15. Kapitel.
Bei Leipzig.

Um die gleiche Stunde lag, weit von Kloningken entfernt, im Sachsenlande, in der Nähe eines Dorfes, ein Trupp Soldaten. Sie hatten sich an einem Graben eine Art Schanze gemacht und lagen flach an der Erde, ringsum wallten die ersten Nebelschleier der beginnenden Dämmerung, ein dumpfes Krachen und Brausen erfüllte die Luft, und rings am Horizont loderten die Feuersäulen auf.

Es war der 16. Oktober 1813, um die Orte Markleeberg, Wachau und Liebertwolkwitz tobte der Kampf, denn die verbündeten Heere waren mit Napoleons Armee zusammengetroffen, und jene Riesenschlacht begann, die unter dem Namen der Schlacht bei Leipzig ruhmvoll in der deutschen Geschichte verzeichnet ist.

Seit einer Stunde bereits lag die kleine Abteilung Soldaten auf dem feuchten Boden, sie hatten den Befehl, ein gegenüberliegendes Gehölz zu bewachen und, wenn möglich, das Vordringen der Feinde von dort her, so lange es ging, zu verhindern. »Sterben kann man hier vor Langerweile,« brummte ein graubärtiger Wachtmeister, »lieber ließ ich mir die blauen Bohnen um die Ohren pfeifen, als hier im Schlamm zu liegen, und dabei läßt sich keine Katze sehen.« Er stieß einen Soldaten an, der erschöpft von dem langen Liegen und den anstrengenden Märschen der vergangenen Tage eingeschlafen war. »Heda, jetzt ist keine Zeit zum Schlafen, wachen, wachen heißt es, der Schlaf kommt vielleicht früher als manchem lieb ist!«

Ein junger Fähnrich hob seinen dunkeln Kopf, und seine Augen sahen gespannt nach jenem Gehölz hinüber. Er flüsterte seinem Kameraden zu, der neben ihm auf der feuchten Erde lag: »Hans-Heinrich, siehst du nichts? Mir ist es immer, als rege sich dort zwischen den Bäumen etwas.«

Der Angeredete schüttelte den Kopf. »'s ist nichts wie Dunst und Nebel, ich glaube, wir können noch die ganze Nacht liegen, während die anderen jetzt mitten im Kampf stehen.«

Wieder trat Stille ein, jeder hing seinen Gedanken nach, und der Schläfer von vorher hatte wieder die Augen geschlossen und träumte.

»Dort, jetzt regt sich etwas, ich sehe es,« flüsterte der Fähnrich plötzlich hastig.

»Wo, Flemming?« Der Leutnant, der den Trupp kommandierte, wandte sich an diesen.

»Dort!« Walter Flemming zeigte auf eine Stelle, wo die Bäume etwas weiter auseinanderstanden.

»Keiner darf sich rühren, die Gewehre schußbereit halten,« befahl flüsternd der Offizier, und flüsternd pflanzte der Befehl sich von Soldat zu Soldat.

Minute auf Minute verging, es wurde dämmeriger. Da plötzlich war es, als fingen die Bäume des Waldes an, sich zu regen, es war als führten sie einen Tanz auf, und dann lösten sich dunkle Gestalten heraus und kamen näher. Aber wie das Brausen des Sturmes empfing sie jäh das Geknatter von Schüssen. Sie schrien auf in der Überraschung, sie drängten zurück, einige stürzten, und nun schwieg das Feuer sekundenlang.

Da drängten die Feinde wieder vor, kampfbereit, entschlossen stürmten sie vorwärts, sie erwiderten die Schüsse, und immer mehr und mehr dunkle Gestalten kamen aus dem Walde empor.

Die kleine Schar der Preußen focht löwenmutig gegen die Übermacht der Feinde. Einer nach dem andern fiel. Keiner kümmerte sich darum, sie stürmten voran, vorwärts, nur vorwärts.

Da plötzlich klang's hinter ihnen wie Hurrarufen. »Die Unsern,« schrie der Offizier, ein Schuß traf ihn, »vorwärts,« rief er noch und sank zu Boden.

»Vorwärts!« Hans-Heinrich von Seeheim stürzte todesmutig vor. Ein Schlag traf ihn an den Fuß, er taumelte, raffte sich wieder auf. Da stürzte ihm der Helm vom Kopf, plötzlich lief es ihm warm über das Gesicht, es flimmerte ihm vor den Augen, er stürzte zu Boden.

Er hörte Trompeten blasen, das Hurrarufen der Deutschen, dann, dicht neben ihm klang sein Name. Mit Anstrengung öffnete er die Augen und sah über sich geneigt Walter Flemmings Gesicht. Ein Freudenstrahl glitt über des Todwunden Züge. »Grüße meine Mutter – Kloningken – alle,« murmelte er und schloß die Augen.

Walter Flemming warf noch einen Blick auf den Freund, keine Möglichkeit, ihn aus dem Getümmel zu tragen, ehe er noch recht zur Besinnung kam, rissen ihn die Nachstürmenden fort, weiter, immer weiter, hinein in den Kampf.

Drei Tage noch tobte die furchtbare Schlacht. Das Donnern der Geschütze vermischte sich mit dem Geschrei der Kämpfenden, dem Stöhnen der Verwundeten, und blutigrot beleuchteten die brennenden Dörfer das trostlose Bild. Napoleon mußte fliehen. Die siegreichen Verbündeten zogen in Leipzig ein, und die schwergeprüfte Bevölkerung empfing mit dankbarem Jubel die Sieger.

Es war am Nachmittag des 19. Oktober. Durch das Grimmaische Tor ritten die Truppen in die Stadt ein, eine Anzahl Offiziere, darunter ein bayrischer Leutnant, waren genötigt, mitten in der Straße zu halten, denn ein Transport Verwundeter versperrte ihnen den Weg. Tote lagen auf der Straße und Verwundete klopften, um Einlaß flehend, an die zum Teil mit Holz vernagelten Türen und Fenster. Es war ein schauriges Bild.

Ernst sah der junge Bayer darauf nieder, und vorsichtig hielt er sein Pferd, damit es nicht auf die Körper der am Boden Liegenden träte. Nachdrängende Truppen stürmten vor, und minutenlang stand er fest eingekeilt, unfähig, sich zu rühren. Ein umgestürzter Wagen lag zur Seite, eine Anzahl Verwundeter waren auf die Straße gestürzt, und niemand war da, der sie aufhob, in wenigen Minuten waren vielleicht die Wagen und Pferde der Nachkommenden über sie hinweggegangen.

Dicht vor dem Pferd des bayrischen Offiziers lag ein Verwundeter, oder war es ein Toter. Unwillkürlich beugte sich der Offizier herab, er sah in ein feines, schmales Knabengesicht. Das kam ihm bekannt vor, er mußte es schon gesehen haben, nicht so starr und bleich, blühend und frisch.

Eine Lücke entstand in dem Gewühl vor ihm. »Rasch vorwärts,« rief ein Kamerad ihm zu. In diesem Augenblick wußte der Offizier, wer der Verwundete vor ihm war, – Hans-Heinrich von Seeheim.

Blitzschnell bog er sich herab und riß den Jüngling zu sich empor, und schon ging es weiter, wie eine Vision sah er noch ein altes Männergesicht, blaß, starr, das alte Gesicht kannte er auch, es war der Vogt von Kloningken.

»Wenn Sie anfangen wollen, Tote zu sammeln, werden Sie heute nicht fertig werden,« sagte ein höherer Offizier und schaute finster vor sich hin.

Leutnant von Lühenaar ließ sich nicht beirren, er nahm den Geretteten vor sich aufs Pferd, und so bahnte er sich langsam einen Weg durch die Stadt. Aus einer Wunde am Knie quoll dem Jüngling noch immer das Blut, da riß der Offizier seine Schärpe herab, er versuchte, so gut es ihm in der schwierigen Lage gelang, das Tuch auf die Wunde zu pressen; auf dem blassen Gesicht aber erschien kein Leben, unbeweglich lag Hans-Heinrich in seinem Arm.

Weiter hinein ging's in die Stadt. Es war ein furchtbares Getümmel, ein Schreien und Tosen, und von ferne tönte noch immer dumpfes Rollen, noch immer stand ein mattes Rot am Himmel. Leutnant von Lühenaar erbat sich einen kurzen Urlaub, um seinen Schützling unterzubringen. In den Spitälern jedoch herrschte eine solche Überfüllung, und immer neue Transporte mit Verwundeten kamen an, daß er bald die Unmöglichkeit einsah, Hans-Heinrich dort ein Unterkommen zu schaffen. Er ritt nun von Haus zu Haus und bat um Aufnahme, aber überall waren die Plätze, die man hatte, längst besetzt. Viele Türen, an die er klopfte, blieben auch verschlossen, die Bewohner wußten in ihrer Angst nicht mehr, wer Freund und wer Feind war.

Der Abend brach herein. Verzweifelt sah der Offizier sich um, er hielt in einer schmalen Gasse, die von der Petersstraße sich abzweigte, auch hier schleppten sich Verwundete von Haus zu Haus. Schwer wie Blei lag der Jüngling in seinem Arm. Er fühlte nach seiner Hand, vielleicht war es ein Toter, den er da herumtrug. Aber noch klopfte leise der Puls, noch war Leben in ihm. Und der junge Offizier dachte an die stillen Tage in Kloningken, an sein eigenes Schmerzenslager, und fester nahm er Hans-Heinrich in seinen Arm, er mußte ihn retten. Er klopfte wieder an die Türen, endlich wurde ihm geöffnet und eine schlanke, schwarzgekleidete Frau trat mit einer kleinen Laterne auf die dunkle Straße hinaus.

»Madame,« rief Leutnant von Lühenaar rasch, »haben Sie Erbarmen. Geben Sie dem Jüngling hier einen Platz, ich muß zurück zu meinem Regiment und kann nirgends ein Unterkommen finden, helfen Sie mir, Madame, alle Spitäler sind überfüllt!«

»Kommen Sie näher,« sagte die Frau, »ich wollte mir eben noch einige Pfleglinge suchen, ich habe noch Platz in meinem Hause.« Kaum hatte sie diese Worte gesagt, als sich schnell zwei Soldaten herandrängten, der eine schleifte den Fuß nach, der andere hatte ein schmutziges Tuch um den Kopf gebunden. »Nehmen Sie uns auf,« riefen sie. Sie taumelten zwar erschrocken zurück, als sie den Offizier gewahrten, die Frau aber sagte ruhig: »Ich habe Platz für alle.« Sie öffnete die Tür, eine alte Magd kam zur Hilfe, und die beiden Frauen hoben Hans-Heinrich aus des Offiziers Armen, während die beiden Soldaten über die Schwelle schwankten. Leutnant von Lühenaar band sein Pferd an den eisernen Ring der Haustür und trat dann ein, er war froh, daß er dieses Asyl für seinen Schützling gefunden hatte.

In einem hellgetünchten, schlichten aber sauberen Zimmer waren Betten aufgestellt, und in einem Nebenzimmer lagen bereits drei Verwundete. »Ich nahm sie gestern auf,« sagte die Frau schlicht. »Es sind Franzosen. Mein Mann ist Arzt, Professor an der Universität, er ist in das Spital gegangen, um dort zu helfen, mir hat er die Pflege hier überlassen, aber wir haben so viele Zimmer, da erschienen mir drei Kranke zu wenig.«

Leutnant von Lühenaar drückte ihr dankbar die Hand und half ihr noch seinen Schützling betten, dabei sagte er ihr kurz dessen Namen und Heimat und erzählte, wie man ihn selbst dort einst gepflegt hatte.

»So jung ist er noch, ein Kind beinahe,« sagte die Frau, sie strich mütterlich sanft über das blasse Gesicht. »Und einer Mutter letzter Sohn ist es, sagen Sie; seien Sie ohne Sorge, was meine schwachen Kräfte vermögen, soll geschehen, aber ich fürchte, es steht nicht gut mit ihm.«

Der Offizier nahm Abschied. Am nächsten Tage schrieb er an Pfarrer Flemming und meldete, wie er Hans-Heinrich gefunden hatte, und daß dieser in guter Hut sei. Er selbst konnte nicht noch einmal nach ihm sehen, denn seine Pflicht rief ihn fort, bereits am andern Tage mußte er Leipzig verlassen.