12. Kapitel.
Luise unternimmt einen Spaziergang und eine Abschiedsstunde schlägt.

»Es riecht schon nach Frühling,« sagte Luise Flemming eines Tages. Sie streckte das Näschen in die Luft und sog begierig den herben Erdgeruch ein. Sonne und Tauwind hatten in den letzten Tagen dem Schnee ziemlich den Garaus gemacht, überall sah die braune Erde hervor, und nur am Waldesrand schimmerten noch einige schmutzigweiße Flecke. »Fritz, glaubst du, daß es schon Schneeglöckchen gibt?« fragte Luise.

Fritz, der meist mit der Schwester in solchen Fragen übereinstimmte, bejahte lebhaft, er machte den Vorschlag, sie wollten bis hinter das Dorf gehen und dort am Wiesenabhang nachsehen. Luise überlegte. »Ja, komm, Fritz,« sagte sie dann, »vielleicht finden wir schon einige Glöckchen, die wir Herrn von Lühenaar zum Abschied geben können, morgen will er nach Bayern zu seiner Mutter zurückkehren.«

Wohlgemut trabten die beiden die Dorfstraße entlang. Luise raffte zierlich ihr Kleid hoch, denn sie sah zu ihrem Entsetzen, daß es reichlich schmutzig draußen war. Fritz suchte dagegen mit einer gewissen Freude die feuchtesten Stellen aus, und er patschte mit seinen derben Stiefelchen wohlgemut durch manche Pfütze. Unterwegs begegneten die Kinder der Jungfer Karoline, die auch mit hochgerafftem Kleid die Dorfstraße entlang stapfte. Sie kam vom Herrenhaus und wollte der Schmiedsfrau einen Besuch abstatten. Die Jungfer schüttelte bedenklich den Kopf, als sie von dem Unternehmen hörte. »Luischen, du bist doch ein rechter Unband,« sagte sie vorwurfsvoll. »Wie kann ein Mädchen nur so wie ein Junge umherstreifen, sicher wird deine Frau Mutter ungehalten sein.«

»Ach, Mutter wird nicht schelten,« tröstete Luise etwas leichtsinnig, »ich werde ihr sagen, daß ich mit Demoiselle Karoline gegangen bin.«

Diese lächelte geschmeichelt und ließ sich nun herab, mit Luise eine Unterhaltung zu führen. »Es war eine recht unruhsame Nacht für mich,« begann sie mit einem Seufzer, »der Wind pfiff so sehr, und seit ich im Dezember die horrible Erscheinung hatte, läßt jedes Geräusch mich im Schlafe emporfahren.«

»Welche Erscheinung?« forschte Luise neugierig.

»Ach, Luischen,« sagte die Jungfer kläglich, »ich soll es ja nicht sagen, Ihre Gnaden, die Frau Baronin, schilt mich sonst, es ist, weil Ihre Gnaden nicht an dergleichen Dinge glaubt, aber ich lasse es mir nun mal nicht nehmen, was ich gesehen habe, habe ich gesehen.« Luise drängte sich dichter an sie heran. »Demoiselle,« bat sie, »sagen Sie es mir doch, ich verrate sicher nichts.«

Eine Weile schien diese zu schwanken, dann als sie sah, daß Fritz sich nicht weiter um sie bekümmerte, sondern sich damit unterhielt, mit einem dicken Stock Löcher in die feuchte Erde zu stoßen, begann sie in geheimnisvollem Flüsterton: »Einige Tage nach Neujahr war es, da bin ich in der Küche, um einiges mit den Mädchen zu reden, da – plötzlich ist es mir, als husche etwas leise an der Tür vorbei. Du kannst mir glauben, Luise, eiskalt lief es mir über den Rücken, ich aber, mutig wie ich bin, gehe zur Tür und – noch heute sträubt sich mir mein Haar, wenn ich daran denke, da gleitet eine mächtige, dunkle Gestalt an mir vorüber. Sie schleifte ein langes dunkles Gewand nach sich, ich hörte ein fürchterliches Kettengerassel und sah – ach, es ist horrible – ich sah ein paar große glühende Augen!« Die Jungfer ächzte schwer, und wenn es nicht so schmutzig auf der Dorfstraße gewesen wäre, dann wäre sie vielleicht wieder in Ohnmacht gefallen, so war sie aber zu vorsichtig dazu.

Luise hatte erst mit Spannung gelauscht, dann begann es in ihrem Gesicht zu zucken, und kaum hatte Jungfer Karoline geendet, da brach sie in ein helles, übermütiges Lachen aus. Erst ganz erstaunt, dann streng und verweisend sah die Jungfer sie an, aber Luise lachte und lachte, bis ihr die hellen Tränen über das Gesicht liefen. Sie schluckste und prustete, sie wollte sprechen, aber sie brachte kein Wort hervor. Fritz hatte erst verdutzt zur Schwester aufgesehen, dann fand er das Lachen sehr vergnüglich, er stimmte auch ein und lachte aus vollem Hals mit, weil die Schwester lachte.

Jungfer Karoline warf einen niederschmetternden Blick auf beide, sie reckte den Kopf hoch in die Luft und ging steif wie ein Grenadier ihres Weges weiter, im Herzen tief empört über die dumme Mariell. Nachher klagte sie der Schmiedsfrau ihr Leid. »Ich hätte die Luise wirklich für klüger gehalten,« sagte sie giftig, »aber Ihre Gnaden, die Frau Baronin, haben recht, sie ist ein Unband.«

Der Unband Luise lachte unterdessen mit Fritzchen um die Wette, hörte die eine auf, fing der andere an, Fritz wischte sich mit seinen schmutzigen Händchen schon die Tränen aus den Augen, die ihm das Lachen erpreßt hatte. Von den Dorfleuten kamen etliche neugierig aus ihren Häusern heraus, und als sie die Pfarrerskinder so vergnügt lachen sahen, lachten sie mit. Endlich gelang es Luise, ihre Fassung wieder zu gewinnen, und sie sah, daß sich ihre Begleiterin bereits ein gutes Stück entfernt hatte, sie schämte sich, ihr nachzueilen, denn nun schlug ihr das Gewissen, daß sie die gute Jungfer so ausgelacht hatte. »Komm, Fritzel, wir wollen zurückgehen, ich glaube doch nicht, daß wir Schneeglöckchen finden!« sagte sie.

Der Kleine faßte ihre Hand und sah mit glänzenden Augen zu ihr auf. »Du, Luisel,« rief er, »war das nicht fein! Du, sage doch, warum haben wir denn gelacht?«

»O, du Dummerchen,« jubelte die Schwester, sie hob den kleinen Buben hoch empor und küßte ihn auf den roten Mund, »gelacht haben wir, weil Jungfer Karoline mich für ein Gespenst gehalten hat.«

Der Kleine verstand nun freilich nicht recht den Zusammenhang der Dinge, aber da er die Schwester so heiter sah, stimmte er wieder mit ein. Beide unternahmen einen Wettlauf und sie langten in der vergnügtesten Stimmung im Pfarrhause an. Dort hatten sich Frau von Seeheim mit Hans-Heinrich und Renate eingefunden, sie saßen bei dem jungen Offizier, der nun bald Abschied nehmen wollte, um über Thorn den Rückweg in seine Heimat anzutreten. Es wurde ihm bitter schwer, von dem Pfarrhause zu scheiden, das ihm eine so freundliche Heimat gewesen war, dessen Tür sich dem Flüchtling geöffnet hatte, und in dem man ihn pflegte wie einen Sohn.

»Was mag die kommende Zeit bringen?« hatte der Pfarrer gesagt. »Es ist in diesen Tagen eine Unruhe in meinem Herzen, als müsse ein Wetterstrahl herniederfahren, o, möge er Erlösung bedeuten für unser armes, duldendes Land!«

»Und wenn ich meine Waffe führen darf, dann gebe Gott, daß es im Dienst einer gerechten Sache ist,« hatte leise der junge Offizier erwidert.

Ein langes Schweigen herrschte; jeder hing seinen Gedanken nach. Die Knaben standen Hand in Hand, und der Pfarrer, dessen Augen forschend auf ihnen ruhte, verstand in ihren Seelen zu lesen; er wußte, sie dachten daran, auch einst ihre Jugend, ihre Kraft in den Dienst des Vaterlandes zu stellen. Seine Augen suchten Frau Friederike, und er las in ihren sorgenden Zügen die Angst vor den kommenden Tagen. Renate hatte sich an Charlotte geschmiegt; sie empfand die Sorge der anderen tief.

In diese Stille hinein stürmte Luise mit dem kleinen Fritz, ihr helles Lachen erklang schon von fern. Als sie die Stubentür öffnete, da drang von draußen herein Sonnenlicht und weiche Frühlingsluft, und Luise stand auf der Schwelle, mit einem so strahlenden Ausdruck in dem lieblichen Gesicht, als brächte sie den Frühling selbst mit.

»Jungfer Karoline denkt, unsere Luise ist ein Gespenst,« rief Fritzel. Er drängte sich mit drolliger Wichtigkeit hervor; als er aber die Frau Tante aus dem Herrenhaus gewahrte, verkroch er sich schüchtern in die Falten von Luises Kleid. Auch diese war verlegen geworden und helle Glut überflog ihr Gesicht, die auf Renates Wangen ihren Widerschein fand, denn diese war die einzige, welche Fritzels Worte verstand.

»Ein Gespenst!« Der junge Offizier brach zuerst das Schweigen, und Walter rief nun auch: »Du ein Gespenst, Luise?«

»Erzähle uns! – was soll das bedeuten,« gebot der Vater. Die Kleine senkte verlegen den Blick, scheu schaute sie hastig zu Frau Friederike hin. Die lächelte ein wenig und fragte: »Soll ich die Gespenstergeschichte nicht erfahren, Luise?«

»Erzähl doch!« drängte Fritzel.

»Ist es so schlimm?« neckten Herr von Lühenaar und Walter.

»Nein,« sagte Luise mit schelmischem Trotz, »es ist nicht schlimm, und ich wollte dem Vater ja nur eine Freude machen.« Geschwind erzählte sie nun von ihrem heimlichen Besuch bei Renate und von der Begegnung an der Küchentür und Jungfer Karolines heutiger geheimnisvoller Erzählung. »Was die Jungfer für Kettenrasseln hielt, war doch nur ein alter Spaten, an den ich anstieß,« schloß sie kichernd.

»Aber Luise, du wildes Mädchen,« rief die Mutter ein wenig erschrocken. Doch Frau Friederike, die sonst so viel an der Kleinen zu tadeln hatte, streckte die Hand nach ihr aus und sagte freundlich: »Komm, Luise, du bist ein liebes, tapferes Kind, und der Gesang damals hat uns allen eine große Freude gemacht!«

Mit stürmischer Innigkeit eilte Luise auf die Tante zu und küßte ihre Hand. »Seien Sie nicht böse,« bat sie schüchtern, und dann fügte sie mit einem treuherzigen Aufblick ihrer schönen braunen Augen hinzu: »Ich habe Sie so lieb, Frau Tante.«

Gerührt zog diese das Kind an ihr Herz – seit jener Stunde verstanden sich die beiden.

Es war, als sei durch Luises Eintritt der Bann gewichen, der vorher alle bedrückt hatte. Die Frühlingsluft, die hereingeweht war, hatte die Sorgen verscheucht, und unter heiteren Gesprächen verfloß der Tag. Zuletzt setzte sich Charlotte Flemming an das kleine, schon etwas verstimmte Spinett und schlug die Tasten an; die Kinder sangen allerlei Volkslieder, deren Text auch die Erwachsenen mitsummten. Dann aber ging die heitere Melodie in eine ernste, feierliche über und wieder sangen die Kinder, wie damals in der Kirche den schönen Psalm: »Befiehl dem Herrn deine Wege.« Diesmal sang auch Walter mit; er war hinter seine Schwester getreten und hatte den Arm um sie gelegt, Fritzchen hielt, wie gewöhnlich, der Schwester Kleid, er sah mit seinen großen, blauen Augen ernsthaft drein. Des Pfarrers Augen ruhten unverwandt auf seinen Kindern, als müsse er sich dieses Bild tief in sein Herz einprägen. »Befiehl dem Herrn deine Wege,« klang es in ihm nach.

Die Erinnerung an die Heiterkeit und den Frieden dieses letzten Tages nahm Leutnant von Lühenaar mit, als er am nächsten Tage seinen Gastfreunden »Lebewohl« sagte. Es war ein bewegter Abschied, wie teuer waren ihm die Menschen geworden, die ihn so opferwillig aufgenommen hatten. Von jedem Fleckchen nahm er Abschied, auch von dem Grab seines Freundes, auf das Luise und Renate einen Buchsbaumkranz gelegt hatten; er stand noch einmal an der Stelle, an der ihn der Pfarrer halbtot gefunden, und er drückte den Dorfbewohnern die Hände und schämte sich nicht der Tränen, die auf Frau Charlottens mütterliche Hand fielen. Bis zur nächsten Stadt gaben ihm im Wagen Frau von Seeheims der Pfarrer, Hans-Heinrich und Walter das Geleite. Dort nahm ihn die Post auf und fort ging die Reise, durch das sich nach dem Frühling sehnende Land, der fernen Heimat entgegen.

»So Gott will, sehen wir uns wieder!« rief er beim Abschied.

»Als Freunde!« gaben die Knaben zur Antwort, und der Schwager blies auf dem Bocke ein Liedchen, das wehmütig in die Weite klang.