»Das gerade nicht, aber etwas fast eben so Wichtiges. Ich will heirathen!« sagte der Baron ernst.
»Heirathen? Vortrefflich! Wer ist denn die Erwählte deines Herzens, und welche Rolle soll ich bei dem Stücke übernehmen, das hoffentlich keine Tragödie sein wird?« rief Eduard.
»Es ist Fräulein Margarethe Geßler,« entgegnete der Baron, »und da sie die Freundin deiner Schwester ist, so bitte ich dich, ihr meinen Heirathsantrag zu überbringen.«
»Wie? Die hübsche kleine Grete hat das Herz des Menschenfeindes bezwungen?« rief Eduard in höchstem Erstaunen. »Alle Wetter, das ist charmant! Aber wie kommt das, wie in aller Welt ist das zugegangen? Und das ist alles gleich fix und fertig wie aus der Pistole geschossen?«
»Weil ich gesehen, daß sie Neigung zu mir hat,« sagte der Baron kurz und trocken.
»Sieh da, was man nicht alles erlebt. Du bist ja ein wahrer Hexenmeister!« lachte Eduard. »Also du weißt wirklich ganz sicher, daß sie dich liebt? Hat sie es dir denn gesagt!«
»Nicht in Worten, aber was mehr ist als das, durch ihre Blicke und ihre Thaten,« entgegnete der Baron.
»Die kleine Grete hat mit dir kokettirt? Potz Blitz, das hätte ich dem frischen Waldröschen kaum zugetraut!« rief Eduard unaussprechlich ergötzt; denn er merkte wohl, daß hier nicht alles ganz richtig war, und daß der Baron in seiner Wunderlichkeit wohl mehr gesehen und vermuthet hatte, als an der Sache war.
»Von Koketterie kann hier nicht die Rede sein,« sagte der Baron beleidigt. »Das junge Mädchen hat mir unbewußt gezeigt, daß ich ihr nicht gleichgültig bin, und deshalb verlangt es mich, die Rose zu pflücken, die sich mir in aller Lieblichkeit erschließt.«
»Wetter, du wirst ja ganz poetisch, alter Junge!« rief Eduard, sich auf die Lippen beißend. »Also aus reiner ritterlicher Aufopferung erhebst du das kleine Mädchen zu deiner Gemahlin? Bringst du ihr denn selbst die gleichen Gefühle entgegen, die du bei ihr vermuthest?«
»Eduard,« sagte der Baron jetzt einen Grad wärmer und vertraulicher werdend, »Eduard, du weißt, daß ich von meiner Familie gedrängt und bestürmt werde, mich zu verheirathen. Alle möglichen Vorschläge haben sie mir schon gemacht, mir die reichsten, vornehmsten Mädchen angepriesen; aber ich mag sie alle nicht, ich kann das hochmüthige Weibervolk nicht ausstehen. Lachen und spotten sie nicht alle über mein steifes, ernsthaftes Wesen, haben sie mich nicht alle zum Besten und mögen mich nicht leiden, und würden sie mich nicht alle nur wegen meines Reichthums und meines alten Adels heirathen, um mich dann mit ihren Launen vor Verzweiflung zum Hause hinaus zu jagen? Nein, aus solcher Heirath wird nie etwas! Ich wollte nun gar nicht heirathen, das hielt ich für das Beste. Aber in diesen letzten Tagen bin ich anderen Sinnes geworden. Margarethe Geßler ist das erste weibliche Wesen, das mir Achtung und Vertrauen statt des Spottes entgegen brachte, ich habe es deutlich in ihren Augen gelesen, und darum bin ich fest entschlossen sie zu heirathen.«
»Hm, das ist merkwürdig!« sprach Eduard, nachdenklich geworden. »Aber noch einmal: Was sagt denn dein Herz zu diesem Entschlusse? Ist es nur Mitleid mit dem holden Kinde, das dich dazu drängt, ihr deine Hand anzubieten?«
»Ich bin sehr einsam, Freund, und mein Herz hatte bis jetzt selten Gelegenheit mitzusprechen,« sagte der Baron mit zitternder Stimme. »Die Neigung eines so jungen, liebenswürdigen Wesens kann mich nicht ganz gleichgültig lassen, und was meiner Neigung jetzt noch fehlt, wird kommen, wenn sie meine Gattin ist.«
»Aber Freund, bedenke, ein so junges Kind!« mahnte nun Eduard den Kopf schüttelnd. »Sie ist ja kaum sechzehn Jahre alt.«
»Jugend ist kein Fehler,« entgegnete der Baron gleichmüthig.
»Aber sie ist bürgerlicher Abkunft und deine Familie von altem Adel! Bedenke, was werden die Deinen dazu sagen? Du, der Erb- und Standesherr auf und zu Senftenburg!« fuhr Eduard dringend fort.
»Geht keinen was an, ich bin selbständig und brauche sie alle zusammen nicht!« rief der Baron kurz. »Sage mir nur, ob du in meinem Namen den Antrag machen willst. Es selbst zu thun, habe ich weder Gelegenheit noch Gewandtheit genug.«
»Herzlich gern. Aber vergilt es mir nicht, wenn die Antwort anders ausfällt, als du erwartest,« sagte Eduard, dem Baron die Hand reichend.
»Darüber mache dir keine Sorgen; mein Dank für die endliche Erreichung meiner Wünsche mag der Lohn für deinen Freundschaftsdienst sein,« entgegnete der Baron warm und herzlich.
Darauf verabschiedete er sich bald, und Eduard suchte mich auf, um mir die Neuigkeit augenblicklich zu verkünden und meine Hülfe in Anspruch zu nehmen, da er dir selbst den Antrag nicht überbringen mochte. Nun wißt ihr die ganze schöne Geschichte, und ich denke, unser liebes Tantchen sieht die Angelegenheit nicht mehr mit so tragischer Miene an, als vorher. Denn da das Herz unserer Grete sich hoffentlich nicht in so desolatem Zustande befindet, als der gute Baron glaubt, dies aber, wie er ziemlich deutlich ausgesprochen, die Haupttriebfeder zu seinem Antrage war, so fällt die ganze Sache in sich selbst zusammen, und wir dürfen uns weiter keinen Kummer darüber machen, daß dem Baron das Herz davon brechen wird.«
»So leicht möchte ich denn doch nicht darüber hingehen, liebe Marie,« sagte die Tante noch immer ernst, als Marie ihre Erzählung geschlossen. »Seine eigene Neigung mag allerdings nicht die erste Triebfeder zu dem Antrage gewesen sein, darüber ist wohl kein Zweifel, aber wie weit sein Herz dennoch trotz all dem dabei betheiligt war, werden wir freilich nicht erfahren. Ich muß gestehen, es gefällt mir sehr von ihm, daß er sich ohne alle andern Rücksichten ein einfaches Mädchen erwählt, nur weil sie ihn lieb hat, wie er meint, und er thut mir noch immer aufrichtig leid, daß er sich nun wieder in die vorige Einsamkeit gewiesen sieht.«
»Aber seiner Eitelkeit kann die kleine Lection wahrlich nicht schaden, Tantchen!« sagte Marie eifrig. »Er muß sich doch für sehr anziehend halten, daß er meint, ein so nettes Mädel, wie unsere frische kleine Rose, sei knall und fall bis über die Ohren in ihn verliebt, nur weil sie ihm einige Freundlichkeiten erzeigte.«
»Ich habe dir unser gestriges Zusammentreffen noch nicht erzählen können, das den Baron in dieser Meinung sehr bestärken konnte, Marie,« sagte ich verschämt; Marie aber meinte, es werde auch weiter nichts gewesen sein, und daß der Herr Baron bei dieser Gelegenheit einmal erfahre, es giebt noch junge Mädchen in der Welt, die Reichthum und vornehme Stellung nicht so hoch anschlagen, um damit ihre fehlende Neigung zu verdecken, sei ihm auch ganz zuträglich.
»Es wird den armen Mann aber nur noch steifer und scheuer machen, als er ohnehin schon ist,« fuhr ich traurig fort. »Nein, nein, Marie, du urtheilst zu hart, und trotz allem, was du ihm vorwirfst, thut er mir doch schrecklich leid!«
»Nun so geh und heirathe ihn, Schatz! Vielleicht thust du ein gutes Werk und machst einen brauchbaren Menschen aus ihm!« rief Marie mit komischer Heftigkeit.
»Nein, das bin ich trotz all' meines Mitleids doch nicht im Stande,« lachte ich mit Thränen im Auge. »Er verlangt mich ja auch nur, weil er meint ich liebe ihn, also würde ich ihn ja betrügen, nähme ich seinen Antrag an. Also davon kann gar keine Rede sein. Aber ich wünschte von ganzem Herzen, er fände bald, was er suchte, und was ich ihm nicht bieten kann.«
»Nun wir wollen es hoffen, Kind!« sagte Tante Ulrike freundlich und küßte mich auf die Stirn. »Die Sache wird hoffentlich hiermit abgemacht sein und weiter keine Folgen haben. Du aber, mein Töchterchen, zieh dir die ernste Lehre daraus, daß ein junges Mädchen Herren gegenüber nicht vorsichtig und besonnen genug sein kann. So manches Mädchen ist in den Ruf der Koketterie gekommen, nur weil ihre Unbesonnenheit und Lebendigkeit sie verleitete, Dinge zu sagen und zu thun, welche gegen die hergebrachten Regeln der Gesellschaft verstießen. Daß der Baron dich trotz deiner Weigerung jetzt dennoch nicht für gefallsüchtig halten möge, hoffe und wünsche ich aufrichtig; von einem weniger ernsten, soliden Manne, als er ist, dürftest du kaum eine andere Auffassung deines Betragens erwarten.«
Still neigte ich mich auf die liebe Hand der Tante, welche in der meinen lag, und einen Kuß auf dieselbe drückend, verließ ich ziemlich kleinlaut mit Marie das Zimmer. Aller kindische Uebermuth war von uns Beiden gewichen, und in ernster Stimmung sprachen wir noch lange über die schonendste Art und Weise, in welcher ich dem Baron die abschlägige Antwort zukommen lassen wollte. Eduard übernahm natürlich diesen schwierigen Auftrag; aber trotz des feinen Taktes, mit dem er dem Freunde den Stand der Dinge berichtete, hatte meine Weigerung freilich zur Folge, daß der arme Einsame wieder für lange Zeit hinter den Mauern seiner Einsiedelei verschwand.
Ich aber konnte nicht ohne gerechte Selbstvorwürfe an dies Ereigniß zurück denken, das mich heftig bewegt hatte, und immer wieder sah ich im Geiste jene dunklen, schwermüthigen Augen, welche mich so ernst und forschend anblickten. O was hätte ich darum gegeben, diesem trefflichen Manne ein Glück verschaffen zu können, das diese traurigen Augen in freudig strahlende verwandelte! Ich selbst hätte diesen Wechsel nie hervorbringen können, das wußte ich nur zu gut, und auch der Baron würde dies bald genug selbst erkannt haben.
Das Leben im Hause der Tante gestaltete sich immer angenehmer und harmonischer, je länger ich dort verweilte, und schon lange dachte ich nicht mehr mit jener verzehrenden Sehnsucht, welche mich im Anfange so unsäglich peinigte, an mein liebes Vaterhaus zurück. Ich erkannte jetzt mehr und mehr, welchen Werth es für meine ganze geistige Entwickelung hatte, einen Theil meiner Jugend bei Tante Ulrike zu verleben, und die unbeschreibliche Liebe, mit der dieselbe mich erzog, brachte mich leichter über die tausenderlei Mängel und Fehler hinweg, mit denen ich armes Backfischchen täglich immer wieder zu kämpfen hatte.
Bei dem engen Verkehr, welcher zwischen Tante Ulrike und mir stattfand, konnte es mir nicht entgehen, wenn die heitere Stirn derselben sich trübte, und so beunruhigte es mich ernstlich, als ich die Tante eines Morgens aufgeregt und in Thränen in ihrem Lehnsessel fand, sie, die sonst immer klar und ruhig alle Verhältnisse überblickte und sich eine ungewöhnliche Herrschaft über ihre Gefühle errungen hatte. Ein Brief lag vor ihr auf dem Tische, und als ich erschrocken herbei eilte zu fragen, was ihr fehle, winkte sie mir sanft zu, mich zu entfernen, was ich natürlich in großer Sorge that. Lange hatte ich zu warten, ehe die Tante zu mir in das Zimmer kam; ich hörte sie viele Male in ihrem Kabinet auf und nieder gehen, ein Zeichen, daß sie nach Fassung rang; dann endlich knitterte Papier, und ich hörte, wie die Klappe ihres Schreibsecretärs knarrte, also schrieb sie.
Endlich kam sie zu mir, zwar ernst und niedergeschlagen, aber doch ruhig wie immer. Sie setzte sich neben mich, strich mir liebevoll über das Gesicht und sagte:
»Gretchen, ich muß dir einen Theil dessen erzählen, was mich, wie du gesehen, so unbeschreiblich bedrückt. Du bist ein verständiges Mädchen und hast mich lieb, also kann ich dir immerhin etwas anvertrauen, wovon mein Herz belastet wird. Natürlich sprich außer gegen deine gute Marie und deren Mutter, welcher ich es selbst mittheilen werde, gegen niemand davon.«
Ich küßte ihre liebe Hand, was ich so oft und so gern that, wenn ich ihr meine Liebe und Verehrung bezeigen wollte, und mit sanfter Stimme sprach die Tante weiter: »Du weißt, mein liebes Kind, daß ich seit vier Jahren schon Wittwe bin, nachdem ich an der Seite meines trefflichen, geliebten Mannes die schönsten Jahre des Glückes und der Zufriedenheit verlebte. Wir schlossen uns um so inniger an einander, nachdem uns Gott das einzige Kind wieder genommen, das unser Glück vollkommen machte. Eine schwere, traurige Zeit war es, als ich den süßen Knaben verloren, aber meines Gatten zarte Liebe half mir das Schwerste tragen, und so hat mein Herz sich endlich ruhig in Gottes Willen ergeben. Aber noch ein anderes Leid drückte uns bald darnieder, und hier war ich es wieder, die meinem Gatten tröstend zur Seite stand. Sein einziger Bruder nämlich, mit dem mein Mann durch die innigsten Bande der Liebe verknüpft war, hatte einige Jahre nach dem Tode seiner ersten Frau ein junges Mädchen geheirathet, das ihn durch Schönheit und Anmuth zu fesseln verstanden. Zwar hatte man ihn von allen Seiten vor dem Leichtsinn und der launischen Gemüthsart des schönen Mädchens gewarnt, aber Adolph verachtete all' diese Stimmen und ließ sich, verblendet wie er war, von seiner Bewunderung und Leidenschaft hinreißen. Leider war auch die Sorge für seine kleine elfjährige Tochter nicht im Stande, ihn von dem unbesonnenen Schritte zurück zu halten, obwohl das reich begabte Kind gar sehr einer zweiten treuen Mutter bedurft hätte.
Nur zu bald freilich sah mein armer Schwager, wie unbesonnen seine Wahl gewesen. In den sieben Jahren seiner Ehe mit Kathinka ist der kräftige Mann vor Kummer fast zum Greise geworden, denn unmöglich können zwei Naturen weniger zusammen stimmen, als er und sein eitles herzloses Weib. Adolph ist zu schwach und liebt den Frieden im Hause zu sehr, um all' den Launen und Thorheiten seiner vergnügungssüchtigen Frau so entgegen zu treten, als er es wohl sollte, und so mag es dir genügen zu wissen, daß diese Ehe eine unendlich unglückliche ist. Daß die Erziehung der kleinen Eugenie neben solcher Mutter natürlich auch keine gute war, kannst du dir denken; denn der Einfluß des Vaters genügte nicht, um alle nachtheiligen Elemente von seinem Kinde fern zu halten. Eugenie wuchs heran, begabt mit Talenten und körperlichen Vorzügen, eine fertige junge Dame, glänzend und anmuthig, wie die Mama es nur wünschen konnte; aber wenn auch nicht leichtsinnig und herzlos wie diese, wovor sie ihr natürlich gutes Herz bewahrte, so doch ohne rechte innere Gemüthswelt, wie ich sie bis jetzt zu beurtheilen Gelegenheit hatte. Ihre große Selbständigkeit und Originalität sind außerdem noch eine zwar interessante, aber gefährliche Zugabe, und wohl hätte ihre Erziehung bei solchen Anlagen einer ganz besonderen Sorgfalt bedurft. Oft schon bot ich meinem Schwager an, Eugenie eine Zeitlang zu mir zu nehmen; aber der arme Mann konnte sich nicht entschließen, die einzige Freude seines Lebens von sich zu geben, und so blieben die Sachen bis jetzt wie sie waren. Der heutige Brief jedoch giebt mir nun die Nachricht, daß mein Schwager, um sich dem häuslichen Jammer für einige Zeit zu entziehen, als Gesandter seiner Regierung nach dem Auslande gehen wird, scheinbar zwar dorthin geschickt, in der That aber nur auf seinen eigenen dringenden Wunsch. Seine Frau wird ihn also nicht begleiten, und um Eugenie nicht unter der alleinigen Obhut der leichtfertigen Mutter zu lassen, bittet er mich dringend, seine Tochter für die Dauer seiner Abwesenheit in meinem Hause aufzunehmen. Ich habe ihm so eben geantwortet, daß ich hierzu bereit sei, und so sehe ich denn Eugeniens baldiger Ankunft entgegen.
Da dieser Wechsel in unserer Häuslichkeit nun auch dich betrifft, mein Gretchen,« fuhr die Tante nach einer kleinen Pause liebevoll fort, »so mußte ich dir einen Theil jener traurigen Familienverhältnisse enthüllen, von denen ich mit dir sonst niemals gesprochen hätte. In Rücksicht darauf wirst auch du Nachsicht haben gegen die Fehler Eugeniens, welche in solcher Umgebung entstanden. Auch meine Aufgabe, unserer neuen Hausgenossin gegenüber, ist keine leichte, und so wollen wir denn Beide mit gutem Muthe und herzlicher Liebe unsere Eugenie erwarten.«
Ich hatte die Erzählung Tante Ulrike's mit inniger Theilnahme angehört, als sie jedoch von der Ankunft Eugeniens sprach, erzitterte mein Herz unwillkürlich, und angstvoll blickte ich in das sanfte Auge der Tante, um mir dort Ermunterung und Zuversicht für den bevorstehenden Wechsel zu suchen. Eben fing ich an, mich wohl und behaglich hier im Hause zu fühlen, meine schüchterne Zurückhaltung gegen die Tante war erst jetzt einem innigen Vertrauen und herzlichem Anschmiegen gewichen, wie würde es nun werden, wenn eine dritte Person zwischen uns trat, und zwar solch' bedeutendes, glänzendes, selbständiges Mädchen, als Eugenie der Beschreibung nach sein mochte! Welch' traurige Rolle würde ich armes Dorfkind neben solch' einem Wesen spielen, wie verächtlich würde diese Eugenie gewiß auf mich herab sehen, und wie viel neue Plage würde daraus für mich nun wieder entstehen, wo ich kaum anfing, mich etwas in die neuen Verhältnisse zu finden.
Solche Gedanken fuhren mir blitzschnell durch den Sinn und brachten mein Herz in unbeschreiblichen Aufruhr. Da aber erklangen die Worte der Tante, welche mich an die trüben Verhältnisse mahnten, in denen Eugenie bis jetzt gelebt, und daß wir derselben mit gutem Muthe und treuem Herzen entgegen kommen wollten. Tief beschämt, daß ich eigensüchtiger Weise nur an mich und meine Unbequemlichkeiten gedacht, drückte ich die Hand der verehrten Tante, diese aber zog mich liebevoll an ihr Herz, und indem sie mich küßte, blickte sie mir voll Zärtlichkeit in die Augen.
»Habe keine Furcht, mein Kind,« sagte sie dabei sanft, »dir soll kein Nachtheil durch unsere neue Hausgenossin entstehen. Ich bin dir schützend und helfend zur Seite, meine Liebe wird vermitteln, wo es nöthig ist. Vertraue mir nur und sei guten Muthes.«
Es war, als ob die Tante alle Befürchtungen meines armen Herzens gelesen hätte, denn ohne daß ich ein Wort gesprochen, traf sie sogleich den Punkt, wo ich schwach und zaghaft gewesen. Tief erröthend gestand ich ihr nun meine egoistischen Gedanken und schöpfte mir für alles, was da kommen möchte, Muth und Vertrauen an ihrem treuen Herzen, das schon so oft mein Trost und meine Zuflucht gewesen.
Nur wenige Wochen nach diesem Gespräche kam die Erwartete denn auch wirklich eines Nachmittags an. Die Tante war nach dem Bahnhofe gefahren, um Eugenie zu empfangen, und ich harrte indessen zu Haus in banger Erwartung hinter meiner dampfenden Kaffeemaschine, in welcher ich für die Reisende den warmen Bewillkommnungstrank braute. Da fuhr der Wagen vor, und hinter der Gardine spähend sah ich neben Tante Ulrike eine hohe, schlanke Gestalt aussteigen, welche in leichten Schritten nach dem Hausflur eilte, die Sorge für all' ihre unzähligen Reiseeffecten einem hübschen, jungen Mädchen überlassend, das sich bis zum Kinn hinauf damit bepackte. Ich eilte den Ankommenden jetzt schnell entgegen und wurde Eugenien durch die Tante als ihre liebe Nichte Margarethe vorgestellt.
»So so, das ist das Backfischchen vom Lande, von dem du mir vorhin erzähltest,« sagte Eugenie leichthin und ließ ihre Blicke flüchtig auf mir ruhen. Dann reichte sie mir im Vorübergehen ihre zierlichen Fingerspitzen, die von zarten grauen Handschuhen bedeckt waren, und sich zu Tante Ulrike wendend fuhr sie schnippisch fort: »Hast du die Absicht, dir ein Mädcheninstitut anzulegen, daß du dir eine junge Dame nach der andern kommen läßt, Tante Ulrike?«
»Ich hoffe, mein Gretchen wird dir eine liebe Schwester werden,« entgegnete die Tante sanft, indem sie die häßlichen Worte Eugeniens nicht beachtete und mir leise mit der Hand über das Haar strich.
Eugenie wandte sich lachend zu mir und sagte: »Nun, ich bin zwar bis jetzt auch ohne Schwester fertig geworden, aber ich hab' nichts dagegen, daß wir gute Freunde werden, Cousinchen!« Dabei kam sie rasch auf mich zu, und ehe ich es dachte, drückte sie einen herzlichen Kuß auf meine Lippen. Dann wandte sie sich eben so rasch nach jenem belasteten jungen Mädchen, das jetzt in das Zimmer trat und rief: »Lisette, lege die Sachen nur indessen alle auf die Erde und hole mir zuerst ein Glas Wasser, ich komme um vor Hitze und Durst!«
Aber noch ehe Lisette diese Geschäfte beendet, warf sich ihre Herrin auf einen Stuhl, und indem sie einen Fuß empor streckte, rief sie: »Zieh mir diese abominablen Pelzstiefeln von den Beinen, in denen ich aussehe wie ein Lappländer, und gieb mir meine leichten Hausschuhe dafür.«
Lisette that wie ihr befohlen, indem sie vor Eugenien niederkniete, und diese ergötzte sich damit, jeden der geschmäheten Pelzstiefeln mit dem Fuße über Lisettens Kopf hinweg in die entgegengesetzte Ecke zu schleudern, wobei sie kindisch lachte und jubelte.
Ich stand ganz verblüfft neben diesem sonderbaren Wesen, das so ganz anders war, als ich dachte. Hochmüthig und doch dabei herzlich, despotisch und zugleich kindlich, und vor allem so unbegreiflich sicher und ungenirt, als ob sie schon hundert Jahre lang bei Tante Ulrike heimisch sei, es war für mich etwas Unerhörtes. Die Tante schien aber das sonderbare Betragen des neuen Ankömmlings gar nicht zu beachten, denn als sie ihre Sachen abgelegt, setzte sie sich behaglich in die Sophaecke, und sagte heiter: »Nun Gretchen, ich hoffe, du hast uns eine gute Tasse Kaffee bereitet, sie soll uns wohl thun. Eile dich, Eugenie, sonst lasse ich dir gar nichts übrig.«
»Kaffee? Behüte der Himmel, den trinke ich nie!« rief Eugenie, ihren reizenden braunen Lockenkopf schüttelnd, und zog ein Paar hellblaue, weich gefütterte Pantöffelchen an ihre wunderniedlichen kleinen Füße. »Kaffee, ein nichtswürdiges Getränk, puh! Verdirbt den Teint und macht Hitzflecke.«
»Aber was genießt du denn statt des Kaffee's, Kind?« fragte die Tante.
»Des Morgens Chocolade, Nachmittags gar nichts oder Thee!« entgegnete Eugenie leichthin, indem sie sich in Tantchens behaglichen Lehnstuhl streckte und mit den hellblauen Füßchen in der Luft auf und nieder wippte.
Ich wurde ganz roth vor Ueberraschung, als Eugenie sich so mir nichts dir nichts in Tantchens Stuhl setzte, von dem mich stets eine heilige Scheu zurückgehalten hatte; aber dergleichen Gefühle durfte ich freilich bei dieser kleinen Prinzessin nicht voraussetzen, ihr schien das Beste eben gut genug für ihre Bedürfnisse. Die Tante ließ sie auch ruhig gewähren und wandte sich zu mir, indem sie mich bat, etwas Thee für Eugenie zurecht zu machen, da dieser ein warmes Getränk gut thun würde. Eugenie sagte nichts dagegen, und so that ich, wie die Tante mir geheißen.
Das junge Mädchen hatte indessen eine kleine Bürste aus der Tasche gezogen, und putzte damit die fabelhaft langen Fingernägel ihrer zierlichen weißen Hände, ganz als sei sie allein im Zimmer, und achtete gar nicht mehr auf ihre Umgebung. Dann sprang sie vom Stuhle auf, ringelte ihre braunen Locken vor dem Spiegel und ging bald im Zimmer, bald in Tantchens Boudoir umher, indem sie alle Bilder, Kunstwerke, Bücher und dergleichen Sachen flüchtig betrachtete.
»Wie himmlisch altmodisch alles bei dir ist, Tantchen!« rief sie dann lachend. »Den alten Plunder hätte Mama längst zum Trödler geschickt. Wir hatten alle paar Jahr unsere neue Einrichtung.«
Ich erstarrte ordentlich über Eugeniens Reden. Diese schönen, gediegenen, kostbaren Meubles und geschmackvollen Einrichtungen nannte sie alten Plunder! Hier, wo ich in den ersten Tagen meines Aufenthaltes mich kaum zu bewegen wagte vor Hochachtung gegen die kostbaren Dinge, die mich umgaben, hier hörte ich dieselben Gegenstände als altmodischen Trödel verachten! Das war denn doch zu arg, und angstvoll blickte ich zu der Tante hin, um zu erfahren, was sie dazu sagte.
Sie erröthete leicht und biß sich auf die Lippen. Dann aber sprach sie gelassen: »An diesen alten Meubles hängt der Zauber schöner Erinnerungen, Eugenie. Sie waren Zeugen meiner glücklichsten Tage und sind mit mir alt geworden. Ich möchte kein Stück davon missen oder gegen etwas Neues vertauschen, denn sie sind alle mit mir und meinem Geschick verwachsen. Wer stets neue Umgebung liebt, der denkt entweder nicht gern an die vergangenen Tage, oder hat einen weltlichen, unruhigen Sinn, für den nur das Neue Reiz und Werth besitzt.«
Eugenie sah mit wunderlicher Miene nach der Sprechenden, halb war ihr lächerlich, halb ernsthaft zu Sinne. »Was du für hübsche Gedanken hast, Tantchen,« sagte sie unbefangen. »Sie passen prächtig zu den alten Meubles, sie sind eben so ehrwürdig und altmodisch wie diese. Aber du hast Recht! Was du da sagtest, gefällt mir; es war mir noch nie eingefallen.«
»Du hast wahrscheinlich an gar vieles noch nicht gedacht, Kind, was wahr und gut ist,« sagte die Tante sanft. »Ich hoffe, das wird nun kommen.«
Eugenie setzte sich still und etwas empfindlich wieder in ihren Stuhl, und ich brachte ihr eine Tasse Thee.
»Ich mag keinen Thee, mir ist heiß genug!« sagte sie verdrießlich und schob die Tasse unsanft zurück, so daß der Thee auf mein Kleid floß. Ich wandte mich schnell ab, denn ich ärgerte mich unbeschreiblich über das launische Mädchen, die Tante aber sagte sehr bestimmt, obwohl ruhig:
»Du wirst jetzt diese Tasse Thee trinken, Eugenie; denn erstens thut er dir nach der Reise gut, und zweitens ist er so eben von Gretchen für dich bereitet worden. Du hättest ihr die Mühe sparen können, wenn du vorher wußtest, daß du keinen trinken wolltest.«
Eugenie fuhr verwundert ein wenig vom Sitz auf und wurde dunkelroth. Sie saß ein Weilchen noch wie ein trotzig Kind in ihrem Stuhle und beguckte ihre weißen Fingernägel, dann richtete sie sich plötzlich rasch empor, zog die Theetasse heran, that Sahne und Zucker hinein, trank den Thee in einem Zuge aus und schob mir die leere Tasse hin. »Noch eine, Gretchen!« sagte sie gebieterisch. Ich goß ein, und nun trank sie die zweite Tasse eben so schnell hinunter, indem sie mir abermals die leere Tasse hinschob und »noch eine!« rief.
Ich sah die Tante fragend an, denn offenbar war Eugenie trotzig und wollte die Tante reizen. Diese aber sagte ganz ruhig: »Nein Gretchen, gieße keinen Thee weiter ein, Eugenie würde sich schaden.«
Meine eigensinnige Cousine sagte nichts, saß aber bitterböse im Lehnstuhl und trommelte mit den hellblauen Pantöffelchen auf dem Teppich.
»Gretchen,« rief sie endlich, den Kopf zurück werfend, »bist du hier auch im Correctionshause?«
»Aber Eugenie!« sagte ich bebend; weiter war ich keines Wortes mächtig.
