Kaum eine Woche nach der Abreise des jungen Offiziers war vergangen, als der Freiherr von Seeheim nach Kloningken die Nachricht brachte, daß Deutschland zum Kriege rüstete.
»Herr Pfarrer, es gibt Krieg!« rief er vom Pferde aus dem Geistlichen zu, dem er auf dem Wege begegnete. »Hurra, Herr Pfarrer, unser König selbst ruft sein Volk zu den Waffen. Mein Weib weint daheim, aber segnend läßt sie mich ziehen, und so wahr ich Franz von Seeheim heiße, meine Pflicht will ich tun wie der Jüngsten einer!«
Er reichte dem Pfarrer ein Blatt, das ein Kurier von Breslau gebracht hatte, es war König Friedrich Wilhelm III. Aufruf »An mein Volk« vom 17. März.
Es war, als brause der Frühlingssturm durch den Wald. Des Königs Wort ging von Mund zu Mund und entflammte die Herzen und erweckte das deutsche Volk zum Kampf. Von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt flog der Ruf, und die Begeisterung stieg wie eine Feuersäule zum Himmel empor. Männer, in der Blüte der Kraft, und solche, denen schon der Schnee auf dem Haupte lag, Jünglinge, die noch den Kinderblick in den Augen hatten, alles griff zu den Waffen, in Scharen strömten die freiwilligen Kämpfer nach Breslau, wo der König weilte.
Im Herrenhaus zu Kloningken lag Hans-Heinrich von Seeheim vor seiner Mutter auf den Knien und bat:
»Laß mich ziehen, Mutter, wenn ich auch noch so jung bin, mein Arm ist stark und ich fühle meine Kraft. Mein Vaterland ruft, es gilt, Vergeltung für Jena zu holen, unserer Heimat die Freiheit zu erringen, Mutter, o laß mich ziehen!«
»Du bist noch mein einziger,« sagte Frau Friederike, und tiefer Schmerz lag in ihrer Stimme. »Mein letzter bist du, ich kann dich nicht missen. Dies Opfer ist zu schwer, ich kann nicht!«
»Walter darf auch mitziehen,« sagte Hans-Heinrich mit halbem Trotz.
»Er ist beinahe achtzehn Jahre, ist älter als du, und seine Eltern haben noch zwei Kinder!«
»Mutter, meine Mutter,« bat der Knabe wieder, »wie kann ich zu Hause bleiben, wenn alles zu den Waffen greift. Mutter, ich, ein Seeheim, ich weiß, mein tapferer Vater würde nichts anderes von mir erwarten, Mutter, laß mich ziehen!«
»Nein – nein, o, du barmherziger Gott, ich kann nicht! Nicht alles kann das Vaterland von einer Mutter fordern, du bist noch ein Knabe, für dich besteht noch nicht die Pflicht, in den Kampf zu ziehen, deine Pflicht ist, bei deiner Mutter zu bleiben! Hans-Heinrich, was ist das Leben für mich ohne dich, was weiß ein Kind von den Schmerzen, die einer Mutter Herz zerreißen. Bleibe bei mir, ich kann dich nicht lassen!«
Hans-Heinrich schwieg. Die Liebe zu seiner Mutter, der heiße Wunsch, zu den Waffen zu eilen, rangen in seinem Herzen miteinander. Wenn er in der Mutter bleiches, vergrämtes Gesicht sah, dann rief es in ihm: »Bleib hier, du darfst sie nicht verlassen.« Aber dann dachte er an das Vaterland, das seine Söhne rief, und feige erschien es ihm, daheim zu bleiben. Hinter dem Ofen sollte er hocken, während draußen um die Freiheit des Landes gerungen wurde. Das konnte, das durfte doch nicht sein. Er sprang auf, es wurde ihm zu eng in dem Zimmer, er mußte hinaus. »Mutter,« bat er noch einmal, »laß mich ziehen!«
Frau Friederike, die sonst so Aufrechte, saß ganz zusammengesunken auf ihrem Sessel. Bei den Worten des Sohnes richtete sie sich auf, und ein wenig von der alten harten Festigkeit lag in ihrer Stimme, als sie rief: »Ich kann nicht.« Und nach einer Weile sagte sie müde, gebrochen: »Laß mich jetzt allein – morgen – werde ich dir Antwort sagen!«
Bedrückt ging Hans-Heinrich hinaus. Er suchte einsame Wege auf und lief durch den Park, über die Felder, aber er fand keine Ruhe. Endlich ging er in das Pfarrhaus, vielleicht daß ihm dort Hilfe wurde. Er traf die Familie im Wohnzimmer; still und ernst saßen sie beieinander, Frau Charlotte, wie immer, eine Arbeit in den fleißigen Händen. Verstohlen wischte sie manchmal eine Träne ab, die darauf fiel, niemand sollte es sehen, wie furchtbar schwer es ihr wurde, ihren Sohn, ihren Ältesten herzugeben. Ohne Widerspruch hatte sie, gleich ihrem Manne, dem Wunsch Walters, als Freiwilliger ins Heer zu treten, beigepflichtet, klaglos brachten die Eltern dem Vaterland das Opfer, das es forderte.
Ein freundlicher Gruß wurde Hans-Heinrich als Willkommen geboten. Aber er fand nicht wie sonst Worte für das, was ihn bewegte, er saß schweigend in dem lieben, vertrauten Kreise. Selbst mit Luise kam er nicht, wie sonst, in ein Gespräch, diese saß heute mit ungewohntem Eifer bei ihrer Arbeit, und aller schelmische Übermut war aus ihrem Gesichtchen verschwunden.
Pfarrer Flemming sah, daß Hans-Heinrich niedergeschlagen war, und er ahnte den Grund. Väterlich herzlich lud er ihn in sein Arbeitszimmer, und dort löste sich des Knaben Stummheit, er vertraute dem Pfarrer seinen Kummer an. Der sah ihn fest an und sagte ernst: »Hans-Heinrich, du bist deiner Mutter einziger Sohn, sie hat für dich gesorgt in selbstloser Treue bis zu diesem Tage, du bist ihr zuerst Gehorsam schuldig; welche Entscheidung sie auch trifft, für dich muß es die rechte sein. Deine Hoffnung, zwischen dir und deiner Mutter zu vermitteln, kann ich nicht erfüllen, denn zwischen Eltern und Kinder darf sich kein dritter drängen. Wohin dich dein Platz auch stellt, denke immer daran, ein guter, pflichtgetreuer Mensch, sei es Mann, sei es Weib, kann seinem Vaterland überall dienen, im Krieg und im Frieden, wenn er seinen Posten mit rechter Treue ausfüllt.«
Hans-Heinrich senkte schweigend den Kopf; die ernsten Worte des Pfarrers hatten Eindruck auf ihn gemacht. Der Entschluß wurde ihm zwar bitter schwer, aber er nahm sich doch vor, möglichst ruhig seiner Mutter Entscheidung zu ertragen.
Bald darauf brach er auf, und Walter gab ihm das Geleite. Arm in Arm schritten die Freunde dem Herrenhause zu. Es war ein warmer Tag, hin und wieder fielen einzelne Regentropfen, dann jagte wieder der Wind die Wolken auseinander und die Sonne brach strahlend hervor. Der letzte Schnee war verschwunden und wie grüne Teppiche schimmerten die Saaten. An den Sträuchern und Bäumen waren die Knospen dick geschwollen, ja, hie und da entfalteten sich schon ganz zarte grüne Blättchen. Von fernher tönte das »Hüh, Hüh« eines Bauern, der hinter dem von einem Ochsen gezogenen Pfluge herschritt, begleitet von einem Schwarm Krähen, die in dem aufgewühlten Boden nach Nahrung suchten, um, wenn der Bauer die Peitsche schwang, mit lautem Geschrei wieder in die Höhe zu fliegen.
Die Freunde sprachen wenig miteinander, Walter sah ringsum, und zum ersten Male kam ihm recht zum Bewußtsein, wie schön doch die Heimat sei. Dort im Osten der Wald, die blaugrünen Kiefern hoben sich dunkel von den noch blätterlosen Birken ab, und daneben der See, der wie ein schmales, silbernes Band auf dem braunen Kleid der Mutter Erde lag. Vor ihm das Dorf, mit seinen mit Stroh gedeckten Häusern, auf dem Dach von Michael Ragnits Gehöft war ein Storchnest, dessen Bewohner schon zurückgekehrt waren, auf einem Bein stand der Storch und klapperte eine lange Geschichte, der Frau Störchin zuhörte. Tief atmete der Jüngling die linde Frühlingsluft ein. Er hatte in den letzten Wochen in fieberhafter Aufregung gelebt. Die Gerüchte von dem nahen Krieg, das Bange, Ungewisse hatten schwer auf ihm gelastet, nun die Entscheidung gefallen war und die Eltern seinen Entschluß, in das Heer einzutreten, gebilligt hatten, trat erst der Gedanke an die nahe Trennung vor seine Seele. Eine weiche, wehmütige Stimmung überfiel ihn, und wenn er in seinem törichten Knabenstolz nicht gemeint, Weinen sei eines künftigen Kriegers unwürdig, und sich darum nicht gewaltsam beherrscht hätte, in dieser Stunde wären ihm leicht die Tränen gekommen. Eine unendliche Bangigkeit überkam ihn. »Hans-Heinrich,« sagte er leise, »es ist doch schön zu Hause. Ich glaube, ich könnte noch so viel von der Welt sehen, besser würde es mir nirgends gefallen.«
Hans-Heinrich sah den Freund an. »Ich wollte, ich wäre an deiner Stelle, o, Walter, wie beneide ich dich,« rief er, »ich glaube, ich ertrage es doch nicht, still zu Hause zu hocken, während ihr draußen kämpft! Lebe wohl, Walter, du Glücklicher!« Er reichte diesem rasch die Hand und eilte dem Hause zu, er wollte tapfer sein und nicht zeigen, wie schwer ihm die Entsagung wurde.
Träumerisch ging Walter zurück, da kam es mit leichten Schritten hinter ihm her, und als er sich umsah, stand Renate vor ihm. Sie trug ein weißes, blumiges Kleid, ihr blondes Haar war vom Winde zerzaust und umgab ihr Köpfchen wie ein Strahlenkranz, eine leichte Röte war von dem eiligen Lauf in ihre sonst so blassen Wangen getreten, Walter meinte, er habe sie noch nie so lieblich gesehen. »Ich sah dich mit Hans-Heinrich kommen,« sagte sie, »und wollte dir gern guten Tag sagen.«
Mit einer ihm sonst fremden Scheu ergriff er ihre Hand und hielt sie in der seinen. »Ich gehe nun bald in den Krieg, Renate, tut es dir leid?«
In ihre blauen Augen trat das Wasser. »O, Walter, der liebe Gott beschütze dich, mir ist so angst um dich, so angst!«
»Renate!« des Jünglings Stimme schwankte bedenklich, »ich werde wiederkehren als ein Mann, als ein Sieger. Aber weißt du, unsere Vorfahren bekamen von ihren Damen ein Kleinod mit als Amulett, wenn sie in den Kampf zogen, gib mir eins, Renate, eins zum Zeichen, daß du an mich denkst!«
Verwirrt sah sie an sich nieder. »Ich habe doch nichts, oder da!« sie nahm eine kleine goldene Kapsel, die sie an einem schmalen schwarzen Bande um den Hals getragen, »nimm dieses hier.«
Ganz vorsichtig nahm es Walter zwischen seine Finger und öffnete es, »ach, es ist leer, doch warte!« Rasch zog er ein Messer aus der Tasche, und ehe Renate wußte, wie ihr geschah, fing er an, eine Strähne ihres blonden Haares abzuschneiden. Es ging nicht leicht mit dem stumpfen Messer, aber das Mädchen hielt geduldig still, so sehr es auch riß. Achtsam legte der Jüngling dann die Härchen in die kleine Kapsel und barg das Kleinod in seiner Tasche, »nun bist du meine Herrin, Renate,« sagte er ernsthaft.
»Ich will täglich für dich beten, Walter.«
»Vergiß mich nicht, Renate, liebe Renate,« bat Walter mit erstickter Stimme. Einige Augenblicke lang standen sie Hand in Hand, sie sahen sich tief in die Augen, und ihnen beiden war es, als könnte sie nichts mehr auf der Welt trennen. »Nur der Tod kann unsere Freundschaft scheiden,« dachte Walter, und ein seltsam banger Schauer durchrieselte ihn. Er sprach das Wort aber nicht aus, beinahe heftig riß er sich los: »Leb' wohl!« murmelte er, dann eilte er davon.
Renate blieb stehen, mit umflorten Augen sah sie dem Freunde lange, lange nach. »Wenn er nicht wiederkommt,« klang es in ihrem Herzen, da schluchzte sie auf und eilte rasch in ihr Stübchen, um allein zu sein mit ihrem Schmerz.
Einer nach dem andern kam aus dem Dorf in das Pfarrhaus, die mitkämpfen wollten in dem Kampf um die Freiheit. »Herr Pfarrer, ich will mitziehen,« so meldeten sie sich schlicht und einfach. Der Pfarrer schrieb ihre Namen auf, um die Liste dann dem Freiherrn Franz von Seeheim zu geben, der alle freiwilligen Kämpfer nach Königsberg geleiten wollte. Michael Ragnit kam und brachte seine beiden Söhne. »Sie haben Kraft, Herr Pfarrer,« sagte er, »guten Willen, ihrem Vaterlande zu dienen, haben sie auch, was ihnen sonst noch fehlt, werden die Herren Obersten ihnen schon beibringen, am Dreinschlagen wird es nicht mangeln.«
Franz Strobeck, der Schmied, kam. »Ich geh' mit, mein Weib, mit der ich immer Streit hatte, sitzt und heult. Aber Hochwürden, ein gutes Weib ist sie doch, das beste, was sie für mich schaffen kann, gibt sie her, denn sie hat Angst, ich möchte nicht satt zu essen haben, und ihren Patentaler hat sie mir als Zehrpfennig eingenäht.« Der Mann fuhr sich verlegen durch die Haare, »wenn's Friede wird, und unser Herrgott läßt mich heimkehren, dann will ich auch Frieden halten mit meinem Weib, ich gebe mein Wort, und das halte ich.«
Vogt Schwarze kam, mit ihm der lange Friedrich, der als Pferdeknecht diente, und der größte Mann im Dorfe war. Er hatte sich einst zwei Finger seiner linken Hand abgehackt, um nicht unter Bonaparte kämpfen zu müssen. »Unser gnädiger Herr König wird mich schon gebrauchen können, dreinhauen kann ich auch mit acht Fingern,« sagte er und reckte seine lange Gestalt empor, »und wenn ich nur eine Hand hätte, ich ging' doch mit.«
Daniel Romeike kam mit Sohn und Schwestersohn, er war der reichste Mann im Orte und führte darin eine gewichtige Stimme. »Hochwürdiger Herr Pfarrer, schreiben Sie mich auch mit auf, ich gehe mit, ich will mich nicht von meinem Jungen beschämen lassen.«
Viele kamen so, und Pastor Flemming sagte zu seiner Frau: »Wenn überall in Preußen so wie bei uns das Volk zu den Waffen greift, so muß es doch einen Sieg geben, denn jeder, der mitzieht, geht mit dem Bewußtsein, daß es eine heilige Sache ist, für die er kämpft.«
Am zweiten Tage, nachdem Hans-Heinrich im Pfarrhaus gewesen war, kam Frau Friederike mit ihrem Sohn. Sie kam mit festem, aufrechtem Schritt, ungebeugt hielt sie das Haupt, dessen Haar völlig ergraut war in diesen Tagen. In ihrem Gesicht standen die furchtbaren Seelenleiden geschrieben, die sie durchlitten hatte. »Ich bringe Ihnen wohl den jüngsten Kämpfer, mein Freund,« sagte sie, den Pfarrer, der ihr rasch entgegengegangen war, an der Gartenpforte begrüßend. »Er ist mein letztes Kind, doch sein Wunsch und unseres Vaterlandes Not treibt ihn fort, so gehe er denn mit Gott, vielleicht vermag mein Segen und mein Gebet, ihn zurückzuführen.«
Dem Pfarrer versagte die Stimme, voll Ehrfurcht küßte er die Hand dieser Frau, die ihrem Vaterland das schwerste Opfer brachte. Mit einem unendlich wehen Lächeln sah sie ihn an, »Mütter müssen leiden, müssen das Glück, Kinder zu besitzen, mit tausend Schmerzen bezahlen, ich leide nicht allein, Tausende tragen in dieser Stunde den gleichen Schmerz!«
Pfarrer Flemming dachte an das Wort, das der Evangelist von Maria, der Mutter Jesu, sagt: »Es wird ein Schwert durch ihre Seele dringen.«
Die Tage, die folgten, vergingen in Aufregung und Unruhe. Die Hausväter, die mit auszogen, bestellten noch in aller Eile Haus und Feld. Es wurde wacker geschafft in diesen wenigen Tagen. Mit viel Abschiedsgedanken und Klagen gaben sich die Kloningkener Bauern nicht ab, auch die Frauen waren tapfer und still. Die Gutsherrin ging ihnen darin freilich mit gutem Beispiel voran. Seit Frau Friederike dem Sohn die Erlaubnis gegeben hatte, mit in den Krieg zu ziehen, hatte sie kein Wort der Klage mehr verloren. Aufrecht und ungebeugt ging sie durch die Tage, allen denen, die zu ihr kamen mit Bitten und Fragen, wußte sie zu raten und zu helfen. Ja, in der Gegenwart ihres Sohnes beherrschte sie sich so, daß sie sogar ein Lächeln fand; sie wollte ihm den Abschied nicht schwer machen. Und Hans-Heinrich ahnte bei aller Liebe zu seiner Mutter nicht, daß das Opfer, das sie brachte, riesengroß war.
Es wurden viele stille, schwere Opfer dem Vaterlande dargebracht, in den Frühlingstagen von 1813. »Ach, wäre ich doch ein Junge und könnte mitgehen,« seufzte Luise Flemming, als der Vater aus der Spenerschen Zeitung den Seinen vorlas, wie man überall rüstete, und wie viele ihre kostbarsten Sachen dem Vaterlande hingaben. Die Spargroschen, das silberne Hausgerät, ja die Trauringe wurden geopfert. »Alle geben etwas, nur ich habe nichts,« dachte Luise, als sie später in ihrem Stübchen saß und versuchte, ihre dunklen Locken etwas zusammenzubinden.
Dabei fiel es ihr ein, daß der Vater neulich von einem schönen, armen Fräulein erzählt hatte, das sich seine blonden Haare abgeschnitten und sie verkauft hatte, um doch auch ein Scherflein dem Vaterlande geben zu können. Das war noch etwas, und Luise sah im Geiste schon ihre braunen Locken vor dem König liegen. Denn ihrer Meinung nach erhielt alles der König, bekam alles zu sehen und zu hören. Denken und Handeln war bei dem Wildfang Luise meist eins, und die Überlegung kam gewöhnlich mit Reuetränlein hinterher. Auch jetzt überlegte sie nicht lange, geschwind suchte sie eine Schere und dann schnitt sie, ritsch, ratsch, darauflos. Sie säbelte, mit vor Eifer heißen Wangen, in ihren schönen Locken herum, die fielen rechts und links zu Boden, auf ihrem Kopf entstanden Treppen, Lücken, da blieb ein Schöpfchen stehen, da blinkte beinahe die Kopfhaut durch, aber Luise schnitt unbekümmert weiter.
Als alle Haare herunter waren, band sie ein blaues Band um die braune Fülle, und dann lief sie, ohne sich erst noch einmal in dem Spiegel anzuschauen, hinunter. Im Wohnzimmer fand sie niemand, vom Garten her aber tönten Stimmen, und mit gewohntem Ungestüm stürzte sie hinaus. Dort standen, an der schon grün schimmernden Weißdornhecke, die Eltern und Walter mit dem Freiherrn Franz von Seeheim und Hans-Heinrich.
»Aber, Luise, wie siehst du denn aus?« riefen alle erstaunt.
»Ja, Kind, was ist denn mit deinem Kopf geschehen?« fragte die Mutter, sie sah entsetzt auf die angerichtete Verwüstung.
»Ich – ich – wollte doch auch etwas geben,« stammelte Luise, die bei dem allgemeinen Erstaunen ihre fröhliche Sicherheit verlor, und der es sacht zum Bewußtsein kam, daß sie vielleicht unüberlegt gehandelt hatte.
»Johanna von Kloningken,« sagte der Freiherr von Seeheim lächelnd, »es fehlt nur noch, daß unsere kleine Heldenjungfrau mitzieht.«
Die Mutter aber nahm ihrem Kind still die Haare aus der Hand, sie sah ein wenig wehmütig auf die seidige Fülle. Flehend blickte Luise zu der Mutter auf. »Sind Sie böse?« flüsterte sie und schluckte die aufsteigenden Tränen herunter.
»Nein, Kind, du wolltest ja etwas Gutes tun,« sagte Frau Charlotte, sacht über den Strubelkopf der Kleinen streichend. »Daß man auch Opfer mit Vernunft und Nachdenken bringen muß, das wird mein Wildfang schon noch lernen!«
»Ach, Luischen, du bist aber doch ein Prachtmädel,« rief Hans-Heinrich, »wenn du auch augenblicklich greulich aussiehst.«
»Ich glaube, es war sehr dumm,« sagte Luise mit einem tiefen Seufzer in ehrlicher Selbsterkenntnis.
Sie lachten alle, und der Freiherr von Seeheim tröstete: »Na, Mariellchen, für Dummheit kann niemand, vielleicht wächst mit den neuen Haaren die Klugheit gewaltig. Nun gib deine Haare nur her, sie sollen mit nach Königsberg gesandt werden. Du hast schließlich doch gegeben, was du konntest, und es wäre recht, wenn dies alle täten.«
Da trug Luise fortan froh ihren Kahlkopf, und war glücklich, daß sie dem Vaterland ein Opfer hatte bringen dürfen. Renate tat es ihr nicht nach, aber ganz heimlich trug sie alle ihre Ersparnisse der Witwe Kaslowsky hin, damit deren Sohn, der mitziehen wollte, ohne Sorge der Mutter gedenken konnte.
Viel zu rasch für jene, die daheim blieben und ihre Angehörigen ziehen lassen mußten, verging die Zeit, und der Tag des Abschieds kam.
In der kleinen Dorfkirche segnete der Pfarrer die Freiwilligen ein. Es war eine stattliche Schar, die da vor dem Altar kniete, als erste die drei Jüngsten: Hans-Heinrich von Seeheim, Walter Flemming und Franz Ragnit. Die Sonne, die an diesem Tage so warm und hell schien, erfüllte die Kirche mit ihren Strahlen und tauchte die Köpfe der Männer, die ausziehen wollten zum Kampf, in blendendes Licht. Des Pfarrers Stimme zitterte, als er den Segen sprach, als er seine Hand auf seines Sohnes Haupt legte, dessen Augen in feuriger Begeisterung zu ihm aufblickten. Renate und Luise sangen noch einmal den Scheidenden zum Abschiedsgruß den Psalm: »Befiehl dem Herrn deine Wege«, und zum Schluß sang die ganze Gemeinde mit, dann gingen alle still auseinander.
Am nächsten Morgen zogen die Kämpfer fort, und weit über die Feldmark des Dorfes hinaus gaben ihnen die Zurückbleibenden das Geleit. Nur Frau Charlotte saß bei ihrer Freundin Friederike, die in tränenlosem Schmerz zusammengebrochen war.
Renate und Luise gingen Hand in Hand mit ihren Freunden, über Luise war wieder die Begeisterung gekommen, und am liebsten wäre sie mitgezogen, ihre dunkeln Augen blitzten, und sie versicherte Hans-Heinrich immer wieder: »Ich ginge schrecklich gern mit.« Als es jedoch zum Abschiednehmen kam, da schwand plötzlich wieder ihr tapferer Mut, und weinend hing sie an des Bruders und Freundes Hals. »Grüße meine Mutter, Luise,« sagte letzterer, »und erweise ihr so viel Liebe wie du kannst, versprich es mir!«
Luise nickte. »Ich gelobe es dir,« sagte sie ganz feierlich.
»Und wenn ich wiederkomme, dann wirst du meine Frau, ja, willst du?« fragte Hans-Heinrich, mit halbem Ernst und halbem Lachen.
Da lachte Luise unter Tränen. »Ach ja, Hans-Heinrich, das wird schön!« Sie schmiegte sich fest an ihn und sah treuherzig zu ihm auf: »Komme nur recht, recht bald wieder.«
Renate und Walter gaben sich nur die Hand, leise sagte der Jüngling: »Ich trage dein Amulett bei mir, Renate, ich werde dich nie, nie vergessen!«
Die Zurückbleibenden sahen den Scheidenden nach, solange nur noch ein Schatten in der Ferne sichtbar war, dann kehrten sie still in die Heimat zu ihrer Arbeit zurück. Manche Frau ging in diesem Jahr aufs Feld, führte mit kräftiger Hand den Pflug und versorgte dabei in rastloser Arbeit das Haus, damit der Mann, wenn er heimkehrte, die gewohnte Ordnung fände.
Frau Friederike irrte ruhelos durch Haus und Garten, sie konnte nicht, wie Charlotte Flemming, in stiller Arbeit ihre Angst und Sorge in der Stille ihres Herzens verbergen. Sie ging an die Lieblingsplätze ihres Sohnes, sie nahm in seinem kleinen Zimmer jedes Stück in die Hand, die Steine, die er gesammelt, die Bücher, aus denen er gelernt hatte, und sie bedeckte all die kleinen Andenken an ihn mit zahllosen Küssen. Sie ging auch in den Stall hinab und schmiegte ihren Kopf an das glänzende braune Fell seines Ponys. Dann wieder irrte sie im Garten umher, sie wollte zu der Bank gehen, auf der sie so oft mit dem Sohne gesessen und seinen kindlichen Plänen gelauscht hatte. Als sie näher kam, gewahrte sie, daß sich auf der Bank etwas Dunkles bewegte, nicht wie ein Mensch, wie ein unförmiger Knäuel erschien es ihr. Sie ging darauf zu und erkannte, daß es Luise war, die Nero, den großen Hund Hans-Heinrichs, umschlungen hielt. Ein leidenschaftliches Schluchzen erschütterte das Kind, in abgebrochenen Tönen klagte es: »Höre doch, Nero, Hans-Heinrich und Walter sind fort, in den Krieg sind sie beide gezogen. O, Nero, wenn sie nicht wiederkommen!«
»Luise, mein Kind!« Erschüttert beugte sich Frau Friederike über die Kleine, ihre Stimme hatte der noch nie so sanft geklungen. Sie richtete sich auf und sah in die traurigen Augen der Frau. Eine Ahnung überkam sie, von einem Leid, das viel, viel tiefer und schwerer war als ihr eigener Kummer. Sie schlang zärtlich die Arme um den Hals der ernsten Frau, und innig, tröstend flüsterte sie: »Tante, liebe Tante, ich habe es Hans-Heinrich versprochen, ich will Sie sehr lieb haben, ich will auch ganz still sein und Sie nicht kränken, und immer den lieben Gott bitten, daß er Hans-Heinrich und Walter zurückkommen läßt.«
Frau von Seeheim preßte die Kleine fest an sich, »wir wollen geduldig sein,« sagte sie leise, »und hoffen, daß unsere Lieben heimkehren.«