Heine ist der einzige Künstler, der eben dies und dazu vom Ausland her, wo er exiliert saß, fast zu einem Weltbild der deutschen Art zusammenzuschließen vermochte, indem er es mit den Tönen der höchsten Liebe verspottete. Er verstand es allein, wie Voltaire auch, im obersten Sinne national zu sein, indem er angriff und spiegelte. Deutschland hat nicht an ihm gelernt, sondern hat ihn verachtet, und weil Heine wagte, es durch seinen liebenswürdigen Hohn zu erziehen, hat es ihm ein Denkmal verweigert, das es ihm unweigerlich gesetzt hätte, wäre er in der Lage gewesen, in der militärischen Laufbahn einige Städte zu zerstören. Die Satire springt aber hier aus dem deutschen Spiegel und setzt sich mit dem blanken Rückenteil der Epoche mitten in das Gesicht. Sie wird unfreiwillig. Nicht das Vollendete erfreut sich seiner Karikatur, sondern das Unharmonische macht sich erbärmlich, indem es die Windmühlen angreift, die es von einem Feenberg necken. Die Deutschen verachten das Spiegelbild, das, wenn es in seiner satirischen Schiefe recht hätte, nur der Beweis der Höhe ihrer nationalen Kultur wäre und sie verachten sich damit selbst.

Des Briten Pope „Lockenraub“ und Boileaus „Lutrin“ und des Italieners Tassoni „Geraubter Eimer“ und Cervantes Bücher sind aber nicht Angriffe gegen betrunkene Studiker oder eifersüchtige Lords oder ehrgeizige Kleriker oder fahrende Ritter, sondern sie sind vorzügliche Karikaturen der Menschen in eine unbeschreiblich schöne Spiegelung der Zeit hineingezeichnet, so etwa, als beuge sich jemand über Wasser und es bliebe, durch eine Welle gestört, das Bild auch unter dem Zittern mit solcher Klarheit, daß man die Anmut und Grazie auch durch die Verzerrung zu empfinden verstände.

England und Frankreich entwickelten die literarische Karikatur so, daß sie Bestandteile des nationalen Lebens wurden und der Schritt vom Sublimen zum Belachbaren nicht ein Vorwurf, sondern ein Vorzug wurde. Molière und Lafontaine und Boileau waren nicht die Karnickel, sondern die Schoßkinder ihrer Zeit, die ein Entzücken darin fand, die Feinheit zu studieren, mit der man die Fehler ihrer Rasse bespottete. Auf dem französischen Theater erzog man den heroischen Ton so, daß er in seiner höchsten Pathetik bereits wieder die Untermelodie des Mokanten erreichte, kein Staatsmann, kein Künstler war zufrieden, wenn ihm nicht sein Erfolg und seine Bedeutung dadurch bezeugt wurde, daß man ihn anmutig verlachte. Fénélon hat den Franzosen seiner Zeit in seinem „Télémaque“ über die Scherze, die er sich mit ihnen erlaubte, hinaus sogar ein Idealstaat gezeigt, Le Sage ließ sie durch seinen Teufel einen Blick in alle Häuser tun, Montesquieu traf mit den reisenden Orientalen, die über Frankreich zum Orient berichten, den entzückenden Blickwinkel, der alles unter dem Vergleich mit anderen Weltsitten veränderte,

Voltaire ward der Riese, der ohne Gewalt nur mit dem gierigen Zug seiner Grimasse den Klerus und die auf ihm hockende Masse des Staates zerlächelte, bis Beaumarchais Gelächter eine Zeit völlig in ihrem Stürzen begleitete, deren Rekonstruktion als bürgerliche Gesellschaft Anatole France mit einer weisen und müden Ironie wieder zu Tod zu lächeln beginnt, wo sie schon wieder ein Jahrhundert alt und schon greisenhaft zu werden anfängt. Man wird Satirisches in Frankreich nie mißverstehen und nach Möglichkeit nicht verfolgen, das Volk ist in der Lage, jede Bemerkung auf ihre Ironie und ihr Vorbild hin sofort zu verstehen, es ist tatsächlich so erzogen, daß es fast automatisch beim Heroischen bereits das Belachbare sieht. Weil sie diese Fähigkeit, im wahren Sinne dem Leben gegenüber Esprit zu beweisen, bei den Deutschen vermissen, haben Constant dem Nüchternen und Stendhal dem Verquollenen und nicht Charakterfesten an ihnen die Schuld für ihre fehlende Kulturbasis gegeben. Wenn man der Sarah Bernhardt die dürr wie eine Peitsche war, aber sehr fette Finger besaß, den Rat gab, sich zur Bequemlichkeit lieber auf die Hände zu setzen, so ist das ebenso bezaubernd wie unanständig, lobt und verspottet die Künstlerin gleichermaßen und wird überall genau so verstanden, wie wenn ihr großer Komödiendichter sagt: „J’aime mieux un vice commode / Qu’une fatiguante vertu,“ — — — was nicht ein Paradox sondern ein witzig gebrachter und verstandener Bestandteil des Volkscharakters ist.

In England folgte das Volk mit fast ehrfürchtiger Scheu den literarischen Verzierungen, die, aus Gelächter gebogen, an den Bau der Gesellschaft angefügt wurden. Pope ward zwar wegen einer Pasquille gegen einen Lehrer aus der Schule geschmissen, vermochte aber ganz Europa mit dem Ruhm seiner satirischen Schriften so zu erfüllen, daß er sich vom Erlös einer Übersetzung allein ein Landgut kaufen konnte. Das England um Siebzehnhundert zitterte vor Swift, und die Regierung mußte, weil er dagegen war, achtzigtausend Pfund Sterling Kupfergeld aus Irland zurückziehen, da, obwohl Newton die Güte bescheinigte, Swift erklärte, es sei ungut und das Volk ihm glaubte. Auch Dickens und hundert Jahre nach dem Verfasser des Gulliver hat Thackeray in „Punch“ und in „Vanity-fair“ seine Gesellschaft in ganz großen Karikaturen gefangen, die oft fast an die Predigt eines Sardonikers erinnern. Swift aber hat am tollsten eine Tradition geschaffen, an deren Gültigkeit England glaubt, und hat, wie Demokrit mit dem Maskenbündel, bald dieser bald jener Seite seines Volkscharakters ein anderes Spiegelbild gezeigt, unerschütterlich in seinem Angriff und seiner Zusammenfassung der Zeit.

Er konnte seinem Werk sogar den ausgezeichneten Einfall hinzufügen, daß er sein Leben dem Geist seiner Bücher anglich, indem er als Epileptiker geboren ward und als Idiot verstarb. Während die Franzosen durch Frivolität weise zu werden suchten, indem sie lachen, haben die Briten eine orthodoxe Miene im Gesicht und haben darum eine unbegrenzte Hochschätzung vor ihren Karikaturisten, weil sie den Sinn der Moral in ihnen sehen und sie daher lediglich für eine Sorte von Lachern halten, die ein strengeres Zusammenraffen des nationalen Geistes in dieser Maskerade verlangen. Beide aber wissen, daß ihr Zerrbild im Grunde ein Lob ist und letzten Endes eine positive Sache wie jeder Witz.

Die Deutschen aber haben für die, welche ihre Heimat lieben, den Spruch vom Vogel entdeckt, der sein Nest beschmutze und sich, was ihre Fehler angeht, in einen abscheulichen „cant“ verkrochen. Sie haben ihn oft den Briten vorgeworfen, aber diese haben an Selbstkritik stets das Letzte geleistet, wenn sie auch Heuchler in anderen Dingen sind. Aber die Deutschen haben sich einen Traum von ihrer Erlesenheit und Vorzüglichkeit angedichtet, dessen Anzweiflung schon Ausschluß aus der Volksgemeinschaft bedeutet. Kritik aus Liebe zu Deutschland üben heißt Fehme auf sich nehmen.

Das hat diejenigen, welche ihre Heimat und ihre Zeit neuerdings satirisch spiegeln wollten, durch diese erbiesterte Form der Ablehnung nicht zu Lächlern, sondern zu Pasquillanten gemacht. Sie haben oft Liebe sagen wollen, aber es ist ihnen im Mund zu Haß geworden. Es ist der gleiche Liebeshaß, der die Geschlechter unter Bissen zueinanderwirft, der auch ihre Stellung zur Heimat ausmacht. Die Deutschen wollen nicht erzogen werden, die Dichter aber meinen, man müsse sie erziehen oder sterben. Die Deutschen wünschen, daß diese Schreier, die ihnen Fehler zeigen, das Land lieber verlassen. Diese aber meinen, man müsse diese nationalistischen Schreier erst erschlagen, um an Deutschlands Herz zu kommen. Was die Franzosen lieben und die Engländer verehren und was beide zu einem Block nationaler Größe zusammenschließt, erregt in Deutschland den moralischen Bürgerkrieg. Das Volk vermag im Schild dieser Kämpfer nicht sein Gesicht zu sehen, weil dieses Gesicht in Wirklichkeit nicht besteht, die modernen Satiriker glauben aber, sie müßten wie Savonarola hetzen, um das Volk auf seine Fehler zu stoßen.

Sie reden dabei aber eine Sprache, die das Volk nicht versteht, weil es ja auch seine Fehler nicht sehen kann, da diese Fehler in seinem Gewissen nicht bestehen. Die Deutschen haben eben keine Gesellschaft, denn besäßen sie diese, hätten sie einen nationalen Ausdruck und seinen Zwillingsbruder, die Satire. Es wird hier ein furchtbarer Kampf gestritten, da jeder leider vom besten überzeugt ist und man sich in dieser Überzeugung die Gurgeln abschneidet ohne Resultat.

Nach einer großen Demonstration gegen die Reaktion sah ich in einer Straße der Altstadt ein neues Spiel, ein Junge hatte den anderen unter sich, schlug ihm den Kopf auf den Boden und schrie: „Sag, es lebe die Republik!“ Man lehrt es so nicht, indem man dem, der rufen und glauben soll, den Kopf zerhaut. Man müßte eine überzeugendere und überlegenere Art finden, sich mit seiner Meinung durchzusetzen. Da es ohne Frage ist, daß Satire nötig und daß sie fruchtbar ist, darf sie sich nicht, wie in Deutschland gemeinhin üblich, vorher selbst kastrieren. Es wird da leider aus Haß der Zuneigung nicht gespottet, sondern gehaßt. Es wird nicht angegriffen, sondern es wird vernichtet. Der Delinquent, den man überzeugen will, wird zuvor in den Bauch getreten, eh’ er Argumente hört und hat infolgedessen Recht, sich Belehrungen zu verbitten, die Belästigungen sind.

Man rennt wie wild geworden gegen die Zeit los, aber man spießt auch tatsächlich nur Institutionen auf. Man kommt, während man geistig hinreißend sein will, in den Ruf, ungebildet und frech zu sein. Leider wird auch gar nicht versucht, die Menschen durch ihre Zeit zu bespiegeln, sondern sie werden wie Indianer-Gefangene skalpiert und hingerichtet und zum Schluß verspeist. Das gebildete Publikum hat seinen satirischen Schriftstellern gegenüber die Einstellung des Mannes, der ausspuckt, oder es hat die Angst, die Andersen hatte vor Heine, von dem er kindlicherweise annahm, er verschlinge ihn, obwohl es ein Weltmann war, den er dann traf. Die deutschen Satiriker nutzen im Augenblick nichts, sondern sie verderben nur, im besten Falle geben sie der Zukunft ein Material über die Zeit.

Sie sind eben tragischerweise nicht die ungezogenen Kinder der Zeit und der Nation, sondern sie sind fremde Bastarde. Die Nation erinnert sich keiner Fehltritte, die Bastarde bestehen darauf, die Nation davon überzeugen zu wollen, daß sie dennoch die Produkte dieses Fehltritts seien, sowie daß Fehltritte unnötig seien, wenn die Nation sich rechtmäßig mit einer anständigen kulturellen Haltung kopuliere. Schmerzlich ist, daß wohl seinerzeit die Kreuzzugprediger von allen begeisterten Völkern trotz ihrer anderen Sprachen verstanden wurden, daß die Deutschen aber wie Kaffern und Chinesen einander nicht verstehen und dadurch nur mißtrauischer werden.

Hätte Heinrich Mann die Zartheit Anatole Frances besessen, so hätte er seine satirischen Bücher statt als Kanonade gegen seine Zeit mit der Ewigkeitseinstellung des Dichters losgelassen. Er hat, wo er den Bürger zerknittert, keine Distanz sondern Vergnügen an der Vernichtung. Es wäre darauf angekommen, zu zeigen, daß die „Untertanen“ und „Professor Unrat“ nicht getötet werden müssen, sondern daß dies der winzige Teil einer menschlichen Schwäche sei, die amüsant besonders im wilhelminischen Zeitalter blühte. So wäre zur Objektivität die Heiterkeit gekommen, die Frances Spitzbart umwölkt, und dazu vor allem die Wirkung. Denn Manns Romane haben die Deutschen nicht gebessert, sondern ihren Feinden nur das Material zu ihrem schadenfrohen „Kreuziget“ gegeben. Er hat nicht die Einstellung des weisen Mannes gefunden, der das Kleine nicht allzusehr beachtet und das Große auch nicht als Dupe hinnimmt, sondern vielmehr die die Welt als das Vergängliche, das sie ist, mit graziöser Skepsis zwischen den gespitzten Fingern aufhebt. Obwohl neben den Novellen die satirischen Romane seine besten Arbeiten sind, erreichen sie um dieser Einschränkung willen nur den dokumentarischen, nicht den menschlichen Wert großer Kunstwerke.

Sternheim hat den Instinkt für Voltaire viel gerissener im Blut und weiß eher, daß nicht die Zerfleischung, sondern die Sammlung der Untugenden in einer komischen Linse not tut, er hat einige meisterliche Novellen für Deutschland geschrieben, aber die Maßlosigkeit seiner Ausdrucksweise zerstört das meiste seiner Wirkung. Er ist wohl der Ansicht, es sei überhaupt nicht für die Gegenwart sondern für ein Publikum der Zukunft zu schreiben, allein er weiß nicht, daß das Kolossale einer satirischen Wirkung nicht durch die Unflätigkeit des Ausdrucks, sondern durch die möglichst unbeteiligte Form geschieht, mit der man seine Nation in den schrägen Winkel gleiten läßt, der das Bild ins Komische bricht.

Gottfried Benn, der ein ausgezeichneter Dichter ist, hat sich manchmal in einer Abhandlung über die Zeit dem trockenen Ton der Sachlichkeit genähert, allein sein „Modernes Ich“ erfordert Voraussetzungen an Gescheitheit, die ein auf Wirkung lüsterner Autor nicht stellen sollte.

Trefflicher verwendet die chronologische Exaktheit in der Zeichnung Hermann Essig, dessen „Taifun“ das beste satirische Romanbuch in Deutschland seit langer Zeit ist. Allein seine Welt ist die einer künstlerischen Clique und weder Herr Herwarth Walden noch sein Kreis, die sich mit der Lanzierung einer abstrakten Malerei beschäftigen und hier beschrieben sind, rücken so in die Lupe, daß sie einem deutschen Nationalcharakter sich nähern, vielmehr eher jener siebenten Sippe der ersten Familie der vierten Ordnung Raubtiere, nämlich den Katzen (Felidae), deren Gehabe gleichfalls von Essig liebevoll und distanciert betrachtet wird.

Noch skurriler verkümmert in literarischem Gehabe die satirische Bemühung von Karl Kraus. Seine Stimme erlischt zwar nicht wie die der meisten kritischen Schreiber, wenn ihr Verleger ihnen das Engagement kündigt und die aufgeblasenen Armseligen einflußlos auf der Straße liegen, denn erstens ist sie so bissig, daß sie nur unabhängig ertönen kann und zweitens geht sie ohnehin nicht über die Wiener Vorstädte hinaus. Er gibt seinem Organ daher gern die Färbung des Teufels, der einhergeht wie ein brüllender Leu, aber es ist aus der Nähe nicht ein Raubtier sondern ein Verbissener, und aus der Entfernung kein Bespiegler sondern nur ein lokaler Craqueur. Die Satiriker, die nahe bei Epikur stehen müßten, haben sich Mars zugewandt und tragen keine überlegenen Falten im Gesicht, sondern scharf nach oben gewichste Schnurrbärte. Die Dinge werden aber nicht mit Geschrei überwunden, sondern mit der Tat oder mit Achselzucken.

Die literarischen Führer, die in der Regel weder Athleten noch an Wade und Nerven kriegerische Erscheinungen sind, begehen eine Täuschung, wenn sie sich wie Feldwebel verpuppen. Um ein Volk in den Fehlern zu karikieren, bedarf es Liebe und Verständnis für die Schwächen und etwas Gift. Aber man langweilt sich auf die Dauer bei den Trommelwirbeln, die gegen den Bürger schallen, der überhaupt nicht mehr lebt. An seiner statt hat ein vielfarbenes Zersetzungs- und Umbildungsvolk sich geschaffen, und das liest Herrn Kraus deshalb nicht, weil es sich um Literaturgeschrei gar nicht kümmert, und er sich wiederum nicht um ein Volk zu kümmern vermag, das seine Art nicht nötig hat. Aber man wird zu jeder Zeit den Swift lesen, weil er ein großartiges, auch giftiges, aber auf den Händen hergetragenes rundes Kugelbild seiner Zeit geben konnte, daß man zum Lachen und zum Weinen kam, wenn man es besah. Die guten Satiriker sind natürlich keine Verneiner, sondern mokante Bejaher. Sie stellen sich nur so, als ob alles nichts sei in ihrer Pupille, sie stellen die Welt in Frage, damit man sie um so liebevoller bejahe.

Die deutschen und die deutschjüdischen Satiriker haben aber nur den ersten Teil begriffen und sich in das Nein wie ein Hund in den Knochen verbissen. Albert Ehrenstein hat diese Beschäftigung am weitesten ausgedehnt und sich ein Leidvermögen an der Unvollkommenheit der Welt antrainiert, daß er an jedem Portier das erlebt, was Musset und Byron nur in besonderen Melancholien erreichten. Mit einer ewig wunden Seelennot schreibt er sich aber in ein heroisches Maß der Verneinung hinein und steilt seine Klage um die Erde zu fast grandioser Monumentalität. Hier aber, wo er umkippen und endlich das Ja erleben müßte, hütet er sein Leid wie eine Champignonzucht, und statt nun in angenehmere Partien des Diesseits zu verziehen, wirft er den Trauermarsch seines Hohen Liedes in das larmoyante Geschrei der jüdischen Klageweiber, die gegen Bezahlung tagelang den Schmerz zu artikulieren verstehen. Die Balance ist falsch, das Talent ist nicht als Schleuder, sondern als Kugel verwandt, die Mauern stehen gar nicht mehr, gegen die sie geschleudert ist. Was will die deutsche Satire der Zeit? Zerstören! Aber es fehlt ihr der Partner, und der unnötige Lärm und die Besessenheit machen nur die Unbeteiligten unlustig.

Eher vermöchten einige, weil sie von Hans Sachsens trockener Knitzigkeit herkommen und bei Kortums „Jobsiade“ sich beim Knittelvers aufgehalten haben, eine Karikatur der geistigen Zeit zu machen. Natürlich gelingt es auch nicht, weil dieses Zeitbild ja fehlt, aber es wäre immerhin zu konstruieren oder amüsant anzudeuten. Der Versuch eines Unbekannten, Herrn Freeman, ist beträchtlich, obwohl der Autor barbarisch sich nach jedem Satz auf den Magen klopft. Er macht den Trick, einen Naivling, einen unzivilisierten Bauer auf der Suche nach einem Weib, Deutschland durchreisen zu lassen. Der agrarische Parzival, der weder eine Eisenbahn noch ein Parlament ahnt, hat in der Reflexion eine ähnliche Einstellung wie Montesquieus Orientalen, welche Frankreich bereisen, aber er hat nicht ihre Vergleichspunkte und damit erlischt die höhere Gesetzmäßigkeit der Satire.

