O wär' ich doch ein Edelstein
Von wunderbarem Feuer,
Du faßtest wohl in Gold mich ein,
Trügst gern mich an dem Finger dein,
Ich wär' dir lieb und theuer!
Wär ich am weiten Himmelszelt
Der schönste aller Sterne,
Es würde einzig deine Welt
Von meinem lichten Strahl erhellt,
Dir glänzt' ich nah und ferne.
Wär ich ein Ton, so süß und rein,
Ich wollt' dein Herz erquicken;
Und läg' der Schönheit Himmelsschein
Doch still auf Haupt und Seele mein,
Dich innig zu entzücken!
Doch nichts von allem wurde mir,
Dich, Liebste, zu erwerben!
Drum, armes Herz, was bleibet dir,
Als einsam leben für und für,
Und einsam auch zu sterben!

Dann wieder sucht sein banges Herz Trost und Ruhe im Liede, denn still ergeben singt er:

Wenn ich's länger nicht kann tragen,
Und das Herz mir brechen will,
Schließ' ich meine bangen Klagen
In ein Lied, und es wird still!
Es wird still wie Meereswogen,
Die der wilde Sturm gejagt.
Friede Gottes kommt gezogen,
Tröstet, wo ich fast verzagt.
O daß mir doch nimmer fehle
Solch' ein Lied im Herzen mein,
Ihr Gebete meiner Seele
Tragt den Himmel mir herein!

Dann kommt der Frühling und mit ihm die Erfüllung seiner theuersten Wünsche, und voll Entzücken singt er nun, der Geliebten alles zu Füßen legend:

Neues Leben.
Ich hab' es selber ja nicht gewußt,
Wie reich an Klängen die eigne Brust!
Es singet und tönet, es wehet und rauscht,
Daß still und wonnig die Seele lauscht.
Als einsam ich stand im dunklen Thal,
Da brach mir herein der Sonne Strahl,
Nun schau' ich voll Wonne den Wunderglanz,
Und sammle die Blumen zu duftigem Kranz.
Dir werf' ich sie all' in den Schoos hinein,
O möchte ihr Blühen zuweilen dich freu'n!
Du wecktest den Frühling, nun ist er erwacht,
Nun hat er dir all' seine Blüthen gebracht!

Aehnlich lautet das folgende Gedicht, das ich zum Schluß noch mittheilen möchte, da es von dem Glück seines Herzens die beste Kunde giebt:

Frühling.
Du wundervoller Wonnemond,
Du Mai voll Lust und Leben,
Wie hast du meinem Herzen auch
Den Frühling neu gegeben!
Des kalten Winters bange Nacht
Umhüllte meine Seele,
Und duldend beugt' ich still das Haupt,
Wohl ahnend, was mir fehle.
Weit draußen sah ich glänzend hell
Die schönste Blume sprießen,
Und warme Lüfte, weich und mild,
Sie schienen mich zu grüßen.
Ich streckte weit die Arme aus,
Dies Paradies zu fassen, –
Umsonst, in kalter Winterluft
Blieb ich allein, – verlassen!
O Blüthenmonat, Frühlingszeit,
Nun bist du doch gekommen,
Nun hast du in dein Zauberschloß
Auch mich mit aufgenommen.
Wie blüht und sproßt es um mich her
Mit frischem, reichem Leben!
O Wonnemond, wie hast du mir
Den Mai in's Herz gegeben!

Doch nun genug der kleinen Lieder, welche uns in ihrer sinnigen Einfachheit einen tiefen Blick in die Gemüthswelt unseres Freundes gaben, in dessen Innerem so viel Schönes schlummerte, das nun jetzt an das Licht trat. Daß auch Eugenie ihrem Herzen in vielen kleinen Gedichten Luft machte, bemerkte ich wohl, aber auf alles, was sie selbst schuf, legte sie keinen Werth und liebte es nicht, davon zu sprechen. Wir wußten das längst und ließen sie deshalb in Ruhe, da sie uns von selbst nichts davon mittheilte.

Der glückselige Bräutigam hätte seine Eugenie am liebsten noch in demselben Monat, seinem wirklichen Wonnemond, als Gattin in das alte Schloß seiner Ahnen eingeführt; aber dagegen erhob sich Tante Ulrike's Stimme, welche ihr Pflegekind nicht sogleich von sich lassen und erst einigermaßen in die Geheimnisse eines Hauswesens einweihen wollte. Der Baron meinte zwar, das sei ganz unnütz, seine Frau solle gar keine Mühe von der Wirthschaft haben, das ginge alles seinen Gang weiter, wie es bisher gegangen. Dazu machte aber auch Eugenie ein bedenkliches Gesicht und sagte: »Nun ehrlich gestanden, ganz so dumm wie ein Gänschen möchte ich der Wirthschafterin doch nicht gegenüber stehen, ich blamirte mich am Ende wie jener Backfisch (bitte um Verzeihung, Gänseblümchen!), der weiche Eier kochen sollte und nach einer Stunde trostlos der Mama klagte, die Eier wollten absolut nicht weich werden, sie möchten kochen, so lange sie wollten. Nein, nein, Tante Ulrike hat Recht, wie immer! Erst will ich ein Bischen wirthschaften lernen, und dann mag der Baron seinen Willen haben, wenn er es durchaus nicht erwarten kann, das Hauskreuz auf den Rücken zu nehmen.«

Bei diesem Ausspruche blieb es denn auch für's Erste, neugierig aber war ich, wie viel Eugenie vom Wirthschaften lernen würde, denn bis jetzt hatte sie nie etwas davon wissen mögen. »Bah, laß mich mit dem Zeug in Ruhe!« sagte sie immer, wenn ich sie mit mir in die Küche nehmen wollte, in der ich mir sehr gern zu thun machte.

»Aber diese Dinge gehören ja doch zum Leben der Frauen, willst du dich nie darum bekümmern?« fragte ich dann wohl vorwurfsvoll.

»Kommt Zeit, kommt Rath, laß mich zufrieden und sei nicht so unerträglich weise, heilige Margarethe!« entgegnete sie in gewohnter Weise und fuhr in raschen Läufen über das Clavier, oder warf sich nachlässig in den Lehnstuhl und drehte ihre Locken über die Finger.

Das also sollte nun anders werden. Eugeniens Ehrgefühl kam jetzt mit in's Spiel, und alle Energie ihres Charakters trieb sie zur schleunigen Ausfüllung dieser Lücke in ihren Kenntnissen.

Aber es war eine schwere Aufgabe für Tante Ulrike, welche es übernommen hatte, ihre wirthschaftlichen Talente zu wecken, denn Eugenie nahm bei allem Eifer die Sache doch nicht ernst und hatte ewig Schelmereien im Sinne. Sie bewaffnete sich zu ihrem neuen Unternehmen mit einem Dutzend der schönsten weißen Küchenschürzen, und Baron Senft schenkte ihr eine ganze Bibliothek der vortrefflichsten Kochbücher. Aus diesen lernte sie täglich drei Recepte auswendig, und diese sagte sie dann wie ein kleines Schulmädchen ihrem künftigen Hausherrn auf, indem sie sich mit sittig gefalteten Händen vor ihn hinstellte; es war unsäglich lächerlich, und der Baron schwamm in Entzücken. Aber was von diesen Studien in ihrem Kopfe hängen blieb, war wenig brauchbar und gab ihr nur Stoff zu neuen Tollheiten; denn sie bereitete zuweilen heimlich die fabelhaftesten Gerichte und berief sich dabei stets auf ihre Kochbücher. Sobald sie nur wollte und aufmerksam war, begriff sie schnell und leicht und zeigte Geschick zu allem, aber bald fuhr ihr der Schelm wieder durch den Sinn, und dann war's mit der Achtsamkeit vorüber.

»Sei so gut, Eugenie, und putze diese Rübe,« sagte z. B. Tante Ulrike, und eifrig ging Eugenie an's Werk. Bald war sie fertig und überreichte ihre Arbeit. Aber die Rübe hatte sich unter ihren Händen in eine kleine Puppe verwandelt; unter dem grünen Blätterbüschel war ein Gesicht ausgeschnitten, das der Büschel wie eine Mütze deckte, ein Krautblatt bildete das Röckchen, und zwei auf Hölzchen gespießte lange Kartoffeln saßen als Aermchen zu beiden Seiten.

»Was soll das, Eugenie?« lachte Tante Ulrike.

»Nun, ich sollte die Rübe ja putzen, da hast du sie, ist sie noch nicht schön genug?« sagte Eugenie ernsthaft. »Es ist ihr Sonntagsputz, versichere ich dir.«

Dann wieder sollte Obst geschmort werden.

»Aber wasche es erst, liebes Kind!« sagte die Tante.

Eilig sprang Eugenie fort und kam mit Seife und wollenem Lappen zurück.

»Was willst du machen, Eugenie?« fragte die Tante mit großen Augen.

»Die Beeren abwaschen, liebe Tante,« rief diese schelmisch und lachte dann wie ein Kobold.

Ein ander Mal stand Eugenie sinnend am Feuer und blickte auf das lustige Spiel der Flamme unter dem Kessel.

»Gieb doch Acht auf das Wasser und sage mir, wenn es kocht, Eugenie!« rief Tante Ulrike, indem sie die Küche verließ.

Gleich darauf kam unser hoffnungsvoller Zögling der Kochkunst zu mir in das anstoßende Zimmer, wo ich mit Plätten feiner Wäsche beschäftigt war, und indem sie mir eine Schöpfkelle voll dampfenden Wassers unter die Nase hielt, sagte sie ganz ernsthaft:

»Du, Gänseblümchen, sag' mal, kocht das Wasser?«

Und so kamen täglich Schelmereien vor, man war ihrer nie sicher. Manchmal bat sie, Tante sollte sie allein kochen lassen, und dann ließ sie ihrer Laune die Zügel schießen, brachte schließlich aber doch immer etwas Ordentliches auf den Tisch.

»Heute giebt's nur Wassersuppe, ihr müßt genügsam sein,« sagte sie z. B., und in der Suppenschüssel befand sich dann nichts als helles, klares Wasser, das wir verblüfft ansahen. Dann lachte sie, sprang hinaus und brachte irgend eine gute Suppe zum Ersatz, denn sie hatte nur unsre langen Gesichter sehen wollen.

Auch kam fast kein Gericht durch ihre Hände auf den Tisch, mit dem sie sich nicht irgend einen Scherz gemacht hätte. Bald trug die gebratene Gans einen Blumenstrauß auf dem Busen, bald schmückte jedes Kotelett oder Hühnchen eine Guirlande von Petersilie oder eine gekniffte Papierkrause; die Fische trugen stets irgend etwas im Maule, bald ein Klagelied über frühen Tod, bald ein Geldstück oder dergleichen, das sie im Wasser verschluckt, wie die Erläuterung sagte, ja eines Tages hatte sie eine gebratene Gans sogar mit einem Kranze von rothen Radieschen umschlungen, und die so Geschmückte bat in zierlichen Versen, sie doch mit auf den nächsten Ball zu nehmen, sie sehne sich nach Gesellschaft und dort tanzten gewöhnlich gar viele ihrer jungen Schwestern.

Auch der Baron bekam zu seinem höchsten Entzücken in dieser Weise sein Theilchen Neckerei. Natürlich fand er Eugenien reizend in der netten weißen Küchenschürze, und wenn ihre niedlichen kleinen Finger von Mehl umhüllt sich in ihrer ganzen Zierlichkeit muthwillig auf seinem schwarzen Rockärmel abdrückten, so freute er sich wie ein Kind und drückte die Händchen an seine Lippen, es mochte Mehl oder Teig oder sonst etwas daran kleben. Mit Wonne aß er alles, was Eugeniens Kunst bereitet, es mochte schmecken, wie es wollte, ihm ging nichts darüber, und eine Kartoffel oder einen Apfel, den sie ihm geschält, hätte er am liebsten als wundervolle Reliquie aufgehoben, statt ihn in den Mund zu stecken.

»Heute habe ich dir eine Sandtorte gebacken, Arthur, weil du sie so gern ißt!« rief Eugenie eines Tages ihrem Geliebten entgegen.

Dieser war natürlich ganz zerknirscht vor Freude und Dank, und Eugenie sprang fort, das Wunderwerk zu holen. Bald kam sie denn auch mit einer großen Torte zurück, die sauber mit Zucker bestreut und von Blumen umgeben war.

»Du mußt sie selbst anschneiden, da!« sagte sie und überreichte dem Baron ein großes Messer nebst Teller. Dieser schob die Blumen etwas zur Seite und schnitt ein tüchtig Stück aus der Torte heraus, das er dann auf den Teller legte. Es war eine wunderliche Torte, das Stück brach und krümelte merkwürdig, und die Farbe war höchst verdächtig. Aber Eugenie hatte sie gebacken, also mußte sie gut sein. In dieser Ueberzeugung führte der Baron den Bissen zum Munde, und Eugenie konnte eben nur »Halt, halt!« rufen, sonst wäre der Scherz zu weit gegangen; denn nun erst sah der Baron, daß es zwar eine Sandtorte war, die der Schalk ihm vorgesetzt, aber keine gebackene, sondern eine aus wirklichem Sande. Die gebackene und wohl gerathene trat nun schnell an die Stelle der falschen, und der Baron war voller Bewunderung seiner neckisch holden Braut, die immer neu, immer schelmisch und munter, aber immer voll der innigsten Liebe und Aufmerksamkeit für ihn war.

Wie viel Eugenie von der Wirthschaft lernte, dahinter bin ich eigentlich nie gekommen, denn zuweilen war ihr das Einfachste neu und fremd, wenigstens stellte sie sich so, und dann wieder überraschte sie durch allerlei Kenntnisse, die eine praktische Hausfrau kennzeichnen. Tante Ulrike lächelte, als ich ihr diese meine Verwunderung aussprach, und sagte: »Laß sie nur, Gretchen; mir ist nicht bange, Eugenie wird schon ihren Posten ausfüllen, denn sie kann es, wenn's Ernst wird. Das alles hier ist ihr nur Scherz, bei uns wird sie nicht anders. Ein Mädchen, das so viel richtigen Verstand und praktische Anlagen hat als Eugenie, wird eine thätige Hausfrau, sobald sie in ihrem Eigenthum schaltet und waltet. Sie wird zuerst manches Lehrgeld bezahlen, aber das thut nichts, sie wird sich schon hindurcharbeiten, das Zeug dazu hat sie. Gott gebe nur, daß das Leben sie nicht gar zu rauh erfaßt, damit ihr Frohsinn dauernd sei. Kleine Prüfungen werden auch bei ihr nicht ausbleiben, aber ich kenne unseren Liebling jetzt hinreichend und weiß, daß ein guter Kern hinter dieser schillernden Schale steckt, und der wird sich erhalten und bewähren an der Seite ihres braven Gatten. Gott führt uns Menschen weise und wunderbar, das zeigt mir Eugeniens Geschick wieder recht deutlich. In den Verhältnissen des elterlichen Hauses wären die edlen Keime erstickt, welche in dem guten Kinde ruhen; Gott legte mir dasselbe an das Herz, gab ihr in dir, mein Gretchen, eine liebe Schwester, und alles Gute, das in ihr schlummerte, trat deutlich hervor. Er führte ihr den Mann, der für ihren wunderlichen Sinn am besten paßte, in einer Weise zu, daß sie gleich seinen hohen Werth erkannte, und jetzt kann ich ruhig Eugeniens Zukunft entgegen sehen, denn alles wird gut werden.«

Die Briefe, welche Eugenie jetzt von ihrem Vater erhielt, sprachen die innigste Freude aus über das Glück seines Kindes. Zur Hochzeit versprach er zu kommen, obwohl ihn die Geschäfte dann wieder nach Bayern zurück riefen. Eugenie sollte später mit ihrem Gatten eine Reise nach den schönen Gegenden Süddeutschlands machen, in denen der Vater sich aufhielt. Das waren schöne Pläne, und auch für mich leuchtete von fern eine herrliche Aussicht, denn Tante Ulrike hatte ihrem Bruder versprochen, ihn zu begleiten, wenn er nach Bayern zurück kehrte, und ich Glückspilz sollte mit ihnen reisen.

»Du bist bei mir auf der Hochschule, wie Eugenie es nennt,« sagte die Tante, »da ist es denn auch nöthig, daß du lernst, dich auf Reisen zu benehmen. Alles will gelernt sein, also auch das Reisen, und da sich die Gelegenheit dazu gerade bietet, so wollen wir sie benutzen.«

Nun aber waren wir noch nicht so weit. Da die Hochzeit auf neues Drängen des Barons schon im Juli stattfinden sollte, hatten wir alle Hände voll zu thun, dem jungen Paare Haus und Wirthschaft einzurichten. Eugenie hatte zwar den besten Willen, an ihrer Ausstattung tüchtig zu helfen, aber daß es beim Wollen blieb, wußten wir vorher. Zum Glück kann man in einer großen Stadt alles, was man bedarf, gleich fertig geliefert erhalten, und von dieser Bequemlichkeit machten wir guten Gebrauch. Es war ein Vergnügen, all die schönen Dinge auszusuchen, welche Eugeniens reiche Ausstattung bildeten, und hatten wir unsere Angelegenheiten geordnet, so kam der Baron mit bittender Miene, doch auch ihm in seinen neuen Einrichtungen mit Rath und Urtheil beizustehen; denn sein altes Schloß mußte sich allerlei Neuerungen gefallen lassen, damit der schönsten jungen Frau nichts zu wünschen bliebe, wie er sagte.

»Das wäre eigentlich Arbeit für Mama!« meinte Eugenie lächelnd. »Sie schwärmt für neue Einrichtungen und hat sehr guten Geschmack.«

Tante Ulrike sah Eugenie forschend an und fragte, ob es ihr Ernst sei, und sie ihre Mutter auffordern wolle, uns zu besuchen. Eugenie erröthete und sagte niedergeschlagen: »Nein, Tante, besser sie kommt nicht! Du weißt es ja selbst, es ist besser für uns Alle.«

Tante Ulrike seufzte und küßte Eugenien, der die Thränen im Auge standen. Sie that mir innig leid, denn ich wußte wohl, der Brief, den sie von ihrer Mutter als Antwort auf die Anzeige ihrer Verlobung erhalten, war gar zu wenig mütterlich und hatte Eugenien heiße Thränen gekostet. Sie hatte zwar auch ihre Freude über die Verlobung ausgesprochen, aber es war doch nur Freude über die »gute, glänzende Partie,« wie sie es nannte; das innere Glück ihres Kindes, den hohen sittlichen Werth ihres Schwiegersohnes erwähnte sie mit keiner Silbe. Es leuchtete sogar etwas wie Neid und Mißgunst über die glänzende äußere Lage der künftigen Frau Baronin aus ihren Worten hervor, ja am Schluß des Briefes standen einige bittere Zeilen über ihre eigene unglückliche Ehe und über ihren armen, von ihr so vernachlässigten Gatten, von dessen Unglück sie einzig die Schuld trug, ohne es sich eingestehen zu wollen.

»Da Deine Hochzeit Anfang des Sommers ist, so bedaure ich, dazu nicht kommen zu können,« schrieb sie am Schlusse des Briefes. »Du weißt, ich leide seit einiger Zeit an der Leber, und die Aerzte rathen mir, Carlsbad dafür zu gebrauchen, eine Unterbrechung der Kur würde mir sicher schaden. Aber im Herbst, wo es hier so langweilig ist, ehe die Wintersaison beginnt, hoffe ich Dich auf Deinem Schlosse besuchen zu können.«

Daß dieser Brief Eugenien bitter weh that, begriff ich nur zu wohl, uns Allen aber konnte es nur lieb sein, in unserem glücklichen Beisammenleben durch solch herzlos weltliche Dame nicht gestört zu werden. Daß Eugeniens Vater zur Hochzeit kam, freute uns Alle von Herzen, denn an diesem hing Eugenie mehr und mehr, und mit der größten Ungeduld erwartete sie seine Ankunft.

17.
Der Mensch denkt – Gott lenkt.

Aber es kam anders, als wir Alle gedacht und gerechnet.

Der Baron war ein trefflicher Reiter, und es machte ihm Vergnügen, besonders unbändige Pferde seinem Willen dienstbar zu machen. Die muthige Eugenie freute sich ebenfalls an solchen Siegen ihres Geliebten, dessen Aussehen dabei ungemein stolz und männlich wurde, und ihr Lob feuerte den Eifer des kühnen Reiters oft bis zur Tollkühnheit an. Mir zitterte das Herz, und ich begriff Eugenien nicht, deren Augen bei der Gefahr ihres Geliebten doppelt leuchteten, während mir das Herz erbebte.

Eines Tages jedoch kam eine erschreckende Nachricht. Der Baron war von einem jener wilden Pferde gestürzt und eine Strecke weit von demselben geschleift worden. Eine Kopfwunde und ein gefährlicher Beinbruch war die Folge des Unfalls.

Mir traten bei dieser Trauerkunde die heißen Thränen in die Augen, Eugenie aber sprach kein Wort, hatte keine Thräne; doch die Todtenblässe ihres Gesichtes zeigte den tiefen Aufruhr ihrer Seele.

»Schnell einen Wagen!« befahl Tante Ulrike, und bald flogen wir nach Schloß Senftenburg; Eugenie war noch immer stumm und bleich und thränenlos. Auch wir sprachen nichts, doch meine Thränen flossen unaufhaltsam, und auch die Tante trocknete ab und zu die Augen.

Als wir im Schlosse ankamen, hatten die Aerzte soeben die Verbände angelegt und brachten uns tröstliche Nachricht. Der Fußbruch war allerdings schlimm und bedenklich, die Kopfwunde jedoch nicht beunruhigend; Schonung und sorgliche Pflege würden sie bald heilen. Augenblicklich habe die Anstrengung des Verbandes alle Kräfte des Kranken erschöpft, er liege in einem fast bewußtlosen Zustande; doch sobald dieser sich in Schlaf verwandeln werde, sei nichts mehr zu fürchten. Zu ihm durfte augenblicklich niemand, auch Eugenie nicht, die mit weit geöffneten Augen den Bericht anhörte. Aber obwohl sie ihn nicht sehen konnte, so wollte Eugenie doch im Schlosse bleiben; sobald der Baron eingeschlafen, durfte sie zu ihm, so lange wollte sie warten, und wir natürlich mit ihr. Endlich nach langem Harren winkte der Arzt ihr zu und führte sie an das Lager des Schlummernden.

Bis dahin hatte sich das tapfere Mädchen aufrecht erhalten und dem Schmerz kein Uebergewicht gestattet; aber als jetzt der kräftig starke Mann so bleich und hülflos vor ihr lag, fast wie ein Todter, da zitterte ihre schlanke Gestalt leise, und auf die Tante gestützt eilte sie schnell wieder zum Zimmer hinaus. Hier brach sie schluchzend zusammen, und der Krampf ihres Herzens, der ihre Thränen bis jetzt zurück gehalten, löste sich endlich.

Sie weinte lange, und das war eine große Wohlthat für ihr armes Herz. Als sie endlich ruhiger geworden, sagte sie ernst und weich: »Tante, nun weiß ich erst, was er mir ist. Ich gehe nicht wieder von ihm fort, wer weiß, wie lange ich ihn noch habe. Mir gehört er, ich habe die heiligsten Rechte an ihm, ich muß ihn pflegen.«

Die Tante nickte still mit dem Kopfe, sie mußte das wohl erwartet haben, denn ihr Entschluß war schon gefaßt.

»Ich bleibe bei dir, mein Kind, anders geht es nicht!« sagte sie sanft. »Gretchen versieht mein Haus während meiner Abwesenheit und leistet uns dazwischen Gesellschaft, die übrige Zeit mag sie ihrer Marie widmen.«

Nun gab mir die Tante Anweisungen, was ich zu thun habe, welche Sachen ich ihnen durch Lisetten schicken, und welche Anordnungen ich treffen sollte. Mit schwerem Herzen kehrte ich allein nach Haus zurück und besorgte treulich, was die Tante mir aufgetragen. Dann eilte ich zu meiner Freundin Marie, welche schon von dem Unglück gehört und mich in großer Aufregung erwartete. Marie's Mutter ließ mich nicht wieder fort, als sie die Lage der Dinge gehört, und so war ich während dieser Leidenstage der Gast meiner liebsten Freunde. Daß dies für mich unaussprechlich trostreich war, könnt ihr euch wohl denken, meine lieben Leserinnen, denn gegen wen hätte ich mein banges, übervolles Herz freier aussprechen können, als gegen meine theure Marie und deren treffliche Mutter! Ich schlief mit Marie zusammen in deren Zimmer, das war unbeschreiblich gemüthlich, und unsere Gespräche beim Schlafengehen zogen sich oft sehr in die Länge. Immer wieder wünschten wir uns gute Nacht und beschlossen nun endlich zu schlafen, aber immer wieder fiel uns dann noch etwas gar zu Wichtiges ein, das die Andere erfahren mußte, und die Frage: »Marie, schläfst du schon? Gretchen, bist du noch wach?« war der stete Wiederbeginn neuer Erzählungen und Herzensergüsse.

Fast täglich fuhr ich nach Schloß Senftenburg, wohin des Barons Wagen mich führte, und Marie oder deren Mutter begleiteten mich häufig. Der Zustand des Kranken war in den ersten Tagen ein sehr beunruhigender gewesen, denn er fieberte heftig und schien viel Schmerzen zu leiden. Eugeniens Gegenwart hatte ihn zuerst etwas aufgeregt, aber nach einem leisen, kurzen Gespräch, das sie mit ihm führte, schien eine wunderbare Ruhe über ihn zu kommen, und das geliebte Mädchen durfte bei ihm bleiben, wie sie es gewünscht, und welche treue, sorgfältige Wärterin ward nun die verwöhnte Salondame! Die Tante konnte mir nicht genug erzählen, welche Veränderung mit Eugenien vorgegangen war. Aller Leichtsinn, alles oberflächliche, unbesonnene Wesen war stillem Ernst und gewissenhafter Pflichterfüllung gewichen. Nur auf kurze Stunden konnte man sie in den ersten bangen Tagen von dem Lager des Kranken entfernen, damit sie selbst der Ruhe pflege. Sie wachte fast eifersüchtig darüber, daß alles, was der Kranke genoß, nur durch ihre Hände ging, und mit der sorgfältigsten Pünktlichkeit beobachtete sie die Stunden, an denen die verschiedenen Arzneien gegeben und Umschläge gemacht wurden, oder sonstigen Anordnungen der Aerzte nachzukommen war.

Die Kopfwunde heilte schnell, und der Kranke konnte sich bald der Gesellschaft seiner Eugenie besser erfreuen, da der Arzt nun Beiden das Sprechen erlaubte, das in der ersten Zeit fast ganz verboten war. Bald konnte sie ihm auch vorlesen, ihm mit Musik die Zeit kürzen, und die Tante, welche die Sorge für das Hauswesen übernommen hatte, leistete Beiden treulich Gesellschaft. Kam auch ich hinzu, oder gar eins unserer Freunde, so versammelte sich ein heiterer Kreis um den theuren Kranken, dessen Augen mit rührender Dankbarkeit von Einem zum Andern schweiften, zuletzt aber immer mit wahrhafter Verehrung an seiner schönen Braut hafteten. Eugenie wurde dann zuweilen wieder das lustig neckische Kind mit den schelmischen Augen, aber im Ganzen war durch diese Leidenszeit ein stiller, weicher Ernst über sie gekommen, der mir oft die Thränen in das Auge trieb. Sie klagte nie, selbst nicht in den ersten Tagen der Angst, oft aber sah ich, wie ihr Blick inbrünstig gen Himmel gerichtet war, von dort hoffte und erwartete sie alles. Der Beinbruch heilte sehr langsam und schien den Aerzten große Sorge zu machen, da es ein Splitterbruch war, dessen völlige Heilung selten gelang.

»Arme Eugenie, einen Krüppel kannst du doch nicht heirathen!« sagte der Baron eines Tages mit Thränen im Auge. Eugenie überflog leises Zittern.

»Meinst du, dein Fuß müsse doch noch abgenommen werden?« fragte sie angstvoll.

»Das fürchte ich gerade nicht, da es bis jetzt nicht geschehen ist,« erwiderte der Baron. »Aber steif bleibt das Gelenk sicher, darüber will ich mich selbst nicht täuschen.«

»Hoffen wir doch lieber das Beste, Arthur!« entgegnete Eugenie sanft lächelnd. »Du hast so gute Aerzte, die Heilung gelingt gewiß.«

Der Baron schwieg, doch bemerkte Tante Ulrike, daß er seit diesem Gespräche oft unruhig war, und seine Augen mit sorgenvoller Angst auf Eugenien hafteten. Doch sprach er seine Besorgniß nicht wieder gegen sie aus und schien selbst zuversichtlicher seiner Heilung entgegen zu sehen.

Woche um Woche verging, der Verband des Fußes war erneuert worden, wieder vergingen einige Wochen, und jetzt sollte der Hauptverband abgenommen werden. Der Baron konnte seine Aufregung kaum bemeistern, er hatte ein langes Gespräch mit Tante Ulrike, und auch diese schien erregt; nur Eugenie erwartete ruhig die wichtige Stunde und war heiter und zuversichtlich. Den Tag zuvor kam sie mit der Tante nach der Stadt, wie sie in letzter Zeit öfters gethan; aber kaum waren einige Stunden vergangen, als die Tante einen Brief vom Baron erhielt mit einer Einlage an Eugenien. Der Verband war heute schon abgenommen worden.

Eugenie erbrach schnell die Zeilen und wurde bleich, dann setzte sie sich still an das Fenster und blickte gedankenvoll gen Himmel. Tante Ulrike stürzten die Thränen aus den Augen, als sie ihren Brief gelesen. Sie ging schnell zu Eugenien und schloß sie in ihre Arme.

»Gott legt dir Schweres auf, mein Kind!« sagte sie sanft. »Wo dein Glück so nahe vor dir lag, sendet er dir solch harte Prüfung. Der Baron hat dir doch mitgetheilt, wie es mit ihm steht?«

»Tante, ich wußte, daß es so kommen würde!« entgegnete Eugenie fest aber weich. »Ich habe gehört, daß die Aerzte nach dem Abnehmen des ersten Verbandes unter sich die traurige Gewißheit aussprachen, das Knie werde steif bleiben; ich habe also nichts anderes erwartet.«

»Du wußtest das, Kind, und warst doch die Ruhigste und Heiterste während dieser ganzen Zeit?« rief die Tante staunend. »Weißt du denn auch, was das sagen will, ein steifer Fuß?«

»O ja, Tante, ich weiß, daß viel Beschwerde und ein schleppender Gang und Krückstock damit zusammenhängt,« sagte Eugenie mit zitternder Stimme, und indem einige schwere Thränen über ihre Wangen liefen. »Aber ich weiß auch, daß ein solcher Mann doppelt seines Weibes bedarf.«

»Aber er entbindet dich deines Gelübdes, Eugenie,« sagte die Tante leise. »Du hast einem gesunden, kräftigen Manne dein Wort gegeben; dich als das Weib eines Krüppels zu sehen würde ihm ewig schmerzlich sein. Ueberlege es wohl, mein Kind, du bist jung und frisch und voll Ansprüche an das Leben, wird dir der gelähmte Gatte nicht bald unsäglich hinderlich sein? Wirst du nicht mit der Zeit die Fesseln gar zu drückend empfinden, welche dir durch seine Unbehülflichkeit angelegt werden? Du übernimmst doppelte Pflichten, und hast du sie einmal übernommen, so mußt du sie auch treu und willig erfüllen!«

»Ich danke dir für deine lieben Worte, Tante Ulrike,« sagte Eugenie mit ungewohnter Milde. »Es war deine Pflicht, mir das zu sagen, und meines Bräutigams Zartgefühl gebot ihm ebenfalls, mich bei der jetzigen traurigen Lage der Dinge meines Gelübdes zu entbinden. Aber da ihr nun gethan habt, was euer Gewissen euch lehrte, so laßt jetzt auch das meine ein Wörtchen mitsprechen. Sage ehrlich, Tante Ulrike, hältst du mich wirklich für so – nun welches Wort soll ich nur gebrauchen, um das genügend auszudrücken, was ich mir zu Schulden kommen ließe, verweigerte ich jetzt, die Gattin des edlen Mannes zu werden, der durch sein Mißgeschick ohnehin unglücklich genug geworden ist? Ich bin ein unsäglich oberflächliches, leichtsinniges Mädchen gewesen, dem nichts ernst und heilig schien, und das in ihrer Verzogenheit sicher grenzenlos anspruchsvoll und unliebenswürdig gewesen ist. Aber, meine liebe Tante, jetzt steht die alte Eugenie nicht mehr vor dir. Dir und Gretchen danke ich mehr, als ich je im Leben wieder vergelten kann! Ihr habt Beide viel von mir ertragen; aber wenn ich es euch auch nie zeigen mochte, tief im Herzen drin habe ich vom ersten Augenblicke an wohl empfunden, in welch' treue Hände mich der liebe Gott geführt hatte. Und was nun noch Verwerfliches und Thörichtes in meinem Herzen kämpfte, das haben die letzten Leidenstage vollends vertilgt. Arthur wird mit Gottes Hülfe ein braves Weib in seiner Eugenie erhalten. Glaubst du das, Tante?«

Ich konnte Tante Ulrike's Antwort nicht hören, denn den Kopf in mein Taschentuch gedrückt schluchzte ich bitterlich. Aber jetzt umschlossen mich Eugeniens Arme, und mit ihrem alten neckischen Tone zog sie mir das Tuch von den Augen.

»Nun ist doch meine kleine Gouvernante mit ihrem Zöglinge zufrieden, nicht wahr Gänseblümchen?« fragte sie schmeichelnd und blickte mit inniger Liebe in mein Gesicht. »Solche abscheulich lange Reden zu halten habe ich von meinem ehrpußlichen Backfischchen gelernt, habe ich es gut gemacht, Kleine?«

Daß ich statt aller Antwort an ihrem Halse hing und ihr liebe, süße Worte sagte, die ich jetzt freilich nicht recht mehr weiß, versteht sich wohl von selbst. Es war eine innige, unvergeßliche Stunde, welche unsere Herzen für das Leben an einander fesselte.

Ein ankommender Brief an Tante Ulrike lenkte unsere Gedanken bald auf etwas anderes. Die Tante und mein Papa hatten eine einzige bedeutend ältere Schwester, welche heftig erkrankt war und ihre Geschwister noch einmal zu sehen wünschte. Mein Papa schrieb der Tante, er werde in den nächsten Tagen der Bitte Folge leisten und hoffe, auch Tante Ulrike könne es möglich machen, nach F. zu der kranken Schwester zu kommen. Ein Werk der Barmherzigkeit werde es sein, könne Tante Ulrike bis zu dem Tode der alten einsamen Schwester bei derselben bleiben; die zunehmende Schwäche der Kranken scheine leider ihr nahes Ende zu bestätigen.

Die Tante war in großer Erregung; denn obwohl sie mit dieser etwas wunderlichen Schwester nie viel Verkehr gehabt hatte, so hing sie doch mit herzlicher Liebe an ihr und wünschte dringend zu ihr zu reisen. Andererseits aber hielten sie die Pflichten gegen ihre beiden Pflegetöchter zurück, denn wenn auch ich gern noch länger bei Marie's Eltern bleiben konnte, was sollte aus Eugenie werden, die doch weder allein in Senftenburg bleiben, noch gerade jetzt zu ihrer Mutter gehen konnte, ehe der Baron gesund war.

Eugenie stand gedankenvoll am Fenster und trommelte auf den Scheiben.

»Tante,« sagte sie plötzlich, »ist nicht der dir so befreundete Prediger Sommer der Geistliche unseres Kirchspiels?«

»Ja wohl, Kind, was willst du mit ihm?«

»Wo wohnt er, weißt du das?«

»Nun nicht weit von uns, in der Kronenstraße 12.«

»Danke!« Und sogleich verschwand Eugenie.

Wir blickten ihr verwundert nach und warteten begierig ihrer Rückkehr. Nach einiger Zeit trat sie etwas bleich wieder in das Zimmer, legte Hut und Shawl schnell ab und eilte in das Kabinet der Tante, wohin sich dieselbe zurück gezogen. Ich hörte sie lebhaft mit einander sprechen, ohne etwas Zusammenhängendes verstehen zu können, endlich aber kam Eugenie mit glänzenden Augen zu mir und fragte erröthend: »Gretchen, willst du morgen meine Brautjungfer sein, du und Marie?«

Ich fuhr erschrocken auf. »Morgen, Eugenie? Was meinst du denn?«

»Nun ja, morgen ist unsere Hochzeit, es fehlen mir nur die Zeugen dabei, alles andere ist möglich gemacht worden,« sagte Eugenie lächelnd. »Der Prediger Sommer ist ein braver Mann, er wird heute noch alles besorgen, was nöthig ist; meinen Taufschein habe ich zum Glück zufällig hier unter meinen Papieren, das war die Hauptschwierigkeit. Morgen ist Sonntag, da wird er uns früh ein für alle Mal verkündigen, und nach der Kirche traut er uns in Schloß Senftenburg. Bei Arthur bleiben muß ich, das geht nicht anders, und damit die Tante reisen kann, will ich schnell Arthurs Frau werden, dann darf Niemand etwas dagegen haben, daß ich allein bei ihm bleibe. Tante hat soeben ihre Einwilligung gegeben, mir fehlen nur noch meine Brautjungfern und für Arthur die Zeugen. Ich denke, Eduard und Dr. Hausmann werden uns gern diesen Dienst erzeigen, ich werde sehr liebenswürdige Briefchen an sie schreiben.«

»Aber der Baron, ist er denn damit einverstanden?« warf ich voll äußerster Ueberraschung ein.

»Er will mich ja gar nicht mehr zur Frau haben, ich muß mich ihm schon mit Gewalt aufdrängen und ihm die Sache über dem Kopfe fort nehmen!« lachte Eugenie schelmisch und flog hinaus.

Das war doch nun wieder ganz und gar im Style von Eugenien! Gut und brav und engelsgut, mehr als je zuvor, aber entschlossen, keck, amazonenhaft, wie sie all ihr Lebtag gewesen! Ich schüttelte bedenklich mein »ehrpußliches« Haupt, mit Eugenien zu sprechen, und eilte zu Tante Ulrike, mit dieser die Sache zu berathen. Zu meiner großen Verwunderung fand ich die Tante mit Eugeniens Entschluß ganz einverstanden und wurde sogleich mit allen möglichen Aufträgen beehrt, welche ich eilig und schleunig besorgen sollte. Sie selbst schrieb einige Briefe und kehrte dann nach Schloß Senftenburg zurück, dort Vorkehrungen für die morgende Feier zu treffen, begleitet von Pastor Sommer, welcher mit dem Prediger in Senftenburg gleich selbst alles in Ordnung bringen wollte, damit das junge Paar auch hier im Wohnorte des Barons in der Kirche aufgeboten wurde. Der Baron sollte absolut nichts vorher von alle dem wissen, da er sonst sicher aus Rücksicht für Eugenie seine Einwilligung nicht geben würde.

»Aber kehrt Eugenie heute denn nicht mit dir nach Senftenburg zurück? Und was soll der Baron davon denken?« fragte ich unruhig Tante Ulrike.

»Nein, sie will ihn erst im Brautkranze wieder sehen, ich soll ihm sagen, was ich will,« entgegnete die Tante lächelnd. »Mache nur jetzt und eile dich, sonst bist du am Ende eine Brautjungfer ohne Kranz für die Braut.«

Ich stürzte davon, so schnell ich konnte, aber ehe ich noch irgend etwas anderes besorgte, eilte ich zu meiner Marie, sie mußte erst alles erfahren, selbst auf die Gefahr hin, daß ich für Eugenien keinen frischen Myrthenkranz mehr bekäme.

18.
Ein froher Tag.

»Wird Eugenie heute auch nicht nach Senftenburg kommen, Tante Ulrike?« fragte der Baron traurig, als die Morgenstunden des Sonntags vergangen waren, und immer noch kein Wagen vorfahren wollte.

»O doch, lieber Baron!« entgegnete die Tante. »Sie wollte nur so gern mit Gretchen erst in die Kirche gehen, dann kommt sie. Aber wie wäre es, lieber Baron,« fuhr die Tante heiter fort, »wenn Sie heute einmal wieder ordentliche große Toilette machten! Sie dürfen Ihren armen Fuß zwar noch nicht in Bewegung setzen, aber außerdem sind Sie kaum noch ein Patient zu nennen. Zeigen Sie das Ihrer Braut, überraschen Sie das liebe Kind, die Sie nun lange genug in diesem vortrefflichem Krankenkostüme bewundert hat. Ja? soll ich Ihnen den Johann schicken?«

Der Baron warf ängstliche Blicke bald auf die Tante, bald auf seinen noch immer etwas verbundenen Fuß, dann sagte er: »Wenn Sie glauben, Eugenie freut sich darüber, so will ich es sogleich thun. Aber, liebe Tante,« fuhr er zögernd fort, »sagen Sie mir zuvor nochmals ganz offen, glauben Sie wirklich, daß Eugenie jetzt doch noch meine Frau werden will?«

Der Tante Gesicht wurde ernst. »Lieber Baron,« sagte sie fast streng, »ich wiederhole es Ihnen noch einmal, Ihr Zweifel an Eugeniens edlem Sinn wird das gute Kind beleidigen; darum bitte ich dringend, sagen Sie solche Worte nicht mehr. Glauben Sie denn so wenig an Eugeniens Liebe zu Ihnen? Halten Sie dieselbe wirklich für fähig, anderen Sinnes zu werden, es sei, aus welchem Grunde es wolle?«

»Aber beste Tante, bedenken Sie doch, die wunderschöne Eugenie das Weib eines Krüppels!« seufzte der Baron.

»Ach was, Krüppel!« rief die Tante heftig. »Was ist's denn weiter! Ein etwas steifer Fuß macht noch lange keinen Krüppel! Sie wissen noch gar nicht einmal, ob er wirklich so steif ist, als Sie fürchten, und dann wollen wir erst die Wirkung von Teplitz abwarten; wer weiß, ob da nicht alles noch ganz gut wird, und Sie über's Jahr nicht mit Eugenien um die Wette reiten; nur etwas weniger tolle Pferde, wenn ich bitten darf.«

Der Baron küßte Tante Ulrike's weiche Hand voll kindlicher Zärtlichkeit, diese aber nickte ihm freundlich zu und ermahnte ihn, ja recht sorgfältige Toilette zu machen, er wisse ja, die schöne Eugenie halte etwas darauf.

Eben war er fertig und blickte noch einmal prüfend in den vorgehaltenen Spiegel, da fuhr ein Wagen vor. Ein zweiter und dritter folgte, und verwundert über den zahlreichen Besuch schickte der Baron seinen Diener fort, ihm Kunde zu bringen, wer gekommen sei.

»Fräulein von Jagow und einige Freunde und Freundinnen aus der Stadt,« meldete der Diener. »Sie werden gleich um die Ehre bitten, dem Herrn Baron ihre Aufwartung machen zu dürfen; die Damen ordnen nur noch ihre Toilette, da der arge Wind sie sehr staubig gemacht hat.«

Es dauerte sehr lange, ehe besagter Staub von den Toiletten entfernt war, und fast wurde der Baron ungeduldig. Endlich aber öffneten sich die Flügelthüren, und an der Hand der Tante Ulrike trat Eugenie in das Zimmer, im lieblichsten Brautschmuck. Ihnen folgten Marie und ich, ebenfalls festlich geschmückt, dann Maries Eltern, und endlich Eduard und Dr. Hausmann, frische Blumensträuße im Knopfloch.

Tante Ulrike führte die hoch erglühende Braut ihrem Geliebten zu und sagte, Eugenie bringe ihm selbst die Antwort auf seine gestrige Frage, indem sie ihren Verlobten bitte, sie heute schon als Gattin heimführen zu wollen, falls es ihm selbst nicht etwa leid geworden sei.

Der Baron glaubte zu träumen. Er vergaß seinen kranken Fuß und wollte vom Lehnstuhle aufspringen, aber Tante Ulrike drückte ihn sanft wieder auf denselben nieder.

»Eugenie, ist das dein Ernst?« stammelte er nun und streckte die Arme nach der Geliebten aus. Eugenie verhüllte das Gesicht mit ihren Händen, und an seiner Seite niedersinkend lehnte sie den Kopf an seine Schulter. Er legte beide Arme um die geliebte Braut und hielt sie still und selig umschlungen. Feierliche Stille lag über uns Allen, Marie und ich drückten uns die Hände und weinten leise, und Tante Ulrike hatte das Tuch vor den Augen.

Da öffneten sich wieder die Flügelthüren des Nebenzimmers, und zwischen hohen Gewächsen und frischen Blumen war ein kleiner Altar errichtet, an welchem Prediger Sommer das Brautpaar erwartete. Einige Diener rollten des Barons Lehnstuhl zu ihm hin, Eugenie kniete an der Seite des Geliebten nieder, und die Feier begann. Im Hintergrunde des Zimmers, von den Blumen verdeckt, standen einige Sänger und Sängerinnen aus unserem Bekanntenkreise, und ihnen hatten sich einige Burschen aus dem Dorfe angeschlossen, dessen Schullehrer sie im Gesang trefflich geschult hatte. Sie begrüßten das Brautpaar mit sanften Tönen, dann sprach der Geistliche ernste und milde Worte und vollzog die Trauung. Bei der Beglückwünschung der Neuvermählten ließ Tante Ulrike eine Menge Einwohner des Dorfes in das Zimmer treten, welche dringend baten, dem lieben Herrn ihre Glückwünsche bringen zu dürfen, und vom Hofe herauf erschallte endloser Jubel, denn dort war das ganze Dorf versammelt, Alt und Jung, welche Alle auf die wunderbare Nachricht herbeiströmten.

Ein frohes Festmahl, das Tante Ulrike gestern schnell angeordnet, folgte der Feier, und auch das ganze Dorf erhielt seinen Antheil; denn auf dem Rasen des Hofes erhoben sich bald lange Tafeln, auf denen die Knechte und Mägde des Gutes, sowie sämmtliche Kinder aus dem Dorfe gespeist wurden. Es war eine unvergeßlich frohe Hochzeit, und der Baron bald weich und voll stillen Glückes, bald so lustig und übersprudelnd von Humor und Neckerei, daß man ihn gar nicht wieder erkannte. Am Abend mischten wir jungen Leute uns unter die Tänzer des Dorfes, und die Burschen trugen den Kopf noch einmal so hoch, wenn ihre schöne junge Herrin mit ihnen tanzte. Der Baron freilich konnte die jungen Bauerdirnen nicht auch stolz machen, indem er sich mit ihnen umherdrehte, aber getanzt hatte er ja überhaupt nie, da wußte es niemand anders. »Ueberhaupt,« sagte der Baron lächelnd zu seiner schönen Frau, »jetzt habe ich doch eine Entschuldigung, wenn ich in meiner Steifheit alle Stühle und Tische umwerfe; denn nun heißt's: »der arme Mann hat einen lahmen Fuß, er kann nichts für seine Tölpelei.«

Erst spät wurde es still auf Schloß Senftenburg, denn als die Nacht herein brach, und die Wagen der Gäste zum Schloßthore hinaus rollten, kam noch ein prächtiger Fackelzug die Dorfstraße herauf. Die Bauern brachten ihrer lieben Herrschaft noch ein jubelndes Lebehoch zum Abschied, und unter Jauchzen und Fackelschein fuhren wir fröhlich zum Dorfe hinaus.

Diesem frohen Feste folgte nun eine stille Zeit, denn Tante Ulrike reiste andern Tags zu ihrer kranken Schwester, und bald gab sie uns Nachricht, in welch' traurigem Zustande sie dieselbe gefunden, und daß sie die Leidende nicht mehr verlassen werde, da ihr Ende nahe zu sein scheine. Mein Papa hatte der Tante den Vorschlag gemacht, mich gleich jetzt wieder mit nach der Heimath zu nehmen, von wo ich ja schon länger abwesend war, als bei meiner Abreise bestimmt worden. Die Tante jedoch wünschte meine Begleitung auf der schon früher besprochenen Reise, und da meine Eltern mir dies Vergnügen von Herzen gönnten, so blieb ich noch in Berlin, oder vielmehr bei Eugenien, welche sich wie ein Kind freute, ihr Gänseblümchen als Gast ihres Hauses bei sich behalten zu können.

Es war eine schöne Zeit, reich an frohen und gemüthvollen Stunden, welche ich jetzt in dem lieben Senftenburg verlebte! Eugenie überhäufte mich mit Liebe und Güte, und wenn der Schalk auch noch überall in tausend Neckereien wieder zum Vorschein kam, so schien sie mir doch jetzt ein ganz anderes Wesen geworden zu sein, das ich mehr als je liebte.

Der Aufenthalt auf Schloß Senftenburg war mir doppelt angenehm, sobald ich bemerkte, wie nützlich meine Anwesenheit Eugenien wurde. Diese verließ ihren Gatten nur sehr ungern, um anderen Pflichten nachzukommen, und so übernahm ich die häuslichen Geschäfte nun mit großem Eifer und schaltete und waltete Tag für Tag ziemlich selbständig in den Räumen des alten Schlosses. Eugeniens schöne Ausstattung hier überall einzuräumen war ein wirkliches Vergnügen, und glücklich wie ein Kind hüpfte und tanzte die junge Frau zwischen den Sachen umher, welche ich ordnete, und damit auch der Baron von all der Herrlichkeit etwas zu sehen bekam, rollte sie dessen Lehnstuhl fröhlich aus einem Zimmer in das andere, von einem Schranke zum andern. Bald mußte er die Blumen auf den Damastgedecken bewundern, bald die glatten weißen Bettüberzüge, welche zierlich mit rothseidenen Bändern umwunden waren. Dann wieder ließ sie die Sonne in den weißen, rothen und grünen Gläsern ihres Geschirrschrankes blitzen, oder baute Teller und Schüsseln aus ihrem kostbaren Tafelservice vor ihm auf; die weichen Polster ihrer schönen Sopha's und Lehnstühle mußte er selbst prüfen, die gestickten Gardinen und Tischdecken bewundern, ja sogar ihr Kleiderschrank wurde seines reichen Inhalts beraubt, um letztere den Augen des bewundernden Gatten vorgeführt zu werden. Ich erkannte Eugenien gar nicht wieder, denn wie gleichgültig war ihr bis jetzt alles gewesen, was dergleichen Dinge betraf! »Jetzt gehört es zur jungen Hausfrau, da wird es schon Werth für sie bekommen,« hatte Tante Ulrike oft gesagt, und sie hatte Recht, wie immer.

Der Baron durfte seinen Fuß noch immer nicht gebrauchen, aber jetzt wartete er gern und geduldig besserer Zeiten, da Eugenie ja nun sein eigen war und ihn nicht wieder zu verlassen brauchte, wie er im Anfang immer fürchtete. An Besuchen fehlte es auf dem Schlosse auch nicht, die ehemalige Einsiedelei hatte jetzt in jeder Hinsicht ein anderes Aussehen gewonnen. Und welche liebenswürdige Wirthin war die junge Hausfrau! Man konnte nichts Hübscheres sehen, als Eugenien in ihrer neuen Würde. Mit einer Sicherheit, als wäre sie nie im Leben etwas anderes als Frau Baronin von Senft gewesen, machte sie die Honneurs des Hauses, und obwohl ihr während der Krankheit ihres Gatten allein alle Pflichten gegen ihre Gäste oblagen, entsprach sie denselben doch in jeder Weise.

Die Wirthschaft freilich ließ sie für's Erste noch in ihrer bisherigen Einrichtung, denn die Pflege des Barons war jetzt ihre einzige Sorge. Aber im Herbst, wenn sie von der Reise zurückkehren würden, da wollte sie eine Hausfrau werden, wie's keine Zweite unter der Sonne gäbe, behauptete sie. Wer das nicht glauben wollte, der möge es bleiben lassen, wenn's nur der Baron glaubte, und daß dieser alle Leistungen Eugeniens anstaunte als etwas noch nie Dagewesenes, das wußte der Schelm gut genug.

Wenige Tage nach der Hochzeit kam auch Eugeniens Vater in Senftenburg an, zum großen Jubel seiner Tochter. Er war ein schöner, schlanker Mann mit geistreichen Zügen und edlem Anstande, der feine Diplomat und Edelmann durch und durch, unbeschreiblich liebenswürdig und angenehm. So verschieden er und sein Schwiegersohn auch in der Erscheinung waren, so fanden sie sich doch bald, denn der vielseitig durchgebildete Verstand des Barons entsprach dem seines Schwiegervaters in vielen Beziehungen, und ihre beiderseitige Liebe zu Eugenien schlang ein inniges Band um ihre Herzen. Das Glück seiner Tochter, das aus deren Augen leuchtete, war der Sonnenstrahl für den ernsten, oft sehr gebeugten Vater und erheiterte sein Gemüth mehr und mehr, so daß er sich unbeschreiblich wohl fühlte im Schooße seiner Lieben. Er wollte die Ankunft Tante Ulrike's hier erwarten, um dann mit ihr und mir nach Süddeutschland zurückzukehren. Eugenie sollte alsdann mit ihrem Gatten zur Badekur nach Teplitz gehen, und auf dem Rückwege wollte Tante und ich sie daselbst besuchen, um mit ihnen gemeinsam die Heimreise anzutreten.

Nach einigen Wochen kehrte Tante Ulrike endlich zu uns zurück. Ein sanfter Tod hatte die schwer geprüfte Schwester von allem irdischen Leide befreit, und so betrübt die Tante auch über den Verlust war, der sie betroffen, so dankte sie doch Gott, daß er das Leiden der Armen nicht verlängert hatte.

Im Kreise ihrer Lieben wurde die Tante bald wieder ruhiger, und besonders trug die Anwesenheit ihres geliebten Schwagers viel dazu bei, sie aufzuheitern. Sie mochten viel und Wichtiges mit einander zu besprechen haben, denn ich sah sie stundenlang zusammen in der Akazienlaube des Parkes sitzen, oder in den saubern Kieswegen auf und nieder gehen, und auf der Tante liebem Gesicht, deren verschiedenen Ausdruck ich jetzt sehr genau kannte, ruhten dann noch lange Zeit ernste Gedanken. Eugenie sagte mir, ihr Vater halte es für das Beste, dauernd von seiner Gattin getrennt zu werden; doch die Tante redete noch immer wieder zum Guten, und nur zu gern ließ sich der gemüthvolle Mann von diesem äußersten Schritte abhalten, immer noch hoffend, die leichtsinnige Frau könne sich ändern. Wie innig bedauerte ich diesen liebenswürdigen Mann, der so viel durch die Launen eines Weibes zu leiden hatte, und wie sehr erkannte ich an diesem Beispiele, welch' wichtige Sache eine sorgfältige Erziehung ist, die alle bösen und verderblichen Anlagen im Keime erstickt.

19.
Die Reise.

Der Sommer war während dieser Zeit längst schon in das Land gezogen, der Arzt trieb zur Abreise nach Teplitz, damit der allerdings sehr steife Fuß des Barons durch die Kur vielleicht doch noch beweglicher werde, und so rüsteten wir Alle uns denn zur Abreise. Ich half Eugenien treulich, die gar zu wenig vom Einpacken verstand und es doch gern lernen wollte; aber erst als ich sah, wie Tante Ulrike einpackte, merkte ich wohl, daß ich ebenfalls nichts davon verstand und ging nun selbst erst in die Schule.

Da wir Trauerkleider trugen, bedurften wir keines großen Gepäckes, was Tante überhaupt gern vermied; sie sagte, hohe Reisekoffer und zahllose Schachteln und Kisten gäben ihr eine wenig vortheilhafte Meinung von der dazu gehörenden Reisenden, denn entweder sei dieselbe sehr eitel oder sehr unpraktisch. In der Folge sah ich selbst, wie angenehm es war, wenig Gepäck mit sich zu führen, und war ordentlich stolz auf die kleinen Dimensionen unserer Reiseeffecten im Vergleich mit denen anderer Mitreisenden. Besonders Schachteln, Kästchen, Packete und derartige Gegenstände, die man lose mit sich führt, vermied die Tante möglichst, und mit einiger Scham gedachte ich jetzt der unzähligen kleinen Kistchen und Päckchen, welche ich bei meiner Abreise vom Vaterhause um mich her thürmte; ich hätte sogar meinen Kanarienvogel in seinem Bauer auf meinen Knieen mit mir entführt, hätte Tante Ulrike dies nicht lächelnd abgewehrt.

Jetzt hatten wir nichts bei uns im Wagen, als ein Packet wohlgeschnürter Schirme, ein Bündel Shawls, von Lederriemen umschnallt, und jede von uns eine lederne Handtasche mit kleinen Bedürfnissen während der Reise, z. B. Eau de Cologne, etwas Chocolade, ein kleines Nähzeug, ein Reisehandbuch nebst Karte, Notizbuch, Bürste, Taschentuch und was dergleichen wünschenswerthe Dinge mehr waren. Alles Unnütze mußte zurück bleiben, so sehr ich oft bat und jammerte und nicht begreifen konnte, daß man auf Reisen eben allerlei entbehren muß, sonst soll man zu Hause bleiben bei seinem Comfort und seinen Siebensachen. Die Tante war früher mit ihrem Manne viel gereist, da hatte sie ihre Erfahrungen gesammelt; einfach und praktisch war sie ohnehin, und so konnte ich auch für dies neue Element keine bessere Lehrmeisterin finden. Wie wundervoll verstand sie einen Koffer zu packen! Ich hatte es versucht, aber bald war er voll und ein ganzer Berg Sachen schaute trostlos darein, denn sie fanden keinen Platz mehr in meinem Kofferchen. Da kam die Tante. Ruhig packte sie alles wieder heraus, und nun machte sie sich an's Werk. Unten auf den Boden kamen die schweren Sachen, wie Wäsche, Bücher u. dergl., dann sorgfältig gefaltet Kleider und Röcke, und obenan in einer besonderen Abtheilung Kragen, Tücher und dergleichen leichte Dinge. Bänder und Handschuhe und andere lose Kleinigkeiten flüchteten sich zusammen in ein besonderes Kästchen, das sich bescheiden in eine Ecke drückte, Lücken aber wurden nun durch Schuhe und derartige Rückstände ausgefüllt; es war ein Vergnügen, wie schließlich alles Platz fand; der kleine Koffer schien unter Tante's Händen Gummiwände bekommen zu haben, so viel nahm er in sich auf.

Eugenie reiste einige Tage früher ab als wir, und Herr v. Jagow blieb in der Gesellschaft seiner Kinder, um Eugenien alle Reisesorgen abzunehmen. Später wollte er mit uns wieder zusammentreffen, falls er Eugenien verlassen konnte; ein kleiner Badeort in den Bayrischen Alpen sollte uns wieder vereinigen.

Unsere Fahrt war Anfangs nicht sehr unterhaltend, denn sie führte uns durch langweilige Gegenden der Mark. Um so mehr hatte ich Muße, die Reisegesellschaft zu beobachten, welche sich in dem Eisenbahncoupé mit uns befand. Es waren einige Damen, alte und junge; zwei davon saßen schweigsam in ihrer Ecke, die dritte jedoch begann mit der Tante und mir sehr bald ein Gespräch und schien sich für alles zu interessiren, was man ihr mittheilte. Aber die Tante hatte augenscheinlich keine sehr große Lust, sich mit ihr zu unterhalten, sie zog ein Buch aus der Tasche und begann zu lesen. Die gesprächige Dame widmete sich mir nun ganz allein, und obwohl ich keinen großen Gefallen an ihrer Art und Weise fand, so hielt ich mich doch für verpflichtet, ihr über alles höflich Rede zu stehen, wonach sie fragte. So erfuhr sie denn gar bald all' meine Verhältnisse, Namen und Stand der Tante, sowie Zweck und Ziel unserer Reise. Sie war sehr erfreut zu hören, daß wir das Bayrische Gebirge besuchen wollten, denn auch sie reiste dorthin und suchte Gesellschaft, welche sie in uns glaubte gefunden zu haben. Sie versprach, sich ganz nach uns richten zu wollen, gute Gesellschaft sei ihr die Hauptsache; eine einzelne Dame sei auf Reisen gar zu schlimm daran. Ich konnte ihr darin nicht Unrecht geben, und da sie eine gutmüthige, gescheute Dame zu sein schien, so ging ich auf ihre Anerbietungen freundlich ein. Nun fing sie an, die Tante mit Fragen zu bestürmen, wohin sie gehen würde, damit sie sich danach richte; diese aber schien verstimmt und gab ihr ausweichende Antworten.

Bei dem nächsten Anhaltepunkte wechselte die Tante zu meiner Verwunderung den Wagen.

»Gefiel es dir nicht in jenem Coupé, Tantchen?« fragte ich. »Wir hatten ja so gute Gesellschaft.«

»Nein, Kind, die Zudringlichkeit jener Dame war unerträglich!« sagte die Tante. »Sie gehörte sicher nicht zu der besten Art Frauen; ihr Wesen mißfiel mir vom ersten Augenblicke an.«

»Aber sie schien so gutherzig und reist so allein,« entgegnete ich mitleidig. »Ich kann mir wohl denken, wie lieb es ihr sein muß, Gesellschaft zu finden.«

»Das verstehst du nicht, Kind,« lächelte die Tante. »Sie wird nicht lange allein sein, darüber mache dir keine Sorgen. Nur auf unsere Gesellschaft wird sie verzichten müssen, wir passen nicht für sie. Uebrigens sei vorsichtiger, mein Töchterchen, und erzähle nicht Jedem gleich, wer wir sind, und was wir treiben. Auf Reisen trifft man gar zu häufig mit Personen zusammen, vor denen man sich zu hüten hat. Lieber zu schweigsam gegen deine Reisegesellschaft, als zu offenherzig; besonders ein junges Mädchen kann hierin nicht vorsichtig genug sein.«

Ich beachtete den Rath der Tante und bemerkte nun allerdings, wie zurückhaltend die meisten Mitreisenden waren, besonders die Damen. Gemüthlich war das freilich nicht, aber es gab bald so viel zu sehen, daß ich der Unterhaltung gern entbehrte.

Daß die Tante aber Recht hatte mich zur Vorsicht zu ermahnen, zeigte mir kurze Zeit darauf unser Zusammentreffen mit jener gesprächigen Dame, wovon ich hier gleich erzählen will. In dem reizenden Parthenkirchen nämlich, wo wir uns längere Zeit aufhielten, gingen wir eines Tages im Thale spazieren in Begleitung einer sehr angenehmen Familie aus Berlin, welche wir dort getroffen. Nach einiger Zeit hörten wir Lachen und laute Stimmen einer uns entgegenkommenden Gesellschaft, und bald erkannte ich in einer der Damen unsere lebhafte Reisegefährtin. Sie war höchst elegant gekleidet und schien sich durchaus nicht mehr über Einsamkeit beklagen zu können, denn eine Menge junger, eleganter Herren umgab sie, und die Unterhaltung war sehr heiter. Plötzlich erblickte sie uns und eilte auf uns zu.

»Ah, Frau von Jagow, wie freue ich mich, Sie wieder zu sehen, und Sie, Fräulein Gretchen, wie geht es Ihnen? Welch reizendes Zusammentreffen!«

Die Tante erwiederte den Gruß mit auffallender Kälte; ich freute mich auch durchaus nicht, die Dame wieder zu sehen, die mir heute noch viel weniger gefallen wollte; doch gab ich ihr freundliche Antworten auf ihre Fragen, das ging doch nicht anders. Sie schien große Lust zu haben, in unserer Gesellschaft zu bleiben, aber bald besann sie sich eines Bessern und folgte dem Rufe ihrer Begleiter, welche sehr befreundet mit ihr zu sein schienen.

»Wie in aller Welt kommen Sie zu dieser Bekanntschaft!« rief lachend Herr von Barnheim, sobald die Dame uns verlassen.

»Sie ist mit uns gereist, weiter kenne ich sie nicht,« entgegnete die Tante. »Wissen Sie vielleicht etwas Näheres über dieselbe?«

»O, so viel als alle Gäste von Parthenkirchen, mehr auch nicht!« lachte Herr von Barnheim. »Aber mich dünkt, es ist eben genug, Ihnen zu rathen, sich die gute Dame etwas fern zu halten, denn für Fräulein Gretchen scheint sie mir nicht gerade der passendste Umgang. Wie ich höre ist sie Mitglied verschiedener wandernder Schauspielertruppen gewesen und hat überall die verschiedensten Aventuren gehabt.«

Ich wurde blutroth und freute mich, daß unser Spaziergang bald ein Ende hatte, damit wir der Dame nicht etwa noch einmal begegneten. Am andern Tag erfuhren wir, daß dieselbe weiter gereist sei, und das erleichterte mein Herz außerordentlich, denn nun waren wir hoffentlich von ihrer Gesellschaft befreit.

Nach dieser Abschweifung jedoch kehre ich wieder zum Anfang unserer Reise zurück, denn noch waren wir unterwegs, und zum ersten Male fuhr ich durch ein fremdes Land. Ueber die Grenze von Preußen war ich bis jetzt nie gekommen, nun flogen wir durch Sachsen und dann abermals nach einem anderen Lande: das schöne Bayern lag vor uns.

In Sachsen fing die Gegend zuerst an, einigen Reiz zu bieten, besonders das schöne Elsterthal gefiel mir ausnehmend, und mit Staunen betrachtete ich die gewaltigen Eisenbahnbrücken, welche sich über das Thal spannen. Hof in Bayern war unser erstes Nachtquartier; andern Tages fuhren wir an Kulmbach vorüber, dessen Schloß höchst malerisch vom Felsen herab schaut, und während allen Reisenden das treffliche Bier mundete, das erste echt bayrische, ließ die Tante uns Kaffee zur Erquickung bringen. Sie selbst trank wenig und ging im Freien auf und nieder, ich aber setzte mich in dem netten Zimmer der Restauration an einen Tisch und machte es mir bequem, legte Hut und Handschuhe ab, ordnete mein Haar und blies dem heißen Kaffee von Zeit zu Zeit Kühlung zu. Eben wollte ich anfangen ihn behaglich zu schlürfen, da läuteten die Glocken zum Einsteigen, die Tante rief, und traurig mußte ich meinen schönen Kaffee im Stiche lassen. Aber das war eine gute Lehre, von nun an beeilte ich mich besser. Die schöne Gegend tröstete mich bald über den kleinen Verdruß, denn wir näherten uns Bamberg, fuhren an dem schönen Kloster Banz vorüber, und in der Ferne lagen die grünen Berge der fränkischen Schweiz.

In Bamberg blieben wir einige Tage. Was ist das für eine nette Stadt; wie prächtig liegt sie da, umkränzt von sanften Bergen und geschmückt mit dem stattlichen Dom und der Ruine Altenburg auf der Höhe! Bei prächtigem Wetter stiegen wir zu diesem alten Schlosse hinauf. Wie freute ich mich an der schönen Gegend, Berge sah ich zum ersten Male; ich wünschte mir Flügel, um mich dort hinauf zu schwingen; wie weit mußte man da oben sehen können!

Geschichtliche Erinnerungen sprachen auf dem alten Schlosse zu uns, denn im Jahre 1208 soll in dem Thurmzimmer, in welchem wir uns ausruhten, der Kaiser Philipp von Schwaben durch Otto von Wittelsbach umgebracht worden sein. Mir grauste, obwohl mir der nie verlöschende Blutfleck am Boden nicht echt erscheinen wollte; dergleichen Flecke gehören aber nun einmal zu solchen grausenhaften Geschichten.

In Hof, wo wir unser erstes Nachtquartier hielten, war ich am Morgen der Abreise nur mit Mühe und Noth mit meinem Anzug fertig geworden; denn zuerst ließ ich sehr sorglos die Zeit vergehen, und schließlich mußte ich in höchster Eile mein Haar nur halb geflochten unter den Hut stecken, da der Omnibus vor der Thür stand, uns abzuholen.

In Erinnerung an diese Angst und Hast stand ich denn am Morgen unserer Abreise von Bamberg sehr früh auf und war mit Anziehen, Einpacken und Frühstücken so zeitig fertig, daß ich die Tante um Erlaubniß bat, noch ein wenig in den Straßen umher gehen zu dürfen. »Versäume nur die Zeit nicht!« mahnte Tante Ulrike, gewährte mir aber gern meinen Wunsch. So strich ich denn frohen Sinnes in den Straßen auf und nieder und vertrieb mir die Zeit sehr angenehm, denn es war gerade Markttag, und zu allen Thoren kamen die Landleute in fremdartiger Tracht mit ihren Waaren herein, und buntes Leben herrschte bald überall.

Auch in den schönen Dom trat ich noch einmal zum Abschied, betrachtete mir die alten Bilder und Grabsteine, besonders das berühmte Denkmal von Kaiser Heinrich II. und seiner Gemahlin Kunigunde, und so bemerkte ich nicht, daß es schon spät geworden, bis die Uhr am Glockenthurm über mir plötzlich die Stunde schlug. Erschrocken eilte ich fort, denn die Zeit unserer Abreise war nahe, und noch hatte ich den Rückweg vor mir. Hastig schritt ich durch die Straßen; ich meinte, den Weg zu wissen, aber welch' ein Schrecken, ich mußte mich verirrt haben, denn plötzlich war ich wieder auf dem Platze am Dom, von wo ich ausgegangen. Ich fragte mich nun von Straße zu Straße, einer zeigte hier-, der ander dorthin; in Schweiß gebadet lief ich immer vorwärts, der nächste Weg konnte es unmöglich sein, den man mir angab. Gern hätte ich einen Wagen genommen, aber nirgends traf ich einen leeren; dem Weinen nahe bat ich endlich einen Knaben, mich zu begleiten, und athemlos gelangte ich an unserem Hôtel wieder an.

Die Tante war in großer Sorge um mich; den Frühzug hatten wir versäumt und mußten nun mit dem Mittagszuge fahren. Ich war sehr niedergeschlagen über meine Unbesonnenheit, die Tante jedoch tröstete mich; heute habe unsere Versäumniß ja nichts zu bedeuten; für ein anderes Mal möchte ich es mir zur Lehre nehmen, denn in fremder Stadt könne mir in Zukunft dergleichen öfter passiren.

Aber die Irrfahrten am Morgen waren nur das Vorspiel von anderweitigem Ungemach, das mir an dem Tage zustieß; man hat so seine Unglückstage, ich mußte heute wohl mit dem linken Fuße zuerst aus dem Bette gestiegen sein.

Als wir nämlich Mittags endlich glücklich auf der Eisenbahn angekommen waren und unsere Plätze gewählt hatten, stieg die Tante noch einmal aus dem Wagen, da sie soeben eine alte Bekannte in einem andern Coupé gesehen hatte, welche sie begrüßen wollte. Sie übergab mir die Reisebillets und eilte fort. Im selben Augenblicke wurde köstliches Obst vorbei getragen, und ich sowie alle Mitreisenden kauften davon. Man drängte sich um die offene Thür, an der ich saß, ich reichte dienstfertig Obst nach allen Seiten, nahm dafür Geld in Empfang, kurz war sehr eifrig in diese Angelegenheit vertieft und ordnete dann geschäftig unsere Sachen, die noch umher lagen.

Da kam die Tante und mit ihr der Beamte, welcher die Billets einforderte. Ich griff nach den unsrigen, welche die Tante mir gegeben, – sie waren fort! Bestürzt suchte ich am Boden, auf den Kissen, kehrte alle Taschen um, schüttelte Kleid und Tuch aus, alle Mitreisenden halfen suchen, – es war umsonst, die Billets waren nirgends zu finden. Nur der weiße Gepäckschein fand sich vor, die anderen Zettel mußten mir beim Handeln um das Obst verloren gegangen sein; ich konnte mich nicht besinnen, sie wieder gesehen zu haben, seit die Tante sie mir auf den Schooß gelegt.

Der Beamte zuckte die Achseln und bedauerte das Mißgeschick, aber ohne Billet konnte er uns beim besten Willen nicht reisen lassen; wir mußten aussteigen und neue Billets lösen. Es war die höchste Zeit, der Zug sollte sogleich abfahren, und in Hast und Eile stürzte ich zum Wagen hinaus. Da flog etwas neben mir zu Boden, es war eines der Billets. Gott sei Dank, so war doch eins wenigstens da, das zweite freilich erschien nicht, wer weiß, wohin sich das geflüchtet; ich eilte zur Kasse und war endlich froh, überhaupt noch mit fort zu kommen.

Bitterlich weinend drückte ich mich in die Wagenecke; die gute Tante sagte mir kein Wort des Vorwurfs, aber Scham und Aerger über meinen Leichtsinn verbitterten mir den Genuß der ganzen Reise. »Du mußt künftig die Billets sogleich in den Geldbeutel stecken, das ist der beste Platz,« sagte die Tante später. »So wie dir heute ist es schon manch Anderem auch ergangen. Dir wird es nun so leicht nicht wieder geschehen!« »Ja, nachdem du arme Tante meine Thorheiten mit schwerem Gelde bezahlen mußtest!« seufzte ich, ihr die Hand küssend. »Nun beruhige dich, Kind,« entgegnete sie liebevoll. »Wenn man alle Thorheiten so leicht wieder gut machen könnte, so wäre es ein Glück. Genieße jetzt die schöne Gegend und laß das Grübeln und Aergern, ich vergebe dir alles von Herzen!«

Und wahrlich, bald gab es so viel Schönes und Interessantes zu sehen, daß es mit freiem, frohem Herzen genossen sein wollte, und so war ich der Tante innig dankbar für ihre Güte und Nachsicht. Wie entzückte mich das prächtige, alterthümliche Nürnberg, wohin wir nun kamen; wie konnte ich mich nicht satt sehen an dieser merkwürdigen Stadt, voll von Schönheiten aus dem Mittelalter. Jedes Haus hat dort seine besondere Physiognomie, jedes Thürmchen, jeder Giebel, jede Dachrinne sogar den eigenthümlichsten Schmuck; Malereien, Schnitzwerk, Thierköpfe und alle dergleichen Schnörkel sieht man, wohin das Auge sich wendet, und das alles giebt den Straßen ein lustiges, buntes und doch wieder so ehrwürdiges Ansehen. Natürlich betrachteten wir alle Sehenswürdigkeiten der Stadt auf das Beste; da all diese Dinge aber viel genauer und besser in Bädekers rothem Reisehandbuch zu finden sind, so erspare ich euch und mir die Beschreibung.

Vor allem entzückte mich die Sebalduskirche mit dem herrlichen Sebaldusgrabe. Was muß dieser Meister Peter Vischer für ein Mann gewesen sein, so bürgerlich schlicht und doch so groß in seinen Werken. Die prachtvolle Lorenzerkirche hob meine Seele mächtig zu Dem empor, zu Dessen Dienste sie gebaut worden, und die wunderschöne Fensterrose über dem gothischen Eingangsportale begeisterte mich sogar zu einem kleinen poetischen Versuche, den ich ehrlich mittheilen will, da ich hier doch nun einmal all meine Schwächen und Thorheiten zum Besten gebe. Ich hoffe, meine lieben jungen Freundinnen werden ein gnädig Gericht ergehen lassen; welche von ihnen hätte nicht auch einmal ein Verschen versucht. Das meine also heißt: