Die Rose.
Zu Nürnberg, dem alten,
Im lieben Bayerland,
Da blüht eine köstliche Rose,
Gar weit und breit bekannt.
Sie blühet seit grauen Zeiten
Schon manch Jahrhundert dort,
Und immer noch duftet und strahlet
Die Krone der Blumen fort.
Noch hat aus dem blühenden Schooße
Die Zeit kein Blättchen geraubt,
Von Wetter und Sturm unberühret
Erhebt sie zum Himmel das Haupt.
Sie blüht an geheiligter Stätte
In wunderlieblichem Glanz,
Und schlanke Säulen und Bogen
Umziehn sie in herrlichem Kranz.
Aus ihrem schimmernden Kelche
Umwehet uns heiliger Duft,
Wie holde, liebliche Klänge
Durchzittert es leise die Luft.
Und auf ihren glänzenden Schwingen
Trägt sie die Sonne empor;
Sie strahlet im Dienste des Höchsten,
Wie Engel im himmlischen Chor.
Und willst du die Rose kennen?
Zu Sanct Lorenzen dort
Da blüht sie im hohen Portale
Als Fenster-Rose fort!

Soll ich nun auch noch das andere zum Besten geben, wozu das allerliebste Gänsemännchen mich angeregt? Schön ist's nicht, aber es sei darum! Also:

Auf dem Markt zu Nürrenberg
Steht ein Bauersmann,
Lieben Leute, kommt herbei,
Seht den Mann euch an.
Gänse hat er unterm Arm,
Bringt sie wohl zu Kauf?
Nimmt sie ihm denn Niemand ab?
Macht den Beutel auf!
Aber wie? sie scheinen euch
Nicht recht fett zu sein,
Auch der Preis ist viel zu hoch.
Und die Gans zu klein!
Ei das fährt dem Bäuerlein
Garstig in den Sinn,
Auf den Nürrenberger Markt
Tritt er trotzig hin.
Und dem, der zu nah ihm kommt
Diesem kleinen Wicht,
Speien seine Gänse gleich
Wasser ins Gesicht.
Und so steht er heute noch,
Allen wohl bekannt
Auf dem Nürrenberger Markt,
Gänsemann genannt.

Unerwähnt kann ich außerdem aber Eines nicht lassen, das ist der Johanneskirchhof bei Nürnberg, die eigenthümlichste Grabstätte, die man sehen kann. Edle Männer sind hier einst zur Ruhe gegangen, wie Hans Sachs, Albrecht Dürer, Peter Vischer und andere große Bürger des alten Nürnberg. Aber keine Kreuze, Urnen oder glänzende Denkmäler, keine blumenbedeckten Gräber, keine Bäume und Rasenhügel erheben sich an dieser Ruhestätte; sondern Seite an Seite, dicht an einander gereiht, bedecken hier mehr als 3000 große flache Sandsteine die ganze Länge und Breite ihrer Gräber. Sie sind verziert mit den eisernen Wappen und Namenszügen der alten Geschlechter, welche seit Jahrhunderten unter diesen Steinen schlafen gegangen. In die ausgemauerte Gruft unter denselben wird Sarg auf Sarg gestellt, alle Glieder der Familie bei einander, alle bedeckt von demselben Grabsteine, der schon vor Jahrhunderten ihre Vorfahren deckte. Wahrlich, eine Ahnentafel, ernst und gewaltig, von der Hand des Todes selbst auf den Stein eingegraben!

Das schöne Nürnberg verließ ich sehr ungern, aber es lag ja noch Schöneres vor uns, die Herrlichkeit, die keines Menschen Hand geschaffen, die wunderbare Alpenwelt! Den Besuch von München, das auf unserem Wege lag, verschoben wir bis zur Rückreise, denn Herr v. Jagow, welcher jetzt dort lebte, wollte alsdann unser Führer sein.

Nun näherten wir uns mehr und mehr der fernen Alpenkette, und unser Eintritt in diese schöne Welt hätte nicht schöner sein können: die Sonne neigte sich soeben ihrem Untergange zu und tauchte die Berge in dunkelroth schimmernde Gluth, so daß sie dastanden wie Bilder aus dem Feenreiche. Es war so über alle Begriffe erhaben und prachtvoll, daß ich still die Hände faltete, und mir Thräne auf Thräne über die Wangen lief. O Gott, wie groß, wie herrlich ist deine Welt und wie namenlos glücklich Jeder, der wie ich einen so schönen Theil davon kennen lernt! Was sind alle Werke der Menschen gegen deine Schöpfungen, deine Wunder?

Wollte ich ausführlich erzählen, wo wir nun die nächsten Wochen umher schwärmten, so könnte ich allein davon ein ganzes Buch schreiben, ohne ein Ende zu finden, und dennoch würde ich euch keinen Begriff davon geben können, wie schön es überall war, wie unvergeßlich diese so herrlichen, wonnevollen Tage.

Zuerst machten wir einen kurzen Ausflug nach dem Algäu, dem Lande der üppig grünen Wiesen und des prachtvollen Rindviehes, dessen wunderbar schöne Alpenkette mir aber freilich viel lieber war, als all dies. Immenstadt, Sonthofen und Oberstdorf waren dort die bedeutendsten Orte, von wo aus wir einzelne Streifzüge nach den Bergen unternahmen. Von Immenstadt geht die Eisenbahn nach Lindau und dem Bodensee, eine Schweizerreise aber versprach mir die Tante für ein anderes Mal, jetzt zogen wir nach den Bayrischen Alpen und deren erstem Stationspunkte Füßen. Mit besonderer Vorliebe denke ich an dies Fleckchen schöne Gotteswelt zurück; denn dort nahebei liegt die Perle der ganzen Umgegend, das reizende Hohenschwangau, wo wir uns in dem Wirthshäuschen zur Alpenrose gar zu wohl fühlten, treulich gepflegt von der Wirthin, einer munteren Tyrolerin in ihrer malerischen Nationaltracht, die rothe Rose auf dem spitzen Hut und silberne Ketten am Mieder. Dicht vor der Thür, von prachtvollen Linden überschaut, ist das einladenste Plätzchen bereit; vor uns, blitzend im reinsten Blaugrün, der stille Alp-See, auf dem sich weiße Schwäne wiegten, rings umzogen von saftigem Grün und malerischen Felswänden, über welche hinaus in weiterer Ferne einige Häupter der Alpenkette herüber schauen. Zu verdenken war es dem jungen Bayernkönig wahrlich nicht, daß er hier seiner schönen Königin Marie, welche ohnehin die rüstigste Bergsteigerin ist, ein köstliches kleines Schloß erbaut hat, das einen Blick vergönnt weit hinaus über Berge, Seen und Flachland.

Garmisch und Parthenkirchen, am Fuße des prachtvollen Zugspitz gelegen, waren, wie ich schon erwähnte, ferner die Orte, an denen wir längere Zeit verweilten, und obwohl wir dann noch weitere Touren machten, z. B. nach dem schönen Kochel- und Walchensee, so verweile ich doch nur in jenen malerisch gelegenen Flecken noch einige Augenblicke, da mir dort etwas begegnete, was ich nie wieder vergessen werde, so lang ich lebe.

20.
Ein Abenteuer.

Eingeschlossen von den mächtigen Felswänden des Zugspitz liegt dort still und einsam der friedliche Eibsee zwischen grünen Abhängen und schroffen Felsblöcken aus der Tiefe hervor schimmernd. Sein Wasser ist reich an Fischen; aber nur gering sind die Zahl derer, welche hiervon Vortheil ziehen, denn der See gehörte seit Jahrhunderten den Besitzern jener wenigen Hütten, welche sich an dem Ufer angesiedelt haben. Es ist eine wilde, zigeunerhaft aussehende Klasse von Menschen, diese Fischer des Eibsees; schwarze Augen blitzen uns aus den dunklen schmutzigen Gesichtern entgegen, und wer mit ihnen verkehrt, der sei vorsichtig, sonst wird er betrogen und überlistet, sei es auch nur um einige Kreuzer.

Doch die eigenthümliche Schönheit des Sees lockte die Fremden von allen Seiten herbei, wie unbehaglich auch die Menschen sind, die seine Ufer bewachen. Auch wir besuchten den reizenden Winkel und freuten uns an der großartigen Einsamkeit und Schönheit seiner Lage. Ein starkes, schwarzäugiges Weib mit finsterem Gesicht fuhr uns auf dem Wasser umher, und nur die reichliche Spende, womit die Tante unsere Spazierfahrt bezahlte, konnte ihren grimmigen Zügen ein Lächeln abgewinnen. Der Abend war noch ziemlich fern, als wir den Rückweg nach dem Dorfe Greinau antraten, wo unser Wagen stand. Der Weg dorthin zog sich durch grüne Wiesen und Abhänge und machte zahllose malerische Biegungen, welche reichen Stoff für meine Zeichenmappe gaben; deshalb bat ich die Tante, mit den beiden anderen Damen unserer Begleitung immer voraus zu gehen, während ich zurück blieb, um einige flüchtige Skizzen der Gegend zu zeichnen. Die Tante zögerte, mich allein zurück zu lassen; doch die Sonne stand noch ziemlich hoch am Himmel, der Weg war viel betreten, und so that sie mir endlich den Willen, hieß jedoch den kleinen Buben bei mir zu bleiben, der uns den Weg zeigte. Ich vertiefte mich bald völlig in meine Arbeit; die Bäume hingen so unbeschreiblich malerisch über kleine Felsvorsprünge, lichte Durchblicke lockten in die Ferne, dazwischen tauchte hin und wieder ein spitzer Kirchthurm empor oder das zierliche Dach einer Bauerhütte, ich konnte kein Ende finden, ein Punkt war immer noch schöner als der andere.

Endlich sah ich, daß der Himmel sich röthete; die hellen Wände des Zugspitz leuchteten auf, als wären sie von rothem Golde, die Sonne sank, und es war die höchste Zeit für mich, den Rückweg anzutreten, da die Tante mich gewiß ungeduldig erwartete. Ich suchte meine Sachen zusammen und bemerkte nun erst, wie zwei braune Männer, vom Eibsee herkommend, sich mir näherten. Sie trugen große Stöcke in den Händen, ihr Anzug war zerlumpt und zigeunerhaft, und an dem lichten Abendhimmel hoben sich ihre riesigen Gestalten drohend empor. Ich erschrak und blickte mich ängstlich nach ihnen um, denn mit bangem Herzen dachte ich gleich an allerlei schreckliche Dinge, Raubanfälle, Mißhandlung und wer weiß, was alles, dessen man die Bewohner des Eibsees für fähig erklärte. Der Abend war nahe, mit jeder Minute wurde es dunkler, und diese Männer kamen gerade auf mich zu.

Voll Unruhe rief ich nach dem Knaben, der bis vor Kurzem in meiner Nähe gespielt hatte; aber er war verschwunden, wer weiß ob er nicht gar mit den Männern im Einverständniß handelte. Eine namenlose Angst ergriff mich, ich lief auf dem Wege fort, der nach Greinau führte; aber das Dorf war noch fern und die Männer kamen immer näher. Schon hörte ich ihre Stimmen, sie schienen mir etwas zuzurufen und lachten dazwischen. Wieder blickte ich mich angstvoll nach ihnen um und, o Entsetzen, ich sah deutlich, wie der Eine den Knüttel hob und mir damit drohte. Nun wer es kein Zweifel mehr und meine Furcht nur zu begründet, sie hatten es auf mich abgesehen. Laut schreiend stürzte ich davon, Hügel auf und ab, nichts mehr denkend, als Rettung durch die Flucht. Ich fiel über Geröll und über Baumstümpfe, verlor meinen Schirm und mein Zeichenbuch; es war mir alles gleich, nur vorwärts, vorwärts, ehe mich die Entsetzlichen erreichten, die ich immer hinter mir wußte. Jetzt hörte ich ihre Stimmen so nahe neben mir, daß mir die Sinne fast vergingen vor Angst, und ich mich eben niederwerfen wollte, ihr Mitleid anzuflehen und ihnen alles zu geben, was ich bei mir trug. Aber wie wenig war das, sie würden mich sicher plündern und mißhandeln; Da, im letzten schrecklichen Augenblicke, sah ich eine Gestalt durch die Bäume schimmern. War es einer ihrer Spießgesellen? Heftig rief ich um Hülfe und stürzte vorwärts. Gott sei Dank, es war ein gut gekleideter Herr, ich war gerettet! Mit Todesangst flog ich zu dem Fremden, seinen Schutz anzuflehen, er mochte sein wer er wollte. Aber wer begreift mein Entzücken, als ich meinen Freund Dr. Hausmann vor mir sah! Mit ausgebreiteten Armen stürzte ich ihm entgegen, und ohne recht zu wissen, was ich that, sank ich an seine Brust.

»Retten Sie mich, um Gottes Willen!« rief ich außer mir, dann vergingen mir die Sinne. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Rasen, Dr. Hausmann kniete neben mir. Ich fühlte mich namenlos matt und konnte mich lange nicht besinnen, was geschehen sei. Endlich aber erinnerte ich mich plötzlich an alles, und angstvoll blickte ich um mich.

»Seien Sie außer Sorge, Fräulein Gretchen, es ist nichts mehr zu fürchten,« sprach Dr. Hausmann beruhigend. »Die Männer haben sich einen bösen Scherz mit Ihnen gemacht und Sie scheinbar verfolgt, da sie Ihre Furcht bemerkten. Jetzt sind Sie ganz sicher, denn ich bleibe bei Ihnen.«

Nun erst fiel mir ein, in welcher Weise ich in meiner Angst bei dem Freunde Schutz gesucht hatte. Dunkle Gluth bedeckte mein Gesicht, ich wagte nicht aufzublicken. Dr. Hausmann bemerkte meine Pein und suchte mich davon zu befreien.

»Und Sie wundern sich gar nicht, mich hier zu sehen?« sagte er heiter und setzte sich neben mich in das Gras. »Wußten Sie denn, daß ich Sie aufsuchte?«

»Ich? Nein, wie sollte ich davon wissen?« entgegnete ich, nach Fassung ringend. »Sind Sie denn allein, und wo erfuhren Sie unseren Aufenthalt? Ich wußte nicht, daß Sie auch diese Reise beabsichtigten.«

»Es ist auch ein ganz plötzlicher Entschluß, den ich aber jetzt doppelt segne, da ich Ihnen nützlich sein konnte, Fräulein Gretchen!« sagte Dr. Hausmann und blickte mir so herzlich in die Augen, daß mir wieder alles Blut in die Wangen schoß.

»Bitte, ich möchte zur Tante, sie wird sich um mich sorgen,« flüsterte ich ängstlich und versuchte aufzustehen. Die Knie zitterten mir noch heftig, und so mußte ich mich auf den Arm meines Freundes stützen, so peinlich es mir auch war. Dieser aber plauderte munter fort und erzählte, daß Eduard ihn begleite, den ich bei der Tante in Greinau finden werde, wohin sie Beide geeilt, als sie bei ihrer Ankunft in Parthenkirchen erfahren, wo wir seien.

Das Gehen that mir gut, bald bedurfte ich des Führers nicht mehr, meine Kräfte fanden sich schnell wieder. Ich erzählte nun das Nähere meines Abenteuers und suchte meine Angst zu rechtfertigen. Mit zarter Schonung ging Dr. Hausmann darauf ein, um mir zu zeigen, wie natürlich er meine Bewegung gefunden. Gegen die Tante und Eduard, welche meine Angst übertrieben fanden und mich als ein Hasenherz etwas verhöhnten, vertheidigte er mich dann so entschieden, daß ich ihm aufrichtig dankte, besonders da er über die Art unseres Begegnens sehr leicht fort ging. Sonderbar, sonst beichtete ich meiner guten Tante Ulrike alles, was ich Thörichtes gethan; aber mein Zusammtreffen mit Dr. Hausmann konnte ich ihr unmöglich genau so beschreiben, wie es sich zugetragen, die Worte wollten absolut nicht über meine Lippen. Aber wozu auch? Dr. Hausmann schien gar nicht mehr daran zu denken, so fein und zurückhaltend benahm er sich gegen mich, und das ganze Ereigniß erschien mir endlich selbst wie ein wunderlicher Traum.

In der Gesellschaft unserer neuen Reisegefährten verbrachten wir einige sehr angenehme Wochen und durchstreiften die schönen Berge nach allen Richtungen. Auch Eugeniens Vater kam, wie er versprochen, bald zu uns, und mit ihm reisten wir endlich nach Bayerns schöner Residenz, dem interessanten München. Wie staunte ich über alle die unzähligen Kunstschätze, welche großentheils durch den kunstsinnigen König Ludwig hier geschaffen und aufgesammelt wurden. Zwei Wochen blieben wir in München, und so hatten wir reichlich Muße, uns alles genau zu betrachten: die beiden Pynakotheken, die Glyptothek, Schlösser, Kirchen und was es sonst an Sehenswürdigkeiten gab. Das Allermerkwürdigste blieb mir aber immer die erzene Riesenjungfrau Bavaria auf der Theresienwiese, in deren Kopfe wir so behaglich umherwanderten, als sei es ein Thurmstübchen, und deren Augen die prächtigsten Fensterchen bildeten, durch die wir auf München und die ganze weite Ebene schauten und weiter hinaus, wo die blauen Alpen uns freundliche Abschiedsblicke zuwarfen.

Unseren Heimweg nahmen wir durch Böhmen, um in Teplitz Eugenien und den Baron zu besuchen, von denen Herr von Jagow uns die besten Nachrichten gebracht hatte. Das Bad war dem Baron anfangs zwar nicht gut bekommen, und Eugenie hatte wahrscheinlich all ihre Heiterkeit in Bewegung setzen müssen, um den Leidenden zu zerstreuen, wenigstens konnte der dankbare Gatte uns später davon nicht genug Gutes und Liebes erzählen. Jetzt nach Beendigung der Kur jedoch ging es dem Baron vortrefflich, und die Steifigkeit seines Fußes verringerte sich von Tag zu Tage, so daß wir mit den freudigsten Hoffnungen für völlige Genesung abreisten, und der Herbst uns endlich Alle wieder in dem traulichen Wohnstübchen Tante Ulrike's versammelt sah. Wie schön auch die Reise gewesen, und wie viel Herrliches ich gesehen, hier bei der besten Tante in meiner zweiten Heimath war es doch am allerschönsten, das fühlte ich mit innigem Behagen, als die lieben Räume mich wieder so still und heimlich umgaben.

Aber mit mächtigen Schritten nahte jetzt die Zeit, in welcher ich diesen Räumen Lebewohl sagen sollte. »Für ein Jahr nehme ich dein Gretchen mit mir,« hatte Tante Ulrike zu Papa gesagt, als sie an jenem unvergeßlichen Tage mit mir von Schreibersdorf abreiste, und das zaghafte Kind sich zum ersten Male vom Elternhause trennte. O damals glaubte ich es nimmer aushalten zu können, eine solche Trennung nimmer zu ertragen. Ein Jahr! Welche Ewigkeit für mich, die bis dahin nicht einen Tag von Eltern und Geschwistern getrennt war! Zwölf lange, lange Monate! Und jetzt war mehr als ein Jahr seit jenem Tage vergangen, nicht nur zwölf Monate, sondern noch fünf außerdem, und ich lebte noch, die Trennung hatte mich nicht krank gemacht, mich nicht verzehrt und abgehärmt, wie ich einst glaubte. Nein, im Gegentheil, ich blühte frisch und kräftig in gesunder Jugendfülle, war stärker und vollständiger in der Erscheinung geworden, wenn mein Spiegel mir die Wahrheit sagte, und in der großen Stadt, in dem neuen Kreise, wohin die Tante mich geführt, und vor dem mein ängstlich Herz erzittert hatte, da fühlte ich mich jetzt mit tausend Fäden festgewachsen. So unsäglich ich mich auf die liebe theure Heimath, auf Eltern und Geschwister freute, so überkam mich doch eine grenzenlose Traurigkeit, dachte ich an die Trennung von all' den Lieben in Berlin. Die Tante mit ihrer unaussprechlichen Güte und Milde, ihrer feinen Bildung und ihrem steten Wohlwollen für mich, der ich so namenlos viel dankte, Eugenie, an die mich die herzlichste Schwesterliebe kettete, Marie, die treueste Freundin für das Leben, der Baron, Dr. Hausmann, Eduard, ach und so viele, viele, die mir lieb und theuer geworden, sie Alle ließ ich hier zurück, ich konnte den Gedanken kaum fassen. Und doch, es war nicht anders! Der Tag der Abreise kam wirklich heran und überschüttet von tausend Liebesbeweisen schied ich von allen meinen Lieben. Eugenie und der Baron gaben das Versprechen, mich im Elternhause bald zu besuchen, auch die Tante tröstete mich mit dieser Aussicht, und besonders entzückte mich der Gedanke, meine liebe Marie, wie ich dringend gebeten, bald nach meiner Heimkehr für längere Zeit im Hause meiner Eltern zu sehen.

So schied ich denn leichteren Herzens von der lieben Stätte, wo mir so viel Gutes geworden. Ein reich beschriebenes schönes Blatt hatte der gütige Gott mir in das Buch meines Lebens gefügt, ich konnte Ihm nie innig genug dafür danken!

21.
Wieder im Vaterhause.

Mit welchen Gefühlen flog ich meinem geliebten Vater nach so langer Trennung an die Brust, als er kam, mich von Berlin abzuholen und mit welchen Gefühlen wandte ich mich nun der Heimath wieder zu, nachdem der Abschied von meiner so unsäglich verehrten Tante hinter mir lag!

Wie jubelte mein Herz, als ich der Gegend immer näher kam, in der das Gut meiner Eltern lag, wo mich alles so vertraulich und bekannt anblickte! O das war doch die schönste Gegend auf der ganzen Welt, schöner als alles, was ich auf der Reise soeben noch voll Wonne und Entzücken bewundert hatte.

