Denn die Halle des Ruhms hat sich manchem später geöffnet, den seine Zeitgenossen in die Katakomben sandten, und der Name des Galilei und des Sokrates ist in die Ewigkeit eingegangen, obwohl die römischen und griechischen von der Leyens sie für religiöse und homosexuelle Verbrecher ausschrien. Hat es dem Helvetius etwas gemacht, daß auf Parlamentsbeschluß seine Bücher öffentlich verbrannt wurden, dem Wieland, daß die keuschen Jünglinge des Hainbunds ihre armen Seelen an dem Feuer seiner graziösen Bücher wärmten, dem Luther, daß man ihn wie einen Bolschewisten jagte? Es hat ihnen das Leben verbittert, aber ihr Werk ging daraus hervor, wie aus einem Feuer der Läuterung. Beurteilt man Zola danach, daß er postulierte, die Republik müsse naturalistisch oder gar nicht sein, bedenkt einer bei Courbets Bildern, daß er wegen Umsturz der Vendômesäule im Gefängnis saß und auch als Exilierter vom Staat die Millionen der Wiederherstellung tragen mußte und daß seine Kollegen vom „Salon“ seine Bilder nicht mehr aufhingen, weil sein Name nicht mehr eine künstlerische Sache sei, sondern eine der Politik. Die heiligen Perücken! Sie haben genau so gegen Voltaire und gegen Hutten und gegen Flaubert getobt und haben nichts hervorgebracht als Exzesse der Langeweile.
Was hat es mit dem Ruhm Viktor Hugos zu tun, daß ein Kaiser ihn verbannte, beeinträchtigt es die Staël, daß Bonaparte sie jagte? Und ist es nicht hochherzig, aber an seinem Werk nichts ändernd, daß Dickens sich gegen die Sklaverei und Zola für den Dreyfuß aussprach. Verändert es die Bücher des Bulwer, daß er mit sozialistischer Gebärde kam und als Toryminister für die Kolonien kulminierte, hat Goethes Existenz in der Dichtung eine Verwandlung erhalten, daß zwischen seinem Leben und seinem Werk ein bedenklicher Hohlraum klafft. Hat man Mozarts Musik vorgeworfen, daß er ein unsozialer Mann war, die Briefe seiner Magd öffnete und Abscheuliches über das Los der Dienenden sagte? Hat das Gesicht der Manzoni, Hugo, Byron, Foscolo, Lamartine andere Züge dadurch bekommen, daß sie Oden zu Bonapartes Tode anstimmten, und hat es jene, die es vermieden, im Urteil der Nachwelt verändert? Chapeau bas! Jeder Leistung kann höchstens nur das Bedauern angehängt werden, daß ihr Vollbringer vielleicht ein Schurke war. Sie kann hingegen nicht verändert, wohl aber geehrt werden durch den besten Ruhm der humanen Gesinnung, und daß ihr Träger in seiner Haltung ein Edelmann und ein Freund der Menschen war.
Als Constant starb, begleitete ganz Frankreich seinen Sarg, nicht weil er nur ein großer Schriftsteller allein, sondern weil er auch der schönste Anwalt der Freiheit war. In der Wahl zwischen zwei gleichen Begabungen der Zeit, deren eine gegen, eine für das Humane ist, entscheidet nur ein Gewaltakt, da man den Zufall ablehnt. Es gibt in diesem Fall eine höhere Moral und sie ist nicht für die Feuerstakes eingerichtet. Schon Kant hat ähnlich „Über die Mißhelligkeit zwischen der Moral und der Politik in Absicht auf den ewigen Frieden“ geschrieben. Hat man die Wahl zwischen einem begabten Schurken und einem dünnen Edling, zieht man das Los für den Schurken. Man muß gerecht sein. Geht die Fragestellung jedoch aus der Kunst heraus in das, was für die Zeitgeschichte nützlich oder verbrecherisch, human oder unsozial ist, so verstößt man unbedenklich den Schurken, ohne sein Talent zu verkleinern und stellt den begabten Brauchbaren an das sichtbarste Licht. Anders kann man nicht. Fiat iustitia, pereat mundus. Und wenn man dabei in die Krümpe geht.
Mijnheer, jener Sidney Smith, der Enten jagte und darum keine Zeit fand, sich mit seiner Zeit zu beschäftigen, war ein ehrlicher Bursche, aber er verlor den Verstand, als er mit der politischen Dichtung der Deutschen durch einen grotesken Zufall zusammenstieß und nicht vermochte, über die Dichter hinweg sich die Zeit zu erklären.
Aber die deutschen Jahrhunderte haben nie eine bessere Deutung gefunden, als durch jenes Blut, mit dem deutsche Poeten die Bücher ihres Schmerzes oder ihrer Zweifel an den Himmel geschrieben haben. Sie haben diesen Platz für ihre Plakate gewählt, weil der Himmel selbst sich nicht herabließ, auf Deutschland selbsteigen herunterzusteigen, und in seiner fernen Vollkommenheit der unvollendeten Sehnsucht der Gequälten der sichtbarste und seltsamste Ort schien. Nur das Mittelalter hatte seine Bläue eine Weile auf der Erde erblickt, als die Poeten mit ihren Höfen vereinigt durch die Gärten ritten.
Doch schon der Hans Sachs war für und gegen seinen Kaiser, wie es gerade kam, und die Manuel und Rosenblüt waren bürgerliche Kondottieri, Luther war ein sozialer Reaktionär und ein religiöser Rebell in einer Figur. Die Brant und Fischart waren gegen alles, Murner war gegen, Hans Sachs war für Luther und Hutten stritt wie ein Engel, aber nicht für Deutschland, sondern gegen Rom. Klopstock suchte an Stelle der griechischen Nymphen einen teutonischen Wotanskult zu setzen und propagierte zur Ertüchtigung der Jugend den Eislauf, während die Stolbergs, die in ihrer Jugend Tyrannen fraßen, das Glück der Nation im Frieden mit der katholischen Kirche machen zu können meinten. Goethe und Schiller wußten geschickt ihr Brausen zu dämpfen, während vom „Sturm und Drang“, ohne ihren Frieden mit den herrschenden Sitten zu machen, Büchner ins Ausland floh, Schubart zehn Jahre in die Festung sauste, Klinger aber in der Fremde als General verstarb. Gegen was fochten sie alle? Gegen nichts.
Für ein Deutschland waren sie aufgestanden, ihre Glieder zu zerschmettern, das nicht bestand, dessen Traum aber ihre besten Köpfe immer so sehr beschäftigte, daß selbst die praktischsten Männer zu Schwärmern wurden. Sie schwärmten sich in eine Idee hinein, in deren paradiesisches Hafentor das Land selbst hineingelaufen wäre wie das glückhafte Schiff der Legende, wenn es Ruder und Maste und Steuerzeug dazu gehabt hätte. Aber es war keine Gesellschaft da, die es hätte leiten, keine Zentrale, die es hätte führen können, es war ein Staat von siebenundzwanzig Ameisenhaufen, ein Gewirr sich befehdender Zwerge, ein Mosaik wie das Italien des Quattrocento, nur daß es des Glanzes und der Höhe des Geistes entbehrte, die aus dem zerrissenen Italien eine so ungeheure Einheit machten, daß die vielen kleinen Kreise nur seine Eigenart nüanzierten statt sie zu sprengen. Die Deutschen aber waren in eine hilflose Diaspora hinausgetaumelt und hatten wohl Trennungen, aber keine Gemeinsamkeiten und wohl ein Mosaik, aber kein Weltgefühl, das sich darin spiegelte.
So furchtbar war das Wirrwarr der Leidenschaften und Empfindungen in Deutschland ausgewachsen, daß selbst die klügsten Männer sich zu den Utopien flüchteten und ein Mann wie Forster, der mit Cook die Welt umsegelt hatte, bei Beginn der französischen Revolution das Rheinland daran schmeißen wollte, da er wahrlich an einen großen Staat der Freiheit deshalb glaubte, weil er überhaupt etwas glauben wollte, um nicht zu sterben vor Übelkeit und sich lieber entschloß, das Unmögliche als gar nichts zu glauben.
Die Freiheitsfeuer des Körner und seiner Schar waren wirklich umsonst geschichtet, wenn ihre Folge war, daß der Bundestag von Achzehnhundertfünfunddreißig das „Junge Deutschland“ in Bann tat, das schon damals für die Republik und in der Tat ebenso glühend mit der Feder wie die Schwertsänger mit den Säbeln für die Freiheit kämpfte. In ihnen verdammte man wohl seine besten Söhne und machte damit keineswegs die Lyrik der Arndt und Schenkendorf und Rückert zu besserer Literatur. Armes Deutschland, dessen politische Dichter schließlich nicht einmal die großen Ankündiger der Umschwünge in seiner Gesellschaft waren, sondern nur seine flackernden Ungewißheiten, seinen mangelnden Charakter oder seine unbestimmbaren Sehnsüchte ausdrückten. Und die auf der Flucht vor der Leere um sich das, wofür sie kämpften, mit einer gewissen unklaren Dämonie statt in das Gesicht ihrer Nation in den Sternbogen schrieben.
Denn wenn sie auch gegen Papst und Tyrannen und Dummheit stritten mit dem Mut der Löwen, so war es doch nur das dumpfe Gefühl für ein unklar empfundenes und ihnen stets verhüllt gebliebenes Standbild der Freiheit, das sie, ohne Nation hinter sich, weder zu erblicken noch zu gestalten vermochten.
Ja sie waren so verblendet, daß sie, wenn Deutschland wieder einmal am tiefsten verloren war, statt die Freiheit in ihren eigenen Herzen zu suchen, sie in ihren Kostümen exhibierten und nach dem Wiener Kongreß genau wie nach dem Versailler Vertrag in Deutschtümeleien und antisemitischen Paraden jenes Heil suchten, das ihnen nur durch eine wahrhaft innerliche Kraft zu dem echten Deutschtum kommen könnte. Sie kämpften immer gegen, aber nie für etwas.
Selbst die Romantik, die so glühend und herrlich begonnen, war verurteilt, mit einer Posse zu enden. Das Puppenspiel der Freiheit, das seine Dichter spielten und in dem die Bettina und Rahel die Männer und den Geist der Epoche durcheinanderbrachten, war verloren, als zwischen livrierten, Silberleuchter tragenden, Lakaien Herr Schlegel als Attaché des Metternich erschien und jener Tieck, der gegen die Hofräte sich weidlich getummelt hatte mit dem schmerzhaften Roß seiner Phantasien, im Rock des Hofrats den Laden schloß und als Vorleser des vierten Friedrich Wilhelm auf das Schloß hinauf eilte, eifrig sein Buch ergriff und seine alten Scherze wiederholte, während der König, blödes Zeug zeichnend, den alten Dichter nach jedem Satze unterbrach, um seinen Hofdamen seine Witze zuzurufen.
Ja sie haben dieselbe Rolle gespielt wie die Adamiten des zweiten Jahrhunderts, die unter den Verhöhnungen der Menge nicht abließen, zur Prüfung der Enthaltsamkeit sich nackt in den Städten zu bewegen. Aber die Dichter haben, wenn sie sich um der Freiheit willen entblößten, nur den Spott ihrer Landsleute über diese Verhöhnung der bestehenden Sitten entgegengenommen und weder ihre Tugend gefördert noch die Nation gebessert, sondern nur den Stand bei der Menge verächtlich gemacht.
Mijnheer, dieser Sidney Smith, der durch die Entenjagd verhindert war, an der Gegenwart teilzunehmen, war ein grader Mensch und in seiner Einfachheit ein Charakter. Er erkannte die Leistungen nicht an, aber die Gesinnung. Er hatte etwas vor uns voraus in dieser unbedingten Fähigkeit, das eine nicht zu sehen und das andere zu empfinden und er vermochte die Gerechtigkeit der Beurteilung außer Acht zu lassen, aber die Geradheit und den Charakter nur zu loben. Er hatte Recht, daß er die Gesinnungen bevorzugte und die Visitenkarte sehen wollte. In stürmischen Zeiten ist es wichtiger, den Gegner zu wissen und zu achten, statt sich mit undefinierbaren Breien an die Tafel setzen zu müssen, und es gibt Zeiten, die mehr die menschliche Konfession als das Schmalz einer falschen Schönheit verlangen.
Der Zauber der französischen Revolution hat, mehr als Bekenntnis wie als politische Forderung, bis tief ins vorige Jahrhundert hinein gedonnert und es gibt eine Kunst, die weniger den Anspruch erhebt, eine Nation auszudrücken als ihr Gewissen zu sein.
Die ganze Generation Europas während des Krieges hat sich irgendwie für oder gegen ihn entschieden und damit irgendwie einen übernationalen und europäischen Standpunkt eingenommen, wie er kaum vorher erreicht worden ist. Die Lyriker und die Maler sind mit an der Spitze marschiert, und manche Gedichte der Russen hätten in Italien, manche der Franzosen aber in Deutschland geschrieben sein können. Lamartines „La grandeur d’âme est à l’ordre du jour“, schien für eine gewisse Zeit ganz Europa zu erfüllen.
Zwar flauten die Stimmen der Helden bald ab, die überall den Tyrtäus bliesen, und die Maschinenschlacht von vier Jahren bewies manchem, daß es schöner zu leben, als zu krepieren sei. Aber je gewaltiger die Kanonen Europa auseinanderrissen, um so heftiger wurde die Stimme, die auf allen Fronten sich der Zeiten erinnerte, wo die Menschen mit friedlichen Gewohnheiten und ohne mörderische Blicke sich begegneten, und die Dichtung Europas erlebte einen Hymnus der Kameradschaftlichkeit.
Zwar nahm unter dem Schwinden des Kriegsdrucks die Spannung ab und mancher, der geglaubt hatte, ein großer Dichter zu sein, fand, daß er nur ein Mensch mit Gesinnung war, aber ohne Zweifel hat die Lyrik Deutschlands in den Sängen Werfels einen der besten Hochschwünge erreicht. Der Schatten des großen amerikanischen Urnings Withman stand über der Epoche, die einen großen Weltakkord anstimmte. Die Lyrik unter Däublers weit verwuchertem Versspalier, unter Becher, der die Strophen in einer Verzweiflung ohne Maß zu futuristischen Quadern zerbrach, unter den Brüdern Schnack, Schickele, Wolfenstein, Rubiner, Ehrenstein, Stadler, dem sanften Trakl, der Lasker-Schüler, Georg Heym, Weiß, Zech und Hasenclever spiegelt die Epoche, in der sich der Mensch wie ein Gotiker gegen den Materialwahnsinn des Mordens auflehnt, am klarsten wieder.
Es gibt in Deutschland kein Kunstwerk, das den Krieg verherrlicht hätte, aber eine Masse, die sich gegen ihn stellten wie die trojanischen Fechter. Der Krieg, den die Kunst kämpfte, war nicht jener der Kruppschen und Creusotschen Kanonen, sondern war der Krieg der menschlichen Gesinnungen gegen die Barbarei, denn auch die Griechen waren seinerzeit nur ausgezogen, den Bruch der menschlichen Gesetze zu ahnden. Bleibt auch bei jeder Gesinnungskunst immer ein kleiner Verdacht der mangelnden Größe und entpuppte sich mancher humanitäre Bramarbas oft als kleiner Don Quichote, wenn man an die Leistung klopfte und das humanitäre Ideal ihm ein wenig von der damit gepanzerten Herzgrube wegschob, so ist in der Lyrik ohne Zweifel seit der Romantik Deutschlands beste Leistung im Krieg gesungen worden.
Auch die Maler hatten die Hinterlassenschaft der Hogarth und Gavarni aufgenommen. Das ganze neunzehnte Jahrhundert war gefüllt mit der Proklamierung menschlicher Thesen, die man mit dem dafür erfundenen Mittel der Lithographie an die Wände und an die Zeitungen schlug. Die Zeiten haben sich stets auch ihre Techniken geschaffen. Der Holzschnitt gab dem Mittelalter die Treue und die Gläubigkeit und die Überzeugung seiner religiösen Kämpfe. Kupfer und Stahlplatte führten in die artistischen Gärten. Die Lithos schrien nach den Pallisaden, wo sie die Erregung der Sekunde sofort zu spiegeln bereit waren. Die Daumiers und Delacroix und Steinles und Lautrecs haben ihr Jahrhundert attackiert, und selbst der unpolitische Gavarni hat in dem von Politik fast platzenden Zeitalter Louis Philippes durch seine Verspottung der politisierenden Spießer seine politische Mission getan.
Wie hat die Graphik schon den Bonaparte gefaßt und wie haben die Jakobiner die anrückenden Fürsten belächelt und mit welcher Schamlosigkeit, aber welchem Mut hat man die Erotik und die phallischsten Zeichnungen aufgerufen, um Viktor Emanuel und die spanische Isabella und Eugénie und Napoleon unmöglich zu machen! Félicien Rops hat, um die Größe des Königstums zu beweisen, den vierzehnten Ludwig mit einem Riesenphallos gezeichnet, den eine Krone schmückte.
Von diesen politisierenden Absichten und ohne jede Frivolität zog sich die Graphik in der Zeit des Krieges zum Teil sogar auf den Holzschnitt zurück, suchte entweder Symbole der Menschen zu schaffen oder gab ein leidenschaftlich zerrissenes Gesicht der Gesinnung zu erkennen. In den Blättern von Frans Masereel, der täglich in der Genfer „Feuille“ gegen den Krieg protestierte, in den Zeitschilderungen von Beckmann und Großmann, und in den fatal das Skelett der Zeit weisenden Anklagen des George Groß ist eine künstlerische Höhe mit der Tiefe eines gesinnungshaften Glaubens erreicht.
Man kann sehr skeptisch sein und seine Zeit dennoch sehr vollkommen in diesen Dingen sehen. Dem einen ist es bestimmt zwischen achtzehn und dreißig Jahren zweiundzwanzig Frauen zu besitzen, wie Stendhals Martial, und dem anderen ist es auferlegt, seiner Kunst und seinem Gewissen die fletschende Gebärde einer Zeit abzuringen, deren Formung so genau mit seinem Glauben übereinstimmt, daß man diese Epoche nur als die Vermischung von Fegefeuer und Seligkeit zu begreifen imstande ist.
Die edelsten Figuren in dieser humanitären Welle haben mit Romain Rolland und Henri Barbusse die Franzosen gestellt. Auch Rolland ist kein überragender Dichter, aber ein Mensch, dessen Horizont und Gewissen so weit sind, daß sie seine Werke tief durchdringen. Er wie Barbusse sind Epigonen des Tolstoi, nur daß Barbusse, der den einzigen großen Kriegsroman in seinem „Feuer“ geschrieben hat, der mit der imposanten Haltung seiner Figur jene wundervolle Plejade eines Völkerbundes der besten Geistigen der Welt gründen wollte, seine eigene „Clarté“ zerschlug, indem er unter die Satzungen der Sowjets sich bückte und in die Politik das hineinführte, was höchstens innerlichstes Bekenntnis sein durfte. Die Duhamels und Chennevières, den tapferen Paul Colin an der Spitze, die Vildracs und Balzagettes sind von ihm, der zu dem Schwert sich entschlossen hat, nachdem er es bekämpfte, zu der milderen Gestalt Rollands hinübergegangen, der die Reinheit der Kunst durch keinen Gewaltgriff besudeln möchte.
Die schönste Stimme aber unter diesen seltsamen Kämpfern gegen den Krieg hat neben René Schickele die mutige Frau, Annette Kolb, der an dichterischer Kraft nur noch die jüdische Dichterin Else Lasker- Schüler, an stilistischer Schönheit aber niemand zu vergleichen ist. Ihr Buch „Zarastro“ ist eine Kammermusik sehr erlesener europäischer Gefühle und tadelloser Bekenntnisse und damenhaft distanzierter Gepflegtheit der Worte. René Schickele hat das Blut und die Klugheit des Hirnes zu einer grandiosen Proklamation an die Überlegenheit der Vernunft und die Heiligkeit des Geistes gewendet, und Leonhard Frank das brutale Gespenst seiner Sätze zur Verteidigung der Menschlichkeit gegen die Dummheit aufgerufen. Die schärfste Sprache hat Sternheim gegen diese Epoche der ausschweifenden Irrsinnstaten gefunden, und weder in seiner Gespitztheit noch in Heinrich Manns Würde noch in Franks Verzweiflung oder des Schickele heller Wärme hat der deutschen Prosa der Genius gefehlt, der dieser Überzeugtheit und dem untadeligen Anstand nicht noch den Kranz einer gewissen Vollkommenheit hinzugefügt hätte.
