Die Reisenden hatten ziemlich gut Berlin erreicht, dort rasteten sie einige Stunden. Diese benutzte Frau Friederike, um einen Freund und früheren Vorgesetzten ihres Mannes aufzusuchen, einen alten General, der invalid war und den Feldzug nicht mehr hatte mitmachen können. Der alte Herr empfing sie mit großer Herzlichkeit, als sie von ihrem Sohn erzählte, und daß er verwundet in Leipzig liege, da nickte der alte Weißbart, und in seinen hellen Augen leuchtete es auf, »braver Junge,« rief er, »braver Junge, ganz wie sein Vater!« Bereitwillig gab er seiner Besucherin mehrere Schreiben an verschiedene höhere Offiziere mit, von denen er glaubte, sie könnten ihr nützlich sein, und verabschiedete sich dann mit großer Herzlichkeit. Er bat sie noch, wenn möglich, ihm auf der Rückreise Hans-Heinrich vorzustellen.
Von Berlin aus wurde die Reise beschwerlicher, regnerisches, kaltes Wetter hatte die Wege noch schlechter gemacht und hier mehrten sich auch die Spuren des Krieges, über Dennewitz und Zahna ging es und niedergebrannte Häuser, verwüstete Dörfer bezeichneten die Straße. Hin und wieder kamen ganze Züge von Landleuten, sie führten einen Teil ihrer ärmlichen Habe bei sich, denn sie zogen aus ihren zerstörten Wohnstätten fort, um für den Winter ein Unterkommen zu finden. Oft konnten die Reisenden nicht weiter, da keine frischen Pferde vorhanden waren, und Frau Friederike verzehrte sich vor Ungeduld, ihrem Ziele näher zu kommen. Die traurigen Szenen, die sie sah, vernichteten ihren Mut, und die Angst um ihren Sohn wuchs. Endlich näherten sie sich Leipzig, eine weite Ebene dehnte sich um die Stadt, unaufhörlich rieselte der Regen auf die Stätten des Jammers nieder. Noch sahen die Reisenden Gefallene auf der braunen Erde liegen, in der Ferne sahen sie dunkle Gestalten, die eifrig gruben, dort wurden die Toten in Massengräbern beigesetzt.
Pfarrer Flemming, der noch nichts über das Schicksal seines Sohnes wußte, schauerte zusammen. Über seine eigene Sorge hinaus dachte er aber auch an den namenlosen Jammer, an die ungezählten Tränen, die um diese Toten flossen. Und dann überkam ihn in allem Leid wieder eine tiefe, unendliche Freude über diese Söhne des Landes, die so mutig dieses große Werk vollbracht hatten.
Es war Mittag, als die Reisenden durch das Hallesche Tor in Leipzig einfuhren, die Post rasselte durch die Straßen, und der Schwager auf dem Bock blies ein fröhliches Liedchen. Hier in der Stadt sah man weniger als in der Umgebung von den Folgen der furchtbaren Schlacht, hier bargen die Häuser das Leid, denn es waren viele Häuser, in denen noch Verwundete untergebracht waren. Für Frau von Seeheims Unruhe ging alles viel zu langsam, sie ließ ihrem Begleiter kaum Zeit, für das Gepäck zu sorgen, und endlos erschienen ihr die Straßen, durch die sie gehen mußten, ehe sie das bezeichnete Haus erreichten. Sie fanden sich leicht zurecht, da man ihnen auf ihre Fragen freundlich Auskunft gab, und bald standen sie vor dem schmalen, grauen, mit altmodisch spitzem Giebel gezierten Hause und ließen den Klopfer an die Türe fallen. Eine ältere, freundlich aussehende Magd öffnete und führte sie in ein zur Seite des Flurs gelegenes Zimmer. Dasselbe war dem Geschmack der Zeit entsprechend eingerichtet, steife Möbel füllten es an, einige schöne Kupferstiche an den Wänden und Efeu an den Fenstern machten es behaglich. Einige Zeit verging, der Pfarrer hatte der Magd ihre Namen gesagt, und nun harrten beide voll Angst, was die nächsten Minuten ihnen bringen würden. Endlich öffnete sich eine Tür und die Frau des Hauses stand auf der Schwelle. »Er lebt!« rief sie Frau Friederike entgegen, und diese, die sich bis dahin mühsam aufrecht gehalten hatte, brach bei diesen Worten in Tränen aus.
»Er lebt,« wie Engelsgesang klangen ihr diese Worte im Ohr, und ihre zitternden Hände griffen nach denen der gütigen Frau, die sich ihr entgegenstreckten. »Kommen Sie selbst,« sagte diese, »Sie werden mit Ungeduld erwartet!«
Sie führte ihre Gäste eine Treppe hinauf und öffnete eine Tür, da rief schon eine, ach so geliebte Stimme: »Mutter, meine Mutter!« Im nächsten Augenblick kniete Frau Friederike vor dem Lager und hielt ihren Sohn in den Armen, »mein Kind, mein einziges Kind!«
Die Professorin hatte den Pfarrer leise an der Hand genommen, sie wollte dieses erste Wiedersehen zwischen Mutter und Sohn nicht stören, sie führte ihren Gast in ein nebenanliegendes Zimmer. »Jetzt ist der Raum frei, die Franzosen, die hier lagen, sind zu meiner großen Freude gesund geworden!« Gedankenvoll nickte der Pfarrer, »ich will auch meinen Sohn suchen, ich habe keine Nachricht von ihm.«
»Ich kann sie Ihnen geben,« sagte die Professorin herzlich, »Ihr Sohn ist gesund und mit seinem Regiment bereits auf dem Marsch nach Frankreich. Mein Mann hat sich auf unseres Pfleglings Bitte erkundigt und diese Auskunft erhalten. Er hat auch im Lazarette einen Soldaten Strobeck aufgefunden, der auch aus Ihrem Heimatsdorf stammt.«
Der Pfarrer atmete tief auf, sein Sohn war gesund, freilich, noch stand er im Felde, aber dem Vater ging es wie der kleinen Luise, seine Hoffnung wurde wieder stark und groß. Er dankte der liebenswürdigen Frau herzlich für ihre Auskunft, und sie, die die Schreckenstage der Schlacht miterlebt hatte, erzählte ihrem Gast viel davon.
Unterdessen saß Frau Friederike am Lager ihres Sohnes, und sie konnte sich nicht satt sehen an dem geliebten Gesicht. Es sah freilich so anders aus als das frische Knabengesicht, das sie zuletzt gesehen hatte, blaß und schmal war es geworden, die schwere Zeit, der Krieg mit seinen Schrecken und die lange Krankheit hatten ihre Runen hineingegraben und die kindlichen Züge hart gemacht. Ein Zug war darin, der von tiefen Schmerzen sprach, und ergriffen strich die Mutter ihrem Liebling sacht über das Haar, das hatte er so gern gemocht, als er noch ein Kind gewesen war. Mit matter Stimme erzählte Hans-Heinrich von den Tagen der Schlacht, daß Walter Flemming am Leben sei, aber Franz Ragnit war tot, er war wenige Tage vor der Schlacht bei einem Streifzug gefallen. Und Vogt Schwarze war tot, er war es gewesen, der Hans-Heinrich vom Schlachtfeld getragen hatte, dann hatte ihn eine Kugel getroffen, und er war unterwegs beim Transport gestorben. Daß der Wagen umgestürzt war und Leutnant von Lühenaar ihn gefunden hatte, wußte Hans-Heinrich nicht mehr, er war erst nach vielen Tagen wieder erwacht, in dem freundlichen Zimmer, in dem er jetzt lag.
»Und du wirst wieder gesund, mein Herzensjunge, ich nehme dich mit nach Kloningken, dort sollst du ganz genesen,« sagte Frau von Seeheim innig.
»Ja, Mutter,« die Stimme des Jünglings klang gepreßt und der Leidenszug in seinem bleichen Gesicht verschärfte sich. »Ja – ich werde gesund, gewiß, aber –« und auf einmal versagte ihm die Stimme und die hellen Augen wurden schwarz vor Tränen. »Mutter,« schluchzte er, »Mutter, ich bin ja ein Krüppel.« Er schlug die Decke zurück, da sah Frau Friederike, daß ihm ein Bein fehlte.
Sie weinte nicht, sie schrie nicht, sie nahm ihren Sohn in ihre Arme, als sei er noch der kleine hilflose Bube von einst. Mit fast übermenschlicher Kraft bezwang sie ihren Schmerz, um ihrem Sohn sein Leid nicht noch schwerer zu machen. »Mein Junge, du,« murmelte sie, »du, mein tapferer Junge, du wirst auch mit einem Bein ein ganzer Mann werden, wie dein Vater.«
Hans-Heinrich hielt die Mutter umschlungen, ganz fest, und auch er dachte daran, ihr den Schmerz nicht zu vergrößern, und ganz tapfer sagte er: »Ich will es werden, Mutter, ein rechter Mann, wie mein Vater. Es war ja mein Wille, in den Krieg zu ziehen, und, Mutter, – wir haben ja doch gesiegt.«
Dann wollte er von Kloningken etwas wissen, und Frau Friederike erzählte ihm von allem und allem, sie sprach und lächelte, und dabei schrie immer in ihrem Herzen das Leid: »Mein Sohn ist ein Krüppel.«
Die Professorin nahm ihre Gäste liebevoll auf, und Frau Friederike verband bald eine herzliche Freundschaft mit der wackeren Frau. Einige Tage sollte Hans-Heinrich noch in Leipzig bleiben, dann erst sollte die Rückreise angetreten werden. Pfarrer Flemming benutzte die Zeit, um sich nach seinen Pfarrkindern umzusehen. Er fand Franz Strobeck bereits auf dem Wege der Besserung, und mit strahlender Freude begrüßte dieser den Geistlichen. Als dieser ihm das Geschenk seiner Frau übergab, schluckte er ein paarmal und fragte dann rauh: »Hat sie neu Stroh aufs Dach gelegt?« Der Pfarrer bejahte und erzählte dann noch mancherlei aus dem Dorfe; als er Abschied nahm, hielt ihn der Schmied noch einmal zurück. »Ich bin bald gesund, aber nach Hause komme ich nicht eher, als bis ich das Franzosenland gesehen habe, aber sagt ihr, sie wäre ein braves Weib, und der Teufel soll mich holen, wenn ich noch einmal mit ihr schelte!« Dann drehte Franz Strobeck sich rasch um und lag steif und stumm und hielt sein graues Tuch im Arm.
Christian Ragnit fand der Pfarrer nicht und Franz war tot, so übergab er das Geschenk des Bauern dem Schmied, der es getreulich mit seinen Kameraden teilte. Bei jedem Stück aber erzählte er ihnen von Kloningken, »und wenn das Franzosenland das reine Paradies ist, wie ihr sagt,« versicherte er oft, »schöner als unser Kloningken kann's eben nicht sein, nichts auf der Welt ist schöner. Donnerschlag noch mal, und so 'ne Frau wie ich hat keiner.«
In den ersten Tagen des Dezember wurde die Heimreise angetreten. Wohl war Hans-Heinrich noch sehr schwach, aber da jede Gefahr vorbei war, so konnte Frau Friederike ihn unbedenklich den Mühsalen der langen Reise aussetzen. Schwer wurde den dreien der Abschied von den gütigen Wirten, und Hans-Heinrich winkte noch, so lange er es sehen konnte, nach dem schmalen Haus hin, das ihm wochenlang eine gastliche Heimat gewesen. Und seine Mutter dachte tiefbewegt daran, was wohl aus ihrem Sohn geworden wäre, wenn der Mann, den sie selbst einmal von der Schwelle ihres Hauses gewiesen, sich seiner nicht angenommen hätte. Still fuhren die drei Reisenden wieder zum Halleschen Tor hinaus. Der Winter hatte unterdessen seinen Einzug gehalten, und Schnee bedeckte die Felder, auf denen vor wenig Wochen der Kampf getobt hatte. Freilich, die niedergebrannten Dörfer und Gehöfte waren noch nicht aufgebaut, und die Reisenden bekamen so viel Leid zu sehen, daß Hans-Heinrichs Klage um sein verlorenes Bein verstummte. Wie reich war er doch noch, er, der eine Heimat hatte, den eine Mutter umsorgte, gegen alle die, die heimatlos, elend all der Härte des Winters preisgegeben waren. Er ertrug auch klaglos alle Beschwerden der Reise, und eine stille, tapfere Heiterkeit kam über ihn. In Berlin hielt Frau von Seeheim ihr Versprechen und führte dem alten General ihren Sohn zu, der diesen voll Herzlichkeit in seine Arme schloß. Er konnte gar nicht genug von ihm über den Krieg erfahren, am liebsten hätte er ihn einige Zeit bei sich behalten, aber keiner der Reisenden wollte von einer Verzögerung hören, sie hatten Sehnsucht, heimzukommen.
Ganz unerwartet kamen die Reisenden eines Nachmittags in Kloningken an. Luise, die eigentlich in beständiger Erwartung lebte, war die erste, die den herankommenden Wagen erblickte. Ihr Jubelgeschrei lockte die anderen herbei, und bald waren die Ankommenden von allen ihren Lieben umringt. Sie konnten kaum aussteigen, jeder wollte ihnen helfen, jeder ihnen die Hand drücken, sie umarmen. Und dann standen sie doch endlich vor dem Wagen, und nun sahen es alle, daß Hans-Heinrich ein Krüppel war, sie hatten es gewußt, und der Anblick erschütterte sie doch. Luise hatte ganz tapfer sein, ihren Kummer nicht zeigen wollen, nun aber stürzten ihr doch die heißen Tränen aus den Augen, und weinend umschlang sie den Freund.
»Liebe kleine Luise,« sagte Hans-Heinrich mit einem stolzen Lächeln, »weine doch nicht, ich habe meinem Vaterland ein Opfer gebracht, andere müssen viel mehr leiden als ich.«
Da hob Luise die dunkeln Augen zu ihm auf, und fast feierlich rief sie: »Ach, Hans-Heinrich, du bist wirklich ein Held!«