Nur ein Volk, das hoffnungslos einer eigenen würdigen selbstbewußten Sicherheit und Grazie entbehrt, kann mit dieser Grausamkeit gegen die verfahren, die seine Lieblingskinder sein müßten. Wohl haben einige Fürsten die Liebhaberei gehabt, sich nicht nur mit Jagd, sondern auch mit den Musen zu umgeben, und nach dem großen Friedrich, der allerdings europäisch eingestellt war, haben einige seiner Nachfolger sich auch für die Bühne interessiert. Allein, es war nicht das Spiegelbild preußischer Tugend und deutschen Wesens, was sie da suchten, sondern sie haschten nach der Atmosphäre des Theaters und dem Betrieb seiner unterhaltsamen Luft. Auch in Bayern ward Kunst ein Trumpf, doch hatte der beste Wittelsbacher die falschen Karten in der Hand und den Wahnsinn im Hirn, und ihm so wenig wie dem hessischen Brabanter, der zwischen zwei Generationen sich setzte, gelang es, die Sünde der Jahrhunderte und das Fehlen des Geistes und eines mächtigen nationalen Ausdrucks durch Schwanengrotten und Jugendstilkolonien zu ersetzen.

Die Deutschen haben ihre Dichter nicht nur nicht geachtet und zur Höhe ihrer besten Zeiten hingezogen, sie haben sie nicht nur nicht kulminieren lassen wie die besten Kaufleute ihrer Zeit und haben ihnen nicht nur nicht das Recht gegeben, sie als Volk zu vertreten, sondern sie haben einen Makel auf diesen Beruf geworfen, haben ihn von dem Adel her gefürchtet, vom Bürger her verachtet, haben ihm das Brot und die Karriere und die Bewegungsfreiheit genommen und schließlich ihn behandelt wie jenen Eumolpus, von dem Petron, der die Dichter lästerte, erzählt, man habe ihn vom Schlemmermahl aus, als er rezitierte, mit Steinen beworfen, daß er ans Meeresufer flüchten mußte.

Das Bild der letzten Epochen ist nicht das der Gemeinschaft, sondern das eines Schachspiels. Die Epoche vor dem Krieg hat mit Regimentsmusiken Treibjagden veranstaltet auf die Künste, die Verwaltungen haben sie ausgestoßen, der Betreiber eines literarischen Handwerks vermochte die Bestätigung des Reserveoffiziers nur mit Mühe und bei guten Wirtschaftsverhältnissen zu erreichen, die Staatsanwälte witterten Staatsfeindliches und das ins Verdienen gekommene Volk hielt die Musen nicht für Spielerei mehr, sondern sogar bereits für einen Luxus, den es sich kaufen könne.

Man hatte sie auch früher gekauft, aber man hatte auch alle Vorbedingungen für die Musen selber geschaffen und gezeugt und bewies sich durch ihre Förderung nur seinen eigenen geläuterten Geschmack und vielleicht seine Größe damit.

Diese neuen Leute von gestern und heute aber waren Barbaren, die nichts geschaffen und nichts gebaut hatten, sondern nur Geld verdient hatten und glaubten, damit alles zu können. Gold wiegt wohl den Geist auf, aber nur, wenn beide von der gleichen Substanz sind und für die Bilder Paläste und für die Prediger die Dome und für die Dichter die Weltgefühle der Gesellschaft da sind, die einander wert sind.

Dann ist alles käuflich und dann ist Kauf der einzige Maßstab, denn der Ruhm hißt sich von selber an die Spitze der Zeit, und im irdischen Dasein hat die Gesellschaft sich dann klar gezeigt, was sie untereinander schätzt. Auch ich bin käuflich, sagte Maria Theresia, aber es kostet ein Land.

Diese Crapule aber, die nach einer irr flimmernden und sich des Zusammenhangs nicht mehr bewußten Kunst die Hände ausstreckte, griff nicht nach oben und lobte sich mit dieser Bewegung, sondern sie faßte nach unten und kaufte den Geist wie ein Badezimmer. Sie bewiesen damit, daß sie die Kunst nicht ablehnten, was ehrlich, und nicht liebten, was zuviel verlangt wäre, sondern daß sie sie nicht nötig hätten.

In dieser Haltung, ergrimmt, feindlich auf den seitherigen Zustand, nicht auf das Volk, sondern auf die Verhältnisse, trat die Literatur in die Republik.

Man kann, auch in der Literatur, nicht dauernd seinen neunten November machen, und es wäre an der Zeit, sich nun endlich zu konsolidieren. In der Republik wächst nun eine neue Gesellschaft, die Übergänge sind zwar abscheulich, aber sie sind interessant wie die Zeiten des Balzac. Und Sprache und Literatur sind bereit, nach soviel Revolten, einige Jahrhunderte nach der britischen und ein Jahrhundert nach der französischen Umwälzung, ein breiter Spiegel der Kämpfe zu werden, in denen eine republikanische Volksschicht sich formt. Die Literatur hat der Republik Zuneigung bewiesen und die Republik wäre in der Lage, sich zu revanchieren. Konsolidiert sich Deutschland jetzt, ist es an zwölfter Stunde.

Frankreich hat sich im letzten Jahrhundert fit und glatt gemacht, hat in denselben oder in neuen Salons noch den alten Königen gehuldigt, Mirabeau und George Sand zusammen gesehen, hat in den zwanziger Jahren für Theater darin geschwärmt, unter dem Bürgerkönig für die Romanze, unter dem zweiten Kaiserreich für die Chansonette, unter der Republik für den Monolog. Gambetta erhielt durch die Herzogin von Beaumont rasch die Formen eines alten Viveurs und in den Salons dieser Form fand sich die Gesellschaft mit ihren neuen Führern und ihren neuen Ideen rasch zusammen. Die Akademie und das Panthéon säumten von jeher als nationale Monumente die Verdienste und den Weg der Kunst, und jedes Gouvernement hat mit Eifer die Pflege des Geistes von dem vorherigen übernommen und die Waffe, die es für die Nation hier führte, zu schätzen gewußt, wenn auch die Simplen manchmal und nicht die Heroen den Kranz zuweilen erhielten.

Die Siegesallee der deutschen Kunst ist aber nicht wie die der Hohenzollern mit Denkmalen und Ehrenzeichen gepflastert und die Republik hätte gut getan, ein deutsches Panthéon zu gründen, in dessen Raum sich der Staat und die Künste unter der Decke einer neuen Gesellschaft und einer breiten Demokratie gefunden hätten.

Mijnheer, die Deutschen waren immer klug, wenn sie sich priesen, und nicht ohne Geist, wenn sie sinnierend ihren Nabel besahen, und große Exploiteure, wenn sie ins Reich der Sterne sich begaben, aber sie haben für ihre nächsten Aufgaben nie den Sinn eines Rayonchefs gehabt. Sie haben diese Gelegenheit vorbeigehen lassen, haben sich in Parteien zerfleischt, in Doktrinen wie in Wilderernetzen gefangen und haben die Gesellschaft sich selbst überlassen und damit von dem Staat gestoßen und haben die Kunst wieder den Literaten übergeben, die sich weiter damit befehden wie seither. Die Republik hat in der Gestalt des Professor Brunner sogar noch die heilige Inquisition auf die Musen losgelassen, und die Jagd nach den Nuditäten und die Verfolgung der Freiheit und die Haarspaltereien über Sinn und Wesen der Kunst vor den Schöffen der Gerichte, die nichts davon verstehen, hat von neuem begonnen.

Die Dichter haben sich ihrerseits in keiner Weise über der Verantwortung der Situation bewegt. Sie haben sich selbst zerrissen, ihre Aufgabe nicht erkannt und sind einem Ton und einer Injurie der gegenseitigen Behandlung verfallen, der dem einzelnen den Kredit, der Masse aber die Ehre nimmt. Man hat verlernt, im wichtigen Augenblick eine Aufgabe zu sehen, sondern man sieht sich nur noch unter dem Gesichtspunkt der politischen Parteien, und Kunst ist nicht mehr eine Devise, sondern ein Austragsfeld von Krakehlen, die nie in ihren Bereich gehörten.

Es heißt, daß früher die Marquise von Châlet so sehr von der Schönheit und Würde der Poesie überzeugt war, daß sie sich nur von Dichtern und Gelehrten küssen ließ. Man müßte heute in Deutschland Dichter, um sie vor der seltsamen Zuneigung ihrer Zeitgenossen zu schützen, mit dem Schilde: „Défense d’uriner“ versehen, mit dem die Franzosen die Standbilder ihrer Generäle und ihre Parlamente vor der Gunstbezeigung der erbärmlichsten Meuten bewahren.

Es hat ihnen jederzeit an Führern gefehlt, die die Gegenwart gliederten und die Furchen zwischen Kunst und Volk richtig zogen. Über Literatur schrieb seit Lessing und außer Herder nur noch Heine und den Instinkt besaß lediglich für sie noch Blei. Lessing schrieb kühl, vornehm, deutlich und tödlich, Heine voll bunter Spielerei. Man hat auch damals Kämpfe geführt, Schiller nannte die Schlegel Laffen, Tieck nannte Schiller einen spanischen Seneca und haßte Kleist, weil der seiner Katze eingemachte Ananas zu fressen gab, Goethe schrieb gegen die Schlegel, die ihn durch ihr Zelebrieren „gemacht“ hatten, einen undankbaren protestantischen Aufsatz. Brentano suchte die Tieckschen Weiber mit Sentiments zu girren, Racine hat Molière begaunert und Verlaine auf Rimbaud geschossen, Börne hat Heine angegegriffen und Heine hat dem Platen, dessen geschwollenem Hochmut alle Dichter auf der Parnaßreise im Weg waren, unvergeßlich bittere Streiche versetzt. Aber man stritt und verwüstete sich nicht, die Literatur bekam nicht täglich wie ein Weib „fureurs hysteriques“, sondern sie erkannte mit einer gewissen Grandezza die Könner an.

Es fehlte uns ein Brunetière, es fehlte ein Sainte-Beuve, die wohl manche Dummheiten besaßen, aber Pupille und Augenmaß hatten und ihre Literatur wie Chirurgen zerschnitten und nicht vergaßen, sie zusammenzunähen und klarer nach Hause zu senden. Die Gelehrten, die sie bei uns behandelten, haben ein seltsames Spiel mit ihr getrieben. Sie hatten keine Maßstäbe, durch die sie die Ideen an den Literaturen und die Jahrhunderte an ihren Künsten heraufbegleiten konnten in die Gegenwart, aber sie verstanden auch ihre Zeit nicht und dazu fehlte ihnen noch der dichterische Atem und der Sinn für Sprache. Sie saßen wie die arm- und beinlosen Bettler unter Diderots Denkmal in der Rue de Rennes und spielten auf einem Leierkasten dem Volk verständliche, aber zwecklose Tiraden über die Werke und den Dichter, den in Figur zu sehen dem Volk viel leichter fiel.

Es blieb den Deutschen sogar vorbehalten, von Herrn Bartels eine Literaturgeschichte zu erhalten, die Kunst nach Juden und Gojims schied. Der Standpunkt ist dumm, aber ist sauber. Der Verfasser zeigt seine Visitenkarte und lügt nicht. Man muß bei den erbärmlichsten Troubadouren heute schon die Tatsache des Charakters als eine der liebenswürdigsten Überraschungen buchen. Auch ist der Tanz nicht unamüsant, den er mit seinem Judensprung vornimmt, zumal schon Atta Troll den Kindern des Alten Testamentes verbot, auf den Märkten öffentlich zu tanzen, da ihnen der Sinn für die Plastik völlig fehle. Man hätte nicht gedacht, bei aller Liebe zu den Judäern und aller Hochachtung vor der großen vermittelnden Rolle, die sie in unserer Zeit spielen, daß fast die ganze Dichtung eines Tags aus ihnen bestehen würde.

Aber nicht genug damit hat der übereifrige Kompilator und Barde sich noch einige Germanen zu Mosaischen hinzugedichtet, wobei seinem Furor, der Juden schon in jedem Schreiber sieht, das scherzhafte Unglück zustieß, daß er das Pseudonym eines gewissen ironischen Philosophen Friedländer „Mynona“ für eine schwarze Jüdin ansah und unter Gebrüll verstieß. Die Haltung dieses Beurteilers der Künste ist eindeutig und wie die eines Stiers, der ein Herrenessen nach seinem Geschmack durchwühlt und nichts anderes anrichtet wie ein seltsam tierisches boeuf à la mode.

Zweideutiger ist der Gang, mit dem Herr Professor von der Leyen, Dozent der Kölner Universität, sich der Gegenwart nähert, denn er galt einige Zeit als Liebhaber und Kenner der neuen Literaturen und versteckt auch jetzt noch die kriegerische und militärpolitische Absicht, mit der er nach alten Schlagwörtern und den Gewohnheiten der ideenlosesten Pfaffen sein Thema aufteilte, geschickt hinter einem männlichen und neugierigen Gegacker, wodurch er das Publikum anlockt. Jedoch, wenn er genug Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat, mit den langen Beinen und dem kleinen Kopf des Vogels Strauß und starkem Flügelschlagen auf sein Thema zugeeilt ist, vertauscht er die Fronten, steckt, statt zu reden, den Kopf in den Sand und den Rumpf in die Luft. Am Rumpf dieses Vogels befinden sich die schönsten Federn, und es mag seine Absicht sein, die Tiere zu täuschen und zu hoffen, daß sie diesen Teil statt dem mageren Schopf für seinen Kopf halten.

Die Menschen sind jedoch bereits zu scharf gebildet, als daß sie auf die liebenswürdigen Blaguen der Tierwelt sich verirrten und wissen auch bei auffallenden Ähnlichkeiten zu unterscheiden, wo die Ansichten sitzen und wo die Federn, wo die Schädel und wo die Steiße, und die guten Kritiker haben nie verfehlt die Köpfe abzuschlagen, um zu beweisen, daß sie hohl sind. Mijnheer, ich habe in dem Buche dieses Professors eine Fälschung gefunden, die vor Jahren von einem gewissen kleinen Claqueur ausging, indem er eine Stelle aus einem Buch und dem Zusammenhang nahm und sie einem anderen, nämlich mir selbst, zwischen die Lippen legte. Es handelt sich darum, daß, um in einer Erzählung des Buches „Frauen“ ein rasches und rühmliches Ende des Krieges zu erreichen, aus dem Umkreis eines Spionagezentrums aller Nationen einige Menschen sich entfernen müssen, um ohne Kontrolle ihre Nachrichten auszutauschen, und daß ein anderer, um die Aufmerksamkeit der internationalen Bande, abzulenken und um ihren Geisteszustand zu charakterisieren, in frivoler Weise über Frauen redet. Ich finde diesen letzten Teil ohne Zusammenhang mit der Erzählung, ich finde ihn ohne Hinweis auf das Buch, ohne Bemerkung, daß das die Worte eines anderen und nicht die meinen sind, ich finde diese grauenhafte Fälschung als meine Ansicht, meinen Ausspruch als Zeichen meiner vaterländischen und moralischen Überzeugung abgedruckt in dem Buch des Dozenten. Sie sagen das Rechte: Es hat keinen Sinn, sich mit der Meute zu beschäftigen und für Unbegabung ist niemand verantwortlich zu machen außer vor der Vorsehung.

Schon Heine hat Lessing vorgeworfen, daß er aus Lust an der Aufgabe, die deutsche Literatur zu säubern, die armseligsten Rosinanten erschlagen und den Namen manches Pasquillanten der Unsterblichkeit überliefert habe. Es ist ein Fehler, die kleinen Feinde zu züchtigen, weil man nicht sich, sondern sie allein ehrt. Es gibt auch andrerseits wieder schwerlich Ergötzlicheres, als die Vernichtungen zu lesen, die Bürschchen an einem vornehmen, die ihren wankenden Hosenboden mit jener Kühnheit zu tragen suchen, die sie einem im Gesicht abgelauscht haben und die das Schreiben, mit dem sie uns verpfeffern, bei einem von A bis Z gelernt haben. Die Nützlichkeit der Nachahmer hat bereits Constable erkannt, da, wie er meinte, sie zeigten, was man vermeiden wolle. Er ahnte nicht, daß die Nachahmer in dieser von Wolfshaß zerfleischten Zeit bereits zu den Gegnern übergingen, um scheinbar als Entschuldigung für ihren Diebstahl sich die Überzeugung beizubringen, es sei gar keiner, und was sie gegen einen unternähmen, sei eigene Erfindung.

Ein neues Settlement der Literatur hat sich hier aufgetan, und die geraubten Formen des Ausdrucks werden als allerdings blecherne Streitäxte geschwungen: „Ce ne sont pas les pots, ce n’est pas la fayence. /// C’est ce qu’on met dedans qui fait la différence,“ schrieb ein Plauderer der „Gazette du bon ton“, nachdem er eine Stunde lang über die Plissées der neusten Damenhosen gesprochen. Es hat keinen Sinn, sich zu entsetzen und es bleibt unsere schönste Freiheit, über das Miserabelste auch noch zu lachen. Aber ich muß, wenn selbst die Professoren der Genauigkeit in das Lager der politischen Parteiungen hinuntersteigen und nicht nach der Größe der Dichter, sondern nach der Zweckmäßigkeit, sie politisch zu kompromittieren, urteilen, ich muß Mijnheer, an Pernambuco denken.

Ich muß an die Revolten von Pernambuco denken und an den Streik der Chauffeure, deren Fahrtverweigerung die Stadt in einer halben Stunde in ein Feldlager verwandelte, und mir fällt ein die Geschichte des Redakteurs Petronio, der einen unwahren Artikel gegen die Regierung geschrieben hatte. Ich muß erzählen, mit welcher Grazie und welcher Promptheit man für die Wahrheit eintritt unter den nicht so kultivierten Nationen, und wie der Gouverneur den Redakteur zu sich in die Wohnung bat und wie er ihn empfing, den Revolver in der Hand und ein Glas Wasser auf dem Tisch.

Man sprach nicht viel, der Gouverneur hielt lediglich die Pistole nach der anderen Seite und sagte, ob jener zugebe, daß die Tatsachen, die er geschildert, unwahr seien, und der Angeklagte nickte. Mit einem Zeichen übergab der Gouverneur ihm die Zeitung und ließ sie ihn verspeisen, indem er ihm nicht verweigerte, sich des Wassers zu bedienen. Sie schieden mit einem Handdruck, man war in kurzer Weise über eine schmerzliche Angelegenheit hinweggekommen und hatte vor Wiederholungen ein deutliches Schloß gelegt.

Ich bin zu wenig Illusionist, aber noch weniger genügend skeptisch, um dieses Beispiel für Deutschland empfehlen zu wollen, und ich gestehe auch, daß ich, wenn die „Chevaliers du lustre“ mit ihren bezahlten Händen von der Galerie ihren Beifall toben, denselben fatalen Klang im Ohr habe, als wenn die Liliputaner giftig flüstern und die Marodeure gegen die Dichter anbrüllen. Aber ich habe die Hoffnung noch nicht verloren, daß Deutschland dennoch einmal einem Beurteiler, der sein Volk aus Liebe tadelte, der nicht in die Hörner der Vorurteile blies, der von nichts bewegt als der Leidenschaft zur Gerechtigkeit lebte, der mit einem Stil, unerbittlich wie Granit und schwungvoll wie eine Geige, sein Zeitalter geschildert hat, daß irgendeinem Mann dieser Art die deutsche Heimat einmal auf den Grabstein schreiben kann: „simplicis veritatis amantissimus“.

Der Mann, der seit Heine am meisten von Literatur verstand, ist Franz Blei, von dem man mehr Anekdotisches erzählte als von ihm las. Er hatte unter anderem die Ehre einen der drei Preise zu verteilen, mit denen Deutschland seine Dichter ehrt und die, außer dem Schillerpreis, von privaten Stiftungen herrühren. Diese Summen sind bedeutungslos, aber schlimmer ist: die Preise sind sinnlos, weil nicht, wie in anderen Ländern und wie es sein müßte, die ganze Nation atemlos darauf den Blick richtete, sondern daß die Nation sich den Teufel um die Preise kehrte, kaum einer der Literaten wußte, wer sie bekam, und das Volk den Sieg Breidensträters in einem Boxkampf, oder Froitzheims in einem Tennismatch oder der Firma Wanderer oder des Hengstes Ordensjäger in Rüsselsheim oder Iffezheim mit tausendfach größerem Interesse verfolgt.

Die Republik hat den Dichtern in der Verfassung gute Worte gegeben, aber sie hat ihr Ansehen nicht erhöht, und wenn einige von ihnen, wie die Herren Rauscher und Köster, in die Stellungen von Gesandten und Ministern gelangt sind, so war das nicht, weil das Volk sich in ihnen ehrte, sondern weil die Maschinerie der Partei sie an die Posten trieb. Die Verteilung der Preise hätte lediglich unter diesen Umständen Sinn, wenn man, wie die Tschechen, Bulgaren, Rumänen sogar tun, Millionen für sie auswürfe und sich das Gold als solches rentiere.

Die Ehrung wird aber eine Farce, wenn nicht ein materieller Gewinn, sondern nichts als die Afferei eines Kartenspiels unter Literaten dahinter steckt und die Öffentlichkeit währenddem aus dem Fenster nach einer anderen Sache schaut. Die Inthronisierung der Gekrönten ist jeweils ohne weitere Aufmerksamkeit vor sich gegangen und es hieße sich selbst langweilen, wolle man die falschen und die rechten Ernennungen untersuchen. Ich glaube, daß Blei sich jeweils mit mehr Sinn für die Kuriositäten als für die zeitwichtigen Erscheinungen entschieden hat.

Er ist ein geschmackvoller, aber der Stetigkeit seines Geschmackes nicht sicherer Mann. Die Lessing und Heine wußten mit gewaltigem Instinkt, sei der Gegenstand nüchtern, sei er barock, nicht nur die Werte zu erwittern, sondern sie auch da anzuordnen, wo sie nötig waren und wo sie unsere zerfahrene Situation verbessern konnten. Sie wußten um den Mangel der Gesellschaft und um die Unfähigkeit der Dichter, nach einer nationalen Haltung hin sich durchzuarbeiten und waren immer im Vordergrund bestrebt, die Möglichkeiten der beiden einander zu nähern.

Sie waren sich des Sinns und der Mission des Deutschen bewußt, ahnten, wo das Rechte stäke, irrten manchmal gewaltig, aber behielten den Sinn des Ausgleichs zwischen Kultur und Nation unentwegt bei jedem Satz im Hirn.

Blei hat das wie alles ebenfalls gewittert, aber er hat keine Folgerung daraus gezogen, sondern hat lediglich spielerische Anmerkungen darum gemacht. Ihm genügte, die Marginalien zu einem Thema zu ziehen, das die gesamte rücksichtslose Wucht eines Mannes vorausgesetzt hätte, um es klar zu machen. Blei ist ein großer Kenner der Literatur der letzten Jahrhunderte gewesen und ein ausgezeichneter „Riecher“ der zeitgenössischen, aber kein Beurteiler. Er ist einer der größten Talententdecker, einer der gebildetsten Literaten, die Deutschland sah, eine Wünschelrute der Verleger, ein Cagliostro der Begabungen, ein wahrer großer „homme de lettres“, verliebt in Literatur bis zum Exzeß, und es gibt keinen lebenden Schriftsteller von Bedeutung, der ihm nicht Dank schuldet und eine gewisse Verehrung entgegenbringt, und den er nicht da oder dort schon einmal verraten hätte. Blei ist von fast erotischer Empfindsamkeit für Literatur und hat jede Mode, innerlich sicher ehrlich, vorausempfunden und propagiert und jede wieder verlassen.

Er hat die Neigung und den Instinkt und die geniale Empfindung für die Valeurs, nicht für die Werte. Er ist weit mehr, wie unwissende Jünglinge meinen und seine Feinde mit Handbewegungen abtun wollen, eine ungewöhnliche und hoch überlegene Potenz unseres Schrifttums, aber aus Verliebtheit und nicht aus Verantwortung. Der „homme de lettres“ ist wie der „homme à femmes“ letzten Endes nur auf die Details eingestellt, auf die Linie, auf die Grazie, auf die Nüance, auf den Charme, aber nie auf die Totalität einer Erscheinung. Blei zieht seine Assoziationen von allen Seiten. Katholisches und Rokoko, Satanismus und linksradikal, Sinnliches und Besinnliches machen ihn zum geschmeidigsten Verwerter einer Elastizität, die alles betastet und alles vertieft, aber nichts ergründet.

Er ist ein aristokratisches Stil-Chamäleon. Die Sünde der Epoche hat in ihm einen Sylvester Schäffer gefunden: er schießt und dichtet, spielt auf dem Pferd Violine, läuft Seil, spricht und drischt gleichzeitig guten Stil aus dem Hals, aber alles ist kein Inhalt und kein Ziel und kein Fleisch, sondern nur Gewandtheit und Akrobatik und zirzensischer Geist. Man springt geschickt und mit Esprit. Über was man springt, ist Nebensache. Er ist der sinnfälligste Beweis dafür, wie eine Begabung seines Ausmaßes wirken müßte und wie sie aber verführt wird von einer vielfarbigen Zeit, statt alles auf sein Ziel hinzulenken, allem wie ein Jüngling mit dem Schmetterlingsnetz nachzurennen.

Delacroix hat gemeint, jene kritischen Leute, welche die Manie des Urteilens hätten, verwirrten erstens das Publikum, das ihre Dunkelheiten nicht begreife, und verwirrten zweitens für die Künstler die einfachsten Ideen, weshalb diese sie auch verabscheuten. Er irrte, denn eine große und mit den Hintergründen der Zeit malende Kritik kann einer Epoche auf den Weg helfen durch die Säuberung und durch den Hinweis. Blei aber hat, als man ihm das Talent gab und die Verantwortung, nicht nach beiden, sondern nur nach der Begabung gegriffen, zwar immer das Rechte gefühlt und oft auch gesagt, aber es mit einer Stimme getan und in einem Zusammenhang geäußert, daß es nicht die Wucht bekam und nicht den Ernst erhielt, der ihm Masse und Sinn gegeben hätte. Es ist geistreich geblieben und Gespiel und damit ohne höhere Fruchtbarkeit. Was ihn entschuldigt, ist die Zeit, was ihn aber nicht freispricht, ist, daß er die Stilisten wie die Käfer sammelte, statt die Begabungen auf ihre Ziele zu hetzen.

Ich bin kein Angestellter der Weisheit und nicht im Schalterdienst der Prophezeiung, Mijnheer, und ich bin weit entfernt, Ehren zu fordern für einen Beruf, der seine beste Ehrung in sich selber findet. Aber ich sehe im Anspruch auf die Beachtung durch die Nation, die sich in diesen Formen kundgibt, ein nicht geringes Mittel zur Stärkung jener Partei der Freiheitsliebenden, die der Republik die Formung einer neuen deutschen Gesellschaft wünschen.

Ich weiß, man kann frei leben und frei sterben und nach keiner Würde gierig sein und doch im Angedenken der Nation und ihrer Besten ein großer Mann und eine schöne Erinnerung sein. Ich kenne das Testament Heines, der, obwohl ihm Gutzkow vorwarf, daß er nach den höchsten Ehren des französischen Ruhmes lüstern sei, nachdem ihn seine Heimat vertrieben, schrieb:

„Obwohl ich von der Natur und vom Glück mehr als andere Menschen begünstigt ward, obgleich es mir zur Ausbeutung meiner Geistesgaben weder an Verstand noch an Gelegenheit gebrach, obgleich ich, aufs engste befreundet mit den Reichsten und Mächtigsten dieser Erde, nur zuzugreifen brauchte, um Gold und Ämter zu erlangen, so sterbe ich dennoch ohne Vermögen und Würden. Mein Herz hat es so wollt, denn ich liebte immer die Wahrheit und verabscheute die Lüge.“ Auch dies ist Stolz und klingt mit aller Bitterkeit seiner ruhigen Größe hart ins Ohr der Heimat, die ihn verbannte.

Aber man lebt nicht, um Gesten der Kühnheit zu machen, sondern um die Möglichkeiten des Lebens und der Zeit in der besten Form zu erwischen, und die Lebenden stehen jede Sekunde im Kampf. Aber Kämpfen heißt nicht jene Dummheit der Menschen, von denen ein litauisches Sprichwort sagt: „Je stärker du ihm auf die Schnauze gibst, um so mehr Angst mußt du haben, daß er zurückgibt.“ Sondern es bedeutet das Wesenswichtige zu nähern, Weg zu machen und selbst das Ausrufen nicht scheuen. Alles andere marschiert, wie Deutschland marschiert.

Es ist nur allmälig an der Zeit geworden, zu sehen, um was es geht. Werden wir eine runde Literatur haben, müssen wir vorher zu einer Gesellschaft kommen. Man muß die Gegensätze der Parteien in der Republik versöhnen oder man muß sie austragen. Andere Möglichkeiten gibt es nicht und nur auf ihrer Befolgung oder Verwerfung wächst eine Gesellschaft und eine Kunst. Es muß eine Zeit kommen, wo man in die Weisheitsschule der jeweiligen Grafen Keyserling seine Automobile schicken wird, weil man so europäisch eingestellt ist, daß man sich selbst nicht mehr an schöngewässerten Reflexionen über die Welt begeistern braucht und wo man die „Indienfahrt“ des Herrn Bonsels in den Regalen der Gartenlauben unserer vergilbten Zeit finden und wie ein altes bürgerliches Kochbuch belächeln wird. Die Literatur wird so sehr Ergebnis einer an den Quellen des deutschen mittelalterlichen Wesens gelegenen Kraft sein und so sehr erhabene Spiegelung ihrer Zeit werden, daß beide endlich mit Genugtuung einander betrachten werden.

Sie wird nicht mehr sich verkriechen müssen und wird nicht verfolgt werden, sondern sie wird mit dem Lächeln antworten, das die Hetäre Tschandrasêna herrlich von sich schüttelte, als man ihr eine Augensalbe anbot, die sie von den Nachstellungen eines Königs retten, aber in eine Äffin verwandeln sollte. Sie zog es vor, in ihrer keuschen Nacktheit dem Herrscher entgegenzugehen, der mächtig und schön war, und sich so mit ihm an Stolz zu vergleichen. Das alles ist, wenn es wird, besser als Prophezeihen. Die Farben des Fleisches sind stets beweiskräftiger als Paragraphen. Man wird Kunst auf dem Rücken einer Gesellschaft vereint wissen mit einer Heiterkeit und mit etwas von der legendären Größe, mit der der Doge jedes Jahr zum Strand ging, das Adriatische Meer mit Venedig zu vermählen.

