8. Kapitel.
Freunde werden zu Feinden und Feinde zu Freunden!

Der schweren Nacht folgte ein grauer, trüber Morgen, an dem die Schneewolken fast bis auf die Dächer der Häuser herabhingen. An diesem Morgen sprach Pfarrer Flemming mit seinem Sohne, er versuchte es vergebens, von diesem Verständnis für seine Handlung zu erlangen. Der Knabe stand trotzig vor ihm, und er sagte dem Vater, was er von Hans-Heinrich erfahren hatte. Er sah wohl den Schmerz in den Zügen des geliebten Vaters, er sah diesen leiden, wie gern hätte er, wie sonst, die teure Hand geküßt, aber hatte diese Hand nicht den Feinden die Tür geöffnet – in verstocktem Schweigen wandte er sich ab.

Und als er wieder draußen stand, da wäre er am liebsten umgekehrt und hätte sich an des Vaters Brust geworfen, denn immer lauter wurde die Stimme in ihm, die rief: »Dein Vater handelte, wie er handeln mußte.«

Auf der Treppe begegnete er Luise. Die blieb stehen und sagte bittend: »Walter, sag' doch den Eltern ein gutes Wort! Schäme dich doch, wie kannst du so sein!«

In neu erwachtem Trotz rief er heftig: »Sei still, Mädchen verstehen solche Sachen nicht!«

Doch Luise ließ sich nicht einschüchtern. »Gerade verstehe ich es,« sagte sie ein bißchen hochmütig. »Ich verstehe, daß man Menschen nicht einfach draußen im Frost umkommen läßt, und ich verstehe, daß unsere Eltern die allerbesten, allergütigsten Menschen auf der Welt sind, und daß du – du – ein – dummer Junge bist.« Weg war Luise, und Walter stand allein mit seinem Zorn, seiner Empörung und der immer lauter mahnenden Stimme in seiner Brust.

Luise ging etwas niedergeschlagen zu ihrer Mutter, da war ihr nun mal wieder die Zunge ausgerutscht, und sie hatte es doch gerade gut machen wollen, hatte Friedensengel sein wollen, ach, es war doch recht schwer, immer bedacht und richtig zu handeln!

Gegen Mittag ging Pfarrer Flemming in das Herrenhaus. Frau von Seeheim hatte am Morgen geschickt und die Stunden der Kinder absagen lassen, kein Wort hatte sie hinzugefügt, keinen Gruß gesandt. Als der Geistliche auf den Hof kam, waren die Grüße, die die Leute ihm zollten, kurz, fast verlegen, die Ehrerbietung, die man ihm sonst entgegengebracht hatte, fehlte. Im Flur traf er Renate, die küßte wie sonst seine Hand, aber als er nach Frau von Seeheim fragte, stieg tiefes Rot in das zarte Gesicht des Mädchens, und sie senkte wie schuldbewußt das Köpfchen, als sie dem geliebten Lehrer antwortete: »Frau Tante ist nicht zu sprechen!«

Zurückgewiesen! An der Schwelle des Hauses, in das er so oft als Freund gekommen war, als Tröster in schweren Stunden, da der Tod darinnen weilte, und nun? Sein Herz krampfte sich in Bitterkeit zusammen, ein herbes Wort schwebte ihm auf den Lippen, er rang mit sich, aber es gelang ihm, sich zu beherrschen. Stolz richtete er sich auf, »so grüße deine Tante, mein Kind,« sagte er, »und behüte dich Gott!« Seine Stimme zitterte ein wenig, einige Augenblicke ruhte seine Hand auf Renates Haupt, dann schritt er ruhig, hochaufgerichtet aus dem Hause, kein Gedemütigter, ein Sieger.

In ihrem Zimmer ging indessen Frau Friederike rastlos auf und nieder. Sie hörte die Stimme des Pfarrers, sie hörte seinen verhallenden Schritt, und sie schämte sich ihres Tuns. Wie klein, wie feige war sie doch gewesen, weil im innersten Herzen ihre harte Tat, ihre vorschnellen Worte sie reuten, hatte sie es nicht gewagt, dem Manne in die Augen zu sehen. Nun ging er, und in dieser Stunde empfand die Frau erst, wie groß die Freundschaft gewesen war, die der Pfarrer und seine Frau ihr dargebracht hatten. Alle die Stunden wurden in ihr lebendig, in denen sie an den beiden gütigen Menschen einen Halt gehabt hatte. Tag und Nacht war die Freundin in allen schweren Stunden bei ihr geblieben, und der Pfarrer war es gewesen, der ihren sterbenden Sohn heimgeleitet hatte. Dennoch fand sie den Weg in das Pfarrhaus nicht, ein falscher Stolz hielt sie zurück, dem Zuge ihres Herzens zu folgen.

Es war ein Leidensweg, den Pfarrer Flemming an diesem Morgen unternahm. Nur finstere, scheue Blicke trafen ihn, kein Händedruck, kein zutrauliches, freundliches Wort wie sonst, nur kurze, mürrische Grüße wurden ihm zuteil. Die Kinder freilich, die kamen und begrüßten ihn so fröhlich wie immer, und niemand verwehrte es ihnen. Und die alte Frau Ragnit, die seit Jahr und Tag ihr Bett nicht mehr verlassen konnte, freute sich auch wie sonst über den Besuch des Pfarrers. Der saß eine Weile bei ihr, sprach freundlich mit ihr von vergangenen Tagen, und als er ging, sagte die alte Frau schlicht: »Herr Pfarrer, rechte Liebe und rechtes Vertrauen kann mal ein bißchen getrübt werden, vergehen tut's aber nicht.«

Der Pfarrer schüttelte ihr die Hand, das gute Wort tat ihm wohl. Draußen traf er dann den Stellmacher Stasiu Wietak, der begrüßte ihn voll Demut, während ein Lachen auf seinem Gesicht lag. Dieser Gruß tat dem Pfarrer weh, denn er wußte, es war nur Schadenfreude. In schmerzliches Sinnen verloren ging er weiter, ging auf der Landstraße hin dem nahen Walde zu.

Zwanzig Jahre hatte er in Kloningken gewirkt, zwanzig Jahre in frohen Stunden und in sorgenvollen Tagen in gleicher Freudigkeit und Treue seinen Beruf erfüllt, und nun vermochte eine einzige Handlung, zu der ihn seine Christenpflicht gedrängt hatte, dieses Band zu zerreißen. Der bitterste Tropfen in diesem Kelch aber war doch, daß der eigene Sohn sein Tun nicht verstand.

Als Pfarrer Flemming wieder die Schwelle seines Hauses überschritt, da stand Luise mit dem kleinen Fritz an der Tür, und mit einem Jubelruf eilten beide dem Heimkehrenden entgegen. Frau Charlotte, die wohl ahnte, daß es ein schwerer Gang sein würde, den ihr Mann gegangen war, hatte zu Luise gesagt, sie solle dem Vater entgegengehen.

Diese nahm den kleinen Bruder zur Hand und sagte, die Mutter verstehend: »Komm, Fritzchen, wir wollen Vater empfangen und ihn recht, recht lieb haben, wenn er heimkommt!«

Aufatmend schloß der Pfarrer seine Kinder in die Arme, und Hand in Hand ging er mit ihnen in das Haus, wo die Mutter sie schon erwartete.

»Charlotte, mein treues Weib,« rief er mit bewegter Stimme, »in dieser Stunde bin ich arm geworden, und doch, welchen Reichtum hat mein Heiland mir gelassen!« Mit klaren Augen trat er dann an die Betten der Kranken, liebevoll verband er frisch ihre Wunden, die sollten es nie fühlen, was er um ihretwillen zu leiden hatte.

Die Tage gingen. Im Pfarrhaus schlichen sie trübe dahin; die beiden Kranken lagen noch immer schwer danieder und der ältere von beiden wurde von Tag zu Tag schwächer. Einen Arzt zu erlangen war nicht möglich gewesen, die Wege waren verschneit und der alte Wundarzt im nahen Städtchen unternahm nicht mehr solche beschwerlichen Fahrten. Der Pfarrer mußte daher allein, so gut er konnte, die Behandlung führen. Der jüngere Kranke war zwar unendlich schwach, aber seine Wunden begannen zu heilen und sein Geist war klar. Einmal, als der Geistliche an sein Bett trat, sah er ihn lange forschend an und sagte dann mit matter Stimme:

»Haben wir uns nicht schon gesehen?«

Prüfend blickte der Pfarrer in das junge abgezehrte Gesicht; wo war er nur diesem Mann schon begegnet?

Da sagte der junge Mann leise: »Im Sommer, als wir nach Rußland zogen, kamen wir in ein Gutshaus, da waren Kinder, mit denen ich sprechen wollte, ein schwarzlockiger Knabe antwortete mir so trotzig und mutig, ich habe die Szene nicht vergessen.«

»Mein Sohn war es und drüben im Herrenhaus geschah es, jetzt erinnere ich mich.« Er sah erschüttert auf den Kranken nieder, dieser elende, sieche Mensch war jener stattliche, blühende Offizier. »Sie haben schwere Tage hinter sich,« sprach er mitleidig.

»Schwer, nein, grauenvoll, furchtbar, o mein Gott, was habe ich gesehen und was gelitten,« rief der junge Offizier. »Wenn jener nicht gewesen wäre,« er deutete auf seinen Nachbar, »ich läge heute auch erfroren auf Rußlands Eisfeldern, dieser aber war ein guter Kamerad, er half mir vorwärts, er war zäher als ich.« Und halblaut, in schmerzlichem Erinnern sprach er weiter:

»Frierend, hungernd, so sind wir die Straße heimwärts gezogen, wir brauchten keinen Wegweiser, die Leichen unserer Kameraden, die niedergebrannten Dörfer zeigten uns den Weg. Als wir auszogen, waren wir eine große glänzende Armee, und zurückgekehrt sind wir als ein Häuflein elender, zerlumpter, verzweifelter Menschen. Keine Ordnung und Zucht herrschte mehr, wer sich zusammenfand, der ging zusammen, keiner wußte, wo sein Regiment war, wer noch davon lebte. Wir waren sechzig, die wir uns so zusammengefunden hatten, als wir über das Schlachtfeld von Smolensk zogen, vor Wilna waren wir noch zwölf, kaum wußten wir, wo die andern geblieben waren. Manchmal sah man einen Kameraden taumeln, niederfallen, und gleichgültig trotteten wir weiter, helfen konnten wir nicht, so zogen wir müde und stumpf unseres Weges. Manchmal lagerten wir uns am Abend, wenn wir das Glück hatten, Holz zu finden, um uns ein Feuer zu machen, und wenn wir beim Tagesgrauen aufstanden, da lagen wohl etliche Kameraden erfroren da.« Er schöpfte einige Minuten Atem und starrte finster vor sich hin, dann fuhr er leise, müde fort:

»Zuletzt verloren Kapitän Gréville und ich die Richtung, ein furchtbares Schneegestöber trieb unser Häuflein auseinander, wir wanderten weiter und weiter, es war ein anderer Weg. Anfangs mieden wir noch die Dörfer, die wir liegen sahen, denn wir wußten, die Russen marterten die unseren erbarmungslos zu Tode. Zuletzt verloren wir in einem Walde den Weg vollständig, wir irrten planlos umher, es dämmerte schon, als wir einen Weg darin fanden, und an diesem – einen Wegweiser. Wir lasen deutsche Namen, und wir haben geweint wie Kinder vor Freude, unser Mut hob sich, und wir wanderten weiter, wie lange, ich weiß es nicht mehr. Ich war so erschöpft, daß ich nur noch taumelte, da sahen wir ein Licht, ich hörte Stimmen, und da verlosch das Licht wieder, ein anderes tauchte auf, dann verlor ich das Bewußtsein – als ich erwachte, war ich hier.«

Der Kranke sank erschöpft zurück, und ein Blick unendlicher Dankbarkeit traf den Pfarrer. »Hier ist es gut, ach so warm und still!« Als Frau Charlotte an sein Bett trat, faßte er nach ihrer Hand. »Ich habe daheim eine Mutter,« sagte er leise, »sie blieb in Trauer zurück, als ich fortzog, aber ich mußte ja mit, ich ein Deutscher,« und heiß rollten ihm die Tränen über die Wangen. Da schrie sein Nachbar auf: »Les Cosaques, les Cosaques!« und leiser, »mon camarade, frierst du?«

»Mein bester Freund, mein Retter war ein Franzose,« sagte der junge Offizier, die fieberheiße Hand des anderen in die seine nehmend.

Tag um Tag verging. Im Pfarrhaus war es viel stiller als sonst, denn von den Dorfbewohnern kam niemand, um sich dort Rat oder Hilfe zu erbitten. Der Pfarrer selbst ging, wie er es immer getan hatte, auch jetzt täglich zu einigen Kranken, die hießen ihn willkommen, an ihren Betten merkte er nichts von dem Groll, den man gegen ihn hegte. Freilich, wenn er durch die Dorfstraße ging, fühlte er, wie groß die Kluft geworden war, die ihn von seiner Gemeinde trennte.

