Die Winterstille lag nun wieder über Kloningken, und hohe Schneewälle schlossen das Dorf gleichsam von der Außenwelt ab. Dennoch fanden die Nachrichten von dem Kampf, der noch immer tobte, auch weiter ihren Weg in die winterliche Einsamkeit. Noch kämpften ja Klonigkener Söhne draußen für die Freiheit des Vaterlandes. Walter Flemming war zum Leutnant befördert worden, nach wochenlanger untätiger Wartezeit war er mit nach Frankreich gezogen. Er schrieb so oft er konnte, und er bestellte dann jedesmal Grüße von Christian Ragnit, der mit ihm im gleichen Regiment stand. Die Briefe, die der Herr Leutnant, denn anders wurde der Pfarrerssohn im Dorf nun nicht mehr genannt, in die Heimat sandte, bildeten immer tagelang das Gespräch der Leute.
Bei des Freundes Berichten wallte in Hans-Heinrich dann doch oft eine zornige Ungeduld auf, daß er daheim sitzen mußte. Es waren schwere Zeiten für ihn, er erlangte nach den Anstrengungen der Reise nur langsam seine Kraft wieder, und wochenlang mußte er noch stilliegen. Seiner Mutter verschwieg er seine Sehnsucht, um ihr nicht das Herz schwer zu machen, nur Luise war die Vertraute seiner Schmerzen. Und niemand verstand es auch besser als Luise, ihn immer wieder über trübe Stunden hinwegzubringen. Sie saß mit nimmermüder Geduld an seinem Lager, und sie war, zu Jungfer Karolines maßloser Verwunderung, kein Quirl, kein Wirbelwind mehr. Ja, sie ließ sich sogar von Hans-Heinrich, um ihn zu zerstreuen, in die Geheimnisse der lateinischen Sprache einweihen. Das gab dann fröhliche Stunden, an denen auch Renate teilnahm und bei denen der junge Lehrer oft alle seine Schmerzen vergaß.
So vergingen die Wintertage und der März kam mit warmen Winden, mit Sonnenschein und Frühlingshoffen. Am zehnten März feierte man in Kloningken den Geburtstag der Gutsherrin. In der Sorge und Not des vergangenen Jahres hatte niemand an eine Feier gedacht, in diesem Jahre aber hatte Frau Friederike selbst Gäste eingeladen, sie wollte dem Sohn einen heiteren Tag schaffen. Die Bewohner des Pfarrhauses waren gekommen, Magister Richter fehlte nicht, und aus Schönheide war Frau von Seeheim mit ihren Töchtern auch zur Feier eingetroffen. Sie hatte die Nachricht von ihrem Mann gebracht, daß er bald heimkehren würde. Er hatte bei einem kleinen Gefecht eine unbedeutende Wunde empfangen, die ihn aber doch zwang, sich einige Zeit zu schonen, und da, wie er schrieb, die Hauptarbeit nun ja getan sei, hatte er um seine vorläufige Entlassung gebeten, um daheim einmal nach dem Rechten zu sehen. Seine Frau und seine Töchter erwarteten seine Heimkehr voll froher Ungeduld, sie waren nur auf dringende Bitten Frau Friederikes nach Kloningken gekommen, weil sie fürchteten, der Erwartete könnte inzwischen heimkehren. Erst der Einwand, daß der Freiherr ja durch Kloningken kommen müßte, hatte sie hergelockt. Nun hielten die größeren Dorfbuben auf der Landstraße Wache, damit ja ungesehen kein Wagen durchfuhr, und in die fröhliche Geburtstagsgesellschaft hinein platzte allviertelstündlich ein kleiner Bote mit der Nachricht: »'s kommt nicht wer!«
»Der Vetter wird wohl kaum just an meinem Geburtstag kommen,« sagte Frau Friederike, aber Luise sagte hoffnungsfroh: »Ich glaube, er kommt doch, und – er bringt sicher Walter mit, oder eine Nachricht von ihm!«
Pfarrer Flemming und seine Frau sahen sich an, auf beider Gesichter lag eine stille Sorge, denn seit Wochen hatten sie keine Nachricht mehr von ihrem Sohn erhalten. Renate sah die sorgenden Blicke, und ihr stilles, blasses Gesichtchen wurde noch um einen Schein bleicher. Je länger der Krieg dauerte, je größer wurde ihre Angst um den Freund, seit sie ihn in Frankreich wußte, schien ihr die Gefahr, in der er schwebte, noch gewachsen zu sein.
»Der Krieg ist doch noch nicht zu Ende, Luise,« sagte Hans-Heinrich ein wenig verweisend, »wie kann Walter denn da heimkommen.«
»Na,« rief Luise in ihrer sorglosen Unbekümmertheit, »er kann doch sagen, ich will mal meine Eltern besuchen, Vater sagt doch, jetzt wäre der Krieg nicht mehr so schlimm!«
Draußen auf dem Flur entstand plötzlich ein lautes Geschrei und Jungfer Karoline riß die Türe auf, ihr nach stürmten etliche Dorfbuben mit dem Rufe: »Nun ist er da!«
Im ersten Augenblick hielten es alle im Zimmer für einen Scherz, denn im Grunde hatten sie alle nicht geglaubt, daß der Erwartete kommen würde, aber da fuhr schon draußen ein Wagen vor, und wenige Sekunden später lag Frau Henriette in den Armen ihres Gatten, und die Töchter umringten jauchzend den heimgekehrten Vater. In der Freude der ersten Minuten fragten und riefen alle durcheinander, und der Freiherr von Seeheim erhielt so viele Küsse und Umarmungen, daß er schließlich lachend und pustend sagte: »Erbarmt euch, Mariellchens, das ist ja schlimmer als in einer Schlacht, uff, laßt mich nur mal los!«
Da ließen die Töchter vom Vater ab, seine Frau aber hielt seine Hand fest, als würde er sonst wieder von ihr gehen. Nun begrüßte der Freiherr seine Cousine und die andern. Hans-Heinrich schloß er bewegt in seine Arme, und dann reichte er Frau Charlotte die Hand, er tat es herzlich, wie immer, und doch fühlte die Pfarrerin, daß sein Blick dem ihren auswich, und daß sein Gruß gezwungen klang. Und rasch, in plötzlich erwachter heißer Angst fragte sie: »Haben Sie meinen Sohn gesehen – bringen Sie mir Nachricht von ihm?«
Der Freiherr schwieg, sein Gesicht war tiefernst geworden, und auf einmal fühlten es alle, er brachte eine trübe Nachricht mit.
»Mein Sohn – er –« flüsterte Frau Charlotte mit versagender Stimme.
Da nahm der Freiherr von Seeheim rasch ihre Hände in die seinen, und traurig ruhte sein Blick auf der bleichen Frau. »Er starb wie ein Held,« sagte er ernst und feierlich.
Niemand sprach, niemand fragte, der Pfarrer hatte in wortlosem Schmerz sein Weib umschlungen, und Luise war neben Renate, die bleich, wie erstarrt, am Fenster saß, weinend zusammengesunken. Da sagte der Freiherr in die schwere Stille hinein noch einmal: »Er starb wie ein Held.« Dann fuhr er fort: »Bei La Chaussee gab es am 3. Februar ein Gefecht, dabei wurde sein Oberst verwundet, den er selbst aus dem Feuer trug. Dann deckte er mit wenigen Kameraden, einem Transport Verwundeter und der Fahne den Rückzug, bis Verstärkung kam. Dabei fiel er, denn er focht als Anführer tollkühn und löwenmutig gegen die Übermacht der Angreifer. Später haben dann seine Kameraden, die ihn alle liebten, nach seiner Leiche gesucht, aber sie nicht mehr gefunden. Ich selbst ritt zwei Tage später an der Stelle vorbei, in der Nähe stand ein Haus, dessen Bewohner wir im Keller fanden. Als sie sich überzeugt hatten, daß wir nichts von ihnen wollten und ihnen nicht ihre kümmerliche Habe zu rauben gedachten, gaben sie uns Auskunft. Sie behaupteten, ihre Landsleute hätten am nächsten Tage einen jungen, fremden Soldaten, der neben einem hohen französischen Offizier gelegen hätte, mit sich genommen. Ich beschrieb ihnen unsern jungen Freund, da sagte die Frau: ›Herr, sie waren alle bleich, blutig, sie sahen alle jammervoll aus, wer sollte da einen herauskennen.‹ Ich habe mich dann noch da und dort erkundigt, aber niemand konnte mir weitere Auskunft geben, und seine Kameraden, die an seiner Seite gefochten haben, waren von seinem Tod überzeugt. Ich bin es auch!«
Der Freiherr schwieg und der Pfarrer gab ihm stumm die Hand. Frau Charlotte aber erhob sich schwer, »wir wollen heimgehen,« sagte sie leise, und ihr Blick suchte ihre Kinder. Schluchzend klammerte sich Luise an die Mutter an, Fritzel weinte leise mit, obgleich er das tiefe Leid erst ahnte. Niemand wagte die Eltern mit ihren Kindern zurückzuhalten, sie fühlten alle, es war nicht die Stunde, um Trostworte zu sagen, und so schied die vorher so fröhliche Gesellschaft still voneinander.
Freiherr Franz von Seeheim fuhr mit den Seinen heim, die Freude, einander wiederzuhaben, überwand, je näher sie Schönheide kamen, die traurige Stimmung, und bei dem Jubel, mit dem die Schönheider Bauern ihren Gutsherrn begrüßten, erhellte sich dessen ernstes Gesicht. »Es ist doch gut sein in der Heimat, Henriette,« sagte er bewegt, »und daß wir die Franzosen rausgejagt haben, dafür will ich jeden Tag meines Lebens danken!«
In Kloningken saß Frau Friederike mit ihrem Sohn bis tief in die Nacht hinein in schmerzlicher Trauer beisammen, sie sprachen viel von Walter, der in fremder Erde ruhte, und Hans-Heinrich schämte sich der Tränen nicht, die um den Freund flossen. Mutter und Sohn ahnten beide nicht, daß nicht weit von ihnen ein junges Herz das schwerste Leid seines Lebens trug. Renate war nach der Erzählung ihres Oheims still aus dem Zimmer gegangen, und niemand hatte sonderlich auf sie geachtet. Es wußte ja niemand, wie innig sie den Jugendfreund geliebt hatte. Nur Frau Charlotte ahnte es, aber diese dachte in dieser Stunde auch nicht an das einsame Kind. Und doch sehnte sich Renate unsagbar nach ihr. Sie saß in tränenlosem Leid in ihrem Zimmerchen und dachte: Könnte ich jetzt bei seiner Mutter sein und mich an ihrem Herzen ausweinen. Sie dachte an all die frohen Stunden, die sie mit Walter verlebt hatte, an seinen Ernst, und wie er, trotz seiner Jugend, schon in manchem ihr Lehrer gewesen war. Ihr Jammer war so groß, daß sie nicht einmal Tränen fand, und an diesen ungeweinten Tränen meinte sie fast zu ersticken.
Endlich sprang sie auf, sie hielt es in der Einsamkeit nicht mehr aus, und sie lief, so wie sie war, in ihrem weißen Festkleid, hinunter. Zu ihrer Tante wollte sie, als sie aber vor der Türe stand, hörte sie drinnen Mutter und Sohn miteinander sprechen. Die zaghafte Scheu, die ihr so oft den Mund verschloß, trieb sie auch jetzt hinweg, die beiden da drinnen brauchten sie nicht, vermißten sie nicht, sie waren sich selbst genug. So lief sie denn hinaus, und draußen umfing sie brausend der Frühlingssturm. Sie schlug ganz unwillkürlich den Weg nach dem Pfarrhaus ein. So wie damals im Winter den Verirrten, leuchtete auch ihr heute das Licht entgegen, und sie ging sehnsüchtig dem Lichte nach. Und dann stand sie draußen am Fenster, starrte in das trauliche Zimmer hinein und wagte doch nicht einzutreten. Die Pfarrersleute saßen still beieinander, Hand in Hand; Renate sah ihre traurigen, gramvollen Gesichter, und sie sah auch Luise und Fritzel auf dem Sofa liegen, im festen Schlaf, die beiden hatten sich wohl müde geweint. Ach, wenn sie doch auch nur weinen könnte, sie lehnte den Kopf an die Mauer, und das Weinspalier, das das Haus umzog, raschelte leicht.
Drinnen hob Pfarrer Flemming lauschend den Kopf. »Draußen ist jemand,« sagte er zu seiner Frau. Die sah mit tränenschwerem Blick nach dem Fenster, und sie sah ganz deutlich die weiße Gestalt des Mädchens stehen. Da wußte sie es, ohne daß es ihr jemand gesagt hatte, daß es Renate war, rasch stand sie auf und ging hinaus. »Renate, mein liebes Kind,« rief sie, »komm zu mir.«
Renate schluchzte laut auf, jetzt kamen ihr die erlösenden Tränen, und weinend sank sie in die Arme der Mutter, die sie ganz fest an ihr Herz nahm.
Der Pfarrer und seine Frau verstanden beide das junge Leid, und sie fanden auch den besten Trost dafür, sie umfingen Renate mit warmer Liebe, und so fand diese in der schwersten Stunde ihres jungen Lebens den köstlichen Schatz treuer Elternliebe.