Eugenie erwartete auch gar keine Antwort, sondern schnippte mit den Fingern in der Luft und fing an ein Liedchen zu trällern. Die Tante ging still nach ihrem Boudoir und machte die Thür hinter sich zu, und wir Beiden waren nun allein. Mir waren die Thränen in das Auge getreten, denn offenbar hatte die böse Eugenie Tante Ulriken weh gethan, und vorwurfsvoll sagte ich deshalb:
»Aber liebe Eugenie, wie konntest du die Tante so kränken!«
Eugenie trällerte weiter und gab mir keine Antwort.
»Du glaubst gar nicht, wie gut die Tante ist, liebe Cousine. Du solltest wirklich artiger gegen sie sein, sie verdient so sehr deine Liebe und Achtung!« fuhr ich wärmer werdend fort. »Du kennst sie gewiß noch nicht; aber ich bin schon so lange hier, daß ich ihren großen Werth und ihre hohen Verdienste unendlich lieben und schätzen gelernt habe. Sie meint es so gut mit jedermann!«
Jetzt wurde ich von einem gewaltsamen Gähnen unterbrochen, welches Eugenie hervorstieß, indem sie sich beide Ohren zuhielt.
»Du himmlische Güte, seid ihr hier langweilige Philister!« rief sie sich im Stuhle zurück werfend. »O sancta simplicitas, wie wird's mir armen Heidin unter diesen Heiligen ergehen!«
Sie machte ein so komisches Gesicht, und sah so schelmisch dabei aus, daß ich mir trotz meiner ernsten Stimmung das Lachen verbeißen mußte.
»Sage mal, du kleiner Vernunftkasten, wie alt bist du denn eigentlich, daß du dir heraus nimmst, mir gute Lehren zu geben?« fuhr Eugenie dann fort, indem sie mich mit Semmelkrümchen warf. »Bist du denn schon aus dem dummen Vierteljahr heraus? Du scheinst mir eigentlich noch ein Backfischchen zu sein. Zählst du schon vierzehn Jahre und sieben Wochen?«
»O ja, die liegen glücklich hinter mir, wenn auch noch nicht lange,« sagte ich lächelnd und warf ihr die Semmelkrumen wieder in das Gesicht.
»Wie kannst du dich aber »Gretchen« nennen lassen!« sprach Eugenie weiter. »Das klingt wie lauter Idylle, und die kann ich nicht leiden. Ich werde dich Marguerite nennen, oder auch Gänseblümchen, was ja dasselbe bedeutet.«
»Und was sehr bezeichnend für das simple Backfischchen ist, nicht wahr?« fuhr ich neckend fort, denn ich fühlte recht gut, daß sie mir einen Hieb versetzen wollte.
»Nun dumm bist du nicht, wenn auch simpel!« warf Eugenie leicht hin.
»Nicht so dumm als ich aussehe,« sagte ich lachend.
»Hm! wer sagt dir, daß du so aussiehst?« rief Eugenie rasch. »Ich nicht, denn ich finde dich im Ganzen passabel hübsch.«
»Du meinst la beauté du diable von sechszehn Jahren, wo jedes Mädchen niedlich ist, weil sie frische Farben und jugendliche Formen hat?« warf ich spottend ein.
»Ach mit dir streite wer Lust hat, du bist eine Hexe!« rief Eugenie, mir ein ganzes Milchbrod auf den Rücken werfend, da ich ihr gerade denselben zuwandte.
»Geh nicht so schlecht mit der edlen Gottesgabe um, Eugenie!« sagte ich vorwurfsvoll, die Semmel wieder auf den Tisch legend. »Die Tante leidet es niemals, daß man mit Brod spielt.«
»Um Gottes Willen, da will ich es lassen!« rief Eugenie im komischen Schrecken, »ich muß sonst am Ende auch alles Brod genießen, woraus ich Kugeln und Figuren gedreht habe, wie vorhin deinen gräßlichen Thee, von dem mir noch der Kopf brennt wie Feuer.«
»Weil du unvernünftig dabei warst, wenn ich es dir ehrlich sagen soll,« rief ich, das Theegeschirr zusammen setzend.
»Ich muß doch sehen, ob Tante wieder Lust hat, mich zu verschlingen wie vorhin,« sagte Eugenie jetzt muthwillig und ging nach Tante's Zimmerthür, und noch ehe ich sie voll Schrecken zurückhalten konnte, warf sie mir ein Schnippchen zu und war hinter der Thür verschwunden.
»O mein Gott, ist das ein Mädchen!« rief ich, indem ich ihr angstvoll nachblickte, denn nie hatte ich es gewagt, die Tante zu stören, wenn diese sich zurück gezogen hatte, und sie wagte es, nachdem sie dieselbe durch ihre Unarten so erzürnt hatte! Ich lauschte aufmerksam, ob ich heftigen Wortwechsel hören würde; aber es dauerte nicht lange, so erklang Eugeniens kindlich helles Lachen, die Thür öffnete sich, und von ihrer Nichte zärtlich umschlungen, trat die Tante mit dieser in das Zimmer.
»Du brauchst dir nicht einzubilden, daß du die Versöhnung verursacht hast, heilige Margaretha,« sagte Eugenie, den Kopf aufwerfend, aber ein freundlicher Blick Tante Ulrike's sagte mir, dies sei allerdings der Fall. Nun ich freute mich, die gute Tante wieder heiter zu sehen, die Ursache davon mochte ich oder jemand anders sein.
»Jetzt komm nach deinem Zimmer, mein Kind!« sagte die Tante, Eugenie in ihr freundliches Stübchen führend, welches an unser Schlafzimmer grenzte.
Ich hatte schon gefürchtet, Tante würde mich mit in Eugeniens Zimmer einquartiren, was mir sehr leid gethan hätte, da mir unser trauliches Stübchen herzlich lieb geworden war, nachdem ich so manchen schweren Augenblick darin überstanden hatte. Aber mein Gardinenbettchen stand nach wie vor an seinem alten Flecke, und von einer Aenderung war keine Rede.
Eugeniens Zimmer hatte eine ungemein zierliche, obwohl einfache Einrichtung, und augenscheinlich machte es auf das verwöhnte Kind einen angenehmen Eindruck, denn sie sprang singend und übermüthig von einem Gegenstand zum andern.
»Aber hier die stolze Landschaft muß fort!« rief sie plötzlich, vor dem kleinem Kamin stehen bleibend, über welchem ein schöner Claude Lorrain aufgehängt war. »Hier kommt mein herzig liebes Väterchen hin, obwohl der böse Mensch eigentlich gar nicht verdient, daß ich ihn noch ansehe, seit er mich so treulos verlassen und mich den barbarisch grausamen Händen einer gewissen Frau Ulrike überantwortet hat. Geschwind, Lisette, ausgepackt, daß ich meinen Papa endlich wieder unter den Augen habe; er kennt mich doch am Besten von allen Menschen, und weiß, ob ich so schlecht bin, als gewisse Leute von mir denken.«
Dabei riß sie ungeduldig an den Schnüren und Pappen, welche ein großes Bild umhüllten, das Lisette so eben aus einer der vielen Kisten heraus genommen. Aber trotz ihres Eifers gelang es ihr nicht, das Bild aus seiner Umhüllung zu lösen, so daß ich endlich zugriff und ihr die Sache abnahm.
»Du bist zu heftig, Eugenie, so geht es nicht!« sagte ich, vorsichtig die Schnüre entwirrend, aus denen sie einen wahrhaft gordischen Knoten geschürzt hatte.
»Da nimm es, ich mache alles dumm!« rief sie stürmisch, aber nun stand sie ungeduldig neben mir und ließ mir kaum Zeit und Raum, die Arbeit zu beenden. Endlich fiel das letzte Papier, und mit einem lautem Jubelschrei umfaßte Eugenie das Bild des Vaters mit beiden Armen, drückte es heftig an ihre Brust und bedeckte es dann mit tausend Küssen, wobei ihr die hellen Thränen über die Wangen rollten.
»Väterchen! Mein einzig liebes Väterchen!« rief sie mit zärtlicher Stimme. »Nun hab ich dich ja doch, wenn du auch weit fort von deiner armen lustigen Jenny bist und gar nichts mehr von ihr wissen magst, du böser, böser, lieber Papa!«
Es war wirklich ein unbeschreiblich rührender Anblick, das wunderliebliche Mädchen mit so kindischer Zärtlichkeit das Bild des würdigen Mannes liebkosen zu sehen, und aller Groll, den sie mir bis jetzt durch ihr wunderliches Betragen erregt hatte, schwand beim Anblick dieser Scene. Sie hatte das beste, liebevollste Herz, das zeigte sich nur zu deutlich, aber unter wie viel Schlacken ruhten diese Goldkörner! Schweigend stand ich neben Tante Ulrike, welche ebenfalls tief bewegt nach Eugenien hinblickte, und auch ihr Auge schimmerte in Thränen, sei es vom Anblick des geliebten Schwagers, sei es über die Bewegung ihrer wunderlichen Nichte. Sie trat näher zu Eugenien heran, und indem sie sich tiefer auf das Bild neigte, zog sie das liebe Kind innig an ihr Herz und hielt sie lange schweigend umfangen. Eugenie weinte still am Halse der treuen Tante, und ihr guter Genius schloß einen Bund mit dem besten Herzen, das über ihr wachte.
Aber sich lange der Wehmuth zu überlassen, das war denn doch nicht die Sache unserer Eugenie. Plötzlich raffte sie sich empor, schüttelte die wirren Locken aus der Stirn, trocknete sich die Augen, und rief wieder muthwillig: »Das ist eine schöne Geschichte! Hat der böse Papa mich doch wahrhaftig wieder zum Weinen gebracht, und ich hatte es doch verschworen, seit sein Reisewagen um die Ecke bog. Geschwind an den Nagel mit dem Sünder, der mich zu solch weichgebackenem Seelchen umgewandelt hat.«
Dabei sprang sie auf einen der schwellenden Polsterstühle, und hing mit kräftiger Hand das prachtvolle Oelbild an den Nagel. Dann nickte sie demselben schelmisch zu, küßte es noch einmal herzlich und sprang wieder herab, leicht und lustig wie ein Vogel von dem Zweige.
Der Abend verging ganz gemüthlich mit Auspacken, Einrichten, Erzählen und Plaudern, und Eugenie war bis zum Schlafengehen so liebenswürdig und artig, sprach so viel Gescheidtes und Geistvolles zwischen allerlei Wunderlichem und Barockem, daß man ihr eine geheime Bewunderung nicht versagen konnte. Beim Schlafengehen küßte sie mich herzlich und sagte, ich sei doch eine kleine Hexe, dann hüpfte sie trällernd ihrer voranleuchtenden Jungfer nach, und noch eine ganze Weile hörten wir ihr lustiges Plaudern und Lachen.
Als wir allein waren, strich mir Tante Ulrike freundlich über das Haar, wie sie immer that, wenn sie mit mir zufrieden war; dann zog sie sich noch für ein Stündchen in ihr Zimmer zurück, während ich mein Lager suchte; aber lange noch scheuchten die Gedanken über unsere neue Hausgenossin den Schlaf von meinen Augen, bis endlich der freundliche Traumgott auch meine Sinne mit holden Bildern umgaukelte.
Als ich am andern Morgen erwachte, traf mein erster Blick Tante Ulriken, welche vor meinem Bette stand und die Langschläferin wohl schon eine geraume Weile angeschaut hatte, denn sie nickte mir freundlich zu und sagte: »Wie schön du geschlafen hast, kleine Grete, ich mochte dich wahrlich nicht stören, obwohl es schon spät ist. Du schienst sehr angenehm zu träumen, denn du lachtest so eben wie ein Kind im Schlafe.«
»Mir träumte von unserer neuen Hausgenossin, Tantchen,« sagte ich, mich im Bett empor setzend. »Sie machte eben einen recht lustigen Streich: denn unserm guten alten Pudel hatte sie ihren feinen Spitzenkragen umgebunden, und die hellblauen Pantöffelchen an die Füße gezogen. Eben wollte sie ihm noch einen Schleier überwerfen, dann sei das Fräulein fertig, wie sie sagte, da erwachte ich. Wie kann man nur so dummes Zeug träumen!«
»Nun unsere übermüthige Eugenie wäre solcher Streiche wohl fähig,« lachte die Tante.
»Jetzt will ich aber aufstehen, denn sonst überrascht sie mich gar noch im Bett, sie ist vielleicht an frühes Aufstehen gewöhnt,« sagte ich eifrig und griff nach meinen Kleidern, um mich geschwind fertig zu machen.
»O,« sagte die Tante, indem sie sich auf mein Bett setzte, »da brauchst du dich nicht sehr zu beeilen, Eugenie liegt wie du noch in den Federn, ich war eben in ihrem Zimmer. Sie schlief zwar nicht mehr, sondern lag mit offenen Augen im Bett und schien gelesen zu haben, zum Aufstehen aber hatte sie noch keine Lust. Sie ist eben ein verwöhntes Kind, das thut was ihm beliebt. Für's erste muß ich sie schon ruhig bei ihren Launen lassen, so schwer es mir wird, ich rechne auf ihren richtigen Verstand und ihr gutes Herz, welche sie mit der Zeit wohl auf bessern Weg bringen werden. Dein Beispiel, mein Gretchen, soll mich in der Erziehung Eugeniens unterstützen; denn im Umgange mit dir, mein gutes Kind, wird sie bald einsehen, wer von euch Beiden auf dem richtigsten Wege ist, ein brauchbarer Mensch zu werden.«
»Mein Beispiel, Tantchen?« rief ich verwundert. »Wie kann ich armes, ungeschicktes Bauermädchen ein Beispiel für die elegante, feingebildete Eugenie sein? Das sagst du wohl nicht im Ernste!«
»Doch, mein liebes Kind,« entgegnete die Tante liebevoll, »du bist ein natürlich einfaches Mädchen, das zwar noch wenig feine gesellschaftliche Bildung besitzt und gar mancherlei Dinge noch lernen muß, ehe ihre Erziehung vollendet ist; aber dein bescheidener Sinn und dein einfach sittiges Wesen können der hochfahrenden Eugenie trotz all' ihrer feinen Bildung und ihrer äußeren Eleganz gar wohl zeigen, was ihr fehlt, und wer von euch Beiden einen größeren inneren Werth besitzt. Eugenien fehlt bei all' ihrer äußeren Vollendung doch die recht eigentliche Bildung, ich meine die Bildung des Herzens, und diese, hoffe ich, wird sie hier bei uns mit der Zeit erhalten. Das arme Kind hatte bis jetzt leider wenig Gelegenheit, sich hierin zu vervollkommnen, möchte es noch nicht zu spät sein, und möchten wir diesem reichbegabten Wesen geben können, was ihm noch so sehr fehlt.«
Die Tante zog mich liebevoll an ihr Herz, während ich stumm und demüthig mein erglühendes Gesicht an ihrer Schulter barg. Ach ich war unsäglich glücklich über die Worte der geliebten Tante! Wohl oft schon hatte sie mir durch einige zufriedene Aeußerungen oder Blicke gezeigt, daß sie nicht unzufrieden mit mir war, und daß ich trotz meiner vielen Thorheiten dennoch ihre Liebe und ihr Vertrauen besaß, aber so viel Lob war mir noch nie von ihr zu Theil geworden. Fast hätte ich stolz und eitel davon werden können, aber die Tante kannte mich genug, um zu wissen, daß ihre Worte bei mir diese Folgen nicht haben würden; denn ich fühlte gar wohl, wie sie mich durch ihr Lob nur etwas sicherer und selbstbewußter Eugenien gegenüber machen wollte, bei welcher meine ängstliche Bescheidenheit durchaus nicht angebracht war. Offenherzig gestand ich der Tante diesen Gedanken, und ihr feines Lächeln bestätigte meine Vermuthung.
»Du bist ein kleiner Schalk, Gretchen,« sagte sie heiter. »So ganz fehlgeschossen hast du freilich nicht; denn ich kann nicht leugnen, daß ich allerdings herzlich wünsche, du möchtest dich recht fest in den Sattel setzen, um im Laufe mit Eugenien von ihr nicht herausgeworfen zu werden, was ihren Uebermuth sehr vermehren würde. Aber ich hoffe, es wird schon gehen, wenigstens that Eugenie gestern schon einige Aeußerungen über dich, welche mir zeigten, du habest ihren Capricen tapfer die Stirn geboten. Damit hast du dir schon ein gutes Theil Terrain bei ihr erobert, und das ist mir lieb zu hören.«
Ich erzählte der Tante lachend mein gestriges Gespräch mit Eugenien, das sie sehr ergötzte.
»Ja ja, auf seiner Hut muß man bei dem Blitzmädchen sein,« sagte sie, »denn vergiebt man sich bei ihr erst einmal etwas, so hat man das Spiel verloren. Nun halte dich tapfer; für dich wird aus dem Umgange mit ihr auch gar vielerlei Gutes erwachsen, wenn du es wohl zu nützen verstehst. Aber jetzt eile dich mit deiner Toilette, sonst überrascht dich Eugenie am Ende wirklich noch im tiefsten Negligée.«
Ich kleidete mich mit Tantchens Hülfe schnell an und hatte die Freude, von ihr abermals ein Lob zu erhalten, wie nett und richtig ich jetzt alles machte, was zur Toilette gehört. »Entsinnst du dich noch des ersten Morgens, Gretchen?« fragte sie neckend. »Weißt du noch, wie ich da nicht aufhören konnte zu verbessern und zu reden? Weißt du, wie du mit den nackten Füßen zum Bett heraus fuhrest, und als Hemdenmätzchen an der Erde hocktest? Wie du dich ohne Wasser wuschest und endlich eine ganze Sündfluth um dich her verbreitest?«
»O still, still, Tantchen! Wie sollte ich das vergessen haben?« rief ich, der Tante den Mund zuhaltend. »Damals dachte ich nicht, daß ich es dir je würde recht machen können, das kann ich dir jetzt ehrlich gestehen. Nachgerade aber ist mir nun doch einige Hoffnung gekommen, daß dein dummes Backfischchen noch ein vernünftiger Mensch werden könnte.«
»Die Zeit wird es ja lehren,« sagte die Tante mir zunickend. »Jetzt geh und sieh, ob Eugenie nicht bald kommt, sonst müssen wir ohne sie frühstücken, mein Magen hat wegen meiner kleinen Faulpelze jetzt lange genug gefastet.«
Ich eilte in Eugeniens Zimmer, um die Cousine zum Frühstück abzuholen. Aber wie erstaunte ich, als ich die junge Dame noch im Bett und eben im Begriff fand, ihre Chocolade zu schlürfen, welche Lisette ihr präsentirte.
»Guten Morgen, Gänseblümchen!« rief sie mir fröhlich entgegen und gebot ihrer Jungfer, das Frühstück neben ihr Bett zu stellen. »Was habt ihr für gräuliches Zeug von Chocolade hier im Hause!« fuhr sie, den Mund verziehend, fort. »Das ist ja süßer Mehlbrei für Wickelkinder, pfui! Mama soll mir augenblicklich von unserer Vanillechocolade schicken, hörst du Lisette! Schreib es gleich auf den Bestellzettel. Aber du mein Himmel! Heilige Margarethe, schon fix und fertig in den Kleidern?« rief sie dann, mich verwundert vom Kopf bis zu den Füßen anblickend. »Was hast du denn vor, willst du verreisen, daß du dich so früh schon anziehst?«
»Nein, das thue ich stets, Eugenie!« sagte ich gleichmüthig. »Die Tante sieht es nicht gern, wenn junge Mädchen im Morgenrock umher gehen, weil sie es für Verwöhnung hält.«
»Nun da wird sie sich bei mir wohl daran gewöhnen müssen,« entgegnete Eugenie schnippisch und strich die feine Stickerei ihres Nachtjäckchens am Handgelenk glatt. »Ich bin kein Bürgermädchen, das gleich aus dem Bette auf die Straße muß, meine Bequemlichkeit lasse ich mir nicht stören.«
»Jeder nach seinem Gefallen, liebe Cousine,« erwiederte ich achselzuckend. »Ich habe es mir zur Pflicht gemacht, allen Wünschen der Tante nachzukommen, und so thue ich auch dies, obwohl auch ich an Morgenrock und Häubchen gewöhnt war. Jetzt finde ich es selbst sehr angenehm, gleich früh fertig zu sein, man gewinnt sehr viel Zeit dabei.«
»Bah, Zeit! Was habe ich davon!« rief Eugenie spöttisch. »Der Tag ist ohnehin lang genug.«
»Ich möchte ihn stets noch einmal so lang haben, die Zeit vergeht mir immer viel zu schnell,« erwiderte ich.
»Du bist eine Närrin, Gänseblümchen,« rief Eugenie ärgerlich. »Aber was willst du eigentlich bei mir, kommst du etwa nur, um mir wieder eine Predigt zu halten? Den Anlauf dazu nimmst du schon wieder.«
»Ich habe das Gespräch nicht angefangen, Eugenie!« sagte ich kurz. »Ich kam nur, dich zum Frühstück zu rufen; da du dasselbe aber für dich allein einzunehmen für gut findest, so habe ich weiter nichts hier zu suchen.«
Dabei wandte ich mich nach der Thür und wollte gehen. Ein schallendes Gelächter Eugeniens traf mein Ohr, und unwillkürlich blickte ich nach ihr zurück.
»Du bist eine kostbare kleine Kratzbürste!« rief sie lustig. »Nun gehst du schnurstracks zu unserer wohllöblichen Tante und berichtest ihr brühwarm, was sich allhier so eben zugetragen, und wie ich der heiligen Margarethe höchsten Zorn erregte. Und dann setzt ihr beiden Tugendexempel euch einander gegenüber und weint heiße Thränen über das räudige Schaf, das unter eure fromme Heerde gekommen.«
»Rede doch nicht solchen Unsinn, Eugenie!« entgegnete ich, indem ich gegen meinen Willen lachen mußte. Da die Tante mich jedoch erwartete, eilte ich zur Thür hinaus, hinter mir drein aber flog einer der seidenen Pantoffeln, welche das lose Mädchen mir nachsandte.
Die Tante schüttelte den Kopf, als ich ihr von diesem Morgenbesuche erzählte, und wir tranken ziemlich still und ernst unsern Kaffee. Aber noch waren wir nicht damit fertig, so öffnete sich die Thür, und Eugeniens rosiges Gesichtchen schaute zu uns herein.
»Da ist sie doch!« rief ich freudig überrascht und eilte ihr entgegen. Auch die Tante stand auf, der Ankommenden die Hand zu reichen, Eugenie aber schritt feierlich zu uns heran und sagte salbungsvoll:
»Wo zwei oder drei beisammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen!«
Ich erschrak über diesen Frevel, als hätte ich selbst die Sünde begangen, die Tante aber blickte rasch auf, dunkle Gluth färbte ihre Stirn, und finster, wie ich sie noch nie gesehen, schaute sie Eugenien an.
»Unbesonnenes Mädchen!« sprach sie streng, »laß mich nie wieder dergleichen frevelhafte Worte hören! Leichtsinn und Unarten will ich dir verzeihen, aber wer Spott mit dem Heiligsten treiben kann, von dem will ich nichts mehr wissen, für den habe ich nur noch die tiefste Verachtung. Ich hoffe, du siehst ein, wie unverantwortlich du gehandelt und bereust es von Herzen!«
Eugenie stand erschrocken vor der zürnenden Tante und hatte ihre kecke Haltung ganz verloren. Sie faßte sich zwar endlich wieder und wandte sich etwas verlegen zur Seite, aber der tiefe Ernst der Tante ließ jegliche Erwiderung auf ihrer Lippe ersterben, und schweigend setzten wir unser Frühstück weiter fort. Eugenie fühlte sich augenscheinlich dabei höchst unbehaglich, denn bald stand sie auf und machte sich im Zimmer zu schaffen. Endlich öffnete sie den Flügel und ließ die Finger über die Tasten gleiten, ohne rechten Zusammenhang zwar, aber so kunstvoll und meisterhaft, daß ich erstaunt aufhorchte.
»Spiele uns doch etwas, liebes Kind,« sagte Tante Ulrike sanft, und herzlich erfreut, daß sie aus dem Dilemma durch Tante's gütige Anrede erlöst worden, ließ Eugenie nun ihre Finger im raschen Spiele über die Tasten rollen. Es war ein wirklicher Genuß, ihr zuzuhören, denn Anschlag, Geläufigkeit und Vortrag, alles war so vortrefflich, wie ich es selten gehört hatte. Dem Spiel folgte bald auch Gesang, und die reine hohe Sopranstimme sowie der ungemein ansprechende Vortrag Eugeniens entzückten mich von Neuem, und auch der Tante ernstes Gesicht hellte sich mehr und mehr auf. Musik ist der beste Vermittler, Tröster und Helfer in so manch trüber Lage des Lebens, und auch hier halfen uns die Töne über den unangenehmen Zustand hinweg, in den Eugeniens Thorheit uns versetzt hatte; denn als sie vom Klavier aufstand, reichte ihr die Tante freundlich die Hand und lobte ihre treffliche musikalische Ausbildung.
»Du mußt meine Lehrer loben, nicht mich, Tantchen!« rief Eugenie, sich nachlässig auf das Sopha werfend. »Sie haben mich genug damit gequält, mehr als all' die Lappalie werth ist.«
»Nun du solltest es ihnen danken, denn du bist durch diese Mühe in den Besitz schöner Talente gelangt,« entgegnete die Tante. Eugenie beantwortete diese Ermahnung aber in ihrer bekannten liebenswürdigen Weise, indem sie den Mund zum Gähnen öffnete, und leise seufzend ging die Tante an ihr vorüber.
Einige Zeit nachher kehrte ich mit dem Ausgabebuche der Köchin aus der Küche in das Wohnzimmer zurück und trug vorsichtig eine Menge kleiner Münzen, welche ich eingewechselt, auf dem Umschlage des Buches. Eugenie ging trällernd an mir vorüber, und ehe ich wußte, wie mir geschah, schlug sie mir Geld und Buch aus den Händen, daß die Münzen rings im Zimmer umher flogen. Wie ein tolles Kind lachte sie dann über ihren muthwilligen Streich, während ich bestürzt niederkniete, die vielen kleinen Geldstücke mühsam aufzulesen.
Aber da trat die Tante, welche alles aus ihrem Cabinet mit angesehen, zu uns heran, gebot mir aufzustehen, Eugenien aber, selbst aufzusuchen, was sie hingeworfen. Eugenie blickte betroffen auf, dann warf sie den Kopf in den Nacken, öffnete die Thür und rief ihre Kammerjungfer herbei.
»Lies die Münzen auf, Lisette!« befahl sie dem eintretenden Mädchen, und schon kniete dieses am Boden, da sagte Tante Ulrike:
»Lisette, geh nur, es ist schon gut.«
Dann aber, als das Mädchen das Zimmer verlassen, gebot sie Eugenien ruhig aber sehr ernst, selbst ihren stolzen Rücken zu beugen und wieder zu verbessern, was sie Thörichtes gethan.
Eugenie wußte nicht, ob sie ihren Ohren trauen sollte; aber der stille Ernst der Tante imponirte ihr doch gewaltig, und ohne eine Erwiderung begann sie das mühsame Werk. Unter Stöhnen und Schelten kroch sie am Boden umher, kaum aber hatte sie eine Hand voll Münzen aufgesammelt, so warf sie mir dieselben voll Ingrimm wieder an den Kopf, und so würde sie nimmermehr zu Ende gekommen sein, hätte ich mich ihrer nicht endlich dennoch erbarmt und ihr beigestanden.
»Ach meine Füße, meine Glieder!« rief sie nun, als wir fertig waren. »Ich bin wie gerädert, es ist mein Tod!« Ich ließ sie ruhig klagen und ging meinen häuslichen Geschäften nach. Als ich wieder zurück kehrte, fand ich sie nicht mehr, und da ich glaubte, sie werde wohl Toilette machen, ging ich nach ihrem Zimmer, ihr zu helfen. Aber wie erschrak ich, sie hier im Bett zu finden. Als sie mich sah, überhäufte sie mich mit Scheltworten und Klagen, sagte, sie werde hier behandelt wie ein Sträfling, und es werde sicher ihr Tod sein, sie fühle sich jetzt schon völlig krank und elend.
Bestürzt eilte ich zu Tante Ulrike, dieser den Zustand Eugeniens mitzutheilen, die Tante aber lächelte über meine Sorgen und sagte ruhig: »Laß nur Kind, Eugenie wird schon wieder gesund werden, aber geh nicht zu ihr, wir müssen sie sich selbst überlassen.« Dann ergriff sie ein Buch und begann unsere tägliche Lektüre, und Lessings geistvolle Worte, die sie mir vorlas, führten meine Gedanken bald in andere schönere Regionen.
Meine Freundin Marie unterbrach nach einiger Zeit unsere Beschäftigung, um sich nach dem neuen Ankömmling zu erkundigen. Da Eugenie aber noch immer nicht sichtbar war, so hatten wir Zeit genug, lange allein mit einander zu schwatzen.
Schon nahte die Mittagstunde, und Marie wollte wieder gehen, da erschien plötzlich Eugenie in der Thür, höchst zierlich angekleidet und stolz und vornehm in Miene und Haltung. Ich stellte ihr meine Freundin vor und fragte nach ihrem Befinden, sie aber lehnte sich matt in den Sessel, nickte Marien kalt einen Gruß zu und schien uns dann nicht weiter zu beachten. Marie entfernte sich bald und war außer sich über Eugeniens Art und Weise, ich suchte sie indeß zu entschuldigen; aber meine Versicherung, daß sie unendlich liebenswürdig sein könne, fand bei meiner feinfühlenden kleinen Freundin durchaus keinen Glauben.
Ich setzte mich still an meine Arbeit, während meine Cousine wieder nachlässig auf dem Sopha ruhte. Ihr helles Lachen überraschte mich aber bald darauf, so daß ich verwundert aufblickte.
»Ist sie immer so blau und so blond?« rief Eugenie lustig.
»Wen meinst du denn?«
»Nun deinen Castor, mein Pollux!«
»Ja, blond ist sie immer, wie ich immer schwarz bin. Und blau trägt sie viel, ich liebe das gerade an ihr. Wie gefällt sie dir denn, Eugenie!«
»Wie einem solch' Butterschäfchen gefallen kann! Es fehlt nur Todtenkopf und Bibel, und die büßende Magdalena ist fertig.«
Ich war empört. Meine Marie, meine vergötterte, herrliche Freundin so zu schmähen, es war abscheulich! Ich wollte eben einige rechte bitterböse Worte erwidern, da fühlte ich mich plötzlich von hinten umschlungen, und Eugeniens schönes Gesicht blickte voll Schelmerei in meine feuchten Augen.
»Richtig, das Wetter wird gleich losbrechen!« rief sie, und küßte mich. »Schleudere deine Blitze nur herab auf mein reuig Haupt, o Kronion, ich verdiene es nicht besser!«
Nun mußte ich wieder lachen, wo ich böse sein wollte, es war nicht auszuhalten mit diesem Mädchen!
»Was machst du denn eigentlich da?« fragte Eugenie und nahm mir meine Arbeit aus der Hand.
»Etwas sehr Häusliches und Prosaisches, wie du siehst, ich stopfe Strümpfe.«
»Du stopfst sie? Um's Himmels willen, warum thust du denn das, das macht doch kein anständiges Menschenkind selbst!«
»Ich wüßte nicht, was bei solcher Arbeit Entehrendes wäre? Die Tante sagt, je weniger Hülfe wir von Anderen brauchten, je besser wären wir daran, denn um so unabhängiger machte man sich von anderen Menschen.«
»Hm, das ist nicht dumm. Machst du dir noch mehr selbst, auch etwa die Kleider und das Weißzeug?«
»Die Wäsche und Kragen natürlich. Und die Tante hat mir versprochen, ich solle auch das Schneidern erlernen, damit ich später auch meiner Mutter und den Schwestern die Kleider machen kann, denn auf dem Lande ist das doppelt angenehm.«
»Aber wo in aller Welt nimmst du denn die Zeit her zu all' den Arbeiten? Das brächte ich ja nun und nimmermehr zu Stande, und wenn der Tag Millionen Stunden hätte!«
»Ja siehst du nun wohl, wozu es gut ist, zeitig aufzustehen und sich gleich anzuziehen? Auf dem Sopha kann ich freilich auch nicht immer liegen, wenn etwas fertig werden soll.«
»Hexe, die du bist!« schmollte Eugenie, und spielte Ball mit meinen aufgerollten Strümpfen.
»Wie geht es dir denn eigentlich, Eugenie,« fragte ich nun theilnehmend, »bist du denn wieder ganz wohl!«
»Das kann dir ganz einerlei sein, da du nicht früher danach gefragt hast,« sagte sie trotzig. »Ich glaube, ich könnte sterben und verderben, ehe sich jemand von euch um mich bekümmerte.«
Ich mußte still vor mich hin lächeln und sah wohl ein, das beste Mittel sie zu kuriren sei, wie Tante meinte, ihre Krankheit gar nicht zu beachten, wer weiß, wie lange sie noch stöhnend im Bette geblieben wäre, hätten wir uns ängstlich und sorgenvoll um sie bemüht.
Am Nachmittag machte die Tante einige Besuche mit uns, um ihren Freunden ihr zweites Pflegekind vorzustellen. Ach welch' ein Unterschied war in Eugeniens Erscheinen bei ihrem ersten Besuche im Vergleiche mit dem meinigen damals! Unwillkürlich sah ich mich armes, hölzernes Mädel, dem Angst und Ungeschick die Röthe der Scham und Verlegenheit auf die Wangen jagte, neben der feinen, eleganten, anmuthigen Eugenie. Wie unendlich liebenswürdig konnte dies Mädchen sein, wenn sie wollte! Und den Fremden gegenüber wollte sie fast immer, deshalb gewann sie bald Aller Herzen, und niemand ahnte, wie schwere Stunden dieses verzogene, launische Kind den Ihren zu Hause bereiten konnte. Auch Marie söhnte sich etwas mit Eugenien aus, da sie am Nachmittage ganz ausgetauscht schien, und freundlich und gesprächig war, wie gewöhnlich.
Sehr ergötzlich fiel der Besuch bei Geh. Rath Delius aus. Amanda schwebte wieder in ihrer bekannten affectirten Weise durch das Zimmer und machte es sich im Lehnstuhle bequem, indem sie bald das Flacon, bald den Fächer oder das Taschentuch handhabte; mich ignorirte sie natürlich gänzlich, aber auch Eugenien behandelte sie so von oben herab, daß mir ganz bange wurde.
Zu meiner Verwunderung schien dies Betragen Eugenien gar nicht zu verletzen. Sie beobachtete Amanda ziemlich still eine Weile, und ich sah es um ihre Lippen zucken wie lauter Lust und Muthwillen. Leise lehnte auch sie sich in ihren Lehnstuhl zurück, noch viel bequemer als Amanda, zog rasch einen Fußschemel herbei, nach dem jene so eben greifen wollte, setzte ebenfalls Riechfläschchen und Taschentuch in Bewegung und sprach noch viel matter und blasirter als ihre Gegnerin. Und das alles war so wenig gemacht, schien so ganz eigene Natur zu sein, daß ich staunend die sonst so frische Eugenie betrachtete.
Amanda wußte augenscheinlich auch nicht, was sie dazu sagen sollte, unwillkürlich erhob sie sich etwas aus ihrer bequemen Lage, suchte ein ordentliches Gespräch anzuknüpfen und zierte sich weniger. Eugenie aber ließ sich nicht stören, gab zwar Antworten, aber ganz in Amanda's bisheriger Art und Weise, und wandte sich viel mehr zu mir armen Dinge, als zu der eleganten Tochter des Hauses. Als jedoch die Geheimräthin selbst mit Eugenien ein Gespräch begann, betrug sie sich wieder so liebenswürdig und fein, wie es stets ihre Art war. Wirklich setzte es Eugenie in dieser Weise mit der Zeit durch, daß Amanda ihr abgeschmacktes Wesen ihr gegenüber aufgab und natürlicher sprach und sich bewegte, und wie sie, so stimmte auch Eugenie ihren natürlicheren Ton wieder an, so daß diese beiden eigenthümlichen Mädchen recht gut mit einander fertig wurden.
Ich ging am andern Morgen zeitig wieder nach Eugeniens Zimmer, um zu hören, ob sie wieder ganz wohl sei, und heute empfing sie mich zwar eben so muthwillig wie gewöhnlich, aber doch herzlich und freundlich.
»Willst du meinem Lever beiwohnen, Gänseblümchen?« sagte sie, die Glocke ihres Nachttisches bewegend. »Du sollst auch die Ehre haben, mir höchst eigenhändig das reine Hemdchen über meinen jungfräulichen Nacken zu streifen, und niemand soll dir dein Amt streitig machen. Du kennst doch die schöne Geschichte von Ludwig XIV., der eine halbe Stunde ohne jegliche Hülle im Naturkostüme verharren mußte, nur weil jedesmal in dem Augenblicke, als der Vornehmste seiner Umgebung ihm besagtes Kleidungsstück überwerfen wollte, ein noch Vornehmerer in das Zimmer trat, dem dann dies höchste aller Aemter im großen Staate Frankreich übergeben werden mußte?«
Ich kannte die Geschichte wohl, ließ Eugenien jedoch ruhig erzählen und betrachtete mir indeß die schöne Stickerei ihrer Wäsche.
»Wie schön das alles ist!« sagte ich voll Bewunderung.
»Gefällt es dir?« entgegnete Eugenie gleichgültig. »Suche dir aus, was du willst, das Zeug ist mir alles egal.«
»Aber das kostet ja alles so viel Geld, Eugenie, egal kann es dir doch unmöglich sein!« wagte ich einzuwerfen.
»Bah, Geld!« rief sie achselzuckend. »Was kümmert mich das! Mama sagt, das sei Nebensache, Papa habe genug davon.«
»Aber du könntest es doch besser anwenden, als es so wegzuschleudern, liebe Cousine. Wie viel Freude könntest du Andern machen mit einem kleinen Theil dessen, was du so verschwendest.«
»Besser anwenden? Was meinst du damit, Kleine?«
»Nun wie gesagt, du könntest Andere damit glücklich machen, die weniger haben.«
»Wen meinst du denn? Lisetten gebe ich alles, was sie haben will, und wer mich sonst anbettelt, der bekommt auch immer etwas.«
»Laß gut sein, du verstehst nicht, wie ich das meine, liebe Eugenie,« schloß ich endlich. »Komm lieber und stehe auf, ich habe keine Zeit mehr zu warten.«
Eugenie rief Lisetten an das Bett und streckte derselben einen Fuß nach dem andern entgegen, woran die Zofe erst die feinen Strümpfe und dann die blauseidenen Pantoffeln streifte. Dann löste sie alle Knöpfe und Bänder an dem Nachtkleide der jungen Dame, und diese ließ alles geschehen ohne selbst auch nur einen Finger zu rühren. Ich schaute dem Dinge voll Verwunderung zu, sagte aber kein Wort; doch als sie fertig war, und Lisette ihr alle Knöpfe, Bänder und Haken wieder geschlossen und ihr den feinen weichen Morgenrock übergeworfen hatte, der durchweg mit weißer Seide gefüttert war, bat ich sie scherzend, sie möge nun auch einmal meinem Lever beiwohnen, um sich zu revanchiren. Das ergötzte sie sehr und sie versprach es. Natürlich glaubte ich nicht, daß sie es thun würde und war deshalb höchst erstaunt, sie wirklich am andern Morgen schon neben meinem Bette zu sehen, als ich erwachte.
»Nein solch' ein Faulpelz!« rief sie triumphirend, als ich sie voll Staunen anblickte. »Da nimm dir ein Beispiel an Eugenie, dem braven Mädchen, die hat schon seit drei Stunden Strümpfe gestopft!« Wirklich sah ich einen ganzen Berg Wäsche neben ihr aufgehäuft, und einen Strumpf über ihren Arm gezogen, focht sie mit langer Nadel und Faden heftig in demselben auf und nieder. Bald sah ich wohl, daß sie nur Scherz trieb und keine Idee von der Arbeit hatte, die sie vorgab, ich ignorirte es aber und blickte staunend auf sie hin. Ihr fröhliches Lachen fand dann natürlich sogleich Erwiederung, und ich fand nicht Worte genug, ihren Heroismus zu bewundern, bis sie endlich den ganzen Haufen Wäsche auf die Seite warf und sich im Lehnstuhle behaglich streckte.
»Aber nun rasch aus den Federn!« rief ich und griff nach meiner Wäsche und den übrigen Sachen.
»Machst du das denn selbst, Gänseblümchen?« sagte Eugenie erstaunt und sah auf meine Finger, welche schnell Bänder und Haken lösten und schlossen.
»Natürlich, das macht mir niemand anderes schnell und gut genug!« entgegnete ich. »Es wäre mir unerträglich, solch' Kammermädchen an mir herum zupfen und zerren zu lassen, und zu warten, bis es ihr gefällig wäre, mich zu bedienen. Selbst ist der Mann! Du glaubst nicht, wie angenehm es ist, alles selbst zu machen.«
»Ja diese Lisette ist ein gräulicher Tölpel!« sagte Eugenie nachdenklich. »Du glaubst gar nicht, wie sie mich quält und peinigt durch ihr Ungeschick! Und gerade wenn ich sie brauche, kann sie niemals kommen. Du bist zehnmal besser daran als ich, ich beneide dich wirklich!«
»Aber so versuche doch, dich einmal allein zu bedienen, liebes Herz, dann bist du allen Aerger los,« rief ich lachend und fuhr mit dem Kamme durch mein dichtes Haar.
»Ich kann es ja nicht! Mama sagt immer, es sei unschicklich, sich selbst zu bedienen.«
»Nun weißt du was? Ich werde dir helfen, bis du es kannst, willst du das, Eugenie?«
»Hm, ja, nein, wie du willst! Ich weiß selbst nicht!« stotterte Eugenie und drehte mein Haar um ihre Finger. »Du würdest doch davon laufen, denn ich quälte dich natürlich so lange, bis du es thätest,« setzte sie dann in ihrer lustigen Weise hinzu.
»Nun, darauf wollen wir es ankommen lassen! Soll ich morgen früh kommen?«
»Nein, ich mag nicht, es ist doch unbequem, und du bist mir ohnehin weise genug!« rief sie und warf sich wieder nachlässig auf den Lehnstuhl, ich aber ließ sie in Ruhe, denn hier stürmen oder drängen zu wollen, wäre sehr unklug gewesen. Aber siehe da, am folgenden Morgen saß Eugenie schon am Frühstückstisch, als die Tante und ich in das Zimmer traten, und auf unsere verwunderten Ausrufungen sagte sie leichthin:
»Ich ennuyire mich todt bei meiner einsamen Chocolade, ich will mit euch zusammen frühstücken. Und Gänseblümchen soll nur ihre Dienste Anderen anbieten, ich brauche sie nicht. Ich habe mir heute alles selbst gemacht, da seht her, ob's nicht ordentlich ist!«
Natürlich überhäuften wir sie mit Lobeserhebungen, aber die waren bei ihr nie angebracht, und in komischem Verdruß hielt sie sich die Ohren zu.
Dergleichen kleine Scenen wiederholten sich fast täglich, und so böse wir nur gar zu oft über das unverständige Mädchen sein mußten, eben so sehr söhnte uns bald darauf ihr gutes, herzvolles Betragen wieder mit ihr aus. Es lag ein Schatz von großem Werthe in diesem wunderlichen Geschöpfe, und wer nur die Geduld nicht verlor, der konnte in ihr noch viel Gutes erwecken. Tante Ulrike war ganz die Person dazu, das fühlte auch die leichtsinnige Eugenie gar wohl, und hing in ihrer Weise bald eben so innig an diesem trefflichen Wesen, als ich es in der meinen that. Daß auch ich mich bald der Gunst Eugeniens mehr zu erfreuen hatte, als ich je gehofft, erleichterte mir das Herz unbeschreiblich, liebte ich doch das reizende, wunderliche Mädchen trotz allem, was sie mir anthat, bald aus ganzer Seele.
Aber wie manches hatten wir im Anfange noch zu überwinden, ehe Eugenie etwas vernünftiger wurde! Ich besonders war stets die Zielscheibe ihrer losen Streiche, und doch wußte sie es immer wieder gut zu machen, wenn sie mich gekränkt oder geärgert hatte.
Eines Tages trat ich an meinen Arbeitstisch am Fenster und ordnete die rankenden Schlingpflanzen, welche sich an demselben hinzogen. Dabei wollte ich, wie ich täglich that, das Bild meiner lieben Marie begrüßen und hob die Blätter des Epheu empor, um es besser zu sehen.
Aber erschrocken fuhr ich zusammen, und mit bebender Hand griff ich nach dem geliebten Schatze, um mich zu überzeugen, ob ich mich täuschte. Nein es war kein Irrthum! Eine böse, frevelnde Hand hatte mir verdorben, woran mein ganzes Herz hing. Ein dicker, schwarzer Schnurbart deckte die feinen Lippen des netten Bildes und entstellte das zarte Gesicht der rosig frischen Blondine. Es war zu abscheulich, zu boshaft, und doch konnte man sich des Lachens über den sonderbaren Anblick nicht enthalten.
Daß Eugenie mir diesen Streich gespielt lag außer Frage, denn oft schon hatte sie dies kleine Oelbild verhöhnt, das ich allerliebst fand, sie aber meinte, es sähe aus wie ein Ritterfräulein auf dem Pfeifenkopfe eines Handwerksburschen.
Ich nahm das arme Bild still von der Wand und legte es in den Kasten, schelten konnte ich das lose Mädchen nicht, dazu war mir zu weh um das Herz; aber meine roth geweinten Augen und die leere Stelle über meinem Nähtisch, welche ich durch kein anderes Bild verdeckte, sagten Eugenien wohl, wie sehr ich mich grämte. Bald erfuhr ich auch, daß die Tante sehr ernst über diesen herzlosen Streich mit ihr geredet hatte, und dies war mir lieber, als mich selbst mit ihr darüber zu streiten.
Wie sehr staunte ich nun eines Morgens, als ich den leeren Platz durch ein neues Bild ausgefüllt sah, und zwar ein Bild von meiner lieben Marie, ganz zart und duftig in Wasserfarben gemalt und unendlich viel schöner als das verdorbene! Die frischen Farben und die anmuthigen Züge waren so treu wieder gegeben, daß ich voll jubelnden Entzückens das liebe Bild an die Lippen drückte und außer mir war vor Freude. Wer hatte das gethan! Konnte Eugenie? – aber nein, das war ja ein kleines Kunstwerk, und verstand sie das, wann hätte sie es gearbeitet? Und doch, es sähe ihr so ähnlich! Aber sie selbst würde es nie eingestehen, mich höchstens noch verspotten.
Da kam das Urbild meiner Freude selbst, meine liebe gute Marie! Jubelnd flog ich ihr entgegen und fragte, wer das Bild gemalt.
»Nun Eugenie, wie kannst du daran zweifeln?« sagte Marie. »Sie war ja einige Mal heimlich bei mir, um es zu malen. »Das alte ist ein Monstrum,« sagte Eugenie, »und ich habe es absichtlich verdorben, um ihr ein anderes dafür malen zu können, sonst nähme sie es doch nie von der Wand, und ich hätte mich ewig darüber zu ärgern.«
Das sah ihr ähnlich, aber danken durfte ich nicht dafür, sonst war sie im Stande, dem lieben Gesichtchen abermals einen schwarzen Bart anzumalen. Jetzt erst fiel mir ein, daß sie einige Vormittage allein ausgegangen war, um, wie sie sagte, allerlei zu besorgen. Da war dies Bildchen entstanden. Welch' Talent lag in dem Mädchen! Musik, Malerei, alles konnte sie trefflich, nur davon sprechen, sie loben, das durfte niemand, sie rechnete all' ihr Können der Mühe ihrer Lehrer zu und legte scheinbar gar keinen Werth auf ihre Talente.
Eugeniens Lieblingsthema für ihre Neckereien, deren sie ewig im Sinn hatte, war besonders meine einfach ländliche Garderobe, die freilich gegen die üppig elegante Toilette der verwöhnten Cousine gewaltig abstach. »Nett und sauber!« das war meiner guten Mutter Princip bei Anschaffung neuer Kleidungsstücke; aber freilich drang die neueste Mode nur langsam hinaus auf unser fern gelegenes Landgut, und so mochte ich wohl etwas altfränkisch ausgesehen haben, als ich zu der Tante kam, denn diese hatte schon allerlei Aenderungen an meiner Toilette vorgenommen, so daß ich erstaunlich modisch und zierlich gekleidet zu sein meinte, bis die elegante Eugenie mich durch ihre Garderobe völlig in den Schatten stellte. Aber dieser Abstand in der Erscheinung drückte mich nicht, es paßte eben so ganz zu unser Beider Persönlichkeit, und in Eugeniens köstlichen Kleidern wäre ich gewiß noch viel steifer und ängstlicher gewesen aus Furcht, sie zu verderben.
Ein etwas buntes, schwerfällig gemachtes Kleid war es besonders, das vor Eugeniens Augen durchaus keine Gnade fand und fortwährend Grund zu neuen Neckereien abgab. Aber der Stoff des Kleides war gut und fein, das Kleid noch neu und sauber, und so trug ich es trotz alledem ruhig weiter.
»Es riecht nach Butter und Käse!« sagte Eugenie, wenn sie mich darin erblickte. »Um Gottes Willen geh nicht vor die Stadt, die Kühe halten dich für eine bunte Wiese und wollen auf dir grasen.« Oder auch: »Großmutter, in welchem Winkel deines Strickbeutels stak einmal der kostbare Stoff deines Bratenrockes? Heißt dein Schatz Bauer Michel oder Peter, mit dem du in diesem Staate Hochzeit machen willst?« und was der losen Reden mehr waren. Aber ich kehrte mich, wie gesagt, wenig daran und trug mein geschmähtes Kleid weiter.