9. Kapitel.
Demoiselle Karoline sieht einen Geist.

Am gleichen Tage saß Renate in ihrem Zimmerchen. Das war so einfach, daß manches adlige Fräulein von heute wohl verwundert dreinschauen möchte, wenn man ihr zumutete, das Zimmer als das ihre zu betrachten. Das blütenweis überzogene Bett, ein einfacher Tisch, ein Stuhl und eine große buntgemalte Truhe bildeten die Einrichtung. Über dem Bett hingen in schmalem Goldrahmen zwei auf Elfenbein gemalte Bildchen, die Renates Eltern darstellten, darüber ein zierlich in bunten Farben ausgeführter, durch allerlei Blumen und Schnörkel verzierter Spruch: »Sei getreu bis in den Tod.« Dies Blatt stammte von ihrer Mutter, die noch kurz vor ihrem Tode die mühsame Arbeit vollendet hatte, sie bildete nun der Tochter größten Schatz.

Renate saß still, die Hände gefaltet, und sah durch das Fenster. Weit und weiß dehnte sich die Landschaft vor ihren Blicken aus, und der Wald, der sich rechts vom Gute hinzog, wirkte wie eine schwere, dunkle Wolke in der Ferne. Düster hoben sich die Häuser des Dorfes und die Wirtschaftsgebäude aus dem weißen Schneebett heraus, ein rötlicher Feuerschein schwebte über dem einen, dort war die Schmiede, und manchmal klangen die Schläge, die Franz Strobeck auf dem Amboß führte, bis zu dem einsamen Mädchen hin. Renate hörte nicht darauf. Ihre Gedanken gingen immer wieder schmerzlich und sehnsuchtsvoll den Weg vom Herrenhaus zum Pfarrhaus. Am Morgen hatte sie versucht, die Tante mit freundlichem Wort umzustimmen, und von ihr die Erlaubnis zu einem Besuch im Pfarrhaus zu erhalten, aber ihre Bitte war vergebens gewesen. Frau von Seeheim verharrte in ihrem Groll. Sie schämte sich, ihr Unrecht einzugestehen, schämte sich, den treuen Freunden die Hand zu reichen und zu sagen: »Ihr tatet recht, ich war ungerecht und hart.«

Renate litt schwer unter dieser Entfremdung. Sie fühlte das Unrecht und konnte es doch nicht hindern. Ihr Herz hing an den Bewohnern des Pfarrhauses, Frau Charlotte war ihr mehr eine Mutter als die Tante. Und sie sehnte sich nach allen da in dem schlichten, weißen Haus. Und durch nichts konnte sie ihre Liebe, ihre Treue beweisen, durch nichts ihnen in diesen schweren Tagen eine Freude bereiten. »Wäre ich wie Luise mit ihren Einfällen, ich hätte sicher schon einen Weg gefunden, dieses zu tun,« dachte sie. Aber ungehorsam gegen die Befehle ihrer Tante zu sein, wagte sie nicht. Sie war auf ihren Gängen nach dem Dorf freilich schon mehrere Male dicht am Pfarrhaus vorbeigehuscht, mit der leisen Hoffnung, jemand zu sehen. Einmal hatte sie sogar ein Weilchen still am Gartenzaun gestanden, aber sie hatte niemand von den Bewohnern des Hauses erblickt.

Die Sonne war längst untergegangen und die langen Schatten des Abends sanken herab. Hier und da blitzte ein Licht auf, das unten im Dorfe angezündet wurde, auch Renate nahm einen langen Span und kniete vor dem kleinen eisernen Gestell nieder, auf dem ein eiserner Topf, mit glühendem Torf gefüllt, stand, als Ersatz eines Ofens. Der Span flackerte hell auf, und rasch entzündete sie ein kleines Öllämpchen. Plötzlich wurde leise, vorsichtig die Tür geöffnet und eine dunkle, verhüllte Gestalt glitt hinein. Renate sprang erschrocken auf, aber schon belehrte ein leises Kichern sie, daß es ein ungefährlicher Eindringling war, und Luises lachendes, rosiges Gesichtchen sah ihr aus der Umhüllung entgegen. »Ich mußte warten, bis es dunkel ist, die Frau Tante sollte mich nicht sehen, weil sie so böse ist,« sagte sie wie zur Entschuldigung, und dann fiel sie der Freundin um den Hals, und unter hervorbrechenden Tränen stammelte sie: »Ach, es ist schrecklich, Renate!«

Diese strich ihr sanft das wirre Haar aus der Stirn. »Liebe kleine Luise, wie bist du denn hereingekommen?«

In dem beweglichen Gesichtchen der Kleinen kämpfte schon das Lachen mit den Tränen, und sie sprudelte hervor: »Wie ein Räuber bin ich eingeschlichen, weißt du, hinten an dem Gartenzaun bei dem Freundschaftstempel ist eine Lücke, da durch, dann immer am Zaun entlang auf der Erde gekrochen, dann husch, hinten bei der Küche vorbei ins Hans, die kleine Hintertreppe herauf, kein Mensch hat mich gesehen, ach, es war eigentlich sehr schön.«

Nun mußte auch Renate lachen. »Du bist doch ein rechter kleiner Kobold,« sagte sie, »aber rasch erzähle, wie es bei euch daheim geht.« Sie zog die Freundin neben sich auf die Truhe, und beide Mädchen hüllten sich in das große Tuch, das Luise umhatte, denn es war kalt geworden in der Kammer. »Wird auch nicht die Frau Pate heraufkommen?« fragte Luise ängstlich.

Aber die Freundin schüttelte den Kopf, »sie ist böse mit mir und hat mir geboten, oben zu bleiben.« Ihre Stimme zitterte, und Luise schmiegte sich zärtlich an sie an und streichelte tröstend ihre Wangen. Dann begann sie von den Vorgängen im Pfarrhaus zu erzählen, flüsternd, damit ihre Stimme nicht im Hause gehört wurde: »Ach Renate, du weißt gar nicht, wie traurig es bei uns ist, Vater und Mutter sehen so betrübt aus, und der dumme Walter.«

»Luise!« Renate war rot geworden vor Entrüstung, aber die Freundin ließ sich in ihrer schwesterlichen Erkenntnis nicht beirren, sie fuhr gelassen fort: »Ja, dumm ist er, ich bin ihm so gram, er geht mit einem so trotzigen Gesicht umher und ist noch nicht einmal bei den beiden Kranken gewesen, und die haben doch so viele Schmerzen. Der eine ist ein Deutscher, denke nur, und könntest du nur sehen, wie froh er aussieht, wenn Vater oder Mutter kommen, der andere redet immer im Fieber, und Vater sagt, er wird wohl sterben.« Luise schluchzte auf, »es ist zu schrecklich!« Sie rückte noch dichter heran. »Ich habe gehört wie Herr von Lühenaar, so heißt der Deutsche, aus Rußland erzählt hat, o, es war furchtbar. Ich sollte es nicht hören, aber Renate schilt nicht, ich habe gehorcht. Mutter hat mich nachher weinen sehen, und als ich gesagt habe warum, da hat sie auch nicht gescholten. Ach, wenn doch nie mehr Krieg käme, ich weine jeden Tag, wenn ich daran denke.«

Sie brach in Tränen aus und Renate weinte mit. Eine unbestimmbare Angst vor kommendem Unheil lag auf ihnen, und beide umschlangen sich und die Tränen der einen feuchteten die Wangen der andern. Endlich raffte sich Renate auf, und sich zu einem Scherz zwingend, sagte sie mit einem halben, etwas trübseligen Lächeln: »Du wolltest doch immer mit in den Krieg ziehen, wie Johanna von Orleans.«

Luise schüttelte ernsthaft den Kopf, mit einem ihr sonst fremdem Ernst sagte sie: »Nun nicht mehr, wenn ich daran denke, ich sollte so viele Menschen um mich her tot oder verwundet sehen, dann erfaßt mich eine große Angst. Lieber möchte ich wie meine Mutter werden, so gut und sanft, so geduldig die armen Männer pflegend.«

»Ja,« erwiderte Renate, »das möchte ich auch. Es muß schön sein, helfen zu können, Schmerzen lindern zu dürfen.«

Eine Weile saßen die Mädchen stumm beieinander. Gute, feierliche Gedanken bewegten ihre jungen Seelen, und der Wunsch nach segensvollem Tun sproßte in ihnen auf wie die Knospen im Frühling. Endlich begann Luise wieder: »Du weißt doch, daß der arme Vater so traurig ist, weil die Frau Tante und alle Leute im Dorf böse mit ihm sind. Ach, ich weiß es wohl, und ich habe immer gedacht, ich möchte ihm eine Freude machen, nun ist mir etwas eingefallen. Du weißt doch, Vater hört uns so gern singen, wollen wir nun nicht Sonntag in der Kirche unseren neuen Psalm singen? Du, ich und vielleicht Hans-Heinrich, wenn der nicht so dumm ist wie Walter. Sage, Renate, ist mein Plan nicht schön, wird Vater sich nicht freuen? Der Magister ist auch einverstanden, ich war vorhin bei ihm, er sagte, es werden vielleicht recht wenig Leute in die Kirche kommen, und darum wird Vater doppelt froh darüber sein. Sag doch ja, warum schweigst du?«

»Dein Vorsatz ist sehr schön,« sagte Renate mit gepreßter Stimme, »und gewiß würde dein Vater eine herzliche Freude an unserem Gesang haben, aber – wenn – du weißt doch, Tante Friederike, – sie wird es sicher nicht gestatten.«

Luise war ganz erschrocken, sie jammerte betrübt: »Daran habe ich ja nicht gedacht, und ich hätte so gern meinen Vater erfreut.« Sie begann wieder heftig zu weinen, und Renate wurde das Herz schwer, als sie den Schmerz der kleinen Freundin gewahrte. »Luischen,« bat sie, »höre doch auf zu weinen, wenn Hans-Heinrich ja sagt, will ich wohl sehen, dir deinen Willen zu tun, sei nur oben bei der Orgel. Wenn wir singen, bitte ich noch vorher den Magister, du kannst doch deine Stimme sicher?« – »O, gewiß doch,« rief Luise rasch getröstet, sie begann gleich mit ihrer hellen Stimme zu intonieren: »Befiehl –«

Erschrocken hielt ihr Renate den Mund zu. »Wenn dich jemand hörte,« sagte sie vorwurfsvoll.

Luise steckte vor Schreck den Kopf gleich in das graue Tuch, dann sagte sie ein wenig ängstlich: »Ich will lieber gehen, sonst kommt am Ende die Frau Tante doch noch, und das wäre schrecklich!« Sie hüllte sich wieder in ihr dunkles Tuch, öffnete die Tür und lauschte auf den weiten Flur hinab, ob jemand käme. »Renate,« flüsterte sie, »wenn mich jetzt jemand erblickt, gebe ich mich als Gespenst der seligen Frau Berta von Seeheim aus, weißt du, von der sie sagen, sie sei so böse gewesen, daß sie keine Ruhe im Grabe fände.«

»Du bist ein nettes Gespenst,« sagte Renate mit leisem Lachen. »Brr, wenn es solche zappeligen Gespenster gäbe!«

Luise kicherte leise vor sich hin, während ihr noch die Tränen an ihren Wimpern hingen. Sie nahm zärtlichen Abschied von der Freundin, dann huschte sie den Gang entlang. An der Treppe stand sie wieder horchend still, aus der Küche klangen lebhafte Stimmen, aber noch brannte kein Licht im Flur. Luise preßte die Hände an ihr klopfendes Herzchen, vorsichtig stieg sie Stufe um Stufe herab. Da knarrte eine derselben so laut, daß das Mädchen meinte, alle im Hause müßten es hören, aber es regte sich nichts. Sie unterschied jetzt deutlich die laute Stimme Jungfer Karolinens in der Küche, die anscheinend wieder eine Geschichte aus ihrer glorreichen Vergangenheit erzählte, Luise hielt an sich, um nicht zu lachen, am liebsten hätte sie jetzt die Tür geöffnet und mit einem tiefen Knicks die Demoiselle begrüßt. Aber wieder knarrte eine Stufe, und nun schwiegen drinnen die Stimmen. Da bekam sie Angst und eilte mit einigen hastigen Sätzen die Treppe hinab und verschwand gerade in dem kleinen dunkeln Gang, der sie noch von dem Ausgang nach dem Garten trennte, als Jungfer Karoline die Tür öffnete. »Alle Heiligen,« rief diese, erschrocken die Hände zusammenschlagend, »ein Gespenst!«

In diesem Augenblick hatte Luise draußen die Tür erreicht, neben der einiges Gartengerät stand, an das das Mädchen in seiner Hast stieß, es klirrte und rasselte laut, und Luise erschrak selbst über das Gepolter.

»Ein Gespenst, ein Gespenst, huhu,« kreischte die Jungfer, und die Mädchen kamen eilig aus der Küche zu ihrer Hilfe herbei. Wanda, die Zweitmagd, ergriff resolut eine kleine Öllampe, um zu leuchten, aber schon war Luise längst in Sicherheit, und sie kroch vorsichtig am Gartenzaun entlang.

Jungfer Karoline aber wankte schreckensbleich in die Küche, und da sie bei ihrer früheren Herrin mitunter eine Ohnmacht gesehen hatte, fand sie es angebracht, auch eine zu bekommen. Sie sank ächzend auf einen Stuhl, legte den Kopf hintenüber, streckte Arme und Beine steif aus und schloß die Augen.

Die Mägde waren ganz verblüfft über das sonderbare Gebaren, da sagte Stine Strobeck, die Schmiedsfrau, die zum Besuche in der Küche weilte: »Dem Jungferchen ist der Verstand alle geworden, man rasch ein Topchen Wasser und ihr auf das linke Fußchen treten!«

Ehe nun Demoiselle Karoline Einspruch gegen solche Behandlung erheben konnte, hatte Wanda, die Zweitmagd, ihr einen Schöpfeimer Wasser über den Kopf gegossen und Stine Strobeck ihr kräftig auf den Fuß getreten.

Die freundlichen Helferinnen waren äußerst erstaunt, wie schnell der Jungfer der Verstand wiederkehrte. Sie sprang wie besessen empor und schwapp hatte Wanda einen Schlag auf der Backe, daß sie sich vor Schreck gleich hinsetzte. Die Schmiedsfrau aber bekam eine Flut Schimpfworte zu hören, die nicht gerade reichsgräflich klangen. Mit der Jungfer war nicht zu spaßen, und ein richtiges Gespenst wäre vielleicht vor ihr ausgerissen, wenn es das Schelten gehört hätte. Stine Strobeck schaute mit richtiger Bewunderung drein, und ihr Respekt vor der Jungfer wuchs beträchtlich.

Als sich die Erregung über diesen Zwischenfall etwas gelegt hatte, kam nun wieder das Gespenst an die Reihe. »Große, glühende Augen hat es gehabt,« erzählte die Jungfer, »wie mit Ketten hat es gerasselt,« setzte Mareiken, die Küchenmagd, hinzu. Alle waren sich darüber einig, daß nun sicher ein Unglück geschehen müsse. »Es hilft nun nichts, es muß und muß was passieren,« sagte die Jungfer. An diesem Abend wurde in der Küche des Kloningkener Herrenhauses, als nach dem Nachtessen die Mägde saßen und spannen, von nichts weiter gesprochen als von dem Schloßgespenst, und eine wußte immer noch schaurigere Geschichten als die andere zu erzählen.

So ohne Hindernis kam Luise freilich nicht in ihr Elternhaus zurück: Kurz ehe sie dieses erreichte, prallte sie mit jemand zusammen, und auf einmal hatte Hans-Heinrich seine Arme um sie geschlungen.

»Luischen, habe ich dich endlich!« jubelte er auf, als er die Freundin umfaßt hatte. Diese, glücklich über die Begegnung, erzählte ihm in übersprudelnder Eile, wo sie gewesen, was geschehen sei und was sie tun wollte. Wie ein Wasserfall ging es. Und Hans-Heinrich rief mitten drin lachend: »Sag' doch, Luise, soll Jungfer Karoline singen oder wir? Du redest ja alles untereinander!«

Und Luise lachte und schwatzte weiter. Sie standen beide am Eingang des Pfarrgartens, mitten im Schnee, und hielten sich an den Händen gefaßt, sie fühlten nicht die Kälte, nicht den scharfen Wind, der von Osten her wehte, sie fühlten nur die Freude, einander wiederzuhaben. Als Luise endlich heimkehrte, da nahm sie das feste Versprechen Hans-Heinrichs mit, er wollte alles tun, seine Mutter zu versöhnen, und er wollte auch am Sonntag den Psalm mit ihr und Renate singen.

Mit leichterem Herzen betrat Luise das Haus. Nur der kleine Fritz hatte ihre lange Abwesenheit bemerkt und empfing sie ziemlich ungnädig, er mochte es gar nicht sehr leiden, wenn sich die große Schwester nicht um ihn kümmerte. Sie nahm rasch den Kleinen auf den Schoß und erzählte ihm eine lustige Geschichte, und beide Kinder lachten hell darüber, da trat die Mutter in das Zimmer und gebot ihnen ernst, sie sollten stille sein. Luise sah betroffen auf, eine Frage wagte sie nicht, aber die Mutter verstand ihren Blick und sie sagte: »Es steht schlecht mit unserem Pflegling; darum haltet euch ruhig, damit er nicht gestört wird.«