Die Epoche im Umkreis des größten europäischen Krieges hat ein weites Leichenfeld von Dichtern, die ihn in schlechter Weise besungen oder in edler Form getadelt haben, und von dem möglichen und wahrscheinlichen Adel der Gesinnungen ist nichts geblieben als ein taubes Korn. Aber in dem Konzert von Mohrentrommeln, Dudelsäcken, Mitrailleusen, Schalmeien, Motoren, Feuerbrünsten, Sackpfeifen und Sirenen, das als Echo hinter der Epoche aufsteigt, hat sich in diesen Dichtern ein Orchester der Erlesenheit gehalten, das zur Kunst den Anstand und zur Höhe der Sprache die Kraft eines Gewissens zu legen verstand.
Es haben am Rand der Zeit aber weder die Harlekine noch die tragischen Spaßmacher gefehlt und die Leuchtfeuer des großen Weltdébacles haben sich manchmal sogar im phosphorischen Glanz der Maden gezeigt, die in den Kadavern ihre Orgien hielten. Die Jünglinge, die sich in Zürich zusammentaten und sich den Namen „Dadaisten“ gaben, haben, um ja nicht irgendwie das bürgerliche Zeitalter zu berühren, sowohl die Sentimentalitäten wie die moralischen Begriffe der seitherigen Welten abgelehnt und sich nur für den Tanzschritt einer absoluten Zerstörung entschlossen. Selbst zum Krieg, an dessen Begriff sich heute die Leidenschaften der Völker am heftigsten schlagen, haben sie keine Stellung genommen und sich begnügt, in seiner Saat an Kokotten und Schiebern ein ebenso zynisches wie originelles Festspiel zu entfalten.
Guter Aristophanes! Soviel Zynismus war noch in keinem literarischen Stall. Und soviele Menschen, die eine neue Fauna, das Kriegsaas, als Schilderungsboden entdeckten, hat noch keine Gesellschaft hervorgebracht. Sie haben ihr Programm der Zerstörung, ihre unverständlichen Gedichte, ihre graphischen Stottereien, ihre Abende, an denen Klaviere und Schreibmaschinen und Niggertänze um die Wette klapperten, wohl als Scherz gemeint am Anfang, aber der Bluff wandte sich gegen sie und verurteilte sie, als die Lärmmächer eines Zusammenbruchs der Welt eine Zeit lang ihren disharmonischen Cancan zu tanzen, der schon apokalyptisch vor den Wetterwolken der kommenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Menschheit dunkel sich reckte.
Diese Welt ist innerlich zerplatzt, Mijnheer. Bis zu dem vierzehnten Ludwig lief jene feudale Kraft, die Volk, Kunst, Glauben, Politik mitriß, dann bröckelte alles ab und stößt sich von Revolte zu Revolte. Mijnheer, die Welt ist kein Football und geht nicht von Goal zu Goal, sondern von der Bewegtheit zum Kristall. Sie ist geplatzt und will wieder zueinander, und alle Sänger der Freiheit haben nur die eine Idee, sie wieder zu einigen. Das kommunistische Experiment in Rußland ist in denkwürdiger Größe verloren gegangen. Die britische Insel, die sich sehr früh durch ihre Glaubensrevolte konsolidierte, fühlt sich von inneren Gespenstern bedroht wie nie. Deutschland ist wie allezeit der Nabel der Welt, ihm ist der Bauch völlig aufgeplatzt und man beginnt ihn langsam wieder einzunähen.
Diese lallenden Jünglinge des „Dada“, die alles zu verachten und alles zu zerstören bereit waren und mit einem grausamen Hohn forderten, man solle die geistigen Menschen öffentlich auf dem Potsdamer Platz speisen und die Kirchen als Bordelle einrichten, diese dadaistischen Jünglinge, die noch kühner waren wie die Jakobiner, welche aus den Domen nur die Ställe ihrer Kriegspferde machten, sind nur die ersten Frissons jener Gespenster gewesen, die sich aus einem überpolitisierten Zeitalter als die Hyänen einer unvorstellbaren Anarchie am Weltuntergang auf uns stürzen werden.
Sie sind eine amüsante Posse in der Art des Malers Ensor, der mit einem hemmungslosen und narzissisch lüsternen Grauen auch die ganze Gegenwart vernichten möchte. Aber in ihrer Leistung hat, obwohl Herr Hülsenbeck und Serner begabte Männer sind, die Muse so wenig gewohnt wie in jenen sowjetischen Proklamationen, mit denen die Russen eine neue Kunst kommandieren zu können glaubten und vergaßen, daß sich die Ideen wohl glauben und die Herzen wohl erhöhen und die Gefühle wohl steigern, aber niemals die einen wie die anderen sich irgendwas befehlen lassen.
Über ihnen aber sind mit großem Freskostil die Bilder gemalt, die der Däne Pontoppidan vom untergehenden bürgerlichen Zeitalter gemalt hat, mit denen Gorki eine neue Klasse ankündigt, die der Bornholmer Nexö mit einer fabelhaften Gewalt vom Kommen der neuen Gesellschaft prophezeiht und die der Amerikaner Sinclair in seinen Werken anzeigt, die alle zur Eroberung der Macht durch eine neue Gesellschaft fest entschlossen sind. Delacroix hat die Freiheit mit der Jakobinermütze noch gezeichnet als schönes Weib mit einer Fahne. Pennel hat in seinen graphischen Blättern den Panamakanal und ein denkwürdiges Monument des arbeitenden Fleißes widergespiegelt. Bei Sinclair und bei Nexö findet sich mit paradiesischer Sicherheit bereits der von der Sklaverei befreite Mensch der niedersten Klasse, der sich mit den herrschenden und schwer beschädigten Klassen zu vermischen oder sie zu vernichten bereit ist. Wissen Sie, was das heißt, Mijnheer? Tod oder neue Gesellschaft.
Man soll nicht pathetisch werden, wenn die ernstesten Dinge kommen, die großen Szenen der Wirklichkeit spielen sich von selbst. Man sieht sich leidlich ebensogut nüchtern um. Um Siebzehnhundertsiebzig wurde von James Watt der Begriff der Pferdestärke geprägt, die Maschine war erfunden, expreß fast, wie es scheinen möchte, um die Zerstörung der seitherigen Welt zu beschleunigen und zu präzisieren. Die Eisenbahnen waren die teuflischste Erfindung der Demokratie, und die Burgen der Feudalzeit hingen als schlechte Witze über ihren Geleisen. Man fährt im Flugzeug nach Amerika und in einem Tag nach Moskau, photographiert auf tausende Kilometer, telegraphiert ohne Draht über den Erdball, hat die Pole entdeckt und kein Geheimnis mehr auf dieser Welt.
Zu der Staël sagte ihr Vater Necker, da sie so dekolletiert sich zeige und nichts dem Blick verweigere, möge sie wenigstens ihr Gesicht verhüllen. Europa hat sich ausgerast und könnte nun beginnen, sich verhüllt auf sich selbst und seine Aufgaben zu besinnen. Die Dichter, die sich gegen es gestellt haben, sind seine besten Berater gewesen und haben seine Idee am wahrsten behütet. Es hat sogar nicht einmal einen einzigen deutschen Poeten der Reaktion gegeben, der von Bedeutung gezeugt hätte und man kann wohl schließen, daß die Reaktion darum eine Gott ungefällige und schlechte ist.
Auch die Neuauflage der Gedichte zum Krieg von Lissauer, Körner auf Zeitungspapier und einige zwischen Weltfriedenssprüche rasch bestellte Kriegslieder von Gerhart Hauptmann würden die Reaktion nicht mit dem Fleisch versehen, das ihr ebenso fehlt wie der Geist. Die Republik müßte sehen, sich zu festigen zu einer neuen Gemeinschaft oder sie muß mit ihrer Getreuen sterben. Europa muß eine Weile sein Haupt verhüllen und sich beruhigen und auf sich besinnen. Daß seine Dichter sich gegen ihre Mutter gestellt haben, war diesmal keine Politik und war keine deutsche ziellose Verzweiflung, sondern war sowohl die Besorgnis des Geliebten wie die Vorbereitung der Zukunft. Mehr kann man nicht tun.
Der Entenjäger Sidney Smith war vielleicht ein Narr, aber er ahnte, daß in manchen Zeiten die Menschen wichtiger sind als ihre Bücher. Das ist eine Barbarei für den Künstler und eine Roheit für den Kultivierten. Aber auch im Mittelalter sind die Könner manchmal in die Kutte der Prediger gesprungen, Apollo hat wie in des Euripides „Alkestis“ auf einer so menschlichen Flöte geblasen, daß zu den Rinderherden sich die gefleckten Luchse und die feuerfarbene Schar der Löwen im Spiel gesellte.
Man tut das Seine und schafft seine Leistung wie man kann und keiner wird den Könner unwürdig ehren. Aber man lebt nicht für die Kunst, sondern für die Zukunft und man steht am Vorabend einer abscheulichen Mörderei oder einer neuen Gesellschaft. Man muß sich entsprechend einrichten. Denn man lebt schließlich nicht auf einer begnadeten Zeit, sondern in manchem Sinn in einer, wenn auch geliebten, Hölle.
Mijnheer, geschichtliche Tatsachen erklären heißt nicht Partei nehmen, sondern sich für den gesunden Gang der Dinge aussprechen. Eine alte Zeit, der nachzujammern so dumm wie unbescheiden wäre, hat sich vollendet. Die letzte Großherzogin von Baden war blind und fuhr viele Jahre hindurch durch ihre Hauptstadt im Glauben, daß jedermann sie begrüße. Es wagte niemand ihr zu sagen, daß sich die Zeit verändert habe und sie fuhr auf ihrem schon unwahrscheinlichen Wagen grüßend und nickend durch die Jahre und die Straßen, ohne daß die Bevölkerung sich um sie scherte und ohne daß sie es ahnte. Es hat eine gewisse Größe, wie diese Zeiten sich unbewußt neigten. Zur selben Zeit sandten die französischen Regierungen Deputierte nach Afrika, die Negerstämme zum fleißigen Verkehr der Geschlechter und zahlreichem Kindersegen aufzufordern, um ihre Cadres für kommende Kriege und Revolutionen aufzufüllen mit schwarzen Soldaten. Das ist Europa, Mijnheer, und zwischen beiden Bildern schwebt mit einer gewissen unbestimmbaren Schönheit das dritte Bild seiner neuen Konsolidierung.
Nicht jedermann, Mijnheer, ist overdressed, der besser angezogen ist wie man selbst, und nichts ist schlimmer wie ein Hochmut, hinter dem nichts steckt. Jedes Volk hält sich für das auserlesene und keines hat die Demut, an seine innere Kraft statt an seine sichtbaren und äußerlichen Symbole zu glauben und jedes steht sich damit selber und der Menschheit im Licht. Man liebt es nicht, die Gesinnungen zu ehren, auch wenn sie befremdend sind, sondern man läßt die Feuerstakes gewähren und hält die Sitten der Jahrzehnte über die Seele der Nation. Ach, wenn die Nationen sich in Riesen verwandeln würden und wie Antäus ihren Völkern zeigen könnten, daß nur seine wahre Kraft entfalten kann, der wahrhaftig auf seiner eigenen Erde richtig steht und nicht auf Lügen schaukelt, auf Einbildungsregenbogen dahergeht oder in Schlummerrollen der Bequemlichkeit schläft.
Die Riesen würden sich ein Geschlecht züchten, dessen Untergrund wohl etwas von der Naivität hätte, mit der jener Sidney Smith die Welt anschaute hinsichtlich ihres Charakters und ihrer Gradheit, denn ohne Menschlichkeit gerät vielleicht ein Kunstwerk, aber keine Nation. Wo aber keine Gesellschaft ist, wird auch die Kunst und die Könnerschaft verdorren und es werden vielleicht die Disteln aber nicht die Dichter wachsen.
Die Riesen werden die fauligen Menschen ins Meer schmeißen, wie Kronos mit einem Teil seines gestürzten Vaters Uranos tat, worauf aus dem Blutschaum sich ihm als das schönste Symbol die Aphrodite gebar. Man muß Europa auf sich selbst bringen, sonst rast es sich tot.
Europa hat nach dem Krieg statt einundvierzig nur noch siebzehn Monarchen, es betrübt das vielleicht den Monarchisten, aber es bedeutet im Grunde nichts. Europa ist etwas größer wie die Hälfte von Südamerika, von dem die Europäer fast nichts wissen und ist lange nicht die Hälfte so groß wie der Norden Amerikas, vor dem ihm graust. Europa ist in eine völlige wirtschaftliche Unterordnung zur neuen Welt getreten und hat sich in siebenunddreißig Staaten geteilt. Europa muß viel Hochmut haben, um seine Situation nicht zu verkennen und sehr viel Bescheidenheit, um klar zu erkennen, wo es steht und wohin es fährt.
Es fährt mit einem Schiff, in dem die Steuermänner und die Kapitäne und die Matrosen dreißig Sprachen sprechen, wo alle bewaffnet sind und wo neben den Gewittern die Hungersnot und das Elend und der Haß die einen gegen die anderen voll mörderischer Gedanken gemacht haben. Viel anders sah es auch nicht aus auf dem Schiff des Kolumbus, allein seine Leute vermochten dennoch die Neue Welt zu entdecken. Sie führten unter anderem den abgeschlagenen Kopf eines Heiligen als Reliquie bei sich.
Ich entsinne mich, Mijnheer, hierbei eines Marmors im „Luxembourg“, den ein Künstler jenem Dichter widmete, der zur Tröstung einer schönen Mitgefangenen im Kerker einunddreißigjährig eines der drei großen Gedichte der französischen Sprache schrieb, eh’ die Bergpartei der Schreiber ihn guillotinierte. Er nannte es „die Muse André Chéniers“. Eine junge Frau, mit unberührten Brüsten und der zärtlichsten Wollust der Schenkel drückt mit der Innigkeit unbrechbarer Zuneigung den abgeschlagenen Kopf des Dichters an ihre Brust und ihren Mund.
Ach, hätte das Schiff Europas das gleiche Wahrzeichen wie jener Kolumbus bei sich und vermöchte der Geist so stark zu werden in ihm, daß es die Liebe seiner verstoßenen Söhne so begriffe, daß es sie ebenso zärtlich grüßte wie die Muse den Kopf des Chénier. Denn im Augenblick der Berührung erhält der marmorne Kopf des Dichters neues Leben und seine Muse trinkt sein Blut.
Mijnheer, das Parabolische ist nicht der Genre eines holländischen Gentleman, ich verwirre mich in Bilder und Erinnerungen und ich habe einen Augenblick geträumt mit der Kühnheit eines Kindes. Kehren wir aus dichterischen Träumen in die Zahlen unseres mathematischen Zeitalters zurück. In diesem Kursbuch stehen die Tageszeiten aller Kontinente und ihre Tabellen zum Gebrauch der Börse. Noch, Mijnheer, kann man, fährt man von New-York nach Europa, täglich seine Uhr um dreiviertel Stunden vorrücken. Verstehen Sie mich, obwohl ich schon halb schlafe?
Möge nicht die Zeit kommen, wo man sie zurückstellt in seinem Herzen!
In der Tat, Mijnheer, Siebenzehnhundertsiebzig hat James Watt den Begriff der Pferdestärken geprägt. Achtzehnhunderteins stellte der Amerikaner Oliver Evans die erste richtige Hochdruckmaschine her. Achtzehnhundertachtundzwanzig lief durch den wackeren Mann George Stephenson auf der Stockton-Darlington-Bahn der erste Personenwagenzug. Achtzehnhundertdreiundvierzig baut Morse die erste große Telegraphenlinie von Washington nach Baltimore.
Dreizehn Jahre später zieht sich das erste submarine Kabel durch den Hafen Portsmouths und dreiundvierzig darauf ist die Erde mit siebenhunderteinunddreißig Kabeln verbunden. Neun Jahre nach der Startung des deutschen Kaiserreichs läßt Siemens & Halske die erste elektrische Bahn laufen und im Jahr darauf beginnen die amerikanischen Hauptstädte sich telephonisch zu verbinden und die Welt damit in einen Zaubergarten zu verändern.
Mittlerweile geschieht der Aufbruch der Menschheit aus der Innigkeit des Mittelalters, wo die Seelenfähigkeit sich nach innen stellte, in die leidenschaftliche Neugier des wissenschaftlichen Abenteuers. Achtzehnhundertsechsunddreißig ließ Green den ersten Ballon mit Leuchtgas steigen, fünfundsechzig Jahre später hat man Höhen von über zehntausend Metern mit Sauerstoffmasken erreicht, hat Apparate, um einige tausend Meter unter dem Meer arbeiten zu können.
Die englischen Alpenklubisten überschwemmen die Schweiz. Ein Dutzend Männer hat als Lebensaufgabe die Ersteigung von Bergen, auf die heute Zahnradbahnen führen. Mr. Wimpher gelang es Achtzehnhundertfünfundsechzig unter tödlichem Verlust seiner halben Expedition, das Matterhorn zu ersteigen. Vier Tage darauf folgten ihm Italiener von ihrer Seite. Livingstone, Emin Pascha, Stanley, Baker, Gessi, Hedin erforschen Afrika, Asien. Man entdeckt die Pole. Achtzehnhundertsechzig stellt Lenoir den ersten schüchternen Motor her. Fünfzig Jahre später laufen Autostraßen durch die Wüste, Motorboote durch die exotischsten Seen. Im selben Jahr photographierte man noch Latham, wenn er von Paris zehn Kilometer zur Jagd flog, als Fabel-Helden in allen europäischen Gazetten. Blériot überspannte sodann mit seinem Äroplan, Heros einer neuen Mythe, den Kanal. Zehn Jahre darauf fährt man im Flugzeug mit zwei Unterbrechungen von Portugal nach Chile. Die Erde ist organisiert, sie hat keine Wunder mehr, statt dem Geheimnisvollen ist das Exakte in das Dasein getreten und statt der Frömmigkeit das Tempo, statt dem Glauben die Wissenschaft.
O gute alte Zeit! Selbst in ihrer Tragödie stak doch noch Intimität!
In Tegnérs Frithjofssaga wird den Gefangenen noch der Blutaar geritzt, ein Adler in den Rücken geschnitten und das Rückgrat von den Rippen gelöst. Cicero wird in einer Sänfte von Männern nach Bajä getragen. Sechzehnhundert gab man Mäuse zu speisen gegen Zahnschmerzen. Bonapartes Adjutant ward von Wölfen gefressen. Béranger, Balzac und Pückler mußten Stecknadeln in ihre Kerzen stecken, um jedem bei ihrem Gespräch damit die Rededauer einzuteilen. Goethe sandte Wieland für den „Oberon“ nicht eine Depesche, sondern einen Lorbeerkranz und Gleim schickte einen Korb Kiebitzeier . . . . . .
Mijnheer, zwar besaßen die Ägypter und die Hellenen auch bereits Bahnen und Schienengeleise. Auch von Paris nach Lille telegraphierte man mit Zeichensignalen über eine Stafette von zweihundertfünfundzwanzig Kilometern in zwei Minuten, war aber bei Sturm, Nebel und Nacht noch verloren.
Man hatte aber die Elemente noch nicht gefangen und noch nicht das wilde Sausen über seinen eigenen Nacken gesetzt, mit dem sie ausbrachen und uns zu den Schelmen und Sklaven unserer eignen Kühnheit machten. Wir leben in einer wahrlich anderen Welt, und zwischen den stampfenden Maschinen Citroëns wäre eine neue schwäbische Dichterschule genau so scherzhaft wie ein vegetarianischer Wanderprediger auf der Sturmflutmole von Swinemünde.
Es bleiben zwar die Seelen und die Qualitäten der Menschen dieselben, aber in ihren Formen sind sie zwillingshaft jeweils an ihre Epoche geschmiedet. Graf Leopardi, der aus Angst vor der Cholera starb und vorher Italiens schwermutvollste Gedichte schrieb, im Flugzeug der Futuristen sitzend, wäre schon das Bild eines Fieberwahnes, und Freya hätte, als sie, vom Zeitbaum Ygdrasil aus, den Ödur suchend, goldene Tränen vergoß, in keinem anderen Raum als dem der Mythen es vermocht. Die Zeit rollt mit allen ihren Hebeln und Kräften ihre Repräsentanten an die Rampe und es ist nicht die Schuld und nicht das Verdienst ihrer Helden, wenn sie mit dem Weltdonner von Ragnarök in die Götterdämmerung fahren oder im Zuckblitz der Scheinwerfer und zweihundert PS die Ewigkeit suchen. Auch die Vehikel der Dichtung sind nur von dem Sturmschritt der Erde mitgerissene Schatten, und die behäbige Karosse Jean Pauls hat sich zu elektrisch zuckenden schlanken Rennwagen ausgewachsen.
Man hat nur die eine Freiheit, damit zu fahren oder aber das Roß am Schwanz aufzuzäumen und im Krebsschritt gegen diese Entwicklung zu reiten. Sich dem entziehen, hat man die Freiheit nicht.
Das hat, für die Schwerhörigen gesagt, nichts mit der Größe der Leistung und dem genialen Ritt einer Epoche oder ihrem Zusammenbruch zu tun, sondern bestimmt nur ihre Musik, erklärt nicht ihr Herz, aber ihr Gesicht, deutet nicht ihre Macht, aber ihre Muskulatur.
Mit Zola waren die Fabriken aufgeschossen, mit Eduard Keyserling war der letzte Rest des adeligen Feudalismus gestorben, mit Manets und Renoirs Fülle hatte der Raumbegriff der seitherigen Welt sich durchbrochen und mit den chauvinistischen Italienern um Boccioni und Carrà war er in die Luft gespritzt worden und kaputt. Zwischen den Giganten von Maschinen, über den Leichen der Götter und den Donnern der Funksprüche, der Autorennen, im Netz der Bahnen, durch das Sirenentuten der Dampfer, der Flieger, im feurigen Zickzack der Geräusche und Kriege und dämonischer Vehikel mußte ein Geschlecht groß werden, das seine Zeit zum mindesten schilderte, das sie vielleicht verwarf oder ihr unterlag, das aber ihr Tempo trug. In der Ballung, in der Dichte und in der Schnelligkeit der seelischen Entwicklung lag der Ausdruck der Literatur um die Zeit, wo die Maschinen zum ersten Male einen Krieg endgültig bestimmten. Das ist ein Leitsatz, der nicht aufzuheben ist.
Der militärfrohe Lahmfuß und Baronet Walther Scott sagt in der Einleitung zu seinem schönen Buch „Waverley“, seine Helden würden nicht Eisen auf dem Haupt wie früher und auch nicht an den Absätzen wie zu seiner bürgerlichen Zeit tragen und seine Weiber kämen wohl kaum in Purpur und Talaren wie Lady Alice in alten Balladen und auch nicht halbnackt wie die preziösen Bürgerinnen seines Jahrhunderts, sondern man werde mit Staunen bemerken, daß es sich nicht um Sitten sondern um Menschen handle. Scott war ein schlechter Geschäftsmann und ein genialer Dummkopf, denn er gab als Sohn seiner Epoche natürlich genau so die Sitten wie die Menschen.
Erst als die Kreuzundquerschnitte der elektrischen Gewitter, die feindlich gegen unsere Jahrhundertwende aufzogen, mit Säbelblitzen die Beschaulichkeit von den Nationen trennten und die Sitten von den Menschen schieden, als die Tempi der Schicksale niederfielen wie die Taktschläge der Motore und in dem unbeschreiblichen Pêle-mêle von stürzenden Gesellschaftsschichten bald kein Untergrund, sondern auch im Leben der Nationen nur noch Bewegungen zu sehen waren, erst dann geschah es, daß neben den Gerippen der Äroplane und Tauchboote auch die Skelette der Seele sichtbar wurden.
Ach, die Dichtung begann, nachdem sie wie der größte Vagabund unter ihren Verbreitern, nachdem sie wie der famose Villon von Bett zu Bett geworfen und heimatlos geworden war, nicht mehr mit den Kostümen der Zeit durch die Gärten der Poesie zu gehen, trug nicht mehr das Kostüm der byzantinischen Königinnen, nicht mehr die Spitzmütze bourbonischer Frauen, nicht mehr den Turban der troubadourgeliebten Falconiere, nicht mehr den Charme der Byronschen Geliebten, nicht mehr die Trauer der den gefallenen Puschkin beklagenden Freundin, nein, sie zog wie ein telegraphischer Aufruf durch die Dämmerung Europas.
Sie war besitzlos geworden in Europa, das nicht mehr auf der reichen Empore von Ständen und Königen stand, sondern sich in Schrecken wälzte, und sie zog sich von den Kostümen auf das Unverlierbare zurück, indem sie den Menschen allein, aber mit allen Mitteln der Zeit sich formte. Das Bild dieses Zeitgenossen bestimmten große klare Linien: Ballung, Dichte und Tempo.
Nur die Schwachköpfe staunten und wußten keine Erklärung, als die kulturloseste Zeit zu gleichen Symbolen kam wie die von Reichtum alles Ausdrucks übersättigten, und daß Archipenkos Menschen dieselbe Allgemeingültigkeit hatten wie die schöne Nofrit des Jahres Zweitausendachthundert der vierten ägyptischen Dynastie vor unserer Zeitrechnung. Die Zeiten, wo alles von der Anwesenheit der Götter bebte und diejenigen, wo sie völlig ausgezogen scheinen, haben die gleiche Unerbittlichkeit des Zustands ausgeübt.
Und während die einen aus der Überfülle des Reichtums sich die stärksten Sinnbilder schufen, indem sie alles außer dem Einfachsten ausschieden, haben die anderen durch die Kraft ihrer Verzweiflung sich aus dem Nichts dieselben einfachen Sinnbilder geschaffen. Die tiefe Ruhe und der Schrei begegnen sich, und die Seele, die aus der Üppigkeit sich zum Einfachen hin unter unendlicher Mühe kristallisiert hatte, fand ihre Schwester, die völlig nackt und ähnlich erlesen von der Seite der besten Armut kam.
Das ist eine Gleichung, deren Schönheit zu bezweifeln, deren Gültigkeit aber nicht anzugreifen ist.
Mijnheer, Sie wissen, daß diese Entwicklung in Taten umgesetzt zu haben das Werk einiger befähigter Künstler in Europa war und daß man die Schulen, die sich darum schlossen, und alle Mißverständnisse, die die Öffentlichkeit darum bildete, „Expressionismus“ nennt. Es ist so albern wie wahr, daß dieses Wort eine Unsumme von einzelnen Koterien wiederum umschließt und daß wie in allen revolutionären Epochen die ursprünglichen Armeen sich bald in Condottierihaufen teilten.
Manche davon haben den sanften Anblick des Fleisches ganz verlassen und sind sektiererhaft auf Formeln und in die Gesellschaft abstrakter Gespenster abgewandert, indem sie sich wie dogmatische Gelehrte je nach der parabolischen Form, ob nämlich aus Punkten, Ellipsen, Quadraten oder Dreiecken sich das Gefüge ihres Weltbildes zusammensetzte, nach Art der Fakirorden: Kubisten, Pointellisten, Konstruktionisten nannten.
Diesen Jakobinern der Kunst erging es wie allen Sklavenaufständen, die sich weiter vorwagten, als es ihnen das Gesetz ihrer Armut zuschrieb. Sie kamen aus dem Bereich der Kunst in das qualvolle Gebiet der Ideen und wurden dort, weil sie zwischen beidem schwankten, zermalmt und zerhauen wie die Bauernhorden des Thomas Münzer. Sie waren wie alle Jakobiner der Gefahr erlegen, daß sie zu weit von dem Erreichbaren ausgerutscht waren und mit Ausnahme schöner Grenzfälle wie dem des anmutigen Malers Klee und des bedeutenden Picasso in eine Fata Morgana nach links hineingestürzt waren.
Diese Teiltruppen des Expressionismus hatten nicht begriffen, daß sie der Glücksfall, mit gar keiner Gesellschaft hinter sich ihre Werke bauen zu dürfen, verpflichtete, in Erinnerungen der besten Zeit der Nationen glänzende Neuigkeiten aufzubauen, statt zu zerstören. Sie hätten sich heftig an das Fleisch der Zeit drängen müssen, statt es zu Schemen zu zersetzen. Denn die glatte und vereinfachte Schönheit der ägyptischen Nofrit war der erlesenste Ausdruck einer untadligen Zeit, die aus ihrer beispiellosen Fülle sich ein Sinnbild der Dürftigkeit wählen konnte, das ihr jedoch nie ins Nichts entgleiten, sondern, von einem ungeheuren Gesellschaftsgefühl maschenhaft gehalten, nur immer glänzender an Reichtum steigen konnte.
Aber die Nacktheit unserer maschinellen Epoche, ohne Gesellschaft hinter sich, war nicht das kühne Symbol der Üppigkeit, sondern das schimmernde der Armut, und war jeden Moment in Gefahr, in die Tiefe zurückzustürzen, aus der es stieg. Man kann heute daher nur arbeiten mit Verantwortung und für die Zukunft, aber nicht für die Eitelkeit und nicht für Quatsch und Theorie.
Es ist wahr, daß diese Flucht ins Gegenstandlose eines Teils, und zwar des schwach begabten Teils der neuen Schulen, die Liebhaber der Muskulatur kränkte und jene ermutigte, die gern das Feldgeschrei anzuheben bereit waren, auch diese Richtung sei wie tausend andere nichts gewesen.
Ich habe in der „Doppelköpfigen Nymphe“ von Sternheim bis Heinrich Mann, von Döblin bis Schickele, Benn bis Kaiser, Frank bis Wedekind, Däubler bis Werfel die begabten und schöpferigen Dichter geschildert, die diese Epoche in Deutschland gestempelt haben. Ihre Wirkungen sind unverlierbar, hinter Wenzig, Karlweis, V. C. Habicht, Lichnowsky, Kesser, Heinrich Eduard Jakob, Kamnitzer sind die Nachfolger Legion, ihre Werte mag mein Nachfolger in hundert Jahren bei einer hoffentlich für ihn sympathischeren Gelegenheit als einer umstürmten und zugeschneiten Schneekuppe ziehen.
Vielleicht wird dieser Nachfolger zwischen einem angenehmen Frühling sitzen und ein Boccaccisches Zeitalter schon wieder um sich haben, wo die Dichter bukolisch auf den Pfeifen blasen und mit galanten Damen nicht nur unter gewagten Gesprächen die klügsten Sachen sagen, sondern auch mit der Heiterkeit einer gefestigten Zeit zwischendurch in klaren Bächen baden, schön speisen und das Ungemach des Schicksals mit der Harmonie ihres Säkulums und nicht ohne Genuß überwinden. Vielleicht werden sie die Anmut ihrer Flüsse und ihrer Weiber dazu benutzen, Witze über uns zu machen und wenig kühne Beiwörter unseren Namen hinzufügen, aber vielleicht wird die Schönheit und der Friede ihres Frühlings sie zu gerechtem Preisen über unsere Tapferkeit ermuntern. Es kann uns gleich sein, Mijnheer, aber wer sein Leben genießt, wünscht auch den Nachfahren die saftigsten Dinge. Mögen sie leben, es ist auf die Dauer noch nie ein Urteil nicht gefallen, wie es gefällt werden müßte.
Vielleicht werden zur Herrschaft gekommene Sklaven uns auf ihre neue Lebenstafel kreiden, wenn die anderen uns verwerfen. Aber die Sklaven der Dummheit und der Böswilligkeit wird man heute wie morgen an den Pilori binden müssen. Man hat nunmehr eine gewisse Größe unter der Hand mit den neuen Schulen in Europa wachsen sehen, aber auch die Stimme der Tadler (wie die der Lobenden) nur mit Mißtrauen vernommen. Denn die einen suchten gewöhnlich mit den neuen Helden, die anderen gegen sie ihre Karriere zu machen. Der Bau aber steht.
Man hört nun im fünften Jahr nach Wedekinds Tod und zehn Jahre, nachdem man sich an die Tempis und das Ballen machte, nur noch die Kläffer. Faute de mieux on couche avec sa femme: Ich muß mich nach den Feinden des in die Manneshöhe gewachsenen Expressionismus umsehn.
Man darf sich dem Anblick dieser artigen menschlichen Komödie nicht entziehen und man wird mit Vergnügen sehen, daß die Don Quichotes wieder aufgestanden sind mit der Klugheit Sancho Pansas, die ewigen Windmühlen zu erstechen. Man wird eine sachliche Diskussion erwarten, aber man wird das Schlachtfeld privater Angelegenheiten und menschlicher Eitelkeit erblicken. Daß der Expressionismus entstand, war eine elementare Notwendigkeit. Die tapfern Barden aber, die nun sein „Ende“ ausschreien, kommen aus einer verdächtigen Gesellschaft und sind nichts als die Nutznießer einer Nervenermüdung des Publikums. Wenn die Leute eine bunte Sache eine Zeitlang sahen, sehnten sie sich immer nach einer neuen, gleichgültig, ob dies ein Bild, ein Meer, eine Frau oder eine Heimat war. Dies Stück Verräterei ist eine der bezauberndsten Kontrollen im Auf und Ab der Zeit und ihrer Werte.
Der einfache Mensch denkt immer richtig. Er geht nach seinem Gefühl. Die Sache langweilt ihn. Man kann es ihm nicht übel nehmen. „Ende des Expressionismus“: er gähnt. Er ist bedeutend einfacher und anständiger als die Grübler, die neoklassisch schwärmen. Meine Angorakatze, mein russischer Riesenschnauzer wissen, um Gottes willen, ebenfalls Bescheid, daß, nachdem die Feldlager geflackert haben, auch in der Literatur die Nymphen zu schweben beginnen.
Die Zeitgenossen ertragen stets nur eine gewisse Durchdringung an Aufklärung, an Sensation, an Broschüren, an Ausstellungen eines neuen Stils. Selbst guter Mokka, der doch anderen Anspruch auf Qualität macht als durchgängiges Publikum, erlaubt nur einer bestimmten Dosis Zucker seine Vermischung. Nachdem man seit zehn Jahren von dem sehr klugen Kritiker Wilhelm Hausenstein bis in die Provinzmuseen nichts getan als aufgeklärt hat, ist es nicht erstaunlich, daß das Publikum genug davon hat. Als Hausenstein einer Mappe des Malers Seewald, in der Leute übers Seil liefen, das hymnische Vorwort schrieb und Däubler auf den Flügeln des „Neuen Standpunkts“ aufklärend Deutschland durchschnob und der Kritiker der„Frankfurter Zeitung“, Bernhard Diebold, in Kornfelds „Verführung“ noch die Melodie des neuen Jahrhunderts bebend verspürte, da war ein eckiger Seiltanz und ein Drama aus lyrischen Grammophonen auch am Kurfürstendamm noch neue Mode. Als aber Lunaparke in diesem Stil entstanden, Jungfrauen ihn zu tanzen feurig übernahmen, Filme ihn aufs Plakat, Revolutionäre auf die Fahne schrieben, Jünglinge sich in Poemen die Zähne daran brachen, Kaffeehäuser seine scheußlichen mißverstandenen Ornamente an die Wände klebten, und selbst ein Eiskünstler in einem Kristallpalast seine Kurven fuhr, hatte man genug; mit Recht.
Sehr amüsanterweise sah man als die ersten Deserteure die liebenswerten Ajaxe abschwenken, die sich wohl bei Beginn so sehr in Atem geredet hatten vor Begeisterung, daß es ihnen auf die Galle geschlagen war. Als keine Mauer ohne Plakat, keine Entdeckung mehr zum Anpreisen zu machen war, als selbst die literarischen Ahnen und die malerischen Vorläufer und alle in Betracht und Zusammenhang zu bringenden exotischen Kulturen abgegrast waren, gingen sie rasch von dem Enthusiasmus zur Skepsis über.
Herr Hausenstein vor allem, der ein vorzüglicher Kopf ist, flüchtete vorwärts zu noch nicht erstandenen Nazarenern und rückwärts in die Arme seines mit Impressionisten in allen Taschen bepackten kritischen Kollegen Meier-Gräfe, ohne allerdings verhindern zu können, daß sein fruchtsaftiger Stil immer abstrakter und dürrer wurde, je mehr er vom Expressionismus abwich, und daß, als er dem Drachen die Lanze ins Maul zu stechen begann, sein Stil und ihr Stiel zu einem fast unerforschlichen dünnen und wahrlich expressionistischen Spinngewebe geworden war. Führwahr, die Bauern haben recht, wenn sie meinen, man vermöge die Natur selbst in den gröbsten Dingen nicht mit Heugabeln auszutreiben, sie kehre vielmehr auch dann zurück. Aber in den raffinierlichsten Dingen scheint sie sich sogar gegen diejenigen, welche gegen sie arbeiten, mit einem unverkennbaren Hohn zu wenden.
Die anderen Anreißer aber konnten nicht genug Eile finden, ihm zu folgen und den Ruhm des Ritters Georg mit dem der Winkelriede rasch zu vertauschen. Sie hatten nicht, die Courage, auch während der Ermüdungsbaisse bei der Sache zu bleiben, was ja jederzeit möglich ist, auch wenn man die Träger der Sache verschieden beurteilt und wenn man die Gefahren klar übersieht, sondern sie machten sich nach neuen Entdeckungen aus und blamierten sich bis über die Ohren.
Sie ahnten allesamt nicht die tief gebundenen Zusammenhänge zwischen Nation und Kunst und dachten nicht daran, daß die Zeit Heroen oder Bastarde auswirft, je nachdem ihr zumute ist und je nachdem sie sich erfüllt oder vernichtet. Sie dachten vielmehr, sie seien der Mittelpunkt der Schöpfung und man gehe auf Kunstfang wie wenn man Trüffeln suche. Ach, die Suche nach diesen zarten Gewächsen ist jeweils eine besondere Begabung der gerüsselten Tiere gewesen und, wenn die Entdeckungsfahrten mißlangen, so waren die Funde nicht echt oder die Sucher hatten sich in die Kategorie der Riecher mit Fälsche eingereiht. Da der Teufel, wenn er Heilige fangen will, Heilige an den Angelhaken tut, war es ihren bestürzten Gesichtern gern zu verzeihen, daß, als sie Giganten zu fangen wähnten, die die Zukunft mit klassischem Nazarenismus erfüllen sollten, sie nur gerupfte Spatzen apportierten.
Sie trafen sich mit den Rutenträgern einer anderen menschlich würdigen Genossenschaft. Die jungen und älteren Leute, die bei der vergangenen zehnjährigen Revolte der Kunst keine Karriere gemacht hatten, die selbst die von allem anderen abziehende Möglichkeit des Krieges nicht auf sich zu lenken in der Lage waren, die von allen guten jüdischen Familien verlassenen Leute glaubten fälschlich den Tag ihrer Inthronisierung nun gekommen.
Die sogenannten „Stillen im Lande“, denen ihre Unfähigkeit so schonend etikettiert war, rissen die Binden ab und begaben sich in die Schlacht. Einäugige der Kunst, sogar Lepröse, aber auch talargeschmückte Mumien nahten aus ihren Särgen. Die Armen machten den gleichen Fehler wie die politischen Reaktionäre, die an ihre taprigen Methoden und nicht an ihre Weltanschauung glauben. Kommt eine ruhige Epoche, kommt sie nicht mit einem ausgestopften Eichendorff, aber auch sicher nicht mit Paul Ernst in Brille, Trikot und Löwenfell, den Zweihänder in der zittrigen Hand. Was nicht bewegt war, wird nicht ruhig werden. Die verblaßten Statuen von vor dem Sturm werden trotz ihrer klassischen Nasen in die Büsche geworfen, denn auch im Konservativen hat die Natur soviel feuriges Schöpfertum, um einem klaren und alten Inhalt neue Formen aufzuziehen.
Diese Elegiker ihres Verkanntseins trafen auf eine noch viel peinlichere Gesellschaft, als sie, auf Indianer angemalt, Herrn „Wachse, werde, weile“ balbulierend und vor seiner eigenen Langeweile schon asthmatisch an der Spitze (o glücklicher Entenjäger Smith!) in einen harmlosen Sonntag hineinliefen. Alle Unproduktiven, die zeitig zur Kritik übergelaufen waren und, um die Mode nicht zu verfehlen, als Zwinglis und Dietrichs der neuen Sache gestritten, entdeckten plötzlich den Neid auf ihre erfolgreichen Kameraden und begannen in dem Augenblick zu lachen, wo der Pendel der Zeit die zwölfte Stunde zu schlagen schien. Man kann, wie ein gewisser Sinzheimer in München, miserable Romane geschrieben und mit unfähigster Hand ein Theater zur Pleite dirigiert haben, aber man wird in Deutschland erst dann die schöne Masse Ressentiments gesammelt haben, um aus dem Neid auf die Erfolgreichen einen Kritiker von „Format“ vorstellen zu können.
Diese Armen fühlen sogar in ihrer Unangreifbarkeit gar nicht, daß sie sehr arm sind und daß sie in ihrer Heldenmaskerade sich in eine Hundehütte zurückzogen. Man kann die Menschen nicht ändern; es sei verstattet, daß sie einem leid tun. Man wird mit fünfzig Jahren ein Album der Zeitgenossen anlegen, die „verehrter Meister“ einem schrieben und, wenn man sie nicht genügend (oder zu sehr) beachtete, mit Gummiknütteln bei schicklicher Gelegenheit einem in den Rücken fielen — und nicht veröffentlichen. Es wird nichts mehr von ihnen da sein. Was die Gerüchte und das Geraun und den Betriebskurs macht, sind immer die Schmuser. In der Historie wird das weicher Leim.
Gestärkt wird eine solche Legion durch die beruflichen Totengräber, deren schandbarer Beruf sie verpflichtet, stets graubärtig zu sein. Durch sie kam die gesprenkelte Mischung in die neue Partei, die so groß ward, daß sie für jede Ansicht Raum hatte. Es waren dies die Alten, die „es schon immer gesagt hatten“, die ohne Prüfung, Befähigung und Vermögen, weil sie ihnen nicht paßte, die ganze Richtung abgelehnt, zehn Jahre lang gegen Noldes Negerköpfe gezetert hatten und nun recht behielten, als die Panegyriker der neuen Bewegung plötzlich mit Pharisäerblicken ihnen in die Arme sanken. Denn schließlich ist Kunst heute für die Tausende, die nicht schaffend um sie schmarotzen, ein Witz oder ein Geschäft, nicht mehr. Ein Schachspiel, mit dessen Figuren man sich mit elegant angespannten Nerven beschäftigt, bis es gongt, um sich zu Musik, Lunch oder Frauen zu begeben. Dann streicht man mit breitem Arm die vollendeten Figuren vom Tisch herab.
Man hat mich stets für einen Experten des Stils als solchen gehalten, aber ich habe, als die „erstklassischen Schreiber“, die nie den Blick über den Horizont behalten, sich in Kornfeld und Franz Marc und Hartung wälzten, mich gegen den Stil und für den persönlichen Ausdruck erklärt und mir, als ich ganz an den Anfängen (und wahrlich unbefangen an Kunst herankommend) die lächerliche und impotent machende Gefahr der Typisierung aufdeckte, die Meute von links zu der von rechts zugezogen.
Als aber Herr Stahl vom „Tageblatt“ vor einem Jahr las, daß ich dasselbe wie vor Jahren äußerte, glaubte er, meine Desertion feststellen zu müssen. Der bärtige Herr irrt. Ich hatte vor nichts zu desertieren, da ich auf nichts derartig Kindisches festgelegt war, und ich wahrte nur meinen Standpunkt energischer, indem ich ihn von dem der Kindsköpfe schied. Man klärt eine Sache besser, indem man sie gutwillig trennt, als indem man sie böswillig und fälschend und voll Unfehlbarkeit von außen her verwirrt.
Dies ist ein Zipfel gelüftet hinter dem, was „Ende des Expressionismus“ schreit. Dies ist (nebenbei) deutsche Literaturgeschichte.
Doch man vergaß die kleinhirnigen Würger, die, seit die Deutschen sich nach ihrer ersten Revolte zur Politik befähigt hielten, mit der Kriegsflagge unterm Arm und in festgeknöpftem Gehrock in die Kunst eindrangen. Die Politik ward selten mit solchem Eifer der Amateure und gleicher Unbegabtheit ihrer Hyänen über die Grenzen ihres Territoriums getragen. Man wird ihnen die Ehre antun, die diesen Geschöpfen gebührt, und an ihnen vorübergehen. Die Ehre, mit der sie prunken, wird ihnen sauer im Mund werden mit der Zeit und wird eines Tags wie ein fauler Zahn ihnen herausfallen. Es ist nicht unsere Ehre und nicht die eines Gentleman, die wir anerkennen und die schon Cicero in seinem Buch über die Pflichten in dem Manne schildert: der innere Manieren hat, zwischen weibisch und roh die rechte Haltung besitzt, schamhaft und kühn ist und in dessen Geschlecht es Sitte ist, daß Vater und Sohn zwar nicht miteinander baden, aber miteinander zu sterben wissen.
An dem taktischen Aufmarschplan der Parteien ist nicht viel mehr zu schildern. Es ist eine amüsante und durchaus menschliche Brüderschaft, die anrückt. Schon die Vorposten sind verdächtig laut, aber erst der Anblick der Generäle macht die Angelegenheit hübsch suspekt. So sind alle Kriege geführt worden: damit mag man sich trösten.
Im Grunde ist das ganze Spektakel ein Spiel auf der Vorderbühne, und es wird gehörig gemogelt. Die ganze „Krise der Kunst“ ist: die Sache ist langweilig geworden. Auch der Weltkrieg, der doch Bezwingenderes an Sensation zu bitten hatte, zog am Ende nicht mehr. Man kann es den Leuten nicht verübeln. Es gibt, auf die Dauer, heute nach einem unerhörten Krieg unterhaltsamere Sachen als die Kunst und Rebusse, was ihre verzwickten Formen bedeuten. Es gibt Reisen und Autos wieder und Dollarhaussen und mit dem Flugzeug über die sturmdonnernde Ostsee, man hat im März Meran, im Herbst ist Iffezheim wieder im Start, und es ist nicht weit vom Gardasee. Die Länder schnaufen vor Arbeitsamkeit, und Speisen in vollendeter Fülle werden angefahren. Die Erde wird wieder voll. Ach, wer mit Kunst heute auch nur eine Viertelstunde die Aufmerksamkeit der Welt anzuhalten wagte! Ein Narr oder ein Verbrecher!
Hat dies ganze Getriebe überhaupt mit Kunst zu tun? Es ist ein Fressen für Shaw und wäre ein Braten gewesen für Swift. Mit Kunst? Nicht die Spur.
Als die Überraschungserbsen nicht mehr knallten, war das „Junge Deutschland“, war die französische Romantik, war der Impressionismus rasch „tot“. Man hatte das Frühstück verdaut und wandte sich dem Diner zu. Die Zeitspatzen haben immer geurteilt, eine Sache sei nichts, weil sie genug davon hatten. Und die provinziellen Schreiber, die einen Stil zehn Jahre erbittert bekämpft hatten, waren alle einmal in der grotesken Situation, ihn nicht mehr bekämpfen zu müssen, „da er sich überlebt habe“. Sie gingen von der Wut zum Mitleid, ohne Übergang, wie alle Heuchler.
Die Stimmungen lösen sich ab, wir sind ein wenig in der Baisse: Das ist alles. Wer wagt, zu sagen, daß die Generationen vor uns besser waren als wir? Die Zeit ist die einzige grausame Richterin, sie geht rundherum und beklopft. Daß ein Stil, eine Gemeinsamkeit tot sei, das zu sagen, ist so dumm wie falsch, weil es die einzelnen Kräfte mit einem Typ erschlagen will. Daß ein ins Absurde getriebenes Ornament scheußlich, eine gewisse Manier der Regie erschlaffend, eine stets wiederkehrende Verzerrung der Statuen erbärmlich ist, beweist nicht, daß ein Romanwerk gewaltig, ein Torso erschütternd, ein Gemälde voll schönem Liebreiz in späteren Generationen empfunden wird.
Als die Damen der Bourgeoisie mit Sonnenschirmen auf Ingres’ Bilder rannten, taten sie das gleiche feige Unrecht wie da, als sie, von seiner Süße gelangweilt, die Achseln zuckten und zu des Van Gogh Briefen sich verzückten. Die Waffen der Zeit, des Schlagworts, der Mode (im Lob und im Verwerfen) gehen wie Laub. Letzten Endes ist nichts von dem Vielerörterten mehr da. Man kann das Album der Vielzuvielen, der Schmöcke, der Feiglinge, der auf Hecht kachierten Schleie im Literaturgewässer nach fünfzig Jahren nicht mehr veröffentlichen. Die gute Sache ist immer lautlos. Und die umstrittene Fassade fällt von selbst; sie war nie wichtig.
Hat es Bang, hat es dem unvergleichlichen Eduard Keyserling geschadet, daß der Impressionismus ihrer Zeit mit Klöppel und Stickrahmen und mit Schraffiertechnik im Gähnen versank? Hat nicht der spitzbäuchige Victor Hugo hinter Goethe als größter Dichter seines Jahrhunderts geglänzt, trotzdem ganz Frankreich über die romantizistischen Späße bald lachte und selbst Musset nach ein paar Jahren schon als ironischer Lächler ins andere Lager ging? Hat Manet, der wahrlich ein Programm formulierte, hat Zola, der wie kaum ein anderer ein System nach Knopf und Ring führte, darunter gelitten, daß eine Schule um sie war, die Bankerott machte vor der Sensationslust der Masse wie jede gute Sache? Hat Matisse Schaden gelitten, daß man seine Techniken verhöhnte? Flaubert sprach man die Lebenskraft samt der realistischen Schule ab, Büchner und Grabbe warfen sie, als sie genug Revolte hatten, ins Eisen.
Es gibt keinen leichtfertigeren Ausdruck als „überlebt“, keine gemeinere Verwechslung als die von Geschmack und Werk. Auch die Zeitgenossen des Velasquez fanden eines Tages diese Steife zum Kotzen, und von Botticellis Schule tropfte es gähnende Bitternis. Der menschlichen Natur entzieht sich gemeinhin der feurige Mittelpunkt einer Bewegung. Und da die Menschen blind sind, glauben sie den äußeren Anzeichen, daß die Haupttiere dieser Bewegung nach Art der Echinodermen wie die See-Igel durch Kalkabsonderung sich nach außen versteinten.
Wie leben aber, selbst den Einäugigen zum Trotz, noch die Hauptlebendigen jener anderen Schulen, die diese selben Schreier schon vor der expressionistischen Bewegung dreimal ans Kreuz geschlagen, siebenmal verlacht und zehnmal vergessen zu haben vorgaben!
Sie haben bei dem Namen Hofmannsthal heute schon vergessen, daß er seinerzeit ein sehr öliges Programm von misanthroper Schnauzbärtigkeit vorstellte und haben bei Liebermanns Namen heute nur Mühe, sich zu besinnen, daß auch das einmal eine wüste Schule war.
Die Persönlichkeiten tauchen aus dem Bad der Bewegungen heraus mit der Kraft der ewig steigenden Fontänen, aber die Bewegungen der Kunst sind deshalb nicht ohne Sinn. Denn die Schulen sammeln und organisieren die Kräfte und versuchen das Weltbild in der ganzen Breite zu spiegeln, sie greifen an und erzeugen den Gegenangriff und damit auch eine Tat.
Seit die Romantik den letzten wehmütigen Gruß nach dem Mittelalter sandte und hinter ihr statt der Saurier schon die Armeen der Maschinen anfuhren, haben zwei Schulen sich um diesen Übergang gruppiert: Den Ruhm, während die Elektrizitäten den Erdball einkreisten und umtobten, mit einem wundervollen Glanz die alten Überlieferungen restlos aufgelöst zu haben, hat Renoir und seine impressionistische Schule mit unsterblicher Leuchtkraft sich erobert. Dagegen hat die Kongregation um den heiligen Stefan George den Ehrgeiz offenbart, sich um die neu heraufkommende Zeit nicht gekümmert zu haben.
Das Spiegelbild ihr zu schaffen, haben die Expressionisten dann als dritte Schule erst vermocht. Die Zeitgenossen aber steigern nur nach modern, moderner und dem Superlativ dieses Affenwortes, und während sie den letzten Gipfel schon schmähen, haben sie die Zusammenhänge schon vergessen und grüßen die ersten wieder als gute Bekannte. Sie begrüßen immer wieder aus der durch George aus dem Frankreich Baudelaires, Mallarmés und Hérédias eingeführten symbolistischen Schule Herrn Hofmannsthals opalisierende Prosa, Herrn Stucken, der Mexikos Untergang in Gobelinmustern bannte, Herrn Gundolf, der als Geschichtsschreiber des Schreibtums unter Anrufung des heiligen Namens seines Meisters auf dem eitlen Periodenbau seiner Sätze seiltanzt, den Baron Taube mit dem wehmütigen Lächeln über den Untergang seiner aristokratischen Rassegefühle und Stefan Zweig, der Erstaunliches an Haltung in seinen Geschichten und Nachschilderungen gab.
Sie goutieren gerne heute noch ebenso aus der Gefolgschaft des Zerstücklers Renoir und Monet und Manet den Liebermann, Corinth und Slevogt, den Bang und Jakobsen und Keyserling und Pontoppidan. Ja, in Deutschland, das keine Gesellschaft und daher keine „public characters“ besitzt, ist der Ruhm des aus der greulichen deutschen Naturalistenzunft kommenden Hauptmann sogar größer als irgendeines anderen modernen Meisters, ist bei dem Mangel offizieller Berühmtheiten Liebermann bekannter als Kokoschka, ist Georg Kaiser minder einflußreich als irgendein Verneuil mit seinen Possen, ist Kellermann berühmter als Döblin, hat Hofmannsthal eine weitere Wirkung wie Schickele und ist Sudermann viel zelebrer als Sternheim.
Es scheint infolgedessen vielleicht fast so, als hätten die Schulen sich vermischt, aber das ist eine leidige Täuschung, man lebt nur nebeneinander und nicht sukzessiv. Selbst für die Kritiker in hundert Jahren wird es nicht ohne Mühe sein, anerkennen zu sollen, daß in dreißig Jahren drei große Schulen hintereinander tobten. Sie werden die personellen Preise wohl nach ihren Fähigkeiten zu urteilen und ihren Liebhabereien austeilen, aber sie werden in der Betrachtung der Schulen einiges nicht übersehen können.
Sie werden nicht vermeiden können, mit leichten Witzen zu konstatieren, wie die Älteren sich von den Neuen befruchteten, wie die Überlebenden der früheren Schulen an den Kelchen der neuen Jünger nicht vorübergingen, und wie der Schwung manches „Bardala“ nicht aus dem Mund geflogen wäre, hätte der Barde nicht aufmerksam auf die „Internationale“ gelauscht. Sie werden dickbäuchige Schelme erwischen, die mit Jakobinermützen ausgingen, ihr symbolistisches und etwas ranzig gewordenes Erkennungswort „erlaucht“ mit dem Worte „rasend“ umzutauschen. Sie werden über manchen Wicht sich die Kränke lachen, der sogar die fehlenden Artikel zu stehlen ins expressionistische Lager geschlichen war und nicht bemerkte, daß er keine Fahne, sondern nur eine Unartigkeit des Dichters Sternheim klaute.
Sie werden junge Helden und ergraute Männer beobachten, wie sie mit ihren schönen weichen Waden von Wassermann bis zu den Bauernromanschreibern in das Stahlbad der neuen Techniken hineinwateten und, neu beflügelt, mit strammen Muskeln das neue Tempo in ihre Bücher hineinschießen ließen. Sie machten es mit demselben ehrgeizigen Trick wie die Chinesen, die Europas Erfindungen in ihren Lehrbüchern für China einige Jahrhunderte vordatieren, und erscheinen nach der Verjüngungskur wie seit Ewigkeit überexpressionistisch gesettled: „Haben wir auch schon gekonnt.“ Diese Diebe!
Die Kritiker in hundert Jahren, die in ihrem Beruf nichts zu lachen haben, werden jedoch nicht vergessen zu sagen, daß die Impressionisten im wesentlichen teils schön wie Renoir, teils tollwütig wie van Gogh den achtzehnhundertfünfzig Jahren vorher das Grab schaufelten und daß die Georgianer, als die Autos mit Fabriken und elektrischen Hochspannungen in ihren „symbolistischen Armen“ erschienen, schmollend wie Kinder im Herzen, aber mit allen schlechten Parfüms einer greulichen Würde gesalbt, erklärten: diese Zeit sei ein Irrtum, zum mindesten sei sie nicht wichtig, unter allen Umständen aber verwerflich.
Die Kritiker, die es vielleicht gerne tun, werden dann abschließend bemerken, daß die expressionistische Schule weiß Gott zum ersten Male wieder ihr verfluchtes Zeitalter mit Ja und Nein, aber verdammt entschlossen, mit eiserner Konsequenz gespiegelt hat.
Es gibt drei Arten, seiner Heimat zu dienen. Erstens, indem man sie lobt, um andere zu verkleinern. Das ist armselig und Gott nicht wohlgefällig. Zweitens, indem man sie tadelt, um sie anzufeuern. Das ist mühselig und undankbar, aber eine prächtige Aufgabe. Drittens, indem man sie aus ihrem engen Gesichtskreis hinaushebt und, statt in ihrem nationalen Hader ersaufen, an der Brust der Welt zusammen mit den anderen Völkern trinken läßt. Das ist ein utopischer, aber der einzig praktische Gesichtspunkt. Man wird ihn erst einsehen, wenn Europa sich so die Rippen aufgerissen hat, daß erst der Sterbenden die Vision davon klar wird.
Die Nationalisten Europas benehmen sich wie die Kritiker, die Shakespeare vorwarfen, daß seine Römer mit Hüten gingen, seine Schiffe in Böhmen strandeten und seine Helden zu trojanischer Zeit den Aristoteles zitierten. Sie sahen auf die Lächerlichkeiten und bemerkten nicht den Bau des Leibes und die Schönheit ihrer Glieder und übersahen, daß sie, wie Jupiter das Kind der Semele in seinem Schenkel eingenäht barg, den Genius für die Welt in sich trage. In wessen Muskelsträhne aber glüht das noch verborgene Herz, um heimlich zu reifen, und mit der Führerschaft eines Gottes den Völkern einen Weg zu weisen, der sie aus ihren Trivialitäten in ein helleres Freiheitsleben führe?
Die Expressionisten haben immerhin dahinaus zu gedeutet und die Richtung einer ganzen Generation angegeben, während die Georgianer in ihren Höhlen mit anmutig gepuderten Fingern ihre Silben zählten. Sie haben sich mit ihrem Jahrhundert und seiner Sehnsucht gereckt, da ihnen nun einmal schon nicht beschieden war, ihre Nation in die Höhe zu führen. Sie haben daher ihre Epoche mit allen Furiosos geballt und sich ihr wieder entgegengestellt, indem sie die Sehnsucht nach der Größe und nach Europa mit hineinnahmen. Bliebe nichts, wäre das allein ein nicht entreißbarer Gewinn. Denn ohne Hingabe und ohne Ziel wird nichts. Zu Möllenbeck an der Elbe nur steht eine Holzfigur, die anzeigt, daß eine Frau ihrem gräflichen Gatten in seiner Abwesenheit neun Kinder geboren.
O deutsche Tartüfferie, an die Wunder zu glauben, die niemals kommen und die den blauäugigen Treuen noch nie erschienen sind. O deutsche Schwermut, die am falschen Orte jeweils traurig verneint und zu früh verurteilt und die ablehnt, was ihren Sinn voll Helligkeit und ihr Gesicht mit Größe gerne schmücken möchte. O deutsches Schicksal, das glaubt, auch geknebelt und geschunden noch die anderen Völker besiegen zu müssen, statt als Vorbild neuer Tugend ihnen hilfreich entgegenzukommen, auch wenn die anderen vor Mißtrauen heulen. Europa wird durch gegenseitige Zuneigung sein oder es wird nicht sein.