»'s ist doch ein nettes Lied, nicht wahr, Gänseblümchen?« fuhr sie munter fort und setzte sich im Bette in die Höhe. »So tiefsinnig, läßt sich so leicht verändern und auf andere Dinge anwenden. Ja, so ein Lieutenant, es ist eine Pracht! Was für eine Fülle von Geist und Humor hinter solchem zweifarbigen Tuche steckt, man sollte es nimmermehr glauben.«
»Aber Alle sind sie ja doch nicht so, Eugenie,« sagte ich etwas versöhnt, denn sie hatte mich sicher nur wieder necken wollen. »Ich habe doch einige sehr angenehme junge Officiere kennen gelernt, fade Gecken giebt es auch unter anderen jungen Leuten genug.«
»Ich glaubte, du wärest mehr für den Lehr- als für den Wehrstand eingenommen, Kleine,« rief Eugenie blinzelnd. »Dein Ballorden stand dem hübschen Dr. Hausmann allerliebst.«
Mir schoß das Blut in die Wangen, also hatte Eugenie doch gesehen, wem ich meinen Orden gegeben! »Er hatte soviel mit mir getanzt, dafür mußte ich mich doch erkenntlich zeigen,« sagte ich etwas verwirrt.
Eugeniens schallendes Gelächter riß mich aus der verlegenen Situation, denn sie fand es über alle Maßen naiv und spaßhaft, einen Tänzer für die Gnade noch zu belohnen, die man ihm erwiesen, indem man mit ihm tanzte. Sie hatte eben eine so andere Auffassung von allen Dingen, daß ich manchmal ganz verdutzt vor ihr stand. Mit meiner lieben Marie harmonirte ich doch viel besser; sie blickte auch noch, wie ich, demüthig und schüchtern in die Welt hinein; Eugenie war über dergleichen »grüne Albernheiten«, wie sie unsere jugendlichen Ansichten nannte, hinweg, sie forderte viel, und die Natur hatte ihr reiche Mittel gegeben, wodurch sie auch viel erlangte. Aber für mich bescheidenes Backfischchen paßten auch bescheidene Ansprüche an Welt und Menschen, und darum ließ ich mich durch Eugenie nicht irre machen.
Ich hatte mich zwar sehr über Eugeniens Spötterei, meinen Anstand beim Tanzen betreffend, geärgert; aber ich schluckte meine Aufregung hinunter, denn ich wußte, sie meinte es im Grunde sehr gut mit mir, und sagte: »Im Ernste, Eugenie, jetzt gesteh' mir, tanze ich wirklich so schlecht?«
»Nun die Grazie liegt freilich bei dir noch in den Windeln, Kleine,« lachte Eugenie jetzt gutherzig. »Aber beruhige dich nur, selbst Tante Anstand war mit dir und deinem Anstand zufrieden, also raufe dir deine schwarzen Zöpfe noch nicht vor Verzweiflung aus. Aber in die Schule möchte ich dich noch ein Bischen nehmen, das kann dir nicht schaden, dich sowohl wie deine kleine Marie; denn was diese zu viel hinten über tanzt, das neigst du zu viel nach vorn, so daß eure Oberkörper einen richtigen spitzen Winkel bildeten, tanztet ihr neben einander. Und dann macht ihr alle Beide noch so himmlisch schulrechte Pas, gerade als stände Mr. le professeur de danse hinter euch und klopfte euch für jede Nachlässigkeit mit seinem Fidelbogen auf die Fußzehen.«
Mit Freuden unterwarf ich mich den Uebungen, die Eugenie noch an demselben Morgen mit meinen Füßen und Händen vornahm, und voll Jubel wurde auch Marie in Beschlag genommen, als sie kam, von dem gestrigen Balle mit uns zu schwatzen. Freilich war Eugenie eine sonderbare Lehrmeisterin, da sie endlosen Unfug bei unseren Uebungen trieb; aber doch lernten wir, was sie wünschte, nämlich uns etwas sorgloser zu bewegen und uns beim Tanzen hübsch gerade zu halten. Auch ein gutes Compliment zu machen brachte sie mir glücklich bei, und Tante Ulrike fügte dem allen noch die Lehre hinzu, den Gästen möglichst wenig unsere Rücken zukehren zu wollen, besonders solchen, denen wir als den Vornehmsten oder Bedeutendsten die meiste Beachtung und Höflichkeit schulden. Dies zu beachten habe ich aber, ehrlich gestanden, bis auf den heutigen Tag noch immer äußerst schwierig gefunden.
Diesem ersten Balle folgten im Laufe des Winters noch mehrere andere, so daß ich nach und nach meine Schüchternheit überwand, und die Tante mir das Lob ertheilte, mein Benehmen sei freier und leichter, als sie je erwartet habe. Neben Eugenien freilich kam ich mir noch immer wie eine Holzpuppe vor, doch ihre Anmuth war eben unerreichbar.
Ehe ich jedoch von unserem Zusammenleben weiter erzähle, muß ich eines Ereignisses gedenken, das in seinen Folgen sehr bedeutend wurde, so wenig es anfangs den Anschein hatte.
In das Haus Tante Ulrike's kam häufig ein armes Weib, das Eier, Gemüse oder Obst verkaufte, welche Produkte ihr kleines ländliches Besitzthum lieferte, und die von der Tante gut bezahlt wurden. Das arme Weib war aber krank geworden, und da die Tante sich selbst gern einmal überzeugen wollte, wie es bei ihr aussah, so benutzte sie einen der schönen Tage des Spätherbstes und fuhr mit uns nach dem Dorfe, in welchem die Frau wohnte. Es war alles wie uns beschrieben worden, Noth und Sorge in Menge, und die gute Tante machte sich mit den Kindern gleich allerlei zu schaffen, uns aber trieb sie hinaus, wohl wissend, daß Eugenie nicht lange hier aushalten würde.
So gingen wir Beiden denn auf den Wiesen und Feldern spazieren und freuten uns der einzelnen Blumen, welche der Frost noch nicht gewelkt hatte, sowie der wunderschönen duftig blauen Färbung, die Wald und Ferne bedeckte.
Am Saum des Waldes erblickten wir ein schönes, schloßartiges Gebäude, von stattlichen Wirthschaftsräumen umgeben, und um diesen Herrenhof genauer zu betrachten, schritten wir über eine Wiese, auf der eine Menge Kühe die letzten Reste an Gras und Kräutern abweideten. Ich hatte mich von Kind auf so viel unter den Thieren umher getrieben, daß ich keine Furcht vor ihnen kannte, Eugenie aber blickte sich ängstlich um, so daß heute einmal die Neckerei auf meiner Seite war. Plötzlich aber wurde auch ich aufmerksam, denn ein dumpfes Brummen sagte mir, daß der Stier bei der Heerde sei, und daß mit dem nicht zu spaßen, wußte ich wohl. Ich spähte nach dem Hirten, doch dieser war nirgends zu erblicken, und so ging ich schnell vorwärts, Eugenien nichts von meiner Besorgniß zu verrathen, denn von Weitem sah ich den gefürchteten Gesellen mit gesenktem Haupte sich uns nähern. Aber jetzt bemerkte auch Eugenie den Feind und erschrocken rief sie: »Der Stier! Der Stier!« und stürzte unaufhaltsam davon. Nun erst sah ich, daß ein rothes Tuch Eugeniens das Thier wahrscheinlich gereizt hatte, aber ich konnte sie nicht mehr erreichen und eilte ihr athemlos nach. Jetzt aber setzte sich auch unser Verfolger in Trab, und bald war er Eugenien so nah, daß diese voll Verzweiflung um Hülfe rief, und ich angstvoll zu ihrem Beistande hinzustürzte, obwohl ich wußte, daß meine Kräfte doch zu schwach waren, ihr zu helfen.
Da im letzten schrecklichsten Augenblicke, als das furchtbare Thier schon den Kopf neigt, um Eugenien mit seinen Hörnern zu fassen, trifft ein furchtbarer Schlag seine breite Stirn, so daß es betäubt zur Seite fährt. Taumelnd schlägt es seine Hörner so wüthend in einen dicken Baumstumpf, daß es wie gefesselt zusammenbricht und sich laut brüllend am Boden wälzt.
Eine hohe männliche Gestalt eilte nun von dem machtlosen Thiere fort zu Eugenie, welche kraftlos zur Erde sank, sobald sie sich von ihrem wüthenden Verfolger befreit sah. Auch ich war endlich an ihrer Seite und umschlang sie mit meinen beiden Armen, da Angst und Schrecken ihr alle Kraft geraubt hatten. Dankend blickte ich nun auf zu dem Retter, der im letzten Augenblicke uns so kräftig befreit hatte; aber schnell war derselbe, sobald er Eugenien durch mich versorgt sah, zu dem Stiere zurückgekehrt, dem er mit Hülfe des jetzt herbeikommenden Hirten die Hörner aus dem Blocke frei machte, und ihm den Kopf mit einem der Vorderfüße zusammenband, so daß er keinen Schaden mehr thun konnte.
Jetzt kam unser Befreier wieder auf uns zu, aber wie groß war meine Ueberraschung, als ich in ihm Baron Senft erkannte! Ich wurde blutroth und wußte vor Verlegenheit kaum einige Dankesworte hervorzubringen, und auch er war sichtlich überrascht und betroffen. Eugenie jedoch, welche sich schnell wieder erholt hatte, befreite uns aus der peinlichen Situation; denn mit warmen, feurigen Dankesworten reichte sie dem Baron die Hand und bat dringend, er möge uns zu Tante Ulrike begleiten, damit auch diese den edlen Mann kennen lerne, der ihr das Leben gerettet.
Der Baron wußte nicht recht, was er thun oder sagen sollte. Er blickte mich schnell an, und all' meine Verlegenheit niederkämpfend vereinte auch ich jetzt meine Bitten mit denen Eugeniens, und so begleitete uns der Baron denn zu dem Bauernhause, vor dem die Tante schon wartend stand, und nun eben so sehr durch unsere Erzählung überrascht wurde, als durch das Zusammentreffen mit unserem alten Bekannten. Aber hier in der freien Natur, nur umgeben von wenig heiteren Menschen, war der Baron ein ganz anderer. Seine steifen, verlegenen Manieren, welche im glänzenden Salon und unter so viel fremden, eleganten Menschen als so lächerlich auffielen, bemerkten wir jetzt kaum; die Jägerkleidung, welche er trug, stand ihm sehr vortheilhaft, und die Kühnheit und Stärke, mit der er Eugeniens Verfolger zu Boden geworfen, hatten ihn in all' seiner männlichen Kraft und Bedeutung hervortreten lassen. Er bat sich nun die Ehre aus, uns in sein Schloß führen zu dürfen, und mit Vergnügen folgten wir dieser Einladung. Ein schönes, altes Gebäude, umgeben von prächtigem Park und großartigen Wirthschaftshäusern, lag vor uns; das Innere des Schlosses war einfach, aber schön und gediegen eingerichtet, und Adel und Wohlstand ruhte auf dem ganzen Besitzthum.
Mir war sehr sonderbar zu Muthe, als ich diese Räume durchschritt. Dies alles hätte ich mein nennen, von all' diesem reichen, stattlichen Besitzthum hätte ich Herrin werden können! Dieser Gedanke drängte sich mir immer und immer wieder auf, ich sah ihn auch auf der Stirn Tante Ulrikes geschrieben, und hätte ihn auch wohl in des Barons Augen lesen können, hätte ich den Muth gehabt, ihn anzusehen, oder er mich. Aber sonderbar, statt daß mich dieser Gedanke niedergeschlagen, oder mir Bedauern und Reue über meine Thorheit erweckt hätte, fühlte ich im Gegentheil jetzt erst doppelt, wie ganz unmöglich es mir gewesen wäre, die Wünsche des Barons zu erfüllen, und wäre sein Schloß noch zehnmal schöner und kostbarer gewesen.
Unserem Wirthe machte es viel Freude, uns alles recht genau zu zeigen, und unsere aufrichtige Bewunderung der vielen köstlichen kleinen Alterthümer, woran das alte Schloß so reich war, regte ihn so an, daß er ganz lebendig und heiter wurde. Eugenie war in vollem Enthusiasmus über all' die herrlichen altmodischen Dinge, und ihr feiner Schönheitssinn fand reichlich Stoff zu aufrichtiger Bewunderung. Sie huschte und kletterte überall herum, untersuchte alle geheimen Thüren, Treppen und Winkelchen, wovon das alte Schloß einen ganzen Schatz barg, und war reizend und fröhlich wie ein ausgelassenes Kind. Der Schrecken, welcher sie zuerst bleich und erschöpft gemacht hatte, war jetzt ziemlich überwunden, und das zarte Roth ihres Gesichts machte sie nun schöner als je. Der Baron verfolgte sie unablässig, und sie war mit ihren Blicken so herzlich und unbefangen zu dem steifen Herrn, daß dieser alle Zurückhaltung abstreifte und mit ihr umher lief und kletterte, wohin sie wollte, so daß die Tante nicht so schnell nachkommen konnte, und ich mit ihr langsamer folgte. Eugenie gelangte endlich auch in ein kleines Zimmer oben im Thurm, und voll Staunen erblickte sie hier allerlei musikalische Instrumente und hohe Stöße von Noten. Besonders schön war ein Cello, doch auch ein kostbarer Flügel erregte ihre volle Bewunderung.
»Sie sind musikalisch, Herr Baron?« rief Eugenie lebhaft und deutete auf ein Notenheft, das aufgeschlagen neben dem Cello lag.
»Ein wenig, gnädiges Fräulein. Aber lassen wir das!« entgegnete unser Wirth verlegen und wollte Eugenien wieder herausführen, denn ihr Eindringen war ihm sichtbar unangenehm. Eugenie aber hüpfte vergnügt nach dem Flügel, und indem ihre Finger über die Tasten flogen, nickte sie dem Baron lächelnd zu.
»Hier werden Sie mich nicht wieder los!« rief sie fröhlich. »Kommen Sie nur, liebster Baron, begleiten Sie mich. Sie spielen Cello, das ist herrlich, wie lange Zeit habe ich dies liebe theure Instrument nicht mehr gehört! Wir werden unter Ihren Noten sicher etwas finden, das wir zusammen spielen können.«
Dem Baron half kein Sträuben. Hier in seinem Thurmstübchen, wohin er seine Kunst als in ein verborgenes Heiligthum geflüchtet hatte, von dem niemand etwas wußte, hier war der lustige, neckische Kobold Eugenie eingedrungen, und mit ihr fanden wir unseren guten Baron in der eifrigsten musikalischen Unterhaltung, als wir den Klängen folgend wieder mit ihnen zusammen trafen. Er spielte sein Cello meisterhaft, und es war ein großer Genuß, dem trefflichen Spiel der Beiden zuzuhören. Wir hielten uns in einiger Entfernung, um nicht zu stören, aber der Baron war bald so mit voller Seele bei seinem Spiel, daß die ganze Welt hätte zuhören können, es würde ihn nicht mehr genirt haben.
Nur ungern verließen wir das kleine Gemach, aber die Sonne neigte sich zum Untergange und mahnte an die Heimfahrt. Der Abschied von unserem guten Baron war so herzlich, als wären wir schon längst die besten Freunde gewesen, und wir erhielten von ihm sogar das Versprechen seines Besuches, sobald er nach der Stadt kommen würde. Oft mochte er aber wohl die Stadt nicht besuchen, denn in seiner schönen Besitzung fühlte er sich unendlich viel wohler, als unter den gewandten Stadtleuten, auch hatte ich ihn seit jenen verhängnißvollen Tagen nicht wieder in Gesellschaft getroffen, was mir natürlich nur lieb sein konnte.
Sehr verwundert war ich, mit wie viel Achtung, ja selbst Bewunderung Eugenie von dem Baron sprach. Sie schien ganz ausgetauscht, denn ihr kecker Muthwille, der sonst nichts schonte, hätte immerhin reichen Stoff zu Spöttereien finden können, so vortheilhaft sich der Baron ihr auch gezeigt hatte. Mir kamen deshalb so allerlei wunderliche Gedanken in den Sinn, die ich aber weislich für mich selbst behielt, und über meine einstigen Beziehungen zu unserem Retter schwieg ich nun gar erst sorgfältig. Nur gegen Marie sprach ich mir Herz und Seele frei, sie war ja meine Vertraute in allen Dingen.
Wenige Tage nach diesem unseren Abenteuer erschreckte uns die Nachricht, daß in dem Dorfe, in welchem Baron Senfts Besitzungen lagen, eine Feuersbrunst ausgebrochen und außer vielen Bauerhäusern auch Pfarr- und Schulhaus, sowie ein Theil der Kirche abgebrannt sei. Wir bedauerten das Unglück um so lebhafter, da wir so eben selbst noch in jenem Orte gewesen waren, und der Sammlung zum Besten der Abgebrannten steuerten wir reichlich bei. Glücklicherweise war unsere arme kranke Bäuerin von dem Unglück verschont geblieben, aber Schrecken und Angst hatten ihr Leiden arg verschlimmert. Durch sie erfuhren wir nun, mit welcher Aufopferung Baron Senft sich der armen Abgebrannten angenommen, wie thätig er selbst beim Löschen des Feuers gewesen, und wie er die Zuflucht sei für alle Bedrängten.
Eugenie nahm ungewöhnlich lebhaftes Interesse an diesem Vorfall, und sie sann ernstlich darüber nach, wie den armen Leuten kräftig zu helfen sei. Eine kleine Lotterie, welche Marie zu diesem Zwecke veranstaltete, behagte ihrem Geschmack wenig, obwohl sie wunderhübsche Geschenke dazu lieferte.
»Wir wollen ein Dilettanten-Concert arrangiren!« rief sie endlich entschlossen. »Das muß mehr abwerfen, als eure Nadelkissen-Lotterie mit den Silbergroschen-Loosen. Oder was meint ihr zu einer kleinen dramatischen Vorstellung? Meiner Ansicht nach würde das den Leuten Spaß machen, natürlich müssen die Billets mit Auswahl vergeben werden.«
Unsere Bedenken, daß solche Gedanken nicht ausführbar seien und gar zu viel Mühe machen würden, verwarf sie alle, und da Tante Ulrike nichts Unpassendes darin fand, indem wir ja für einen guten Zweck mit unseren Leistungen hervortreten wollten, so stand Eugeniens Entschluß fest: die Aufführung einiger kleinen Lustspiele zu arrangiren, denen einige musikalischen Leistungen vorangehen sollten.
Die sonst so bequeme, unthätige Eugenie war jetzt Feuer und Flamme. Theatralische Vorstellungen gehörten zu den Dingen, welche ihre Mutter sehr liebte und häufig veranstaltet hatte, und so wußte Eugenie mit dergleichen gut Bescheid, denn sie war sogar selbst einige Male mit aufgetreten. Von Büchern umgeben, wie ehedem vor dem Balle von Flor und Bändern, fand ich sie jetzt täglich in ihrem Zimmer, denn die Wahl der darzustellenden Stücke war sehr schwierig. Bald jedoch war ihr Entschluß gefaßt, und der Erfolg zeigte, daß sie sehr geschickt gewählt hatte.
Nicht ohne allerlei Qual und Mühe brachten wir unter unseren Bekannten das passende Personal für die Aufführung zusammen, und es bedurfte oft aller Liebenswürdigkeit, deren Eugenie fähig war, um die Herzen zu unsern Gunsten zu stimmen.
Endlich aber waren alle Rollen besetzt, ein passender Saal errungen, in dem eine nette Bühne erbaut wurde, und nun schritten wir rüstig zu dem Einstudieren unserer Rollen und der Herstellung der passenden Costüme. Wie in einem Taubenhause ging es jetzt den Tag über bei uns aus und ein, denn jeder wollte etwas anderes wissen. Eugenie hatte für alles Rath, und ich bewunderte dabei fortwährend, wie geschickt sie alle keimenden Streitigkeiten zu umgehen verstand. Bald fehlte hier ein Mieder, bald dort passender Besatz, bald stritt man, wie die Beleuchtung am Besten anzubringen sei, bald welche Decoration man wählen sollte. Dann wieder kamen Zweifel über die Betonung einzelner Worte, oder über die Art des Auftretens, kurz, Jeder hatte ein anderes Anliegen, und alle dem wußte Eugenie gewöhnlich schnell zu entsprechen, und die Tante half ihr, wo sie konnte. Mein Beistand war mehr untergeordneter Art, indem ich meine Finger in Bewegung setzte und fleißig die Garderobe in Stand brachte. Dabei lernte ich, daß mir der Kopf rauchte, denn trotz furchtbaren Sträubens war auch ich von Eugenien dazu verdammt worden, eine der Rollen zu übernehmen.
»Aber ich bin ja so hölzern, ich blamire euch alle!« jammerte ich vergebens.
»Ich werde dich schon zurecht stoßen, Gänseblümchen!« lachte Eugenie. »Du bist hier bei Tante Ulrike auf der Hochschule, und zur rechten Bildung gehört auch, daß man gelegentlich einmal Komödie mitspielen kann, also bin ich nur auf deine Ausbildung bedacht.«
So wenig ich nun auch mit diesem, als zur Erziehung nothwendigen Element einverstanden war, so mußte ich doch endlich nachgeben, wollte ich nicht eigensinnig erscheinen.
Eugeniens Plan, der Aufführung ein kleines Concert vorausgehen zu lassen, machte ihr fast noch mehr Noth, als die Besetzung der Rollen. Sie selbst wollte allerlei spielen und singen, aber einige andere tüchtige Kräfte mußten ihr zur Seite stehen, sonst ging es nicht. Amanda Delius hatte sich endlich bereit erklärt, etwas auf dem Flügel vorzutragen, da sie trefflich spielte, und Dr. Hausmann übte mit Eugenien einige Duette ein, aber noch fehlte eine Art Ouvertüre, welche das Ganze würdig einleitete.
»Ich hab's! Das muß gehen!« rief mir Eugenie eines Morgens entgegen und zeigte mir ein niedliches Briefchen, dessen Aufschrift lautete: »Sr. Hochwohlgeboren dem Herrn Baron von Senft, Erb- und Standesherrn auf und zu Senftenburg.«
»Nun mache nur nicht Augen, als wolltest du mich geradesweges verschlingen!« rief Eugenie und zog die Klingel. »Schnell den Brief in den Briefkasten,« sagte sie dann, Lisetten das Billet übergebend.
»Aber Eugenie, was thust du denn?« rief ich halb versteinert vor Verwunderung.
»Bah, ich bitte nur unseren guten Baron, für seine Abgebrannten einige Striche auf dem Cello als Beitrag zu liefern,« entgegnete Eugenie, sich etwas befangen abwendend.
»Auf dem Cello? Soll er bei unserm Concert mitwirken? Hast du ihn darum gebeten, Eugenie?«
»Nun ja, warum denn nicht? Er spielt ja so gut, warum sollte er nicht ein Trio mit mir und Maries Bruder ausführen? Ich übernehme den Flügel, Eduard die Geige und der Baron das Cello, das leitet die Geschichte prächtig ein.«
Ich schüttelte den Kopf und dachte, sie würde sicher eine ablehnende Antwort vom Baron erhalten. Aber o Wunder! schon am andern Tage erschien, etwas steif und verlegen zwar, aber doch lebendig und angeregt wie ich ihn nie gesehen, unser braver Baron. Welches Opfer es ihm mochte gekostet haben, seine Menschenscheu und Aengstlichkeit zu überwinden, das konnten wir nur ahnen, aber er hatte alles überwunden, und kam nun voll ängstlicher Beflissenheit, Eugeniens weitere Befehle zu vernehmen. Diese strahlte vor Freude und Dankbarkeit, und war ordentlich zärtlich zu ihrem neuen Freunde, der sich nun mit ihr bald so in die Auswahl eines passenden Musikstückes vertiefte, daß Tante und ich uns erstaunlich überflüssig vorkamen, gerade wie damals beim Besuch des Schlosses Senftenburg.
Als der Baron fort war, konnte ich meinen Muthwillen nicht unterdrücken und sagte recht fromm: »Wie gut ist es doch von dem Baron, daß er um des edlen Zweckes willen seine Schüchternheit überwindet und das Opfer bringt, mit dir zu spielen, Eugenie!«
Sie blickte rasch auf, bückte sich aber sogleich wieder und machte sich mit ihren Noten zu schaffen. »Hm, ja, sehr gut!« sagte sie zerstreut. »A propos, Gänseblümchen,« fuhr sie dann in ihrer alten neckischen Weise fort, »ich hätte dich nicht für so hartherzig gehalten, diesen guten Mann so grausam zu behandeln.«
Nun kam die Reihe an mich, roth und verlegen zu werden, denn es war mir gar sehr unangenehm, daß gerade Eugenie um diese Geschichte wußte. Eduard mußte sie ihr verrathen haben, denn Tante und Marie schwiegen darüber, dies Versprechen hatte ich von ihnen. Eugenie setzte ihren Muthwillen aber wunderbarer Weise nicht weiter fort, und ich meinerseits hütete mich nun wohl, sie durch Neckereien wieder zu reizen.
»Eine Vorstellung zu wohlthätigem Zwecke«,
so waren die Eintrittskarten beschrieben, welche wir für den Abend, an dem unsere Vorstellung stattfinden sollte, austheilten. Alle Plätze im Saale wurden bald vergeben, und eine reiche Einnahme lohnte unsere Mühen. Aber mit welchem Herzklopfen sah ich den verhängnißvollen Abend herankommen, ein Ball war ja dagegen ein Kinderspiel und wahre Bagatelle! Doch was half alles Zagen; der Abend war endlich da, die Glocke ertönte, und langsam hob sich der Vorhang, der Bühne und Saal von einander trennte. Dumpfes Gemurmel drang aus dem Zuschauerraume bis hinter die Coulissen, in denen wir Spielenden lauschten, bald aber ward es still, und man vernahm die helle Stimme meiner lieben Marie, welche einen kurzen Prolog zu sprechen hatte. Sie bat darin, den Zweck unserer Darstellungen als Entschuldigung für unsere schwachen Leistungen gelten zu lassen und der Kritik, welche heute keine Einlaßkarte erhalten, ja nirgends den Zutritt zu gestatten.
Rauschender Beifall lohnte die heitere Rede, und so sehr ich meine Freundin anfangs bedauert hatte, daß ihr die schwere Aufgabe zu Theil geworden, zuerst und so allein aufzutreten, so sehr beneidete ich sie jetzt; denn sie war nun fertig und konnte ihre phantastische Kleidung, die ihr allerliebst gestanden, abstreifen und in Ruhe unserem Treiben zuschauen.
Nachdem Marie ihren Prolog beendet, erklangen die ersten Töne des Beethoven'schen Trio's, und lautlose Stille herrschte unter der Versammlung. Hohe Pflanzen und Blumen, welche Eugenie voll feiner Rücksicht auf die Schüchternheit ihres Cellospielers hatte aufstellen lassen, verdeckten zum Theil die Musiker, und hinter dieser duftenden Blumenwand führte das kunstfertige Kleeblatt nun das Musikstück zu Ende und erregte einen abermaligen Beifallssturm. Jetzt sang Eugenie ein schönes Lied, und des Baron's Augen strahlten, als er bei uns hinter den Coulissen erschien; all seine Sinne schienen sich in dem einen des Gehörs zu concentriren, mit dem er Eugeniens Gesang lauschte. Er kam erst wieder zu sich, als das Lied zu Ende war, und Amanda dem Gesange ein prächtiges Concertstück folgen ließ. Dann schloß ein Duett, von Eugenien und Dr. Hausmann gesungen, den musikalischen Theil der Unterhaltung.
Nun aber kam der schreckliche Moment: unsere Aufführung mußte beginnen! Wir gaben das heitere Lustspiel Kotzebue's: »Der gerade Weg ist der beste.« Ich hatte die Rolle der jungen Predigerwittwe, welche mit der erledigten Pfarre zusammen vergeben werden soll, und ein sehr heiteres, nicht mehr ganz junges Mädchen übernahm die Rolle der Haushälterin, welche zur Prüfung der Bewerber als diejenige Dame vorgeführt wird, die mit der Pfarre in den Kauf genommen werden soll. Ein alter Major, von Dr. Hausmann mit Perücke, langer Pfeife und angemalten Runzeln prächtig dargestellt, ist Patronatsherr und hat die Stelle zu vergeben, und bei ihm melden sich nun zwei Bewerber. Der eine hat viel Fürsprache und steckt sich hinter alle möglichen Personen, die zu seinen Gunsten sprechen sollen; auf die Bedingung, die Alte zu heirathen, geht er augenblicklich ein, besonders da er hört, sie habe Geld. Der andere Bewerber ist ohne Fürsprache und wendet sich direct an den Major, die Bedingung aber, gleich die Pfarrerin mit in den Kauf zu nehmen, bestimmt ihn, ohne noch dieselbe gesehen zu haben, von der Bewerbung zurück zu treten, bis er denn endlich erfährt, daß die ihm Bestimmte seine frühere Liebe ist, um derenwillen er nie heirathen wollte. Daß er Pfarre und Frau nun bekommt, ist keine Frage, und alles endet vortrefflich.
Leichter als meine ehrbare Rolle der jungen Wittwe war die der alten Haushälterin, deren Auftreten großen Jubel erregte; denn eine ungeheure Haube mit faltenreichen Strichen, sowie eine köstlich altmodische, blumige Contusche gaben ihrer gezierten, selbstgefälligen Erscheinung etwas unbeschreiblich Komisches. Ueberdies spielte sie ausgezeichnet gut.
Trotz meiner Angst und Sorge ging unser Spiel trefflich von statten, keins blieb stecken, der Souffleur that löblich das Seine, und alles fügte sich nach Wunsch in einander. Mir wurde zwar anfangs ganz heiß und drehend, als ich meine Blicke von der Bühne fort nach dem zahlreichen Publikum wendete, aber auch das verging, und der Muth wuchs beim Spiel. Daß auch wir reichen Beifall und Hervorruf ernteten, freute uns sehr, und selbst Eugenie gab mir das Lob, ich sei »ganz passabel« gewesen, ganz die »ehrpußliche kleine Gänseblume, die diese Pastorfrau sein müsse.«
Diesem unserem Lustspiel folgte nun noch ein anderes, das dem Ganzen die Krone aufsetzte, obwohl nur zwei Personen darin auftraten. Es war das reizende Genrebild von Schneider: »Der Kurmärker und die Picarde,« und Eugenie als graziöse Französin, sowie Eduard in der Rolle des braven Soldaten übertrafen alle Erwartungen. Der zierlichen Gestalt Eugeniens schmiegte sich das kleidsame, französische Kostüm trefflich an, und die hohe Mütze der Picarde stand dem schönen Mädchen zum Verlieben hübsch. Der Inhalt des Stückes ist unbedeutend: die niedliche Französin weiß durch Anmuth, Tanz und Schmeichelei den gros lourdand prussien sich günstig zu stimmen, und dieser wieder gewinnt durch treuherzige Gutmüthigkeit die Gunst der Feindin, so daß die Beiden als die besten Freunde von einander gehen. Das bekannte ergötzliche Lied: »O Tanneboom, o Tanneboom, wie grün sind deine Blätter!« sang Eduard so voller Humor, und ließ dabei doch den einfachen ergreifenden Ernst so hindurch fühlen, daß er uns alle tief rührte, und uns selbst die Thränen im Auge standen, als der Gesang des braven Soldaten, vom Schmerz des Heimweh's erstickt, mit Schluchzen endete. Eugeniens zierlicher Tanz im Gegensatz zu den plumpen Sprüngen des guten Deutschen war allerliebst, sie erntete grenzenlosen Beifall und »mon brave« mit ihr.
So war denn alles gut und ohne erhebliche Störung abgelaufen; unsere Aufführungen hatten ungetheilten Beifall gefunden, wir selbst trotz vieler Mühe auch viel Vergnügen dabei gehabt, und, was die Hauptsache, unser Zweck, eine Unterstützung für die Abgebrannten zu erlangen, war glänzend erreicht, denn voll Freude konnten wir den Händen des Barons eine hübsche kleine Summe zur Vertheilung übergeben.
Die Unruhe und Aufregung, in welcher dieser Abend uns Alle eine Zeitlang versetzt hatte, wich nun wieder dem ruhig gleichmäßigen Gange des täglichen Lebens. Der Winter mit seinen langen Abenden versammelte uns meist in Tantes behaglichem Wohnzimmer, dessen »himmlisch altmodische Meubles« jetzt auch der leichtfertigen Eugenie lieb wurden, wie überhaupt unser ganzes behaglich ruhiges Leben. Ein solches kannte sie eigentlich gar nicht, denn ihrer Mutter erschienen die Tage, an denen sie kein Vergnügen vorhatte, völlig verloren, eine trauliche Häuslichkeit war ihr zuwider. Zum Glück lag in unserer Eugenie eine völlig andere Natur, und die tiefe Innerlichkeit ihres Gemüthes gewann mehr und mehr die Herrschaft über ihre bisherigen leichtsinnig weltlichen Neigungen. Uebermüthig und wunderlich blieb sie dabei freilich noch immer, und das verwöhnte Kind schaute noch überall hindurch, aber man mußte doch seine Freude an ihr haben, sie war trotz allem ein gar liebes Geschöpf.
Ihre große musikalische Begabung verschaffte uns in den langen Winterabenden gar manchen Genuß, und in Folge ihrer steten Ermuthigung versuchte auch ich nach und nach, meine kleinen Talente im Klavierspiel und Gesang unter ihrer Leitung zu vervollkommnen. Marie leistete uns häufig Gesellschaft, und auch ihr Bruder Eduard, sowie Dr. Hausmann gehörten zu der frohen traulichen Gesellschaft, die Tantes Wohnzimmer gar häufig belebte. Bald gewannen wir noch ein Mitglied zu unserem kleinen Kreise, und das war unser neuer Freund: der Baron Senft. In großer Gesellschaft sahen wir ihn nie, und auch unser kleiner Kreis schien ihn anfangs zu beängstigen, die Musik aber half ihm bald über alle Bangigkeit fort. Eugenie hatte eine so feine, angenehme Weise, sein linkisches Benehmen zu ignoriren und ihn dreister und unbefangener zu machen, und Tante Ulrike war so herzlich und zutraulich gegen ihn, daß die starre Rinde bald schmolz, und man ihm mehr und mehr Behagen und Wohlsein anmerkte. Dr. Hausmann, der große Reisen gemacht hatte, verstand sehr hübsch von denselben zu erzählen, auch Eduard unterhielt gut, und bald zeigte es sich, wie gebildet und unterrichtet auch der Baron war, dessen Kenntnisse bisher unter Schloß und Riegel gelegen hatten; denn Niemand vermuthete sie bei dem scheuen, stillen Landedelmanne, der jetzt oft ganz lebhaft und gesprächig wurde.
Marie theilte mit mir die feste Ueberzeugung, daß der Baron in Eugenien bis über die Ohren verliebt war, denn man hätte blind sein müssen, um das nicht zu sehen. Wie aber Eugenie dachte, konnte man freilich nicht so deutlich wissen; ihr neckisches Wesen machte sie unberechenbar, und sie entschlüpfte flink und gewandt, wollte man sie etwas fester und schärfer fassen.
Aber doch sprach gar Vieles dafür, daß auch sie den Baron gern hatte. Es war unbegreiflich, aber es war so: der wunderliche, steife, scheue Menschenfeind gefiel unserer schönen, eleganten, in jeder Weise verwöhnten Eugenie besser, als irgend ein anderer Mann unserer Bekanntschaft. Sie vertheidigte ihn stets, hob stets alles hervor, was zu seinen Gunsten sprach, und vor allem: sie spottete und lachte nie über ihn, so viel Stoff er ihr auch dazu liefern mochte; und jetzt erst fühlte ich so recht die Wahrheit jener Worte, die Tante Ulrike einst sagte: Spott ist schlimmer als Tadel. Ein Mädchen wird leichter einen Mann heirathen, an dem sie allerlei zu tadeln fand, als einen, über den sie sich lustig gemacht und den sie verspottet hat.
Auch ich lachte jetzt nicht mehr über unseres guten Barons linkisches Wesen, denn mehr und mehr lernte ich ihn wegen seines trefflichen Charakters achten und seinen inneren Werth anerkennen. Aber freilich muß ich gestehen, daß mir anfangs ihm gegenüber nicht sehr behaglich zu Muthe war, und ich gewiß in linkischen Manieren mit ihm wetteiferte; denn es ist ein sehr peinliches Gefühl, dem Manne gegenüber zu stehen, dem man – einen Korb gegeben. Zu meiner Freude schien der Baron viel leichter darüber fort zu kommen, denn er ignorirte mich bald vollständig, wenn sich Eugenie neben mir befand; sie war die Sonne, nach der er schaute, sie liebte und verehrte er mit aller Innigkeit seines Herzens, – mich hatte er ja nur heirathen wollen, weil er glaubte, ich liebte ihn; das war ein Irrthum, und somit war er seiner Verpflichtungen gegen mich entbunden.
Aber der arme schüchterne Baron war sehr schlimm daran! Woche um Woche verging, schon wich der Winter dem warmen Hauche des kommenden Frühlings, aber immer noch standen die Sachen auf demselben Flecke; denn die Furcht, auch von Eugenien abgewiesen zu werden, band des armen Barons Zunge. Er wagte nicht dem schönen, bedeutenden Mädchen zu gestehen, wie sehr er sie liebe. Hätte er sich abermals geirrt, wäre er auch ihr gleichgültig, wie er mir war, so stürzte sein Wünschen und Hoffen in bodenlosen Abgrund und nahm alles mit, was ihm jetzt Freude und neues Leben brachte.
Diese Gedanken standen so deutlich auf seiner Stirn, daß ich mir von Neuem die bittersten Vorwürfe über meine Thorheiten machte, die noch jetzt solche Früchte trugen. Ein Gespräch mit Eduard zeigte mir aber erst ganz, wie begründet solche Gedanken waren.
»Fräulein Gretchen, Sie könnten sich ein rechtes Verdienst erwerben,« sagte Eduard eines Tages zu mir, als ich bei seiner Schwester Maria war.
»Ein Verdienst, um wen denn?« fragte ich verwundert.
»Nun, um wen sonst, als um Ihren einstigen Verehrer, den Baron Senft,« entgegnete Eduard.
»Er ist nie mein Verehrer gewesen und hat jetzt ganz andere Gottheiten, denen er huldigt!« sagte ich lachend.
»Aber Sie haben ihn doch einmal bitter enttäuscht und gekränkt, dafür sollten Sie ihm wirklich Gutes erzeigen.«
»Herzlich gern, aber wie kann ich das?«
»O die Damen verstehen sich ja so trefflich darauf, Verborgenes zu enträthseln. Wollen Sie nicht einmal das Herz Ihrer schönen Cousine sondiren, damit Sie erfahren, wer der Glückliche ist, dem sie ihre Gunst zuwendet?«
»Das ist eine furchtbar schwere Aufgabe, lieber Freund! Eugenie schimmert wie ein Kolibri stets in anderen Farben, und durchschaut meine Absichten zehn Mal, wenn ich den Versuch machen wollte, sie zu durchschauen.«
»Sie thäten aber ein gutes Werk, Gretchen,« sagte Eduard, jetzt ernst werdend. »Unser armer Baron stirbt fast vor Liebe zu Eugenien; aber die bittere Erfahrung mit Ihnen hat ihm allen Muth geraubt, je wieder einem Mädchen seine Hand anzutragen. Ich bot ihm meine Hülfe dazu aus freien Stücken an, aber angstvoll bat er mich, keine Schritte für ihn zu thun, denn Eugeniens Weigerung würde ihn auf ewig unglücklich machen. Aber was soll daraus werden, wenn er sich nie erklärt?«
»Nun ich will das Meine thun, Eugenien zu erforschen, ich verspreche es Ihnen!« sagte ich seufzend. »Ich glaube zwar bestimmt, daß sie des Barons Neigung erwiedert, aber in wie weit, das weiß ich freilich nicht, sie ist ein gar zu wunderliches Mädchen.«
Aber wie schwer war diese Aufgabe, die ich übernommen! Ich suchte oft das Gespräch auf den Baron zu bringen, doch was half mir das, ich kam keinen Schritt weiter.
»Findest du nicht, Eugenie,« sagte ich z. B. einmal, »daß der Baron eigentlich ein recht interessantes Gesicht hat, besonders wenn die Musik ihn belebt?«
»Ich finde ihn sehr häßlich, er mag musiciren oder nicht!« entgegnete Eugenie trocken.
»Ja, seine Manieren sind nicht schön, das muß ich auch gestehen,« warf ich ein.
»Was thut das!« sagte sie rasch. »Meinetwegen mag er so steif sein, als er Lust hat, ich will ja nicht mit ihm tanzen! In der Unterhaltung ist er nicht steif, das ist besser als umgekehrt.«
So machte sie es immer: tadelte ich, so lobte sie ihn, sagte ich aber etwas Günstiges, so war ihr das auch nie recht.
»Der Baron muß doch sehr reich sein!« begann ich dann wieder einmal mein Manöver. »Aber wie schade, daß er so allein in dem schönen alten Schlosse wohnt.«
»Nun warum hast du es denn abgeschlagen, ihm dort Gesellschaft zu leisten, wenn dir seine Einsamkeit so leid thut?« lachte Eugenie. Ich wurde dunkelroth, überwand aber meine Verlegenheit und sagte muthig: »Es giebt genug andere Mädchen, die recht gern seine Frau würden; glaubst du nicht auch?«
»Das kann wohl sein!« entgegnete Eugenie ihre Locken über den Finger drehend. »Nur gerade du solltest ein Gericht nicht anderen preisen, von dem du selbst nicht essen mochtest. O du unmenschlich kluges Gänseblümchen, denkst du, ich werde in deine Falle gehen?«
Mir ein Schnippchen schlagend tanzte sie singend davon, und ich war ärgerlich über meine Dummheit, die so plump mehr verdarb als gut machte.
Endlich eines Tages, als der Baron lange bei uns gewesen, faßte ich mir ein Herz und sagte ernst: »Eugenie, ich glaube, der Baron liebt dich über alle Maßen; aber er ist zu schüchtern, es dir zu sagen; du solltest es ihm deutlicher zeigen, wenn du seine Neigung begünstigst, damit der arme Mann weiß, woran er ist.«
Eugenie sah mich einen Augenblick ganz verwundert an, dann lachte sie laut auf und sagte: »Hat er dich etwa damit beauftragt, du mitfühlende Seele? Ich glaube beinahe. Aber Schätzchen, ich will es dir nur gestehen, die Wahl seiner Gesandtin war nicht viel glücklicher, als die des schlauen Klosterbruders im Nathan; es fehlt nur, daß du dessen Rede: »so sagt der Patriarch« in: »so sagt der Herr Baron!« verwandelst. Uebrigens, mein Gänseblümchen,« fuhr sie schmeichelnd fort, als sie sah, daß ich mich verletzt fortwandte, »übrigens werde ich deine weisen Lehren beherzigen! Schade nur, daß wir nicht im Lande der Amazonen leben, da hätte der schüchterne Herr Baron es bequemer. Wenn wir nur wenigstens Cotillon zusammen tanzten,« sagte sie neckend, »da könnte ich ihm doch noch einen Orden bringen, und ihm zeigen, daß er mir der liebste von allen Herren der Schöpfung wäre! Nicht wahr, Gänseblümchen? Ach wem brachtest du doch neulich auf dem ersten Balle den Cotillonorden, war es nicht Eduard? Ach nein, wer war es doch?« –
»Geh, laß mich in Ruhe, du abscheuliches Mädchen!« rief ich ärgerlich und doch lachend. »Mit dir binde der Kuckuk an, ich habe es satt!«
»Nun das ist prächtig, da habe ich doch endlich Ruhe vor dir und deinen Verschwornen,« lachte Eugenie. »Doch,« fuhr sie munter fort, »damit dein armes Herzchen vor Jammer und Mitleid nicht breche, will ich es dir nur gestehen, daß ich den Baron wirklich sehr gern habe. Nun aber geschwind, mach' daß die Andern es erfahren und durch sie der arme Baron, sonst hat er am Ende vorher noch den Heldenmuth, mich selbst danach zu fragen, und euer Triumph, die Sache vermittelt zu haben, fällt über den Haufen. Das wäre doch jammerschade! Nun, hörst du nicht, Schätzchen? Lauf und mach', daß er es erfährt! Glaubst du es denn noch nicht, wenn ich es dir in trockenen Worten sage: ich liebe ihn? Oder warum machst du wieder deine verwunderten Wickelkindaugen?«
Ja, verwundert stand ich allerdings da; denn was ich auf Umwegen nicht herauslocken konnte, das sagte das wunderliche Mädchen mir in wenig trockenen Worten, als ich es am wenigsten erwartet hatte. Jubelnd fiel ich ihr um den Hals, aber das konnte sie ein für allemal nicht leiden und lief scheltend davon, ich aber stürzte mit meiner Neuigkeit zu Marie, und mit dieser zu Eduard. Sobald er irgend konnte, wollte Eduard selbst zu dem Baron hinaus eilen, ihm die frohe Kunde zu bringen, um dann den Brautwerber für den Freund zu machen. Auch Tante Ulrike wurde nun in das Geheimniß gezogen; sie hatte alles längst geahnt, und freute sich der nun hoffentlich bald stattfindenden Vereinigung, welche sie sehr wünschte.
»Aber liebe Tante,« sagte ich kopfschüttelnd, als ich erfuhr, daß dieser Wunsch lange schon ihr Herz bewege, »glaubst du denn wirklich, daß Eugenie den Sonderling so liebt, um für das Leben glücklich zu werden? Sie sind doch zu verschieden!«
»Das schadet nichts, mein Kind,« entgegnete die Tante lächelnd. »Wie ich Eugenie nach und nach kennen gelernt habe, weiß ich, daß ihr tiefes Gemüth den hohen Werth dieses Mannes all seinen Wunderlichkeiten vorziehen, diese aber in ihrer leichten, graziösen Weise übersehen, ja anderen gegenüber verdecken wird. Bei seiner Verehrung für alle Eigenschaften Eugeniens, sie mögen heißen wie sie wollen, wird sie freilich ihr Lebenlang das verwöhnte Kind bleiben, das sie ist; aber da ihr in der äußeren behaglichen, ja glänzenden Lage, in die sie des Barons Reichthum versetzt, die Mittel nicht fehlen werden, alle Launen zu befriedigen, so mag sie immer bleiben, wie sie ist, wenn sie dabei nur ferner so gut und liebenswürdig sein wird, als sie jetzt geworden.«
Eugeniens Geständniß hatte ich in den Morgenstunden von ihr erhalten, den Tag über sprachen wir Beide kein Wort weiter darüber, Eugenie blieb viel in ihrem Zimmer, und mir war das sehr angenehm. Aber in der Dämmerstunde sah ich sie zu Tante Ulrike gehen, und endlich kam sie zu mir in die Wohnstube und sagte: »Gänseblümchen, da du doch hier auf der Hochschule bist und alles lernen sollst, so kannst du nun auch Studien machen, wie man sich als Braut in der Welt zu benehmen hat.«
Ich wußte nicht, was ihre Rede bedeuten sollte, und da ich wieder eine Neckerei dahinter vermuthete, sagte ich abwehrend: »Laß doch nur solche Späße, Eugenie, sie passen so wenig für mich!«
»Das ist mir ganz einerlei, ob es dir paßt, Kleine, wenn's mir nur paßt!« lachte sie. »Und Spaß mache ich ja gar nicht, es ist mein bitterer Ernst!«
»Meinetwegen, mir aber liegen solche Gedanken fern!« sagte ich ärgerlich.
»Nein, ich behaupte aber, sie liegen sehr nahe!« erwiederte Eugenie lustig. »Du meinst von mir so manches lernen zu können. Nun, jetzt kommt zu meinen übrigen Tugenden noch eine hinzu, und das ist die, mit Anstand Braut zu sein!«
»Eugenie, wie? du bist Braut?« fuhr ich überrascht empor. »So hat der Baron doch von selbst den Muth gehabt, sich dir zu erklären?«
»Der Baron! Nein, wer sagt das?« entgegnete Eugenie lachend.
»Nun eins mußte sich doch zuerst erklären, du hast doch nicht etwa....« stotterte ich blutroth.
»Ich? Ich habe nichts weiter gethan, als die Rathschläge meiner trefflichen Cousine befolgt,« sagte Eugenie knixend. »Sie hat mir gezeigt, wie man Orden vertheilt, um die Sprache seines Herzens zu verkünden. Auch ich habe heut Vormittag einen Orden verschenkt und dafür, wie es sich für einen galanten Kavalier schickt, ein Sträußchen erhalten, denn das ist ja wohl Cotillonsregel, nicht so, Gänseblümchen? Da, sieh einmal, da du die Blumensprache verstehst! Du weißt, ich bin sehr freigebig mit meinen Mittheilungen.« Dabei enthüllte sie ein prachtvolles Bouquet, das sie unter dem Taschentuche verborgen und hielt es mir neckend unter die Nase. Ein kleines Briefchen schaute aus den bunten Blumen heraus, und hastig griff ich danach. Es enthielt nur die kurzen Worte: »Dank, ewigen Dank für diesen Lichtstrahl in dunkler Nacht! Jetzt bist Du mein, mein auf ewig! A. S.«
Ich war wie im Traume. Also alles lag schon fix und fertig da, unsere Vermittelung war ganz unnöthig geworden; Eugenie hatte uns in kühnster Weise ein Schnippchen geschlagen und ihre Angelegenheiten selbst keck in die Hand genommen. Nur ein solcher Muth, ein so sicheres Selbstgefühl, als es Eugenie besaß, konnte dergleichen fertig bringen; sie war in der That ein Stückchen Amazone! Aber konnte man sie deshalb tadeln? War ein solcher Schritt nicht durch des Barons unüberwindliche Schüchternheit entschuldigt, ja sogar gerechtfertigt? Das Lebensglück zweier Menschen beruhte auf einem einzigen Worte, und da er dieses Wort nicht auszusprechen wagte, warum sollte sie es nicht thun, und dadurch die Pforten ihres Glückes öffnen?
Solche Gedanken gewannen auch in mir nach und nach die Oberhand, wie sie Eugenien schon lange mochten beschäftigt haben. Doch im ersten Augenblicke war ich allerdings etwas bestürzt über diese neue Art der Verlobung, denn meine schüchterne Natur hätte diesen Schritt nie gethan, und wenn mein ganzes Lebensglück davon abgehangen hätte. Aber man konnte freilich auch nicht verschiedener sein, als Eugenie und ich, und das gestanden wir uns Beide sehr offenherzig.
Eine halbe Stunde nach Eugeniens Eröffnungen stürmte es die Treppe herauf, und in meinem Leben habe ich nicht solche Verwandlung eines Menschen gesehen, als die unseres lieben Barons. Strahlend vor Glück und Liebe, rasch und lebendig wie ein feuriger Jüngling, schwamm er in einem Meere von Glückseligkeit, und Eugenie war so hold, so sittig, und doch wieder so schelmisch, neckisch und zärtlich, daß man allerdings seine Studien an ihr machen konnte; sie erschien mir als das Ideal einer schönen, glücklichen Braut! –
»Ehe ein Mädchen verlobt oder gar verheirathet ist, kann man nicht wissen was in ihr steckt!« hatte Tante Ulrike manchmal gesagt, und wie wahr und sinnig ihre Worte immer waren, das erfuhr ich jetzt wieder. Auch Eugenie, dieses bunt schillernde Wesen, entwickelte als Braut ganz neue, nie gekannte Eigenschaften, welche ihr unsere aufrichtige Bewunderung verschafften. Sie war oft wirklich rührend in dem Streben nach größerer Vollendung. Bisher hatte sie nie daran gedacht, auf irgend jemand viel Rücksicht zu nehmen; alles war ihr entgegengekommen, ihr abgenommen oder zugetragen worden, sie fragte bei ihrem Thun und Lassen nicht danach, paßt es auch meiner Umgebung, oder störe und verletze ich jemanden. Jetzt aber war sie fortwährend auf alles bedacht, was den Baron erfreuen und ihm angenehm sein konnte, und mit reizender Zartheit suchte sie alles aus dem Wege zu räumen, was ihn bei seiner Schüchternheit belästigen mußte. Dahin gehörten vor allem die Besuche, welche das junge Brautpaar zu machen hatte, um sich dem Bekanntenkreise vorzustellen. Diese konnte sie dem armen Baron freilich nicht ersparen, und da ich denselben nicht beiwohnte, so kann ich auch nicht wissen, wie steif und befangen er sicher dabei gewesen; aber bei Erwiederung dieser Besuche sah ich, wie Eugenie mit feiner Gewandtheit immer da einzutreten wußte, wo er fehlte, wie sie es verstand ihn stets in das Gespräch zu ziehen, im rechten Augenblicke seinen Arm zu ergreifen, geschickt alle Hindernisse zu beseitigen, die ihn bei seinen eckigen Bewegungen störten, wie Sessel, leichte Tischchen, Blumenvasen und alle dergleichen leicht stürzende Dinge, welche ungraziöse Menschen nur gar zu oft in Verlegenheit setzen. Dabei war sie so unbefangen, so heiter und liebenswürdig, daß ich es gar wohl begriff, warum ihres Bräutigams Augen nur an ihr hafteten, und die ganze übrige Welt eigentlich für ihn nicht existirte. Eugenie war alles, was er dachte und fühlte, ihr Glück und ihre Freude der einzige Zweck seines Lebens. O wie dankte ich Gott aus tiefstem Herzen, daß er meinen sehnlichen Wunsch nun erfüllt, und dem braven Manne das Glück zugeführt hatte, das er so sehr verdiente, und welches ich ihm zu geben doch nie fähig gewesen wäre.
Eugenie war trotz der unglaublichen Verschiedenheit, die zwischen ihr und dem Baron herrschte, doch wie für ihn geschaffen, denn ihre Schwächen entzückten ihn ebenso sehr wie ihre guten Eigenschaften. Er verzog sie so viel er nur konnte, und je muthwilliger sie ihn umgaukelte, je glücklicher strahlten seine Augen. All ihre kleinen lustigen Streiche bewunderte er, als wären es die fabelhaftesten Heldenthaten, und nie wurde er verstimmt oder ärgerlich, selbst wenn er, wie nur gar zu häufig, die Zielscheibe ihrer Neckereien war.
Daß Eugenie bei all ihrer Schelmerei tiefes Gefühl besaß und ihn innig liebte, wie er sich nie geträumt, das wußte er wohl, und es war wunderbar, mit welcher Innigkeit der so scheue, verschlossene Mann nun der Geliebten sein Gemüth eröffnete. Und Eugenie, welche bisher allem, was Gefühlsäußerungen ähnlich sah, den Krieg erklärt hatte, sie lauschte jetzt mit feuchtem Auge den Worten der hingebendsten Liebe.
In ihrer liebenswürdigen Offenheit theilte sie uns vieles von dem mit, was der Baron ihr gestanden; denn sie wußte, daß sie an Tante und mir innig theilnehmende Herzen besaß, voll Discretion und Verständniß, denen sie wohl mittheilen durfte, was ihr das Liebste und Heiligste war. Wie sehr der Baron sie vom ersten Augenblick an geliebt, seit er sie kannte, das zeigten einige seiner früheren Gedichte, und eben so warm sprach er jetzt die Wonne und das Glück seines Herzens aus, seit er die Geliebte gewonnen. So z. B. klagte er in jenen Tagen der Trauer voll Sehnsucht: