Eines Tages jedoch konnte ich es durchaus nicht finden, ich durchsuchte alle Schränke, aber vergebens. Da kam Eugenie an mir vorüber und sagte leichthin: »Ach Gänseblümchen, wenn du etwa dein Großmutterkleid suchst, so bemühe dich nicht länger, das hat jetzt die arme Zeitungskäthe an. Das alte Wesen bat mich um einen warmen Rock für die Kälte, aber du weißt, meine Kleider sind alle so dünn und wärmen nicht. Aber das Butter- und Käsekleid von dir ist so warm und weich, ich dachte, das müßte dem armen Weibe gut thun und gab es ihr. Du bist doch nicht böse darüber?«

Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten tanzte sie trällernd davon, ich aber schaute verblüfft drein und wußte nicht, war das Scherz oder Ernst. Wäre es nicht Eugenie gewesen, so hätte ich es für einen Spaß gehalten; aber sie war fähig das zu thun, was sie erzählte, und der leere Schrank sprach nur zu deutlich von der Wahrheit ihrer Geschichte. Das war denn doch etwas zu stark, dieses feine, gute Kleid an solch' armes Weib zu geben, der mit etwas Geringerem viel besser gedient war, und nun gar über das Eigenthum Anderer so willkürlich zu verfügen! Ich ging fast weinend vor Verdruß in mein Schlafzimmer, um mich fertig anzukleiden und der Tante dann mein Leid zu klagen. Aber siehe da, als ich an mein Bett trat, sah ich auf diesem ein wunderschönes violettfarbenes Kleid liegen von einem so köstlich feinen Wollenstoff, daß ich voll Bewunderung stehen blieb und es anschaute.

»Nun ich hoffe, es paßt dir, kleine Gänseblume!« rief Eugenie und schaute zur Thür herein. »Die Schneiderin behauptet dein Maß zu haben.«

»Soll das denn für mich sein?« fragte ich verwundert und hob das reiche Gewand in die Höhe, das mit Sammet und Spitzen wunderschön ausgeputzt war.

»Mama hatte den Stoff zu einem Winterkleide für mich bestimmt,« sagte Eugenie achselzuckend, »doch es gefiel mir nicht. Da es aber immerhin hübscher ist als dein Bratenkleid, so habe ich es dir machen lassen und verschenkte deinen Hochzeitrock, nur damit ich mich nicht vollends todt darüber ärgern muß. Zu bedanken brauchst du dich nicht, denn ich konnte die Farbe für mich nicht leiden. Veilchen sind mir nun einmal schrecklich langweilig, darum mag ich auch ihre Farbe nicht tragen.«

So wußte das sonderbare Mädchen stets die Sachen zu wenden und zu drehen, daß man schließlich weder schelten noch danken konnte, aber das wollte sie eben. Sie hatte ihren Willen, das war die Hauptsache, und alles Andere mußte schweigen. Noch nie im Leben hatte ich ein so schönes Kleid besessen, und freudestrahlend eilte ich damit zur Tante. Diese begrüßte mich lächelnd und sagte, es möge jetzt gut sein, ihre Strafpredigt hätte Eugenie erhalten, denn unrecht sei ihre Handlung bei alledem; aber den Tausch könne ich mir wohl gefallen lassen. Das fand ich auch, denn mit Vergnügen sah ich in Tante's großem Spiegel, daß ich ordentlich hübsch in dem stattlichen Kleide aussah.

»Thust du den Armen gern Gutes, Eugenie?« fragte ich in Folge der Kleidergeschichte, denn lange schon hatte es mir am Herzen gelegen, meine reiche Cousine mit meinen Armen bekannt zu machen, die ich regelmäßig jede Woche besuchte.

»Thu' doch nicht solche Alt-Jungferfragen, Gänseblümchen!« erwiderte Eugenie. »Die Armen sind schrecklich unbequemes Volk, ich kann sie nicht leiden, darum schenke ich ihnen immer schnell etwas, wenn sie an mich heran kommen, dann bin ich sie los.«

»Aber das ist nicht recht, Eugenie, deshalb mußt du es doch nicht thun! Denke doch, wie schrecklich schlimm diese armen Geschöpfe daran sind, denen oft das Nöthigste zum Leben fehlt. Wenn wir ... Aber was machst du denn, was soll denn das heißen?« fuhr ich endlich fort und sah Eugenien zu, welche mir eine schwarze Schürze als Mantel umband und eine Art Thron von Stühlen erbaute.

»Wenn's gefällig wäre, Herr Pastor, die Kanzel ist fertig, predigen Sie dort weiter,« sagte sie mit einer feierlichen Verbeugung gegen mich und setzte sich mit andächtiger Miene mir gegenüber. Natürlich war ich nun mit meinen weisen Reden zu Ende, und das hatte sie nur gewollt. »Du bist so weise, wie du reizend bist!« war sonst ihre gewöhnliche Redensart, wenn ich bei ihrem leichten Geschwätz meine solideren Ansichten nicht unterdrücken konnte, und diese Rede Titania's, mit der sie im Sommernachtstraum den zum Esel verwandelten Weber Zettel begrüßt, war auch für mich eine eben so zweideutige Phrase, da ich von meinen eigenen Reizen gar schwache Begriffe hatte.

Wie Eugenie von meiner Predigt über die Armuth nichts hören wollte, so war sie auch taub gegen meine Bitte, mich zu einigen armen Familien zu begleiten, denen ich in jeder Woche etwas zu bringen pflegte, bald Geld, bald Kleider, bald Essen, was ihnen gerade am nöthigsten that.

»Es riecht so gräßlich bei solchen Leuten, man bekommt es nicht wieder aus den Kleidern heraus. Mein Lehrer nannte diesen Geruch Buttersäure,« sagte sie und gab mir Geld, das ich dem »armen Volke« schenken sollte, nur sie selbst solle man in Ruhe lassen. Natürlich drang ich nicht weiter in sie, aber als ich eines Tages von einem dieser Besuche zurückkehrte, konnte ich nicht unterlassen zu erzählen, wie sehr mich die Noth und das Elend in einer jener Familien ergriffen hätte, in welcher die Mutter krank, der Vater auf Arbeit, und die kleinen Kinder sich selbst überlassen waren.

Eugenie schien kaum auf meine Erzählung zu achten, wie überrascht war ich deshalb, als ich einige Tage darauf wieder zu der armen Familie kam, zu hören, daß eine junge Dame dort gewesen und sie mit Geld und Sachen reich beschenkt, ja den kleinsten Knaben lange auf dem Schooße gehabt und ihm endlich eine kleine goldene Kette um den Hals geschlungen hatte, weil er gar so hübsch sei. Die Kette war von Eugenien, ich kannte sie wohl, und die ganze Beschreibung paßte auch auf sie. Aber erwähnen durfte ich gegen sie nicht, daß ich von ihrem Besuche wußte; schon bei meiner leisen Andeutung zuckten ihre Augenbrauen, das Zeichen ihres Verdrusses, und so schwieg ich, Freude und Bewunderung nur gegen die Tante aussprechend, welcher bei meiner Erzählung die Thränen in die Augen traten. »Wunderbares liebes Kind!« sagte Tante Ulrike, und ihr Herz erwärmte sich mehr und mehr für ihr zweites Pflegekind, in welchem täglich neue treffliche Eigenschaften erwachten.

Und dieser Besuch bei der armen Familie blieb nicht der einzige, den Eugenie machte. Nach und nach hatten sich eine ganze Anzahl armer Leute ihrer Gunst und Fürsorge zu erfreuen; aber durch wen sie diese Armen kennen gelernt, danach durften wir nicht fragen, wie es ihr denn überhaupt unerträglich war, sich beobachtet oder controlirt zu sehen. Tante Ulrike und ich fürchteten freilich nicht ohne Grund, daß Eugenie in ihrer Unerfahrenheit und Güte sicher so manchen thörichten Streich bei Beschenkung ihrer Armen begehen würde, und einzelne werthvolle Gegenstände, welche ich bald bei ihr vermißte, bestätigten unsere Vermuthung. Aber es war da nicht viel zu thun, wollte man Eugenien nicht den ganzen neu erwachten Wohlthätigkeitssinn wieder verleiden. Eines Tages aber gab sie selbst Anlaß zu einem Gespräche über derartige Dinge.

»Ich begreife nicht, Gänseblümchen, wo du das Geld hernimmst, um deine Armen zu versorgen,« sagte sie nachdenklich, als sie von einem ihrer Besuche heimkehrte. »Ich bin nun bald selbst so arm wie eine Kirchenmaus; aber hätte ich noch zehnmal mehr, es reichte doch nicht für all' das, was diesen Leuten fehlt.«

»Ich glaube, du beurtheilst die Bedürfnisse dieser Armen falsch, liebes Kind,« sagte die Tante, welche freundlich zu uns trat. »Von allem, was dir und uns zum täglichen Leben unbedingt nöthig scheint, bedürfen diese Leute nur einen geringen Theil. Wir sind verwöhnter, als wir es selbst glauben, und wären wir in solch' armen Familien aufgewachsen, wir brauchten nur den hundertsten Theil von all' dem, was wir jetzt für nöthig halten. Darum können wir auch mit kleinen Gaben in armen Häusern viel Gutes thun, denn die Bedürfnisse dort sind leicht zu befriedigen.«

»Aber Tante, das finde ich gar nicht!« rief Eugenie lebhaft. »Ich gebe und gebe, daß ich selbst nichts mehr habe, das ist aber alles wie ein Tropfen auf einen heißen Stein, immer brauchen die Leute noch etwas. Vor einigen Tagen komme ich z. B. zur Familie des Maurergesellen Franke. Ich fand sie gerade beim Mittagsbrod, sie saßen rings um den hölzernen Tisch herum, und aßen alle aus ein und derselben Schüssel. Das war mir schon ein schrecklicher Gedanke, nun aber sah ich die Löffel, mit denen sie aßen, und ich schrak ordentlich zusammen, denn es waren ganz alte, schwarze, halb zerbrochene Blechlöffel! Ich fragte, warum sie denn kein Tafeltuch auflegten, und jeder seinen Teller für sich habe, aber da sahen sie sich verlegen an, denn denkt nur, die armen Menschen hatten nicht ein einzig Tischtuch, keine Serviette, nur zwei Teller, und die waren aus braunem Thon, und nur diese abscheulich schwarzen Blechlöffel zum Essen. Ich ging denn sogleich mit Lisetten nach der Stadt, und kaufte eine Menge Teller und Schüsseln, drei Tischtücher mit Servietten, und ein halbes Dutzend silberne Eßlöffel, was ich alles den armen Leuten so eben hinschickte. Aber so geht es mir fast überall, die armen Menschen entbehren ja oft das Allernöthigste, doch wie wenig kann ich ihnen darin beistehen! Beim armen Schlosserhans fand ich die Frau neulich im Bette liegen, aber statt der Nachtjacke hatte sie ein altes Tuch umgeschlungen, Nachtzeug besaß die Aermste nicht. Statt der Matratze hatte sie nur einen Strohsack als Lager, und ihre drei Kinder lagen alle in ein und demselben Bette. Ich besorgte nun gleich allerlei Matratzen und Bettzeug und der Frau einen netten Anzug für die Nacht; aber solche Ausgaben haben mich ganz ausgebeutelt, ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.«

»Mein gutes Kind, erlaube mir, daß ich mich deiner Verlegenheit annehme,« sagte die Tante sanft und streichelte Eugeniens Wange. »Was du mir da erzählt, spricht für dein liebes Herz, aber ich kann dir nicht verhehlen, daß du auf einem falschen Wege bist, den Leuten Gutes zu thun. Was ich vorher schon sagte, finde ich bei dir bestätigt: du hältst Dinge für nöthig, welche dem Geringeren durchaus nicht als Bedürfniß erscheinen. Ich bin fest überzeugt, die Schlosserfrau trägt das feine Nachtzeug in eine Leinenhandlung, und läßt sich Geld oder derbes Leinen dafür geben, das ihr nöthiger ist, und das Tischzeug und Tafelservice bei Frankes liegt entweder unbenutzt im Kasten, oder geht denselben Weg, den die silbernen Löffel ohne Frage gehen, nämlich den, zu Geld eingewechselt zu werden.«

»Aber Tante, warum denn? Denke doch, wie nöthig die Leute diese Sachen brauchten und wie froh sie nun sein werden, endlich von einem Tischtuche und von weißen Tellern zu essen, sowie vor allen statt der abscheulichen schwarzen Löffel nun Silber in den Mund stecken zu können!« sagte Eugenie verwundert.

»Nein Kind, darin besteht eben dein Irrthum,« entgegnete die Tante lächelnd. »Du meinst, die Leute hätten diese Sachen bitter entbehrt, weil du sie entbehren würdest, wärest du an ihrer Stelle. Aber sie kennen es ja gar nicht anders, haben nie in ihrem Leben anders gegessen, und werden gar nicht wissen, was sie mit all' den Tellern und gar mit Servietten und Tischtuch anfangen sollen. Das Silber aber bedürfen sie nöthiger, als es in Löffelgestalt in den Mund zu stecken. Dazu dienen ihre alten Blechlöffel vortrefflich, und du darfst ihnen nicht zürnen, wenn sie jenes Silber in Geld verwandelt haben, damit sie dafür etwas anschaffen, was sie mit den schwarzen Blechlöffeln verzehren können.«

Eugenie war ganz gedankenvoll geworden, denn die Rede der Tante erschloß ihr eine ganz neue Ansicht dieser Dinge. Halb verlegen, aber doch endlich in ihrer gewöhnlichen neckischen Laune fing sie an über sich selbst zu spotten und sich lustig zu machen, und in liebenswürdig kindlicher Weise bat sie Tante Ulrike, ihr bei der Sorge für die Armen mit gutem Rathe beizustehen, damit sie den Frauen nicht zuletzt noch Blondenhauben und Tüllschleier und den Männern goldene Schnupftabaksdosen anschaffte als nothwendige Lebensbedürfnisse. Mit tausend Freuden versprach die gute Tante ihren Rath und Beistand, und so konnten wir in der Sorge für unsere Armen jetzt alle gemeinsam wirken. Eugenie entschloß sich mit der Zeit sogar, Röckchen und Schürzen für die Kinder selbst mit nähen zu helfen, und mit stillem Jubel erblickten wir eines Tages gar einen groben grauwollenen Strumpf in ihren feinen Händen, den sie für einen armen Tagelöhner eifrig zu stricken unternommen, nachdem Lisette ihr ihn eingerichtet.

12.
Allerlei.

Wie in meiner Erzählung, so verdrängte auch im täglichen Leben Eugeniens Eintreten in unseren Familienkreis fast alles andere, und wie ich diesem eigenthümlichen Mädchen zwei volle Kapitel gewidmet, so erfüllte sie unsere Gedanken und Gefühle in der ersten Zeit fast ausschließlich. Nach und nach jedoch kamen die durch sie erregten Wellen des täglichen Lebens wieder in ruhige Bewegung; Eugeniens absonderliches Betragen bereitete allmälig weniger störende und ärgerliche Auftritte, und sie schloß sich den Beschäftigungen etwas mehr an, welche Tante Ulrike's und meine Zeit ausfüllten. An meinen Lehrstunden mochte sie freilich keinen Antheil nehmen, davon sei sie bereits übersatt, wie sie sagte, und es war mir nicht unlieb, dieselben mit meiner lieben Marie ungestört weiter fort nehmen zu können.

Auch das Vorlesen, das die Tante noch regelmäßig mit mir fortsetzte, langweilte sie Anfangs zu Tode, und mir war es recht peinlich, in ihrer Gegenwart vorzulesen, da sie sich nicht genirte, mich wegen meiner schlechten Aussprache oder der falschen Betonung gründlich auszulachen. Aber die Tante verbot ihr bald dies Betragen, und eine Zeitlang mied sie unsere Lesestunden. Eines Tages jedoch erschien sie wieder und fragte, ob sie heute einmal mit lesen dürfe, und natürlich erlaubte die Tante es gern. Wir hatten gerade Götz v. Berlichingen angefangen, dies wunderbar edle kraftvolle Werk Goethe's, und mit wahrem Entzücken hörte ich nun, wie schön und ausdrucksvoll die herrliche Sprache des Dichters von Eugeniens Lippen floß. Sie las anders als die Tante, es war mehr jugendliches Feuer und ein wundervoller Klang in ihrer Stimme, während die Tante ernster und würdiger und ich möchte sagen, edler sprach, und mit aufrichtiger Bewunderung und Freude folgte ich ihren Worten.

Nun schien sie mit einem Male Gefallen am Vorlesen zu finden, denn von jetzt an war sie stete Theilnehmerin dieser genußreichen Stunden. Sie las abwechselnd mit der Tante und mir, und ihre Neckereien bei meinem Lesen hatten sich auf harmlose kleine Scherze beschränkt, welche ich herzlich gern ertrug und selbst mit belachte. So war sie eben. Man mußte ihr Zeit zur Ueberlegung lassen, nachdem man ihr den rechten Weg gezeigt hatte, und dann konnte man sicher sein, ihre gute Natur leitete sie zum Richtigen und Guten. Diese Ueberzeugung war es, welche die Tante tröstete und aufrecht erhielt in aller Sorge, die Eugeniens Betragen ihr bereitete, und ihr Herz war voll Dank gegen Gott, der ihr dies liebe Wesen an die Brust legte, ehe der gute Same von dem üppigen Unkraut erstickt wurde, das schon so hoch ringsum aufgeschossen war.

Eugenie selbst fühlte dies auch von Tag zu Tag mehr, und mit unendlicher Naivetät sprach sie diese Gedanken zuweilen selbst aus, freilich in ihrer wunderlichen Weise, die Dinge zu besprechen.

»Tante, welches von uns beiden Wickelkindern macht dir eigentlich die meiste Noth?« sagte sie wohl. »Gänseblümchen, der ungeleckte junge Bär, oder Eugenie, der Ausbund von Tugend und Ehrbarkeit? Gestehe es nur, das zweite Kind ist doch der größere Rüpel von Beiden! Doch was kann ich armer kleiner Käfer dafür, daß ich so lange in der Pfütze wühlen mußte, ehe ich sah, wo eigentlich guter Grund und Boden zu finden sei? Aber langweilig werde ich jetzt auf diese Weise und ehrpußlich und altbacken, gerade wie unsere alte Katze zu Hause, die auf ihre alten Tage keine Mäuse mehr fangen wollte, wahrscheinlich weil eine Tante Ulrike ihr ins Ohr geflüstert, es sei eine Sünde. Puh! wenn Mama mich jetzt sähe, wie ich mit meinem großen grauen Strickstrumpfe liebäugle, oder die kleinen schmutznasigen Bettelkinder abküsse, sie hätte ihre helle Freude daran und kaufte mich sicher gleich in den alten Weiberspittel ein, für den sie mich reif erklären würde.«

Und dann lachte sie in ihrer lustigen Weise und drehte mich mit sich im Kreise herum, daß man ihr gut sein mußte, man mochte wollen oder nicht.

Aber trotz ihrer eleganten äußeren Bildung kamen doch auch bei Eugenien allerlei Dinge zum Vorschein, welche Tante Ulrike tadelte, und die ich mir hinter das Ohr schrieb zur eigenen Beherzigung. So machte es z. B. Eugenien großen Spaß, zum Fenster hinaus zu sehen und auf der belebten Straße über die Vorübergehenden ihre lustigen Bemerkungen zu machen. Mich ergötzte dies ebenfalls nicht wenig, und so lagen wir Beide mit unsern Schultern weit zum offenen Fenster hinaus, um ja alles dort unten recht ordentlich zu sehen. Aber bald kam die Tante dazu und tadelte unser unpassendes Betragen, denn es gefalle ihr nie, wenn junge Mädchen nichts Besseres zu thun wüßten, als zum Fenster hinaus zu sehen; und nun gar den ganzen Oberleib in die Luft hinaus zu hängen sei ein Zeichen von wenig Anstand.

Ich zog mich wie ein begossener Pudel zurück, Eugenie aber lachte wie immer und sagte, die Tante fürchte nur, man werde ihr Schloß stürmen, um die darin gefangenen Schönheiten zu befreien, deshalb wolle sie uns den Augen der Welt entziehen. Aber sie that dennoch, wie die Tante geboten, und das offene Fenster sah uns von nun an stets nur für wenig Augenblicke.

Eine andere Unart Eugeniens, welche ich jedoch weniger mit ihr theilte, war der Gebrauch von starken Ausdrücken und unpassenden Worten. Es war wirklich komisch, wenn dies feine Dämchen ganz cavaliermäßig wetterte und derbe Betheuerungen und Ausrufe von dem lieblichen Munde flogen.

»Ich bin nun einmal ein halber Junge, was kann ich dafür!« entgegnete sie den hierauf bezüglichen Mahnungen der Tante, aber doch erklangen Kraftausdrücke wie: Donnerwetter, verdammt, höllisch und dergleichen mehr, viel seltener als früher. In dies Kapitel gehörte auch die häufige Anwendung des Namens Gottes und Christus, eine Gewohnheit, die leider sehr in der Welt verbreitet ist, und welche auch Eugenie oft genug gedankenlos im Munde führte. »Ach Gott Jesus! Mein Himmel!« so sagte sie aller Augenblicke, bis die Tante sie sanft und ernst darauf aufmerksam machte, welch' ein Mißbrauch des Heiligsten dies sei. Eugenie gab sich nun Mühe, auch daran beim Sprechen zu denken, obwohl sie Anfangs halb ernst halb lachend sagte, sie werde sich ein Pflaster auf den Mund kleben, denn hier rede sie keinem Menschen recht.

Mein Fehler hingegen war der, nachlässig zu sprechen, die Endbuchstaben wegzulassen, und was der Unarten mehr waren, welche gar viele junge und alte Menschen mit mir theilen. Eugenie sagte dann neckend, sie würde die Tante verklagen, daß sie mir nicht satt zu essen gebe, so daß ich aus Heißhunger Buchstaben verschlingen müsse. So hatte jede von uns ihre Fehler abzulegen, und gut war es, wenn wir über dem Splitter im Auge des Andern den Balken im eigenen nicht vergaßen.

Verwöhnte Menschen sind nachlässig in Bezug auf die Rücksichten, welche sie Anderen schulden, und so war es auch Eugenien ganz gleichgültig, ob Andere Grund hatten, von ihr eine Aufmerksamkeit zu erwarten oder nicht.

»Laßt mich in Ruhe, ich kann das Visitenschneiden nicht ausstehen!« war ihre regelmäßige Antwort auf die Erinnerung der Tante, daß sie dieser oder jener Dame einen Besuch schulde. »Die Leute sind mir ganz gleichgültig, ich mag gar nicht, daß sie sich um mich bekümmern.« Entschloß sie sich aber endlich, diesen Pflichten nachzukommen, so geschah es dann mit der liebenswürdigsten Miene von der Welt, so daß sie alle Menschen entzückte. Die Tante war in solchen kleinen gesellschaftlichen Rücksichten ungemein streng und gewissenhaft, »denn,« sagte sie, »wer sich im Kleinen daran gewöhnt, Andere zu beachten, der wird auch in größeren Dingen nicht rücksichtslos gegen seine Nebenmenschen handeln.«

Diese Nichtachtung Anderer ward auch Ursache, daß Eugenie Dinge, die Andern gehörten, nicht schonte, und schon mehrfach war ihr daraus Aergerniß entsprungen. Einen schönen Shawl, den eine Dame ihr beim Nachhausegehen geborgt, hatte der Hund beschmutzt, so daß sie den Fleck nur mit großer Mühe wieder vertilgen konnte; einen entlehnten Regenschirm ließ sie irgendwo stehen, wofür sie natürlich einen neuen schicken mußte, und über ein wunderschönes Album Amanda's floß eines Tages das Oel der stürzenden Lampe, und verdarb nicht nur einige schöne Zeichnungen, sondern auch den Divan der Tante. Wohl ersetzte Eugenie sowohl Zeichnungen als Ueberzug durch andere noch schönere, aber sie hatte viel Mühe und Kosten davon, die sie durch Sorgfalt für anderer Eigenthum sich hätte ersparen können. Eben so nachlässig ging sie mit den Büchern um, die man ihr borgte, und die Tante sagte ihr sehr streng, sie solle sich nicht wundern, wenn man ihr keine fremden Bücher mehr anvertraue, da sie dieselben nie ohne verstoßene Ecken und beschmutzte oder eingekniffene Blätter zurück gab. »Es ist dies ein Zeichen von wenig Bildung, liebes Kind,« schloß die Tante ihre Rede, der Eugenie sehr nachlässig zuhörte, aber doch nahm sie von da an mehr und mehr Rücksicht sowohl auf andere Menschen, als auch auf deren Eigenthum.

Freilich ging sie auch mit ihren eigenen Sachen nicht sorgfältig um, und die Tante hatte viel Noth und Mühe, ihr beizubringen, wie unrecht dies sei. Der Gedanke, sparsam zu sein, indem sie ihre Sachen schonte, war ihr ganz fremd, und da sie eben so nachlässig als unerfahren in Verwendung ihres Geldes war, so erfreute es die Tante herzlich, daß Eugenie ihr volle Disposition über dieses Departement einräumte. Unter Tante Ulrike's Leitung lernte sie bald ihre Finanzen besser zu ordnen, aber freilich hatte sie trotz alledem stets große Lust, mehr auszugeben als sie einnahm.

»Ich muß einmal einen reichen Mann haben,« sagte sie oft, und mir schien allerdings, daß sie darin so unrecht nicht habe. Aber wenn sie nun einen armen bekam, wie dann?

»Den nehme ich nicht. Ich mag überhaupt gar keinen!« erwiderte sie auf diese Frage.

Eugeniens Sorglosigkeit in Betreff ihres Eigenthums erstreckte sich auch auf etwas, das ich nicht begreifen konnte, das war ihre Correspondenz. Ich hütete und verwahrte meine Briefe als meinen theuersten Schatz unter Schloß und Riegel, und es war das Zeichen von größtem Vertrauen, wenn ich jemand Einblick in meine Correspondenz gestattete. Eugenie hingegen schien gar keinen Werth auf ihre Briefe zu legen, denn diese trieben sich oft Tage lang offen auf den Tischen herum, und sie gebrauchte dieselben häufig als Umschlag für alle möglichen Dinge, oder drehte sie zu Haarwickeln für ihre schönen, braunen Locken zusammen.

Freilich schien in den Briefen, die sie von ihrer Mutter sowie von einigen Bekannten erhielt, wenig genug zu stehen, das des Aufhebens werth gewesen wäre, und von ihrem Vater kam sehr selten Nachricht. Diese wenigen Briefe allein schloß sie sorgfältig in ihre Mappe, und nach Empfang derselben war sie stets für eine Weile ernster und weicher gestimmt, als gewöhnlich. In dieser Beziehung bleibt mir immer eine Scene unvergeßlich, die von ihrem tiefen Gefühl Zeugniß gab.

Ich hatte mit unbeschreiblicher Sehnsucht auf die Ankunft eines Briefes von den Meinen gewartet, und mit lautem Jubel sprang ich deshalb dem Boten entgegen, der mir den theuern Ankömmling brachte. Es war ein Brief von meiner guten Mutter dabei, und deren treue, liebevolle Worte erschütterten mein Herz so unendlich, daß mir die Thränen über das Gesicht rollten, und ich voll inniger Liebe die glühendsten Küsse auf diese Schriftzüge drückte.

Eugenie hatte mir still zugesehen, auch sie hatte an dem Morgen einen Brief von ihrer Mutter erhalten, aber wie gewöhnlich trieb sich derselbe auf den Tischen im Wohnzimmer umher, ohne daß Eugenie seiner weiter achtete.

»Laß mich den Brief lesen, Gänseblümchen, thu' mir den Gefallen,« sagte sie jetzt in ihrer raschen Weise und griff nach meiner Mutter Brief. Ich überließ ihr denselben gern, und sie schob mir dafür das rosa Zettelchen hin, das sie von ihrer Mutter erhalten.

»Zu Thränen wird dich der freilich nicht rühren!« sagte sie dabei etwas spöttisch.

Ich trat in die Fensternische und studirte das flüchtig geschriebene Briefchen. Es enthielt nichts als einige Klagen über furchtbare Langeweile, über das schlechte Spiel der neu engagirten Opernsängerin und Berichte über die neuesten Moden. »Die Aermel trägt man jetzt wieder offen und die Kleider unten herum mit schmalen Volants besetzt,« so lautete ungefähr dieser wichtigste Gegenstand. »Versäume ja nicht, dir deine Kleider so ändern zu lassen, du wirst dann freilich neue Stickereien gebrauchen, aber dafür trage ich Sorge, damit du nicht wie aus dem vorigen Jahrhundert umher gehst. Du schreibst mir kein Wort über die dortigen Moden, und doch weißt du, wie begierig ich auf diese Mittheilung bin; denn finde ich etwas darin, das mir interessant erscheint, so trage ich es sicher, du weißt, wie oft ich schon in diesen Dingen den Ton angegeben und Furore gemacht habe! Die goldenen Blumen meines rothsammetnen Kopfputzes von vergangener Saison erregen noch immer den Neid der hiesigen Damenwelt. Ich hoffe, du vernachlässigst die Conservirung deiner Schönheit in keiner Weise, dies kann ich dir nicht genug empfehlen. Die Tropfen für den wohlriechenden Athem vergiß nie zu benutzen, wasche dich des Abends stets mit Mandelmilch, zu der ich dir ein neues Recept schicken werde, das die Haut noch frischer machen soll, und genieße ja nie zu heiße oder kalte Sachen, damit der Schmelz deiner Zähne nicht leide.« – So ging es noch eine Weile fort, dann war der Brief zu Ende. Unten am Rande stand noch die Bemerkung: »Papa ist wohl. Seine Briefe sind furchtbar langweilig. Schreibe mir ja, was moderner ist, ob Federn oder Blumen auf den Herbsthüten. Die farbigen Schuhe werden wieder sehr Mode.«

Ich war so überrascht und verletzt von dem Inhalt dieses Briefes, daß ich, ganz damit beschäftigt, nicht bemerkt hatte, wie Eugenie das Zimmer verließ. Den Brief meiner Mutter schien sie mit sich genommen zu haben. Ich wartete eine Weile, endlich aber ging ich nach Eugeniens Zimmer, um zu sehen, wo sie blieb.

»Sie können nicht hinein, Fräulein Gretchen, das gnädige Fräulein hat die Thür verriegelt,« sagte Lisette etwas bestürzt, als ich die Thürklinke ergreifen wollte. Ich ging also zurück und wartete. Nach einiger Zeit trat Tante Ulrike sehr ernst bewegt zu mir in das Zimmer und gab mir den Brief meiner Mutter zurück.

»Warst du bei Eugenie, Tante?« fragte ich schnell.

»Ja, Kind, warum?«

»Weil sie sich vorhin eingeschlossen hatte. Was gab es denn?«

»Das arme Kind ist von dem Briefe, den deine Mutter dir geschrieben, unbeschreiblich aufgeregt!« sagte die Tante, und die Thränen zitterten wieder in ihren Augen. »Sie ließ mich auf meine Bitte in ihr Zimmer eintreten, und ich fand sie in Thränen aufgelöst neben dem Briefe deiner Mutter.

»O Tante, Tante,« rief sie an meinem Halse, »was habe ich für eine Mutter!« Mehr konnte sie nicht sagen. Es war das erste Mal, daß ihr der nichtige Werth ihrer Mutter neben der edlen Tiefe der deinen so recht vor die Seele trat und das arme Kind durch und durch schüttelte. Ich ließ sie ruhig weinen und stellte ihr endlich vor, wie viel sie doch an ihrem guten Vater habe.

»Ja, mein Papa, mein einzig lieber Papa, wenn ich den nicht gehabt hätte, was wäre aus mir geworden!« schluchzte sie. »Aber ich kann so wenig bei ihm sein, er ist stets so mit Geschäften überhäuft und so viel über Mama's Launen verstimmt, und jetzt, ach jetzt ist er nun vollends so weit, so weit, und ich habe keinen Menschen auf der ganzen Welt, der mich so lieb hat wie Gretchens Mutter ihr Kind.« Ich hielt das arme Mädchen still an meiner Brust, und das beruhigte sie nach und nach. »Ja, Tante, du hast mich lieb, und Gretchen hat mich auch lieb!« sagte sie endlich weich und zärtlich, und ihr froher Muth gewann wieder die Oberhand. »Meine Trostesworte fanden Eingang in ihre Seele, und bald wird sie wieder bei uns sein frisch und fröhlich wie immer. Aber du siehst, mein Gretchen, was das arme Kind entbehrt hat, ohne daß sie es bis jetzt wußte; laß sie uns nun doppelt lieb haben.«

»Ja, Tante, das wollen wir!« sagte ich tief ergriffen, dann aber gab ich der Tante den Brief von Eugeniens Mutter, damit sie selbst lese, welch' schneidenden Contrast die Worte unserer Mütter bildeten. Tante Ulrike konnte während des Lesens ihren Unwillen kaum verbergen, und heftig, wie ich sie selten gesehen, warf sie den Brief auf den Tisch. »Armer, armer Bruder!« das war alles, was sie sagte, dann ging sie in ihr Cabinet, ich aber hatte Zeit genug, die Briefe meiner Lieben aus der Heimath wieder und immer wieder zu lesen und dem gütigen Gott zu danken, der mir so viel Glück durch die Liebe der Meinen geschenkt hatte.

13.
Der Ball.

»Nun Kinder, heute bringe ich euch eine Einladung, die euch Freude machen wird,« sagte Tante Ulrike eines Morgens, indem sie ein Briefchen hervorzog, das uns für den nächsten Montag zu einem Ball aufforderte, welcher zur Feier von des Königs Geburtstag in einem öffentlichen Locale gegeben wurde.

»Gott sei Dank, also tanzt man doch auch hier! Ich dachte, ich würde es ganz verlernen,« rief Eugenie vergnügt und schlug eine zierliche Pirouette. »Meine Ballkleider sind gewiß halb vermodert, so lange haben sie kein Lampenlicht gesehen. Gänseblümchen, was machen wir für Toilette? Ich lasse dir die Wahl und spreche wie Abraham zu Loth: »Willst du zur Rechten, so will ich zur Linken!« Willst du weiß oder blau oder rosa, oder was sonst? Egal wie Zwillinge oder Inseparables kleiden wir uns nicht, das ist mir zu zärtlich.«

Ich saß ganz still und fühlte nur, welch' heiße Gluth mehr und mehr durch meine Adern flog. Eugeniens Fragen hörte ich kaum. Ein Ball! Ich sollte auf einen Ball gehen! In größeren Gesellschaften war ich wohl schon einige Mal mit Tante Ulrike gewesen, aber auf einem Balle? Das war doch ganz etwas anderes! Einen Ballsaal hatte ich noch nie in meinem Leben betreten, und mein Herz zitterte und bebte vor Angst, Freude und Erwartung. Die Tante bemerkte endlich meine Aufregung und strich mir lachend über das Haar.

»Ich glaube gar, du hast jetzt schon das Ballfieber, Kleine!« sagte sie. »Nun warte, wenn nur erst dein Ballstaat fertig ist, so werden dir die Flügel schon wachsen. Ans Leben geht es nicht, beruhige dich nur!«

Eugenie war unerschöpflich in Neckereien über meinen Kleinmuth, denn da sie schon als Kind sich in den glänzendsten Gesellschaften bewegte, war ihr der Ballsaal ein so bekannter Ort, daß er ihr niemals Scheu oder Bangigkeit erregt hatte. Ich fand sie jetzt häufig in Berathungen mit Lisette, welche so vergraben unter Flor, Blumen und Bändern war, daß nur ihr Kopf über all' den Herrlichkeiten schwamm wie ein Schiff auf den Wellen. Eugenie litt aber nie, daß ich ihr bei diesen Conferenzen Gesellschaft leistete, denn kaum betrat ich ihr Zimmer, als sie mich mit den kostbarsten Blumen und Schmucksachen bombardirte, oder mich in dichte Wolken von Crêpe und Flor hüllte und mich zur Thür wieder hinaus schob.

Meine eigene Balltoilette gab mir auch allerlei zu thun; wenn mich auch Tante Ulrike höchst freigebig mit schönen luftigen Stoffen beschenkt hatte, so mußte ich doch bei Anfertigung meines Staates fleißig selbst mit Hand anlegen, denn die Tante sagte, was man selbst macht, hat doppelten Werth.

Das Kleid lag endlich zu meinem höchsten Entzücken fertig da, aber noch wußte ich nicht, welche Blumen ich in das Haar nehmen würde. Die Tante hatte mir selbst die Wahl überlassen, aber – Wahl macht Qual, ich konnte mich schwer bestimmen, und Marie, die ich um Rath und Hülfe bat, war nicht wohl und konnte mich beim Einkauf nicht begleiten.

Da brachte mir eines Morgens die Dienerin eine Schachtel mit der Meldung, hier sei der von mir bestellte Kranz. Ich wollte die Sendung nicht annehmen, da ich nichts bestellt hatte, doch mein Name stand auf dem Umschlag und voll Verwunderung öffnete ich den Kasten. Aber was fand ich darin? Einen dicken Kranz von frischen blühenden Gänseblümchen, wie ihn die Kinder auf der Wiese zusammen binden, und daran hing ein Zettel, auf welchem mit verstellter Hand die Worte aus Fanchon geschrieben standen,

»Ich gebe mit Entzücken
Dir selbst dich selbst zurück.«

Das war nun sicher wieder einmal ein loser Streich Eugeniens! Wo sie diese frischen Wiesenblümchen im Spätherbst aufgetrieben hatte, begriff ich nicht; doch das war mir gleich, der Scherz sah ihr ähnlich, verdroß mich aber doch gewaltig. Ich warf den Kranz ärgerlich wieder in den Kasten, da verschob sich aber das Papier, das unter den Blumen gelegen, und einige grüne Blättchen kamen darunter zum Vorschein. Ich nahm das steife Papier fort und vor mir lag nun der reizendste, duftigste Blumenkranz, der je den Laden einer Putzmacherin geschmückt hatte. Zarte Apfelblüthe, deren Blätter röthlich angehaucht waren, und zwischen deren Blüthen sich rothe Knospen und frische grüne Zweige hervor drängten, schlangen sich zum reizendsten Kranze.

Das also war des Pudels Kern! Eugenie wieder wie immer der Kobold, der sticht, um dann desto freundlicher zu schmeicheln! Denn daß Eugenie mir diesen Kranz ausgesucht, war jetzt vollends zweifellos. Voll Jubel wollte ich mit meinen Blumen zur Tante eilen, da trat Eugenie in das Zimmer, und dankend flog ich ihr an den Hals. Sie aber hielt sich schnell das Taschentuch vor das Gesicht und rief: »Puh! ich wittere sentimentalen Wiesenduft, gerade wie lauter Gänseblümchen!« und schnell eilte sie wieder zur Thür hinaus.

Auf diese Weise war ich also zum schönsten Blumenkranz gekommen, ohne daß ich mich weiter mit Zweifeln zu plagen hatte. Die Blumen und mein weißes Tüllkleid lachten mich an so reizend und duftig, als sollte Schneewittchen in dem Staate tanzen, Schärpe und weiße Atlasschuhe fehlten auch nicht, und was der zarten, zierlichen Dinge mehr waren.

Tante Ulrike hatte selbst die Leitung und Beaufsichtigung meines Anzugs versprochen, und so sah ich dem verhängnißvollen Montage etwas ruhiger entgegen, denn die schöne Toilette hatte mir wirklich etwas Muth eingehaucht.

»Alles sauber und rein, liebes Gretchen,« sagte die Tante, als sie kam, die kleine Balldame anzukleiden, und so mußte denn alles was ich anlegte, vom kleinsten Stück Wäsche an, frisch gewaschen und rein sein, und vor allem verbannte meine liebe Kammerfrau jedes farbige, dunkle Unterkleid als eines Ballsaales unwürdig. Als ich endlich vor den Spiegel trat, und mich in dem feinen weißen Kleide und dem duftigen Kranze erblickte, erschrak ich fast vor mir selbst, reicher und schöner konnte doch keine der Damen auf dem ganzen Balle gekleidet sein.

Aber siehe, da öffnete sich die Thür, und herein schwebte eine Fee – so wenigstens dachte ich im ersten Augenblicke, bis ich unsere schöne Eugenie erkannte. Von zartem rosa Flor umwebt, der mit frischen weißen Camellien über einem rosa Seidenkleide festgehalten wurde, einen Kranz weißer Camellien, zwischen denen einzelne Diamanten blitzten, in den braunen Locken, so schwebte die schlanke, zierliche Gestalt zu uns herein, und ich war ganz bezaubert von ihrer Schönheit.

»Ah, da ist ja unser Gänseblümchen, gerade als wäre es frisch von der Wiese gepflückt, weiße Blätter mit röthlichen Spitzen,« rief sie auf mich zueilend. »Wie sie niedlich ist, wahrhaftig, du wirst allen Schmetterlingen die Köpfe verdrehen!«

Lachend gab sie mir mit ihrem kostbaren Fächer einen Schlag auf die Schulter, dann warf sie ein Packet neuer Handschuhe auf den Tisch und fing an, darin zu wühlen und Paar um Paar anzuprobiren. Aber lange dauerte es, ehe sie zufrieden schien, und in ihrer Ungeduld zog sie so heftig an dem feinen weißen Leder herum, daß sie mehr als ein Paar zerrissen zur Seite warf.

Ich sah ihr staunend zu, denn das Paar Handschuhe, das die Tante mir für den Ball gekauft, lag sorgfältig gehütet neben dem feinen Taschentuche und wartete nur darauf, noch viel sorgfältiger über meine Finger gestreift zu werden; sie zu zerreißen war mir ein schrecklicher Gedanke, – ich hatte keinen zweiten Pfeil zu verschießen! Als ich Eugenien meine Gedanken sagte, lachte sie mich aus und schob mir das Packet zur Auswahl hin, denn daß man auch mit solchen Kleinigkeiten ökonomisch sein könne, war ihr eben so neu als unbegreiflich.

Endlich trug denn ein schaukelnder Wagen Tante Ulrike und ihre beiden Pflegekinder nach dem Ziele der Erwartungen. Ich klammerte mich fest an die Hand der Tante, als die Thüren des Ballsaales aufflogen, und wie ein Meer wogten die luftigen hellen Stoffe der Balldamen um mich her. Alles Ballfieber, das ich bis dahin kräftig zurück gedrängt, kam jetzt wieder über mich, und als gar einige strahlende, duftige junge Damen aus unserer Bekanntschaft auf uns zuschritten, wäre ich der Tante am liebsten in die Tasche gekrochen.

Doch o Wonne! jetzt erschloß sich der Himmel, denn in die Farbe des Aethers gehüllt, einen Kranz weißer Rosen in den blonden Locken, flog meine Freundin Marie auf mich zu, und an ihrer Hand athmete ich froh auf, nun war ich geborgen! Die ersten Töne der Tanzmusik brachten zwar wieder einiges Zittern in meine Glieder, aber bald hatte ich auch das überwunden, und die Wonne des Tanzes verdrängte alle anderen Gefühle.

Fröhlich musterte ich meine Tanzkarte, auf welcher ich alle Tänze als vergeben bezeichnen konnte, und so hatte ich doch nicht die traurige Aussicht, als Mauerblümchen an der Wand sitzen zu müssen, während alles um mich her tanzte. Ich begriff bald selbst nicht, welches Entzücken mich beseelte, während mich die Wellen des Tanzes dahin trugen; es war unbeschreiblich angenehm, sich nach dem Rhythmus der Musik zu bewegen, ich tanzte mit wahrer Wonne.

»O du liebe sechzehnjährige Unschuld,« lachte Eugenie mir zu, als ich während einer Pause mit glühenden Wangen zu ihr eilte und ihr mein Entzücken aussprach. »Wahrlich, ich könnte dich beneiden! Das tanzt noch mit voller Seele, während unsereins froh ist, in einer Pause sich verschnaufen zu können.«

Eugenie war die schönste der Damen, das stand außer Frage, sowohl was ihr Aeußeres, als was ihren Anzug betraf. Der Ballsaal war so recht der Ort, ihre Schönheit und Anmuth im vollen Glanze zu zeigen, und ich fand es nur zu begreiflich, daß sie stets von einer Menge junger Herren umlagert war, welche sich darum stritten, ihr die größten Huldigungen zu erweisen. Mir wäre an ihrer Stelle angst und bange geworden, Eugenien schien aber alles das sehr gleichgültig zu sein, denn mit Erstaunen bemerkte ich mehrmals, wie sie all' ihren Verehrern den Rücken kehrte und mit irgend einer der älteren Damen davon ging.

»Ja, sie ist einzig, dieses Mädchen,« sagte Marie. »Mein Bruder macht ihr wie alle Herren den Hof; aber entweder giebt sie ihren Verehrern spitze Antworten und entschlüpft ihnen wie ein Aal der Hand, oder sie spottet und lacht und kehrt ihnen den Rücken. Louise von Mering hat mir eben eine köstliche Geschichte von ihr erzählt, die auch dich ergötzen wird, Gretchen, höre nur! Der Lieutenant Schmettau, den alle Welt wegen seiner Albernheiten verlacht, steht neben Eugenien und sagt derselben so fade Schmeicheleien, daß Eugenie ungeduldig auf ihren Fächer beißt und ihre Blicke zerstreut im Saale umher schweifen läßt. Endlich blickt sie aufmerksam nach jener Nische, in welcher wir Beiden stehen, du und ich, und seelenvergnügt zusammen lachen und schwatzen. Eugenie lächelt auch unwillkürlich, und ihr süßer Galan hält es für seine Pflicht, ebenfalls zu lächeln und nach uns zu schauen. Eugenie wendet ihm ärgerlich den Rücken, und indem sie sich zu Louise Mering neigt, sagt sie auf uns deutend ziemlich leise: »Sehen sie doch, Louise, die Veilchen kichern und kosen!«

– »Und schau'n zu den Sternen empor!« schnarrt es plötzlich neben Eugenie, und mit einer tiefen Verbeugung steht abermals Lieutenant Schmettau lächelnd vor ihr, welcher, seinen rothen Schnurrbart kräuselnd, in dieser Weise das angeführte Lied Heine's ergänzt. – Das überstieg denn doch endlich die Langmuth unserer schönen Eugenie. Unwillig blickt sie sich nach dem unberufenen Schwätzer um, wirft den Kopf in den Nacken und sagt scharf:

»Es hüpfen herbei und lauschen
Die Lieut'nants wie die Gazell'n!«

Dann macht sie eine stolze Verbeugung und hängt sich an den Arm Louises, ein anderes Zimmer aufsuchend.«

Ich war entzückt über die Geschichte, fürchtete aber nicht mit Unrecht, daß die stolze Eugenie sich auf diese Weise allerlei Verdruß zuziehen würde. Was sie an spitzen Gegenreden oder sonstigem Ungemach erfahren mochte, das erzählte sie freilich nie, nur einmal während des Cotillon kam sie zu mir, warf ein wunderschönes Bouquet, das sie während des Tanzes erhalten, verächtlich in den Winkel und gab mir lachend einen kleinen Zettel, der zwischen jenen Blumen gelegen und auf dem die Worte standen:

Dein Zünglein sticht,
Drum Jeder spricht:
Dich mag ich nicht!

Erschrocken blickte ich Eugenien an, denn wie sehr mußte sie dies Spottgedicht ärgern, aber schelmisch lachend sagte sie: »Nicht wahr, den bin ich glücklich los, Gänseblümchen? Aber schaffe du dir angenehmere Verehrer an; es ist nicht gerade schmeichelhaft, sich auf diese Weise besingen zu lassen!«

Dabei schweiften ihre Blicke schalkhaft zu Dr. Hausmann hinüber, welcher sehr viel mit mir tanzte und soeben wieder herbei kam, mir einen der schönen Sträuße zu überreichen, welche im Cotillon unter die Damen vertheilt wurden.

»Er ist ja ein Freund meines guten Papa's,« sagte ich, verlegen Eugeniens Blicken folgend, aber doch fühlte ich, wie ich dunkelroth wurde.

»Ah so, verzeihe, ich meinte der Strauß sei für dich, nicht für deinen Vater. Aber du mußt das freilich besser wissen, Gänseblümchen!« sagte Eugenie lachend und schlug mich mit ihrem Fächer neckend auf die Finger. Dann nickte sie mir freundlich zu und trat mit ihrem herbeieilenden Tänzer wieder in die Reihe des Cotillon.

Solch' Cotillon ist ein wunderbarer Tanz. Endlos wie seine Dauer ist die Aufregung, in welche er die Tanzenden versetzt, denn hier kann aller Galanterie, allen warmen Gefühlen, Zu- wie Abneigungen Sprache und Ausdruck gegeben werden. Hier sind es ja nicht nur die Herren, welche, wie überhaupt im Leben, dergleichen Töne anschlagen dürfen, auch den Damen ist Gelegenheit geboten zu zeigen, wen ihr Herz begünstigt oder wem es nicht hold ist. Für die Damen gab es, wie ich schon gesagt, zierliche Blumensträuße, und den Herren wurden von den Tänzerinnen dafür kleine Orden angesteckt. Ich hatte schon mehrere Bouquets erhalten und war ganz stolz und glücklich. Doch nun sollte ich eine Wahl treffen, und wem hätte ich meinen niedlichen Orden lieber gegeben, als dem Freund meines Vaters, dem lieben Dr. Hausmann? Er hatte sich ja ohnehin ein Verdienst um mich erworben, indem er mich so häufig zum Tanz aufforderte, also war es nur ein Zeichen der Dankbarkeit, daß ich ihm den Orden gab. Aber doch klopfte mir das Herz gewaltig dabei, gerade als ob ich etwas Unrechtes thäte. Aengstlich blickte ich nach Eugenien hinüber und war herzlich froh, daß sie nicht bemerkte, wem ich meinen Orden brachte.

Spät erst kehrten wir heim, die arme Tante herzlich müde (denn Ballmutter sein ist keine Kleinigkeit), Eugenie noch immer unerschöpflich in Scherz und Uebermuth, ich aber wie berauscht von Entzücken, denn so vergnügt war ich noch niemals gewesen. Lange Zeit lag ich noch wachend im Bett und rief mir alles Erlebte noch einmal vor die Seele. Mir schien, das Backfischchen hatte sich heute außerordentlich gut benommen, denn keine Mahnung der Tante hatte, wie sonst wohl, gleich einem kalten Bade meine glühende Seele überfluthet. Ich war recht zufrieden mit allem, was ich gesprochen und gethan, süß drückte der Schlaf mir endlich die Augen zu, und im Traume schwebte ich noch immer fröhlich tanzend auf und nieder.

»Hör mal, Gänseblümchen, ich werde dir Tanzstunde geben,« sagte am andern Morgen Eugenie, als ich zu ihr in das Zimmer trat. Ich fand sie noch im Bette, obwohl auch ich der Ballfreuden wegen spät genug aufgestanden war.

»Tanze ich so schlecht, Eugenie?« rief ich erschrocken, denn ich meinte ganz hübsch getanzt zu haben.

»Ungefähr wie Mama's Schooßhund, wenn ich ihn auf die Hinterbeine stelle!« warf Eugenie leicht hin, indem sie sich gähnend streckte und reckte.

Ich ward dunkelroth und biß beleidigt die Lippen zusammen, Eugenie schloß die Augen und schien mich nicht weiter zu beachten, so daß ich ärgerlich wieder meines Weges gehen wollte. Da sang sie plötzlich halblaut: