Am Spätnachmittag dieses Tages kam Renate von dem Hof Daniel Romeikes, wo die alte Großmutter Marie krank lag, sie hatte bei der alten Frau gesessen und ihr aus der Bibel vorgelesen. Das Gehöft des Bauern lag etwas abseits vom Dorfe, und so schlug das Mädchen einen Feldweg ein, der dicht beim Pfarrhaus endete. Sie strich, während sie so dahinging, mit ihrer Hand über die Ähren, die bereits einen goldenen Schimmer trugen und die bald die Hand des Schnitters niederstrecken würde. Die Sonne stand tief im Westen, und wenn Renate aufsah, blendete ihr heller Glanz sie, sie legte die Hand vor die Augen, um besser sehen zu können. Luise hatte ihr entgegenkommen wollen, und sie schaute nach ihr aus. Die Freundin war nicht zu sehen, aber dort, wo der Feldweg auf die Landstraße mündete, stand, an einen Baum gelehnt, ein Mann. Sie konnte ihn nicht erkennen, daß es keiner der Bauern war, sah sie freilich, ein Fremder schien es ihr zu sein. Seine Figur hob sich dunkel von dem im leuchtendsten Abendrot glühenden Himmel ab. Einen Augenblick dachte sie, vielleicht ist es Herr von Lühenaar, aber ebenso rasch verwarf sie den Gedanken, der würde ja mit Hans-Heinrich zusammen kommen.
Sie schritt mit gesenktem Kopf weiter, und auf einmal fiel ein langer, schwarzer Schatten auf den sonnenbeschienenen Weg.
Sie schrak zusammen, blieb stehen und sah auf; vor ihr stand der Fremde.
Narrte sie das blendende Licht, war es ein Traum, der sie umfangen hielt?
Es flimmerte ihr rot vor den Augen, wie in einem Wirbel drehte sich alles um sie, die Bäume tanzten, die Felder schienen ineinander zu wogen, und wie ein starkes Brausen ging es durch die Luft.
Renate schwankte, da legten sich zwei Arme um sie, und aus dem Tosen heraus klang, wie aus einer fernen, fernen Welt eine Stimme an ihr Ohr. »Renate, meine Renate!«
Ein Lächeln glitt über ihre Züge, »wie schön ist der Traum,« flüsterte sie.
»Nein, Renate, kein Traum, es ist Wahrheit, o sieh mich an!«
Da öffnete sie die Augen, groß, angstvoll, daß der Traum ihr entschwinden könnte, und sah in ein gebräuntes Männergesicht, das ihr so fremd und doch so vertraut war. Ein Gesicht, an das sie im Wachen und Träumen, in heißen Schmerzen alle die Jahre gedacht hatte. War sie nur wirklich wach? Da lag das Pfarrhaus, da die wogenden Felder, die Sonne leuchtete rot, alles wie vorher und doch – »Walter,« rief sie plötzlich, »Walter, bist du es wirklich, du lebst, o mein Gott!«
»Ja, Renate,« sagte der Mann, »ich bin es, kein Geist; Fleisch und Blut, ich, dein alter Freund.«
»Du, ach du, kann denn das sein,« schluchzte Renate und umklammerte den Heimgekehrten. »Du, du lebst ja!«
Fritz Flemming stand im Pfarrgarten und hielt Umschau unter den Himbeerbüschen, er sah dabei den Weg entlang, und da fielen ihm vor Schreck die zwei dicken, roten Beeren, die er gerade in den Mund stecken wollte, aus der Hand, ja, was war denn das? Dort stand Renate, und ein Mann hielt sie ganz fest, der Mann aber war ihm ganz fremd, Hans-Heinrich war es nicht, und sein guter Freund, der Onkel Franz aus Schönheide, auch nicht. Eine Weile blieb Fritz ganz verwundert stehen, dann aber ließ er seine Beeren im Stich und lief eilends nach dem Pfarrhaus, um dort zu erzählen, was er gesehen hatte. »Draußen auf der Straße steht Renate, und ein ganz, ganz fremder Mann küßt sie immerzu,« schrie der kleine Kerl und stürmte in das Zimmer, in dem die Eltern und Luise saßen. Zuerst verstanden diese die Worte gar nicht, und der Pfarrer fragte: »Was hast du gesehen, Fritz, sprich?«
Und Fritzchen erzählte, mit vieler Wichtigkeit, was er soeben erlebt hatte. Frau Charlotte wurde totenbleich, ihre Lippen bebten, und mit einem beinahe angstvollen Ausdruck sah sie zu ihrem Manne hin, ihre Blicke senkten sich ineinander, und einer las in des andern Augen, Furcht und Hoffen. »Es wird Hans-Heinrich sein,« stammelte sie.
»Aber nein, Mutter, Hans-Heinrich ist's gewiß nicht,« rief Fritzel, »er sieht doch ganz anders aus.«
»Komm, wir wollen gehen und sehen, wer es ist,« sagte der Pfarrer, und seine Stimme klang gepreßt. Hand in Hand ging Charlotte Flemming mit ihrem Gatten, sie gingen wie zwei Kinder, die die Hoffnung auf eine große Freude haben und die doch fürchten, sie könnten getäuscht werden. So traten sie beide in die Haustür, gerade als Walter mit Renate durch den Garten kam. »Walter!« – »Mein Sohn!«
In diesen Rufen lag all der heiße Schmerz der langen Jahre, den die Elternherzen um ihren Sohn gelitten hatten, das namenlose Glück, ihn wiederzuhaben.
Sie hielten ihn in ihren Armen und meinten zu träumen, gerade wie vorher Renate.
Und dann saßen sie im Zimmer, mitten unter ihnen der Totgeglaubte, der so heiß Beweinte, die Eltern hielten seine Hände in den ihren, und die Tränen liefen ihnen aus den Augen, aber es waren Freudentränen. Und Luise lachte und weinte und versicherte immer wieder, sie hätte geahnt, daß der Bruder wiederkehren würde, sie umarmte Renate, die ganz still, mit großen, verklärten Augen dasaß, und Fritzel jauchzte, und in allen Jubel, alles Fragen und Antworten hinein sagte die Mutter mit bebender Stimme: »Er ist es wirklich, o, mein Gott, wie danke ich dir!«
Und dann kamen vom Herrenhaus her Frau Friederike und Hans-Heinrich, letzterer rief schon an der Tür: »Ist der Gast, den ich euch brachte, nicht willkommen?«
Walter Flemming ist wieder da, der Totgeglaubte zurückgekehrt!
Die Kunde kam ins Dorf, so schnell wie damals die Nachricht von dem großen Sieg bei Leipzig. Jungfer Karoline kam gleich nach ihrer Herrin, sie war noch schnell in den Garten gelaufen und hatte Blumen gepflückt, in ihrer Aufregung hatte sie lauter große, leuchtende Feuerlilien abgebrochen, daran roch sie unterwegs fortwährend, und so wurde ihre Nase ganz gelb. Als sie in das Zimmer kam und Walter sitzen sah, da vergaß sie sogar ihre feierlichen Verbeugungen, ihre geschraubten Redensarten, sie fiel dem jungen Mann einfach um den Hals, und ihr altes, gutes Gesicht strahlte vor Freude; im Überschwang der Gefühle umarmte sie dann Luise und gab ihr die Feuerlilien. Dann tat sich wieder die Tür auf, und der Magister Fürchtegott Richter erschien. »Ist's möglich, ist's möglich, hat unser lieber Herrgott ein Wunder getan?« rief er.
Franz Strobeck, der Schmied, ließ den Hammer wuchtig niederfallen, als seine Frau die Worte in die Werkstatt rief: »Pfarrers Walter ist wieder da!«
»Daß gleich das Donnerwetter dreinschlage, Alte, was sagst du?« Franz Strobeck lief zur Schmiede hinaus, dem Pfarrhaus zu, und nahm sich nicht einmal Zeit, die Ärmel seines blauen Hemdes wieder über seine rußigen Arme zu streifen. Einer nach dem andern kam, um den Heimgekehrten zu begrüßen, und Walter Flemming hatte kaum Zeit, all die Hände zu drücken, die sich ihm entgegenstreckten, und alle die Fragen zu beantworten: »Wo er so lange gewesen sei?«
»In französischer Gefangenschaft!«
»Der Teufel soll die Franzmänner holen,« rief der Schmied, und kratzte sich verlegen hinter den Ohren, als er auf den Pfarrer blickte. Die Schmiedsfrau aber, die gerade eintrat, sagte zu Jungfer Karoline: »Mein Mann ist und bleibt ein Hitziger!«
»Warum er nicht geschrieben hätte?« fragte Daniel Romeike.
»Der Brief müsse verloren gegangen sein.«
»Wo man ihn gefangen gehalten habe?«
»In einer kleinen Festung an der spanischen Grenze!«
»Eintränken müsse man es den Franzosen, es wäre doch lange Frieden.«
So schwirrten Fragen und Antworten durcheinander, und wenn die Leute zurückgingen, dann standen sie noch auf der Dorfstraße und redeten lebhaft miteinander. Einer der Ihren heimgekehrt, ein Sohn des Dorfes, war es nicht als wäre jedem Hause eine heilige Freude widerfahren? In manchem Herzen regte sich da leise eine Hoffnung, zwar, man hat ihn bestimmt totgesagt, aber wer weiß, wenn der Walter Flemming zurückgekehrt war, o Gott, vielleicht wäre es doch noch möglich!
Die alte Mutter Romeike sandte noch am Abend ins Pfarrhaus und ließ um Jesu willen bitten, der Herr Pfarrer möge doch mit seinem Sohn kommen, bei ihr ging's gewiß zum Sterben, und sie hätte noch den einen Wunsch, den Heimgekehrten zu sehen. Vater und Sohn gingen noch hin, die Enkelin mußte mit einem brennenden Kienspan Walters Gesicht beleuchten, damit die Großmutter mit ihren halberblindeten Augen ihn sehen konnte.
»Ja, er ist es,« murmelte sie, und dann forschte sie, ob er nichts von ihrem Enkel wußte. Walter konnte ihr keine Auskunft geben. »Er fiel bei Laon,« sagte der Pfarrer.
Die alte Frau nickte, »so sagen sie, und da werde ich ihn bald wiedersehen,« dann legte sie segnend ihre welken, arbeitsmüden Hände auf Walters Haupt.
Am Abend kam von Schönheide der Freiherr Franz herübergeritten, der lange Friedrich hatte ihm einen Boten gesandt, er saß mit in dem Familienkreise, und nun erst konnte Walter seine Erlebnisse berichten, sie saßen alle zusammen in dem Wohnzimmer, durch das offene Fenster strömte die warme Sommerluft in das Gemach, und Nachtschmetterlinge flatterten, von dem Licht angezogen, herein: »Wie schön es daheim ist,« sagte Walter leise, »ach wie oft habe ich an die Heimat gedacht. Im Schlachtenlärm, bei den langen Märschen, im Feindesland und dann in der langen, langen Gefangenschaft. Bei Leipzig bin ich gut fortgekommen, und dann später auch bei unserm Marsch nach Frankreich. Bis zu dem Tag von La Chaussee, es war kein heißer Tag, wie der von Leipzig, aber doch fiel mancher meiner Kameraden. Wir waren ein Häuflein, das abgetrennt war von den andern, unser Oberst war verwundet worden, unsere Fahne in Gefahr, da haben wir denn versucht, den Rückzug zu decken, bis die Verstärkung kam. Ich erhielt einen Schuß, wie ein Schlag war es, und ich weiß nur noch, daß ich das laute Siegesgeschrei der Unsern hörte, wie ich zu Boden sank. Ich mußte wohl lange ohne Besinnung gelegen haben, als ich erwachte, war es dunkel um mich her, ich empfand einen rasenden Schmerz in der Brust, und brennender Durst quälte mich, ich versuchte, mich aufzurichten, aber stöhnend sank ich wieder zurück. Ich sah über mir an dem dunkeln Nachthimmel einige Sterne glitzern, und manchmal klang das Wimmern und Stöhnen derer an mein Ohr, die gleich mir verwundet und verlassen auf dem Schlachtfeld lagen. Ich war so matt und schloß wieder die Augen, und auf einmal klang wie aus weiter Ferne Hilferuf an mein Ohr, und zugleich empfand ich wieder den rasenden Schmerz. Ich öffnete mühsam die Augen, neben mir lag jemand, ich konnte eine dunkle Gestalt erkennen, und dann hörte ich Worte, ein Flehen war es um Wasser, ein jammervolles Bitten. Es war ein französischer Offizier. Mühsam suchte ich meine Feldflasche, nur das Jammern meines Nachbars gab mir die Kraft zu dieser Anstrengung. Ich fand die Flasche und reichte sie dem Offizier, ich hörte noch seinen Dank, dann verlor ich wieder das Bewußtsein.
»Ich muß wohl lange so gelegen haben. Einmal war es mir, als hörte ich Stimmen, dann wieder hatte ich das Gefühl, als schwebte ich, und dann war ich wieder in der Heimat, ich hörte alle eure lieben Stimmen und dann wieder Schreien und Tosen. Als ich endlich zum Bewußtsein kam, lag ich auf einem Wagen, der langsam dahinfuhr. Ich richtete mich mühsam auf, und sah nun neben mir, vor mir, hinter mir französische Soldaten. Stumm zogen sie ihres Weges, und es war ein seltsames Bild, wie ein Gespensterzug, schweigend und finster zogen sie einher. Ich lag auf Stroh, und mein Lager war keineswegs sehr bequem, da der Wagen hin und her schwankte, außerdem schmerzten Brust und Kopf mich heftig, ich drehte mich ein wenig zur Seite, da sah ich einen französischen Offizier liegen, ihm war aus Stroh und Mänteln ein etwas bequemeres Lager bereitet. Als er sah, daß ich wachte, richtete er einige freundliche Worte an mich und winkte dann einem Soldaten, der mir Brot und Wasser reichte; heißhungrig griff ich zu, und kaum hatte ich mein Mahl beendet, da schlief ich schon wieder ein. Es kam mir kaum zum Bewußtsein, daß ich in französischer Gefangenschaft war. Anfangs fühlte ich auch die Härten der Gefangenschaft nicht allzu sehr. General Maillard sorgte gut für mich, aus Dankbarkeit, daß ich ihm auf dem Schlachtfelde die Flasche gereicht hatte. Wir kamen nach einem Lazarett in eine kleine Stadt, dort lag ich viele Wochen schwer krank, und während dieser Zeit wandelte sich mein Schicksal, mein Beschützer starb. Fast schon genesen war er, da trat eine Verschlimmerung ein, und gerade an dem Tage, an dem der Arzt mir sagte, ich würde vollständig gesund werden, starb der General. Ich fühlte es bald, daß ich ihn verloren hatte, auf seinen Befehl hatten mich damals die Soldaten vom Schlachtfeld mitgenommen, nun war ich ein überflüssiger, verhaßter »Prussien«. Er hat es gut mit mir im Sinn gehabt, mein Beschützer, er wollte sich dankbar erweisen, und doch, welchem Elend hat er mich ausgeliefert. Eine Zeitlang blieb ich noch in dem Lazarett, von dort aus schrieb ich an euch. Einem Wärter opferte ich alles, was ich noch an Wertsachen besaß, damit er den Brief befördere, daß er nie angekommen ist, hat mir Hans-Heinrich erzählt. Später wurde ich mit vier Leidensgefährten, einem preußischen, zwei österreichischen und einem russischen Offizier nach St. J., einer kleinen Festung, nahe der spanischen Grenze, gebracht. Wir schlossen uns bald aneinander an, wir sprachen von unserer Heimat, von unserer Hoffnung, bald frei zu kommen, aber meine Kameraden waren alle verwundet, und die feuchte, moderige Luft in den Kasematten von St. J. zerstörte ihre schwache Lebenskraft. Wir waren nicht lange zusammen, einer nach dem andern nahm Abschied für immer, und eines Tages trug man den letzten meiner Gefährten hinaus, wo er klanglos begraben wurde, und ich war allein.
»Allein! – O, ihr könnt nicht ermessen, wie oft ich verzweifelt dieses ›Allein‹ empfunden habe, wie oft ich die heiße Stirn an die feuchte, kalte Mauer meines Gefängnisses gepreßt habe, und geweint in ohnmächtigem Schmerz. Allein! – Verlassen! – Vergessen! –
»Die Tage schlichen hin, einer wie der andere, so trostlos, sie wurden zu Wochen, zu Monaten und Jahren. Ich wußte in meiner engen Zelle nicht, wie draußen der Welt Lauf war, ich wußte nicht, ob mein Vaterland seine Freiheit errungen hatte oder ob noch die Hand des Eroberers auf ihm lag. Ich saß in meiner Zelle, von der ich durch ein stark vergittertes Fenster ein Stück Himmel und eine graue Mauer sehen konnte, dies war meine Welt. Als besondere Gnade mußte ich es ansehen, daß man mir einige Bücher gegeben hatte, es waren drei Stück, ein Gebetbuch in lateinischer Sprache, ein altfranzösisches Legendenbuch und einen Band Diderot. Wie froh war ich, liebe Mutter, daß Sie mich Französisch gelehrt hatten, und wie oft habe ich früher darüber gemurrt, daß ich es lernen mußte. Zuletzt konnte ich die Bücher fast auswendig, und doch habe ich sie immer und immer wieder gelesen, nur um die tödliche Einsamkeit zu überwinden. Manchmal habe ich auch laut mit mir gesprochen, um eine Stimme zu hören, schaurig klang sie mir in dem düsteren Raum. Wäre ich nicht so jung gewesen und hätte ich nicht immer ein Stückchen des Himmels gesehen, so wäre ich völlig verzweifelt, so aber kam immer wieder die Hoffnung in mein Herz.
»Ich sann auf Flucht. – Ich begann mit den Händen an der Mauer zu kratzen, sie schien mich zu höhnen in ihrer Dicke und Undurchdringlichkeit, ich lag auf dem Boden und untersuchte die Steinfliesen, sie spotteten meiner Kraft.
»Ich habe die abenteuerlichsten Gedanken gehabt, um frei zu werden, aber was half mir alles. Ich zerschnitt mein Bettuch in schmale Streifen, und wie ich mitten in der Arbeit war, kam mein Schließer und nahm mir mit finsterem Lachen meinen halbvollendeten Strick fort. Seitdem verdoppelte er seine Aufmerksamkeit. Er hatte, wenn er mir meine Nahrung brachte, auf alle meine Fragen nur eine kurze, barsche Antwort, sein finsteres Gesicht erhellte nie ein freundlicher Zug. Einmal des Tages durfte ich für kurze Zeit auf dem Hof der Festung Luft schöpfen, mein Wärter ging hinter mir her, mich unablässig bewachend, öde, trostlos waren diese kurzen Gänge, und doch habe ich mich auf sie gefreut, sehnte mich nach ihnen wie nach einem Glück.
»Und dann kam meine Befreiung!
»Eines Tages saß ich in finstere Gedanken vertieft und sah auf das kleine Fenster, das mit seinem starken Gitter mich höhnte, da öffnete sich plötzlich die Tür, und auf der Schwelle standen zwei französische Offiziere. Ich starrte sie an wie eine Erscheinung, was wollten sie von mir, brachten sie mir Freiheit oder Tod? Ich konnte anfangs vor Aufregung kaum sprechen, und als der eine der beiden sagte, ›er brächte mir Freiheit‹, da weinte ich wie ein Kind.
»Endlich faßte ich mich soweit, um die Fragen der Offiziere zu beantworten, und ich erfuhr von ihnen, daß bereits im November zum zweiten Male Frieden geschlossen sei, jetzt war es April. Der alte Kommandant der Festung hatte es unterlassen, meine Anwesenheit zu melden, er überließ mich dem Schließer, der genau die Befehle befolgte, die er am Tage meiner Einlieferung erhalten hatte. Hätten die beiden Offiziere, die, auf einer Inspektionsreise begriffen, in die Festung gekommen waren, nicht durch einen Soldaten erfahren, daß sich hier ein Gefangener befände, man hätte mich ruhig weiter um meine Jugend, meine Freiheit betrogen.
»Die Offiziere behandelten mich mit großer Höflichkeit, die ganze Sache war ihnen sichtlich unangenehm. Einige Wochen mußte ich noch in St. J. verweilen, dann kam eines Tages der Befehl, ich könne reisen. Ich bekam eine kleine Summe Geld ausgehändigt, mußte mein Ehrenwort geben, Frankreich so schnell wie möglich zu verlassen, man übergab mir noch einen Brief an den französischen Gesandten in Berlin, und an einem wundervollen Frühlingsmorgen fuhr ich von St. J. fort, hinein in die Welt, ein freier Mann.
»Mein Weg führte mich über Bordeaux durch das schöne, blühende, üppige Weinland hindurch, ich, der ich so lange nichts wie den öden Festungshof gesehen hatte, befand mich wie in einem Traum, aber so viel Schönes ich auch sah, so anmutig die Reise verlief, den rechten Genuß hatte ich nicht, meine Sehnsucht nach der Heimat war zu groß. Und dann kam ich an den Rhein, sah den schönen Strom wieder, den ich im Winter einst überschritten hatte, überschritten in froher Siegeshoffnung. Ich hörte zum ersten Male wieder seit vielen Jahren deutsche Laute. Ich habe auf der Erde gelegen und den deutschen Boden geküßt. ›Heimat!‹ – ›Vaterland!‹ – Ich lachte den Leuten ins Gesicht, die mir einen deutschen Gruß boten, und dabei liefen mir die hellen Tränen über die Wangen.
»Ich mußte meinen Weg zum größten Teil in Deutschland zu Fuß zurücklegen, da meine Mittel nicht ausreichten, die Post zu bezahlen; so sehr dadurch meine Heimkehr sich verzögerte, so war es mir doch ein Genuß, durch deutsche Länder zu wandern. Meine durch die lange Gefangenschaft geschwächten Kräfte hoben sich, meine Haut bräunte sich, ich wurde wieder jung und stark.
»In Leipzig, über das mich mein Weg führte, weilte ich einen Tag, ich wanderte auf die Schlachtfelder hinaus, und freundliche Leute, die mir artig Auskunft gaben, erzählten mir viel von jenen Schreckenstagen. Ich sah die weiten Ebenen, die unser Blut getränkt hat, jetzt wogt das Korn auf den Feldern und die Spuren sind zum Teil verwischt. Endlich kann unser Volk aufatmen in Freiheit!
»Was soll ich noch weiter erzählen, von meiner Ankunft in Berlin, wo ich mich meldete, den Brief an den Gesandten abgab, der die Wahrheit meiner Worte bestätigte, von dem Wiedersehen mit Hans-Heinrich, von meinem Glück, Kunde aus der Heimat zu hören. Und dann die Unruhe, die immer mehr wachsende Ungeduld und Sehnsucht, als die Gegend bekannter wurde; als unser See, der Wald auftauchte, und ich mich kurz vor dem Dorfe trennte, um allein ins Vaterhaus zu gehen.«
Walter schwieg, und eine Weile lag tiefes Schweigen auf dem kleinen Kreise. Auch der Heimgekehrte sann der vergangenen Zeit nach, der trüben, schweren Zeit, doch die lag hinter ihm, und eine frohe Gegenwart war da. Er sah auf Renate, und er begegnete ihrem warmen, treuen Blick, da richtete er sich straff auf und sagte mit froher Stimme: »Die Heimat hat mich gleich reich gemacht. Hier, an der Schwelle des Vaterhauses, trat mir mein Glück entgegen, diejenige, deren Bild in meinem Knabenherzen ich mit mir nahm, traf ich als liebliche Jungfrau wieder. Sie, die fast noch ein Kind war, als ich Abschied nahm, hat treu in ihrem Herzen die Liebe für mich bewahrt, Vater, Mutter, darf der heimgekehrte Sohn euch auch die Tochter ins Haus führen?«
Wie gern gaben die Eltern ihren Segen, wie strahlten ihre Augen in dankbarem Glück, als sie die Kinder in die Arme schlossen, und wie freudig bewegt zog auch Frau Friederike die beiden an ihr Herz, und Luise flüsterte: »Brennende Liebe und Braut im Haar, o, Renate, was sagte ich dir heute!«
Da traf Hans-Heinrichs Blick den ihren, und eine heiße Glut stieg ihr in die Wangen, ihre Augen ruhten ineinander und ihre Herzen erfüllte die glückselige Ahnung einer schönen kommenden Zeit.
»Meine Renate wird noch lange des Tages harren müssen, an dem ich ihr ein Heim bieten kann,« sagte Walter dann ernst, »denn nun erst muß ich beginnen, mir eine Lebensarbeit zu suchen. Als ich ein Knabe war, erschien mir die Heimat eng, ich sehnte mich in die Weite, und nun ich in der Ferne die Enge kennen gelernt habe, erscheint mir die Heimat weit und schön, meines Herzens Wunsch ist, ich könnte in der Heimat bleiben. Vielleicht hat die Heimat Raum für einen, der sich aus vollem Herzen nach Arbeit sehnt. Auf welchen Platz mich das Schicksal auch hinstellt, ich will arbeiten, danach habe ich mich gesehnt als ich im Gefängnis lag, wie sehr kann nur der ermessen, der solche Zeit durchlitten hat.«
»Die Zeit liegt noch nicht fern, da standen wir einmütig auf, einer des anderen Bruder im Kampfe fürs Vaterland, so wollen wir es auch im Frieden halten und einmütig zueinander stehen,« rief der Freiherr Franz von Seeheim. »Braver Junge du, was ich tun kann, dir und meiner lieben Nichte einen Hausstand zu gründen, soll geschehen, und wie mir scheint, hegt meine liebe Base Friederike die gleiche Ansicht!«
Frau von Seeheim sah gütig auf das junge Paar, »wie gern, wie gern will ich helfen!«
»Du bleibst hier bei uns,« rief Hans-Heinrich, »werde ein Landmann, wie ich, damit auch wir zusammen bleiben können!«
»Ja,« sagte Walter froh, »ich will es gern, ich habe das Gefühl, als könnte ich gar nicht Freiheit, Luft und Sonnenschein genug bekommen, nach den dunkeln Jahren!«
»Nun, und eine Scholle für den künftigen Landwirt soll sich schon finden,« sagte der Freiherr, »vorerst komm zu mir, mein Junge, und lerne bei mir, willst du?«
Walter Flemming schlug fröhlich in die dargereichte Hand, und nun begann ein frohes Planen und Sprechen von künftigen Tagen.
Die Kerzen waren inzwischen niedergebrannt, und Luise löschte die schwelenden Dochte, aber die Helle des neuen Tages breitete sich schon im Zimmer aus. Der Osten flammte im tiefen Rot, vom Dorf her klang das Krähen eines Hahnes, der den Morgen ankündete, und in den Zweigen der alten Linde, die vor dem Hause stand, huben die Vögel zu zwitschern an. Der Morgenwind strich leise über die Blumen im Garten und nahm ihren süßen Duft und trug ihn durch das offene Fenster hinein zu den Menschen, die da in stiller Glückseligkeit beieinander saßen.
»Die Sonne geht auf,« sagte Pfarrer Flemming, »ein neuer Tag bricht an und wir wollen unsern lieben Herrgott bitten, daß es für uns ein Tag werde voll fröhlicher Hoffnung, voll treuer Arbeit in stillem Frieden!«