Wie schon beim Frühstück so gab es natürlich auch beim Mittagessen gar viele Dinge, welche ich nicht nach den Regeln des Anstandes verrichtete; denn zu Haus nahm die lärmende kleine Kindergesellschaft alle Aufmerksamkeit der Eltern in Anspruch, und Erhaltung der Ruhe war das erste und einzige Erforderniß bei Tisch, alles Uebrige blieb so ziemlich dem eigenen Gutdünken überlassen.
Die Mittagsmahlzeiten im Hause der Tante vergingen in der Regel ziemlich gleichförmig, dabei aber gemüthlich und heiter, denn die Tante würzte das Mahl durch angenehme Unterhaltung, in welcher ihre Ermahnungen zur Wohlanständigkeit wie große Ausrufungszeichen die gleichmäßige Rede unterbrachen.
»Bediene dich doch deiner Serviette, liebes Kind,« lautete z. B. eins der Gebote in meinem Anstandskatechismus. »Mit der Hand wischt man sich das Gesicht wohl nur da ab, wo keine Servietten wachsen.«
Das war auf deutsch bei den Bauern, ich verstand das wohl, und griff hastig nach dem bis jetzt so arg vernachlässigten Wesen.
»Sieh mal, was du für ein kleiner Gourmand bist!« sagte Tante Ulrike dann wieder neckend. »Schlürfst deine Suppe mit einer Kennermiene, gerade wie ein Feinschmecker seinen Wein. Gewiß willst du heraus schmecken, wie viel Pfund Rindfleisch diese Kraftbrühe hervorbrachten. Auch hast du es dir dabei recht bequem gemacht; essen bei euch die Ellbogen auch mit?«
»O der Thorweg ist zu klein für das mächtige Fuder Heu,« lachte sie ein andermal, wenn ich so große Bissen zum Munde führte, daß ich Mühe hatte, derselben Herr zu werden. Als ich nun gar mit diesem Vorrath zwischen den Zähnen sprechen wollte, legte die Tante energischen Widerspruch ein, denn: »mit vollem Munde redet man nicht.« Ebenso durfte ich weder die Finger auf den Teller, noch das Messer in den Mund führen, worin ich ebenso regellos handelte wie mit der Placirung von Kartoffelschalen und Knochen, die es nie merken wollten, daß ihr Platz nicht auf dem Tischtuche war, sondern auf dem Tellerrande.
»Du könntest dem armen Phylax wohl auch ein Fäserchen Fleisch gönnen, liebe Grete, und nicht selbst die Knochen so gründlich abnagen,« hieß es dann wieder, wenn ich mit jugendlichem Appetit Hühnchen oder Tauben verzehrte und dabei unbarmherzig alle Knochen zerbiß und benagte.
»In den Knochen sitzt das beste Mark, sagt Papa immer,« erwiderte ich eifrig. Als ich jedoch eines Tages mit meinen fettglänzenden Fingern in der Welt umher fuhr, indem ich ein zierliches Hühnerkeulchen zum Munde führte, sagte die Tante lächelnd:
»Mein lieber Schatz, morgen sind wir bei Dunkers zu Tisch, wie du weißt. Sei so gut und nimm dann kein junges Huhn zwischen die Finger; hier bei mir will ich es dir nicht wehren, eigentlich aber löst man das Fleisch mit Messer und Gabel vom Knochen, es schickt sich nicht anders.«
»Ja wohl, liebe Tante,« erwiderte ich überrascht, denn Geflügel hatte ich bisher immer nur mit Hülfe der Finger verzehrt.
Es war das erste Mal, daß ich mit der Tante zu einem Diner ausging, und mir klopfte das Herz, denn ich armer Neuling fürchtete überall, mich zu blamiren. Zum Glück setzte sich Marie neben mich, und so war ich denn im Falle der Noth gedeckt. Mein andrer Nachbar war ein dicker freundlicher Herr, der mir aussah, als bestehe sein größtes Vergnügen in Essen und Trinken. Das war denn allerdings auch wohl der Fall; aber das Behagen, mit dem er nun schlürfte und schmatzte, die unaussprechlich unappetitliche Art und Weise, wie er eben so viel neben seine breiten Lippen als zwischen dieselben führte, und endlich das Schnaufen, das diese gewichtige Arbeit dem dicken Herrn entlockte, verdarben mir selbst alle Eßlust. Ich dachte so recht an die Worte, welche Tante Ulrike mir noch gestern sagte, wie unangenehm es sei, einen Tischnachbar mit schlechten Angewohnheiten zu haben. Heut lernte ich dies Ungemach aus dem Grunde kennen. Freilich waren dergleichen Untugenden einem alten Herrn eher zu verzeihen, als einem jungen Mädchen, das litt keinen Zweifel, und ich begriff nun erst völlig, wie sehr ich selbst auf gute Manieren zu achten habe, um nicht auch Aergerniß zu erregen.
Nach der Suppe wurde ein wunderliches Gericht herum gegeben, das ich noch nie gegessen hatte: es war eine schwärzliche Masse, und seiner körnigen Gestalt nach hielt ich es für eingemachte Beeren. Da ich hiervon eine große Freundin war, und der alte Herr neben mir auch wacker zulangte, so nahm ich mir eine gute Portion auf den Teller und fing an zu schmausen.
Aber wie erschrak ich, als ein salzig schleimiger Geschmack statt des erwarteten süßen meine Zunge berührte! Ich war nicht im Stande, einen zweiten Bissen davon zu verzehren, und betrachtete verwundert meinen Nachbar, der die schwarzen Körner auf geröstete Semmelscheiben strich, sie dann mit Citronensaft beträufelte, und das Ganze alsbald mit größtem Behagen verzehrte.
Eben wollte ich Marie fragen, was das eigentlich für ein Produkt der Kochkunst sei, da wandte der alte Herr sich käuend zu mir, und mit den dicken glänzenden Lippen schmunzelnd sagte er, indem er auf meinen Teller zeigte: »Delicater Caviar! Auch Liebhaberin davon, meine Gnädige?«
Also Caviar war das. Ja, dem Namen nach kannte ich diese edle Gottesgabe wohl, in Person aber hatte sich nie ein Körnchen davon bis zu unserm Dorfe verirrt und war mir deshalb völlig unbekannt.
»O nein, ich ... ich war zerstreut, als ich mir davon nahm,« stotterte ich dunkelroth vor Verlegenheit, meine Unwissenheit thörichter Weise hinter einer Lüge verbergend.
»O, nicht möglich! Versuchen Sie nur einmal, ganz delicat, ich kann es versichern, und ich ... ich verstehe mich etwas darauf, was gut schmeckt,« versicherte der Dicke eifrig, und obwohl ich durchaus von der Wahrheit seiner Behauptung überzeugt war, so lehnte ich die Aufforderung dennoch dankend ab und sah mit großem Ergötzen, welche sehnsüchtigen Blicke mein Nachbar der von mir verschmähten Leckerei zuwarf, wovon der Diener mich endlich befreite.
Einige folgende Gerichte gingen ohne weitere Verlegenheiten vorüber, nur als ich Marien um Salz bat, und ich bei Ueberreichung desselben, wie ich gewohnt war, mit den Fingern in das Salzfaß greifen wollte, fuhr Marie erschrocken zurück und sagte leise: »Mit dem Messer, Gretchen!«
Ich folgte beschämt ihrer Weisung, obwohl ich wirklich sehr verwundert war; denn bis jetzt hatte ich mich immer meiner fünfzackigen Fingergabel zu diesem Geschäfte bedient.
Nun kam der Braten auf den Tisch, wirklich junge Hühner, wie Tante Ulrike gedacht, und ich erinnerte mich zum Glück der ertheilten Ermahnung und versuchte, das Fleisch mit Messer und Gabel abzulösen, statt wie sonst die zarten Knochen mit meinen Zähnen zu bearbeiten. Aber das war ein recht undankbares Geschäft, das Beste blieb dabei an den Knochen sitzen, und mit wahrem Bedauern trennte ich mich von diesen Resten. Die eingemachten Früchte, welche als Compot zu dem Braten gegeben wurden, täuschten mich jetzt nicht wieder, sie waren süß und lecker, wie ich es liebte, und nicht unangenehm salzig wie jener Caviar. Mit einem Behagen, das beinah dem meines eßlustigen Nachbars gleich kam, verzehrte ich diese süßen Erdbeeren, Kirschen und Pflaumen, und freute mich kindisch auf den Genuß der dicken Zuckersauce, in welcher die Früchte auf meinem Glasteller umher schwammen. Da ich diesen Zuckersaft jedoch nicht mit der Gabel verzehren konnte, ein Löffel aber nicht in meinem Bereiche lag, so erhob ich eben den kleinen Teller zu meinen Lippen, um, wie ich zu Haus so oft gethan, die Sauce davon zu schlürfen. Schon schwebte der Teller in der Luft meinem Munde entgegen, da fühlte ich mich plötzlich am Arme erfaßt, und mit einem schnellen Ruck stand der Teller wieder an seinem Platze.
»Um Himmels willen, Grete, bist du nicht klug?« raunte Marie mir dabei in das Ohr. »Die Sauce läßt man auf dem Teller.«
»Auf dem Teller?« rief ich ungläubig und sah mich nach Marie um, welche noch immer meinen Arm festhielt, in der Furcht, ich könnte die Comödie noch einmal aufführen wollen. »Die schöne Zuckersauce ist mir ja das Liebste am Eingemachten, die werde ich doch nicht zurück lassen?«
»Zu Haus thu' was du willst, in Gesellschaft geht es aber nicht anders, ich bitte dich, folge mir, Grete!« flüsterte Marie schnell, denn eben wurde sie von ihrem Nachbar in Anspruch genommen und konnte sich um mich nicht mehr bekümmern. Da saß ich denn nun betrübt meiner schönen Fruchtsauce gegenüber, die ich nicht essen durfte, und ärgerte mich recht aus Herzensgrunde über die sonderbaren Gesetze des Anstandes, welche mir erst geboten, das Fleisch an den Knochen sitzen zu lassen und jetzt gar das Beste vom ganzen Diner aufzuopfern.
»Was würde Mama zu dieser Verschwendung sagen,« dachte ich ärgerlich, wurde da aber gewaltsam aus meinem Sinnen gerissen, indem ich erschrocken vom Stuhle auffuhr und um mich blickte, wer denn geschossen habe. Mein alter Nachbar lachte herzlich über meinen Schreck, und bald sah ich, daß nur ein Champagnerpfropfen geknallt hatte, aber auch das hatte ich bis jetzt so selten gehört, daß mir dieser Ton sehr neu war. Und nun gar das Getränk selbst! Ich hatte es kaum einmal zu Haus gekostet, wenn Kindtaufen waren, nun stand ein hohes volles Glas davon vor mir, und lustig tanzten zahllose kleine Perlen aus der Spitze desselben empor.
Der Geschmack dieses Weines behagte mir aber ganz außerordentlich. Dieses Prickeln auf der Zunge, dieses Feuer, diese Süßigkeit, ohne weichlich zu sein, alles trug dazu bei, den Wohlgeschmack zu erhöhen, und jetzt ließ ich sogar mein Glas Ananaskardinal stehen, der mir so gut geschmeckt hatte, und trank lieber diesen köstlichen Champagner. Mein dicker Nachbar verstand es freilich noch besser als ich, aber er ergötzte sich so sehr an dem Wohlgefallen, das ich an dem Weine hatte, daß er mir ein Glas nach dem andern einschenkte. Bald glühten meine Backen, und es flimmerte mir vor den Augen; aber ich achtete nicht sehr darauf, bis ich endlich mit einem Male so verwirrt umher blickte, daß Marie mich ängstlich ansah und sagte:
»Bist du unwohl, Gretchen? Oder was ist dir?«
»Ich bin so confus, es dreht sich ja Alles,« rief ich leise und griff nach Marie's Hand, um mich an ihr festzuhalten.
»Hast du Champagner getrunken? Er ist sehr stark, nimm dich in Acht!« sagte Marie.
»Ja, drei oder vier Gläser. Herr von Martini hat mir immerfort eingegossen,« flüsterte ich und hielt mir die Augen zu, um mich zu fassen, denn mir war wunderlich zu Muthe.
»Aber wie kannst du auch? Cardinal hattest du ja auch schon getrunken,« schalt Marie und goß mir ein großes Glas Wasser ein, das ich hastig hinunter stürzte. Wirklich wurde ich davon auch klarer und freier und hütete mich nun wohl, noch einen Tropfen von jenem bösen, verführerisch leckern Weine zu genießen, so sehr mich auch mein Nachbar nöthigte und neckte. Er selbst konnte, wie mir schien, Ungeheures vertragen, ohne davon Schwindel zu bekommen, wie ich armer Neuling, denn sein Glas war stets auf der Wanderung begriffen vom Tische zu seinen Lippen und wieder zurück. Ich war herzlich froh, als man endlich vom Tische aufstand, um nach dem Garten zu gehen, wo der Kaffee eingenommen wurde. Die frische Luft brachte meine verwirrten Lebensgeister bald wieder in Ruhe und Klarheit, und an einer Erfahrung reicher wandelte ich mit Marie heiter im Garten umher. Unserer lieben Tante Ulrike, welche sich bald zu uns gesellte, beichtete ich dann ehrlich alle meine klugen Streiche, mit denen ich auf diesem meinem ersten Diner debütirte, und die mir unvergeßlich geblieben sind.
An jedem Montage erhielt die Tante Besuch von einigen Freunden, welche Abends den Thee bei ihr tranken und sich mit Gesprächen, Vorlesen oder auch wohl Kartenspiel unterhielten. Mir wurde an diesen Abenden das Amt, den Thee zu bereiten und den kleinen Kreis zu bedienen, da die Tante ungern Dienstleute im Zimmer sah. Das war mir, als ich die ersten Schwierigkeiten überwunden hatte, die mir aus diesem Geschäft entsprangen, recht sehr angenehm; denn häusliche Arbeiten machten mir stets viel Vergnügen, und ich entging dadurch am besten der Verlegenheit, unter diesen älteren Herren und Damen anständig still zu sitzen oder gar an Gesprächen Antheil zu nehmen, für die ich noch zu wenig allgemeine Bildung besaß. Zuhören konnte ich ja dabei ganz nach Behagen und war doch in meinem Wirkungskreise gut untergebracht. Aber Anfangs gab es freilich wieder mancherlei Dinge, welche ich erst lernen mußte.
So füllte ich die Tassen stets bis hoch hinauf an den Rand, was die Tante mir zwar gleich am ersten Morgen verboten, ich mir aber gar nicht merken konnte. Mir schien es immer, als würden die Leute meinen, ich gäbe es ihnen nicht gern, wenn ich so wenig in die Tassen goß. Die Folge davon war denn, daß der Thee über den Rand hinaus gedrängt wurde, sobald man Zucker und Sahne hinzu that, und daß von jeder Tasse ein Regen herab träufelte, sobald man sie an den Mund führte. Ferner lief ich mit der Theekanne rings im Zimmer umher, um gleich an Ort und Stelle die Tassen der Gäste wieder zu füllen, bis Tantchen mich leise zurück zog und mir die Tassen an das Buffet brachte, um dort einzugießen.
Dankte dann eins oder das andere der Gäste und wollte nichts mehr genießen, so hielt ich es für meine Pflicht, sie mit Bitten so lange zu bestürmen, bis ich meinen Thee oder Kuchen wieder angebracht hatte, was mir oft schwer genug wurde, bis die Tante mich endlich von diesem Amte erlöste. »Denn,« sagte sie, »in guter Gesellschaft dankt man, wenn man genug hat, ohne auf Nöthigung zu warten. Dies Bitten und Bestürmen ist gut kleinstädtisch und in manchen Kreisen vielleicht wohl gebräuchlich, zum guten Tone aber gehört es nicht, obwohl es eben auch kein Unrecht ist.«
Die Art und Weise, wie man jemandem etwas darbietet, will auch gelernt werden, und so erfuhr ich, daß man dem Gaste von der linken Seite etwas präsentirt, nicht aber von der rechten, denn sonst hat derselbe die rechte Hand nicht frei zum Zulangen.
Vor Allem hielt die Tante darauf, daß ich alle meine Geschäfte hübsch still und geräuschlos that, damit die Gäste nicht das Knarren der Räder, welche die Hausordnung trieben, unangenehm bemerkten.
»Mir wird immer ganz unbehaglich zu Muth, wenn ich jemanden besuche und sehe, welche Störung meine Gegenwart hervorruft,« sagte die Tante. »Da wird gerannt und gerufen, Thüren und Schränke auf und zu geworfen, heraus und herein geschossen, geklappert und gepoltert, und das Alles, um mir vielleicht ein Stückchen Kuchen auf einem Teller darzubieten, oder den Theetisch zurecht zu machen. Nur ja niemals viel Lärm um nichts, liebe Tochter, weder in leiblicher noch in geistiger Hinsicht.«
Da an diesen Montagen nur ältere Herren und Damen bei der Tante erschienen, so konnte ich ganz meiner Neigung folgen, welche mich antrieb, so zuvorkommend und aufmerksam, so dienstfertig und gefällig zu sein, als möglich. Jüngeren Personen, besonders jungen Herren gegenüber, hielt mich die Tante oft in meiner Dienstbeflissenheit zurück, da dieselbe, wie sie sagte, häufig zu weit ging. Daß man auch übertrieben gefällig sein könnte, kam mir freilich sonderbar vor, aber die Tante verstand das besser. Gegen alte Damen jedoch ließ sie mich ruhig gewähren, und da mein Herz mich ganz besonders zu einigen derselben hinzog, kannte meine Dienstfertigkeit keine Grenzen. Ihnen den Sitz behaglich zu machen, Fußbänkchen unter die Füße und Kissen in den Rücken zu schieben, nach Tuch und Mantel zu springen, ihnen die Maschen ihres Gestrickes zu zählen, oder herunterstürzenden Maschen zu Hülfe zu kommen, Nadeln einzufädeln, Garn oder Seide zu wickeln, Obst zu schälen, nach Riechfläschchen oder frischem Wasser zu springen, – alles das waren Dinge, die ich mit Entzücken besorgte, sobald mein spähendes Auge nur den leisesten Wunsch danach zu entdecken meinte, und freundlicher Dank wurde mir dann immer zu Theil.
Gegen die alten Herren war ich natürlich zaghafter, doch beeilte ich mich ebenfalls, wo es wünschenswerth schien, bequeme Sitze herzurichten, alles was zur Erde fiel aufzuheben, fein gedruckte Schrift heraus zu buchstabiren, Brillengläser abzuwischen, oder auch ruhig und gefällig zuzuhören, wenn irgend eine langweilige Erzählung keine aufmerksamen Zuhörer finden wollte.
Häufig, wenn diese gemüthlichen Abende nicht durch Kartenspiel ausgefüllt wurden, griff man zu der Lectüre irgend eines guten Buches, aus welchem ein oder das andere Glied der Gesellschaft vorlas. Am liebsten hörte ich Tante Ulrike vorlesen, deren weiches, klangvolles Organ wie Musik tönte und mir jetzt erst einen Begriff davon gab, welch' schöne Sache es um gutes Vorlesen sei.
Uebrigens wurde mir die Freude, Tante Ulrike lesen zu hören, öfter zu Theil; denn damit auch ich in dieser Kunst etwas lernte, nahm sie sich die Mühe, häufig auch mit mir etwas zu lesen. Ich armer kleiner Stümper wagte anfangs kaum, neben dieser fertigen Vorleserin die Lippen zu öffnen; aber in ihrer freundlichen Weise ermunterte sie mich dabei, ohne müde zu werden, ließ mich oft Zeile für Zeile nachsprechen, Sätze drei bis vier Mal lesen, bis ich den Ton und Ausdruck gefunden, den sie selbst hinein legte, und so bildete sich nach und nach auch mein Vortrag.
Mit diesen Vorlesungen verband die Tante übrigens noch einen andern Zweck, meine Erziehung betreffend. Um mich zu gewöhnen, auch mit müßigen Händen anständig und still dazusitzen, was mir sehr schwer wurde, wie vielen andern Leuten auch, duldete die Tante nicht, daß ich mich während des Lesens mit einer Handarbeit beschäftigte.
»Junge Mädchen wissen immer nicht, was sie mit ihren Gliedern anfangen sollen, wenn sie nicht mit den Händen arbeiten oder mit den Füßen tanzen können,« sagte die Tante, und wie sehr sie darin Recht hatte, fühlte ich an mir selbst nur zu wohl. Auch meine Haltung ließ viel zu wünschen übrig, und mein Rücken suchte sich immer kräftigen Beistand an der Stuhllehne; ich glaube, mein Kreuz bedurfte der Stütze, da ich eine so lang aufgeschossene Hopfenstange war.
»Sieh, ich bin alt, und halte mich viel besser, als du junges Mädel!« sagte die Tante, und darin hatte sie nur zu wahr gesprochen, denn sie hielt sich in der That so musterhaft gerade und stattlich, ohne dabei steif oder altmodisch auszusehen, daß ich es mit ihren silbergrauen Löckchen gar nicht vereinen konnte, welche doch die Schwäche des herannahenden Alters verkündeten.
»Das ist alles nur Gewohnheit, Kind,« pflegte sie zu sagen, wenn ich diese meine Verwunderung gegen sie aussprach. »Wer krumm sitzt, wächst krumm. Das Bäumchen, das als schwacher Stamm gerade gezogen wird, giebt einen stolzen, stattlichen Baum im Alter. Jung gewohnt, alt gethan! Wer z. B., wie meine liebe Grete so eben thut, schon mit 16 Jahren seine Füße so weit von sich fort streckt und mit den Händen ungeheuerliche Fechtübungen macht, während der Mund redet, der wird auch mit 60 Jahren nicht, wie es der Anstand erfordert, geschlossene Glieder und ruhige Bewegungen erlangt haben.«
Dabei schob die Tante eine Fußbank unter meine baumelnden, zappelnden Füße, leider aber gab es für meine zehn Finger keinen derartigen Ruhepunkt, und dieselben einfach und ruhig im Schooße liegen zu lassen, wie es schicklich, war eine schwere Aufgabe.
»Die du aber lernen mußt,« sagte die Tante, »denn ein junges Mädchen, das während des Gespräches die Finger still hält, und nicht irgend etwas darin dreht oder sonstige Verlegenheitsmaneuvres macht, ist eine seltene Erscheinung. Wenn ihr nur wüßtet, ihr jungen Mädchen, wie unbehaglich ihr durch diese Unruhe des Körpers für Andere werdet, ihr dächtet mehr daran, es zu vermeiden.«
»Ja, Tantchen, da muß man aber immerfort nur an sich denken, und an alles das, was anständig ist,« klagte ich kleinlaut.
»Das lernt sich schon, und dann kann man später gar nicht anders,« entgegnete die Tante. »Auch du wirst es früher lernen, als du jetzt denkst, mein kleiner Backfisch; denn ich sehe, du giebst dir Mühe, und ich bin ganz gut mit dir zufrieden, wenn ich auch immerfort tadle. Nur Geduld, es wird schon werden, mein Töchterchen!«
Das war das erste Lob, welches die Tante mir in Betreff dieses Punktes ertheilte. Wie glücklich machte es mich, und wie hob es meine muthlos sinkenden Flügel! Damit ich mir aber nichts auf meine riesigen Fortschritte einbilden möchte, stand schon wieder ein kleiner Dämpfer in der Nähe.
So eben nämlich lasen wir in Goethe's Tasso die schönen Worte:
»O, Tantchen, das klingt gerade, als hätte Goethe dich mit diesen edlen Frauen gemeint!« rief ich mit jugendlicher Wärme.
Die Tante blickte lächelnd vom Buche auf, und indem sie mich ansah, spielte plötzlich ein lustiger Gedanke auf ihren Lippen.
»Du bist eine kleine Schmeichelkatze,« sagte sie. »Mir fällt da aber gerade ein anderer Vers ein, der auf dich vortrefflich paßt.«
»Auf mich, Tantchen? Ein Vers? Was denn für einer?« fragte ich verwundert.
»O er ist nur kurz, aber desto treffender,« lachte die Tante, und nun sprach sie in singendem Tone:
Also das war's! In Gedanken verloren hatte ich mich in meinen Stuhl zurück gelegt, und mit demselben auf und nieder wippend, schlug ich mit meinen Füßen munter den Takt dazu, indem ich sie hin und her schlenkerte.
Mit fröhlichem Gelächter fiel ich der Tante um den Hals und küßte sie wegen ihrer köstlichen Einfälle so stürmisch ab, daß sie mich nur mit Gewalt von sich abwehren konnte und mich ein tolles, wildes Ding nannte, dem sie zur Strafe nun heute kein klassisches Wort weiter vorlesen werde. »Hier ist andere Speise für das kleine Bauermädel,« sagte sie dabei und griff nach einem Buche, das sie mir für mein einsames Stündchen nach Tische, während sie selbst ihre Mittagsruhe hielt, zum Durchlesen anempfahl.
Es war Uli der Knecht, und dessen zweiter Band, Uli der Pächter, von Jeremias Gotthelf. Ach ja, das gefiel mir allerdings unbeschreiblich; aber an diesem wundervollen Werke mußte ja wohl jeder Gefallen finden, der Sinn und Herz besaß für einfache, tief gefühlvolle, brave Menschen. Welch einen Schatz an Gemüth barg dieses liebe Buch in sich, welche derben, biederen Naturen waren darin gezeichnet, und welche feine Beobachtung des rein Menschlichen!
Ich vertiefte mich bald völlig in diese schöne Welt, in welche der Dichter mich einführte, in das Leben unter schlichten Bauern draußen auf dem Dorfe, eine Welt, die mir selbst ja so lieb und vertraut war, und erwachte erst wieder für meine gegenwärtige Umgebung, als die Tante zum Kaffee rief. O weh, o weh, den hatte ich ganz über meinem Buche vergessen! »Erst die Pflicht, dann das Vergnügen!« lautete der Wahlspruch der Tante, wer den aber nicht beherzigte, war die nachlässige Jungfer Grete, sonst hätte sie erst den Kaffee gekocht und dann gelesen.
Der lebhafte Verkehr, den Tante Ulrike mit allen ihren Bekannten unterhielt, und die häufigen Gesellschaften, in welche sie nun auch mich mit einführte, verursachten mir anfangs große Angst und gaben Anlaß zu gar mancher Rüge von meiner lieben Tante Anstand.
Unvergeßlich ist mir vor Allem ein Abend geblieben, der so reich an Ereignissen für mich war, daß ich davon erzählen muß, da er in seinen Folgen tief in mein Leben eingriff, ohne daß ich es damals ahnen konnte.
Wir waren in einer glänzenden Abendgesellschaft bei Präsident Römers. Ich stand, wie gewöhnlich, neben meiner Freundin Marie, die mir hier wie überall ein Retter in der Noth war, denn ich kannte in der zahlreichen Gesellschaft fast keine Seele weiter. Ziemlich gelangweilt blickte ich im Saale umher und musterte die elegante Menge. Plötzlich aber blickte ich freudig auf. »Ach Marie, sieh doch, da ist der Dr. Hausmann aus F., der hat Papa kürzlich besucht,« rief ich hoch erfreut und zeigte mit dem Finger nach einem großen blonden Herrn, der mitten unter andern Gästen stand. »Den muß ich begrüßen! Wie wird er sich wundern, mich hier zu sehen!«
Schnell wollte ich von Marie's Seite fort und zu Dr. Hausmann hinüber, als ich meiner Freundin Hand fest auf meinem Arme fühlte.
»Halt, Gretchen!« rief sie leise, mich zurück ziehend. »Erstens zeige um Himmels Willen nicht mit den Fingern nach jemand, das ist schrecklich unanständig, und dann muß ich dir sagen, es geht doch wirklich nicht an, daß du den Dr. Hausmann jetzt anredest, wo er mitten unter den andern Herren steht, du müßtest dich ja mit Gewalt zwischen diesen hindurch drängen, um zu ihm zu gelangen.«
»Ach das ist wahr, daran hatte ich gar nicht gedacht!« sagte ich betreten.
»Ueberhaupt,« fuhr Marie fort, »kennst du denn den Herrn so genau, daß du ihn zuerst begrüßen willst? Er ist wohl ein guter Freund eures Hauses?«
»Nein, ich habe ihn nur ein einziges Mal bei uns gesehen, er kam in Geschäften zu Papa und blieb den Nachmittag bei uns,« erwiderte ich etwas befangen. »Aber da ich die Leute hier so wenig kenne, so freue ich mich darauf, mit ihm von Schreibersdorf zu sprechen; das bringt ihn mir viel näher, als all' die andern Herren, die weder meinen Papa noch irgend jemand von zu Haus kennen.«
»Weißt du was, Gretchen, wenn du ihn nicht näher kennst, so warte, bis er dich begrüßt,« sagte Marie. »Dann schickt es sich wirklich nicht anders. Denn wenn er dir auch dadurch interessant wird, daß er die Deinen kennt, so bist du es ihm doch vielleicht viel weniger, sonst hätte er dich wohl schon angesprochen.«
Wie immer, mußte ich auch hier meiner weisen Marie Recht geben; doch verdroß es mich gewaltig, daß ich für den jungen Herrn, der mich so lebhaft interessirte, gar nicht zu existiren schien. Aber lange sollte mein Zorn nicht anhalten; denn bald bemerkte ich, wie sich der Herrnknäuel entwirrte, und mein blonder Herr Doctor juris rasch auf mich zugeschritten kam.
»Fräulein Geßler, finde ich Sie hier? Welche Ueberraschung!« rief er freudig. »Ich sehe Sie erst in diesem Augenblicke, sonst hätte ich mich beeilt, Sie früher zu begrüßen. Wie geht es Ihnen denn?«
Dacht' ichs doch! Er freute sich auch, mich hier unter all' den fremden Leuten zu sehen, und hatte es mir nur nicht früher sagen können, da er mich jetzt erst bemerkte. Das war mir gar zu angenehm, und fröhlich schwatzte ich nun mit meinem »lieben Freunde«, wie Marie ihn neckend nannte, von allen meinen Lieben zu Hause, und Dr. Hausmann schien sich so für Alles zu interessiren, was ich ihm vorplauderte, daß ich meine Umgebung völlig vergaß und ihm mit unbeschreiblichem Vergnügen und offenem Herzen gleich von allen möglichen Dingen erzählte. Nachdem wir lange Zeit mit einander geschwatzt hatten, sah ich Tante Ulrikens feine Gestalt in meiner Nähe, und mir schien, sie blickte sehr prüfend und überrascht zu ihrem Backfischchen hinüber. Da fiel mir ein, daß es ihr auch Freude machen würde, den Dr. Hausmann kennen zu lernen, und so stand ich rasch auf und sagte, ich wollte meine Tante herbei rufen. Der Doctor folgte mir aber auf dem Fuße und bat, ihn doch lieber zu der Tante hinzuführen, damit er sich ihr vorstelle. Dabei lächelte er so eigen, daß ich fühlte, ich hatte da gewiß wieder etwas Dummes gemacht, und mit Purpur übergossen eilte ich ihm voran, hin zu Tante Ulrike, der ich meinen Bekannten mit einigen Worten präsentirte.
Die Tante begrüßte den Doctor zwar in ihrer freundlichen Weise, wie sie eben gegen alle Menschen so engelsgut war, aber meinen Gefühlen genügte dieser Empfang bei weitem nicht und erschien mir gar zu kühl und zurückhaltend. Hatte ich ja doch schon von so Vielem mit ihm gesprochen, was meinem Herzen nahe stand, von meinen Eltern und Geschwistern, meinem lieben Vaterhause mit all' seinen gemüthlichen Einwohnern und Räumen, und von unserm traulichen, freundlichen Dorfe, das mitten in Wald und Wiese lag, wie eine Perle in der Muschel. Das Alles hatte ihn mir so nahe gebracht, mir die Zunge gelöst und das Herz auf die Lippen geführt, und nun behandelte ihn die Tante zwar freundlich, aber doch gerade ebenso fremd als jeden andern jungen Herrn, der ihr vorgestellt wurde. Das war recht unangenehm!
Aber wie groß war mein Erstaunen, als der Doctor sich entfernt hatte, und die Tante sich nun mit nicht gar zu freundlichem Gesicht zu mir wandte.
»Du warst ja recht vertraut mit dem jungen Herrn,« sagte sie, mich mit sich in eine Fensternische ziehend, wo wir wenig beobachtet werden konnten. »Ist denn der Dr. Hausmann ein so naher Freund eures Hauses? Davon wußte ich gar nichts.«
»Nein, Tantchen, sehr befreundet ist er meinen Eltern nicht,« erwiderte ich, etwas ängstlich geworden. »Ich freute mich aber sehr, ihn hier zu sehen, wo mir so viele Personen unbekannt sind.«
»Und in deiner Freude hast du ganz vergessen, was sich für ein junges Mädchen schickt, mein Töchterchen,« sagte die Tante sanft.
»Ich, Tantchen?« rief ich wahrhaft erschrocken, denn davon hatte ich keine Ahnung.
»Ja du, mein Herz! In deiner Lebendigkeit hast du nicht beachtet, wie viele verwunderte Blicke zu dir hinflogen, während du dich mit dem jungen Mann so laut unterhieltest, daß die ganze Umgebung an eurem Gespräche Antheil haben konnte. Dann lachtest du dazwischen auch so laut, wobei du den Mund recht unschön aufsperrtest und dich auf dem Stuhle weit hintenüber legtest, daß mir angst und bange wurde. Das Schlimmste aber war, daß du mit dem jungen Herrn sogar leise tuscheltest, als wäret ihr die intimsten Freunde. Was in aller Welt fällt dir ein, Kind? Du bist doch sonst so schüchtern und ängstlich, heute aber kenne ich dich gar nicht wieder.«
»Ach, Tantchen, ich erzählte ihm einige meiner dummen Streiche, und das sollte doch niemand weiter hören; aber ich sah wohl, daß einige Gäste unserm Gespräche lauschten,« sagte ich ganz außer mir vor Schrecken.
»Also dergleichen hast du schon mit ihm gesprochen? Das ist ja viel Vertrauen, das du diesem Herrn schenkst. Kennst du ihn denn so genau, daß du weißt, er verspottet nicht etwa im Herzen deine Vertraulichkeit?«
»Nein, Tantchen, das würde ich nie von ihm glauben!« rief ich erglühend. »Er hat sich ja so für Alles interessirt, was ich ihm von meiner Familie und meiner Heimath erzählte, und das würde er gewiß nicht gethan haben, wenn er so schlecht wäre.«
»Nun natürlich erschien dir das so, Kind, denn er konnte doch nicht so unartig sein, fortzulaufen, wenn eine junge Dame ihm so vertrauliche Herzensergüsse macht,« sagte die Tante lächelnd.
»Aber Tantchen!« jammerte ich dem Weinen nahe.
»Ich kann dir nicht helfen, du mußt diese kleine Strafpredigt hinnehmen, damit du vorsichtiger wirst,« fuhr die unerbittliche Tante fort. »Wer weiß, ob dein Freund nicht jetzt gerade dabei ist, einem andern jungen Herrn zu erzählen, welch' thörichtes Backfischchen dieses junge Fräulein Geßler ist, und ob diese Beiden sich dann nicht auf deine Kosten recht herzlich lustig machen.«
»Tantchen, um Alles in der Welt sprich nicht so!« flehte ich trostlos, indem dicke Thränen der Angst und Verzweiflung über mein Gesicht rollten.
»Nun wir wollen das Beste hoffen, Kind, tröste dich nur,« sagte die Tante, mir das Haar aus meinem glühenden Gesicht streichend. »Aber warnen mußte ich dich, damit du vorsichtiger und besonnener wirst, und deinen Gefühlen nicht noch freieren Lauf läßt. Jetzt nimm dich zusammen, mache durch gehaltenes, nettes Betragen wieder gut, was du in den Augen so Mancher versehen, und vor Allem, zeige ein ruhiges, freundliches Gesicht; denn es ist nie rathsam, die Gesichtszüge Verräther der Gefühle und Herzensbewegungen werden zu lassen, in Gesellschaft aber am wenigsten. Sieh, da kommt deine gute Marie, sie wird dich besser trösten können, als ich es im Stande bin.«
Während Marie zu uns trat, ging die Tante einer alten Dame entgegen, und überließ es uns, nach Belieben unsere Herzen gegenseitig zu öffnen. Die stille Fensternische verbarg denn auch noch für eine Weile all' meinen Jammer, den ich in das Herz meiner guten Marie ausschüttete, und von ihr erhielt ich allerdings auch reichlich Trost und Beruhigung für alle Thorheiten, die ich begangen.
»Aufgefallen ist dein Betragen freilich, das kann ich nicht leugnen,« sagte Marie nach meinen Bekenntnissen, »und ich hätte dich gar zu gern aufmerksam gemacht, daß du lange genug mit dem Dr. Hausmann gesprochen habest. Du schienst mich aber über deinem Gespräche ganz zu vergessen, so nah ich dich auch umschwärmte, und unaufgefordert konnte ich mich in eure Unterhaltung nicht mischen, da ich deinen Freund nicht kannte.«
»Ach nenne ihn nur nicht so!« bat ich kleinlaut. »Wer weiß, ob er dieses Namens nicht vielleicht völlig unwürdig ist und meiner spottet.«
»Nein, das glaube ich nicht,« sagte Marie ernst. »In seinem Gesicht spricht sich viel Ernst und Milde aus, und wenn er vielleicht auch ein klein wenig im Herzen über das junge Backfischchen lächelt, das sich noch nicht recht zu benehmen weiß, so wird er dich doch sicher nie verspotten, sondern dein Zutrauen zu ehren wissen.«
»Glaubst du das wirklich, Marie?« rief ich voll Entzücken, »Ach die Tante hatte mir gar zu bange gemacht!«
»Ich müßte mich in seinem Gesicht völlig irren, wenn es anders wäre,« sagte Marie sinnend.
»Aber alle die Menschen hier, wie schrecklich habe ich mich vor denen blamirt! Ich wage gar nicht aus meiner Ecke heraus zu kriechen,« seufzte ich weiter.
»Auch damit ist es nicht so schlimm, als du denkst,« tröstete Marie. »Das Schlimmste, was ich in deiner Umgebung vorhin hörte, war, daß man lachte und dich für sehr jung erklärte, und sehr kindlich und unbefangen, und das ist am Ende Alles zusammen kein großer Fehler. Uebrigens wird man jetzt nach so langer Zeit die Geschichte vergessen haben; komm nur getrost wieder an das Lampenlicht, denn länger dürfen wir hier jetzt nicht mehr stehen. Sieh, da kommt Fräulein Meynfeld, sie ist stets sehr freundlich zu mir, und ich habe sie noch nicht begrüßt. Adieu, auf Wiedersehn! Sei guten Muthes, mein Rosenknöspchen, und mache kein solch armes Sündergesicht mehr!«
Dabei nickte mir Marie's blondes Köpfchen fröhlich zu, und bald sah ich meinen blauen Himmel an der Seite Fräulein Meynfelds, eines ältlichen, angenehmen Fräuleins, dahin schweben.
Zaghaft mischte ich mich wieder unter die übrigen Gäste, und setzte mich still etwas seitwärts in einem Zimmer neben dem Salon nieder, in welchem man eben anfing zu musiciren. Die Diener reichten Eis herum, was ich sehr liebte, und so vertrieb ich mir die Zeit eine Weile recht gut ganz allein, indem ich bald der Musik lauschte, bald mein Eis langsam auf der Zunge schmelzen ließ, so daß es mein heißes Blut angenehm kühlte. Dabei beobachtete ich meine Umgebung, ob ich nicht auch vielleicht etwas bemerkte, was nicht ganz nach den Regeln des Anstandes sein möchte, damit ich doch nicht allein solch armer Sünder war. Aber nein, ringsum war alles gehalten, ernst, anständig; man unterhielt sich wohl, aber wegen der Musik nur leise, machte sich zierliche, wohlanständige Verbeugungen, und saß und stand überall so gerade, so sittig und passend, daß ich mich seufzend abwandte.
Da fiel mein Blick auf einen Herrn, der dicht neben mir stand. Er schien mir nicht mehr ganz jung zu sein und sah auffallend ängstlich und befangen aus; auch war er augenscheinlich ganz unbekannt in dem Kreise und verstand so wenig, seine Schüchternheit zu verbergen, daß ich herzliche Sympathie mit diesem Einsamen fühlte.
Die Musik schwieg endlich, die Gesellschaft schwirrte wieder lebhafter durch einander, nur mein Fremdling verharrte in seiner Verlassenheit. Auch ich blieb ruhig auf meinem Stuhle sitzen, denn ich war verstimmt und konnte meiner Laune nicht Herr werden.
Endlich aber erhob ich mich, um meinen Teller fortzusetzen und sah dabei, das auch mein Einsamer seinen Teller noch in der Hand hielt und sich augenscheinlich dadurch in großer Verlegenheit befand, da er nicht wußte, was damit anfangen.
»Ach,« dachte ich, »du armer Schelm bist doch noch ungelenker, als ich kleiner Backfisch,« und da ich dicht an ihm vorbei gehen mußte, so griff ich, ein freundliches Wort sprechend, auch nach dem Teller des Einsamen und erlöste den Armen von seiner Verlegenheit.
Ueberrascht fuhr derselbe auf und starrte mir stumm in das Gesicht. Endlich besann er sich und machte mir eine Verbeugung, die herzlich steif ausfiel. Dann stand er wieder wie vorher still auf seinem Platze, und auch ich nahm meinen Sitz wieder ein, da die Musik von Neuem ertönte.
Ich glaubte, wie gesagt, anfangs, als ich meinen stummen Nachbar betrachtete, einen nicht mehr jungen Mann vor mir zu haben. Indem ich denselben jedoch jetzt in der Nähe angesehen, merkte ich wohl, daß er noch zu den jüngeren Herren gehörte, und daß nur seine wunderliche Haltung an diesem Irrthum die Schuld trug. Ich blickte deshalb jetzt von meinem Stuhle aus noch einmal zu dem Fremden hin, um den ersten Eindruck mit dem späteren zu vergleichen. Da aber wandte sich der Beobachtete schnell nach mir um, und ehe ich noch meine Blicke von ihm abgewendet, sah er mich mit seinen dunkeln, eigenthümlich schwermüthigen Augen starr und stumm lange Zeit an.
Etwas gepeinigt durch dieses Anstieren machte ich mir schnell an meinen Handschuhen etwas zu schaffen, deren Knöpfe aufgesprungen waren. Nun aber, als ich des Einsamen Gesicht jetzt eben wieder betrachtete, war mir dessen Aehnlichkeit mit irgend jemand aufgefallen, den ich kannte, ich konnte mich aber durchaus nicht besinnen, wer es sei, der ihm gleiche. War es Prediger Moller in Magdeburg, oder Onkel Heinrich in Leipzig? Nein, nein, Dr. Sarre in Halle sah ihm wohl ähnlich, oder mehr noch Amtmann Amelang, unser Nachbar in Schreibersdorf. Ich konnte mit mir nicht darüber einig werden, und doch quälte es mich unablässig, wie es mit solchen Dingen geht, denn eine große Aehnlichkeit war da, aber mit wem nur am meisten? Ich mußte es heraus bekommen, mußte mir noch einmal das eigenthümlich anziehende Gesicht des Einsamen darauf ansehen.
Getrost blickte ich deshalb wieder auf und gerade zu dem Fremden hin, der mich jetzt gewiß längst ignorirte.
Aber wie erschrak ich, als ich nun bemerkte, daß die Blicke desselben immer noch auf mir ruhten wie vorher. Das war doch recht lästig, was hatte denn der wunderliche Mann an mir zu sehen? Er war doch gar zu sonderbar! Ich fühlte, wie mein Gesicht vor Verlegenheit feuerroth wurde, eine Erscheinung, die mich freilich oft genug belästigte, aber ich konnte es nicht ändern. Unruhig rutschte ich auf meinem Stuhle umher und nahm mir fest vor, den Platz zu wechseln, sobald das Gesangstück beendigt war. Das schien aber kein Ende nehmen zu wollen, und während ich nun ordentlich scheu und erschrocken meine Augen vor den Blicken des Sonderlings senkte, geschah wieder etwas, das denselben in neue Verlegenheit brachte.
Er hielt nämlich, wie alle Herren, seinen Hut unter dem Arme, aber so ungeschickt, daß ich schon immer gefürchtet hatte, er werde ihn fallen lassen. Und richtig! Plautz! da lag der unglückliche Hut endlich auch und zwar gerade vor meinen Füßen. Der Fremde war in höchster Bestürzung, und vor Verlegenheit wagte er kaum, nach seinem Eigenthum die Hand auszustrecken. Unwillkürlich bückte ich mich deshalb schnell, griff nach dem Hute und reichte, natürlich abermals tief erröthend, denselben seinem Besitzer hin, der ihn mit einer steifen Verbeugung aus meiner Hand empfing. Hierbei aber verlor er nun wieder seine Handschuh, die er in der Hand hielt, und ehe er noch seinen steifen Rücken gekrümmt hatte, übergab ich ihm auch schon das Verlorene wieder.
Abermaliger Bückling und große Verlegenheit, denn nun stand er vor mir und wußte nicht, sollte er sprechen oder seine stumme Rolle ferner weiter spielen. Um den wunderlichen Gesellschafter, sowie mich selbst aus der peinlichen Situation zu erlösen, griff ich nach einer Bildermappe, welche in der Nähe aufgeschlagen lag, und vertiefte mich scheinbar lebhaft in die Betrachtung der Kupferstiche.
Hatten nun aber diese Bilder wirklich das Interesse des Einsamen erregt, oder meinte er, mir seine Aufmerksamkeit beweisen zu müssen, kurz, er schaute mit vorgestrecktem Halse und weit geöffneten Augen nach den Bildern hin, die ich durchblätterte, blieb dabei aber in so gemessener Entfernung stehen, daß ich das Lachen verbergen mußte, das seine Stellung in mir erregte. Um ihn jedoch los zu werden, reichte ich ihm ein Blatt nach dem andern hin, damit er es sehen konnte, ohne mich zu belästigen.
Diese neue Aufmerksamkeit schien den Damm seiner Schüchternheit zu durchbrechen. War ich ja doch augenscheinlich die Einzige, die sich seiner erbarmte unter all' den Gästen, – unter Larven die einzig fühlende Brust! – dem konnte sein Herz nicht widerstehen, das besiegte selbst seine Blödigkeit!
»Mein gnädiges Fräulein,« sagte er stotternd und leise, indem er sich an meine Seite setzte, »ich danke Ihnen, o ich danke Ihnen!« Dann fragte er mich, ob ich mich für die Kupferstiche interessire, und als ich dies bejahte, dabei aber meine völlige Unkenntniß eingestand, fing er an, mit leiser Stimme, um die Musik nicht zu stören, von den Meistern zu reden, deren Werke vor uns auf dem Tische lagen: Dürer, Holbein, Carstens, sowie den berühmtesten Italienern Rafael und Michel Angelo. Mir war anfangs etwas ängstlich zu Muthe, denn ich erinnerte mich wohl, daß die Tante mir geboten, nur mit solchen Herren zu sprechen, die mir vorgestellt seien, und den wunderlichen Fremden kannte ich doch gar nicht. Aber bald vergaß ich diese meine Furcht über dem lebhaften Interesse, das seine Reden mir erregten. Er hatte augenscheinlich große Kenntniß in Kunstsachen, denn von jedem der Meister, sowie von ihren Werken wußte er mir in einer sehr anziehenden Weise etwas zu sagen.
Jetzt aber schwieg die Musik wieder, und es wurde um uns her lebhaft. Ich fing wieder an mich zu ängstigen, daß ich mit dem wunderlichen Fremden so allein in einer Ecke saß, er aber schien dies gar nicht zu bemerken, sondern fuhr in seiner Unterhaltung gleichmäßig fort. Da endlich sah ich Marie's blaues Kleid in der Nähe, und mich schnell erhebend, sagte ich hastig: »Entschuldigen Sie, ich glaube, man sucht mich.«
Da kam Marie aber schon auf mich zu. Sie war sehr erstaunt, mich mit dem Fremden in so nahem Verkehr zu finden, und indem sie demselben eine leichte Verbeugung machte, sagte sie: »Ah, Herr Baron, sieht man Sie auch einmal hier? Das ist schön!« Ich flüsterte Marien hastig zu, sie möchte mir den Herrn vorstellen, da sie ihn kenne. Marie sah mich verwundert an, denn sie dachte natürlich, daß mein gesprächiger Cavalier dies schon selbst gethan hätte, nun aber wandte sie sich gefällig wieder zu uns und sagte: »Liebes Gretchen, erlaube, daß ich dir einen Freund meines Bruders vorstelle, den Herrn Baron von Senft. Und dies, Herr Baron, ist meine liebe Freundin Margarethe Geßler.«
Alle Steifheit und alles Ungeschick, das mein armer Einsamer während der lebhaften Unterhaltung glücklich überwunden hatte, kehrte jetzt mit einem Male in vollster Blüthe zurück, sowie Marie zu uns getreten, und gesellschaftliche Formen wieder von ihm verlangt wurden. Er machte eine unendlich linkische Verbeugung und stotterte einige unzusammenhängende Laute, aus denen nur einzelne Worte, wie: entzückt – Fräulein – gütig, vernehmbar hervor tauchten, wie Froschköpfe aus dem Sumpfe.
Wir eilten der Verlegenheit ein Ende zu machen, indem wir uns schnell empfahlen und nach einem andern Zimmer gingen. Aber mit wahrhaftem Mitleiden bemerkte ich die traurigen Blicke, welche der aufs Neue Vereinsamte mir nachsandte, und ich konnte mir nicht helfen, mein gutes Herz trieb mich, ihm noch einen recht freundlichen Gruß zurück zu schicken.
»Was tausend heißt denn das, Grete? Du bist heute ja ganz ausgetauscht!« lachte Marie, als sie meinen Gruß bemerkte. »Erst so vertraulich mit Dr. Hausmann, und nun gar ein Herz und eine Seele mit dem menschenscheuen Baron Senft? Irre ich nicht, so habe ich so eben ein sehr interessantes tête-à-tête gestört, in dem du mit dem Sonderling begriffen warst. Nun sollst du mir noch einmal weiß machen, du seist blöde! Dem Mädchen, das den Baron Senft gewinnen kann, gehört wahrlich eine Verdienstmedaille!«
»So schweig doch nur endlich mit dem Unsinn und höre, wie das alles gekommen ist!« rief ich ärgerlich, denn ich schien heute wirklich dazu verdammt, den Schein eines unbesonnenen, koketten Mädchens auf mich zu ziehen. Hastig erzählte ich nun der Freundin, wie sich unsre Bekanntschaft angeknüpft, und wie ich nichts weniger gewollt, als mich dem Sonderling aufzudrängen; aber wie das Mitleid, das ich mit seiner Unbehülflichkeit gehabt, mir endlich seine Aufmerksamkeit erworben und die Eisrinde seiner Schüchternheit aufgethaut habe.
»Nun ein anderer, als unser scheuer, guter Baron hätte deine Aufmerksamkeiten wohl noch anders verstehen können,« lachte Marie. »Ich bitte dich um Alles, spare deine Dienstfertigkeiten für andere Leute auf, junge Herren werden nun einmal nicht von jungen Damen bedient. An dem armen Baron aber hast du eine Eroberung gemacht, den haben deine schwarzen Augen versengt; denn sieh nur, da steht er schon wieder in der Thür und blickt sehnsuchtsvoll zu uns herüber.«
Wirklich, Marie hatte Recht, dort stand er und sah mich mit seinen großen Augen so eigenthümlich an, daß ich wieder dunkelroth wurde und mich ängstlich an Marie's Arm klammerte und flehentlich bat, sie möge mich nicht mehr verlassen, ich mache sonst noch mehr Thorheiten. Zum Glück nahte sich die Gesellschaft ihrem Ende, und ich ward aus der peinlichen Situation erlöst, in welche meine Unerfahrenheit mich wieder aufs Neue versetzt hatte. Die lose Marie flüsterte mir als Gruß zur guten Nacht noch schelmisch zu: »Gratulire zu deiner Eroberung, träume süß, liebes Gretchen!«
Am andern Morgen kam Marie zeitig zu mir, um zu hören, wie meine gestrigen Aventuren mir bekommen wären. Sie neckte mich in so lustiger Weise, war so ausgelassen und schalkhaft, daß ihre Heiterkeit mich bald auch ansteckte, und wir nun alle Beide um die Wette über meine Eroberung lachten. Wahrscheinlich waren wir schrecklich albern und kindisch, denn die Tante, welche sonst gern mit uns scherzte, wollte heute gar nicht auf unsere Fröhlichkeit eingehen. Gestern Abend hatte ich ihr beim Schlafengehen in unserem traulichen grünen Stübchen noch ehrlich alles gebeichtet, und obwohl sie mich vor ähnlichen Unbesonnenheiten warnte, so mußte sie dennoch herzlich über die Geschichte lachen; zuletzt aber wurde sie ernst und nachdenklich und sprach nicht weiter von der Sache.
»Hört einmal, Kinder,« sagte sie jetzt, als wir beiden Mädchen in toller Lust neben ihr schwatzten und lachten, »nehmt es mir nicht übel, aber euer Betragen gefällt mir nicht! Freilich hat der gute Baron euch allerlei Ursache zu Scherz und Lachen gegeben; aber ein gutes Herz zeigt ihr wahrlich nicht, wenn ihr nur die komische Seite der Sache betrachtet, die traurige Rolle nämlich, welche der arme Mensch darin spielte. Wißt ihr denn so genau, ob sein Interesse für Gretchen nur so flüchtig war, und ob er in seiner einsamen Lage nicht vielleicht wirklich innig gerührt worden ist durch die Freundlichkeiten eines so jungen Wesens? Verlassen dastehen ist hart und verdient Mitleid, nicht aber Spott.«
»Aber liebe, gute Tante, darüber lachen wir ja doch auch wirklich nicht, sondern über Gretchens naives Betragen, und was damit zusammenhing,« sagte Marie ernst werdend. »Und was das Alleinstehen des Barons betrifft, so ist er ja ganz und gar selbst daran schuld, warum isolirt er sich so absichtlich! Er hat Alles, was sein Herz verlangt, und wodurch er auch andere glücklich machen könnte, Reichthum, alten geachteten Namen, unabhängige Lage, gesunden Körper, und dabei lebt er wie ein Einsiedler, sieht und besucht fast keine Seele, ladet selten jemand auf seine Besitzungen ein, und wenn er sich ja entschließt, einmal aus seiner Klause hervorzukommen, so sieht er so scheu und unglücklich aus, daß sich niemand an ihn heran wagt. Nicht einmal seine alten Freunde können etwas mit ihm anfangen, wie Eduard mir sagt. Es ist ihm einmal nicht zu helfen, er ist gar zu wunderlich.«
»Bei alledem ist er aber doch zu bedauern,« sagte die Tante sanft, »denn es fehlt ihm trotz seiner irdischen Güter das rechte Glück. Er versteht nicht, das Leben richtig zu erfassen, um sich und Andern nützlich zu werden, und solche Menschen erregen immer mein Mitleiden.«
»Nun, wir wollen nicht mehr über ihn lachen, Tantchen,« sagte ich, der Tante die Hand küssend. »Es war recht kindisch von mir, und doppelt unrecht, da er mich gestern Abend wirklich gut unterhalten und belehrt hat. Gewiß ist er ein innerlich sehr gebildeter Mann, dem nur die äußeren Formen abgehen. Und ich alberne Bauerndirne sollte über diesen Mangel am wenigsten lachen.«
In diesem Augenblicke wurde der Dr. Hausmann angemeldet. Dunkle Gluth übergoß mein Gesicht bei diesem Namen, denn mein unpassendes Betragen von gestern Abend trat in seiner ganzen Größe vor meine Seele. Um so mehr überraschte mich der Tante froher Ausruf: »O, das freut mich ja herzlich!« denn ich hatte geglaubt, es würde ihr unangenehm sein, den Mann wieder zu sehen, vor welchem ich mich so kindisch betragen hatte. Aber die Tante war oft ganz unberechenbar.
In ihrer freundlichen Weise ging sie dem Doctor zum Willkommen entgegen, und dieser begrüßte sie sowohl, als auch Marie und mich so offen und liebenswürdig, und doch dabei so ernst und würdig, daß sich meine Scheu sehr minderte, denn so hätte er sich sicher nicht benommen, wenn er mich im Herzen verspottet, oder gar von meiner Vertraulichkeit Mißbrauch gemacht hätte. Sehr beruhigt faßte ich denn auch bald den Muth, mich mit in die Unterhaltung zu mischen, um wo möglich wieder auszuwetzen, was ich gestern dumm gemacht hatte, und wirklich, es schien, ich hatte heute meinen guten Tag, denn ich sprach fast so verständig, wie ein erwachsener Mensch. Aber die gute Tante wußte auch so geschickt Dinge zur Sprache zu bringen, über welche ich gut Bescheid wußte, und der Doctor hatte eine so angenehme Art, auf Alles einzugehen, daß der Besuch sehr angenehm verlief, und mir ganz froh und frei zu Muthe ward.
»Nun, Gretchen, ich denke, der Doctor Hausmann ist besser, als ich dir gestern vorgeredet,« sagte die Tante, als der Besuch uns verlassen hatte.
»Gewiß, Tantchen, das sagte ich gleich. Aber warum denkst du jetzt anders über ihn, als gestern?«
»Weil er sich sonst gewiß nicht beeilt haben würde, zu uns zu kommen. Gleichgültigkeit oder böses Gewissen hätten ihn sicher zurück gehalten. Sein heutiger Besuch aber zeigt mir, daß er deine kindliche Vertraulichkeit ganz fein und richtig beurtheilet hat, und das gefällt mir sehr wohl von ihm. Er ist ein gebildeter, feinfühlender junger Mann, den ich stets gern bei mir sehen werde.«
Tante's Urtheil, das mir stets maßgebend war, erfreute mich doppelt, denn nun konnte ich mich doch über mein Benehmen vom vorigen Abend beruhigen. Der Doctor verlachte mich nicht, und das war mir die Hauptsache, die andern Leute hatten sicher mehr zu thun, als an mich armes Backfischchen noch lange zu denken und über meine Dummheiten zu spotten.
Marie ihrerseits triumphirte, daß sie sich in meines Freundes Gesichtszügen nicht geirrt hatte, von denen sie gestern schon eine so gute Meinung gehabt. In heitere, harmonische Stimmung versetzt, schieden wir endlich fröhlich von einander, als Marie sich zum Heimwege rüstete.
An jenem Tage beauftragte mich die Tante mit einigen Einkäufen, und ich machte mich fertig, dieselben nach dem Mittagessen zu besorgen, während Tante Ulrike zu einer alten Freundin ging. Aber ich wurde durch Besuch einiger junger Mädchen zurück gehalten, und so war es schon ziemlich spät geworden, ehe ich meine Aufträge besorgen konnte. Endlich aber hatte ich meine Geschäfte beendet und rüstete mich zum Heimweg. Die Lampen brannten schon auf den Straßen und in den Kaufläden, und voll Bewunderung ging ich an den hellerleuchteten Schaufenstern vorüber, in denen beim Glanze so vieler Lichter Alles doppelt reich und kostbar erschien. Mich einfaches Landkind entzückte ja ohnehin all' das Neue, das ich hier in der großen Stadt sah, und neugierig spähend blieb ich gern vor den Fenstern der Kaufläden stehen, um Alles recht genau zu betrachten.
Besonders waren es die an den Schaufenstern ausgestellten Bilder, für welche ich eine große Vorliebe besaß, und stundenlang hätte ich davor stehen mögen, um diese Kunstwerke anzusehen. An einer solchen Handlung sah ich nun jetzt im Vorübergehen einzelne jener Blätter, welche ich Tags zuvor mit Baron Senft betrachtet hatte, und über deren großen Werth ich durch ihn belehrt worden war. Voll Interesse trat ich deshalb an das hellerleuchtete Fenster und studirte diese Kunstwerke noch einmal, sowie auch die reiche Sammlung anderer Abbildungen, welche daneben lagen. Im Anschauen dieser Sachen vertieft, bemerkte ich nicht, wie ein junger Mann mich schon seit geraumer Zeit beobachtete, bis mir derselbe in sehr auffallender Weise nahe trat und mir höchst zudringlich unter den Hut blickte. – Ich erschrak und wandte mich schnell zur Seite, hoffend, der Lästige werde sich entfernen, wußte aber nicht, daß mein Verweilen am Schaufenster, und zwar bei beginnender Nacht, etwas durchaus Auffallendes war, und jener Herr sich meist nur in Folge hiervon die Zudringlichkeit erlaubte. Endlich redete er mich gar mit einigen faden Redensarten an, und nun gerieth ich in heftige Angst und Aufregung. Schnell lief ich die Straße hinab, um dem jungen Manne zu entfliehen, aber ich merkte wohl, daß derselbe mir dicht auf den Fersen war, und hörte fortwährend, wie er mich mit den unerträglichsten Worten verfolgte. Mein Weg war noch sehr weit, und in meiner Hast und Unkenntniß der Straßen verfehlte ich gar die Richtung und wußte bald gar nicht mehr, wohin ich mich wenden sollte. Daß ein Miethswagen mir aus dieser Verlegenheit geholfen hätte, fiel mir in der Angst gar nicht ein, ich hörte nur immer den lästigen Begleiter neben mir und stürmte vorwärts, denn ich fürchtete jeden Augenblick, er werde mich anfassen, da er sich immer enger an mich heran drängte.
Der Angstschweiß stand mir auf der Stirn und die Thränen im Auge. Eben war ich im Begriff, in einen Kaufladen zu treten, um dort Schutz und Hülfe zu suchen, da sah ich ein bekanntes Gesicht auf mich zukommen – Baron Senft, meinen neuen Freund vom vorigen Abend. Freudig lief ich demselben entgegen, und wie ein Kind seine Hand ergreifend, rief ich flehend: »O, Herr Baron, bitte, beschützen Sie mich doch, und begleiten Sie mich nach Haus, ich habe den Weg verloren!«
Der Baron sah mich verwundert an, denn ich zitterte vor Angst und Aufregung, ergriff aber sogleich meinen Arm und sagte, einen schnellen Blick auf meinen Begleiter werfend, der sich langsam zurückzog: »Mit Vergnügen, gnädiges Fräulein. Sein Sie ohne Furcht, ich werde Sie zu schützen wissen.«
Jetzt erst bedachte ich, wie wunderlich abermals mein Benehmen war dem Baron gegenüber; aber er konnte nichts Uebles von mir denken, sah er doch, in welch' verzweifelter Lage ich mich befand, als ich um seinen Schutz bat, und natürlich erzählte ich ihm nun ausführlich, wie alles gekommen. Mein braver Begleiter sprach seine aufrichtige Freude aus, mir nützlich sein zu können, und war so herzlich und offen zu mir, wiederholte mir immer wieder, wie sehr das Vertrauen ihn beglücke, das ich ihm schenke, daß mir ganz froh und ruhig zu Muthe wurde, und ich dem guten Manne innig dankbar wie ein Kind in das Auge blickte, als ich endlich am Hause angelangt war. Er sah mich zwar dabei so sonderbar ernst mit seinen dunklen, schwermüthigen Augen an, daß ich nicht recht wußte, was ich dabei denken sollte; aber ich hatte ihn ja als einen Sonderling kennen gelernt, und so machte ich mir weiter keine Gedanken darüber. Küßte er mir ja doch sogar zum Abschied die Hand, er, der steife, ungelenke Menschenfeind, und bat um die Erlaubniß, anderen Tages sich nach meinem Befinden erkundigen zu dürfen. Das war doch mehr, als ich je von ihm erwartet hätte, und fröhlich eilte ich zu Tante Ulriken, dieser meine neuen Abenteuer zu erzählen und ihr den Besuch des Barons zu verkünden.
Die Tante war aber sehr ungehalten über meine Unvorsichtigkeit und verbot mir streng, je wieder lange Zeit an den Schaufenstern stehen zu bleiben, was am Tage schon wenig schicklich, Abends jedoch völlig ungehörig sei, und mir stets einen Wagen zu miethen, sobald die Dunkelheit mich überraschte. Ueber das Zusammentreffen mit dem Baron war sie ebenfalls nicht sehr erfreuet, kurz ich fühlte wohl, daß ich recht gründlich unvernünftig gewesen war und setzte mich sehr kleinlaut hinter meine Näharbeit.
Am andern Morgen erschien denn auch wirklich der angekündigte Besuch: Baron Senft ließ sich melden, und Tante Ulrike empfing ihn in ihrer feinen, liebenswürdigen Weise. Ich fand aber, daß sie zurückhaltender war, als gewöhnlich, und da der gute Baron sich auch wieder im äußersten Stadium der Verlegenheit und Steifigkeit befand, so verlief der Besuch sehr wenig erquicklich. Der arme Mann that mir wieder gar zu leid, denn ich konnte ihm seine Pein lebhaft nachempfinden, und so that ich mein Möglichstes, durch herzliches Entgegenkommen und kindliche Unbefangenheit ihm die Situation zu erleichtern.
Endlich empfahl er sich, und ich war ordentlich froh darüber, denn Tante Ulrike war unbegreiflich kühl und zurückhaltend. Ich konnte es mit dem liebevollen Urtheile, das sie des Tages zuvor über den Baron geäußert, gar nicht vereinigen, und sprach dies nun unverhohlen gegen sie aus.
»Es geschah, um der gar zu großen Freundlichkeit meines Gretchens ein Gegengewicht zu geben,« sagte die Tante ernst. »Ich muß dich bitten, mein Kind, bei all' deiner unbefangenen Herzlichkeit, mit welcher du dem Baron über seine Schüchternheit fortzuhelfen strebst, doch viel zurückhaltender zu sein. Du weißt nicht, ob solches Betragen auch so beurtheilt wird, als du in deiner Harmlosigkeit denkst, und eine andere Auslegung würde dir doch sehr schmerzlich sein.«
»Eine andere, Tantchen? Wofür könnte er denn sonst meine Freundlichkeit halten?« fragte ich betreten.
»Für Gefallsucht, Koketterie, mein Kind,« sagte die Tante, immer ernster werdend.
»O das ist doch aber nicht möglich, davon bin ich ja weit entfernt!« rief ich heftig. »Was habe ich denn gethan, daß er so etwas von mir denken sollte? Nein das wäre doch zu schlecht von ihm!«
»Ich hoffe, wir brauchen dies allerdings von dem Baron Senft nicht zu fürchten,« sagte die Tante sanft. »Aber zurückhalten mußt du dich von jetzt an, mein Kind; denn wenn er auch nicht von dir denken wird, du seist gefallsüchtig, so könnte er bei dir doch ein lebhafteres Interesse für ihn vermuthen, das er, wie ich denke, dir immerhin nicht einflößt.«
»Aber liebe Tante, wie kannst du so etwas nur sagen!« rief ich dunkelroth werdend. »Du meinst, er könnte denken, ich sei – ach Tantchen!«
Die Idee war mir so unsäglich komisch, daß ich trotz der Ernsthaftigkeit der Tante in ein herzliches Gelächter ausbrach. Ich in den Baron verliebt! Ich armer, junger, halberwachsener Backfisch! Und er, dieser ernste, vornehme, steife Baron, der mir trotz seiner Jugend wie ein älterer Herr, eine Art Respectsperson gegenüber stand, und dem ich wie ein harmloses Kind mich anvertrauet hatte. Man konnte nichts Wunderlicheres denken, die Tante hatte zu sonderbare Einfälle.
Als unser Gespräch diese heitere Wendung genommen hatte, denn auch Tante Ulrike mußte bei dem Gedanken lächeln, war mir das Herz wieder leichter geworden, und singend und heiter wie gewöhnlich ging ich an meine täglichen Beschäftigungen. Am Nachmittag wurde ich durch Marie's Besuch erfreut, und voll Entzücken lief ich der herzigen Freundin entgegen.
»Liebste Marie, wie herrlich, daß du kommst!« rief ich sie umarmend. »Aber was hast du denn, du siehst ja ganz curios aus,« fuhr ich sogleich fort und sah ihr forschend in die Augen, welche mich halb schelmisch, halb ernsthaft anblickten.
»Ja ich weiß selbst nicht, soll ich lachen oder weinen, Gretchen,« entgegnete Marie ungewöhnlich aufgeregt. »Sage mir nur vor allem, was hast du wieder für Streiche gemacht! Hast du den Baron etwa gestern wieder gesprochen?«
»Den Baron? Ja freilich. Gestern und auch heute!« sagte ich erröthend, denn was sollte Marie's Frage bedeuten? »Ich brenne vor Sehnsucht, dir Alles zu erzählen.«
»Nun dann erklärt es sich leichter,« sagte Marie sinnend. »Aber wie ich dich kenne, ist es dennoch eine gar zu unangenehme Geschichte.«
»Aber was denn nur in aller Welt, Marie, so rede doch deutlich!« rief ich voll Ungeduld. »Was giebt es denn, und was sollen deine salbungsvollen Reden?«
»Komm zur Tante Jagow, sie muß die Sache auch gleich erfahren,« sagte Marie, mich nach Tante's Arbeitszimmer ziehend.
»Was giebt es denn, Kinder?« fragte die Tante, bei unserm Eintritt ihre Arbeit unterbrechend.
»Marie ist eine Sphynx geworden, die in Räthseln spricht, Tantchen,« rief ich lachend. »Vielleicht verstehst du, was sie will, mir armen Kinde ist die Sprache zu hoch.«
»Ach Tante Ulrike, das ist eine schöne Geschichte!« rief Marie nun wieder halb lachend, halb weinerlich. »Was machen wir nun?«
»Was denn, was ist denn eine schöne Geschichte?« entgegnete die Tante. »Du bist ja ganz aufgeregt, ich kenne dich gar nicht wieder. Was hat dich denn so aus deinem Gleichgewicht gebracht?«
»Doch nicht etwa wieder unser guter Baron?« rief ich lustig lachend.
»Ja ja, lache nur, du Böse, eben der ists!« sagte Marie schmollend.
»Der Baron? Was hat er denn wieder verbrochen?« scherzte auch Tante Ulrike.
»Mein Gott, nichts weiter, als daß er – nun damit ichs nur sage, – daß er Gretchen heirathen will!« stieß Marie heraus und sank auf einen Stuhl nieder, als hätte diese Eröffnung ihr alle Kräfte genommen.
»Heirathen –!« riefen Tante Ulrike und ich wie aus einem Munde, und mir kam augenblicklich wieder das kindische Lachen an, das mich heute schon einmal bei diesem Gedanken erfaßte.
»Sprich doch nicht solchen Unsinn, Marie, und sag' vernünftig, was du hast!« rief ich endlich; »denn ernsthaft kann diese wunderbare Eröffnung doch nicht gemeint sein.«
»Ja ja, bitterer Ernst ist es, Grete, du kannst es mir glauben,« sagte Marie eifrig. »Warum wäre ich denn sonst so außer mir, wenn mich diese Geschichte nicht so aufregte?«
»Aber Marie, es kann doch unmöglich jemand daran denken, mich dummes Ding heirathen zu wollen,« fuhr ich lustig fort, »Denke doch nur, ich heirathen, und nun gar den Baron Senft!«
Nun kam auch meiner kleinen Marie die Sache so komisch vor, daß wir alle Beide in kindischer Ausgelassenheit lachten und kicherten und uns über diesen Gedanken gar nicht wieder beruhigen konnten. In meiner Lustigkeit umschlang ich Tante Ulrike's Hals und blickte ihr fröhlich in ihre lieben, sanften Augen, in denen ich ebenfalls Anklänge an unsere Fröhlichkeit zu finden erwartete.
Aber ernst und sinnend war der Blick, der mich aus diesen Augen traf, und mit leisem Kopfschütteln sah die Tante zu uns lachenden Mädchen hinüber.
»Ich begreife euch alle Beide in dieser Sache nicht,« sagte sie jetzt milde, aber vorwurfsvoll. »Gestern schon ließt ihr eurer Heiterkeit in Betreff dieses armen Mannes den Zügel schießen und verriethet wenig Zartgefühl, und jetzt ist mir diese Auffassung der Dinge nun gar unbegreiflich. Gretchen, vergißt du denn ganz, was ich dir heute Morgen gesagt habe? Hatte ich denn wirklich so unrecht, als ich mein Bedenken darüber aussprach, deine freundliche Zuvorkommenheit könne anders gedeutet werden? Der Gedanke erscheint dir sehr lächerlich; aber wird er es demjenigen auch sein, in dem du diesen Wahn erregtest?«
Die Worte der Tante trafen mich wie ein bitterer Vorwurf, und beschämt barg ich mein Gesicht an ihrem Halse. Sie ließ mich still eine Weile auf ihrer Schulter ruhen, um mir Zeit zur Ueberlegung zu lassen, dann hob sie meinen Kopf sanft empor, strich mir das Haar aus der Stirn und blickte mich ernst und liebevoll an.
»Siehst du wohl, mein Kind,« sagte sie dann leise, »daß ich nicht unrecht hatte, wenn ich meinte, der arme Baron habe vielleicht viel tieferes Gefühl, als seine steife, wunderliche Figur und seine schlechten Manieren vermuthen lassen? Es ist sehr schwer, einsam und verlassen durch die Welt zu gehen, und darfst du nun darüber lachen, wenn der einsame Mann glaubt, jemand gefunden zu haben, der ihn lieb hat mitten unter einer Menge Menschen, von denen er sieht, wie gleichgültig, ja unfreundlich sie ihm begegnen? Uns ist es lächerlich, daß der Arme sich hierin geirrt hat, und daß er also auch ferner sein einsames, freudenloses Dasein fortsetzen muß!«
Während Tante Ulrike's Rede war das Lachen gänzlich von meinen Lippen geschwunden und hatte ernsten Vorwürfen Platz gemacht, welche jetzt wie Sturzwellen mich überflutheten und sogar Thränen in meine Augen brachten.
»Ach mein Gott, Tantchen, das hatte ich nicht bedacht, das war sehr, sehr schlecht von mir!« sagte ich niedergeschlagen, und mit jeder Minute stieg meine Unbesonnenheit höher vor mir auf und sah drohender und zürnender auf mich nieder. Die stille, ernste Gestalt und die traurigen Blicke des armen Barons traten jetzt plötzlich in so anderem Lichte vor mich hin; die Bitterkeit, sich betrogen und verschmäht zu sehen, und der Schmerz, einem gehofften Glück entsagen zu müssen, ließen ihn so ganz anders in meinen Augen erscheinen, daß ich nicht begriff, wie ich so eben nur die andere Seite der Sache betrachten konnte. Das innigste Mitleiden mit dem armen Manne ergriff mich, ich hätte ihm so unsäglich gern helfen und beistehen mögen – aber wie konnte, wie sollte ich das; denn ihn wirklich heirathen, daran konnte doch niemand ernstlich denken, und ich am allerwenigsten.
Je mehr ich dachte, je trauriger wurde ich, denn ich wußte keinen Rath. Endlich drang Thräne auf Thräne aus meinen Augen, und beschämt barg ich mein Gesicht in meinen Händen.
»Ach Tantchen, er thut mir so schrecklich leid, und ich kann ihm doch nicht helfen,« klagte ich trostlos. »Daß ich auch so unbesonnen sein mußte! Wer konnte das aber auch denken?«
Die Tante war ganz still und störte meine Gedanken nicht, endlich aber kam Marie, die im Zimmer auf und nieder gegangen und dann sinnend an das Fenster getreten war, zu mir heran, nahm meine Hand von den Augen und sagte:
»Nein, das kann ich so nicht länger mit ansehen. Ich wollte die Geschichte zwar eigentlich nicht ganz so erzählen, wie sie ist, aber jetzt muß ich es, das sehe ich wohl. Tante Ulrike, du hattest ganz recht, unser albernes Lachen zu tadeln, denn kindisch war es, ich sehe es ein; aber so wie du die Sache ansiehst, ist sie doch nicht. Thut mir Beide die Liebe und laßt sie euch erzählen. Ihr seid auch gar nicht ein bischen neugierig, woher ich sie weiß, und wie das alles zusammenhängt.«
»Das ist wahr, erzähle doch, Kind,« sagte die Tante.
Marie setzte sich neben mich, schlang ihren Arm zärtlich um meine Schulter und sprach:
»Als ich vor einigen Stunden von einem Besuch nach Hause kam, sah ich unsern guten Baron Senft vor mir die Treppe hinauf gehen und in dem Zimmer meines Bruders verschwinden. Er hatte mich nicht gesehen, was mir sehr lieb war, ich aber glaubte zu bemerken, daß er aufgeregt und erhitzt aussah, als er in so ungewöhnlicher Hast die Treppe hinauf stürmte. Ich dachte nicht weiter an den seltsamen Gast, sondern besorgte einige häusliche Arbeiten; aber nach einiger Zeit trat mein Bruder mit unbeschreiblich lustigem Gesicht zu mir in das Zimmer.
»Rathe einmal Marie, wer so eben bei mir gewesen ist,« sagte er schelmisch.
»Nun dein Freund, der Baron Senft, das ist nicht so schwer zu errathen,« erwiderte ich.
»Aber was er wollte, das rathe einmal, mein kluges Schwesterlein!« fuhr er lachend fort.
»Was kümmern mich eure Angelegenheiten, laß mich damit in Ruhe!« rief ich und beugte mich wieder auf meine Arbeit.
»Nun ich denke doch, sie gehen dich etwas an, Kleine,« sagte Eduard neckend und zog mir den silbernen Leuchter fort, den ich so eben polirte. »Oder ist es dir so gleichgültig, wenn es sich um deine hübsche, schwarzäugige Freundin handelt?«
»Wie? Gretchen betrifft der Besuch des Sonderlings? Nicht möglich! Was will er, erzähle, lieber, bester Eduard!« rief ich überrascht, und schob mein Silberzeug schnell auf die Seite.
Eduard lachte und rieb sich vergnügt die Hände.
»Allerdings, deine lustige kleine Grete war der Gegenstand unserer Unterhaltung,« sagte er geheimnißvoll.
»Aber was will denn der Baron? So rede doch nur, was soll Gretchen?« drängte ich den Bruder.
»Weiter nichts als ihn heirathen!« sagte Eduard trocken.
Ihr könnt denken, daß mein Erstaunen nicht kleiner war, als vorhin das eure. Als ich mich endlich etwas über diese Neuigkeit beruhigt hatte, ließ sich Eduard herbei, mir das ergötzliche Gespräch mitzutheilen, daß er mit dem Baron gehabt, und ich will versuchen, es euch möglichst getreu wieder zu berichten.
»Eduard!« rief der Baron, als mein Bruder den seltenen Gast freudig begrüßt hatte, »ich bitte dich heute um einen Freundschaftsdienst.«
»Stehe mit Vergnügen zu deinen Befehlen,« entgegnete Eduard. »Was giebt es, du willst dich doch nicht etwa duelliren?«