Man wird nicht mehr über Pernambuco fahren müssen, um die Entdeckung der sichtbaren und der geheimnisvollen Wunder der Welt getrennt zu machen, sondern man wird sie beisammen haben. Man wird das Leben bei der Kunst haben und manches andere ähnlich zusammen und es wird ein gewaltiger Spaß sein, zu leben.

Reiß Irmãos & Compagnia (Brazil) wird dann ein Witz scheinen und Europa ein runder Kelch um die Blüte von Deutschland, und der ganze Himmel wird gefärbt sein von ihrer Anmut und überzittert von ihrer Bewegung. Einer der weltmännischen Deutschen, Friedrich der Große, hatte bereits etwas von jener erlesenen Mischung: „Hören Sie,“ sagte er zu seinem Schweizer: „Ich habe den traurigsten Eingriff über mich ergehen lassen, den die Heilkunst kennt: zwei Klistiere. Das hat mich erleichtert, und mein Geist fühlt sich freier. Kommen Sie her, ich habe ein Gedicht für meine Schwester von Bayreuth gemacht, über die Freundschaft.“ Er hatte Natürlichkeit und Grazie und damit Überlegenheit über Leben und Tod, da er Geist dazu besaß. Das Gesicht wird kommen, von dem ich sprach, das auf den Takt des Motors horcht und dadurch gespannt in die Gegenwart versunken ist, und über dem die Stirn sich voll ewiger Begeisterung hebt und wird Deutschland regieren. Das träume ich manchmal, Mijnheer. Gehen wir schlafen, wir Phantasten, der Mond ist aus.

Die sechste Nacht

Mijnheer, ich habe gestern vergessen, Ihnen von einer Ehrung zu erzählen, welche die Stadt Lübz in Mecklenburg an der deutschen Dichtung vornahm. Es fällt mir ein, weil ich in dem seenreichen Land einen anmutigen Sommer verbrachte und im Schilf das Boot von Sidney Smith entdeckte, der auf der Entenjagd lag, ein Nomade von borstigen Rothaaren, Fischaugen, die stier und grün unter der langen Nase herausquollen, die Haare „tête carrée“ in die sommersprossige Stirn gekämmt und über den Augenbrauen abgeschnitten. „Hallo, Sir,“ sagte er, „wir werden einen Cocktail machen,“ schob den Priem in die andere Mundseite und unterbrach die Jagd.

Dieser Smith war das amüsanteste Greenhorn, das ich traf. Eines Nachts frug er: „Hallo Sir,“ er zischte, auf dem Bauch liegend, um die Ruhe nicht zu stören, „glauben Sie, daß Afrika einmal in zwei Teile geteilt war durch ein Meer?“ „Warum,“ frug ich und betrachtete einen Punkt, der wie ein Paar Stockenten gegen den Kahn zutrieb, „warum denken Sie das?“ Er zog den Kopf in den Nacken: „Ich dachte Sir.“

Nach einer Stunde ging der Mond auf und wir mußten unter eine abhängende Weide rudern. Smith putzte an seiner Sechsschußflinte und sagte: „Hallo Sir, glauben Sie, daß man mit Ochsenhäuten, wenn man sie wie Segel aufspannt, Kanonenkugeln auffangen kann?“ Ich sagte ihm: „Was Afrika betrifft, Mr. Smith, so kann ich Ihnen noch sagen, daß lange Zeit eine Straße durch den Kölner Dom ging. Warum soll nicht ein Wasserweg durch Afrika gezogen sein! Was aber die Felle angeht, so müssen Sie einen Kanonier oder einen Gerber fragen.“ „Very well,“ sagte er, steckte den Kopf zwischen die Schultern und schwieg.

Nun kamen die Enten und er schoß sie mit Kugeln, trotzdem der Mondschein beim Visieren täuscht, ohne Fehler. Während wir sie auffischten, starrte er plötzlich in die Luft und sagte: „Hallo Sir, glauben Sie, daß, wenn man mit den Zeigefingern das Hörnerzeichen macht, das den bösen Blick zurückschmeißt?“ Ich war am Rudern und sagte: „Mr. Smith, vergessen Sie die Ente nicht aufzunehmen, an die ich Sie gerudert habe. Ich verstehe nicht, warum Sie Fragen stellen, die keine Beziehung auf das haben, was Sie tun.“ Er sah beleidigt vor sich hin. Ich habe nie einen solchen Wilden gesehn.

Er hatte nur im Blick, wo er Lachsnetze werfen, Wachtelschlingen legen, Tiefseeangeln für den Hecht durch das Meer schleifen konnte und dachte in der Zwischenzeit sich die Welt zu einem Trumpel zusammen. Bei Beginn des Sommers war er mit einem Klippfischsegler von Norwegen gekommen und in dem fetten Seeland mit seiner Büchse liegen geblieben wie der Sommer selbst, der keine Anstalten machte, selbst im Oktober noch nicht, aus den silbernen Grasstrichen aufzustehen.

Wie alle Schotten hatte er Leidenschaft für Cocktails aber auch die seltsame Fähigkeit, seine Gefühle damit auszudrücken. Mit der Mischung von dreiviertel Gin und ein Viertel Orangensaft bestach er den Beamten der Seekontrolle, welche das Angeln zu verbieten hatte. Dieser Mann trug einen breiten blonden Bart und horchte auf den Namen Feuerstake. Mit der Zeit richtete er ihn zum Treiber für das Vogelzeug ab, und wenn Smith ein paar Tage verschwand, saß er in Lübz neben dem Kirchturm bei Feuerstake und mischte seine Drinks. „Wollen Sie Cocktails versuchen, Sir?“ sagte er, wenn er von dort zurückkam und mischte als Zeichen seiner Zufriedenheit Zitrone mit amerikanischem Whisky. „Wissen Sie, warum ich keinen schottischen dazu nehme?“, frug er und schnallte die Büchse über die Schulter, und in der Tür stand Feuerstakes Gesicht winkend. „Nein,“ sage ich. „Weil Scotch für einen Jäger kein Whisky ist, Sir.“

Die Enten lockten sich auf dem milchblauen See „rätsch . . . wack“ und feierten überall nach seltsamen Schwimmkünsten und Verfolgungen unter unerhörtem Geschrei eine wüste Liebesnacht. Man konnte nicht schießen. „Kommen Sie, Sir,“ sagte Sidney und er mischte den seltsamsten Cocktail seines Lebens, der uns sehr heiter machte und der in Smiths Sprache das Erlebnis ausdrückte, das er über der Enten erotische Scherze empfand. Es war ein guter Junge nach meinem Sinn und hatte auf seine Weise Humor.

Eines Tages gab es einen abscheulichen Drink. Er hatte bei Feuerstake gesessen, und da der Mann kein Wort sprach, in den zehn Jahrgängen des Lübzer Tagblatts geblättert und dabei ein Gedicht von Gerhart Hauptmann gefunden, das begann: „Komm, wir wollen sterben gehn / in das Feld, wo Rosse stampfen / und die Donnerbüchsen stehn / und sich tote Fäuste krampfen.“ / Smith verstand nicht viel Deutsch, aber das verstand er. Unglückseligerweise hatte er in dem nächsten Band aber einen sechs Jahre späteren ergriffen und fand unter dem Namen des gleichen Autors ein Telegramm an den russischen Sowjetgesandten in Berlin betreffs eines politischen Prozesses in Rußland: „Der Blutwahnsinn des Krieges und seine Nachwehen sollten nun endlich überwunden sein. Ein sieghafter Friede muß der Achtung vor dem geheiligten Leben des Menschen, muß dem Gebot — Du sollst nicht töten — wieder die alte Geltung verschaffen. Ich lasse diese Friedenstaube zu den gemarterten Opfern fliegen. Möge sie mit einem Ölzweig, von dem kein Blut tropft, zurückkehren.“

Das verstand er nicht, es war von Schießen nicht mehr die Rede und er hatte nichts anderes im Kopf. Ich las ihm die andere Strophe aus dem ersten Gedicht vor, das er mit den ganzen Jahrgängen mitgebracht hatte. „Diesen Leib, den halt’ ich hin / Flintenkugeln und Granaten / eh’ ich nicht durchlöchert bin / kann der Feldzug nicht geraten.“ Smith schickte sich vergnügt an, einen guten Cocktail zu mischen, das begriff er wieder.

Nach einiger Zeit aber wurde er nachdenklich, wie könne, damned, der Mann nun solche Telegramme senden, wenn er geschrieben habe, daß, eh’ er ein Sieb sei, der Krieg nicht ende. Ich sagte ihm, Herr Hauptmann sei ein alter Mann gewesen und habe wohl das eine wie das andere nur in einem dichterischen also unirdischen Sinne gemeint undwahrscheinlich sei eine gespenstische Ausgabe von seiner Körperlichkeit ebenso auf den Schlachtfeldern, die er nicht besucht habe, durchlöchert worden, wie wahrscheinlich eine andere als Vogel durch die Luft zu fliegen vermöge. Etwas ähnliches meine wohl auch der sozialdemokratische Minister Hänisch, wenn er über ihn in einer bürgerlichen Zeitung nach einigen Fußtritten auf sozialistische Dichter schreibt: „So geht von Hauptmann ein Licht aus, das leuchtend und wärmend durch die Zeiten strahlen wird. Er ist der große repräsentative Dichter unserer deutschen Gegenwart, der die ganze Zerrissenheit unserer Zeit in seinen wissenden und milden Zügen widerspiegelt. Werden wir uns des Glückes bewußt, daß Gerhart Hauptmann in unserer Mitte lebt, freuen wir uns, ihn unser eigen nennen zu dürfen.“ Solchergestalt, meinte ich, sehen sogar ein Proletarier dies Hin und dies Her. „By Jove,“ meinte Sidney Smith und schaute lange verglast vor sich hin, das verstände er nicht.

Ich sagte ihm, Herr Hauptmann habe, wie viele Dichter, und fast alle Leute, die Karriere gemacht hätten, wie die Herren Lloyd George und Clemenceau von links angefangen und habe sich langsam nach rechts entwickelt. Man müsse das alles nicht so ernst nehmen, denn die Bourgeoisie brauche einen gewissen unaktuellen Radikalismus, bei dem sich ohne Gefahr für Haut und Geldbeutel am Feuer der großen Revolutionssuppe gruseln lasse. Und die Herrschaften, die im Zirkus in Berlin jubelten, wenn in seinen „Webern“ Kapitalistenhäuser demoliert wurden, seien dieselben, die fanatisch die Erschießung zeitgenössischer Revolutionäre forderten. Es handle sich darum, daß die Weber-Revolte eine schon vierzigjährige sei, die man beruhigt lieben könne, aber eine heutige eine verdammt ernste Sache sei, die man keineswegs lieben dürfe. Und ebenso menschlich begreiflich sei es ja sicher auch, daß ein Dichter seinen Nachruhm halte mit Arbeiten, von denen er sich völlig entfernt habe. Es sei dasselbe, wie wenn ich Smith wegen seiner Schulaufgaben lobe aber seine Schießsicherheit dabei übergehe. Wir gingen darauf nach dem See und Smith kam auf die Sache nicht mehr zu reden.

Beim Anschlag sagte er: „Beg your pardon, Sir, glauben Sie, daß man Kentauren noch jagen kann?“ „Nein, Mr.,“ sagte ich, „man kann es nicht.“ Er sah lange sinnend in den Himmel. Zwei Tage verschwand er zu Feuerstake. Am dritten kam er zurück: „Wollen Sie Cocktail versuchen, Sir?“

Seltsamerweise erschien plötzlich Feuerstake mit einem Paket, legte es auf den Tisch und verschwand. Ich machte es auf, es war in rotem Einband ein Buch Gedichte, die Feuerstake über seinen Heimatsort geschrieben hatte. Der bescheidene Mann hatte kein Wort darüber verloren, obwohl er tagelang mit Smith zusammengesessen und brachte mit einer steifen Verschämtheit es plötzlich hinter ihm her. „All right,“ sagte Smith und legte es bei Seite. Feuerstake interessierte ihn als Ententreiber, alles andere war ihm einerlei. Feuerstake hörte nie ein Wort über sein Geschenk und, da er nichts sprach, frug er nicht.

Sidney Smith hatte in dieser Zeit viel zu tun, mit seinen Gedanken fertig zu werden. Ob ich denke, meinte er, daß es ein Land gebe, wo man die Schweine mit ihren eigenen Eingeweiden füttere. „Ja,“ sagte ich, „nichts ist verderblich genug, daß es das nicht geben sollte.“ Die Antwort gefiel ihm nicht, er zog den Kopf tief in die Achseln ein, stieß ihn dann geradeaus und schoß. Der Sommer stand in diesen Wochen mit einem fleckenlosen Goldton über Holstein und manchmal schien es fast, er spiegele das Meer. Je klarer die Luft aber wurde, um so eigensinniger verwandelte sich Sidney Smith. Er hatte sich bei Feuerstake alle eingebundenen Jahrgänge des Lübzer Tageblattes geholt und ich sah ihn oft, so sehr die flachsblonden Töchter des Hauses zum „Weißen Karpfen“ um ihn herumstrichen, in die Schwarten vertieft. „Wollen Sie Cocktails versuchen, Sir?“, frug er regelmäßig, wenn ich ihn ertappte, aber ich kannte seine Stimmungen nach dieser Lektüre und lehnte ab.

Die Enten fingen an zu mausern, die Männchen rückten den Weibchen aus, buhlten um andere, es war ein Riesenspektakel auf dem Wasser und das lenkte ihn ab. „Hallo, Sir,“ unterbrach er die Nachtwache, „denken Sie, daß man mit der Vergiftung der Meere alle Tiere darin töten und durch ihr Faulen den Kontinent verpesten könnte?“ „Nein,“ sagte ich, „Mr. Smith, denn etwas ähnliches ist durch den Landkrieg nicht einmal erreicht worden,“ und hielt ihn für gerettet, da erschien er am Morgen mit einem Bericht, den der Züricher Vertreter des Lübzer Tageblatt gedrahtet hatte über die Vorlesung eines Dramas, das Fritz von Unruh gedichtet hatte, und wo deutsche Soldaten den gefangenen britischen zugerufen haben sollten „Gott strafe England!“, und er verlangte von mir zu wissen, weshalb man die Vorsehung anrief, statt sich bei den Stellen zu beschweren, die für das Arrangement von Kriegen usw. verantwortlich zeichneten, als er fast erbleichend aufstöhnte. Er hatte in einem anderen Band einige Jahre später einen Abdruck aus dem gleichen Stück gesehen, nur daß hier die deutschen den britischen Soldaten armgebreitet mit den Worten „Freunde! . . . Brüder!“ entgegenliefen. „Dear Sir,“ sagte er fassungslos, „ich war ebenfalls gefangen, aber man hat das eine nicht gerufen und nicht das andere. Aber hat man das hier gleichzeitig gerufen?“ Er sah sich um, als halte er es schier für möglich, daß, seit er sich mit deutscher Lektüre beschäftige, der Mond und die Sonne gleichzeitig nebeneinander über den Himmel spazieren könnten.

„Nein, Mr. Sidney Smith,“ beruhigte ich ihn, „erstens ist das wahrscheinlich eine Verleumdung und dann darf man solches nicht so genau nehmen wie das Schießen, wo man sehr scharf und grad sich halten muß, und beim Wackeln die Sache vorbeigelingt. Im Leben ist das anders und man sagt oft das eine und gleichzeitig das andere. Das Leben verändert sich selbst täglich, und was heute schwarz ist, kann morgen weiß sein. Manche haben die Farben gleichzeitig, was manche wiederum boshaft preußisch nennen, aber das ist es gar nicht. Wir haben das bei einer großen Anzahl Menschen erlebt, da ist z. B. Herr Meidner, der einer der größten Helden gegen den Krieg war und gleichzeitig eine Zeichnung zur Animierung der Kriegsanleihe an die Zeitungen schickte. Wer kennt der Menschen Herz? Selbst der größte deutsche Dichter Goethe hat sich eines Tages dem Vater eines jungen Schriftstellers v. Körner gegenüber mokiert, daß der gegen den großen Bonaparte mit dem knitternden Papierzeug seiner Verse anreite und hat, mit der französischen Ehrenlegion geschmückt, als Lützower in Meißen ihn ausrückend um den Waffensegen baten, die Hand auf ihre Hirschfänger gelegt und gesagt: „Zieht mit Gott, und alles Gute sei Eurem frischen deutschen Mut gegönnt!“ Ich suchte Smith mit der letzten Möglichkeit, nämlich mit einem klassischen Zitat zu beruhigen, aber er war so beneidenswert ungebildet, daß er auf Klassisches genau so sauer wie auf die Flachsblonden reagierte.

Jedoch er hatte als Jäger ein gutes Ohr, er behielt den Namen und kam nach einer Stunde mit dem Gedicht eines gewissen Julius Bab, dessen Ende lautete: „Zeug uns, Stern, und zieh uns hoch hinan! / Dieses Werk der mörderischen Nöte / werde doch in deinem Dienst getan! / Weile, werde, wachse in uns — Goethe!“ / Das machte den Burschen völlig konfus. Es gelang mir nicht, ihm klar zu machen, wieso ein Stern uns erzeugen könne und warum im Dienst eines verstorbenen Dichters, der sich über den Krieg mokiert habe, man sich Jahre lang totschieße.

„Bei uns, Sir,“ meinte Smith, „sagt man, indeed, daß man im Dienst der Kanonenfabriken und zum Ruhm der Generale schieße. Verrückte Idee, für einen toten Mann sich zu töten.“ Rasch drehte ich, indem ich ihm versicherte, daß ich den Herrn nicht kenne und daß das offensichtlich die Privatmeinung eines durch Schrapnellschüsse am Kopf Schwerverletzten sei, das Blatt um, da las er in Fettschrift folgendes Gedicht: „Wenn der Kaiser einst kommen wird / schießen wir zum Krüppel den Wirth / knallen die Gewehre tack tack tack / aufs schwarze und aufs rote Pack.“ / Er wurde sehr aufgeregt und überstürzte mich mit Bitten. „Nein, Mr. Smith —,“ sagte ich zu ihm, „Pack ist kein Wildbret, das Sie noch nicht kennen, es sind Kameraden, die eine andere Ansicht haben.“

Wieder sank seine Lippe tief auf das Buch, ich blätterte weiter. Da rief ein Sportverein auf zu einem Gartenfest und man hatte das Bundeslied abgedruckt: „Der Turner in den Wäldern haust / und Eichen raufet seine Faust / der nackte Arm mit Felsen spielt / der deutschen Lunge Kraft empfiehlt: / schießt ab den Walther Rathenau / die gottverfluchte Judensau.“ / Ich hatte Angst, er könne auch das für Wildbret halten und sagte ihm, diese Gedichte seien nicht wichtig, weil sie schon wieder aus dem Frieden stammten.

Er schwieg eine Weile, sah mich stumm an, schüttelte den Kopf, erbleichte plötzlich und sprach darüber nicht mehr. Am nächsten Tag waren die Bücher verschwunden. Nun kamen schon Frühnebel, es wurde Oktober, aber der Sommer stand nicht aus dem fetten seenreichen Grünland auf, also blieb auch Sidney Smith.

Man hatte Nachtreiher entdeckt und er war in großer Aufregung. Man belauerte einen Baum, auf dem sie saßen, mit einer abscheulichen Gestankwolke eingehüllt und einen gewaltigen Lärm untereinander machend, aber man wollte sie nicht vom Baum schießen, von dem sie dauernd Fische in verdautem und unverdautem Zustand herunterschossen. Wir hatten Nachtpelze um und lagen in der Sternkälte im Gras. Plötzlich flüsterte Smith: „Weile, werde, wachse . . . Sir, ich habe mit Feuerstake gesprochen, er ist, by Jove, mit einem Male gesprächig geworden seit gestern, ein toller Cowboy dieser Feuerstake plötzlich, was ihm geschehen ist wohl, meinetwegen . . . . wollte sagen, Sir, Feuerstake erzählte mir, man habe Mr. Hauptmann von der Regierung geohrfeigt vor dem Krieg und seine Stücke verboten und bei dem Krieg, weil er dafür schrieb, ihm Orden gegeben, ihn herangepfiffen und ihn übers Fell gestrichen und er habe geweint vor Freude. Er habe dann während dem ganzen Krieg eine Propaganda gemacht für das Schießen und den Kaiser, und nun sei er aber verheiratet mit der Republik und werde mit dem Präsidenten alle vierzehn Tage photographiert. Ich verstehe das nicht. Wir haben gelesen, wie Mr. Bernard Shaw in England im Krieg, beim allmächtigen Gott, dem König und Mr. Lloyd George gesagt hat, es sei ein Verbrechen und daß er es vorher und nachher gesagt hat. Es hat mir nicht gefallen, Sir, weil ich für den Krieg bin und für das Schießen. Aber, damned, es hat mir doch noch besser gefallen, wie das, was ich bei Ihnen jetzt hier gelesen habe. Ich wollte Ihnen das sagen, Sir.“

Ich war eine Weile stumm, denn auf dem Baum tanzten die Schatten der Vögel derart herum, daß es wie ein nächtlicher Spuk vor der Himmelsilhouette stand, und jede Bewegung führte einen derartigen Regen von Niederschlägen der Vögel mit sich, daß wir uns rückwärts bewegen mußten. „Weile werde wachse . . . Sir, ich wollte das beim allmächtigen Gott auch noch gesagt haben, Ihre Kriegsgedichte sind mehr gentlemanlike als die im Frieden.“ Ich versuchte ihn wieder auf Hauptmann zu bringen und ihm klar zu machen, daß der Genius des Dichters leichter alle Veränderungen aufnehmen und sich schneller wie festgemauerte Charaktere von Jägern an die verschiedenen Institutionen des Staates wie des Lebens gewöhnen könne.

Es käme auf den Zweck an, meinte ich und erzählte ihm die Geschichte des Mönchs, der auf der katholischen Propaganda tausend Herbeigeströmten als Reliquie eine Papageienfeder als die des heiligen Gabriel zeigen wollte, aber, da man sie ihm gestohlen und zum Bluff schwarze Erde hineingelegt hatte, diese sofort als die heiligen Kohlen ausschrie, an denen der St. Lorenz geröstet worden sei. Allein er hörte scheinbar nicht auf mich, legte an und schoß aus der Luft einen Reiher, riß ihm die Bismarckfedern aus, ließ den Braten für seine Vogelkameraden liegen und sagte: „All right. Ist für mich erledigt. Kommen Sie Cocktails versuchen, Sir?“

Zu seinem Geburtstag kam eine Kiste, er nagelte sie auf und man sah etwa eine Batterie von vierzig Flaschenköpfen verschiedener Etikettierung. „Splendid,“ sagte Smith, und die Flachsblonden mischten Bacardi Cocktail wie Engel, indem sie ein drittel Zitrone und zwei drittel Rum mit etwas Grenadine und Zucker zusammentaten. Gegen Abend war, das gesamte Hotel erledigt. „Let us go, Sir,“ sagte Smith, als Feuerstake nicht erschien, „der Mann gefällt mir nicht mehr,“ wir legten die Büchsen über und sahen auf dem Wasser in der Purpurröte der Dämmerung eine Reiherschlacht durch das Schilf.

Sie kamen in zwei Gruppen angeflogen und standen im Morast einander gegenüber und in der Mitte lag eine tote Mordsschleie. Die beiden Parteien zogen sich zurück, formierten sich, krächzten mit aufgerissenen Schnäbeln in höchster Aufregung „koau . . . kräü“, die blutigroten Augen glühten, die Flügel schlugen auf und nieder und mit gesträubten Nackenfedern schossen sie aufeinander zu. In dem Augenblick aber, wo man dachte, daß sie sich mit den dolchspitzen Schnäbeln durchbohren würden, gingen sie jammervoll aneinander vorbei und berührten sich kaum mit den Flügeln. Eine gewisse Entfernung voneinander genügte aber, ihre Wut wieder aufs äußerste zu steigern. Klappernd, mit wund geschrienen Rachen, erbost schossen sie aufeinander und spielten sich eine Stunde lang das Theater ihrer Leidenschaft vor. „Hallo!,“ sagte Smith, der etwas unruhig war, „wachse, werde, weile“ und schoß ab.

„Warum,“ sagte ich, „zitieren Sie immer das Kriegsgedicht des Mr., dessen Name mir entfallen ist.“ „Beg your pardon,“ meinte Sidney Smith, „ist die einzige Möglichkeit meinen Priem aus dem Gaumen heraus zu bekommen.“

Wir hatten große Last, die Nachtreiher zu erreichen und ihnen die Federn zu nehmen, denn es war an der Stelle sehr sumpfig. Als wir an dem tags zuvor geschossenen vorbeikamen, stob ein Schwarm seiner Brüder auf, die sich die Kröpfe voll von seinem Fleisch gestopft hatten und nach dem Baum hinüberflogen. Smith machte ein bedenkliches Gesicht, sagte aber nichts, denn er war etwas betrunken.

„Versuchen Sie Cocktails, Sir,“ sagte er zu Hause und machte einen Martini mit Gin und französischem Vermouth, da wurde er sauer und „dry“. Dann machte er ihn mit italienischem Vermouth, da wurde er süß, und die Flachsblonden nippten solang daran, bis sie wie verrückt im Garten herumtanzten. „Hallo, was sagen Sie dazu, Sir?“ frug er mit einem halb lachenden Blick auf sein Kunstwerk, aber ich äußerte nichts, weil ich nicht bestimmt wußte, ob er mit dem „einmal süß und einmal sauer“ gewisse Dichter oder gewisse Reiher meinte, aber etwas Hinterhältiges war in seinem Blick, das mich stutzen machte.

Im selben Augenblick bekam er aber Eulenaugen, stand ruckweise auf und starrte auf ein Papier, das man vor ihn gelegt hatte, als er einen Priem zahlte. Seine roten Haare sträubten sich aus der Stirn und standen borstig nach oben, der Schweiß rann ihm über die Stirn und er fuchtelte mit der rechten Hand in die Luft. Dann fiel er mit rot verquollenem sommersprossigen Gesicht auf den Stuhl zurück und stierte auf das Papier. Ich entsinne mich genau, daß ich nur langsam es ihm wegzuziehen wagte, denn er saß darüber wie ein Hund über einem Schinken, plötzlich riß ich daran und lachte, daß der Tisch schräg ging: Ich sah in das Gesicht von Joachim Feuerstake. Das Rätsel seiner Redseligkeit war gelöst mit seiner Unsterblichkeit.

Die Stadt Lübz hatte ihm zu Ehren, der ihre siebenundzwanzig Hähne, ihren Kirchturm, ihren großen Misthaufen, ihren Bürgermeister und die Kornfelder und ein unbestimmbares Denkmal in dem roten von uns nie geöffneten Büchlein besungen, die Stadt Lübz hatte ihm zu Ehren ihren Notgeldschein von fünfundzwanzig Pfennigen unter dem Motto: „Treu der Heimat“ mit seinem Bild geschmückt. Es schien, als werde Smith tiefsinnig. Er blieb blaß und schweißig, machte wieder Bacardi-Mischungen, behielt die runden Uhuaugen und steckte den Rotkopf tief in die Schultern. Ich beruhigte ihn, indem ich auf seine Manier ihn fragte: „Hallo Mr. Smith, denken Sie, daß es ein Land gibt, wo man in der Luft fliegt, Landpartien auf den Boden herunter macht, wo die Könige den Schädel unterm Arm tragen und die Fürsten auf dem Kopf gehn, wo die Bauern sich Kokotten halten und die Arbeiter Fideikommisse gründen?“

„Yes Sir,“ sagte er, „ich habe das oft gedacht.“

Ich verstand, daß ich ihn so nicht kriegen könnte, denn, da er das Bestehende nicht achtete, außer der Jagd, hatte er sich die Welt wie ein Kinderspielzeug schon unzählige Male herrlich unlogisch neu zusammengesetzt. Ich bemerkte jetzt, daß er zitterte, er hatte einfach Angst. Für ihn war Fischen und Dichten einerlei, er sah keinen Unterschied und hatte einen hysterischen Anfall vor Furcht, wie alle Wilden, er könne eines Tages für seine Jägerei ebenfalls auf einen Schein gedruckt werden und wollte sofort zum Bürgermeister. Diese Ehrung Feuerstakes, dieses Simpels von Ententreiber, überstieg seinen Horizont, es war ihm wie ein Steckbrief oder eine Anzeige beim Schicksal. Er war entsetzlich abergläubisch wie alle einfachen Menschen.

Der Aufenthalt auf den Mecklenburger Seen hatte ihn etwas heftig mit Dingen zusammenstoßen lassen, deren Konträrheit sein grades Hirn nicht faßte und er bekam Angst vor dem Lande, in dem man im Frieden schoß und im Krieg nicht bei der Stange blieb, wo man vorgab, für Tote die Lebendigen gern ermorden zu lassen und wo man die Angestellten auf Papierscheine druckte, die man als Geld ausgab. Ich rüttelte ihn heftig am Arm. „My boy,“ schrie ich mitleidig, „hören Sie, gute Haut“ und ich erreichte, daß sein Blick mich wenigstens fixierte, wenn er auch mit verstockter Besessenheit schwieg.

Ich suchte ihm an Hand des Lübzer Stadtwesens, an Hand des Bürgermeisters, der Parteien und ihres Sängers die Situation eines modernen Staates und der Gefühle seiner Bewohner klar zu machen und versenkte mich in das Beispiel des Poeten, brachte seine Konflikte, ob er die Misthaufen beschimpfen oder die Kirche loben, ob er dem Bürgermeister opponieren oder alle Parteien belecken, ob er sollte sich fassen links oder ob er sollte fallen rechts im Gedicht, ob er wählen sollte zwischen dem Ehrenschein oder einer eventuellen Schändung seines Grabes . . . . ich brachte dies sehr lebhaft vor, aber in dem Augenblick, wo ich zur Unterstreichung meiner Rede den Fünfundzwanzigpfennigschein auf den Tisch hieb, stiegen meinem Gegenüber wieder die Haare, die Grenze seines mitteleuropäischen Fassungsvermögens war erreicht.

Im gleichen Augenblick erscholl vom Garten her ein wilder Schrei, Sidney Smith zog einen langen spitzen Ton durch seine Nase, sah mich schräg mit dem Ausdruck abergläubischen Entsetzens an, stieß die Augen nach oben, rollte sie über die Decke und stürzte in den Garten, wo, wie ich vom Fenster sah, die Flachsblonden wie Katzen in den Bäumen jagten.

Er rannte wie besessen in die Landschaft hinaus und ich habe ihn nie wieder gesehen.

Ich habe Sidney Smith nie wieder gesehen, Mijnheer, denn ich reiste am nächsten Morgen an das Meer, über das der Herbst mit einer Donnerwolke von gelben Nebeln und dem roten Mond darin herein brach und ich vergaß die sanglante Posse. Ich vergaß jedoch nicht die Folgerungen, die Sidney Smith mir zu ziehen durch seine schnöde Flucht nicht ermöglicht hatte, und sie steigen nunmehr aus dem Suite-case meiner Erinnerungen, wo ihn aufzumachen und auszupacken heute dieselbe Muße ist wie damals, sie zu erleben und einzumotten. Diese Folgerungen, Mijnheer, sind sehr kurz und ebenso banal wie grob: Die Menschen lieben stets die Feuerstakes, die auch ihren Mist zu besingen bereit sind und hassen die Mirabeaus.

Es macht ihnen nichts, daß beide im Grunde dieselben Monarchisten sind und beide, der eine imbezill und der andere glühend ihr Vaterland lieben und seinen Ruhm wünschen. Die Tragik des menschlichen Herzens hat es verwehrt, daß die Menschen auf die Ziel-Richtung der Gefühle zu schauen vermögen, sondern hat ihnen auferlegt nur die Bequemlichkeit zu sehen, die ihnen momentan damit gewährleistet oder gestört wird. Sie verwechseln das Wohlbefinden ihres Zustandes mit dem Heil der Nation, halten Geplärr für Vaterlandsliebe und erblicken im Schmeichler den Helfer, im glühenden Tadler den Gegner.

Sie sind für die Gedankenlosigkeit und gegen die wahre Liebe. Und die Sitten ihrer Mahlzeiten und Beerdigungen stellen sie in grausiger Verblendung über die wahre Sittlichkeit der Nation. Ein Heinepark wäre ihrem Empfinden eine öffentliche Dreistigkeit, ein Weg, nach dem Schönling Roquette benannt, erfrischt den Mut. Eine Hochschule nach dem Spötter Lichtenberg genannt, wäre in Eile eine delabrierte Sache, während selbst in Skihütten der Name des Peter Hebel gefeiert wird, der alemannisch und mit mikrozephaler Poesie biedermeierliche Ideale besang.

„Fremder,“ sagte der Adjutant des Artaxerxes zu Themistokles, „die Sitten der Menschen sind verschieden. Den einen gilt dies, den anderen jenes für schön, allen aber: die heimischen Sitten in Ehren zu halten.“ Dreiundzwanzighundert Jahre später empfahl in der Sprache seines Säkulums der Verfasser der Pasquille „Präservative wider Revolutionen“, zum Schutz der geltenden Gewohnheiten auf in königlichen Gärten rauchende und sich zusammenpferchende Leute, unter Anrufung des Nazareners, mit der Feuerspritze loszuschießen. Jede Epoche hängt an ihren Sitten und nur Friedrich der Große konnte, da er zur Macht noch Überlegenheit des Geistes besaß, eine Opposition lachend ertragen und mit einem gewissen Zynismus sagen, als er den verbannten Professor Wolff nach Halle zurückrief: wenn jener lehre, seine Soldaten dürften desertieren, so stehe ihm darüber hinaus die Belehrung zu, sie müßten daraufhin hängen.

Waren die Dichter nun so idiotisch oder temperamentvoll oder human, sich aus menschlichen Gründen oder im Interesse einer neuen Form, die sie starteten, mit einer gewissen revolutionären Geste zu präsentieren, so waren ihre Beurteiler ebenso einfältig, sie nach den Gesichtspunkten der Parteien, in deren Dienst sie standen, einzuverleiben. Der Mensch wurde mit der Sache verbandelt, die Dichtung mit der Politik als Wechselbalg ausgetauscht, und erbärmliche Zwecke wurden dahinein getragen, wo ein helles Haus der Kunst allein stehen müßte. Da die Dichter gewöhnlich unkritische Feuerköpfe, ihre Kritiker aber gestrandete und unterdrückte Poeten waren, ergab sich, daß im Durchschnitt verärgerte Alte oder verkümmerte Junge die Dichtung beurteilten und mit der schönen Gehässigkeit des Triumphes das Gesicht der Kunst mit den Plakaten überklebten, die die Dichter in ihrem Privatleben anzuerkennen beliebten. Man hat Büchner und Grabbe und Hölderlin lange unter den Strich gesetzt und das „Junge Deutschland“ in Anmerkungen besudelt, aber die Feuerstakes waren jederzeit gewohnt auf Papierwagen in den Himmel des Ruhmes der deutschen Literaturgeschichten zu fahren.

Ach, von welch grauenhaften Kleppern und welch seltsamen Fuhrknechten werden die Papierwagen der zeitgenössischen Literaturgeschichten immer noch gefahren. Hat aber einer wie Gundolf ein glänzendes Gespann, so führt er es nicht in die Arena, sondern jagt es als Reklamekasten, wenn auch mit glänzenden Bögen nach der Kongregation des Heiligen George, und hat einer die beste Absicht zu popularisieren, so wird es ein Bilderbuchwagen wie jener von Martens. Ach, aber ein Lastwagen mit Maschinengewehren bespickt ist jenes Buch des Kölner Professor von der Leyen, der von der Gemeingefährlichkeit der Kunst wohlanständig so überzeugt ist, daß er zwar mit den Handschuhen des Weltmanns, aber dem Blick des Feldwebels ihr entgegenfährt. Wahrlich, mit femininer Plauscherei und heroischer Haltung ist es hinter den Gewehren des Nationalismus nicht schwer, Heinrich Mann als Schädling und Wedekind als Papiermesser zu höhnen und durch Kartenkniffe von entstellten Zitaten die Dichter den Revolvern seiner nationalistischen Studenten zu empfehlen. Wahrlich, in solchen Machwerken zittert nichts wie der Haß gegen die Republik, aber nicht die geringste Liebe zur Kunst, und die von ihm Gepriesenen werden nachdenken müssen, ob sie nicht damit Kompromittierte sind.

Ich bin nicht gegen solche Bücher, Mijnheer, weil ich anderer Ansicht wäre wie ihr Verfasser, sondern weil dieses Verfahren ein subalternes und ein solcher Charakter ein ungehöriger ist. Ich wäre mit derselben Leidenschaft gegen Entstellungen von sowjetischem Kurse, denn ich liebe das Gewissen und verehre die Wahrheit und habe die große Schönheit der Kunst zu tief in meinem Leben erfahren, als daß ich sie von irgendeiner Seite schänden ließe. Ich habe die Freiheit des Gesichtspunkts und das Genie, die weiten Linien für die Kunst zu ziehen und die gestaffelten Urteile zu fällen, zu sehr verehren gelernt, als daß ich nicht protestierte, wenn ein ästhetischer Süßling mit einem politischen Morgenstern sich auf das Postament stellt und vorgibt die Gerechtigkeit zu sein, und nichts anderes ist als ihr Mixer. „Grattez le savant vous trouverez le chauvin.“

„Ich bewundere die Fülle dieser Blumen,“ sagte auf einer Spazierfahrt eine Dame zu ihrem Begleiter, aber der vermochte vor Wut kaum nach ihnen hin zu schielen. „Die Veilchen, Gnädigste“ meint er, „sind zu sehr französische Liebhaberei, die Magnolien entsprechen der britischen Kühle, die Rosen ziehe ich vor zu verachten, weil ihr Besitzer republikanischer Anschauung ist.“ Der Gute war überzeugt von Blumen zu reden, aber er unterhielt sich nur mit seiner Dummheit, auch verschwieg er nicht, daß er Erdäpfel und Eichen wegen ihrer erhöhten Symbolkraft den zu geistreichen Blumen vorzog, wobei er, durch seine Politik verblendet, übersah, daß die Eichen ein persischer Import sind und selbst die Besitzer der kolossalsten Kartoffeln ihren ausländischen Duft nicht zu leugnen berechtigt sind.

Selbst Casanova, der mit seinen Weibergeschichten alles durcheinanderwarf, wußte die Politik wie eine Seuche von der geliebten Kunst fernzuhalten und er, der Frauen betrog und Männern zu jeder Zeit diplomatisch zu kommen wußte, überwarf sich ihrethalben mit den Mächtigen, beleidigte Voltaire, indem er dessen „Pucelle“ und „Henriade“ stolz den Ariost vorzog und kränkte den großen Friedrich, indem er sich gegen La Mettrie stellte, und war glücklich, Ansehen und Stellung verloren, aber die Kunst durch diese Ehrlichkeit geehrt zu haben.

Doch er war nur ein tapferer Mann und ein wohlilluminierter, aber kein ordnender Verstand. Wie aber, wo Dichter im Tageskampf toben und Kritiker verleumden, findet man, denken Sie, die höhere Einsicht, von wo aus die Werte sich enthüllen und die Bedingtheiten fallen? Wie, glauben Sie, erreicht man die Stelle, wo die Zeit sich löst und die Muse bleibt, wo die Larven nicht mehr gelten und die Herzen gewogen werden, und wo die Urteile wie die Blitze und nicht wie politische Raketen die Landschaft der Dichtung erhellen?

Man sucht diese Plattform nicht.

Man nimmt sie ein.

Literaturgeschichte seiner Zeit zu schreiben, ist immer die Kunst gewesen, die Politik und die Werte zu trennen, statt sie zu verknäueln und sie später aber im Bild jenes Theaters auszugleichen, wo die Zeit mit allen ihren Strömungen und Stilen und Moden auf die Kulissen mit heftigen Farben gemalt ist und wo die Werte in der Gestalt der Schauspieler erscheinen.

Es ist nun amüsant zu sehen, für welche Farben sich die einzelnen Akteure entscheiden und welchen die anderen wiederum gleichen, und welcher Effekt aus dem Widerspiel von Hintergrund und Schauspiel sich ergibt. Es ist erlaubt, mit Wünschen und Verwünschungen sich an diesem unterirdischen Spiel zu beteiligen, aber man wird sich dem Urteil nicht entziehen können, daß hier, wo die Gegenüberstellungen so scharf sind, nicht unsere Wünsche, sondern die Leistungen entscheiden und daß man sich beugen muß vor der grausamen Tatsache, daß unter vielen Helden der Feige vielleicht der Begabte und unter zahlreichen Gläubigen der Verbrecher der Könner und der Rebell das Genie sein kann.

Denn in der Leidenschaft des fortgeschrittenen Spiels und der Helligkeit der Beleuchtung werden sehr bald die Kulissen verschwinden und nur die besten Spieler bleiben und es bleibt uns nur übrig, mit Sympathie unsere Lieblinge ausscheiden und mit nackter Logik unsere Gegner siegen zu sehen und wir dürfen höchstens aus den Kulissen uns die Fehler der eigenen und die Triumphe der anderen erklären oder verzeihen.

Keinem Verständigen würde es einfallen, die Schauspieler aber mit den Kulissen zu verwechseln und statt über das Stück über die Beleuchtung sich zu ereifern. Von hundert deutschen Kritikern, denen die höhere Geschicklichkeit fehlte, dies Theaterspiel in seiner richtigen Form aufzustellen, haben neunundneunzig jeweils ihre Sympathie mit den Leistungen verwechselt und haben ebenso viele, indem sie glaubten über die Akteure zu schreiben, über die Wandbehänge geurteilt. Literaturgeschichte seiner Zeit zu schreiben, Mijnheer, heißt nicht ein „Chevalier de la bouche“ zu sein und Meinungen zu haben, sondern: die glänzendste Optik neben dem Talent und die beste Fingerfertigkeit neben der Loyalität. Überzeugungen sind ein Unfug, wo es sich darum handelt, zugleich der Niedermetzler und der Heiland zu sein.

Man kommt so zu ähnlich rund geschliffenen Tatsachen, wie sie nach Jahrhunderten der Zeitstrom von selbst auswirft und hat dennoch das Vergnügen, nach Lust und Überzeugung die Kulissen so bunt und die Draperien so suggestiv für das Publikum aufzustellen, wie man will. Man macht so mit den Kulissen die Politik und faßt die Leistungen sauber am Kragen und beide, die sich gegenüberstehen wie ein Mann seinem Spiegel, bleiben dennoch reinlich getrennt.

Denn es wäre wohl absurd, Shakespeares dichterische Kraft auf die Entfernung einiger Jahrhunderte aus Friedensschlüssen und aus Kriegen erklären oder daraus, wie man ihn schon oder unter welcher Regie man ihn spielte, oder daraus, ob man praßte oder hungerte, Könige liebte oder enthauptete, bestimmen zu wollen. Aber man kann aus diesen Kulissen zeigen, daß er das Resultat seiner Zeit war und daß die Friedensschlüsse und die Könige ihn so geformt haben und daß sie gut oder schlecht waren. Absurd aber wäre es, damit ihn klein oder groß machen zu wollen.

Man kann aber ebenso, schreibt man die Geschichte seiner eigenen verworrenen Zeit, auf den Kulissen seine Sympathien und seine Wünsche malen, kann den einen hell, den anderen dunkel beleuchten, je nachdem einer sozial richtig oder für den Augenblick verbrecherisch schreibt. Aber nach der Vorstellung werden nur die Werte beurteilt, da gibt es keinen Eingriff, und wer hier nicht reinen Herzens ist, der ist verworfen.

Literaturgeschichte seiner Zeit schreiben, heißt heftig Politik machen — nicht für die Freunde und nicht gegen die Feinde, sondern für die Gesinnungen, die die rechten sind — heißt mit dem einzigen Einfluß, nämlich den geschickt gestellten Draperien sein Publikum erziehen . . . aber so sehr diese Campagne donnert und so bengalisch die Kulissen flammen, weiß man: es ist für die Kunst nicht wichtig, man teilt schließlich dennoch die Zensuren nach der Größe und nicht nach der Verliebtheit und man läßt nicht bekränzte Affen, sondern die großen Wertraubtiere an die Rampe und präsentiert sie richtig.

Wer anderes tut, ist ein armseliger Liebhaber oder ein verbrecherischer Marodeur.

Wie das im Einzelnen aber vereint und getrennt, beleuchtet und abgedämpft, gemischt oder verdeckt und am Ende dennoch gerecht verteilt wird, dieser Schwertertanz zwischen Sein und Schein, dieser Pendelschwung zwischen Kunst und Politik, dieses Nüanzieren und doch Ballen ist die höchste Kunst des kritischen Menschen.

Denn die rasche Entscheidung klingt immer tapfer und ist in der Regel dumm und falsch. Ja und Nein sagen kann jeder Komiker, und die Gladiatoren, die, mit Weltanschauungen eingeschient, mit Ansichten um den Bauch gebunden und mit den Turnierzeichen ihres schließlichen Urteils schon im voraus dekoriert, in die Arena kommen, ahnen nicht eine Spur von den besseren Sitten und den höheren Regeln des Handwerks. Aus dem Nein aber das Ja folgern oder aus dem Schein-Positiven das Nichts herausziehen, Zeit im Zeitlosen schaubar machen und festes Land schon im schwankenden Nebel der eigenen Epoche betreten, ist nicht nur des Kolumbus sondern auch eines Cäsar wert.

Doch, retournons à nos moutons, das soll heißen: man kann verachten, wie Herr Hauptmann Deutschland repräsentiert und dennoch eine Anzahl seiner Stücke ausgezeichnet finden. Es ist erlaubt, den Festungsgefangenen Toller für einen Gentleman zu halten und einen mittelmäßigen Dichter in ihm zu finden. Es ist erlaubt, Herrn Paul Claudel, Gesandten der französischen Republik und Vollstrecker des Versailler Friedensvertrages zu hassen und ihn für einen europäischen Dichter zu halten. Auch darf man Herrn Joachim v. d. Goltz den Respekt vor der Konsequenz seiner vaterländischen Dichterei vor, während und nach dem Krieg nicht verweigern, auch wenn man diese Schillerei ablehnt. Dagegen wird niemand zweifeln, daß Deutschland in Herrn von Unruh ein bedeutendes Talent besitzt, wenn auch bei der Begeisterung, mit der er die Revolution begrüßte, es schwer verständlich ist, wieso er ein Stück wie „Louis Ferdinand“, das in der Gesinnung unklar gebaut ist und zu nationalistischen Demonstrationen reizen mußte, und also durch eine politische Auslegung und nicht durch seine Qualität Erfolg hatte, trotz dieser Demonstrationen und ohne Protest gegen sie wochenlang im „Deutschen Theater“ laufen ließ.

Man kann auch sagen, Barbusse sei einer der leidenschaftlichsten und verehrungswürdigsten Menschen, aber ein mittelmäßiger Autor, d’Annunzio aber ein bedeutender Dichter und eine unheilvolle Erscheinung. Man hat auf diese Weise stets den Kerl am Genick, aber seine Bedeutung sicher deponiert und kommt nicht in jene schelmenhafte Situation, wie jener von der Leyen, der, während er eben noch mit ritterlicher Grandezza einen demokratischen Stier absticht, plötzlich wie ein Gassenjunge neben einer Kapelle herzulaufen und darum begeistert zu schreien beginnt, weil sie militärisch ist, wenn tausendmal auch an der Spitze ein miserabler Dirigent diesen Hohenfriedberger spielen läßt.

Heiliger Mars. Wer nur jenen unterbeamtenhaften Begriff des Vaterländischen hat, daß lediglich Generäle und Kaiser ihm Ideale darstellen, kommt leicht in die schändliche Lage, nicht nur, wie jener Professor, im Namen der deutschen Wissenschaft alle schlechten Wildenbruchs loben zu müssen, sondern groteskerweise dem A das B folgen zu lassen und die übelsten Hetzer anderer Nationen wegen ihrer ähnlichen Überzeugung, auch wenn sie gegen die Heimat und gegen das menschliche Gefühl gerichtet sind, preisen zu müssen. Wahrlich, das ist nicht mehr die Pose eines Unerschütterlichen, sondern es ist die Rolle George Dandins, der sich in einen Kirmisirrgarten verlaufen hat. Er findet keinen Eingang und keinen Ausgang mehr, und wenn die Besitzer eines Abends die Belustigung schließen, wird man auch seinem verzweifelten Gebrüll nur glauben, daß man es mit einem Tollwütigen oder einem bemitleidenswerten Irren zu tun hat.

Es ist im Grunde genau so feig, statt das Sachliche zu sagen, das Persönliche aufzublasen, wie es ja bekanntermaßen auch ein Durchgehen nach vorne und eines nach hinten gibt. Wer nach rückwärts durchbrennt, bekennt sich mit einem gewissen Mut zu seiner Feigheit, aber der nach vorn mit klappernden Rippen Galoppierende hat die Lüge selbst noch einmal belogen. Wer die Person angreift und damit dem Werk schaden will, begeht dieselbe amüsante Infamie wie jener seltsame Heilige namens Schütze in Weimar, von dem der Balte Sternberg erzählt, er habe Goethe brennenden Herzens gern angegriffen, es aber aus dem privaten Grunde unterlassen müssen, weil es ihm in seiner Eigenschaft als Herausgeber des jährlichen Taschenkalenders „Für Lieb’ und Freundschaft“ geschadet hätte, plötzlich mit Galle statt mit süßem Speichel zu erscheinen. Der Bund der Tartarins und der Sykophanten ist stets von denselben verächtlichen Göttern gesegnet worden. Aber auch das Panthéon der Komik hat sie beide lächelnd aufgenommen.