Bei den Franzosen spiegelte eine Welt die andere, bei Freeman in seinem „Michel“ grinst nur ein Bauernlachen über ihm vorkommende Unverständlichkeiten. Die Welt, die Freeman sieht, ist ihm und uns nicht rund, die Landleute sind aber nicht einfach, sondern schlau. Sein Lächeln ist nicht überlegen, sondern nur pfiffig. Auch Herr Uzarski, der aus gleicher Richtung kommt, sendet einen Naivling aus, aber er ist schon fiter und läßt ihn in Spanien reisen, wo immerhin ein Weltbild ihm entgegentritt. Auch in seiner Hundegeschichte mischt er den derben Ton der knorzigen Fastenredner hinein und bringt das deutsche Wesen manchmal schon zu Fastnachts-Komik. Allein bei aller herzbrechenden Drastik ist dies nur ein vereinzelter deutscher Zug, der dazu noch von den Meistersingern kommt. Hans Sachs aber ist nicht deutsch, sondern nur ein vergröberter Auswuchs und keineswegs Gesellschaft, es sei denn die der Rüpel.

Dazu kommt Herr Scheerbart, ein Humorist, der neben allem anderen nicht ohne das Phantastische auskommt. Eine Gesellschaft, die nicht besteht, auch noch auf der Milchstraße karikieren zu wollen, ist vielleicht ein Zeichen von Talent (er besitzt es), aber eine unmögliche Satire. Das hätte Cervantes nicht gewagt. Albert H. Rausch sodann, der nicht den Bürger, sondern den Spießer wie Hoffmann und Paul ärgerlich zeigen wollte, im Zustand wie er sich über Urningtum entrüstet, ist ein Zärtling, der, sonst ein gepflegter Dichter, hier seiner Provinzstadt dauernd, statt sie stinken zu lassen, Parfüme über das Dach schüttet. Er kann es ohne Ästhetisieren nicht lassen und zeigt sich immer wieder selbst, elegant und heiter, zwischen den Bürgern seinem Publikum auf seinen eigenen Händen serviert.

Exerziert man Deutschlands Satiriker alle nebeneinander nach Größe und beschaut ihre Einstellungen, haben fast alle gegen Zustände gefochten und nicht Menschen geschildert. Die stofflichen Anlässe der Herren sind Späteren so gleichgültig, wie uns die preziösen Salons der Molièrezeit, die Arrangementgründe der Shakespear’schen Lustspiele, der Kitzel zu „Leonce und Lena“. Wer hat, Sternheim in manchem ausgenommen, mit lachender Üppigkeit die Zeit durch die Sanduhr laufen lassen, daß man sagen kann: hier ist Zeit zusammengelächelt und sonst nirgends? Die Antwort ist: nirgends. Bei einem Schüler von Anatole France, einem gewissen Übelhör, war alles da, wenn auch geschwächt. Allein er hatte, wie Wieland, eine Satire auf die französische Demokratie geschrieben. Es hätte eine Übersetzung aus dem Französischen sein können. Es ist die Visitenkarte eines begabten Neffen von Herrn France.

Ein Börsenauftrag, Mijnheer, mit Ausführungsbestätigung dauert von London nach New-York vier Minuten und kann tatsächlich effektuiert werden, da die Börse in New-York um zehn beginnt und die Londoner bis vier Uhr handelt und in der Zeitrechnung zehn Uhr morgens etwa drei Uhr zehn britischen Nachmittags entspricht. Die Zeit ist kurzlebig und schwer zu fassen. Wie faßt man sie rasch?

In Frankreich begleiten, ob ein Präsident aus dem Wagen gestürzt ist oder eine Apothekersfrau entdeckt ward, die nackt mit dem Keuschheitsgürtel vom verreisten Gatten an die Wand geschmiedet ward, in Paris begleiten auf den Boulevards mit Postkarten handelnde Sänger und siebentausend in Café-Konzerts auftretende Bretzel-Chanteusen diesen Vorfall mit einer Flut von Spott. Die politischen Ereignisse werden in allen Revuen und Kabaretts glossiert. Die Erklärungen der Conferenciers in den großen Schaupantomimen, in den Guignols, in den Kaschemmen, wo Schattenbilder gezeigt werden, stellen den Kontakt zwischen Tagesereignis und Illustrierung her. So wird das einzelne aufgesogen und bereitet die ungemeine Empfänglichkeit für die daraus addierten Summen des künstlerisch satirischen Werkes vor. In England verarbeiten es die viel heftiger als bei uns gelesenen Wochenschriften und Witzblätter und Variétés.

In Deutschland sind erst nach der Revolution einige Kabaretts eingezogen, die das Tagesereignis glossieren, die Literatur dazu wurde von Herrn Mehring, Tucholsky, Reimann und Ringelnatz geliefert. Sie nähert sich stark dem politischen Thema und damit jener Schärfe, mit der der deutsche Karikaturist sich bemüht, seine Sachen seinem Publikum ins Gesicht zu speien, statt sie ihm gefällig zu servieren. Der Kabarettstil der durchgängigen Nachkriegszeit beschäftigt sich sonst mehr, soweit er diskutierbar ist, mit den „Faits divers“ der Skandale der Hauptstadt. Lediglich den Schauspieler Paul Grätz mit einer fiebrigen, aber gehämmerten Diktion vermochte dieser Stil herauszubringen, von dem nicht gesagt werden kann, ob er überhaupt Satire ist oder eingeseifte Politik. Von der aber fliehen die Bäuche, die unten Sekt schlemmen, lebhaft lieber zu Apachenszenen und „Zeig mir mal dein Muttermal.“ Man ist dann unter sich. Diese Sprache, nicht nur die der Kreuzzüge, ist, nicht ohne Recht, international verständlich. Es ist eine Sache, es sind Leiber und Frauen, um die es geht, und nicht Experiment um Geschwätz.

Das ist die Geschichte vom Lachen des Ski, Mijnheer. Ich habe an ihm gelernt, daß es keine Helden gibt, daß aber nur erhaben ist, was sich belachen läßt. Ich bin durch die Karikatur von der Dichtigkeit des Menschen überzeugt worden, und nicht davon, daß nur, wo kein Spott hinlange, Größe sei. Der antikisierende Maler Mengs war überzeugt, daß er nach seinen beiden Vornamen die Eigenschaften des Correggio und des Rafael von Urbino in sich vereinige. Er war ein Idiot, der, statt seinen preziösen Bürzel ins Wasser zu stecken, ihn wie eine Trompete in die Luft hob. Er machte sich lächerlich, indem er sich spreizte mit überlieferter Würde, statt daß er sich durch Witze seine Unbefangenheit von soviel anspruchsvoller Tradition erkauft hätte.

Die Menschen, Mijnheer, haben nie den Instinkt für die Wirkung ihrer Figur und ihres Esprits. Dieser Berg da oben nördlich heißt Schauinsland, ich finde ihn köstlich benamst, weil er voll Schneesturm steht wie ein Vulkan. Dieser Aussichtspunkt westlich heißt Notschrey, ich finde bei diesem Windspektakel das fast verzweifelt komisch. Dieses Getränk hier, Rotwein und Sekt und Cognac und Himbeer heißt Horbener, weil das der Landstrich Badens ist, wo am wenigsten wächst. Liegt nicht viel Anmut in diesem Sichverspotten? Man hätte uns nicht nach den heroischen Idealen erziehen sollen, sondern lehren müssen, aus dem Frivolen die Menschen sehen, man sähe gemeinhin sicherer und klarer.

Eine Serie Leben müßte man hinter sich haben, als Kammerdiener des Rubens, als Knabe des Alcibiades, als General des Dschingiskhan, als Matrose des Kolumbus, als Geliebte Homers, um an ihren Schwächen und ihrem Versagen fast kämpferisch sich den Glauben an ihre Größe zu erwerben. Aus den Geschichtsbüchern klingt das hohe Pathos des Ruhms allein für den, der Menschen kennt, leicht nur wie Gedudel aus einer Papiertrompete. Das wirkliche Ja hat stets sein Lächeln mit sich wie Wotan seine Raben. Einmal hat übrigens das Lachen des Ski sich umgedreht.

Man hat nämlich, wenn man nicht zünftig die Langriemen beim Skiern trägt, die man selber knotet, den Fuß in der Huitfeldbindung, das ist eine Klammer vorn, die mit einem Riemenschluß an den Absatz verbunden wird, oder man trägt Bilgery, wo dafür eine Rolle mit Stahlfedern tritt. Die Preußen haben diese beiden im Kriege kombiniert, damit wohl der Fuß vorn fest säße, die Stahlfeder aber erlaube, in Reih und Glied, nach Kommando und auf dem Ski knieend zu schießen, laut Reglement. Hier ist das Lachen nicht bei dem Menschen gewesen, sondern wahrlich bei dem Ski.

Hätte der es vermocht, er hätte seiner Heiterkeit Ausfluß gegeben, aber er hätte nicht seine Vollendung damit bespiegelt, sondern sich über seinen Schützen gefreut. Der nämlich war, wenn er nicht zwischen dem Schießen und der Beobachtung des Skis selbst erschossen wurde, das Symbol jener Gattung von Leuten, die unfreiwillig zum Lachen helfen, fatalerweise für sie.

Uns hier hilft nicht einmal das Schießen. Es schneit. Ob wir belachbar sind mit unseren Dialogen? Niemand ist seiner Wirkung sicher, Mijnheer, auch im Schlaf nicht. Man kann auf jede Satire eine andere verfassen, die noch mörderischer ist. Als Racine eine Sache von Port Royal aus drehte, die sich über den König mokierte, traf ihn ein Blick Ludwig des Vierzehnten, und er starb. Der König war ein Gettatore. Er hatte ihn tot gelächelt.

Die fünfte Nacht

Ich will Ihnen davon erzählen, wie ich das Steuer meines Lebens in die Hand bekam, Mijnheer, von einem Flugzeug, von Pernambuco und meiner Kindheit.

In unserer Bibliothek hing jeder Erstgeborene der Familie die Bilder dreier Männer auf, die sein Leben schirmen sollten. Ich hing mit Siebzehn bereits unter meines Vaters Führer, unter Montaigne, Homer und Bismarck die Bilder des Luftschiffers Blanchard, des Herrn von Lesseps, der den Suezkanal durchstieß, des Meisters Blériot auf. Ich kam zur Strafe am folgenden Tag zu Tante Evelyn aufs Land und begann sofort hinter ihrem Rücken einen Gleitapparat zu bauen, um das hügelige Gelände auszunutzen. Tante Evelyn bemühte sich aber, mir eine höhere Ansicht beizubringen und nahm mich mit in die Stadt, wo vor einer glänzenden Gesellschaft ein bärtiger Herr über Ceylon und China Einiges vorlas.

Es waren für deutsche Verhältnisse sehr elegant gemachte Schilderungen dabei von Pullmans und Chinatowns, aber obwohl er, wenn es spannend ward, jeweils unverständliche Nutzanwendungen fürs praktische Leben dazu gab, zog ich das Portefeuille, denn ich dachte, es sei ein Clerk vom Reisebureau, aber Tante verbot es mir. Ich war gewohnt, die Börse zu ziehen, wenn bei uns Hinrek Maasen von Sumatra erzählte und am Schluß seinem Affen den Schwanz hochzog, daß die Weiber quietschten, aber ich ahnte nicht, daß meine Tante mich mit in die Weisheitsschule des Grafen Hermann Keyserling geführt hatte. Ich sagte ihr, ich hätte Romane von ihm gelesen, aber sie zog auf der Heimfahrt ihren Tibetpelz vor den schönen Mund, fröstelte in der Mondnacht und meinte, das sei eine Verwechselung, fast jeder Balte sei ein Keyserling, und der, den ich meine, sei nur ein Dichter und heiße Eduard.

Ich begriff nicht, warum man nur ein Dichter sei, wenn man glänzende Romane schriebe, aber hingegen gefeiert werde, wenn man unter dem Namen Hermann den Baedeker in graziöse Philosophie übersetze und dadurch unverständlich mache, und beschloß, mich mit den Schriften des Grafen auseinanderzusetzen, nachdem ich meinen Gleitflugapparat mit Leinen aus Tantes Vorrat bespannt und imprägniert hatte. Ich ersah daraus, daß der Balte über Reisen gut schreibe, jedoch seine Landschaften mit Philosophie, seine Gelahrtheit aber mit Wasserfarben verdünne. Ich fand, daß er gegen den Krieg sei, aber heroische Kriegerischkeit lobe, daß er mit dem Sozialismus kokettiere und ein aristokratisches Standesbewußtsein lehre, daß er schrieb, Deutschlands Bevölkerung sei erbärmlicher im Kriege gewesen wie die Frankreichs, und dennoch mit allen abgesetzten Fürsten verhüllte Blicke wechsele, daß er die Einfachheit des Lebens pries und sich allen Sprossen der Wirtschaftskapitäne als kluger Mentor im Sinne ihrer Weltauffassung empfahl.

„Findest du nicht, Tante Evelyn,“ sagte ich, „daß der Graf nichts anderes ist wie ein God-Dag-Mann in Kopenhagen, der nach allen Tischen seine Verbeugung macht?“ „Mein Junge,“ sagte Tante Evelyn, und winkte ihrem schwarzen Diener, „mein Junge, du bist noch nicht alt genug, um zu wissen, daß man alles kennen muß, um alles zu vereinen.“ Ich grübelte lange darüber nach und beschäftigte mich darauf mit der konstruktiven Basis einer Welt-Auffassung, wie der Graf sie besaß. Mich interessierte die Mechanik, auf der so verschiedenes Zeug beruhen konnte, aber ich fand keinen Punkt und kein System innerhalb dieser Gedankenmaschine. Da kam mir eine phantastische Idee.

Diese Geschichte, Mijnheer, ist eine sehr abenteuerliche Sache, ich kürze sie ab, so gut es geht, aber es geht darin herauf und herunter. Am anderen Tag kam im Flugzeug aus Prag ein berühmter weißbärtiger indischer Dichter in die Weisheitsschule, und hatte der Graf vorher schon den größten Zulauf, so wanderte nun halb Deutschland hin. Ich halte Tagore heute für einen gut europäisierten Denker, meine aber, in Indien, mit dem er gar nichts zu tun hat und wo Literatur seit Jahrtausenden gepflegt wird, dichten die Sackträger so. Kurz, zumal der Graf aufforderte, nur die besten Deutschen sollten diese exotische Schau vornehmen, begleitete ich Tante Evelyn lediglich, um den Äroplan des Inders anzusehn.

Ich ging nach dem Hangar und sah nach der Marke: „It is a Farman of course,“ konstatierte ich zu dem Piloten. „In whose interest do you come here?“ Er antwortete in seinem tschechischen Slang: „C’est une affaire de propagande pour la maison de Cook.“ Er hielt mich für einen Piloten und grinste mich verständnisinnig an. Am Abend nahm ich den Schwarzen, den der Graf bei Tante Evelyn untergebracht hatte, mit hinter die Scheune, hielt ihm eine Pistole unter die Nase und er gestand das gleiche. Ich lachte die halbe Nacht. Am Morgen hatte ich den Punkt gefunden, von dem aus die Konstruktion so vieler Ansichten gehalten wurde: Es war einfach Cook.

Cook transportierte die „Blüte der Nation“ zu jener Weisheit, die wiederum Cook im Interesse seiner Reiserouten selbst kreiert hatte. Zwischen Niederwald und Bayreuth kam ein neues Denkmal deutschen Geistes zu stehen. Es war eine glänzende Spekulation. Kein Deutscher würde sich die Besichtigung entgehen lassen. Gemacht! Das Ausland würde sich die Sehenswürdigkeit eines Aristokraten, von dessen Rasse man annahm, sie speisten belgische Kinderhände, und der in Philosophie machte, nie verkneifen. Sensationeller als ein Schlachtfeld! Ich sah mich für meine erste Bewegung nachträglich gerechtfertigt, ich hatte mit Recht die Börse gezogen, und Hinrek Maasen mit seinem Affen und Sumatra hatte auch recht gehabt.

Ich stürzte den Mittag über den Treibhäusern Tante Evelyns ab und hatte das Unrecht, mitten in ihnen zu landen. Ich mußte nämlich lachen, als Tante Evelyn im gleichen Moment den Garten betrat, denn ich dachte an das Amulett an ihrem Hals. Ich hatte aus den Geständnissen des Niggers entnehmen müssen, daß sein Zweck war, seine Locken zu opfern für die Andenken, die täglich von dem denkerischen Vorkämpfer Deutschlands gefordert wurden. Ich dachte daran, fiel, und meine Rolle war ausgespielt.

„Ich wüßte keinen Balten,“ sagte mein Vater, als ich ihm die Sache mit allen Umschweifen erzählte und mit meinem Sturz endete, „ich wüßte keinen Balten, der mich aus dem Gleichgewicht brächte“ und lächelte ein wenig. Dies Lächeln ging mit mir, als ich am nächsten Tag mit seiner Erlaubnis zu Onkel Gilbert fuhr, der bei Citroën in Paris an einer Verbesserung des Dieselmotors bastelte. Seine Motore sollten Schiffe anspringen lassen mit Hochgeschwindigkeit, drehen lassen wie Kreisel, unabhängig machen von Kohle. Es interessierte mich mit allen Fibern und war mir mehr Glück als die Schule der Weisheit von Cook. Es interessierte mich sehr, aber es mißlang.

Wir boten die Sache nunmehr auf mein Anraten auch Cook an, und siehe, der Mißerfolg störte ihn keineswegs. „Kaufen wir,“ sagte er „es ist Sensation.“ Er bot meinem Onkel dann die Schlußleitung des Baues der elektrischen Schnellbahn an durch Mittelamerika. Wir bauten die Sache fertig, ich beaufsichtigte sechstausend Chinesen, schoß nachts mit Maschinengewehren nach Pumas, die wie russische Kavallerie anrückten, ich fuhr mit Gilbert und dem Präsidenten Huerta im fahnengeschmückten Lokomotivwagen die Eröffnungsfahrt durch Mexiko.

An der Empfangsstation stand Cook und drückte dem Onkel und mir Scheks in die Hand. „Wie heißen Sie, Sennor?“, rief er hinter dem Onkel her. „Ich habe Ihnen den besten Motor der Welt verkauft“, sagte Gilbert und steckte die Hände in die Taschen. Cook lachte über das ganze Gesicht: „Sind Sie Ihr Motor, Sennor? Name ist kein Geschäft.“ Mijnheer, ich wurde rot vor Wut und wußte nicht warum. Ich bin von Geschäft zu Geschäft gefahren in der Folge, ich sah, daß alles käuflich war, daß alles nur Geldwert hatte, Börsentaxe und Preis. Ich flog zwar mit Ernst von Csala von Berlin bis Neapel, tauchte zweitausend Meter mit dem neuen Motor auf den Meeresgrund, ich liebte mein Dasein zwischen Eisenkonstrukteuren, Hochstaplern, Erfindern. Geschäft, Geschäft! Ich bekam Geld und war nicht glücklich. Ich war ein smarter Junge, Mijnheer, und auf meinen Vorteil aus wie ein Balte, allein mir fehlte etwas und ich wußte nicht was.

Auf einem Segler hinter Martinique wurde ich krank, der Arzt diagnostizierte gelbes Fieber. Auf der Höhe von Paramaribo hißten wir die gelbe Flagge, kein Hafen gab das Anlegesignal. In Maranhao zog man die Flagge ein, schmuggelte mich ans Land, ein deutscher Arzt konstatierte die Pest, ich riß aus vor der Baracke, ein andrer heilte mich, aber ich hatte auch da nicht das, was dieser bestimmte. Aber ich hatte das Vergnügen, Herrn Kamnitzer zu empfangen, der von Pernambuco heraufkam, in Firma Reiß Irmãos & Compagnia, ich hatte gute Beziehungen von Mexiko zur Compagnia, ich hatte ihr manchen Gefallen getan und sie umwarb mich, ich trat ein.

Ich trat in die erste Firma ein, die Brasilien besitzt. Trat ich in die Loge des Theaters, sandte der Gouverneur Pernambucos seinen Adjutanten, mich zu begrüßen, fuhr ich im Segelboot der Firma durch den Hafen, salutierte ein Kriegsschiff. Doch das Kriegsschiff salutierte nicht mich und nicht Marion, die Tochter von Reiß Irmãos & Compagnia, obwohl sie schöne Zähne und entzückende Beine und die Hüften eines Jungen hatte, sondern es salutierte das Geld der Firma. Das ärgerte mich, aber ich verliebte mich in Marion, und nun stand mir ein Reichtum bevor, wie keinem andern in Brazil, ich würde Land haben, größer als „The German Empire“.

Ich konnte mich aber nicht gut mit Marion unterhalten, trotz ihrer breiten Schultern, ihrem schmalen Becken und tiefgrauen Augen, denn sie verstand nichts von Dingen, die uns angehen, und in ihrem Hirn war nichts als Luft! Ich schenkte ihr also, um sie anzuregen, das einzige Buch, das ich hatte, das Tante Evelyn mir in diesen Tagen sandte, sie las es aber nicht, sondern schenkte es einem deutsch redenden Koch, das kränkte mich, denn es war immerhin, wenn es auch vom Grafen Keyserling war wie alles, was Tante Evelyn sandte, ein gescheites, und für Marion, die nur auf Pferde dressiert war, ein gut geschriebenes Buch. Sie war jedoch zu gut gewachsen, um ihr für Fehler ihrer Bildung zürnen zu können, ich überging es. Aber ich ging in die Küche, als ich dort laut deutsch singen hörte.

Da fand ich den schwarzen Diener meiner Tante, er hatte das Buch des Grafen auf eine Pfanne über den Herd gelegt, die in der Luft schaukelte, las laut und mit Tränen die Seiten, und wenn er eine beendet, riß er sie gerührt aus der Bindung und drehte sie als Pappillote in seine Haare. Er sah mich traurig an, als ich ihn frug, warum er hier sei, griff an den Kopf und lüftete über einem nackt schillernden Schädel seine wollige Perücke. Seine Natur hatte einen furchtbaren Streik geführt gegen die übergroße Beanspruchung seines Schädels, trotzdem er zu einem besonderen Zweck, zur Wiederherstellung der Weisheit in Deutschland, ihn zur Verfügung gestellt hatte.

Ich gab ihm fünf Dollars und dachte, es sei nicht gut, mit „clever“ geschriebenen Büchern eine faule geistige Bewegung in Deutschland starten zu wollen, denn das Papier und die Schädel gerieten nur tragisch aneinander. Aber ich dachte auch, es sei nicht gut, mit seinem Geist ein Geschäft zu machen, denn Geschäft sei alles, und darin zu ersticken sei erbärmlicher und langweiliger als ein Steward oder Chasseur zu sein. Ich dachte aber auch, es sei von Marion nicht schön, das Buch gar nicht zu lesen, und daß der Nigger sie beschäme, der nur ein wenig an Europa und nicht an seinem besten, sondern seinem anstößigen Teil geleckt habe. Während ich das bedachte, in diesen Tagen, wurde der Gesang in der Küche leiser und schwieg dann, der Schwarze mußte die Lektüre beendet und wohl alle Seiten in die Perücke gerollt haben.

Mijnheer, wie raten Sie, daß diese Geschichte endet? . . . Wie ging dies Stück Jugend zu Ende? Sehr rasch. Ich ging eines Morgens in diesen Tagen in den Garten nach Wochen einer säuigen Hitze, in deren Feuchte nachts die Schuhe vor den Türen schimmelten, ich ging in den Garten. . . da lag das Himmelblau so geschliffen, so unendlich zwischen den Bäumen ausgespannt, daß mir armem Burschen die Tränen in die Augen schossen. Ich hatte vorher zum ersten Male ein Gedicht von Nietzsche gelesen und ich hatte plötzlich die Sehnsucht eines besseren Lebens im Blut.

Ich riß die Nacht noch aus, ich fuhr instinktiv nach Europa zurück. Ich hatte mein Herz und mein Temperament an die tackenden Rhythmen der Motore gehängt und nichts erlebt als Geschäft. Ich hatte die öffentlichen Wunder abgegrast und nichts erlebt als Geschäft. Ich hatte mich meiner Zeit in die Arme geschmissen und sie hatte mir nichts gegeben als Geschäft. Ich pfiff darauf.

Ich ahnte die Anerkennungen, die erst dahinter liegen mußten, ich spürte den Glanz und den Ruhm einer höheren Bedeutung. Ich bekam Sehnsucht nach Europa, wo gemalt und geschrieben wird, wo die Frauen die Bücher nicht den Schwarzen schenken, wo die Vierzehnjährigen nicht die Dreizehnjährigen heiraten, wo die Nigger nicht das Wahlrecht haben und wo man die Mädchen nicht in Hängematten halb wie Göttinnen und halb wie Schweine züchtet. Ich wollte eine höhere Anerkennung meiner Leistung als Geld, ich wollte, daß man meinen Namen behält, ohne Absicht auf Geschäft. Ich hatte die Entdeckung eines Ruhms der inneren Leistung gemacht, ich fuhr nach der Alten Welt mit einer Glückseligkeit ohne Maßen.

Ich desertierte wohl, damit Sie mich nicht falsch verstehen, von Reiß Irmãos & Compagnia, um den Ruhm zu finden, aber ich machte deshalb keine geschäftlichen Dummheiten, sondern blieb smart. Ich machte mich auf, nun endlich die geheimen Wunder zu suchen, etwas über Blériot hinaus und etwas glänzender wie die Karikatur des Balten. Ich trennte mich an jenem Tag von Chamforts Armee der Dummen, die alles Geistige verlacht, aber ich gesellte mich keineswegs zu den hochmütigen Fratzen, die auf den Motor wie auf eine Ratte herabsehen. Ich war ein Meister der Impertinenz, aber ich habe das Erröten dazugelernt.

Das beste Gesicht der Gegenwart ist der Ausdruck des Mannes, der etwas nach unten Lauschendes besitzt, weil sein Ohr den Gang des Motors zu kontrollieren gewohnt ist, dessen Stirn aber mit einem gewissen Respekt vor der Größe der geistigen Welt über der scharfen Nase nach oben getrieben emporstrebt.

Man sagt Ja zu der Gegenwart so, ohne sie zu überschätzen. Man nimmt ihre Sensationen, Gottseidank und erheitert, und weiß sich eines ewigen Besitzes dennoch nicht unteilhaftig.

Dies, glauben Sie, sei natürlich, und ein Narr, wer diese Verbindung nicht fände? Es hieße, Mijnheer, die Diane de Gabies mit Aphrodite Kallipygos in eine Figur bringen, das schmächtig Knabenhafte und die wollüstige Fülle verbinden, es hieße Leben und Arbeit versöhnen, Kampf und Muse in dasselbe Bett zur Zeugung legen und schließlich Kunst und Dasein in eine seltsame Harmonie wiegen.

Das, Mijnheer, ist fast Übermenschliches schon, und wer es völlig zu lösen verstände, wäre ein Alchimist oder der Genius. Wer dem Ziel aber nur nahekommt, hat verfluchtes Glück oder eine gesegnete Masse Blut gelassen.

In der Tat, Mijnheer, ich bin von Reiß Irmãos & Compagnia desertiert, weil ich andere Liquidationen vom Schicksal erwartete als den platten Erfolg oder das angenehme Leben. Wie aber fand ich das Ideal gehütet jenseits der Scherze, denen ich in meiner ersten Jugend beiwohnte? Wie fand ich später, als ich nachdenklich und kritisch wurde, Nation und Leistung und Kultur zusammengewachsen mit jener geheimnisvollen respektuösen geistigen Erregung, die jeden bedeutenden Ruhm in ihren Tiefen lange über die Menschheit erzittern läßt?

Ach, Mijnheer, ich fand die Stellen nicht mehr, wo die Traditionen und die Gegenwart sich zusammenfügten, und ich fand den Hebel noch weniger, mit dessen Kraft die Gegenwart einen Einzelnen als ihren repäsentativen Träger heben konnte. Ich fand nur Zauberkünstler und Akrobaten.

Aber ihre Trikots waren so durchsichtig und ihre Kunststücke so erbärmlich, daß auch das Publikum ihnen bald nur Gelächter schenkte. Ich fand die Aristokraten, die das geistige Leben lange trugen, schmollend beiseite, weil es ihnen politisch scheinbar kontrekarrierte, ich fand die Bürger das geistige Leben subventionieren und innerlich verachten und die Arbeiter noch beschäftigt mit der Befreiung aus der Sklaverei und weit entfernt, aus sich schon jetzt eine Unterlage von Gesellschaft unter die Gegenwart zu schieben. Ich fand wohl die irgendwo schwebende Ehrfurcht vor den Taten der Weisheit, aber ich fand nicht die Nation, die ihr schönes Geäste über sich hochtreiben könnte.

Ich muß daran denken, daß ich Anatole France und Herrn von Ghérardine an einem und demselben Tage einmal traf. Ich sah, wie der greise Romancier die Grenzen seiner Wirkungsmöglichkeit und die Geringfügigkeit eines wirklichen Einflusses mit seiner melancholischen Heiterkeit klagte. Und ich hörte, wie mir Ghérardine, der mit den violetten Farben des Quartier Latin geschmückte König der Bohème, ein Verse machender verkommener Bürger, Bruder eines Admirals der französischen Flotte, dem man Absynths bezahlte, mir abends vor einem Café des Boulmich gascognierend rühmte: wie sein Beispiel und seine Angriffslust seine Bevölkerung beeinflußt habe.

Beide waren im Unrecht, ebenso wie Rousseau, der meinte, die Künstler verdürben das Volk, und der ihnen damit eine Tätigkeit zubilligte. Kein Dichter hat einen wahrhaften Einfluß von sich auf die Welt gehabt und keiner hat sie verändert. Sie vermögen dem Volk und der Zeit und den Sitten nichts anzutun, denn sie sind nur deren Produkt. Rousseau war ein Naturbesessener, weil seine Zeit auch ohne ihn begonnen hatte, aus den Zwängen und Vergipsungen zu stürzen und die Freiheit wieder zu suchen. Anatole France hat das Pech, nicht die Spitze einer erlesenen Epoche zu sein. Aber er ist darum gerade der Repräsentant seiner Gesellschaft, die er nicht beeinflussen kann, weil sie fertig ist, und die nicht auf ihn hört, weil sie genau so skeptisch ist wie er. Und er irrt, wenn er annimmt, daß sein Volk eine Anatole Francesche Ironie trage, vielmehr besitzt sein Werk nichts anderes wie das müde und sich verspottende Lächeln seines Volkes, in dessen Widerschein allerdings seine bürgerliche und abgekämpfte Zeit wie in einem eleganten Todesurteil schläft.

Auch Herr von Ghérardine ist nicht ohne Sinn, obwohl er ein platter Narr war, denn er hatte die Einfalt eines Glaubens, der so widernatürlich dumm war, daß ihn bloß die Idioten besitzen können. In Wahrheit hat nie ein Künstler eingegriffen mit seinem Werk auf das Gefühl seiner Nation, sondern er ist als Erfüller ihrer Höhe oder als revolutionärer Bekämpfer stets nur Seismograph ihrer sichtbaren oder geheimen Veränderung gewesen.

Sprach er die Sprache seiner Zeit, so war er Zeuge ihrer Erlesenheit, rief er aber zum Kampf auf gegen die Nation, so handelte er auch als ihr Beauftragter, denn sie hatte dann jeweils Lust, statt der verbrauchten eine andere Form sich zu nehmen.

Für oder gegen die Gesellschaft sein heißt nur ihre momentane Kraft oder ihren nahenden Zerfall spiegeln. Mehr hat kein Künstler vermocht, aber mancher wohl gewünscht. Wer daraus schließt, daß erst die Dichter die Revolten ausriefen und dann die Umstürze erst kämen, der verwechselt ganz an der Oberfläche des Denkens die Ursachen mit den Wirkungen, indem er nicht einmal bedenkt, daß Gedanken sich rascher formen als die schweren politischen Tatsachen.

Darum sind die krampfhaften Messiasse mit den moralischen Wegweisern am Hut und den Kommandos zur Läuterung auf der Zungenspitze bedingungslos verdächtig, weil eine Epoche, wenn sie aus dem Verruchten heraus will, sich des moralischen Zeichens ihrer Absicht bei den Dichtern mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit und einer organischen Innigkeit der künstlerischen Maße bedient. Ethik als Dompteurnummer ist eine Erfindung schwacher Dichter und verwirrter Perioden der Geschichte.

Die eindeutigen Perioden haben sich klarer zu entfalten gewußt:

Karl der Große benutzte Kunst, um eine christliche Politik zu üben, und im „Rolandslied“ war es immerhin schon so, daß er der beste und seine Feinde die schlechtesten sind. Aus diesem Säuglingsniveau der Geschichte trat im Mittelalter die Dichtung als Spiegel neben die Zeit, die Gesellschaft der Höfe ist ihre Tugend und die Gefühle ihrer Form sind die der Sitten ihrer Nation. Hermann von Thüringen gab Walther von der Vogelweide Aufträge und Wünsche, und die ganze Veldecke-Epigonenschaft dichtete ihre Literatur um seinen Hof so, als ob es seine Wünsche wären.

Um die Jahrtausendwende schrieb die Murasaki die vierundfünfzig Kapitel des lasterhaften Erziehungsromans auf Befehl der Kaiserin am Biwasee, indem sie das Mondspiel auf den Wellen ansah, und sie gab damit nichts wie die Gewohnheiten ihrer klassisch-japanischen Epoche.

Als die Teppichwirker von Arras und Tournai die Höhepunkte der Gobelinkunst erreichten, spiegelten sie nur die Kurve ihrer Zeit ebenso wie die Sorgfalt des burgundischen Philipps, der die Bedeutung dieses Kunstzweigs so begriff, daß er ihm ein steinernes Magazin bauen ließ und sechs Offiziere hineinsetzte. Ja er hat die Teppichfolge, die Karl der Siebente zum Andenken an seinen Sieg über die Engländer bei ihm bestellte, nicht nur selbst in den Kartons kontrolliert, sondern auch selbst die Ideen dazu angegeben. Aber die Tatsache, daß man überhaupt einen Triumph in dieser Form gestaltete, beweist noch weiter, wie sehr das eine und das andere sich ergänzten.

Heinrich der Achte von England hat Holbein nach England berufen und seine Regierung mit dem Beginn der größten Portraitistentradition Europas geschmückt.

In den Armen Franz des Ersten starb Lionardo, der zärtlichste und besinnlichste Meister, der sechs Jahre brauchte, wie Herr von Chanteloup erzählt, um die Haare eines Bildes zu malen, und der König hätte kein edleres Symbol als diesen finden können für seine Epoche, die sich zu veredeln begann.

Den Goya, der ein Messerheld, ein Bauer war, in Nonnenklöster einstieg und nach Recht an den Strick gehörte, der sein Leben zeitweise mit der Ausübung des Stierkämpfergewerbes fristete, überhäufte der spanische Hof und seine Aristokratie mit Aufträgen, obwohl der glatte und klassizistische Mengs dort herrschte, weil man in seiner Wildheit und revolutionären Kühnheit der Farben, über die von ihm verübten Totschlägereien hinweg, das Barocke und Eigentliche des spanischen Gesellschaftscharakters und in ihm genauer wie in Mengs’ Amouretten den Bruder des Velasquez erkannte.

In der ägyptischen Kunst hat sich jahrtausendlang die stets gleichbleibende sakrale Haltung der Führerclique erhalten, und die fast ans Göttliche grenzende Stellung dieser Gesellschaft blieb, nur in Nüancen verändert, der gleichstrebende Ausdruck ihrer Macht derart, daß, so allgemeingültig wie damals, nach viereinhalbtausend Jahren auch heute noch die sitzende Figur der Nofrit die schönste Frau ist, die je diese Erde berührte.

Bei den Indern ist, wenn auch nicht in der hohen Allgemeingültigkeit wie bei den Nilvölkern, die Trennung der Kasten so scharf durchgeführt und steht derart im Mittelpunkt jeden gesellschaftlichen Bewußtseins, daß alle Kunst irgendwie den belehrenden Zug bekommen mußte, der die Tugenden und Fehler jeder Schicht abgrenzt nach oben und unten. Es konnte so das Witzige geschehen, daß sowohl Karnisuta (in der Sprache, die am üppigsten das Poetische in der Welt verwaltet), ein wissenschaftliches Lehrbuch für das Diebhandwerk schrieb, und hingegen die Fürstenerzieher in der Form vollendeter großer Dichter den jungen Königen klar machten, daß sie die Pflicht, den Staat zu lenken, unbedenklich über die sonst streng für andere von ihnen geforderte Moral stellen dürften.

Und wenn August der Starke dem Grafen Flemming, der ihm seine Orangerie zum Kauf anbot, schrieb, mit diesem Spielzeug gehe es wie mit Porzellanen, man wolle alle, wenn man einmal Appetit bekommen, so illustriert das die Sorgfalt, die er seiner Meißener Manufaktur schenkte, die wiederum nichts anderes war als der graziöse Niederschlag der Sitten seines Hofes und der Wünsche und Sehnsüchte seiner Umgebung. Und ebenso weiß man, daß Friedrich der Große die Höhe der Porzellankunst in seiner eigenen königlichen Manufaktur mit der Liebe bekleidet hat, die ihrer Bedeutung entsprach, daß er den großen Dessertaufsatz für Katharina von Rußland selbst redigierte und entwarf und daß dies nicht nur eine Spielerei von ihm war, sondern daß er nur eine repräsentative Geste machte für jene Parallelität zwischen Gesellschaft und Kunst, die damals bestand.

Den europäischen Zenith hat dieser Ausgleich unter dem vierzehnten Ludwig erreicht, wo mit einer genialen Methodik Colbert versuchte, auch die Künste in sein Merkantilsystem einzufügen, das in der Figur des absoluten Königs eine wunderbare kristallfeste Verdichtung sich erfand. Colbert zentralisierte alles in den Ruhm seines Königs hinein. Er legte unter dem Polygenie Lebrun, (der die Architektur, die Akademie, die Malerei, das Kunstgewerbe unter sich hatte), auch noch als Konkurrenz zu den Niederlanden eine Fabrik von Wirkteppichen an und suchte damit wie in Bank-, Forst- und Kriegsgeschäften nicht das französische Genie, sondern seinen König farbiger zu zeigen. Ludwigs Haushofmeister sagte Bernini bei dessen Besuch in Paris, Frankreichs Kunstbudget sei so enorm, daß es jeden originellen Plan auszuführen bereit sei, um ihn keinem anderen Volk zu gönnen. Die absolute Hofform war entschlossen, alles Individuelle aufzusaugen, und die Kunst spiegelte diese Gesellschaft wieder in einer so konsequent gegliederten und auf eine imposante Herrlichkeit bezogenen Form, daß sie das Gepräge der Geschlossenheit mit dem der Anmut zeigte, welches die Epoche in einem einzigartigen Maße hier besaß.

Die Gegenbewegung kam mit Rousseau, und die Kunst gab sich mit ihrer wundervollen Dirnenhaftigkeit einer revolutionären Klasse, die allerdings später auch wieder bürgerlich sich zu beruhigen bestimmt war, bis ihr die neusten revolutionären Spreußen der Bolschewiken in das Antlitz sprangen.

Delacroix in Frankreich und Hogarth in England sind die Beweise, wie die bürgerlich revolutionären Epochen sich in der Kunst deuten ließen. Holland wiederum, das bürgerlich früh begonnen hatte, vermochte dem Zauber der höfisch gerichteten Gesellschaft so wenig zu entgehen, daß nach einigen Ausschlägen und Angleichungen an die spaßigen Figuren der neuen Schichten und deren Bedürfnis die Kunst am Ende ebenfalls wieder höfisch wurde.

England jedoch hat seine umstürzende Revolution so früh gehabt, daß seine Kunst sehr bald das bürgerliche Leben in aller Breite umfaßte. Reynolds und Gainsborough sind die Schilderer einer sehr bewußten bürgerlichen Schicht, deren Gesundheit und Pompmangel nicht ihre Kraft, da zu sein und zu herrschen, desavouierte, und die Demokratie Englands ist nicht etwa Zerfall der Einheit zwischen den Musen und den Menschen, sondern erst recht ein ausgezeichnetes Vereinen. Die ganze große Literatur der Briten von Goldsmith bis Shaw, von Smollet bis Scott, von Dickens bis Fielding ist ein Bild der Gesellschaft, die sich bürgerlich und nicht aristokratisch bewegte, und das machte sie bedeutend und gab ihr die große europäische Resonanz.

Das verlieh ihr mit den Geißlern Hogarth und Swift und den Ironikern Dickens und Sheridan und den Predigten Thackerays jene Kontrolle, die auch die Gesellschaft an sich selbst dauernd übte, die sich nach oben und nach unten abgrenzte und durch die strenge Moralinsucht dieser Menschen ihrer Literatur das ethisch-weltmännische Cachet einer bürgerlich-stolzen Kunst gab. Während der Franzosen vom Hof her oder von der Aufklärung her im Grunde skeptisch-frivole Kunst wie alles Französische letzten Endes nicht in der Nabelschau der Sitten hängen blieb, sondern, künstlerischer gezüchtet, stets ebenso sinnlich wie logisch sich durchdrang.

So prägten in sich gerundete Zeiten ihren Ausdruck und hatten von den Königen bis zu den Zöllnern und den Abdeckern bis zu den Cromwells sich in der Kunst ein Karussell geschaffen, das sich um sie drehte, und es wäre die abscheulichste Gaucherie zu sagen: nicht die Figuren der Rutschbahn drehten sich um die Epoche, sondern die Zeitläufte liefen hinter ihren Kirmis-Schatten her. Man käme nicht nur zu falschen, sondern zu idiotischen Schlüssen, etwa wie jener Engländer, der in Grénoble einem rothaarigen Kellner begegnete und in sein Journal schrieb, die Franzosen stotterten und besäßen ein rotes Fell; oder wie Petron noch bissiger behauptet, man habe bei der Einnahme Numantias durch Scipio Mütter mit angefressenen Kindern an der Brust gefunden, und daraus schloß, es sei die Eigentümlichkeit mancher Völker, ihre Toten zu verzehren. Er war ein Spaßmacher und wußte wohl, daß die Frauen nur hungrig waren. Man darf ohne Zweifel auch den tragischsten Appetit mit der Religion nicht verwechseln.

Die Bindung war so innig, daß Wechselbeziehungen zwischen Nation und Künstlern entstanden, die auf eine durchschnittliche Ehe schließen ließen. Der Künstler war in seine Gesellschaftsstruktur verwoben wie irgend ein General und irgend ein Erzieher, und nahm, je klarer die Zeit war, einen um so höheren Platz ein. Voltaire war der Freund des großen Friedrich und Goya ehrte man mit einem Gehalt von hundertsiebenzehntausend Realen für eine Arbeit und öffnete ihm alle Salons. Voltaires eigener König aber, um ihn zu ärgern, trug die Kosten eines Stückes, das er bei dem älteren Crébillon bestellte. Die Maintenon ließ den zärtlichen Racine biblische Stücke schreiben, von denen Friedrich wieder sagte, er habe lieber die „Athalie“ geschrieben als seine Kriege gewonnen (aber er dachte das nicht).

Das künstlerisch-politische Treiben war so verschmolzen, daß die Korrespondenz von Grimm als Hauptabonnenten nicht nur Friedrich, sondern auch die russischen, schwedischen und polnischen Höfe als begeisterte Neugierige umfaßte. Petrarca konnte sich anmaßen, Schiedsrichter im Seekrieg zwischen Genua und Venedig zu sein und selbst in kirchliche Dinge sich einzumischen, indem er die Päpste beschwor, Avignon zugunsten von „Roma urbs“ aufzugeben und tat das gewiß nicht als Vorrecht seines dichterischen Talentes, sondern weil sein Jahrhundert in einem so vollkommenen Literaten einen vorzüglichen Bürger erblickte.

Die gesamte französische Literatur hatte Gelegenheit, sich an Preisen und Ehrendotierungen zu letzen, und wenn die Beträge manchmal nicht gewaltig waren, so war der Ruhm und das Aufsehen, das sie verschafften, nicht gering. Viktor Maria Hugo, Sohn eines bonapartischen Grafen und zum Offizier bestimmt, erhielt mit fünfzehn Jahren von der Akademie eine ehrenvolle Erwähnung, mit siebzehn drei Preise der Blumenspiele von Toulouse und mit zwanzig für seine Oden eine Jahrespension von tausend Francs durch den achtzehnten Ludwig. Der vierzehnte Ludwig hatte den göttlichen Bernini wie einen König an der Reichsgrenze abholen lassen, ihn mit erdenklichem Pomp monatelang gefeiert und für sein Portrait ihm seine königliche Freundschaft neben einer großen Summe und einer erträglichen Pension verehrt.

Dagegen besagt die Legende, daß Cumae dem Homer die Rente verweigert habe, weil sonst alle Blinden sie verlangen würden, nichts anderes, als daß man einen Bürger nicht von einem anderen des Talentes willen zu unterscheiden gewillt sei und nicht, daß man ihn nicht gerne auch mit dichterischem Ruhm bekleidet an die Spitze des Staates stellen würde. Dasselbe haben, aus der demokratischen Tugend ihres Staatswesens heraus, die Venetianer ohne Zweifel gedacht, als sie Goldoni, der arm war, die Pension nicht gewährten, weil sie annahmen, er würde, reich, nichts mehr arbeiten.

Sie kannten das menschliche Herz wohl und haben in ebensolcher Klugheit den Tizian, der nicht nur die fabelhafte Glanzfigur dieses Daseins, sondern auch der prominenteste. Bürger ihrer Stadt war, unter der Teilnahme des Volkes in ihrer schönsten Kirche beigesetzt. Die Briten haben das Gleiche veranschaulicht, als sie Sir Joshua Reynolds, ihren weltmännischsten Maler, unter dem Beifall der Nation in der Paulskirche zu London begruben, und sie taten dies nicht, um die Kunst zu ehren, sondern um dem Bürger ihren Beifall auszudrücken, der durch Kunst dem Vaterlande Glanz und Ruhm hinzugefügt hatte.

Sie ehrten alle in diesem Diorama sich selbst und eher den Mann als den Künstler. Darum wehrten sie den Dichtern auch nicht, die Staatsgeschäfte zu führen, wenn ihr Geist sie dahin zog, und der Earl Lytton-Bulwer, der mit zweiundzwanzig Jahren den Preis von Cambridge für ein Gedicht erhielt, der mit Achtundzwanzig Mitglied das Unterhauses wurde, der das glühend-weinerliche Buch von Pompejis Untergang schrieb, wurde britischer Minister und beigesetzt in der Westminsterabtei. Die Franzosen zogen ihre hervorragenden Dichter in die Nähe der Höfe weit über ihren damaligen Stand hinauf, die demokratischen Briten überließen ihnen, wenn sie nicht Zigeuner waren, im Tauglichkeitsfalle die Leitung der Geschäfte ihrer Nation. Sie gehörten als Zeitgenossen in die Volksgemeinschaft, lebten, starben mit den andern, wurden wie die übrigen geehrt und fühlten sich selbstbewußt nicht weniger wie die Offiziere und nicht weniger borniert wie ihre Bekrittler und sicher ebenso hungrig nach Geld, das sie speiste, wie jedermann ihrer Zeit.

Ihr höherer Ruhm umglänzte sie über die Zeit hinaus, aber sie gedachten nicht der Kunst als etwas Absonderlichem allein zu leben, sondern sie trieben ihr Handwerk im Maß ihrer Talente. Die Veronese und Rubens wiederholten sich bis zur Verkitschung nur deshalb sooft, weil sie die Menge der Bestellungen ihrer Zeitgenossen sonst nicht bewältigt hätten und sie bedurften dieser Aufträge, um den Aufwand ihres Lebens zu bezahlen. Die Balzac, Thackeray, Scott schrieben nur deshalb wie die Tollen, damit sie mit den Einkünften ihre wirtschaftlichen Bankerotte balancieren konnten.

Schottlands bester Lyriker, Robert Burns, ließ seine Gedichte drucken, da er durch Ausschweifungen pleite war und sich das Geld zur Reise nach Jamaika zu verschaffen suchte. Fielding zeigt ein ähnliches Gesicht und Gainsborough sprach nicht ohne Lächeln, er wünsche Geige zu spielen und male lediglich, um sich den Lebensunterhalt für dieses Vergnügen zu verschaffen. Noch Oscar Wilde floh manchmal aus der Gesellschaft und verschwand, um rasch ein Kunstwerk mit aller Konzentration zu machen, ebenso wie Tobias George Smollet, der sich hin und wieder aus den Ausschweifungen des Landlebens und von seinen Gästen zurückzog, um seiner Monatsschrift die Fortsetzung eines Romanes zu liefern, die ihm die Fortsetzung seines Lebens ermöglichte.

Die kalten Briten haben in ihrer unverfrorenen Form die meiste Freiheit gehabt anzuzeigen, daß ihnen gute Kunst ein gutes Leben wert sei und daß ihre Gesellschaft die verdammte Natürlichkeit haben müsse, es ihnen zu liefern. Sie empfanden sich so sehr und so glatt als Partien einer Gesellschaft, wo jedes Verdienst sich in Geld umsetzte, daß ihnen der üble Ästhetenton gar nicht in den Sinn kam, mit dem die schwächlichen Künstler jeweils mit häßlichem Pathos von der Heiligkeit der Kunst predigen gingen, wenn ihnen, falschen Heuchlern, die Zunge nach Roastbeefs heraushing.

Jede Leistung hat in der menschlichen Struktur ihr Anrecht auf die entsprechende Vergütung. Walther von der Vogelweide verlangte unzweideutig sein Lehen als Lohn dafür, daß er sich für die Staufer die Kehle ausschrie, und die Gesellschaft jeder besseren Epoche hat das anerkannt.

Mißfälle beweisen ebensowenig wie das Faillit großer Kaufleute, die nicht einmal den Ruhm aus dem Zusammenbruch ihrer wirtschaftlichen Existenz retten konnten. Die Künstler haben zu jeder Zeit aus den Truhen ihrer Zeitgesponse gesäckelt, was sie scheffeln konnten, und haben versucht, sich das Leben so prächtig zu machen wie es ging. Und die Bastonade gehört dem, der ihnen einen Vorwurf daraus machen möchte.

Denn daß jemand nur der Kunst leben wolle, wie manchmal heute unsinnig geschwatzt wird, oder ähnliche Konfusionen auch nur zu denken, ist genau so verwirrt als wünsche einer nur seinem Bein zu leben oder nur seinem Phallos, wo er doch in seinem Körper einen Gesamt-Organismus mit guter Speisung so zu versorgen hat, daß alle Glieder marschieren oder alle verloren sind.

Diese artistischen Kleine-Leute-Einstellungen beweisen höchstens, daß die Ausübenden sehr geringfügige Herrschaften sind, oder daß die Zeiten und ihre Gesellschaft höllisch sein müssen. Denn daß jemand von ihnen in die Kunst flüchtet, das heißt im Grunde nichts anderes, als wie sein eigener Schatten von sich selbst davonlaufen. Die festen Leute haben im Gegenteil jederzeit erreicht, daß Kunst keinen Heiligenschein aus Papiermaché bekam, vor dem sich nur die Sonntagsjäger der Nation verneigen würden, sondern daß Kunst ihren Zeitgenossen soviel wert war an Gold wie die beste Ware, die sie sonst zu verfertigen in der Lage waren, und daß es ihnen auch Glanz gab und jenen heimlichen Ruhm noch hinzufügte, der keiner geistigen Heldentat zu nehmen ist. Sie verstanden sich unter ihren Zeitgenossen als Männer der Erde auszuwirken und dennoch dabei die geheimnisvolle Flagge der Kunst unsichtbar zu entfalten.

Mijnheer, als Heinrich Heine in seinem Gedicht „Deutschland ein Wintermärchen“ allen Spott der Heimat antat, gelang es ihm nicht, die Tränen einer unerbittlichen Liebe zu ihr zu bemeistern. Mijnheer, derselbe Mond, der seine heimatliche Landschaft überfunkelte, ist eben aus der gleichen Inbrunst auch draußen über Ihrem Kopf aufgegangen und die Wolken haben sich so sanft um ihn entschleiert, als wollten sie seine Seltenheit mit der Behutsamkeit ihrer Eile begrüßen und die Pause feiern, die die neu formierten Sturmtruppen bald wieder mit Geknatter zudecken werden. Indem er die Schneewüste sanftblau bis an die Gesichtsgrenze färbt und alle Gegenstände in eine geheimnisvolle Entferntheit hineinrückt, hat das Gestirn einen Zauber, als trage es in seiner stillen Heiterkeit über die Unfruchtbarkeit der Jahreszeit das Sinnbild einer ewigen lichten Bestimmung.

Mijnheer, ich glaube, es war auch derselbe Vollmond der Verheißung, dem ich von Pernambuco als junger Bursche nach Europa nachgelaufen bin, und die Kurve dieses Glanzes hat mich stets am innigsten an die Heimat gebunden. Ich habe in Deutschland gesucht, jenes Gefühl Europas zu finden, das mich am tiefsten anzog, aber der deutsche Mond hat sich mir nur selten entzaubert und ich mußte in den langen Mondnächten fremder Nationen mir erst die Bestätigung für meine Sehnsucht holen, die mir die Heimat nicht mit gleicher Deutlichkeit zu geben vermochte, und die Mondnächte der Fremde waren oft von jener glühenden Schönheit und Klarheit, die die Leidenschaft begeistert, wenn sie auch nicht die verschleierte Zartheit und die seltene Innigkeit der unvollkommenen Deutschen besaßen . . . . . . . . . . . . . . .

Ganz unten spiegelten sich zuerst nur religiöse Agenten in der deutschen Dichtung, dann gab sie den Vorgang einer Belehnung, nachdem die wilden Dämonen des Heidentums aus ihr ausgetrieben waren, in „Ruodlieb“ kam Phantastisches der ritterlichen Zeit schon schüchtern auf und „Rother“ schildert Vasallentreue. In „Blanche und Blancheflor“ aber liegt schon wie der Sternhimmel in einem Teich die Gesellschaft des Hofs. Das blieb in immer heftigerer Pracht über die guten Jahrhunderte des Mittelalters. Österreich wehrte sich lange ein wenig gegen den neuen Stil, der die Zeit irr ihren Gebräuchen und in ihrer Seele wiederzugeben bestimmt schien, aber der Vogelweider brachte die höfische Schärfe zusammen mit den Lilien, Rosmarin und Rosen des Volkslieds, das damit ausstarb, in eine gelockerte Pracht. Um Hermann von Thüringens Hof scharte sich der Olymp der Poesie, Walther, die Schüler des Veldecke und Wolfram, der wie Walther nicht zu lesen und schreiben vermochte. Um einen anderen ritterlichen Mäzen sammelt sich die Nachfolgeschaft Gottfrieds von Straßburg. Ein Würzburger schreibt nach einer Epoche des Ausgleichs zwischen den Idealen und den Liebhabereien der Zeit das letzte höfische alemannische Epos.

Die Kunst geht in die Städte und magert ab über den ganzen Körper. Die Bürgerschaft des Meistersangs hat keine Welt, sondern nur ein Gemäuer um sich, sie läßt die Sprache nicht blühen, sondern benutzt sie als Turngerät für ihre spießigen Launen. Es gibt nichts mehr, was gespiegelt werden soll, und es gibt nichts mehr, was spiegelt. Statt in einen Park, hat man die Kunst in eine Abdeckerei gefahren und statt als nackte Göttin haben sie als ihr Sinnbild einen Paragraphen auf den Sockel gesetzt.

Es gibt keine Demokratie in den deutschen Städten wie in England, es hilft kein breites bürgerliches Selbstbewußtsein sich mit ihr wie Venus mit dem Spiegel an die Spitze des Ansehens der Erdnationen. Sie ist bestimmt, zwar große Zeiten zu erfüllen und mit ihrer Schönheit den Glanz einer göttlichen Epoche darzustellen, aber man hat sie als Magd an die bärtigen Krämer verkauft. Es gab kein Deutschland, das sie repräsentiert hätte, sondern es gab Kriege und Balgereien, Reformationen und Friedensschlüsse, die alle für andere Rechnung gingen als für das Nationalgefühl eines gesunden Volkes. Maximilian versuchte noch einmal ritterliches Denken in ihr zu entfachen, aber er schrie in einen leeren Wald. Wo keine Ritter standen, konnten keine Schatten ritterlicher Gefühle fallen. Das war vorbei.

Die Gelehrten bemächtigten sich ihrer und haben bis Lessing furchtbar mit ihr gehaust. Man kann wie durch das heimliche Glas eines Bienenstockes durch die Literaturen auf die Völker Frankreichs und Englands und ihren Bau und ihre Geschichte und ihr Schicksal sehen. Durch die dürren Treillagen der deutschen Poesie sieht man in eine Morgue.

Man sah lediglich auf einige Koterien, die sich seit längerem mit der Literatur zu beschäftigen gewöhnt hatten zu ihrer eigenen Belustigung und ihrer eigenen Not, aus einem falschen Ehrgeiz oder einem schmerzlichen Verhängnis heraus, denn im Herzen hätte mancher lieber die Stelle eines Profossen oder eines Hanswursts, die sich besser dotierten, ausgeübt. Man sieht auf eine Pantomime von Herren, die ihre Glieder und Gedanken im Rhythmus der Sprache bewegen, aber man sieht kein Volk. Denn weder in den Taten der Bejaher noch in den Gesten der Verneiner lag etwas von dem Elend oder der Höhe des Volkstums, sondern, was sie produzierten, waren der Mummenschanz von Carbonaris, und ihr Geheimbund interessierte sie, aber nicht das Volk.

Waren sie für oder gegen die Gesellschaft, hatten sie das gleiche Unglück, daß keine bestand und daß sie daher eher Kuriositäten als Sinnbildern glichen. In dieser Verwirrung schienen sie seit langem entschlossen zu sein, Revolutionäre zum mindesten zu bleiben, soweit sie nicht die nächste Umgebung ihres Hauses zu besingen sich mühten, und vor lauter Aufruhr kamen sie nie zu einer gesunden konservativen Art.

In dem Zirkus der Eitelkeiten, in dessen Logen die Nation gar nicht einmal saß, liefen wie junge Engländer des Mittelalters die Männer des Sturms und Drangs herum, die Schlegels als Prachtstücke der katholischen Propaganda, die Gottschede frisiert à l’oiseau royal, und selbst die Tiere schienen eine andere Zone des Klimas als ausgerechnet das deutsche darzustellen. Um was es bei diesem Getöse ging, war keinesfalls die deutsche Nation, es war die Beschäftigung einiger Schicksalbestimmter mit einer wichtigen Angelegenheit, um die sich die Nächst-Beteiligten aber gar nicht kümmerten.

Sie hatten keine Gelegenheit dazu, weil es kein nationales Deutschland gab, sondern einige Dutzend Fürstentümer und daß deren Interesse ihre Landesgrenze war und nicht die Welt. Das bürgerliche Volk las englische Romane, die Aufgeklärten wandten sich der französischen Literatur zu, die Masse fand die Verehrung der Klassiker als Rettung. Die Literatur blieb großenteils Beschäftigung der Künstler und bekämpfte sich durch sie, wie üblich in Deutschland, bis aufs Blut.

Deshalb waren die deutschen Dichter gezwungen, in kleinen Stellen und auf armselige Weise ihr Leben zu verbringen, während die Engländer in Lordkutschen Europa durchreisten und die Franzosen in Paris geschliffen wurden für eine einzige Geste weltlicher Urbanität. Die Deutschen waren so zersplittert, daß sie in ihren Poeten nicht die besten Formen ihres Charakters und in ihren Werken nicht die erlesensten Tafeln ihres Ruhmes zu erkennen vermochten. Es bestand keine Bindung, keine Ehe, ja nicht einmal eine flüchtige „menage parisien“ zwischen der Gesellschaft und der Kunst, und die Rebellen wurden beseitigt und nicht geehrt und gefürchtet, und die Starrköpfe wurden wie das „Junge Deutschland“ gleich einer Savoyardenbande über die Grenzen gekehrt.