Auch im Herrenhaus war es stiller als sonst. Frau Friederike ging stumm und finster einher, sie sprach nie von den Bewohnern des Pfarrhauses. Renate war bedrückt, und oft verrieten ihre roten Augenlider, daß sie geweint hatte. Hans-Heinrich aber zog es nach dem Pfarrhaus, und doch wollte er seine Mutter nicht kränken, die zwiespältige Stimmung machte auch ihn still und scheu, er blieb am liebsten allein auf seinem Zimmer. Seine Mutter empfand schmerzlich diesen Zwiespalt, und sie hatte doch nicht den Mut, offen ihre Schuld einzugestehen.

In diese trübe Stille hinein kam eines Tages der Freiherr Franz von Seeheim und brachte eine Kunde, die die Herzen höher schlagen ließ. General von York hatte am 30. Dezember mit den Russen einen Vertrag zu Tauroggen geschlossen, hieß der König ihn gut, so war er einer Kriegserklärung an Napoleon gleich. Kein Jubel wurde laut, aber wie ein Aufatmen ging es durch das preußische Land. Vom Herrenhaus zu Kloningken aus verbreitete sich die Kunde rasch im Dorfe, es war am Freitag in der Dämmerung, als Vogt Schwarze sie von Haus zu Haus trug, und bald standen die Leute zusammen und redeten von der kommenden Zeit.

Herr von Seeheim erfuhr auch von seiner Base die Tat des Pfarrers, »er hat recht gehandelt,« sagte er ruhig. Frau Friederike fuhr auf. »Du verteidigst also auch diese vaterlandslose Tat?« rief sie, und eine leise Angst klang in ihrer Stimme.

»Zwei verirrte, halbtote Flüchtlinge aufnehmen, ist Christenpflicht und keine vaterlandslose Tat; kannst den Pfarrer grüßen und ihm sagen, er hätte recht getan, liebste Base. Und nun gehab dich wohl, ich muß fort, so gern ich noch im Pfarrhause vorspräche und mir die Flüchtlinge anschaute,« sagte der Freiherr gelassen, dann ritt er davon. Hätte er geahnt, wie tief die Erbitterung gegen den Geistlichen war, er hätte sicher noch trotz aller Eile den Umweg gemacht und dem Flemmingschen Ehepaar einen Besuch abgestattet.

Im Dorf Kloningken aber wurde es lebhaft besprochen, daß auch der Freiherr von Seeheim diesmal nicht wie sonst im Pfarrhaus eingekehrt war. Man fand nur die Erklärung, daß auch der Schönheider Herr die Tat des Pfarrers verurteilte, und immer tiefer wurde die Erbitterung gegen diesen im Dorf. Als am Abend die Männer versammelt waren, da drängte sich Stasiu Wietak vor und rief:

»Seid ihr Männer, und duldet es, daß hergelaufenes französisches Gesindel Aufnahme im Dorf findet, wir brauchen es nicht zu dulden; wir haben das Recht, den Pfarrer zur Rede zu stellen. Laßt euch nicht von euern Weibern bereden, daß es eine gute Tat ist, Sünde ist es, sage ich. Seht die gnädige Frau, unsere Wohltäterin, an, sie ist auf unserer Seite, und der Schönheider Herr auch.«

»So mag die gnädige Frau sprechen,« sagte Franz Strobeck bedächtig, und einige Gutgesinnte stimmten ihm zu.

»Nein, einer von uns muß es sein, einer mag am Sonntag nach der Predigt aufstehen und Rechenschaft fordern. Dem Pfaffen muß es eingetränkt werden,« schrie Stasiu Wietak erbost.

Die andern schwiegen. Einzelne Stimmen wurden laut, die für den Pfarrer sprachen. Michael Ragnit schlug vor, zwei sollten in die Pfarrei gehen und mit dem Geistlichen sprechen, »er war immer gut und unser Freund,« ermahnte der Bauer.

Der Stellmacher aber erhob wieder seine Stimme; er sprach so lange und eindringlich, bis es ihm gelang, daß man ihn zum Sprecher wählte. Aber erst sollte er am nächsten Morgen im Herrenhaus fragen, ob die gnädige Frau einverstanden sei. Das versprach er, und er ging am nächsten Morgen wirklich hin und brachte die Einwilligung Frau von Seeheims. Daß er damit eine Lüge gesagt hatte, das erfuhren die Bauern erst, als der Sonntag längst vorbei war.