupfalle für den Kurfürstendamm, aber des Suarès Italienbuch eine heroisch gemalte Landschaft; und keusch wie Villehardouins Seele, wenn er im Kreuzzug das Morgenland betritt, ist Lafcadio Hearns Sprache, wenn er das verschwindende asiatische Japan, kurz vordem Europa es verschlingt, noch einmal wie eine Geliebte streichelt.
Du mußt noch den Kipling lesen, der mit Tieren dir die Welt bevölkert und mußt sehen, wie der Däne Fleuron dem heldenhaften Anfang des Briten den melancholischen und schönen Abgesang gibt, wenn er davon redet, wie die edlen Tiere sterben. Nur wenn bei Jürgensen der Kongo vor Tiergebrüll donnert, der Schwede Madelung seine Jagden schildert, der schönste aller raubtierhaften Dichter, Jensen, die Gletscherzeit zurückruft, kannst du das Gefühl haben, aus deinem Säkulum rückwärts bis zum Paradies marschiert zu sein. Was heißt Kunst, wenn du leben willst? Es bedeutet nichts gegen die Fülle des Lebens, aber es wird schon helles Licht auf allen Zinnen, wenn du durch soviel Dasein hindurch dich an die Erkenntnis herangetastet hast, daß auch ein vollkommenes Leben einer gewissen Vollkommenheit in der künstlerischen Gestaltung bedürfe. Wenn du reicher bist, hast du mehr Anspruch. Hast du die Masse der Welt, willst du sie in Schönheit. Hast du das Dasein begriffen, verlangt es dich auch nach seiner schönsten Gestalt.
Aber vergiß nicht, es ist wichtiger, daß du lebst, als daß du träumst, nötiger, daß du blühst, als daß du redest, und es ist alles umsonst, wie auch immer du von der Welt schwärmst oder fluchst, wenn sie nicht wie eine Pantermeute in dein Blut gestürzt ist.
Zuerst du, dann alles andere.
Fähigkeiten hat jedermann, mir imponiert das allein keineswegs. In Zentralafrika laufen die Neger so rasch wie die Schnellzüge, die Eskimos schlagen sich als Duell stundenlang ohne Schwierigkeit wechselseitig auf den Kopf und die Theosophen sollen durch anhaltendes Training im Sichzurückvertiefen bereits das Jahr Sechstausend vor Anfang unserer Zeitrechnung erreicht haben. Es kommt bei Talenten nur darauf an, sie seinen Fähigkeiten und Zielen nach zu entwickeln. Ich sehe es lieber, daß ein frischer Menschenkerl in des Schwergewichtsmeisters Flint Buch über das Boxen, in die „Gazette du bon ton“, in eine Zeitschrift des Hokeyspiels, in Henry Hoeks vorzügliche Skibücher oder die „Vogue“ sich vertieft, als daß er mit der Herde seiner Genossinnen Tagores flache Gedichte über Thee gießt, in Jakobus Böhmes Dunkelheit lustwandelt und, Herrn Blümners Niggerrezitation im Kopf und Dadaistenabende im Hirn, über Spenglers „Untergang des Abendlandes“ sich in Urteilen verzückt. Geistmayonnaise ist keine Speise für eine Diana und Mode ist ein zu kleiner Witz für ihre Erhabenheit. Ein gebildeter Tiger ist eine Dummheit, ein schöner Tiger wird aber, wenn er sich vollendet in seine Form gefunden hat, auch immer etwas von jener höheren Klugheit haben, die stets der letzten Vollkommenheit des Lebens zugeteilt ist.
Du wirst, wenn du dich nicht blenden läßt, spüren, daß die schon jenseits des Lebendigen abgebrochenen Dramen des Bildhauers Barlach, wenn du ohne innere Reife an sie gerätst, genau so wenig zu deinem Temperament passen, wie die feierliche Plattheit, mit der Herr Lienhard ein neues Weimar besingt. Und du wirst mit bestimmter Sicherheit spüren, wie gleichgültig es dich läßt, wenn man des Schönlings Gleichen-Rußwurm süßholzwässrigen Kulturgeschichten dir nahebringt, gleichwie wenn du ein aus Schreien und Beleidigungen zusammengesetztes Gedicht von Johannes R. Becher nicht begreifst. Du bist durch deine Gesundheit und Frische von vornherein dafür absolviert, daß dir weder die Eunuchen noch die Verrannten liegen.
Aber ich werde dich gerne bei der Lektüre von allem sehen, das, wie ein Springbrunnen einen Silberball, also mit Kraft und mit Anmut, die Welt schaukelt, denn das entspricht dir ebenso wie jene Nüchternheit, die die robuste Kraft metallen aus dem Dunkel hebt. Du wirst alles von dem zärtlichen und feurigen Melancholiker Alfred de Musset und alles von seinem Nachfolger Hugo von Hofmansthal lesen, alles von Anatole France, der die Leidenschaften seiner Welt in seinem Lächeln bannt und von Eduard Keyserling, dessen Romane die zarte Vollendung der feudalen deutschen Rasse in wohlgeädertes Weltbild heben. Du wirst etwas von Schnitzler und etwas von Sternheim haben. Alles von Shaw, alles von Byron. Fast nichts von den Russen. Vieles von Swift. Alles von Voltaire, der eine Welt mit der Schärfe eines Geistes bekämpfte, der aber verstand sich der Kadenzen der Nachtigall zu bedienen. Alles von Heine. Einiges von Thackeray. Alles von Maeterlinck, der die Ahnungen in die Atmosphäre brachte und alles von Georg Büchner, dessen Jünglingstorso die Helligkeit eines schönen Athleten besitzt und alles von Shakespeare, dem einzigen großen Dichter der Welt, der die Eisenscharniere seines Geistes mit Heroenschönheit frei um die Welt herum zu spannen bestimmt war, als seien es Arabesken, die er im Traum hinmalte.
Lyrik wirkt bei Frauen fast immer provokant. Bei Männern versöhnt wenigstens, daß sie sich infolge des natürlichen Egoismus ihres Geschlechts stets wieder danach in Geschäfte und Politik schmeißen. Die Frau wird von Lyrik aber zu unerträglichen Gefühlsstauungen verführt. Muß es Gereimtes sein, dann sei es Lyrik, die eine Distanz zu den Gefühlen hat und sich nicht hingibt, sondern sich behauptet. Shelly, Petrarka, Baudelaire, Keats, Lamartine, Stadler, Novalis, d’Annunzio. Die heutige Zeit kann sich überhaupt der lyrischen Dichter nur mit Erröten erinnern, denn sie ist weder so voll Schwung, daß sie diese begriffe, noch so voll Sentimentalem im Untergrund, daß ihr die Eichendorff und Ronsard und Verlaine und Mörike lägen. Ich gestehe, was ich auch künstlerisch fühlen mag, daß ich eine Frau vorziehe, welche die Härte der weltmännischen und zurückhaltenden Strophen ähnlich wie die Schönheit einer Plastik mit halb kalter, halb hingerissener, aber beherrschter Leidenschaft bewundert, statt eine Dame zu schätzen, die zwischen den Erregungen der Börse und den Demonstrationen der Politik heute, was man nicht kann, in Sentimenten schluchzt und in Rhythmen wimmert. Die Epoche ist scharf wie Senf, aber die Moustarde wird durch Tränen nicht leckerer.
Doch das Phantastische ist stets ein kleiner Park gewesen, in dem alles, was einer Zeit fehlt oder womit sie zuviel beladen ist, in der Nähe der Träume ausgeglichen in Beeten und Pergolen duftet. In Achim von Arnims „Majoratsherren“ ist das gespenstische Grau, das so schwer zu gestalten ist, wundervoll in der Luft und nimmt den gesamten Meyrink voraus. In Hoffmanns „Elixieren“ tobt das Diabolische wirklich, das in vielen seiner anderen Bücher ein plattes Nichts ist. Die „Nachtwachen des Bonaventura“ bringen die Romantik. Der Russe Remisow das Gespenst der Slawen, das auch in Puschkins Gespenstergeschichten, bei Gogol und Saltikow doch sich nie so lieblich befreit wie bei den Deutschen, sondern an ihren Nerven angehängt bleibt und eine Krankheit eher ausdrückt als das Jenseits und mehr verrückt ist als überirdisch. Das Grausen mit aller Kälte hat Poe in die Wirklichkeit seiner Bücher geschmettert, die auch nur zum Teil gelungen sind, dann aber die vortrefflichsten ihrer Art scheinen. Der Franzose Barbey d’Aurevilly hat in den „Teuflischen“ dasselbe leis verkitscht, Villiers de l’Isle Adam aber in „Edisons Weib der Zukunft“ ihm eine zeitgemäße Mechanik verliehen. Der Maler Kubin hat noch einmal liebenswürdig versucht, den Schatten der romantischen Gespenster aufzurufen, aber sie sind aus den dichterischen Prärien in die Kriminal- und Abenteurerbücher desertiert und haben dort eine exaktere und zeitgemäßere, wenn auch uniformierte Anstellung gefunden.
Mit den Wissenschaften beleben sie den Mond in Erinnerung ihrer guten Vergangenheit in des Polen Zulawskis Roman „Auf silbernen Gefilden“. Der deutsche Scheerbart hat in „Lesabendio“ sie auf die Milchstraße verfrachtet und der Franzose Renard hat sie mit Ironie und Grausen, aber vielem Charme uns Menschen technisch mit unseren eigenen Waffen überwinden lassen. Zur Utopie erzog sie der humane Brite Wells. Zur Exaktheit Conan Doyle, der sie wie Automaten der Klugheit dressierte und den Schlag der Verbrecher und Kriminalgeschichten gründete, der den Abenteurerroman der May und Gerstäcker, Defoe, Kapitän Marryat und Cooper (zu denen auch Walther Scotts „Pirat“ gehört und manches andere bis zu den Kreuzzugepen) völlig abgelöst hat für einige Zeit.
Es war ganz klar, daß diese Mechanik, einen spannenden Vorgang nicht mit Hilfe der Phantasie wie früher, sondern mit allen blitzglatten Hilfsmitteln unserer Technik und Überlegung abrollen zu lassen, das Kino einfach aus der Luft herausziehen mußte, wenn es nicht entdeckt gewesen wäre. Denn Film ist nur die glatte Übertragung der Techniken der Soyka, Heller, Jack London, Eje, Elvestad ins Bildhafte. Film hat mit Theater nur soviel zu tun, als Schauspieler dabei beschäftigt sind. Wer würde aber aus der Tatsache eßfroher Akteure oder tribadischer Aktricen auf die Zusammengehörigkeit von Theater mit der Kochkunst oder den Gebräuchen von Lesbos schließen? Dagegen beweist der Umstand, daß die schönen Gespenster klirrende Maschinen geworden sind, zwar nicht gerade eine Erhöhung der Dichtung, aber keinesfalls, daß die Maschinen schlecht sind. Die Kriminalbücher der Deutschen existieren zwar nicht, lediglich der Österreicher Soyka gehört in die internationale Konkurrenz, allein einiges bei den Skandinaven und Engländern ist in seiner Weise vortrefflich. Das genügt.
In der Liebeslektüre kann man jeder Frau carte blanche für alle Gefühle geben, denn es ist leicht die von fremden Leidenschaften Erschütterte zu den eigenen Leidenschaften zurückzuführen. Von „Aucassin et Nicolettes“ rührender Geschichte bis zu den Büchern des Charles Louis Philippe ist ein weiter Weg, und die gesellschaftlichen Formen, unter deren furchtbarem Zwang die Liebenden sich zwischen Kloster und Bastille suchen mußten, haben sich gewandelt. Heute stehen Spanier auf den Straßen und suchen die Augen ihrer Auserwählten, flirten Engländer beim Sport, Franzosen in den Promenoirs und Deutsche lieben sich in den Gärten. Keine Frau ist unerreichbar. Keine Liebe ist so unselig und so beglückend zwischen das Schicksal und die Sehnsucht gespannt wie früher, als das Mittelalter die Herzen auseinanderriß und die Willkür menschlicher Elemente und starrer Satzung die Natur bei Seite schoben. Du kannst von Richardsons „Clarissa“ über Rousseaus „Nouvelle Heloise“ bis zu Goethes „Werther“ lesen, wie ein Dichter sich auf den Sockel des anderen stellte und wie ein Herz tragisch ans andere durch Nationen und Jahrzehnte rührte.
Ich glaube jedoch nicht mehr an die sichtbare Existenz dieser Gefühle in unserer Zeit, wo die Knechte an der Börse spekulieren und die Damen das politische Wahlrecht ausüben und man den Kokotten, die man zum Diner einlud, am anderen Morgen eine bare Entschädigung für die Abnutzung der Toiletten als Supplement zusendet.
Aber ich glaube mit ganzem Credo meines Herzens, daß die großen Leidenschaften, deren Anmut nicht in ihrer Tragödie endete, immer der Unterton geblieben sind aller schönen Beziehungen, und daß die jetzt veränderten Formen der Welt die gleichbleibende Lage ihrer Melodie nicht zu stören vermochten.
Wenn man wie du ein Gesicht sowohl zärtlich und schön wie Hermelin als auch mit kühnem Bogen der Augen und Nase besitzt, vermag man bei einiger Breite des Sinnes auch zu verstehen, daß Cayennepfeffer die milden Gerichte auf seine Art wie ein Wildpret anregt. Du hast Gelegenheit, um zu vergleichen. Wenn du die Briefe gelesen hast, welche die Nonne von Alcoforado an einen Offizier eines anderen Landes schrieb und die von Abälard und Heloise kennst und Balzacs übersinnlich zarte „Ursula Mirouet“, und die bis ins Verbrecherische zärtlichen Beziehungen Desgrieux und Manons in des Abbé Prevost „Lescaut“ dazugenommen hast und die Briefe der Mademoiselle de l’Espinasse und Flauberts „November“ und des De Costers maischöne „Hochzeitsreise“ und die Frauen des Jean Paul, die dahinbleichen an übermenschlicher Verbundenheit . . . dann kannst du es wagen, nicht ohne Gewinn zu sehen, wie in Crébillons „Sopha“ und in Heinses „Ardinghello“, in Wielands „Biribinker“ und in Heinrich Manns „Göttinnen“, bei Rétif de la Bretonnes zweihundertdrei Bänden und den „Liaisons dangereuses“ des Laclos bis zu des Marquis de Sade Abscheulichkeiten und den männerliebenden Strophen Oscar Wildes und des großen Edelurnings Withman sich vom klaren Fluß des liebenden Feuers die phantastischsten Bündel lösen. Aber du wirst erkennen, daß auch diese Verzerrungen sich von der Liebe nicht trennen, sondern sich von ihr ernähren und daß in ihren Formen, ob sie dir gefallen oder ob du sie verachtest, immer der gleiche Blitzschlag der Größe zuckt wie in der dir gemäßen.
Du wirst dadurch nicht hochmütig werden, sondern du wirst nur eher die Menschen verstehen, wenn sie mit ihren Schicksalen an dir vorüberschweifen und gleich den anderen Kreaturen steigen und fallen nach diesem und jenem Gesetz. Du wirst duldsamer sein und also weltwissender und es wird deiner Leidenschaft auch nur noch das Verstehen jeder anderen hinzugeben. Man wird in Indien nicht Hetäre durch Verführung, Mißgeschick oder Neigung, sondern durch Abstammung, man kann also keusch im Herzen und eine Dirne durch Schicksal sein. Auch die Heiligen werden nicht gezüchtigt, und mancher, der ein Mordbrenner im Herzen schien, erreichte durch Übung den Glauben. Im Grunde ist alles die Liebe. Aber in der Liebe wird man eben alles durch das Leben oder man wird nichts.
Die Venetianer besaßen die besten Diplomaten Europas und ihre Berichte waren erstaunliche Stücke an Schärfe des Auges und des Verstandes, ja sie bildeten sie zu einer hohen Stufe der Kunst aus. Die Handlungen aber des Staates nahmen die Dogen erst vor, nachdem sie alle eingeforderten Berichte verglichen. Du hast nunmehr von dem dir als Frau am leichtesten Zugänglichsten, von der Liebe her zu vergleichen gelernt. Was mir noch übrig bleibt, ist so gut wie nichts. Nun kannst du schwimmen, in welches Problem, welche Nation, welches Genre du willst. Du wirst Grabbe lesen neben des James Morier „Abenteuer des Hadschi Baba“, das der erste Roman über Persien aus dem achtzehnten Jahrhundert ist, wirst den prachtvollen Rheinländer Schmidtbonn mit seiner herben und männlichen Duftigkeit verstehen gegen des Belgiers Rodenbach „Totes Brügge“. Wirst staunend des Bildhauers Rodin Werk über die Kathedralen seiner Heimat neben des Thomas Manns schwächlich schönem, formvollendetem, aber innerlich, dekadentem „Tod in Venedig“ halten, wirst die „Studien“ des pastelligen Idyllikers Stifters neben dem riesenhaften Rabelais genießen, wirst fühlen daß die „Küsse und feierlichen Elegien des Johannes Sekundus“ andere Worte sind wie die des zärtlichen und royalistisch verschwärmten Francis Jammes in „Almaide“, der schönsten lyrischen Tenorstimme des heutigen Frankreichs. Du wirst den Zola, der auch ein Gigant war, trotzdem er etwas tierisch schaffte, neben der von Schwedens Bodendampf mythisch umwehten Lagerlöf lesen. Wirst Wisthlers „Die artige Kunst sich Feinde zu machen“ zu Annette Kolbs zarter Kammermusik in „Zarastro“ legen und die Geschichte des alemannischen Webers, der sich in kindlicher Einfalt der „Arme Mann von Toggenburg“ nannte, zu des gescheitesten Engländers Chesterton „Verteidigung des Schundromans“ tun. Du wirst Schlegels „Luzinde“, das voll schöner leidenschaftlicher Süßigkeit ist, neben die Modebücher der Brüder Goncourt halten, wirst das Buch der Frau von Winternitz von dem wilden Liebesleben der keuschen Vierzehnjährigen neben dem „Schelmufsky“ des siebzehnten Jahrhunderts lesen und kannst die satanischen Ausschweifungen des Huysmans in „La bas“ hinnehmen mit derselben Überlegenheit, wie du an Kerrs Reiseberichten und Dauthendeys Reinheit dich ergötzest. Du kannst den Frauenspiegel der Renaissance von Castiglione und das Leben Dantes von Boccaccio und Quevedos Spitzbubenroman von Segovia mit derselben Gegenwärtigkeit lesen, wie du Storms Novellen, Eichendorfs „Taugenichts“ und Dickens Roman aus den Millionenstädten hinüberleiten kannst zu des Verhaeren flamisch breiten Malereien, zu Schickeles „Glück“ und zu dem „Puppenbuch“, in dem der Lotte Pritzel und Erna Pinner barocke und groteske Figuren einen höhnischen oder vielleicht auch mitleidigen Cancan der Ausgelassenheit auf unsere Mühe, sie zu deuten, tanzen.
Du wirst dadurch so voll von gelesenem Erlebnis geworden sein, daß man dir wie den Bankerotteuren Montecarlos eine Viatique geben muß, um aus den verführerischen Launen der Literatur dich wieder ohne Kosten auf den Kontinent des Daseins hinüberzuretten. Es wird wohl an der Zeit sein, wenn du das alles gelesen und an deinem Wesen wie an einem Pegel und Thermometer die Höhe und die Temperatur der Maße genommen hast, dich wieder der Natur allein zuzuführen. Denn du hast dann für das diesseitige Existieren genug gelesen und jede Zeile mehr wäre zuviel.
Mehr verträgt ein Irdischer nicht, es sei denn, er sei vom Schicksal bestimmt, eine noch steilere Kontrolle auszuüben und die Ausmaße des Lebens auch noch mit denen der künstlerischen Vollendung zu vergleichen und den Gladiatoren der Kunst die Urteile auf die Nacken zu brennen. Einer Frau kommt das nie zu, sei ohne Sorge.
Männern sollte von der Natur erst in den sechziger Jahren, wenn sie statt mit Frauen sich mit Schnepfenköpfen zu beschäftigen beginnen, das kritische Amt vorbehalten sein. Ich fürchte, es würden bei allem Ehrgeiz, den das Greisentum mitführt, selbst die Besterhaltensten dies Alter nicht erreichen wollen. Ist es einem aber bestimmt, durch Schmutz und Crapule ein Stück verdammt geliebter Jugend und herzrot gelebten Daseins dranzugeben, dies Handwerk mit Kunst zu vollführen, so sollen die heulenden Hunde spüren, daß es auf den Schriftsteller ankommt und nicht auf die Meute, über die er sich in gerechter Leidenschaft ausläßt und es soll zum mindesten, wie Châteaubriand von St. Simon sagte, teufelsmäßig für die Unsterblichkeit geschrieben werden.
Man gewinnt kein Ding, wenn man es nicht zugleich liebt und abstößt, und keine Vollendung eines Lebens ward erzielt, die nicht vorher ausgewogen war bei jedem großen Gefühl in den Wagschalen der Liebe und des Hasses. Du kannst dich selbst nur erreichen, wenn du dich durch das Leben selbst gewinnst, aber du darfst nicht scheuen, davor zu desertieren und wieder zu ihm zurückzukehren. Denn nur die Treue, die sich an anderen Reizen durch Untreue erprobt, hat den Zug der Beständigkeit in sich, der dein Leben dann um die stete Achse rundet. Du wirst zwischen der Inbrunst der Bücher und den Banalitäten des Lebens genau im selben Grade leiden, wie du die Unterschiedenheiten zwischen deinen Idealen und der Nüchternheit der gelesenen Schicksale gemein findest.
Das Verhaftetsein an eine einzige Anschauung ist auch im Lesen nicht pikant, und wahrlich zurück zu sich zwingt immer nur die Größe, die Betrug erträgt. Der Herzog von Lauzun, der gerne und nicht ohne Tiefe lebte, schildert eine Dame: „Sie erwiderte mir meinen Besuch zu Pferd, in Dragoneruniform und Lederhosen. Mehr brauchte es nicht, um mich für immer von einer Frau abzuschrecken. Das hielt mich aber keineswegs ab, sie dennoch zu besitzen.“ Er liebte das Weibliche so abgründig, daß er es auch in der provokantesten Form nicht abzulehnen in der Lage war und die sicheren Genüsse nicht über der fatalen Aufmachung vergaß. Man hat verdammte Last mit seinem Dasein zwischen Leben und Kunst und Sein und Schein sich durchzuschlagen, und es bleibt auch dir als Frau nicht erspart, die Kämpfe zwischen deinen Vorstellungen und deinem Blute bitter auszutragen.
Das aber verleiht endlich erst die Reife und die Wollüste jener Überlegenheit, die die Ahnungslosen nie kennen werden, die ohne Geschmack jener Räusche sind, in denen wahrhaftiges Leben und wahrhaftig gepflegter Geist zusammenschlagen, und ich glaube manchmal, wenn du als Diana die Ränder der Wächte mit der Geschwindigkeit des Blitzzuges auf Skiern herunterkommst, ich vermöchte auf deiner Haut auch die Glut deines Geistes zu erblicken. Nur in Liebe vermögen beide sich zum Augenblick des größten Daseins zu verschmelzen. Ich erinnere mich eines französischen Theaters in Paris, wo ein Offizier desertierte und nach einem Dutzend Kniffen und Entwischungen gefaßt wurde. Als sein General ihm die Degradierung verkündete, erlaubte er sich einen Vorwand anzubringen, und als er salutierend vortrat und erklärte: „c’était par amour,“ gelang es dem Kommandeur in keine andere Pose zu verfallen als in eine bewundernde Handbewegung des Verzeihens und Verstehens, und jenes Publikum des Boulevardtheaters hatte mit seinem frenetischen Beifall auch nichts anderes im Sinne, als sowohl die Leidenschaft des Offiziers als auch die begreifende Tugend des Generals mit nationalem und, bei einem so militaristischen Volk wie den Franzosen, menschlichem Beifall zu begrüßen. Mir fällt diese Begebenheit, die an sich bedeutungslos ist, ein, weil an diesem Abend zum erstenmal die Linden für mich Paris mit dem Duft überzogen, der mir früher nur der der Heimat allein war, aber der mir von diesem Tage ab hundertmal in allen Zonen entgegenkam, daß er mir die freundliche Welle des Himmels für alle Liebenden seither zu sein schien.
Denn wärest du durch die Sonne des Morgens nicht im bronzenen Mondglanz deines braunen Gesichtes mit Telemarks um die jungen Bäume des Winterwaldes geschwungen, sondern säßest mit mir im Jasmin eines frühen Sommers oder der Fruchtluft des Herbstes an Flüssen, an Weiden, an Seen, ich würde dir, zwar ebensowenig vollkommen, aber in anderen Namen und Nennungen dasselbe gesagt haben.
Denn nicht die Bücher und nicht die Jahreszeiten und nicht die Liebkosungen machen die Form aus, in der das Glück und die Bereicherung sich begibt, sondern der Sinn der Liebe ist immer der einzige Führer und der alleinige Grund. Und wenn ich von deinem Lächeln, das, selbst ermüdet, unter dem Kaminfeuer noch lockend zuckt, mit dem Vorbehalt des Liebenden sage, es sei wohl ein süßes Lachen aber das Lachen eine Frau, so teile ich dich nicht auf in das Beseligende und das Luder, sondern ich weiß, wie wundervoll der Zauber der Verbundenheit aus diesen beiden dich gestaltet hat.
Denn du bist ja letzten Endes evahaft aus Lehm und Wollust gemacht und bist schon jederzeit zum Leben zurückgekehrt, leiblich und frisch, wenn du nur, etwas schlapp, die langen Beine der Jägerin weit ausstreckst und alles vergißt. Bist du für eine Limousine morgen lieber, oder für Schmuck oder eine Reise nach Tunis, bleibst du die gleiche. Auch Geist wiegt nicht mehr als Eisen und Fleisch, man muß es aufs deutlichste sagen, wenn diese Frage gestellt wird. „Adieu Ihr Freunde, adieu Ihr Bücher“, schrie Petrarka, der gut und in angefülltem Jahrhundert gelebt hatte, beim Sterben und jammerte zuerst um das Dasein, das er verlassen mußte und dann erst um den Ruhm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .“
Solchergestalt Mijnheer hätte ich gesprochen, wenn Sie eine Frau wären. Doch Sie sind ein Mann, aber es gilt dennoch dies Alles auch für Sie!
Mijnheer, man erzählt, daß griechische Helden eine Schar junger Nymphen im Walde des Kythäron trafen, die sie durch liebliche Bewegungen und alle Stellungen der Anmut zwangen, sie mit immer heißerem Atem zu verfolgen, bis sie an einer Quelle plötzlich die Mädchen Waffen ergreifen und mit feurigem Päan schlachtlustig auf sich losstürzen sahen. Sie kämpften den Tag und die Nacht mit den schönen Amazonen, ohne enttäuscht zu sein, denn, was sie zum Liebesspiel zu locken schien am Morgen, blieb als streitbare Erregung in ihren Adern und tobte in der Adligkeit der Kämpfe sich aus, in denen sie statt Geliebten nur Krieger fanden. Ich hätte Ihnen, Mijnheer, nicht vermocht, heute so zu reden, wenn ich das nicht gelebt hätte vor Jahren, was ich heute sagte. Und wenn das Fresko von Büchern etwas verwirrt hängen bleibt, inmitten dieser vorn und hinten abgebogenen Geschichte, so hat es wie der von Löwen gesäugte attische junge Eros die Fähigkeit, sich nach den beiden Seiten des Geschlechts zu adressieren.
Denn was daran die Frau über das Leben zu Liebe entflammte, entzündet den Mann zum Ringkampf mit der Welt. Man denkt oft seinen Kopf zur Ruhe zu legen und steht in Kürze vor dem Streitruf der Amazonen, aber es ist dennoch fatal, einen holländischen Gentleman zu sehen, wo man mit aller Kraft der Phantasie eine nördliche Diana zu sehen gezwungen ist.
Ein Mann ist eine triste Sache, wo die Luft noch nach dem Leben einer Frau riecht. Auch Ihre Ironie vermag mich nicht zu desillusionieren. Ernüchtern ist ein kalter Witz, den die Leidenschaft verzehnfacht an die Wand spritzt. Ich schwärme nicht für Vergangenes, aber ich habe alles gehabte Dasein im Blut. Mit dem faden Panzer des Lächelns und einer Flasche Cointreau kommt man nicht über erbitterte Situationen hinweg, sondern man lügt sich nur eine falsche Maske der Überlegenheit in den Spiegel, statt sich seiner Leidenschaft hinzugeben.
Das Leben wäre verflucht einfach, wenn wir es nicht mit Stolz am falschen und Demut am rechten Platz abscheulich komplizierten.
Ich werde eine Stunde auf den Damm hinausgehen und nach dem Mond ausschauen, der irgendwo in dem Schnee stecken geblieben ist.
Ich will Ihnen von Norland erzählen, Mijnheer, und die Geschichte vom Lachen des Ski. Zu witziges Zeug grimassiert heute schon durch den Morgen. Bereits, als ich erwachte, glaubte ich das leise Panterrauschen der Sonne zu hören, da entdeckte ich eine Fledermaus hinter dem Laden und draußen stand der Sturm. Im Sportraum kam mir der Springer Schneeberger entgegen und hinter ihm saßen auf den breiten Ofengalerien die besten Läufer Deutschlands zwischen den Aktrizen vom Film. In jedem Sporthotel der Welt siegt der Bedeutendste seiner Branche, und Thor und Apoll und der junge Alexander treten trotz der Seltsamkeit ihrer Schönheit zurück hinter Jockey Schmidt in Iffezheim, dem Boxer Dempsey, dem Tennis-Wilding, dem Ski-Schneider aus St. Anton, der seine vierzig Meter ebenso toll wie traumwandelnd sicher springt. Nun aber sah ich, daß die robusten Burschen ihre Haare in Netzen trugen, mit welchen Toilettefirmen ihre Reklamehelden gern in Zeitungsinseraten zeigen. Sie sangen ein bayrisches Schnadahüpferl mit Einstieg zum Fenster über das Heu, während man doch hier zum Stall nur durch einen Tunnel unterm Schnee kommt, aber das brachte mich nicht zum Lachen. Nur wie ich, nunmehr den Schneeberger, Springer erster Klasse, an dem von Eiszapfen bis zum Boden vergitterten Fenster die zwei Kufen seiner Springskis mit Skiwachs glätten sah, und sich sein schwarzes Gesicht über dem Katzenkörper verweibt in der beschleiften Haube bewegte, fiel mir über alles Pêle-Mêle hier Norland ein und das Lachen des Ski.
Es wird keine lange Geschichte, Mijnheer, und sie ist nicht kurzweiliger wie viele, aber ich muß ausholen dazu, jedoch nicht weiter wie mein Arm breit ist. Ich bin Liebhaber der Sports wie Sie, nicht nur um des Mutes, der Gefahr und des Risikos willen, die ich mir dabei beweise, sondern auch um der Pausen willen, in denen im Gegensatz zu „in Form sein“ der Fachausdruck „faul sein“ heißt. Man kann von diesem Beruf aus nämlich, ohne die Hetzjagd der Epoche mitzumachen, auch wenn man manchmal verdammt gestrafft nach der Leistung packt, sich nachher ohne Besorgnis die Welt auf den Bauch scheinen lassen, wie alle Inselmenschen es jahrhundertelang taten und alle rassigen Tiere es lieben.
Aber, hören Sie, Mijnheer, ich bin nicht nur verliebt in die Sports, sondern ich bin passioniert an dem Handwerklichen, das ihre Ausübung bis zur Vollendung erst ermöglicht. Ich bin nicht nur mit einem rotbraunen Segel an der Savoyer Küste gefahren, mit einem roten in Bjerred, einem grauen in Brunshaupten, einer weißen Fregatte in Genf, moosgrün zwischen Marstrand und Göteborg, purpurn in Südfrankreich und mit milchgelbem Spinnacker vor Tutzing und Schloß Berg im Gewitter gelegen. Sondern ich wußte auch, daß an dem savoyer Boot die Schwalbensegel kreuzweis den Wind nehmen mußten, daß mein Ostseeflunderboot keinen Kiel hatte und einen fatalen Fock, daß die Rennjolle des Starnberger Sees so überfeinert war, daß sie dem Fingerdruck, ja der Idee schon parierte, während das Boot der Marseiller rund wie ein Walfischrücken sein vierecktes Segel nicht anders wie eine Harpune gehißt hatte, und daß auf dem Kahn, mit dem wir durch die Schären nach Christiania zu kommen suchten, das Schwert nicht marschierte und bei Sturm das Großsegel riß . . . und ich war verliebt in die Fehler, weil ich sie kannte und daher beherrschte.
Aber die Vollkommenheit der Yacht erst, Mijnheer, die Vollkommenheit der Yacht erst, mit der wir zwischen Schachen und Mersburg an den blühenden Obstbäumen den Bodensee entlang fuhren, war so erschreckend, daß mich nur die Grimassen trösteten, mit denen die Schweizerinnen im Badeanzug auf meiner Luvseite beim Vorüberrauschen die Bewohner der Villen ärgerten und damit jede Sekunde der Blitzfahrt durch ihren Klamauk gefährdeten . . . . Denn da ich Gefahr plötzlich sah, war ich gespannt auf dem Posten und durch die Witze über die Unfehlbarkeit des Bootes versöhnt und erheitert.
Mijnheer, nebenbei, die Geschichte der Menschen ist möglich ohne Aeschylos und Dante, aber ausgeschlossen ohne Segelei. Die Entdeckung der Beziehung zwischen Leinwand, Wind und Pinne ist die genialste Kombination dieser Erde. Das gesegnete Hirn, das sie warf, besaß die Kühnheit vorher unvorstellbarer Gedankenflüge. Daß man um Troja kämpfte, ist eine Bagatelle, daß man es beschrieb, ein Witz. Daß man hinsegeln konnte, war erst die Leistung. Auch sonst erfand sich ein Messer, ein Mord, ein Dampfer von selber. Beim ersten Segel müßte die Zeitrechnung unserer Rasse beginnen. Ich liebe inbrünstig das Segeln, ich beherrsche es besser wie den Ski, aber ich wollte Ihnen von Norland erzählen, ich schweife ab, aber es ist nicht ohne Sinn.
Ich habe in Norland die Vielheit des Schneehandwerkzeugs kennen gelernt, das deshalb so vielfältig ist, weil man ohne es nicht leben kann in dieser Zone. Von Finnland bis Lappland geht seit der Urzeit der Verkehr nur auf den Brettern, gäbe es die nicht, stürbe man dort aus. Der Ski ist ein nationales Instrument, und wer es nicht von Geburt besitzt, kennt es nicht wie alles Nationale, was man hat aber nicht lernt. Darum sind diese Hölzer fast von Geschwätzigkeit, weil sie die Gefahr und die Kunst von Jahrhunderten erzählen, bis sie so wurden, wie sie sind.
Während die Deutschen ohne Tradition dieser Art nur ein paar Sorten Hölzer besitzen, ist von den blonden Schweden bis zu den fetten Eskimos die Form verästelt in hunderte von Arten. Ich sah von Upsala bis zu den Lappen breite Schaufeln wie Lotos, dünne Renner, dreifach über unser Maß gelängte, in der Mitte gekerbte, die aussahen wie Brillen, gewundene wie Schlangen, vorn geplattete oder plötzlich wie Zungen gespitzte, ich sah sie in abenteuerlichen Formen und sah sie in roher Nüchternheit.
Aber einmal, als ich von dem Zeltdorf der grünlichen Lappen mit einem Rudel schwarz gekleideter mit grünen Blusen geschmückter Kinder zur Feier der Heimkehr specktragender Weiber den Hügel herunterlief und abschnallte, sah ich eine Figur auf den Ski geritzt. Sie stellte einen Lappen dar in unanständiger Stellung, der sich im Sturz befand und die Skispitze abbrach. Ich amüsierte mich über den Fetisch, aber ich hörte, daß der Besitzer der beste Läufer der Gegend war, und daß seine Hölzer in Holz und Kufung so vollkommen waren, wie seine Fähigkeit, sich ihrer zu bedienen. Er hielt es aus irgendeinem Gefühl aber für nötig, seiner Vollkommenheit seinen Hohn entgegenzusetzen. Man hatte durch die Jahrhunderte sein einziges Werkzeug bis zur letzten Spitze des Möglichen getrieben und kann nicht weiter. Da belächelt man sich. Man nannte das Bild „das Lachen des Ski“.
An diesem Sonntag durchschaute ich guter Junge einen Haufen Weltbetrug:
Ich verstand, daß es nie Helden gegeben, und daß, wenn irgendwelche Irdischen wirklich Kerle waren, die selbst den Himmel zu erschrecken im Stande schienen, sie dennoch fraßen und stanken und es nicht verbargen, sondern sich damit preisgaben, um nicht in Würde zu krepieren. Entweder gab es Götter oder es gab Menschen, und alle Halbgötter waren Humbug der Zeit, die sie zu ihrem Gebrauch fabrizierte. Wer Größe hatte, besaß stets den Mut sich zu verspotten und erhellte durch das Gelächter seinen Mut.
Selbst der Olymp mit den menschenähnlichen Göttern und das gute Walhall suchte den Ausgleich und tobte vor Witzen. Kein großer Maler fiel mir ein, der nicht Karikaturen von sich machte, und Eurypides hat ebenso den Diminutiv von sich geliebt wie Scipio sich verlachte und Bonaparte freudig fauchte, wenn einer den Spott gegen seine Kriegsführung trieb. Die primitiven Völker entstellten sogar die Bildwerke ihrer Weiber durch enorme Busen und Schenkel, um sich mit dieser Verzeichnung ins Über-Üppige den Geschmack an der Wirklichkeit noch gepfefferter zu machen, und selbst den Kultdramen der Griechen sandte man, um die Heiligkeit des Pathos auszugleichen, gewisse Zoten hintennach. Stets befreite sich die bedeutende Person ebenso wie die Vollendung einer Epoche von der Bürde der Größe, indem sie dieselbe ironisierte und ins Menschliche somit zurückzog.
Nur die fahlen Schatten spanischer Kaiser ersannen den Trick, sich nie zeigend, in ihrer Würde zu verschwinden und einige Dichter mit vielem Ehrgeiz und mangelnder Sicherheit zu ihrem Talent machten die Geste ihnen nach, sich nicht preiszugeben und täuschten durch gesalbte Regie und Prophetentum hinter den Mauern dem Volk eine Bedeutung vor, die sie vor sich selbst nie zu glauben gewagt hätten. Denn sie hätten den Mut sonst gehabt, sich preiszugeben statt sich zu verstecken.
Wer den Schneeberger wie eine Katze des Gebirgs von der Schanze in die Luft sausen und nach vorne fallen und nach vierzig Metern mit einer glühenden Kurve den Boden des Abhangs wieder fassen sah, fand die Geste liebenswürdig, mit der er sich durch das Kopfnetz verkleinerte, und wer den Lappen schwingen sah, hatte erst an dem „Lachen des Ski“ den Maßstab, sein Könnertum zu bestaunen. Man gewinnt nur, wenn man riskiert. Und man ist nur schön, wenn man sich im Häßlichen beweist. „Er verstehts,“ sagen die Liliputaner von den Cagliostros, die sich mit Würdenebeln vor der Pupille der andern verstecken, aber sie gröhlen dann mit vor Vergnügen und halten sich den Magen, wenn die geölten Gauche bald zusammenkrachen. Das Leben ist verdammt grausam und läßt den Würdling, der ihm ausweicht und sich aufbläst, platzen wie ein Meßschwein. Nichts bleibt verborgen, man kann beruhigt schlafen.
Das Lachen des Ski taucht auf, sowie eine Zeit ihren Zenith erreichte. Sie hat dann stets für ihre Erhabenheit einen Gettatore mit dem bösen Blick gefunden, der sie bis zur wollüstigen Komik beschielte. Das Mittelalter war bereits seiner Sache so sicher, daß es sogar in seinen Domen sich verspottete und in die stolze Brust dieser heiligen Monumente Wasserspeier voll Sodomie, Klerikerstatuen im Zustand wilder Cochonnerien und die Bilder seiner Baumeister in undezenten Posen aufnahm, genau wie die ägyptischen Kulturen so mächtig saßen, daß sie den Künstlern gestatteten, in den Friesen die Herrscher zu verhöhnen.
Die katholische Kirche, die das fundierteste Gebäude auf dieser Erdkugel hat, ist so dehnbar und leutselig in ihrer Unangreifbarkeit, daß sie das Lächeln des Spottes mit jener Vorliebe aufnahm, deren Liebenswürdigkeit von vornherein garantierte, daß es die Attacken tötete, indem es sie ohne Abwehr ertrug. Von den sadistischen schwarzen Messen bis zu Origines, der sich der Sainte Vièrge zuliebe entmannte und dem spanischen dritten Karl, der keine Geliebte nahm, um es seinem Beichtvater nicht gestehen zu müssen, infolge seiner Vollblütigkeit jedoch verrückt ward, ja bis zu den Faschingfesten, die dem Fasten vorausgehen, und dem Papst, der ein Weib war, begleitet das Lächeln ihren Bau hinauf bis an die Spitze.
Es begleitete auch, wie ein Zwerg die Fürstinnen, die Gesellschaft. Je höher ihr Stil, um so klarer das Lächeln. Je verderbter und köstlicher die gesellschaftlichen Formen, um so vollendeter das Lächeln. Es paßte sich denen an, die es geleitete, und das Rokoko war schließlich und nicht nur in Mozarts Musik und Molières Stücken ein ewiges zartes Gelächter über sich selbst. Die Österreicher allein haben etwas von dieser Grazie der Satire bewahrt, da sie sich niemals ganz für ernst nahmen und genau wußten: daß sie bereits seit zweihundert Jahren tot seien und daß man also nur noch als sympathische Leiche fast wider Willen und erstaunt über seine eigene Atmung noch lebe.
Die Deutschen verstanden die Satire nie im Sinn des Spiegels, sondern sie führten sie fast stets als Streitaxt gegen zeitliche Feinde und machten sie zu Waffen der Politik. Michelangelo hat in einem Sonett angedeutet, der Dichter dürfe nichts schaffen, was die Zeit vernichten könne und hat gewußt, daß, wenn die angegriffene Unke geplatzt ist, der Angreifer nur die komische Figur bleibt. Die Deutschen attackierten Zustände, aber trafen die Menschen nicht mit. Im Mittelalter turnierten sie gegen die Dämonen, als die Blüte dieser Epoche schon vorbei war, später mit Rosenblüt und Hans Sachs gegen den Klerus. Huttens Satiren sind Plaidoyers eines Staatsanwaltes, Fischarts Werk ein ungeheuerliches persönliches Pamphlet. Der„Simplizissimus“ Grimmelshausens ist nur zufällig satirisch und im „Squenz“ hat Gryphius einen Spott ausgegeben, den er für seine Sachen in gleicher Weise verdient hätte. Das siebzehnte Jahrhundert ist von Moscherosch bis Reuter pedantisch und ohne Grazie, lediglich der „Schelmufsky“, der aber nur eine Mode belacht, hat einen zeitlichen Schmiß. Wieland war ein glatter Bursche und hatte genau den Flair, worauf es ankam und übte sich trefflich und elegant in der Manier des „Don Quichote“ und der „Pucelle“, aber vergaß, daß die Grundlagen des deutschen Wesens in gar keiner Verbindung standen mit dem Feenspiegel, den er ihnen vorhielt. Denn es gab keine Typen, die er hätte zeichnen, keinen Charakter, den er hätte karikieren können und keine nationalen Zusammenhänge, die sich wieder erkannt hätten. Er gab wie jene Leute, die mit Visitenkarten seinerzeit herumliefen, auf denen „Neffe Rossinis“ und „Freund von Liszt“ stand, lediglich eine Kopie der fremden Satiren und bedachte nicht, daß Freund oder Neffe eines Genius zu sein nicht bedeutet: Genie & Co.
Bei dem witzigen Liscow und dem hellen Lessing ward der Kampf eine Zweckfrage des Schreibtums und blieb eng im Rahmen der Literatur. Zachariäs „Renommist“ ist ein Studentenwitz, weiter nichts. Es gelang keinem, über die Opfer seiner Schüsse hinaus, an menschlichen Zielscheiben die ewig menschlichen Gebrechen zu belächeln. Sie schossen auf rohe Studenten, armselige Pastoren und auf die Gans des Aberglaubens, ohne den Ehrgeiz zu haben, erst hinter dieser Jagd den Horizont der irdischen Schwächen und Stärken liebevoll aufzuziehen. Sie durchbohrten einen Panzer, aber das Herz war ihnen ein Schmarrn. Die Armen brauchten alle Kraft, um nur die ersten Hiebe zu tun, denn um ein Zentrum zu treffen, muß eines vorhanden sein. Zeiten ohne Humor sind miserable Zeiten, nicht weil ihnen das Salz fehlt, denn es können zahlreiche Witzbolde in ihnen herumrennen, sondern weil sie nicht so üppig sind und so ausgewachsen, um sich mit einer gewissen Wollust in der Ironie zu baden.
Es kommt nämlich auf den Rückschluß an, nicht auf die Betonung. Es kommt nicht auf die Mäuse an, sondern auf den Speck in der Nähe. Es ist an sich gleichgültig, ob es Satirisches gibt, aber wo Satirisches funkelt, ist bombensicher eine vollendete Zeit in der Nähe. So ist der Weg. Jean Paul, der mit seinen scharf gedachten „Grönländischen Prozessen“ keinen Erfolg fand, der aber ein Riesenwerk der Satire als Talent zu bauen in der Lage gewesen wäre, beweist, daß nur Humor, daß nur das persönliche Gelächter über die Welt anzustimmen den Deutschen möglich war. Er konnte nicht die Zeit, ein wenig schief gelegt, formen, sondern er amüsierte sich auf eigene Faust. Wilibald Alexis bluffte seine Landsleute, indem er ihnen einen Roman als Übersetzung Scotts vorsetzte, das war aber nicht Satire der Zeit, sondern ein Witz, den die Zeit ihm erlaubte.
Zweimal nur gelang es vor Heine, einen Zipfel der Epoche lustig und erhaben zu stehlen aus der Rüstkammer der sortierten aber nie gesammelten deutschen Begriffe, das war in „Minna von Barnhelm“ und in Büchners „Leonce und Lena“, wo Lessing das preußische, Büchner aber einen Teil jenes romantischen reellen Weltgefühls der Deutschen (über ihre siebenundachtzig Potentaten hinweg) menschlich festzuhalten vermochte. Meissonier macht mit Unrecht den Deutschen den Vorwurf, der Protestantismus habe sie statt zu Überlegenheiten zu nüchternen Kostspendern wie Kaulbach und Piloty geführt. Der Protestantismus hat ohne Zweifel den Wurzelkeim einer nationalen Kultur zerrissen, wenn er überhaupt bestand, aber mehr Schuld ist ohne Zweifel, daß die Führer ihre Deutschen klein gehalten und nur zum Genie der Gesetzparagraphen erzogen haben. Ihre Freiheitsidee ist von der Schwungkraft eines Karussells, sie saust nach außen, aber sie baut keinen Staat, ihre politische Einsicht vermag nicht die Bedürfnisse augenblicklicher Not oder Gewinne zu überspringen, und ihr nationales Bewußtsein ist immer, soweit es öffentlich betont wurde, das von Generälen oder nationalistischen Gauchos gewesen. Daß Deutschland viele Hauptstädte hat, büßt es damit, daß es keine geistige Zentrale besitzt. Und daß dadurch wohl Leben aber kein zentrales Bewußtsein in das Volk drang, zeigt sich heute, wenn der republikanische Staat in seiner Ausbalanziertheit bereits wackelt. Undenkbar, daß die Provence, daß Smaland, daß York abfiele von ihren Mutterstaaten, weil ihnen da in der Leitung etwas nicht passe oder sie eine andere eigene Form der Gouvernements vorzögen. Daß Bayern wie ein Kind monatlich damit droht, beweist nur deutlich, daß die Deutschen noch nicht Deutsche sondern eine Zusammenstellung von Charakteren, und daß sie nicht national, sondern Querköpfe sind.