Bald lagen die bekannten Orte vor mir, die unser Dorf umgaben; jetzt verließen wir das Wäldchen, das mir bei der Abreise den lieben Anblick meiner Heimath zuerst entzogen. Da schaute der spitze Kirchthurm noch wie ehedem zum Himmel empor, sein grünes Kupferdach blitzte in der Sonne, und auf der goldenen Kugel dort oben drehte sich nach wie vor die glänzende Wetterfahne.

Nun kamen wir in den sandigen Hohlweg, der nach dem Dorfe führte, in welchen sich die Wagenräder so tief einwühlten, daß es immer so langsam vorwärts ging. Zu beiden Seiten des Abhanges wuchsen wie sonst gelbe Immortellen und fette Wolfsmilch; die Schmetterlinge und Bienen umflatterten die kleinen gelben Blüthen, und über uns am blauen Himmel zog eine Schaar blendend weißer Tauben hinweg. Ihr lieben freundlichen Thiere, kommt ihr mir als Boten vom Elternhause entgegen?

Am Ausgange des Hohlweges warteten wie ehedem eine Schaar Bauerkinder auf den herankommenden Wagen; die größeren Jungen knallten mit langen Peitschen, die Mädchen blickten mit ihren hellblauen Augen verlegen nach uns hin, kicherten dann und nahmen die Schürzenzipfel in den Mund, und die kleinen Kinder versteckten ihre blonden Flachsköpfe schüchtern in den Röcken der Mädchen. Auf dem Anger trieb noch immer der alte Hirte seine Schafe; der braune Regenmantel hing trotz des warmen Wetters um seine Schultern, und der blaue Strumpf, an dem er strickte, baumelte wie sonst vor ihm hin und her. Sein Hund spitzte die Ohren und sprang herbei, die Pferde anzubellen, wie es einmal alle Hunde zu thun pflegen, bis Friedrich, unser alter Kutscher, ihn mit der Peitsche fortjagte, und der Schäfer rückte grüßend an dem breitkrämpigen Hute.

Nun endlich kamen wir zu den ersten Häusern unseres Dorfes; es war Bauer Fechners Grundstück, ich kannte es wohl, kannte auch die weißbaumwollene Quaste, die da zum Fenster heraus nickte; sie saß auf einer eben solchen Mütze, und das alte gute Gesicht darunter glänzte vor lauter Vergnügen, als ich ihm meinen fröhlichen Gruß zurief.

Jetzt reihte sich Haus an Haus, überrall war ich bekannt, überall blickten gute Freunde zu den kleinen Fenstern heraus, saßen alte Bekannte auf der Bank vor der Hausthür. Hier die alte Armgard, bei der wir so oft Honig gegessen, dort Bauer Niklas, der zur Obstzeit im Garten half, da der gutherzige kleine Schuster, der uns Kindern die Schuhe flickte; dann wieder junge Mädchen, mit denen ich eingesegnet worden, Kinder, die mit meinen Geschwistern gespielt, o es war gar kein Aufhören mit Grüßen, Anrufen und Händeschütteln; ich wäre am liebsten aus dem Wagen gesprungen, doch das litt Papa nicht. Und nun kamen wir an unser Gehöft, unser liebes prächtiges Wohnhaus mit den grünen Fensterladen und dem hohen Giebel, auf dem das Storchnest saß, in dem wirklich die Störche wieder Junge hatten, gerade wie sonst, als ich zu Hause war. Die alten Linden beschatteten wieder den Platz vor dem Hause, und da, richtig da kamen die kleinen Brüder in ihrer Eselequipage, Lieschen mitten drin sitzend wie eine Dame.

»Halt still, Kutscher, ich muß hinaus, ich kann es nicht länger im Wagen aushalten!«

Fast erdrückt haben mich die Jungen, als sie sahen, ich war es, die ihnen entgegen kam. Und nun ging's im Jubel nach dem Hause! Meine Mama wollte ich gar nicht wieder los lassen; ich lachte und weinte durch einander, und dann fiel ich immer wieder Allen der Reihe nach um den Hals. Und dann kamen die Dienstleute im Hause heran, deren Augen glänzten in alter Anhänglichkeit, und nun ging es von einer Stube zur andern, von einem Winkel in den andern; alles mußte ich wiedersehen, mußte allem zeigen, daß ich noch lebte und nun wieder zu Haus sei! In Hof und Garten, in Ställen und Remisen, überall schleppten mich die Jungen umher; ich mußte alles ansehen, überall hatten sie mir etwas Neues zu zeigen, bald hier junge Tauben und Hühner, bald dort das kleine Kalb der schwarzen Bleß, oder die neue Schaukel im Schuppen und das hübsche Taubenhaus im Hühnerhofe. Und wie waren die Kinder alle gewachsen! Hannchen zählte drei Jahre weniger als ich und war der kleinen Mama fast schon über den Kopf gewachsen! Eduard, der ein Jahr jünger war als ich, verlebte gerade seine Ferien zu Hause. Er sah etwas blaß aus, der gute Junge, es war gewiß vom Wachsen, denn er überragte mich ein gutes Theil, und ich war auch nicht gerade ein Liliput. Und Anton, der stramme Bursche, und die Kleinen, Max und Ulrich und Lieschen, wie frisch und prächtig sahen sie Alle aus; ich mußte sie immer wieder küssen trotz ihrer nicht sehr saubern Gesichtchen, die mit allerlei Dorfstraßenresten verziert waren.

»Was du für ein stattlich Mädchen geworden bist, Gretchen!« sagte die Mutter, mich mit frohen Blicken musternd. »Die Stadtluft scheint dir gut zu bekommen.«

»Sie sieht wie eine Dame aus, höllisch fein!« bemerkte der Gymnasiast und zupfte an den sehr zweifelhaften Bartsprossen auf seiner Oberlippe.

»Hast du mir was mitebracht, Gretsen?« sagte die kleine Liese, und zog an den Schnüren meiner Reisetasche.

»Ja auspacken, Gretchen, auspacken!« riefen auch die anderen Kinder, und nun ging's an ein Wühlen und Kramen in meinen Sachen, daß ich die kleinen Quälgeister ernstlich abwehren mußte. Am besten geschah dies, indem ich ihnen die Geschenke an Näschereien gab, die ich ihnen »mitebracht«, wie Lieschen sagte. Dann machte ich mich selbst über das Auspacken meiner Sachen, und mit innigem Behagen räumte und kramte ich in dem niedlichen Stübchen, das Mama mir jetzt als Eigenthum anwies. Ein eben solch zierliches Himmelbett, wie ich bei Tante Ulrike besessen, schmückte auch hier mein Zimmer; die gute liebe Mama hatte mich damit gar freudig überrascht, und über meiner Kommode hing, von einem grünen Kranze umschlungen, Tante Ulrike's Bild! O das war doch gar zu schön und zart! Mit Thränen des Dankes und der Liebe küßte ich die beste der Mütter, und unter dem Bilde der Tante fanden augenblicklich meine beiden lieben Freundinnen Marie und Eugenie ihren Platz. Nun hatte ich sie alle beisammen, und jeden Abend und jeden Morgen nickte ich ihnen zu und schickte den Lieben in der Ferne die innigsten Grüße.

Neben meiner Stube schlief Hannchen, deren besondere Erziehung und Aufsicht meine gute Mutter mir nun anvertraute. »Ich denke, du wirst eine gelehrige Schülerin in dem Kinde haben,« sagte Mama dabei. »Es ist das beste Mittel für dich, deine eigene Erziehung nicht wieder zu vernachlässigen, wenn du der Schwester als gutes Vorbild dienen willst. Nun kannst du zeigen, ob du bei der Tante etwas lerntest.«

Ich freute mich unbeschreiblich über das Vertrauen, das Mama in mich setzte, indem sie mir Hannchens Erziehung übergab. Schon während meines Aufenthaltes bei Tante Ulrike war dieser Wunsch oft in mir rege geworden; denn meine sanfte Schwester, welche viel zierlicher und anmuthiger war, als ich selbst je im Leben gewesen, wuchs gleich mir in ländlichen Sitten und Manieren empor, wie wir sie zu Haus eben nicht anders kannten. Was Tante Ulrike nun an mir Gutes und Liebes gethan, das sollte jetzt meinem hübschen Schwesterchen zu Gute kommen, das war mein innigster Herzenswunsch, und die Liebe und Fügsamkeit, mit welcher das sanfte Kind mir entgegentrat, erneuerte mein Verlangen. Außerdem hoffte ich jetzt, meiner zarten Mama die Sorgen des Hauswesens durch treue Hülfe zu erleichtern und die kleinen Geschwister, besonders Lieschen, unter meine besondere Aufsicht zu nehmen. Papa hatte seit Kurzem einen Hauslehrer engagirt, welcher die Knaben in Zucht hielt und unterrichtete, und bei ihm nahm auch Hannchen ihre Stunden. Nun sollte auch ich noch seine Schülerin werden, da er sich erbot, mir in Sprachen und Musik einige Nachhülfe zu ertheilen. Natürlich nahm ich dies mit Dank an, und so lag denn ein stilles, schönes, glückliches Leben vor mir, voll Thätigkeit und Freude im Kreise meiner Lieben, und die Erinnerung an die vergangenen Tage in Berlin schmückte dieses Stillleben mit freundlichem Glanze. Ein eifriger Briefwechsel verband mich außerdem mit den fernen Freunden; denn sowohl die Tante als Marie schrieben mir lange, ausführliche Briefe, welche mich von allem unterrichteten, was sich in ihrem Kreise zutrug. Eugenie schrieb seltener, denn Briefschreiben war nicht ihre Sache, das wußte ich wohl; um so dankbarer nahm ich deshalb aber ihre heiteren, neckischen Briefchen auf, welche, wie die anderen Lebenszeichen meiner Lieben, immer großen Jubel erregten. Mit welcher Ungeduld erwartete ich stets den Boten, der drei Mal wöchentlich unsere Postmappe mit Zeitungen und Briefen aus der nächsten Stadt brachte! Stundenweit lief ich ihm oft entgegen, wenn ich auf Nachricht von Tante Ulrike oder Marie hoffte, und die Erfüllung dieser Erwartungen war der größte Festtag für mich.

Eines Tages aber kam eine sehr traurige Nachricht, welche mich tief bewegte. Tante Ulrike hatte mir schon einige Male mitgetheilt, daß Eugeniens Mutter sehr leidend zu sein scheine. Ihren versprochenen Besuch auf Schloß Senftenburg hatte sie aufgeben müssen, und Eugenie war deshalb mit dem Baron zu ihr gereist, um ihr den geliebten Gatten vorzustellen. Sie hatte die lebenslustige Frau sehr verändert gefunden, zwar immer noch voll Interesse für alle Eitelkeiten des Lebens, aber doch viel theilnahmloser und matter als früher, und von einer Weichheit des Gemüthes und einer Sehnsucht nach theilnehmender Umgebung, daß Eugenie in ihrer Herzensgüte sich kaum von ihr trennen konnte. In Folge ihrer Mittheilung kehrte Herr von Jagow augenblicklich zu seiner Gattin zurück, kam aber nur eben zur rechten Zeit, um der schwer Erkrankten ihre letzten Lebenstage zu verschönen. Ein schleichendes Fieber, das jetzt mit aller Macht ausgebrochen, setzte ihrem Leben ein Ziel; aber was die gesunde, lebensfrische Frau nie erkannt hatte, das empfand jetzt die Sterbende voll bitterster Reue. Ihr letztes Wort an ihren Gatten war eine Bitte um Vergebung des Leides, das sie ihm angethan, ihr letzter Blick ein Dank für seine treue, unverdiente Liebe.

So hatte denn der Tod dieses Leben geendet, das so wenig im Stande gewesen, Glück und Segen um sich zu verbreiten! Eugenie betrauerte die Mutter aufrichtig, denn ihr gutes Herz hing an derselben trotz aller Fehler und Schwächen, welche sie besessen. Sie wußte ihren tief gebeugten Vater zu bestimmen, die erste Trauerzeit in ihrem Hause zu verleben, und die Liebe seiner Kinder war der schönste Ersatz für alle Leiden und Entbehrungen, welche diesen edlen Mann so schwer getroffen. Ueber seine fernere Zukunft war er für den Augenblick noch unentschlossen; doch durch einen Brief Eugeniens erfuhr ich, daß ihres Vaters innigster Wunsch dahin gehe, Tante Ulrike zu bestimmen, mit ihm zusammen zu ziehen, wodurch sein einsames Leben wieder Reiz erhalten, und das so lange entbehrte Glück einer stillen Häuslichkeit ihm sein Alter versüßen würde. Ich zweifelte keinen Augenblick daran, daß Tante Ulrike, welche von jeher mit besonderer Liebe an dem einzigen Bruder ihres Gatten gehangen, den Wunsch desselben erfüllen werde; auch ihr Leben erhielt dadurch neue Bedeutung, ihre Thätigkeit einen so passenden Wirkungskreis. Freilich mußte sie alsdann Berlin verlassen, wo sie so lange Jahre gelebt, denn Herr von Jagow kehrte jetzt wieder in seine Stellung nach Braunschweig zurück; aber diese edle, allgemein verehrte Frau verstand ohne Zweifel, sich überall eine schöne Heimath zu schaffen; an ihr mußten sich die Worte Schillers bewähren, welche er in der Huldigung der Künste seinem Genius auf die Lippen gelegt, als die junge Erbprinzessin von Weimar aus ihrer russischen Heimath in deutsche Erde verpflanzt wurde, gleich jenem fremden, blühenden Baum, den die Landleute pflanzten:

Ein schönes Herz hat bald sich heim gefunden,
Es schafft sich selbst, still wirkend, seine Welt.
Und, wie der Baum sich in die Erde schlingt
Mit seiner Wurzeln Kraft, und fest sich kettet,
So rankt das Edle sich, das Treffliche,
Mit seinen Thaten an das Leben an.
Schnell knüpfen sich der Liebe zarte Bande,
Wo man beglückt, ist man im Vaterlande.

Und sie beglückte immer und überall, die beste der Frauen; ihr ganzes Leben war eine Kette steter Opfer und Liebesbeweise, welche sie ihren Mitmenschen darbrachte, wie sollte sie da nicht auch jetzt Segen in das Haus bringen, das sie zur Heimath erwählte! Eugenie war glücklich in diesen Plänen und Hoffnungen und ich mit ihr, denn wie sehr all' meine Interessen mit denen meiner Lieben in Berlin verknüpft waren, das sah ich erst ganz, nachdem ich von ihnen geschieden.

22.
Nachtrag.

Ein ganzes Jahr war vergangen seit dem Tage meiner Heimkehr in das Vaterhaus, da schaute die Sonne eines Morgens mit ganz besonderem Glanze in das Fenster meines Stübchens im Giebel. Es war noch sehr früh, der kühle Herbstmorgen braute weißlich graue Nebel über den Wiesen; auf dem bunten Laube der Bäume, das die Wege im Garten schon reichlich deckte, blitzte der feuchte Thau, und einzelne Blätter trug der Wind bis zu meinem Fenster empor, aus dem ich still sinnend meine Blicke in die Ferne hinaus schweifen ließ. Auf dem Dorfe lag noch Ruhe und Schlaf, nur über mir im Storchnest wurde es lebendig; die Alten klapperten ihrer kleinen Gesellschaft den Morgengruß zu, und bald begannen sie die Jungen im Fliegen zu unterrichten, denn die Zeit ihrer Abreise war nahe, und wehe dem Storche, der dann den langen Flug über das weite Weltmeer nicht aushalten kann: unbarmherzig wird er von seinen Gefährten getödtet, da er ihnen auf der Reise nur hinderlich ist. Weit über die Häuser des Dorfes schwebten sie hinweg und ihr weißes Gefieder glänzte im Sonnenschein. Jetzt tönte auch das Morgenlied der Lerche an mein Ohr; hoch in den blauen Aether schwirrte sie hinauf, und aus den gelben Stoppelfeldern, aus denen sie aufstieg, flatterte zu gleicher Zeit ein Volk Rebhühner kreischend empor.

Ruhe und Frieden, welche über der ganzen schönen Gotteswelt lagen, erfüllten auch meine Seele, und mit dankbar frohem Herzen blickte ich auf zu dem Vater dort oben und bat um Seinen ferneren Schutz und Segen, dessen ich in der vor mir liegenden Zeit doppelt bedurfte. Da legten sich zwei Arme um meinen Hals und zwei hellblaue sanfte Augen blickten mir liebevoll in das Gesicht.

»Guten Morgen, meine Grete! Gott segne dich!« sagte eine sanfte Stimme, und weiche Lippen drückten sich auf die meinen.

»Wie, du schon wach, Marie?« rief ich erstaunt, und blickte der Freundin in das rosig frische Gesicht; denn sie war es, die mich begrüßte, meine liebe theure Marie.

»Ich hatte auch keine Ruhe mehr in den Federn!« entgegnete sie heiter. »Die Freude raubt den Schlaf gerade wie der Schmerz. Uebrigens ist es auch gut, daß ich zeitig aufstehe, wir haben heute noch gar viel zu besorgen. Ich werde mir Hannchen wecken und mit ihr den Garten plündern. Viel Blumen giebt es freilich nicht mehr, aber etwas wird der Herbst uns schon noch liefern. Im Nothfall nehmen wir buntes Laub statt der Blumen, für Guirlanden ist alles zu gebrauchen.«

Bald sah ich die beiden hübschen Blondinen, Marie und Schwester Hannchen, in ihren hellen Morgenkleidern durch den Garten schlüpfen, und wie Bienen von Blume zu Blume schwebend zwischen den Bäumen verschwinden. Ueberall wurde es nun lebendig. Von allen Seiten ertönte der gleichmäßige Schlag der Drescher rings im Dorfe, Hunde bellten, kleine Kinder trippelten halb angekleidet aus den Thüren, Fenster wurden geöffnet, feiner Rauch wirbelte aus den Schornsteinen empor, Stimmen erklangen nah und fern, und die Frühglocke läutete. Nun duldete es auch mich nicht länger im Zimmer; eben wollte ich den jungen Mädchen in den Garten nacheilen, da öffnete sich unter mir ein Fenster, und eine fröhliche Kinderstimme krähte in die Morgenluft hinein. Wie ein Pfeil schoß ich die Treppe hinab, dem Stimmchen nach. An dem offenen Fenster stand eine schöne stattliche Amme in fremdartiger Tracht, und aus ihrem Arme tanzte ein prachtvoller dicker Knabe von nur wenig Monaten, und streckte mir krähend seine runden Arme aus den fein gestickten weißen Hemdchen entgegen. Ich kletterte außen an dem Fenster hinauf, küßte den Engelsjungen und ließ meine Blicke durch das Fenster schweifen. Im Hintergrunde desselben lag eine bildschöne junge Frau im Bette und nickte mir freundlich zu. »Guten Morgen, Eugenie, du kleiner Faulpelz!« rief ich grüßend. »Dein Sohn artet nicht nach dir, der ist schon frühzeitig munter!«

»Das weiß der liebe Himmel!« sagte die junge Frau, sich dehnend. »Der kleine Quälgeist wacht mit der Sonne auf wie ein echter Bauerjunge.«

»Das macht, weil er bei deinem Gänseblümchen, der Bauerdirne, in Kost und Wohnung ist,« lachte ich neckend. »Schöne Anlagen das zu einem jungen Baron!«

»Ein abscheulicher Bengel, ein wahrer Backfisch in Jungengestalt!« rief Eugenie. »Und auf den ist der Herr Papa so stolz, wie ich mein Lebtag noch keinen Menschen gesehen habe. Mich wundert nur, daß er sich für acht Tage von ihm trennen konnte. Ob ich fortging, das hatte gar keine Bedeutung, da hieß es: »Du bist es Gretchen schuldig, hast es ihr längst schon versprochen; ich werde auch kommen, sobald die nöthigsten Arbeiten besorgt sind, es soll ja nur eine kurze Trennung sein u. s. w.« Aber der Junge, daß er den ein paar Tage entbehren sollte, war das ein Unglück! O es ist zum Davonlaufen mit solchem Bären von einem Manne!«

»Nun du bist ihm ja auch davon gelaufen,« rief ich voll Ergötzen und schwang mich auf das Fensterbret, um mit dem Kleinen zu tändeln. Eugenie war indessen aufgestanden und trat nun zu uns, und die stolze Mutterliebe, mit dem sie ihren Knaben auf den Arm nahm, konnte unmöglich von der Zärtlichkeit des Papa's übertroffen werden, so sehr die junge Frau auch über dessen Vaterstolz schalt. Es war ein reizendes Bild, die schöne Mutter mit dem blühenden Knaben im Arm, Beide in feine weiße Morgenkleider gehüllt; neben ihnen die stattliche Amme in ihrer fremden Tracht, und zur Seite die grünen Zweige eines Akazienbaumes, durch welche einzelne Sonnenstrahlen hindurch fielen.

Aber lange blieben wir nicht allein. Bald ging die Hausthür auf, und meine jüngeren Geschwister, »die Rotte Korah«, wie Eugenie sie nannte, stürmten heraus. Ich sprang von meinem Fenstersitz herab, und das war gut, sonst hätten mich die kleinen Feuergeister herunter gerissen, so fuhren sie alle auf mich los.

»Frischen Kuchen, Gretel! Frischen Kuchen, komm geschwind!« riefen sie durcheinander.

»Sechs große Napfkuchen, zehn Zuckerkuchen mit Rosinen, drei Streußelkuchen, acht Pflaumenkuchen, und noch viel mehr, komm doch nur, im Backhause kannst du alles sehen!«

»Und der Gärtner schneidet die letzten Weintrauben vom Spalier, und wir sollen die Birnbäume schütteln und die Pflaumenbäume, – und Kathrine schlachtet die fettsten Truthähne, – und Herr Candidat Reier macht mit dem Kutscher im Garten das Feuerwerk zurecht, und wir sollen die bunten Ballons an die Bäume hängen!« so rief und jubelte es durch einander, daß man kaum ein Wort deutlich verstehen konnte. Es half nichts, ich mußte mit ihnen kommen und alles mit ansehen, wovon sie erzählten. Bald zogen sie mich unter die Obstbäume im Grasgarten, bald zu den Hühnern und Tauben auf dem Hofe; hier mußte ich die süßen Trauben kosten, die der Gärtner mir reichte, dort wieder den köstlichen Duft des frischen Kuchens einathmen, der in großer Menge aufgehäuft lag. Ueberall war Leben und Geschäftigkeit, und überall schwirrten die lebhaften Kinder umher, die natürlich Jedermann im Wege waren und von Einem zum Andern liefen, um zu fragen, ob sie etwas helfen könnten.

»Kommt, wir wollen mit Marie und Hannchen Kränze winden!« rief ich endlich, um Mama von der lästigen kleinen Bande zu befreien. Im Jubel zogen wir denn Alle nach der Weinlaube im Blumengarten, wo wir die beiden jungen Mädchen mitten unter bunten Guirlanden und Blumen geschäftig fanden. Sobald sie mich erblickten, kamen sie freudig auf mich zu, und Marie setzte mir einen wunderschönen Kranz von kleinen rothen Astern auf den Kopf, so sehr ich mich auch dagegen sträubte. »Rosen giebt's nicht mehr genug, so müssen wir Hülfstruppen suchen, um dich zu krönen,« sagte sie, indem sie mich küßte. »Du bist heute die Königin des Festes und mußt eine Krone tragen, damit alle Welt dich kennt und dir huldigt.«

»Morgen ist ja erst der Hauptfesttag, heute darf ich doch noch keinen Kranz tragen!« rief ich freudig erröthend.

»Nein, nein, morgen thun es keine solch gewöhnlichen Blumen, da muß das uns Jungfrauen geheiligte grüne Reis dieses schwarze Haar zieren,« sagte Marie pathetisch und umarmte mich von Neuem. »O meine Grete,« fuhr sie weich und zärtlich fort, »wie freue ich mich, daß ich diesen Tag mit dir erleben kann!«

Mir schossen die Thränen in die Augen, und ich hielt die Freundin meines Herzens umschlungen.

»Guten Morgen, meine Damen!« ertönte jetzt eine klangvolle Männerstimme neben uns, und aufsehend erblickten wir unseren lieben Freund und Nachbar, den jungen Pfarrer Baumhard, an unserer Seite. Herzlich erfreut reichte ich ihm die Hand zum Gruß, und plaudernd gingen wir drei eine Weile im Garten umher. Doch bald wurde ich abgerufen und ließ Marie bei unserem Gast allein zurück, meine Wiederkehr erwartend. Ich wurde länger aufgehalten, als ich gedacht und meinte den Pfarrer nicht mehr zu treffen; aber als ich einen der dunkeln Lindengänge hinauf schritt, fand ich die Beiden neben einander auf einer Bank sitzend, Mariens liebes Gesicht von dunkler Gluth überzogen, und den Pfarrer mit freudig strahlenden Augen. Ein einziges Wort unseres Freundes sagte mir alles. Lange schon hatte ich die keimende Liebe dieser Beiden bemerkt; heute am Vorabende meines eigenen Hochzeittages hatte Marie sich dem braven Manne verlobt.

»Aber bitte, Fräulein Gretchen, schweigen Sie noch bis morgen,« bat der Prediger. »Ich hätte selbst meine Erklärung gegen meine geliebte Marie verzögern sollen, bis der morgende Tag vorüber war; aber ich konnte es nicht länger ertragen, über mein Geschick in Ungewißheit zu sein, morgen besonders, wo ich den Liebesbund von Marie's treuester Freundin einsegnen soll. Aber da ich nun Gewißheit habe, daß auch ich glücklich werden soll, ist alles klar und gut in mir, und ich habe Ruhe und Sammlung im Gemüth. Morgen, nachdem ich Sie eingesegnet, theure Freundin, mag die Welt auch von unserem Bunde erfahren!«

Der stille, innigste Wunsch meines Herzens war erfüllt, Marie sollte die Gattin des Mannes werden, den wir Alle so unbeschreiblich verehrten, seit er vor zwei Jahren unser Pfarrer geworden. Marie liebte ihn vom ersten Tage an, das wußte ich, und jede Stunde ihres Aufenthaltes bei uns gab ihrer Liebe neue Nahrung, denn Pastor Baumhard war unser täglicher Gast, unser vertrautester Hausfreund. Aber Woche um Woche verging, Marie war schon fast zwei Monate bei uns, und immer noch erfolgte keine Verlobung, obwohl der Pfarrer Marien entschieden auszeichnete. Doch Marie war das blödeste, schüchternste Mädchen ihm gegenüber, ich begriff sie nicht, und so war es auch ihrem Verehrer gegangen, bis dieser endlich gewaltsam die Pforte ihres Herzens erbrach, die ihm Einsicht gab in das Paradies seiner Zukunft. Nun war alles gut, nun konnte auch ich den kommenden Festtag ruhig erwarten.

Ja, meine lieben Freundinnen, es war wirklich mein Hochzeittag, zu dem diese Vorbereitungen alle getroffen wurden. Schon fast ein Jahr lang war das einstige Backfischchen eine glückliche Braut, und stand nun am Ziele aller Wünsche und Hoffnungen. Und wer war der Bräutigam? Solltet ihr das nicht längst errathen haben? Ihr dachtet vielleicht sogar früher als ich selbst daran, während ihr die vorhergehenden Blätter gelesen. Ach mein junges Herz barg freilich wohl lange schon Gefühle in sich, welche diesem Ziele zustrebten, aber ich war über dieselben so völlig im Unklaren, daß ich durchaus gar nicht wußte, was mir nur fehle, seit ich wieder in das Elternhaus zurückgekehrt war. Diese unaussprechliche Sehnsucht nach allem, was mit Berlin in Zusammenhang stand, dieses krankhafte Verlangen nach Nachricht von dorther, dieses ewige Unbehagen bei allem, was ich dachte und arbeitete, quälte mich unbeschreiblich. War ich nicht grenzenlos undankbar für all' das Gute und Schöne, das mich jetzt im Vaterhause wieder umgab, und das mich so wenig befriedigen konnte? Ich machte mir unaufhörlich die bittersten Vorwürfe darüber, vergrub mich mit leidenschaftlicher Heftigkeit in alle möglichen Arbeiten, um meine Gedanken zu zwingen, trieb mit Hannchen Französisch und Englisch, musicirte mit Herrn Reier, half Mama in Küche und Wirthschaft, spielte mit den kleinen Geschwistern selbst wie ein Kind, – es war alles umsonst! Immer wieder ertappte ich mich beim trüben, unklaren Dahinbrüten, und alle Lust und Freudigkeit schien mir entfliehen zu wollen.

So waren die ersten beiden Monate verstrichen, seit ich wieder in die Heimath zurückkehrte. Da kam eines Tages ein Brief an mich – ein Brief von einem Freunde aus Berlin – und wenige Tage darauf der Schreiber selbst. O nun wurde mit einem Male alles anders! Wie Schuppen fiel es von meinen Augen; jetzt wußte ich, was mir gefehlt, was meine leidenschaftliche Sehnsucht bedeutete. Wie helles Morgenroth leuchtete es empor an dem trüben Himmel, der mich umgeben, die Sonne des Glückes und ungeahnter Freude ging meinem jungen Leben auf! Ich war Braut, Braut des Mannes, der mir der Herrlichste schien von allen Männern, die ich je gesehen, der mir nun sagte, daß er mich liebe, seit jenem Augenblicke liebe, wo ich ihm so unbefangen kindlich entgegen getreten, und der seitdem keinen anderen Wunsch mehr gehabt, als mich zu erwerben. O welch' namenloses Glück kann doch ein kleines Menschenherz umfassen! Welch' namenloses Glück barg jetzt mein liebes trautes Vaterhaus!

Und nun war der Tag erschienen, der mich ganz glücklich machen, mich ganz mit dem vereinen sollte, außer welchem es für mich keine Freude mehr auf der Welt gab. Alle meine Freunde hatten mir versprochen, zu dem Feste zu kommen. Marie war schon wochenlang bei uns, ihre Eltern und Eduard wurden erwartet, Eugenie hatte sich mit ihrem Prachtsöhnchen aufgemacht, mir ihren Antheil zu beweisen, ihren Gatten, ihren Vater und vor allem Tante Ulrike erwarteten wir heute, und wer fehlte nun noch?

Die Wagen rollten durch das Dorf, die Hunde bellten, die Dorfjugend jubelte, und die Kutscher verkündeten mit der Peitsche knallend ihre Ankunft. War das ein Leben unter den Linden vor unserem Hause! Papa und Mama flogen Tante Ulrike an das Herz, Marie wanderte aus einem Arm in den andern, Eugenie versank vollständig bald in dem weiten Reisemantel ihres Vaters, bald in des Barons Armen, der Frau, Kind und Amme zu gleicher Zeit umschlang und sich umherspringend geberdete wie ein toller Junge, trotz seines noch immer etwas steifen Fußes. Und ich? Ja ich habe das alles eigentlich nur vom Hörensagen, denn ich sah nichts über mir als zwei blaue Augen, darin der ganze Himmel wohnte, und wurde von zwei Armen so fest umschlungen, daß ich von der ganzen übrigen Welt nichts sehen und hören konnte. – Wie? Waren denn wieder Zigeuner in der Nähe, daß ich mich so stürmisch an diese Brust flüchtete?

»Onkel Hausmann, Lieschen will auch guten Tag sagen,« rief es jetzt neben uns, und mein kleines Schwesterchen drückte ihren braunen Lockenkopf an die Knie dessen, der mich gar nicht wieder los zu lassen Miene machte.

»Guten Morgen, meine liebe kleine Schwägerin!« rief der Angeredete nun fröhlich, indem er mich frei gab und Lieschen zu sich emporhob. Jetzt drängten sich auch die Knaben herbei, den Schwager zu begrüßen, auf den die kleinen Burschen sehr stolz waren; Vater und Mutter hießen den geliebten Schwiegersohn willkommen, aber ich fand kaum Blicke und Worte genug zur Begrüßung der vielen lieben Gäste, welche mir alle so warme Glückwünsche entgegen brachten.

Unser liebes altes Wohnhaus war gewiß sehr verwundert über die vielen Fremden, die es in seinen Mauern aufnehmen mußte; aber es blickte so stolz und stattlich durch die alten Lindenbäume hernieder, als wisse es die Ehre zu würdigen, die ihm wurde, und die Störche auf dem Giebel klapperten lustig ein lautes Willkommen. Von allen Seiten fuhren jetzt noch liebe Freunde, Verwandte und Nachbarn herbei, welche das Fest mit uns begehen wollten, und in den schattigen Gängen des Parkes, wie in Haus und Hof schwirrte es lustig durcheinander. Ein herrlich warmer Herbsttag gestattete uns den Aufenthalt im Freien, und so ließ Papa auf dem Platze unter den Linden die Mittags- und Abendtafeln für alle die aufschlagen, welche drinnen im Hause keinen Raum mehr fanden. Es war ein fröhliches Treiben, und Lust und Freude belebte alle Gemüther; ich aber war die Glücklichste von allen, und wenn auch meine Lippen nicht aussprechen konnten, was mein Herz so unnennbar beseeligte, in meinen Augen stand es sicher deutlich geschrieben, denn diese Augen sahen nur eins, und das war der Geliebte meiner Seele, Theodor Hausmann.

Den Abend dieses freundlichen Festes beschloß ein prächtiges Feuerwerk, das Herr Reier im Garten abbrannte. Den Schluß desselben bildete ein höchst ergötzliches Transparent, das sich auf meinen Aufenthalt in Berlin bezog, und dessen Urheber die gottlose Eugenie gewesen. Rings um das Mittelbild gruppirten sich kleinere Scenen. Da war denn z. B. Backfischchens erste Reise dargestellt, aus nichts bestehend als aus einem Haufen Schachteln, Packeten und Kisten, über denen hoch oben ein Mädchenkopf schwebte. Ferner Backfischchen in großer Bedrängniß, die Scene bei Geh. Rath Delius, wo ich hoch aufgeschürzt mit triefendem Schirm und zerrissenen Handschuhen Amanda gegenüber auf der Stuhlecke schwebe, und dicke Schweißtropfen von Stirn und Regenschirm auf den Fußboden rollen. Dann die Straßenscene, in der ich Marie um den Hals fliege, indeß ein daneben stehender Stutzer seine Arme verlangend nach uns ausstreckt. Dann vor allem Backfischchens erstes Rencontre mit dem Freunde: unser trauliches Gespräch in jener Gesellschaft, belauscht von umstehenden Gästen, in der Ferne Tante Ulrike, die sich verzweiflungsvoll das Haar rauft. Natürlich auch Backfischchen im Ballfieber, wie sie eben im Begriff ist, Tante Ulrike in die Kleidertasche zu kriechen, später dann die Ueberreichung des Cotillonordens an »den Freund«, alles war dargestellt. So ging es fort. Unzählige kleine peinliche Momente, die ich während meines Aufenthaltes in Berlin zu bestehen hatte, gab die lose Eugenie in posirlicher Darstellung zur Schau, und Eduard, als würdiger Bänkelsänger, erklärte in köstlichen Reimen dem Publikum die Bilder zu dieser wunderbaren Geschichte. Die Hauptsache aber war das Mittelbild, betitelt: »Beelzebubs Meisterstück, eine schreckliche Mordgeschichte, zur Warnung für alle Backfischchen.« Ein Trupp wilder Teufelchen, als Zigeuner gekleidet, stürzt, Keulen, Knüttel und andere Waffen schwingend, aus dem Gebüsch hervor, gerade auf ein junges Mädchen los. Dieses aber fliegt mit ausgebreiteten Armen einer Gestalt entgegen, welche soeben auf einer Wolke zu ihr hernieder schwebt, und die zwar mit Flügeln und einem Strahlenkranze versehen ist, wie man die Engel darstellt, deren Pferdefuß aber und kleine Bockshörnchen nichts weniger als einen Engel vermuthen lassen. Er trägt die Züge Th. Hausmanns, und streckt der Flehenden die Arme entgegen, um sie in sein Reich zu entführen, das hinter ihm als höllisches Feuer lodert. Der Schluß dieses Wunderwerks lautete dazu: